Harper Lee: To Kill a Mockingbird (1960)

When he was nearly thirteen my brother Jem got his arm badly broken at the elbow. When it healed, and Jem’s fears of never being able to play football were assuaged, he was seldom self-conscious about his injury. His left arm was somewhat shorter than his right; when he stood or walked, the back of his hand was at right-angles to his body, his thumb parallel to his thigh. He couldn’t have cared less, so long as he could pass and punt.

When enough years had gone by to enable us to look back on them, we sometimes discussed the events leading to his accident. I maintain that the Ewells started it all, but Jem, who was four years my senior, said it started long before that. He said it began the summer Dill came to us, when Dill first gave us the idea of making Boo Radley come out.

Mit diesen Zeilen beginnt eines der bekanntesten amerikanischen Bücher des zwanzigsten Jahrhunderts:

Nelle Harper Lee: To Kill a Mockingbird (1960); auf Deutsch: Wer die Nachtigall stört

Ein Erfolg sondergleichen

Von Anfang an war das Buch ein phänomenaler Erfolg. Sowohl Reader’s Digest als auch der 1927 gegründete Buchclub „Literary Guild“ nahmen Lee’s Buch in ihre Programme auf und 1961 gewann sie den renommierten Pulitzer Prize for Fiction. Doch der Erfolg fühlte sich für Harper Lee zunächst überhaupt nicht gut an, wie eines der letzten Interviews zeigt, die sie gegeben hat, bevor sie sich aus der Öffentlichkeit zurückzog:

It was like being hit over the head and knocked cold. You see, I never expected any sort of success with Mockingbird. I didn’t expect the book to sell in the first place. I was hoping for a quick and merciful death at the hands of reviewers, but at the same time I sort of hoped that maybe someone would like it enough to give me encouragement. Public encouragement. I hoped for a little, as I said, but I got rather a whole lot, and in some ways this was just about as frightening as the quick, merciful death I’d expected. (hier das Interview zum Nachhören)

Und noch 2006 wählten britische Bibliothekare das Buch auf Platz eins, als es um die Frage ging, welches Buch jeder Erwachsene in seinem Leben gelesen haben sollte.

Zum Inhalt

Der Roman, der vielen – zumindest durch die Verfilmung mit Gregory Peck in der Hauptrolle (1962) – bekannt sein dürfte, spielt in den dreißiger Jahren zur Zeit der Weltwirtschaftskrise des letzten Jahrhunderts in der fiktiven Kleinstadt Maycomb in Alabama. Jean Louise, die Tochter des Anwalts Atticus Finch, die von allen nur Scout genannt wird, erzählt uns im Rückblick ihre Kindheit und im weitesten Sinne, wie es zu dem gebrochenen Arm ihres Bruders kam. Zu Beginn der Handlung ist sie knapp sechs Jahre alt und lebt mit ihrem Bruder Jem, ihrem Vater und der schwarzen Hausangestellten Calpurnia in einer scheinbar unbeschwerten Kindheitsidylle.

Sie genießt viele Freiheiten, tobt (und prügelt sich) wie ein Junge durch Schule und Nachbarschaft, wird von ihrem Bruder beschützt und muss sich mit einer verständnislosen Lehrerin herumärgern, die nicht akzeptieren will, dass Scout schon bei ihrer Einschulung lesen kann. Daraufhin verkündet sie ihrem Vater, dass sie gedenkt, den Schulbesuch sofort wieder einzustellen.

Die Sommerferien sind der Höhepunkt des Jahres, denn dann reist Dill, der Neffe der Nachbarin, zu Besuch an und zu dritt machen die Kinder die Gegend unsicher oder versuchen, den geheimnisumwitterten, nie gesehenen Nachbarn Arthur Radley aus dem Haus zu locken. Doch irgendwann bekommt Scouts Vater den Auftrag, den Schwarzen Tom Robinson vor Gericht zu verteidigen, der angeklagt ist, eine Weiße vergewaltigt zu haben. Atticus wird daraufhin von vielen als „nigger lover“ beschimpft und er befürchtet zu Recht, dass auch seine Kinder die Vorurteile zu spüren bekommen:

I hope and pray I can get Jem and Scout through it without bitterness, and most of all, without catching Maycomb’s usual disease. Why reasonable people go stark raving mad when anything involving a Negro comes up, is something I don’t pretend to understand. (S. 98 der hässlichen Ausgabe der Mandarin Paperbacks)

Fazit

Das Buch entwickelt eine ganz außergewöhnliche Wucht.

Es ist nicht nur eine bissige Anklage gegen die christlich verbrämte Heuchelei in einem rassistischen System: Bei den Damenkränzchen werden irgendwelche Missionare in Afrika verehrt und gleichzeitig drohen sie ihren schwarzen Hausangestellten mit Rauswurf, als diese nach dem Prozess nur bedrückt und mürrisch ihre Arbeiten verrichten.

‚Gertrude, I tell you, there’s nothing more distracting than a sulky darky. Their mouths go down to here. Just ruins your day to have one of ‚em in the kitchen. You know what I said to my Sophy, Gertrude? I said, ‚Sophy,‘ I said, ‚you simply are not being Christian today. Jesus Christ never went around grumbling and complaining.‘ And you know it did her good […] I tell you, Gertrude, you never ought to let an opportunity go by to witness for the Lord.‘ (S. 256)

Auch der Spannungsaufbau ist gelungen, und zwar nicht nur, weil man wissen will, wie der Prozess ausgeht. Darüber hinaus hat Lee auch eine so überzeugende Erzählerstimme für Scout gefunden, dass die Distanz zwischen Leser und Erzählerin fast verschwindet.

Atticus was feeble: he was nearly fifty. When Jem and I asked him why he was so old, he said he got started late, which we felt reflected upon his abilities and manliness. […] Our father didn’t do anything. He worked in an office, not in a drug-store. Atticus did not drive a dump-truck for the county, he was not the sheriff, he did not farm, work in a garage, or do anything that could possibly arouse the admiration of anyone. (S. 99)

Selbst wenn Kritiker gern darauf hinweisen, dass bei den ironischen Brechungen und dem Wortschatz immer wieder mal in die Perspektive der Erwachsenen gewechselt wird:

It might be that Lee floundered when she was trying to settle on a point of view. She rewrote the novel three times: the original draft was in the third person, then she changed to the first person and later rewrote the final draft, which blended the two narrators, Janus-like, looking forward and back at the same time. (Charles J. Shields, S. 128)

Zwar ist Lee die Vaterfigur unrealistisch ideal geraten, doch stört das kaum. Atticus erzieht seine Kinder zu Menschen, denen Äußerlichkeiten nicht sehr wichtig sind, die selber denken, die Verantwortung für ihr Tun und ihre Fehler übernehmen müssen und die die humanen Werte ihres Vaters wie Anstand und den Glauben an Gerechtigkeit vor dem Gesetz übernehmen. Sie werden letztendlich zu Hoffnungsträgern, dass Rassismus und nahezu grenzenlose Heuchelei nicht das letzte Wort haben werden.

Der Titel

Die Übersetzung des Titels ins Deutsche ist in seiner Süßlichkeit irreführend. Ein ‚mockingbird‘ ist eine amerikanische Spottdrossel. Als Atticus seinen Kindern Luftgewehre schenkt, stellt er ihnen nur eine einzige Bedingung:

‚Shoot all the bluejays you want, if you can hit ‚em, but remember it’s a sin to kill a mockingbird.‘ (S. 99).

Die Nachbarin Miss Maudie erklärt den Kindern, weshalb:

‚Mockingbirds don’t do one thing but make music for us to enjoy. They don’t eat up people’s gardens, don’t nest in corncribs, they don’t do one thing but sing their hearts out for us. That’s why it’s a sin to kill a mockingbird.‘

Die Humanität des Einzelnen und der Gesellschaft erweist sich auch im Umgang mit den menschlichen „Mockingbirds“, auf die im Buch noch mehrmals angespielt wird.

Die Biografie von Shields

Charles J. Shields hat in seiner überaus sorgfältig und bis ins kleinste Detail recherchierten Biografie Mockingbird: A Portrait of Harper Lee (2006), bei der er keinerlei Unterstützung von Harper Lee oder ihren Familienangehörigen bekam, viele der autobiografischen Bezüge und Anverwandlungen nachgewiesen. Im Buch heißt es beispielsweise: „Our mother died when I was two, so I never felt her absence“ (S. 6). Shields erklärt die Tatsache, dass Scout und Jem ohne Mutter aufwachsen müssen, damit, dass Lees Mutter psychisch krank war und emotional gar keine Beziehung zu ihren Kindern aufbauen konnte.

Die Figur des Nachbarjungen Dill geht auf das reale Vorbild von Truman Streckfus Persons zurück, der tatsächlich die Ferien im Nachbarhaus verbracht hat und der später unter dem Namen seines Stiefvaters Capote ebenfalls Weltruhm erlangen sollte. Auch den geheimnisvollen Nachbarn hat es gegeben und ihr Vater hat 1919 zwei Schwarze verteidigt. Als diese trotzdem zum Tode verurteilt wurden, hat er seine Arbeit als Anwalt aufgegeben.

Allerdings war Amasa Coleman Lee, ganz im Gegensatz zu Atticus,  zunächst alles andere als ein Gegner der Rassentrennung. Er war federführend bei der Entlassung des methodistischen Reverend Ray Whatley, der seiner Meinung nach zu viel über ’social justice‘ und zu wenig über das Evangelium sprach. Whatley wurde dann später enger Mitarbeiter von Martin Luther King. Doch spätestens ab den fünfziger Jahren des letzten Jahrhunderts setzte sich Lees Vater für die Rechte der Schwarzen und für ein gerechteres Wahlsystem ein. Zur Frage, welche Gerichtsprozesse als Vorlage und Inspiration für den Prozess gegen Tom Robinson dienten, siehe den als exzellent bewerteten Artikel in der englischen Wikipedia.

Kritik an Lees Buch

Aus heutiger Sicht wirkt der Verriss von Phoebe Lou Adams im Atlantic Magazine vom August 1960 eher komisch, man fragt sich, welches Buch Adams da wohl gelesen hat.

Lees Buch ist inzwischen eines der erfolgreichsten Werke der Literatur (über 30 Millionen verkaufte Exemplare weltweit) und erst 2010 erschien Scout, Atticus, and Boo: A Celebration of ‚To Kill a Mockingbird‘ von Mary McDonagh-Murphy, in dem Künstler, Weggefährten und namhafte Schriftsteller der Gegenwart ihre Begeisterung für To Kill a Mockingbird erklären.

Lees Anteil an der Überwindung der Rassentrennung wird allerdings als eher gering eingeschätzt. Spektakuläre Aktionen wie die der Freedom Riders hat sie abgelehnt, da diese nur die Gewalt beförderten.

Doch überholt war und ist ihr Roman keineswegs – trotz seiner Verankerung in der Vergangenheit. Anfang der Sechziger riskierten schwarze Studentinnen und Studenten wie z. B. James Meredith ihr Leben, wenn sie ihr seit 1954 verbrieftes Recht auf ungehinderten Zugang zu ehemals nur Weißen vorbehaltenen öffentlichen Bildungseinrichtungen wahrnehmen wollten (siehe den Prozess Brown versus Board of Education).

Und die Einstellung der Menschen ändert sich nur langsam – wenn überhaupt. Senator E. O. Eddins hat 1959 massiven Druck auf die Bibliothekarin Emily Wheelock Reed ausgeübt, als die sich weigerte, das Kinderbuch The Rabbits‘ Wedding von Garth Williams aus dem Verkehr zu ziehen. Im Buch heiraten ein schwarzes und ein weißes Kaninchen.

Jener Senator wollte auch eine Ehrung Harper Lees verhindern, hat dann seinen Protest aber zurückgezogen, um zu verhindern, dass man sie als Märtyrer verkläre. Und eine regionale Schulbehörde in Virginia wollte noch 1966 ihren Roman komplett aus den Schulbüchereien verbannen, weil das Buch so unmoralisch sei. Lee antwortete mit einem sehr hübschen Brief:

Recently I have received echoes down this way of the Hanover County School Board’s activities, and what I’ve heard makes me wonder if any of its members can read. Surely it is plain to the simplest intelligence that “To Kill a Mockingbird” spells out in words of seldom more than two syllables a code of honor and conduct, Christian in its ethic, that is the heritage of all Southerners. To hear that the novel is „immoral“ has made me count the years between now and 1984, for I have yet to come across a better example of doublethink. I feel, however, that the problem is one of illiteracy, not Marxism.

Deshalb schließt sie den Brief mit der Ankündigung einer Spende, die doch bitte dafür verwendet werden möge, „to enroll the Hanover County School Board in any first grade of its choice.“

In Cold Blood

Harper Lee hat übrigens noch an einem weiteren Klassiker der amerikanischen Literatur mitgewirkt. Auch wenn Truman Capote das nie öffentlich honoriert hat: Sie war nicht nur als sein „assistant researchist“ über Monate bei den Vorarbeiten und Interviews zu In Cold Blood wesentlich beteiligt – meist fertigte sie die Mitschriften an und bahnte Kontakte zu wichtigen Interviewpartnern an, die Truman Capote zunächst äußerst misstrauisch beäugten -, sondern war auch immer wieder zur Stelle, wenn Capote weitere Lokaltermine anberaumte oder sie bat, sein Manuskript zu begutachten.

Capote sagte selbst:

Without her deep probing of the people of that little town, I could never have done the job I did with it.“ (zitiert nach Shields, S. 253).

Doch als es darum ging, Lees Beitrag auch öffentlich anzuerkennen, spielte er ihre Rolle so weit herunter, dass ihre Jahrzehnte dauernde Freundschaft einen ernsthaften Riss bekam.

So when, in January 1966, she opened the first edition of In Cold Blood, she was shocked to find the book dedicated to her, a patronizing gesture in light of her contribution – „With Love and Gratitude,“ it said. And, out of the blue, she found she had to share Capote’s thanks with his longtime lover, Jack Dunphy. (Shields, S. 253)

Das lange Schweigen der Autorin

To Kill a Mockingbird ist geradezu durchtränkt von Anleihen aus der Kindheit Harper Lees und das ist möglicherweise einer der Gründe, weshalb Lee danach – außer vier Artikeln und einem Brief an Oprah Winfrey – nie wieder etwas veröffentlicht hat. Sie hat aus persönlichem Erleben ein Stück Weltliteratur geformt. Was sollte dem noch hinzugefügt werden? Dieser stark autobiografische Bezug erklärt vielleicht auch, dass sie – auf dem Höhepunkt der Bürgerrechtsbewegung – die Zeit um ca. 30 Jahre zurückdreht und Schwarze in ihrem Buch ausschließlich als arme Feldarbeiter oder als Angestellte in weißen Haushalten vorkommen. Die meisten Mitglieder der schwarzen Gemeinde im Buch sind Analphabeten.

Ein zweiter Grund, weshalb Lee danach nie wieder etwas veröffentlicht hat, könnte sein, dass die Arbeit an dem Roman nur sehr mühsam vonstatten ging. In dreieinhalb Jahren wurde das Manuskript dreimal grundlegend überarbeitet und umgestellt. Ohne die Geduld und die Hinweise ihrer Verlegerin Hohoff, die überhaupt erst dafür sorgte, dass das Ganze zu einem Roman mit einem klaren Handlungsaufbau statt zu einer unausgewogenen Anekdotensammlung wurde, wäre das Buch nie veröffentlicht worden.

Das ist auch der Grund, weshalb an mir die medial inszenierte Aufregung an dem 2015 veröffentlichen Go Set a Watchman komplett vorbeiging, das inzwischen ohnehin als erster Entwurf für To Kill a Mockingbird gilt (siehe hierzu den aufschlussreichen Artikel The Invisible Hand Behind Harper Lee’s ‘To Kill a Mockingbird’ von Jonathan Mahler aus der New York Times, Juli 2015)

Shields weist außerdem darauf hin, dass die Zeitschrift Esquire 1961 die Veröffentlichung eines Textes von Lee ablehnte. Sie hatte zugesagt, einen Sachtext über den Süden einzureichen, doch was sie stattdessen ablieferte, war To Kill a Mockingbird im Miniaturformat:

The fact that she had submitted a piece of fiction with To Kill a Mockingbird overtones again, when a nonfiction piece was requested suggests a certain lack of versatility. (Shields, S. 217)

In einem Gespräch mit Harper Lee hat ein enger Vertrauter, Dr. Butts, einmal folgende Theorie zu ihrem Jahrzehnte langen Schweigen aufgestellt:

I espoused two or three ideas. I said maybe you didn’t want to compete with yourself. She said, ‚Bullshit. Two reasons: one, I wouldn’t go through the pressure and publicity I went through with To Kill A Mockingbird for any amount of money. Second, I have said what I wanted to say and I will not say it again‘. (zitiert nach dem unaufgeregt-lesenswerten Artikel von Paul Toohey: Miss Nelle in Monroeville, im australischen Sunday Telegraph vom 31. Juli 2010)

Andrew Gumbel hat 2006 ebenfalls Shields Biografie gelesen auf der Suche nach der Antwort, weshalb Lee nach ihrem Welterfolg nie wieder etwas veröffentlicht hat.

Don Lee Keith, dem sie eines der letzten Interviews gewährte, das dann im Frühjahr 1966 in der Zeitschrift Delta Review unter dem Titel „An Afternoon with Harper Lee“ erschien, war übrigens derjenige, der sie als erster – wenn auch unabsichtlich – in Zusammenhang mit dem Etikett „recluse“ (Einsiedler) brachte:

Harper Lee is no recluse. She is no McCullers or Salinger whose veneer of notoriety cannot be punctured to reveal, after all, another individual. She is real and down-to-earth as is the woman next door who puts up fig preserves in the spring and covers her chrysanthemums in winter. (zitiert nach Shields, S. 248)

Wenn man bedenkt, welchen schier unglaublichen Presserummel die Autorin, die einfach nur ihre Ruhe haben wollte, über sich ergehen lassen musste und dass sie selbst bis ins hohe Alter nicht vor Journalisten sicher war, die oft genug rücksichtslos einfach an ihre Tür klopften und Einlass begehrten, ist ihr Schweigen vielleicht gar nicht so unverständlich.

In einer Zeit allerdings, in der so viele – egal, wie unbegabt, dämlich oder belanglos – ein „Star“ sein möchten und andere glauben, ein Recht auf Einblick in das Privatleben anderer zu haben, ist Lees Schweigen auch eine Provokation.

It takes a kind of courage that almost nobody has in this country, where celebrity has replaced religion for a lot of people, to turn away from the church of publicity and say, ‘I’m not going to pray there, I’m not going to appear there’ (Mark Childress, in Scout, Atticus, and Boo: A Celebration of ‚To Kill a Mockingbird‘ )

Und dabei es ist doch mehr als genug, wenn man über eine Autorin die schönen Worte sagen kann:

Sometimes novels are considered ‚important‘ in the way medicine is – they taste terrible and are difficult to get down your throat, but are good for you. The best novels are those that are important without being like medicine; they have something to say, are expansive and intelligent but never forget to be entertaining and to have character and emotion at their centre. Harper Lee’s triumph is one of those. (Chimamanda Ngozi Adichie, 10. Juli 2010 im Guardian)

Sabine von Binge Reading & More verdanke ich den Hinweis auf einen Artikel im The Economist, der leider mehr als deutlich macht, dass die beste Medizin nichts nützt, wenn man sie nicht wirken lässt.

Schließen möchte ich mit zwei Zitaten von Atticus:

You never really understand a person until you consider things from his point of view – until you climb into his skin and walk around in it.

… but before I can live with other folks I’ve got to live with myself. The one thing that doesn’t abide by majority rule is a person’s conscience.

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Alice Childress: Like one of the family (1956)

Diese Sammlung von 62 Geschichten, die meist nicht länger als zwei Seiten sind und allesamt im New York der fünfziger Jahre spielen, habe ich richtig gern gelesen. Sie werden uns von der schwarzen Haushaltshilfe Mildred erzählt.

Mildred arbeitet bei diversen weißen Mittelstandsfamilien. Abends erzählt sie ihrer ebenfalls schwarzen Freundin Marge von den alltäglichen Vorkommnissen an ihrer Arbeit. Freundin Marge wird uns in der Geschichte All about my job im typischen Stil der Storys näher vorgestellt:

Marge, I sure am glad that you are my friend. … No, I do not want to borrow anything or ask any favors and I wish you’d stop bein‘ suspicious everytime somebody pays you a compliment It’s a sure sign of a distrustful nature.

I’m glad that you are my friend because everybody needs a friend but I guess I need one more than most people … Well, in the first place I’m colored and in the second place I do housework for a livin‘ and so you can see that I don’t need a third place because the first two ought to be enough reason for anybody to need a friend.

You are not only a good friend but you are also a convenient friend and fill the bill in every other way. … Well, we are both thirty-two years old; both live in the same building; we each have a three room apartment for which we pay too devilish much, but at the same time we got better sense than to try and live together. And there are other things, too. We both come from the South and we also do the same kinda work: housework.

Marge selbst kommt dabei gar nicht zu Wort, doch können wir uns ihre Kommentare anhand der Reaktionen Mildreds lebhaft vorstellen.

Mildred erzählt ganz offensichtlich mit Witz und unbestechlicher Menschenkenntnis. Da wäre z. B. die Geschichte zu nennen, die der ganzen Kurzgeschichtensammlung den Namen gegeben  hat: Like one of the family. Als eine ihrer weißen Arbeitgeberinnen, Mrs. C,  Besuch hat, lobt Mrs. C. Mildred über den grünen Klee und betont dabei, wie sehr doch die ganze Familie die Haushaltshilfe Mildred zu schätzen wisse:

We just love her! She’s like one of the family and she just adores our little Carol! We don’t know what we’d do without her! We don’t think of her as a servant!

Doch Mildred entlarvt die scheinbar netten Worte als das, was sie sind, als gedankenlose Herablassung.

Höflich, aber unmissverständlich bittet sie ihre Arbeitgeberin zu einem Gespräch und öffnet ihr die Augen dafür, was es bedeuten würde, wäre sie tatsächlich ein Teil der Familie:

Mrs.C …, you are a pretty nice person to work for, but I wish you would please stop talkin‘ about me like I was a cocker spaniel or a poll parrot or a kitten …. Now you just sit there and hear me out. In the first place, you do not love me; you may be fond of me, but that is all. … In the second place, I am not just like one of the family at all! The family eats in the dining room and I eat in the kitchen. Your mama borrows your lace tablecloth for her company and your son entertains his friends in your parlour, your daughter takes her afternoon nap on the living room couch and the puppy sleeps on your satin spread …

Sie würde sich weder die Unverschämtheiten des Kindes gefallen lassen noch so hart arbeiten müssen und außerdem anständig bezahlt werden.

Am Ende der Geschichte triumphieren – utopisch und wünschenswert – Einsicht und Menschlichkeit:

Marge! She was almost speechless but she apologized and said she’d talk to her husband about the raise….

Dabei wird der Ton nie sentimental. Schließlich rügt sie Marge, weil die vor lauter Zuhören ein Knopfloch ganz unordentlich genäht hat.

Alice Childress (1916 – 1994) ist in diesen Geschichten viel mehr als „nur“ die Chronistin der Rassendiskriminierung in den fünfziger Jahren in New York. Obwohl auch das ihr schon beeindruckend gelingt.

Sie löst ihren eigenen literarischen Anspruch ein:

I attempt to write about characters without condescension, without making them into an image which some may deem more useful, inspirational, profitable, or suitable.

Die Hauptfigur Mildred tritt für ihre Würde ein. Dies tut sie klug, witzig, ironisch, lebhaft, anschaulich, direkt und zutiefst menschlich, sodass die meisten Geschichten ein gutes Ende nehmen, was in der damaligen Zeit vermutlich entweder utopisch oder aber mutmachend gewirkt haben muss.

Die Herausgeberin dieser Sammlung schreibt zwar einschränkend:

In all her adventures with her white employers, Mildred the maid is a combination of lady in shining armor charging off to attack insensitive racist infidels and the black woman of flesh and blood who knows that a direct confrontation with her white employers could lead to physical violence against her as quickly as it could lead to her dismissal.

Doch genau solche Menschen muss es ja gegeben haben, wie sonst wären die Fortschritte durch die Bürgerrechtsbewegung möglich gewesen?

Ich freue mich sehr, diese Autorin kennengelernt zu haben, die hier eine Erzählerin geschaffen hat, die sich weigert, durch die Umstände korrumpieren und beschädigen zu lassen.  Die Geschichten sind – trotz der Verankerung in einem bestimmten räumlichen und zeitlichen Umfeld – zeitlos gültig und befragen uns auch heute – nach unseren Fassaden, Hochnäsigkeiten und den alltäglichen, vor allem unbewussten rassistischen Vorurteilen.

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