Jane Austen: Pride and Prejudice (1813)

It is a truth universally acknowledged, that a single man in possession of a good fortune must be in want of a wife. However little known the feelings or views of such a man may be on his first entering a neighbourhood, this truth is so well fixed in the minds of the surrounding families, that he is considered as the rightful property of some one or other of their daughters.

Mit diesem weithin bekannten Einstieg beginnt der englische Klassiker Pride and Prejudice (1813) von Jane Austen, der auf Deutsch unter dem Titel Stolz und Vorurteil erschienen ist.

Wie schon den ersten Sätzen zu entnehmen ist, muss die Ankunft des wohlhabenden Mr Bingley, des neuen Mieters des nachbarschaftlichen Herrenhauses, die Aufmerksamkeit der Familie Bennet erregen, schließlich haben Bennets haben gleich fünf Töchter, die ja irgendwann unter die Haube sollen. Das ist schon deshalb wichtig, weil aufgrund der damaligen Erbregelung das Anwesen nach dem Tode Mr Bennets nur einem männlichen Verwandten zufallen darf. Das wäre in diesem Fall Mr Collins, ein entfernter Cousin der Mädchen und ein schier unerträglicher Esel. Ohne Ehemann würden die Töchter nach dem Tod des Vaters im Grunde mittellos sein.

Hier wird nun von Austen ein etwas größerer Ausschnitt der Gesellschaft ins Auge gefasst, als das in den früheren Romanen der Fall war. Allerdings ändert diese Ausweitung nichts an den grundlegenden Themen, die auch diesen Roman durchziehen: die Rolle des Geldes, die Bedeutung von Erziehung, die Frage nach dem, was den richtigen Ehepartner ausmacht, die Überwindung von Vorurteilen. Und welche charakterlichen Reifungsprozesse müssen vollzogen werden, bevor man glücklich in den Hafen der Ehe einlaufen kann?

Die verschiedenen Möglichkeiten werden nun anhand der Familie Bennet durchgespielt. Da wären zum einen die Eltern: Mr Bennet ist eine interessante, weil durchaus zwiespältige Figur. Er ist intelligent und integer und sich im Klaren darüber, dass er er bei der Wahl seiner Ehegefährtin kräftig danebengegriffen hat, dennoch ist er nicht bereit, dem moralischen Verfall seiner Familie Einhalt zu gebieten. Stattdessen flüchtet er sich in Spott und in seine Bibliothek, in der ihn niemand stören darf.

Her mind was less difficult to develope. She was a woman of mean understanding, little information, and uncertain temper. When she was discontented, she fancied herself nervous. The business of her life was to get her daughters married; its solace was visiting and news. (S. 3 der in gebundenen Ausgabe der Everyman’s Library)

Jane, die älteste und tugendsame Tochter, verliebt sich in Mr Bingley. Die Liebe wird erwidert. Doch da Jane nicht als „gute Partie“ gilt und ihre Mutter und ihre jüngeren Schwestern ungebildet, ja fast schon ordinär sind, nimmt der zaudernde Bingley wenn auch schweren Herzens zunächst Abstand von Jane.

Ihre attraktive und lebhafte Schwester Elizabeth, die Hauptfigur, betrachtet das Treiben um sich herum mit gemischten Gefühlen. Sie nimmt ihrer Freundin Charlotte übel, dass diese, um lebenslang abgesichert zu sein, den Heiratsantrag von Mr Collins angenommen hat. Für sich selbst lehnt sie eine Heirat, die nicht auf gegenseitiger Achtung und Liebe beruht, grundsätzlich ab.

Elizabeth erkennt, wie berechnend und dümmlich sich ihre Mutter verhält. Sie ist empört, weil Bingley mit den Gefühlen ihrer Schwester zu spielen scheint, und kultiviert eine innige Abneigung gegen Bingleys Freund, den reichen, gut aussehenden, aber versnobten und stolzen Mr Darcy.

Der wiederum ist das Objekt der Begierde von Bingleys Schwester. Schonungslos legt der Erzähler deren Absichten offen, doch wer hätte nicht auch ein wenig Mitleid mit Miss Bingley?

Miss Bingley’s attention was quite as much engaged in watching Mr Darcy’s progress through his book, as in reading her own; and she was perpetually either making some inquiry, or looking at his page. She could not win him, however, to any conversation; he merely answered her question, and read on. At length, quite exhausted by the attempt to be amused with her own book, which she had only chosen because it was the second volume of his, she gave a great yawn and said: „How pleasant it is to spend an evening in this way! I declare after all there is no enjoyment like reading! How much sooner one tires of anything than of a book! – When I have a house of my own, I shall be miserable if I have not an excellent library.“ (S. 50/51)

Die mittlere Tochter der Bennets, Mary, ein unattraktives Mädchen, das von niemandem so richtig wahrgenommen wird, fällt allen anderen mit ihren Büchern, Klavierspielen und moralischen Sentenzen auf die Nerven.

Blieben noch die beiden jüngsten, Lydia und Kitty. An der fünfzehnjährigen Lydia, die wenig im Kopf hat außer ihrem Interesse für schöne Kleider und die im Ort stationierten Soldaten, sehen wir, wie gefährlich es ist, wenn eine dumme Mutter ihre Kinder verwöhnt und ihnen weder Werte noch Fähigkeiten vermittelt. Lydia brennt schließlich mit einem Tunichtgut durch.

Fazit

Anna Marie Quindlen, die einflussreiche amerikanische Autorin, Journalistin und Kritikerin, schrieb in ihrer Einleitung der Ausgabe der Modern Library voller Begeisterung:

Pride and Prejudice is also about that thing that all great novels consider, the search for self. And it is the first great novel to teach us that that search is as surely undertaken in the drawing room making small talk as in the pursuit of a great white whale or the public punishment of adultery.

Dennoch hat mich dieser Roman längst nicht so angesprochen wie Emma. Zwar führt Austen ihre Erzählfäden auch hier souverän zusammen und ihr Englisch ist wie immer ein Genuss. Austen ermöglicht dem Leser, der Leserin, nahezu mühelos die Distanz von 200 Jahren zu überbrücken. Wie in ihren anderen Werken betont sie auch hier, wie wichtig eine vernünftige Erziehung und die intellektuelle Ebenbürtigkeit in einer Ehe sind. Das isah damals bestimmt nicht jeder so.

Doch diesmal war mir die Handlung über weite Strecken zu sehr „Versuchsanordnung“, was zur Folge hatte, dass manche der Protagonisten wie Schachfiguren hin und hergeschoben wurden, ohne wirklich zu leben. Oft erschienen mir die Personen eher als Verkörperung bestimmter Tugenden bzw. Untugenden. Jane, die Arglose, ist so dermaßen fehlerlos, gut und immer darauf erpicht, nur das Beste von allen Menschen zu denken, dass sie mich extrem ermüdet hat. Auch ihre große Liebe Bingley war so fad und farblos.

Ihre Schwester Elizabeth kommt längst nicht an den Charme einer Emma Woodhouse heran und Lydia, ein dummes, verzogenes Ding, das in seiner Ehe garantiert nicht lange glücklich sein wird, erschien mir lebendiger als viele der anderen Romanfiguren.

Und doch lohnt sich die Lektüre allemal, nicht nur, um einen Klassiker der englischen Literaturgeschichte kennenzulernen, sondern auch um das Werk von Jo Baker zu verstehen, die in ihrem Roman Longbourn die gleiche Geschichte erzählt, und doch ganz anders, nämlich aus der Sicht der Hausangestellten. Unbedingt lesenswert.

Anmerkungen

Zum Abschluss hier die berühmten Worte aus Sir Walter Scotts Tagebuch vom 14. März 1826:

Also read again, and for the third time at least, Miss Austen’s very finely written novel of Pride and Prejudice. That young lady had a talent for describing the involvements and feelings and characters of ordinary life, which is to me the most wonderful I ever met with. The Big Bow-wow strain I can do myself like any now going; but the eyquisite touch, which renders ordinary commonplace things and characters interesting from the truth of the description and the sentiment, is denied to me. What a pity such a gifted creature died so early!

Janeites

Als Janeites  werden übrigens Austens Verehrer und Fans bezeichnet. Mit diesem Begriff wollten sich die ursprünglich eher akademisch geprägten Austen-Fans vom trivialen Literaturgeschmack der Massen abheben. Geprägt wurde der Begriff von George Saintsbury, einem britischen Literaturkritiker und Weinkenner: „He coined the term ‚Janeite‘ for a fan of Jane Austen in his introduction to a 1894 edition of Pride and Prejudice.

Der englischsprachigen Ausgabe der Wikipedia verdanke ich außerdem den verblüffenden  Hinweis, dass die Begeisterung für Jane Austen zunächst eine eher männlich-elitäre Angelegenheit war. Rudyard Kipling hat sogar eine Erzählung mit dem Titel The Janeites geschrieben, die im Ersten Weltkrieg spielt und die man hier nachlesen kann.

Doch als auch die „Massen“ begannen, Jane Austen und ihre Romane zu entdecken, und eine regelrechte Fan-Kultur entstand, deren Ende längst nicht abzusehen ist (inzwischen gibt es Jane Austen und Zombie-Kombinationen), entwickelte sich der Begriff Janeite fast hin zu einem Schimpfwort für jemanden, der die Romane Austens sozusagen aus den falschen Gründen liebe und die literarischen Feinheiten gar nicht zu würdigen wisse.

Wer möchte, kann sich hier den Roman in Englisch vorlesen lassen.

P. D. James (*1920) lässt ihren – nicht zu empfehlenden – Kriminalroman Death comes to Pemberley (2011) sechs Jahre nach der Hochzeit zwischen Elisabeth und Darcy einsetzen.

Jo Baker: Longbourn (2013)

There could be no wearing of clothes without their laundering, just as surely as there could be no going without clothes, not in Hertfordshire anyway, and not in September. Washday could not be avoided, but the weekly purification of the household’s linen was nontheless a dismal prospect for Sarah. The air was sharp at four thirty in the morning, when she started work. The iron pump-handle was cold, and even with her mitts on, her chilblains flared as she heaved the water up from the underground dark and into her waiting pail. A long day to be got through, and this just the very start of it.

Mit diesen Sätzen beginnt Jo Bakers lohnende Auseinandersetzung mit Pride and Prejudice,  einem der bekanntesten Romane der englischen Literaturgeschichte.

Longbourn, das ist der Name des Dorfes und damit des Anwesens der Familie Bennet in Jane Austens bekanntestem Roman Pride and Prejudice (auf Deutsch Stolz und Vorurteil). Baker erzählt den Roman quasi noch einmal, und zwar aus Sicht der Bediensteten. Dabei sind die Bennets und deren Sorgen und Liebeständel zweitrangig, denn Baker legt den Schwerpunkt auf das Leben der Untergebenen, ihre Ängste, Hoffnungen und vor allem auf ihren Tagesablauf, der natürlich von harter Arbeit, so gut wie keiner Privatsphäre und wenig Wertschätzung geprägt war.

Der Leser von Pride and Prejudice hat vielleicht noch die Szene vor Augen, wie Elizabeth sich auf dem nassen und schmutzigen Weg zu Bingleys Anwesen, wo sich ihre erkrankte Schwester aufhält, ihre Schuhe und Kleidung verdreckt. Bei Baker klingt das dann so:

If Elizabeth had the washing of her own petticoats, Sarah often thought, she’d most likely be a sight more careful with them. (S. 11)

Im Mittelpunkt steht Sarah, das Dienstmädchen, die genau wie die kleine Polly halbverhungert aus dem Armenhaus kommt und von Mrs Hill, der Haushälterin, ausgebildet, beaufsichtigt und angeleitet wird. Mrs Hill meint es gut mit den Mädchen, doch da sie sich – nicht ohne Grund, wie man im Laufe der Geschichte erfährt – alles Weiche und Herzliche nahezu abgewöhnt hat, kann sie dies nicht so zeigen, wie sie gern würde.

In die relative Ruhe und Gleichförmigkeit der Tage kommt Bewegung, als ein neuer footman, der attraktive James Smith, eingestellt wird, der von Sarah misstrauisch und gleichzeitig fasziniert beäugt wird. Die Ankunft des Militärs in Meryton und die Besuche der Offiziere in Longbourn scheinen James zu beunruhigen. Hatte er doch nach dramatischen Erlebnissen gehofft, hier ein ruhiges Plätzchen gefunden zu haben.

What was astonishing was the peace of this place. Like a pebble dropped into a stream, his arrival had made a ripple in the surface of things. He’d felt that; he’d seen it in the way they looked at him, Sarah and Mrs Hill and the little girl. But the ripples were getting fainter as they spread, and he himself was by now sunk deep and settled here; time would flow by and over him, and wedge him firmer, and he would take on the local colour of things. (S. 67)

Mrs Hill sieht mit Besorgnis, wie angetan Sarah von dem Mulatten Ptolomy Bingley ist, der von einer der Plantagen stammt, die den Bingleys gehören, und der nun in England als freier Mann sein Glück zu machen gewillt ist. Die erste Stufe dazu ist der Dienst als Diener im Bingleyschen Haushalt. Und so nimmt die Geschichte ihren Lauf.

Fazit

Baker reiht sich damit nun keineswegs in die gerade im englischsprachigen Raum überaus beliebte Fan-Fiction ein, die die Werke Austens als Vorlage und Anregung für meist locker-flockige und nicht allzu anspruchsvolle Liebesromane nimmt; inzwischen gibt es sogar Zombie- und Erotikversionen, siehe z. B. die Besprechung zu Pride and Prejudice and Zombies von Thomas Rau.

Doch Baker hat einen anderen Anspruch. Sie schafft so etwas wie einen Spiegel, den man bei der nächsten Austen-Lektüre immer mitdenken wird.

Das Buch gibt all den namenlosen „guten Geistern“ ein Gesicht und gibt ihnen ihre Würde. Natürlich ist Baker keine Jane Austen, manches gerät notgedrungen ein bisschen langatmig, z. B. wenn sie – exzellent recherchiert – den Tagesablauf und die Tätigkeiten der Hausangestellten ganz genau schildert, aber nur so kann der Leser ja einen Eindruck gewinnen vom Leben derjenigen, die zur Zeit Austens eher unsichtbar sein sollten.  Wir bekommen plötzlich eine Ahnung, wie sich das vielleicht angefühlt haben mag, wenn man Seife aus Fett des gerade geschlachteten Schwein hergestellt hat, den Nachttopf der Herrschaften leeren und die Wäsche mit dem Menstruationsblut waschen musste. Oder bis früh morgens aufbleiben musste, damit die heimkehrende Herrschaft nach der kalten Kutschfahrt noch einen Tee genießen konnte.

Baker arbeitet dabei unaufdringlich immer wieder mit interessanten Spiegelungen. Der Leser erinnert sich vielleicht, welche Fürsorge Jane Bennet im Hause der Bingleys erfährt, als sie schwer erkältet ist. Bei Baker erkrankt Sarah, doch was für ein Unterschied. Kein Arzt, keine Medizin. Und Mrs Hill muss sich die Minuten absparen, in denen sie nach Sarah schauen kann, die in der kalten Dachkammer liegt.

On Friday, Sarah burnt to the touch; her head rolled on the pillow; she muttered. Mrs Hill came up, or sent Polly, when she could, with broth or tea, and they would prop her up and spoon a little between her chattering teeth. But the attics were a long way from the kitchen and it was not often that someone could get away, and there was certainly little time to stay and comfort her. (S. 95)

Baker öffnet quasi den Hintereingang zur Welt der feinen Leute, die deshalb einen bestimmten Lebensstil pflegen konnten, weil das Geld beispielsweise in den kolonialen Plantagen mit Sklavenarbeit verdient wurde. Eine Welt, in der es beim Militär und in den kriegerischen Auseinandersetzungen gegen Napoleon brutal zuging. Eine Welt, in der uneheliche Kinder eine Katastrophe waren und in der die Dienstboten für einen geringen Lohn harte und schmutzige Arbeit verrichtet haben und in der ein Aufstieg kaum möglich war. Die Alternative dürfte oft genug nur das Armenhaus gewesen sein.

Das schriftstellerische Verdienst Bakers liegt nun darin, dass sie keinen schaurigen Sensationsroman geschrieben hat, sondern uns einfühlsam einen Blick in eine fremde Welt ermöglicht, der eine beeindruckende Ergänzung zum Werk Jane Austens ist, passend zum 200. Geburtstag von Pride and Prejudice. Über kleine Holprigkeiten in der Handlung kann man da gern hinweggesehen.

Anmerkungen

Voll des Lobes war auch Clare Clark in ihrer Rezension, die am 14. August 2013 im Guardian erschien:

Like Austen, Baker has written an intoxicating love story but, also like Austen, the pleasure of her novel lies in its wit and fierce intelligence. Longbourn is a profound exploration of injustice, of poverty and dependence, of loyalty and the price of principle; running through the quiet beauty of much of Baker’s writing is the unmistakable glint of anger. […] The result is a triumph: a splendid tribute to Austen’s original but, more importantly, a joy in its own right, a novel that contrives both to provoke the intellect and, ultimately, to stop the heart.

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