Pierre Péju: Die Kleine Kartäuserin (OA 2002; deutsche Ausgabe 2005)

Fünf Uhr abends. Punkt fünf Uhr abends wird es sein im kalten Novemberregen, wenn der Lieferwagen des Buchhändlers Vollard (Etienne) im raschen Verkehr auf dem Boulevard mit voller Wucht ein kleines Mädchen treffen wird, das sich plötzlich vor seine Räder wirft.

Mit seinen feinen Gliedern, dem bleichen, zarten Fleisch unter dem roten Anorak und der roten Strumpfhose läuft das Mädchen einfach geradeaus. Tränennebel, Panik eines Kindes, das sich verlaufen hat, und im letzten Moment dieser entsetzte Blick unter dem brauen Pony.

So beginnt der Debütroman des 1946 geborenen französischen Philosophie-Dozenten

Pierre Péju: Die Kleine Kartäuserin (2002) – ins Deutsche übersetzt von Elsbeth Ranke

Elsbeth Ranke übersetzte den Roman ins Deutsche. Das Buch war überaus erfolgreich und wurde in über zehn Sprachen übersetzt und auch verfilmt.

Zum Inhalt

Die ersten Zeilen nennen bereits den Fluchtpunkt der Geschichte, einen fürchterlichen Autounfall während der Rushhour in einer französischen Großstadt. Drei Lebenswege treffen hier aufeinander und die Menschen werden danach nicht mehr die sein, die sie vorher waren.

Alles ist jetzt möglich, auch das Schlimmste. Denn auch das Schlimmste streicht immer in der Meute des Möglichen umher. Die Hyäne des Schlimmsten tummelt sich ziellos in der Banalität. (S. 9 der Taschenbuchausgabe)

Da ist zum einen Etienne Vollard, der ältere, eigenbrötlerische Buchhändler, der dem panisch auf die Straße rennenden Kind nicht mehr rechtzeitig ausweichen kann. Nach dem Prozedere auf der Polizeiwache wird er entlassen, mehrere Zeugen haben bestätigt, dass er keine Chance hatte. Noch unter Schock irrt er die Nacht durch das nahe gelegene Gebirge der Chartreuse. Am nächsten Tag schneit es.

Vollard ist allein unter diesem Schnee. Alles in ihm ist gefroren, hart geworden. Verkrampfte Kiefer, geballte Fäuste. Er hat beschlossen, so schnell wie möglich zur Notaufnahme zu fahren. Bei jeder Haarnadelkurve erkennt er die Stadt ein bisschen deutlicher, die sich wie eine gräuliche Pfütze unter dem dicken Dunst ausbreitet. Das Krankenhaus taucht auf, eine Stadt in der Stadt, wo Leid, Verletzungen, Krankheiten, Todeskampf sich in weitläufigen Etagen häufen. Die Glastüren sind für Vollard das Tor zum Labyrinth. Da steht er, zunächst ganz aus der Fassung wegen des Arzneigeruchs, der knirschenden Wagen, auf denen frisch verletzte Körper vorübergleiten, wegen des Wirbels von Kitteln und Verbänden. (S. 27)

Zum anderen treffen wir das Unfallopfer, die kleine Eva. Ihr Zustand ist kritisch, sie hat schwere Hirnverletzungen erlitten und muss noch einmal operiert werden. Im Krankenzimmer trifft Vollard schließlich auf Thérèse, die junge Mutter der Kleinen.

Ein leicht surrealer Dialog entspinnt sich, denn die Mutter ist die Gelassenheit selbst, kein Schock, keine Besorgnis, keine Vorwürfe; nein, sie freut sich, dass ihr da jemand zuhört. Normalerweise holt sie ihre Tochter nachmittags von der Schule ab, denn sie leben noch nicht lange in der Stadt und zu weit entfernt von der Schule, als dass Eva allein den Weg zur Wohnung hätte finden können. Dabei war Thérèse schon öfter zu spät gekommen, denn eigentlich macht sie nichts anderes als vor sich und ihrem Leben wegzulaufen. Sobald sie ihre Tochter morgens zur Schule gebracht hatte, fährt sie irgendwohin, mit dem Auto, mit dem Zug. Hauptsache fort:

Wenn der Motor ein Traum ist und die Landschaft ein blaßlila Löschpapier, wenn sie endlich spürt, wie sie durchsichtig wird. (S. 32)

Sie muss sich jeden Tag dazu zwingen, zurückzukommen. Diesmal hat sich Thérèse aber fast zwei Stunden verspätet und Eva ist nicht, wie die anderen Kinder, die noch nicht nach Hause können,  in den Schulhort gegangen, sondern hat sich im strömenden Regen selbst auf den Nachhauseweg begeben, sich prompt verlaufen und ist in Panik geraten und vor den Lieferwagen des Buchhändlers gerannt.

Dann wechselt die Geschichte in die Kindheit Vollards und dort werden die Menschen plötzlich dreidimensional und laufen nicht mehr als Ideen oder Verkörperungen philosophischer Fragen durch die Welt. Vollard wird, als er neu in die Klasse kommt, rasch als ideales Mobbingopfer identifiziert. Er ist groß und dicklich und wehrt sich viel zu spät gegen die Grausamkeiten und Ekligkeiten seiner Mitschüler. Was diese vor allem so empört: Seine schier unbegrenzte Fähigkeit, Dinge auswendig zu lernen, und sein Verlangen, sich in jeder freien Minute mit einem Buch zurückzuziehen.

Kein Wunder, dass wir ihn nun, Jahrzehnte später, als Besitzer des wunderbar altmodisch vollgestopften Buchladens „Wort und Sein“ antreffen. Er versucht, sich der Situation, der „Absurdität“ zu stellen, und beginnt Eva regelmäßig zu besuchen und dem im Koma liegenden Mädchen Geschichten zu erzählen.

Fazit

Sprachlich changiert das Werk zwischen faszinierenden Metaphern und ermüdendem Wortgeklingel, das sich in unzähligen Abstrakta verliert. Schön zum Beispiel, wie Péju die erste Nacht nach dem Unfall beschreibt, in der Vollard, der an Schlaflosigkeit leidert, zum ersten Mal seit Jahren wieder durchschlafen kann:

Der ewig Schlaflose fiel in einen großen Bottich Nachtsaft, reiner Nachtsaft, schön schwarz und dickflüssig, der in seinem Schädel die Löcher flickte, aus dem diese leuchtenden Sätze krochen, um sich in seinem Hirn aufzuspulen, das sich dem Schlaf widersetzte. (S. 105)

Letztendlich kreist das Buch um das Problem unseres Schuldigwerdens und um die Tatsache, dass unser Leben buchstäblich von einer Sekunde auf die andere aus den Angeln gehoben werden kann.

Sein Irrweg durch das Gebirge, der Schmerz und das Wandern im Schatten dieser Berge, die er so gut kennt, hilft ihm, sich einzugestehen, daß er fortan damit wird leben müssen: mit dieser nicht wiedergutzumachenden Absurdität, ein Kind überfahren und vielleicht getötet zu haben. (S. 23)

Und er spürt genau, daß seine Muskeln, sein Fleisch, seine Knochen, seine Nerven, sein Gehirn niemals aufhören werden gegen diesen Kinderkörper zu prallen, an einem verschneiten Nachmittag, der so weit ist wie die Zeit, die ihm noch zu leben bleibt. (S. 29)

Der Autor stellt die Fragen, Antworten und Trost gibt es nicht. Der Interpretation mancher Kritiker, dass das Buch „eine Hommage an die Literatur und an den Buchhändler“ sei (Le Figaro), kann ich nicht zustimmen. Im Gegenteil, die Geschichte zeigt überdeutlich, dass Vollards Bücher – als es hart auf hart kommt – ihm nicht helfen können, weder die von ihm gelesenen noch die, die in seinem Geschäft auf den richtigen Leser gewartet haben. Und so ist es nur folgerichtig, wenn es heißt:

Vollard hatte die Literatur nie als Entspannung angesehen und die Lektüre nie als Trost. Im Gegenteil. Wenn man wie wahnsinnig las, so wie er immer schon gelesen  hatte, bedeutete das eher, daß man die Wunde eines anderen aufdeckte. Die Wunde eines einsamen Mannes, das Unbehagen einer einsamen Frau. Lesen bedeutete, in diese Wunde herabzusteigen, sie zu durchlaufen. Hinter den Sätzen, noch hinter den schönsten, den meisterlichsten, waren immer Schreie zu hören. (S. 124)

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