Jedediah Berry: The Manual of Detection (2009)

Lest details be mistaken for clues, note that Mr. Charles Unwin, lifetime resident of this city, rode his bicycle to work every day, even when it was raining. He had contrived a method to keep his umbrella open while pedaling, by hooking the umbrella’s handle around the bicycle’s handlebar. This method made the bicycle less maneuverable and reduced the scope of Unwin’s vision, but if his daily schedule was to accommodate an unofficial trip to Central Terminal for unofficial reasons, then certain risks were to be expected.

So beginnt der unglaublich gute Debütroman des 1977 geborenen amerikanischen Schriftstellers

Jedediah Berry: The Manual of Detection (2009)

Handbuch für Detektive wurde von Judith Schwaab ins Deutsche übersetzt.

Zum Inhalt

Mr. Charles Unwin, der sich da so mühsam durch den Regen zum Bahnhof kämpft, ist ein kleiner Angestellter einer großen Detektei, die nur The Agency genannt wird. Seine Aufgabe ist es, wie die seiner unzähligen Kollegen auch, die Berichte des Detektivs, für den er zuständig ist, ins Reine zu tippen, sie zu strukturieren und von Unwesentlichem zu befreien. Danach werden die Protokolle im Archiv eingelagert.
Unwin ist richtig gut in seinem Job, er macht ihn gern, sein Privatleben scheint kaum eine Rolle zu spielen. Als Schreiber, als „clerk“, ist Unwin gewissenhaft, ja, ein bisschen pedantisch.

Unwin had sharpened pencils to steady himself, and sorted according to size all the paper clips and rubber bands in his desk drawer. Then he filled his pen with ink and emptied the whole punch of its little paper moons. (S. 15)

Doch an diesem Morgen kurz vor halb acht gerät sein Leben gründlich aus den Fugen: Wie die Morgende davor beobachtet er eine hübsche junge Frau am Bahnsteig, die auf jemanden zu warten scheint.

Her eyes – he had never seen them so close – were the clouded silver of old mirrors. (S. 5)

Er spricht sie nicht etwa an, sondern kauft sich einen Kaffee, um nicht weiter aufzufallen. Doch bevor er zurück zu seiner Arbeitsstelle radeln kann, spricht ihn Pith, ein Detektiv der Agency, an und informiert ihn darüber, dass er in den Rang eines Detektivs befördert worden sei. Er solle sich in Raum 2919 melden. Zum Abschluss drückt ihm Pith noch das „Manual for Detection, standard issue“ in die Hand.

Unwin ist sich sicher, dass es sich dabei nur um ein entsetzliches Missverständnis handeln kann, denn zum einen will er weiter als Schreiber arbeiten, zum anderen fehlt ihm jegliche Ausbildung für eine solch verantwortungsvolle Tätigkeit. Er wüsste nicht einmal, womit man bei einer Ermittlung beginnen würde. Doch seine Versuche, den Fehler zu berichtigen, enden nur damit, dass er erkennen muss, dass Travis Sivart, der Detektiv, für den er bisher als Schreiber zuständig war, verschwunden ist. Und als Unwin den sogenannten Watcher Lamech, den Urheber seiner Beförderung, aufsucht, findet er in dessen Büro nur Lamechs Leiche.

Unwin will nur eines: seinen Job zurück, dafür muss er also Sivart finden, und so schlittert er in die haarsträubendste und gefährlichste Geschichte, die er, wäre sie je auf seinem Schreibtisch gelandet, als Ausgeburt einer kranken Fantasie abgetan hätte.

Fazit

Ein wilder literarischer Ritt über den Kampf zwischen Gut und Böse, Ordnung und Chaos, Traum und Wachsein, Bürokratie und Lebenslust, bei dem Kafkas Schloss, Dornröschen, Stephen King, Chandler, Bradbury, Schnitzlers Traumnovelle und Chesterton Pate gestanden haben.
Das Buch ist verwirrend, die Handlung schlägt dauernd neue Haken, die – wenn ich nicht völlig den Faden verloren habe – am Ende alle logisch herzuleiten sind.

Das Buch ist spannend, überaus spannend, diesem Helden wider Willen muss man einfach folgen, so ein bisschen wie bei einem Bruce Willis-Film oder bei den eigenen Träumen, bei denen man ja auch wissen will, wie sie ausgehen – nur ganz am Ende hätten es auch zwei Umdrehungen weniger getan …
Die Sprache ist so anschaulich, dass einem die Spelunken, das heruntergekommene Herrenhaus, der unheimliche Jahrmarkt oder das Museum oder der Ball der Schlafwandler noch nach der Lektüre im Kopf herumgeistern.

Aber auch düster und unheimlich, nicht nur, weil es im Buch so viel regnet und kaum jemand das ist, was er zu sein vorgibt.
Und intelligent, weil das Buch das Wesen und die Auswirkungen einer außer Rand und Band geratenen Bürokratie unglaublich gut in Szene setzt. Und weil Berry mal eben die Frage aufwirft, wie weit Überwachung gehen darf.

Berry selbst hat übrigens Kafka und Calvino als seine literarischen Paten genannt.

Und zum Abschluss noch ein Hinweis für alle Schreibtischarbeiter aus dem Manual for Detection:

Imagine a desk covered with papers. That is everything you are thinking about. Now imagine a stack of file drawers behind it. That is everything you know. The trick is to keep the desk and the file drawers as close to one another as possible, and the papers stacked neatly. (S. 49)

Anmerkungen

Für den Roman wurde Berry 2009 mit dem Hammett-Preis ausgezeichnet.

Der Independent on Sunday schrieb: „Jedediah Berry’s first novel is a firecracker of an old-fashioned detective story, done steampunk style.“

In Bookslut gibt es ein Interview mit dem Autor.

Sam Savage: Firmin – ein Rattenleben (OA 2006; deutsche Ausgabe 2008)

Ich hatte mir immer vorgestellt, dass meine Lebenserinnerungen, wenn ich sie jemals niederschreiben sollte, mit einem großartigen ersten Satz anfangen müssten: mit etwas Lyrischem wie Nabokovs ‚Lolita, Licht meines Lebens, Feuer meiner Lenden‘ oder, falls das Lyrische mir nicht so läge, vielleicht mit etwas Philosophischem wie Tolstois ‚Alle glücklichen Familien sind einander ähnlich; aber jede unglückliche Familie ist auf ihre besondere Art unglücklich‘. An solche Sätze erinnert man sich, wenn man alles andere in diesen Romanen schon längst vergessen hat. Der beste aller Anfangssätze ist meiner Meinung nach jedoch die Zeile, mit der Ford Madox Ford seinen berühmtesten Roman beginnt: ‚Dies ist die traurigste Geschichte, die ich je gehört habe.‘ Das habe ich bestimmt schon Dutzende von Malen gelesen, und es haut mich immer wieder um. Ford Madox Ford war ein ganz Großer.

So beginnt das zweite Buch des 1940 geborenen Autors

Sam Savage: Firmin – ein Rattenleben (2008), im Original unter Firmin. Adventures of a Metropolitan Lowlife (2006) erschienen

Zum Inhalt

Der ließe sich in einem Satz zusammenfassen: Eine belesene Ratte schreibt ihre Lebenserinnerungen nieder.

Geboren von einer alkoholsüchtigen Mutter, gestraft mit zwölf durchsetzungsfreudigen Geschwistern, so wächst das Rattenkind Firmin im Keller einer Bostoner Buchhandlung in den sechziger Jahren des letzten Jahrhunderts auf.

Firmin muss zusehen, dass er genug zu fressen bekommt, da er schwächlicher als seine Geschwister ist. Also knabbert und nagt er sich durch die Bücher in den Regalen, bis er feststellt, dass er dabei lesen gelernt hat. Diese Fähigkeit macht ihn zu einem eigenbrötlerischen Außenseiter und er findet sein Glück darin, sich heimlich durch die ganzen Werke in der Buchhandlung zu ackern und sich dabei einen beachtlichen Wissensschatz anzueignen.

Darüber hinaus ist er – selbst für eine Ratte – außerordentlich hässlich:

Kopflastig und schwachgliedrig, gewöhnte ich mir eine schwerfällige Gangart an, und während ich mir später einbildete, sie verleihe mir eine Aura von Seriosität und Würde, ließ sie mich anfangs nur noch verrückter aussehen. Ich konnte nichts dagegen machen, beim Gehen oder Traben schwang mein überdimensionaler Kopf hin und her, was an einen Ochsen denken ließ. Meine Frontlastigkeit hatte außerdem zur Folge, dass ich oft auf die Nase fiel, was die anderen natürlich unendlich lustig fanden. (S. 44)

Dennoch neigt Firmin ein wenig zur Eitelkeit. Als er wegen eines Beinbruchs humpelt, findet er das ganz schick.

Wenn überhaupt, dann fand ich, dass es mir ein distinguiertes Aussehen verlieh. Gern hätte ich einen kleinen Stock und eine Sonnenbrille hinzugefügt. Ausdrücken wie panache und debonair habe ich mich immer nah gefühlt. Wenn es möglich gewesen wäre, hätte ich mir auch noch einen kleinen schwarzen Spitzbart wachsen lassen. (S. 136)

Er kann aber nicht nur lesen, sondern darüber hinaus auch die Sprache der Menschen verstehen. Sein großer Kummer ist, dass er sich ihnen nicht verständlich machen kann, obwohl er alles probiert. Sogar Zeichensprache studiert er, doch alles was er damit zum Ausdruck bringen kann, ist: „Auf Wiedersehen, Reißverschluss.“ Was ihn allerdings wieder vor das Problem stellt, wo er einen Taubstummen findet, der den Satz überhaupt verstehen könnte.

Seine Versuche, sich mit dem Buchhändler Norman anzufreunden, enden damit, dass Norman ihn mit kleinen rosa Kügelchen umbringen will. Doch ein anderer Hausbewohner, der Trinker und Science Fiction-Autor Jerry Magoon, findet das verletzte Kerlchen und gewährt ihm Asyl. Firmin und Jerry kommen eigentlich gut miteinander aus, auch wenn es ihn traurig macht, von seinem Retter nur als putziges Haustier missverstanden zu werden. Doch auch dieses Zuhause ist bedroht: Jerry erleidet einen Schlaganfall und zudem soll das ganze heruntergekommene Stadtviertel abgerissen und saniert werden.

Fazit

Vielleicht hätte ich Firmin auf Englisch lesen sollen. Es hat mich gestört, dass schon der dritte Satz des  Eingangszitats nur unvollständig wiedergegeben wurde. Im Original heißt es: „When it comes to openers, though, the best in my view has to be the beginning of Ford Madox Ford’s The Good Soldier: ‚This is the saddest story that I have ever heard.'“

Und Ratten sind für mich – auch nach der Lektüre – noch immer keine Sympathieträger, zumal Firmin manchmal ziemlich geschwätzig daherkommt, dennoch ist das Buch eine bezaubernde Liebeserklärung an die Literatur. Und Firmin verdankt den Büchern ja buchstäblich sein Überleben.

Und in Afrika essen darbende Kinder bei Hungersnöten Erde. Wenn man hungrig genug ist, steckt man sich alles in den Mund. Das Kauen und Runterschlucken von irgendetwas ist an sich, auch wenn es keinerlei Nährwert hat, Nahrung fürs Träumen. Und Träume von Nahrung sind genau wie andere Träume – man kann davon leben, bis man stirbt. (S. 27)

Allzu viel erfahren wir dabei zwar nicht über die Bücher, die er liest, Savage bleibt da meist – wie das Eingangszitat zeigt – beim Namedropping bekannter Werke.

Dennoch: Die Literatur macht hier ein Außenseiterleben erträglich, ja verleiht ihm Weite und Glanz, auch wenn es nur in Firmins Tagträumen ist.

Wenn ich einen Satz träume, wie zum Beispiel ‚die Musik verklang, und in der Stille ruhten alle Augen auf Firmin, der reserviert und gelassen am Eingang zum Ballsaal stand‘, dann sehe ich nie eine zu kleine, kinnlose Ratte am Eingang des Ballsaals. Die Wirkung wäre eine ganz andere. Nein, ich erblicke immer jemanden, der Fred Astaire sehr ähnlich sieht: schmale Taille, lange Beine und ein Kinn wie eine Stiefelspitze. Manchmal kleide ich mich auch wie Fred Astaire. In dieser speziellen Szene  trage ich Frack und Gamaschen und Zylinder. Die Beine in Höhe der Fußgelenke gekreuzt, stütze ich mich lässig auf einen Stock mit silbernem Knauf. (S. 104)

Oder ist es eher so, dass hier jemand durch die Literatur zum Außenseiter wird? Sie verstärkt die Einsamkeit Firmins, der sich und seine literarischen Reisen und Einsichten niemandem mitteilen kann.

Als promovierter Philosoph lasst Savage seinen kleinen grauen Helden auch über den Sinn des Lebens nachsinnen.

Sollte ich, ungeachtet meines absonderlichen Aussehens, zu etwas Großem berufen sein? Zu einem Schicksal, meine ich, wie es die Figuren in Geschichten haben, wo alle Ereignisse eines Lebens, mag es darin auch noch so brodeln und wirbeln, in all dem Brodeln und Wirbeln am Ende ein sinnvolles  Muster erkennen lassen? In Geschichten hat ein Leben immer eine Richtung und eine Bedeutung. (S. 56)

Doch am Laufe eines Rattenlebens – geboren zu werden, die Kindheit zu überstehen, eine gute Zeit zu haben, um dann schließlich alt, gebrechlich und einsam zu sein – ändert auch die Literatur nichts.

Ich glaube immer, alles währt ewig, doch das ist nie der Fall. Tatsächlich existiert alles nur einen Augenblick, außer den Dingen, die wir im Gedächtnis behalten. Ich versuche stets, alles festzuhalten – ich würde lieber sterben, als zu vergessen. (S. 176)

Anmerkungen

Im Telegraph gibt es einen interessanten Artikel über den Autor, der ja erst sehr spät zu literarischem Ruhm gekommen ist und ein eher unstetes Leben geführt hat. Auf die Frage, weshalb er so lange mit seinem ersten Roman gewartet habe, erklärt er u. a.: „I couldn’t have written it at any other time. But also, Firmin’s essential experience is of failure – failure to write, failure to complete – and I’d had that experience. You can’t have that at 30, because you think it’s going to happen: you have to reach a certain age before you realise that it isn’t.“

Gern verweise ich auf die Besprechungen auf dem Grauen Sofa, wo ich zum ersten Mal auf das Buch aufmerksam wurde, und auf dem Blog Biblionomicon.

Ben Aaronovitch: Rivers of London (2011)

It started at one thirty on a cold Tuesday morning in January when Martin Turner, street performer and, in his own words, apprentice gigolo, tripped over a body in front of the East Portico of St Paul’s at Covent Garden. Martin, who was none too sober himself, at first thought the body was that of one of the many celebrants who had chosen the Piazza as a convenient outdoor toilet and dormitory. Being a seasoned Londoner, Martin gave the body the ‚London once-over‘ – a quick glance to determine whether this was a drunk, a crazy or a human being in distress. The fact that it was entirely possible for someone to be all three simultaneously is why good-Samaritanism in London is considered an extreme sport – like base-jumping or crocodile-wrestling.

So beginnt der erste Band einer Reihe um den Polizisten Peter Grant:

Ben Aaronovitch: Rivers of London (2011); auf Deutsch: Die Flüsse von London

Zum Inhalt

Peter Grant, ein junger Polizist, der am Ende seiner zweijährigen Probezeit unbedingt vermeiden möchte, dauerhaft auf der Schreibstube eingesetzt zu werden, muss also eines Morgens einen Tatort bewachen, bis die Kollegen eintreffen. Dabei wird er von einem Geist angesprochen, der ihm Details zum Tathergang nennt, die tatsächlich nur ein Augenzeuge wissen kann. Dass Peter zunächst gar nicht an die Existenz von Geistern glaubt, macht die Sache nicht einfacher.

Erstaunlicherweise wird er von seinen Vorgesetzten nicht für verrückt erklärt, sondern in die Lehre bei Inspector Nightingale geschickt, der zaubern kann und ihm nun mühsam alte Sprachen und die ersten Zauberkunststücke beibringt. Ohne zu viel vorwegzunehmen, es geht um den Geist eines längst verstorbenen Schauspielers, der nun auf einen immer stärker außer Kontrolle geratenden Feldzug geht. Nightingale und Grant sollen ihn stoppen und so nebenher noch die zwei verfeindeten Clans der Themse-Flussgottheiten dazu bringen, den vereinbarten Waffenstillstand zu halten.

Der Leser erfährt nicht nur etwas über die Geschichte der Flüsse Londons, den „Großen Gestank“ (the Big Stink) von 1858, als der Gestank der Abfälle in Teilen Londons schier unerträglich wurde, sondern gewinnt auch Einblicke in einige kulturhistorische Besonderheiten und Orte, vor allem Covent Garden.

Fazit

Zunächst war ich sehr angetan und ich fragte mich, wie die Briten das bloß immer wieder hinbekommen, so schräge und witzige Geschichten zu schreiben.

Das Buch beginnt spannend und mit trockenem Humor, z. B. als Peter versteht, dass Nightingale kein ganz alltäglicher Vorgesetzter ist:

‚You put a spell on that dog,‘ I said as we left the house. ‚Just a small one,‘ said Nightingale.
‚So magic is real,‘ I said. ‚Which makes you a … what?‘
‚A wizard.‘
‚Like Harry Potter?‘ Nightingale sighed. ‚No,‘ he said, ’not like Harry Potter.‘
‚In what way?‘
‚I’m not a fictional character,‘ said Nightingale. (S. 45)

Mal ganz abgesehen von der ständigen Wiederholung des Wörtchens ’said‘ in so einem kurzen Absatz verlor die Geschichte selbst für mich allmählich ihren Reiz.

Zwischendurch wird der Handlungsfaden zu dünn, die Charaktere werden nur noch durch die Handlung gehetzt und ich hatte keine Lust mehr, tröpfenweise hirnverbrannte Theorien übers Geisterwesen zu lesen.

Der Londonist schrieb am 28. Januar 2011:

Believability is also its flaw. The main character seems unfazed to learn the truth about ghosts and vampires and water spirits. Maybe it’s his police training, but we suspect even a constable of the force would go through some kind of personal struggle after witnessing the mutilation of innocent faces, or upon discovering he could conjure up balls of fire. Emotion is almost entirely absent. If you’re looking for a deep novel, this is more trickling Walbrook than mighty Thames.

Der Leser erfährt zu wenig über die Regeln, nach denen diese ausgedachte Welt funktioniert. Die Geistesblitze, die Peter dann hin und wieder hat, kommen sehr aus heiterem Himmel.

Eine Bloggerin schrieb, sie habe den Eindruck gehabt, Aaronovitch habe zwar immer gewusst, wo er hinwollte, nicht jedoch, wie er dahin kommen könnte. Mir ging es eher so, dass ich befürchtete, Aaronovitch hätte eine Seite zuvor auch noch nicht mehr gewusst als der Leser.

Am Ende war ich noch nicht mal mehr an der Auflösung interessiert. Die Nachfolgebände also ohne mich.

Aaronovitchs Fans seien hier aber noch auf seinen Blog hingewiesen.

Walter Moers: Die Stadt der träumenden Bücher (2004)

BRD 031Hier fängt die Geschichte an. Sie erzählt, wie ich in den Besitz des Blutigen Buches kam und das Orm erwarb. Es ist keine Geschichte für Leute mit dünner Haut und schwachen Nerven – welchen ich auch gleich empfehlen möchte, dieses Buch wieder zurück auf den Stapel zu legen und sich in die Kinderbuch-Abteilung zu verkrümeln. Husch, husch, verschwindet, ihr Kamillenteetrinker und Heulsusen, ihr Waschlappen und Schmiegehäschen, hier handelt es sich um eine Geschichte über einen Ort, an dem das Lesen noch ein echtes Abenteuer ist! Und Abenteuer definiere ich ganz altmodisch nach dem Zamonischen Wörterbuch: ‚Eine waghalsige Unternehmung aus Gründen des Forschungsdrangs oder des Übermuts; mit lebensbedrohlichen Aspekten, unberechenbaren Gefahren und manchmal fatalem Ausgang.‘

Ja, ich rede von einem Ort, wo einen das Lesen in den Wahnsinn treiben kann. Wo Bücher verletzen, vergiften, ja, sogar töten können. Nur wer wirklich bereit ist, für die Lektüre dieses Buches derartige Risiken in Kauf zu  nehmen, wer bereit ist, sein Leben aufs Spiel zu setzen, um an meiner Geschichte teilzuhaben, der sollte mir zum nächsten Absatz folgen. Allen anderen gratuliere ich zu ihrer feigen, aber gesunden Entscheidung, zurückzubleiben. Macht’s gut, ihr Memmen! Ich wünsche euch ein langes und sterbenslangweiliges Dasein und winke euch mit diesem Satz Adieu!

So beginnt

Walter Moers: Die Stadt der träumenden Bücher (2004)

Welche Fabulierdroge hat der denn eingeworfen? Die hat jedenfalls gewirkt!

Fantasie ohne Ende, Nonsens und Grusel, Abenteuer, Action und ein Lindwurm, der nicht gerade zu philosophischen Höhenflügen neigt, eine wilde und gelungene Mischung, die über weite Strecken hinaus einfach Spaß macht.

Der junge Dichter Hildegunst von Mythenmetz, ein eher tollpatschiger Lindwurm, erbt von seinem Dichterpaten ein makelloses Manuskript. Um dessen Geheimnis zu lüften und um den unbekannten Autor dieses genialen Werkes zu finden, begibt sich Hildegunst nach Buchhaim, der Stadt der Träumenden Bücher. Dort gerät er in Intrigen und haarsträubende Abenteuer und trifft dabei bizarre, liebenswerte und monstergefährliche Kreaturen.

Am Ende sind bis auf die Hauptfigur Hildegunst von Mythenmetz, eben den besagten Lindwurm, alle tot. Aber so richtig nahe geht einem das nicht. Nun, das Buch soll ja auch keine psychologisch ausgefeilte Charakteranalyse sein.

Eine der vielen Köstlichkeiten sind z. B. die Anagramme, die Moers mit den Buchstaben eines Scrabble-Spiels austüftelt; der arme Dölerich Hirnfidler wird beispielsweise beim Dichterraten schon nach dem ersten Buchstaben „O“ als Hölderlin enttarnt. Weitere Kostproben:

  • Gofid Letterkerl:    Gottfried Keller
  • Perla La Gadeon:   Edgar Allan Poe
  • Sanotthe von Rhüffel-Ostend:  Annette von Droste-Hülshoff
  • T. T. Kreischwurst:    Kurt Schwitters
  • Ojahnn Golgo van Fontheweg:   Johann Wolfgang von Goethe

Holger Kreitling hat in der WELT in seiner Rezension Wanderer, kommst du nach Buchhaim vom 25. September 2004 sicherlich zu Recht behauptet: „Es ist zudem die größte, schönste Liebeserklärung an das Lesen und die Literatur, die in diesem Jahr zu haben ist.“

Für Deutschlehrerinnen und Deutschlehrer vielleicht interessant: sein Interview in der WELT vom 20. Oktober 2011, in dem Moers mal eben kurz Folgendes konstatiert:

  • Welt Online: Herr Moers, woher rührt Ihr Faible für Literatur des 18. und 19. Jahrhunderts?
  • Walter Moers: Wahrscheinlich von meiner anhaltenden Beschäftigung mit Arno Schmidt, der uns immer wieder mit der Nase darauf stößt, dass unsere besten Sachen in dieser Zeit geschrieben worden sind.
  • Welt Online: Haben Sie nicht als Schüler unter der Klassiker-Rezeption gelitten?
  • Moers: Nein, im Gegenteil. Ich hatte sogenannte fortschrittliche Lehrer, die uns zwangen, unsere kostbare Lektüre-Zeit mit Grass, Böll oder Frisch zu verplempern.

Zum Abschluss diesmal für alle, die es gern noch genauer hätten, eine Empfehlung auf einen von der Wikipedia-Community als „lesenswert“ eingestuften Artikel zu diesem Buch.

Matt Haig: The Radleys (2010)

It is a quiet place, especially at night. Too quiet, you’d be entitled to think, for any kind of monster to live among its pretty, tree-shaded lanes. Indeed, at three o’clock in the morning in the village of Bishopthorpe, it is easy to believe the lie indulged in by its residents – that it is a place for good and quiet people to live good and quiet lives.

So beginnt

Matt Haig: The Radleys (2010); auf Deutsch: Die Radleys

Suchte etwas Unterhaltsames und dachte, mit diesem Buch über eine enthaltsam lebende Vampirsfamilie wäre ich fündig geworden. Sie leben getarnt als englische Mittelschichtsfamilie, Papa Doktor, schickes Einfamilienhaus, zwei Kinder, die das Familiengeheimnis gar nicht wissen, der Sohn mit ihm unerklärlichen Schlafstörungen und massiv sonnenempfindlicher Haut und die Nachbarn, die man zum Essen einlädt, sind überaus langweilig. Ein bisschen der Anti-Harry Potter, eine Familie, die absolut nichts von ihren Neigungen und Fähigkeiten wissen will.

Das geht so lange gut, bis Clara, die Tochter, sich nach einer Party gegen einen Vergewaltigungsversuch wehrt und dabei auf den Geschmack des Blutes kommt. Ich fand, dass dem Buch das Skurrile fehlte. Das Witzige, die Situationskomik, die ausschweifend entzückende Fantasie, die z. B. den ersten Harry Potter-Band auszeichnet. Für Gruselfans ist es auch nichts, jedenfalls soweit ich es gelesen habe.

BRD 065