Jakob Wassermann: Caspar Hauser (1908)

In den ersten Sommertagen des Jahres 1828 liefen in Nürnberg sonderbare Gerüchte über einen Menschen, der im Vestnerturm auf der Burg in Gewahrsam gehalten wurde und der sowohl der Behörde wie den ihn beobachtenden Privatpersonen täglich mehr zu staunen gab. Es war ein Jüngling von ungefähr siebzehn Jahren. Niemand wußte, woher er kam. Er selbst vermochte keine Auskunft darüber zu erteilen, denn er war der Sprache nicht mächtiger als ein zweijähriges Kind; nur wenige Worte konnte er deutlich aussprechen …

So beginnt der in weiten Teilen auf historischen Tatsachen und Quellen beruhende Roman Wassermanns um den berühmten und rätselhaften „Findling“ Caspar Hauser.

Zum Inhalt

Die Bürger Nürnbergs stehen dem jungen Menschen, der da so plötzlich unter ihnen auftaucht, skeptisch, neugierig, gaffend, mitleidig oder sensationslüstern gegenüber. Der schon bald vom Bürgermeister veröffentlichte Erlass, durch den man sich Informationen zur Auflösung seiner ungeklärten Herkunft erhofft, sorgt für einen Rummel ohnegleichen. Der junge Gymnasialprofessor Daumer erhält schließlich die Erlaubnis, ihn zu sich zu nehmen. Er bringt Caspar das Sprechen bei und erfährt, dass Caspar jahrelang in einem dunklen Raum bei Wasser und Brot eingesperrt gewesen sei. Er habe seinen Wärter nie gesehen, man habe ihn betäubt, wenn man ihm die Haare und Nägel schnitt, ihn wusch und neues Stroh auf sein Lager gab.

So muss er erst wieder Laufen lernen, das Sonnenlicht tut ihm weh, von Fleisch wird ihm übel. Aber in die menschenfreundliche Zuwendung Daumers mischen sich schon rasch Herablassung und Besitzerdünkel. Auf der einen Seite sieht Daumer in ihm einen ersten Adam, unschuldig und schützenswert:

Es gab eine Stunde, wo Daumer eines paradiesischen Bildes gewahr wurde: Caspar im Garten, auf der Bank sitzend, ein Buch in der Hand; Schwalben ziehen ihre Zickzackkreise um ihn, Tauben picken vor seinen Füßen, ein Schmetterling ruht auf seiner Schulter, die Hauskatze schnurrt an seinem Arm. In ihm ist die Menschheit frei von Sünde, sagte sich Daumer bei diesem Anblick, und was wäre sonst zu leisten, als einen solchen Zustand zu erhalten. Was wäre hier noch zu enträtseln, was zu verkünden? (S. 56)

Doch gleichzeitig will Daumer diesen Menschen studieren und im Tiefsten ergründen. Denn Caspar sei noch

unverpflichtete Kreatur vom ersten Schöpfungstag, ganz Seele, ganz Instinkt, ausgerüstet mit herrlichen Möglichkeiten, noch nicht verführt von der Schlange der Erkenntnis, ein Zeuge für das Walten der geheimnisvollen Kräfte, deren Erforschung die Aufgabe kommender Jahrhunderte ist. (S. 62)

Daumer nutzt ihn zu Experimenten und Kunststückchen aus, als sei er ein Zirkustier. Er ist völlig irritiert, als Caspar sich über die Bedeutung des Wörtchens „ich“ klar wird und beginnt, ihm auch ein „Nein“ entgegenzusetzen. Als er hört, dass Caspar bei einer Notlüge ertappt wurde, beschließt er durch ein „Gottesurteil“ herauszufinden, ob sich Caspars Seele noch dem „Geisterhauch“ öffne oder ob er schon zu den „Gewöhnlichen“ gehöre. Er will Caspar mittels Gedankenübertragung zu einer festgelegten Stunde dazu bringen, ihm sein Tagebuch zu bringen. Das Experiment scheitert:

Ruhig blieb Daumer sitzen und stierte vor sich hin wie einer, der aus dem Rausch erwacht. Vorüber, die Frist war verstrichen. Er schämte sich sowohl seiner Niederlage als auch seines vermessenen Unterfangens, denn er war ja ein gescheiter Kopf und hatte Selbstbesinnung genug, um die spielerische Willkür dessen, was er gewollt, ernüchtert zu empfinden. Trotzdem ergriff ihn eine finstere Gleichgültigkeit. Der Hoffnungen zu gedenken, die sich noch vor kurzem an den Namen Caspar geknüpft, verursachte ihm einen schalen Geschmack auf der Zunge. (S. 112)

Den Ränken der Umwelt, der Sensationsgier, der Neugier und fehlenden Empathie ist Caspar nahezu hilflos ausgeliefert. Täglich wird er von Dutzenden bestaunt, begafft und angefasst. Jeder hat seine Pläne und Absichten mit ihm, sei es, dass er weitgereisten Herrschaften zur Abendunterhaltung dienen, der Kirche als verlorene Seele zugeführt werden oder als Daumers Versuchsobjekt für allerlei medizinische Experimente oder neue Diäten herhalten soll. Frau Behold schließlich versucht ihn zu verführen und verfolgt ihn anschließend mit üblen Verleumdungen, weil er voller Entsetzen vor ihr zurückweicht.

Staatsrat Feuerbach will der Gerechtigkeit zum Sieg verhelfen und vertritt in einem geheimen Brief an den König die Ansicht, dass es sich bei Caspar um einen totgeschwiegenen Nachkommen einer bestimmten Herrscherfamilie handeln müsse.

An dieser Stelle des Berichts stockte die Hand des Präsidenten – tagelang, wochenlang. Nicht aus Schwäche noch aus Wankelmut, sondern mit dem schmerzlichen Zagen eines Feldherrn, der des Unheils und Verderbens sicher ist, wie immer die Schlacht auch enden möge. Die Krone von einem Fürstenhaupt zu reißen und mit Fingern auf das befleckte Diadem deuten, hieß das nicht,  die Majestät auch des eigenen Königs beleidigen, geheiligte Überlieferungen mit Füßen treten, die unmündigen Völker zum Widerpart stacheln? Doch wie nie zuvor empfand er die zeugende Gewalt des Wortes, und wie Wahrheit aus Wahrheit fließt und drängt. Er nannte das Haus mit Namen. (S. 125)

Als ein Mordanschlag auf Caspar geschieht, bei dem dieser schwer verletzt wird, mag ihn Daumer endgültig nicht mehr im Hause haben und so beginnt Caspars Odyssee durch mehrere Nürnberger und Ansbacher Haushalte. Diese verschiedenen Stationen nutzt Wassermann, um ein beklemmendes Sittenbild der Gesellschaft zu zeichnen. Dabei zeigt sich sein geradezu sezierender Blick auf die verstecktesten Motive des Herzens. Als Daumer erfährt, dass schon einflussreiche Bürger Caspar beschuldigen, sich selbst die Verletzungen beigebracht zu haben, geht ihm Folgendes durch den Kopf:

Das ist also die Welt, das sind ihre Stimmen! dachte er bestürzt; das zu denken ist möglich, es auszusprechen steht jedem Mund frei! Und dieser Abgrund von Unsinn und Bosheit soll dich verschlingen, armer Caspar! […] sie werden dir die Flügel brechen. Vergebens wird die Schuldlosigkeit aus deinem Inneren strahlen, sie werden es nicht sehen, vergebens wirst du vor ihnen weinen und vergebens lächeln, du wirst ihre Hand fassen und vor Kälte schaudern, du wirst sie anblicken, und sie werden stumm sein […] Man ist Prophet und hat ein mitleidiges Gemüt, man kennt die Menschen, man weiß, daß das Feuer brennt, daß die Nadel sticht […] man kennt die Folgen dessen, was man tut, nicht wahr, Herr Daumer? Aber ist dies etwa ein Grund, den Geschehnissen wie einem Feind, der das Schwert erhoben hat, in die Arme zu fallen und den Schlag abzuwenden? Nein, es ist kein Grund. […] Darin haben die Idealisten und Seelenforscher nichts voraus vor Dieben und Wucherern. Man geht nach Hause, philosophierend geht man nach Hause, legt sich schlafen, und am nächsten Morgen sieht die Welt weit annehmbarer aus als am gestrigen, reichlich verstimmten Abend. (S. 133)

Sogar der englische Lord Philip Henry Stanhope scheint Anteil am Geschick Caspar   Hausers zu nehmen und gibt große Summen aus, um die Herkunft Caspars zu klären. Auch er sieht in Caspar ein geradezu überirdisches Wesen, vor dem ersten Treffen mit ihm war dem Lord „bange, freudig bang wie einem Kind vor dem Weihnachtsabend.“ (S. 169) Und schon einen Tag später ist es für den Adligen keine Frage mehr, dass er bald gemeinsam mit Caspar durch südliche Gefilde reisen wird. Doch er spielt ein falsches Spiel. Sein Gewissen ist korrumpiert, und bereits vor der ersten Begegnung hat er sich von den Feinden Caspars anheuern lassen, um ihn aus dem Wege zu schaffen oder unschädlich zu machen. Die unschuldige Liebe und das grenzenlose Vertrauen, dass der Jüngling in ihn und seine Versprechungen setzt, können ihn nicht mehr zurück auf den Weg der Redlichkeit führen.

Der wahre Gönner Caspars, der Staatsrat Feuerbach, stirbt unter mysteriösen Umständen, als er sich allein mit dem schmierig-gefährlichen Polizeileutnant Hickel auf einer Reise befindet, die Caspars Schicksal klären soll.

Fazit

Golo Mann hat Caspar Hauser angeblich einmal als den schönsten Kriminalroman bezeichnet, der je geschrieben wurde. Ich allerdings habe die Lektüre dieses Klassikers als ein mühseliges Geschäft empfunden, und das lag nicht am Umfang von 459 Seiten.

An vielen Stellen ist der Stil Wassermanns unerträglich pathetisch. Auf der zufällig gewählten Seite 20 der Taschenbuchausgabe finden sich die Wörter: „geheimnisvoll, unschuldig leuchtende Augen, Übeltat, Schande, verborgen, schmerzlich, lüstern, begehrten, erhellende Dämmerung, in beruhigter Brust nach dem Gewesenen tastete, ein Gewesenes fühlte, im Tiefsten schaudernd, mit durstigen Sinnen, sein flehentlicher Blick grub es heraus aus dem sprechenden Mund der Menschen“. Das liest sich mühsam und all die hohen Worte nutzen sich ab in einer ständigen Wiederholungsschleife. Die schier nicht enden wollende Zähflüssigkeit hat mich mehr als einmal beinahe dazu gebracht, das Buch in die Ecke zu feuern.

Auch Spannung kam nur bedingt auf, weil rasch klar war, dass die beklemmende Atmosphäre, die Intrigen, die Passivität der Caspar Wohlgesonnenen und die Boshaftigkeit seiner Umwelt, die teilweise geradezu fratzenhafte Züge annimmt, die Oberhand behalten werden. Ausnahmslos alle – bis auf den Präsidenten Feuerbach – erliegen der „Trägheit des Herzens“: Entweder setzen sie sich gegen die Unschuld Caspars geradezu zur Wehr, haben ohnehin kein Gewissen mehr oder sie sind von ihren Vorurteilen nicht mehr abzubringen. Andere wiederum gewichten Geld oder Macht höher als Menschlichkeit oder aber sie lassen ihrer Einsicht keine Taten folgen. Als Trägheit des Herzens (acedia) wird übrigens nach theologischer Lehre auch eines der sieben Hauptlaster bezeichnet.

Marcel Reich-Ranicki hat es in der FAZ 2010 so nett auf den Punkt gebracht, als er schrieb:

Wassermann „wurde vom Publikum geliebt, weil er ihm nichts vorenthielt. Anspielungen und Andeutungen gibt es in seiner Prosa kaum, das Indirekte kennt seine Erzählweise nicht, auf die Ironie verzichtet er fast immer. Was er dem Leser mitzuteilen hat, teilt er in der Regel mehrfach mit. Wer will, kann ihm vorwerfen, dass er unentwegt mit dem Nürnberger Trichter hantiert. Mag sein, nur dass seine Bücher auf eine beachtliche Phantasie schließen lassen. Und der Leser hat es mit fraglos intelligenter Prosa zu tun.“

Doch was trotz allem Schwulst und Pathos und außer Rand und Band geratenen Metaphern beeindruckt, ist der scharfe Blick in menschliche Abgründe. Der Typus des Heuchlers lässt sich doch kaum besser darstellen, als es Wassermann mit der Figur des Lehrers Quandt gelungen ist. Bei ihm muss Caspar sein letztes Quartier beziehen:

Es war nämlich mit diesem Manne derart beschaffen, daß er in einer merkwürdigen Zweiheit existierte. Der eine Teil war die öffentliche Person, der Bürger, der Steuerzahler, der Kollege, das Familienoberhaupt, der Patriot, der andre Teil war sozusagen der Quandt an sich. Jener war ein Heros der Tugend, eine wahre Mustersammlung von Tugenden, dieser lag versteckt in einer stillen Ecke und belauerte die liebe Gotteswelt. Die öffentliche Person, der Bürger, der Patriot nahm herzlichen Anteil an den allgemeinen Angelegenheiten, wohingegen der Quandt an sich vergnügt die Hände rieb, wenn irgendwo irgendwas passierte: sei es nun ein unerwarteter Todesfall oder nur ein Beinbruch oder die Kaltstellung eines verdienten Beamten oder ein Diebstahl bei einer Vereinskasse oder ein Radschaden an der Postkutsche oder eine Feuersbrunst beim reichen Bauern Soundso oder die skandalöse Heirat der Gräfin Ypsilon mit ihrem Stallburschen. So unverbrüchlich der Steuerzahler, das Familienoberhaupt, der Kollege seinen Pflichten nachkam, der Quandt an sich hatte etwas von einem Revolutionär und war immer auf dem Posten, um der Weltregierung auf ihre Finger zu schauen, und stets besorgt, daß keinem mehr Ehre geschah, als er nach genauer Bilanz über seine Verdienste und Mängel, seine Vorzüge und Laster füglich beanspruchen durfte. Der öffentliche Quandt schien zufrieden mit seinem Los, der geheime fand sich allerorten und zu jeder Zeit zurückgesetzt, beleidigt, vor den Kopf gestoßen und in seinen vornehmsten Rechten gekränkt. Nun sollte man denken, mit zwei so verschieden gesinnten Kostgängern unter einem Dach sei schwer zu wirtschaften. Nichtsdestoweniger kamen die beiden Quandts trefflich nebeneinander aus. Freilich, der Neid ist ein boshaftes Tier, er durchlöcherte manchmal die Scheidewand zwischen den beiden Seelen, und wie oft der stärkste Damm nicht genügt, um eine verheerende Überschwemmung  zu verhindern, so brach eben dieser Neid bisweilen ein in die reinlichen, fruchtbaren und wohlbestellten Gefilde des Gottes- und Menschenfreundes Quandts. (S. 281)

So kommt auch die Autorin und Journalistin Petra van Cronenburg zu dem Ergebnis: „Wassermann schafft es, in einer Geschichte, die zuweilen krimihafte Züge hat und mit Sensationslust spielt, über das Wesen des Menschen nachzudenken. Caspar ist nicht nur der geheimnisvolle Fremde, der die Bürgerlichen zwingt, mit Fremdheit und Anderssein umzugehen – er ist auch die menschliche Unschuld, nach der sich die anderen Protagonisten sehnen, die ihnen Angst macht, die sie bekämpfen oder zu erhalten suchen. Das ist ein großer Roman über die Conditio humana.“

Anmerkung

Wassermann hat sich jahrelang an diesen Stoff herangetastet. Sein Großvater hatte Caspar Hauser noch gesehen und Wassermann kannte die Stätten, die für Hausers Schicksal bedeutsam wurden und er sagt in seinem Rückblick „Mein Weg als Deutscher und Jude“ von 1921:

Abermals und abermals wagte ich den Anfang, zog weiten Kreis, zog engen Kreis um das Thema, fand nicht das Fundament, fand nicht die Ruhe, nicht die Kraft, nicht die Erleuchtung, wurde mutlos und ließ wieder ab. Doch bei all dem Probieren und Verzagen, Graben und Verzweifeln wuchs mir die Figur des Nürnberger Findlings unerwartet hoch empor, und sein Schicksal ward mir zum Schicksal des menschlichen Herzens überhaupt. Das Menschenherz gegen die Welt; als ich diese Formel gefunden hatte, hoben sich die Schleier, und wenngleich noch viele Mühsal zu bezwingen war, so blieb doch der Weg im Licht. (S. 77)

Zum Abschluss noch ein Zitat aus diesem Buch, das auch heute noch, über 100 Jahre später in einem Land, in dem wieder Flüchtlingsheime angezündet werden, gültig ist:

Wahrhaftig, die Menschen sind träge, stumpfe, dumme Tiere, sonst wäre mehr Empörung in der Welt. (S. 369)

Wer Interesse an den zeitgenössischen Berichten hat, sei auf das Buch Kaspar Hauser Augenzeugenberichte und Selbstzeugnisse von Hermann Pies, veröffentlicht im Gutenberg-Projekt, verwiesen. Auch der Wikipedia-Artikel ist hier, was den historischen Hintergrund und die Quellenlage angeht, zu empfehlen. Die Theorie, der ja auch Wassermann anhing, dass es sich bei Hauser um das Opfer einer von Gräfin Luise Karoline von Hochberg initiierten Kindesvertauschung handele, gilt heute als widerlegt.

BRD 034

Will Schwalbe: The End of your Life Book Club (2012)

We were nuts about the mocha in the waiting room at Memorial Sloan-Ketteridge’s outpatient care center. The coffee isn’t so good, and the hot chocolate is worse. But if, as Mom and I discovered, you push the „mocha“ button, you see how two not-very-good things can come together to make something quite delicious. The graham crackers aren’t bad either.

So beginnt das Buch, in dem der Amerikaner Will Schwalbe die letzten zwei Jahre seiner an Bauchspeicheldrüsenkrebs erkrankten Mutter Mary Anne verarbeitet, die 2009 im Alter von 75 Jahren verstarb:

Will Schwalbe: The End of your Life Book Club (2012)

Die deutsche Übersetzung von Henriette Zeltner erschien unter dem Titel An diesem Tage lasen wir nicht weiter.

Zum Inhalt

Das Buch ist der Tribut eines Sohnes an seine außergewöhnliche Mutter. Mary Anne Schwalbe war berufstätig, als das noch unüblich war, und schließlich in der Universitätsverwaltung in leitender Stellung tätig. Nach einem dreimonatigen Aufenthalt in einem Flüchtlingslager in Thailand engagierte sie sich in ihren letzten zwei Jahrzehnten vor allem für die Belange von Flüchtlingen weltweit. Sie war u. a. Gründungsdirektorin der Women’s Refugee Commission und Wahlbeobachterin in Bosnien. Nebenbei organisierte sie das Leben der eigenen Familie mit drei Kindern, gründete den britischen Ableger des International Rescue Commitee und setzte sich bis kurz vor ihr Lebensende noch für die Gründung von mobilen Bibliotheken in Afghanistan ein.

If our family was an airline, Mom was the hub and we were the spokes. You rarely went anywhere nonstop; you went via Mom, who directed the traffic flow and determined the priorities: which family member was cleared for takeoff or landing. Even my father was not immune to Mom’s scheduling, though he was given more leeway than the rest of us. (S. 10)

Im Sommer 2007 kommt sie nach einer ihrer zahlreichen Reisen nach Pakistan und Afghanistan nicht wieder richtig auf die Füße, doch erst im Oktober wird eine unheilbare Bauchspeicheldrüsenerkrankung diagnostiziert. Ihr Sohn Will erfährt das, während er beruflich bedingt in Frankfurt auf der Buchmesse ist.

I realize now that all of us had reached a mad, feverish pitch of activity in the days leading up to Mom’s diagnosis. Dinners, drinks, visits, benefits, meetings, scheduling, picking up, dropping off, buying tickets, yoga, going to work, cardio at the gym. We were terrified to stop, stop anything, and admit that something was wrong. Activity, frenzied activity, seemed to be the thing we all felt we needed. […] Everything would be all right, everything would be possible, anything could be salvaged or averted, as long as we all kept running around. (S. 23)

Später erzählt er seiner Mutter, dass er sich in dieser Nacht nur noch durch die Fernsehprogramme gezappt hat. Sie findet das höchst merkwürdig:

Throughout her life, whenever Mom was sad or confused or disoriented, she could never concentrate on television, she said, but always sought refuge in a book. Books focused her mind, calmed her, took her outside of herself; television jangled her nerves. (S. 25)

Eigentlich ist auch Will, sowohl aufgrund der familiären Prägung als auch durch seine langjährige Arbeit im Verlagswesen, begeisterter Leser. Und immer, wenn Will in den kommenden Monaten seine Mutter bei den mehrstündigen Aufenthalten im Krankenhaus begleitet, bei denen sie ihre Chemo-Infusionen bekommt, tauschen sie sich aus über die Bücher, die sie gelesen haben und noch lesen wollen. Das wird dann als „End of your Life Book Club“ mit nur zwei Mitgliedern hochstilisiert.

Diese Gespräche über Bücher haben den beiden sicherlich viel gegeben und in einem Interview erläutert Will Schwalbe die Bedeutung, die das gemeinsame Lesen für die beiden hatte:

… for as long as I can remember, we always talked with each other about books. So the main thing the book club did was kept our relationship the way it always had been. When we were reading, we weren’t a sick person and a well person but a mother and son exploring books together. The book club also allowed us to tackle painful and difficult subjects—big topics like death and courage and loneliness. Books gave us a way to talk about those subjects obliquely, not head-on. We could talk about them by talking about characters in books who were dealing with similar issues. Finally, the book club was a source of pleasure—while we were reading, we were discovering new writers, new voices, new characters, new worlds. Reading was one of the ways Mom continued to live even as she was dying, and our discussions about books gave me new memories not directly connected to her illness that I would be able to have and share as long as I live.

Ich selbst fand die Abschnitte, in denen sie über Bücher gesprochen haben, nicht immer sehr tiefsinnig. Manchmal ging das Ganze über Name Dropping nicht hinaus. Mary Anne war beispielsweise der Meinung, dass man durchs Lesen lernen könne, Grausamkeit schneller zu erkennen.

… when you read about it, it’s easier to recognize. […] But people can be cruel in lots of ways, some very subtle. I think that’s why we all need to read about it. […] You need to learn to recognize these things right from the start. Evil always starts with small cruelties. (S. 151)

Will Schwalbe schreibt ehrlich über seinen anfänglichen Aktionismus, das Gefühl, irgendetwas tun zu müssen, um so dem Unausweichlichen nicht ins Gesicht zu sehen, hatte man ihnen doch mitgeteilt, dass die durchschnittliche Lebenserwartung nach der Diagnose drei bis sechs Monate betrage, da der Krebs schon gestreut hatte.

Will ist es auch, der seiner Mutter vorschlägt, einen Blog zu betreiben, um so ihre vielen Freunde, ehemaligen Kollegen und Schüler in aller Welt auf dem Laufenden zu halten, da eine individuelle Korrespondenz sicherlich bald zu anstrengend würde. Sie stimmt dem zu, doch unter dem Vorbehalt, dass Will den Blog schreiben solle. Das führt dann zu der merkwürdig Verrenkung, dass sie zwar die Posts schreibt, jedoch aus der Perspektive Wills.

Fazit

Abgesehen vom Stil, der manchmal schlicht und anrührend, manchmal aber auch nur simpel und weitschweifig war, hat das Buch eine große Schwäche. Es krankt ab und zu an Heldenverehrung, die hart an der Kitschgrenze vorbeischrammt. Man sieht den Sohn dann förmlich zu Füßen seiner Mutter sitzen und ihr die letzten Fragen stellen. Dabei stilisiert er sich als jemand, der vorher noch nie über bestimmte Fragen nachgedacht hat, was ich kaum glauben mag. Dürfe man – wenn man sich denn sozial engagiere – überhaupt noch ein teures Restaurant besuchen? In einem anderen Gespräch versucht er beispielsweise sie dazu zu bewegen zuzugeben, dass sie eine mutige Frau sei, was sie aber völlig unbeeindruckt verneint. Stattdessen nennt sie Beispiele von Menschen, die ihrer Meinung nach mutig gewesen sind.

Ihre eigenen Ängste und die Trauer, vom Leben Abschied nehmen zu müssen, werden nur kurz gestreift, allerdings gibt ihr der christliche Glaube existenziellen Trost und Gewissheit:

‚I do know that there is life everlasting.‘ Usually Mom said believe. Recently, I noted, she said know. (S. 170)

Das ist zwar ein Punkt, den der Sohn nicht nachvollziehen kann, doch beide akzeptieren sich in ihren jeweiligen Sichtweisen.

Die Ecken und Kanten der Hauptperson dürfen nur sehr dezent durchschimmern, dabei hätten gerade sie dem Buch mehr Tiefe verliehen. Wie zum Beispiel Wills Erinnerung daran, dass Mary Anne gerade das Lieblingsstofftier ihres sechsjährigen Sohnes spendet, als eine ihrer Studentinnen Spielzeug für ein Waisenhaus sammelt. Als er sie nun Jahrzehnte später auf den „Tod“ von Turtle, der Riesenschildkröte, anspricht, gibt sie ehrlich zu: „You had so many stuffed animals! I didn’t really think about it. But I also didn’t give any thought to what we were going to tell you.“ (S. 87)

Vielleicht wollte der Autor auch noch nach dem Tod der Mutter ihre Privatsphäre respektieren, das ist zu loben, sorgt aber auch für eine gewisse Beliebigkeit, wenn man eben kein begnadeter Biografienschreiber ist, zumal er sich sicherlich oft nur noch auf seine Erinnerungen berufen kann, da er nicht jedes Wort mitprotokolliert haben dürfte.

Mom went on to tell me, as we sat there, that she really believed your personal life was personal. Secrets, she felt, rarely explained or excused anything in real life, or were even all that interesting. People shared too much, she said, not too little. She thought you should be able to keep your private life private for any reason or no reason. (S. 58)

Das Buch hat aber auch eine große Stärke: Eine zweifelsohne faszinierende Hauptperson: Nicht nur ihr beruflicher Lebenslauf und ihre vielfältigen sozialen Engagements, ihre Reisen in die Flüchtlingslager der Welt, ihre Rolle als Ehefrau und Mutter und nicht zuletzt auch Leserin wären allein schon Stoff genug für ein Buch.

Vor allem eines hat mich aber beeindruckt und nachdenklich gemacht: Weder lamentiert sie, nachdem sie die Diagnose erhalten hat, noch verfällt sie in Selbstmitleid. Weder hadert sie pausenlos mit dem Schicksal noch kreiselt sie nur noch um sich und ihren Gesundheitszustand. Stattdessen kümmert sie sich um ihre Projekte, pflegt ihre zahlreichen Freundschaften, gewinnt neue Freunde, nimmt Anteil am Leben ihrer Kinder und Enkelkinder, ist dankbar für das, was sie hat, betet, liest, reist, solange es eben geht, und bis zum Schluss bleibt ihr Horizont herrlich weit. Das ist wahrscheinlich auch der Grund, weshalb ich das Buch keinesfalls als auf „die Tränendrüse drückend“ empfunden habe. Ganz im Gegenteil.

Aus literarischer Sicht hätte ich mir so ein Buch als Autobiografie oder von einem Außenstehenden gewünscht, sodass ihre eigene Stimme deutlicher zu hören gewesen wäre. So bleibt das Buch eine merkwürdige Mischung aus sorgfältig ausgewählten Erinnerungsstücken, Nabelschau des Sohnes und einer Biografie, die bewusst wesentliche Teile ausklammert. Wills Geschwister und der Ehemann der Verstorbenen spielen nur am Rande eine Rolle. Und auch wie Mary Anne als Christin mit dem eigenen Sterben zurande kommt, erschließt sich eher indirekt, indem wir z. B. erfahren, welche Bücher und Menschen ihr geholfen und gut getan haben. Nur an den wenigen Stellen, an denen wir glauben, sie direkt zu hören, gewinnt das Buch eine Eindrücklichkeit, die mir den Menschen Mary Anne Schwalbe wirklich näher gebracht hat. So heißt es bei der ersten Präsidentschaftskandidatur Obamas:

She told all of us that if Obama didn’t win, she was leaving the country, cancer or no. (S. 190)

Sie geht vorbereitet: Selbst den Text für die Karten hat sie bereits formuliert, mit denen ihre Familie sich für die zu erwartende Kondolenzpost bedanken soll, und benutzen möge die Familie dazu bitte blaue Tinte, keine schwarze.

‚The black is too somber.‘ (S. 171)

Anmerkungen

Am Ende findet sich eine Liste mit all den Titeln, die Mutter und Sohn gelesen haben. Darunter sind natürlich eine Reihe von Büchern, die man sich selbst sofort auf die Wunschliste setzen kann.

Schließen möchte ich mit einem Fazit Will Schwalbes:

We’re all in the end-of-your-life book club, whether we acknowledge it or not; each book we read may well be the last, each conversation the final one. (S. 281)

Eine faire, aber zu Recht kritische Rezension von Christopher R. Beha findet sich in der New York Times. Gern verweise ich außerdem auf die Besprechungen auf aus.gelesen, bei der Lesenden Stillwasserquelle und auf Buzzaldrins Blog.

Elisabeth Rynell: Schneeland (OA 1997; deutsche Ausgabe 2000)

Zuerst eine Erinnerung. Wir wohnten schon viele Jahre in Lappland. In einer kleinen Mulde in der Landschaft, die Wald und Berge offen gelassen hatten. Da warst du, da war ich, und dazu unsere Kinder. Sie waren klein damals.

So beginnt der Roman der schwedischen Lyrikerin und Autorin

Elisabeth Rynell: Schneeland (1997); im Original: Hohaj, ins Deutsche übersetzt von Verena Reichel

Zum Inhalt

Kapitelweise abwechselnd tauchen wir ein in zwei Geschichten. Da ist zum einen eine junge Mutter, die mitten in der Nacht einen Anruf vom Bezirkskrankenhaus bekommt. Nach einer scheinbar planmäßig verlaufenen Operation ist ihr Mann wenige Stunden später gestorben.

Auf einmal stand ich also auf einer endlosen Ebene aus Stille, in vollkommenem Schweigen. Die Stimme, die sagte: … und er starb um zweiundzwanzig Uhr und … Da gefror die Welt. Doch nur für einen Moment. Dann begann sie knackend und berstend in rasender Geschwindigkeit rückwärts zu taumeln, und alles wurde aus seiner Verankerung gerissen und hart ins Rückwärts gedreht, in den Schmerz hinein. Es zerriss, jeder Faden, jede Faser zerriss unter unbezwinglichen, wahnwitzigen Kräften. Rückwärts, rückwärts, gegen den Uhrzeigersinn, gegen den Uhrzeigersinn. (S. 13)

In den weiteren ihr gewidmeten Kapiteln denkt sie über die Geschichte ihrer Beziehung nach und das Wesen der Trauer. Zunächst reißt sie sich, sicherlich auch der Kinder wegen, zusammen:

Ich war stark. Ich war wahnsinnig stark. Doch die Stärke hatte nichts mit mir zu tun. Sie war nicht ich, sie war purer Wille: ein Tier, das ich in mir beherbergte. […] Nichts schwächt einen Menschen so sehr wie seine Stärke. Zum Schluss war ich so stark, dass ich einer ausgesogenen Schale glich. Einer verknöcherten Hülle für den Willen. (S. 52)

Doch die Verzweiflung sitzt zu tief: Irgendwann begibt sie sich – anscheinend ohne Proviant oder Ausrüstung – auf eine Art Pilgerschaft in die Weite der lappländischen Wälder.

Die Berge sind streng. Auf diese Weise gleichen sie der Vergebung. Von wo man sich ihnen auch nähert, sie bleiben stets genauso fern. Und nah. Zuweilen versinken sie vor einem, verschwinden ohne Erklärung. Dann türmen sie sich wieder vor einem auf, größer als je zuvor. Sie kommen nicht, wenn man sie ruft. Sie erhören kein Gebet. Sie sind auf andere Art. Ich bei dabei zu lernen. Nicht rufen, bitten, flehen. Nur still auf Antwort warten. Die Hoffnungslosigkeit betreten, als würde sie tragen. Wunder sind so still. Wie dünnes, dünnes Eis. (S. 30)

Die zweite Geschichte, die irgendwann die erste berührt, spielt ca. 50 Jahre früher, ebenfalls in Lappland. Aron, ein schweigsamer Mann, ist auf der Flucht, man weiß lange nicht, ob vor sich oder vor anderen. Er steht eines Abends hungrig und halb erfroren mit seinem großen Hund auf dem Hof von Helga und Salomon. Die nehmen ihn auf und akzeptieren ihn so, wie er ist. Er hilft bei der Arbeit und später wird er sogar von der Dorfgemeinschaft beauftragt, die Pferde des Ortes auf den Sommerweiden zu hüten. Dabei lernt er dann Inna kennen.

Inna, das erfahren wir schon früh, ist Halbwaise und lebt mit ihrem brutalen Klotz von Vater allein auf einem einsam gelegenen Hof, der von allen gemieden wird. Nach dem Tod ihrer Mutter hat sie all deren Pflichten zu erfüllen, nicht nur in Stall und Küche, sondern auch im Bett. Sie wird geschlagen und regelmäßig von ihrem Vater vergewaltigt.

Diese zwei versehrten Menschen, Inna und Aron, verlieben sich ineinander, ohne viele Worte, aber mit existenzieller Wucht.

Fazit

Mit diesen knapp über 200 Seiten habe ich mich schwergetan. Sie waren eine Mischung tiefer Trauer, poetischen und klugen Sätzen und einer scheußlich melodramatischen Handlungsführung.

Das Buch hat mich von der Stimmung her stark an Per Pettersons Sehnsucht nach Sibirien erinnert.

Rynell legt hier so etwas wie eine Versuchsanordnung über die Liebe vor, die ja immer an die Grenzen unserer Sterblichkeit rührt. Dass eine so tief verletzte Frau wie Inna mal eben die Liebe entdeckt, fand ich unglaubwürdig, die Verschränkung der zwei Geschichten war gekünstelt und das Ende sollte wohl dafür sorgen, dass wir nicht glauben, einen kitschigen Liebesroman vor uns zu haben. Aber, und es ist ein großes Aber:

Manche der Sätze waren weise, wunderschön und ganz offensichtlich selbst durchlitten. Man hörte noch in der Übersetzung die Lyrikerin, und diese Sätze würde ich am liebsten seitenweise zitieren. Sie stammen allesamt aus der Geschichte der jungen Witwe.

Lasset die Kindlein zu mir kommen, hat Jesus doch gesagt. Ich glaube, es ist wegen ihrer Fähigkeit, sich lieben zu lassen, dass den Kindern das Himmelreich gehört. Liebe empfangen zu können, wie man Regen empfängt, der auf einen fällt; sich erlauben, nass zu werden, obwohl man den Hahn nicht selbst geöffnet hat. (S. 210)

Auch der Schmerz braucht eine Heimstatt. Einen Ort, der nur ihm gehört, mit Gesichtern und Häusern, die erkennbar sind. Es muss Plätze für den Schmerz geben, Räume, Schneisen, lange Straßen. Leid ist eine Spur, die einen mitzieht, man muss ihr folgen, weiterkommen: Brücken über Gewässer, Steg über Moore, Wege im Weglosen. Fast wie eine Witterung ist diese Spur. Man muss ihr mit seinem ganzen Wesen folgen, konzentriert, aufmerksam. Nicht wegschleichen, nicht abweichen. Vielfältig sind die Gerüche. Wie wilde Sehnsucht oder wie hauchdünnes, hart gespanntes gräuliches Licht. Oft geht es bergab, hoffnungslos bergab, und das Leid ist verschlungen und sammelt sich in schwarzen Knoten. Aber das kann sich jederzeit ändern, es kann sich wie eine Sturmbö drehen, in einem Rausch. […] Fehlt dem Schmerz ein eigener Ort, ist er überall. Dann verwandelt er sich in einen Luftgeist, und es besteht die Gefahr, dass er aufquillt und über alle Grenzen wuchert. all die verschiedenen Schichten und Muster, aus denen er besteht, vermengen sich und werden ein und dasselbe. Und dasselbe ist ohne Farbe, dasselbe hat keine Schattierungen, keine Merkmale, keine Unterscheidungszeichen. Es ist ein Land, in dem man sich verirrt. (S. 229)

Das Buch wurde 2004 von Hans J. Geißendörfer verfilmt.

Vicki Baum: Menschen im Hotel (1929)

Als der Portier aus der Telefonzelle 7 herauskam, war er ein wenig weiß um die Nase herum; er suchte seine Mütze, die er im Telefonzimmer auf die Heizung gelegt hatte. „Was war’s denn?“ fragte der Telefonist an seinem Schaltbrett, Hörer vor den Ohren und rote und grüne Stöpsel in den Fingern.

So beginnt der zehnte und immer noch lesenswerte Roman von

Vicki Baum: Menschen im Hotel (1929)

Wir werden also sofort aus unserer Zeit der Handys und Smartphones herausgeholt und in das Berlin der zwanziger Jahre versetzt.

Georgi, der kleine Volontär, fasst am Ende des Romans die Handlung ganz zutreffend zusammen:

… kolossaler Betrieb. Immer ist was los. Einer wird verhaftet, einer geht tot, einer reist ab, einer kommt. Den einen tragen sie per Bahre über die Hintertreppe davon, und zugleich wird dem anderen ein Kind geboren. Hochinteressant eigentlich. Aber so ist das Leben – (S. 308)

Im Grand Hotel, dem vornehmsten Hotel der Stadt, treffen Menschen aufeinander, deren Lebenswege sich für kurze Zeit kreuzen und die danach nicht mehr die sein werden, die sie vorher waren.

Im Zentrum der Handlung stehen zu Beginn zum einen die alternde Balletttänzerin Grusinkaya, die spürt, dass ihre besten Tage hinter ihr liegen, und die noch einmal der Liebe begegnet. Zum anderen trifft der Leser den charmanten, lebenslustigen Hochstapler Baron von Gaigern, der ganz und gar seinem Vergnügen lebt und nun nach den überstandenen Gefahren des Krieges nach Wegen sucht, wieder zu Geld zu kommen. Dabei kämen ihm die wertvollen Perlen der Grusinkaya gerade recht. Außerdem begegnen wir dem braven Familienvater Generaldirektor Preysing, der schwierige, ja eigentlich ausweglose Geschäftsverhandlungen zu führen hat und dem in Berlin seine lang gepflegte Wohlanständigkeit abhanden kommt.

Von Kriegstraumata gezeichnet ist hingegen Doktor Otternschlag, der verzweifelt darauf hofft, dass irgendetwas passiert, das ihn aus seiner Lethargie und Einsamkeit erlösen könnte.

Er hatte einmal eine kleine persische Katze besessen, Gurbä mit Namen; seit die mit einem gewöhnlichen Dachkater davongegangen war, sah er sich darauf angewiesen, seine Dialoge mit sich selber zu erledigen. (S. 15)

Otternschlag ist auch derjenige, der seine hoffnungslose Sicht auf die Welt dem Hilfsbuchhalter Kringelein erklärt:

Gott weiß, was für Wunder Sie erwarten von so einem Hotel. Sie werden schon merken, was los ist. Das ganze Hotel ist ein dummes Kaff. Genau so geht’s mit dem ganzen Leben. Das ganze Leben ist ein dummes Kaff, Herr Kringelein. Man kommt an, man bleibt ein bisschen, man reist ab, Passanten, verstehense. Zu kurzem Aufenthalt, wissense. Was tun Sie im großen Hotel? Essen, schlafen, herumlungern, Geschäfte machen, ein bißchen flirten, ein bißchen tanzen, wie? Na, und was tun Sie im Leben? Hundert Türen auf einem Gang, und keiner weiß was von dem Menschen, der nebenan wohnt. Wennse abreisen, kommt ein andrer an und legt sich in Ihr Bett. Schluß. (S. 52/52)

Am interessantesten fand ich jedoch Kringelein – aus Preysings Fabrik -, der kurz zuvor erfahren hat, dass er unheilbar krank ist.

Kringelein hatte von Geburt an das normale Leben des Kleinbürgers geführt, das etwas verdrossene, aufschwunglose und verzettelte Leben des kleinen Beamten in der kleinen Stadt. Er hatte früh und ohne starken Antrieb geheiratet, ein Fräulein Anna Sauerkatz, Tochter des Kolonialwarenhändlers Sauerkatz, eine Person, die ihm von der Verlobung  bis zur Hochzeit sehr hübsch vorkam, aber kurz nach der Heirat häßlich wurde, unfreundlich, geizig und voll kleinlich-wichtiger Schwierigkeiten. (S. 26)

In einem Brief schwindelt er seiner Frau vor, noch einige Arzttermine vor sich zu haben, bevor er in ein Erholungsheim geschickt werde. Doch in Wahrheit hat er sein Erspartes und eine kleine Erbschaft an sich genommen und will nun im Grand Hotel herausfinden, wie sich Leben eigentlich anfühlt. Doch zu Beginn bekommt er erst einmal seine gesellschaftliche Randstellung zu spüren. Im Hotel wird er zunächst in einem der schlechtesten Zimmer untergebracht, der erste Abend war „mit Verlegenheiten durch Trinkgelder, falsche Ausgänge, mit verwirrten Fragen und kleinen Peinlichkeiten aller Art“ (S. 46) gefüllt.

Doch er gewinnt Baron von Gaigern als – keineswegs uneigennützigen – Mentor. Mit seiner Hilfe kleidet er sich bei einem teuren Herrenausstatter ein und erlebt zum ersten Mal „das taumelnde Leichtwerden, das zum Geldausgeben gehört“ (S. 187).

Doch zeigt Baum dabei geradezu liebevoll, dass der Erwerb der hochwertigen und passenden Kleidung nicht nur einen Konsumrausch darstellt, sondern Kringelein eben auch in die Lage versetzt, sich wie ein feiner Mann zu verhalten, alte Rollenmuster zu verlassen und sich selbst neu kennenzulernen. Er hat seinen großen Auftritt, als er seinem Chef gegenüber nicht mehr katzbuckelt, sondern ihm ins Gesicht sagt, was für ein hundsmiserabel mieser und gedankenloser Chef Preysing all die Jahrzehnte gewesen ist. Überhaupt spielt Geld eine entscheidende Rolle in vielen der geschilderten Episoden.

Gaigern lädt ihn zu einer Spritztour mit seinem Wagen ein – für Kringelein die erste Autofahrt überhaupt – und organisiert sogar einen Flug für ihn. Kringelein ist stolz, seine Ängste zu überwinden, und verlangt gierig nach immer neuen Eindrücken auf der Suche nach dem wahren Leben.

Indirekt verdankt Kringelein seinem Chef Preysing, dass er in der Person Flämmchens, einer lebenslustigen hübschen Frau, sogar die Schönheit findet:

Das gibt es, dachte er, das gibt es. So etwas Schönes gibt es wirklich. Es ist nicht gemalt wie ein Bild und nicht ausgedacht wie ein Buch und nicht so ein Schwindel wie auf dem Theater. Das gibt es, daß ein Mädchen nackt ist und so wunderbar schön, so ganz schön, so ganz – er suchte ein anderes Wort, fand aber keines. Ganz schön, konnte er nur denken, ganz schön. (S. 278)

Kringelein, der Todkranke, ist derjenige, der der Aufenthalt im Grand Hotel im Gegensatz zu den anderen nicht bereut:

Denn – lang oder kurz – es ist der Inhalt, der das Leben macht; und zwei Tage Fülle können länger sein als vierzig Jahre Leere: das ist die Weisheit, die Kringelein mitnimmt, […] (S. 303)

Fazit

Baums bildhafte Sprache hat vielleicht gerade durch die Patina, die ihr die vergangenen 80 Jahre verliehen haben, ihren Reiz, auch wenn ihr Stil als einfach und kunstlos galt, eben als der typische Stil einer erfolgreichen Unterhaltungsautorin.

Vom Neubau her hopste die Musik aus dem Tea-Room in Synkopen an den Wandspiegeln entlang. Der butterige Bratenduft der Diner-Zeit fächelte diskret daher, aber hinter den Türen des großen Speisesaales war es noch leer und still. (S. 7/8)

Nur Begriffe wie „Neger“ und „Rasse“ (auf den Baron bezogen) klingen uns heute zu Recht unangenehm in den Ohren.

Doch davon abgesehen, habe ich den Roman gern und mit Interesse gelesen.

Werner Fuld bescheinigt dem Werk in seinem Aufsatz „Die Drehtür als Schicksalsrad“ eine elegante Leichtigkeit und erläutert, dass die amerikanische Literaturkritik für diesen Roman den Begriff der „group novel“ geprägt habe.

Die Handlung war aus dem bisher obligaten Privatbereich der Wohnung in die ungeschützte Öffentlichkeit eines Hotels verlegt, in dem sich Menschen begegnen, die sich privat nie kennenlernen würden. Sie sind ihrer gewohnten Sphäre entledigt, sie brechen sogar mit ihrer Vergangenheit, um nur noch in einer veränderten Gegenwart zu leben, die jeder für sich, und sei es auf Kosten des anderen, nutzen will. (zitiert nach: Marcel Reich-Ranicki, Hrsg.: Romane von gestern – heute gelesen 1918 – 1933, Fischer 1989, S. 157)

Zwar wurde moniert, dass die Personen eher Typen statt Individuen wären, doch da jede für sich versucht, Antworten auf die Fragen nach dem Sinn im Leben zu stellen, fand ich sie gar nicht so schablonenhaft.

Anmerkungen

Ein hübscher Artikel zu Vicki Baum erschien 1950 im Spiegel.

Eine begeisterte Besprechung findet sich auf dem englischsprachigen Blog Beauty is a sleeping cat. Auch Karthauses Bücherwelt hat den Roman gern gelesen.

Und hier gibt es die Besprechung auf Sätze&Schätze.

Doktor Otternschlag jedenfalls meint:

Gibt es das Leben überhaupt, wie Sie sich es vorstellen? Das Eigentliche geschieht immer woanders. Wenn man jung ist, denkt man: Später. Später denkt man: Früher war es das Leben. Wenn man hier ist, dann denkt man, es ist dort, in Indien, in Amerika, am Popokatepetl oder sonstwo. Aber wenn man dort ist, dann hat sich das Leben gerade weggeschlichen und wartet ganz still hier, hier, von wo man davongerannt ist. (S. 51)

Die Zitate wurden der sehr ansprechend gestalteten Ausgabe der Büchergilde Gutenberg entnommen.

Zur Autorin

Vicki Baum, eigentlich Hedwig Baum, wurde 1888 als Kind einer jüdischen Familie in Wien geboren. Sie arbeitete zunächst als Harfenistin und wurde zu einer der erfolgreichsten Schriftstellerinnen der Weimarer Republik.

1931 ging sie nach Amerika, da ihr bekanntester Roman Menschen im Hotel mit Greta Garbo verfilmt werden sollte. 1932 siedelte sie nach Kalifornien über, 1933 fielen auch ihre Werke der Bücherverbrennung zum Opfer. 1938 nahm sie die amerikanische Staatsbürgerschaft an und schrieb fortan nur noch in Englisch. 1960 starb sie in Hollywood.

Diane Setterfield: The Thirteenth Tale (2006)

It was November. Although it was not yet late, the sky was dark when I turned into Laundress Passage. Father had finished for the day, switched off the shop lights and closed the shutters; but so I would  not come home to darkness he had left on the light over the stairs to the flat. Through the glass in the door it cast a foolscap rectangle of paleness onto the wet pavement, and it was while I was standing in that rectangle, about to turn my key in the door, that I first saw the letter. Another white rectangle, it was on the fifth step from the bottom, where I couldn’t miss it.

So beginnt der Debütroman der 1964 geborenen britischen Autorin, auf den ich durch mehrere Empfehlungen aufmerksam geworden war:

Diane Setterfield: The Thirteenth Tale (2006)

Doch vorab: Leider kann ich die Begeisterung nicht teilen, dabei hat der Inhalt zunächst einmal durchaus Schmökerpotential:

Zum Inhalt

Die Ich-Erzählerin Margaret Lea, die ihre Zeit eher hobbymäßig dem Recherchieren obskurer Biografien widmet und ansonsten ihrem Vater in dessen Antiquariat hilft, lebt allein in einer Wohnung oberhalb des väterlichen Geschäfts. Der geheimnisvolle Brief entpuppt sich als der Auftrag, die Biografie der bekanntesten und erfolgreichsten britischen Schriftstellerin Vida Winter zu schreiben, die todkrank ist und die bisher Jahrzehnte lang ein großes Geheimnis um ihre Herkunft gemacht und jedem Journalisten eine andere Geschichte erzählt hatte.

Schon bei diesem Brief störten mich Stellen wie diese, die zwar auf den ersten Blick schön klingt, aber Begriffe wie Wahrheit und Lüge ganz vage und nebulös lässt und einen Gegensatz konstruiert, der mir nicht einleuchtet.

What good is truth, at midnight, in the dark, when the wind is roaring like a bear in the chimney? When the lightning strikes shadows on the bedroom wall and the rain taps at the window with its long fingernails? No. When fear and cold make a statue of you in your bed, don’t expect hard-boned and fleshless truth to come running to your aid. What you need are the plump comforts of a story. The soothing, rocking safety of a lie. (S. 5 der Taschenbuchausgabe)

Margaret reist nach Yorkshire, wo die berühmte alte Autorin ein einsames Landhaus besitzt, in dem man sich mühelos verlaufen kann. Nachdem die junge Biografin in spe es geschafft hat, der Schriftstellerin drei biografische Fakten zu entlocken, die sich überprüfen lassen, lässt sich Margaret, wenn auch zögernd, auf den Auftrag ein. Zu Beginn ist sie der alten herrischen Dame nicht so ganz gewachsen. Zudem wird Margaret von ihren eigenen Dämonen geplagt. Sie hat zufällig als Zehnjährige in einer Blechdose unter dem Bett ihres Vaters die Geburtsurkunde ihrer Zwillingsschwester gefunden. Da die Mädchen an der Hüfte zusammengewachsen waren und nur ein Herz besaßen, mussten sie operativ getrennt werden, sodass nur Margaret überlebt hat. Diesen Verlust hat sie nie verwunden. Ihre Mutter ist seitdem depressiv und hat ihrer Tochter nie Liebe zeigen können.

Und so folgt der Leser Margarets Bemühungen, Vida Winters Erinnerungen aufs Papier zu bringen. Es ist nicht zu viel verraten, wenn ich sage, dass Winter – was sich natürlich als ein Pseudonym herausstellt – eine Kindheit hatte, die jedem viktorianischen Schauerroman zur Ehre gereicht hätte.

In dieser Tradition der Gothic Novel sieht sich auch wohl der Roman von Setterfield. Alle Zutaten sind da – ein bisschen Wuthering Heights, ein bisschen Jane Eyre, die Brandruine aus Rebecca, ein bisschen Dickens, Familienverhältnisse, die mit dem Wort „dysfunktional“ noch freundlich umschrieben wären, Gewalt, ein Anwesen, das von den Nachbarn gemieden wird, das Zwillingsmotiv, Wahnsinn, Spannung und ein bisschen Rätselraten, treue Dienstboten, ein altes Tagebuch, ein sanfter Riese mit dem Namen Aurelius, der auch mit 60 eigentlich nur von der Frage umgetrieben wird, wer seine leibliche Mutter war, und dazu noch schöne Sätze übers Lesen und übers Geschichtenerzählen. Und keine genaue Verortung in einer konkreten Zeit. Vielleicht frühes 20. Jahrhundert.

Fazit

Drei Dinge haben mich an diesem Roman vor allem gestört. Zum einen fand ich an vielen Stellen den Stil weitschweifig und oft genug auch trivial:

What unnerved me more than all the rest were her sunglasses. I could not see her eyes but, as I remembered the inhuman green irises from the poster, her dark lenses seemed to develop the force of a searchlight; I had the impression that from behind them she was looking through my skin and into my very soul. (S. 44)

Zum anderen war mir Margarets Sehnsucht nach ihrem Zwilling, den sie ja nie kennengelernt hat, zu melodramatisch. Selbst als erwachsene Frau gibt sie sich ihrer Trauer und Sehnsucht nahezu unreflektiert hin; und die Geschichte der Vida Winter war eben leider nur ein Potpourrie der entsprechenden Schauerromanzutaten.

Letztlich habe ich den Roman als Papiertiger empfunden. Ich habe der Erzählerin kein Wort geglaubt. Trotz der Liebeserklärung ans Lesen.

I never read without making sure I am in a secure position. I have been like this ever since the age of seven when, sitting on a high wall and reading the Water Babies, I was so seduced by the descriptions of underwater life that I unconsciously relaxed my muscles. Instead of being held buoyant by the water that so vividly surrounded me in my mind, I plummeted to the ground and knocked myself out. I can still feel the scar under my fringe now. Reading can be dangerous. (S. 4)

Die Bücherphilosophin hat kürzlich so treffend einen Post betitelt mit „Was du heute kannst lesen, das verschiebe nicht auf irgendwann.“ Das heißt, ich möchte mal wieder die „Originale“ der Brontes und „The Woman in White“ von Wilkie Collins lesen. „The Thirteenth Tale“ war für mich nur eine Kopie.

Hier geht’s lang zu einem Interview mit der Autorin im Guardian, die mit ihrem Erstlingswerk einen ähnlich kometenhaften Erfolg hatte wie J. K. Rowling mit ihren Harry Potter-Büchern..

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Markus Werner: Am Hang (2004)

Alles dreht sich. Und alles dreht sich um ihn. Verrückterweise bin ich sogar versucht mir einzubilden, er schleiche in diesem Augenblick ums Haus – mit oder ohne Dolch. Dabei ist er ja abgereist, heißt es, und ich höre nur Grillen und aus der Ferne nächtliches Hundegebell. Da fährt man über Pfingsten ins Tessin, um sich in Ruhe zu vertiefen in die Geschichte des Scheidungsrechts, und dann kommt einem dieser Unbekannte in die Quere, dieser Loos, und bringt es fertig, mich so aufzuwühlen, daß alle Sammlung hin ist.

So beginnt der Roman des Schweizer Schriftstellers

Markus Werner: Am Hang (2004)

Zum Inhalt

Der 35-jährige, ledige Scheidungsanwalt Clarin will im Tessin ein Arbeitswochenende einlegen. Dabei lernt er auf der Ausflugsterrasse eines Hotels einen älteren Mann kennen. Die beiden kommen während des Essens ins Gespräch, finden sich nicht unsympathisch, trinken und reden, auch über immer persönlichere Themen, und sie beschließen, das Gespräch am nächsten Abend fortzusetzen.

Und so besteht das Buch über weite Strecken aus der Wiedergabe dieser Gespräche, die sich allmählich zu einem Duell der Lebensanschauungen ausweiten.

Clarin ist ein eher oberflächlicher – man könne auch sagen – beziehungsunfähiger Zeitgenosse, der nicht an Liebe glaubt, die Ehe für eine Unmöglichkeit hält und alle Freundinnen abserviert, sobald diese anfangen zu „klammern“ oder beginnen, sich eine gemeinsame Zukunft auszumalen.

Er rühmt sich seiner Freiheit und muss doch erstaunlich oft an Valerie denken, der er vor einem Jahr den Laufpass gegeben hatte, und zwar hier im Tessin, aus keinem anderen Grund als dem, dass sie ihm lästig wurde mit ihren Versuchen, all seinen Wünschen zu entsprechen.

Loos hingegen sagt über seine zwölf Jahre dauernde Ehe mit Bettina:

Mir ist sie Heimat gewesen. (S. 14)

Seit einem Jahr sei er Witwer und eigentlich habe er den Verlust noch nicht verwunden. Etwas, das Clarin gar nicht nachvollziehen kann.

Daneben werden viele andere Themen gestreift, doch die Frage nach der „richtigen“ Definition von Paarbeziehung durchzieht das ganze Buch. Loos ist derjenige, der gegen den Zeitgeist aufbegehrt, ob er sich in gerade angesagten „Dreiviertelleggings mit Raubkatzendruck“, dem Handy, dem hippen Singlesein äußert oder in der Orientierungslosigkeit der vielen, die nicht mehr wissen, welche Werte denn nun für ihr Leben gelten sollen.

Wer soll noch wittern, was vorgeht, wenn die Jungen vor lauter fahriger Betriebsamkeit, das heißt vor Apathie verblöden und die Alten vor lauter Nachsicht? (S. 26)

In dem Moment, wo eine Tendenz sich durchsetzt, mag sie auch noch so irre Züge tragen, ist sie auch schon im Recht. Was viele tun und billigen, kann gar nicht falsch sein: das ist die Logik, nicht wahr, die Logik des Blödsinns, die jeden Kritiker für blöd erklärt, nicht wahr, ich verliere den Faden. (S. 29)

Wissen Sie, was ich mir dann und wann ausmale, wenn ich auf meinem Sofa liege? Die Welt nach dem planetarischen Stromausfall! Und alle Aggregate am Ende, die Akkus leer, die Batterien ausgelaufen – das globale Gerassel verstummt. Stillstand und aschgraue Monitore. Belämmerte Menschen, getrennt von den Geräten, mit denen sie verwachsen waren, herausgerissen aus ihrer viereckigen Schattenwelt und geblendet vom Glanz der anderen. Hören Sie überhaupt zu? (S. 41)

Loos ermuntert Clarin, auch etwas von sich preiszugeben, und so wird Clarins egozentrische Sicht, mit der er sich alle Fragen nach Verantwortung oder den Folgen seines Tuns bisher vom Leibe gehalten hat, immer offensichtlicher.

Für Clarin – und vielleicht auch für Loos – endet die Begegnung äußert verstörend, und um wieder Klarheit zu gewinnen, schreibt Clarin die Geschichte auf:

Nun gut und so oder so, ich werde diesen Mann nicht los, indem ich mir befehle, nicht mehr an ihn zu denken. So würde er sich nur noch breiter machen und mein Bewußtsein noch irritierender verengen. Ich kenne das Phänomen, seit mich Andrea, es ist fünfzehn Jahre her und ich war zwanzig, wie einen Schirm hat stehenlassen. Inzwischen weiß ich eigentlich, wie man den Mechanismus unterläuft und wie mit einem Durcheinander von verfilzten Fäden methodisch zu verfahren wäre. Den Anfang suchen. Den Knäuel sorgsam entknoten, entwirren. Das Garn abwickeln, ohne Hast, und zugleich ordentlich und straff aufwickeln auf eine Spule. (S. 6 der Taschenbuchausgabe)

Doch ich bezweifle, dass Clarin lernfähig ist, Stille ist ihm höchstens als Ruhe zum Arbeiten angenehm, ansonsten flieht er sie:

Als mein Wein kam, nutzte ich die Gelegenheit, um mich dem Fremden erneut zu nähern – ich bin ein kontaktfreudiger Mensch und finde es unnatürlich, zu zweit an einem Tisch zu sitzen und zu schweigen-, ich hob mein Glas und sagte: Zum Wohl, mein Name ist Clarin. (S. 9-10)

Fazit

Irgendwann ging mir der Konjunktiv der wiedergegebenen Gespräche gehörig auf die Nerven.

Am Schluss kam zwar noch einmal kurzzeitig Spannung auf, aber genau dieses Ende warf logische Fragen auf, die mir den ganzen Roman als nicht stimmig und als zu konstruiert erscheinen ließen. Ein Problem ist sicherlich auch, dass der Leser Valerie und Bettina nur aus Sicht der Männer erlebt, dadurch sind die Frauenfiguren nicht vor männlichem Wunschgefasel gefeit und bleiben seltsam leblos.

Der 1944 geborene Schweizer Autor hatte mich mit Bis bald sehr für sich eingenommen, doch abgesehen von einigen Passagen, in denen er wieder eine wunderbar klare und präzise Sprache findet, dass es eine Freude ist, hat mich Am Hang unbetroffen und ein wenig gelangweilt zurückgelassen.

Mir war die Anlage des Romans zu statisch, zu konstruiert, zu gewollt.

In diesem Fall bietet der Wikipedia-Artikel zum Roman eine lesenswerte kleine Einführung in die Rezeption des Werkes.

Julia Strachey: Cheerful Weather for the Wedding (1932)

On March 5th Mrs Thatcham, a middle-class widow, married her eldest daughter, Dolly, who was twenty-three years old, to the Hon. Owen Bigham. He was eight years older than she was, and in the Diplomatic Service.

So beginnt die Erzählung der englischen Autorin

Julia Strachey: Cheerful Weather for the Wedding (1932)

Diese ersten beiden Sätze liefern bereits eine komplette Inhaltsangabe, die man vielleicht noch durch den Hinweis ergänzen könnte, dass sich die ganze Handlung im Hause der Thatchams abspielt. Dolly kleidet sich an, bleibt danach jedoch bis zur letzten Minute in ihrem Zimmer, während sich die wartenden Hochzeitsgäste gegenseitig auf die Nerven gehen.

Unter den Gästen befindet sich auch Joseph, Student der Anthropologie, und Dollys Liebhaber vom letzten Sommer, der halbherzig überlegt, sie doch noch von der Heirat abzubringen. Auch Dolly überlegt im Stillen, wie es wohl wäre, mit Joseph durchzubrennen. Doch als Joseph endlich versucht, sie unter vier Augen zu sprechen, ist ihre einzige Sorge der große Tintenfleck auf ihrem Brautkleid.

Ansonsten müssen wir uns die ganzen ca. 80 Seiten Familiengeplänkel der schlimmsten Sorte anhören, das die Beziehungslosigkeit aller Beteiligten auf Schönste veranschaulicht. Dolly erträgt – keiner weiß, warum – das Ganze nur, weil sie schon eine halbe Flasche Rum getrunken hat. Aber das wird anscheinend nur von Dollys Schwester und ihrer Freundin bemerkt. Mich hätte man dann ja zum Altar tragen müssen.

Nach der Trauung, die der Leser aber gar nicht miterlebt, gibt es noch einen kleinen Knalleffekt, als Joseph Mrs Thatcham ins Gesicht sagt, was er von ihr als Person und als Mutter hält. Doch kurze Zeit darauf hören wir, wie sie telefoniert und wieder von dem „cheerful weather“ redet, das wie geschaffen für eine Hochzeit gewesen sei. Ob sie eine Wahrnehmungsstörung hat?

Out in the drive there, standing about round the motor-car, in the furious March gale, everyone felt as though they were beaten on the back of the head and on the nose with heavy carpets, and having cold steel knives thrust up inside their nostrils, and when they opened their mouths to avoid the pain of this, big wads of iced cotton-wool seemed to be forced against the insides of their throats immediately, so that they choked, and could not draw any breath in.

Julia Strachey (1901 – 1979) war eine Nichte von Lytton-Strachey. Das war sicherlich hilfreich, um Eingang in den Kreis der Bloomsbury Group um Virginia Woolf zu finden. In deren Hogarth Press wurde ihr kleines Werk Cheerful Weather for the Wedding veröffentlicht.  2002 gab es eine Neuauflage bei Persephone Books.  2012 wurde das Buch sogar verfilmt.

Fazit

Die ersten zwei Sätze fassen bereits die ganze Handlung der Geschichte zusammen. Und mehr hätte ich – im Nachhinein – als Leserin auch nicht gebraucht.

Die Geschichte holpert so vor sich hin, und Fragen bleiben offen: Warum haben sich Dolly und Joseph getrennt? Warum will sie Owen eigentlich heiraten? Unerfreuliche Figuren und schreckliche Festtagsgespräche, die die Abgründe einer Familie offenlegen, sind noch nicht per se lesenswert. Und damit sind angeblich komische Szenen verflochten: Mrs Thatcham hat beispielsweise ein Zimmer an zwei Gäste vergeben, was dann zu ansatzweise peinlichen Szenen führt.  Mir ist, als müsste ich sofort einen Jane Austen-Roman lesen …

Aber wie so oft gibt es auch andere Meinungen dazu; in mehreren englischsprachigen Blogs, z. B. Stuck in a Book, werden gerade der zynische Humor des Werkes und die grotesk-überzeichneten Charaktere hervorgehoben.

Ethel Lina White: The Lady Vanishes (1936)

The day before the disaster, Iris Carr had her first premonition of danger. She was used to the protection of a crowd, whom – with unconscious flattery – she called ‚her friends“. An attractive orphan of independent means, she had been surrounded always with clumps of people. They thought for her – or rather, she accepted their opinions, and they shouted for her – since her voice was rather too low in register for mass social intercourse.

So beginnt ein lesenswerter kleiner Roman (218 Seiten), der mit dem Etikett „Kriminalroman“ nur unzureichend beschrieben wäre:

Ethel Lina White: The Lady Vanishes (1936), ursprünglich unter dem Titel The Wheel Spins veröffentlicht

Das Buch weist einige Parallelen mit Rebecca von Daphne du Maurier auf. Nicht nur sind die beiden Bücher in den dreißiger Jahren erschienen und von Hitchcock verfilmt worden (deshalb der neue Titel), beide weisen auch auf interessante und durchaus beunruhigende Fragestellungen hin.

Iris Carr ist zu Beginn keineswegs eine Protagonistin, die sofort das Herz des Lesers gewinnt. Sie ist Mitläuferin in einer unbekümmerten und finanziell sorglosen Horde junger Briten, die irgendwo auf dem Kontinent in Osteuropa ihren Urlaub verbringen und allen anderen Gästen durch ihre Arroganz und Rücksichtslosigkeit gehörig auf die Nerven fallen. Ein Gruppen-Phänomen, das man bis heute beobachten kann:

The crowd had gloried in its unpopularity, which seemed to it a sign of superiority. It frequently remarked in complacent voices, ‚We’re not popular with these people,‘ or ‚They don’t really like us.‘ Under the influence of its mass-hypnotism, Iris wanted no other label. (S. 22 der Taschenbuchausgabe)

Nach einem Streit mit einigen ihrer ‚Freunde‘ beschließt Iris, die Heimreise erst zwei Tage später als die anderen anzutreten. An ihrem letzten Tag jedoch verläuft sie sich in den Bergen und ist das erste Mal auf sich allein gestellt, eine ganz ungewohnte Erfahrung für sie.

Doch das ist nur ein kleiner Vorgeschmack auf das, was sie auf der ersten Etappe der Heimreise, der langen Zugfahrt bis Triest, durchmachen muss. Geschwächt durch einen Hitzschlag schafft sie es erst in der letzten Minute, überhaupt noch in ein Abteil zu gelangen. Dort herrscht eine frostige Stimmung, nur eine britischen Gouvernante in mittlerem Alter kümmert sich ein bisschen um die junge Frau und gemeinsam gehen sie zum Tee ins Zugrestaurant. Zwar redet Winifred Froy zu viel, doch ist sie dabei hilfsbereit und aufmerksam. Sie gibt Iris ein paar Aspirin gegen ihre Kopfschmerzen und Iris ist froh, ein wenig schlafen zu können.

Doch als Iris aufwacht, sind Miss Froy und ihr Gepäck wie vom Erdboden verschwunden. Iris, das haben die ersten Kapitel ja deutlich gemacht, ist eigentlich niemand, der sich allzu viele Gedanken um andere Menschen macht, doch ihre zunächst nachlässige Suche nach Miss Froy steigert sich allmählich zu ernstlicher Besorgnis, Panik, ja fast Hysterie, und zwar vor allem deshalb, weil außer ihr angeblich niemand die kleine unauffällige Dame im Tweedkostüm gesehen hat.

Und so wird die Sorge um das Verschwinden der Frau eng mit der Frage verknüpft, ob Iris auf ihrer eigenen Wahrnehmung beharrt. Oder soll sie nachgeben und den Einflüsterungen Glauben schenken, die ihr einreden wollen, dass sie durch den Sonnenstich ein bisschen durcheinander sei und phantasiert habe? Hätte sie sich Miss Froy nur eingebildet, könnte sie ihrer eigenen Wahrnehmung nie wieder trauen und müsste Angst haben, verrückt zu werden. (Man denke an die Konformitätsstudien von Solomon Asch.)

Gleichzeitig erfahren wir auch, warum einige der anderen Mitreisenden verneinen, je Miss Froy gesehen zu haben. Was steht uns näher, das Wohl einer völlig Unbekannten oder unsere eigenen Sorgen und die potentiellen Unannehmlichkeiten, wenn man sich in fremde Angelegenheiten mischt?

Hier haben wir es nicht mehr ausschließlich mit einem netten kleinen cozy mystery zu tun, zwar sind die Schurken noch arg holzschnittartig, doch die Untertöne sind zu dunkel, zu ernsthaft und der Leser spürt, es hätte tatsächlich alles auch böse ausgehen können. Das Happy End ist nur noch Zufall.

Von meiner Seite eine klare Empfehlung für eine Autorin, die laut Wikipedia in den dreißiger und vierziger Jahren zu den bekanntesten Crime Writers in Großbritannien und Amerika gehörte. Und wer Interesse an der Hitchcock-Verfilmung hat, bitte hier entlang.

Matthew Green: memoirs of an imaginary friend (2012)

Here is what I know: My name is Budo. I have been alive for five years. Five years is very long for someone like me to be alive. Max gave me my name. Max is the only human person who can see me. Max’s parents call me an imaginary friend. I love Max’s teacher, Mrs Gosk. I do not like Max’s other teacher, Mrs Patterson. I am not imaginary.

So fängt einer der größten Leseflops der letzten Monate an. Eigentlich heißt der Autor Matthew Dicks, aber in Großbritannien werden seine Bücher unter Green vermarktet.

Matthew Green: memoirs of an imaginary friend (2012)

Auf Deutsch erschien das Buch unter dem Titel Der beste Freund, den man sich denken kann (2013).

Inhalt

Da gerade keine gute Zeit für Klassiker oder große Romane ist, die der Ruhe und Konzentration bedürfen, aber trotzdem ein Buch her musste, schien mir die Idee von Green zunächst sehr reizvoll:

Budo ist der imaginäre Freund des ca. zehnjährigen Max. Er ist nur so lange existent, wie Max an ihn glaubt und ihn sieht. Er hat auch nur die Eigenschaften und verfügt auch nur über die Fähigkeiten, mit denen ihn sein menschlicher „Schöpfer“ ausgestattet hat. Und dieser Budo nun veröffentlicht seine Memoiren, immer in der Angst, dass er irgendwann – wie alle imaginären Freunde – verschwindet, wenn Max erwachsen(er) wird und seiner nicht mehr bedarf.

Aber noch braucht Max seinen Freund, zumal er autistisch veranlagt ist, am liebsten mit seinem Kriegsspielzeug und unzähligen Soldaten irgendwelche Schlachten nachspielt und menschliche Gesellschaft vermeidet, wo immer es geht. Den Gute-Nacht-Kuss gibt ihm seine Mutter immer erst dann, wenn er schon schläft, da er keine Berührungen mag.

He likes people, but it’s a different kind of liking. He likes people from far away. The farther you stay away from Max, the more he will like you. (S. 10)

Max‘ Eltern gehen ganz unterschiedlich mit seiner Krankheit um. Sein Vater versucht zu verdrängen, dass sein Sohn anders ist, so kommt es öfter zu Auseinandersetzungen und der geneigte Leser erhält dann gleich ein paar Ehetipps.

Sometimes I wish I could tell Max’s mom to be nicer to Max’s dad. She is the boss of the house, but she’s also the boss of Max’s dad, and I don’t think it’s good for him. It makes him feel small and silly. Like when he wants to play poker with friends on a Wednesday night, but he can’t just tell his friends that he will play. He has to ask Max’s mom if it’s okay for him to play, and he has to ask at the right time, when she is in a good mood, or he might not be able to play. (S. 23)

Eher widerwillig geht Max in die Schule, hat Probleme mit einem fiesen Mitschüler und liebt, wie alle anderen auch, die Stunden bei Mrs Gosk, die so ist, wie eine Lehrerin sein sollte.

It’s strange how teachers can go off to college for all those years to learn to become teachers, but some of them never learn the easy stuff. Like making kids laugh. And making sure they know that you love them. (S. 10)

Doch dann wird ein dunklerer Ton angeschlagen: Die unheimliche Aushilfslehrerin Mrs Patterson schafft es, das Vertrauen des Jungen zu erschleichen, und versucht durch ihn, ihren eigenen Dämonen zu entkommen, dafür würde sie über Leichen gehen. Und nun ist Budo gefragt: Wird er – mit Hilfe anderer imaginary friends – es schaffen, seinen menschlichen Freund zu retten? Und wird Max, als es darauf ankommt, es schaffen, eigenständig zu handeln?

Fazit

Man verrühre eine charmante Grundidee mit ein bisschen Spannung, banalem Geplänkel über den Tod, einer ordentlichen Portion Grusel, garniere das Ganze mit einer Spur Autismus und einer extrem schlichten Sprache, und fertig ist das Machwerk, das mir für ein Kinderbuch viel zu bedrohlich wäre und für ein Erwachsenenbuch entschieden zu platt.

Mit Freude zitiere ich Jane Housman. Sie schrieb im Guardian:

The trend for unworldly child narrators (Room, Pigeon English, Extremely Loud and Incredibly Close) is becoming tiresome. The Curious Incident of the Dog in the Night Time kicked off this particular iteration of the trope and felt fresh and engaging. Now one begins to suspect that a narrator on the autistic spectrum is little more than an excuse for artless prose. (20. März 2012)

Gerbrand Bakker: Der Umweg (OA 2010)

An einem frühen Morgen sah sie die Dachse. Sie liefen an dem Steinkreis herum, den sie vor ein paar Tagen entdeckt hatte und gern einmal bei Tagesanbruch sehen wollte. Dachse hatte sie sich immer als friedliche, ein wenig träge und scheue Wesen vorgestellt, aber hier wurde gekämpft und gefaucht. Als die Tiere sie bemerkten, verschwanden sie ohne Hast zwischen den blühenden Stechginstersträuchern.

So beginnt der dritte Roman des Niederländers mit dem wunderschönen Cover, auf dem ein Gänsekopf abgebildet ist:

Gerbrand Bakker: Der Umweg (2010) – ins Deutsche übersetzt von Andreas Ecke (2012)

So beeindruckt ich von seinem ersten Roman Oben ist es still war, so enttäuscht war ich von seinem zweiten Roman Juni und so irritiert bin ich von seinem dritten Werk.

„Sie“, deren Namen wir erst auf den letzten Seiten erfahren, hat ihre Stelle als Literaturdozentin an der Amsterdamer Universität verloren, vermutlich war eine kurze Affäre mit einem Studenten dafür der Anlass. Kurz danach fährt sie ziellos von zu Hause fort, landet eher zufällig in Großbritannien und mietet ein Haus mitten in der walisischen Pampa. Ein paar Kühe und zehn Gänse sind ihre Nachbarn. Dort will sie ihre Ruhe haben und vielleicht an ihrer Dissertation zu der Dichterin Emily Dickinson arbeiten. Ihr Handy hat sie absichtlich auf der Fähre liegenlassen, damit man ihr nicht auf die Spur kommen kann. Wir ahnen rasch, dass es ihr gesundheitlich nicht gut geht. Die Menge der Schmerztabletten, die sie einnimmt, steigt allmählich an.

Irgendwann kommt ein junger Hiker an ihrem Haus vorbei, er will eigentlich die Route eines Wanderweges ausarbeiten, doch stattdessen quartiert er sich bei der eigenbrötlerischen Frau ein. Er kümmert sich um sie, kocht, kauft ein, erledigt Gartenarbeiten, ja, und man kommt sich auch sonst näher.

Andreas Schäfer  schreibt dazu im Tagesspiegel vom 25. März 2012:

Es ist schon rührend, wie die beiden, die nichts von sich erzählen, sich aneinander klammern, als kennten sie sich lange – aber glaubhaft ist diese Beziehung nicht. Denn der Junge ist unwirklich wie eine Einbildung, schleicht auf seinen Sportsocken wie ein herbei gewünschter Engel durch die Räume, und auch Agnes bleibt für ihn eher ein Gespenst. Statt zu sprechen, seufzt sie „Ach!“, außerdem verschweigt sie ihren wirklichen Namen und nennt sich Emily, nach der Dichterin Emily Dickinson, über die sie promoviert.

Parallel dazu gibt es einen zweiten Handlungsstrang: Ihr Mann, der ihr Fortgehen zunächst so hingenommen hatte, erfährt etwas, das ihn dazu bewegt, doch einen Privatdetektiv zu beauftragen, der ihren Aufenthaltsort ermitteln soll, so dass er ihr folgen kann.

Fazit

Es gibt Gemeinsamkeiten im Bakkerschen Literaturkosmos: Alle Romane spielen auf dem Land und die Protagonisten sind wie immer bei ihm nicht fähig oder willens, sich über die sie existenziell betreffenden Fragen zu äußern. Agnes ist ausgesprochen spröde, will niemanden mehr an sich heranlassen, und auch zu ihren Gedanken erhalten wir nur sehr spärlichen Zugang. Die Leserin, der Leser muss sich anhand der äußeren Handlung überlegen, was wohl in der Frau vorgeht und was sie antreibt. Eine Literaturdozentin, die nicht kommunizieren will oder kann und dem Mann und den Eltern – Freunde werden erst gar nicht erwähnt – nicht mitteilt, wo sie ist. Einfach abhaut, ein nettes Haus mietet, Geld anscheinend kein Problem. Das war für mich von vornherein nicht stimmig bzw. nicht nachvollziehbar.

Egal, wo man hinschaut, in diesem Roman wird man von Ödnis und Sprachlosigkeit umfangen. Das hat Blogger Tony auf Tony’s Book World dazu inspiriert, die neue Romankategorie „gorse novel“ (Ginsterroman) zu kreieren. Köstlich, ein Ginsterroman muss nämlich vier Kritierien erfüllen:

 1. A Gorse Novel takes place in an isolated rural area where the people are few and far between.  But these lonely souls make up for their sparseness with all of their eccentricities.

 2. These folks in a Gorse Novel are necessarily very close to nature, and the novel will contain elaborate descriptions of the birds, the other wildlife, the plants, or the weather that will usually put all but the most dedicated readers to restful sleep.

 3. People in a Gorse Novel don’t say much, and when they do, it is only in a few short words which are supposed to be Greatly Significant.  So when a character says “Storm’s a coming”, it means much more than that a storm is approaching.

 4. Nothing much happens in a Gorse Novel.  There is an eerie sense of quiet and calm, so finally when some tiny event happens like an itch or a cough, it seems as momentous as an earthquake.

Als fünftes Kriterium könnte man vielleicht noch ergänzen, dass eine Einsamkeit zelebriert werden muss, die einen frösteln macht.

Letztlich negiert das Buch – zumindest für die Hauptperson – jede Möglichkeit auf Gemeinschaft. Auch die Beziehung zu dem jungen Bradwen funktioniert ja nicht auf Augenhöhe. Ihre Begegnungen mit den Dorfbewohnern, dem Arzt, der sie nach einem Dachsbiss behandelt und ihr Schlaftabletten verschreiben soll, muten immer bedrohlicher an.

… und weil die Hauptfigur klärende Erinnerung verweigert, wird die Umwelt im Zustand der Verdrängung ein unheimlicher Projektionsraum, in dem sich Sehnsüchte und Ängste spiegeln. (Andreas Schäfer)

Ich kann mir einfach keine Frau vorstellen, die sich gerade noch auf ihre Fruchtbarkeit hat untersuchen lassen, um dann kurze Zeit später dem Ehemann nicht einmal mitzuteilen, was sie bedrängt, und einfach „weggeht“. Der Erzähler gibt uns außerdem den aufdringlichen Hinweis auf eine Katze, die auch einfach weggehe, wenn sie spürt, dass ihre Zeit gekommen sei.

Allerdings macht die Frau durchaus eine Entwicklung in dem Sinne durch, dass sie sich innerlich komplett von ihrem bisherigen Leben und Beziehungen lossagt. Schließlich verschwindet sogar das Heimweh bzw. die Wehmut, wenn sie an ihre Vergangenheit denkt. Ihr wird immer klarer, was sie eigentlich will, und sie wird es auch in die Tat umsetzen.

Sie ging noch ein Stück weiter, der Hohlweg stieg leicht an. Nach vielleicht zehn Minuten kam sie zu einer T-Gabelung, und dort sah sie zum ersten Mal den Berg. In diesem Moment wurde ihr klar, wie weit die Landschaft hinter ihrem Haus war und wie klein sie ihren Raum gehalten hatte. (S. 19)

Der Der Umweg und ich sind keine Freunde geworden. Auch die Art, in der das Ende der Handlung gestaltet ist, fand ich mehr als befremdlich. Gekünstelt. Da hat es auch nicht mehr geholfen, dass Bakkers Sprache ab und zu zu wahrer Meisterschaft auflief:

Das zähe Fließen des Bachs trug sie fort, ihr Denken dehnte sich, jeden Moment würde sie einschlafen. Sie hatte gerade noch genug Zeit für den Gedanken, wie angenehm es war zu schlafen. So von allem gelöst. So frei von den Dingen, über die der wache Mensch sich den Kopf zerbricht, vor denen er Angst hat, denen er mit Schrecken entgegensieht. (S. 159)

Wer sich die ersten drei Seiten vorlesen lassen möchte, klicke hier den Kanal von „Drei Erste Seiten“ an.

Lesemond und Syn-ästhetisch konnten dem Buch jedoch wesentlich mehr abgewinnen. Auch im Guardian wurde der Roman sehr positiv besprochen und die englische Übersetzung steht auf der Shortlist für den Independent Foreign Fiction Prize 2013. Und sehr gern weise ich auf eine einfühlsame Besprechung auf dem Grauen Sofa hin.

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Tilman Rammstedt: Der Kaiser von China (2008)

Dass mein Großvater zu dem Zeitpunkt, als mich seine vorletzte Postkarte erreichte, bereits tot war, konnte ich nicht wissen. Ich hatte sie ungelesen beiseitegelegt, so wie ich auch die vorangegangenen Postkarten ungelesen beiseitegelegt hatte. Gemeinsam mit den Rechnungen und Wurfsendungen, zwischen denen sie fast täglich lauerten, bildeten sie unter dem Schreibtisch einen immer waghalsigeren Stapel, den ich mit einer alten Zeitung abdeckte, auch wenn das wenig half, ich wusste schließlich, was sich darunter verbarg.

So beginnt der Roman des 1975 geborenen Autors, der dafür 2008 den Ingeborg-Bachmann-Preis erhielt:

Tilmann Rammstedt: Der Kaiser von China (2008)

Zum Inhalt

Keith Stapperpfennig wächst elternlos, mit vier vermutlich leiblichen Geschwistern beim nicht ganz leicht zu beeindruckenden Großvater auf, der nicht nur die Freundinnen des Enkels anflirtet, sondern seinen Enkeln jede Sommersaison eine neue und möglichst junge Geliebte präsentiert.

In eine dieser Frauen, Franziska, die 26 Jahre jünger ist als der muntere Alte, verliebt sich auch Keith. Und die wechselt dann halt kurzerhand die Betten. Das erste Mal übrigens, als der Großvater mit Herzflimmern auf der Intensivstation im Krankenhaus liegt, und passenderweise ist das Nachbarbett gerade nicht belegt…

Die Enkel schenken nun dem genesenden Großvater eine gemeinsame Reise. Dummerweise will der ausgerechnet nach China. Keiner will ihn dahin begleiten. Es bleibt an Keith hängen, doch der verzockt das Reisegeld und erfindet nun – während sich der Großvater allein auf den Weg macht – eine wilde Geschichte von seinen Reiseabenteuern mit Opa in China, die er seinen Geschwistern in immer längeren Briefen erzählt. Alles wüst zusammengeklaut aus dem Lonely Planet.

Dummerweise verstirbt der Großvater irgendwo im Westerwald und Keith soll ihn nun identifizieren. Das ist natürlich alles nicht ganz einfach, weil für den Rest der Sippe die beiden ja noch in China weilen und weil just für den Tag geplant war, Franziska zu heiraten. Folglich bleibt er erst mal unter dem Schreibtisch hocken und überlegt, was zu tun ist.

Fazit

Also, Gewinner des Bachmannpreises, weil das Werk so komisch, so traurig, so brillant sei. Eine Geschichte über den Generationenkonflikt, ein Abschiednehmen. Nun gut.

Samuel Moser äußerte sich am 7. April 2009 in der Neuen Zürcher Zeitung schon etwas zurückhaltender: „Zu seinen Stärken gehört zweifellos auch das verführerisch rasante Erzählen nach vorn, das Erzählen um des Erzählens willen. Auch die Klagenfurter Jury hat diesem Sog nicht widerstanden und Tilman Rammstedt im vergangenen Jahr mit dem Bachmann-Preis ausgezeichnet. Irgendeinmal aber wird man sich die Augen reiben. Das Raffinement des Romans erscheint einem dann als pures Arrangement und seine rhetorische Brillanz als Redseligkeit. Der Grossvater ist zwar eine rührende Karikatur und die Chinareise listig aus dem «Lonely Planet» herausgeschrieben. Daraus macht der Autor auch gar kein Hehl, dass auch er nur bis in den Westerwald gekommen ist. Aber gerade die Geschichte derer, die nie weiter kamen, kommt zu kurz. Sie wird überspült von all den Tricks einer geschmierten Satzmaschine, die dann eben doch ein Ziel hat: (gute) Unterhaltung.“

Ich weiß, ich bin ja selbst schuld, ich hätte mir denken sollen, dass das kein Buch für mich ist. Einige skurrile Dialoge, ein paar gelungene Formulierungen und Figuren, die eher Karikaturen ähneln, eine Geschichte, die man auch nicht einen Moment lang glauben kann und soll, ein Humor, der für mich in Klamauk umkippte, das kam mir vor wie jemand, der mir eine Stunde lang versucht, einen Witz zu erzählen, bei dem ich am Ende nicht einmal lachen muss.

Eine interessante und faire Besprechung gab es noch von Wiebke Poromka in der Taz am 13. Dezember 2008.

Wer noch eine Besprechung lesen möchte von jemandem, der sehr angetan von dem Buch war, dem empfehle ich den Blog Schöne Seiten.

Irène Némirovsky: Der Ball (OA 1930)

Als Madame Kampf das Studierzimmer betrat, zog sie die Tür derart schroff hinter sich zu, daß der Kristallüster im Luftzug klingelte wie reines, leises Glöckchengeläut. Doch Antoinette, die so tief über das Pult gebeugt saß, daß ihr Haar die Buchseite streifte, hatte nicht aufgehört zu lesen. Ihre Mutter sah sie einen Augenblick wortlos an; dann baute sie sich vor ihr auf, die Arme vor der Brust verschränkt.

So beginnt die Erzählung der jüdischen Autorin, die 1942 im KZ Auschwitz ums Leben kam:

Irène Némirovsky: Der Ball (1930) – neu übersetzt von Claudia Kalscheuer (2005)

In der kaum 90 Seiten langen Erzählung werden die Vorbereitungen zu einem Ball geschildert, den das durch eine Börsenspekulation zu plötzlichem Reichtum gekommene Ehepaar Kampf geben will. Der Ball, bei dem über 170 Gäste erwartet werden, soll ihre neue gesellschaftliche Stellung demonstrieren und ihnen Eintritt in bessere Kreise verschaffen. Eine arme Verwandte wird nur deshalb eingeladen, damit diese dann später der ganzen Verwandtschaft von dem glänzenden Ereignis erzählen kann. Denn die familiären Beziehungen sind trübe, hatte sich die Familie doch vor vielen Jahren gegen die Ehe Madame Kampfs mit einem Juden ausgesprochen.

Die boshafte und herrische Madame Kampf fürchtet bei dem Ball die Konkurrenz ihrer vierzehnjährigen Tochter Antoinette, deshalb soll diese auch nicht am Ball teilnehmen, sondern den Abend in der Rumpelkammer verbringen, da man in ihrem Zimmer die Bar einrichten will. Dabei wünscht sich Antoinette, die noch voller Jungmädchenträume ist, nichts so sehr wie wenigstens eine Viertelstunde an dem Ereignis teilnehmen zu dürfen.

Ein Ball … Lieber Gott, lieber Gott, wäre es denn möglich, daß nur ein paar Schritte von ihr entfernt dieses herrliche Ereignis stattfände, das sie sich undeutlich als ein Gewirr von wilder Musik, berauschenden Parfums, prachtvollen Gewändern vorstellte, mit geflüsterten Liebesworten in einem abgelegenen Separee, dunkel und kühl wie ein Alkoven – und daß sie an diesem Abend wie an jedem anderen um neun Uhr im Bett läge, wie ein Baby? (S. 29)

Doch die Beziehung zwischen Tochter und Mutter ist schon seit Jahren zerrüttet, spätestens seitdem die Mutter die Elfjährige auf der Straße geohrfeigt und öffentlich gedemütigt hat. Kein Wunder also, dass das Mädchen ihrer Mutter nichts als Angst und Hass entgegenbringt.

Antoinette findet – zufällig – einen Weg, sich zu rächen und das Kartenhaus ihrer Eltern zum Einsturz zu bringen.

Eine Art Schwindel erfaßte sie, ein wilder Drang, allem zu trotzen und Böses zu tun. (S. 51)

Fazit

Zum Glück ist das Werk so kurz, denn länger hätte ich es wohl kaum mit solch unsympathischen Figuren ausgehalten.

Aber gerade in der Verknappung liegt auch der Reiz der Geschichte, die schon eine Charakterstudie ersten Ranges darstellt. Weder die Eltern noch Antoinette werden in Schwarz-Weiß gezeigt, alle – auch Antoinette – sind geprägt von ihrem Umfeld und fast bekommt man ein bisschen Mitleid mit der Mutter, die einem Ziel hinterherläuft, das sie niemals wird erreichen können. Sie kommt gar nicht auf die Idee, ihre Götzen Reichtum und gesellschaftliche Anerkennung zu hinterfragen. Sie möchte unbedingt etwas darstellen, doch dabei kommt bestenfalls eine Karikatur heraus, beispielsweise wenn sie sich dabei ertappt, so grob und „unfein“ wie früher zu reden. Im Grunde ist sie von Minderwertigkeitsgefühlen zerfressen und sucht die Nähe der Reichen, um selbst jemand zu sein.

Die Irrungen und Wirrungen der heranwachsenden Antoinette werden ebenfalls feinfühlig dargelegt und so ist „Der Ball“ auch eine Geschichte über das Überschreiten der Schwelle von der Kindheit zum Erwachsenen. Dabei ist sie keineswegs nur das Opfer ihrer charakterlosen Mutter, sondern auch – wie sie mit Schrecken feststellen muss – ihr Spiegelbild.

Zur Autorin

Némirovsky, die Tochter eines jüdischen Bankiers, wurde in der Ukraine geboren.

Da ihre Eltern sich nicht sonderlich für sie interessierten, wuchs sie unter der Obhut einer französischen Gouvernante auf, so dass Französisch ihr zur zweiten Muttersprache wurde. Im Verlauf der Russischen Revolution floh die Familie und kam über Finnland und Schweden 1919 nach Paris. In den 1920er Jahren gelangte ihre Familie wieder zu Reichtum und Irène konnte ein behütetes und luxuriöses Leben führen. (Wikipedia)

Sie wurde zu einer gefeierten Schriftstellerin, die sich – trotz ihrer jüdischen Herkunft – immer wieder den Vorwurf einhandelte, selbst antisemitisch zu sein und den Vorurteilen der Nazis noch Munition zu verschaffen, da sie in ihren Werken oft ein unsympathisch geldgieriges jüdisches Milieu schilderte und bis zum bitteren Schluss auch bereit war, für antisemitische Zeitungen zu schreiben (siehe den Artikel von Ruth Franklin, Januar 2008 in The New Republic). 1926 heiratete sie den jüdischen Physikingenieur und späteren Bankier Michel Epstein, auch er wurde deportiert. Die zwei Töchter des Ehepaares, Élisabeth und Denise, überlebten den Holocaust.

Erst als ihre älteste Tochter Denise in den späten neunziger Jahren des letzten Jahrhunderts plante, einen Koffer mit Notizen ihrer Mutter einem Archiv zu übergeben, nahm sie den Inhalt des Koffers genauer in Augenschein. Dabei wurde 1998 das Romanfragment Suite Francaise entdeckt und nach seiner Veröffentlichung im Jahre 2004 eine literarische Sensation. Némirovsky war die erste, der posthum der französische Literaturpreis Prix Renaudot verliehen wurde.

Daraufhin setzte eine weltweite Neuentdeckung der Schriftstellerin ein. Im Jewish Quarterly erschien im Herbst 2008 ein lesenswerter Artikel von Tadzio Koelb, der sich kritisch mit der begeisterten Rezeption von Suite Francaise in der britischen Presse auseinandersetzt und den Literaturkritikern vorwirft, sich zu wenig mit dem Roman selbst zu beschäftigen und ihn vorschnell als Meisterwerk zu verklären, und zwar hauptsächlich aufgrund des fantastisch vermarktbaren Schicksals der Autorin.

1992 erschien Élisabeth Gilles Biografie ihrer Mutter, die sie nie richtig hatte kennenlernen dürfen: Le Mirador: mémoires rêvés (auf Deutsch: Erträumte Erinnerungen) und 2007 veröffentlichten Olivier Philipponnat und Patrick Lienhardt ihre hochgelobte Biografie zu Némirovsky. Sie weisen die Etikettierung der Schriftstellerin als „antisemitisch“ eindeutig zurück:

Némirovsky rejected the accusations. When a reporter from a Zionist newspaper showed up at her home, she said: “I’m accused of anti-Semitism? Come now, that’s absurd! For I’m Jewish myself and say so to anyone prepared to listen!” But Jewish enemies were making use of her characters, the reporter persisted. “Nevertheless, that’s the way I saw them,” she replied. To Mr. Philipponnat and Mr. Lienhardt critics then and now have given the book a myopic reading. Calling it a depiction of a social milieu, they ask, “Had ‘David Golder’ been written in 2009 by Bernard Madoff’s daughter, who would dream of accusing her of anti-Semitic views? (Patricia Cohen, am 25. April 2010 in der New York Times)

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Astrid Rosenfeld: Adams Erbe (2011)

Fängt man an zu schreiben, weil es jemanden gibt, dem man alles erzählen will? Fängt man an zu erzählen, weil der Gedanke, dass alles einfach verschwinden soll, unerträglich ist?

So, eigentlich vielversprechend, beginnt das Romandebüt der 1977 in Köln geborenen Autorin:

Astrid Rosenfeld: Adams Erbe (2011)

Begeisterte Bloggerinnen allerorten, auch die FAZ und die Neue Zürcher Zeitung nahmen sich des Romans an, der es 2011 auf die Longlist des Deutschen Buchpreises schaffte. Meine Erwartungen waren also hoch.

Doch nach dem Lesen bin ich enttäuscht und ratlos, was hat die anderen dermaßen entzückt, was habe ich übersehen?

Zum Inhalt: erster Teil

Im ersten Teil erzählt uns der aus einer jüdischen Familie stammende Edward Cohen die Geschichte seiner ungewöhnlichen Kindheit und Jugend. Er wurde in den siebziger/achtziger Jahren des letzten Jahrhunderts geboren, lebt die ersten Jahre – zusammen mit seiner Mutter – bei seinen Großeltern in Berlin, verbringt die Jugend mit Mutter und halbkriminellem Stiefvater in wechselnden deutschen Städten, lässt sich schließlich durchs Leben treiben und nach oberflächlichen Versuchen, in Berlin ein bisschen zu studieren, ist er irgendwann als junger Mann Besitzer einer Boutique. Genau genommen erzählt er nicht uns diese Geschichte, sondern schreibt sie auf für Amy, mit der er eine Nacht verbracht hat und die dann zurück nach England gegangen ist. Das ist auch gut so, denn damit ist ihre Aufgabe im Buch bereits erledigt.

Zwischenfazit

Dieser Teil des Buches ist eine Art des Schelmenromans, mit der ich so gar nichts anfangen kann. Ich wünschte, das Buch wäre noch einmal kräftig überarbeitet worden. Die ständigen Perspektivwechsel zwischen dem kindlichen und dem erwachsenen Erzähler Edward schrammen unharmonisch gegeneinander.

Ich liebte meine Autos, ich hielt mich für einen Spezialisten und wollte später irgendwas mit Autos machen, wie wohl fast jeder sechsjährige Junge. Ich war wahrlich kein originelles Kind. Und als gerade der goldene Jaguar, das Juwel meiner Sammlung, den weißen Mustang rammte, hörte ich meinen Großvater schluchzen. Er saß hinter mir auf dem Boden. (S. 9 – 10)

Die Personen wirken manchmal witzig, skurril, ein wenig überzeichnet, was vielleicht der Kinderperspektive geschuldet sein soll. Oft aber auch zweidimensional, ja slapstickhaft: die gestrenge Oma, die betrunken-unglückliche Klavierlehrerin, der alberne Professor mit dem albernen Namen, die naiv-herzliche Mutter, der hübsche, aber halbkriminelle Jack Ross etc. Und wer käme auf die Idee, sein Herz jemandem auszuschütten, den er für dumm hält?

Magda (die Mutter des Erzählers Edward) hatte viele Freundinnen. Sie alle hielten meine Mutter für einfältig, trotzdem kamen sie ständig zu Besuch und schütteten ihr in unserem Wohnzimmer ihr Herz aus, denn Magda hatte Zeit und war eine gute Zuhörerin. (S. 14)

Jack Ross, der Stiefvater Edwards, wirkt wie eine Montage: Warum Jack, der so eine Ähnlichkeit mit Elvis haben soll und alle Frauen betört, sofort bereit ist, Magda zu heiraten, die bereits Ende 30 ist, bleibt schleierhaft. Seine Wutanfälle, in denen er Edward auch mal bewusstlos prügelt, bleiben unmotiviert und der Ich-Erzähler behauptet auch noch, dass seine Liebe zu seinem Stiefvater Jack nach einer solchen Prügelorgie noch nicht einmal einen Kratzer davonträgt. Da hilft auch die künstliche Verklärung Jacks als „Gott der Elefanten“ nicht weiter (Edward hatte Jack im Zoo vor dem Elefantengehege kennengelernt).

Zum Inhalt: zweiter Teil

Nach dem Tod der Großmutter findet Edward auf dem Dachboden seiner Großeltern ein noch ungeöffnetes Päckchen mit Aufzeichnungen seines Großonkels Adam, dem er so unwahrscheinlich ähnlich sehen soll. Dass jene Aufzeichnungen noch nie zuvor gelesen wurden, ist schon merkwürdig, denn Edwards Großvater hat auf dem Dachboden quasi seine letzten Jahre verbracht und Edward und seine Mutter haben in dieser Wohnung ja auch jahrelang gelebt.

Diese Aufzeichnungen bilden nun den zweiten Teil der Geschichte. Wir erfahren, dass Großonkel Adam, dem eine gewisse Naivität nicht abgesprochen werden kann, als junger Mann während der Zeit des Nationalsozialismus alles, buchstäblich alles aufs Spiel gesetzt hat, um seine große Liebe Anna vor dem Irrsinn der Barbarei zu retten. Ein verwegenes Unterfangen, für das er – ohne es zu ahnen – das Leben seiner Mutter und Großmutter zerstört.

Ein merkwürdiger Tauschhandel sorgt dafür, dass Adam schließlich sogar bis ins Warschauer Ghetto kommt, wo er Anna vermutet.

Fazit

Der Erzählerton ist jetzt ein ganz anderer, viel ernsthafter, aber ob das Ghetto der richtige Handlungsort ist, um den Versuch zu unternehmen, einem Unterhaltungs- und Liebesroman ein bisschen Spannung und Grusel zu verleihen, scheint mir persönlich mehr als fraglich. Für mich geht das alles nicht richtig zusammen.

Judith Leister hat in der FAZ  vermutet, dass eine ‚derart konventionelle Abhandlung eines so schwieriges Themas wie der Judenverfolgung‘ „dem unbefangeneren Zugang einer neuen Autorengeneration geschuldet“ sein könnte.

Die symmetrische Anordnung der wesentlichen Handlungslinien in Vergangenheit und Gegenwart kann man als künstlich empfinden oder als hilfreich:

Das Strukturprinzip der Spiegelung verbindet die beiden ungleich langen Teile. Nicht nur sehen sich die beiden Protagonisten Adam und Edward verblüffend ähnlich; auch ihre Mütter gleichen sich in ihrer Unscheinbarkeit und die Väter in ihrer Lebensuntauglichkeit, während die Grossmütter Edda und Lara als resolute Damen auftreten. Diese Muster mögen konstruiert erscheinen, aber sie erweisen sich auch als hilfreich für den Leser, der sich in diesem ausufernden Stoff erst einmal zurechtfinden muss.

Keine Ahnung, wieso Beatrice Eichmann-Leutenegger (NZZ vom 12. Juli 2011) diese Muster zur Orientierung gebraucht hat. So kompliziert war das nun wirklich nicht. Außerdem hätte sie noch erwähnen können, dass beide Vaterfiguren frühzeitig das Zeitliche segnen und dass beide Romanteile an eine Frau – einmal an Amy und einmal an Anna – adressiert sind, die beide für den Absender unerreichbar sind und deren Namen sich auch noch ähneln. Seufz.

Und ganz enttäuschend flach fand ich das Ende des Romans, in dem sich die beiden Handlungsstränge kurzzeitig begegnen.

Das Buch wirkt streckenweise wie aus Versatzstücken zusammengehauen, aber das Buch wäre vielleicht eine geeignete Filmvorlage. Und Rosenfeld hat ja als Casterin gearbeitet.

Wer wirklich etwas über Liebe in der Zeit des Nationalsozialismus lesen möchte, der könnte unter diesem Blickwinkel die Lebensgeschichte von Marcel Reich-Ranicki oder die Tagebücher von Viktor Klemperer lesen. Und wer wissen möchte, wie man die Nazi-Gräuel in Literatur übersetzt, dem sei beispielsweise Falladas Jeder stirbt für sich allein empfohlen.

Die TAZ hat in ihrem Montagsinterview vom 9. September 2011 die Autorin gefragt, was genau sie denn mit ihrem Buch, ihrem Erzählen habe festhalten wollen. Rosenfelds Antwort:

Das waren zwei Dinge. Zum einen die Frage, ob eine einzelne persönliche Begegnung für einen Menschen wirklich alles ändern kann. Und dann dieser völlig unoriginelle Gedanke über den Holocaust: Wie konnte das nur passieren? Das Erstaunen darüber, wozu Menschen fähig sind.

Vielleicht habe ich mich genau an dieser Mischung gestört. Auch wenn Rosenfeld selbstkritisch anmerkt:

Es tauchte schon auch die Frage auf, ob man das denn darf: als 34-jährige Deutsche aus der Ich-Perspektive über das Warschauer Ghetto schreiben. Aber der Konsens war, dass es geht. Gleich bei meiner ersten Lesung – bei den Literaturtagen in Rauris – saß im Publikum Aharon Appelfeld. Ein Holocaust-Überlebender, der seine eigenen Lebensgeschichte aufgeschrieben hat. Ich hatte Angst, dass er aufsteht und sagt: „Alles Quatsch!“ Aber er war wahnsinnig nett und hat mich nach Israel eingeladen. Ab da hatte ich keine Angst mehr.

In einem Beitrag des Deutschlandfunk äußert sich Rosenfeld auch zu dem Humor im Buch, den sie zum einen damit begründet, dass das eben ihre Stimme sei, und außerdem glaube sie daran:

… dass vor allem je schwerer das Thema ist, über das man spricht, desto mehr Sinn macht es, darin irgendeine Leichtigkeit zu finden, damit man wirklich die Geschichte bis zum Ende ertragen kann, einfach.

Und schließlich:

Also ich lache wahnsinnig gerne und natürlich gibt es auch die Momente im zweiten Teil, wo es nicht mehr komisch wird. Es ist ja auch fern ab von irgendwie Slapstick oder so was, aber, ja, ich finde das Leben teilweise, es ist halt so was eher nicht Witziges, sondern Groteskes und manchmal steht man da und denkt sich, jetzt muss ich aber lachen, weil es ist absurd.

Der zweite Grund gefällt mir so gar nicht: Warum sollte man das Unerträgliche für den Leser erträglich machen? Ist das nicht doch – wenn auch ungewollt – verharmlosend? Das Grauen wird bekömmlich.

Ein Interview mit der Autorin findet man in der Interview Lounge, in dem sie auch nach ihrer letzten Lektüre gefragt wird. Voller Begeisterung nennt sie Des Menschen Hörigkeit von Somerset Maugham (im englischen Original Of Human Bondage),  das Buch sei „spannend wie ein Krimi, obwohl es überhaupt nichts mit einem Krimi zu tun hat.“

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Klaus Modick: Sunset (2011)

Zwischen Himmel und Meer gähnt der Morgennebel, zieht Strand und Uferstraße in seinen silbergrauen Schlund, scheint aber vor den Palmen zurückzuweichen. Die hageren Stämme recken sich wie Wesen aus mythischen Zeiten, archaische Wächter des Landes, die mit scharf gefiederten Lanzen dem Nebel Einhalt gebieten.

So – in der Bildhaftigkeit ein bisschen bemüht und gekünstelt – beginnt der Roman um einen Tag im Leben des alternden Schriftstellers Lion Feuchtwanger:

Klaus Modick: Sunset (2011)

Kurz zum Hintergrund

Feuchtwanger, 1884 in München geboren und Sohn eines begüterten Margarine-Fabrikanten, fühlte sich schon früh zur Schriftstellerei hingezogen. Er studierte und promovierte, nahm jedoch wegen seiner jüdischen Abstammung Abstand von einer Habilitation.

Mit seinen historischen Romanen wurde er einer der erfolgreichsten deutschen Schriftsteller des zwanzigsten Jahrhunderts. Bereits 1918 erkannte er das Talent Brechts, mit dem ihn eine lebenslange Freundschaft und Arbeitsbeziehung verbinden sollte, was die beiden jedoch nicht daran hinderte, sich bis zum Tode Brechts zu siezen.

Klaus Modick, Schriftsteller und Übersetzer, hat 1980 mit einer Arbeit zu Lion Feuchtwanger promoviert.

Zum Buch

Das Werk schildert einen einzigen Tag im Leben Feuchtwangers, und zwar im August 1956, als er in seiner amerikanischen Wahlheimat in Los Angeles das Telegramm vom Tode Brechts erhält.

Feuchtwanger ist allein zu Haus, da seine Frau Martha wegen Fragen zur Einbürgerung bei einem Anwalt ist. Die Nachricht vom Tode seines vielleicht einzigen Freundes löst nun eine Flut an Erinnerungen und Reflexionen auch über das eigene Leben und Schreiben aus. Er erinnert sich z. B. an den Tag, als er den jungen Brecht kennengelernte, an ihre nicht immer unkomplizierte Beziehung und ihre Exilantengemeinschaft in Amerika, die keineswegs frei von Tratsch und Spannungen und Eifersüchteleien war.

Zu diesem Kreis gehörten auch Werfels, Heinrich und Thomas Mann und Arnold Zweig. Doch im Laufe der Zeit sterben die ehemaligen Freunde und Weggefährten oder sie kehren nach Europa zurück, während Feuchtwanger unter den Argusaugen der McCarthy-Hysterie versucht, für sich und seine Frau Martha die amerikanische Staatsbürgerschaft zu bekommen.

Im Laufe dieses Tages muss er nicht nur von seinem Freund Abschied nehmen, sondern sich auch Rechenschaft über sein eigenes Werk und Schreiben geben und sich eingestehen, dass er selbst nun alt ist und die Kräfte schwinden. Andauernde Magenschmerzen machen ihm zu schaffen…

Fazit

Interessant ist das Buch, wenn man der Beziehung zwischen Brecht und Feuchtwanger nachgehen möchte. Als Roman selbst hat mich das Buch kalt gelassen. Es wirkt auf mich an vielen Stellen gekünstelt und „nachempfunden“ und ich habe selten vergessen, dass sich da einer eben vorstellt, wie dieser Tag im Leben Feuchtwanger  ausgesehen haben könnte. Das wirkt kenntnisreich und vorzüglich recherchiert und doch arg blutarm.

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