Sam Selvon: The Lonely Londoners (1956)

Einundsechzig Jahre hat es gedauert, bis nun endlich The Lonely Londoners – der britische Klassiker um Immigranten in London, erschienen 1956 – ins Deutsche übersetzt wurde.  Das englische Original von nur 139 Seiten beginnt mit den Worten:

One grim winter evening, when it had a kind of unrealness about London, with a fog sleeping restlessly over the city and the lights showing in the blur as if is not London at all but some strange place on another planet, Moses Aloetta hop on a number 46 bus at the corner of Chepstow Road and Westbourne Grove to go to Waterloo to meet a fellar who was coming from Trinidad on the boat-train.

Selvon (1923 – 1994) verarbeitet darin eigene Erfahrungen, auch er wanderte in den 1950er Jahren aus Trinidad nach Großbritannien ein, als es für die Einwohner der ehemaligen Kolonien des Empire noch keine Einwanderungsbeschränkungen gab.

Zusammengehalten wird das Werk durch die Figur des Moses Aleotta, ebenfalls aus Trinidad, der schon seit zehn Jahren in London lebt und sich als widerwillig-hilfsbereiter Genosse zeigt, wenn es darum geht, den immer zahlreicher werdenden Neuankömmlingen mit Informationen zur Seite zu stehen. So begleitet er auch Henry, den er am Bahnhof abgeholt hat, zum Ministry of Labour.

It ain’t have no place in the world that exactly like a place where a lot of men get together to look for work and draw money from the Welfare State while they ain’t working. Is a kind of place where hate and disgust and avarice and malice and sympathy and sorrow and pity all mix up. Is a place where everyone is your enemy and your friend. (S. 27)

Jeden Sonntagmorgen treffen sich in Moses‘ kleinem schäbigen Zimmer – zu mehr hat er es in all den Jahren nicht gebracht – seine Freunde und Bekannten und tauschen Neuigkeiten über Arbeit, Zimmersuche, Frauen und die Heimat aus.

Moses ist auch derjenige, der sich keinen Illusionen mehr hingibt, er weiß um den Rassismus, der ihnen unvermutet überall entgegenspringen kann, auch wenn er sich höflicher tarnt als der in Amerika. Er weiß, welche Probleme es gibt, wenn ein Einwanderer ein weißes Mädchen heiraten will: Entweder wird er vom Vater des Mädchens aus dem Haus geworfen oder, wenn das Mädchen standhaft ist, werden die Kinder des Paares später als Darkies beschimpft.

Moses ist ein interessanter Charakter, der seine Situation in ihrer Widersprüchlichkeit reflektiert, z. B. wenn er versucht, sich darüber Rechenschaft zu geben, warum er nie zurückgegangen ist, obwohl sich die Träume auf Wohlstand und Anerkennung nicht erfüllt haben.

‚Sometimes I look back on all the years I spend in Brit’n,‘ Moses say, ‚and I surprise that so many years gone by. Looking at things in general life really hard for the boys in London. This is a lonely miserable city, if it was that we didn’t get together now and then to talk about things back home, we would suffer like hell. Here is not like home where you have friends all about. … (S. 126)

Er fungiert gleichsam als Klammer für viele andere Geschichten und Schicksale, von denen er hört, die er miterlebt und kommentiert. Dabei nimmt er geradezu stoisch zur Kenntnis, dass einzelne kiffende Faulpelze und Sozialleistungen-Schnorrer die Vorurteile gegenüber allen Farbigen befördern und dass harte Arbeit kein Garant fürs Vorwärtskommen ist.

Oft genug ist Moses die Stimme der Vernunft, doch er hat sich damit abgefunden, dass kaum jemand auf ihn hört. Und Henry Oliver, den er am Bahnhof abholen soll, wird von ihm nur „Galahad“ genannt, weil der sich weigert, die Dinge so nüchtern-abgeklärt wie Moses zu sehen.

Things does have a way of fixing themselves, whether you worry or not. If you hustle, it will happen, if you don’t hustle, it will still happen. Everybody living to dead, no matter what they doing while they living, in the end everybody dead. (S. 52)

Wir erfahren nicht nur von Lewis, der seine Frau so lange verprügelt, bis sie ihn verlässt, sondern auch von der hinreißenden Tanty, die zu stolz ist, zuzugeben, wie viel Angst ihr U-Bahn und Busfahren machen. Wir erfahren von Einwanderern, die so hungrig sind, dass sie eine Taube im Park fangen und dann als Monster beschimpft werden.

Und fast unbemerkt von der Öffentlichkeit eröffnen Einwanderer die ersten Geschäfte, z. B. mit bestimmten Lebensmitteln, und tragen so zu einer bunteren britischen Gesellschaft bei. Das liest sich unglaublich spannend, so als säße jemand bei uns im Zimmer und würde uns erzählen, wie das damals war, auch wenn zwischenzeitlich mal der rote Faden ein bisschen verloren geht und man von einer Episode zur nächsten hüpft.

The Lonely Londoners handelt aber nicht nur von Tristesse, Armut und Problemen, es ist auch eine Liebeserklärung an London, eine Stadt, die auf viele Einwanderer wie ein Zauber, ein Versprechen wirkt, dem sie sich selbst nach Jahren nicht entziehen können. Irgendwann wird die Fremde quasi notgedrungen zur – wenn auch nicht unbedingt geliebten – Heimat.

The changing of the seasons, the cold slicing winds, the falling leaves, sunlight on green grass, snow on the land, London particular. Oh what it is and where it is and why it is, no one knows, but to have said: ‚I walked on Waterloo Bridge,‘ ‚I rendezvoused at Charing Cross,‘ ‚Piccadilly Circus is my playground,‘ to say these things, to have lived these things, to have lived in the great city of London, centre of the world. […] Why is it, that although they grumble about it all the time, curse the people, curse the government, say all kind of thing about this and that, why is it, that in the end, everyone cagey about saying outright that if the chance come they will go back to them green islands in the sun? (S. 133 – 134)

Und das Buch zeigt eine unbändige Lebensfreude, der kleinste Anlass wird genutzt, um zu feiern, zu trinken, zu tanzen, sich schöne Anzüge schneidern zu lassen, hübsche Frauen abzuschleppen, sich wie verrückt auf den Sommer zu freuen, wenn man wieder in die Parks geht und sich mit seiner Freundin verabredet, zu einer Party, einem Theater- oder Kinobesuch. Doch manchmal schimmert hinter all den Vergnügungen auch die Verzweiflung auf, nicht wirklich zur englischen Gesellschaft zu gehören.

Am Ende öffnet der Autor in den Überlegungen Moses das Buch sogar auf eine ganz andere Dimension hin:

Under the kiff-kaff laughter, behind the ballad and the episode, the what-happening, the summer-is-hearts, he could see a great aimlessness, a great restless, swaying movement that leaving you standing in the same spot. (S. 139)

Zur literaturgeschichtlichen Bedeutung und Sprache des Romans

Das Buch ist in zweierlei Hinsicht etwas Besonderes:

Its publication marked the first literary work focusing on poor, working-class blacks in the beat writer tradition following the enactment of the British Nationality Act 1948. (Wikipedia)

Zum anderen hat Selvon hier eine Sprache gefunden, die seinen Protagonisten entspricht: ein Dialekt, der den Redegewohnheiten der Einwanderer abgelauscht ist und damit authentisch und ganz lebendig klingt. Selvon hat dazu in einem Interview Folgendes gesagt:

When I wrote the novel that became The Lonely Londoners, I tried to recapture a certain quality in West Indian everyday life. I had in store a number of wonderful anecdotes and could put them into focus, but I had difficulty starting the novel in straight English. The people I wanted to describe were entertaining people indeed, but I could not really move. At that stage, I had written the narrative in English and most of the dialogues in dialect. Then I started both narrative and dialogue in dialect and the novel just shot along. (Michel Fabre, „Samuel Selvon: Interviews and Conversations“, in Susheila Nasta, ed., Critical Perspectives on Sam Selvon, Washington, Three Continents Press, 1988; p. 66, zitiert nach der englischen Wikipedia)

Für den deutschen Leser erschließen sich unbekannte Ausdrücke aber fast immer durch den Kontext. Allerdings gibt es auch eine Stelle, da geht ein Satz über mehrere (!) Seiten, und zwar ohne ein einziges Komma. Das ist beim Lesen schon reichlich mühsam, fängt aber möglicherweise das Gefühl des traumartigen, ungeordneten und manchmal haltlosen Lebens ganz gut ein.

Das Buch ist nun über 60 Jahre alt und doch zeitlos, denn für Einwanderer, Flüchtlinge und Asylsuchende gilt – egal wo – sicherlich noch immer:

When Moses did arrive fresh in London, he look around for a place where he wouldn’t have to spend much money, where he could get plenty food, and where he could meet the boys and coast a old talk to pass the time away – for this city powerfully lonely when you on your own. (S. 29)

Wer ein paar kurze Informationen zum geschichtlichen Hintergrund sucht, wird hier fündig und hier geht’s lang zu einer treffenden Rezension von Helon Habila aus dem Guardian vom 17. März 2007. Die Folgebände heißen Moses Ascending (1975) und Moses Migrating (1983).

Besprechungen der deutschen Ausgabe gibt es bei:

Und hier noch ein Gespräch mit der Übersetzerin Miriam Mandelkow.

Ungelöst bleibt allerdings noch die Frage, wie und warum aus den „lonely Londoners“ des Originaltitels plötzlich die harmlosen oder nichtsnutzigen „Taugenichtse“ wurden …

Anne Brontë: Agnes Grey (1847)

All true histories contain instruction; though, in some, the treasure may be hard to find, and, when found, so trivial in quantity, that the dry, shrivelled kernel scarcely compensates for the trouble of cracking the nut. Whether this be the case with my history or not, I am hardly competent to judge. I sometimes think it might prove useful to some, and entertaining to others; but the world may judge for itself. Shielded by my own obscurity, and by the lapse of years, and a few fictitious names, I do not fear to venture; and will candidly lay before the public what I would not disclose to the most intimate friend.

So beginnt der erste Roman der 1820 geborenen „kleinen Schwester“ von Charlotte und Emily:

Anne Brontë: Agnes Grey (1847); ins Deutsche übersetzt von Michaela Meßner

Zum Inhalt

Die achtzehnjährige Pfarrerstochter Agnes möchte Gouvernante werden. Zum einen hofft sie, dadurch ihre Familie finanziell zu unterstützen, die durch Spekulationen ihres Vaters beträchtliche Verluste erlitten hat, und zum anderen zieht es sie in die Welt, von der sie endlich etwas sehen und kennenlernen möchte.

Wirklich vorbereitet auf eine solche Aufgabe ist sie allerdings nicht. Sie und ihre Schwester Mary sind in ländlicher Abgeschiedenheit von der gebildeten Mutter und ihrem Vater unterrichtet worden, haben nie eine Schule von innen gesehen und keinen nennenswerten Kontakt zur Außenwelt, wenn man von einigen Verwandtenbesuchen im Jahr einmal absieht. Agnes selbst sieht das – vermutlich im Rückblick – ganz nüchtern:

I, being the younger by five or six years, was always regarded as the child, and the pet of the family: father, mother, and sister all combined to spoil me – not by foolish indulgence to render me fractious and ungovernable, but by ceaseless kindness to make me too helpless and dependent – too unfit for buffeting with the cares and turmoils of life.

Doch allen Unkenrufen der Familie und aller Unerfahrenheit zum Trotz freut sie sich auf die Arbeit als Gouvernante und malt sich diese in den schönsten Farben aus.

Whatever others said, I felt I was fully competent to the task: the clear remembrance of my own thoughts in early childhood would be a surer guide than the instructions of the most mature adviser. I had but to turn from my little pupils to myself at their age, and I should know, at once, how to win their confidence and affections: how to waken the contrition of the erring;  how to embolden the timid, and console the afflicted; how to make Virtue practicable, Instruction desirable, and Religion lovely and comprehensible.

Und so kommt, was kommen muss. Ihre erste Stelle bei der wohlhabenden Kaufmannsfamilie Bloomfield ist eine herbe Enttäuschung. Ihre Schützlinge, der siebenjährige Tom und die fast sechsjährige Mary Ann, sind verwöhnt und denken gar nicht daran, den Aufforderungen der neuen Gouvernante Folge zu leisten, zumal Agnes in der Hierarchie des Haushalts noch unter den Kindern steht. Statt der Gouvernante haben die Kinder das Sagen und es gibt wenig, was Agnes dem entgegenzusetzen hat. Sie nimmt es hin und ärgert sich nur im Stillen, wenn die Kinder sie herumkommandieren und sie weder Sanktions- noch Belohnungsmöglichkeiten hat.

Vergeblich bemüht sie sich, Tom seine Tierquälereien zu verbieten und ihm das Verwerfliche seines Tuns zu verdeutlichen, doch da der Junge nur dem Vorbild von Vater und Onkel folgt, die seine Grausamkeiten noch belächeln, hat Agnes natürlich keine Aussicht auf Erfolg. Selbst vor Handgreiflichkeiten gegenüber Agnes schreckt der kräftige Junge nicht zurück.

Agnes zeigt in den engen ihr gesteckten Grenzen Geduld, Konsequenz und feste Prinzipien, doch auf nennenswerte Fortschritte bei ihren Erziehungsbemühungen hofft sie vergeblich:

But either the children were so incorrigible, the parents so unreasonable, or myself so mistaken in my views, or so unable to carry them out, that my best intentions and strenuous efforts seemed productive of no better result than sport to the children, dissatisfaction to their parents, and torment to myself.

In Momenten, in denen Agnes so aufs Äußerste gereizt und provoziert wird, verliert sie die Beherrschung, und der dann eskalierende Machtkampf ist geradezu alptraumhaft.

Sometimes, exasperated to the utmost pitch, I would shake her violently by the shoulder, or pull her long hair, or put her in the corner; for which she punished me with loud, shrill, piercing screams, that went through my head like a knife. She knew I hated this, and when she had shrieked her utmost, would look into my face with an air of vindictive satisfaction, exclaiming – ‚Now, then! that’s for you!‘ And then shriek again and again, till I was forced to stop my ears.

Auch die vierjährige Fanny entpuppt sich als böse Überraschung:

I found her a mischievous, intractable little creature, given up to falsehood and deception, young as she was, and alarmingly fond of exercising her two favourite weapons of offence and defence; that of spitting in the faces of those who incurred her displeasure, and bellowing like a bull when her unreasonable desires were not gratified. As she, generally, was pretty quiet in her parents‘ presence, and they were impressed with the notion of her being a remarkably gentle child, her falsehoods were readily believed, and her loud uproars led them to suspect harsh and injudicious treatment on my part…

Agnes verliert die Freude an ihrem Tun, verbittert stellt sie fest, dass es kaum eine beklagenswertere Lage gebe als die ihre. Sie sieht genau, wo die Probleme liegen, darf dies jedoch nicht äußern, ohne ihre Stelle zu gefährden.

… my work – a more arduous task than any one can imagine, who has not felt something like the misery of being charged with the care and direction of a set of mischievous turbulent rebels, whom his utmost exertions cannot bind to their duty; while, at the same time, he is responsible for their conduct to a higher power, who exacts from him what cannot be achieved without the aid of the superior’s more potent authority: which, either from indolence, or the fear of becoming unpopular with the said rebellious gang, the latter refuses to give.

Dennoch lässt Agnes nicht ab von ihren Vorstellungen von Falsch und Richtig: Als sie Tom dabei erwischt, wie  er eine Handvoll Küken genüsslich zu Tode quälen will, überwindet sie sich und tötet die kleinen Vögel mit einem großen Stein. Anschließend wird sie von Mrs Bloomfield dafür gerügt, wie sie es habe wagen können, einem Kind ein harmloses Vergnügen zu verweigern.

Obwohl Agnes und ihre Arbeitgeber also offensichtlich nicht zusammenpassen, ist sie trotzdem verletzt, als man ihr kündigt. Sie empfindet es als Schmach, in ihren Bemühungen nicht anerkannt worden zu sein, und ist gekränkt, quasi als Gescheiterte nach Hause zurückzukehren. Dabei wird sie von ihrer Familie liebevoll empfangen und man möchte sie am liebsten gar nicht mehr fortlassen.

Aber ihre Hoffnungen, zum Unterhalt ihrer Familie beizutragen und mehr von der Welt zu sehen, sind ungebrochen und so tritt sie einige Monate später ihre zweite Stelle bei der Familie Murray auf Horton Lodge an, um dort die vier Kinder in Musik, Zeichnen, Französisch, Latein und Deutsch zu unterrichten. Ihre neue Wirkungsstätte ist 70 Meilen von ihrem Heimatdorf entfernt:

… a formidable distance to me, as I had never been above twenty miles from home in all the course of my twenty years‘ sojourn on earth; and as, moreover, every individual in that family and in the neighbourhood was utterly unknown to myself and all my acquaintances. But this rendered it only the more piquant to me.

Die dortige Begrüßung versetzt ihrem Optimismus allerdings sofort einen kräftigen Dämpfer. Von stundenlanger Kutschfahrt während eines Schneesturms völlig durchgefroren, bekommt sie gerade mal einen Tee und ein Butterbrot von gleichgültigen Bediensteten auf ihr kleines Zimmerchen gebracht. Anne Smith bestätigt das in ihrem Vorwort zu Agnes Grey und schreibt: „Governesses were seen as a life-form little higher than mice and birds.“

It was with a strange feeling of desolation, mingled with a strong sense of the novelty of my situation, and a joyless kind of curiosity concerning what was yet unknown, that I awoke the next morning; feeling like one whirled away by enchantment, and suddenly dropped from the clouds into a remote and unknown land, widely and completely isolated from all he had ever seen or known before; or like a thistle-seed borne on the wind to some strange nook of uncongenial soil, where it must lie long enough before it can take root and germinate, extracting nourishment from what appears so alien to its nature: if, indeed, it ever can.

In ihrer Position gehört sie weder zu den Hausbediensteten noch zur Schicht ihrer Arbeitgeber, sodass sie keine Gesprächspartner auf Augenhöhe hat. Kein Wunder, dass sie in dieser isolierten Lage besonders empfindlich auf die Gedankenlosigkeiten ihrer Arbeitgeberin reagiert, der ausschließlich das Wohlbefinden der Kinder am Herzen liegt. Diese haben mehr Freiheiten, als ihnen gut tut, und sie sind es auch, die den täglichen Unterrichtsbeginn festlegen, und nicht Agnes. Bissig beschreibt sie ihre Aufgaben in Bezug auf die zwei Töchter des Hauses, Rosalie (16) und Mathilda (13):

For the girls she (gemeint ist die Mutter) seemed anxious only to render them as superficially attractive and showily accomplished as they could possibly be made, without present trouble or discomfort to themselves; and I was to act accordingly – to study and strive to amuse and oblige, instruct, refine, and polish, with the least possible exertion on their part, and no exercise of authority on mine.

Diese oberflächliche Erziehung hat ganz handfeste Konsequenzen, den Mädchen fehlt jegliches Gespür für Takt, Anstand und Integrität. Was Agnes beispielsweise sehr unangenehm berührt, ist der Snobismus der Mädchen, nicht nur ihr, sondern auch den armen Dorfbewohnern und Tagelöhnern gegenüber. Rosalie und Mathilda

… chiefly owing to their defective education, comported themselves towards their inferiors in a manner that was highly disagreeable for me to witness. They never, in thought, exchanged places with them; and, consequently, had no consideration for their feelings, regarding them as an order of beings, entirely different from themselves. They would watch the poor creatures at their meals, making uncivil remarks about their food, and their manner of eating; they would laugh at their simple notions and provincial expressions, till some of them scarcely durst venture to speak…

Im Laufe der Monate wird die Situation der jungen Hauslehrerin angenehmer, da die beiden Jungen in ein Internat geschickt werden, und die Mädchen Agnes zwar immer noch seltsam finden, dennoch kann sich eine mehr oder weniger ehrliche, fast schon ironische Beziehung zwischen Schülerinnen und Lehrerin entwickeln.

Als die flirt- und vergnügungssüchtigen Rosalie verkündet, erst dann heiraten zu wollen, wenn sie sämtliche Männerherzen gebrochen habe und die Gefahr bestehe, eine alte Jungfer zu werden, rät Agnes ihr ganz trocken, unbedingt ledig zu bleiben, solange sie solch unmoralischen Ansichten in Bezug auf die Ehe hege:

Well, as long as you entertain these views, keep single by all means, and never marry at all: not even to escape the infamy of old-maidenhood.

Doch dann beginnt ein weiterer Handlungsstrang. Agnes begleitet die Familie zu ihren sonntäglichen Gottesdiensten und sie stellt fest, dass der neue Vikar Mr Weston so ganz anders predigt als der kalte und eitle Pfarrer Mr Hatfield. Agnes beurteilt Mr Weston nach seinen Grundsätzen, nach seinem Glauben und nach der Frage, wie sich dieser Glaube im Umgang mit den Armen und Angefochtenen seiner Gemeinde manifestiert. Agnes gesteht sich ein, erste zarte Hoffnungen zu hegen. Und von fern fühlte ich mich an Austen erinnert: Über welche Eigenschaften muss das Individuum verfügen, um voraussichtlich eine glückliche Ehe führen zu können?

Fazit

Auf der einen Seite krankt der Roman an einer z. T. nervtötenden Schwarz-Weiß-Malerei fast aller Charaktere. Agnes‘ moralischer Kompass geht nie fehl; das Einzige, was sie selbstkritisch anmerkt, ist, dass sie sich bei ihren Arbeitgebern nie beschwert hat, wenn ihr etwas missfiel. Ihre Schüler sind immer moralisch unterentwickelt und deren Eltern legen – was die Erziehung ihrer Kinder angeht – grundsätzlich ein unverantwortliches Handeln an den Tag. Mr Weston hingegen ist immer den Menschen zugewandt und höchstens ein bisschen abrupt.

Außerdem trat das Buch in der ersten Hälfte – was die Handlung betraf – auf der Stelle. Die vielen Szenen aus Agnes‘ Alltag, in denen sie ihre Schützlinge und deren gedankenlose Eltern kritisiert, ähneln einander bis zur Ermüdung:

… she (gemeint ist Rosalie) had never been perfectly taught the distinction between right and wrong; she had like her brothers and sisters, been suffered, from infancy, to tyrannize over nurses, governesses, and servants; she had not been taught to moderate her desires, to control her temper or bridle her will, or to sacrifice her own pleasure for the good of others.

Der moralisch-kompromisslose Anspruch der Ich-Erzählerin mag auf manchen sogar sauertöpfisch wirken. Deshalb verleitet der Roman den Leser vielleicht dazu, ihn ein wenig voreilig für gar zu leicht zu befinden und ihn zur Seite zu legen.

Wer allerdings aufmerksam liest, entdeckt immer wieder Stellen, an denen sich der Roman über sein übriges Niveau erhebt. Der Kontrast zwischen Mr Hatfield, einem literarischen Nachfahren von Austens Mr Elton, und Mr Weston bringt beispielsweise zeitlose Kirchenkritik „in a nutshell“.  Und wie rasch ist eine Passage überlesen wie die, in der Agnes erzählt, dass nach dem Gottesdienst buchstäblich niemand mit ihr spricht und der eitle Pfarrer Mr Hatfield ihr sogar beinahe die Kutschtür vor der Nase zuschlägt, weil er sie gar nicht wahrnimmt. Agnes sagt selbst:

… I was lonely. Never, from month to month, from year to year, except during my brief intervals of rest at home, did I see one creature to whom I could open my heart, or freely speak my thoughts with any hope of sympathy, or even comprehension…

Vor allem aber war ich fasziniert von der Kompromisslosigkeit dieser Hauslehrerin. Agnes ist sicherlich einseitig, oft steif und unflexibel, ungerecht und anscheinend nicht in der Lage, die Sympathie ihrer Arbeitgeber zu erringen. Aber die Kritik an der Erziehungspraxis ihrer Arbeitgeber ist so wuchtig und voller Empörung, dass hier zweifellos auch die Verbitterung und die Erfahrungen aus Anne Brontës eigener sechsjähriger Gouvernantentätigkeit verarbeitet wurden. Auch andere autobiografische Details lassen sich im Roman wiederfinden.

Die unappetitlichen Schilderungen verzogener und verrrohter Kinder wurden von Brontës Zeitgenossen eher ungnädig aufgenommen. So genau wollte man das gar nicht wissen. Kinder sollten, zumindest in der Literatur, wohlerzogene, unschuldige Wesen sein. Und nicht alle Eltern dürften angesichts der Erziehungskritik, die ihnen hier vorgehalten wurde, glücklich gewesen sein, wie z. B. als Mrs Murray Agnes Hinweise gibt:

how I should prepare and smooth the path of learning till Rosalie could glide along it without the least exertion to herself: which I could not, for nothing can be taught to any purpose without some little exertion of the part of the learner.

Anmerkung

Auch Annes Schwestern Emily und Charlotte arbeiteten als Gouvernanten oder Lehrerinnen und waren dabei genauso unglücklich wie Anne. Hier ein Tagebucheintrag von Charlotte von 1836, während sie als Lehrerin in Roe Head arbeitete:

Heute verbrachte ich den ganzen Tag wie in einem Traum, mal himmelhoch jauchzend, mal zu Tode betrübt […] Fast eine Stunde habe ich mich abgerackert, um Miss Lister, Miss Marriott und Ellen Cook den Unterschied zwischen einem Artikel und einem Substantiv beizubringen. Und dann war die Grammatikstunde zu Ende, und im Klassenzimmer herrschte Totenstille, und ich saß da und versank vor Verärgerung und Erschöpfung in eine Art Lethargie. Mußte ich denn die besten Jahre meines Lebens mit dieser jämmerlichen Sklavenarbeit zubringen, ständig gewaltsam meinen Zorn unterdrücken, angesichts solcher Faulheit und Interesselosigkeit und der von Tag zu Tag sich steigernden Blödheit dieser schafsköpfigen, lümmelhaften Esel, und dies mit der geheuchelten Miene der freundlichen, geduldigen und beflissenen Lehrerin? Mußte ich denn wirklich Tag für Tag an diesen Stuhl gekettet hier drinnen hocken, eingekerkert zwischen diesen vier kahlen Wänden, während draußen die Sommersonne aufs herrlichste vom Himmel herabbrennt und die prachtvollste Zeit des Jahres vorübergeht? Von solchen Überlegungen ins Mark getroffen, stand ich auf und ging mechanisch zum Fenster hinüber. Ein wunderschöner Augustmorgen grüßte von draußen herein … Hätte ich die Zeit gehabt, diesen Augenblick in seiner inspirierenden Ausstrahlung auszukosten, wäre daraus sicherlich eine der besten Erzählungen geworden, die ich jemals geschrieben habe. Aber just in dem Moment kommt so ein Schafskopf mit den Hausaufgaben daher. (zitiert nach Muriel Spark: In sturmzerzauster Welt: Die Brontës, Diogenes 2003, S.16/17)

Im Original klingt das so:

All this day I have been in a dream, half miserable, half ecstatic, miserable because I could not follow it out uninterruptedly, ecstatic because it showed almost in the vivid light of reality the ongoings of the infernal world (gemeint ist Angria). I had been toiling for nearly an hour with Miss Lister, Miss Marriott, and Ellen Cook, striving to teach them the distinction between an article and a substantive. The parsing lesson was completed: a dead silence had succeeded it in the schoolroom, and I sat sinking from irritation and weariness into a kind of  lethargy. The thought came over me: Am I to spend all the best part of my life in this wretched bondage, forcibly suppressing my rage at the idleness, the apathy, and the hyperbolical and most asinine stupidity of these fat-headed oafs, and of compulsion assuming an air of kindness, patience and assiduity? Must I from day to day sit chained to this chair, prisoned within these four bare walls, while these glorious summer suns are burning in heaven and the year is revolving in its richest glow, and declaring, at the close of every summer day, the time I am losing will never come again? Stung to the heart with this reflection, I started up and mechanically walked to the window. A sweet August morning was smiling without. The dew was not yet dried off the field, the early shadows were stretching cool and dim from the hay-stacks and the roots of the grand old oaks and thorns scattered along the sunk fence […] If I had had time to indulge it I felt that the vague suggestions of that moment would have settled down into some narrative better at least than anything I ever produced before. But just then a dolt came up with a lesson. I thought I should have vomited.

Elisabeth Rynell: Schneeland (OA 1997; deutsche Ausgabe 2000)

Zuerst eine Erinnerung. Wir wohnten schon viele Jahre in Lappland. In einer kleinen Mulde in der Landschaft, die Wald und Berge offen gelassen hatten. Da warst du, da war ich, und dazu unsere Kinder. Sie waren klein damals.

So beginnt der Roman der schwedischen Lyrikerin und Autorin

Elisabeth Rynell: Schneeland (1997); im Original: Hohaj, ins Deutsche übersetzt von Verena Reichel

Zum Inhalt

Kapitelweise abwechselnd tauchen wir ein in zwei Geschichten. Da ist zum einen eine junge Mutter, die mitten in der Nacht einen Anruf vom Bezirkskrankenhaus bekommt. Nach einer scheinbar planmäßig verlaufenen Operation ist ihr Mann wenige Stunden später gestorben.

Auf einmal stand ich also auf einer endlosen Ebene aus Stille, in vollkommenem Schweigen. Die Stimme, die sagte: … und er starb um zweiundzwanzig Uhr und … Da gefror die Welt. Doch nur für einen Moment. Dann begann sie knackend und berstend in rasender Geschwindigkeit rückwärts zu taumeln, und alles wurde aus seiner Verankerung gerissen und hart ins Rückwärts gedreht, in den Schmerz hinein. Es zerriss, jeder Faden, jede Faser zerriss unter unbezwinglichen, wahnwitzigen Kräften. Rückwärts, rückwärts, gegen den Uhrzeigersinn, gegen den Uhrzeigersinn. (S. 13)

In den weiteren ihr gewidmeten Kapiteln denkt sie über die Geschichte ihrer Beziehung nach und das Wesen der Trauer. Zunächst reißt sie sich, sicherlich auch der Kinder wegen, zusammen:

Ich war stark. Ich war wahnsinnig stark. Doch die Stärke hatte nichts mit mir zu tun. Sie war nicht ich, sie war purer Wille: ein Tier, das ich in mir beherbergte. […] Nichts schwächt einen Menschen so sehr wie seine Stärke. Zum Schluss war ich so stark, dass ich einer ausgesogenen Schale glich. Einer verknöcherten Hülle für den Willen. (S. 52)

Doch die Verzweiflung sitzt zu tief: Irgendwann begibt sie sich – anscheinend ohne Proviant oder Ausrüstung – auf eine Art Pilgerschaft in die Weite der lappländischen Wälder.

Die Berge sind streng. Auf diese Weise gleichen sie der Vergebung. Von wo man sich ihnen auch nähert, sie bleiben stets genauso fern. Und nah. Zuweilen versinken sie vor einem, verschwinden ohne Erklärung. Dann türmen sie sich wieder vor einem auf, größer als je zuvor. Sie kommen nicht, wenn man sie ruft. Sie erhören kein Gebet. Sie sind auf andere Art. Ich bei dabei zu lernen. Nicht rufen, bitten, flehen. Nur still auf Antwort warten. Die Hoffnungslosigkeit betreten, als würde sie tragen. Wunder sind so still. Wie dünnes, dünnes Eis. (S. 30)

Die zweite Geschichte, die irgendwann die erste berührt, spielt ca. 50 Jahre früher, ebenfalls in Lappland. Aron, ein schweigsamer Mann, ist auf der Flucht, man weiß lange nicht, ob vor sich oder vor anderen. Er steht eines Abends hungrig und halb erfroren mit seinem großen Hund auf dem Hof von Helga und Salomon. Die nehmen ihn auf und akzeptieren ihn so, wie er ist. Er hilft bei der Arbeit und später wird er sogar von der Dorfgemeinschaft beauftragt, die Pferde des Ortes auf den Sommerweiden zu hüten. Dabei lernt er dann Inna kennen.

Inna, das erfahren wir schon früh, ist Halbwaise und lebt mit ihrem brutalen Klotz von Vater allein auf einem einsam gelegenen Hof, der von allen gemieden wird. Nach dem Tod ihrer Mutter hat sie all deren Pflichten zu erfüllen, nicht nur in Stall und Küche, sondern auch im Bett. Sie wird geschlagen und regelmäßig von ihrem Vater vergewaltigt.

Diese zwei versehrten Menschen, Inna und Aron, verlieben sich ineinander, ohne viele Worte, aber mit existenzieller Wucht.

Fazit

Mit diesen knapp über 200 Seiten habe ich mich schwergetan. Sie waren eine Mischung tiefer Trauer, poetischen und klugen Sätzen und einer scheußlich melodramatischen Handlungsführung.

Das Buch hat mich von der Stimmung her stark an Per Pettersons Sehnsucht nach Sibirien erinnert.

Rynell legt hier so etwas wie eine Versuchsanordnung über die Liebe vor, die ja immer an die Grenzen unserer Sterblichkeit rührt. Dass eine so tief verletzte Frau wie Inna mal eben die Liebe entdeckt, fand ich unglaubwürdig, die Verschränkung der zwei Geschichten war gekünstelt und das Ende sollte wohl dafür sorgen, dass wir nicht glauben, einen kitschigen Liebesroman vor uns zu haben. Aber, und es ist ein großes Aber:

Manche der Sätze waren weise, wunderschön und ganz offensichtlich selbst durchlitten. Man hörte noch in der Übersetzung die Lyrikerin, und diese Sätze würde ich am liebsten seitenweise zitieren. Sie stammen allesamt aus der Geschichte der jungen Witwe.

Lasset die Kindlein zu mir kommen, hat Jesus doch gesagt. Ich glaube, es ist wegen ihrer Fähigkeit, sich lieben zu lassen, dass den Kindern das Himmelreich gehört. Liebe empfangen zu können, wie man Regen empfängt, der auf einen fällt; sich erlauben, nass zu werden, obwohl man den Hahn nicht selbst geöffnet hat. (S. 210)

Auch der Schmerz braucht eine Heimstatt. Einen Ort, der nur ihm gehört, mit Gesichtern und Häusern, die erkennbar sind. Es muss Plätze für den Schmerz geben, Räume, Schneisen, lange Straßen. Leid ist eine Spur, die einen mitzieht, man muss ihr folgen, weiterkommen: Brücken über Gewässer, Steg über Moore, Wege im Weglosen. Fast wie eine Witterung ist diese Spur. Man muss ihr mit seinem ganzen Wesen folgen, konzentriert, aufmerksam. Nicht wegschleichen, nicht abweichen. Vielfältig sind die Gerüche. Wie wilde Sehnsucht oder wie hauchdünnes, hart gespanntes gräuliches Licht. Oft geht es bergab, hoffnungslos bergab, und das Leid ist verschlungen und sammelt sich in schwarzen Knoten. Aber das kann sich jederzeit ändern, es kann sich wie eine Sturmbö drehen, in einem Rausch. […] Fehlt dem Schmerz ein eigener Ort, ist er überall. Dann verwandelt er sich in einen Luftgeist, und es besteht die Gefahr, dass er aufquillt und über alle Grenzen wuchert. all die verschiedenen Schichten und Muster, aus denen er besteht, vermengen sich und werden ein und dasselbe. Und dasselbe ist ohne Farbe, dasselbe hat keine Schattierungen, keine Merkmale, keine Unterscheidungszeichen. Es ist ein Land, in dem man sich verirrt. (S. 229)

Das Buch wurde 2004 von Hans J. Geißendörfer verfilmt.

Jane Austen: Emma (1815)

Emma Woodhouse, handsome, clever, and rich, with a comfortable home and happy disposition, seemed to unite some of the best blessings of existence, and had lived nearly twenty-one years in the world with very little to distress or vex her.

So beginnt einer der bekanntesten Romane der englischen Literaturgeschichte

Jane Austen: Emma (1815)

Zum Inhalt

Mit der für Austen typischen spitzen Zunge wird uns die Hauptperson gleich zu Beginn als eine junge Frau vorgestellt, die von zwei Gefahren bedroht sei:

The real evils indeed of Emma’s situation were the power of having rather too much her own way, and a disposition to think a little too well of herself; these were the disadvantages which threatened alloy to her many enjoyments. (S. 2 der schönen, in dunkelgrünem Leinen gebundenen Ausgabe der Everyman’s Library)

Emma, eine attraktive junge Frau, von ihrem verwitweten und wohlhabenden Vater verwöhnt, von einer intelligenten, aber vermutlich zu nachgiebigen Gouvernante erzogen, findet es selbstverständlich, bewundert zu werden und stets ihren Willen zu bekommen. In dünkelhafter Überheblichkeit weiß sie genau, was für alle anderen richtig ist. Sie macht nun die Bekanntschaft der 17-jährigen Harriet.

Harriet ist – ein enormer Makel in der damaligen Gesellschaft – unehelich geboren und niemand weiß, wer ihre Eltern sind. Sie ist ein wenig naiv und ihre Schulbildung und ihr Intellekt lassen zu wünschen übrig. Doch sie ist gutherzig, bescheiden und von Herzen dankbar für die Aufmerksamkeit, mit der sie von Emma bedacht wird.

Für Emma ist sonnenklar, dass ihre junge Freundin von einem „gentleman“ abstamme und viel zu gut für den jungen Farmer Robert Martin ist, zu dem sich Harriet hingezogen fühlt. Emma nimmt kein Blatt vor den Mund:

It would be a degradation. (S. 60)

Emma hat keine Skrupel, ihren Einfluss auf Harriet geltend zu machen, und erreicht tatsächlich, dass Harriet den Heiratsantrag Martins ablehnt und sich allmählich Hoffnungen auf den gesellschaftlich höher stehenden Pfarrer Mr. Elton macht. Und so nehmen die Verwicklungen ihren Lauf.

Emma muss dabei erkennen, dass sie – die sich so viel auf ihre Menschenkenntnis eingebildet hatte – nahezu alle ihre Freunde missverstanden und Motive und Verhaltensweisen falsch gedeutet hat. Und besonders Harriet ist die Leidtragende dieser Selbstüberschätzung und der daraus resultierenden Ratschläge.

With insufferable vanity had she believed herself in the secret of everybody’s feelings; with unpardonable arrogance proposed to arrange everybody’s destiny. She was proved to have been universally mistaken; and she had not quite done nothing – for she had done mischief. (S. 423)

Emma durchläuft einen charakterlichen Bildungsprozess, an deren Ende auch sie reif genug ist, zu erkennen, wer der richtige Partner für sie sein wird. Bei der damaligen Rolle der Frau war eine Eheschließung sicherlich von ganz anderer Bedeutung als heute, auch wenn Emma als wohlhabende Erbin unter keinem existenziellem Druck stand, unbedingt heiraten zu müssen.

Fazit: Unbedingt lesenswert

Austen wäre allerdings nicht Austen, wenn wir hier „nur“ einen gut konstruierten Liebesroman mit diversen Verwicklungen und Happy End-Garantie vor uns hätten.

Die Autorin ist eine Meisterin der Figurenzeichnung. Zwei Seiten genügen und man hat den Eindruck, mit den Figuren im selben Raum zu sitzen. Jede der Personen hat ihre eigene unverwechselbare Stimme. Man denke nur an die freundliche, aber einfältig-geschwätzige Miss Bates oder die snobistisch-plumpe Mrs Hawkins. Austens Dialoge, die wie mit einem Rekorder aufgezeichnet wirken, veranschaulichen nicht nur die verschiedenen gesellschaftlichen Gruppen, sondern helfen dem Leser die Distanz von 200 Jahren nahezu mühelos zu überspringen.

Austen ist darüber hinaus auch die erste englischsprachige Autorin, die das Mittel der erlebten Rede unglaublich effektvoll einzusetzen verstand. Man hört ihren Protagonistinnen förmlich beim Denken zu.

Außerdem ist Austens Blick auf die menschliche Natur klar, unbestechlich und von manchmal beißender Ironie, auch wenn die grundlegenden Werte der damaligen Gesellschaft, wie die ungleiche Besitzverteilung, im Wesentlichen nicht in Frage gestellt werden. Als sich herausstellt, dass Harriets Vater „nur“ ein Kaufmann ist, muss Emma sich eingestehen:

The stain of illegitimacy, unbleached by nobility or wealth, would have been a stain indeed. (S. 493)

Die „Moral“, dass nur intellektuell ebenbürtige Partner eine glückliche Ehe führen können, war damals sicherlich noch alles andere als eine Selbstverständlichkeit.

Und in einem Punkt finde ich Austen nicht nur zeitlos, sondern hochmodern: Ihre Protagonisten plädieren für so etwas wie „elegance of mind“, einen taktvollen, höflichen Umgangston, der von Respekt geprägt ist und sich jeder Distanzlosigkeit verweigert.  Man spielt sich nicht auf und vermeidet alles Prahlen und Protzen. Man stellt einen anderen nicht bloß und macht sich nicht lustig über die, die weniger Geld oder weniger Geist haben. Und da wo es möglich ist, bietet man nachbarschaftliche Hilfe an und unterstützt die Armen, ohne sie zu beschämen.

Anmerkungen

Wer möchte, kann sich hier den Roman vorlesen lassen.

Und DruckSchrift hat gerade auf die passende Sekundärliteratur hingewiesen: die Biografie von Christian Grawe mit dem hübschen Titel Darling Jane. Damit stünde dann schon mal ein Titel meiner Sommerferienlektüre fest.

Eine weitere Besprechung findet man bei den Wortumdrehungen.

Markus Werner: Am Hang (2004)

Alles dreht sich. Und alles dreht sich um ihn. Verrückterweise bin ich sogar versucht mir einzubilden, er schleiche in diesem Augenblick ums Haus – mit oder ohne Dolch. Dabei ist er ja abgereist, heißt es, und ich höre nur Grillen und aus der Ferne nächtliches Hundegebell. Da fährt man über Pfingsten ins Tessin, um sich in Ruhe zu vertiefen in die Geschichte des Scheidungsrechts, und dann kommt einem dieser Unbekannte in die Quere, dieser Loos, und bringt es fertig, mich so aufzuwühlen, daß alle Sammlung hin ist.

So beginnt der Roman des Schweizer Schriftstellers

Markus Werner: Am Hang (2004)

Zum Inhalt

Der 35-jährige, ledige Scheidungsanwalt Clarin will im Tessin ein Arbeitswochenende einlegen. Dabei lernt er auf der Ausflugsterrasse eines Hotels einen älteren Mann kennen. Die beiden kommen während des Essens ins Gespräch, finden sich nicht unsympathisch, trinken und reden, auch über immer persönlichere Themen, und sie beschließen, das Gespräch am nächsten Abend fortzusetzen.

Und so besteht das Buch über weite Strecken aus der Wiedergabe dieser Gespräche, die sich allmählich zu einem Duell der Lebensanschauungen ausweiten.

Clarin ist ein eher oberflächlicher – man könne auch sagen – beziehungsunfähiger Zeitgenosse, der nicht an Liebe glaubt, die Ehe für eine Unmöglichkeit hält und alle Freundinnen abserviert, sobald diese anfangen zu „klammern“ oder beginnen, sich eine gemeinsame Zukunft auszumalen.

Er rühmt sich seiner Freiheit und muss doch erstaunlich oft an Valerie denken, der er vor einem Jahr den Laufpass gegeben hatte, und zwar hier im Tessin, aus keinem anderen Grund als dem, dass sie ihm lästig wurde mit ihren Versuchen, all seinen Wünschen zu entsprechen.

Loos hingegen sagt über seine zwölf Jahre dauernde Ehe mit Bettina:

Mir ist sie Heimat gewesen. (S. 14)

Seit einem Jahr sei er Witwer und eigentlich habe er den Verlust noch nicht verwunden. Etwas, das Clarin gar nicht nachvollziehen kann.

Daneben werden viele andere Themen gestreift, doch die Frage nach der „richtigen“ Definition von Paarbeziehung durchzieht das ganze Buch. Loos ist derjenige, der gegen den Zeitgeist aufbegehrt, ob er sich in gerade angesagten „Dreiviertelleggings mit Raubkatzendruck“, dem Handy, dem hippen Singlesein äußert oder in der Orientierungslosigkeit der vielen, die nicht mehr wissen, welche Werte denn nun für ihr Leben gelten sollen.

Wer soll noch wittern, was vorgeht, wenn die Jungen vor lauter fahriger Betriebsamkeit, das heißt vor Apathie verblöden und die Alten vor lauter Nachsicht? (S. 26)

In dem Moment, wo eine Tendenz sich durchsetzt, mag sie auch noch so irre Züge tragen, ist sie auch schon im Recht. Was viele tun und billigen, kann gar nicht falsch sein: das ist die Logik, nicht wahr, die Logik des Blödsinns, die jeden Kritiker für blöd erklärt, nicht wahr, ich verliere den Faden. (S. 29)

Wissen Sie, was ich mir dann und wann ausmale, wenn ich auf meinem Sofa liege? Die Welt nach dem planetarischen Stromausfall! Und alle Aggregate am Ende, die Akkus leer, die Batterien ausgelaufen – das globale Gerassel verstummt. Stillstand und aschgraue Monitore. Belämmerte Menschen, getrennt von den Geräten, mit denen sie verwachsen waren, herausgerissen aus ihrer viereckigen Schattenwelt und geblendet vom Glanz der anderen. Hören Sie überhaupt zu? (S. 41)

Loos ermuntert Clarin, auch etwas von sich preiszugeben, und so wird Clarins egozentrische Sicht, mit der er sich alle Fragen nach Verantwortung oder den Folgen seines Tuns bisher vom Leibe gehalten hat, immer offensichtlicher.

Für Clarin – und vielleicht auch für Loos – endet die Begegnung äußert verstörend, und um wieder Klarheit zu gewinnen, schreibt Clarin die Geschichte auf:

Nun gut und so oder so, ich werde diesen Mann nicht los, indem ich mir befehle, nicht mehr an ihn zu denken. So würde er sich nur noch breiter machen und mein Bewußtsein noch irritierender verengen. Ich kenne das Phänomen, seit mich Andrea, es ist fünfzehn Jahre her und ich war zwanzig, wie einen Schirm hat stehenlassen. Inzwischen weiß ich eigentlich, wie man den Mechanismus unterläuft und wie mit einem Durcheinander von verfilzten Fäden methodisch zu verfahren wäre. Den Anfang suchen. Den Knäuel sorgsam entknoten, entwirren. Das Garn abwickeln, ohne Hast, und zugleich ordentlich und straff aufwickeln auf eine Spule. (S. 6 der Taschenbuchausgabe)

Doch ich bezweifle, dass Clarin lernfähig ist, Stille ist ihm höchstens als Ruhe zum Arbeiten angenehm, ansonsten flieht er sie:

Als mein Wein kam, nutzte ich die Gelegenheit, um mich dem Fremden erneut zu nähern – ich bin ein kontaktfreudiger Mensch und finde es unnatürlich, zu zweit an einem Tisch zu sitzen und zu schweigen-, ich hob mein Glas und sagte: Zum Wohl, mein Name ist Clarin. (S. 9-10)

Fazit

Irgendwann ging mir der Konjunktiv der wiedergegebenen Gespräche gehörig auf die Nerven.

Am Schluss kam zwar noch einmal kurzzeitig Spannung auf, aber genau dieses Ende warf logische Fragen auf, die mir den ganzen Roman als nicht stimmig und als zu konstruiert erscheinen ließen. Ein Problem ist sicherlich auch, dass der Leser Valerie und Bettina nur aus Sicht der Männer erlebt, dadurch sind die Frauenfiguren nicht vor männlichem Wunschgefasel gefeit und bleiben seltsam leblos.

Der 1944 geborene Schweizer Autor hatte mich mit Bis bald sehr für sich eingenommen, doch abgesehen von einigen Passagen, in denen er wieder eine wunderbar klare und präzise Sprache findet, dass es eine Freude ist, hat mich Am Hang unbetroffen und ein wenig gelangweilt zurückgelassen.

Mir war die Anlage des Romans zu statisch, zu konstruiert, zu gewollt.

In diesem Fall bietet der Wikipedia-Artikel zum Roman eine lesenswerte kleine Einführung in die Rezeption des Werkes.

Julia Strachey: Cheerful Weather for the Wedding (1932)

On March 5th Mrs Thatcham, a middle-class widow, married her eldest daughter, Dolly, who was twenty-three years old, to the Hon. Owen Bigham. He was eight years older than she was, and in the Diplomatic Service.

So beginnt die Erzählung der englischen Autorin

Julia Strachey: Cheerful Weather for the Wedding (1932)

Diese ersten beiden Sätze liefern bereits eine komplette Inhaltsangabe, die man vielleicht noch durch den Hinweis ergänzen könnte, dass sich die ganze Handlung im Hause der Thatchams abspielt. Dolly kleidet sich an, bleibt danach jedoch bis zur letzten Minute in ihrem Zimmer, während sich die wartenden Hochzeitsgäste gegenseitig auf die Nerven gehen.

Unter den Gästen befindet sich auch Joseph, Student der Anthropologie, und Dollys Liebhaber vom letzten Sommer, der halbherzig überlegt, sie doch noch von der Heirat abzubringen. Auch Dolly überlegt im Stillen, wie es wohl wäre, mit Joseph durchzubrennen. Doch als Joseph endlich versucht, sie unter vier Augen zu sprechen, ist ihre einzige Sorge der große Tintenfleck auf ihrem Brautkleid.

Ansonsten müssen wir uns die ganzen ca. 80 Seiten Familiengeplänkel der schlimmsten Sorte anhören, das die Beziehungslosigkeit aller Beteiligten auf Schönste veranschaulicht. Dolly erträgt – keiner weiß, warum – das Ganze nur, weil sie schon eine halbe Flasche Rum getrunken hat. Aber das wird anscheinend nur von Dollys Schwester und ihrer Freundin bemerkt. Mich hätte man dann ja zum Altar tragen müssen.

Nach der Trauung, die der Leser aber gar nicht miterlebt, gibt es noch einen kleinen Knalleffekt, als Joseph Mrs Thatcham ins Gesicht sagt, was er von ihr als Person und als Mutter hält. Doch kurze Zeit darauf hören wir, wie sie telefoniert und wieder von dem „cheerful weather“ redet, das wie geschaffen für eine Hochzeit gewesen sei. Ob sie eine Wahrnehmungsstörung hat?

Out in the drive there, standing about round the motor-car, in the furious March gale, everyone felt as though they were beaten on the back of the head and on the nose with heavy carpets, and having cold steel knives thrust up inside their nostrils, and when they opened their mouths to avoid the pain of this, big wads of iced cotton-wool seemed to be forced against the insides of their throats immediately, so that they choked, and could not draw any breath in.

Julia Strachey (1901 – 1979) war eine Nichte von Lytton-Strachey. Das war sicherlich hilfreich, um Eingang in den Kreis der Bloomsbury Group um Virginia Woolf zu finden. In deren Hogarth Press wurde ihr kleines Werk Cheerful Weather for the Wedding veröffentlicht.  2002 gab es eine Neuauflage bei Persephone Books.  2012 wurde das Buch sogar verfilmt.

Fazit

Die ersten zwei Sätze fassen bereits die ganze Handlung der Geschichte zusammen. Und mehr hätte ich – im Nachhinein – als Leserin auch nicht gebraucht.

Die Geschichte holpert so vor sich hin, und Fragen bleiben offen: Warum haben sich Dolly und Joseph getrennt? Warum will sie Owen eigentlich heiraten? Unerfreuliche Figuren und schreckliche Festtagsgespräche, die die Abgründe einer Familie offenlegen, sind noch nicht per se lesenswert. Und damit sind angeblich komische Szenen verflochten: Mrs Thatcham hat beispielsweise ein Zimmer an zwei Gäste vergeben, was dann zu ansatzweise peinlichen Szenen führt.  Mir ist, als müsste ich sofort einen Jane Austen-Roman lesen …

Aber wie so oft gibt es auch andere Meinungen dazu; in mehreren englischsprachigen Blogs, z. B. Stuck in a Book, werden gerade der zynische Humor des Werkes und die grotesk-überzeichneten Charaktere hervorgehoben.

Schmöker

Der Duden definiert Schmöker als die umgangssprachliche Bezeichnung für ein „dickeres, inhaltlich weniger anspruchsvolles Buch, das die Lesenden oft in besonderer Weise fesselt.“ Der Begriff stamme aus der Studentensprache: Man schmökte sein Pfeife und dazu riss man übermütig aus einem alten oder schlechten Buch Seiten heraus, um daraus seine Fidibusse zum Anzünden zu drehen (siehe auch den Artikel der GfdS).

Für mich ist der Begriff „Schmöker“ jedoch nicht negativ besetzt: Ein Schmöker muss spannend sein, uns eine kleine Alltagsflucht ermöglichen – deswegen spielt er vorzugsweise an geografisch von uns entfernten Orten und vielleicht auch in einer anderen Zeit. Außerdem muss er viele, viele Seiten haben. Das aktuelle Weltgeschehen bleibt mal einige Stunden außen vor. Man entspannt wie an einem gelungenen Kinoabend und ist gefesselt von der Geschichte, der vorwärts eilenden Handlung, man begleitet die Sympathieträger und will unbedingt wissen, wie es weitergeht. Und wenn das Buch zu Ende ist, hätte man gern noch weitergelesen anstatt sich wieder im Alltag einzufinden.

Dabei darf die Lektüre keinesfalls trivial, eindimensional oder verkitscht sein. Ich möchte mich ja nicht für dumm verkauft fühlen. Aber sicherlich werde ich auch nicht so gefordert wie bei einem anspruchsvolleren Roman. Man wird mit seinen Ansichten und seinem Stückwerk an Erkenntnissen nicht in Frage gestellt. Das zeigt, dass der Begriff Schmöker ein höchst subjektiver ist: Was für den einen ein Schmöker ist, ist für den anderen schon Trivial- oder einfach Unterhaltungsliteratur.

Die schönste Erklärung, der wirklich nichts mehr hinzugefügt werden muss, stammt von e. o. plauen (eigentlich Erich Ohser), der 1944 Suizid beging. Seine reizende Bildergeschichte trägt den Titel Der Schmöker (auch bekannt unter dem Titel Das interessante Weihnachtsbuch). Der Südverlag war sogar so nett und erteilte mir eine Abdruckerlaubnis, wenn ich mit vaterundsohn.de verlinke und die „Unterdrückung der Download-Möglichkeit über die rechte Maustaste“ sicherstelle. Falls jemand weiß, was damit gemeint ist, let me know.

Was aber ist für euch ein wunderbarer und empfehlenswerter Schmöker?

Immer weitere Kommentare von euch trudeln ein, deshalb hier eine gern zu ergänzende Liste der genannten Titel (in Klammern Mehrfachnennungen):

  • Graphic Novel “The Walking Dead Compendium Vol. 1&2″
  • Jane Austen: Pride and Prejudice (2)
  • Jean-Luc Bannalec
  • Emily Bronte: Wuthering Heights
  • Raymond Chandler
  • James Clavell: Shogun
  • Dostojewski: Die Brüder Karamasow
  • Alexandre Dumas: Der Graf von Monte Christo
  • Daphne du Maurier: Rebecca (2)
  • Umberto Eco: Der Name der Rose
  • Ildefonso Falcones: Die Kathedrale des Meeres
  • Ken Follett: Die Säulen der Erde/Die Tore der Welt (2)
  • Jonathan Franzen: Freiheit
  • Lee Harper: Wer die Nachtigall stört
  • Yu Hua: Brüder
  • James Jones: Verdammt in alle Ewigkeit
  • Stephen King: Es
  • Elisabeth Kostova: Der Historiker
  • John Ajvide Linqvist: So finster die Nacht
  • Jonathan Littell: Die Wohlgesinnten
  • Margaret Mitchell: Vom Winde verweht (2)
  • James Albert Michener: Hawaii/Die Bucht
  • Paul Murray: Skippy stirbt
  • Gregory David Roberts: Shantaram
  • Willy Russell: Der Fliegenfänger
  • Dorothy Sayers
  • Lisa See: Der Seidenfächer
  • Diane Setterfield: Die dreizehnte Geschichte (2)
  • John Steinbeck: Jenseits von Eden (2)
  • Donna Tart: Die geheime Geschichte
  • Tiziano Terzani: Das Ende ist mein Anfang
  • J. R. R. Tolkien: Herr der Ringe
  • Leo Tolstoi: Anna Karenina (2)
  • Leon Uris: Exodus
  • Martin Walker
  • Edith Wharton: Ein altes Haus am Hudson River

Daphne du Maurier: Rebecca (1938)

Last night I dreamt I went to Manderley again. It seemed to me I stood by the iron gate leading to the drive, and for a while I could not enter, for the way was barred to me. There was a padlock and a chain upon the gate. I called in my dream to the lodge-keeper, and had no answer, and peering closer through the rusted spokes of the gate I saw that the lodge was uninhabited.

Mit diesen poetischen Sätzen beginnt ein wunderbarer Schmöker, der seit seinem Erscheinen 1938 ohne Unterbrechung lieferbar ist.

Daphne du Maurier: Rebecca (1938)

Romanidee

Kein Wunder, dass dieser schauerlich-schöne Liebesroman mit seinen unerwarteten Wendungen und dem geschickten Spannungsaufbau 1940 von Hitchcock verfilmt wurde. In der Ankündigung an ihren Verleger beschrieb sie ihre Romanidee folgendermaßen:

… very roughly the book will be about the influence of a first wife on a second … she is dead before the book opens. Little by little I want to build up the character of the first in the mind of the second … until wife 2 is haunted day and night … a tragedy is looming very close and crash! bang! something happens … it is not a ghost story. (zitiert nach Margaret Forster: Daphne du Maurier, arrow books 1993, S. 132)

Zum Inhalt

Die Ich-Erzählerin, die inzwischen mit ihrem Mann Maxim irgendwo in einem südeuropäischen Hotel in einem selbstauferlegten Exil lebt, blickt voller Wehmut auf die ersten Monate ihrer Ehe zurück.

I am glad it cannot happen twice, the fever of first love. For it is a fever, and a burden, too, whatever the poets say. They are not brave, the days when we are twenty-one. They are full of little cowardices, little fears without foundation, and one is so easily bruised, so swiftly wounded, one falls to the first barbed word. (S. 37 der schönen Hardcover-Ausgabe von Virago Modern Classics)

Wir erfahren, wie sie als junge mittellose Frau, die ihren Lebensunterhalt als Gesellschafterin einer reichen, aber dümmlich-snobistischen Amerikanerin verdient, den attraktiven Witwer Maximilian de Winter kennenlernt. Maxim ist über 20 Jahre älter, wohlhabend und Besitzer des herrlichen Herrenhauses Manderley irgendwo an der Küste in England. Er scheint Gefallen an der jungen, unerfahrenen und nicht besonders attraktiven Frau zu finden, die zudem überaus schüchtern ist und immer an ihren Fingernägeln kaut, wenn sie nervös und unsicher ist.

Als sie mit ihrer Arbeitgeberin nach Amerika aufbrechen soll, macht de Winter ihr kurzerhand einen Heiratsantrag, den sie – völlig bezaubert und betört – annimmt. Nach wunderbaren Flitterwochen in Südeuropa kehrt de Winter mit seiner jungen Braut, deren Namen wir nicht erfahren, nach Manderley zurück.

Doch mit ihrer neuen Rolle als Herrin eines herrschaftlichen Anwesens ist sie von Anfang an überfordert. Sie weiß nicht, wie sich kleiden, wie mit den Dienstboten umgehen, wie mit ihrem Mann auf Augenhöhe kommunizieren. Alle häuslichen Angelegenheiten werden von der Dienerschaft und der unheimlichen Haushälterin Mrs Danvers mit dem totenkopfähnlichen Schädel geregelt, und zwar im Sinne der verstorbenen Hausherrin Rebecca, die vor knapp einem Jahr bei einem Segelunfall ums Leben gekommen ist. Mrs Danvers hält das Zimmer und die Kleidung Rebeccas wie einen Schrein in perfekter Ordnung. So bleibt der jungen Frau nur ein bisschen zu zeichnen, zu lesen und sich mit dem Cockerspaniel Jasper auf ausgedehnte Spaziergänge zu begeben und sich den afternoon tea unter der großen Kastanie servieren zu lassen.

Anscheinend war Rebecca die Verkörperung aller weiblichen Tugenden: wunderschön, klug, eine charmante Gastgeberin, eine tollkühne Reiterin und erfahrene Seglerin, kurz jemand, der jeden bezauberte, der ihr begegnete. So verstrickt sich die neue Mrs de Winter immer tiefer in Angstfantasien, Eifersucht auf die Tote und die Überzeugung, dass Maxim es bestimmt bereue, sie so überstürzt geheiratet zu haben. Sie spürt genau, dass ihre Ehe nicht auf Ebenbürtigkeit beruht, verhält sich aber genau wie das Kind, als das sie nicht behandelt werden möchte.

I wished he would not always treat me as a child, rather spoilt, rather irresponsible, someone to be petted from time to time when the mood came upon him but more often forgotten, more often patted on the shoulder and told to run away and play. I wished something would happen to make me look wiser, more mature. Was it always going to be like this? He away ahead of me, with his own moods that I did not share, his secret troubles that I did not know? Would we never be together, he a man and I a woman, standing shoulder to shoulder, hand in hand, with no gulf between us? (S. 219 – 220)

Ihre von du Maurier psychologisch feinfühlig gezeichnete Unsicherheit und ihre Ängstlichkeit, auch ihrem Mann gegenüber, verhindern ein offenes Ansprechen ihrer Sorgen, bis es bei einem Maskenball zum Eklat kommt. Naiverweise hat sie den Rat Mrs Danvers befolgt und will Maxim mit einem Kleid überraschen, das einem der Familienporträts nachempfunden ist.

Und dann nimmt die Handlung weiter an Fahrt auf und an (Melo-)Dramatik zu und ich konnte das Buch erst zur Seite legen, als ich wusste, wie es ausgeht.

Fazit

Du Maurier ist eine überzeugende Balance zwischen der Charakterstudie einer jungen Frau, die erst in der Ehe erwachsen wird, und einer romantisch-spannenden „gothic romance“ gelungen, die an einigen dezent-passenden Stellen sogar witzig ist. Als Beatrice, ihre herzensgute, aber lärmige Schwägerin, ihr von dem Maskenball vorschwärmt, den sie jährlich bei sich zu Hause veranstalten, wird die junge Mrs de Winter leicht nervös:

I had an uneasy feeling we might be asked to spend the approaching Christmas with Beatrice. Perhaps I could have influenza. (S. 201)

Die Personen sind manchmal fast schon Archetypen: Der Ehemann streckenweise ein düsterer und tragischer Held, die böse Haushälterin, der loyale Butler. Gleichzeitig bleiben Dissonanzen, so dass ich nie das Gefühl hatte, einen eindimensionalen Trivialroman zu lesen. Das liegt vor allem daran, dass die Hauptperson eine Entwicklung durchmacht, die stimmig und glaubwürdig ist.

It seemed incredible to me now that I had never understood. I wondered how many people there were in the world who suffered, and continued to suffer, because they could not break out from their own web of shyness and reserve, and in their blindness and folly built up a great distorted wall in front of them that hid the truth. This was what I had done. I had built up false pictures in my mind and sat before them. I had never had the courage to demand the truth. (S. 309)

Der Leser soll die Perspektive der jungen Frau übernehmen, und es ist verblüffend, wie gut das gelingt, bis ich mir die Augen reibe und sage: Das ist doch unerhört, da schimpfen die beiden auf die Presse und die Journalisten, die die schmutzige Wäsche der de Winters aufdecken und damit den guten Namen Manderley in den Schmutz ziehen, haben aber keinerlei Probleme oder gar Gewissensbisse, wenn sie selbst Dinge unter den Teppich kehren, die nicht unter den Teppich gehören.

Kurzum: ein höchst befriedigendes Buch, wenn man gut und spannend unterhalten werden will, auch wenn Sally Beauman in ihrem lesenswerten Nachwort in der Virago Modern Classics-Ausgabe zugibt, dass der Roman von den Kritikern bedauerlicherweise – und zwar zu Unrecht – immer unterschätzt worden sei:

One thing is certain: Rebecca is a deeply subversive work, one that undermines the very genre to which critics consigned it.

Beauman hat übrigens Rebecca’s Tale (2001), eine Fortsetzung zu du Mauriers Buch,  geschrieben.

Jetzt müsste man eigentlich gleich im Anschluss mal wieder Jane Eyre von Charlotte Bronte lesen. Und wer den Film sehen möchte, hier geht’s lang.

Zur Biografie

Margaret Forster, selbst eine großartige Autorin, hat Daphne du Maurier (1993) geschrieben, eine von der Kritik zu Recht sehr positiv besprochene Biografie. Diese beleuchtet intelligent und einfühlsam das Wechselspiel zwischen dem Leben der Schriftstellerin und ihren Werken.  Interessant beispielsweise die Jugendzeit der Autorin, die in einem sehr begüterten Umfeld aufwuchs. Ihre Familie war u. a. mit Barrie, dem Schöpfer von Peter Pan, und der Familie von Edgar Wallace gut befreundet.

Auch du Maurier hat ihren Mann nach nur drei (!) Monaten des Kennenlernens geheiratet, und war dann – surprise, surprise – verwundert und auch befremdet, dass der Mann einige Seiten hatte, wie z. B. schreckliche Alpträume als Nachwirkungen seiner Zeit als Soldat im Ersten Weltkrieg, von denen sie gar nichts geahnt hatte und die sie auch nicht sonderlich attraktiv fand.

In ihre Werke flossen immer autobiografische Anteile und jeweilige Stimmungen und Fragestellungen ein. In ihrem erfolgreichsten Roman Rebecca beispielsweise hat sie einige ihrer eigenen Eigenschaften auf die zwei weiblichen Hauptfiguren aufgeteilt. Sie war wie Rebecca eine begeisterte Seglerin und sexuellen Erfahrungen gegenüber sehr aufgeschlossen, doch auf der anderen Seite war sie eine so hoffnungslose Hausfrau wie die namenlose Protagonistin. Du Maurier war noch nicht einmal in der Lage, ihrem Baby die Flasche zu geben, als das Kindermädchen Ausgang hatte, und war am Boden zerstört, als sie zum zweiten Mal schwanger wurde. Am liebsten hat sie ihre Kinder bei einem Kindermädchen deponiert. Als ihre Töchter ca. sechs bzw. zwei Jahre alt waren, schrieb sie:

I am not one of those mothers who live for having their brats with them all the time and I sincerely look forward to the time when Flavia and Tessa will be of a decent companionable age. (zitiert nach Margaret Forster, S. 145)

Erst bei ihrem Sohn, dem dritten Kind, empfand sie anders und konnte sich von dem kleinen Kerl kaum trennen. Auch die Repräsentationspflichten, die sie später als Gattin eines hochrangigen Offiziers hatte, haben Daphne mit ähnlichem Abscheu erfüllt wie die zweite Mrs de Winter. Doch gleichzeitig war sie willensstark und vom Luxus verwöhnt wie Rebecca.

Zeitlebens hat du Maurier ihre Bisexualität vor ihrer Familie verschwiegen, an einer immer problematischeren Ehe festgehalten und im Alter unendlich darunter gelitten, dass ihre Kreativität versiegte, da das Schreiben immer auch ein Weg gewesen war, verheimlichte und ungezügelte persönliche Anteile auszuleben.

Der Herrensitz Manderley wurde dem Anwesen Menabilly in Cornwall nachempfunden, den du Maurier aus ihrer Jugend kannte und in dem sie von 1943 bis 1969 lebte. Als sich die Gelegenheit ergab, das Haus Menabilly für zwanzig Jahre zu mieten, und zwar unter der Bedingung, dass sie auch für Reparaturen und die komplette Instandhaltung des riesigen Hauses aufzukommen hatte, hat sie nicht gezögert und sich geradezu wahnwitzig in dieses Projekt gestürzt. Dabei hat sie dann immer verdrängt, dass das Haus ihr gar nicht gehört und die eigentlichen Erben immer in den Startlöchern standen.

Vielleicht sind die fast schon hypnotisierenden Schilderungen Manderleys und der Natur auch der Tatsache geschuldet, dass der Roman zu einem Viertel in Ägypten verfasst wurde, wo ihr Mann für einige Zeit stationiert war. Sie hat sich die ganze Zeit nach England und dem Wetter dort zurückgesehnt und das Leben in Ägypten gehasst und – man kann es nicht anders sagen – sich mit ausgesprochenem Dünkel über die Einheimischen mokiert.

Während ihr Mann im Krieg war, war das Familienleben auf Menabilly gelinde gesagt chaotisch. Ratten liefen nachts durchs Haus, was die Kinder zwar ängstigte, aber Daphne völlig kalt ließ. Genauso wie die Kälte, die Fledermäuse im Zimmer oder die unzureichende Erziehung ihrer Kinder. Das Kindermädchen war immer häufiger krank, die Mahlzeiten oft improvisiert.

Daphne […] very successfully ignored the chaos around her. She was entirely relaxed about any kind of mishap, and also about the state of the house, just so long as she could go on writing. Tessa’s two goats, Freddie and Doris, were allowed to wander wherever they liked, on condition they didn’t actually  sleep on the beds, and the rabbits and bantams, though meant to be outside, were not unwelcome either. On fine days the children roamed the woods and on wet days explored the shut-off north wing which their mother worried about, because it was unsafe, though she did not make much effort to stop them. (Margaret Forster, S. 193)

Matthew Green: memoirs of an imaginary friend (2012)

Here is what I know: My name is Budo. I have been alive for five years. Five years is very long for someone like me to be alive. Max gave me my name. Max is the only human person who can see me. Max’s parents call me an imaginary friend. I love Max’s teacher, Mrs Gosk. I do not like Max’s other teacher, Mrs Patterson. I am not imaginary.

So fängt einer der größten Leseflops der letzten Monate an. Eigentlich heißt der Autor Matthew Dicks, aber in Großbritannien werden seine Bücher unter Green vermarktet.

Matthew Green: memoirs of an imaginary friend (2012)

Auf Deutsch erschien das Buch unter dem Titel Der beste Freund, den man sich denken kann (2013).

Inhalt

Da gerade keine gute Zeit für Klassiker oder große Romane ist, die der Ruhe und Konzentration bedürfen, aber trotzdem ein Buch her musste, schien mir die Idee von Green zunächst sehr reizvoll:

Budo ist der imaginäre Freund des ca. zehnjährigen Max. Er ist nur so lange existent, wie Max an ihn glaubt und ihn sieht. Er hat auch nur die Eigenschaften und verfügt auch nur über die Fähigkeiten, mit denen ihn sein menschlicher „Schöpfer“ ausgestattet hat. Und dieser Budo nun veröffentlicht seine Memoiren, immer in der Angst, dass er irgendwann – wie alle imaginären Freunde – verschwindet, wenn Max erwachsen(er) wird und seiner nicht mehr bedarf.

Aber noch braucht Max seinen Freund, zumal er autistisch veranlagt ist, am liebsten mit seinem Kriegsspielzeug und unzähligen Soldaten irgendwelche Schlachten nachspielt und menschliche Gesellschaft vermeidet, wo immer es geht. Den Gute-Nacht-Kuss gibt ihm seine Mutter immer erst dann, wenn er schon schläft, da er keine Berührungen mag.

He likes people, but it’s a different kind of liking. He likes people from far away. The farther you stay away from Max, the more he will like you. (S. 10)

Max‘ Eltern gehen ganz unterschiedlich mit seiner Krankheit um. Sein Vater versucht zu verdrängen, dass sein Sohn anders ist, so kommt es öfter zu Auseinandersetzungen und der geneigte Leser erhält dann gleich ein paar Ehetipps.

Sometimes I wish I could tell Max’s mom to be nicer to Max’s dad. She is the boss of the house, but she’s also the boss of Max’s dad, and I don’t think it’s good for him. It makes him feel small and silly. Like when he wants to play poker with friends on a Wednesday night, but he can’t just tell his friends that he will play. He has to ask Max’s mom if it’s okay for him to play, and he has to ask at the right time, when she is in a good mood, or he might not be able to play. (S. 23)

Eher widerwillig geht Max in die Schule, hat Probleme mit einem fiesen Mitschüler und liebt, wie alle anderen auch, die Stunden bei Mrs Gosk, die so ist, wie eine Lehrerin sein sollte.

It’s strange how teachers can go off to college for all those years to learn to become teachers, but some of them never learn the easy stuff. Like making kids laugh. And making sure they know that you love them. (S. 10)

Doch dann wird ein dunklerer Ton angeschlagen: Die unheimliche Aushilfslehrerin Mrs Patterson schafft es, das Vertrauen des Jungen zu erschleichen, und versucht durch ihn, ihren eigenen Dämonen zu entkommen, dafür würde sie über Leichen gehen. Und nun ist Budo gefragt: Wird er – mit Hilfe anderer imaginary friends – es schaffen, seinen menschlichen Freund zu retten? Und wird Max, als es darauf ankommt, es schaffen, eigenständig zu handeln?

Fazit

Man verrühre eine charmante Grundidee mit ein bisschen Spannung, banalem Geplänkel über den Tod, einer ordentlichen Portion Grusel, garniere das Ganze mit einer Spur Autismus und einer extrem schlichten Sprache, und fertig ist das Machwerk, das mir für ein Kinderbuch viel zu bedrohlich wäre und für ein Erwachsenenbuch entschieden zu platt.

Mit Freude zitiere ich Jane Housman. Sie schrieb im Guardian:

The trend for unworldly child narrators (Room, Pigeon English, Extremely Loud and Incredibly Close) is becoming tiresome. The Curious Incident of the Dog in the Night Time kicked off this particular iteration of the trope and felt fresh and engaging. Now one begins to suspect that a narrator on the autistic spectrum is little more than an excuse for artless prose. (20. März 2012)

Josef Bierbichler: Mittelreich (2011)

Nu lass du den doch auch mal ran, murmelt der alte Mann und schlägt mit seiner Linken nach dem flatterhaften Vogel. Is nich alles für dich! Hier kriegt jeder was ab, nich nur die Großen. Auf dem Rücken seiner rechten Hand wippt fett ein Spatz und sticht mit seinem Schnabel nach dem Krümel Brot in seiner linken.

So beginnt das Romandebüt des 1948 am Starnberger See geborenen Schauspielers und Schriftstellers

Josef Bierbichler: Mittelreich (2011)

Das Buch, das vom Spiegel als ein „Ereignis“ bezeichnet wurde, ist so etwas wie ein Gegenroman zu Blasmusikpop von Vea Kaiser. Hier ist der Blick auf Heimat, auf Provinz, genauer auf einen Hof und eine Gaststätte an einem See in Bayern nicht mehr liebevoll-ironisch, sondern ernüchtert und zutiefst pessimistisch.

Aber jetzt zum Inhalt

Den Rahmen des Romans bildet die Geschichte Viktors, des Knechts, den es nach dem Zweiten Weltkrieg nach Bayern verschlagen hat und der nun die Geschicke der Seewirtsfamilie aus nächster Nähe beobachten kann. Zu Beginn des Romans füttert Viktor die Spatzen und zu dieser Szene kehren wir am Ende des Buches zurück. Zwischen diesen beiden Punkten begleiten wir über ca. 100 Jahre die Familien des jeweiligen Seewirts vom Vorabend des Ersten Weltkrieges bis 1984.

Mit den allmählich zahlreicher werdenden Sommergästen wird zunächst der Grundstock zu einem bescheidenen Wohlstand gelegt.

Mit den Gästen kam ein wenig Weitblick. Sie kamen in den kleinwinkligen Häusern so nahe heran, dass man ihnen nicht mehr auskommen konnte. Man machte ihnen Platz, wo es ging. Wo es nicht ging, saß man mit ihnen zusammen und hörte zu. Und langsam sickerte die Welt hinein, wo vorher Dunst und Erde war. (S. 15)

Im Zentrum steht vor allem die Familie der zweiten Generation: Pankraz, der seinen Traum auf eine Opernkarriere aufgeben muss, um die elterliche Seewirtschaft zu übernehmen, da sein Bruder nach einer Schussverletzung im Ersten Weltkrieg verrückt geworden ist. Der junge Seewirt heiratet seine Jugendliebe Agnes, doch seine Frau ist seinen ekelhaft rechthaberischen Schwestern ein ewiger Dorn im Auge, daran ändert auch die Geburt von drei Kindern nichts. Von diesen wiederum erfahren wir nur Näheres über Semi.

Immer wieder richtet sich der Blick des Erzählers auf die Scheinfrömmigkeit, die Fassade der Wohlanständigkeit, den Biedersinn, hinter dem sich Abgründe auftun. Weil gar nicht sein kann, was nicht sein darf, erklären die Eltern kurzerhand, dass der junge Semi sich den sexuellen Missbrauch im katholischen Internat nur einbildet. Er möge bitte nicht mehr davon reden. Und nach den großen Ferien muss das traumatisierte Kind wieder zurück in die Hölle.

Aber auch die Knechte, Mägde, die Sommergäste und die Flüchtlinge, die nach 1945 in die Gegend kamen, haben ihre Auftritte. Dabei entstehen aber keine vollständigen Charakterbilder, sondern eher Schnappschüsse von Typen oder wie Iris Radisch in ihrem Lesetipp sagt, von vormodernen Menschen, die ihr Leben lang am selben Ort blieben und sich noch nicht als Individuum mit einem eigenen Lebensentwurf verstünden.

Wir erfahren, wie die Dorfbevölkerung auf die Flüchtlinge nach dem Zweiten Weltkrieg reagiert, wie die ersten Fernsehgeräte Einzug ins Dorf halten und wie die Einheimischen ihre Ressentiments gegen die Flüchtlinge irgendwann auf die wachsende Zahl der „Gastarbeiter“ übertragen.

Die Gesellschaft wandelt sich: Im Wirtschaftswunderland bricht die junge Generation mit altehrwürdigen Traditionen. Und die Sommergäste von einst sind zu Touristen geworden, die das ganze Jahr anreisen und deren Verhalten immer freizügiger wird. Als die ersten Touristen „oben ohne“ oder ganz nackt die Liegewiese belagern, weiß sich ein Bauer zunächst noch zu helfen und gießt kurzerhand Gülle um die ausgebreiteten Handtücher. Doch nach und nach setzt sich der Kapitalismus durch und man erkennt, wie viel Geld mit dem zunehmenden Gästestrom zu machen ist, dafür enteignet man auch schon mal die Besitzer attraktiver Seewiesengrundstücke.

Fazit

Bierbichler schafft es, eine ganz eigene und unverbrauchte Sprache für seinen Anti-Heimatroman zu finden. Manchmal allerdings störte mich die Allwissenheit des Erzählers, uns wird genau gesagt, wie die Menschen zu sehen und zu beurteilen sind, ohne dass das immer so den Menschen abzuspüren ist. Das kann auch manchmal ins Holzschnittartige abgleiten. Oft werden wesentliche Dinge oder längere Zeitabschnitte nur kurz rekapituliert, dann wieder stehen die Protagonisten quasi im Scheinwerferlicht auf der Bühne und haben ihren Auftritt.

Dabei ist Bierbichler nicht zimperlich, es gibt eine Passage, bei der man sich kurzzeitig in einen Splatterfilm versetzt sieht: Man findet die Leiche des Paters, der die Jungen im Internat missbraucht hat, auf äußerst unschöne Weise auf, man könnte auch sagen, fachmännisch zugerichtet. Semi, der Seewirtssohn, hatte kurz vorher noch bei einer Hausschlachtung assistieren müssen. Realität oder eine surreale Rachefantasie des Opfers?

Im Mittelreich zwischen Gut und Böse, Diesseits und Jenseits – auch so lässt sich der Titel lesen – geschehen Dinge, die in ihrer Grausamkeit keiner klassischen Sage nachstehen. Es wird gemordet, geschlachtet, geliebt, es treten Hermaphroditen, tragische Helden und Chöre auf. Doch geordnet nach klassischem Maßstab ist hier nichts. Auch wenn chronologisch einigermaßen stringent 80 Jahre Deutschland erzählt werden: Die Handlung erinnert an die braun getönten Wimmelgemälde von Bosch und Breughel, denn die Szenen stehen um kein Zentrum, sondern spielen auf vielen kleinen Bühnen ihre Tragödien durch. (Kathrin Schumacher, Deutschlandradio)

Für mich am interessantesten: Bierbichlers Blick auf die Natur des Menschen. Da gibt er sich keinen Illusionen hin: Anhand von scheinbar belanglosen Gesprächen und gedankenlosem Stammtischgerede macht er die politische Einstellung der Bewohner, ihre Verdrängung der Geschichte und ihre tief sitzenden Vorurteile, ihre Unbelehrbarkeit deutlich. Nach dem Zweiten Weltkrieg heißt es vom Seewirt lapidar, er könne sich an Details des Krieges nicht weiter erinnern und „wünsche nicht länger danach gefragt zu werden. Ende.“ (S. 67/68)

Nur wenn beim Wirt alle Vorhänge schon zugezogen waren und kein Fremder mehr in der Gaststube saß, wenn genug Bier und ein paar Schnäpse die weichen Birnen noch weicher hatten werden lassen und die Sehnsucht nach Rechtfertigung des Gewesenen noch sehnsüchtiger geworden war – dann war auch in den letzten Jahren schon hie und da etwas von der trotzigen Aufsässigkeit zu spüren, die dem aufgepfropften Schuldgefühl mannhaft Paroli zu bieten bereit war, das alle haben sollten, wenn es nach den Besatzern gegangen wäre, aber keiner so richtig spüren konnte und wollte, der trotz allem unverbogen und standhaft geblieben war. Wenn alles passte und die richtigen Leute beieinandersaßen, dann war es ein Leichtes, den verlorenen Krieg noch einmal genau durchzugehen und nachträglich zu gewinnen. Und auch, wen der Führer und seine Mannen vergessen hatten damals, als die Zeit drängte und nicht mehr alles erledigt werden konnte, was noch zu erledigen gewesen wäre – das alles kam an solchen verschwiegenen Abenden zur Sprache und beschäftigte die Köpfe auch dann noch, wenn sie schon wieder nüchtern waren. (S. 150/151)

Nur Tucek, der tschechische Tagelöhner, wehrt sich nach dem Krieg gegen dämliche Nazisprüche und formuliert so etwas wie einen Appell, der immer und überall gilt:

Früher ihr immer habt gesagt: Nix wissen! Alle Deitsche. Und dann habt ihr doch was gewusst. Und jetzt ihr redet wieder, ohne was zu wissen. Also was? Hast du gewusst was, oder hast du nix gewusst. Wenn du nix hast gewusst, dann frage. Geh und frage! Aber rede nicht Quatsch. (S. 182)

Doch der Seewirt will sich von einem einfachen Knecht keine Vorwürfe machen lassen. Unverschämtheiten werde er an seinem Tisch nicht länger dulden.

Auch die anderen nicken murmelnd zu des Seewirts klarer Sprache und zeigen damit an, dass der Teppich, der das unter ihn Gekehrte bisher deckte, noch immer tadellos den Heimatboden ziert. (S. 184)

Am Ende bin ich zwiegespalten: 392 Seiten und keine einzige sympathische Hauptperson, alle verstrickt in ihre Schwächen, Bosheiten und blinden Flecken. Das sorgt für eine betrübliche Lektüre.

Doch auf der anderen Seite ist diese fast ein Jahrhundert überspannende Chronik faszinierend. Die Geschichte sichtbar gemacht an einer allmählich zerbröckelnden Familie. Sperrig, wuchtig und von einem Menschenkenner erzählt, der für die menschliche Natur nur noch Spott und wenig Hoffnung hat. Der vorletzte Satz des Romans lautet:

Die Erde ist keine Heimat.

Hier findet man ein Interview aus dem Spiegel mit Bierbichler.

Gerbrand Bakker: Der Umweg (OA 2010)

An einem frühen Morgen sah sie die Dachse. Sie liefen an dem Steinkreis herum, den sie vor ein paar Tagen entdeckt hatte und gern einmal bei Tagesanbruch sehen wollte. Dachse hatte sie sich immer als friedliche, ein wenig träge und scheue Wesen vorgestellt, aber hier wurde gekämpft und gefaucht. Als die Tiere sie bemerkten, verschwanden sie ohne Hast zwischen den blühenden Stechginstersträuchern.

So beginnt der dritte Roman des Niederländers mit dem wunderschönen Cover, auf dem ein Gänsekopf abgebildet ist:

Gerbrand Bakker: Der Umweg (2010) – ins Deutsche übersetzt von Andreas Ecke (2012)

So beeindruckt ich von seinem ersten Roman Oben ist es still war, so enttäuscht war ich von seinem zweiten Roman Juni und so irritiert bin ich von seinem dritten Werk.

„Sie“, deren Namen wir erst auf den letzten Seiten erfahren, hat ihre Stelle als Literaturdozentin an der Amsterdamer Universität verloren, vermutlich war eine kurze Affäre mit einem Studenten dafür der Anlass. Kurz danach fährt sie ziellos von zu Hause fort, landet eher zufällig in Großbritannien und mietet ein Haus mitten in der walisischen Pampa. Ein paar Kühe und zehn Gänse sind ihre Nachbarn. Dort will sie ihre Ruhe haben und vielleicht an ihrer Dissertation zu der Dichterin Emily Dickinson arbeiten. Ihr Handy hat sie absichtlich auf der Fähre liegenlassen, damit man ihr nicht auf die Spur kommen kann. Wir ahnen rasch, dass es ihr gesundheitlich nicht gut geht. Die Menge der Schmerztabletten, die sie einnimmt, steigt allmählich an.

Irgendwann kommt ein junger Hiker an ihrem Haus vorbei, er will eigentlich die Route eines Wanderweges ausarbeiten, doch stattdessen quartiert er sich bei der eigenbrötlerischen Frau ein. Er kümmert sich um sie, kocht, kauft ein, erledigt Gartenarbeiten, ja, und man kommt sich auch sonst näher.

Andreas Schäfer  schreibt dazu im Tagesspiegel vom 25. März 2012:

Es ist schon rührend, wie die beiden, die nichts von sich erzählen, sich aneinander klammern, als kennten sie sich lange – aber glaubhaft ist diese Beziehung nicht. Denn der Junge ist unwirklich wie eine Einbildung, schleicht auf seinen Sportsocken wie ein herbei gewünschter Engel durch die Räume, und auch Agnes bleibt für ihn eher ein Gespenst. Statt zu sprechen, seufzt sie „Ach!“, außerdem verschweigt sie ihren wirklichen Namen und nennt sich Emily, nach der Dichterin Emily Dickinson, über die sie promoviert.

Parallel dazu gibt es einen zweiten Handlungsstrang: Ihr Mann, der ihr Fortgehen zunächst so hingenommen hatte, erfährt etwas, das ihn dazu bewegt, doch einen Privatdetektiv zu beauftragen, der ihren Aufenthaltsort ermitteln soll, so dass er ihr folgen kann.

Fazit

Es gibt Gemeinsamkeiten im Bakkerschen Literaturkosmos: Alle Romane spielen auf dem Land und die Protagonisten sind wie immer bei ihm nicht fähig oder willens, sich über die sie existenziell betreffenden Fragen zu äußern. Agnes ist ausgesprochen spröde, will niemanden mehr an sich heranlassen, und auch zu ihren Gedanken erhalten wir nur sehr spärlichen Zugang. Die Leserin, der Leser muss sich anhand der äußeren Handlung überlegen, was wohl in der Frau vorgeht und was sie antreibt. Eine Literaturdozentin, die nicht kommunizieren will oder kann und dem Mann und den Eltern – Freunde werden erst gar nicht erwähnt – nicht mitteilt, wo sie ist. Einfach abhaut, ein nettes Haus mietet, Geld anscheinend kein Problem. Das war für mich von vornherein nicht stimmig bzw. nicht nachvollziehbar.

Egal, wo man hinschaut, in diesem Roman wird man von Ödnis und Sprachlosigkeit umfangen. Das hat Blogger Tony auf Tony’s Book World dazu inspiriert, die neue Romankategorie „gorse novel“ (Ginsterroman) zu kreieren. Köstlich, ein Ginsterroman muss nämlich vier Kritierien erfüllen:

 1. A Gorse Novel takes place in an isolated rural area where the people are few and far between.  But these lonely souls make up for their sparseness with all of their eccentricities.

 2. These folks in a Gorse Novel are necessarily very close to nature, and the novel will contain elaborate descriptions of the birds, the other wildlife, the plants, or the weather that will usually put all but the most dedicated readers to restful sleep.

 3. People in a Gorse Novel don’t say much, and when they do, it is only in a few short words which are supposed to be Greatly Significant.  So when a character says “Storm’s a coming”, it means much more than that a storm is approaching.

 4. Nothing much happens in a Gorse Novel.  There is an eerie sense of quiet and calm, so finally when some tiny event happens like an itch or a cough, it seems as momentous as an earthquake.

Als fünftes Kriterium könnte man vielleicht noch ergänzen, dass eine Einsamkeit zelebriert werden muss, die einen frösteln macht.

Letztlich negiert das Buch – zumindest für die Hauptperson – jede Möglichkeit auf Gemeinschaft. Auch die Beziehung zu dem jungen Bradwen funktioniert ja nicht auf Augenhöhe. Ihre Begegnungen mit den Dorfbewohnern, dem Arzt, der sie nach einem Dachsbiss behandelt und ihr Schlaftabletten verschreiben soll, muten immer bedrohlicher an.

… und weil die Hauptfigur klärende Erinnerung verweigert, wird die Umwelt im Zustand der Verdrängung ein unheimlicher Projektionsraum, in dem sich Sehnsüchte und Ängste spiegeln. (Andreas Schäfer)

Ich kann mir einfach keine Frau vorstellen, die sich gerade noch auf ihre Fruchtbarkeit hat untersuchen lassen, um dann kurze Zeit später dem Ehemann nicht einmal mitzuteilen, was sie bedrängt, und einfach „weggeht“. Der Erzähler gibt uns außerdem den aufdringlichen Hinweis auf eine Katze, die auch einfach weggehe, wenn sie spürt, dass ihre Zeit gekommen sei.

Allerdings macht die Frau durchaus eine Entwicklung in dem Sinne durch, dass sie sich innerlich komplett von ihrem bisherigen Leben und Beziehungen lossagt. Schließlich verschwindet sogar das Heimweh bzw. die Wehmut, wenn sie an ihre Vergangenheit denkt. Ihr wird immer klarer, was sie eigentlich will, und sie wird es auch in die Tat umsetzen.

Sie ging noch ein Stück weiter, der Hohlweg stieg leicht an. Nach vielleicht zehn Minuten kam sie zu einer T-Gabelung, und dort sah sie zum ersten Mal den Berg. In diesem Moment wurde ihr klar, wie weit die Landschaft hinter ihrem Haus war und wie klein sie ihren Raum gehalten hatte. (S. 19)

Der Der Umweg und ich sind keine Freunde geworden. Auch die Art, in der das Ende der Handlung gestaltet ist, fand ich mehr als befremdlich. Gekünstelt. Da hat es auch nicht mehr geholfen, dass Bakkers Sprache ab und zu zu wahrer Meisterschaft auflief:

Das zähe Fließen des Bachs trug sie fort, ihr Denken dehnte sich, jeden Moment würde sie einschlafen. Sie hatte gerade noch genug Zeit für den Gedanken, wie angenehm es war zu schlafen. So von allem gelöst. So frei von den Dingen, über die der wache Mensch sich den Kopf zerbricht, vor denen er Angst hat, denen er mit Schrecken entgegensieht. (S. 159)

Wer sich die ersten drei Seiten vorlesen lassen möchte, klicke hier den Kanal von „Drei Erste Seiten“ an.

Lesemond und Syn-ästhetisch konnten dem Buch jedoch wesentlich mehr abgewinnen. Auch im Guardian wurde der Roman sehr positiv besprochen und die englische Übersetzung steht auf der Shortlist für den Independent Foreign Fiction Prize 2013. Und sehr gern weise ich auf eine einfühlsame Besprechung auf dem Grauen Sofa hin.

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Irène Némirovsky: Die Familie Hardelot (1947)

Sie waren beisammen, sie waren glücklich. Die wachsame Familie schob sich zwischen sie und trennte sie mit unerbittlicher Sanftmut, aber der junge Mann und das junge Mädchen wußten, daß sie einander nahe waren; alles übrige verblaßte. Es war ein Herbstabend am Ufer des Ärmelkanals, zu Beginn dieses Jahrhunderts. Pierre und Agnes, die Eltern der beiden sowie Pierres Verlobte warteten auf das letzte Feuerwerk der Saison. Auf dem feinen Sand der Dünen bildeten die Bewohner von Wimereux-Plage dunkle, kaum von den Sternen erhellte Gruppen. Rings um sie wehte die feuchte Seeluft. Tiefer Frieden lag über ihnen, über dem Meer und über der Welt.

So beginnt der lesenswerte Roman der Schriftstellerin, die 1942 im Konzentrationslager Auschwitz ums Leben kam:

Irène Némirovsky: Die Familie Hardelot (1947) – übersetzt von Eva Moldenhauer (2010)

Kurz vor Ausbruch des Ersten Weltkrieges scheint noch alles intakt in der Familie Hardelot. Im jährlichen Badeurlaub gelten scheinbar ewige und nicht hinterfragbare Regeln: Nur die Männer dürfen am Strand die Schuhe und Strümpfe ausziehen, die Damen stolpern durch den Sand.

Die Männer gestatteten sich einige Zwanglosigkeiten; sie streckten die Beine aus, stützten sich auf einen Ellbogen. […] Die Frauen blieben mit steifem Oberkörper auf der Erde sitzen wie auf den Stühlen eines Salons, wobei der Rock züchtig die Knöchel bedeckte. Wenn das vom Wind gezauste bleiche Gras ihre Waden streifte, preßten sie mit schamvollen Bewegungen ihre Beine zusammen. Ihre Kleider waren schwarz und lang; gestärkte, auf Fischbeinstäbe gezogene Wäschekragen umschlossen ihren Hals und zwangen sie, den Kopf ruckartig nach links und rechts zu drehen, so wie ein Huhn einen Wurm pickt. (S. 7)

Die Papierfabrik der Hardelots wird vom erfolgreichen, wenn auch tyrannischen Großvater geleitet. Er ist es auch, der die Verlobung zwischen Pierre, seinem Enkel, und Simone, einer wohlhabenden Waise, eingefädelt hat. Und diesem Mann widerspricht man nicht. Doch das Undenkbare passiert. Pierre und Agnes, seine große Liebe, die aber leider nur einer Bierbrauerfamilie entstammt, treffen sich heimlich. Agnes wäre nun für immer kompromittiert, doch Pierre besinnt sich und löst die Verlobung mit Simone und heiratet Agnes. Das junge Paar muss mittellos nach Paris gehen, denn der Großvater verweigert jeden Kontakt. In Simone hat das Paar nun eine erbitterte Feindin, die mehr als einmal versuchen wird, der Familie zu schaden, wo immer es geht.

Allerdings werden diese Sorgen um Standesdünkel, um Familienehre und das Wahren des Scheins bald von ganz anderen Problemen überschattet. Der erste Weltkrieg bricht aus und die einst reiche Familie Hardelot verliert ihre Häuser, ihre Fabrik. Doch Pierre, der eingezogen wird, überlebt und der starrsinnige Großvater lässt alles wieder aufbauen, sogar das Dorf. Man scheint noch einmal davongekommen zu sein. Pierre geht seinem Großvater nun sogar zur Hand, auch wenn Agnes dem Familienpatriarchen weiterhin nicht unter die Augen kommen darf. Agnes und Pierre bekommen zwei Kinder, und auch Simone, die inzwischen einen Nichtsnutz geheiratet hat und sich stark in der Firma engagiert, hat eine Tochter.

Wieder konzentrieren sich alle Freuden, alle Sorgen auf den engsten Familienkreis. Als der Großvater kurzerhand Pierres Urlaub streicht, ist Agnes unglücklich und wirft ihrem Mann Feigheit vor, doch am Ende des Tages heißt es:

Ohne Bedauern überließen sie diesen verflossenen Tag der Vergangenheit, dem Vergessen, diesen Tag, der zu den ruhigsten, köstlichsten, strahlendsten ihres Lebens gehörte. Aber das wußten sie nicht. (S. 113)

Und so bewegt sich die Handlung, von einigen Liebeskatastrophen abgesehen, rasch auf den Zweiten Weltkrieg zu. Kritiker haben in dieser Mischung aus intimen Familienszenen und Gesprächen und großen Zeitsprüngen von mehreren Jahren eine interessante Montagetechnik gesehen, die es ermöglicht, auf 250 Seiten ca. 30 Jahre Familiengeschichte unterzubringen. Allerdings – welche Familiengeschichte wäre nicht interessant, wenn man sie vorrangig anhand der großen geschichtlichen Ereignisse aufrollt?

Man wartete auf den Krieg, wie der Mensch auf den Tod wartet. Er weiß, daß er ihm nicht entrinnen wird; er fleht nur um Aufschub. ‚Einverstanden, du wirst kommen, aber warte noch ein bißchen, warte, bis ich dieses Haus gebaut, diesen Baum gepflanzt, meinen Sohn verheiratet habe, warte, bis ich keine Lust mehr habe zu leben.‘ Vom Krieg erbat man sich nichts anderes Noch ein paar Monate Ruhe, noch ein Jahr, noch eine sorglose Saison … Mehr erhoffte man nicht: morgen wie heute die Suppe auf dem Tisch, die ganze Familie vereint, die Zerstreuungen, die Geschäfte, die Liebe, noch eine Weile, noch einen kleinen Augenblick, dann … So wie auf den alten Gemälden der Tod neben dem pflügenden Bauern einhergeht, aus dem Glas des Reichen trinkt, auf dem Elendslager des Armen schläft, bei den Festgelagen mit den Musikern singt […] so spürten die Menschen von 1938 ständig neben sich den unsichtbaren, doch anwesenden Krieg. (S. 172)

Noch einmal werden die Deutschen alles plattwalzen und Not, Trauer, Tod, Chaos und Zerstörung hinterlassen.

ACHTUNG: Spoiler:

Zwar hat mich das Ende des Romans als Leserin gefreut, doch angesichts der geschichtlichen Situation und der Biografie Némirovskys erscheint es einem auch als naiv. Nur in den Häusern der anderen kommen nicht alle aus dem Krieg zurück. Aber am Hause der Hardelots geht der Tod vorbei. Das Undenkbare konnte nicht geschrieben werden, wie denn auch.

Davon abgesehen fasziniert an diesem Buch die kristallklare Sprache und der kluge und immer auch ein wenig spöttisch-liebevolle Blick der Schriftstellerin auf ihre Figuren. Ein bisschen habe ich mich jedoch daran gestört, dass die Autorin alles ausbuchstabiert. Nichts bleibt zwischen den Zeilen. So heißt es schon ganz am Anfang:

Während des Winters sahen sich die Hardelots und die Florents selten, obwohl sie Nachbarn waren. Die Leute von Saint-Elme besaßen ein wahres Talent, alles zu ignorieren, wovon sie nichts wissen wollten. Wie gut sie es verstanden, sich nach Belieben blind und taub zu stellen! Mit welchem Zartgefühl sie sich alles aus dem Weg räumten, was ihnen mißfiel! Familien konnten zwanzig Jahre lang Tür an Tür wohnen und nie einen einzigen Blick wechseln. (S. 9)

Das Buch schildert nicht nur eine wunderbare Liebesgeschichte, sondern erzählt auch von dem Untergang einer Lebensweise und aller Selbstverständlichkeiten, der hier nicht wie bei den Buddenbrooks durch innerfamiliäre Veränderungen ausgelöst wird,  sondern durch zwei Weltkriege. Dabei schien die große Politik immer weit weg zu sein, um dann doch wie eine undurchschaubare Naturkatastrophe über die Familie hereinzubrechen.

Wenn man dann bedenkt, dass das Buch um 1940/41 entstand, ahnt man, wie nah die Autorin dem Schrecken war. Sandra Kegel schrieb am 23. Dezember 2010 in der FAZ:

Zu diesem Zeitpunkt war sie [gemeint ist die Autorin] selbst bereits auf der Flucht vor den deutschen Besatzern, Frankreich hatte ihr bis zuletzt die französische Staatsbürgerschaft verweigert. Wie schon in früheren Werken bestechen auch in diesem Familienroman die ironisch-beißenden Beschreibungen der französischen Provinz und ihrer Bewohner, die so sehr von dem trügerischen Gefühl der Beständigkeit und der Sicherheit erfüllt sind, dass sie die Zeichen der Katastrophe übersehen.

Von Marion Skalski stammt der folgende Deutungsansatz im 3sat-Hörbuchtipp für Februar 2011:

Irène Némirovsky muss geahnt haben, dass eine Gesellschaft, deren wichtigste Maxime es ist, die Form zu wahren, auch mit den Nazis kollaborieren würde.

Ein kurzer Abriss zur Biografie Némirovskys und der Wiederentdeckung ihres Werkes ca. 60 Jahre nach ihrem Tod findet sich in meiner Besprechung ihrer Erzählung Der Ball.

Tilman Rammstedt: Der Kaiser von China (2008)

Dass mein Großvater zu dem Zeitpunkt, als mich seine vorletzte Postkarte erreichte, bereits tot war, konnte ich nicht wissen. Ich hatte sie ungelesen beiseitegelegt, so wie ich auch die vorangegangenen Postkarten ungelesen beiseitegelegt hatte. Gemeinsam mit den Rechnungen und Wurfsendungen, zwischen denen sie fast täglich lauerten, bildeten sie unter dem Schreibtisch einen immer waghalsigeren Stapel, den ich mit einer alten Zeitung abdeckte, auch wenn das wenig half, ich wusste schließlich, was sich darunter verbarg.

So beginnt der Roman des 1975 geborenen Autors, der dafür 2008 den Ingeborg-Bachmann-Preis erhielt:

Tilmann Rammstedt: Der Kaiser von China (2008)

Zum Inhalt

Keith Stapperpfennig wächst elternlos, mit vier vermutlich leiblichen Geschwistern beim nicht ganz leicht zu beeindruckenden Großvater auf, der nicht nur die Freundinnen des Enkels anflirtet, sondern seinen Enkeln jede Sommersaison eine neue und möglichst junge Geliebte präsentiert.

In eine dieser Frauen, Franziska, die 26 Jahre jünger ist als der muntere Alte, verliebt sich auch Keith. Und die wechselt dann halt kurzerhand die Betten. Das erste Mal übrigens, als der Großvater mit Herzflimmern auf der Intensivstation im Krankenhaus liegt, und passenderweise ist das Nachbarbett gerade nicht belegt…

Die Enkel schenken nun dem genesenden Großvater eine gemeinsame Reise. Dummerweise will der ausgerechnet nach China. Keiner will ihn dahin begleiten. Es bleibt an Keith hängen, doch der verzockt das Reisegeld und erfindet nun – während sich der Großvater allein auf den Weg macht – eine wilde Geschichte von seinen Reiseabenteuern mit Opa in China, die er seinen Geschwistern in immer längeren Briefen erzählt. Alles wüst zusammengeklaut aus dem Lonely Planet.

Dummerweise verstirbt der Großvater irgendwo im Westerwald und Keith soll ihn nun identifizieren. Das ist natürlich alles nicht ganz einfach, weil für den Rest der Sippe die beiden ja noch in China weilen und weil just für den Tag geplant war, Franziska zu heiraten. Folglich bleibt er erst mal unter dem Schreibtisch hocken und überlegt, was zu tun ist.

Fazit

Also, Gewinner des Bachmannpreises, weil das Werk so komisch, so traurig, so brillant sei. Eine Geschichte über den Generationenkonflikt, ein Abschiednehmen. Nun gut.

Samuel Moser äußerte sich am 7. April 2009 in der Neuen Zürcher Zeitung schon etwas zurückhaltender: „Zu seinen Stärken gehört zweifellos auch das verführerisch rasante Erzählen nach vorn, das Erzählen um des Erzählens willen. Auch die Klagenfurter Jury hat diesem Sog nicht widerstanden und Tilman Rammstedt im vergangenen Jahr mit dem Bachmann-Preis ausgezeichnet. Irgendeinmal aber wird man sich die Augen reiben. Das Raffinement des Romans erscheint einem dann als pures Arrangement und seine rhetorische Brillanz als Redseligkeit. Der Grossvater ist zwar eine rührende Karikatur und die Chinareise listig aus dem «Lonely Planet» herausgeschrieben. Daraus macht der Autor auch gar kein Hehl, dass auch er nur bis in den Westerwald gekommen ist. Aber gerade die Geschichte derer, die nie weiter kamen, kommt zu kurz. Sie wird überspült von all den Tricks einer geschmierten Satzmaschine, die dann eben doch ein Ziel hat: (gute) Unterhaltung.“

Ich weiß, ich bin ja selbst schuld, ich hätte mir denken sollen, dass das kein Buch für mich ist. Einige skurrile Dialoge, ein paar gelungene Formulierungen und Figuren, die eher Karikaturen ähneln, eine Geschichte, die man auch nicht einen Moment lang glauben kann und soll, ein Humor, der für mich in Klamauk umkippte, das kam mir vor wie jemand, der mir eine Stunde lang versucht, einen Witz zu erzählen, bei dem ich am Ende nicht einmal lachen muss.

Eine interessante und faire Besprechung gab es noch von Wiebke Poromka in der Taz am 13. Dezember 2008.

Wer noch eine Besprechung lesen möchte von jemandem, der sehr angetan von dem Buch war, dem empfehle ich den Blog Schöne Seiten.

Elizabeth Strout: Olive Kitteridge (2008)

For many years Henry Kitteridge was a pharmacist in the next town over, driving every morning on snowy roads, or rainy roads, or summertime roads, when the wild raspberries shot their new growth in brambles along the last section of town before he turned off to where the wider road led to the pharmacy. Retired now, he still wakes early and remembers how mornings used to be his favourite, as though the world were his secret, tires rumbling softly beneath him and the light emerging through the early fog, the brief sight of the bay off to his right, then the pines, tall and slender, and almost always he rode with the window partly open because he loved the smell of the pines and the heavy salt air, and in the winter he loved the smell of the cold.

So beginnt das dritte Buch der 1956 geborenen amerikanischen Autorin, für das sie 2009 den Pulitzer Prize for Fiction erhielt.

2010 erschien die deutsche Übersetzung von Sabine Roth unter dem Titel Mit Blick aufs Meer.

Das Werk besteht aus 13 mal mehr, mal weniger miteinander verbundenen Geschichten. Und mit diesem Mittelding – „a novel in stories“ – habe ich mich stellenweise durchaus schwergetan, denn manchmal ist der Zusammenhang zwischen den einzelnen Geschichten schon extrem lose. Wir folgen zwei Personen: Henry – einem ehemaligen Apotheker, der lange in seine Angestellte verliebt war – und später vor allem seiner Frau Olive, einer pensionierten Lehrerin.

Ab und zu verliert der Leser Olive und Henry aber dabei fast völlig aus den Augen. In manchen Erzählungen durchqueren die Kitteridges nur einen Raum oder grüßen ein paar Bekannte, während sie das Lokal verlassen. Auf diese Kapitel hätte ich gut verzichten können.

Louisa Thomas charakterisiert Olive in ihrer Besprechung in der New York Times vom 20. April 2008 kurz und treffend:

She isn’t a nice person. As one of the town’s older women notes, ‚Olive had a way about her that was absolutely without apology.‘ Olive’s son puts it more bluntly. You can make people feel terrible,‘ he tells her. […] After swapping discontents, she says to a friend, ‚Always nice to hear other people’s problems.‘

Die Geschichten spielen überwiegend in dem kleinen Küstenort Crosby in Maine. Wir treffen dabei auf ganz unterschiedliche Menschen, wie z. B. einen ehemaligen Schüler von Olive, der zurückgekehrt ist, um sich umzubringen, oder die alkoholabhängige Angela O’Meara, die in einer Bar Klavier spielt und schließlich ihrem langjährigen Geliebten, einem stadtbekannten Politiker, den Laufpass gibt. Wir begegnen einer magersüchtigen Jugendlichen oder der Mutter eines Mörders sowie dem Sohn der Kitteridges, der erst als erwachsener Mann die Angst vor seiner Mutter überwindet und sich nicht länger von ihr tyrannisieren lässt.

Jede der zahlreichen Figuren wird von der Autorin mit wohlwollender und menschenfreundlicher Anteilnahme bedacht. Niemand wird verurteilt, sondern in seiner Bedürftigkeit sichtbar. Und alle fügen anderen Wunden zu, oft ganz ohne böse Absicht, oder werden durch existenzielle Verluste in ihren Grundfesten erschüttert. Manchmal war mir das ein bisschen zu viel elegische Soße, die da unterschiedslos über alle gekippt wurde. Allerdings sorgte der ein oder andere sarkastische Seitenhieb Olives dann wieder für etwas klarere Luft.

Die letzten Kapitel waren hingegen großartig. Aus Olives Sicht erleben wir ihre Einsamkeit, nachdem Henry einen Schlaganfall erlitten hat. Das wird so harsch erzählt, dass einem auch ganz fröstelig wird, dabei hatten die beiden oft alles andere als eine liebevolle Ehe geführt. Beim Anschauen alter Fotos – Henry ist bereits im Pflegeheim – wird ihr bewusst, was für ein Hauch das menschliche Leben ist:

A picture of Henry as a small child. Huge-eyed and curly-haired, he was looking at the photographer […] You will marry a beast and love her, Olive thought. You will have a son and love him. You will be endlessly kind to townspeople as they come to you for medicine […] You will end your days blind and mute in a wheelchair. That will be your life. (S. 161)

Zwar hatten die beiden auch Geheimnisse voreinander, die dem anderen nicht so verborgen geblieben sind, wie sie das gedacht haben, aber erst als sie ihn verloren hat, wird Olive klar, dass Henry in all den Jahrzehnten ihrer Ehe der Freund war, dem sie – fast immer – alles erzählen konnte.  Und so hat sie – von oberflächlichen Telefonanrufen abgesehen – plötzlich niemanden mehr, dem sie überhaupt etwas erzählen kann und will.

Unter der kantigen und rechthaberischen Schale Olives verbirgt sich aber auch viel menschliche Anteilnahme und oftmals ein klarer Blick in die Nöte ihrer Mitmenschen, die sie jedoch kaum auszudrücken in der Lage ist. Sie würde gern eine alte Bekannte trösten, die während der Begräbnisfeier anlässlich der Beerdigung ihres eigenen Mannes erfährt, dass dieser sie mit ihrer Cousine betrogen hat.

She would like to rest a hand on Marlene’s head, but this is not the kind of thing Olive is especially able to do. (S. 180)

Fast alle scheitern an der Liebe, an den Sehnsüchten, die sie mit sich herumtragen, und sei es, dass man sich wünscht, dass einen der eigene Sohn besucht und man die Enkel aufwachsen sieht.

Sometimes, like now, Olive had a sense of just how desperately hard every person in the world was working to get what they needed. For most, it was a sense of safety, in the sea of terror that life increasingly became. People thought love would do it, and maybe it did. But even if, […] it was never enough, was it? (S. 211)

Eva Menasse hat in der Zeit vom 15. Juli 2010 erklärt, dass sie das Buch sogar ein wenig getröstet aus der Lektüre entlassen habe:

Nein, hier wird uns nichts erspart. Wenn man nur ein bisschen verengt daraufschaut, geht es im Leben doch, sobald die Jugend vorbei ist, nur noch bergab. Mit Blick aufs Meer ist auch ein Buch des Abschieds, von Jugend und Freiheit, von den eigenen Kindern, die sich einem, einmal erwachsen, entfremden, und schließlich vom Leben selbst. Das große Wunder beim Lesen besteht darin, dass man sich mit dieser eigentlich unerträglichen Wahrheit plötzlich abfinden kann und sogar heiter und getröstet ist, weil man den einzelnen, verwirrt hin und her krabbelnden Menschen als Teil eines gleichbleibenden Ganzen begreift. So findet Strout, genau wie damals Sherwood Anderson, gerade über die Zersplitterung wieder zur Ganzheit zurück.

Markus Werner: Bis bald (1992)

Mir wurde schwindlig, kaum daß ich eingestiegen war. Es roch nach Haarlack, es roch nach allem, wonach solche Menschen riechen.

So beginnt der Roman Bis bald des 1944 geborenen Schweizer Lehrers und Autors, der mit einer Arbeit zu Max Frisch promovierte.

Zum Inhalt

Lorenz Hatt, Mitte vierzig, leicht misanthropisch und Denkmalpfleger, macht Urlaub in Tunesien. Er bucht einen dieser vom Hotel organisierten Tagesausflüge und bereut das schon kurz nach dem Einstieg in den Bus:

… mich störte einzig das Geschwätz des Reiseleiters, der zwar vorzüglich Deutsch und Französisch sprach, aber alles so mechanisch hersagte, wie man nur tausendmal Gesagtes sagen kann. Auch die Späße waren erprobt, man lachte zuverlässig, meine Verstimmung wuchs. Ich sah überall abstoßende Hinterköpfe auf dürren Hälsen oder auf verspeckten Hälsen, überall sah ich die schauderhaftesten Ohren, das fleischigste gehörte meinem Vordermann […] Um mich abzulenken, betrachtete ich eine Weile lang Grünbergs Armbanduhr, aber auch sie war häßlich, klobig wie jede Uhr, die mehr als Uhr sein will. Die in Zeitzonen eingeteilte Weltkarte auf dem Ziffernblatt empfand ich als Hochstapelei, und daß der schlummernde Grünberg jetzt noch den Mund öffnete, was den geistreichsten Schläfer zum Trottel macht, verdroß mich vollends. (S. 8 der Taschenbuchausgabe)

Doch dann passiert es: In einer der antiken Anlagen erleidet Hatt einen Herzinfarkt und überlebt. Zurück in der Schweiz schenken ihm die Ärzte nach einem zweiten Infarkt irgendwann reinen Wein ein: Findet sich kein Spenderherz für ihn, wird er sterben. Ohne Spenderorgan geben ihm die Ärzte noch maximal sechs Monate.

Lorenz Hatt erinnert an den Walter Faber aus dem Roman Homo faber von Max Frisch:

… ich bin ein Vertreter der Sie-Form und kann dem schwindenden Distanzbewußtsein nichts abgewinnen. (S. 159)

Während er nun auf die Nachricht wartet, dass man ein passendes Organ für ihn gefunden hat, erzählt er einem Zuhörer, über den wir nichts Näheres erfahren, seine Erinnerungen, seine Gedanken und Assoziationen. Er denkt an Regina, seine Frau, von der er aber schon lange getrennt lebt, an seinen Sohn Hans, dessen Tod die Eltern endgültig voneinander entfremdet hat. An seinen Beruf, in den er sich geradezu blindwütig hineingestürzt hat, um nicht über das Scheitern seiner Ehe nachdenken zu müssen. Und in dieser Situation kann es natürlich nicht ausbleiben, dass er sich auch um sein Warten auf ein Spenderherz und um den Tod so seine Gedanken macht:

Ich dachte also in dieser tunesischen Toilette an Regina, weil sie für mich, auch lange nach der Trennung, für Heimat stand, für etwas Heimatähnliches auf jeden Fall, sie war der Mensch, dessen Nähe und Beistand ich mir damals gewünscht hätte und manchmal auch heute noch wünsche, wenn ich mich frage, wer mich begleiten könnte, falls das Geschick ein eigentliches Sterben für mich vorsieht und nicht den Überraschungstod, der keiner Begleitung bedarf und mir trotz seines gutes Rufs auch nicht genehm ist. Ich weiß, er gilt den meisten als der schönste, obwohl man ihn nur den bequemsten nennen dürfte. Er ist ein Massenwunschbild, Augen zu, wer abgeht, will’s nicht auch noch wissen, wer wunschgemäß abrupt, das heißt besinnungslos verendet, dem widerfährt gewissermaßen nicht viel Neues. (S. 37)

Wenn er zu erschöpft ist, unterbricht er sich, und der Handlungsfaden wird an anderer Stelle wieder aufgenommen. Und hin und wieder kommt Frau Guhl, die sich um den Haushalt kümmert.

Fazit

Dieser Lorenz rückt uns ganz nahe, sowohl in seinen Gedanken, die wir allerdings wohl nicht so klar und präzise und nicht so streng und schön ausdrücken könnten, als auch in seinen Versuchen, sich und anderen auf die Spur zu kommen. Dabei ist es egal, ob es um Nichtraucher, die Schweiz, die Tücken des Alleinreisens oder die Frage geht, ob er sich guten Gewissens den Tod eines jungen Motorradfahrers wünschen soll. Diesmal soll nichts unter den Teppich gekehrt, dem Anblick im Spiegel nicht mehr ausgewichen werden.

Eine Meldung kann noch so erschütternd sein, ein Vorfall noch so gräßlich: wenn die Meldung oder der Vorfall oder die Meldung über den Vorfall Elemente enthält, die meinen Standpunkt stützen und meine Sicht der Dinge als richtig erscheinen lassen, dann hat der Vorfall, hat die Meldung für mich auch etwas Lustbetontes. Ich nehme, wie jeder Mensch, am liebsten wahr, was mich bestätigt, das ist fatal, das ist der Anfang der Verblödung, verstehst du, eine Erfahrung müßte etwas sein, was uns widerlegt, was uns zumindest stutzig macht und das heißt weiterbringt und dehnt. Die Lust, die ich empfinde, wenn sich die Welt so gibt, wie ich sie sehe, ist erbärmlich, es ist die Lust des Spießers, der sich mit oder ohne Gartenzaun vom Leib hält, was ihm fremd und neu erscheint. (S. 84)

Scheinbar banale Situationen, die wir alle kennen, wie z. B. das Warten in einem beliebigen Wartezimmer eines beliebigen Arztes, lassen plötzlich und unaufdringlich noch eine ganz andere Dimension durchscheinen. Und Lorenz fragt seinen Zuhörer, also auch uns:

Du blätterst in einer Zeitschrift. Hast du nicht plötzlich das Gefühl, daß du nicht um des Blätterns willen blätterst? Scheint dir dein Blättern nicht ein wenig fahrig? Ist nicht der Augenblick, in dem die Tür sich öffnen wird und du gerufen wirst, für dein Bewußtsein vordringlicher als das, was du gerade liest? Liest du denn überhaupt? Wenn ja: Liest du nicht im Bewußtsein, daß du gerufen werden könntest, bevor du die Lektüre des Berichts beendet hast? Und nimmt dir der Gedanke an diese Möglichkeit  nicht alle Sammlung? Freilich, wenn du nicht blättern und nicht lesen würdest, nur sitzen, nur […] darauf lauern, bis die Tür sich öffnet, dann wäre deine Lage noch beschwerlicher, die Wartezeit verginge kaum … (S. 114)

Und über Sätze wie „Es scheint mir das Organ zu fehlen, das mich ein Ende fassen läßt als Ende.“ (S. 79) lässt sich nicht einfach mal eben hinweglesen …

Krankheit, hatte Sophie gesagt, sei kein Unglück, sondern eine Chance, da sie die gewohnte Lebensführung unterbreche und dadurch auch thematisiere, der Einschnitt, Einbruch, Unterbruch schaffe Distanz und damit Übersicht, kurz, die durch Krankheit erzwungene Atemrast ermögliche jene Besinnung, zu der wir, eingespannt wie wir seien, auf andere Weise kaum noch kämen. Ich hatte entgegnet, daß es für die meisten Menschen besser sei, gesund zu bleiben und nicht zur Besinnung zu kommen – im Klammern gesagt: ich habe auch mich ein wenig mitgemeint -, denn wenn sie zur Besinnung kämen, müßten sie außer mit ihrer Krankheit auch noch mit dem Entsetzen fertig werden, das sie befallen würde, wenn sie ihr Dasein musterten. (S. 189)

Kurz gesagt, Markus Werner berieselt uns nicht; er mutet uns die Auseinandersetzung mit der eignen Endlichkeit zu.

Marcel Reich-Ranicki schrieb 2004 in einer Besprechung von Am Hang: Markus Werner „vermag exakt zu denken und glänzend zu formulieren. Seine Intelligenz kann sich sehen lassen, was man unseren Romanciers nur selten nachrühmen darf, und er hat viel zu sagen. [… und er] gehört spätestens jetzt zu den besten deutschsprachigen Schriftstellern seiner Generation.“

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Pierre Péju: Die Kleine Kartäuserin (OA 2002; deutsche Ausgabe 2005)

Fünf Uhr abends. Punkt fünf Uhr abends wird es sein im kalten Novemberregen, wenn der Lieferwagen des Buchhändlers Vollard (Etienne) im raschen Verkehr auf dem Boulevard mit voller Wucht ein kleines Mädchen treffen wird, das sich plötzlich vor seine Räder wirft.

Mit seinen feinen Gliedern, dem bleichen, zarten Fleisch unter dem roten Anorak und der roten Strumpfhose läuft das Mädchen einfach geradeaus. Tränennebel, Panik eines Kindes, das sich verlaufen hat, und im letzten Moment dieser entsetzte Blick unter dem brauen Pony.

So beginnt der Debütroman des 1946 geborenen französischen Philosophie-Dozenten

Pierre Péju: Die Kleine Kartäuserin (2002) – ins Deutsche übersetzt von Elsbeth Ranke

Elsbeth Ranke übersetzte den Roman ins Deutsche. Das Buch war überaus erfolgreich und wurde in über zehn Sprachen übersetzt und auch verfilmt.

Zum Inhalt

Die ersten Zeilen nennen bereits den Fluchtpunkt der Geschichte, einen fürchterlichen Autounfall während der Rushhour in einer französischen Großstadt. Drei Lebenswege treffen hier aufeinander und die Menschen werden danach nicht mehr die sein, die sie vorher waren.

Alles ist jetzt möglich, auch das Schlimmste. Denn auch das Schlimmste streicht immer in der Meute des Möglichen umher. Die Hyäne des Schlimmsten tummelt sich ziellos in der Banalität. (S. 9 der Taschenbuchausgabe)

Da ist zum einen Etienne Vollard, der ältere, eigenbrötlerische Buchhändler, der dem panisch auf die Straße rennenden Kind nicht mehr rechtzeitig ausweichen kann. Nach dem Prozedere auf der Polizeiwache wird er entlassen, mehrere Zeugen haben bestätigt, dass er keine Chance hatte. Noch unter Schock irrt er die Nacht durch das nahe gelegene Gebirge der Chartreuse. Am nächsten Tag schneit es.

Vollard ist allein unter diesem Schnee. Alles in ihm ist gefroren, hart geworden. Verkrampfte Kiefer, geballte Fäuste. Er hat beschlossen, so schnell wie möglich zur Notaufnahme zu fahren. Bei jeder Haarnadelkurve erkennt er die Stadt ein bisschen deutlicher, die sich wie eine gräuliche Pfütze unter dem dicken Dunst ausbreitet. Das Krankenhaus taucht auf, eine Stadt in der Stadt, wo Leid, Verletzungen, Krankheiten, Todeskampf sich in weitläufigen Etagen häufen. Die Glastüren sind für Vollard das Tor zum Labyrinth. Da steht er, zunächst ganz aus der Fassung wegen des Arzneigeruchs, der knirschenden Wagen, auf denen frisch verletzte Körper vorübergleiten, wegen des Wirbels von Kitteln und Verbänden. (S. 27)

Zum anderen treffen wir das Unfallopfer, die kleine Eva. Ihr Zustand ist kritisch, sie hat schwere Hirnverletzungen erlitten und muss noch einmal operiert werden. Im Krankenzimmer trifft Vollard schließlich auf Thérèse, die junge Mutter der Kleinen.

Ein leicht surrealer Dialog entspinnt sich, denn die Mutter ist die Gelassenheit selbst, kein Schock, keine Besorgnis, keine Vorwürfe; nein, sie freut sich, dass ihr da jemand zuhört. Normalerweise holt sie ihre Tochter nachmittags von der Schule ab, denn sie leben noch nicht lange in der Stadt und zu weit entfernt von der Schule, als dass Eva allein den Weg zur Wohnung hätte finden können. Dabei war Thérèse schon öfter zu spät gekommen, denn eigentlich macht sie nichts anderes als vor sich und ihrem Leben wegzulaufen. Sobald sie ihre Tochter morgens zur Schule gebracht hatte, fährt sie irgendwohin, mit dem Auto, mit dem Zug. Hauptsache fort:

Wenn der Motor ein Traum ist und die Landschaft ein blaßlila Löschpapier, wenn sie endlich spürt, wie sie durchsichtig wird. (S. 32)

Sie muss sich jeden Tag dazu zwingen, zurückzukommen. Diesmal hat sich Thérèse aber fast zwei Stunden verspätet und Eva ist nicht, wie die anderen Kinder, die noch nicht nach Hause können,  in den Schulhort gegangen, sondern hat sich im strömenden Regen selbst auf den Nachhauseweg begeben, sich prompt verlaufen und ist in Panik geraten und vor den Lieferwagen des Buchhändlers gerannt.

Dann wechselt die Geschichte in die Kindheit Vollards und dort werden die Menschen plötzlich dreidimensional und laufen nicht mehr als Ideen oder Verkörperungen philosophischer Fragen durch die Welt. Vollard wird, als er neu in die Klasse kommt, rasch als ideales Mobbingopfer identifiziert. Er ist groß und dicklich und wehrt sich viel zu spät gegen die Grausamkeiten und Ekligkeiten seiner Mitschüler. Was diese vor allem so empört: Seine schier unbegrenzte Fähigkeit, Dinge auswendig zu lernen, und sein Verlangen, sich in jeder freien Minute mit einem Buch zurückzuziehen.

Kein Wunder, dass wir ihn nun, Jahrzehnte später, als Besitzer des wunderbar altmodisch vollgestopften Buchladens „Wort und Sein“ antreffen. Er versucht, sich der Situation, der „Absurdität“ zu stellen, und beginnt Eva regelmäßig zu besuchen und dem im Koma liegenden Mädchen Geschichten zu erzählen.

Fazit

Sprachlich changiert das Werk zwischen faszinierenden Metaphern und ermüdendem Wortgeklingel, das sich in unzähligen Abstrakta verliert. Schön zum Beispiel, wie Péju die erste Nacht nach dem Unfall beschreibt, in der Vollard, der an Schlaflosigkeit leidert, zum ersten Mal seit Jahren wieder durchschlafen kann:

Der ewig Schlaflose fiel in einen großen Bottich Nachtsaft, reiner Nachtsaft, schön schwarz und dickflüssig, der in seinem Schädel die Löcher flickte, aus dem diese leuchtenden Sätze krochen, um sich in seinem Hirn aufzuspulen, das sich dem Schlaf widersetzte. (S. 105)

Letztendlich kreist das Buch um das Problem unseres Schuldigwerdens und um die Tatsache, dass unser Leben buchstäblich von einer Sekunde auf die andere aus den Angeln gehoben werden kann.

Sein Irrweg durch das Gebirge, der Schmerz und das Wandern im Schatten dieser Berge, die er so gut kennt, hilft ihm, sich einzugestehen, daß er fortan damit wird leben müssen: mit dieser nicht wiedergutzumachenden Absurdität, ein Kind überfahren und vielleicht getötet zu haben. (S. 23)

Und er spürt genau, daß seine Muskeln, sein Fleisch, seine Knochen, seine Nerven, sein Gehirn niemals aufhören werden gegen diesen Kinderkörper zu prallen, an einem verschneiten Nachmittag, der so weit ist wie die Zeit, die ihm noch zu leben bleibt. (S. 29)

Der Autor stellt die Fragen, Antworten und Trost gibt es nicht. Der Interpretation mancher Kritiker, dass das Buch „eine Hommage an die Literatur und an den Buchhändler“ sei (Le Figaro), kann ich nicht zustimmen. Im Gegenteil, die Geschichte zeigt überdeutlich, dass Vollards Bücher – als es hart auf hart kommt – ihm nicht helfen können, weder die von ihm gelesenen noch die, die in seinem Geschäft auf den richtigen Leser gewartet haben. Und so ist es nur folgerichtig, wenn es heißt:

Vollard hatte die Literatur nie als Entspannung angesehen und die Lektüre nie als Trost. Im Gegenteil. Wenn man wie wahnsinnig las, so wie er immer schon gelesen  hatte, bedeutete das eher, daß man die Wunde eines anderen aufdeckte. Die Wunde eines einsamen Mannes, das Unbehagen einer einsamen Frau. Lesen bedeutete, in diese Wunde herabzusteigen, sie zu durchlaufen. Hinter den Sätzen, noch hinter den schönsten, den meisterlichsten, waren immer Schreie zu hören. (S. 124)

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Gerbrand Bakker: Juni (OA 2009)

„Gleich kommt Slootdorp“, sagt der Chauffeur. „Dort übernimmt Sie ein neuer Bürgermeister.“
Sie schaut hinaus. Rechts und links breite Streifen Weide- und Ackerland, deren Ende nicht zu sehen ist. Hier und da ein klobiger Bauernhof mit rotem Ziegeldach. Zum Glück regnet es nicht.

So beginnt einer der für mich enttäuschendsten Romane, die ich seit langem gelesen habe:

Gerbrand Bakker: Juni (2009) – übersetzt von Andreas Ecke

Hatte der Autor es in seinem Romandebüt Oben ist es still geschafft, eine unverwechselbare Stimme für seinen Ich-Erzähler zu finden, dessen Wortkargheit so gut zu seinem Wesen und seiner Geschichte passte, so passt für mich in dem zweiten Roman des Niederländers gar nichts mehr zusammen.

Zum Inhalt

Dabei fängt das erste Kapitel noch vielversprechend an: Die holländische Königin Juliana besucht im Juni 1969 Dörfer im Norden Hollands und muss dabei – streng nach Protokoll – diverse Programmpunkte und Würdigungen über sich ergehen lassen, die alle nur ein Ziel zu haben scheinen: jede echte Begegnung zwischen Monarchin und Bevölkerung unmöglich zu machen. Blümchen werden überreicht, der hiesige Bäcker liefert die Brote, es gibt kleine musikalische Darbietungen. Später steht noch eine Wasserskivorführung auf dem Programm. Common Reader bemerkt dazu so nett: „Für alle ist es aufregend, außer für die Königin, die macht das nämlich dauernd.“

Doch einmal schert die Königin für einen kurzen Moment aus dem minutiös durchgetakteten Zeitplan aus: Sie geht einer jungen Mutter namens Anna Kaan, die ein bisschen verspätet zu den Feierlichkeiten kommt, ein paar Schritte entgegen und streicht deren zweijähriger Tochter Hannah dabei kurz über die Wange. Man wechselt ein paar Worte und anschließend kehrt jede wieder zurück in ihre eigene Welt.

Dann springt die Handlung in die Gegenwart, fast 40 Jahre später. Wieder ist es Sommer und wir sind auf dem allmählich verfallenden Hof der Kaans, die junge Mutter von damals hat sich kurz nach ihrer goldenen Hochzeit an diesem unerträglich heißen Tag mit Eierlikör, Wasser und ein paar Keksen auf den Heuboden verkrochen. Weder ihre drei erwachsenen Söhne, ihr Ehemann Zeeger noch ihre Enkelin Dieke können die Altbäuerin überreden herunterzukommen. Es ist nicht das erste Mal, dass Anna hier ihre Zuflucht nimmt und ihren Erinnerungen nachhängt. Und jetzt soll sich vor dem Leser das Beziehungsgeflecht der Familie Kaan zusammensetzen. Auch in diesem Roman wirft dabei ein tragischer Unfall seine langen Schatten bis in die Gegenwart.

Fazit

Das ist aber in meinen Augen komplett missglückt. Statt Anteil zu nehmen, bin ich gelangweilt, ertappe mich dabei, nur noch querzulesen. Die Personen wirken auf mich wie planlos durch die Gegend laufende Pappfiguren, die zufällig irgendeinen Namen tragen und fast schon klischeehaft nie über das sprechen können, was sie eigentlich bewegt.

Einzig die Enkelin scheint ab und zu zum Leben zu erwachen und sich zu wundern. Der Schwung, die Sicherheit des Erzählens, der Sog von Oben ist es still, nichts ist hier davon zu spüren. Stattdessen hölzerne Nebensächlichkeiten wie:

Vor und neben dem Haus liegt Rasen und stehen Bäume, hinterm Haus sind die Staudengewächse und weiter hinten noch viel mehr Bäume. (S. 43)

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Gerbrand Bakker: Oben ist es still (2006; deutsche Ausgabe 2008)

Ich habe Vater nach oben geschafft. Nachdem ich ihn auf einen Stuhl gesetzt hatte, habe ich das Bett zerlegt. Wie er auf dem Stuhl saß, erinnerte er an ein wenige Minuten altes Kalb, noch bevor es saubergeleckt ist; mit unkontrolliert wackelndem Kopf und einem Blick, der nichts festhält.

So beginnt der mit mehreren Literaturpreisen ausgezeichnete Roman des holländischen Autors

Gerbrand Bakker: Oben ist es still (2006) – übersetzt von Andreas Ecke

Auch beim zweiten Lesen hat mich der erste Roman für Erwachsene des 1962 geborenen Autors wieder in seinen Bann gezogen, dabei kann ich mir kaum ein ruhigeres, unaufgeregteres Buch vorstellen.

Als sein alter Vater bettlägrig wird, schafft der 55-jährige Bauer Helmer van Wonderen ihn ins Obergeschoß, bringt ihm nur widerwillig zu essen und wäscht ihn nur dann, wenn der Gestank nicht mehr auszuhalten ist. Den Arzt ruft er nicht. Die Beziehung der beiden war schon immer denkbar schlecht.

Ansonsten erzählt er uns langsam, bedächtig, ja fast pedantisch, wie er die Zimmer entrümpelt, die Dielen und Fenster streicht, alte Fotos und die Standuhr nach oben zu seinem Vater bringt, sich ein neues Bett und eine Landkarte von Dänemark anschafft und sich mit der Nachbarin und deren zwei kleinen Söhnen unterhält. Die für Helmer wesentlichen Ereignisse liegen bereits Jahrzehnte zurück und nun – auch ausgelöst durch die Umräum- und Renovierungsarbeiten – muss er immer wieder an seine Kindheit und Jugend unter der Knute seines lieblosen Vaters denken:

Mutter war eine schweigsame Frau, aber sie sah alles. Vater war derjenige, der redete. Und kaum etwas sah. Er brüllte sich durch alles durch. (S. 27)

Vor allem aber denkt er an seinen Zwillingsbruder Henk, der mit 19 bei einem Verkehrsunfall starb. Eigentlich ist er über dessen Verlust, der schon begann, als Henk sich mit Riet befreundete, nie hinweggekommen. Die Trauer wurde den Eltern und Riet, der Verlobten von Henk, zugestanden. Ihn, den Zwillingsbruder, verlor man dabei aus den Augen.  Nach dem Tode Henks befahl ihm der Vater, sein Studium in Amsterdam aufzugeben und stattdessen auf den Hof zurückzukehren. Seitdem hat er zusammen mit seinem Vater den Hof bewirtschaftet. Irgendwann fragt ihn seine Nachbarin Ada:

„Warum hast du nicht geheiratet, Helmer?“
„Was?“
„Geheiratet.“
„Dafür braucht man eine Frau“, sage ich.
„Ja, aber warum hast du die nicht?“
„Ach…“ (S. 39)

Riet schreibt ihm nun nach über 30 Jahren einen Brief, in dem sie anfragt, ob Helmer für eine Weile ihren Sohn auf dem Hof aufnimmt, damit der ein bisschen mehr Klarheit darüber gewinnt, was er eigentlich mit seinem Leben machen möchte. Der Junge, der ebenfalls Henk heißt, kommt und die beiden leben zwei Monate eher wortkarg zusammen und Henk hilft ein bisschen bei der Arbeit auf dem Hof und versorgt das Jungvieh, falls er es nicht vorzieht, morgens im Bett liegen zu bleiben. Helmers Fazit über seinen „Knecht“:

Scheint mir eigentlich ein ganz netter Kerl zu sein. Fehlt bloß die Gebrauchsanweisung. (S. 167)

Er weiß, dass er ihn vermissen wird, wenn er wieder fort ist, und lässt sich doch auf seine zurückhaltende Art auf den Kontakt ein und kauft zum Beispiel einen Fernsehapparat, weil der Junge sich sonst abends langweilt.

Wenn man etwas nicht anders kennt, weiß man nicht, was einem fehlt. Weiß ich nicht jetzt schon, daß Henk weggehen wird? Natürlich geht er weg, warum sollte er bleiben? Er hat hier nichts verloren. (S. 208)

Ich höre Henk die Treppe herunterkommen Er geht durchs Haus, scheint kurz vor der Schlafzimmertür stehenzubleiben. Dann macht er überall die Lampen aus, ich höre es an dem Weg, den er nimmt. Kurz danach geht er wieder die Treppe hinauf. Das Haus ruht. (S. 226)

Fazit

Das Besondere an diesem Roman ist, dass wir nur durch die Erinnerungen an längst Vergangenes und die Schilderungen der alltäglichen Verrichtungen und Begegnungen Anteil an Helmer bekommen. Er spricht fast nie direkt seine Gefühle, seine Verletzungen aus, wir sehen sie wie durch einen Spiegel. Er hat alles in sich verschlossen.

Halb elf am Vormittag. Es regnet aus niedriger Wolkendecke. […] In der Küche brennt Licht. Die krumme Esche glänzt vor Nässe, die Nebelkrähe sitzt zusammengekauert auf ihrem Ast. Hin und wieder schüttelt sie ihr Gefieder ein bißchen auf, ohne die Flügel zu spreizen. Dann ähnelt sie einem Sperling, der ein Bad in einer Pfütze auf dem Hof nimmt. Einem Riesensperling. Ich warte. Die Zeitung liegt vor mir auf dem Tisch, aber ich kann nicht lesen. Ich sitze da und starre aus dem Fenster. Die Uhr summt, oben ist alles still, in meinem Becher sind noch ein paar Schlucke kalter Kaffee. Nicht nur oben ist es still, es ist überall still, der Regen klopft leise aufs Fensterbrett, die Straße ist naß und leer. Ich bin allein, habe niemanden zum Anschmiegen. (S. 137)

Das Buch entwickelt eine Sogwirkung, eben weil einem als Leser nicht alles vorgekaut wird. Die Auswirkungen der Vergangenheit auf Helmer sind unaufdringlich glaubwürdig. Die Geschichte zeigt, wie wir so schlecht aus unserer biografischen Haut herauskönnen und damit doch einigermaßen – wenn auch beschädigt – zurechtkommen müssen. Und wie ein einsamer Mann versucht, in Würde zu leben. Im Laufe des Buches ändert sich dann auch die Qualität des Alleinseins, zur Freude des Lesers. Und man muss das Buch schon selbst lesen, um die Schlussworte in Gänze verstehen zu können.

Ich weiß, daß ich aufstehen muß, daß es in dem Gewirr von Wegen und ungepflasterten Straßen jetzt schon dunkel ist, wegen der Wäldchen aus Kiefern, Birken und Ahornbäumen. Aber ich bleibe ruhig sitzen. Ich bin allein.

Anmerkungen

Eine weitere Besprechung findet sich bei Bücherwurmloch.

Auch die Kritiker waren sehr angetan,  David Hugendick schrieb beispielsweise in der ZEIT am 22. Januar 2009:

Leben, Tod, Einsamkeit, verlorene Träume – das wurde uns zigmal schon erzählt. Bakker tut es oft so frisch, so hin- und mitreißend, als habe er die Sujets gerade erst erfunden. Er erzählt uns diese Geschichte ergreifend und unzerknautscht. Ihm gelingt die Balance zwischen sentimentalen Episoden und lakonischem Witz. Die Dialoge funkeln in der Trübe der grau grundierten Landschaft.

2010 hat Bakker für diesen Roman übrigens den mit 100.000 Euro dotierten International IMPAC Dublin Literary Award verliehen bekommen. Die Begründung der Jury findet sich hier.

Hier meine Eindrücke zu den Romanen Juni (2009) und Der Umweg (2019).

Anne Korkeakivi: An Unexpected Guest (2012)

Time rained down on Clare. 8:30 a.m. on the clock hanging above the breakfast alcove. Twenty-five years of pretending Ireland never existed. She would have to step again into that air terminal. Stare into the dark waters of the River Liffey. Look over her shoulder at every instant.

Remember.

So beginnt der in Paris spielende Debütroman

Anne Korkeakivi: An Unexpected Guest (2012)

Der britische Botschafter in Paris ist plötzlich erkrankt und so muss Edward Moorhouse, ein ranghoher Diplomat, zusammen mit seiner irisch-amerikanischen Frau Clare, einspringen und am nächsten Tag ein wichtiges Dinner ausrichten. Von dem Erfolg dieses Essens hängt möglicherweise ab, ob Edward den Botschafterposten in Irland bekommt.

Der Roman erzählt nun, wie Clare, Mitte vierzig und Mutter zweier Söhne, dieses Dinner mit der für sie typischen Gewissenhaftigkeit und Zuverlässigkeit vorbereitet, sich mit Dienstboten herumplagt, nach dem besten Spargel in Paris sucht, sich über den Blumenschmuck Gedanken macht, Platzkarten schreibt, einen Friseurtermin wahrnimmt und außerdem versucht, das neueste schulische Fiasko ihres fünfzehnjährigen Sohnes James vor Edward geheimzuhalten, damit dieser durch nichts in seiner Arbeit gestört wird.

Doch es schleichen sich beängstigende und irritierende Gedanken und Situationen ein, die sie an den Rand ihrer Belastbarkeit bringen. Ein Mann hält sie auf der Straße an, sie fühlt sich bedroht, doch dieser will nur den Weg zu einem nahegelegenen Arzt wissen. Mehrmals meint sie, ihren ehemaligen irischen Geliebten Niall zu sehen, der doch vor über 20 Jahren gestorben ist. Kleine Auslöser sorgen dafür, dass sie völlig in Erinnerungen versinkt. Und wir erfahren rasch, dass es sich bei Niall um einen Kämpfer für die irische Unabhängigkeit gehandelt hat, für den die junge Studentin Clare alles, aber auch wirklich alles getan hätte. Sie hat, nachdem sie sich damals hat hinreißen lassen, Geld nach Dublin zu schmuggeln, ihren Geliebten verloren und seitdem alles getan, um Irland aus ihrem Bewusstsein zu verdrängen.

Im Laufe dieses Tages bündeln sich alle wichtigen Lebensstationen Clares und sie muss ihr Leben neu ordnen. Am Ende des Tages ist nichts mehr so wie zuvor.

Fazit

Das liest sich alles ein bisschen steril, die Kritiker verwenden dafür gern das Wort „elegant“.

Und die Verwendung kurzer Sätze macht aus der Autorin noch lange keinen Hemingway: Als sie eine Aussage bei der Polizei macht, um einen Unschuldigen zu entlasten, heißt es:

The commandant brought her back to the room in which she had waited. He handed her a pen. She accepted it. He laid an affidavit on the desk. She signed it. He nodded. He led her out to the foyer. A policeman handed her her cell phone, and she cradled it in her hand. It felt strangely warm, … (S. 271)

Außerdem sind es mir der Zufälle zu viele, die die Autorin benötigt, damit die Konzentration der Ereignisse und Gedanken auf einen Tag gelingen kann. Kurz, das Buch hat mich nicht angesprochen.

Auf die Frage in einem Interview, ob sie sich bewusst an den Klassiker Mrs Dalloway von Virginia Woolf angelehnt habe, hat Korkeakivi geantwortet: „I am, indeed, an admirer of Virginia Woolf’s work. At some point early on, I recognized the similarity between what I wanted to do and the manner by which Woolf talks about the discomfort of the post-WWI generation in Mrs. Dalloway.“