John Meade Falkner: Moonfleet (1898)

Das Dorf Moonfleet liegt eine halbe Meile von der See am rechten oder westlichen Ufer des Bächleins Fleet. Dieses Rinnsal fließt so schmal an den Häusern vorbei, dass ich von guten Weitspringern gehört habe, die es ohne die Hilfe eines Stabes überwunden haben, verbreitert sich unterhalb des Dorfes in die Salzmarschen hinein und verliert sich schließlich in einem Brackwasserteich. […] Von der offenen See ist er durch einen riesigen, breiten Kieselstrand oder Damm getrennt, auf den ich später noch zurückkommen werde. Als ich noch ein Kind war, glaubte ich, dieser Ort werde Moonfleet genannt, weil in ruhigen Nächten, gleich ob im Sommer oder in der Winterkälte, der Mond so hell auf die Lagune schien. Später erfuhr ich dann, dass der Name nur eine Abkürzung für Mohunefleet war, von den Mohunes her, einer bedeutenden Familie, die früher einmal über die ganze Gegend herrschte.

So beginnt der Abenteuerroman des englischen Geschäftsmannes und Autors

John Meade Falkner: Moonfleet (1898)

Das Buch wurde von Michael Kleeberg ins Deutsche übersetzt und erschien 2016 im liebeskind Verlag.

Zum Inhalt

Die Geschichte  nimmt 1757 ihren Ausgang im beschaulichen Moonfleet an der südenglischen Küste von Dorset, das auch schon mal bessere Zeiten gesehen hat.

Heute lebten keine zweihundert Seelen mehr in Moonfleet, aber dennoch zerstreuten sich die Häuser, in denen sie wohnten, trist über eine halbe Meile hin, in großen Abständen zu beiden Seiten der Straße. Nichts im Dorfe wurde jemals erneuert, benötigte eines der Häuser dringend Reparaturen, riss man es gleich ab, und so gab es entlang der Straße viele Zahnlücken und überwucherte Gärten mit verfallenen Mauern, und viele der Häuser, die noch standen, wirkten so, als würden sie nicht mehr allzu lange bestehen. (S. 7)

Die Menschen leben vom Fischfang und vom Schmuggel mit Frankreich. Sie erzählen einander wilde Räuberpistolen und schaurige Legenden. Und besonders John Trenchard, ein 15-jähriger Waisenjunge, träumt davon, den sagenumwobenen und mit einem Fluch belegten Diamanten des Colonel Mahone zu finden, der vor 100 Jahren verstorben und in der Gruft unterhalb der Kirche bestattet ist.

Eines Tages überwirft sich John mit seiner lieblosen Tante und zieht zu seinem väterlichen Freund Elzevir Block, der in Moonfleet die Kneipe betreibt.

Doch spätestens, als Maskew, der von allen gehasste Friedensrichter mit der wunderhübschen Tochter Grace, den Schmugglern im Ort den Krieg erklärt und bei einer Razzia ohne Not Elzevirs Sohn David erschießt, ist es mit der Idylle vorbei.

Und ist ein Schiff einmal auf Grund gelaufen, dann kennt die See kein Erbarmen, denn der Grund fällt steil ab und die Wellen brechen sich auf den Kieseln mit einem Gewicht, dem kein Balken standhält. Versuchen die armen Teufel aber, sich zu retten, dann geraten sie in eine tödliche Unterströmung des Wassers, ein Zurückfluten der Wellen, das sie von den Beinen holt und wieder unter die donnernden Brecher zieht. Es ist dieses Schlürfen der Kiesel in der Rückströmung, das man noch meilenweit im Hinterland hören kann, bis Dorchester, in stillen Nächten und lange nachdem die Winde, die es hervorriefen, sich gelegt haben, und dann drehen sich die Leute in ihren Betten auf die andere Seite und danken dem lieben Gott, dass sie nicht am Strande von Moonfleet gegen die Wellen ankämpfen müssen. (S. 26/27)

Fazit

Und so erzählt uns John, der seinen Freund Elzevir mehr als einmal in lebensgefährliche Situationen bringt, nun eine Abenteuer- und Schatzsuchergeschichte mit viel Lokalkolorit, mit spannenden und manchmal arg konstruierten Wendungen, brutaler Zwangsarbeit, hohem Wellengang und einer geradezu übermenschlichen Freundschaft. Dass der Held dabei vom Jungen zum Mann heranreift und auch eine märchenhafte Liebe, die aller Unbill trotzt, nicht fehlen darf, versteht sich von selbst.

Mein Junge, die Männer, die ich gekannt habe, haben ihr Leben für alles Mögliche aufs Spiel gesetzt: für Gold, für die Liebe, aus Hass, aber keiner von ihnen hätte den Tod am Bart gezaust, um einen Baum, einen Wasserlauf oder einen Stein wiederzusehen. Und wenn ein Mann sagt, er liebe ein Haus oder eine Stadt, dann kannst du sicher sein, dass es nicht der Ort ist, den er liebt, sondern jemand, der dort lebt. Oder aber er hat dort früher einmal jemanden geliebt und möchte jetzt den Ort wiedersehen, um schöne Erinnerungen wachzurufen. Wenn du also von Moonfleet sprichst, denke ich mir, dass du dort jemanden wiedersehen möchtest, oder hoffst, dass es geschehe. (S. 217)

Eine kurzweilige und leicht bekömmliche Mischung aus Herr-der-Ringe, Tom Saywer, Robinson Crusoe und der Schatzinsel, die mir vor ca. 40 Jahren vermutlich noch besser gefallen hätte.

Das Buch wurde übrigens nicht nur verfilmt, sondern diente auch Chris de Burgh als Inspiration für sein Album Moonfleet & other stories (2010) …

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Selma Lagerlöf: Nils Holgerssons wunderbare Reise durch Schweden (1906)

Manchmal ist es ja auch von Vorteil, wenn man Klassiker erst im vorgerückten Alter für sich entdeckt. Dann kann man gleich davon profitieren, dass die erste vollständige Ausgabe dieses als Schulbuch gedachten Werkes erst jetzt auf Deutsch vorliegt.

Es war einmal ein Junge. Er war vielleicht vierzehn Jahre alt, lang und schlaksig und flachshaarig. Viel taugte er nicht: Am liebsten schlief oder aß er, und am zweitliebsten trieb er Unfug. Jetzt war es Sonntagmorgen, und die Eltern des Jungen waren dabei, sich zurechtzumachen, um zur Kirche zu gehen. Der Junge aber saß im Hemd auf der Tischkante und dachte, wie gut es sei, daß Vater und Mutter beide fortgingen. So könne er ein paar Stunden machen, was er wollte. ‚Dann kann ich Vaters Gewehr herunterholen und ein bißchen schießen, und es redet mir keiner hinein‘, sagte er zu sich selbst.

So beginnt also die vollständige deutsche Fassung des schwedischen Nationalklassikers von

Selma Lagerlöf: Nils Holgerssons wunderbare Reise durch Schweden (OA 1906; neu übersetzt von Thomas Steinfeld 2014; Sonderausgabe der Anderen Bibliothek)

Zum Inhalt

Der Inhalt dürfte den meisten bekannt sein: Der faule, widerborstige und grobe vierzehnjährige Gänsehirte, der den Eltern nur Verdruss bereitet und die Tiere auf dem heimischen Hof in Südschweden quält, wird zur Strafe von einem Wichtel auf Wichtelgröße geschrumpft. Immerhin kann Nils sich ab sofort mit jedem Tier unterhalten.

Just als er den zahmen Gänserich Marten daran hindern will, sich den in den Norden ziehenden Wildgänsen anzuschließen, und ihn versucht festzuhalten, fliegt Marten los. Und so beginnt das große Abenteuer, das die Gänseschar und ihren kleinen, zunächst unfreiwilligen Begleiter durch ganz Schweden und in eine Reihe gefährlicher Situationen bringt, in denen sie sich in mancherlei Hinsicht bewähren müssen.

Da gibt es Smirre, den Fuchs, der den Gänsen tödliche Rache geschworen  hat, oder den erbarmungslosen Kampf der Grauratten gegen die Schwarzratten, in dem ihre Hilfe benötigt wird. Dann wieder haben sie Nils verloren oder einer der ihren muss von Nils gerettet werden.

Die Reisegefährten erfahren, wie die Riesen verschiedene Landschaften geformt haben, schlichten Händel, retten bedrohte Wesen und nehmen Teil am jährlich stattfindenden Tanz der Kraniche auf dem Kullaberg.

Und dann kamen die grauen Vögel, in die Farben der Abenddämmerung gekleidet, mit Federbüschen an den Flügeln und rotem Federschmuck im Nacken. Die großen Vögel […] kamen den Hügel hinuntergeglitten in geheimnisvollen Schwindel. Während sie vorwärtsglitten, drehten sie sich, halb fliegend, halb tanzend. […] Es war etwas Wunderbares und Fremdes an ihrem Tanz. Es war, als ob graue Schatten ein Spiel darboten, dem das Auge kaum zu folgen vermochte. Es war, als ob sie es von den Nebeln gelernt hätten, die über den einsamen Mooren schweben. Es lag ein Zauber darin. […] Es lag Wildheit darin, und trotzdem war das Gefühl, das er weckte, eine milde Sehnsucht. Niemand dachte mehr ans Kämpfen. Statt dessen wollten alle, die Geflügelten und die, die keine Flügel hatten, sich ins Unendliche erheben, über die Wolken hinaufsteigen, herausfinden, was jenseits davon lag, den Körper verlassen, der sie beschwerte und zur Erde hinabzog, und fortschweben, dem Überirdischen entgegen. (S. 95)

Nils durchläuft dabei wesentliche Stationen auf dem Weg in ein verantwortliches Erwachsenenleben. Er lernt, was Freundschaft, Treue und Hilfsbereitschaft bedeuten, und häufig kommt er in Situationen, in denen er zusammen mit dem Leser, z. B. durch belauschte Gespräche, unendlich viel über sein Heimatland, dessen Geographie und wirtschaftliche Grundlagen, dessen Bräuche,  Feste und Landschaften erfährt. Wir beobachten die Arbeiten in Holzfällerlagern, in Bergwerken, auf den Feldern und gehen mit Fischern auf See. Wir fliegen über Moore, Felder, Wälder und ruhen abends in niedrigen Wassern aus, in sicherer Entfernung zu den Feinden.

Und immer wieder werden uns Sagen und Legenden erzählt, die zu bestimmten Gegenden gehören.

Schließlich steht Nils vor der größten Herausforderung der langen Reise: Der Wichtel, der ihn verzaubert hatte, hat verfügt, dass er nur dann in einen Menschen zurückverwandelt werde, wenn er Marten wohlbehalten zurück auf den elterlichen Hof bringt. Doch das ist leider nur ein Teil der Bedingung.

Fazit

1901 fragte der Lehrerverband bei Lagerlöf an, ob sie sich vorstellen könne, auf ca. 200 Seiten ein „an die veränderten Vorstellungen von Pädagogik angepasstes Lesebuch für Geografie und Naturkunde“ (S. 680) zu schreiben.

Doch erst 1906 erschien der erste Band, denn zunächst fand Lagerlöf keine Möglichkeit, all die Geschichten, Themen und Märchen zu einem zusammenhängendem Text zu verbinden. Erst mit der Idee, Nils mit den Wildgänsen durch und über Schweden fliegen zu lassen, fügte sich alles zu einem organischen und wunderbar anschaulichen Ganzen zusammen.

Ich war überrascht über die deutlichen Aufforderungen zu Tier- und Umweltschutz:

Doch es ist ungewiß, wie lange sie (die Vögel) die Herrschaft über Rohrdickicht und morastige Ufer behalten können, denn die Menschen können nicht vergessen, daß der See sich über eine große Fläche guter und fruchtbarer Erde ausbreitet, und immer wieder kommen unter ihnen Vorschläge auf, daß man ihn trockenlegen sollte. Würden diese Vorschläge verwirklicht, wären viele Tausende von Wasservögeln gezwungen, die Gegend zu verlassen. (S. 223)

Und so begannen sie (die Menschen), Bauholz und Bretter aus dem Wals zu holen und an die Bewohner des flachen Landes zu verkaufen, die ihren eigenen Wald schon aufgebraucht hatten. Sie merkten bald, daß sie ihr Brot mit dem Wald verdienen konnten, wie sie es zuvor mit dem Acker und der Grube getan hatten, nur daß sie vernünftig damit umgehen mußten. Und da fingen sie an, den Wald auf eine andere Weise zu betrachten als früher. Sie lernten, ihn zu pflegen und zu lieben. (S. 254)

Überrascht hat mich auch, dass Tod, Auswanderung, Krankheit und Armut so ganz en passant und doch in aller Deutlichkeit geschildert werden. Nichts wird in Frage gestellt, das Gemeinwesen ist geordnet, die wichtigen Momente im Leben werden von der Kirche begleitet und alles wird von einem Grundton positiver Fortschrittserwartung getragen, deshalb wird auch immer wieder das Loblied der Bildung gesungen.

Es gab vieles, was einem verlorenging, wenn man für immer mit den Tieren leben sollte. Menschen waren doch ganz außerordentliche und tüchtige Wesen. (S. 100)

Doch das hat meiner Freude am Buch keinen Abbruch getan und die 699 Seiten (einschließlich vieler Illustrationen und eines höchst informativen Nachworts) vergingen „wie im Flug“. Ja, das Ende kam fast ein wenig abrupt. Hätte ich als Kind so ein Buch gelesen, wären meine Geografiekenntnisse vielleicht auch nicht so kümmerlich… Und was für eine schöne Idee, ein Land sozusagen von oben, mit dem ganz weiten Blick, zu entdecken, und das Anfang des 20. Jahrhunderts.

Letztlich war es wie ein an allen Ecken und Enden überbordendes Märchen, bei dem man tiefe Charakterschilderungen vergeblich sucht, das aber nie seinen roten Faden verloren hat.

Dass sich schon bald Lehrer darüber beklagten, dass sie das Buch nicht in der vorgesehenen Unterrichtszeit bewältigen würden, wundert mich allerdings nicht.

Hier geht es lang zu einer begeisterten Besprechung in der ZEIT und das sagt die WELT.

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Peter Braun: Von Blechtrommlern und Nestbeschmutzern (2010)

Randbemerkung in einem Schulbuch, eingetragen im Sommer 1934: ‚Leck mich am Arsch, Faschisten-Häuptling.‘ Der Schüler ist sechzehn, der das schreibt. ‚Tod den Braunen.‘ Sein Schulweg ist längst nicht mehr sicher. Jungnazis schlägern in den Straßen von Köln. Sie verprügeln gleichaltrige ‚Gesinnungslumpen‘, besonders gern die kirchennahen, zu denen der Schüler gehört.

So beginnt das erste Kapitel – zu Heinrich Böll – in der lesenswerten Einführung in die deutschsprachige Nachkriegsliteratur, die wohl vor allem für junge Leser gedacht ist:

Peter Braun: Von Blechtrommlern und Nestbeschmutzern: Deutsche Literaturgeschichte(n) nach 1945 (2010)

Peter Braun stellt sich auf seiner Homepage folgendermaßen vor: „gelernter Kfz-Mechaniker, arbeitet nach seinem Studium der Zahnmedizin als Publizist und freier Journalist.“ Kennt jemand einen kürzeren Lebenslauf?  Und diese knappe, sofort auf den Punkt kommende Sprache zeichnet auch seine Einladung zum Entdecken der deutschsprachigen Literatur nach dem Zweiten Weltkrieg aus.

Insgesamt fünfzehn Schriftstellerinnen und Schriftsteller werden näher beleuchtet, und zwar in enger Verzahnung von Biografie, ihren wichtigsten Werken und der gesellschaftlich-politischen Großwetterlage. Das liest sich flott, durchaus zum Widerspruch anregend. Ich vermisste z. B. Elias Canetti, der immerhin 1981 den Nobelpreis für Literatur erhielt. Die Lyrik wird nur gestreift und Nelly Sachs gar nicht erwähnt (Nobelpreis 1966). Erich Kästner wird nur als Autor von Kinderbüchern und Lyriker vorgestellt. Kein Wort über seine Romane für Erwachsene. Leider werden auch keine Quellen angegeben.

Aber der herrlich unakademische, d. h. überaus lesbare Stil und die Fülle an Informationen machen das wett und vor allem eins: Lust, sofort mindestens zehn der genannten Romane zu lesen oder wiederzulesen.

Mein Neffe ist vier, also doch noch ein wenig zu jung für das Buch, aber egal, ich habe Brauns Band Von Taugenichts bis Steppenwolf schon neben mir liegen.

… viele Bücher der Weltliteratur wurden irgendwo, irgendwann von irgendwem untersagt. Das wohl erstaunlichste Buchverbot: 1998, Kalifornien. Zwei Schulen verwehrten ihren Schülern das Märchen Little Red Riding Hood, das Rotkäppchen der Gebrüder Grimm. Begründung: Im Korb mit Geschenken, den Rotkäppchen zur Großmutter trägt, liegt eine Flasche Wein. Dies würde die Schüler zum Trinken verleiten. (S. 53)

Und noch eine völlig irrelevante Fußnote meinerseits: Im Kapitel über Thomas Bernhard wird Hedwig Stavianicek nicht erwähnt, die der Dichter als seinen „Lebensmenschen“ bezeichnete, dem er buchstäblich alles verdanke. Dieser Begriff geht angeblich auf Goethe zurück, dort noch in der Bedeutung „Mensch des Lebensgenusses“. 2008 dann wurde „Lebensmensch“ in Österreich zum Wort des Jahres. „Dies war eine Folge seines hohen Verbreitungsgrades im Oktober 2008, als Stefan Petzner den kurz zuvor tödlich verunglückten Jörg Haider in den Medien unter Tränen als seinen „Lebensmenschen“ bezeichnet hatte.“ (Wikipedia) Das hat Bernhard nicht verdient …

Peter Braun hat sich in Von Schatzinseln und weißen Walen (2011) auch der klassischen Abenteuerliteratur angenommen.

Rupert Kingfisher: Madame Pamplemousse and Her Incredible Edibles (2008)

In the city of Paris, on the banks of the river, tucked away from the main street down a narrow, winding alley, there is a shop. A small, rather shabby looking shop with faded paintwork, a dusty awning and dark, smoky windows.

So beginnt

Rupert Kingfisher: Madame Pamplemousse and Her Incredible Edibles (2008)

Der erste Kinderbuchband um Madame Pamplemousse, die in ihrem leicht düsteren Laden so seltsame Dinge verkauft wie Bisonfleisch, Minotaurussalami, Krokodilnierchen, Kobrahirn und Zunge vom Tyrannosaurus Rex. Manche ihrer Käsesorten stammen noch aus dem Mittelalter – und riechen entsprechend. Ihr zur Seite steht der übellaunige weiße Kater Camembert.

Camembert was a stray that had wandered in off the streets one night after a particularly vicious encounter with a pack of Siamese. During the fight, Camembert had lost one of his eyes, but this was nothing compared to what had happened to the Siamese. Suffice it to say, he had since become known as a cat you don’t mess with. From the first, he and Madame Pamplemousse had taken an instant liking to each other, and they lived together in perfect harmony, even though he would sometimes upset the customers by threatening to bite the ones he didn’t like. (S. 7)

Es gibt die Bösen, die Guten, die Geheimnisvollen, Humor und Spannung. Ein schönes modernes Kinderbuchmärchen, das richtig Spaß gemacht hat.

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Robert Williams: Luke and Jon (2007)

I have green eyes. Probably not the green you are thinking of now. They are bright green. They are startling. This is not a boast. I am just trying to be accurate.

So beginnt

Robert Williams: Luke and Jon (2007)

Der Klappentext fabuliert von einem “dazzling debut novel about teenage friendship by prize-winning author…” Gemeint war damit der Sieg bei einem Autorenwettbewerb, an dem alle britischen und irischen Buchhändler mit einem bisher unveröffentlichten Manuskript teilnehmen konnten. Christine Westermann fasst den Inhalt folgendermaßen zusammen:

„Lukes manisch depressive Mutter stirbt bei einem Verkehrsunfall, der Vater zieht mit dem Sohn in eine neue Stadt, beginnt zu trinken, das Leben der beiden gerät restlos aus den Fugen. Jons Mutter stirbt, als er sechs Jahre alt ist, die Großeltern nehmen ihn auf. Die drei wohnen in einem völlig verwahrlosten Haus, mit ständiger Angst vor dem Jugendamt, das ihnen den Jungen wegnehmen könnte. Als sich die beiden Kinder in der Schule treffen, finden sie sich gegenseitig so merkwürdig, dass sie sich aus dem Weg gehen. Aber genau das ist der Beginn einer wunderbaren Freundschaft.“

Leider falsch, die beiden Jungen lernen sich schon in den Ferien kennen, Wochen, bevor Luke den ersten Schritt in seine neue Schule getan hat. Aber egal. Mir war das Buch, so direkt nach Laxness, doch wieder zu glatt, zu märchenhaft, obwohl die Bedrohungen und Gefährdungen nicht ausgeblendet werden. Lässt sich schnell herunterlesen und natürlich hat man tiefe Sympathie für die beiden. Nur denke ich, dass solche Katastrophen, wie sie die beiden erleben, tiefere Spuren hinterlassen.

Und dass die Wenigsten, denen das Schicksal gerade eine Schneise der Verwüstung ins Leben geschlagen hat, einen solchen Zugang zur Kunst haben, der ihnen Halt und Trost gewähren könnte.

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Pamela Lyndon Travers: Mary Poppins (1934)

If you want to find Cherry Tree Lane all you have to do is ask the Policeman at the crossroads. He will push his helmet slightly to one side, scratch his head thoughtfully, and then he will point his huge white-gloved finger and say: ‘First to your right, second to your left, sharp right again, and you’re there. Good morning‘.

So beginnt

Pamela Lyndon Travers: Mary Poppins (1934)

Es macht Spaß, den ersten Band der Poppins-Reihe zu lesen. Wie schade, dass meine Eltern mir diese Bücher nicht haben geben können, da sie sie selbst nicht kannten.

Während eines heftigen Ostwindes kommt Mary Poppins zu den Banks und stellt sich als das neue Kindermädchen für Jane, Michael und die Zwillinge vor, die noch im Babyalter sind. Schon die Art ihrer Ankunft ist ein wenig ungewöhnlich, was allerdings nur Jane und Michael auffällt:

Then the shape, tossed and bent under the wind, lifted the latch of the gate, and they could see that it belonged to a woman, who was holding her hat on with one hand and carrying a bag in the other. As they watched, Jane and Michael saw a curious thing happen. As soon as the shape was inside the gate the wind seemed to catch her up into the air and fling her at the house. […] The watching children heard a terrific bang, and as she landed the whole house shook. (S. 17 der Taschenbuchausgabe)

Später am Abend fragt Jane:

‚How did you come?‘ Jane asked. ‚It looked just as if the wind blew you here.‘

‚It did,‘ said Mary Poppins briefly. (S. 19)

Eine wunderbare, zauberhafte und aufregende Zeit beginnt. Mary ist außerordentlich streng, eitel und oft sehr kurz angebunden, ja fast ein wenig übellaunig, aber sie kümmert sich mehr um die Kinder als die Eltern. Mr Banks muss schließlich den ganzen Tag arbeiten und Mrs Banks hat trotz Köchin, Zimmermädchen und Gärtner keine Zeit, sich ernsthaft mit ihnen zu beschäftigen. Im Stillen vergleichen Jane und Michael ihre Mutter sogar mit den „silly, anxious, soft blue doves“ (S. 95), die sie in der Nähe von St. Paul’s Cathedral füttern.

Und so erleben sie die merkwürdigsten Abenteuer, wie z. B. eine Einladung zum Kaffeetrinken bei Marys Onkel, bei der sie alle direkt unter der Zimmerdecke sitzen und viel Spaß haben, eine Nacht im Zoo, bei der die Menschen, die nach Torschluss noch auf dem Gelände angetroffen wurden, die Nacht in den Gehegen und Käfigen verbringen müssen, während die Tiere eine ausgelassene und friedliche Geburtstagsparty feiern. Auch ganz ernsthafte Themen werden durch die Abenteuer angesprochen, sei es das Älterwerden oder die Tatsache, dass man manchmal gern etwas Böses tut und dann gar keine Gewissensbisse hat.

Hier ist die Fantasie ein Ausweg aus der dumpfen Langeweile und den fehlenden Anregungen zu Hause. Allerdings gibt Mary schon zu Beginn zu bedenken, dass sie nur so lange bleibt, bis der Wind sich dreht.

Travers hat von 1934 bis 1988 insgesamt acht Bände um das Kindermädchen Mary Poppins veröffentlicht. Das Kapitel „Bad Tuesday“ aus dem ersten Band, das inzwischen als rassistisch und klischeebeladen galt, hat sie erst in den achtziger Jahren überarbeitet.

Michael Ende: Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer (1960)

b-nz 202dDas Land, in dem Lukas der Lokomotivführer lebte, hieß Lummerland und war nur sehr klein. Es war sogar ganz außerordentlich klein im Vergleich zu anderen Ländern, wie zum Beispiel Deutschland oder Afrika oder China. Es war ungefähr doppelt so groß wie unsere Wohnung und bestand zum größten Teil aus einem Berg mit zwei Gipfeln, einem hohen und einem, der etwas niedriger war.

So beginnt

Michael Ende: Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer (1960)

Damit gewann Ende den Deutschen Jugendbuchpreis 1960. Überhaupt eines der erfolgreichsten deutschen Kinderbücher, das ich als Kind mit Begeisterung gelesen habe. Inzwischen sollte man dazu den Artikel von Julia Voss aus der Frankfurter Allgemeinen Zeitung vom 16.Dezember 2008 lesen, der folgendermaßen eingeleitet wird:

„Michael Endes „Jim Knopf“ ist mehr als nur ein Kinderbuch. Nicht nur weil dem Titelhelden Jemmy Button Pate stand, der mit Charles Darwin von den Galápagos-Inseln zurückkehrte. Wer Endes Buch genauer liest, sieht darin gar eine Gegengeschichte zur nationalsozialistischen Vereinnahmung der Evolutionstheorie.“

Die Überlegungen dieses Artikels hatJulia Voss 2009 dann noch zu einem Buch ausgewalzt, es trägt den Titel Darwins Jim Knopf.