Ruth Goodman: How to be a Victorian (2013) – Teil 3/4

Es geht weiter mit einem der für mich interessantesten Abschnitte in Goodmans Buch zum Viktorianischen Zeitalter, dem über Schulbildung:

Kapitel 11: Meanwhile, for the Young, There was School

Zwar wurde von mehreren Seiten eine bessere Schulbildung der Arbeiterklasse gefordert, versprachen sich doch viele von gebildeteren Arbeitern höhere Produktivität, während andere Schulbildung als entscheidend im politischen Kampf um mehr Mitbestimmung ansahen und wieder andere erhofften sich dadurch eine leichtere Verbreitung von Informationen, sei es zu gesundheitlichen, moralischen oder religiösen Fragen.

Doch das große Problem dabei war die Finanzierung, da die Kosten für Lehrer, Bücher und Gebäude entweder von den Eltern der Zöglinge (Schulgeld) oder von philantropisch gesinnten Einzelpersonen übernommen werden mussten. An dieser Stelle kamen Joseph Lancaster und Andrew Bell ins Spiel. Sie entwickelten das „monitorial system„, mit dem sie versprachen, die Kosten gering zu halten und gleichzeitig mehr Kindern die Grundlagen beizubringen.

… in it one teacher could instruct a number of older students in the day’s lesson, and they in turn could instruct a group of younger children. Joseph Lancaster claimed that a single master could govern an entire school, no matter how large, and that a single book could teach a whole school to spell, another to read and a third to do sums. He considered that five hundred boys or girls could be taught by one educated man… (S. 287)

Normalerweise ging der Unterricht für die jungen Hilfslehrer, die zwischen 12 und 15 Jahre alt waren, um sechs Uhr los. Eine Stunde später kamen die übrigen Schüler, die nun gruppenweise von ihrem „monitor“ in der Tageslektion gedrillt, beaufsichtigt und bei Fehlverhalten auch gezüchtigt wurden.

Die Hilfslehrer bekamen für ihre Tätigkeit sogar ein winziges Taschengeld, und für einige begabte Arbeiterkinder öffnete sich damit der Weg zu höherer Bildung, der ihnen ermöglichte, später selbst eine Lehrerausbildung zu absolvieren.

Wer so arm war, dass er in einem der „work houses“ leben musste, konnte alle Hoffnung auf Schulbildung für sich oder seine Kinder fahren lassen. Derlei Institutionen waren zwar sogenannte Schulen angegliedert, doch waren die Verhältnisse dort meist so katastrophal, dass man darüber eigentlich nur den Mantel des Schweigens breiten möchte.

Dann gab es die Sonntagsschulen, von denen es eine ganze Reihe – gerade in den ländlichen Gebieten – schafften, ihren Schülern neben der religiösen Unterweisung Lesen und Schreiben auf einem passablen Niveau beizubringen.

Small class sizes and dedicated teachers could, in some cases, achieve more with one day a week of tuition than huge halls full of rote learning could achieve in five days. William Chadwick was working a thirteen-hour day at the cotton mill from the age of eight. He learned to read and write at Sunday school and evening classes sufficiently well to rise, in time, to the rank of Chief Constable of the Metropolitan Police. (S. 297)

Ein anderer Schultyp waren die „dame schools„, die schon im 16. Jahrhundert erwähnt wurden. Es handelte sich dabei um Privatschulen am untersten Ende der Gesellschaft. Arme Frauen oder Männer boten gegen ein geringes Entgelt an, Kinder zu beaufsichtigen und, wenn man Glück hatte, ihnen auch etwas beizubringen. Manche unterrichteten die Kinder auch in bestimmten Handarbeitstechniken, was den Kindern wiederum ermöglichte, relativ rasch zum Familieneinkommen beizutragen.

Die „dame schools“ waren trotz ihrer offensichtlichen Mängel sehr beliebt, auch weil die Lehrer Verständnis hatten, wenn beispielsweise ein Kind für ein paar Wochen ausfiel, weil es bei der Ernte helfen musste. Auch waren nicht alle Eltern glücklich über die jeweiligen religiösen Präferenzen der anderen Schultypen.

Dass körperliche Züchtigung in den Schulen sich so großer Beliebtheit erfreute, lag nicht nur daran, dass es ein so probates Mittel der Disziplinierung – gerade in Klassen mit über 60 Schülern – war, sondern auch daran, dass man überzeugt war, dass Fehler ausschließlich auf fehlendem Willen und mangelnder Konzentration beruhten. Dem glaubte man mit dem Rohrstock am besten abhelfen zu können. Die hohe Wertschätzung von Pünktlichkeit und Gehorsam war kein Zufall:

… the ability to follow instructions accurately and the self-control to handle boredom and repetitive exercises were thought to produce good factory workers. If many schools felt like a factory, especially towards the end of the century, it was deliberate. School was meant to be a training ground for life: a rigid hierarchy with strict rules and regulations. Instant submission to those in authority was required of everyone, from maidservant to office worker. (S. 293)

Doch nicht nur die Betonung der Vorbereitung aufs Berufsleben klingt aktuell, auch der Wettbewerb der Schulen untereinander, angeblich messbar am Abschneiden der Schüler in landesweiten Tests, kommt uns und den Briten doch sehr bekannt vor. Begonnen hat das Elend anscheinend 1862:

In 1862, the Education Committee, which had been established partly to monitor the grants which the government was now investing in schools, began a regime of payment by results. […] For the first time, schools which did not bring their pupils up to the desired levels of learning would receive less government money (the low-cost option), and those who did would be rewarded with their support (the effective option). Every year, each grant-receiving school would be inspected and each child examined in reading, writing and arithmetic. A series of standards was set for different ages of children, and these would apply across the country. (S. 294)

Ab 1870 – in einigen Regionen ein paar Jahre später – wurde der Schulbesuch schließlich verpflichtend und ab 1891 mussten an den öffentlichen Schulen keine Schulgebühren mehr entrichtet werden. Doch das allgemeine Niveau darf man sich laut Goodman nicht zu hoch vorstellen. Nach sieben Jahren Schulbesuch wurde angeblich ein Wissensstand erreicht, der im gegenwärtigen britischen Schulsystem von einem achtjährigen Kind erwartet werde.

Schriftliche Examina sind der Autorin zufolge nahezu ausschließlich eine Erfindung des 19. Jahrhunderts, die ihren Ausgang in den Prüfungen der Navy im 18. Jahrhundert nahm und die dafür sorgte, dass bestimmte Positionen nicht mehr nur nach Beziehungen und Geld besetzt wurden, sondern nach Verdienst, was wiederum der Verwaltung und dem ganzen Land zugute kam.

The Indian civil service in 1853 became the first area of government to insist upon its recruits passing an entrance exam; and the home civil service followed in 1858. The Army finally abolished the purchase of officers‘ commissions in 1871, replacing that entry route with a new competitive entrance exam. (S. 303)

Dieses Modell wurde schließlich von den Universitäten übernommen. (Hier sei allerdings der Hinweis erlaubt, dass laut Wikipedia China das Land war, von dem Briten die Idee des schriftlichen Examens übernahmen.)

In Bälde gibt es den letzten Teil dieser Buchvorstellung. Da erholen wir uns und schauen uns beispielsweise an, was die Viktorianer in ihrer Freizeit unternommen haben.

 

 

Andrea Hirata: Die Regenbogentruppe (OA 2005; deutsche Ausgabe 2013)

An jenem Morgen hockte ich auf einer langen Bank im Schatten eines dicht belaubten Filicium, eines japanischen Baumfarns. Mein Vater saß neben mir, hatte mir den Arm um die Schultern gelegt und nickte den anderen Eltern und Kindern, die auf der Bank gegenüber saßen, mit einem Lächeln zu. Es war ein ganz besonderer Tag: mein erster Schultag.

So beginnt das bisher erfolgreichste Buch eines indonesischen Autors:

Andrea Hirata: Die Regenbogentruppe (2005)

Peter Sternagel übersetzte das Buch ins Deutsche.

Zum Inhalt

Hirata, der sein Geburtsjahr nicht öffentlich machen möchte, setzt in diesem semi-autobiografischen Buch seinen ehemaligen Mitschülern und seinen zwei Grundschullehrern, die an einer winzigen Zwergschule auf der Insel Belitung unterrichteten, ein Denkmal.

Der Ich-Erzähler Ikal geht in Belitung zur Schule. Zwar wurde auf Belitung Jahrhunderte lang Zinn abgebaut, doch von den Bodenschätzen profitierte wie so oft die einheimische Bevölkerung am wenigsten. Zunächst bereicherten sich die niederländischen Kolonialmächte, die von ca. 1600 bis zum Zweiten Weltkrieg das Sagen hatten, und anschließend die Mittelschicht des Landes und die Besitzer und leitenden Angestellten einer Bergbaugesellschaft.

Die Bergbaugesellschaft betreibt auch eine eigene Schule, der Zugang ist allerdings nur Kindern der höheren Angestellten gestattet. Die Arbeiter, Fischer und Bauern bleiben bettelarm und schicken ihre Kinder meist erst gar nicht zur Schule, da diese zum Lebensunterhalt der Familien beitragen müssen. Und die, die trotzdem ihre Kinder schicken, haben, was die Schule angeht, ohnehin keine Wahl:

… und wir gehörten alle zur ärmsten Bevölkerungsschicht der Insel. Auch die Muhammadiyah (Name der Schule) war eine der ärmsten Dorfschulen auf Belitung. Es gab nur drei Gründe, warum unsere Eltern uns hier angemeldet hatten. Erstens, weil Muhammadiyah-Schulen keine Gebühren nahmen und sie lediglich freiwillige Beiträge zahlten, soweit sie es eben konnten. Zweitens, weil unsere Eltern hofften, dass eine frühe Unterweisung im Islam uns später vor schlechten Einflüssen bewahren würde. Und drittens, weil wir sowieso keinerlei Chance hatten, von einer anderen Schule genommen zu werden. (S. 8/9)

Schon der erste Schultag Ikals zeigt, wie gefährdet die kleine Schule ist. Der Schulinspektor will sie am liebsten schließen lassen und hat deshalb verfügt, dass zum neuen Schuljahr mindestens zehn Schüler zur Einschulung kommen müssen. Ihm ist diese heruntergekommene Schule ein Dorn im Auge und bei seinen Inspektionen findet er immer etwas zu beanstanden.

Unsere Schule war eine von Hunderten, wenn nicht Tausenden armer Schulen im Land, eine von der Sorte, die jederzeit in sich zusammenfallen konnte. Dazu hätte es nur eines Ziegenbocks bedurft, der hinter einer Ziege her war. Wir hatten nur zwei Lehrer für alle Fächer und alle Klassenstufen. Wir hatten keine Schuluniformen. Und wir hatten auch keine Toilette. Da unsere Schule am Waldrand lag, brauchten wir uns nur in die Büsche zu schlagen. Unsere Lehrer kamen immer mit, es hätte ja sein können, dass wir von einer Schlange gebissen worden wären. (S. 14)

Die Lehrer und Schüler kämpfen aber nicht nur mit dem vom Einsturz bedrohten Gebäude, dem Fehlen grundlegender Ausstattung und den Löchern im Dach. Wenn es regnet, versucht die fünfzehnjährige Lehrerin Bu Mus sich so gut es eben geht mit Bananenblättern zu schützen. Die zweite Gefahr geht von der Bergbaugesellschaft aus, die irgendwann Probebohrungen macht und Zinkvorkommen unter dem Schulhaus findet. Daraufhin rückten Bagger und große Maschinen an. Doch damit wollen sich weder die Schüler noch die zwei Lehrer abfinden, die sich zu allem anderen Ungemach ihren Lebensunterhalt auf andere Art und Weise verdienen müssen, denn entlohnt werden sie nicht.

Allmählich werden die Kinder älter und so lesen wir auch von der ersten Liebe Ikals. Am Abend seines ersten Rendezvous mit A Ling fahren die beiden mit einem Riesenrad:

Und dann schwiegen wir beide, schwiegen zusammen und wollten gar nicht wieder aussteigen. Das Riesenrad zeichnete mit seinen Lampen ein Muster in den Himmel. Mein Herz war weit. Dies war die schönste Nacht meines Lebens. (S. 133)

Leider endet die die Beziehung abrupt, weil A Ling von ihrer Familie nach Jakarta geschickt wird, um sich dort um eine Tante zu kümmern. Als Abschiedsgeschenk lässt sie ihm ein Buch zukommen, das den Leser doch überrascht, nämlich Der Doktor und das liebe Vieh von James Herriot. Das Buch heilt ihn von seinem Liebeskummer.

Ich war hingerissen von der Schönheit des kleinen Dorfes Edensor. Ich begriff, dass es außer der Liebe noch andere schöne Dinge gab auf der Welt. Herriots Beschreibungen waren so eindrücklich, dass ich meinte, den Duft der Narzissen und Aurikeln zu riechen, die an den Weidezäunen wucherten, von denen er erzählte. […] Es war wie ein Wunder, ich war wieder völlig gesund. Ich hatte eine neue Liebe, die in meiner zerschlissenen Tasche steckte. Das war Edensor. Nachdem ich 480 Stunden, 37 Minuten und 12 Sekunden den Verlust von A Ling beklagt hatte, beschloss ich mit dem Selbstmitleid aufzuhören. (S. 156/157)

Fazit

Mit Humor und Wehmut erzählt hier einer eine Bildungsgeschichte der besonderen Art. Neben skurrilen Begebenheiten, Klassenstreichen und dem selbstlosen Einsatz der Lehrer werden die Mitschüler porträtiert und uns fremd anmutende Sitten und Gebräuche und der Einfluss von Aberglauben und Schamanen geschildert.

Allein in Indonesien verkaufte sich das Buch millionenfach und die Verfilmung wurde der erfolgreichste indonesische Film. Inzwischen gibt es drei Fortsetzungen.

Die Sprache ist einfach und die Erzählperspektive etwas wacklig. Manche Fragen z. B. zur Chronologie bleiben offen. Ob die von Hirata berichteten wundersamen Geschehnisse zutreffen – das Manuskript sei ihm gestohlen und ohne sein Wissen einem Verlag zugespielt worden -, sei dahingestellt. Und es irritiert, wenn im Buch das baufällige Schulgebäude zusammenbricht und Hirata trotzdem im Interview mit Wolfgang Herles behauptet, dass die große Scheune hinter ihnen genau diese Schule sein soll… So passen einige Details nicht recht zusammen. Man darf da wohl nicht alles als einen Tatsachenbericht lesen.

Dennoch: Es ist eine zutiefst menschliche, tolerante und warmherzige Geschichte, die einen Einblick in ein mir bisher unbekanntes Land gibt, und zugleich ein Plädoyer für das Recht auf Bildung und ein Loblied auf die Schule, das uns in Deutschland zu denken geben sollte:

Pak Harfan (der Lehrer) war allerdings nicht müde geworden, den Kindern klarzumachen, dass Wissen einen Wert für sich selbst darstellte und Erziehung eine Verpflichtung gegenüber dem Schöpfer bedeutete. Dass Schule nicht immer nur darauf abzielen musste, einen Titel zu erwerben, Geld zu verdienen oder gar reich zu werden. Schule bedeutete für ihn Wert und Würde, gelebte Menschlichkeit, sie war Lust am Lernen und Bildung. (S. 188)

Und zum Ethos des Lehrerberufs heißt es:

Ein Lehrer, dem ein Schüler abhandenkommt, ist wie ein Lehrer, dem die halbe Seele fehlt. (S. 207)

Wir in unserem reichen Land mit allgemeiner Schulpflicht sind da ja zum Glück schon weiter: Wie viele unserer Schüler (und Eltern) sehen Schule nicht mehr als die Institution an, in der man etwas lernen und sich dadurch sogar aus bedrückenden sozialen Rahmenbedingungen herausarbeiten kann, sondern eher als eine lästige Störung eines ansonsten unstrukturierten und regelfreien Spaßraums. Wie ganz anders hingegen der Klassenkamerad Ikals: Lintang, ein hochbegabter Junge, versäumt nie auch nur einen einzigen Schultag, selbst wenn ihm wieder mal die Fahrradkette kaputtgeht oder ihm Krokodile den Weg versperren.

Lintang setzte immer wieder dem Unterricht zuliebe sein Leben aufs Spiel. Aber er fehlte niemals. Vierzig Kilometer  hatte er täglich auf seinem Schulweg zurückzulegen. Wenn der Unterricht bis zum Nachmittag dauerte, kam er erst bei Dunkelheit zu Hause an. Mich schauderte manchmal, wenn ich an seinen Schulweg dachte. Dabei waren noch gar nicht die anderen Schwierigkeiten eingerechnet, wie etwa Wege, die in der Regenzeit manchmal bis in Brusthöhe überflutet waren. Wenn das Wasser zu hoch war, ließ er sein Fahrrad an einem höhergelegenen Baum stehen, schwamm durchs Wasser und lief dann zu Fuß weiter. (S. 47)

Die Szene, in der Lintang im Auftrag der Mutter den kostbarsten Besitz seiner Familie verkauft – den Ehering seiner Eltern -, damit er sich eine neue Fahrradkette kaufen kann, gehört bestimmt zu den traurigsten Momenten der ganzen Geschichte und zeigt, wie viel Hoffnung die Familie in den Schulbesuch ihres Sohnes setzt.

Der Titel des Buches verdankt sich übrigens der Lehrerin Bu Mus:

Eines Nachmittags – es hatte den ganzen Tag über stark geregnet – erschien ein perfekter Regenbogen am Himmel, ein voller Halbkreis, strahlend hell in sieben Farben. […] Der Regenbogen schwang sich seidig schimmernd über die Ebene, er sah aus wie Millionen von schönen Jungfrauen in bunten Gewändern, die sich in einen abgelegenen See stürzten, um ihre Schönheit zu verbergen. Wir rannten zum Filicium und kletterten hinauf, jeder auf seinen gewohnten Ast. Wir taten das jedes Mal, wenn es geregnet hatte, um den Regenbogen zu betrachten. Deswegen nannte uns Bu Mus „die Regenbogentruppe“. (S. 73)

Eine Frage bleibt allerdings offen: Welche Wirrungen der Übersetzung sorgten dafür, dass aus James Herriots fiktivem Darrowby Edensor wurde?