Diane Setterfield: The Thirteenth Tale (2006)

It was November. Although it was not yet late, the sky was dark when I turned into Laundress Passage. Father had finished for the day, switched off the shop lights and closed the shutters; but so I would  not come home to darkness he had left on the light over the stairs to the flat. Through the glass in the door it cast a foolscap rectangle of paleness onto the wet pavement, and it was while I was standing in that rectangle, about to turn my key in the door, that I first saw the letter. Another white rectangle, it was on the fifth step from the bottom, where I couldn’t miss it.

So beginnt der Debütroman der 1964 geborenen britischen Autorin, auf den ich durch mehrere Empfehlungen aufmerksam geworden war:

Diane Setterfield: The Thirteenth Tale (2006)

Doch vorab: Leider kann ich die Begeisterung nicht teilen, dabei hat der Inhalt zunächst einmal durchaus Schmökerpotential:

Zum Inhalt

Die Ich-Erzählerin Margaret Lea, die ihre Zeit eher hobbymäßig dem Recherchieren obskurer Biografien widmet und ansonsten ihrem Vater in dessen Antiquariat hilft, lebt allein in einer Wohnung oberhalb des väterlichen Geschäfts. Der geheimnisvolle Brief entpuppt sich als der Auftrag, die Biografie der bekanntesten und erfolgreichsten britischen Schriftstellerin Vida Winter zu schreiben, die todkrank ist und die bisher Jahrzehnte lang ein großes Geheimnis um ihre Herkunft gemacht und jedem Journalisten eine andere Geschichte erzählt hatte.

Schon bei diesem Brief störten mich Stellen wie diese, die zwar auf den ersten Blick schön klingt, aber Begriffe wie Wahrheit und Lüge ganz vage und nebulös lässt und einen Gegensatz konstruiert, der mir nicht einleuchtet.

What good is truth, at midnight, in the dark, when the wind is roaring like a bear in the chimney? When the lightning strikes shadows on the bedroom wall and the rain taps at the window with its long fingernails? No. When fear and cold make a statue of you in your bed, don’t expect hard-boned and fleshless truth to come running to your aid. What you need are the plump comforts of a story. The soothing, rocking safety of a lie. (S. 5 der Taschenbuchausgabe)

Margaret reist nach Yorkshire, wo die berühmte alte Autorin ein einsames Landhaus besitzt, in dem man sich mühelos verlaufen kann. Nachdem die junge Biografin in spe es geschafft hat, der Schriftstellerin drei biografische Fakten zu entlocken, die sich überprüfen lassen, lässt sich Margaret, wenn auch zögernd, auf den Auftrag ein. Zu Beginn ist sie der alten herrischen Dame nicht so ganz gewachsen. Zudem wird Margaret von ihren eigenen Dämonen geplagt. Sie hat zufällig als Zehnjährige in einer Blechdose unter dem Bett ihres Vaters die Geburtsurkunde ihrer Zwillingsschwester gefunden. Da die Mädchen an der Hüfte zusammengewachsen waren und nur ein Herz besaßen, mussten sie operativ getrennt werden, sodass nur Margaret überlebt hat. Diesen Verlust hat sie nie verwunden. Ihre Mutter ist seitdem depressiv und hat ihrer Tochter nie Liebe zeigen können.

Und so folgt der Leser Margarets Bemühungen, Vida Winters Erinnerungen aufs Papier zu bringen. Es ist nicht zu viel verraten, wenn ich sage, dass Winter – was sich natürlich als ein Pseudonym herausstellt – eine Kindheit hatte, die jedem viktorianischen Schauerroman zur Ehre gereicht hätte.

In dieser Tradition der Gothic Novel sieht sich auch wohl der Roman von Setterfield. Alle Zutaten sind da – ein bisschen Wuthering Heights, ein bisschen Jane Eyre, die Brandruine aus Rebecca, ein bisschen Dickens, Familienverhältnisse, die mit dem Wort „dysfunktional“ noch freundlich umschrieben wären, Gewalt, ein Anwesen, das von den Nachbarn gemieden wird, das Zwillingsmotiv, Wahnsinn, Spannung und ein bisschen Rätselraten, treue Dienstboten, ein altes Tagebuch, ein sanfter Riese mit dem Namen Aurelius, der auch mit 60 eigentlich nur von der Frage umgetrieben wird, wer seine leibliche Mutter war, und dazu noch schöne Sätze übers Lesen und übers Geschichtenerzählen. Und keine genaue Verortung in einer konkreten Zeit. Vielleicht frühes 20. Jahrhundert.

Fazit

Drei Dinge haben mich an diesem Roman vor allem gestört. Zum einen fand ich an vielen Stellen den Stil weitschweifig und oft genug auch trivial:

What unnerved me more than all the rest were her sunglasses. I could not see her eyes but, as I remembered the inhuman green irises from the poster, her dark lenses seemed to develop the force of a searchlight; I had the impression that from behind them she was looking through my skin and into my very soul. (S. 44)

Zum anderen war mir Margarets Sehnsucht nach ihrem Zwilling, den sie ja nie kennengelernt hat, zu melodramatisch. Selbst als erwachsene Frau gibt sie sich ihrer Trauer und Sehnsucht nahezu unreflektiert hin; und die Geschichte der Vida Winter war eben leider nur ein Potpourrie der entsprechenden Schauerromanzutaten.

Letztlich habe ich den Roman als Papiertiger empfunden. Ich habe der Erzählerin kein Wort geglaubt. Trotz der Liebeserklärung ans Lesen.

I never read without making sure I am in a secure position. I have been like this ever since the age of seven when, sitting on a high wall and reading the Water Babies, I was so seduced by the descriptions of underwater life that I unconsciously relaxed my muscles. Instead of being held buoyant by the water that so vividly surrounded me in my mind, I plummeted to the ground and knocked myself out. I can still feel the scar under my fringe now. Reading can be dangerous. (S. 4)

Die Bücherphilosophin hat kürzlich so treffend einen Post betitelt mit „Was du heute kannst lesen, das verschiebe nicht auf irgendwann.“ Das heißt, ich möchte mal wieder die „Originale“ der Brontes und „The Woman in White“ von Wilkie Collins lesen. „The Thirteenth Tale“ war für mich nur eine Kopie.

Hier geht’s lang zu einem Interview mit der Autorin im Guardian, die mit ihrem Erstlingswerk einen ähnlich kometenhaften Erfolg hatte wie J. K. Rowling mit ihren Harry Potter-Büchern..

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Schmöker

Der Duden definiert Schmöker als die umgangssprachliche Bezeichnung für ein „dickeres, inhaltlich weniger anspruchsvolles Buch, das die Lesenden oft in besonderer Weise fesselt.“ Der Begriff stamme aus der Studentensprache: Man schmökte sein Pfeife und dazu riss man übermütig aus einem alten oder schlechten Buch Seiten heraus, um daraus seine Fidibusse zum Anzünden zu drehen (siehe auch den Artikel der GfdS).

Für mich ist der Begriff „Schmöker“ jedoch nicht negativ besetzt: Ein Schmöker muss spannend sein, uns eine kleine Alltagsflucht ermöglichen – deswegen spielt er vorzugsweise an geografisch von uns entfernten Orten und vielleicht auch in einer anderen Zeit. Außerdem muss er viele, viele Seiten haben. Das aktuelle Weltgeschehen bleibt mal einige Stunden außen vor. Man entspannt wie an einem gelungenen Kinoabend und ist gefesselt von der Geschichte, der vorwärts eilenden Handlung, man begleitet die Sympathieträger und will unbedingt wissen, wie es weitergeht. Und wenn das Buch zu Ende ist, hätte man gern noch weitergelesen anstatt sich wieder im Alltag einzufinden.

Dabei darf die Lektüre keinesfalls trivial, eindimensional oder verkitscht sein. Ich möchte mich ja nicht für dumm verkauft fühlen. Aber sicherlich werde ich auch nicht so gefordert wie bei einem anspruchsvolleren Roman. Man wird mit seinen Ansichten und seinem Stückwerk an Erkenntnissen nicht in Frage gestellt. Das zeigt, dass der Begriff Schmöker ein höchst subjektiver ist: Was für den einen ein Schmöker ist, ist für den anderen schon Trivial- oder einfach Unterhaltungsliteratur.

Die schönste Erklärung, der wirklich nichts mehr hinzugefügt werden muss, stammt von e. o. plauen (eigentlich Erich Ohser), der 1944 Suizid beging. Seine reizende Bildergeschichte trägt den Titel Der Schmöker (auch bekannt unter dem Titel Das interessante Weihnachtsbuch). Der Südverlag war sogar so nett und erteilte mir eine Abdruckerlaubnis, wenn ich mit vaterundsohn.de verlinke und die „Unterdrückung der Download-Möglichkeit über die rechte Maustaste“ sicherstelle. Falls jemand weiß, was damit gemeint ist, let me know.

Was aber ist für euch ein wunderbarer und empfehlenswerter Schmöker?

Immer weitere Kommentare von euch trudeln ein, deshalb hier eine gern zu ergänzende Liste der genannten Titel (in Klammern Mehrfachnennungen):

  • Graphic Novel “The Walking Dead Compendium Vol. 1&2″
  • Jane Austen: Pride and Prejudice (2)
  • Jean-Luc Bannalec
  • Emily Bronte: Wuthering Heights
  • Raymond Chandler
  • James Clavell: Shogun
  • Dostojewski: Die Brüder Karamasow
  • Alexandre Dumas: Der Graf von Monte Christo
  • Daphne du Maurier: Rebecca (2)
  • Umberto Eco: Der Name der Rose
  • Ildefonso Falcones: Die Kathedrale des Meeres
  • Ken Follett: Die Säulen der Erde/Die Tore der Welt (2)
  • Jonathan Franzen: Freiheit
  • Lee Harper: Wer die Nachtigall stört
  • Yu Hua: Brüder
  • James Jones: Verdammt in alle Ewigkeit
  • Stephen King: Es
  • Elisabeth Kostova: Der Historiker
  • John Ajvide Linqvist: So finster die Nacht
  • Jonathan Littell: Die Wohlgesinnten
  • Margaret Mitchell: Vom Winde verweht (2)
  • James Albert Michener: Hawaii/Die Bucht
  • Paul Murray: Skippy stirbt
  • Gregory David Roberts: Shantaram
  • Willy Russell: Der Fliegenfänger
  • Dorothy Sayers
  • Lisa See: Der Seidenfächer
  • Diane Setterfield: Die dreizehnte Geschichte (2)
  • John Steinbeck: Jenseits von Eden (2)
  • Donna Tart: Die geheime Geschichte
  • Tiziano Terzani: Das Ende ist mein Anfang
  • J. R. R. Tolkien: Herr der Ringe
  • Leo Tolstoi: Anna Karenina (2)
  • Leon Uris: Exodus
  • Martin Walker
  • Edith Wharton: Ein altes Haus am Hudson River