Marie NDiaye: Ein Tag zu lang (OA 1994; deutsche Ausgabe 2012)

Als der Lehrer sich entschloss, Nachforschungen anzustellen, war es dunkel geworden. Die Lichter des nahe gelegenen Gehöfts waren im Nebel kaum zu erkennen, und bei aller Besorgnis war der Lehrer froh, die Gegend schon am nächsten Morgen zu verlassen, denn wie sich zeigte, lebte man dort, kaum war der August zu Ende, in ständigem Regen und Nebel, was er bisher nicht gewußt hatte und erst dieser Nachmittag ihm zu Bewußtsein brachte.

So beginnt ein Frühwerk der inzwischen sogar mit dem Prix Goncourt ausgezeichneten Autorin:

Marie NDiaye: Ein Tag zu lang (1994) – ins Deutsche übersetzt von Claudia Kalscheuer (2012)

Diese 159 Seiten sind eine Mischung aus Kafka, Karen Duves Regenroman und einem Schauermärchen, die mich mehr als ratlos zurückgelassen hat. Der Pariser Mathematiklehrer Herman kehrt mit seiner Familie nicht, wie sonst die Jahre, am 31. August aus den Ferien in der französischen Provinz zurück. Stattdessen beschließt die Familie erst am zweiten September die Heimreise anzutreten. Doch das erweist sich als verheerender Fehler.

Am ersten September verschwinden Frau und Sohn, und der Leser verliert – genau wie Herman – allmählich den Boden unter den Füßen. Das Wetter wird schlagartig kalt und nass, niemand im Dorf nimmt die Vermisstenmeldung allzu ernst, ja, man scheint derlei schon zu kennen, ohne dass man allzu viel darüber reden möchte. Und Herman verliert sich mehr und mehr an diese seltsame Dorfgemeinschaft, verfällt in eine seltsame Lethargie und der Leser ahnt, dass auch Herman diesem Dorf vermutlich nicht mehr entkommen wird.

Ich konnte leider überhaupt nichts, aber auch gar nichts damit anfangen, auch wenn mir Sprache und Stil gut gefallen haben. Wer mehr wissen möchte, sei auf die Besprechung von Sigrid Löffler hingewiesen, die sich nicht so schnell geschlagen geben mochte.