Iwan Gontscharow: Eine gewöhnliche Geschichte (OA 1847)

Iwan Gontscharows Debütroman Eine gewöhnliche Geschichte, 1847 zunächst in einer Literaturzeitschrift und 1848 als Buch veröffentlicht, nahm mich während der Lektüre durch seinen Stil immer stärker für sich ein, auch wenn mir Oblomow – in bloglosen Zeiten gelesen – doch wesentlich besser gefallen hat.

Der Roman beginnt mit den folgenden Sätzen:

Eines Sommertags war im Dörfchen Gratschi bei der kleinen Gutsbesitzerin Anna Pawlowna Adujewa schon im Morgengrauen alles auf den Beinen, angefangen von der Hausherrin bis zum Kettenhund Barbos.

Nur Anna Pawlownas einziger Sohn, Alexander Fjodorytsch, schlief noch tief und fest, wie es sich für einen zwanzigjährigen jungen Mann gehört; im Haus aber hastete alles umher und war geschäftig am Werk. Das Gesinde ging allerdings auf Zehenspitzen und sprach im Flüsterton, um den jungen Herrn nicht zu wecken. Kaum polterte jemand oder redete laut drauflos, erschien sofort, wie eine gereizte Löwin, Anna Pawowna und erteilte dem Störenfried eine strenge Rüge, bedachte ihn mit einem kränkenden Spitznamen, bisweilen aber auch mit einem Stoß, je nachdem, wie groß ihr Zorn war und es ihre Kräfte zuließen. (Ausgabe des Carl Hanser Verlages, übersetzt von Vera Bischitzky, München 2021, S. 7)

Grund der häuslichen Unruhe ist die bevorstehende Abreise des verwöhnten, verzärtelten Alexander in das über 1000 Kilometer entfernte Petersburg. Dort, so ist er sich sicher, wird er aufsteigen, Karriere machen, alle mit seinen Kenntnissen und seiner tiefen Seele beindrucken, und literarisch wird er der neue Stern am Himmel werden. Wer würde dort seinen Gedichten widerstehen?

Dabei hat er keine besonderen Befähigungen oder gar Veröffentlichungen vorzuweisen, doch die 20 Jahre, in denen seine Mutter ihm zum Mittelpunkt des Universums gehätschelt hat, haben dafür gesorgt, dass er sich ausgestattet mit sentimentalen Flausen, einer gehörigen Portion Egoismus und kolossaler Selbstüberschätzung auf den Weg macht.

Kummer, Tränen und Nöte kannte er nur vom Hörensagen, wie man eine Krankheit kennt, die sich nicht fassen lässt, im Verborgenen aber ihr Unwesen unter den Menschen treibt. So kam es, dass ihm die Zukunft in rosigen Farben erschien. Etwas zog ihn in die Ferne, was genau es aber war, das wusste er nicht. Verlockende Schemen huschten über den Horizont, doch er konnte sie nicht erkennen; er hörte allerlei Töne – bald die Stimme des Ruhmes, bald die der Liebe: all dies ließ ihn wonnig erbeben. (S. 18)

Besonders was die Liebe angeht,

träumte er von einer kolossalen Leidenschaft, die keinerlei Hindernisse kennt und unglaubliche Heldentaten vollbringt. (S. 18)

In Petersburg nimmt ihn ein Onkel unter seine Fittiche, der den Bildungsweg, den Alexander noch durchlaufen muss, bereits hinter sich hat und sich ausschließlich seiner erfolgreichen Karriere als Fabrikant widmet. Der Onkel bringt Alexander im Staatsdienst unter und findet die Ambitionen des Neffen, ein großer Dichter zu sein, einfach lächerlich. Ein Großteil des Romans nehmen die Streitgespräche zwischen Neffen und abgeklärtem Onkel ein.

Die verlaufen mir manchmal arg schematisch und obwohl sie sich ausdauernd streiten über den Sinn und Unsinn des Lebens, erstaunt es, dass sie dies ohne jegliche Bezugnahme auf Religion oder andere philosophische Systeme tun. Nach was soll man streben, nach der idealen Liebe (die einen so in Beschlag nimmt, dass man sich gar nicht mehr um so profane Dinge wie den Lebensunterhalt kümmern kann) oder der Erfüllung rein eigennütziger Erwägungen? Das erscheint mir schon in der Fragestellung etwas eng geführt. Überhaupt, das Liebeskonzept der Männer dient bei näherer Betrachtung wohl oft eher der eigenen Selbstbespiegelung.

Am Ende und viele Jahre später ist – wie könnte es anders sein – Alexander nach einigen Irrungen und Wirrungen ein ordentliches Mitglied der Gesellschaft geworden, die jugendlichen Flausen, die jugendliche Unbedingtheit gehören der Vergangenheit an. Man hat sich eingerichtet. Die Sinnfrage hat sich erledigt. Als LeserIn seufzt man ein wenig, denn man weiß, weder Onkel noch Neffe haben überzeugende Antworten gefunden.

Fazit: Ich mag dieses üppige und ausschweifende Erzählen, das Eintauchen in eine ganz andere Welt, eine andere Gesellschaft, aber die Figuren dieses Romans bleiben mir genau wie ihre Kümmernisse fern. Also Notiz an mich selbst: unbedingt Oblomow wiederlesen.

Lydia Tschukowskaja: Untertauchen (OA 1947; erste deutsche Ausgabe 1975)

Und nun war ich zu Hause. Aus dem Salon kam das tiefe, melodische Schlagen einer Uhr, und gleich darauf setzte das regelmäßige und emsige Tuckern des Generators ein. Endlich werde ich allein in einem Zimmer wohnen, zum ersten Mal seit dem Krieg. Wie zu Hause, in Leningrad. An einem Schreibtisch sitzen, den ich nicht dreimal am Tag in einen Eßtisch verwandeln muß. In der Stille arbeiten. Und der Gedanke oder der Einfall werden durch das Gerede in der Küche nicht überfahren, nicht verstümmelt … […] Zwischen diesen fremden Wänden kann ich zu mir kommen, mir selbst gegenübertreten. Aber offenbar steht mir keine ganz einfache Begegnung bevor, denn von Anfang an versuche ich, ihr auszuweichen. (S. 8/9)

So lernen wir die Ich-Erzählerin kennen, die uns auf gerade einmal 186 Seiten einen berührenden Einblick in die russische Gesellschaft von 1949 gibt:

Zunächst erschien der Roman Untertauchen von Lydia Tschukowskaja in der deutschen Übersetzung von Swetlana Geier im Diogenes Verlag. Im Januar 2015 brachte der Dörlemann Verlag eine Neuausgabe heraus.

Zum Inhalt

Nina Sergejewna, Übersetzerin und Schriftstellerin, verbringt 1949 26 Tage in einem Erholungsheim für Schriftsteller, Journalisten und andere Künstler.

Hier also wird die Begegnung stattfinden. In Anwesenheit dieses Tisches, dieser dunklen Vorhänge und der weißen Gardinen vor dem Fenster, naiv wie die Tannenbäumchen dahinter. (S. 10)

Neben den ärztlichen Anwendungen bleibt genügend Zeit für ihre offizielle Übersetzertätigkeit und das heimliche Schreiben ihrer Erinnerungen, das nur im Zustand des „Untertauchens“ möglich ist. Dabei kreist ihr Schreiben immer auch um die Frage, wie man leben kann angesichts der Erinnerungen und Träume, die einen verfolgen.

Sie macht ausgedehnte Spaziergänge in der verschneiten Landschaft und es kommt zum vorsichtigen Kennenlernen und Abtasten der anderen Gäste. Immer ist da die Hoffnung, irgendwo Geistesverwandte, ja Bruderschaft im Menschlichen zu finden.

Viele haben Grauenhaftes während der letzten 16 Jahre erlebt und gehen nun ganz unterschiedlich mit den Traumata und Verlusterfahrungen um. Da ist ein Jude, dessen Kinder von den Nazis „verbrannt“ wurden, da ist Bilibin, ein Schriftsteller, der während seiner Lagerhaft herzkrank geworden ist.

Aber auch Nina selbst wird immer wieder von bösen Träumen heimgesucht, seitdem ihr Mann 1933 verhaftet und angeblich zu zehn Jahren Lagerhaft „ohne Briefkontakt“ verurteilt wurde. Seitdem hat sie nie wieder etwas von ihm gehört. Sie dürstet nach Wissen darüber, was mit ihm geschehen ist, nach einer Grabstelle, an der sie trauern könnte. Doch die Behörden sind ein kafkesker Alptraum an Unmenschlichkeit und verweigern jegliche Auskunft.

Die erholungssuchenden Gäste tauschen sich aus, doch Nina muss sich eingestehen, dass auch Künstler ganz unterschiedlich auf die Bedrohungen durch Zensur, ideologische Gängelung und Diktatur reagieren.

Diesen Verwundungen setzt sie die Sprache, die Lyrik entgegen. Aber auch der Wald, die verschneite Landschaft tun ihr wohl.

Fazit

Tschukowskaja verarbeitet hier eigene Erfahrungen, wie den tragischen Verlust ihres Ehemannes Bronstein, eines brillanten Physikers, der dem stalinistischen Terror zum Opfer fiel.

Entstanden ist eine Geschichte, die von einer feinen, nicht korrumpierten, dabei zerbrechlichen Erzählerin erzählt wird, die weiß, dass auch diese Ruhepause – wie alles andere auch – zu Ende gehen wird.

Den LeserInnen kommen sowohl die nicht heilenden Wunden des Terrors als auch der Trost der Natur und die Hoffnung auf eine wahrhaftige Sprache ganz nahe. Eine Sprache, wie sie sie in den Gedichten der von ihr geliebten Lyriker findet, dem inneren Kern, der von Zensur und Diktatur unbeschmutzt ist und sich weigert, Lügen zu erzählen.

Kommt die Liebe zu einem Dichter, die Abneigung oder die Indifferenz ihm gegenüber nicht aus der Tiefe unserer Seele, ist dies alles etwa ein bloßer Zufall? Verläuft hier nicht eine Wasserscheide, eine Grenze? Gibt es einen besseren Maßstab für Sympathie und Antipathie, für Nähe und Ferne als die Beziehung zu einem Gedicht und zu der einzelnen Zeile in diesem Gedicht? (S. 54)

Claus-Ulrich Bielefeld schreibt im Kulturradio:

Untertauchen zeichnet ein abgrundtief dunkles Porträt des ‚Jahrhunderts der Wölfe‘ (Nadeschda Mandelstam). Dennoch, und das ist das Paradox großer Literatur, geht von diesem Buch ein helles Licht aus, es ergreift durch seine radikale Humanität.

Anmerkungen

Die Autorin hat an dem Roman zwischen 1949 und 1957 geschrieben. Doch erscheinen durfte er in der Sowjetunion erst 1988. Nachdem 1972 eine Ausgabe in Amerika erschien, wurde Tschukowskaja 1974 aus dem russischen Schriftstellerverband ausgeschlossen.