Vera Caspary: Laura (1943)

The city that Sunday morning was quiet. Those millions of New Yorkers who, by need or preference, remain in town over a summer weekend had been crushed spiritless by humidity. Over the island hung a fog that smelled and felt like water in which too many sodawater glasses have been washed. Sitting at my desk, pen in hand, I treasured the sense that, among those millions, only I, Waldo Lydecker, was up and doing. The day just passed, devoted to shock and misery, had stripped me of sorrow. Now I had gathered strength for the writing of Laura’s epitaph.

Mit diesen Sätzen beginnt Vera Caspary ihren kurzen, nur 171 Seiten langen, aber vorzüglichen Kriminalroman.

Laura, eine bezaubernde und erfolgreiche junge Werbetexterin, sagt ein für den Abend geplantes Treffen mit ihrem väterlichen Freund, dem Schriftsteller Waldo Lydecker, ab. Doch warum gaukelt sie ihrem Verlobten, dem Frauenschwarm Shelby Carpenter, vor, zu Lydecker zu fahren? Von dort aus wollte sie mit dem Zug zu ihrem Ferienhaus auf dem Land fahren, um sich von den Strapazen der letzten Arbeitswochen zu erholen.

Am nächsten Morgen wird Lauras Leiche von ihrer Hausangestellten Bessie gefunden. Sie hat New York also gar nicht verlassen. Mit den Ermittlungen wird Mark McPherson beauftragt, der in der Verstorbenen eine Frau zu erkennen meint, die seinem weiblichen Idealbild sehr, sehr nahekommt. Lydecker, der sich in den folgenden Tagen oft mit McPherson über alles Mögliche unterhält, beschreibt ihn als den klassisch-kantigen Detektiv, der das männliche Rollenstereotyp vorbildlich verkörpere:

There was no wax in Mark; he is hard coin metal who impresses his own definite stamp upon those who seek to mould him. He is definite but not simple. His complexities trouble him. Contemptuous of luxury, he is also charmed by it. He resents my collection of glass and porcelain, my Biedermeier and my library, but envies the culture which has developed appreciation of surface lusters.

Grandios, wie hier verschiedene Erzähler mit jeweils eigener Stimme dafür sorgen, dass sich dem Leser immer wieder neue Einblicke in einen zunächst klar erscheinenden Fall eröffnen und die Auflösung Haken schlägt, bei der der Leser kaum schnell genug die Seiten umblättern kann. Jede der Figuren, sei es das Mordopfer Laura, ihr unattraktiver, aber kluger Freund Lydecker, ihr Verlobter Carpenter oder der Detektiv McPherson ist ein runder, interessanter und stimmiger Charakter. Spannend und toll konstruiert. Es stimmt, wenn M. J. Rose in der Huffington Post schreibt:

This groundbreaking suspense novel thrills in the way it playfully toys with the reader’s expectations and emotions.

Von manchen Kritikern wird der Roman als erster Psycho-Thriller bezeichnet.  So heißt es bei M. J. Rose:

Vera Caspary wrote thrillers — but not like any other author of her time, [..]. Her speciality was a specific type that she pioneered – the psycho thriller. Typically, thrillers focus on plot development as opposed to character development. They focus on an action arc as opposed to a psychological arc. But a successful psychological thriller does both more or less equally. The suspense comes from the human interaction between characters who prey on each other’s thoughts, trying either to confuse, destroy, or deceive. Laura is a superb example of a perfect melding of all those elements.

An einigen Stellen schimmert allerdings die Entstehungszeit durch: Carpenter hat durchaus seine Probleme damit, dass seine Verlobte beruflich aktiv war – und dies auch noch wesentlich erfolgreicher als er – und wenn es von einem Antiquitätenhändler heißt, er sehe eher wie ein Yankee denn wie ein Jude aus, dann durchzuckt es mich schon unangenehm. Gleichzeitig eröffnen sich so aber auch Fenster in eine Zeit, in der sich Heuchelei und Ressentiments anders äußerten als heute.

A gentleman cannot see a lady work like a nigger; a gentleman opens the door and pulls out a lady’s chair and brings a whore into her bedroom. (S. 139)

Birgit von Sätze&Schätze verdanke ich den Hinweis, dass es dazu auch eine gleichnamige Verfilmung gibt.