Elin Wägner: Die Sekretärinnen (OA 1908)

Die Straßenbahn war voller morgendlich blasser und fröstelnder Arbeiter. Als ich sie sah, versuchte ich meine Stimmung durch ein ‚Denk an die ganzen Leute, denen es schlechter geht als dir‘ zu heben. Da ich nicht vor neun Uhr im Büro sein muss, hätte es unglaublich guttun müssen, an die zu denken, die schon um sieben in die Tretmühle müssen, aber das ist wohl nur eine Legende, die sich alte Leute ausgedacht haben, denn der Gedanke an die Sieben-Uhr-Menschen hob meine Stimmung nur unwesentlich. (S. 8)

Das Buch Norrtullsligan der schwedischen Journalistin, Schriftstellerin und Feministin Elin Wägner erschien 1908. Bereits 1910 wurde die erste deutsche Übersetzung von Julia Koppel unter dem Titel Die Liga der Kontorfräulein: eine Erzählung aus Stockholm veröffentlicht. Nun erschien im Ecco Verlag eine Neuübersetzung von Wibke Kuhn.

In sachlichem, kessem Understatement erzählt die 25-jährige Elisabeth von den Nöten und Freuden junger Frauen, die zu Beginn des letzten Jahrhunderts nach Stockholm kamen, um dort beispielsweise als Sekretärinnen sich und manchmal auch noch jüngere Geschwister finanziell durchzubringen. Elisabeth lebt mit drei weiteren Frauen gemeinsam zur Untermiete, doch die Löhne sind karg, sie werden grundsätzlich schlechter als die Männer bezahlt und müssen sich zudem mit sexuellen Belästigungen durch ihre Kollegen und Chefs herumärgern. Dass man sich manchmal sogar in seinen Chef verliebt, macht die Sache nur noch schlimmer, denn der will zwar ein bisschen Spaß haben, aber  keinesfalls seine Sekretärin ehelichen.

Und so zerplatzen die Träume wie Seifenblasen, derweil die Frauen sich gegenseitig unterstützen und zusammen feiern, bis politische Fragen (soll man streiken oder nicht) die ein oder andere Freundschaft auf die Probe stellen.

Auch wenn Elisabeth und ihre Freundinnen den Großstadttrubel genießen; viel an kulturellen Möglichkeiten oder Unterhaltung können sie nicht wahrnehmen, dafür haben sie gar kein Geld. 

Ich mochte den Einblick in eine Welt, in der das Recht auf die Berufstätigkeit der Frau erst noch erkämpft werden musste, und den ironisch-saloppen Stil. Dennoch: Lange nachgehallt hat das Buch leider nicht bei mir, dafür waren die Charaktere dann doch nicht nuanciert genug.

Eine weitere Besprechung findet ihr auf Kulturbowle.

Die hübsche neue Hardcover-Ausgabe Die Sekretärinnen aus dem Ecco Verlag mit einem Bild von Hilma af Klint auf dem Cover enthält bedauerlicherweise keinerlei Vor- oder Nachwort, was bei der Bedeutung und dem Lebenslauf dieser Autorin doch etwas verwundert. 

Weitere Bücher auf dem Blog, die sich mit der Thematik ‚Frauen und Berufstätigkeit’ beschäftigen: 

Maria Wellershoff: Von Ort zu Ort – eine Jugend in Pommern (2010)

Meine Aufzeichnungen sollen nicht nur ein kleiner persönlicher Beitrag sein, in dem ich mich bemüht habe, das eigene Schicksal mit der Zeit- und Kriegsgeschichte zu vernetzen, sondern sie sind auch eine Liebeserklärung an die verlorene pommersche Heimat, an Trieglaff und Vahnerow. (S. 11)

Zunächst tat ich mich schwer mit der spröden, oft eher nüchternen Erzählweise der Kunsthistorikerin und Lektorin, die möglicherweise auch daher rührt, dass die Erinnerungen erst sechs Jahrzehnte nach den Geschehnissen festgehalten wurden (auch wenn unzählige Briefe – vor allem an das ehemalige Kindermädchen Inga – und tagebuchartige Einträge in ihren Taschenkalendern als Gedächtnisstütze vorhanden waren).

Es war, als ob sich auch Maria Wellershoff (1922 – 2021; geborene von Thadden) erst an ihre Geschichte hat herantasten müssen, indem sie die Gebäude und Funktion der verschiedenen Räume von Schloss und Gutshof beschreibt, in denen sich ein Großteil ihrer Kindheit abgespielt hat.

Man sollte sich also von den ersten Seiten nicht abschrecken lassen, denn irgendwann springt der Funke über, sind doch die Lebenserinnerungen der Maria Wellershoff an ihre Kindheit und Jugend wie ein Fernrohr in eine gänzlich andere Welt, die durch die Zeit des Nationalsozialismus und den Zweiten Weltkrieg endgültig verschwunden ist. Ehrlich geschrieben, diskret, manchmal selbstironisch, nie larmoyant, mit einer Reihe Fotos, einem hilfreichen Stammbaum und einer Landkarte zum Nachschlagen der Ortsnamen.

Maria Wellershoff war eines der Kinder von Adolf Gerhard Ludwig von Thadden-Trieglaff (1858 – 1932, alter pommerscher Adel) und seiner zweiten,  Jahrzehnte jüngeren Ehefrau, der Lehrerin Anna Barbara Blank (1895 – 1972).

Maria erzählt von ihrer eher spartanisch-sparsamen Kindheit auf dem Schloss in Trieglaff und später auf dem Gut in Vahnerow. Kleider wurden von Schwester zu Schwester weitergereicht, das Geld war durchaus knapp in der Familie des adligen Landrats. Der Vater spielte schon aufgrund seines Alters keine nennenswerte Rolle im Leben Marias. Er scheint vor allem erpicht darauf gewesen zu sein, dass sich die sechs Kinder aus der „zweiten Serie“ im Haus leise verhielten, damit er nicht von Kinderlärm gestört wurde, schließlich hatte er bereits fünf erwachsene Kinder aus erster Ehe. Diese waren – ebenso wie die weitere Verwandtschaft – nicht besonders glücklich über Tadden-Trieglaffs zweite Eheschließung mit der fast 40 Jahre jüngeren Frau gewesen, war Stiefmutter Barbara doch in ihrem Alter. Und dazu noch eine Bürgerliche.

Wir lesen, dass die Kinder frühestens ab sechs Jahren mit den Eltern zu Mittag essen durften, wenn man davon ausgehen konnte, dass sie über passable Tischmanieren verfügten. Sprechen war nur erlaubt, falls man sie etwas gefragt hatte. Es verwundert nicht, dass später unzählige Briefe Marias eher an das ehemalige Kindermädchen und die spätere Freundin der Familie, Irmgard (Inga) Meyer, gerichtet waren, die 1928 mit 18 Jahren als ausgebildete Kindergärtnerin in die Familie gekommen war.

Man lud zu geselligen literarischen Abenden ein, ging auf die Jagd und Jungen wurden ganz selbstverständlich bevorzugt. Ihr Bruder Adolf bekam mit sieben Jahren ein Reitpferd, wie sich das für den Sohn des Gutsbesitzers gehörte. Doch er war daran gar nicht interessiert. Und nur deshalb kam Maria in den Genuss, ein eigenes Pony zu haben.

Mit den „einfachen“ Arbeitern oder gar deren Kindern im Dorf hatte man keinen Kontakt und Adolf und Maria wurden von der Pfarrersfrau im Pfarrhaus unterrichtet. Eine Schultüte gab es nur für den Bruder. Als Maria den etwas älteren Bruder beim Lernen einholte, wurden sie dennoch weiterhin getrennt unterrichtet, es wäre sonst möglicherweise für den Jungen ein Gesichtsverlust gewesen, wenn die Schwester rascher gelernt hätte.

Kindliche Beschäftigungen, die traumatische Entfernung der Mandeln (die Betäubung hatte nicht ganz ausgereicht), Besuche auf den Nachbargütern, Schwimmen im See, Scharaden, Handarbeiten (ganz wichtig, vor allem wenn die Herren vorlasen), Urlaube an der Ostsee in Kolberger Deep. Der Zusammenhalt der Schwestern.

Es geht mit diversen – eher trostlosen – Schul- und Internatserfahrungen weiter. Nach der Untertertia am Greifenberger Gymnasium der Wechsel in das Internat, das Freiadlige Magdalenenstift in Altenburg in Thüringen, in dem die jüngste Schwester des Vaters von 1908 bis 1932 Pröpstin war. Dort erwirbt Maria den Realschulabschluss.

Der erste Blick in den großen, kahlen Schlafsaal war bestimmt schockierend: ein weiß gekalkter, schmuckloser Raum mit zwölf oder dreizehn schwarzen Eisenbetten, auf denen weißes Bettzeug lag. In einer Ecke war ein Holzverschlag, das sogenannte Kabuff, abgeteilt, olivgrün gestrichen, mit undurchsichtigen Glasfenstern: der karge Schlafplatz für eine Lehrerin, deren Aufgabe es war, für Ruhe zu sorgen, den Mädchen das leise Schwatzen zu verbieten. (S. 158)

Jede Schülerin hatte einen vielleicht eineinhalb Quadratmeter großen Platz, auf dem ein Tischchen mit Schubfach für die Waschutensilien stand, darauf eine Blechschüssel, darunter eine ovale Fußwanne. Einen Schemel hatte man auch. Man konnte, wenn man sich wusch, graue, an Eisenstangen befestigte Vorhänge zuziehen, man tat es aber nicht (außer man hatte „seine Tage“), damit gegenseitige Kontrolle möglich war. Wenn sich ein schamhafter Neuling vor fremden Blicken schützen wollte, wurden die Vorhänge rücksichtslos von älteren Schülerinnen zur Seite gezogen. (S. 159)

Auch wenn in Marias Internatsklasse von den 26 Schülerinnen „nur“ fünf oder sechs im BDM waren: Der Antisemitismus der Nationalsozialisten trat immer deutlicher zutage. Trotz der Hausschneiderin musste hin und wieder auch Kleidung gekauft werden:

Konfektion wurde im Kaufhaus Löwenberg gekauft, dem einzigen größeren Textilgeschäft in Greifenberg. Als vor dem Kaufhaus ein großes Schild stand mit der Aufschrift ‚Kauft nicht beim Juden‘ – das war im April 1933, kurz nach der Machtübernahme der Nazis – kümmerte sich unsere Mutter nicht darum, sie nahm mich an die Hand und ging mit mir in das Geschäft. Niemand hätte es gewagt, sie, die Frau Landrat, daran zu hindern. (S. 108)

Marias politisch liberal eingestellte Mutter war in ihrer konsequenten Ablehnung des Antisemitismus und ihrer kritischen Haltung gegenüber den Nazis für sie ein Vorbild. 1938 stellt die Mutter das Geld einer ihr aus England zugedachten Erbschaft zwei jüdischen Ärzten und deren Frauen als Bürgschaft zur Verfügung. Ohne diese Bürgschaft hätten die zwei Ehepaare nicht in die USA einreisen dürfen.

Eine wichtige Rolle bei Marias Ablehnung des Nazi-Regimes spielte sicherlich auch ihre Halbschwester Elisabeth von Thadden (1890 – 1944). Diese stand ebenfalls der Bekennenden Kirche nahe, war im Widerstand aktiv und wurde nach regimekritischen Äußerungen von dem Gestapo-Spitzel Paul Reckzeh denunziert, anschließend verhaftet und durch Freisler 1944 zum Tod durch Enthaupten verurteilt. Erst Monate später erfährt Maria, dass nicht die Gefängnisverwaltung ihr ein letztes Treffen mit Elisabeth verboten, sondern Elisabeth selbst ihren Besuch abgelehnt hatte.

Sie wollte nicht, dass ich sie in diesem demütigenden Zustand sähe: mit kurzgeschorenen Haaren, im gestreiften Sträflingskleid, abgemagert, mit eiternden und blutigen, von den Eisenfesseln aufgescheuerten Handgelenken. So sollte ich sie nicht in Erinnerung behalten. Wie hätte ich, einundzwanzig Jahre alt, auf diesen Anblick, auf den ich nicht vorbereitet war, reagiert? (S. 370)

Zwischen den Zeilen klingt dann noch mehr von der komplizierten Familienstruktur an. Wenn es beispielsweise heißt „Ado [Spitzname ihres Bruders Adolf], der wenig ältere Bruder, hat sich dem mütterlichen Einfluss früh entzogen.“ (S. 146), so ist das sicherlich auch eine Anspielung darauf, dass Adolf von Thadden nach dem Krieg in diversen rechtsextremistischen Parteien aktiv war und schließlich Bundesvorsitzender der NPD wurde.

Ihr Halbbruder Reinold von Thadden (1891 – 1976) hingegen trat der Bekennenden Kirche bei und war Gründer des Evangelischen Kirchentages.

Als Kriegsgefangene und später auch Zwangsarbeiter aus der Ukraine auf dem heimischen Gut einquartiert wurden, hat Marias Mutter dieser Aufgabe versucht, gewissenhaft und menschlich nachzukommen. Sie sorgte dafür, dass zwei ukrainische Frauen ihre Babys verstecken konnten anstatt sie bei einer NS-Dienststelle abzugeben.

Beim Einmarsch der russischen Truppen Anfang März 1945 haben sich die Ukrainer schützend vor unsere Mutter, Baba [Schwester Barbara] und das Hauspersonal gestellt. Den unbeliebten Inspektor gaben sie sofort ‚zum Abschuss frei‘. (S. 237)

In Berlin bereitet sich Maria auf ihre Abiturprüfung vor, nimmt Reitstunden und genießt die nach wie vor geöffneten Theater, Kinos und die Oper. Nach dem Abitur beschließt sie Kunstgeschichte, Geschichte und Archäologie zu studieren, zunächst in Freiburg, dann Leipzig, unterbrochen von Arbeitseinsätzen beim Arbeitsdienst.

Noch 1944 genießt man auf den pommerschen Gutshöfen Tanztees und isst Kuchen mit den Soldaten auf Heimaturlaub. Besonders schön, wenn man dabei nicht nur auf das Grammophon angewiesen war, sondern sich ein Pianist fand, der

sich an den Flügel setzte, den es in jedem Gutshaus gab, und die Walzer, Tangos und Foxtrotts spielte, temperamentvoll und laut. (S. 346)

Marias letzter Studienort während des Krieges ist – und ich war ein bisschen verblüfft – Prag, wo die tschechischen StudentInnen schon nicht mehr studieren durften, was sie zwar ungerecht und verwerflich findet, sie aber nicht von Prag abbringen kann, das sie als sicher empfindet.

Bei einem ihrer Ausflüge zusammen mit einer Freundin kommen sie am Konzentrationslager Theresienstadt vorbei.

Am Ortseingang wies ein großes Schild darauf hin, dass die Mindestgeschwindigkeit von sechzig Stundenkilometern bei der Durchfahrt eingehalten werden muss. Der Grund: Niemand sollte bei langsamem Fahren Gelegenheit haben, sich das KZ genau anzusehen. (S. 359)

Den Zug von traurigen Häftlingen, der ihnen auf der anderen Straßenseite entgegenkommt, hat sie ihr Leben lang nicht vergessen.

Einige der bizarrsten Szenen des Buches, die den Irrsinn und die Verblendung des Nationalsozialismus in dieser Lebensgeschichte wie in einem Brennglas einfangen, spielen in Tschechien. Ein Professor in Prag will seine Studentinnen vor unsinnigen und den Krieg möglicherweise noch verlängernden Einsätzen in der Rüstungsindustrie  bewahren. Dafür bietet er ihnen z. B. zügige Dissertationsmöglichkeiten an. Maria und eine gute Freundin bekommen eine andere Aufgabe: Im Auftrag einer SS-Dienststelle sollen sie in beschlagnahmten und enteigneten tschechischen Schlössern Kunstobjekte, Möbel, kostbares Geschirr, Gemälde und Teppiche, inventarisieren. Auf dass die Enteigneten nicht etwa noch etwas von ihrem Eigentum mitnahmen. Und das alles noch bis ins Jahr 1945 hinein, als der Krieg längst verloren war. In einem der beschlagnahmten Schlösser hatten sich Offiziere und Soldaten wohnlich eingerichtet und übten mit den edlen Pferden des rechtmäßigen Besitzers sogar die „komplizierten Schritte der Wiener Hofreitschule.“ (S. 390)

Als die Front näher rückt, kann ihr Bruder Ado sie gerade noch rechtzeitig unter dem Deckmantel eines angeblichen militärischen Auftrags aus Prag herausholen. Die beiden Geschwister kommen kurzzeitig in amerikanische Gefangenschaft und treffen schließlich einen Großteil der überwiegend ausgebombten Familienmitglieder in Göttingen. Als Ado versucht, Schwester Baba und die Mutter aus Pommern herauszuholen, gerät er in polnische Gefangenschaft, aus der er erst ein Jahr später entkommen kann. Baba und die Mutter werden 1946 aus Pommern ausgewiesen. Deren Hoffnung, die Heimat für ihre Kinder zu erhalten, war damit endgültig gescheitert.

Nach der Ermordung unseres Bruders Gerhard am 2. Oktober 1945 im Wald bei Hannoversch-Münden und dem allmählichen Begreifen, dass die pommersche Heimat endgültig verloren war, habe ich nichts mehr notiert, nie wieder einen Taschenkalender besessen. (S. 19)

Nach Kriegsende setzt Maria von Thadden ihr Studium in Göttingen fort und lernt dort ihren späteren Mann, den Literaturtheoretiker und Schriftsteller Dieter Wellershoff, kennen.

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Åsne Seierstad: Der Buchhändler aus Kabul (OA 2002)

In dem Interview von Constanze Matthes mit Sonja Zekri findet sich dieser schöne Satz:

Als Leserin oder Leser will man den Schock der Lektüre, das Innehalten, wenn man begreift, dass man auf diese Weise die Welt, den Menschen oder sich selbst noch nicht gesehen hat.

Nach der Lektüre von Der Buchhändler aus Kabul von Åsne Seierstad, das Holger Wolandt aus dem Norwegischen ins Deutsche übersetzte, weiß ich, dass der Satz von Zekri auch zwiespältig sein kann.

Seierstad (*1970), die berühmte Journalistin aus dem norwegischen Lillehammer, von der u. a. der Titel Einer von uns. Die Geschichte eines Massenmörders über Anders Breivik stammt, landete mit Der Buchhändler aus Kabul einen internationalen Bestseller, von der Kritik gefeiert und in 42 Sprachen übersetzt.

Nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001 folgte Seierstad November 2001 den Truppen der Nordallianz, die die Schlacht um Kabul gewannen und die Taliban vertrieben. Dort, in Kabul lernt sie den unerschrockenen Buchhändler Shah Mohammad Rais kennen, der allen Machthabern, seien es Kommunisten, Mudschaheddin oder Taliban, Gefängnis und Bücherverbrennungen getrotzt und ein großes Buchimperium aufgebaut hat.

Sie sei beeindruckt gewesen von diesem Mann und eines Tages habe er er sie zu sich nach Hause eingeladen, wo sie die Mitglieder seiner Großfamilie kennenlernt.

Als ich an diesem Abend heimging, sagte ich zu mir selbst: ‚Das ist Afghanistan. Es wäre interessant, ein Buch über diese Familie zu schreiben.‘ Am Tag darauf suchte ich Herrn Rais in seinem Buchladen auf und erzählte ihm von meiner Idee. ‚Vielen Dank‘, sagte er nur. ‚Aber das bedeutet, dass ich bei Ihnen wohnen müsste.‘ ‚Willkommen.‘ ‚Ich müsste die ganze Zeit bei Ihnen sein und leben wie Sie. Mit Ihnen, Ihren Frauen, Schwestern und Söhnen.‘ ‚Willkommen‘, wiederholte er nur. (S. 12)

Und hier stutzte ich das erste Mal: Wie befremdlich, sich selbst einzuladen in einem armen Land, in eine Familie, die ohnehin in entsetzlich beengten Verhältnissen lebt, in der es quasi keine Privatsphäre gibt und sich – bis auf den Hausherrn und seine junge Zweitfrau – immer mehrere ein Zimmer in der kleinen Wohnung teilen müssen.

Seierstad lebt mehrere Monate mit und in der Großfamilie und anscheinend erzählen ihr vor allem die Frauen viel von dem, was hinter den Kulissen passiert. Sie gibt jedem Familienmitglied im Buch einen anderen Namen, Rais wird beispielsweise zu Sultan, aber dennoch sind alle später mühelos zu identifizieren, was nach der Veröffentlichung für viel Ärger und jahrelange Auseinandersetzungen vor Gericht geführt hat.

Sie erzählten mir Dinge, wenn sie Lust dazu hatten, nicht, wenn ich sie fragte. Dies geschah selten, wenn ich den Notizblock bereit hatte, sondern eher beim Einkaufen auf dem Basar, im Bus oder spätabends auf der Matte. (S. 12)

Schon im Vorwort klingt das beherrschende Thema des Buches an:

Die Familie kümmerte sich gut um mich, alle waren großzügig und offen. Trotzdem war ich oft auch wütend auf sie. Es war immer dasselbe, das mich provozierte, nämlich wie die Frauen behandelt wurden. Die scheinbare Überlegenheit der Männer wurde von allen stillschweigend hingenommen. (S. 13)

Und zunächst wird man als Leserin quasi hineingezogen in dieses so fremde Leben. Wir lernen viel über die Geschichte Afghanistans, in dem schon seit Jahrzehnten immer wieder wechselnde Machthaber wüten und die Bevölkerung versucht, so gut es geht, zu überleben. Auch der Buchhändler geriet mit den wechselnden Herrschern häufig aneinander, ohne deshalb seinen Traum von einem Kabuler Buchimperium aufzugeben.

Besonders die zurückliegenden Jahre der Taliban-Herrschaft haben nicht nur unzählige Menschen das Leben gekostet, auch die kaputten Häuser und die zerstörte Infrastruktur sind immer noch die eines Landes im Krieg. Seierstad nennt unzählige Beispiele dieser unfassbaren Diktatur, die buchstäblich alles auf ihr fanatisches, ungebildetes und brutales Niveau herabziehen wollte.

Sogar in den Mathematikbüchern war Krieg das Hauptthema. Die Jungen – denn die Taliban ließen Bücher nur für Jungen schreiben – rechneten nicht mit Äpfeln und Keksen, sondern mit Kugeln und Kalaschnikows. Eine Aufgabe darin konnte folgendermaßen aussehen: ‚Der kleine Omar hat eine Kalaschnikow mit drei Magazinen. In jedem Magazin stecken zwanzig Kugeln. Er braucht zwei Drittel seiner Kugeln auf und tötet sechzig Ungläubige. Wie viele Ungläubige tötet er pro Kugel?‘ (S. 85)

Im September 1996 verkündeten die Taliban beim Einzug in Kabul diverse Dekrete, u. a. dass Taxifahrer keine Frauen mehr mitnehmen durften, die ohne Burka unterwegs waren. Musik wurde verboten, Kassetten waren ab sofort in Fahrzeugen; Hotels und Geschäften untersagt. Man durfte keine britischen und amerikanischen Frisuren mehr tragen, auf Hochzeiten durfte ab sofort weder Musik gespielt noch getanzt werden. Die Strafen bei Zuwiderhandlung kann man sich denken.

Drachensteigenlassen hat unnütze Folgen wie Wetten, Todesfälle bei Kindern und Abwesenheit vom Unterricht. Läden, die Drachen verkaufen, werden geschlossen. (S. 112)

In Fahrzeugen, Läden, Häusern, Hotels und an anderen Orten sollen Bilder und Porträts entfernt werden. Die Inhaber müssen alle Bilder an den erwähnten Orten zerstören. (S. 113)

Das letztgenannte Verbot von Abbildungen sorgte dafür, dass die Taliban, die meist Analphabeten waren, in die Buchläden kamen, die Bücher durchblätterten und alle, die Abbildungen und Fotos von was auch immer enthielten, wurden verbrannt. Außerdem galt:

Frauen, ihr sollt eure Wohnungen nicht verlassen! Wenn ihr sie dennoch verlassen müsst, solltet ihr das nicht wie die Frauen tun, die in modischen Kleidern und mit viel Schminke allen Männern unter die Augen traten, ehe der Islam ins Land kam. (S. 114)

Auch Puppen und Schmusetiere waren, weil Abbildungen von Lebewesen, verboten.

Wenn die Religionspolizisten zu Hause bei Leuten Razzien veranstalteten, schlugen sie Fernseher und Kassettenrekorder kaputt und nahmen auch das Spielzeug der Kinder mit, wenn sie es entdeckten. Sie rissen Arme und Köpfe ab und zertraten sie vor den Augen der entsetzten Kinder. (S. 309)

Selbst nach der – wie wir heute wissen, nur zwischenzeitlichen – Vertreibung der Taliban wirken sie in den Köpfen der Menschen weiter. Die Frauen überlegen sich sehr genau, ob sie wirklich ohne Burka – ein Kleidungsstück, das laut Seierstad überhaupt erst in der Herrschaftszeit von König Habibullah (1901 bis 1919) in Afghanistan eingeführt worden sei – auf die Straße gehen. Eine der Schwestern des Buchhändlers ist fassungslos, als sie allen Mut zusammengenommen hat, um heimlich einen Englischkurs zu besuchen, und dann feststellen muss, dass dort auch Männer anwesend sind. Sie fühlt sich beschämt und beschmutzt, den Kurs besucht sie nie wieder.

Die zweierlei Maß, die an Frauen und Männer angelegt werden, sind manchmal kaum zu ertragen; die Verbannung der Frau ins Haus, ihre Herabwürdigung als Dienstmagd, die Beschämung der Ehefrau, weil sich der ca. 60-jährige Buchhändler, der mit einer Lehrerin verheiratet ist (die aber den Beruf nicht mehr ausübt), eine sechzehnjährige zweite Frau sucht. Die Versuche der Eltern, den richtigen Gatten für ihre Töchter zu finden, die Tradition, dass der Mann für die Braut zahlen muss: Je hübscher, jünger und tugendhafter die Braut, umso mehr können die Eltern verlangen. Dass da die Betrachtungsweise naheliegt, die Frau als sein Eigentum anzusehen, verwundert dann nicht mehr wirklich.

Daneben die Tradition, die Frau im Falle einer Trennung dadurch abzusichern, dass der Mann auch einen Preis nennen muss, den er zahlt, falls er sich grundlos von der Frau scheiden lassen will. Und erst die Rollenbilder und zum Teil unbarmherzigen Ehrvorstellungen:

Männer und Frauen, die nicht verwandt sind, dürfen nicht im selben Zimmer sitzen. Sie dürfen sich nicht unterhalten und nicht zusammen essen. Auf den Dörfern sind sogar die Hochzeitsfeste aufgeteilt, die Frauen tanzen und feiern für sich und die Männer ebenfalls. (S. 77)

Eine der Mütter aus dem großen Familienclan erklärt sich, nachdem der Familienrat getagt hat, mit dem Tod ihrer Tochter einverstanden. Diese hatte sich heimlich mit einem fremden Mann getroffen und damit die Ehre der ganzen Familie beschmutzt.

Sie [die Mutter] war es, die Mutter, die zum Schluss die drei Söhne nach oben schickte, die Tochter zu töten. Die Brüder gingen zusammen in das Zimmer der Schwester. Gemeinsam legten sie ihr ein Kissen aufs Gesicht, dann drückten sie zusammen ganz fest und immer fester zu, bis sie sich nicht mehr regte. Erst dann gingen sie zu ihrer Mutter zurück. (S. 60)

Hier war ich überrascht über die Überraschung der Autorin, die das Verhalten der Mutter nicht nachvollziehen konnte. Ich frage mich, was wäre der Mutter denn übrig geblieben, wenn sie sich nicht selbst dem „Verdacht“ aussetzen wollte, bei der Erziehung der Tochter versagt zu haben? Erst wenn eine Frau erwachsene Töchter hat, die die Hausarbeit erledigen können, wird sie

eine Art Regentin des Hauses, die Ratschläge erteilt, Ehen arrangiert und über die Moral der Familie wacht, das heißt, vor allem über die Moral der Töchter. Sie achtet darauf, dass sie nicht allein ausgehen, dass sie sich ordentlich bedecken, dass sie außerhalb der Familie keine Männer treffen und dass sie gehorsam und höflich sind. (S. 144)

Nach der Lektüre bleibt ein seltsamer Nachgeschmack. Auf der einen Seite lernt man viel, über das Land und seine zerrissene Geschichte, das Leid der Bevölkerung, die schon so lange ein Spielball fremder Mächte ist, und ganz ohne Frage auch über die Rückständigkeit, was Zugang zu Bildung und Gesundheitssystemen angeht, und die nahezu nicht existenten Wahlmöglichkeiten der Frauen, ihre Rechtlosigkeit und fehlende Anerkennung als denkende und eigenständige Subjekte.

Bei jungen Frauen handelt es sich vor allem um Tauschobjekte und Handelsware. Die Ehe stellt einen Vertrag dar, der zwischen Familien oder innerhalb einer Familie geschlossen wird. Welchen Nutzen die Heirat für den Clan hat, ist entscheidend, auf Gefühle wird nur selten Rücksicht genommen. (S. 61)

Auf der anderen Seite unterschlägt Seierstad viele Zwischentöne. Es gibt bei ihr nur Schwarz und Weiß. Mir fehlt die grundlegende Einsicht, dass Menschen sich – abgesehen von den nicht verhandelbaren Menschenrechten – auch in nicht-westlichen Bräuchen und Lebensformen wohl und verwurzelt fühlen.

‘Allein‘ ist für Leila [die 19-jährige Schwester des Buchhändlers] ein unbekannter Begriff. Sie war noch nie allein in der Wohnung, ist noch nie allein irgendwohin gegangen und hat noch nie allein in einem Zimmer geschlafen. Jede Nacht hat sie auf der Matte neben ihrer Mutter verbracht. Leila weiß nicht, was es heißt, allein zu sein, und das fehlt ihr auch nicht. Das Einzige, was sie sich wünscht, ist etwas mehr Ruhe und etwas weniger zu tun. (S. 218)

Afghanen haben mir beispielsweise ebenfalls erzählt, dass Hochzeitsfeiern oft nach Geschlechtern getrennt stattfinden, dass das aber trotzdem ausgelassene und glückliche Feiern sein können und dass das Gebot der getrennten Geschlechter – man soll ja vor allem die anderen nicht beim Tanzen beobachten können – auch schon mal dadurch umgangen wird, dass heimlich Videoaufnahmen hin und her geschmuggelt werden. Dass einige der von der Familie arrangierten Ehen, die sie im Buch schildert, glücklich sind, kann  Seierstad nicht nachvollziehen.

Außerdem – und das ist ein noch größeres Problem – hat Seierstad nicht mit offenen Karten gespielt: Das Buch wurde, ohne dass ein Gegenlesen durch die Familie stattgefunden hatte, veröffentlicht. Natürlich hat die Journalistin die Gastfreundschaft, die sie fünf Monate in Anspruch genommen hat, mit Füßen getreten. Manchmal schildert sie Gedanken der Beteiligten, die eher so wirken, als ob eine westliche Frau ihnen ihre eigenen Worte in den Mund gelegt hat.

Ich frage mich, ob Seierstad einige ihrer berechtigten Fragen dem Buchhändler tatsächlich nie gestellt hat, zum Beispiel, warum er – ein Mann des Buches – seinen eigenen Söhnen den Schulbesuch untersagt, damit sie in seinen Läden  arbeiten können.

Aimal ist Sultans jüngster Sohn. Er ist zwölf Jahre alt und hat einen Arbeitstag von zwölf Stunden. Jeden Tag, sieben Tage die Woche, wird er bei Morgengrauen geweckt. […] Punkt acht schließt Aimal die Tür seines kleinen Ladens in der dunklen Lobby eines Hotels in Kabul auf. (S. 255)

Ich denke nicht, dass Seierstad – um Rais nicht zu verärgern – unliebsame Tatsachen beschönigen oder gar unter den Tisch hätte fallen lassen sollen oder der Erwartungshaltung des Buchhändlers hätte entsprechen müssen. Aber irgendwann fällt auf, dass sie die Familie eher seziert, und zwar ohne jegliche Sympathie, humorlos, einseitig und zum Teil arrogant und überheblich.

Es gibt eine Schlüsselszene im Hamam, die auch Shah Mohammad Rais bei den anschließenden juristischen Auseinandersetzungen immer wieder beanstandet hat. In dieser schildert Seierstad die Frauen, die in ihrem ganzen Leben noch nie ohne Verschleierung das Haus verlassen konnten, in ihrer Nacktheit so empathielos, so befremdet, voyeuristisch und respektlos, wie sie das wohl nie mit ihren eigenen Familienmitgliedern getan hätte.

Seierstads Selbsteinschätzung im Guardian, dass sie die Familie immer respektvoll beschrieben und das Heldentum von Rais gewürdigt habe, ist eine reine Schutzbehauptung und im Grunde Unfug. Dazu kommt, dass sie selbst als Person, die immerhin fünf Monate mit der Familie verbracht hat, im Buch nicht auftaucht. Somit erscheinen alle Schilderungen und wiedergegebenen Gespräche zunächst objektiv, dabei ist dieses Buch in seiner Kritik an den Verhältnissen genau das nicht. Es ist kein neutraler Bericht. Und über die Folgen für die betroffenen Frauen in einem so konservativen Land wie Afghanistan, nachdem das Buch in Englisch erschienen war, hat sie sich gar keine Gedanken gemacht.

In den englischen Neuauflagen sind inzwischen einige der beanstandeten Szenen nicht mehr enthalten. Für diese hat sich die Autorin bei Rais und seiner Mutter entschuldigt.

In einem weiteren Interview – ebenfalls im Guardian – wird das Problematische ihres Buches ebenfalls angesprochen:

I ask whether it was kind of her to draw out these women’s most intimate sexual secrets and private emotions, and reveal them to the world. „What’s unkind in it?“ Seierstad says, surprised. „My project, my only goal, was to understand what was going on inside one of these families. I was there as a journalist, invited into their home to find out about Afghanistan. Should I, when I know something is not right, like the way the bookseller treated his wives, say it’s not important? […].“

Yet Seierstad admits that, at times, she did go too far. In the first edition of the book, published in a limited run in the UK and now out of print, there is an astonishingly intimate description of one of the women in the household at the hammam. In two passages, Seierstad writes about the breasts, belly and genitals of this woman – a woman who since reaching adulthood has never left her house without wearing a burqa.

„I removed that section because Rais asked me to,“ says Seierstad. „But this book went through several editors and we all overlooked that problematic word, genitals. We realised it was a mistake only after Rais focussed on it, and I apologised to him and to his mother for it.“

That she put it in at all, is perhaps evidence of a lack of sympathy for her subjects‘ privacy. In the past, Seierstad has claimed that the book is not a criticism of the Islamic way of life – but that it „just reveals a lot about it“. This, I suggest, is disingenuous – and dangerous. Her outrage at the way women are treated in the book crackles on every page, but because she has written herself out of the narrative, her highly subjective account could be accused as masquerading as an objective report.

There is a long pause. „I agree now that it is not possible to write a neutral story,“ she says. „I don’t criticise the society with my words in the book but I agree, it’s there in the text anyway. It’s not an open critique but it is a critique.“

Elke Heidenreich: Hier geht‘s lang (2021)

Das ausnehmend schön gestaltete Buch Hier geht‘s lang von Elke Heidenreich (*1943), erschienen im Eisele Verlag, trägt den Untertitel Mit Büchern von Frauen durchs Leben.

Auch Heidenreich geht – wie Nicole Seifert – davon aus, dass der Begriff der Frauenliteratur automatisch eine Abwertung, ein Abstempeln bedeute; er beinhalte, wenn etwas von und für Frauen geschrieben wurde, könne es sich dabei nicht um Kunst handeln. Doch für Heidenreich steht fest, dass erst über die in Büchern verdichtete Erfahrung anderer Frauen ihr ein Zu-Sich-Selbst-Finden möglich gewesen ist. Sie schreibt:

Literatur ist ein Geschenk, Bücher sind ein Glück. Geschichten sind lebensnotwendig, um die eigene Verwirrung zu ordnen. Ob wir Bücher von Männern oder von Frauen lesen, das spielt keine Rolle. Wenn sie denn gut sind, und das heißt: gute Story, sprachlich adäquat umgesetzt. Was aber eine Rolle spielt, ist in den Jahren des Erwachens, Zweifelns, Selbstfindens den richtigen Ton für das eigene Leben zu finden. Und da waren für mich Bücher von Frauen hilfreicher als Bücher von Männern, sehen wir von den fürchterlichen Mädchenbüchern meiner Kindheit ab. (S. 182)

Was sie dabei außer Acht lässt, ist die Gefahr, dass Leserinnen bei der Übermacht männlicher Literatur die Wertvorstellungen und Rollenbilder männlicher Autoren verinnerlichen und dass Jungen und Männern selten zugemutet wird, sich in weibliche Sichtweisen einzufinden, wenn in Schule und Studium überwiegend Autoren gelesen werden.

In den Kapiteln, die sich chronologisch an ihren Lebensstationen entlang hangeln, gibt Heidenreich kurzweilig und lebhaft Einblick in ihre Lesebiografie, in die Bücher, die ihr wichtig geworden sind. Literatur sei ihr immer wie ein Geländer gewesen, an dem sie sich habe festhalten und orientieren können.

In den ersten Kapiteln werden sich vermutlich viele Leserinnen, die ihre Kindheit in den Fünfzigern und Sechzigern des vergangenen Jahrhunderts erlebt haben, wiederfinden. Die Mädchenbücher, die man verschlungen hat und die ein doch sehr angepasstes, sehr artiges Frauenmodell propagierten. Der didaktische Zeigefinger unüberhörbar. Dann die Bedeutung der Fließbandschreiberin Enid Blyton. Die Entdeckung Karl Mays, den auch ein Mädchen spannend fand. Dass ein Junge wiederum Mädchenbücher gelesen hätte – undenkbar.

Über die Kindheit Heidenreichs erfährt man, ohne dass auf Details eingegangen wird, nur so viel: Das Geld war knapp, die Hand saß locker, der Vater glänzte durch Abwesenheit, das Kind war einsam, aber es las. Dass man sich mit Bildung, Büchern und dem daraus resultierenden gesellschaftlichen Aufstieg der Ursprungsfamilie unwiderruflich entfremdet, ist der Preis, der dafür zu zahlen ist. Die Parallelen zu Ulla Hahns Kindheit sind frappierend, die interessanterweise nirgendwo erwähnt wird.

Kurz vor der Konfirmation kommt die junge Elke in eine Pflegefamilie. Dort gibt es Bücher. Das Abitur. Das Studium, in dem es hauptsächlich um männliche Autoren ging. Die Schriftstellerinnen musste man sich selbst zusammensuchen.

Und so flaniert Heidenreich an den Regalen ihrer Vergangenheit entlang, oft ist es nur ein freundliches und dankbares Name Dropping, dann wieder gibt es kurze Einblicke in die Texte und Biografien der von ihr verehrten DichterInnen und SchriftstellerInnen. Sie bleibt dabei immer in der Tonlage, die man von ihr kennt: zutiefst bewegt und begeistert von dem, was Bücher können, von dem, was man aus ihnen lernen kann, dabei aber auch manchmal fürchterlich oberflächlich: Bei vom Vom Winde verweht kein Wort davon, dass man das Buch als Erwachsene heute doch anders lesen sollte als damals als Teenager. Es wird abgefrühstückt mit dem Satz:

… aber unterschwellig bekam ich eine Menge mit von den politischen Gegebenheiten jener Zeit und begriff, dass Literatur auch Zeitgeschichte sein kann. (S. 74)

Da fiel mir spontan der Beitrag Birgit Böllingers auf ihrem Blog ein, die sich die Mühe gemacht hat, Margaret Mitchell noch einmal zu lesen.

Die Gestaltung des Buches ist fein, mit vielen Fotos aus ihrem eigenen Bücherbestand oder Porträts der von ihr verehrten Dichterinnen und Schriftstellerinnen. Auch die Fotos von Heidenreich selbst veranschaulichen sehr schön den Gang eines Leserinnenlebens, vom Schulkind zur alten Frau. Dazu kommen zahlreiche Zitate zum Lesen.

Heidenreichs Stärke liegt in ihrer Authentizität, ihrem Selbstverständnis, sich nicht als Kritikerin zu verstehen, sondern stets als Literaturvermittlerin, die Menschen ans Lesen bringen will. Das schimmert immer durch. Und wer wollte ihrer Feststellung widersprechen, dass in der Literaturkritik oft Hochmut stecke und eine Verachtung der LeserInnen, die Bestseller lesen.

Im Hinterkopf hatte ich bei der Lektüre Heidenreichs Äußerungen zu Sarah-Lee Heinrich und zum Gendern. Die haben ihr einen Shitstorm und viel Kritik eingetragen. Dabei hat sie – und das fand ich fast noch betrüblicher als ihre wenig reflektierten Aussagen – die Chance aufs Zuhören und Dazulernen abgeschmettert und auf alle Kritik, alle berechtigten Einwände nur mit Trotz, Widerwillen und einer Ist-mir-egal-Haltung reagiert. Da misst sie, was Lernfähigkeit und Hochmut angeht, mit zweierlei Maß.

Das Charmanteste des Buches war für mich die implizite Einladung, selbst mal innezuhalten und zu überlegen, wie das so gelaufen ist mit der eigenen Lesebiografie in Schule, Studium und Privatleben. Leider weiß ich so viele Titel nicht mehr, aber sich auf die Suche zu machen, das wäre eine schöne Beschäftigung. Und wie könnte es anders sein: Man möchte sich sofort den ein oder anderen von Heidenreich gerühmten Titel wieder vornehmen.

Ich erinnere mich an ein Regalbrett über dem Sofa, darauf ein Lexikon, ein Buch mit ärztlichen Ratschlägen […], der Roman Brot von Heinrich Waggerl, 1930 erschienen und dem Geist der Blut-und-Boden-Ideologie durchaus nahe, und Die Feuerzangenbowle von Heinrich Spoerl aus dem Jahr 1933, elf Jahre später mit Heinz Rühmann verfilmt. Dann gab es noch Gute Nacht, Jakob. Ein heiterer Roman aus verklungenen Tagen von Hans-G. Bentz, ein liebenswerter Roman über einen Jungen und seine zahme Dohle, die Memoiren des Arztes Ferdinand Sauerbruch, Das war mein Leben, und zwei Bände Trygve Gulbranssen, Und ewig singen die Wälder und Das Erbe von Björndal. Das war‘s schon beinahe zu Hause auf dem Regal überm Sofa. (S. 70)

Dazu kamen noch Mein Kampf von Hitler, das Geschenk des Standesbeamten für Heidenreichs Eltern zur Hochzeit 1934, und ein Band “mit Shakespeares Sonetten, weiß der Himmel, wo die herkamen.“ (S. 70)

 

Nicole Seifert: FRAUENLITERATUR – Abgewertet, vergessen, wiederentdeckt (2021)

Die Übersetzerin und Literaturwissenschaftlerin Nicole Seifert greift gleich zu Beginn ihrer lesenswerten Abhandlung ein Zitat von Margaret Atwood auf:

Könnte es sein, dass Frauen furchtlos Bücher lesen, die unter Umständen als ‚Männerromane‘ gelten könnten, während Männer immer noch glauben, ihnen fiele etwas ab, wenn sie ein paar Sekunden zu lange auf bestimmte, von Frauen sicher hinterlistig miteinander kombinierte Wörter blicken? (S. 11)

Nun, es ist längst erwiesen, Männer lesen viel viel seltener Literatur, wenn diese von Frauen verfasst wurde, während Frauen umgekehrt wesentlich seltener Berührungsängste haben. Selbst die Leserschaft weltbekannter Autorinnen wie Margaret Atwood besteht nur zu 20 % Prozent aus Männern (siehe den Artikel von MA Sieghart im Guardian). Dies Missverhältnis findet sich übrigens auch bei  Sachbüchern.

Neben dieser fehlenden Bereitschaft, Autorinnen wahrzunehmen, gibt es auch aktive Abwertung, wie sie schon in der Tatsache zum Ausdruck komme, dass es kein Äquivalent zu dem Begriff ‚Frauenliteratur‘ gibt. Seifert würde lieber von einem „weiblichen Schreiben“ sprechen, da Autorinnen über Jahrhunderte von  eingrenzenden Lebensbedingungen beeinflusst waren, daraus ergäben sich bestimmte Themen und Motive, die überdurchschnittlich oft verwendet werden:

Zum Beispiel das Ausgeschlossensein aus der Gesellschaft, das Eingeschlossensein im Haus und die Erwartungen, die an Frauen gestellt wurden und werden. Autorinnen beschreiben über Jahrzehnte und Jahrhunderte, wie ­Prota­gonistinnen krank werden, weil sie versuchen diese Erwartungen zu erfüllen. Und das zieht sich bis heute durch. (Interview mit der taz am 2.10.2021)

Und damit ist Seifert auch schon mitten in ihrem Thema und ich habe mich durch die verschiedenen Kapitel nur so durchgefräst.

Seifert geht den Gründen nach, wie es dazu kommen konnte, dass sich in ihrem Bücherregal lange Zeit mehr Autoren als Autorinnen getummelt haben, was man ja gern mal bei sich persönlich überprüfen kann. In diesem Zusammenhang wird untersucht, wie Autorinnen in der Geschichte behindert, lächerlich gemacht oder eingeschränkt wurden.

Wie ihre Werke anders beurteilt wurden und werden, sobald herauskam, dass eine Frau das Buch geschrieben hatte. Wie sie – bis heute – seltener im Feuilleton rezensiert werden und wie andere Maßstäbe, zum Teil gänzlich unliterarischer Art, an ihr Schreiben gestellt werden (siehe den Artikel auf der Seite des Deutschlandfunk von Samira El Quassil).

Die amerikanische Autorin Catherine Nichols 

schickte einen Probetext an Literaturagenturen – fünfzigmal mit ihrem eigenen Namen und fünfzigmal mit einem männlichen Pseudonym. Der vermeintliche Autor wurde siebzehnmal um das vollständige Manuskript gebeten, die Autorin ganze zweimal. (S. 155/156)

Zudem wird beleuchtet, wie die Inhalte ihrer Werke für Männer als uninteressant und irrelevant dargestellt wurden und werden, während die Interessen der Männer als allgemeingültig und universell verstanden werden.

Diese Linien ziehen sich bis in die Gegenwart. Man untersuche nur einmal die Leselisten für die Oberstufe oder untersuche das Geschlechterverhältnis in diversen Literaturgeschichten, Lesebiografien oder Kanones. 

Es geht aber auch u. a. um „Autorinnen und die Literaturgeschichte“, weibliches Schreiben und das fadenscheinige Argument, dass ausschließlich die Qualität darüber entscheide, ob ein Werk besprochen oder in einen Kanon aufgenommen werde.

Darüber hinaus wird in dem Kapitel „Von Klassikern und vom Vergessen“ auf weitere Beispiele und die Kanondiskussion eingegangen (Effie Briest von Fontane im Vergleich zu Aus guter Familie von Gabriele Reuter). Dazu gehört auch die Überlegung des amerikanischen Literaturwissenschaftlers Todd McGowan, der die Theorie aufgestellt hat, dass Werke von Frauen, Schwarzen und PoC eigentlich nicht vergessen, sondern eher aktiv ignoriert und verdrängt wurden, da sie sich nicht „in die Weltsicht des bestehenden Kanons integrieren ließen.“ (S. 96)

… weil andernfalls eine Auseinandersetzung mit diesen Bereichen der Geschichte hätte stattfinden müssen. Und das wiederum hätte bedeutet, dass eine ethische Verantwortung hätte übernommen werden müssen. Vor dem Hintergrund der Sklaverei, der Kolonialgeschichte und der jahrhundertelangen Unterdrückung der Frau war der Ausschluss dieser ‚anderen‘ Stimmen demnach immer schon politisch begründet, ist die ästhetische Begründung stets eine politische. (S. 97)

Spannend – und darüber hätte ich gern noch mehr gelesen – waren auch die Ausführungen zu den historischen Wurzeln des Problems, die Ansicht, dass die Frau dem Mann grundsätzlich unterlegen und ihre natürliche Sphäre ausschließlich Haus, Hof und Kindererziehung, Gefühl und Sorge für den Ehegatten sei.

Und selbstverständlich haben auch Reich-Ranicki, Denis Scheck, Karl Ove Knausgård, Harald Martenstein und der Begriff des „Fräuleinwunders“ ihren nicht immer rühmlichen Auftritt.

Fazit: Das Buch ist erhellend, allerdings auch ein wenig deprimierend, wenn man gehofft hatte, dass wir eigentlich schon weiter wären. Aber es gibt Hoffnung. Das Problembewusstsein nimmt zu, es gibt tolle Initiativen und die Freude an Neuentdeckungen sowie an Wiederentdeckungen weiblicher Autorinnen wächst.

Meinetwegen hätte das Buch auch gern länger als die 178 Textseiten (dazu kommt ein ausführliches Quellenverzeichnis) sein dürfen. Auf einige Appelle hätte ich verzichten können und weniges ist mir – vielleicht aufgrund der Kürze – auch zu plakativ dargestellt. Als ein Beispiel dafür sei der Absatz über die einigen Trubel auslösende Besprechung von Martin Ebel zu Sally Rooneys Roman Gespräche unter Freunden genannt.  Da wird dann für die Pointe, den Vorwurf des Sexismus, eben verschwiegen, dass Ebel sich bei seiner Äußerung, dass Rooney auf einem Foto aussehe wie ein aufgescheuchtes Reh, auf die Vermarktungsmaschinerie bezog, bei der AutorInnenfotos natürlich auf eine Wirkung hin inszeniert werden.

Da scheint mir das zweite Beispiel, das Seifert aufgreift, doch wesentlich überzeugender: So schreibt – und ich reibe mir verstört die Augen – Peter Lückemeier in der FAZ allen Ernstes über Laura Karasek:

Das Gesicht mit dem Näschen, dem gepflegten Mund, den regelmäßigen Zügen hätte beinahe etwas Puppenhaftes, wären da nicht diese Augen: hellgrün und hellwach. Überhaupt scheint Laura Karasek viele Gegensätze in sich zu vereinigen. Sie sieht aus wie ein Mädchen, ist aber gerade 37 geworden und verheiratete Mutter vierjähriger Zwillinge. Sie wird manchmal für eine Spielerfrau oder Charity-Lady gehalten, schaute aber bis vor kurzem als Anwältin bei der Frankfurter Großkanzlei Clifford Chance aus dem 36. Stock auf die Frankfurter Skyline.

Hier noch einige Interviews mit der Autorin

Die Thematik ist sicherlich in einen größeren Zusammenhang eingebettet, da muss die Leserin – so sie die Zeit hat – dann noch mal selber ran. Ich denke zum Beispiel an folgende Bücher und Verlage:

Frauen in einer von Männern geprägten Welt

  • Caroline Criado-Perez: Unsichtbare Frauen: Wie eine von Daten beherrschte Welt die Hälfte der Bevölkerung ignoriert (2020)
  • Evke Rulffes: Die Erfindung der Hausfrau – Geschichte einer Entwertung (2021)
  • Carel van Schaik, Kai Michel: Die Wahrheit über Eva (2020)
  • Mary Ann Sieghart: The Authority Gap (2021)
  • Deutschsprachige Verlage

Englischsprachige Verlage

Deutsch

  • Barbara Becker-Cantarino: Der lange Weg zur Mündigkeit – Frauen und Literatur in Deutschland von 1500 bis 1800 (1989)
  • Stefan Bollmann: Frauen und Bücher (2013)
  • Hiltrud Gnüg, Renate Möhrmann (Hg.): Frauen Literatur Geschichte – Schreibende Frauen vom Mittelalter bis zur Gegenwart (1999)
  • Ruth Klüger: Frauen lesen anders (1996)
  • Isabelle Lehn: Weibliches Schreiben in der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur
  • Gerhart Söhn: Die stille Revolution der Weiber – Frauen der Aufklärung und Romantik: 30 Porträts (1998)

Englisch

  • Mary Beard: Women and Power (2017)
  • Nicola Beaumann: A Very Great Profession: The Womans’ Novel 1914-39, Persephone Books (2008)
  • Lennie Goodings: A Bite of the Apple: A Life with Books, Writers and Virago, Oxford University Press (2020)
  • Joanna Russ: How to Suppress Women‘s Writing (1983)

Anthologien 

  • Verena Auffermann, Julia Encke, Gunhild Kübler, Ursula März, Elke Schmitter: 100 Autorinnen in Porträts, Piper (2021)
  • Verena Auffermann, Gunhild Kübler, Ursula März, Elke Schmitter: Leidenschaften: 99 Autorinnen der Weltliteratur, Bertelsmann (2009)
  • Gisela Brinker-Gabler: Deutsche Dichterinnen vom 16. Jahrhundert bis zur Gegenwart – Gedichte – Lebensläufe (1978)
  • Lyndall Gordon: Five Women Writers who Changed the World (2017)
  • Katharina Herrmann: Dichterinnen & Denkerinnen: Frauen, die trotzdem geschrieben haben (2020)

Lesebiografien

  • Maureen Corrigan: Leave me alone, I‘m reading, Vintage Books (2005)
  • Samantha Ellis: How to be a Heroine – or what I‘ve learned from reading too much, Vintage Books (2014)
  • Deborah G. Felder: A Bookshelf of Our Own (2005)
  • Brenda Knight: Wild Women and Books (2006)
  • Nina Sankovitch: Tolstoy and the Purple Chair, Harper (2011)

Biografien und Autobiografien

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Lennie Goodings: A Bite of the Apple (2020)

Wow, hier macht Lennie Goodings, eine wegweisende Frau der britischen Verlagslandschaft – Verlag Virago – nicht nur Lust aufs Lesen, sondern eröffnet mir auch einen vertieften Blick auf die Frage, warum ich lese, was ich lese, oder anders ausgedrückt, warum es wichtiger denn je ist, sich dem Lesen und der Literatur auch aus einem weiblichen Blickwinkel zu nähern. Gilt übrigens auch für Männer.

Zum Hintergrund

Inzwischen dürfte es überall angekommen sein: Frauen wurde es in früheren Jahrhunderten ungleich schwerer oder gleich unmöglich gemacht, sich als Autorinnen zu etablieren. So überrascht es nicht, dass in der älteren Literaturgeschichte die Männer dominieren, das lässt sich trotz der ein oder anderen nachträglichen Wiederentdeckung nun auch nicht mehr rückgängig machen. Doch das Frappierende ist, dass sich diese Benachteiligung und Abwertung weiblicher literarischer Auseinandersetzung mit sich und der Welt – wenn inzwischen meist subtiler – bis in die Gegenwart zieht. Und so sind beispielsweise in Büchern, die sich mit Büchern beschäftigen, männliche Autoren bis in die Gegenwart hinein grundsätzlich in der Überzahl.

Seitdem wir angefangen haben, unser eigenes Leseverhalten genauer in den Blick zu nehmen, stellen wir fest, dass der größte Teil unserer eigenen Schullektüre von Männern geschrieben wurde, dass viele Leserinnen keinerlei Berührungsängste haben, sich auch mit männlichen Sichtweisen auseinanderzusetzen, doch dies umgekehrt viel seltener der Fall ist. Und eine Entsprechung zu dem meist herablassend-abwertend gemeinten Begriff „Frauenliteratur“ gibt es auch nicht. Im Englischen gibt es ebenfalls zwar „the woman writer“, aber niemals einen „man writer“.

Zum Buch

Erst 1975 wurden der britischen Öffentlichkeit Nachrichtensprecherinnen „zugemutet“; vorher waren Meinungsumfragen (und männliche Sprecher) immer zu dem Ergebnis gekommen, dass weibliche Stimmen nicht „acceptable“ seien (siehe hierzu auch den Artikel im Tagesspiegel, der an Wibke Bruhns erinnert).

In den Siebzigern entstanden in Großbritannien im Zuge der gesellschaftlichen Umwälzungen einschließlich der zweiten Welle der Frauenbewegung auch eine Reihe an Zeitschriften und Kleinverlagen, die u. a. dieser Diskriminierung entgegenwirken wollten. Carmen Callil gründete 1973 den Verlag Virago, der fast ausschließlich Autorinnen eine Bühne bietet und in dem sich Leserinnen mit ihren Erfahrungen wiederfinden sollten. 

Virago wanted to address all women and all of women‘s experiences. It challenged the idea of niche publishing from the start. […] The refusal to be seen as marginal; the desire to inspire and educate and entertain all women, and men too; to bring women‘s issues and stories into the mainstream; to demonstrate a female literary tradition: these passions and beliefs were the bedrock of Virago. (S. 13)

Lennie Goodings, eine junge Kanadierin, kam 1977 nach London und ergatterte 1978 einen Teilzeitjob bei Virago.

I am just twenty-five, Canadian, new to Britain, and in awe of this formidable woman [Carmen Callil], but as there are only two of us in the office I feel emboldened to ask: ‘Why did you start Virago?‘ She looks up and, without missing a beat, replies, ‘To change the world, darling. That‘s why.‘ I know I am in the right place. (Vorwort)

Nach einem Jahr wollte Goodings eigentlich zurück nach Kanada, um sich dort einen ordentlichen Job zu suchen. Nun, das hat nicht geklappt, inzwischen ist sie Vorsitzende des Verlags und  hat 2020 A Bite of the Apple (der angebissene Apfel ist das Logo des Verlags) veröffentlicht. Der Untertitel bringt es auf den Punkt: A Life with Books, Writers and Virago.

Dieser Verlag wurde, im Gegensatz zu vielen anderen Projekten der damaligen Zeit, von Anfang an als Unternehmen angelegt, das selbstverständlich Gewinn erwirtschaften sollte. Das Verlagsprogramm besteht bis heute aus Neuauflagen von beinahe in Vergessenheit geratenen Autorinnen, feministischen Grundlagenwerken, Sachbüchern, Romanen, Anthologien, Jugendbüchern, Lyrik, Reiseliteratur und Taschenbuchausgaben bekannter Werke von Frauen. Diese große thematische Bandbreite ist sicherlich eine der Stärken des Verlags, der inzwischen ein Imprint von Little, Brown and Company ist, die wiederum gehören seit 2006 zur Hachette Book Group.

Goodings schreibt mit ansteckender Begeisterung und herzerwärmender Ehrlichkeit über das Engagement der Gründerinnen und die Entwicklung des Verlags, der als kleine Ein-Raum-Klitsche angefangen hat.

We had one loo with a door that didn‘t reach the floor or ceiling. That‘s where we went to have a cry when it was all too much. And, frankly, it often was. (S. 36)

Sie zeichnet nicht nur den Gegenwind aus bestimmten feministischen Kreisen und die finanziellen Erwägungen nach, die zu den diversen Eigentümerwechseln führten, sondern auch die internen Krisen und unterschiedlichen Standpunkte (die natürlich von der Presse begeistert als Zickenkrieg verfolgt wurden).

Aber noch wichtiger: Man bekommt einen Einblick in die Strömungen des Feminismus, die sich auch anhand der Autorinnenauswahl und der Backlist sowie der Diskussionen bei Lesungen verfolgen lassen. Dabei haben sich die Verantwortlichen des Verlags nie für eine Richtung und eine allein gültige Definition von Feminismus vereinnahmen lassen. 

Es gibt immer wieder wunderbare Anekdoten und Einblicke in die Arbeit mit nicht immer unkomplizierten Autorinnen:

Though not every author wants an editor‘s views. One of our Virago editors once asked an author into the office to discuss her manuscript, which she had printed out and carefully annotated with pencilled suggestions and edits. The author looked at it, then took the entire pile of paper, walked to the open window, tossed it all out into the street, and left. (S. 208)

Einige der zum Teil weltberühmten Schriftstellerinnen sind ihr zu Freundinnen geworden, wie Margaret Atwood, Angela Carter und Sarah Waters etc. Maya Angelou wurde in Großbritannien erstmals von Virago verlegt und die Parties mit ihr müssen legendär gewesen sein.

I Know Why the Caged Bird Sings had never been published in the UK despite it being well known in America since its publication in 1969. Maya Angelou told us that her memoir had been sent to British publishers in the 1970s but they had all turned it down, saying no one would be interested in the story of a young black girl growing up in the American South. She loved us for taking a chance on her… (S. 142)

Goodings beschäftigt sich mit den Fragen, warum manche Autorinnen weder bei Virago verlegt werden möchten noch wollen, dass ihre Bücher beim Women’s Prize for Fiction, einem renommierten Literaturpreis, eingereicht werden. Und wie könne man erklären, dass die meisten Männer keine Bücher von Frauen lesen wollen und nur ihren Geschlechtsgenossen zutrauen, welthaltig zu schreiben? Sie zitiert Anne Enright, die unser Wahrnehmungsproblem überspitzt, aber doch zutreffend auf den Punkt bringt:

It is tempting to [… conclude] that men and women are read differently, even when they write the same thing. If a man writes ‘The cat sat on the mat‘ we admire the economy of his prose; if a woman does we find it banal. If a man writes ‘The cat sat on the mat‘ we are taken by the simplicity of his sentence structure, its toughness and precision. […] If, on the other hand, a woman writes ‘The cat sat on the mat‘, her concerns are clearly domestic, and sort of limiting. (S. 241)

Aber Goodings geht auch auf die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen ein, in denen sich Verlagsarbeit abspielt. Mitte der neunziger Jahre fiel die Buchpreisbindung in Großbritannien, was maßgeblich dazu beitrug, dass in den folgenden zwei Jahren ca. 500 selbstständige Buchhandlungen schließen mussten.

Gleichzeitig verfolgt Goodings – durchaus selbstkritisch – wie sich das ursprüngliche Anliegen, Bücher von und für Frauen zu veröffentlichen, erweitern und ausdifferenzieren musste: Neue Blickwinkel kommen dazu: der moderne, subtile Sexismus, Rassismuserfahrungen, Migrationserzählungen und Bücher von und für PoC und GLBTQ-LeserInnen. Schon seit Jahrzehnten gibt es in Großbritannien Bestrebungen, mehr PoCs den Zugang zum Verlagswesen zu ermöglichen. Margaret Busby beispielsweise gründete in den Achtzigern die Organisation GAP – Greater Access to Publishing -, zu deren Mitgliedern auch Lennie Goodings gehört. Busby schrieb 1984 in einem Zeitungsartikel:

Is it enough to respond to a demand for books reflecting the presence of ‚ethnic minorities‘ while perpetuating a system which does not actively encourage their involvement at all levels? The reality is that the appearance and circulation of books supposedly produced with these communities in mind is usually dependent on what the dominant white (male) community, which controls schools, libraries, bookshops and publishing houses, will permit.

Die Bereitschaft, bisher ausgegrenzten, unsichtbaren Mitgliedern der Gesellschaft zuzuhören, sie zu veröffentlichen, sorgte allerdings auch für missliche Situationen. In den späten Achtzigern war der Verlag begeistert über das Manuskript einer Rahila Khan, die sich als „British Asian“ bezeichnete. Das Buch wurde gedruckt und ausgeliefert. Dann stellte sich heraus, dass das Ganze nur inszeniert war.  Hinter dem Pseudonym Rahila Khan verbarg sich ein weißer anglikanischer Geistlicher, der wohl hoffte, auf einer vermeintlichen Welle politischer Korrektheit rascher veröffentlicht zu werden. Die Viragos waren not amused und ließen das Buch einstampfen. Der Vorfall sorgte für allerlei Erheiterung und Spott, stieß aber gleichzeitig wichtige Debatten an (siehe zum Beispiel folgenden Artikel How Virago blew up the canon).

A Bite of the Apple ist wahrlich ein Augenöffner; wie wichtig es ist, eine vielseitige Verlagslandschaft zu haben, wie wichtig es ist, sich überhaupt einmal klarzumachen, von welchen Verlagen man etwas kauft/liest, wie viel es noch in der Literaturgeschichte zu entdecken gibt und wie sehr unser Leseverhalten von Männern geprägt worden ist. Über die Frage, die Goodings immer wieder gestellt wird, ob denn heutzutage ein solcher Verlag überhaupt noch vonnöten sei, kann man am Ende nur freundlich lächeln.

Es war höchst spannend, wie Goodings hier den Vorhang gelüftet und uns einen Einblick in ihre Liebe zur Literatur, der sie zutraut, Leben zu verändern, und in vierzig Jahre Verlagsarbeit gegeben hat.

Dass Goodings dabei nicht müde wird, die einflussreiche Liste der Virago Modern Classics zu erwähnen, ist allerdings eine der Gefahren, denen man beim Lesen nicht ausweichen kann. 

The Virago Modern Classics began in 1978 with the idea of blasting this canon [of great literature] wide open: to challenge the narrow notion of ‚great‘ and also to challenge the idea of who gets to decide what is great. (S. 238)

Das Einzige, was ich Virago ein wenig übelnehme, ist der unschöne Ausruf der Virago-Gründerin Carmen Callil „Below the Whipple line I will not go“, mit dem sie Bücher ablehnte, die ihrem Qualitätsstandard nicht entsprachen. Das bezog sich auf den ihrer Meinung nach schrecklichen Stil von Dorothy Whipple, einer in den dreißiger und vierziger Jahren des letzten Jahrhunderts sehr populären Autorin. Nun, das finde ich Dorothy Whipple gegenüber doch eher ungerecht. Und ich freue mich, dass die Neuauflagen von Whipples Büchern eine wertschätzendere Heimat im 1998 gegründeten Persephone Verlag gefunden haben – und dort zu den finanziell einträglichsten Titeln gehören.

Hier noch ein informativer Artikel aus dem Guardian zur Entwicklung des Verlagshauses.

PS: Nach der Lektüre war ich neugierig, welche Bücher ich schon hier auf dem Blog vorgestellt habe, die (auch) von Virago verlegt worden sind. 

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Min Jin Lee: Pachinko (2017)

History has failed us, but no matter.

Die Geschichte hat uns im Stich gelassen, aber was macht das schon.

Mit diesem Satz beginnt der ca. 500 Seiten starke Roman der Amerika-Koreanerin Min Jin Lee – von Barack Obama für seine Schilderung von Resilienz und Mitgefühl hochgelobt und einer der National Book Award Finalists von 2017. Das Buch erzählt über mehrere Generationen hinweg die Geschicke einer koreanischen Immigrantenfamilie in Japan. Lesenswert, wenn auch nicht das vollkommene Meisterwerk, das manche amerikanische Kritiker aus ihm machen wollten.

Die deutsche Übersetzung Ein einfaches Leben von Susanne Höbel erschien 2018. Anscheinend war den deutschen LeserInnen der englische Titel, dessen Bedeutung sich erst später erschließt, aber dadurch doch auch reizvoll und letztlich wesentlich treffender ist, nicht zuzumuten.

Die Handlung umfasst die Jahrzehnte von 1910 bis 1989 und beginnt mit der 16-jährigen Südkoreanerin Sunja, die nie ein freies Korea erlebt hat. Seit 1905 galt Korea als Protektorat Japans, 1910 wurde es als Kolonie eingegliedert. Sunjas Familie ist arm und hält sich mit einer kleinen Herberge über Wasser. Das junge Mädchen verliebt sich in einen reichen älteren Landsmann, den Fischhändler Koh Hansu, der dem naiven, aber willensstarken Mädchen Geschenke mitbringt und ein wenig Aufmerksamkeit widmet. Sie ist sicher, er wird sie ehelichen, doch Hansu ist längst mit der Tochter eines – freundlich formuliert – einflussreichen Mannes in Japan verheiratet, ein Umstand, den er zu erwähnen vergaß. Als Sunja schwanger wird, ist Hansu durchaus erfreut und will sie irgendwo als Mätresse unterbringen und sich um ihren Lebensunterhalt und die Erziehung des Kindes zumindest finanziell kümmern. Doch das kommt für die stolze Sunja nicht in Frage.

Gleichzeitig würde aber ein uneheliches Kind unauslöschliche Schande über sie und ihre Mutter bringen, deshalb willigt sie ein, den freundlichen Prediger Isak zu heiraten, der auf dem Weg nach Japan ist, um dort in einer kleinen christlichen Gemeinde zu arbeiten. Die Ehe der beiden wird wider Erwarten glücklich und Sohn Noa hält Isak lange für seinen leiblichen Vater.

Ihr Leben in Japan ist hart. Sie sind arm und auf die Unterstützung von Isaks Bruder und Schwägerin angewiesen, in dessen Häuschen sie auch leben. Der Familienzusammenhalt ist enorm, gleichzeitig steht Sunja öfter vor dem Dilemma, ihrem Schwager gehorchen zu müssen, auch wenn sie seine Entscheidungen nicht immer gutheißen kann. Überhaupt, die Rolle der Frau, ein Sprichwort besagt, das Los der Frau sei es zu leiden, was eigentlich nur bedeutet, das auszulöffeln, was die Männer eingebrockt haben. Hansu, der Vater von Sunjas Sohn Noa, wird ebenfalls noch eine Rolle spielen.

Das war spannend, anrührend und interessant, wusste ich bis dahin doch so gut wie nichts über Korea im 20. Jahrhundert und über den (institutionalisierten) Rassismus und die Diskriminierung, der koreanische Einwanderer, Zwangsarbeiter oder gar Christen in Japan ausgesetzt waren. Gleichzeitig zeigt der Roman, wie sich Stück für Stück die Lebenswelt der nachfolgenden Generationen verändert. Durch die Entbehrungen, die unfassbare Arbeit und Beharrlichkeit der Elterngeneration kann die nächste Generation dann schon zur Schule geschickt werden und versuchen, aus dem Hamsterrad von nicht enden wollender körperlicher Arbeit auszusteigen.

Die beiden Söhne, Noa wissbegierig, intelligent und fleißig, Mozasu eher praktisch veranlagt und schnell mit den Fäusten, schlagen deshalb schon ganz andere Wege ein als Mutter, Tante und Onkel. Und erst für Noa und Mozasu öffnen sich Entscheidungsspielräume und stellen sich Identitätsfragen. Gleichzeitig wird die emotionale Bindung an die ursprüngliche Heimat der Eltern geringer, irgendwann wird nicht mehr von Rückkehr gesprochen. Der gesellschaftlich verankerte Rassismus und die Diskriminierungserfahrungen bleiben, aber sie sehen anders aus. Passt man sich an und ist vielleicht sogar besser als die Einheimischen, wird man beneidet und angegiftet. Geht man beruflich in die Bereiche, mit denen ein „anständiger“ Japaner nichts zu tun haben will, ist man ein Krimineller. Der eine kommt damit zurecht und sieht nicht ein, sich davon sein Leben verleiden zu lassen, ein anderer geht daran zugrunde.

So verkörpert diese Familie fast schon prototypisch das Schicksal ungeliebter Immigranten überall auf der Welt.

Der erste Teil des exzellent recherchierten Romans war wie aus einem Guss, ein traditionell erzählter und detailreicher Familienschmöker mit unvergesslichen Szenen, der ab und an an die Romane des 19. Jahrhunderts erinnert und trotz gewisser Süßlichkeiten nicht ohne Anspruch ist.

Es ist unmöglich, nicht an Sunjas Familie und ihrem Ergehen Anteil zu nehmen oder die aktuellen Bezüge zu unserer Gegenwart wahrzunehmen. Es gefiel mir auch, dass nicht alle Emotionen und Gedanken ausbuchstabiert wurden. Das passte zu dieser schlichten, doch würdevollen und sturen Frau und die großen politischen Umwälzungen werden hier ausschließlich anhand ihrer Auswirkungen auf die einfachen Leute erzählt. Das ist stimmig und schockierend zugleich.

Doch irgendwann zerfaserte die Geschichte; die Autorin Min Jin Lee (*1968 in Südkorea) wollte einfach zu viel. Ihre Absicht, alle möglichen denkbaren Lebenswege der nachfolgenden Generationen und damit auch alle nur denkbaren Immigrationserfahrungen zur Sprache kommen zu lassen, war zu offensichtlich. Lee verzettelt sich in Namen und Schicksalen, die zum Teil auf maximale Dramatik gebürstet werden, mich dann aber kalt gelassen haben. Hätte die Autorin Sunja und ihre direkten Nachkommen als Zentrum der Handlung zwischendurch nicht so aus den Augen verloren, kurzum das Buch um 150 Seiten gekürzt, wäre ein wirklich beeindruckendes Werk entstanden.

PS: Manche Rezensenten erklären gleich zu Beginn, woher der englische Titel Pachinko kommt. Ich fand viel interessanter, das erst zu klären, als der Begriff das erste Mal im Roman auftaucht.

Eine Verfilmung ist geplant.

Der Sidney Morning Herald bringt es auf den Punkt:

Is Pachinko a masterpiece? No. But it is one of those books that takes a mighty bite of big-time subject matter and has its own kind of grandeur.

Daniela Strigl: Berühmt sein ist nichts – Marie von Ebner-Eschenbach (2016)

Die erste deutschsprachige Biografie zu Marie von Ebner-Eschenbach seit 1920 ist ein sorgfältig recherchierter Brummer von über 400 Seiten.

Daniela Strigl, eine ausgewiesene Kennerin des Ebner-Eschenbach’schen Werkes und Mitherausgeberin der vierbändigen Marie von Ebner-Eschenbach-Leseausgabe im Residenz Verlag, führt die LeserInnen durch das lange Leben der mährisch-österreichischen Autorin, die von 1830 bis 1916 lebte.

Die chronologisch angelegte Biografie las sich für mich zwischenzeitlich, das ist dann aber oft dem Gegenstand geschuldet, etwas langatmig, da Strigl uns ausführlich auch durch jene Jahrzehnte führt, in denen Ebner-Eschenbach der Meinung war, Dramen schreiben zu müssen. Erst als sie auf Erzählungen, Aphorismen und Romane umstieg, kam der Erfolg. Da wurde es auch für mich als Leserin interessanter, sich mit den Inhalten ihrer Geschichten zu beschäftigen. Die Schriftstellerin selbst habe

ihren Weg vom Drama zur Erzählung als Abstieg betrachtet und ihre großen und kleinen Erfolge auf dem Gebiet der Prosa als eine Form des Scheiterns. […] Und in einem abschließenden Superlativ des Understatements spricht die längst als bedeutendste Erzählerin deutscher Zunge anerkannte Marie Ebner sich sogar den Status einer Dichterin ab. ‚In meiner Jugend war ich überzeugt, ich müsse eine große Dichterin werden, und jetzt ist mein Herz von Glück und Dank erfüllt, wenn es mir gelingt, eine lesbare Geschichte niederzuschreiben.‘ (S. 187)

Davon abgesehen ist es aufschlussreich zu lesen, in welch adlig-wohlhabenden Kreisen die Autorin zu Hause war. Ihr Vater hatte sieben Kinder von drei seiner insgesamt vier Ehefrauen – die er alle überlebte – und man gehörte später zur Wiener High Society.

Die Autorin pflegte zahlreiche (Brief-)Freundschaften, die zum Teil Jahrzehnte überdauerten, stand in Kontakt mit literarischen Größen ihrer Zeit. Wir erfahren, wer ihre literarischen Vorbilder waren und welches karikative Engagement aus ihrer sozialen Grundhaltung resultierte.

Darüber hinaus kommt ihre Einstellung, z. B. zur Frauenbewegung, zur Sprache. Aber auch ihre Reitbegeisterung, ihr Vorliebe für Zigarren und ihre späte Liebe zu Rom werden ausführlich gewürdigt. Ebenso geht es um ihre Ehe mit ihrem 15 Jahre älteren Cousin, die kinderlos blieb, und nicht zuletzt um einen umfassenden Einblick in ihr Werk, das oft genug der (adligen) Gesellschaft einen kritischen Spiegel vorhält. Auch ihr späteres öffentliches Auftreten gegen antisemitische Umtriebe war für „eine katholisch sozialisierte österreichische Aristokratin bemerkenswert genug“. (S. 275)

Insgesamt eine Schriftstellerinnenkarriere, die nach diversen erfolglosen Theaterstücken schon zu Ende schien, bevor sie richtig begonnen hatte, und die dann doch bis zu den höchsten Stufen des Erfolgs führte. Sie erhielt als erste Frau das Ehrendoktorat der philosophischen Fakultät der Universität Wien. Sogar für den Nobelpreis wurde später ihr Name ins Spiel gebracht.

Wenig überzeugend fand ich allerdings die zahlreichen psychoanalytischen Deutungsversuche: Wie hilfreich ist es denn, wenn sich Strigl bei der Frage nach der tiefenpsychologischen „Ursache für Maries fundamentale Verunsicherung“ in ihrer Kindheit auf Georg Groddeck bezieht?

‚Der Säugling, der von der Amme gestillt wird, ist in den Zweifel hineingestellt und wird den Zweifel nie verlieren. Seine Glaubensfähigkeit ist im Fundament erschüttert und das Wählen zwischen zwei Möglichkeiten ist für ihn schwerer als für Andere.“ (S.45)

Auch Kinderlosigkeit wird von Groddeck ratzfatz als eine unbewusste Ablehnung der Schwangerschaft gedeutet, ein Ansatz, den selbst Strigl als „einigermaßen provokant“ (S. 110) empfindet.

Wesentlich lohnender erscheint mir die Biografie unter dem Gesichtspunkt, wie Ebner-Eschenbach damit umging, nahezu ein Leben lang gegen den Wunsch ihrer Familie schriftstellerisch tätig gewesen zu sein. Schon die Großmutter schickt sie grob hinaus, als die kleine Marie ihren Wunsch verkündet, später Dichterin werden zu wollen.

Marie ist nun von der ‚Sündhaftigkeit‘ ihrer Passion überzeugt, sie weint mit ihrer Schwester, die auch nicht mehr weiterweiß: ‚Sprich nicht davon; dann vergeht’s vielleicht.‘ […] Was wie eine komische Grille anmutet, erlebt das Kind als schreckliche Gewissensnot, als ein Verdammtsein zum Ungehorsam. Ganz ernsthaft wünscht Marie sich den Tod. Das Urteil der erwachsenen Frau beschönigt nichts: ‚Gut bei diesem Verfahren der Meinen war bloß die Absicht. Gewollt haben sie mein Bestes und, ohne es zu wissen was sie taten, mir das peinvoll demütigende Gefühl eines angeborenen, geheimen Makels aufgebürdet.‘ (S. 57)

Selbst von der Mode waren schreibende Frauen eigentlich nicht vorgesehen. Die Kopfschmerzen, von denen viele Frauen im 19. Jahrhundert berichten, werden von Evelyne Polt-Heinzl mit der Krinoline erklärt, mit der man nicht am Schreibtisch sitzen konnte, stattdessen mussten die Frauen

in vorgebeugter Haltung mit einem Schreibbrett auf dem Schoß vorlieb nehmen. Der Schmerz der malträtierten Halswirbelsäule habe in den Kopf ausgestrahlt. (S. 93)

Groddeck hat auch hier eine andere Deutung im Angebot:

Die bei Frauen oft mit der Menstruation einhergehende Migräne habe die Funktion, die in dieser Zeit gesteigerte, aber nach der Konvention nicht zu befriedigende Libido abzutöten. (S. 93)

Nicht nur der Ehemann sah das Schreiben seiner Gattin kritisch. Auch bei den Brüdern waren große Widerstände zu überwinden. Die Haltung ihres Ehemanns ist dabei zumindest ambivalent: Ist Marie von Ebner-Eschenbach erfolgreich, freut er sich mit ihr; zerreißt die Kritik das Werk, will er ihr prompt verbieten, weiterhin schriftstellerisch tätig zu sein. Er werde schließlich nicht erlauben, dass sie seinen guten Namen verunglimpfe. Und sie, ganz Ehefrau ihrer Zeit:

‚Er hat das Recht so zu sprechen, ich sehe es ein.‘ (S. 161)

Gleichzeitig habe er sich damit abgefunden, dass sie wohl machtlos gegen den Schreibdrang sei. Seinem Testament liegt ein liebevoller Brief bei, in dem er bekennt, sie nicht gefördert zu haben, sie allerdings auch nie absichtlich behindert zu haben. All ihren Erfolg habe sie ausschließlich der eigenen Kraft zu verdanken. (Vielleicht war dies ja das Hauptproblem, das die männliche Eitelkeit zu verkraften hatte?)

Aufschlussreich wird es immer dann, wenn zeitgenössische Kritiker die vorgeblichen Mängel oder Stärken ihrer Stücke und Erzählungen auf das Geschlecht der Autorin zurückführen. Und so erfuhren die LeserInnen der Presse:

‚Der souveräne Humor ist ein männliches Vorrecht.‘ (S. 174)

Ebner-Eschenbach hat ihr Leben lang erfahren, dass es keineswegs allgemein anerkannt war, dass Frauen menschliche Wesen sind, die die gleichen Bedürfnisse nach Bildung und Selbstverwirklichung haben wie Männer. An einer Stelle schreibt sie:

‚Wie aber, wenn die Frau in erster Reihe ein menschliches, und erst in zweiter ein weibliches Wesen wäre? wenn sie eben so viel individuelles Leben besässe wie der Mann und der Ergänzung durch ihn nicht mehr bedürfte, als er der Ergänzung durch sie; und wenn es doch möglich wäre, dass ein wirkliches, ein grosses und der Expansion fähiges Talent auch in einer deutschen Frau zur Erscheinung käme?‘ (S. 306)

Selbst die Genderdebatte hat Ebner-Eschenbach bereits vorweggenommen:

‚Wenn eine Frau sagt ‚Jeder‘ meint sie: jedermann. Wenn ein Mann sagt ‚Jeder‘, meint er: Jeder Mann.‘

Seien wir ehrlich: Vielen von uns ist die Autorin vermutlich nur noch bekannt durch verschwommene Erinnerungen an Schullektüre; und der ein oder die andere assoziert dabei möglicherweise eine behäbige Frau, die für Mitleid, Treue und weitere vielleicht auch zu Unrecht aus der Mode gekommene Begriffe steht. Dabei sollte man sich laut Strigl keinesfalls von dem betulich wirkenden Altdamen-Image der Milde und ausgleichenden Güte, das die Schriftstellerin später selbst aktiv pflegte, abschrecken lassen. 

Es könnte also lohnen, sich einige ihrer Erzählungen und Romane erneut oder zum ersten Mal überhaupt vorzunehmen. Zugegeben: Man wird bei der Lektüre dann das ein oder andere pathetische Adjektiv ertragen müssen. Die liebliche blonde Frau, das stahlharte Herz, die schaudernden Blicke, die eiskalte Hand, die heißen Lippen, die Frau, die Tausenden zum Heil gewirkt habe, das liest sich heute doch, freundlich gesagt, ermüdend und arg klischeehaft. Oder wie Tilman Spreckelsen es in seiner Besprechung vom 12. März 2016 in der FAZ ausdrückte:

Tatsächlich ist es leicht, den Texten Ebner-Eschenbachs […] auf den Leim zu gehen, schließlich enthalten sie genug an nicht selten süßlichen Floskeln und auch an stereotyp gezeichneten Figuren, um darüber die Abgründe der Handlung zu übersehen, die so gar nicht zu dieser konventionellen Prosa passen wollen und die angesichts der auffälligen Parallelen mancher Konstellationen zum Leben der Autorin die Frage aufwerfen, wer da eigentlich schreibt, aus welcher Warte und mit welchen Erfahrungen hier mit erkennbar realistischem Anspruch von den sozialen Verhältnissen in der Habsburgermonarchie berichtet wird.

In diesem Zusammenhang zitiert Strigl den Beginn der psychologisch feinen Erzählung Das tägliche Leben. Dieser Paukenschlag weckte sofort mein Interesse. Und so wird Das tägliche Leben sicherlich nicht die letzte Geschichte sein, die ich von Ebner-Eschenbach lese.

Am Vorabend der silbernen Hochzeit eines allverehrten Ehepaares, die von einem großen Familien- und Freundeskreise feierlich begangen werden sollte, erschoß sich die Frau.

Wer noch Genaueres wissen möchte, bitte hier entlang:

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Heather Lende: If you lived here, I’d know your name (2005)

If you lived here, I’d know your name ist ein unvergleichliches Buch, das mir nicht nur die Stadt Haines in Alaska mit ihren ca. 2500 EinwohnerInnen auf die innere Landkarte geschrieben hat.

Lende, die ursprünglich aus New York stammt, aber mit ihrem Mann und zwei Hunden nach dem College irgendwie in Alaska hängengeblieben ist und seit 1984 in Haines lebt, hat in der dort einmal wöchentlich erscheinenden Lokalzeitung inzwischen über 400 Nachrufe geschrieben und war ebenfalls verantwortlich für die Duly Noted-Rubrik, wo so dies und das gesammelt wird, was in einer Kleinstadt des Erwähnens für wichtig erachtet wird. Beispiele dieser Duly Noted-Kurznachrichten finden sich zu Beginn eines jeden Kapitels.

Die Autorin hat mit ihrem Mann Chip fünf Kinder großgezogen, inzwischen vier Bücher geschrieben und in diversen Publikationen veröffentlicht. Und das, obwohl sie immer nur „around the edges of a busy life“ geschrieben hat. 2021 wurde sie zum Alaska State Writer Laureate ernannt.

Und nun zum Problem dieses hinreißenden Buches: Wie soll man den Inhalt beschreiben? Es geht in großen Kapiteln, die eher locker durch eine jeweilige Überschrift zusammengehalten werden, assoziativ, ziemlich unchronologisch und herrlich chaotisch mäandernd um das Leben in Haines, sehr nah dran an der eigenen Biografie, den Freunden und Nachbarn, aber auch an den Familien, die gerade einen geliebten Menschen verloren haben, die die Autorin dann besucht, um die Nachrufe schreiben zu können.

Überhaupt ist das Leben in Alaska nicht ungefährlich, Menschen sterben auf der Straße, die kleinen Segelflugzeuge zerschellen am Berg; eine befreundete Familie ruft mitten in der Nacht an, das Fischerboot ihres Sohnes ist in einen Sturm geraten. Man möge bitte beten. Drei Menschen können gerettet werden, doch die Leiche des Sohnes wird nie gefunden.  Der Weg durch die Trauer, den die Mutter des jungen Mannes geht, wird auf nur einer halben, aber sehr eindrücklichen Seite erzählt.

Es geht darum, wie man die politischen Querelen zwischen strammen Republikanern und Liberalen aushält, die auch vor einem kleinen Ort wie Haines nicht Halt machen, um Umweltzerstörung und die Frage, ob die Schule nach miesen Mobbingvorfällen einen Workshop zu Homosexualität abhalten sollte, genauso aber auch um die Wunden und Traumata des indigenen Volkes der Tlingit, ihre Bemühungen, ihre Kultur zu leben, sie manchmal sogar erst wieder zu lernen.

Paul tells me he’s learning the Tlingit language so he can believe the stories of his people, not just know the plots. When he was young, missionaries and the government prohibited Alaskan natives from speaking their language and living traditionally. They often took Tlingit children from their homes and families, placing them in boarding schools as far away as Washington and Oregon. Now Paul is a grandfather and is committed to relearning  a way of living that he says is not lost but rather hiding, just below the skin. (S. 38)

Lende liebt ihre neue Heimat, die oft gefährliche und atemberaubend schöne Natur, das Joggen mit ihrem Hund, ihre Familie, das Räuchern der Fische, das Beerensammeln mit den anderen Frauen, bei dem man laute Musik spielt, um die Bären zu vertreiben, das Engagement von so vielen Menschen für das Gemeinwohl und unzählige Aktivitäten, die man hier vermutlich mit dem Etikett Ehrenamt versehen würde, dort aber wohl eher unter normaler Nachbarschaftshilfe verbucht. Sogar die Aufgaben des Bestatters werden von einem Ehepaar unentgeltlich übernommen. Man muss die beiden nur fragen.

Die Haustür wird nicht abgeschlossen, die Autoschlüssel bleiben stecken, die Tageszeitung ist nie aktuell, da sie erst eingeflogen werden muss. Eine Entbindungstation gibt es schon seit Jahren nicht mehr und ein entzündeter Blinddarm kann lebensbedrohlich sein, je nachdem, ob der Pass über die kanadische Grenze aufgrund der Schneefälle noch passiert werden kann.

Ihre zweite Tochter bekommt Lende während eines entsetzlichen Schneesturms. Die zukünftige Großmutter kommt extra angereist.

Mom had arrived from New York a few days earlier on a ferry coated with ice. The usual four-and-a-half-hour trip had taken nearly eight as northern gales kept the boat form moving at full speed. Mom was one of the few passengers who didn’t get sick. She also didn’t know it was dangerous at all. She’d never been on the ferry before and assumed it was always like that.

Nach nur fünf Stunden in der damaligen Krankenstation können Heather und Baby Sarah zurück nach Hause. Am nächsten Morgen moderieren Freunde von Heather eine Radiosendung.

… and they talked on air about the new Lende baby, telling listeners that her name was Sarah […] and her weight was eight pounds, two ounces. As for the state of the mother’s health: „I saw Heather shoveling the driveway today on my way to work,“ Steve said.

I thought my mother woud kill me. „He’s kidding, Mom,“ I told her. „It’s a joke.“ She was not amused. (S. 14)

Ebenso erfahren wir von Wohltätigkeitsbuffets, bei denen jeder mit Begeisterung viel mehr ausgibt, als er eigentlich wollte, um einer Familie finanziell unter die Arme zu greifen, die die teure medizinische Behandlung des Kindes nicht mehr allein stemmen kann. Und die Aufführungen der Laienspielgruppe, bei denen man wirklich alle Mitwirkenden kennt, bleiben Lende länger in Erinnerung als der Besuch des Musicals Cats in New York.

Lendes Arbeit als Verfasserin der Nachrufe, die auch mal zwei Zeitungsseiten lang sein können, bringt sie nicht nur mit den unterschiedlichsten Charakterern, Lebensentwürfen und Schicksalen zusammen, sondern konfrontiert sie natürlich auch mit Frage, wie Menschen auf den Verlust reagieren, worin sie Trost und Halt finden.

Aber genauso sinniert sie darüber, was es bedeutet, wenn ihr zehnjähriger Sohn zum ersten Mal mit seinem Vater auf die Jagd geht, und warum es ihr wichtig ist, dass ihre Töchter als Deckhands auf einem Fischerboot jobben, auch wenn sie weiß, dass das keine ungefährliche Aufgabe ist.

Das Besondere an diesem Buch ist neben der schieren Fülle an Geschichten aber vor allem der Blick der Erzählerin auf die Welt. Zurückgenommen, dezent selbstironisch und humorvoll. Warmherzig, dankbar, im Glauben geerdet, den Menschen zugewandt, bescheiden.  Zupackend und hoffnungsvoll.

Da wird mit der gleichen Selbstverständlichkeit davon erzählt, dass man ein Roma-Waisenmädchen adoptiert, wie davon, dass es gar nicht so einfach ist, zu Hause mal in Ruhe ein schönes Ei-Sandwich zu essen, da einem ständig Anrufe, spontane Gespräche und Aufgaben dazwischenkommen.

Wer wissen will, was ein Drache mit einem Feuerlöscher, der mit 25 Kilo Mehl gefüllt ist, mit Weihnachtsstimmung zu tun hat, muss das Buch nun trotz meiner wie immer ausufernden Inhaltsangabe doch noch selbst lesen. Ich jedenfalls, am Ende der 281 Seiten angekommen, könnte gleich wieder von vorn beginnen. Eine Wundertüte von Buch, das sowohl Kritiker als auch LeserInnen beglückt hat und dazu einlädt, unter anderem darüber nachzudenken, wo sich unser Leben fundamental von dem der Einwohner Haines‘ unterscheidet. Vermutlich ist das bei uns oft viel zersplitterter, vereinzelter und ego-bezogener.

Lende hingegen ist sich sicher:

It’s as if we are all moving through this world on a big old ship, holding on to one another as we cruise up the generous river of life. The water that floats us is always new, yet it flows in the same direction, over the same old sand. (S. 44)

Oder wie es an anderer Stelle heißt, an der Lende die Schriftstellerin Annie Dillard zitiert:

How we spend our days, of course, is how we spend our lives. (S. 85)

Einzig das Cover fand ich etwas dürftig, aber gut, das sollte niemanden abhalten.

Wer noch ein bisschen weiterstöbern möchte, könnte beispielsweise dem Hinweis zu Elisabeth Peratrovich nachgehen oder sich gleich auf dem Blog Lendes festlesen.

Elizabeth Taylor: Mrs Palfrey at the Claremont (1971)

Anlässlich der Übersetzung ins Deutsche noch einmal ein Blick zurück auf einen sprachlich besonders feinen Roman.  Mrs Palefrey at the Claremont (1971) stellt sich unerschrocken, kühl, manchmal ironisch und immer unsentimental den Themen Alter und Einsamkeit. Sehr gern gelesen. Das Buch zwickt und zwackt auch dann noch, wenn man es längst ausgelesen hat. Es beginnt mit den Sätzen:

Mrs Palefrey first came to the Claremont Hotel on a Sunday afternoon in January. Rain had closed in over London, and her taxi sloshed along the almost deserted Cromwell Road, past one cavernous porch after another, the driver going slowly and poking his head out into the wet, for the hotel was not known to him. This discovery, that he did not know, had a little disconcerted Mrs Palefrey, for she did not know it either, and began to wonder what she was coming to. She tried to banish terror from her heart. She was alarmed at the threat of her own depression.

Dieses Buch ist der elfte und damit letzte Roman der britischen Autorin Elizabeth Taylor (1912 – 1975), der noch zu ihren Lebzeiten veröffentlicht wurde. Taylor wurde zwar schon immer von ihren SchriftstellerkollegInnen geschätzt, doch von der Öffentlichkeit erst in den letzten Jahren wirklich entdeckt. Robert McCrum nahm den Roman Mrs Palefrey at the Claremont sogar in seine Liste der 100 besten englischsprachigen Romane auf, die 2015 im Guardian veröffentlicht wurde und – wie immer bei solchen Listen – zu munteren Diskussionen und alternativen Vorschlägen führte.

Im Februar 2021 erschien unter dem Titel Mrs Taylor im Claremont im Dörlemann Verlag die Übersetzung von Bettina Abarbanell. Endlich – kann man da nur sagen; das war längst überfällig. Doch zurück zum Inhalt.

Da Mrs Palefrey, Witwe eines kolonialen Verwaltungsbeamten, nicht mehr besonders gut zu Fuß ist, überlegt sie, ob es nicht vernünftiger wäre, ihr Haus Rottingdean aufzugeben, in dem sie mit ihrem Mann Arthur nach dessen Pensionierung mehrere glückliche Jahre verbracht hat.

Und so beschließt sie, für ihre letzte Lebensetappe, die sie noch bei halbwegs guter Gesundheit verbringen kann, ein Hotel zu ihrem Wohnsitz zu machen. Ihre Wahl fällt auf das Londoner Claremont Hotel, das mit verbilligten Wintertarifen wirbt. Ein Wechsel, der verständlicherweise schmerzhaft ist.

She thought of Rottingdean, imagined it, with the leaves coming down – or down already – on the lawns, and this softness in the air; but at the very idea of ever going back there, her heart heeled over in pain. (S. 189)

Doch mit einer „stiff upper lip“-Haltung versucht sie vom ersten Tag an, ihre Traurigkeit über die neue Situation unter Kontrolle zu halten, was ihr nicht immer so recht gelingt, zumal die Beziehung zu ihrer in Schottland lebenden Tochter recht kühl und nichtssagend ist und ihr Enkel es kaum für nötig erachtet, sie überhaupt einmal im Hotel zu besuchen, obwohl er ebenfalls in London lebt.

The silence was strange – a Sunday-afternoon silence and strangeness; and for the moment her heart lurched, staggered in appalled despair, as it had done once before when she had suddenly realised, or suddenly could no longer not realise that her husband at death’s door was surely going through it. Against all hope, in the face of all her prayers. (S. 4)

Wir lernen auch die anderen Dauergäste kennen, einsame alte Menschen, nach Kontakten und Neuigkeiten dürstend, nahezu vergessen von der Welt, abhängig von den Launen der Verwandtschaft, die ab und an zur Gewissensberuhigung ihre Pflichtbesuche absolviert.

So kämpfen alle einen Kampf gegen die Verengung des eigenen Handlungsspielraums und gegen die Langeweile, in der sogar das Studieren des eintönigen Speiseplans eine willkommene Abwechslung darstellt.

… Mrs Palefrey considered the day ahead. The morning was to be filled in quite nicely; but the afternoon and evening made a long stretch. I must not wish my life away, she told herself; but she knew that, as she got older, she looked at her watch more often, and that it was always earlier than she had thought it would be. When she was young, it had always been later.

I could go to the Victoria and Albert Museum, she thought – yet had a feeling that this would be somehow deferred until another day. (S. 8)

Ein weiterer Feind ist die drohende körperliche Hinfälligkeit, denn alle wissen, dass sie das Hotel verlassen müssen, sobald sie gebrechlich oder gar inkontinent werden. Schon das Überqueren der Straße kann dabei ein Angst auslösender Vorgang sein, weil da kein Arm ist, der einen stützen könnte.

Eines Tages stürzt Mrs Palefrey auf einem ihrer Spaziergänge und lernt so den jungen mittellosen Schriftsteller Ludo kennen. Da sie sich schämt, dass ihr eigener Enkelsohn sie noch nicht besucht hat, gibt sie Ludo den anderen Mitbewohnern kurzerhand als ihren Enkel Desmond aus. Ludo spielt das Spiel in einer Mischung aus Langeweile und Mitleid mit, zumal er immer wieder Zitate und Situationen aus dieser Bekanntschaft als Material für sein Romanprojekt verwenden möchte.

Für Mrs Palefrey ist Ludo allerdings unwahrscheinlich wichtig, da er außerhalb der Hotelwelt der einzige ist, mit dem sie ab und an Kontakt hat.

Sprachlich superb. Als Ludo ihr ein Küsschen auf die Wange gibt, heißt es:

At the same time, he registered the strange, tired petal-softness of her skin, stored that away for future usefulness. And the old smell, which was too complex to describe yet. (S. 35)

Falls meine Notizen zum Inhalt ein bisschen dröge wirken, täuscht das, denn auch wenn der Roman natürlich kein Action-Thriller ist, lebt das Buch von einer inneren Spannung. Es ist fast unmöglich, sich der Einsamkeit des Alters, die hier ganz kühl und scheinbar beiläufig seziert wird, zu entziehen.

When she was young, she had had an image of herself to present to her new husband, whom she admired; then to herself, thirdly to the natives (I am an Englishwoman). Now, no one reflected the image of herself, and it seemed diminished … (S. 3)

Symptomatisch ist, dass nur an einer Stelle der Vorname der Hauptfigur genannt wird. Es gibt einfach niemanden mehr, der so vertraut mit Mrs. Palefrey ist, dass er sie mit ihrem Vornamen anreden könnte.

Und die Mitbewohner, mit denen Mrs Palefrey nun ihre Tage verbringt, werden ja nicht deshalb zu Freunden, nur weil man ihnen dauernd nahe ist. Im Gegenteil, spitze Bemerkungen werden ausgetauscht, Denkweisen und Temperamente, die früher nicht kompatibel gewesen wären, sind es auch jetzt nicht.

Manche kommen besser mit der Situation zurecht – dabei ist es hilfreich, wenn man geistig eher schlicht gestrickt ist -, andere schlechter. Der eine sieht einen Ausweg in der Illusion einer späten Ehe, der andere im Trinken. Die dritte in einer unablässigen Neugier.

Der ganze Handlungsstrang um Ludo, der ebenfalls einsam ist, hat mich persönlich weniger angesprochen. Viel interessanter fand ich die kühlen und genauen Beobachtungen, mit denen uns der Erzähler Mrs Palefrey nahebringt.

Although she felt too old to do so, she knew that she must soldier on, as Arthur might have put it, with this new life of her own. She would never again have anyone to turn to for help, to take her arm crossing a road, to comfort her; to listen to any news of hers, good or bad. She was helplessly exposed – to the idiosyncrasies of other old people, the winter coming on, her aches and pains and loneliness … (S. 189)

Aber wir sehen auch ihre Sehnsucht nach Gesehenwerden und ihre Herzlichkeit, mit der sie Ludo beschenkt. Ihr so menschlicher Wunsch nach Zuwendung. Manchmal finde ich ihre Fähigkeit zur Selbstreflektion und ihre – seltenen – Anflüge von Heiterkeit, in denen sie sich völlig unsentimental Rechenschaft über ihre Situation gibt, geradezu altersweise.

Als sie überlegt, dass sie – als ihr Mann noch lebte – das Glück ihrer langen Ehe als selbstverständlich ansah, ohne damals überhaupt verstanden zu haben, dass sie glücklich war, heißt es am Ende:

People are sorry for brides who lose their husbands early, from some accident, or war. And they should be sorry, Mrs Palefrey thought. But the other thing is worse. (S. 64)

Und am Ende habe ich auch verstanden, warum sie dann tatsächlich nie das Victoria and Albert Museum besucht hat.

Wer sich nun fragt, wer Elizabeth Taylor war und ob man noch mehr von ihr lesen sollte, der möge hier weiterlesen.

Wilma Stockenström: Der siebte Sinn ist der Schlaf (OA 1981)

Wie schreibt man über ein Buch, das man am besten ohne alle Vorkenntnisse und Erwartungen lesen sollte und das man, am Ende angekommen, gleich noch einmal von vorn beginnen möchte, um sich erneut den Verästelungen zu widmen, die man beim ersten Lesen vermutlich übersehen hat? Es beginnt mit den Sätzen:

Also mit Bitterkeit. Aber die habe ich mir verboten. Dann eben mit Spott, der umgänglicher ist, der sich durchschaubar macht und dem es gleichgültig ist; und wie ein Vogel im Nest kann ich in meinen Baumstamm zurückschlüpfen und in mich hineinlachen. Und ebenso gut still sein, vielleicht einfach still sein, um mich hinauszuträumen, denn der siebte Sinn ist der Schlaf. (S. 5)

Eine ehemalige Sklavin irgendwo in südafrikanischen Veld hat Zuflucht in einem hohlen Affenbrotbaum gefunden. Von dort aus sammelt sie die wenige Nahrung, von dort aus hat sie einen kleinen Trampelpfad zum Wasser ausgetreten, in respektvoller Distanz zu Pavianen und Elefanten. Von in der Nähe lebenden Angehörigen der „kleinen Menschen“ wird sie mit lebensnotwendiger Nahrung versorgt. Doch zu einer echten Kontaktaufnahme mit diesem Stamm kommt es nicht, schon die sprachlichen Hürden wären unüberwindlich. Frech behauptet sie, dass deren Sprache klinge, „als würden Eidechsen reden.“

Hier so ganz und gar allein und niemandem mehr untertan, breitet die Ich-Erzählerin in einem wellen- und kreisförmigen Monolog ihre Reflexionen und Erinnerungen aus.

In meiner Erinnerung kreuzen und verschlingen sich mehr Pfade, als ich je in meinem Leben gesehen habe. Welcher Fährte hätte ich nicht zu folgen vermocht, wäre es mir vergönnt gewesen, wäre mein Spürsinn nicht so häufig durchkreuzt worden und die Spur in mir im Sande verlaufen? (S. 9)

Wir erfahren von ihren Besitzern, dem unerträglichen Los der Sklaven und Sklavinnen, wobei die Erzählerin aufgrund ihrer Schönheit, Intelligenz und Anstelligkeit immer eine etwas bevorzugte und genau dadurch auch isolierte Position als Sexspielzeug und Kindermädchen innerhalb der Leibeigenen inne hatte. Auch ihr wurden die Kinder, die sie mit ihren Besitzern zeugen musste, weggenommen. Und immer wenn ein Besitzer starb, wurde ihre ohnehin fragile Identität wieder ausgelöscht, wurde sie verkauft. Ihren letzten Besitzer jedoch liebt sie und er nimmt sie mit auf eine Expedition ins Landesinnere, auf der man hofft, neue Handelswege zu erschließen.

Soweit vielleicht zu den dürren Fakten der Handlung. Aber was für ein Buch. Auf nur 148 Seiten geht es karg, poetisch und unaufdringlich eindrucksvoll um die ganz großen Themen: Würde und  menschliche Überheblichkeit, Grausamkeit, der Widersinn der Sklaverei, Gedankenlosigkeit und das Ringen um eine eigene Identität, eine eigene Sicht auf die Dinge. Ein Frauenleben unter Tausenden, dem kein Anrecht auf sich selbst zugestanden wurde, und dann – am Ende – im Schatten des Affenbrotbaums erhebt diese einsame Frau ihre Stimme, niemandem mehr untertan, klar, verspielt und würdevoll.

Manchmal, wenn ich mich am Fluss wasche, betrachte ich mein Spiegelbild prüfend in einem stillen Wasserloch und versuche herauszufinden, um wieviel ich älter geworden bin. Es ist nicht leicht, denn auch wenn wir beide, ich und das Wasser, noch so reglos sind, gibt es doch immer eine feine, gefältete Verzerrung meines Bildes, Wasserfältchen, die meine möglichen Altersfalten schmeichelhaft ersetzen. Ich werfe einen Kiesel in mich selbst. Ich schwinge grotesk auf und nieder und teile mich in Stücke. Ich ruheloses Etwas. Dann ziehe ich mich von meinem gespaltenen Selbst im Wasser zurück. Wie sich mein Geist abmüht. (S. 86)

Ich gebe zu, die ersten Seiten waren etwas mühsam, so fremdartig, so ohne Brücke in mein Leben. Aber nun, nachdem ich mich sozusagen dem Aufprall des Buches ausgesetzt habe, kann ich den Worten der Times Literary Supplement nur zustimmen:

Wilma Stockenströms bezwingendes Bild von Leiden und Gewalt wird zum Klassiker werden.

Der Roman der südafrikanischen Schriftstellerin, Übersetzerin und Schauspielerin Stockenström (*1933) wurde übrigens zunächst von Nobelpreisträger Coetzee vom Afrikaans ins Englische übersetzt und erschien 1983 unter dem Titel The Expedition to the Baobab tree.

Die deutsche Übersetzung von Renate Stendhal, die bereits in den achtziger Jahren erschien, beruht auf der Fassung von Coetzee. Neu aufgelegt wurde das Buch vom Wagenbach Verlag 2020.

Hier eine Fotostrecke zu den beeindruckenden Affenbrotbäumen.

 

Arnold Bennett: The Old Wives‘ Tale (1908)

Ursprünglich hatte ich The Old Wives‘ Tale von Arnold Bennett, veröffentlicht im Jahr 1908, nur rasch anlesen wollen, in der Hoffnung, mich zügig von einem miserabel gedruckten Taschenbuch mit zu kleiner Schrift zu verabschieden. Dumm gelaufen. Auch wenn die ersten Seiten gewöhnungsbedürftig waren und die Perspektive mir manchmal zu unorganisch zwischen distanziert-ironisch-allwissend und dann wieder psychologisch-feinfühlig wechselte, hatte mich Bennett (1867 – 1931) doch rasch am Haken mit seiner Geschichte um zwei Schwestern, die wir auf ihren Lebenswegen vom jungen Mädchen bis zur alten Frau begleiten. Dabei spielt die Handlung ungefähr zwischen den 1860ern und 1907.

Constance und Sophia Baines wachsen in der schmutzigen und rußigen Provinzstadt Bursley auf, unschwer erkennbar als das heutige Burslem im Pottery District (Staffordshire). Ihre Eltern betreiben ein gut gehendes  Textilwarengeschäft. Dem Wunsch Sophias, eine Lehrerinnenausbildung zu absolvieren und  sich damit aus der Enge des Ladens zu emanzipieren, stehen die Eltern verständnislos und ablehnend gegenüber, während Constance sich in dem engen Milieu wohlfühlt und ihr ganzes Leben in der Stadt und sogar im selben Haus wohnen wird. Gleichwohl hat Constance eine wache Auffassungsgabe und betrachtet sich und ihre Umwelt durchaus liebevoll kritisch, auch wenn ihr die religiösen und gesellschaftlichen Konventionen zeitlebens eine Stütze sind.

Unfortunately one might as well argue with a mule as with one’s soul. (S. 310)

Sophia hingegen wird ausbrechen, naiv und voller Selbstüberschätzung auf einen albernen Schuft hereinfallen, und doch nicht unter die Räder kommen. Den Großteil ihres Lebens wird sie in Paris verbringen, in dem auch Bennett mehrere Jahre lebte, und dort ihren Weg gehen.

Im letzten und vielleicht aufregendsten Teil des Buches begegnen sich die Schwestern wieder. Sie sind inzwischen alt und der Leser/die Leserin zieht mit ihnen Bilanz über ihr Glück, ihr Unglück, ihre Ehen und vor allem über die unbarmherzig voranschreitende Zeit, die letztendlich alle vermeintlichen Unterschiede in ihren Lebenswegen einebnet.

Dass Bennett dabei sowohl die Geschichten der Nachbarn als auch die gesellschaftlichen Bedingungen und Veränderungen miteinbezieht, sei hier nur am Rande erwähnt, ist aber sicherlich einer der Aspekte, die dazu beigetragen haben dürften, dass das Buch heute von vielen als einer der Meilensteine des englischen Realismus angesehen wird.

Ewald Standop und Edgar Mertner schreiben in ihrer Englischen Literaturgeschichte (1983), nachdem sie einen kurzen Abriss des Inhalts gegeben haben:

Diese dürren Fakten lassen freilich das Wichtigste außer acht: das gewaltige Panorama des Lebens, das Bennett einzufangen versteht, die kleinen und großen Wechselfälle des Lebens, die Nichtigkeiten, die plötzlich Bedeutung gewinnen, aber auch außergewöhnliche Dinge wie die Beschießung von Paris. (S. 569)

Für John Wain ist die Qualität des Werkes, das Bennett trotz vielerlei anderer Verpflichtungen in nur 11 Monaten fertigstellte, ebenfalls unstrittig. In seiner Einleitung zur Taschenbuchausgabe von 1983 nennt er drei Gründe, aus denen das Buch Anspruch auf Ruhm erheben könne:

It is one of the most successful attempts, if not the most successful, to rival in English the achievement of the French realistic novel […] It is one of the most complete and satisfying novels of English provincial life. And it is a standing proof that a writer of the male sex can write with real perception about the imaginative  and emotional lives of women.

In Tim Heads Vorwort der schönen Folio Society-Ausgabe von 2004 klingt das schon abgeklärter. Head ist sich bewusst, dass Bennett zur Zeit nicht besonders angesagt ist.  Doch auch er ist sich sicher:

The book is a life enhancer, and it would be a poor spirit which is not the better for reading it. (S. X)

In Englische Literaturgeschichte (2004) hingegen, herausgegeben von Hans Ulrich Seeber, taucht Bennett dann gar nicht mehr auf. Vom Markstein des englischen Realismus hin zum völligen Vergessenwerden. So schnell kann’s gehen…

Zum Abschluss noch eine kleine Lebensweisheit des Arztes, der Constance zu mehr Unternehmungslust überreden will:

I’m deeply attached to my bed in the morning, but I have to leave it. (S. 531)

Was mich grummelig macht und irritiert, ist der Umstand, dass es anscheinend zurzeit keine deutsche lieferbare Ausgabe dieses Romans  mehr gibt. Jeder Blödsinn wird veröffentlicht, aber ein Klassiker über eine Zeit im Umbruch mit einer Fülle an unvergesslichen Charakteren wird nicht mehr verlegt? Und nur nach längerem Herumsuchen habe ich eine gebrauchte englische Ausgabe der Folio Society gefunden, die dann hoffentlich mein billiges Taschenbuch von 1990 ersetzen kann.

Malin Lindroth: Ungebunden: Das Leben als alte Jungfer (OA 2018)

Die schwedische Autorin und Dramaturgin Malin Lindroth (*1965) möchte in ihrem zarten, offenen und aufmüpfigen Werk Ungebunden von ca. 80 Seiten, das von Regine Elsässer ins Deutsche übersetzt wurde und ein Vorwort von Teresa Bücker enthält, einer Gruppe eine Stimme geben, die ihrer Meinung nach seit Jahrzehnten ungehört und unsichtbar ist. Dafür bedient sie sich einer Vokabel, die im Wortschatz des modernen Menschen schon so gut wie ausgestorben war, die der alten Jungfer. Ein Begriff, der wie kaum ein anderer das Geschlecht, die implizierte Schande und den Familienstand unter einem Dach vereine.

Indem ich mich alte Jungfer nenne, stehe ich zu meiner Geschichte, mehr nicht. Ich nehme mir das Recht, über das, was ich weiß und gesehen habe, zu sprechen. Und ich tue dies in der Gewissheit, dass ich, in dem Moment, wo ich das Narrativ über mich in Besitz nehme, mich von anderen Narrativen befreie, denen der Kultur, von denen ich keinerlei Nutzen hatte. (S. 103)

Alte Jungfern, das sind für Lindroth die älteren Frauen, die nie dauerhaft in einer Partnerschaft gelebt haben, obwohl sie sich das gewünscht haben. Witwen oder Geschiedene zählen laut Lindroths Definition nicht dazu, denen fehle die „gediegene Erfahrung“ des Alleinseins.

Ledige Frauen müssten nicht nur mit dem ungewollten Single-Dasein zurechtkommen, sondern auch mit dem Kult, den die moderne Gesellschaft um die glückliche Partnerschaft treibt. Und mit dem Schweigen, dem Nichterzählen, dem Nichtgeltenlassen ihrer eigenen Geschichten. Für diese Frauen, die Lindroth aus dem eigenen und gesellschaftlichen Schweigen holen möchte, holt sie den Begriff der alten Jungfer aus der Mottenkiste, bürstet ihn gegen den Strich und versieht ihn mit Traurigkeit, Pep, Zunder und einer neuen Freiheit.

Die Autorin lebte in den Achtzigern vier Jahre lang in einer Beziehung, seitdem nie wieder.

Seit 1989 habe ich mich fünfzehnmal verliebt. Alle Männer haben Nein gesagt. Ich habe nie Nein gesagt. Diese Gelegenheit bot sich nie. (S. 27)

Und so berichtet uns die Autorin von schmerzhaften Erinnerungen, die bis zurück in die Schulzeit reichen, von sozialer Unbeholfenheit, eigenen Schwachstellen, die sie immer wieder auf die falschen Männer hereinfallen ließ, aber auch von der Unsichtbarkeit der Alleinstehenden.

Das Thema scheine so schambesetzt, auch bei den besten FreundInnen, dass es keinen Ort zu geben scheint, wo die „alte Jungfer“ einfach erzählen und sein darf, wie sie ist, so wie doch all die Paare und Familien da sein und erzählen dürfen.

Dazu kommt für Lindroth die Frage, wie dieser Lebensstil in den Medien, in Büchern und Filmen gespiegelt wird. Wer würde nicht an Bridget Jones denken, über die man eben nicht emphatisch gelacht habe, sondern vielmehr hämisch, da Bridget es, im Gegensatz zu einem selbst, einfach nicht gebacken bekam. Im 21. Jahrhundert kam dann Carrie Bradshaw in Sex and the City. Nun galt es, sich selbst und den anderen das Alleinsein als eigene emanzipierte Wahl zu verkaufen, ja, es konnte als Teil eines erfolgreichen und empowered Lebensstil hochgejazzt werden.

Doch Lindroth betont, dass das für sie nie gestimmt hat, sie und viele andere haben sich diesen Lebensstil eben nicht freiwillig ausgesucht. Besonders vermisse sie inzwischen das alltägliche Geplauder, das Teilen des Alltags. Deshalb müsse man sich zwar keineswegs als Opfer sehen, das ständig in einer bemitleidenswerten Dramafalle sitze, nur sei  es eben schwierig, auch in dieser Lebensrealität mit den dazugehörigen Erfahrungen gehört, gesehen und akzeptiert zu werden. Höchstens werde man huldvoll beneidet, weil man ja keinen Stress mit schreienden Babys und überhaupt so viel mehr Zeit für sich selbst zur Verfügung habe.

Die Sprache machte große Kreise um die Einsamkeit, in der wir alle geboren werden und sterben und dazwischen unser Bestes tun, um sie zu vergessen. (S. 31)

Das Problem ist, dass viele Leute nicht wissen, wie man mit jemandem spricht, der keinen Referenzrahmen in Sachen Zweisamkeit besitzt. Sie lösen dieses Problem, indem sie einen korrigieren oder für nicht vorhanden erklären. (S. 50)

Neben einem kurzen Rückblick in die Geschichte Schwedens im 19. Jahrhundert, als unendlich viele Frauen ledig waren, da es schlicht zu wenig Männer gab, beschreibt sie, wie unterschiedlich ledige Männer und ledige Frauen beschrieben und bezeichnet werden, auch wenn beide mit dem Gefühl der ständigen Zurückweisung umgehen müssten.

Dazu komme, dass die Gesellschaft den Ledigen einrede, versagt zu haben im Spiel um Zweisamkeit und Romantik. Die Ursachen für das Unbehagen der Gesellschaft an den unfreiwilligen Singles sieht Lindroth u. a. darin, dass die alten Jungfern daran erinnerten, dass das Leben eben mehr sei als die Summe von freien, planbaren und bewussten Entscheidungen.

In (sehr) kurzen Exkursen beschäftigt sich die Autorin mit Frauen als Künstlermusen und mit ledigen Frauen in der Literatur sowie mit einsamen Silvesternächten auf der Couch.

Am Ende kann man vielleicht sagen, dass sich die Autorin durch ihre Altjungfernschaft hindurchgewagt hat und so etwas wie einen Ausblick, eine neue Standfestigkeit für die Zukunft gewonnen hat, da nun auch die – zunächst unfreiwillig erduldeten – positiven Auswirkungen des Ledigseins auf die eigene Biografie mit berücksichtigt werden können.

Fazit: Ein zwar sehr sprunghaft und assoziativ geschriebenes Werk, das aber randvoll mit Ehrlichkeit und nachdenkenswerten Überlegungen ist. Sehr gern gelesen.

Lieblingsstelle:

Einsamkeit. Wie sieht sie aus? Wie ein Lavafeld auf Island. Keine Bäume, keine Pflanzen. Nur Grautöne, Weite, Himmel – vielleicht ganz in der Ferne ein kleiner Busch, der im eisigen Wind zittert. […] Genau so sieht meine Einsamkeit aus. Ich kann in dieses große Nichts hineingehen, mich hineinlegen und zu Hause fühlen. Man sieht keinen Unterschied zwischen mir und der Landschaft. Der Gedanke klingt depressiv, das höre ich auch, aber in meiner Erinnerung ist es nicht so. Eher wie ein kurzer Moment des Bodenkontakts. Als ob ich […] plötzlich auf dem Grund meines Lebens gestanden und gespürt hätte, wie die Einsamkeit in mir sich mit der Einsamkeit der Landschaft verband, die sich wiederum mit dem Horizont vereinte, der nur ein schmaler Saum gegen eine noch größere Öde war, die im Universum wohnt. Und plötzlich war meine Einsamkeit so groß, so uralt und eine so allgemeine Erfahrung, dass ich mich überhaupt nicht mehr einsam fühlte. (S. 69)

Zu dem Buch passt ganz ausgezeichnet der Artikel Ersatzreligion Liebe aus der FAZ.

Ulla Hahn: Das verborgene Wort (2001)

Lommer jonn, sagte der Großvater, laßt uns gehen, griff in die Luft und rieb sie zwischen den Fingern. War sie schon dick genug zum Säen, dünn genug zum Ernten? Lommer jonn. Ich nahm mir das Weidenkörbchen unter den Arm und rief den Bruder aus dem Sandkasten. Es ging an den Rhein, ans Wasser. Sonntags mit den Eltern blieben wir auf dem Damm, dem Weg aus festgewalzter Schlacke. Zeigten Selbstgestricktes aus der Wolle unserer beiden Schafe und gingen bei Fuß. Mit dem Großvater liefen wir weiter, hinunter, dorthin, wo das Verbotene begann, und niemand schrie: Paß op de Schoh op! Paß op de Strömp op! Paß op! Paß op! Niemand, der das Schilfrohr prüfte für ein Stöckchen hinter der Uhr.

Mit diesen ersten Sätzen hatte Ulla Hahn mich gleich auf ihrer Seite bzw. auf der der Ich-Erzählerin, der kleinen Hildegard, die in einer armen, streng katholischen Arbeiterfamilie in Dondorf am Rhein aufwächst. Der Zweite Weltkrieg ist gerade vorbei. Der Vater Hilfsarbeiter, die Mutter Putzfrau. Mit dem jüngeren Bruder Bertram muss sie sich ein Zimmer teilen, bis sie als Zwanzigjährige auszieht.

Der liebevolle Großvater hat zwar in der Familie nichts zu melden, sorgt aber dennoch dafür, dass die Enkelin wenigstens den Hauch eines Urvertrauens aufbauen kann, das die niemals lachenden Eltern, die unbarmherzig streng katholische Großmutter und der prügelnde Vater immer wieder beschädigen. Er ist es auch, der den Kindern beibringt, hinzuschauen, hinzuhören und der ihnen das Geheimnis der Buchsteine und Wutsteine anvertraut.

Das verborgene Wort ist der erste Band der Tetralogie, in der Hahn mit starken Anleihen an ihre eigene Biografie der Lebensgeschichte der Hildegard Palm nachgeht: Hildegard unterscheidet sich vor allem dadurch von ihrer Familie, dass sie Buchstaben liebt und Geschichten als Fluchtburgen aus einer lieblosen und wenig anregenden Umwelt empfindet, beste Noten schreibt und unendlich dafür kämpft und unfassbare Prügel dafür einstecken muss, die Realschule, dann schließlich sogar das Gymnasium besuchen zu dürfen, anstatt mit einer Ausbildung zum kargen Einkommen der Familie beizutragen.

Nur weil sich Lehrer und der Pastor dafür einsetzen, gibt die Familie schließlich ihren Widerstand gegen den Bildungshunger der Tochter auf. Ihnen erscheint das alles als brotlose Kunst, Wissen bringe eben kein Essen auf den Tisch, zumal ein Mädchen sowieso irgendwann heirate. Und ein bisschen peinlich ist es wohl auch, weil man sich das Schulgeld schenken lassen muss, selbst das Schulgeld für den Bruder, der auf das Gymnasium geht, hat dessen Patentante übernommen.

Über 620 Seiten begleiten wir Hilla nun dabei, wie sie im Kindergarten unabsichtlich eine Vase kaputtmacht, erleben, ob welcher Nebensächlichkeiten der Vater seinem Jähzorn freien Lauf lässt, dem Kind erscheint er zunächst wie ein Ungeheuer. Mutter und Großmutter können ihn einmal nur knapp davon abhalten, das Kind halb totzuschlagen, indem sie ihn warnen, dass das sonst dem Pastor zu Ohren käme.

Dazwischen auch komische Szenen, entlarvende Szenen, die Tanten, die Cousinen, die dafür sorgen, dass auch rheinische Heiterkeit, Biederkeit und Renitenz zum Tragen kommen.

Dann wieder geht es mit Bruder und Großvater an den Rhein. Und Hilla verliert und verliebt sich in ihre Buchstaben und Bücher. Mit dem gleichen Dickkopf, mit dem anscheinend alle in ihrer Familie ausgestattet sind, bringt sie sich selbst Hochdeutsch bei, da der Dialekt als Sprache der einfachen Leute, der Putzfrauen verpönt ist, fängt an, sich ihrer Familie zu schämen, möchte ihnen beibringen, dass unter eine Tasse noch die Untertasse gehört. So entsteht natürlich weitere Distanz zur Familie. Nur Bertram, der Bruder, und ihr Großvater stehen immer zu ihr.

Erst sehr viel später – da sind wir schon im zweiten Band Aufbruch – gibt es auch köstliche Szenen, in denen Mutter, Großmutter, Tanten und Cousinen es spannend finden und miteinander darum wetteifen, wie viele Wörter sie eigentlich kennen, die ursprünglich aus dem Lateinischen kommen, der „Sprache Gottes“.

Das Buch ist mit langem, man könnte auch sagen sehr langem Atem geschrieben. Szene um Szene, Erinnerung um Erinnerung wird begutachtet, geschildert, ausgekostet, um nur gleich weitere Szenen – oft mit ähnlichem Gehalt – zu erzählen.

Ein bisschen wellenartig, manchmal war es mir zu viel, zu ausführlich, hätte ich Absätze radikal gekürzt und ich dachte an die Dramaturgie von Ein Baum wächst in Brooklyn, das eine ähnliche Geschichte in einem Roman verarbeitet und durch eine straffere Auswahl mir oft wuchtiger und eindrücklicher erschien.

Kaum zu Hause, erzählte ich alles Frau Peps. Frau Peps war meine Vertraute. Schwarz, matt, graugeschabt an den Kanten, ausrangiert von der Frau Bürgermeister, hatte sie die Großmutter noch einige Jahre in die Kirche begleitet, dann war der Schnappverschluß ausgeleiert, die Tasche nicht mehr zu gebrauchen. Da gehörte die Tasche mir. Frau Peps gehörte mir. Frau Peps war meine Freundin. Mit Birgit, Hannelore, Heidemarie konnte ich spielen; sprechen tat ich mit Frau Peps. Keiner hörte mir so geduldig zu wie sie, keiner vermochte mich zu trösten, zu besänftigen, aufzumuntern wie sie. (S. 22)

Dennoch halte ich Das verborgene Wort und Aufbruch für ganz wesentliche Bücher. Zum einen, weil sie ein wunderbares Beispiel für Kampfesmut und Resilienz sind. Hilla gibt nicht klein bei, lässt sich nicht einfangen, lässt sich nicht brechen. Zu Recht spricht Hahn von dem widerborstigen Lebenswillen ihrer Protagonistin, von dem sich so mancher etwas abschauen könnte. Außerdem ist es eine Einladung an die LeserInnen, über die eigenen Sozialisationsbedingungen nachzudenken, vielleicht dankbar zu sein für die ein oder andere Hürde, die man selbst nicht (mehr) nehmen musste.

Und in Aufbruch, dem zweiten Band der Tetralogie, wird der Blick auf die Familie vielleicht nicht milder, aber vielschichtiger, die Umstände, die den Vater, die Mutter, die Großmutter so gemacht haben, wie sie sind, werden mit in den Blick genommen, so kann etwas wie Mitleid und Verständnis, aber auch Wut auf die früheren Generationen entstehen.

Literatur wird hier nicht einfach als wohlfeile Glücksformel verklärt. Am Anfang gelingt Hilla mit ihrer Hilfe zwar die Flucht aus einer öden, oft genug auch brutalen Welt. Doch die ersten Male, als sie ihre Erkenntnisse aus den Romanen an der wirklichen Welt erproben will, erleidet Hilla ziemlichen Schiffbruch. Die unglückliche Frau, die all ihr Erspartes an einen Heiratsschwindler verloren hat, lässt sich von Hillas aus den Romanen übernommene Idee, ins Kloster zu gehen, nicht trösten, sondern geht in den Rhein. Auch als Cousine Maria an Brustkrebs erkrankt, können die Buchstaben die Wirklichkeit nicht mehr so ohne Weiteres auslöschen und unschädlich machen. Die Krankheit, die Schmerzen, die Traurigkeit sind zu real.

Und doch das Glück, als man bei der Frage, ob die Cousine wohl einen Evangelischen heiraten dürfe, voller Stolz auf die Ringparabel aus Nathan der Weise verweisen kann. Und siehe da, der Pastor kennt das Stück und erlaubt die Eheschließung, solange sie katholisch vonstatten gehe und  man die Kinder gut katholisch erziehen wolle.

Das verborgene Wort und Aufbruch schildern trotz aller Redundanzen einen Teil der bundesrepublikanischen Wirklichkeit anschaulicher, emphatischer und nachdrücklicher, als das jedes Geschichtsbuch könnte. Sie erzählen von armen Familien mit Plumpsklo, die einmal in der Woche alle im gleichen Wasser badeten, von versehrten Menschen, auch der Vater wurde schließlich nicht als prügelndes Monster und die Mutter nicht als ewig missmutig Unterwürfige geboren. Sie erzählen vom Wirtschaftswunder, dem Auschwitz-Prozess und vom zwiespältigen Einfluss des Katholizismus. Die Kirche, so  Ulla Hahn in einem Interview,

war zwar für geistige Enge mitverantwortlich, aber Enge gibt ja auch Halt. Es war am Ende besser, mit diesem Katholizismus aufgewachsen zu sein als bindungslos. In Aufbruch spielt der Auschwitz-Prozess eine große Rolle. Als die Familie darüber spricht, zeigt sich, dass dieser naive Katholizismus eine Impfung gegen den Nationalsozialismus sein konnte. In Hillas Dorf zählte die Bibel mehr als Mein Kampf. Meine Großmutter hat bei Nazifesten die Kirchenfahne herausgehängt. Die Leute waren mutig, aber das war ihnen kaum bewusst.

In einem anderen Interview weist Hahn darauf hin, dass die Kirche „in so einer armseligen Dorfgemeinschaft der Kulturträger [war].

Wo habe ich zum ersten Mal einen schönen Raum gesehen, Überfluss, schöne Gewänder, Kerzen? Wo zum ersten Mal Musik gehört? Worte, die nicht nur zum Schimpfen da waren? In der Kirche. Das war ungeheuer wichtig. 

Aber es geht auch um die Arroganz der Fabrikbesitzer und immer höhere Stückzahlen, die den Fabrikarbeiterinnen, mit denen Hilla in den Ferien Pillenschächtelchen füllt,  abverlangt werden, um die ersten Gastarbeiter, die in Baracken hausen und nirgendwo dazugehören. Um die ersten Milchbars und Colas und die Erfahrungen mit dem anderen Geschlecht und um Gespräche der Fabrikarbeiterinnen, in denen es um die allesamt illegalen und gefährlichen Abtreibungsmöglichkeiten geht; war eine Geburt doch nur innerhalb der Ehe denkbar, wollte man seine gesellschaftliche Reputation nicht verlieren. 

Eine verheiratete Frau, die arbeiten gehen mußte, zählte nur halb. Ihr Ansehen war geringer als das einer Nichtverheirateten. Einer Noch-Nichtverheirateten. Am Ende der Rangordnung stand, wer keinen mitgekriegt hatte. (S. 288)

Die ersten zwei Romane erzählen außerdem  von der Einsamkeit, der Hilflosigkeit und Sprachlosigkeit, wenn man selbst eine Vergewaltigung ganz mit sich allein abmachen musste, aber auch von der sozialen Kontrolle durch Verwandte, Nachbarn und Dorfklatsch, dem ersten Fernseher und dem ersten Supermarkt im Dorf, den ersten Unterhaltungssendungen, Grzimek gegen Sielmann, den Schlagern, die wirklich alle mitsingen konnten, und – das ist eine meiner Lieblingsstellen in Aufbruch – vom Ereignis, das der neue Quelle-Katalog darstellte, die Frauen der Familie sich zum Kaffee trafen, ihn gemeinsam durcharbeiteten und kommentierten und man die Seiten, auf denen Hosenanzüge für Frauen zu sehen waren, vor der strengen Oma verstecken musste.

Und hier noch eine hinreißende Internetquelle: das Wirtschaftswundermuseum.

Oder wie Ulla Hahn in einem Interview mit dem Kölner Stadt-Anzeiger erklärt:

Seine Herkunft trägt man immer in sich. Das muss einem aber nicht zeitlebens als Bürde erscheinen. Es kommt darauf an, eine Last in Proviant zu verwandeln. In Erfahrung, von der man auf seiner Lebensreise zehren kann. Das ist dann noch mehr als Versöhnung.

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Sigrid Nunez: A Feather on the Breath of God (1995)

Nachdem ich The Friend von Nunez gelesen hatte, wollte ich mehr von dieser Autorin lesen und landete bei ihrem Debütroman A Feather on the Breath of God, der 1999 auch auf Deutsch erschien.

Das schmale Werk von 180 großzügig gesetzten Seiten ist stark autobiografisch und erkundet die dauerhaften Beschädigungen, die eine Immigrantenkindheit aus – wie wir heute sagen würden – bildungsfernen Verhältnissen mit sich bringen kann. Auch Nunez‘ Mutter war – wie die der Ich-Erzählerin – Deutsche, ihr Vater hatte chinesisch-panamaische Wurzeln. Die Eltern hatten sich in Deutschland kennengelernt, waren dann gemeinsam nach Amerika gegangen und haben sich und den drei Töchtern dann ein höchstmöglich dysfunktionales Familienleben beschert.

Nunez selbst hat das Buch als ihr „real hybrid genre book“ bezeichnet.

Even though there are parts that are based on my parents, with little distance between author and narrative, it isn’t really a memoir, because there’s a sufficient amount of distortion and invention. (Renée H. Shea: The Secret Facts of Fiction: A Profile of Sigrid Nunez, 2006)

Der erste große Abschnitt Chang geht den Erinnerungen an die Vaterfigur nach, der entweder abwesend ist, weil er sieben Tage die Woche den kärglichen Lebensunterhalt mit mies bezahlten Jobs verdient oder abends stumm in der Küche sitzt, während die anderen sich im Wohnzimmer aufhalten. In der Wohnung gibt es nichts, was auf die Heimat des Vaters hindeutet, er spricht zeit seines Lebens schlecht Englisch, doch es kommt auch niemand auf die Idee, dass es eine gute Idee sein könnte, den Kindern Chinesisch beizubringen.

We must have seemed as alien to him as he seemed to us. To him we must always have been „others“. Females. Demons. No different from other demons, who could not tell one Asian from another, who thought Chinese food meant chop suey and Chinese customs were matter for joking. I would have to live a lot longer and he would have to die before the full horror of this would sink in. And then it would sink in deeply, agonizingly, like an arrow that has found its mark. (S. 23)

Das zweite Kapitel Christa beschäftigt sich mit der Mutter, die seit ihrer Ankunft in Amerika heimwehkrank und unglücklich ist, sie lässt das an den drei Töchtern, doch auch vor allem an ihrem Mann aus, dem sie vorwirft, zu wenig zu verdienen, den sie klein und verächtlich macht, weil er die deutschen Namen der Töchter nicht richtig aussprechen kann, dem sie die Trennung androht, nur um dann doch alles beim Alten zu lassen. Im Laufe ihres Lebens sagt sie schreckliche Dinge, von denen die Tochter sagt:

Some things it would be death to forgive. (S. 180)

Aus dieser wenig Halt gebenden und unberechenbaren Atmosphäre flüchtet die Tochter lange in die Traumwelt des Balletts –  A Feather on the Breath of God – bis sie erkennt, dass ihr die wirkliche Begabung dazu fehlt. Im Nachhinein ist sie möglicherweise auch froh gewesen, ihrem Körper nicht länger die Schmerzen und den Hunger zufügen zu müssen, nur damit dieser den männlich geprägten Schönheitsvorstellungen des Balletts entspricht.

Now, of course, I can say precisely what it was that was happening to me. I had discovered the miraculous possibility that art holds out to us: to be a part of the world and to be removed from the world at the same time. (S. 101)

Lange fragte ich mich, wozu ich als Leserin die nüchtern und fast klinisch sachlich geschilderte Ehehölle, diese Kindheit und Jugend überhaupt kennenlernen musste, in der die Kinder außerdem damit zurechtkommen mussten, als „half-breeds“ beschimpft zu werden.

The last thing I would have believed back then was that one day it would be fashionable to be Chinese; or that I had only to wait a few years, till I reached adolescene, to hear people say that they envied me my exotic background. (S. 85)

Doch im vierten und letzten Teil Immigrant Love beantwortet sich das. Die Ich-Erzählerin erzählt von einer Affäre, die sie als gestandene Sprachlehrerin mit einem ihrer Schüler, einem verheirateten 37-jährigen Ex-Junkie aus Russland eingeht.

Und hier – gegen Ende – bindet Nunez mit nur einem Satz plötzlich das ganze Werk zusammen, man sieht, wie alles zusammenhängt, dass niemand von uns seinen Kindheitskatastrophen und -versehrungen unbeschadet entkommt, die im Falle einer missglückten Immigration der Eltern umso tiefgreifender sind.

Doch obwohl besonders der Schluss, ja ein einziger Satz,  mich mit der Kunst von Nunez versöhnte, bin ich überrascht, wie wenig nach zwei drei Wochen mir noch erinnerlich ist, wie wenig der Roman nachhallt. Vermutlich waren es mir dann doch zu viele assoziativ aneinandergereihte Erinnerungen, wie Bilder aus einem fremden Familienalbum, wobei die Gefühle und Gedanken der Beteiligten über weite Strecken verborgen blieben.

Der poetische Titel verdankt sich übrigens einem Zitat Hildegard von Bingens.

End of the semester. It is very late and I am alone in my room. A narrow desk by the window, overlooking the courtyard that is slowly filling up with snow. Books open on the desk, bright lamp, cigarettes, a boyfriend’s photograph. I will sit there all through the night, I will smoke all the cigarettes, and in the morning I will cross the courtyard to answer questions about literature and the tragic sense of life. The sound of a pen scratching in the night ist a holy sound. I want to get down something T. S. Eliot said: Human beings are capable of passions that human experience can never live up to. (S. 118)

Sigrid Nunez: The Friend (2018)

Herbert liest befand, dass Allegro Pastell von Leif Randt eines der hässlichsten Bücher sei, die er je gekauft habe.  Ich überlege noch, ob ich die Gestaltung zu The Friend von Sigrid Nunez (*1951) nicht mindestens genauso schlimm finde. Jedenfalls hätte mich das Cover beinahe dauerhaft verschreckt.

Aber auch die Stichworte zum Inhalt „Frau um die fünfzig trauert um ihren besten Freund, einen etwas älteren Literaturdozenten und Schriftsteller, der Suizid  begangen hat und ihr ein Kalb von einer Deutschen Dogge vermacht, wobei ein Haustier in ihrer kleinen Mietwohnung im Wohnblock ohnehin verboten ist“ hatten zunächst nicht so wirklich bei mir verfangen.

Warum das Buch dann trotzdem hier gelandet ist, ich weiß es nicht mehr, begeisterte Kritiken allerorten, der National Book Award 2018 und was soll ich sagen: Das Buch ist klug und bewegend und als ich am Ende angekommen war, wollte ich am liebsten gleich wieder von vorn beginnen. So eines der seltenen Bücher, nach deren Lektüre ich gar nicht das Bedürfnis hatte, viel darüber zu schreiben. Alles spricht für sich. Und von Sentimentalitäten keine Spur.

Nunez hat ihrer Ich-Erzählerin einige autobiografische Details mitgegeben. Auch diese lebt in New York City und ist Dozentin für Creative Writing und Schriftstellerin. Die Protagonistin scheint zunächst sehr understated, geradezu überreflektiert. Sie beobachtet messerscharf, ironisch und ihre Erinnerungen mäandern durch die Jahrzehnte der Freundschaft mit dem einstmals so charismatischen, dreimal verheirateten Macho-Mann, der zunehmend irritiert war, dass junge Frauen nicht mehr am Sex mit ihm interessiert waren und dessen Studentinnen auch nicht länger von ihm als „dear“ bezeichnet werden wollten.

I don’t want to talk about you, or to hear others talk about you. It’s a cliché, of course: we talk about the dead in order to remember them, in order to keep them, in the only way we can, alive. But I have found that the more people say about you, […] the further you seem to slip away, the more like a hologram you become. (S. 12)

Dabei geht sie der Frage, ob sie ihn all die Jahre geliebt habe und vielleicht doch nur eines der zahlreichen, zu duldsamen Groupies war, lange aus dem Weg, denn sie vermisst ihn immer noch ganz entsetzlich, an jedem einzelnen Tag, auch als Partner für all die unzähligen Gespräche über Schriftsteller, Bücher, Literatur, deren Grenzen und Möglichkeiten. Über ihre Studenten, die Literatur zunehmend in den Dienst ihrer eigenen – oft sehr begrenzten – Weltsicht nehmen, nur noch nach Safe Spaces auf dem Campus rufen und sich Büchern verweigern, die sie unangenehm berühren, etwas in Frage stellen oder über den eigenen Tellerrand hinausgehen könnten.

Das ganze Buch ist eine einzige große Ansprache an den Toten, der Widerspruch von einer Frau nicht unbedingt geschätzt hat. Überdies ist es eine wunderbare Schilderung des Trauerprozesses, in dem sich die Frau mehr und mehr in sich und ihren Assoziationen zu verlieren droht, obwohl durchaus hilfreiche Freunde im Hintergrund parat stehen. Ist es überhaupt statthaft, seinen Haustieren einen Namen zu geben und was hat es mit dem Buch My Dog Tulip von J. R. Ackerley auf sich?

Dieser Prozess, der aber gleichzeitig auch sehr irdisch daherkommt, umfasst auch die allmähliche Annäherung an Apollo. Immer wieder mal drohen Probleme mit oder durch den großen Hund, was nicht ohne leisen Humor geschildert wird. Apollo mag es, wenn man ihm vorliest, z. B. Rilke.

Und plötzlich Wendungen, die einen wieder alles in Frage stellen lassen. Darüber hinaus ist es auch der Prozess einer Selbstvergewisserung als Frau in einer Welt, in der ehemals attraktive Männer wie der Verstorbene glaubten, jeder Frau – einschließlich seiner Studentinnen – Avancen machen zu dürfen und in der Männergewalt gegen Frauen nach wie vor gang und gäbe ist.

Die vielen Zitate, Abschweifungen und Erinnerungsfetzen, die die belesene Ich-Erzählerin aus ihrer lebenslangen Lektüre einfließen lässt, zeigen, wie sehr Bücher tatsächlich zu ihrem Leben gehören und wie sehr die nächste Generation, die sie unterrichtet, so ganz anders, vielleicht ärmer, an Literatur herangeht.

Was mich vielleicht am meisten an diesem Roman beeindruckt hat, ist wie die Sprache zu der Protagonistin passt. Da ist kein Wort zu viel, alles wird schnörkellos, aber so präzise gesagt, dass man sich nicht vorstellen kann, dass auch nur ein einziger Satz anders hätte formuliert werden können. Schon die ersten Sätze lassen einen nicht mehr vom Haken:

During the 1980s, in California, a large number of Cambodian women went to their doctors with the same complaint: they could not see. The women were all war refugees.

Anette Grube übersetzte das Buch ins Deutsche.

Hier noch ein Artikel mit einigen Hintergrundinformationen aus der New York Times.

 

 

Maria Gräfin von Maltzan: Schlage die Trommel und fürchte dich nicht (1986)

Die Lebenserinnerungen der Maria Helene Françoise Izabel Gräfin von Maltzan, Freiin zu Wartenberg und Penzlin (*1909 in Schlesien; † 1997 in Berlin) sind eine hinreißende Lektüre.

Die herbe Maria Gräfin von Maltzan, auf Fotos meist mit einem Zigarillo in der Hand,  erzählt ihre oft abenteuerlich anmutenden Erinnerungen, ihre vielen Geschichten, ihre Erfolge und ihre Abstürze, so anschaulich, schnoddrig und  unsentimental, als säße sie mit uns am Tisch.

Was für eine Spannbreite gesellschaftlicher Erfahrungen sich hier in einer Person vereint: Kindheit als umsorgtes Komptesschen, bohemehaftes Studentenleben der Tiermedizin, Stationen in München, Afrikareise, Berlin, Widerstandskämpferin während der Zeit des Nationalsozialismus, Medikamentenabhängigkeit, Entzug der Approbation, mehrmalige Einweisung in die Psychiatrie, Sozialhilfe, Suizidversuch, nach Wiedererlangung der Approbation Tierärztin in Zirkussen, Zoos oder als Urlaubsvertretung, schließlich wieder in Berlin, wo sie die Hunde der Punks behandelt.

Ihre privilegierte Kindheit verbringt Maria Gräfin von Maltzan auf dem elterlichen Schloss Militsch in Schlesien, zu dem 12 Güter gehörten. Sie und ihre sechs älteren Geschwister werden selbstverständlich in gesellschaftliche Konventionen des Adels und Fertigkeiten wie Fremdsprachen, Fechten und Reiten (das erste Pferd bekam sie mit fünf Jahren) eingeführt. Sogar mit einer Waffe verstand sie umzugehen.

Auf Militsch war es Sitte, daß alle Kinder ab vier an der Familientafel aßen. Als ich dies dann auch endlich durfte, genoß ich es sehr, die Mahlzeiten mit den Erwachsenen einnehmen zu dürfen. Nur hatte die Sache einen Haken, unter dem ich zu leiden hatte. Es wurde nämlich bei uns – wie am kaiserlichen Hof in Berlin, wohin meine Eltern oft eingeladen wurden, sehr schnell serviert, und sobald Vater und Mutter das Besteck niederlegten, wurden sofort sämtliche Teller abgeräumt und der nächste Gang aufgetragen. Da ich die Jüngste war, wurde mir das Essen natürlich ganz zuletzt gereicht, wodurch ich immer zu kurz kam und bei dem Serviertempo nie richtig satt wurde. Eines Tages ertappte mich mein Vater dabei, wie ich noch nach Tisch stark vor mich hinkaute. Er zog mich in eine Fensternische und beförderte wortlos acht Scheiben Rehbraten aus meinen Backentaschen. (S. 13)

Ihren Vater liebt Maria sehr, dieser stirbt allerdings bereits 1921, damit endet die Zeit der behüteten Kindheit. Das Verhältnis zu ihrer Mutter wird immer auf gegenseitigem Unverständnis beruhen und schließlich in offene Ablehnung münden. Die Mutter empfindet ihre unkonventionelle Tochter, die sich schon früh für alle möglichen Tiere interessiert und gar Tierärztin werden will, als eher peinlich und aufmüpfig. Dass ihre Tochter auf diversen Internaten todunglücklich ist, kümmert sie wenig.

Bestimmte Werte, zu denen sie erzogen wurde, gelten für Maria ein Leben lang.

Mein zehnter Geburtstag brachte eine einschneidende Wende, denn von diesem Zeitpunkt an wurde ich mit „Sie“ angeredet, hatte dafür aber die Pflicht, wie meine älteren Geschwister, soziale Aufgaben wahrzunehmen. […] Für unsere Angestellten und Arbeiter gab es ein eigenes Altersheim, ein eigenes Siechenheim. Die Spielschule war ein Geschenk meiner Mutter nach einer Erbschaft, die auch für die Kosten der Kindergärtnerin aufkam. […] Mein Vater war jedenfalls ein sehr sozial denkender Mensch und erzog seine Kinder entsprechend. […] Zu den Selbstverständlichkeiten in den großen Herrschaften gehörte es auch, daß für begabte Kinder der Angestellten die gesamten Ausbildungskosten für eine höhere Laufbahn bezahlt wurden. Das ging soweit, daß jemand auf Kosten eines jüdischen Landbesitzers katholische Religion studieren konnte.

Wenn einer von unseren Leuten krank wurde, erfuhren wir dies durch den jeweiligen Inspektor, und dann war es Sache der Kinder, sich um die Betreffenden zu kümmern. Mit unseren Pferden und Wagen fuhren wir sie zum Arzt oder gegebenenfalls ins Krankenhaus, wo es eine bestimmte Zahl von  Betten gab, die uns gehörten. (S. 33)

Als der Vater beispielsweise von Maria erfährt, dass der Hof der Eltern eines Kindermädchens durch eigene Schuld in Brand geraten ist und die Versicherung den Schaden nicht übernehmen wird, fragt er seine Tochter, wie viel sie auf der Bank habe.

„Die zweihundert Mark holst du ab und gibst sie Bertha, die jahrelang deinen Dreck weggemacht hat. Man steht für seine Leute gerade.“ (S. 33)

Trotzdem zeigt sich schon in der Kindheit, dass sie und ihr einziger Bruder Carlos unterschiedliche Wertvorstellungen haben, was dann während der Zeit des Nationalsozialismus dazu führt, dass sie auf politisch entgegengesetzten Seiten stehen.

Von Anfang an reagiert sie allergisch auf die Rattenfänger der Nazis. Ostern 1933 reist sie deprimiert nach Hause.

Nach meiner Ankunft im Schloß ging ich sogleich in den Grünen Salon, wo wir nachmittags alle gemeinsam Tee zu trinken pflegten. Mein Bruder saß dort in Nazi-Uniform. ‚Du bist wohl vom Fasching übriggeblieben‘, sagte ich zu ihm und nahm an, er würde dies mit Humor auffassen. Doch weit gefehlt! Wie von der Tarantel gestochen, schoß Carlos wütend hoch und machte mir eine entsetzliche Szene.

Es kommt zum Bruch zwischen den Geschwistern,  er verweigert die weitere finanzielle Unterstützung seiner Schwester, die daraufhin beginnt, in München journalistisch tätig zu werden und so erste Kontakte zum Widerstand knüpft. Um ihre klammen Finanzen aufzubessern, arbeitet sie außerdem als Reitdouble beim Film und kümmert sich um die Pferde reicher Leute.

1933 promoviert sie in Naturwissenschaften, doch da ihre regimefeindliche Haltung, ihre Kontakte zu Kommunisten und Juden kein Geheimnis sind, kann sie nicht auf eine Festanstellung hoffen. Sie wird mehrmals von der Gestapo vorgeladen und als das Pflaster ein wenig zu heiß wird, begibt sie sich im Januar 1934 auf eine sechsmonatige Afrikareise.

Sie heiratet, geht mit ihrem Mann, dem Kabarettisten Walter Hillbring nach Berlin, die Ehe scheitert schon kurze Zeit später. Auch in  Berlin hat sie Kontakte zu  Widerstandsgruppen der katholischen und schwedischen Kirche. Immer wieder versteckt sie Untergetauchte, seien es Kommunisten oder Juden, in ihrer kleinen Wohnung, organisiert Dokumente, einmal wird sie sogar beordert, eine ältere jüdische Dame schwimmend über den Bodensee zu geleiten, sodass diese in der Schweiz untertauchen kann.

Am Morgen ihres Geburtstages im März 1939 erschienen bei Lulu [ihrer Freundin] zwei SS-Leute mit einem Paket und überreichten es ihr mit den Worten: ‚Das ist von Ihrem Mann.‘ Erfreut nahm sie es in Empfang. Als sie es öffnete, hielt sie seine Urne in den Händen. (S. 126)

Im Frühjahr 1944 versucht sie bei ihrem letzten Aufenthalt in Militsch ihre seit 1940 verwitwete Schwägerin davon zu überzeugen, wenigstens die Kunstschätze des Schlosses in Sicherheit zu bringen. Die empörte Schwägerin wirft ihr Defätismus vor.

Den Verlust meiner Heimat habe ich nie verwunden. Ich hing mit jeder Faser meines Wesens an Militsch. Ich liebte das Land, das Schloß und alles, was dazugehörte. Obwohl mir in späteren Jahren vielfach die Gelegenheit geboten wurde, Militsch wiederzusehen, habe ich darauf verzichtet. Mein Zuhause in Schlesien trage ich lieber als unberührte Erinnerung tief in meinem Herzen. (S. 219)

Ihre Aktivitäten im Untergrund nehmen zu, sie hilft dabei, Untergetauchte aus der Stadt zu bereitstehenden Fluchtwaggons zu bringen. Zum Glück liebt sie Hunde und ihre Bullterrier retten ihr vermutlich mehr als einmal das Leben. Man geht davon aus, dass sie ca. 60 Menschen das Leben gerettet hat.

Sie heiratet noch zweimal, und zwar den jüdischen Literaten Hans Hirschel, den sie während des Krieges in ihrer kleinen Wohnung versteckt hält. Diese erste Ehe hält nur zwei Jahre. 1972 heiraten die beiden erneut. Auch die Kapitel über die unmittelbare Nachkriegszeit sind überaus spannend und ziemlich bunt.

Was mir allerdings zu kurz kam, waren die Beziehungen zu ihrer Familie. Und über ihre Talkshow-Auftritte nach dem Erscheinen ihrer Erinnerungen habe ich leider auch nichts weiter gefunden. Ihr Buch diente zwar als Vorlage für einen Film, doch schon ein Foto der Schauspielerbesetzung erstickte jegliches eventuelles Interesse meinerseits. Abschließend stellt sich nur die Frage, warum es denn in alles in der Welt keine Biografie zu dieser Frau gibt. So ein Leben hat weit mehr als diese – lesenswerten – 277 Seiten verdient.

Der Titel ihrer Erinnerungen ist übrigens der ersten Zeile des Gedichts Doktrin von Heinrich Heine entnommen.

Hier noch ein Artikel zu der Gräfin vom Deutschlandfunk.

Walter Kappacher: Rosina (1978/2010)

Viel zu lange stand dieses Buch, das ursprünglich 1978 erschien, für die Ausgabe 2010 im Deuticke Verlag überarbeitet wurde und für das Armin Ayren das lesenswerte Nachwort geschrieben hat, unbeachtet in meinem Regal. Die Erzählung mit ihren 128 Seiten hat mich so angesprochen, dass ich sie gleich zweimal gelesen habe. Und erst beim zweiten Lesen ließen sich die Feinheiten der Charakterzeichnung besser wahrnehmen und die Chronologie der Handlung trotz der zahlreichen Zeitsprünge nachvollziehen.

Die junge und hübsche Rosina aus der österreichischen Provinz träumt vom Leben in der großen Stadt. Die Lehre hat sie noch im heimischen Kaufhaus Perner abgeschlossen, dessen Chef sie gern mal „in den Po gezwickt“ hat. Dagegen aufzubegehren war damals noch außerhalb jeglicher Vorstellungskraft. Doch sie bewirbt sich in Salzburg und ergattert tatsächlich einen Platz in einem kleinen Reiseunternehmen. Dort ist es allerdings trostlos, ganz anders als erhofft, die ältere Mitarbeiterin ist wohl auch über den hübschen Neuzugang nicht begeistert, so dass sie sich kurze Zeit später auf die Stelle einer Bürokraft im Autohaus Fellner bewirbt.

Sie bekommt die Stelle und so beginnt mit Anfang zwanzig ihre Karriere, bei der ihr nicht allein ihr Arbeitseinsatz zugute kommt – meist ist sie die letzte, die die Firma abends verlässt -, sondern auch ihr Aussehen, ihre Naivität und Unerfahrenheit. Fellner, ihr Chef und mindestens 20 Jahre älter als die junge Frau, protegiert sie, hievt sie irgendwann gar auf den lukrativen Posten der Chefsekretärin und mietet ihr schließlich ein Apartement, stellt ihr einen Wagen zur Verfügung und besucht sie einmal die Woche nach seinem Tennisabend. Die Kollegen nennen sie schließlich halb ironisch, halb respektvoll „die Chefin“.

Die große Liebe ist das nicht, obwohl Rosina eine Zeitlang tatsächlich glaubt, dass Fellner sich ihretwegen scheiden lassen würde.

Doch Rosina ist der zunehmenden Arbeitsbelastung im Büro auf Dauer nicht gewachsen. Sie arbeitet die Pausen durch, raucht wie ein Schlot, benötigt Schlaftabletten und zwischendurch immer mal einen entspannenden Schluck aus der Whiskyflasche, versteckt in ihrer Handtasche oder hinter den Aktenordnern.

Schließlich verursacht sie in angetrunkenem Zustand einen Autounfall, nach dem sie einige Monate arbeitsunfähig ist. Niemand aus der Firma besucht sie im Krankenhaus, nur der Bürobote bringt einmal Blumen im Auftrag einiger Kollegen vorbei. Ihr ist klar, dass sie, wenn sie wieder gesund ist, nicht zurück zu Fellner gehen wird.

Erzählt wird das, mit vielen Rückblenden und Zeitsprüngen, als Rosina Anfang dreißig ist und langsam, zumindest äußerlich, wieder Boden unter den Füßen und eine neue Arbeitsstelle gefunden hat, wo sie nun niemand mehr Chefin nennen wird.

Klingt das deprimierend? Nach der Lektüre spürte ich stattdessen eher eine stille Wut. Dieses schmale Werk rechnet ab mit einer Art der Arbeitswelt, in der der Mensch rein auf seine Nützlichkeit – wie eine Maschine – hin beurteilt und benutzt wird. Jeder ist ersetzbar und steht in Konkurrenz zu den KollegInnen. Also versucht Rosina, sich unersetzlich zu machen, bis zur völligen körperlichen und seelischen Überlastung.

Darüber hinaus wird nicht nur der Egoismus des Chefs, der die junge Frau ausnutzt, sondern auch der Wahn mancher Männer vorgeführt, die glauben, jede Frau dürfe berührt, betatscht und angegrabscht werden. Ein Nein wird überhört oder sorgt für Unverständnis und Aggression. Zugehört und sich für sie interessiert hat sich kaum einer der Männer, denen sie begegnet ist.

Das Spannende dabei: Rosina wird dabei keineswegs nur als Opfer der Umstände geschildert. Sie verfolgt zielstrebig ihren Plan, in der großen Stadt zu leben, obwohl sie aufgrund ihrer Sozialisation – die in einem Hotel arbeitende Mutter war allein erziehend und ihren Vater hat Rosina nie kennengelernt – nur sehr ungenaue Vorstellungen davon hat, wie das wohl sein wird. Sie weiß nur oder lässt es sich einreden, dass sie nicht als Ehefrau und berufstätige Mutter im Heimatort enden möchte.

War das ihr Leben? Hatte sie es alles gewollt, wie es verlaufen war? Hätte sie ein anderes Leben haben können? (S. 7/8)

Ihre jugendlichen Vorstellungen von einem idealen Partner, die fast zwangsläufig in Enttäuschung enden müssen, klingen eher nach Hollywood. Gleichzeitig ist sie auch ein kleiner Snob, wenn sie über einen gleichaltrigen Verehrer denkt „Wer war er denn schon?“ (S. 12) oder wenn sie sich schämt, als ihre einfach gekleidete Tante vom Land ihr Äpfel ins Fellnersche Büro bringt.

Als sie bemerkt, wie Fellner sie bevorzugt, scheut sie sich nicht, ihm von ihrem Wunsch nach einem eigenen Auto zu erzählen. Sie kann auch tough sein, so als sie beispielsweise ihren Führerschein macht, obwohl sie wenig Zeit hat.

Und nachdem der Leser/die Leserin weiß, wie sehr Rosina ihre Gesundheit in den letzten Jahren bei Fellner ruiniert hat, rührt es, wenn es nun heißt, dass sie nach Feierabend noch rasch ein paar Äpfel einkauft.

Sie, die vaterlos aufgewachsen ist, versteht jetzt, warum Männer wie Fellner für sie so anziehend sind.

Ist es die Selbstsicherheit, sind es die Umgangsformen, was zeichnete Leute wie Fellner aus, dass man sofort Zutrauen zu ihnen fasste? […] und jedes Mal hatte sie die Macht gespürt, die von diesen Leuten ausging, ein seltsames Gefühl der Geborgenheit auch, als könne ihr jetzt und hier im Dunstkreis dieses Menschen keiner etwas anhaben. (S. 42/43)

Dass dabei ihre Mädchenträume auf der Strecke geblieben sind und sie immer noch keinen wirklichen Gesprächspartner hat, ist wohl der Preis, den sie für ihr Aufwachen zahlen muss.

Die farbige Abbildung des Spiralnebels aus der Illustrierten fiel ihr ein. Sie hatte das doppelseitige Bild ausgeschnitten: Die Erde am Horizont des Mondes aufgehend, eine blaue, stellenweise etwas verschleierte Halbkugel. Sie wollte die Blätter – wenn sie einmal Zeit hätte – auf einen Karton aufziehen und irgendwohin hängen, sie ab und zu anschauen. Beim ersten Aufblättern der Gedanke: Wie unwichtig sind deine Probleme. Und nicht nur deine. Für einen Augenblick eine unerhörte Distanz, eine Befreiung. Und niemand im Raum, um mit ihm darüber zu reden. (S. 6)

Mir gefiel diese spröde, zurückhaltende und assoziative, dabei gleichzeitig präzise Art des Erzählens sehr, die alle Gefahren, ins Kitschige, Vorhersehbare oder Plakative abzurutschen, umgeht.

Keine Frage, das war für mich nicht das letzte Buch von Walter Kappacher (*1948 in Salzburg).

Gab es für sie überhaupt Grund, sich auf etwas zu freuen? Aufs abendliche Fernsehprogramm, wenn ein Spielfilm angezeigt war, der ihr vor Jahren einmal im Kino gut gefallen hatte? […] Manchmal, für Augenblicke, erwachte sie aus ihrer Isolation, in der sie sich eingerichtet hatte, und erschrak darüber, dass sie sich ganz wohl fühlte; nicht wohl, aber es war gut auszuhalten; es hätte schlimmer sein können. Wer war schon glücklich? Man brauchte nur die Gesichter der Leute anzuschauen. (S. 37)

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Eva Sternheim-Peters: Habe ich denn allein gejubelt? (1987/2015)

Diese 780 Seiten verlangen dem Leser, der Leserin nicht nur einiges in Bezug auf den Umfang des Buches ab, sondern auch inhaltlich. Doch diese Geschichtsstunde lohnt sich.

Die 1925 in Paderborn geborene Lehrerin, Dozentin und Autorin Eva Sternheim-Peters veröffentlichte bereits 1987 Die Zeit der großen Täuschungen. Mädchenleben im Faschismus. Doch niemand interessierte sich so recht dafür. 2015 erschien im Europa Verlag die um zwei Kapitel erweiterte und überarbeitete Neuauflage unter dem Titel Habe ich denn allein gejubelt? Eine Jugend im Nationalsozialismus, die wesentlich mehr Aufmerksamkeit erhielt. Der Anspruch:

Habe ich denn allein gejubelt? ist keine Autobiografie, sondern ein subjektives Geschichtsbuch, in dem zwei Jahrzehnte deutscher Innen- und Außenpolitik mit Erinnerungen, Erlebnissen, Gedanken und Gefühlen eines Kindes, einer Heranwachsenden und ihrer Umwelt belegt, politische und menschliche Verhaltensweisen damaliger Zeitgenossen weder gerechtfertigt noch entschuldigt, sondern nachvollziehbar dargestellt werden. (S. 16)

Die in einem Beamtenhaushalt aufgewachsene Sternheim-Peters umkreist ihre ersten zwanzig Lebensjahre und versucht sich Rechenschaft darüber abzulegen, wie es sein konnte, dass sie und Millionen anderer mit Liebe und kritikloser Hingabe an Volk, Führer, Vaterland und Partei glaubten, ohne dabei je den Eindruck gehabt zu haben, einer Diktatur anzuhängen. Selbst der „Heldentod“ der zwei geliebten Brüder im Krieg,  der dem so friedliebenden Deutschland ja nur aufgezwungen worden sei, brachte das ideologische Kartenhaus zunächst nicht zum Einsturz.

Für diesen Jahrgang [1925] und für wenige benachbarte Jahrgänge waren die zwölf Jahre des ‚Tausendjährigen Reiches‘ besonders lang, da sie erlebnisstarke Kindheits- und Jugendeindrücke prägten, die sich nicht ohne Identitätsverlust von der Person abtrennen und auf den Müllhaufen der Geschichte werfen lassen. (S. 17)

Und so schreibt hier eine, die weder bereit ist, ihre Jugendjahre als begeisterte und gläubige Jungmädelführerin von sich „abzutrennen“, noch die Augen verschließt vor dem, was sie nun als erwachsene Frau über den Nationalsozialismus, seine grauenhaften Verbrechen und nicht zu zählenden Opfer gelernt und verstanden hat. Sowohl die Verdrängung der nationalsozialistischen Vergangenheit als auch das Sich-noch-rasch-zum-Widerstandskämpfer-Stilisieren vieler ihrer Zeitgenossen nach dem Kriegsende widern sie an.

Sie jedoch will verstehen, wie es dazu kommen konnte.

Ich bin nicht mitgelaufen. Ich bin begeistert mitgestürmt.

Und das Traurige: Auch der Leser/die Leserin kann es nach der Lektüre in großen Teilen nachvollziehen und verstehen. Bedrückend, wie schon die frisch Eingeschulte den Abscheu vor „Juden“ verinnerlicht hat, obwohl eine ihrer Tanten sogar einen jüdischen Mann geheiratet hatte.  Wie lange sich die Illusion der Autorin gehalten hat, dass Deutsche grundanständig seien und charakterlich und kulturell himmelweit über anderen Völkern stünden. Beklommen liest man:

Große, unvergessliche Erlebnisse der Heranwachsenden sind nicht von der Hitlerjugend zu trennen: der Isenheimer Altar des Matthias Grünewald in Colmar, das Straßburger Münster, die Wartburg bei Eisenach, das Goethe-Haus in Weimar, der Schleswiger Dom, der Hamburger Hafen, die Brunnen im Oberelsass und die bunten Fachwerkdörfer des Thüringer Waldes, der Gletscherfirn der bayrischen Alpen und die rot glühend vor den kieferbewachsenen Kreidefelsen der Ostsee im Meer versinkende Sonne. (S. 274)

Damit man in der Stofffülle nicht den Überblick verliert, beginnt jedes Kapitel in der Kindheit und geht von dort chronologisch bis zum Kriegsende oder auch darüber hinaus.

Die Kapitelüberschriften lauten

  1. Zwischen den Kriegen
  2. Volksgemeinschaft
  3. Hitlerjugend
  4. Frauen
  5. Antisemitismus
  6. Eugenik – Euthanasie – Rassismus
  7. Terror und Widerstand
  8. Freunde und Feinde [Sicht auf die anderen Länder]
  9. Front und Heimatfront [Kriegsjahre]

Darüberhinaus ist das Buch natürlich doch auch ein Geschichtsbuch: Man bekommt noch einmal eine nachdrückliche Nachhilfestunde darin, wie geschickt die Nationalsozialisten darin waren, weiten Bevölkerungskreisen genau das zu geben und zu sagen, was diese haben und hören wollten. Und wie unproblematisch sie an bereits bestehende Ressentiments gegenüber Juden und Kommunisten anknüpfen konnten, im streng katholischen Paderborn damit zum Teil weit offene Türen einrannten.

Gebet für den Führer

Herrgott, steh dem Führer bei, daß sein Werk das Deine sei.

Daß Dein Werk das Seine sei, Herrgott, steh dem Führer bei!

Herrgott, steh uns allen bei. (Hermann Claudius)

E. lernte das ‚Gebet für den Führer‘ als 15-Jährige auf einem Singeleiterlehrgang der Obergauführerinnenschule und auch, dass der Text von Hermann Claudius, dem Urenkel des ‚Wandsbeker Boten‘, stammte. Matthias Claudius galt mit seinem ‚Der Mond ist aufgegangen‘ als ein Vetreter der deutschen Innerlichkeit und des deutschen Gemüts. Dass sein Urenkel sich nun ‚zum Führer bekannte‘, erschien der Heranwachsenden ein weiterer Beweis dafür, dass die deutsche Kultur bei der NS-Regierung in besten Händen war. (S. 217)

Aber auch das ist die Wahrheit: Schon die Achtjährige litt schmerzlich darunter, dass der Führer so durchschnittlich, ja eigentlich dämlich aussah. […] Natürlich vertraute sie niemandem an, dass der Führer eigentlich dämlich aussah. Nicht aus Angst! Sie schämte sich dieses Eindrucks. Liebe und Verehrung durften sich doch nicht an Äußerlichkeiten stören! Es kam schließlich auf den Wert des Menschen an. (S. 218/219)

Das Buch hätte – Umfang hin oder her – einen ausführlichen Anmerkungsapparat verdient; beim Recherchieren, wozu einen dieser Wälzer immer wieder verleitet, bin ich auf einige Ungenauigkeiten gestoßen. So wird beispielsweise versäumt anzumerken, dass der Vers in dem ohnehin ziemlich kriegslüsternen Gedicht „Heilig Vaterland“ (1914) von Alexander Rudolf Schröder ursprünglich lautete: ‚Der Kaiser hat gerufen.‘ Die Umdichtung zu ‚Der Führer hat gerufen‘ stammt nicht von Schröder, sondern von Heinrich Spitta (1936).

Auch nennt die Autorin einen in Paderborn aufgewachsenen Kriegsverbrecher Anton Kleer, der eigenhändig „circa 20.000 Menschen mit einer Phenolspritze“ getötet habe. Doch Hinweise auf einen Anton Kleer habe ich bis jetzt nicht gefunden, aber auf einen Josef Klehr.

Aber dieses Manko fällt angesichts der unglaublichen Materialfülle an zeitgenössischen Zitaten, Zeitungsausschnitten und Schilderungen des ganz „normalen“ Alltags nicht wirklich ins Gewicht. Dazu kommen Liedtexte, Hitler-Gedichte, Bekanntmachungen, Familienereignisse, Anekdoten, Kinofilme, Reflexionen und Analysen (denen man nicht immer zustimmen muss) sowie eine schier unfassliche und überaus anschauliche Erinnerungsarbeit der Autorin.

Die Leserin sieht, dass man, wenn man vergnügt und überzeugt wie ein Fisch im Wasser im großen Strom mitschwimmen konnte, alles Unliebsame – war war mit den Kindern des jüdischen Waisenhauses eigentlich passiert? – einfach ausblenden konnte, ja es überhaupt nicht einmal wahrnahm.

Ausnutzung des jugendlichen Idealismus, spürbare materielle Verbesserungen durch Abnahme der Arbeitslosigkeit, Führergläubigkeit, Opferbegeisterung, schöne Reisen, Fahrten, Gesang und organisierte Freitzeitbeschäftigungen und das künstlich erzeugte Bewusstsein, einer auserwählten Gruppe, einem auserwählten Land anzugehören sowie fehlende Gegeninformationen gingen eine nicht mehr aufzulösende Verbindung ein, bis zum bitteren Ende. Dazu kam die Tatsache, dass eben auch alle relevanten Autoritäten im Hause Peters, die Eltern, die Schulbücher, Lehrer, die Priester, Bischöfe und Schriftsteller dem System seinen Segen gaben.

Das Buch hat mir wesentliche Aspekte dieser Zeit erklärt, nachvollziehbar gemacht, dabei nichts entschuldigt, nichts oder nur wenig beschönigt, auch wenn man an der ein oder anderen Stelle gern mit der Autorin in ein Gespräch eingetreten wäre. Letztlich ist hier eine Gratwanderung gelungen, die nur durch die radikale Selbstbefragung und Ehrlichkeit der Autorin möglich geworden ist. Diese hat sich im Grunde selbst „entnazifiziert“.

Es hilft wenig…

Es hilft nichts …

Es ist geschehen, im Namen des deutschen Volkes.

Es ist geschehen, im Auftrag des Mannes, den E. verehrt und geliebt hat.

Es ist geschehen, im Namen einer Weltanschauung,

mit der sie sich alle Jahre ihrer Kindheit und Jugend im Einklang fühlte.

Es ist geschehen in ihrem Namen. (S. 279)

Hätte ich dieses Buch vor 30 oder 35 Jahren gelesen, dann wären die Gespräche mit meiner Großmutter, in denen ich sie nach ihrem Erleben der Nazi-Diktatur befragte, vermutlich fruchtbringender gewesen. Dafür ist es jetzt leider zu spät. Doch das Buch Sternheim-Peters bringt in gewisser Weise auch meine Großmutter noch einmal zum Reden. Ich beginne zu ahnen, was sich hinter ihren trotzigen Abwehrreaktionen, ihrem Schweigen, ihrem Sich-Zurückziehen, dem irgendetwas von Autobahnen-Bauen-Stammeln verborgen haben mag. Und ich verstehe, dass ich mit meiner Überheblichkeit und Rechthaberei, die ja oft auch nur dem Nichtbegreifen, der Fassungslosigkeit angesichts des Grauen geschuldet waren, genau jenes Gespräch verunmöglicht habe …

Hier noch ein Artikel, der zeigt, wie sehr dieses Buch von der Öffentlichkeit vernachlässigt und ignoriert wurde. Ich halte es, wenn man versucht, diese Zeit zu verstehen, für genauso wichtig wie die Tagebücher Victor Klemperers.

Dieser Artikel beschreibt, dass der Erfolg der Neuauflage zumindest noch zu Lebzeiten der Autorin stattfindet, auch wenn diese sich den Erfolg 30 Jahre früher gewünscht hätte, denn dann hätte sie noch eine große Lesereise unternehmen können.

Schließen möchte ich mit einem Zitat von Thomas Mann, welches Habe ich denn allein gejubelt? vorangestellt ist:

Man soll nicht vergessen und sich nicht ausreden lassen, dass der Nationalsozialismus eine enthusiastische, funkensprühende Revolution, eine deutsche Volksbewegung mit einer ungeheuren Investierung von Glauben und Begeisterung war.

Tagebucheintrag von Thomas Mann, 17. Juli 1944 (aus: Thomas Mann, Tagebücher 1944-1966, S. Fischer, 2003)

Ursula März: Tante Martl (2019)

Die Autorin und Literaturkritikerin Ursula März (*1957) hat ein hinreißendes Buch über ihre Patentante geschrieben. Die Eckdaten dieses Lebens werden uns gleich zu Beginn mitgeteilt, nachdem wir im Vorübergehen erfahren haben, wie Telefongespräche mit Tante Martl ablaufen und wie diese zu Thomas Gottschalk steht, den sie nur „de dumm Lackaff“ nennt.

Meine Tante war Lehrerin von Beruf. Sie heiratete nie und hatte keine Kinder. Außer ein paar Jahren während des Zweiten Weltkrieges und der Nachkriegszeit verbrachte sie ihr gesamtes Leben in ihrem Elternhaus in der westpfälzischen Kleinstadt Zweibrücken. Der einzige Wechsel ergab sich nach dem Tod ihrer Eltern, als meine Tante aus ihrer Wohnung im Erdgeschoss in das nun frei gewordene Obergeschoss zog. Danach verbrachte sie noch 38 Jahre allein in dem Haus, in dem sie an einem Junisonntag im Jahr 1925 geboren worden war. Sie war eine materiell unabhängige, interessierte und gebildete Frau, die schon in den Fünfzigerjahren ein eigenes Auto und immer ein eigenes Bankkonto besaß, die leidenschaftlich gern verreiste, mit kribbelnder Vorfreude ihre Touren in Mittelmeerländer, ins Gebirge und sogar ans Nordkap plante. Aber sie unternahm nie einen Versuch, sich vom Elternhaus zu lösen, zumal von einem Vater, der sie rücksichtslos spüren ließ, dass er sie nicht gewollt hatte. (S. 8/9)

Tante Martl war die jüngste von drei Schwestern (eine davon die Mutter der Autorin), von denen die zwei anderen immer wie selbstverständlich davon ausgingen, dass Martl eher so Dienstbotenstatus habe und und dass es Martl sei, die sich trotz ihrer Berufstätigkeit um die alten Eltern zu kümmern habe.

Selbst als die drei Schwestern schon ältere Frauen sind, wollen sie Martl nicht erlauben, sich von einer alten Wanduhr in ihrer Wohnung zu trennen, die schließlich schon immer im Elternhaus gestanden habe. So lebt Martl jahrelang mit einem Möbelmonstrum in ihrer Wohnung. Wie sie sich schließlich doch davon befreit, ist nur eine der unterhaltsamen und gleichzeitig anrührenden Geschichten in diesem Buch.

Abgesehen davon, dass schon allein die Bekanntschaft mit der keineswegs immer liebenswürdigen „Tante Martl“ für den Leser/die Leserin lohnt, war für mich eine weitere Besonderheit an diesem Buch, dass ich trotz aller Individualität, die jedes Leben ausmacht, doch viel über die Generation meiner Großeltern darin wiedergefunden habe. Die Frage, welche Schulbildung man seinen Töchtern zubilligt. Die Prägung durch ein autoritäres Elternhaus, in dem der Vater, der es unter Hitler bis zum Gefängnisdirektor bringt, sich unwidersprochen als Despot aufführen darf, sich in seiner Männerehre getroffen fühlt, als Martl die unverzeihliche Schuld auf sich lädt, nicht als Sohn auf die Welt zu kommen. So lässt er sie zunächst auf dem Standesamt als Martin eintragen, in der Hoffnung, dass sich das Universum seinen Wünschen vielleicht doch noch beugt.

Eine Kränkung, die Martl nie verwinden wird, und als sie im Alter langsam dement wird und sie so vieles schon vergessen hat, bricht sich die Traurigkeit darüber, nie vom Vater gewollt und anerkannt gewesen zu sein, noch einmal mit vielen Tränen Bahn.

Sie wird im Gegensatz zur Lieblingstochter füchterlich verprügelt, bis manchmal die Mutter mit den Worten dazwischengeht, er solle jetzt mal besser aufhören, sonst würde er sie noch totschlagen.

Vermutlich ist es ihm nie seltsam erschienen, dass es gerade Martl war, die sich später um ihn kümmerte, als er im Alter auf Pflege angewiesen war.

Die Irrationalität und Ungerechtigkeit im Umgang mit den Töchtern wirken sich natürlich auf deren weiteres Leben aus. Die Lieblingstochter Rosa ist später oft vom Leben überfordert und flüchtet sich lieber in Krankheiten und die Geschichten um den europäischen Adel in diversen Klatschmagazinen, schließlich ist sie auf nichts anderes vorbereitet worden.

Doch auch dieses Frauenschicksal ist nicht ohne den geschichtlichen Hintergrund zu sehen und zu verstehen. Rosa heiratete im Frühsommer 1944. Nach einer Woche Hochzeitsurlaub musste ihr Mann zurück zu seiner Einheit. Rosa erkrankte im Spätherbst 1944 an einer schweren Hepatitis. Als sie im Januar 1945 die Nachricht erhielt, dass er in Oberitalien bei einem Angriff eines Lazaretts – er war Arzt – ums Leben gekommen war, lag sie noch im Krankenhaus.

Ab dieser Zeit nahm sie die Position der überempfindlichen, von jedem Lüftchen bedrohten und kaum belastbaren Frau ein, die um Hilfe ruft, wenn eine große Bratpfanne von der Herdplatte gehoben werden muss. (S. 71)

Auch der Reinlichkeitswahn der ältesten Schwester Bärbel kommt vermutlich nicht von ungefähr. Als erwachsene Frau begeistert sie sich schließlich für das Desinfektionsmittel Sakrotan.

Sie kaufte Flaschen davon im Dutzend und fand im Desinfizieren des Haushalts große Befriedigung. Wenn ich bei ihr in Kaiserslautern zu Besuch war und mir vor dem Essen die Hände wusch, wartete sie ungeduldig, bis ich fertig war, sie einen Putzschwamm mit Sakrotan begießen und das Waschbecken ausreiben konnte. (S. 33)

März schafft es, uns diese Frauen nahezubringen, indem sie Geschichten, die in der Familie überliefert wurden, in Bezug setzt zu ihrer eigenen Beziehung zu Tante Martl und den vielen Gesprächen, die die beiden miteinander geführt haben. Dazu kommen zahlreiche, wunderbar ausgewählte und aussagekräftige Erinnerungen der Autorin, die auch die andauernden und oft nur unterschwellig ausgetragenen Familienkonflikte mit in den Blick nehmen und dem Ganzen eine große Unmittelbarkeit und Anschaulichkeit verleihen.

Gleichzeitig bleibt das Buch durchlässig auf die Leerstellen und Widersprüchlichkeiten, die sich bei der Beschreibung dieses Lebens zeigen. Wer machte das wunderschöne Foto von ihrer ca. zwanzigjährigen Tante, auf dem sie wie auf keinem anderen glücklich und mit sich im Reinen in die Kamera schaut? Warum hat sie sich selbst als erwachsene Frau von ihren Schwestern den Wunsch nach einem Hund ausreden lassen, von dem sie doch ihr ganzes Leben geträumt hat?

Wie lassen sich die Unterwürfigkeit Tante Martls gegenüber der Familie und ihr Wunsch, in Restaurants immer auf den schlechtesten Plätzen zu sitzen, in Einklang bringen mit ihrer Emanzipation? Sie war die einzige der drei Schwestern, die eine überregionale Zeitung las, Auto fahren, einen Handwerker herbeibeordern und ihre Geldgeschäfte selbstständig regeln konnte. Und überhaupt: Eigentlich hieß sie Martina, wurde aber von allen immer nur als Tante, also in Relation zu ihrer Familie, bezeichnet.

Wie war die oft schroffe Frau als Lehrerin? Schließlich kommen zur Beerdigung viele ihrer ehemaligen HauptschülerInnen, von denen sich einer mit besonderer Dankbarkeit an sie erinnert.

Und manche der Szenen sind einfach unglaublich komisch und zeigen, zu welchen Absurditäten das ganz „normale“ Familienleben immer wieder führen kann.

Eine besonders schöne Stelle beschreibt, wie die Autorin als Kind mit ihrer ca. vierzigjährigen Tante auf einem Jahrmarkt unterwegs ist. Das Kind möchte so gern, dass Tante Martl einmal zusammen mit ihr mit dem Kettenkarussell fährt.

‚Isch will net‘, wehrte sie barsch ab, ‚isch bin doch ke Hanswurscht, wo sisch vor de Leut blamiert.‘ (S. 34)

Das Kind schafft es mit einem Trick, dass der Tante nichts anderes übrigbleibt, als in das Karussell zu steigen, andernfalls wären noch viel mehr Menschen auf das Gerangel der beiden aufmerksam geworden.

Es begann sich zu drehen, nach ein paar Metern schwebten wir über dem Boden, bei der nächsten Runde lag das Kirmesgelände schon weit unter uns. Ich schaute zu meiner Tante hinüber und hoffte, es würde ihr nicht schwindlig oder übel. Mit den Händen umklammerte sie ängstlich die seitlichen Metallgriffe des Sessels, aber in ihrem Gesicht sah ich den lachenden  Jubel, nach dessen Ausdruck ich mich gesehnt hatte. (S. 35)

Auf der Homepage des Deutschlandfunk gibt es ein Interview mit der Autorin.

Und Lena Riess hat das Buch ebenfalls gelesen.

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Marjorie Hillis: Live Alone and Like it (1936)

Das Buch ist ein großer Spaß und – wenn man das Jahr der Erstveröffentlichung anschaut – sehr moderner Ratgeber mit vielen Beispielen, der allen freiwillig oder unfreiwillig ledigen Frauen Mut machen soll, ihr Leben, ihr Erscheinungsbild, ihren Beruf, ihre Finanzen und kulturelle Entwicklung selbst in die Hand zu nehmen, anstatt zu hoffen, dass es ein anderer für sie tun wird.

Und auch wenn sich vieles seitdem verändert hat, ist Hillis freches und fröhliches Plädoyer gegen Selbstmitleid und ihr Aufruf zur Übernahme der Verantwortung für das eigene Leben an vielen Stellen zeitlos, oft auch klug und ein echtes Lesevergnügen.

It’s a good idea, first of all, to get over the notion (if you have it) that your particular situation is a little bit worse than anyone else’s.  This point of view has been experienced by every individual the world over at one time or another, except perhaps those who will experience it next year. (S. 13)

Die Autorin Marjorie Hillis (1889–1971) arbeitete über 20 Jahre für die VOGUE und schrieb mehrere erfolgreiche Ratgeber für Frauen und Live Alone and Like It war eines der erfolgreichsten Bücher der dreißiger Jahre.

2005 erschien die deutsche Übersetzung von Sabine Hübner unter dem Titel Live alone and like it: Benimmregeln für die vergnügte Singlefrau.

Inge Jens: Unvollständige Erinnerungen (2009)

Inge Jens (*1927): Studium, Promotion, Lehraufträge, Mitarbeit bei Verlagen und Rundfunk, Literaturwissenschaftlerin, Mitarbeiterin ihres Mannes, Herausgeberin der Tagebücher Thomas Manns und dessen Briefwechsels mit Ernst Bertram, intensive Beschäftigung mit der Geschichte ihrer Wahlheimat und deren Universität Tübingen, Edition der Aufzeichnungen und Briefe der Geschwister Scholl. Gemeinsame Arbeit mit ihrem Mann Walter Jens (1923 – 2013) an Frau Thomas Mann und Katias Mutter. 

2013 wird Am Schreibtisch. Thomas Mann und seine Welt veröffentlicht und 2016 erscheint Langsames Entschwinden, das ihre Erfahrungen im Leben mit ihrem an Demenz erkrankten Ehemann zum Thema hat.

2009 schließlich veröffentlicht sie ihre autobiografischen Erinnerungen, die von vornherein nicht auf Vollständigkeit oder gar zu intime Einblicke in ihr Privatleben angelegt sind.

Schon das Vorwort ihrer Unvollständigen Erinnerungen ist typisch für die Autorin.

Es zeigt Inge Jens als reflektiert, nüchtern, rational, präzise, fast ein wenig distanziert, diskret. Zunächst einmal versucht Inge Jens, sich darüber Rechenschaft abzulegen, warum sie dieses Buch, das zunächst eher als ein Zeitvertreib gedacht gewesen sei, geschrieben hat.

Weil ich merkte, dass es mir Spaß machte, mich mit mir selbst zu beschäftigen. Das war eine unerwartete Erfahrung. Ich bin immerhin 82 Jahre alt und habe mich, soweit ich weiß, noch nie sehr intensiv für mich interessiert. (S. 9)

Bei so einem Lebensrückblick gehe es Menschen darum,

zu versuchen, sich am Ende ihres Daseins der Erlebnisse und Erfahrungen zu erinnern, die sie prägten und die es ihnen wert schienen, aufbewahrt und weitergegeben zu werden. (S. 9)

Ein Auslöser seien außerdem die Diskussionen bei und nach öffentlichen Veranstaltungen gewesen, die oft dazu geführt hätten, dass sie gebeten wurde, das, was sie persönlich erlebt habe, doch auch aufzuschreiben.

Aber es gibt noch einen weiteren Grund: Nach 57 Jahren nie abreißender Gespräche bin ich allein – ohne den Menschen, mit dem sich über alles auszutauschen mir so selbstverständlich war wie essen und trinken oder atmen. Mein Mann ist seit langer Zeit schwer krank. Seit gut zwei Jahren kann er weder lesen noch schreiben. Eine Unterhaltung mit ihm ist nicht mehr möglich. (S. 11).

Doch dieses Zurückblicken habe erstaunlicherweise Kräfte freigesetzt, die auch ihren Blick auf die Gegenwart verändert hätten.

Die Rückschau auf mein Leben verbietet mir, mit dem Heute zu hadern. Auf die Frage: ‚Warum muss das sein, warum trifft es gerade uns?‘, wüsste ich zwar auch jetzt noch keine Antwort zu geben. Aber – und das wurde mir schlagartig bewusst – diese Frage zöge unweigerlich eine zweite mit sich, die ich ebenso wenig wie die erste beantworten könnte. Denn sie müsste lauten: Warum denn ist es gerade mir – uns – so lange so ungeheuer gut ergangen? Warum war es gerade uns vergönnt, ein so interessantes, erfülltes und – trotz mancher Schwierigkeiten – glückliches Leben zu führen? (S. 12)

Inge und Walter Jens, die beide aus Hamburg stammten, hatten sich während des Studium in Tübingen kennengelernt.

In diesem Dokument der Zeitgeschichte erfahren wir nicht nur, wie Inge Jens den Krieg und die Indoktrination der Nationalsozialisten erlebte. Als sie nach dem Krieg von Konzentrationslagern hört, kann sie das im ersten Moment nur als Feindpropaganda abtun.

Dann die Begeisterung der Studentin, die sich zwar von ihrem Traum eines Medizinstudiums verabschiedet, aber letztendlich völlig in der ihr bisher unbekannten

Vielfalt menschlicher Denk- und Lebensmöglichkeiten [aufgeht und] Vergnügen an dem Versuch [hatte], anderes, teilweise auch Fremdes, zu verstehen und in die eigenen Überlegungen einzubeziehen. (S. 55)

Genauso erinnert sie sich auch daran, wie sich später die Proteste der Studentenbewegung in Tübingen äußerten und wie die einzelnen Professoren damit umgingen.

Inge und Walter Jens teilten ihre pazifistische Grundeinstellung, die bei Inge Jens auf ihre Erfahrungen während des Zweiten Weltkrieges zurückging. Beide waren später in der Friedensbewegung (Stichwort Mutlangen) aktiv und pflegten viele Kontakte in die ehemalige DDR.

Die Fehler, die dann bei der Wiedervereinigung gemacht wurden, konnte man schon erkennen, als Walter Jens nach seiner Emeritierung 1989 die Stelle als Präsident der Akademie der Künste zu Berlin annahm und das Ehepaar aufregende und kulturell bereichernde Jahre in Berlin verlebte.

Ich habe diese Erinnerungen mit Respekt vor der Belesenheit und Ebenbürtigkeit der Ehepartner und ihrer Jahrzehnte langen gegenseitigen Inspiration gelesen. Und auch wenn Inge Jens angeberisches Name Dropping sicherlich zuwider ist, schimmert natürlich durch, dass kluge Menschen eben wieder andere kluge Menschen kennenlernen, sei es durch die Arbeit an den verschiedensten Projekten, sei es durch Walter Jens‘ Kontakte zur Gruppe 47 oder durch das politische Engagement. Stellvertretend und völlig willkürlich seien hier nur Hans Mayer, Ernst Rowohlt, Vicco von Bülow, Dietrich Fischer-Dieskau oder Golo Mann genannt.

Wie ich am Anfang schon schrieb, dies ist ein diskretes Buch, persönliche Katastrophen wie zwei verstorbene Kinder werden kurz erwähnt, reflektiert und dann geht es bereits weiter mit eher beruflich bedingten Fragestellungen. Das ist zum einen sicherlich dem Interesse an der eigenen Arbeit geschuldet, zum anderen scheint Inge Jens nicht das Bedürfnis zu haben, sich unentwegt in den Mittelpunkt stellen zu müssen. Allerdings wirkt das Buch dadurch manchmal ein wenig unpersönlich.

Dennoch hat mich dieser Gang durch über ein halbes Jahrhundert deutsche Geschichte fasziniert. Und mit dem letzten Kapitel, in dem sie über die Erkrankung ihres Mannes schreibt, hat Inge Jens mich dann endgültig für sich und ihr Buch eingenommen. Ehrlich und anrührend.

Ach, und Lust auf nähere oder erneute Beschäftigung mit Katia Mann oder Hans und Sophie Scholl und auf einen Tübingen-Besuch macht das Buch natürlich auch.

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Betty Smith: A Tree Grows in Brooklyn (1943)

Heute geht es um den in weiten Teilen autobiografischen, sehr erfolgreichen und später auch verfilmten, fast 500 Seiten langen Roman A Tree Grows in Brooklyn (1943) von Betty Smith.

Smith (1896-1972) verarbeitet in ihrem Debütroman, der ursprünglich als Autobiografie angelegt war, Erinnerungen an ihre eigene entbehrungsreiche Zeit als Kind armer deutscher Einwanderer in Brooklyn Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts.

Im Zentrum stehen die Geschicke der Familie Nolan, allen voran die 1901 geborene Francie, ihr ein Jahr jüngerer Bruder Cornelius und ihre Mutter Katie, deren Eltern aus Österreich stammen, und Vater Johnny aus Irland.

Johnny, mit 21 schon zweifacher Vater, ist liebenswert, musikalisch begabt, gut aussehend und mit seiner familiären Verantwortung völlig überfordert. Tante Sissy hingegen, die Schwester Katies, ist einfach wundervoll in ihrer großzügigen Menschenliebe, auch wenn sich die nicht immer mit den Grundsätzen der katholischen Kirche in Übereinstimmung bringen lässt.

Die Nolans sind arm wie fast alle in diesem Stadtteil und auf den ersten Seiten erfahren wir, wie Francie und Cornelius, der von allen nur Neeley genannt wird, ihren samstäglichen Gang zum Schrotthändler machen, um für das während der Woche gesammelte Papier, Metall und Gummi ein paar Cent zu bekommen. Den Lebensunterhalt verdient im Wesentlichen Francies Mutter, indem sie in mehreren Mietskasernen putzt, während Johnny nur unregelmäßig etwas Geld als Kellner verdient und immer mehr dem Alkohol verfällt.

Obwohl vor allem Francies Kindheit und Jugend im Mittelpunkt stehen, ist für mich die toughe Mutter Katie die eigentliche Heldin des Buches.

Gradually, as the children grew up, Katie lost all of her tenderness although she gained in what people call character. She became capable, hard and far-seeing. She loved Johnny dearly but all the old wild worship faded away. […] Katie had the same hardships as Johnny and she was nineteen, two years younger. It might be said that she, too, was doomed. Her life, too, was over before it began. But there the similarity ended. Johnny knew he was doomed and accepted it. Katie wouldn’t accept it. She started a new life where her old one left off. She exchanged her tenderness for capability. She gave up her dreams and took over hard realities in their place. Katie had a fierce desire for survival which made her a fighter… (S. 97)

Manchmal ist das Geld so knapp, dass Katie mit ihren Kindern tagelang „Expedition zum Nordpol“ spielt, bei der sie alle während eines Schneesturms in einer Höhle festsitzen. Die Lebensmittelvorräte sind knapp.

They had to make it last till help came. Mama divided up what food there was in the cupboard and called it rations and when the children were still hungry after a meal, she’d say, „Courage, my men, help will come soon.“ When some money came in Mama bought a lot of groceries, she bought a little cake as celebration, and she’d stick a penny flag in it and say, „We made it, men. We got to the North Pole.“ (S. 218)

Katie würde niemals Almosen einer Wohltätigkeitsorganisation akzeptieren, eher schon würde sie den Gashahn in der Wohnung aufdrehen.

Sie ist entschlossen, ihren Kindern das zu geben, was sie und ihre Schwestern niemals hatten, nämlich eine anständige Schulbildung, „education“. Und so wachsen Francie und Neeley, deren Großmutter noch Analphabetin ist, mit zwei Büchern auf: einer aus einem Hotel stammenden Gideon-Bibel und einem ausrangierten Büchereibuch, den gesammelten Werken Shakespeares. Fantasie, Literatur und das Schreiben eigener Geschichten werden so schon früh Francies Ausweg aus Einsamkeit und Armut.

Sometimes Francie wavered. She didn’t know whether it would be better to be a band when she grew up or an organ grinder lady. It would be nice if she and Neeley could get a little organ and a cute monkey. All day they could have fun with him for nothing and go around playing and watching him tip his hat. And people would give them a lot of pennies and the monkey could eat with them and maybe sleep in her bed at night. This profession seemed so desirable that Francie announced her intentions to Mama but Katie threw cold water on the project telling her not to be silly; that monkeys had fleas and she wouldn’t allow a monkey in one of her clean beds. (S. 115)

Katie ist eine Frau, die sich keinerlei Selbstmitleid erlaubt, hart gegen sich und gegen andere, wenn sie glaubt, dass das für alle langfristig das Bessere ist. Überhaupt ist das Buch gänzlich unsentimental, auch da, wo Einsamkeit, Sehnsucht und der erste Liebeskummer Francies erzählt werden.

Francie liebt die Schule und ist immer eine sehr gute Schülerin:

Francie like school in spite of all the meanness, cruelty, and unhappiness. The regimented routine of many children, all doing the same thing at once, gave her a feeling of safety. She felt that she was a definite part of something, part of a community gathered under a leader for the one purpose. (S. 163)

Dabei schreien die Abgestumpftheit und die fehlende Empathie der meisten Lehrerinnen zum Himmel. Immer wieder kommt es zu scheußlichen Situationen. Die Kinder sollen beispielsweise eigentlich während der Pause die (viel zu wenigen) Toiletten benutzen, doch die werden von den zehn schlimmsten Schultyrannen bewacht, und nur gegen ein Entgeld lassen sie ihre Mitschüler auf die Toilette. Doch das kann sich kaum ein Kind leisten. Theoretisch darf man – nachdem man die Lehrerin um Erlaubnis gebeten hat – auch während des Unterrichts kurz den Raum verlassen, doch seltsamerweise sieht die Lehrerin immer nur die Meldungen der nicht ganz so armen und besser gekleideten Kinder.

Mit 14 muss Francie die Schule verlassen, ebenso wie ihr ein Jahr jüngerer Bruder. Das Geld ist nach dem Tod Johnnys so knapp, dass sich die Geschwister als älter ausgeben müssen, als sie sind, um Arbeit zu finden. Damit rückt Francies Traum, die High School zu besuchen, um anschließend studieren zu können, erst einmal in weite Ferne.

Die Geschichte endet 1918 und entlässt die Nolans in eine glücklichere Zukunft, symbolisiert durch den ‚tree of heaven‘, den Götterbaum, der im Hinterhof ihrer Mietskaserne gestanden hat.

The tree whose leaf umbrellas had curled around, under and over her fire escape had been cut down because the housewives complained that wash on the lines got entangled in its branches. The landlord had sent two men and they had chopped it down. But the tree hadn’t died … it hadn’t died. A new tree had grown from the stump and its trunk had grown along the ground until it reached a place where there were no wash lines above it. Then it had started to grow towards the sky again. (S. 493)

Fazit

Anna Quindlen weist in ihrem Vorwort der englischen Ausgabe zu Recht darauf hin, dass der Stil des Buches sehr einfach ist:

It is not a showy book from a literary point of view. […] Its glory is in the clear-eyed descriptions of its scenes and people. […] There is little need for embellishment in these stories; their strength is in the simple universal emotion they evoke.

Die Frage, aus welcher Perspektive sie erzählen will, hat die Autorin an manchen Stellen nur unzureichend gelöst, und so wechseln sich personale, psychologisch überzeugende, anrührende Stellen mit manchmal unbeholfen wirkenden auktorialen Abschnitten ab, bei denen Inhalte referiert werden.

Brutalizing is the only adjective for the public schools of that district around 1908 and ’09. Child psychology had not been heard of in Williamsburg in those days. Teaching requirements were easy: graduation from high school and two years at Teachers Training School. Few teachers had the true vocation for their work. (S. 153)

Trotz dieser kleinen stilistischen Schwächen habe ich das Buch gern gelesen. Das ist einfach eine mitreißende Fundgrube an Geschichten und Schicksalen. Die Nolans stehen stellvertretend für viele Tausende Einwandererkinder, die in Amerika ihren Platz gesucht und letztlich gefunden haben. Und natürlich bietet es sich an, Parallelen zu heutigen Einwanderer- und Immigrantenschicksalen zu ziehen.

Das Buch bietet aber nicht nur einen spannenden Einblick in das Schicksal armer Immigranten und in einen ganzen Stadtteil mit seinen Bewohnern, Kneipen und kleinen Läden, sondern verkörpert auch das amerikanische Credo, dass man sich – wie man an Katie sieht – in äußerst widrigen Situationen Stolz und Würde bewahren könne und dass man selbst die Verantwortung für sein Leben übernehmen muss.

Wikipedia schreibt: „… its main theme is the need for tenacity: the determination to rise above difficult circumstances.“ Und nicht zuletzt feiert es den Zusammenhalt in der Familie, unsentimental, ja manchmal geradezu harsch.

Doch dabei werden die Fallstricke auf dem Weg in eine hellere Zukunft, wie z. B. die überstürzte Wahl eines ungeeigneten Ehepartners, Vorurteile, miserable Schulen und bornierte Vertreter der Mittelschicht, nicht verschwiegen. In einer der Schlüsselszenen beschreibt Smith zum Beispiel, wie Francie nicht länger die kitschig verlogenen Geschichten schreiben will, die ihr in der Schule immer Bestnoten eingetragen haben, sondern beginnt, ihren Alltag zu verarbeiten, die Armut, den Alkoholismus ihres Vaters. Ihre Lehrerin ist empört:

‚But poverty, starvation and drunkenness are ugly subjects to choose. We all admit these things exist. But one doesn’t write about them.‘ (S. 321)

‚Drunkenness is neither truth nor beauty. It’s a vice. Drunkards belong in jail, not in stories. And poverty. There is no excuse for that. There’s work enough for all who want it. People are poor because they’re too lazy to work. There’s nothing beautiful about laziness. (Imagine Mama lazy!) ‚Hunger is not beautiful. It is also unnecessary. We have well-organized charities. No one need go hungry.‘ Francie ground her teeth. Her mother hated the word ‚charity‘ above any word in the language and she had brought up her children to hate it, too. (S. 322)

Der Roman war schon bald nach seiner Veröffentlichung unglaublich erfolgreich und wird auch heute noch auf unzähligen englischsprachigen Blogs besprochen.

The book sold 300,000 copies in the first six weeks after it was published. A Tree Grows in Brooklyn is now considered an essential part of American literature. As an indispensable classic, Smith’s book appears on reading lists across the country. It has profoundly influenced readers from all walks of life – young and old alike. The New York Public Library even chose the book as one of the „Books of the Century“  (siehe hier).

1945 wurde der Roman übrigens von Elia Kazan verfilmt.

Doch selbst nach der Veröffentlichung gab es noch Leser, die so dachten wie die Lehrerin im Buch, die Francie ja hatte verbieten wollen, über reale Erfahrungen zu schreiben:

Because Smith wrote about some of the more unsavory aspects of human existence, some critics found the book unacceptable. One Boston woman even wrote a letter to Smith saying that the author of such a book should live in a stable. (siehe hier)

Anlässlich der Neuübersetzung von Eike Schönfeld im Insel Verlag gab es  Besprechungen auf mehreren Blogs:

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Molly Keane: Good Behaviour (1981)

Da ersteht man irgendwo – ich weiß schon gar nicht mehr wo – zufällig ein Secondhand-Exemplar eines Romans von einer irischen Schriftstellerin namens Molly Keane, die man bis dahin gar nicht auf dem Schirm hatte, und ehe man sich versieht, hat man ein Buch gelesen, das der kleinen Riege der Lieblingsbücher zugefügt wird.

Es beginnt – scheinbar ganz unspektakulär – damit, dass die Ich-Erzählerin, die 57-jährige Aroon St. Charles, aus vornehmer, aber verarmter anglo-irischer Familie, ihrer bettlägrigen Mutter das Essen bringt, hübsch angerichtet auf liebevoll dekoriertem Tablett.

Rose, schon seit ihrer Jugend Dienstmädchen in der Familie, weist noch darauf hin, dass die sich die alte Dame doch schon immer vor Kaninchenfleisch geekelt habe. Doch Aroon nimmt darauf keine Rücksicht. Und tatsächlich: Aroons Mutter wird übel, sie verstirbt noch während des Essens. Rose macht Aroon daraufhin ganz fürchterliche Vorwürfe, denen wir im Stillen sofort zustimmen.

Es scheint für den Leser also schon nach wenigen Seiten klar zu sein, wie egozentrisch und manipulativ, ja eiskalt Aroon doch ist. Und die merkwürdige Reaktion Aroons auf die wüsten Anschuldigungen von Rose tun ein Übriges.

Yes, she [Rose] stood there across the bed saying all these obscene, unbelievable things. Of course she loved Mummie, all servants did. Of course she was overwrought. I know all that – and she is ignorant to a degree, I allow for that too. Although there was a shocking force in what she said to me, it was beyond all sense or reason. It was so entirely and dreadfully false that it could not touch me. I felt as tall as a tree standing above all that passionate flood of words. I was determined to be kind to Rose. And understanding. And generous. I am her employer,  I thought. I shall raise her wages quite substantially. She will never be able to resist me then, because she is greedy. I can afford to be kind to Rose. She will learn to lean on me. There is nobody in the world who needs me now and I must be kind to somebody. (S. 8/9)

Man spürt, irgendetwas wird hier verdrängt und schöngeredet. Doch was genau?

And I do know how to behave – believe me, because I know. I have always known. All my life so far I have done everything for the best reasons and the most unselfish motives. I have lived for the people dearest to me, and I am at a loss to know why their lives have been at times so perplexingly unhappy. I have given them so much, I have given them everything, all I know how to give – Papa, Hubert, Richard, Mummie. At fifty-seven my brain is fairly bright, brighter than ever I sometimes think, and I have a cast-iron memory. If I look back beyond any shadow into the uncertainties and glories of our youth, perhaps I shall understand more about what became of us. (S. 9/10)

Ja, und genau das tut Aroon. Sie erinnert sich an ihre Kindheit und Jugend und an ihre Zeit als junge Frau.

Ihr Vater ein Verschwender, Liebhaber unzähliger Frauen, ausschließlich interessiert an Pferden, Jagd und gutem Essen, dem es nicht in den Kopf geht, dass einfache Leute wie der Automechaniker oder der Weinlieferant die Dreistigkeit haben, ihn mit unbezahlten Rechnungen die Stimmung zu verderben anstatt dankbar zu sein, ihm zu Diensten sein zu dürfen. Trotzdem schafft er es, eine Art Beziehung zu seinem Sohn Hubert und seiner Tochter Aroon aufzubauen. Zumindest, wenn die Kinder mutig auf ihren Pferden dahinjagen.

Aroons Mutter lebt nur für ihre Kunst; unbezahlte Rechnungen, die spätestens nach dem Tod ihres Ehemannes immer drängender werden, stopft sie einfach in eine Schublade. Problem erledigt. Und obwohl in dieser Familie niemand gewalttätig wird, dürfte „Mummy“ mir als eine der schauderhaftesten Mutterfiguren der Literatur in Erinnerung bleiben.

Die Kinder werden älter, durch ihren Bruder Hubert lernt Aroon den Nachbarssohn Richard näher kennen. Die beiden Familien hatten einst dasselbe liebevolle Kindermädchen, das sich – der Leser weiß warum – eines Tages im See ertränkt hat.

Mehr soll hier zum Inhalt gar nicht gesagt werden, da jede Seite eine neue Facette dieses dysfunktionalen, nur auf den äußeren Schein bedachten Familienlebens offenlegt. Ich weiß jedenfalls nicht, wann ich das letzte Mal eine so unter die Haut gehende und dabei absolut glaubwürdige Charakterschilderung gelesen habe. Und es wird dabei offensichtlich, was passiert, wenn über die wesentlichen Themen nicht geredet werden darf, entweder weil dann die hübschen Lebenslügen der Wohlanständigkeit offenbar würden oder weil man menschlich so verarmt ist, dass man im Grunde tatsächlich nichts mehr zu sagen hat. Alles, sogar die Trauer, wird unter dem Deckmantel des „Good Behaviour“ zugedeckt. Selbst wenn der Mantel dabei ordentlich verrutscht.

Am Ende ist Aroon eine beschädigte Frau, die vieles nicht sehen oder verstehen will und schließlich auch nicht mehr erkennen kann, wo ihr Glück vielleicht hätte liegen können. Man hätte ihr das anders gewünscht.

Darüber hinaus ist der Roman auch spannend, man wird – auch von der intensiven Stimme dieser Ich-Erzählerin, die keinen Hehl aus ihren Sympathien und  Antipathien macht und eine scharfe und bissige Beobachterin ist – vorwärtgetrieben, sodass die Lektüre keineswegs so deprimierend und trostlos ist, wie man anhand des Inhalts vielleicht vermuten könnte, zumal sie schöne Momente wie das Tanzengehen mit ihrem Bruder oder Richard und gutes Essen in vollen Zügen genießen kann.

Und es ist faszinierend zu sehen, wie Aroon, die uns das doch alles erzählt, so selten die richtigen Schlüsse aus dem Erlebten ziehen kann, ohne dass wir sie deswegen verachten oder für dumm halten würden. Ein gelungener Balanceakt.

Molly Keane (1904-1996) hat es mit ihrem Roman Good Behaviour von 1981, der auf Deutsch unter dem Titel Eine böse Geschichte erschien,  auf die Shortlist des Booker Prizes geschafft. Und die mehrmalige Booker Prize-Trägerin Hilary Mantel wünscht dem Buch noch viel mehr Aufmerksamkeit:

A real work of craftmanship, where the heroine is also the narrator, yet has no idea what is going on. You read it with mounting horror and hilarity as you begin to grasp her delusion.

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Claire Tomalin: A Life of My Own (2017)

Was haben Charles Dickens, Thomas Hardy, Samuel Pepys, Jane Austen, Katherine Mansfield und Mary Wollstonecraft gemeinsam? Nun, zu jedem und zu jeder dieser AutorInnen hat die mit diversen Preisen ausgezeichnete Literaturkritikerin Claire Tomalin (*1933) eine Biografie geschrieben.

Doch in ihrem 2017 erschienenen Werk A Life of My Own macht die Autorin ihr eigenes Leben zum Thema. Und ein interessantes Leben ist das, ganz ohne Frage.

Writing about myself has not been easy. I have tried to be as truthful as possible, which has meant moving between the trivial and the tragic in a way that could seem callous. But that is how life is. Even when you are at the worst moments and would like to give all your attention to grief, you still have to clean the house and pay the bills; you may even enjoy your lunch. (S. IX)

Tomalin beginnt mit der Ehe ihrer Eltern, die sich früh haben scheiden lassen. Zunächst geht es um die – gelinde gesagt – komplizierte Beziehung zu ihrem französischen Vater Émile Delavenay, der keine nennenswerten Gefühle für seine Tochter entwickeln konnte.

Ihre Mutter Muriel Herbert, eigentlich eine begabte Komponistin und Pianistin, verdient den Lebensunterhalt für sich und ihre zwei Töchter und umgibt diese mit großer Liebe, sie bringt ihnen Schwimmen und Fahrradfahren bei, fährt mit ihnen sogar in Urlaub. Und das spärliche Taschengeld wird von Claire gleich wieder in Bücher umgesetzt.

At home we cooked, ate and did our homework on one table. In the bedroom each of us had a window next to our bed, and I used my window ledge for my books. Over the months the pile grew and gradually blocked out more and more of the window. I read under the bedclothes when I was supposed to be asleep. (S. 49)

Gelesen wird so ziemlich alles, was das Kind in die Hände bekommt; seien es nun Gedichte von Keats oder eine Biografie über Queen Elizabeth; zum elften Geburtstag schenkt ihr die Mutter die gesammelten Werke von Shakespeare. Und es dauert nicht lange, bis Claire selbst beginnt, Sonnette zu schreiben.

Soon I was turning out sonnets by the dozen. (S. 49)

Zu ihrem 13. Geburtstag wünscht sie sich das zweibändige Shorter Oxford Dictionary.

Mit 15 fliegt sie zu ihrem Vater nach New York in den Urlaub, der dort inzwischen bei den Vereinten Nationen arbeitet.

My mother was badly upset. She wept and told me she would put her head in the gas oven and kill herself if I went. I thought about this too, and decided that she would not carry out her threat. But it was difficult, because I loved her and felt entirely loyal to her. (S. 68)

Amerika ist für das junge Mädchen eine überwältigende Erfahrung, die Lebensmittel dort sind nicht mehr rationiert, neue Kleider, die Hochhäuser, die Autos, die Werbung. Vor allem aber versteht sie sich gut mit der neuen Partnerin ihres Vaters.

I also saw for the first time in my life beggars in rags, asking for money in the streets of Manhattan. I had led such a sheltered life that I thought beggars were strictly historical figures and had disappeared from the world in the twentieth century. (S. 69)

Dem Luxus, den Reisen und den neuen Erfahrungen, die der Vater bieten kann, können die Schwestern nicht widerstehen, obwohl sie sich immer auf der Seite der Mutter sehen. Als der Vater sein Domizil wieder in der Nähe von Paris aufschlägt, verbringt Claire dort viele Monate. Das Land, dessen Sprache sie bald perfekt beherrscht, wird zu einer zweiten Heimat.

Dem Studium am Newnham College in Cambridge kann sie allerdings wenig abgewinnen. Zu deutlich ist noch die Erwartungshaltung, dass die Frauen, die dort Literatur studieren, nicht selbst denken wollen und sollen, sondern sich vor allem sagen lassen sollen, was sie zu bestimmten Themen zu denken haben. Schließlich würden sie das in ihrem späteren Lehrerinnenleben benötigen.

… but I believed we had come to university to be encouraged to think for ourselves, not to be told what to think. I gave up going to the lectures. […] and I spent more time in libraries than in lecture halls. Now I regret not having explored further afield by going to lectures on other subjects, history, anthropology, archeology, geography – I could have learned a great deal. (S. 92)

Schon damals lehnt sie die Ansichten von Francis Raymond Leavis, des von vielen verehrten Dozenten in Cambridge ab, der Jahre lang erklärte, dass Charles Dickens nur einen nennenswerten Roman geschrieben habe und ansonsten ein reiner Unterhaltungsschriftsteller gewesen sei.

Als sie das Studium mit ausgezeichneten Noten abschließt, hat sie keine klaren Berufspläne. Also beschließt ihr Vater, dass sie in London erst einmal Stenografie und Maschineschreiben lernen soll. Im Rückblick hört man schon eine gewisse Wehmut und die Frage heraus, wie wohl ihr Leben verlaufen wäre, hätte sie eine akademische Tätigkeit angestrebt.

1955 heiratet sie den charmanten Nicholas Tomalin, der später zu einem bekannten Journalisten werden sollte. Die Ehe ist stürmisch, manchmal katastrophal und sie bleiben – auch wegen der Kinder – viel länger zusammen, als sie das selbst vielleicht wollten.

Im gleichen Jahr bewirbt sie sich bei der BBC, nur um sich sagen zu lassen, dass die BBC grundsätzlich keine weiblichen Auszubildenden annehme. Als sie sich auf Rat ihres Vaters beim Heinemann Verlag bewirbt, bekommt sie zwar den Job, doch nur, wie sich später herausstellt, weil ihr Äußeres gerade noch als hübsch genug eingestuft worden war. Als Lektorin arbeitet sie schließlich auch für weitere Verlage.

Claire und Nick arbeiten an ihren jeweiligen Karrieren, haben Liebschaften, fühlen sich in London pudelwohl, feiern Partys, pflegen Freundschaften und lernen nach und nach die entscheidenden Leute im Kulturbetrieb der Sechziger kennen, seien das nun Jim Ballard, Zeitungsverleger, Buchverleger, Schriftsteller, Künstler oder auch berühmte Menschen wie Leonard Woolf. Daneben wuppt Claire noch die Erziehung der drei Töchter und des schwer körperbehinderten Sohnes Tom. Ein weiterer Sohn verstirbt kurz nach der Geburt.

Über die Mitte der Sechziger sagt Claire:

As to my inner life: it was calm in spite of all the parties […] I had a steady and pleasant job […] Nick’s career flourished […] and in 1965 he moved to reporting and was often away in Europe, Africa and further afield. Our family life was good, better than our life as a couple. I lived without any plan for the future beyond the bringing up of our daughters, whose education and happiness mattered more to me than anything else. (S. 158)

Auch mit ihnen wird die Tradition der Familienurlaube in Frankreich fortgesetzt.

Um Beruf und Familienleben miteinander vereinbaren zu können, schreibt sie immer mehr Kritiken, z. B. für The Times Literary Supplement, den Observer u. a., oder nimmt teil an literarischen Quizsendungen.

Reviewing is an education in itself. You learn from the books, and you have to order and condense your thoughts and capture the reader’s attention. (S. 162)

Claires Ehe ist chaotisch und schmerzhaft, da Nick der Meinung ist, dass sich alle seinen Verliebtheiten unterzuordnen haben. Manchmal sehen die Kinder ihren Vater Monate lang nicht, dann verlangt er plötzlich, als ob nichts wäre, wieder bei ihnen und Claire einzuziehen.

1971 schreibt Claire einen längeren Zeitungsartikel zu Mary Wollstonecraft. Zu ihrer Überraschung schlagen ihr daraufhin verschiedene Verlage vor, doch eine Biografie Wollstonecrafts zu schreiben. Das Buch erscheint 1974 und läutet den Beginn ihrer Karriere als Biografin ein. Darüber hinaus wird ihr der Whitbread Book Award in der Debütkategorie verliehen.

1973 stirbt ihr Mann Nick bei einem Attentat auf den Golanhöhen. Wie sie den Eltern Nicks und ihren Kindern Jo (fast 17), Susanna (15) und Emily (12) diese Nachricht beibringen muss, gehört sicherlich zu den bewegendsten Stellen im Buch. Fast sachlich wird berichtet, wie die Töchter sich in den nächsten Tagen Kleidungsstücke des Vaters zusammensuchen und nachts mit ins Bett nehmen; und doch schimmern Schock, Entsetzen und Fassungslosigkeit durch jede Zeile.

Die Sunday Times, in deren Auftrag Nick unterwegs war, möchte die Kosten einer Überführung sparen und Claire überreden, ihren Mann in Israel beisetzen zu lassen. Ein Ansinnen, das sie entschieden verweigert.

I also sat beside it [the coffin] alone, and thought about Nick: how gifted he was, and generous; how delightfully unpredictable and wretchedly unreliable; how much he loved his own children and how good he was with other people’s; what happy times we had shared. Whatever the failings of both of us in our marriage, it felt now as though the sun had been eclipsed. (S. 204)

Claire unternimmt im Februar 1975 noch eine letzte Reise mit ihrer damals bereits krebskranken Schwiegermutter Beth, die zu ihr sagt:

‚You can’t believe in your own death. You may know intellectually that you are going to die soon, but is has no meaning for you, the person alive thinking about it.‘ She was a remarkable woman, brave and truthful, and I learnt from her courage and clear-headedness. (S. 212)

Da für Claire Tomalin ihre Arbeit immer etwas ganz Entscheidendes und Erfüllendes gewesen ist, nimmt diese in einzelnen Kapiteln natürlich auch viel Raum ein: Was hat sie für welche Zeitung geschrieben, wo war sie Literaturchefin, mit wem hat sie zusammengearbeitet, wen hat sie kennengelernt, was waren ihre Ansprüche, welche Bücher wurden besprochen?

Ich gebe zu, da habe ich manchmal ein bisschen schneller gelesen. Allerdings ist es ganz unfasslich, dass Tomalin dieses Pensum in 24 Stunden untergebracht hat. Denn wie gesagt, sie hat ja auch vier Kinder großgezogen, und zwar, wie es den Anschein hat, mit viel Liebe und Engagement.

Als ihr auf den Rollstuhl angewiesener Sohn Tom in eine Förderschule kommt, ist sie entsetzt, dass man dort das handschriftliche Schreiben für überflüssig erklärt. Selbstverständlich muss er es dann doch lernen. Lesen bekommt er von seiner Mutter beigebracht, die ganz untröstlich ist, als er ihr später gesteht, deshalb nicht so gern zu lesen, weil zu Hause einfach immer zu viele Bücher herumlagen.

I was seen as an odd mother, but kindly tolerated. I asked the school not to give Tom sweets, which they handed out frequently and freely to all the children. One day when I happened to be there I heard a teacher say, ‚ Now there will be a sweetie for everyone except Tom Tomalin, whose mother does not allow them.‘ He did not seem to mind at all, and he has never needed a filling in his teeth. (S. 222)

Doch die Schikanen, denen Tom später, als einziger Rollstuhlfahrer an der weiterführenden Schule, ausgesetzt ist, sind unglaublich.

He was always eager to go to school, although he was bullied, had his medical equipment stolen from his bag, chewing gum pushed into his hair and regularly kicked. (S. 319)

Im Laufe der Zeit bessert sich die Situation. Als seine Mutter ihn Jahre später fragt, ob diese Schule ein Fehler gewesen sei, antwortet er trocken:

no because at least nothing could ever be so bad again. (S. 319)

In den Siebzigern hat Claire eine kurze Affäre mit Martin Amis, der 15 Jahre jünger ist als sie.

We had no quarrels, but after a time I began to realize what I thought of as a love-affair was more like membership of a club. Martin was attractive to many young women, and he was ready to enjoy the situation. That did not work for me. (S. 226)

Als Tomalin immer bekannter wird, sie schreibt u. a. für die New York Review of Books oder für Punch, wird sie Jurorin beim Booker Prize und beim Whitbread Book Award. Sie tritt Komitees bei, wie dem Royal Literary Fund, der sich für in Not geratene Schriftsteller oder deren Hinterbliebene kümmert. Dessen finanziell notorisch angespannte Lage bessert sich erst in den Neunzigern, als A. A. Milne der Organisation eine beträchtliche Erbschaft zukommen lässt.

Ihre zweite Tätigkeit, auf die sie stolz ist, ist ihre Mitarbeit beim Silver Jubilee Committee on Access for the Disabled, gegründet 1977.

1979 wird  sie Literaturredakteurin der Sunday Times und Julian Barnes wird ihr Stellvertreter. Dort erlebt sie mit, wie der neue Besitzer Rupert Murdoch moderne Druckverfahren einführt und damit einen fast ein Jahr andauernden Streik der Drucker auslöst, von denen viele ihre Arbeit verlieren. Auch die Veröffentlichung der gefälschten Hitler-Tagebücher beutelt das Ansehen der renommierten Zeitung.

Doch 1980 erlebt sie eine weitere familiäre Katastrophe. Ihre einst so lebenslustige Tochter Susanna bringt sich um, trotz Therapie, trotz aller Unterstützung, trotz aller Liebe. Kein Tag vergeht, ohne dass ihre Mutter an sie denkt und glaubt, sie im Stich gelassen zu haben, nicht hart genug um sie gekämpft zu haben.

Grief has to be set aside, but it does not go away. It arrives each morning as you wake, lies in wait in the familiar routines of the day, takes you by surprise. You may not lose the power to enjoy the pleasures offered by the world but you stand in a different relation to them, in some ways more intense because you know now how fragile they are. The best things I saw, heard, read, felt, often brought me to tears because they came with the knowledge that my daughter was never going to share them. (S. 254)

1986 verlässt Tomalin die Times, nachdem Murdoch den Umzug der Zeitung nach Wapping veranlasst (siehe auch den Beitrag in der englischen Wikipedia zum Wapping Dispute) und unzählige Kündigungen ausgesprochen hat.

I could not stomach Murdoch’s mixture of bullying and bribery, which has not in the long run been good for the press. I also knew that I was lucky to be able to face losing my job, because I had ideas for books I wanted to write and a publisher ready to pay me advances. (S. 280)

Eines dieser Ideen ist das Buch über Katherine Mansfield, für das sie Mansfields engste Freundin Ida Baker besucht, die schon nahe der neunzig ist, als Tomalin sie kennenlernt.

1993 heiratet Claire ihren langjährigen Freund Michael Frayn, der ebenfalls Schriftsteller ist und ihretwegen seine Frau verlässt. 2002 sind die beiden sogar Konkurrenten bei der Verleihung des Whitbread Awards, was wiederum die Journalisten entzückt, die am liebsten Fotos hätten, auf denen sich die beiden ihre Bücher um die Ohren hauen.

Letztlich bietet uns Claire Tomalin hier einen Einblick in ein Leben, in dem sie sich männlichen Rollenerwartungen nicht gebeugt, sondern mit unglaublich viel Power eine große Familie, Arbeit und Liebe miteinander verbunden hat, mit allen Höhen und Traurigkeiten, die dazu gehören. Dem Abschied von Kindern, dem ersten Ehemann, den Eltern. Dazu Karriere in einer von Männen dominierten Berufswelt. Anerkennung. Freunde. Freude am Schreiben, an der Recherche, am Lesen, am Reisen, an Musik, an der Familie.

Bescheiden, manchmal witzig, manchmal fast zu diskret, politisch wach, manchmal wehmütig, leicht, im Sinne von sich selbst nicht so unendlich wichtig nehmend. Und was für ein hübsches Fazit:

Until now my books have ended with the death of the main character. This one has to be different. I have reached eighty-four, longer than any of my subjects except Thomas Hardy, who got to eighty-seven. He went on writing to the end, and I intend to take a lesson from him and begin on another book if possible when this one is finished. (S. 329)

Alma M. Karlin: Ein Mensch wird (1931)

Obwohl Alma Maximiliana Karlin in den zwanziger und dreißiger Jahren eine der bekanntesten deutschsprachigen Reiseschriftstellerinnen war, war sie mir bis zu diesem Buch unbekannt.

1889 wurde sie im damaligen Österreich-Ungarn, dem heutigen Slowenien, geboren. Nach einem bewegten Leben geriet sie in ihrer Heimat, vermutlich aufgrund der Vorbehalte gegenüber ihrer Zugehörigkeit zum deutschen Kulturraum, nach dem Zweiten Weltkrieg in Vergessenheit. 1950 starb sie verarmt und vergessen in ihrer Heimat.

Dass eine Wiederentdeckung lohnt, zeigen schon die ersten Seiten ihrer Autobiografie, auf denen Karlin einen ganz eigenen Klang entfaltet. So schreibt sie über ihre ersten Lebenstage:

Ich schlug die Augen nur selten auf, wohl aus dem richtigen Gefühl heraus, daß es für mich auf Erden noch genug Unangenehmes zu schauen geben würde, und so vergingen volle sechs Wochen, ehe meine Eltern wahrnahmen, daß ich die Augen unrichtig eingehängt hatte. Meine Mutter war trostlos darüber, weil es ein Schönheitsfehler, eine weitere Handhabe zu bösartigem Spott war, aber mein Vater sagte sich, daß an einem Zwetschkenbaum keine Pfirsiche hängen und von sehr alten Eltern keine körperlich bervorzugten Kinder kommen konnten, und deshalb erklärte er mir, als ich in die Jahre des Verstehens gekommen war, daß ich ihm so, wie ich eben ausgefallen war, ganz gut paßte. Diese seine Einstellung freute mich um so mehr, als er darin vereinsamt dastand, denn nicht einmal von mir selbst dürfte ich Gleiches behaupten. Ein Menschenleben hat nicht genügt, mich mit meinem Äußeren zu versöhnen. (S. 9)

Die ersten Jahre sind für die kleine Alma im Großen und Ganzen noch eine unbeschwerte Zeit. Die Eltern sind wohlhabend und die Liebe ihres bereits 60-jährigen Vaters schützt sie vor der unnachsichtigen, überängstlichen und nur auf den äußeren Schein bedachten Mutter, der es ein ewiger Stein des Anstoßes war, dass das angeblich so unhübsche und linksseitig leicht gelähmte Mädchen sich nicht zu einem fügsamen Modepüppchen entwickeln wollte. Und damit möglichst niemand den Sehfehler ihrer Tochter bemerkt, stülpt sie ihr, sobald man das Haus verlässt, „schwammartige Hüte“ über den Kopf.

Mit ihrem Vater unternimmt sie lange Spaziergänge, auf denen sie auch mal mitsamt dem neuen Mantel in die Pfütze fällt, weil sie nicht weit genug gesprungen ist, während die Spaziergänge mit ihrer Mutter der reinste Graus sind.

Bis ich genug  gewaschen und geputzt und belehrt und bedroht worden war, bis die Handschuhe saßen und ich artig die Hand zum Halten gegeben hatte, waren schon Bäche von Tränen geflossen und dann, im Park, wo der liebe Gott alle unangenehmen Frauen der Welt versammelt zu haben schien, jagte man mich von einer zu anderen und bei jeder hieß es: ‚Engerl, mach einen Knicks.‘ […] Außerdem regnete es törichte Fragen. ‚Schatzerle, wen hast du lieber – deinen Vater oder deine Mutter?‘ Und ich prompt darauf: ‚Meinen Vater!‘ Sofort die weisen Lehrer: ‚Seine Mutter muß man mehr lieben!‘ Im Allgemeinen konnte man von Glück reden, wenn ich mich als Antwort nur in Schweigen hüllte. (S. 16)

Doch ihr geliebter Vater stirbt, als Alma sechs Jahre alt ist. Danach ist das Mädchen dem Perfektionismus ihrer Mutter und deren Mantra „Das schickt sich nicht.“ schutzlos ausgeliefert.

So verwundert es nicht, dass sich die Beziehung zur Mutter stetig verschlechtert. Und noch Jahrzehnte später ist Karlins Meinung zur berufstätigen Frau geprägt von ihren eigenen Erfahrungen mit ihrer lieblosen und wenig empathischen Mutter, die ihre Tätigkeit als Lehrerin trotz Ehe und Mutterschaft nicht aufgegeben hat. Sie ist sich sicher, dass

… Frauen, die einen Beruf haben, nicht Mütter sein können, deshalb geht heute die Ehe zugrunde, erlischt so viel Schönes schon in der aufwachsenden Jugend. […] Warum? Weil eine Frau, die im Beruf steht, ihre Interessen außer Haus verankert hat; weil sie – nach Erfüllung bezahlter Pflichten – müde und abgespannt heimkehrt und da wirklich Unterhaltung braucht, nicht solche noch zu bieten vermag; weil sie den erschöpften Geist nicht nochmals anstrengen kann und weil ihr, die tagsüber vom Heim weg war, der innere Zusammenhang mit den darin befindlichen Personen und Sachen fehlt. Sie ist bei sich selbst zu Gast. (S. 19)

Dazu kommt, dass das Mädchen nur Umgang mit Gleichaltrigen pflegen darf, wenn diese aus der gleichen gesellschaftlichen Schicht und zudem aus dem deutschsprachigen Milieu kommen. Ihr Vater hatte sich immer als österreichischer General verstanden, der über der Nationalitätenfrage stand. So pflegte die Familie „nur Verkehr in Kreisen, die sich keiner politischen Partei anschlossen.“ Damit fallen aber viele gesellschaftliche Veranstaltungen von vornherein aus.

Das Lavieren der Mutter zwischen Deutschen und Slowenen – welche Fahne soll an den jeweiligen Feiertagen herausgehängt werden? – sorgt denn dann auch regelmäßig für Probleme:

Nach einem Fest auf der Festwiese grüßten uns die Deutschen nicht und nach einem Slawenfest die Slawen nicht. (S. 45)

Aus der insgesamt eher unerfreulichen Außenwelt flüchtet sich Alma immer stärker in die Welt der Bücher, der Fantasie, des Sprachenlernens und der Bildung.

Dieses Vermögen, mir eine eigene Welt zu schaffen, in der alle Leute immer nur das taten, was ich am meisten wünschte oder anstrebte, entzog mich sehr dem Wirklichen, half mir wunderbar über die Düsterheit des Daseins hinweg, entfremdete mich indessen sicherlich meiner Umwelt und machte mich seltsam unabhängig von ihr. In den Entwicklungsjahren haftete diesen Träumereien etwas Ungesundes an, doch in späteren Jahren war ich in meinem Traumreich so, wie ich mir wünschte, es in Wirklichkeit zu sein – weiser, besser, gütiger – und so wuchs ich an diesem Ideal, bis ich eine Anzahl leidiger Schwächen abgestreift hatte. So bleibt selbstredend  noch immer viel zu wünschen übrig. Wie auch nicht? (S. 57)

Doch die eigentliche Katastrophe beginnt, als Almas Mutter eines Tages auffällt, dass eine Schulter ihrer Tochter höher als die andere ist. Alma ist sich sicher, dass die extreme Reaktion ihrer Mutter eher der verletzten Eitelkeit einer schönen Frau geschuldet ist als der Sorge um das Wohlergehen ihrer Tochter.

In dieser kurzen Stunde hatte eine Feindschaft begonnen, die nichts im Leben mehr zu verwischen imstande war, denn an diesem Nachmittag begann der Kreuzweg, der meine ganze Mädchenzeit in ein Fegefeuer verwandelte… (S. 67)

Und tatsächlich bestimmen nun Qualen und Quälerei die nächsten Jahre. Nachdem Alma von diversen Orthopäden untersucht worden ist, muss sie täglich stundenlange Übungen absolvieren, kopfüber in irgendwelchen Seilen hängen und darf keinesfalls irgendwo mal ruhig sitzen, lesen oder sich ausruhen. Dazu zwingt ihre Mutter sie, mehrere Stunden am Tag ein Mieder zu tragen, auf dass das Kind wenigstens eine Wespentaille bekomme.

Um ununterbrochenen Szenen zu entgehen, legte ich es täglich  auf einige Stunden an und wenn ich nicht die Innenorgane zusammengepreßt hatte, so sah ich Sterne der Arme wegen. Um mich nämlich immer ganz gerade zu halten zu müssen, trug ich einen sehr breiten Gummigurt, der um die Schultern und um eine Hüfte lief und der so stark einschnitt, daß ich vom vierzehnten bis zum achtzehnten Lebensjahr stets geschwollene und oft eiternde Striemen um den Oberarm und die Achselhöhlen hatte und sich die eine Brust durch den ununterbrochenen Druck nicht so gut entwickelte wie die andere. Es gab Tage, an denen ich mich freute, ins Bett gehen zu dürfen, nur um endlich jeden Druck los zu sein, obschon das Bett hart, kissenlos und unbequem war. (S. 89)

Da Alma unter der ganzen Schinderei, die mehr als einmal ihre Schulbildung unterbricht, immer stiller, ernster und verschlossener wird, sinnt ihr Kindermädchen Mimi auf Abhilfe. Zusammen mit anderen fingiert sie Liebesbriefe eines jungen Adeligen, der heimlich in Alma verliebt sei. Tatsächlich fällt Alma auf den Betrug herein und jahrelang ist dieser Traum vom strahlenden Ritter, der sie irgendwann retten und auf sein Schloss holen wird, ihr ein Halt und ein Trost. Doch als dann nach fünf Jahren die Fiktion auffliegt, geht durch diesen Vertrauensmissbrauch etwas in dem jungen Mädchen unwiderruflich zu Bruch.

Wenn ich mich an jene Trugliebe erinnere, muß ich an einen Obstbaum denken, den man im Februar zur Blüte bringt und den der Reif vernichtet. Er geht nicht ein, er steht immer noch am Wegrand, aber er blüht nicht und trägt keine Früchte und lädt niemanden ein, in seinem Schatten zu ruhen, denn er hat nichts zu geben. Er ist kahl. In sich geschlossen, blüht er höchstens in sich hinein. … Auch das ist Schicksal. (S. 77)

Wie sich Alma Karlin aus dieser freudlosen Jugendzeit und den einengenden gesellschaftlichen Verhältnissen, die eigentlich nur eine „standesgemäße“ Heirat zuließen, dank eines schier unglaublichen Kampfeswillen und ihres Sprachenlernens herauswindet und es bereits als junge Frau bis nach Paris, Norwegen, Schweden und nach London schafft, erfährt der Leser in den zwei weiteren Dritteln des Buches. Es bleibt also trotz meines langen Beitrags noch viel zu entdecken.

Und ich bin beeindruckt von einer Autorin, deren glasklarer, leicht spöttischer Stil mir ausnehmend gut gefallen hat und die uns einen Einblick in eine vergangene Zeit ermöglicht, auch wenn der in ihren anderen Büchern wohl nicht immer frei von theosophischen und manchmal auch rassistisch geprägten Sichtweisen ist.

Wir erleben die Jugend eines Mädchens aus „den besseren Kreisen“ mit, das über weite Strecken auf sich allein gestellt war und kaum Ermutigung und Zuwendung erfahren hat. Aber vielleicht hat Alma M. Karlin genau daraus ihre Kraft und ihre Stärke gezogen, die sie später befähigt haben, durch die Welt zu reisen und ein selbstbestimmtes Leben zu leben.

Ihr Buch Einsame Weltreise mit dem Untertitel Erlebnisse und Abenteuer einer Frau im Reich der Inkas und im Fernen Osten (1928) liegt hier jedenfalls schon bereit.

Bleibt mir noch, dem Aviva Verlag herzlich für das zur Verfügung gestellte Besprechungsexemplar zu danken, das durch ein informatives Nachwort der Karlin-Biografin Jerneja Jezernik abgerundet wird.

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George Gissing: Die überzähligen Frauen (OA 1893)

‚Miss Royston war durchaus intelligent, das gebe ich zu; aber mir war schon immer klar, daß sie niemals das werden würde, was du hofftest. Ihre gesamte Freizeit widmete sie der Lektüre von Romanen. Wenn man sämtliche Romanschriftsteller erdrosseln und ins Meer werfen könnte, bestünde vielleicht eine gewisse Aussicht, die Frauen reformieren zu können. Das Mädchen triefte vor Sentimentalität, wie beinahe jede Frau, die intelligent genug ist, sogenannte ‚gute‘ Literatur zu lesen, aber nicht intelligent genug, zu durchschauen, was daran schädlich ist. Liebe – Liebe – Liebe; immer das gleiche eintönige, gewöhnliche Zeug. Gibt es etwas Gewöhnlicheres als das Ideal der Romanciers? Sie stellen das Leben nicht so dar, wie es wirklich ist; das wäre für ihre Leser zu langweilig. Wieviele Männer und Frauen verlieben sich im wirklichen Leben? Nicht mal einer von zehntausend, davon bin ich überzeugt. Nicht ein einziges von zehntausend Ehepaaren hat jemals füreinander empfunden, was zwei oder drei Paare in jedem Roman füreinander empfinden. Es gibt sehr wohl die geschlechtliche Anziehung, aber das ist etwas völlig anderes; darüber wagen die Romanschriftsteller nicht zu reden. Diese jämmerlichen Tröpfe wagen es nicht, jene eine Wahrheit auszusprechen, die von Nutzen wäre. Die Folge ist, daß eine Frau sich dann edel und großartig dünkt, wenn sie sich dem Tier am ähnlichsten verhält. Ich möchte wetten, daß diese Miss Royston irgendeine idiotische Romanheldin im Kopf hatte, als sie in ihr Verderben rannte.

So schimpft Rhoda Nunn, eine der emanzipierten Frauen in George Gissings (1857 – 1903) wichtigem Werk Die überzähligen Frauen.

Die Handlung spielt hauptsächlich im Jahre 1888, also während einer Zeit, wo die Versorgung alleinstehender Frauen nicht mehr von der Großfamilie übernommen werden konnte, aber die Frauen trotzdem noch nicht genügend auf ihre berufliche Selbstständigkeit vorbereitet waren.

Es geht um die Schicksale von fünf Frauen aus der Mittelschicht, von denen sich vier bereits seit Kindheitstagen kennen und deren Wege sich in London kreuzen. Alle fünf gehören zu den „odd women“, d. h. den überzähligen, ja geradezu überflüssigen Frauen, nämlich zu denen, die ihren Unterhalt selbst bestreiten müssen, da sie aus den verschiedensten Gründen unverheiratet geblieben sind.

Da gibt es dann die einen, die wie Rhoda Nunn und ihre Freundin Miss Barfoot nicht länger gewillt sind, die Ehelosigkeit als einen Makel zu sehen. Stattdessen betreiben sie eine Schule, an der junge Mädchen eine Büro-Ausbildung absolvieren können, um so nicht länger ausbeuterische, ungesunde und unzureichend bezahlte Tätigkeiten im Einzelhandel oder in den Fabriken annehmen zu müssen.

Gleichzeitig soll sich so das Spektrum der für Frauen zugänglichen Ausbildungsberufe erweitern, denn schließlich ist nicht jede Frau als Gouvernante oder Krankenschwester geeignet.

Aber wußten Sie, daß es in diesem unserem glücklichen Land eine halbe Million mehr Frauen als Männer gibt? […] So ungefähr schätzt man jedenfalls. So viele überzählige Frauen, die niemals einen Partner finden werden. Pessimisten halten ihr Dasein für nutzlos, vertan und vergeudet. Ich natürlich – die ich selbst eine von diesen Frauen bin – sehe das anders. Ich halte sie für eine große ‚Reserveeinheit‘. […] Zugegeben, sie sind noch nicht alle ausgebildet – davon sind wir noch weit entfernt. Ich möchte mithelfen … die Reserve auszubilden. (S. 50/51)

Im Gegensatz zu Rhoda und Miss Barfoot stehen die drei verarmten Schwestern der Madden-Familie. Monica, die jüngste und hübscheste der Schwestern, eine Ladenangestellte, sucht ihr Glück in der Heirat mit einem wohlhabenden älteren Mann, doch es dauert nicht lange, bis sie versteht, dass die finanzielle Absicherung sie kein bisschen glücklicher gemacht hat.

Die älteste, Alice, versucht mehr schlecht als recht, sich als Gouvernante über Wasser zu halten, was ihrer Gesundheit wenig zuträglich ist. Virginia hingegen sucht ihre Zuflucht in billigen Romanen und – von ihren Schwestern lange unbemerkt – in heimlicher Trinkerei.

Eigentlich hätten das spannende 400 Seiten über einen grundlegenden gesellschaftlichen Umbruch werden können, aber ich wünschte, Gissing hätte für die Niederschrift mehr als sieben Wochen Zeit gehabt, damit er den Roman insgesamt noch einmal kräftig hätte überarbeiten können.

Zu sehr verkörpern die Frauen einzelne Ideen; besonders die selbstgerechte Rhoda Nunn neigt ganz schrecklich zu aufgeladenen kämpferischen Monologen, die sich besser als Flugblatt oder Zeitungsartikel geeignet hätten. Die Beschreibungen ihrer inneren Zerrissenheit, als sie sich unerwarteterweise verliebt, waren dann allerdings oft von großer psychologischer Feinheit.

Auch die Situation der gebildeten Männer, die oft genug keine geistig ebenbürtige Partnerin finden, wird thematisiert, wobei Rhoda Nunn nicht versäumt darauf hinzuweisen, dass es ja in der Macht der Männer läge, genau diesen bedauernswerten Umstand zu ändern.

Und bei der Schilderung von Monicas Schicksal rutscht Gissing dann – nach großartigen und glaubwürdigen Szenen – am Ende ganz ins Melodrama ab, was der Glaubwürdigkeit nicht gerade zuträglich ist.

Gissing schrieb am 4. Oktober 1892 in seinem Tagebuch:

Ich habe [den Roman] sehr schnell geschrieben, aber das Schreiben war ein schwerer Kampf, so wie immer. Nicht ein Tag ohne Zanken und Lärm unten in der Küche; nicht eine Stunde, in der ich wirklich meinen Seelenfrieden hatte. Ein bitterer Kampf. (aus dem Nachwort von Wulfhard Stahl der von Karina Of übersetzten Ausgabe des Insel Verlages 1997, S. 409)

Aber vielleicht wäre es jetzt interessant, mehr über Gissing und die autobiografischen Anleihen in seinem Roman zu erfahren. An einer Stelle bezeichnet eine der männlichen Hauptfiguren Mädchen aus der Arbeiterschicht als ungebildet und verachtenswert, als „nichts weiter als ein Klumpen menschlichen Fleisches“ (S. 130). Gissing selbst flog vom College, weil er aus Liebe zu der Prostituierten „Nell“, die er später auch heiraten sollte, Mitstudenten bestohlen hatte.

Und später verfällt Nell dem Alkohol, so wie Gissings Romanfigur Virginia Madden.

Mit dem Titel Die überzähligen Frauen bezieht sich Gissing vermutlich auf den Essay Why are Women redundant? von William Rathbone Greg.

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Herrad Schenk: Das Haus, das Glück und der Tod (1998)

Selten ein so kluges und schönes Buch über die Liebe und über das Trauern gelesen. Und tröstlich ist es auch, aber das nicht billig und wohlfeil, sondern eher in der emphatischen Erkenntnis, dass man nach dem Tod des geliebten Menschen ein anderer sein wird, dass eine Veränderung stattfinden wird, auf die man überhaupt nicht vorbereitet ist, die wie eine Naturkatastrophe über einen hereinbricht und die einen ganz und gar überfordert, die aber der Ich-Erzählerin letztlich doch möglich ist.

Die Nacht hier ist so dunkel, wie sich das wohl niemand von den Freunden in der Stadt vorstellen kann. […] Ich verschließe für die Nacht die Kellertür und die Tür zur Brennkammer, das ist ein Abendritual noch aus guten Zeiten, und sehe zum Mond auf. […] Um mich herum ist eine große gesammelte Stille, in der sogar der Wind den Atem anhält. Die Schleiereule kommt erst später, zwischen Mitternacht und drei Uhr morgens – und da fällt mir auf, daß ich sie schon einige Zeit nicht mehr gehört habe. Es mag daran liegen, daß ich jetzt wieder besser schlafe, aber vielleicht hat sie auch den Winter nicht überlebt.

Bereits auf den ersten zwei Seiten des Romans, den die Sozialwissenschaftlerin und Autorin auf ihrer Homepage einen autobiografischen Bericht nennt, klingen die Bestandteile des Titels an. Es geht um ein Jahrhunderte altes, unter Denkmalschutz stehendes Haus in Pfaffenweiler, das die Ich-Erzählerin zusammen mit ihrem Mann gekauft und renoviert hat.

Es geht um das Glück einer Jahrzehnte dauernden Beziehung, das mit dem Einzug in das alte Haus noch einmal vertieft und besonders genossen wird. Und um den Tod, denn der geliebte Mann, der im Buch immer nur W. genannt wird, stirbt schon zwei Jahre später an plötzlichem Herzversagen.

Das wird nicht streng chronologisch erzählt, stattdessen springen wir mit der Erzählerin vor und zurück, blicken auf die kleineren und größeren Katastrophen, die sich ergeben, wenn man arg- und ahnungslos beschließt, mit eher begrenzten finanziellen Mitteln einen renovierungsbedürften Hof zu erwerben, bei dem man sich noch mit einem ungeeigneten Architekten herumärgern muss und mehr als einmal vor dem finanziellen Kollaps steht.

Im Frühsommer begannen wir schlecht zu schlafen, wälzten uns nebeneinander im Bett und lagen stundenlang grübelnd wach. Da war der Bauantrag, der zwischen dem Denkmalamt und dem Landratsamt hin und her wanderte und bei jeder Nachfrage an einer neuen Behördenklippe hing. Herr X. war in Urlaub, Frau Y. konnte ohne Herrn Z. nichts unternehmen, der aber auf unbestimmte Zeit krank war, und die Vertretung, Frau A., kannte sich mit dem Computer nicht aus, stellte aber nach geraumer Zeit mit Hilfe von Frau B. fest, daß da ja überhaupt noch ein entscheidender Zusatzplan in unseren Antragsunterlagen fehlte. Den sollten wir erst einmal nachliefern, und dann würde man weitersehen. (S. 34)

Und da schimmert auch eine große Liebe und Wertschätzung zu diesem alten, geschichtssatten Haus durch, das nach und nach seine rauhe Schönheit entfalten kann. Durch die Geschichten über die ehemaligen Bewohner und die Funde, die man bei der Renovierung macht – seien es kleine Apotheker-Glasfläschen, Grabsteine oder altes Kochgeschirr – ist  das Haus im Ort verwurzelt und gibt den neuen Bewohnern einen Halt und eine Geborgenheit, wie das moderne Häuser wohl nur schwerlich vermögen.

Dazwischen gibt es immer wieder Passagen über die Trauer, die ersten Monate nach dem Tod des Mannes; all die unterschiedlichsten Phasen und Gefühle, die die Trauernde durchlebt, sind anrührend und nachvollziehbar beschrieben.

Wenige Wochen nach W.’s Tod beende ich einen Spaziergang beim Friedhof. Ein sonniger Vorfrühlingstag geht zu Ende, ich habe unterwegs geweint, ich bücke mich am Grab über Unkraut, das nicht da ist, damit man meine Augen nicht sehen kann. Meistens gehe ich ganz früh oder ganz spät, wenn sonst niemand da ist, und ich hatte auch jetzt gehofft, daß ich allein dort sein würde im letzten Licht des Abends. Aber das Wetter hat noch andere Gestalten herausgelockt. Zwischen Tränenschleiern  nehme ich im weiteren Umkreis drei Frauen und einen Mann wahr, alle alt, alle über siebzig, registriere ich plötzlich, und ich denke erschauernd: Das hier ist nicht wirklich. Es kann gar nicht sein, daß ich hier stehe, und mein Liebstes liegt unter diesem Erdhaufen. Ich kann doch nicht mit einem Schlage so alt sein wie diese da und mein Leben ist vorbei; das geschieht nicht in Wirklichkeit, es ist nur eine alptraumhafte Vision von dem, was irgendwann einmal sein wird. – Aber ich stand hier und es war jetzt. (S. 46)

Und da hinein verwoben die Erinnerungen an die anstrengende Zeit der Renovierung und an das Glück, das das Paar in den letzten zwei Jahren erlebt hat. Untermalt von Festen, Besuchen von Familie und Freunden sowie Spaziergängen und Wanderungen in der schönen Landschaft. Dadurch wird das Buch geerdet, die Ich-Erzählerin gönnt uns auch helle und fröhliche Passagen, da wird auch mal geschimpft, genossen, gearbeitet und es geht handfest zur Sache.

Meine beiden Legehennen sind Italienerinnen […] Erdmuthe ist die Chefin, resolut und bodenständig; Bilhildis dagegen ist ein romantisches Huhn. Am Anfang schien mir, sie werde eher Gedichte schreiben als Eier legen; denn sie wanderte oft noch in der Dämmerung allein durch den Regen, wenn die anderen sich schon zu einem großen plustrig-warmen Federhaufen auf der Stallfensterbank lagerten… (S. 78)

Nur mit dem Schutzumschlag des Buches aus dem Jahr 1998 habe ich gehadert. Aber das wäre dann wieder eine andere Geschichte.

Fazit: Sehr gerne gelesen.

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Petra Hofmann: Nie mehr Frühling (2015)

„Was es bedeutete, dass einer tot war, verstand eigentlich niemand jemals.“

Dieses Zitat aus Laura Freudenthalers Buch Die Königin schweigt ist eine passende Überleitung zu Nie wieder Frühling von Petra Hofmann, dem Buch, das uns ebenfalls das Leben einer einfachen Frau erzählt. Erschienen ist es im Picus Verlag Wien.

Und doch wie ganz anders. Wuchtig und beeindruckend.

Bereits im ersten Kapitel, das alles andere als nett und gefällig daherkommt, lesen wir vom Tod einer 87-jährigen, abgemagerten und ungepflegten Frau. Ihr Sohn findet sie in ihrem verwahrlosten Haus, er ist auf der einen Seite erleichtert und gleichzeitig scheint eine uralte Last auf ihm zu liegen.

Danach wird die Geschichte dieser Hermine Stoll chronologisch erzählt. Geboren 1910 irgendwo in einem Dorf, das sie ihr Leben lang nie verlassen wird. Sie ist ein Wildfang, der sich nichts sagen lässt. Irgendwann heiratet Hermine ihre große Liebe, den Kommunisten Karl, verspricht ihm Treue „bis in den Tod und darüber hinaus“ (S. 25) und bekommt mit ihm zwei Söhne.

Als die ersten Nazis durchs Dorf marschieren, schüttet Hermine ihren Nachttopf über den Männern aus. Sie macht von Anfang an keinen Hehl aus ihrer Ablehnung gegen die braunen Horden, was ihr diverse Drohungen des Bürgermeisters einbringt. Und ihr Sohn Dieter fragt sich, warum sich sein Freund Aaron nicht von ihm verabschiedet hat, bevor er so plötzlich nach irgendwohin gereist ist.

Nach Kriegsbeginn wird auch Karl einberufen. Er wird nicht zurückkehren, etwas, das Hermine niemals anerkennen wird. Sie wird ihr Leben lang auf ihn warten.

Ich will nicht tanzen, sagt Hermine, ich will auch nicht lachen. Alles, was ich will, ist der Karl. Davon, dass er fort ist, tut mir alles weh. Am ganzen Körper tut es mir weh, auf der Haut und bis in die Seele hinein. (S. 141)

Ihre Weigerung, das Schicksal zu „akzeptieren“, wird auf Kosten ihrer Söhne Paul und Dieter gehen, für die sie nicht mehr kochen wird und die für ihr weiteres Leben von dieser Verwahrlosung in der Kindheit und der daraus resultierenden Ablehnung des Dorfes gezeichnet bleiben werden.

Mit offenen Augen lag er da bis es grau wurde hinter den Gardinen und dabei kamen diese Gedanken wieder wie böse Geister, sie schlichen sich ein und setzten sich fest in ihm, und er musste all den Unsinn denken, ob er wollte oder nicht. Dass im Leben gar nichts sicher ist, dachte er, dass der Boden, auf dem man geht, immer rutschig ist, als schüttete jemand unentwegt Seifenwasser aus, dass man ausrutschen kann, fallen, und dann nicht mehr auf die Beine kommt. Und dass man alles verlieren kann, jederzeit, von jetzt auf nachher. Und dass man sich nicht ausruhen kann, sich nicht verlassen, auf nichts und niemanden. Dass man beständig auf der Hut sein muss. Dass jederzeit ein Unglück geschehen kann, aber vor allem nachts und im Morgengrauen, wenn es still ist, und danach ist nichts mehr wie zuvor. Und das lässt sich dann nicht rückgängig machen, das ändert sich nie mehr.

So geht das in seinem Kopf, immer im Kreis herum, und hört erst auf, wenn endlich der Tag beginnt, und manchmal auch dann nicht. (S. 204)

Hermine gerät durch ihre Weigerung, sich den Konventionen zu fügen, allmählich in die Rolle einer asozialen Außenseiterin und sie wird, man kann es nicht anders sagen, zu einer bösartigen alten Frau, die sich, ihren Söhnen und sogar ihrer Schwester alles Schöne versagen möchte, solange ihr Mann nicht zurückgekehrt ist.

Das Buch wartet mit einer der widerlichsten Nazi-Figuren auf, die mir seit langem begegnet sind. So lebensecht, dass man sich schütteln möchte.

Doch es waren vor allem zwei Dinge, die mich besonders an diesem Buch fasziniert haben. Das eine ist die die Auseinandersetzung mit dem Tod. Hermine ist gnadenlos konsequent, wenn sie wie eine Fackel gegen den Tod protestiert. Sie versagt sich sogar das Schlafen im Ehebett und liegt stattdessen auf einem Strohsack in der Küche, solange ihr Mann nicht bei ihr ist.

Doch ihr Protest gegen die Ungeheuerlichkeit des Todes läuft ins Leere. Sie trifft nur sich selbst und ihre Kinder damit. Und ausnahmsweise hat es mich hier gar nicht gestört, dass wir nur sehr geringen Einblick in ihre Gedanken bekommen. Das war eindeutig nicht dem Unvermögen der Autorin geschuldet, sondern funktioniert im Gesamtaufbau des Romans, sodass ich das Interesse an Hermine nie verloren habe.

Nachdem er seine Mutter tot aufgefunden hat, kommt ihr Sohn Paul zu folgendem Fazit:

Was sind nicht schon alles für Geschichten erzählt worden über die Mutter! Jeder hat sie mit seinen Augen betrachtet und jeder hat es besser gewusst. Und dabei wohl auch seinen Stab gebrochen über sie, über ihr Leben. Aber das, denkt Paul, steht euch nicht zu, niemandem steht das zu. Ein Leben ist ein Leben, und es gilt. Das ist alles. Da gibt es nichts zu befinden, es gibt gefälligst nichts zu befinden. (S. 13/14)

Der zweite Aspekt, der hier so gelungen ist, ist die Art und Weise, wie das Umfeld mit hinein in die Handlung genommen wird. Wie ein Chor kommentieren die Dorfbewohner, vor allem die Frauen, das Tagesgeschehen; wir hören die Gespräche im Dorfladen oder bei der Bäckerin. Und dabei gelingt es der Autorin, verschiedenste Menschen und Charaktere in ihrer Großzügigkeit und ihrer Niedertracht auf knappstem Raum zu veranschaulichen.

Die eine Frau mahnt zur Vorsicht bei dem, was man nun öffentlich über den Nationalsozialismus sagt; die andere Nachbarin ist beglückt angesichts der marschierenden Kolonnen, die dritte hat einen Horizont, der nur bis zum Gartenzaun reicht. Auch Hermine ist immer wieder Gesprächsthema in diesen Runden. Es ist vielsagend, wie sich auch da die Meinungen im Laufe der Jahrzehnte verändern.

Das einzige, was man vielleicht doch etwas hätte reduzieren können, sind die Wendungen „er denkt“, „er sagt“ oder „sie denkt“.

Das Zitat aus dem Interview mit der Autorin auf Das Debüt zeigt den hohen Anspruch, den Hofmann an Literatur stellt. Und was soll ich sagen? Mit ihrem Buch löst sie ihn ein.

Grundsätzlich wünsche ich mir vermehrt Bücher, die etwas Eigentliches zu sagen haben und zwar mit einer gewissen Dringlichkeit. Die Texte sollten einen deutlich spürbaren glühenden Kern haben, der den Leser und die Leserin erreicht.

Und das sagen andere:

 

Agatha Christie: Absent in the Spring (1944)

Agatha Christie hat neben ihren Detektivromanen auch einige andere Bücher unter dem Pseudonym Mary Westmacott geschrieben, die so gar nichts mit cosy crime zu tun haben.

Und dieser Roman um die wohlsituierte Anwaltsgattin Joan Scudamore – im Deutschen unter dem Titel Ein Frühling ohne dich erschienen – hat mir richtig gut gefallen. Hier wird die Spannung nur dadurch erzeugt, dass wir einer ziemlich selbstgefälligen Protagonistin ein paar Tage Gesellschaft leisten, in der sie von äußeren Zerstreuungen vollständig abgeschnitten ist.

Joan Scudamore ist auf der Rückreise von einem Krankenbesuch bei ihrer in Bagdad lebenden Tochter, doch dummerweise ist die Eisenbahnstrecke durch heftige Regenfälle für ein paar Tage unpassierbar und sie strandet in einer einfachen Herberge in der Wüste nahe der türkischen Grenze.

Das Problem: Sie ist der einzige Gast; ihre restliche Reiselektüre ist schon am ersten Tag ausgelesen und da Besitzer und Angestellte der Herberge nur rudimentär Englisch sprechen, fallen sie als Gesprächspartner aus. So bleiben zum Zeitvertreib nur kurze Spaziergänge, ein paar Briefe und vor allem ihre Erinnerungen; ungebetene Gedankenfetzen und Assoziationen, die nach und nach offenbaren, was für eine Frau sie eigentlich ist.

Es wäre schade, hier mehr zum Inhalt zu verraten, denn wie es Christie gelingt, zu zeigen, dass es da – gelinde gesagt – eine gewisse Kluft zwischen der Selbstwahrnehmung Joans und dem Eindruck gibt, den sie tatsächlich auf Familie und Bekannte macht, ist großes Kino. Eines der harmloseren Beispiele dafür findet sich, als eines Tages Joan und ihr Mann Rodney zufällig auf ein bestimmtes Sonnett von Shakespeare zu sprechen kommen. Aus dem Stand ist sie in der Lage, das Gedicht fehlerlos zu rezitieren.

She finished, giving the last lines full emphasis und dramatic fervour. ‚Don’t you think I recite Shakespeare rather well? I was always supposed to at school. They said I read poetry with a lot of expression.‘

But Rodney had only answered absently, ‚It doesn’t really need expression. Just the words will do.‘ She had sighed and murmured, ‚Shakespeare is wonderful, isn’t he? And Rodney had answered, ‚What’s really so wonderful is that he was just a poor devil like the rest of us.‘

‚Rodney, what an extraordinary thing to say.‘ (S. 73)

Das Buch liest sich bis zum Ende mindestens so spannend wie ihre besten Kriminalromane. Ein empfehlenswerter kleiner Roman, in dem sich Christies Begabung für Dialoge und das, was zwischen den Zeilen steht, bestens ergänzen.

Und es ist auch ein bisschen unheimlich: Joan ist kein Monster, sondern ganz normal, ganz alltäglich, in ihrer Eitelkeit, Besserwisserei und Blindheit gegenüber den eigenen Motiven. Man schüttelt sich und fragt sich unwillkürlich, was wohl unsere Familienangehörigen, KollegInnen und FreundInnen wirklich über uns denken.

Nachdem ich das geschrieben hatte, stöberte ich in Agatha Christies Autobiografie und siehe da, Absent in the Spring ist das Buch, mit dem sie persönlich besonders zufrieden war.

… the book that I had always wanted to write, that had been clear in my mind. […]

It was going to be technically difficult to do, the way I wanted it; lightly, colloquially, but with a growing feeling of tension, of uneasiness, the sort of feeling one has – everyone has, sometime, I think – of who am I? What am I like really? What do all the people I love think of me? Do they think of me as I think they do?

I wrote that book in three days flat. […] I don’t know myself, of course, what it is really like. It may be stupid, badly written, no good at all. But it was written with integrity, with sincerity, it was written as I meant to write it, and that is the proudest joy an author can have.

Carry Brachvogel: Alltagsmenschen (1895)

Als vor nahezu sieben Jahren die münchener Zeitungen unter der Rubrik ‚Lokales‘ verkündeten, daß die einzige Tochter des Herrn Kommerzienrates und Handelsrichters Mey, Fräulein Elisabeth Mey, sich mit Herrn Dr. jur. Friedrich Becker, einem Sohn des bekannten Augsburger Großindustriellen Herrn Martin Becker, verlobt habe, da bot sich den sämtlichen Klatschmäulern der schönen Isarstadt (und es soll deren etliche geben!) Stoff zur Be- und Verarbeitung in Hülle und Fülle dar.

Mit diesem Satz beginnt Alltagsmenschen (1895), ein Buch von Carry Brachvogel, das in seiner psychologischen Hellsichtigkeit den Vergleich mit den großen Ehebruchsromanen nicht zu scheuen braucht.

Die junge Elisabeth ist – wie die tuschelnde Gesellschaft nicht müde wird zu betonen – schon 23, als sie sich nach nur wenigen Wochen Bekanntschaft mit Friedrich Becker verlobt. Doch anders als die Klatschmäuler vermuten, wird es eine Liebesheirat.

Das blühende Mädchen mit den großen dunklen Augen, dem anmutigen, klug und lebhaft plaudernden Munde hatte ihn im ersten Augenblick bezaubert, und schon nach wenigen Wochen hielt er um sie bei ihren Eltern an, nachdem eine Aussprache mit der Geliebten vorhergegangen war, die an flammender Empfindung und beredtem Ausdruck alle Liebesszenen der dramatischen und novellistischen Litteratur zu übertrumpfen drohte. (S. 9)

Doch der Keim des späteren Unglücks ist schon längst gelegt, denn Elisabeth ist ein Produkt ihrer Umwelt und in den damaligen Rollenbildern gefangen. Sowohl die schulische Erziehung, die ja nicht auf eine spätere Selbstständigkeit der Frau abzielt, als auch das Elternhaus Elisabeths sorgen dafür, dass sie im Grunde gar nicht erwachsen werden kann.

Als einziges Kind überzärtlicher Eltern war ihr bislang ein Jahr nach dem andern in ungetrübt heiterer Gleichmäßigkeit dahingeflossen, jeder Schatten einer Sorge, ja nur einer Mißstimmung ängstlich von ihr ferngehalten worden. Aber das Mädchen fing bald an, sich in dieser schier beängstigenden Atmosphäre des Glückes und der Sorglosigkeit zu langweilen; es erging ihr ähnlich wie den Leuten, die in der Einsamkeit einer schwülen, lautlos brütenden, stahlblauen Hochsommermittagsstunde derselbe unheimliche, gespensterahnende Schauer beschleicht, der eigentlich nur für Mitternacht gestattet und üblich ist. – Und wenn sie auch frei blieb von modern-hysterischer Sehnsucht nach Leiden und Selbstentäußerung, so verlangte es sie eben doch nach etwas Unfaßlich-Wunderbarem, das endlich einmal erschreckend und erlösend zugleich in ihr Dasein hineinrauschen sollte. Ihrem Leben fehlte der Inhalt. Ein Tag wie der andere floß leer dahin: Toilette, Spaziergengehen, ein bischen Lesen, ein bischen Porzellanmalen, Besuche, Theater, Bälle. (S. 9)

Sie wünscht sich, etwas mit ihrem Leben anfangen zu können, etwas Großes zu vollbringen und wie ein Mann tätig zu sein, der seine Kräfte einsetzen kann. Doch wie hätte das für sie aussehen sollen? Die Erfüllung hat die Frau in der Ehe, ihren häuslichen Verpflichtungen und in der Mutterschaft zu finden.

Dementsprechend hat sie sich in ihren Mädchenträumen die Ehe recht heroisch ausgemalt: Der Mann als Adler, als Held, der der Sonne entgegenfliegt, und sie als die aufopferungsvolle Gefährtin, die dem Adler sorgsam das weiche Nest bereitet und so an seinem Ruhm Anteil hat. Aber Friedrich ist kein Adler, kein Held, sondern ein ganz normaler Mensch, der abends müde von der Arbeit kommt, der zwar seine Frau liebt und verwöhnt, ihre zunehmende Unzufriedenheit und Stimmungsschwankungen allerdings nicht nachvollziehen kann.

An ihrer kleinen Tochter hängt Elisabeth mit ganzem Herzen. Doch als die „Honigmonde“ der ersten Ehezeit vorbei sind und der neue Stand nichts Neues und Aufregendes mehr bereithält, stellt sich wieder das Gefühl der Langeweile und der gekränkten Eitelkeit ein.

… und ein Frösteln befiel zuweilen die junge Frau, wenn sie bedachte, daß es nun immer so weitergehen würde, bis ihr Haar grau geworden und ihr Sinn alt, daß für sie nunmehr alles fertig und abgeschlossen war. Ja, ja – abgeschlossen – dies Wort traf das Richtige, denn ihr schien’s zuweilen, als sei ein schweres, eisernes Thor unversehens hinter ihr ins Schloß gefallen und banne sie nun grausam vom hellen blühenden Leben weg in einen düstern, einsamen Burghof, zu dem die glänzenden, funkelnden Sonnenstrahlen von draußen wohl niemals den Weg fanden. (S. 14)

Letztlich ist sie nicht ausgelastet mit der „Spielzeugrolle, die man der modernen Frau in in der Ehe immer noch gerne anweist“ (S. 16). Und als sie auf einem Ball den Legationsrat Max Heßling kennenlernt, ist sie betört von seiner Galanterie und seinem gesellschaftlichen Schliff.

Sein Gespräch war voll prickelnder Grazie, voll treffender Sarkasmen, die Elisabeth sehr entzückten; doppelt, da sie gleich den meisten Frauen Heßlings spöttelnde Frivolität nicht für echt hielt, sondern als stacheliges Panzerhemd betrachtete, mit dem sich eine ideale Seele  schamhaft bekleidete, um ihre zarten Regungen vor unzarter Berührung zu wahren. (S. 28)

Sie lässt sich aus Eitelkeit, aus Langeweile und Gedankenlosigkeit allmählich in eine Affäre mit Heßling hineingleiten, von der beide lange glauben, dass sie alles im Griff haben. Dabei erklärt uns der allwissende Erzähler, dass dabei von wirklicher Liebe keine Rede sein könne.

Elisabeths unbestimmte sehnsuchtsvolle Langeweile hatte sich endlich zu dem Bedürfnis abgeklärt, etwas Aufrüttelndes zu erleben: Heßlings Huldigungen schmeichelten ihrer Eitelkeit, ihre Überspanntheit flunkerte einiges von glühender Leidenschaft und alle konventionellen Schranken niederstürmender Liebe, der große Galeotto schwang kräftig seine Hetzpeitsche, und so war sie denn eben eines schönen Tages in die Arme des Legationsrats geeilt. (S. 71)

Doch natürlich wird auch diese Beziehung zu etwas Alltäglichem. Heßling überlegt schon, an einem anderen Ort seine Karriere fortsetzen zu wollen, doch die Kraft zu einem Schlussstrich findet keiner der beiden. Dabei wird das Versteckspiel immer gefährlicher und belastet Elisabeth immer mehr. Jetzt erst erkennt sie, was sie aufs Spiel setzt.

Fazit

Fontanes Effi Briest wurde fast zeitgleich zu den Alltagsmenschen veröffentlicht, nämlich als Fortsetzungsroman in der Neuen Rundschau von 1894 bis 1895. Der Leser denkt natürlich auch an Madame Bovary und Anna Karenina, letzteres wird sogar neben anderen in der Geschichte erwähnt, selbst wenn Brachvogel ihre Ménage-à-trois ganz anders auflöst als ihre großen Kollegen.

In seiner psychologischen Glaubwürdigkeit fand ich das Buch beeindruckend. Jede Seelenregung der drei Betroffenen wird mit großer Menschenkenntnis bis in die kleinsten Nuancen geschildert.

Deutlicher als jemals zuvor offenbarte sich hier der Bruch in ihrem Charakter, das ungleiche Verhältnis darin zwischen Wollen und Können: sie wäre ja gar zu gerne eine außergewöhnliche Frau gewesen, eine von jenen, die als temperamentvoll gelten und über die hinweg sich die Männer mit verständnisvollem Blinzeln ansehen, aber sie war nicht schlecht genug, um sich ihres Fehltritts in aller Seelenruhe zu freuen, und bei weitem nicht groß genug, um ihr Thun nur vor den Gesetzen ihres eigenen Ichs verantworten zu wollen und zu können. […] Von der Bühne herab sah sich solch sündiges Liebesglück doch meistens sehr verlockend an, es las sich auch recht hübsch davon, aber in Wirklichkeit war es doch sicher richtiger und besser, eine anständige Frau zu sein, als eine gefallene. (S. 78)

Da hat Elisabeth natürlich recht, denn wenn ihr Mann von der Affäre erfährt, kann er sie aus dem Haus jagen, was nicht nur das Ende ihres gesellschaftlichen Ansehens und ihrer finanziellen Absicherung, sondern vor allem die Trennung von ihrem Kind bedeuten würde. Letztlich wird Elisabeth, wenn auch zu spät, erwachsen, denn sie sieht, welch mädchenhaften Fantasien und welcher Dummheit und Eitelkeit sie ihr Glück vor die Füße geworfen hat.

Doch auch Heßling, der nur eine kurze Affäre mit der schönen Frau gesucht hat, und Friedrich, der seine Frau liebt, werden in ihren inneren Konflikten und einander widerstrebenden Empfindungen scharfsinnig und nachvollziehbar gezeichnet.

Dabei sind alle drei, ohne sich dessen bewusst zu sein, auch Opfer des vorherrschenden Frauenbildes und stehen in Wechselwirkung mit der vierten Kraft im Roman, der Gesellschaft, deren oft verlogene und heuchlerische Stimme wir immer wieder vernehmen.

Was sich aber inzwischen überlebt hat, ist die oft unglaublich pathetische Sprache, die wilden Naturmetaphern.

Gleich schwerer, ertötender Eiseskälte legte sich die Erinnerung der Schuld auf die hochgehenden Wogen ihres fieberisch-verzweifelten Heroismus … (S. 104)

Auch die Erzählerstimme fand ich manchmal anstrengend. Sie weiß wirklich alles und ein Lesen zwischen den Zeilen ist nicht vonnöten. Es wird alles, alles erklärt und gedeutet.

Anmerkungen

Das Buch erschien im Allitera Verlag, und zwar in der edition monacensia, in der Werke Münchner Autoren und Autorinnen des 19. und 20. Jahrhunderts erscheinen.

Das Cover fand ich entsetzlich und dass ein Zitat auf dem hinteren Buchdeckel fälschlicherweise Elisabeth zugeschrieben wird, das aber von Heßling stammt, machte die Sache nicht besser.

Das Nachwort von Ingvild Richardsen hingegen war sehr erhellend. Carry (eigentlich Caroline) Brachvogel (geboren 1864) gehörte damals zu den „modernen“ Autorinnen, die sich auf „die Suche nach einem neuen Selbstverständnis der Frau“ begaben und die traditionellen Rollenvorstellungen in Frage stellten (S. 156).

Auch zur Biografie der jüdischen Autorin und Frauenrechtlerin, die seit 1895/96 über 30 Jahre lang einen einflussreichen literarischen Salon leitete, gibt es interessante Hinweise. Sie wurde schließlich als Schriftstellerin in ganz Deutschland bekannt.

Mit ihrer Existenz als unverheiratet bleibende, selbstständige, arbeitende Witwe widerspricht sie dem gängigen Ideal der Frau im Bürgertum des Kaiserreichs (S. 160)

Doch das Ungeheuerliche ist den Herausgebern nur einen kurzen Satz in der hinteren Umschlagklappe wert:

Nach der Machtübernahme durch die Nationalsozialisten wird die Jüdin Carry Brachvogel beruflich isoliert und schließlich 1942 in das KZ Theresienstadt deportiert, wo sie kurz darauf verstarb.

Und bei Lena Riess bitte gleich weiterlesen: Sie stellt eine Novellensammlung der Autorin vor.

Nellie Bly: Ten Days in a Mad-House (1887)

On the 22nd of September I was asked by the World [Zeitschrift, für die sie arbeitete] if I could have myself committed to one of the asylums for the insane in New York, with a view to writing a plain and unvarnished narrative of the treatment of the patients therein and the methods of management, etc. 

So beginnt die Reportage Ten Days in a Mad-House (1887) von Nellie Bly, die im Deutschen unter dem Titel Zehn Tage im Irrenhaus: Undercover in der Psychiatrie erschien.

Diese nur knapp 90 Seiten über die Zustände in der damaligen Psychiatrie gehen einem ans Herz.

Nellie Bly (1864 – 1922), mit bürgerlichem Namen Elizabeth Jane Cochrane, war eine der Pionierinnen des investigativen Journalismus. Sie war u. a. diejenige, die später allein eine Reise um die Welt unternahm.

Trotz diverser anspruchsvollerer Reportagen wurde Bly von ihrem Arbeitgeber zunächst auf „typische Frauenthemen“ wie Theater und Gärtnerei festgelegt. Als sie das endgültig satt hatte, ging sie nach New York und ergatterte einen Auftrag für die New York World von Joseph Pulitzer: Sie sollte eine Geisteskranke spielen, sich einweisen lassen und so aus erster Hand über die Zustände im Women’s Lunatic Asylum auf Blackwell’s Island berichten.

Ihr Plan gelingt. Erschreckend einfach und schnell wird sie eingewiesen. Nach zehn Tagen wird sie – wie vereinbart – befreit. In ihrer Reportage erzählt sie von dem vergammelten Essen, den z. T. gleichgültigen oder sadistischen Wärterinnen, den katastrophalen Unterkünften, der unzureichenden Kleidung und der fehlenden Hygiene. Die Insassen werden entweder sich selbst überlassen oder gefesselt und bei „Fehlverhalten“ bestraft, geschlagen oder in eiskaltes Wasser getaucht und dann ohne Decke zum Schlafen geschickt.

Bly deckt aber nicht nur die grausamen und inhumanen Zustände auf Blackwell’s Island auf, sondern erzählt auch von ihren Begegnungen mit den anderen Frauen, manchmal reichen schon ein paar Sätze und ein ganzes Schicksal taucht vor dem Leser auf.

Erschütternd auch die Tatsache, dass einige der Frauen dort überhaupt nicht krank waren, jedoch keinerlei Möglichkeiten fanden, aus diesem Gefängnis wieder herauszukommen. Es hat einfach niemanden interessiert und eine gründliche Untersuchung war wohl oft gar nicht im Interesse der Angehörigen. Auch Bly selbst hatte sich nach ihrer erfolgreichen Einweisung wieder völlig normal und vernünftig verhalten und entsprechend kommuniziert, aber genau das wurde dann wieder als Beleg für ihr „Irresein“ gewertet.

The insane asylum on Blackwell’s Island is a human rat-trap. It is easy to get in, but once there it is impossible to get out. (S. 85 der Taschenbuchausgabe)

Vermutlich gehen diverse – auch finanzielle – Verbesserungen in den psychiatrischen Kliniken in New York tatsächlich auf ihr Konto.

Bin beim Nachlesen ihrer Biografie noch auf die Experimente von David Rosenhan gestoßen, deren Ergebnisse er 1973 veröffentlichte. Was soll man da noch zu sagen?

Benjamin Maack hat zu der erst 2011 ins Deutsche übersetzten Reportage auf Spiegel Online einen Artikel veröffentlicht und auch der Neuen Zürcher Zeitung war das einen Artikel wert.

Weitere Besprechungen gibt es bei:

Einen weiteren Buchtipp zu diesem Thema findet ihr in der Netten Bücherkiste, nämlich: Women of the Asylum – Voices from behind the Walls, 1840-1945.

 

Julie Otsuka: The Buddha in the Attic (2011)

On the boat we were mostly virgins. We had long black hair and flat wide feet and we were not very tall. Some of us had eaten nothing but rice gruel as young girls and had slightly bowed legs, and some of us were only fourteen years old and were still young girls ourselves. Some of us came from the city, and wore stylish city clothes, but many more of us came from the country and on the boat we wore the same old kimonos we’d been wearing for years – faded hand-me-downs from our sisters that had been patched and redyed many times.

So beginnt ein höchst erstaunlicher Roman der amerikanischen Schriftstellerin mit japanischen Wurzeln. Katja Scholtz übersetzte Wovon wir träumten ins Deutsche.

Ganz und gar ungewöhnlich an diesem Buch ist die Erzählperspektive, und in einer Rezension im Observer stand, dass ein solches Vorhaben eigentlich nicht gelingen könne und uns die Autorin zeige, dass es eben doch funktioniere, doch dazu später mehr.

Zum Inhalt

In den zwanziger und dreißiger Jahren des 20. Jahrhunderts begeben sich viele junge Japanerinnen als sogenannte picture brides auf die beschwerliche Schiffsreise nach Kalifornien, um dort japanische Einwanderer zu heiraten, die sie nur von den Fotos der Heiratsvermittler kennen. Dort angekommen, müssen viele von ihnen feststellen, dass die Fotos zum Teil schon Jahrzehnte alt sind, dass nicht das große oder kleine Liebesglück mit Häuschen und Tulpen im Vorgarten auf sie wartet, sondern Knochenarbeit auf den Feldern, Armut und schweigsame oder trinkende Männer. Sie lernen die Sprache nur unzureichend. Und nur sehr sehr allmählich stabilisieren sich die Verhältnisse.

Manchmal können von den geringen Ersparnissen die ersten eigenen Lokale und Wäschereien eröffnet werden. Manch eine findet eine Anstellung in einem weißen Haushalt (samt der Nachstellungen des Hausherrn). Nachwuchs stellt sich ein, der bald eher amerikanisch als japanisch redet und sich oft genug seiner Herkunft schämt. Die Frauen bleiben – wenn auch als zuverlässige, billige und arbeitsame Arbeitskräfte geschätzt – immer geduldete Außenseiter. Das ändert sich im Zweiten Weltkrieg. Nach dem japanischen Angriff auf Pearl Harbour beginnt eine hysterische Kampagne. Alle Japaner im weiteren Westküstenbereich werden der Kollaboration mit dem Feind verdächtigt und interniert oder umgesiedelt. Die Nachbarn schauen zu und nehmen’s hin.

Fazit

Das Ungewöhnliche an diesem Buch ist die Perspektive. Konsequent wird aus der „Wir-Perspektive“ geschrieben und so verschmelzen unzählige Stimmen zu einem gewaltigen Chor, in dem das einzelne, individuelle Schicksal eingebettet wird in einen nicht abreißenden Strom, und zwar, ohne dass es dadurch unpersönlich oder langweilig würde. Die Traumata solcher Lebensgeschichten werden in den Träumen und dem Heimweh spürbar:

And when we’d saved up enough money to help our parents live a more comfortable life we would pack up our things and go back home to Japan. It would be autumn, and our fathers would be out threshing in the fields. We would walk through the mulberry groves, past the big loquat tree and the old lotus pond, where we used to catch tadpoles in spring. Our dogs would come running up to us. Our neighbours would wave. Our mothers would be sitting by the well with their sleeves tied up, washing the evening’s rice. And when they saw us they would just stand up and stare: „Little girl,“ they would say to us, „where in the world have you been?“ (S. 53)

Nachgetragen sei hier noch das Gedicht von Mizuta Masahide (1657 – 1723), das die Autorin ganz an den Anfang ihres Romans stellt:

Barn’s burnt down —
now
I can see the moon.

Hätte ich vorher gewusst, welche Erzählperspektive Otsuka gewählt hat, ich wäre skeptisch gewesen. Doch das Vorhaben ist ihr gelungen. Elizabeth Day schreibt im Observer am 8. April 2012:

Instead of a single, named protagonist, Otsuka writes in the first personal plural through a series of thematic chapters. Such a device shouldn’t work but does. Although there are no dominant characters, Otsuka’s brilliance is that she is able to make us care about the crowd precisely because we can glimpse individual stories through the delicate layering of collective experience.

Zu Recht ist sie für dieses Buch nicht nur unter die fünf Finalisten des National Book Award 2011 gekommen, sie hat auch den PEN/Faulkner Award for Fiction und den David J. Langum Sr. Prize verliehen bekommen, einen amerikanischen Literaturpreis für Werke, die sich mit geschichtlichen Themen befassen. Johan Dehoust schreibt am 13. August 2012 im Spiegel:

Julie Otsuka stützt sich auf echte Schicksale, im Nachwort des Romans listet sie akribisch die historischen Quellen auf, auf die sie zurückgegriffen hat. Und nach ihrer Recherche scheint sie entgegen aller Erzählprinzipien beschlossen zu haben, so viele Figuren auftauchen zu lassen wie möglich. Dass man ihr Buch deshalb nicht völlig verwirrt über die Bettkante wirft, liegt neben Otsukas einzigartiger Sprache vor allem an der Perspektive: Die jungen Frauen sprechen in der Wir-Form, wie ein mächtiger, orakelhafter Chor, der einen in seinen Bann schlägt und nicht mehr loslässt.

Auch ihr erster Roman When the Emperor was Divine (2002) befasst sich mit der Geschichte japanischer Einwanderer in Amerika, diesmal zur Zeit des Zweiten Weltkrieges. Sie verarbeitet darin Erfahrungen ihrer eigenen Familie: „… her grandfather was arrested by the FBI as a suspected spy for Japan the day after Pearl Harbor was bombed, and her mother, uncle and grandmother spent three years in an internment camp in Topaz, Utah“ (siehe die Homepage der Autorin).

Wer mehr  zum geschichtlichen Hintergrund wissen möchte, sei noch auf den Wikipedia-Artikel hingewiesen: Internierung japanischstämmiger Amerikaner.

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Dorothy Whipple: Greenbanks (1932)

Auch Greenbanks, der dritte Roman von Dorothy Whipple, der ursprünglich 1932 erschienen ist, wurde bei Persephone Books neu aufgelegt. Er beginnt mit den Worten:

The house was called Greenbanks, but there was no green to be seen today; all the garden was deep in snow. Snow lay on the banks that sloped from the front of the house; snow lay on the lawn to the left, presided over by an old stone eagle who looked as if it had escaped from a church and ought to have a Bible on his back; snow lay on the lawn to the right, where a discoloured Flora bent gracefully but unaccountably over a piece of lead piping that had once been her arm. Snow muffled the old house, low and built of stone, and of no particular style or period, and made it look like a house on a Christmas card, which was appropriate, because it was Christmas day.

Greenbanks, das ist also das gediegene Zuhause von Louisa Ashton. Hier hat sie mit ihrem notorisch untreuen Gatten sechs Kinder großgezogen, die inzwischen alle erwachsen und bis auf Laura auch verheiratet sind. Wir folgen nun fast zwei Jahrzehnte dem Alltag, den Ehequerelen und den beruflichen Entwicklungen der Familienmitglieder. Dabei geht es auch um die Frage, ob und wo eine Frau vor, während und kurz nach dem Ersten Weltkrieg ihren Platz in der Gesellschaft finden kann, an dem sie glücklich ist und gleichzeitig von der Gesellschaft akzeptiert wird.

Im Zentrum steht Großmutter Louisa, in finanziellen Angelegenheiten immer von ihrem Ehemann und später ihrem Sohn abhängig, manchmal  naiv, mit wenig Durchsetzungsvermögen, und doch mit einem großen Herzen. Sie mag nicht besonders gebildet oder reflektiert sein, doch hat sie ein untrügliches Gespür für die Menschen um sich herum und kann kaltem Nützlichkeitsdenken wenig abgewinnen. Ihr Lieblingssohn Charles bekommt beruflich kein Bein auf die Erde, doch das Schlimme daran sind für sie nur die sarkastischen Kommentare seines geldgierigen Bruders und seines besserwisserischen Schwagers.

Hat Louisa allerdings erst einmal eine Entscheidung getroffen, wie z. B. die eine Bekannte als Gesellschafterin in ihr Haus aufzunehmen, die von der Gesellschaft wegen eines unehelichen Kindes ausgestoßen worden war, dann setzt sie das mit der Sturheit eines Maulesels durch, egal, was ihr fürchterlicher Schwiegersohn Ambrose davon hält.

Die zweite Person, die mir im Gedächtnis bleiben dürfte, ist Louisas Lieblingsenkelkind Rachel. Ihr kindlicher Blick ist wunderbar gezeichnet. Und ihr beim Erwachsenwerden zuzuschauen, macht große Freude. Sie ist die einzige Frauenfigur, die vermutlich halbwegs unbeschadet ihren Weg finden wird, auch deshalb, weil sie bei ihrer geliebten Großmutter immer einen Raum hatte, an dem sie ganz sie selbst sein durfte.

[Rachel] looked up from the page to her grandmother sitting in the window, her hands empty now that she had no one to knit for. ‚Darling,‘ thought Rachel. Some dim comprehension of the courage, the isolation of each human soul, the inevitable loneliness in spite of love, reached Rachel. The room was quiet, the ticking of the clock the only sound. Rachel was aware, for a moment, of the mystery of herself, her grandmother, eternity before and behind them both. Then she jumped up. Youth will glance at these things, but hates to look long. (S. 247)

Rachels Mutter Letty hingegen langweilt sich zunehmend in der Ehe mit ihrem pedantischen und befehlshaberischen Ehemann Ambrose, den sie als junges Mädchen noch so angehimmelt hatte.

He gave her, more and more frequently, the same flat exhausted feeling she had when she tried to carry a mattress downstairs unaided; that exasperating feeling of not being able to get hold of the thing properly and of wanting to give up at every step. But of course you couldn’t give up; you couldn’t sit down in the middle of the stairs with a great burden like that; you had to carry it the whole way, until you could put it down somewhere final. (S. 48)

Greenbanks ist für mich nicht der stärkste Roman der Autorin, aber im Nachhinein bin ich doch angetan davon, wie aufschlussreich der Roman als Zeitzeugnis ist. Welche gesellschaftlichen Veränderungen brachte der Erste Weltkrieg mit sich? Welchen Rollenzwängen sahen sich die Frauen damals ausgesetzt? Das alles mit einem Figurenensemble, das so durchschnittlich, so alltäglich ist, mit Dialogen und – fast noch wichtiger – mit Gedanken und Verhaltensweisen, die wir auch heute noch mühelos wiedererkennen. Trotz der Verankerung in einem bestimmten Milieu und einer vergangenen Zeit wirken die Figuren überraschend frisch und kein bisschen verstaubt.

Besonders die Männerfiguren sind in ihrer Heuchelei, Engstirnigkeit und Doppelmoral in Bezug auf Ehe, Treue oder Zölibat und Frauenbildung oft unerfreuliche und manchmal auch fast eindimensionale Gestalten, die aber von Whipple nicht verurteilt, sondern einfach geschildert werden. Auch sie haben ihre Gründe, so zu sein, wie sie sind.

Und wie bei jedem guten Schmöker will ich natürlich schon wissen, wie sich die ein oder andere Verwicklung auflösen wird.

Anmerkungen zur Rezeption des Romans

Der Spectator schrieb Ende September 1932:

Greenbanks is a pleasant, quiet, delightful domestic book, lifted head and shoulders above the ranks of pleasant, quiet, delightful domestic books by the uncanny accuracy of the portraiture and the lightness and delicacy of its touch.

Und Hugh Walpole war sich sicher:

I believe Greenbanks will be remembered for a long time to come because of the characters of two people in it, the grandmother Louisa and the granddaughter Rachel. In them Dorothy Whipple has performed splendidly the great job of the novelist, which is to increase for us infinitely the population of the living world.

Hier gibt es noch eine Besprechung auf Tales from the Reading Room.

 

 

 

Dorothy Whipple: High Wages (1930)

Schon für das folgende Zitat hat sich doch die Lektüre des zweiten Romans von Dorothy Whipple gelohnt, der 1930 erschien:

Jane’s days were now like a succession of crammed cupboards that would not shut on their contents. Things fell out in miscellaneous confusion and had to be picked up and put into the next cupboard, from which they fell out again and so on until they positively had to be attended to.

Der Titel High Wages bezieht sich dabei auf ein Zitat von Carlyle:

Experience doth take dreadfully high wages, but she teacheth like none other.

In High Wages geht es vor allem um Jane, eine Vollwaise, die sich seit ihrem 16. Lebensjahr ihren Lebensunterhalt als „shop girl“, als Verkäuferin in einem Textilgeschäft, verdienen muss. Die Handlung setzt 1912 ein und wir folgen ihr und den anderen Bewohnern der kleinen Stadt für die nächsten zehn Jahre.

Jane ist tough und hat das gewisse Händchen für ihren Beruf, nicht unbedingt zur Freude ihres geizigen und versnobten Chefs. Darüber hinaus ist sie voller Lebenslust und interessiert an Büchern. Wer würde sie nicht mögen, wenn es, als sie zum ersten Mal in ihrem Leben auf einen richtigen Ball geht, heißt:

She drew on her first pair of silk stockings, and in a passion of delight kissed her own knees. (S. 98)

Fazit

Die Liebeswirren waren mir einen Hauch zu melodramatisch, aber das wurde wettgemacht durch die Einbettung der Geschichte in die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen und eine intelligente und lebenstüchtige Protagonistin, die sich nicht mit der beruflichen Rolle bescheiden will, die ihr die Männer einzuräumen bereit sind.

Die Leserin erfährt viel über Janes Arbeitsbedingungen in einer von Männern dominierten Welt, die langen Arbeitstage und das damals in den kleineren Städten noch übliche Modell des „living in“, d. h. dass die Angestellten bei ihrem Dienstherrn Kost und Logis bekamen, womit der finanziellen Ausbeutung der Frauen Tür und Tor geöffnet wurde.

Außerdem veranschaulicht Janes beruflicher Weg den gesellschaftlichen Umbruch, als selbst die Bessergestellten anfingen, Kleidung von der Stange zu kaufen und sie nicht mehr notwendigerweise von Schneiderinnen individuell anfertigen ließen.

Anmerkung

Hier empfiehlt Heavenali ihre Lieblingsbücher aus dem Persephone Verlag und außerdem stellt sie einen Band mit kürzeren Erzählungen von Whipple vor.

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Margaret Humphreys: Oranges and Sunshine (1994)

The truth which makes men free is, for the most part, the truth which men prefer not to hear. (Herbert Agar, S. 200)

Anlässlich Peggys Artikel Von Strafkolonien und Völkermord auf ihrem Blog Entdecke England möchte ich noch einmal eine eindrückliche Geschichtsstunde von Margaret Humphreys aus dem Jahr 1994 aus meinem Archiv holen.

So fing alles an

Margaret Humphreys, 1944 in Nottingham geboren, arbeitete als Sozialarbeiterin und war zuständig für Familien, die damit überfordert waren, sich selbst um ihre Kinder zu kümmern.

1975 sorgte eine Gesetzesänderung dafür, dass erwachsene Adoptivkinder Zugang zu ihren Geburtsurkunden bekommen konnten. Daraufhin gründete Humphreys 1984 eine Selbsthilfegruppe, damit diese Erwachsenen sich über die Probleme, Ängste und Identitätsfragen austauschen konnten, die durch die Suche nach den leiblichen Eltern ausgelöst wurden.

Eine Australierin, 1986 zufällig auf Besuch in Nottingham, erfährt von dieser Gruppe und berichtet ihrer Freundin Madeleine in Australien davon. Kurze Zeit später bittet Madeleine Margaret in einem Brief um Hilfe bei der Suche nach ihren leiblichen Eltern, denn Madeleine war als englisches Waisenkind mit vier Jahren nach Australien verschickt worden.

Margaret kann das nicht so ganz glauben, doch auch eine ihrer Klientinnen in der Selbsthilfegruppe behauptet, dass ihr Bruder als kleiner Junge nach Australien verschickt worden sei. Sie beginnt nachzuforschen und bringt für sich und andere eine Lawine ins Rollen, die die LeserInnen nun beeindruckt und entsetzt über die nächsten sieben Jahre mitverfolgen.

So geht es weiter

Humphreys schildert, wie sie, zunächst selbst völlig arg- und ahnungslos, mit Unterstützung ihres Mannes immer mehr Details über das sogenannte „child migration scheme“ in Erfahrung bringt: Die britische Regierung hatte schon im frühen 17. Jahrhundert Kinder nach Virginia verschickt, um die Kolonialisierung voranzutreiben (siehe auch den Wikipedia-Artikel zu Home Children). Doch noch im 20. Jahrhundert erfreute sich die Idee, missliebige Kinder aus Kinderheimen, die dem Steuerzahler ja ohnehin nur auf der Tasche lagen, in Gebiete des ehemaligen Empire zu schicken, großer Beliebtheit.

Between 1900 and the Depression of the 1930s, children were primarily sent to Canada, but after the Second World War the charities and agencies began to concentrate on Australia and, to a much lesser extent, Rhodesia and New Zealand. (S. 79)

Margaret kann das Interesse des Observer gewinnen und hat so die Möglichkeit, die Journalistin Annabel Ferriman auf der ersten Recherchereise nach Australien zu begleiten. Da wissen sie bereits, dass vor und nach dem Zweiten Weltkrieg ganze Schiffsladungen mit Kindern aus England nach Australien gebracht wurden. Beteiligt waren u. a. folgende Organisationen: die Heilsarmee, National Children’s Home, Children’s Society, die Church of England, die Presbyterian Church, die Church of Scotland, die Fairbridge Society, Dr Barnardo’s und der ebenfalls katholische Orden der sogenannten Christian Brothers.

Die Kinder kamen dann in (vorwiegend katholische) Kinderheime in Australien und mussten dort z. T. Sklavenarbeit verrichten. Viele begingen Diebstähle, weil sie nicht genug zu essen bekamen. In den überwiegend von Männern geführten Institutionen gab es keine Liebe, keine Fürsorge. Bettnässer wurden bestraft und gedemütigt, die Bettdecken waren zu dünn, die Matratzen schmutzig. Vor allem bei den Christian Brothers gab es zahlreiche Fälle von grauenhafter sexueller Gewalt. Doch auch in den von Nonnen geführten Mädchenheimen haben sich einzelne Sadistinnen oder völlig von ihrer Aufgabe überforderte Frauen ausgetobt.

Einige der Zöglinge waren anschließend für ihr Leben gezeichnet und nie wieder in der Lage, irgendjemandem zu vertrauen. Es gab zwar Angebote aus der australischen Bevölkerung, Kinder zu adoptieren, doch das wurde von der katholischen Kirche normalerweise verweigert. Die Kinder mussten in den Institutionen bleiben, denn sie waren nicht nur billige Arbeitskräfte, sondern auch eine gute Einnahmequelle, da sich die britische und die australische Regierung die Kosten pro Kind bis zum 14. Lebensjahr teilten.

Humphreys zeigt, dass es eine in vielen Fällen geradezu aberwitzige Verdrehung der Tatsachen ist, wenn behauptet wurde, dass den Waisenkindern in Australien tolle Möglichkeiten geboten wurden, die sie in Großbritannien nie gehabt hätten.

Es kommt aber noch schlimmer: Selbst die Kinder, die in ihrer neuen Heimat erträgliche Bedingungen vorfanden, sind um einen wesentlichen Teil ihrer Identität betrogen worden. Humphreys findet heraus, dass es sich bei den angeblichen Waisenkindern gar nicht um Waisenkinder gehandelt hat. Nahezu alle haben oder hatten in Großbritannien Mütter, Geschwister oder Verwandte, die sie nun – Jahrzehnte später – mit der von Humphreys gegründeten Stiftung „Child Migrants Trust“ versuchen, ausfindig zu machen. Doch Kinder, denen man erzählt hatte, dass sie Vollwaisen seien, waren natürlich leichter beeinflussbar und eher bereit, ihre Vergangenheit hinter sich zu lassen, ohne unbequeme Fragen zu stellen.

Den Müttern, die, oft aus einer Notlage heraus, ihre Kinder ins Heim gegeben hatten, hat man, wenn sie ihre Kinder wieder zu sich nehmen wollten, erzählt, dass ihre Kinder tot seien. Eine andere Variante lautete, sie würden inzwischen bei liebevollen englischen Adoptiveltern aufwachsen oder sie seien halt inzwischen in Australien. Dies sogar dann, wenn Mütter ausdrücklich eine Adoption verweigert hatten, weil sie immer vorhatten, ihr Kind irgendwann zurückzuholen.

Humphreys geht dabei auch der Frage nach, wie es politisch und juristisch überhaupt möglich war, Kinder einfach in ein anderes Land abzuschieben. Großbritannien hat lange jegliche Verantwortung für diese Zwangsverschickung abgestritten, obwohl die Dokumente in den Archiven eine andere Sprache sprechen. Die historischen Quellen belegen außerdem, dass Australien ein enormes Interesse an britischen Kindern hatte, weil die der „richtigen“ Rasse angehörten, noch formbar waren, finanziell günstiger waren als erwachsene Einwanderer und als Verstärkung gegen eine befürchtete asiatische Invasion die Bevölkerungsdichte nach oben treiben sollten. 1945 beispielsweise rief der australische Premierminister eine entsprechende Konferenz ein, um für die massenhafte Einwanderung von Kindern zu werben. Er dachte an mindestens 50.000 Kinder.

Das weitere Schicksal der Kinder hing dann auch davon ab, in welches Land sie verschickt wurden. Diejenigen, die nach Neuseeland kamen, wurden zwar überwiegend in Pflegefamilien gebracht, doch denen ging es vorrangig um billige Arbeitskräfte auf den Farmen. Die Kinder, die nach Simbabwe – damals Rhodesien – verschickt wurden, haben ihre Kindheit meist in guter Erinnerung. Ihre Auswanderung war oft die Entscheidung der gesamten Familie, die – zu Recht – vermutete, dass dem Kind als Mitglied der weißen „Herrenrasse“ in Afrika Möglichkeiten offen stehen würden, die in Großbritannien völlig illusorisch gewesen wären. Einige der ehemaligen child migrants sehen das selbst heute noch völlig unkritisch und bedauern höchstens, dass der Einfluss der Weißen schwindet. Humphreys befragt z. B. einen wohlhabenden weißen Anwalt, der als Kind nach Simbabwe gekommen war, nach den Lebensbedingungen seines Kochs:

  • ‚He lives at the end of the garden.‘
  • ‚And is he married?‘
  • ‚Oh yes – and he’s got children.‘
  • ‚Does his wife live here?‘
  • ‚No, we let him go and see her once a year.‘ (S. 153)

Humphreys schildet aber nicht nur die Einzelheiten des lange totgeschwiegenen child migration scheme, sondern zeigt auch die politischen und kirchlichen Reaktionen auf die Enthüllungen.

Die offiziellen Reaktionen der katholischen Kirche waren alles andere als christlich: Die Kirche versuchte lange, sich als Opfer einer medialen Hetzkampagne zu inszenieren und selbst Jahrzehnte später nur eine Pseudo-Aufarbeitung durch eigene Ordensleute zuzulassen. Dr Barry Coldrey, selbst ein Angehöriger der Christian Brothers und von der katholischen Kirche beauftragt, den Anschuldigungen nachzugehen, entblödete sich nicht, noch in den achtziger Jahren des letzten Jahrhunderts den Kindern die Schuld an den sexuellen Übergriffen ihrer Priester zu geben.

Brother Gerald Faulkner verteidigte die in den fünfziger Jahren gängige Praxis, pädophile Priester einfach in ein anderes Jungenheim zu versetzen, da man es halt nicht besser gewusst habe.

People assumed that a new start in life at a new place would bring about a different sort of life. (S. 325)

Die ersten Forschungsarbeiten zu dem Thema gingen davon aus, dass ca. 20 % der Jungen in den Heimen der Christian Brothers missbraucht oder vergewaltigt wurden.

Auch die anderen Organisationen waren zunächst weder zu einer Aufarbeitung dieses Kapitels noch zu einer (finanziellen) Unterstützung des Child Migrants Trust bereit. Manche weigerten sich, Akteneinsicht zu gewähren.

Als der öffentliche Druck zu groß wurde, schickte z. B. die Fairbridge Society brisante Unterlagen den Betroffenen einfach per Post, die dann sehen konnten, wie sie damit zurechtkamen, auf einmal den Namen ihrer Mutter, ein anderes Geburtsdatum und vielleicht einen anderen Taufnamen schwarz auf weiß vor sich zu haben, obwohl sie bis dahin geglaubt hatten, Vollwaisen zu sein.

Als Leser ist man beschämt, wenn man von den Schwierigkeiten liest, genügend Geld für die Arbeit des Child Migrants Trust zusammenzubetteln, und man fragt sich, wer wohl hinter den Morddrohungen und dem nächtlichen Überfall in Australien gegen Margaret gesteckt hat, nach dem sie jahrelang Schlafprobleme hatte.

Fazit

Ein spannendes, informatives Buch mit vielen Zitaten aus historischen Dokumenten, Briefen und Gesprächen, das es einem nicht einfach macht, denn es zeigt, dass das „Böse“ oft ein kaum noch zu entwirrendes Gemisch aus Rassismus, Zeitgeist, guten Absichten, Bürokratie, Fanatismus, Heuchelei, fehlender Kontrolle, Selbstgerechtigkeit und banaler Ignoranz ist.

Als Humphreys sich irgendwann fragt, wie sie bloß in all das hineingeraten ist, lächelt ihr Mann sie an und meint:

It’s that well-known mixture of the right person, in the right place, at the right time, with a smashing family. (S. 329)

Sie hat persönliche Opfer für diese Arbeit gebracht, ihren Mann und ihre zwei Kinder oft über Wochen, manchmal Monate, allein gelassen und selbst gesundheitliche Beeinträchtigungen in Kauf genommen, nur um ihrem Ziel näher zu kommen: so viele child migrants wie möglich noch mit ihren Müttern in Großbritannien zusammenzubringen, bevor der Tod das unmöglich macht.

Sie erzählt ihre Geschichte mit sanftem Humor, Wehmut und einer nicht versiegenden Menschlichkeit.

No matter how many stories of abuse I hear, I am always shocked. You can’t be prepared. I’m not shocked by the knowledge that brothers or priests or others are capable of such brutality. It’s the total devastation of the victim that stuns me; the fact that he has held on to his pain for all these years. It humbles me. […] It’s no good sitting there saying I don’t want it. You take their baggage because you know it’s too heavy for one person to carry through a lifetime. (S. 298)

Die letzten Kinder wurden übrigens 1967 verschickt.

Sowohl die australische als auch die britische Regierung haben sich inzwischen offiziell bei den ehemaligen child migrants entschuldigt und Humphreys ist vielfach für ihr Engagement ausgezeichnet worden.

Anmerkungen

Das Buch zeigt, wie hilfreich die Medien sein können. Ohne die Arbeit engagierter Journalisten und Filmemacher wäre die Arbeit von Humphreys und ihren Mitstreitern wahrscheinlich im Sande verlaufen. Nur mit der Hilfe von Zeitungsartikeln, Radiointerviews und Dokumentationen konnte die nötige Breitenwirkung erreicht werden, die notwendig war, um politischen Druck auszuüben, Beratungsstellen in Großbritannien und Australien aufzubauen, die Frage nach finanzieller Entschädigung anzustoßen und die Suche nach vermissten Familienangehörigen zu finanzieren.

Folgende Dokumentationen und Filme haben besonders dazu beigetragen, dass das Thema öffentlich wahrgenommen und diskutiert wurde. Die Filme sorgten außerdem dafür, dass sich Tausende ehemaliger child migrants an die jeweils geschalteten Hotlines wendeten, ihre Geschichten erzählten und sich ebenfalls auf die Suche nach ihren Müttern begaben, von denen sie Jahrzehnte lang geglaubt hatten, dass sie tot seien.

Auf die Ähnlichkeiten mit dem Schicksal der australischen „Stolen Generation“ kann hier nur hingewiesen werden.

Übrigens ist auch Frankreich in der Vergangenheit ähnlich vorgegangen und hat von 1963 bis 1982 über 1600 Waisenkinder aus Réunion nach Frankreich gebracht, um der zahlenmäßig schwächelnden Landbevölkerung aufzuhelfen. Siehe dazu den Artikel im Guardian vom Februar 2014.

Trauriger Nachtrag: Noch immer werden unzählige Aborigenes-Kinder zwangsweise von ihren Familien getrennt. Siehe den Artikel im Guardian vom März 2014.

Lioba Happel: dement (2015)

Wenn wir alles vergessen haben, zum Beispiel, dass man, wenn die Sonne scheint, sagt, es sei schönes Wetter, und dass man, wenn es regnet, sagt, es sei schlechtes Wetter; wenn wir vergessen habe, wie unser Ehepartner von uns gerufen wurde, der auf Fotos auf der Wand hängt und ob das überhaupt unser Ehepartner gewesen ist; wenn wir vergessen haben, wie unsere Kinder und Kindeskinder einmal von uns genannt wurden, die sich auf Stellbildern und allen Flächen um uns herum zeigen; wenn wir schließlich sogar vergessen haben, wie wir selber heißen, dann sind wir angekommen in der reinen Gegenwart. Es regnet heute in der reinen Gegenwart, aber wir behaupten, es sei schönes Wetter.

So beginnt eine schmale Erzählung von nur 117 Seiten, veröffentlicht im Rimbaud Verlag, in der Lioba Happel den Versuch unternimmt, sich den Gedanken einer demenzkranken älteren Frau anzunähern, sich in ihre Welt hineinzufühlen.

All die Jahre, die über uns hinweggegangen sind und wir, tief versunken in uns, wir halten es in unseren schmerzenden Körpern aus. Wir halten es aus auf dem Meer, bei Tag und bei Nacht, seekrank vor Erinnerung an die, die wir einmal gewesen sind und jetzt nicht mehr sind. (S. 105)

Dabei geht es um die Schreckmomente, in denen sich die alte Frau plötzlich in einem der Fotos von früher wiedererkennt, oder um den Besuch, der „nur mal eben“ hereinschauen wolle, um zu sehen, wie es ihr gehe, „um zu sehen, ob wir noch leben“, wie die Ich-Erzählerin trocken vermerkt. Um das unvermittelte Einschlafen tagsüber, um die Fragen des Besuchers, die man nicht so richtig deuten kann.

Ich habe es so empfunden: Die Geschichte zeigt keinen Kampf, keine Verzweiflung. Was für einen Sinn hätte es auch, gegen die Einsamkeit zu rebellieren. Im Großen und Ganzen liegt die Traurigkeit bereits hinter der Erzählerin. Das Auf-Sich-Zurückgeworfen-Sein wird leise angenommen.

In einer der Lyrik sehr nahen Sprache wird von einem allmählichen Loslassen erzählt, was beim Lesen auf mich trotz aller Wehmut wundersam ruhig und akzeptierend wirkte.

Gern gelesen.

Ihr habt „keine Zeit“ mehr, ihr sagt „wir müssen“.
„Was?“
„Wir müssen wirklich.“
„Wohin?“
„Eine Weltreise vorbereiten.“
Da zieht doch hinaus zu euren Abenteuern. Meldet euch gleich auch zur Fahrt
auf den Mond an. Hier bei uns, wenn ihr es eine Weile aushieltet, könntet ihr
einmal kopfüber durchs Weltall und quer wieder zurück. (S. 45)

 

Emily Brontë: Wuthering Heights (1847)

Mit einem Grinsen im Gesicht und großer Genugtuung lese ich, was Mithu Sanyal in ihrem Buch Über Emily Brontë schreibt:

Wuthering Heights war der erste echte Roman, den ich gelesen habe, […] Und das war ein Glücksgefühl, ein synästhetisches Ganzkörpererlebnis. Und ein Problem. Hängte er doch die Latte für weitere Romane extrem hoch, sodass ich später oft dachte: Das ist ja alles schön und gut, aber wann kommt endlich das Mo0r? (S. 14)

Vor einigen Jahren rief Birgit Böllinger auf ihrem ehemaligen Blog Sätze & Schätze dazu auf, unsere ganz persönlichen Klassiker zu entstauben und vorzustellen:

Im Gegensatz zum Feuilleton sind Literaturblogger nicht dem ständigen Aktualitätszwang verpflichtet – darin liegt auch eine Chance, immer einmal wieder einen Klassiker aus dem Regal hervorzuholen, sie den Lesern – so sie ihn noch nicht kennen – näherzubringen. Ich habe daher einige lesende und schreibende Menschen (Blogger, Schriftsteller, Verleger, Literaturschaffende und Literaturliebhaber) gebeten, mir von ihrem persönlichen Favoriten zu erzählen und über Bücher zu schreiben, die sie seit Jahren, wenn nicht gar Jahrzehnten begleiten, denen sie eine besondere Bedeutung zuschreiben, die sie als Klassiker bezeichnen würden.

Ich musste nicht lange überlegen. Mein Klassiker ist Wuthering Heights von Emily Brontë, einigen vielleicht eher unter dem deutschen Titel Sturmhöhe bekannt.

Die wilde Geschichte von den zwei unterschiedlichen Familien, die irgendwo im einsamen und rauhen Yorkshire wie Naturgewalten aufeinandertreffen, wurde erstmals 1847 veröffentlicht. Da wären zum einen die Earnshaws, deren Vater eines Tages aus Liverpool, dem damaligen Zentrum des Sklavenhandels, das so auffällig dunkle Findelkind Heathcliff mitbringt. Insgesamt sind die Earnshaws mit Tochter Catherine und Sohn Hindley eine Familie, die mit dysfunktional noch sehr freundlich umschrieben wäre. Auf der anderen Seite gibt es die gesitteten Lintons. Es kommt zu unglückseligen Eheschließungen, Geburten, Liebesleid, einem jahrzehntelangen Rachefeldzug, Tod und schließlich zu einer milden, aber geisterhaften Ruhe nach all dem stürmischen Gebaren.

Hab’s schon als Teenager gelesen, ohne die geringste Ahnung, dass das ein echter Klassiker ist. Später die Schwarzweiß-Verfilmung gesehen. Weitere Verfilmungen gingen spurlos an mir vorbei. Das Buch reicht mir völlig.

Im Studium habe ich mich monatelang mit dem Buch beschäftigt und es aus allen möglichen und unmöglichen feministischen, marxistischen oder psychoanalytischen Richtungen analysiert, interpretiert und dabei fast auswendig gelernt. Doch das Werk hat all dem standgehalten und begeistert mich heute noch genauso wie beim allerersten Mal.

Es bleibt bewunderndes Staunen oder staunende Bewunderung, denn bei jedem Lesen entdecke ich etwas Neues; man wird mit diesem Buch einfach nicht fertig. Da gibt es z. B. eine große psychologische Feinheit, mit der die Autorin zeigt, welche Verheerungen eine miese und brutale Erziehung anrichten kann.

Dann die Modernität der Perspektivengestaltung: Wie in einem Spiegellabyrinth muss man überlegen, wem man glauben kann. Die Erzählerfiguren, der Städter Lockwood und die Haushälterin Nelly Dean, die oft genug selbst ihre Finger im Spiel hatte, wollen uns von Anfang an ihre Sicht der Dinge unterjubeln.

Und erst die Hauptfiguren: Catherine, ihr ekelhafter Bruder Hindley, Heathcliff und dann Edgar und Isabelle Linton. In den zwei Häusern tobt ein archaischer Sturm, scheinbar meilenweit vom nächsten Ort entfernt, die Rache- und Liebeshandlung drängt vorwärts; am Ende sind fast alle tot und die Leser*innen völlig fertig. Und dann die großen Fragen nach Schuld, nach Liebe. Schließlich tragen hier alle ihren Teil, gewollt oder ungewollt, zu Chaos und Herzeleid bei.

Und überhaupt, was ist eigentlich Liebe? Ist es Liebe oder eine schier unfassbare Selbsttäuschung, wenn Catherine beteuert:

If all else perished, and he [Heathcliff] remained, I should still continue to be; and if all else remained, and he were annihilated, the Universe would turn to a mighty stranger. I should not seem a part of it. (…) my love for Heathcliff resembles the eternal rocks beneath – a source of little visible delight, but necessary. Nelly, I am Heathcliff – he’s always, always in my mind – not as a pleasure, any more than I am always a pleasure to myself – but, as my own being….

Und im Anschluss lese man das coole und ausgesprochen informative Buch Über Emily Brontë (2022) von Mithu Sanyal, die auch noch weiteren im Buch angelegten Spuren nachgeht, denen man erst seit wenigen Jahrzehnten überhaupt Aufmerksamkeit widmet, wie beispielsweise der Kritik an den unüberwindlichen Klassenschranken, der Hautfarbe Heathcliffs und den Spuren des Sklavenhandels.

Abschließend kann man dann noch die ARTE-Dokumentation anschauen, in der die Literaturwissenschaftlerin Lucasta Miller eine weitere Interpretationsmöglichkeit ins Spiel bringt: Der Roman könne als eine Warnung an die viktorianische koloniale Gesellschaft verstanden werden: „Die Ausgestoßenen werden sich letztendlich erheben.“

Elena Ferrante beschreibt in einem Interview, was ein gutes Buch ihrer Meinung nach leistet. Nicht nur nach dieser Definition ist Wuthering Heights ein phänomenal gutes Buch.

Good books are stunning charges of vital energy. They have no need of fathers, mothers, godfathers and godmothers. They are a happy event within the tradition and the community that guards the tradition. They express a force capable of expanding autonomously in space and time.

(aus: Elena Ferrante in einem Interview mit Sheila Heti, zitiert nach: ‘Be Silent, Recover My Strength, Start Again’: In Conversation with Elena Ferrante)

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Margaret Powell: Below Stairs (1968)

I was born in 1907 in Hove, the second child of a family of seven. My earliest recollection is that other children seemed to be better off than we were. But our parents cared so much for us. One particular thing that I always remember was that every Sunday morning my father used to bring us a comic and a bag of sweets. […] Sometimes now when I look back at it, I wonder how he managed to do it when he was out of work and there was no money at all coming in.

Mit diesen Sätzen beginnt der autobiografische Rückblick der britischen Autorin Margaret Powell auf ihre Jugend und die anschließende Zeit als „kitchen maid“ in den zwanziger Jahren des letzten Jahrhunderts.

In den ersten leider völlig uninspiriert heruntergeschriebenen Kapiteln schildert Powell die Armut und die ständigen Geldsorgen ihrer Familie. Der Vater war als Anstreicher oft arbeitslos, die Mutter arbeitete den ganzen Tag als Putzfrau. Staatliche Unterstützung gab es nicht und dennoch war es der Mutter zuwider, Almosen ihrer Arbeitgeber anzunehmen. Besonders schwierig war die finanzielle Lage während des Ersten Weltkrieges, als Margarets Mutter sämtliche Regale und Teile der Treppe verfeuerte, um wenigstens ein bisschen Wärme zu haben.

Margaret und ihre Geschwister müssen schon früh Aufgaben übernehmen, sind ständig hungrig und doch auch findig, wenn es beispielsweise darum geht, das Geld für eine Stummfilmvorführung aufzutreiben. Sie schildert nicht nur die Spiele der Kinder, den nachhaltigen Eindruck, den ein Zirkusbesuch auf sie machte, sondern auch die Beengtheit der Arbeiterwohnungen, in denen die Eltern immer dann miteinander schliefen, wenn die Kinder in der Sonntagsschule waren.

Als Margaret 13 Jahre alt ist, gewinnt sie ein Stipendium fürs Gymnasium; ihr Traum ist, später Lehrerin zu werden. Doch ihr ist völlig klar, dass sie trotzdem die Schule verlassen muss, um ihren Eltern nicht länger finanziell zur Last zu fallen. Zwei Jahre arbeitet sie in einer Wäscherei, bevor sie dann mit 15 ihre erste Stelle als „kitchen maid“ antritt.

Ab diesem Moment liegt die geschichtliche Bedeutsamkeit dieser Memoiren auf der Hand. Die Arbeitsbedingungen, unter denen Margaret nun viele Jahren arbeiten muss, sind atemberaubend grässlich. Und wer schon einmal eines der prächtigen Herrenhäuser in Großbritannien besichtigt und sich gewundert hat, wieso man bei derlei Besichtigungen so wenig über das Heer der Hausangestellten erfährt, weiß spätestens nach diesem Buch den Grund dafür. Sie waren für die meisten Herrschaften buchstäblich unsichtbar, einfach extrem billige Arbeitskräfte, denen man jegliche „gehobenen“ Bedürfnisse nach Bildung, Büchern oder schlicht einem nett eingerichteten Zimmer absprach.

Als „kitchen maid“ ist Margaret in der Hierarchie der Hausangestellten auf der untersten Stufe angesiedelt. Sie wird den anderen nicht einmal vorgestellt:

… don’t think I was introduced to them. No one bothers to introduce a kitchen maid. You’re just looked at as if you’re something the cat brought in. (S. 46 der Taschenbuchausgabe)

Moderne Hilfsmittel wie effektive Reinigungsmittel, Staubsauger, Handschuhe etc. gibt es nicht, die Arbeitszeiten sind katastrophal. Während des Frühjahrsputzes arbeitet sie von morgens kurz nach fünf Uhr bis abends um acht. Die Haushalte der gehobenen Schicht oder des Adels waren groß, täglich mussten Treppenstufen, Türen, Schränke, Geschirr und eine Unzahl an Töpfen gereinigt werden, oft waren ihre Hände aufgesprungen oder blutig. Freie Tage waren selten und man hatte kaum Gelegenheit, andere junge Menschen oder gar Männer kennenzulernen. Selbst wenn die Arbeit erledigt war, durfte man abends nicht mehr das Haus verlassen.

Die Ausbeutung, denen die Hausangestellten ausgesetzt waren, erinnert teilweise an Leibeigenschaft. Im Winter friert das Waschwasser in Margarets spartanisch eingerichtetem Zimmer ein, das sie sich mit einer weiteren Hausangestellten teilen muss. An ihrer ersten Stelle muss sie beispielsweise die Schnürsenkel in sämtlichen Schuhen bügeln, während der Enkelin des Hauses, die nur zwei Jahre jünger ist als Margaret, sogar die Zahncreme auf die Zahnbürste aufgetragen wird. Gleichzeitig wird den Dienstboten immer wieder suggeriert, dass sie auf einer völlig anderen Stufe stehen und dies auch fraglos, ja dankbar hinzunehmen hätten.

Eines Morgens will sie gerade die Zeitungen auf den Tisch in der Eingangshalle legen, als ihre Arbeitgeberin die Treppe hinunterkommt.

I went to hand her the papers. She looked at me as if I were something subhuman. She didn’t speak a word, she just stood there looking at me as though she could hardly believe that someone like me could be walking and breathing. […] I couldn’t think what was wrong. Then at last she spoke. She said, ‚Langley, never, never on any occasion ever hand anything to me in your bare hands, always use a silver salver. Surely you know better than that. Your mother was in service, didn’t she teach you anything?‘ (S. 74)

Die Demütigungen, die harte und schmutzige Arbeit, die Heuchelei ihrer Arbeitgeber und die Kränkung, ihre Schullaufbahn nicht fortsetzen zu können, führen zu Aggressionen und Minderwertigkeitsgefühlen, die ihr noch Jahrzehnte später, als sie gar nicht mehr als Hausangestellte arbeitet, schwer zu schaffen machen.

Diese Verbitterung spiegelt sich auch in ihren Erinnerungen. Es kostet sie sichtlich Mühe, allen Beteiligten Gerechtigkeit widerfahren zu lassen. Oft findet sich ein Schwarzweiß-Denken, ‚die da oben‘ sind automatisch die Feinde. Ihr Schreibstil ist weder subtil noch an psychologischen Nuancen interessiert, aber vielleicht erklärt gerade das die Wucht ihrer Schilderungen.

We always called them ‚Them‘. ‚Them‘ was the enemy. ‚Them‘ overworked us, and ‚Them‘ underpaid us, and to ‚Them‘ servants were a race apart, a necessary evil. (S. 94)

Wer allerdings könnte ihr ihren Zorn über die Heuchelei verdenken, den sie doch hinunterschlucken muss, wenn sie immer wieder beobachtet, wie ihre Arbeitgeber so besorgt um das Seelenheil und die moralische Integrität ihrer Bediensteten sind, sich aber einen feuchten Kehricht darum scheren, ob die Arbeits- und Schlafbedingungen eigentlich zumutbar oder gar dem Wohlbefinden förderlich sind.

Auch vor Nachstellungen und sexuellen Belästigungen sind die Hausangestellten nie hundertprozentig sicher. Die vornehmen Damen hingegen engagieren sich mit Begeisterung in diversen Wohltätigkeitsvereinen, z. B. für „fallen women“, doch sobald ein eigenes Zimmermädchen schwanger wird, wird ihm sofort gekündigt. Die Doppelmoral der herrschenden Schicht zeigt sich auch in den ‚love nests‘, die viele der vornehmen Herren irgendwo für ihre Geliebte eingerichtet haben.

Irgendwann erreicht sie ihr Ziel: Durch die Heirat kann sie dem ungeliebten Beruf enfliehen. Sie und ihr Mann Albert bekommen drei Söhne, für deren Schulbildung sie alles tut. Diesem Lebensabschnitt widmet sie gegen Ende des Buches nur wenige Seiten. Nach dem Zeiten Weltkrieg fängt Margaret an, Kurse zu besuchen und dem lange unterdrückten Wunsch nach Bildung Raum zu geben. Mit 58 besteht sie ihre ‚O-levels‘ und 1969 legt sie in Englisch ihre ‚A-levels‘ ab, was dem Buch dann noch eine versöhnlichere Note verleiht.

Und nach dem Erfolg ihres Buches geht es dann noch einmal richtig los:

… older people were clearly disturbed by the book’s anger. In the follow-up volume, published the next year, Powell explains how her memoir had prompted a storm of hurt letters from readers who had grown up in well-heeled households. They wrote to tell Powell that they knew for a fact that their parents had always tried hard to treat their servants as human beings. Some even went into detail about the bedrooms in which their maids had slept, anxious to prove how much effort had gone in to providing a comfortable home from home for the working-class girls in their care. Powell, though, was having none of it: while acknowledging that individual employers could be kind, the fundamental point remained that ’servants were not real people with minds and feelings. They were possessions.‘ (Kathryn Hughes, The Guardian, 19. August 2011)

Sie schrieb einige Romane und weitere Bücher über ihre Erfahrungen als „domestic worker“, z. B. Climbing the Stairs (1970).  Powell wurde ein gern gesehener Gast im Fernsehen. Bei ihrem Tod 1984 hinterließ sie ein Vermögen von 77.000 Pfund und ihre Bücher haben Serienklassiker wie „Das Haus am Eaton Place“ (auf Englisch „Upstairs, Downstairs“) inspiriert.

Also eine überaus interessante Lektüre, weil sie einen Einblick in eine Welt bietet, die spätestens im Zweiten Weltkrieg weitgehend untergegangen ist. Außerdem veranschaulicht das Buch sehr deutlich das Fazit, das Powell in der Einleitung zu ihrem zweiten Buch gezogen hat: Diese grenzenlose Ausbeutung war genau so lange möglich, wie den Heerscharen schlecht ausgebildeter Mädchen andere Verdienstmöglichkeiten gar nicht offen standen.

Hier geht’s lang zu einem (architektonischen) Blick auf die Arbeitsbedingungen der britischen Hausangestellten im 19. Jahrhundert.

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Jo Baker: Longbourn (2013)

There could be no wearing of clothes without their laundering, just as surely as there could be no going without clothes, not in Hertfordshire anyway, and not in September. Washday could not be avoided, but the weekly purification of the household’s linen was nontheless a dismal prospect for Sarah. The air was sharp at four thirty in the morning, when she started work. The iron pump-handle was cold, and even with her mitts on, her chilblains flared as she heaved the water up from the underground dark and into her waiting pail. A long day to be got through, and this just the very start of it.

Mit diesen Sätzen beginnt Jo Bakers lohnende Auseinandersetzung mit Pride and Prejudice,  einem der bekanntesten Romane der englischen Literaturgeschichte.

Longbourn, das ist der Name des Dorfes und damit des Anwesens der Familie Bennet in Jane Austens bekanntestem Roman Pride and Prejudice (auf Deutsch Stolz und Vorurteil). Baker erzählt den Roman quasi noch einmal, und zwar aus Sicht der Bediensteten. Dabei sind die Bennets und deren Sorgen und Liebeständel zweitrangig, denn Baker legt den Schwerpunkt auf das Leben der Untergebenen, ihre Ängste, Hoffnungen und vor allem auf ihren Tagesablauf, der natürlich von harter Arbeit, so gut wie keiner Privatsphäre und wenig Wertschätzung geprägt war.

Der Leser von Pride and Prejudice hat vielleicht noch die Szene vor Augen, wie Elizabeth sich auf dem nassen und schmutzigen Weg zu Bingleys Anwesen, wo sich ihre erkrankte Schwester aufhält, ihre Schuhe und Kleidung verdreckt. Bei Baker klingt das dann so:

If Elizabeth had the washing of her own petticoats, Sarah often thought, she’d most likely be a sight more careful with them. (S. 11)

Im Mittelpunkt steht Sarah, das Dienstmädchen, die genau wie die kleine Polly halbverhungert aus dem Armenhaus kommt und von Mrs Hill, der Haushälterin, ausgebildet, beaufsichtigt und angeleitet wird. Mrs Hill meint es gut mit den Mädchen, doch da sie sich – nicht ohne Grund, wie man im Laufe der Geschichte erfährt – alles Weiche und Herzliche nahezu abgewöhnt hat, kann sie dies nicht so zeigen, wie sie gern würde.

In die relative Ruhe und Gleichförmigkeit der Tage kommt Bewegung, als ein neuer footman, der attraktive James Smith, eingestellt wird, der von Sarah misstrauisch und gleichzeitig fasziniert beäugt wird. Die Ankunft des Militärs in Meryton und die Besuche der Offiziere in Longbourn scheinen James zu beunruhigen. Hatte er doch nach dramatischen Erlebnissen gehofft, hier ein ruhiges Plätzchen gefunden zu haben.

What was astonishing was the peace of this place. Like a pebble dropped into a stream, his arrival had made a ripple in the surface of things. He’d felt that; he’d seen it in the way they looked at him, Sarah and Mrs Hill and the little girl. But the ripples were getting fainter as they spread, and he himself was by now sunk deep and settled here; time would flow by and over him, and wedge him firmer, and he would take on the local colour of things. (S. 67)

Mrs Hill sieht mit Besorgnis, wie angetan Sarah von dem Mulatten Ptolomy Bingley ist, der von einer der Plantagen stammt, die den Bingleys gehören, und der nun in England als freier Mann sein Glück zu machen gewillt ist. Die erste Stufe dazu ist der Dienst als Diener im Bingleyschen Haushalt. Und so nimmt die Geschichte ihren Lauf.

Fazit

Baker reiht sich damit nun keineswegs in die gerade im englischsprachigen Raum überaus beliebte Fan-Fiction ein, die die Werke Austens als Vorlage und Anregung für meist locker-flockige und nicht allzu anspruchsvolle Liebesromane nimmt; inzwischen gibt es sogar Zombie- und Erotikversionen, siehe z. B. die Besprechung zu Pride and Prejudice and Zombies von Thomas Rau.

Doch Baker hat einen anderen Anspruch. Sie schafft so etwas wie einen Spiegel, den man bei der nächsten Austen-Lektüre immer mitdenken wird.

Das Buch gibt all den namenlosen „guten Geistern“ ein Gesicht und gibt ihnen ihre Würde. Natürlich ist Baker keine Jane Austen, manches gerät notgedrungen ein bisschen langatmig, z. B. wenn sie – exzellent recherchiert – den Tagesablauf und die Tätigkeiten der Hausangestellten ganz genau schildert, aber nur so kann der Leser ja einen Eindruck gewinnen vom Leben derjenigen, die zur Zeit Austens eher unsichtbar sein sollten.  Wir bekommen plötzlich eine Ahnung, wie sich das vielleicht angefühlt haben mag, wenn man Seife aus Fett des gerade geschlachteten Schwein hergestellt hat, den Nachttopf der Herrschaften leeren und die Wäsche mit dem Menstruationsblut waschen musste. Oder bis früh morgens aufbleiben musste, damit die heimkehrende Herrschaft nach der kalten Kutschfahrt noch einen Tee genießen konnte.

Baker arbeitet dabei unaufdringlich immer wieder mit interessanten Spiegelungen. Der Leser erinnert sich vielleicht, welche Fürsorge Jane Bennet im Hause der Bingleys erfährt, als sie schwer erkältet ist. Bei Baker erkrankt Sarah, doch was für ein Unterschied. Kein Arzt, keine Medizin. Und Mrs Hill muss sich die Minuten absparen, in denen sie nach Sarah schauen kann, die in der kalten Dachkammer liegt.

On Friday, Sarah burnt to the touch; her head rolled on the pillow; she muttered. Mrs Hill came up, or sent Polly, when she could, with broth or tea, and they would prop her up and spoon a little between her chattering teeth. But the attics were a long way from the kitchen and it was not often that someone could get away, and there was certainly little time to stay and comfort her. (S. 95)

Baker öffnet quasi den Hintereingang zur Welt der feinen Leute, die deshalb einen bestimmten Lebensstil pflegen konnten, weil das Geld beispielsweise in den kolonialen Plantagen mit Sklavenarbeit verdient wurde. Eine Welt, in der es beim Militär und in den kriegerischen Auseinandersetzungen gegen Napoleon brutal zuging. Eine Welt, in der uneheliche Kinder eine Katastrophe waren und in der die Dienstboten für einen geringen Lohn harte und schmutzige Arbeit verrichtet haben und in der ein Aufstieg kaum möglich war. Die Alternative dürfte oft genug nur das Armenhaus gewesen sein.

Das schriftstellerische Verdienst Bakers liegt nun darin, dass sie keinen schaurigen Sensationsroman geschrieben hat, sondern uns einfühlsam einen Blick in eine fremde Welt ermöglicht, der eine beeindruckende Ergänzung zum Werk Jane Austens ist, passend zum 200. Geburtstag von Pride and Prejudice. Über kleine Holprigkeiten in der Handlung kann man da gern hinweggesehen.

Anmerkungen

Voll des Lobes war auch Clare Clark in ihrer Rezension, die am 14. August 2013 im Guardian erschien:

Like Austen, Baker has written an intoxicating love story but, also like Austen, the pleasure of her novel lies in its wit and fierce intelligence. Longbourn is a profound exploration of injustice, of poverty and dependence, of loyalty and the price of principle; running through the quiet beauty of much of Baker’s writing is the unmistakable glint of anger. […] The result is a triumph: a splendid tribute to Austen’s original but, more importantly, a joy in its own right, a novel that contrives both to provoke the intellect and, ultimately, to stop the heart.

Literarische Nachbarn

Elizabeth von Arnim: Elizabeth auf Rügen (1904)

Schon angesichts der Landkarte von Rügen gerät die Ich-Erzählerin, die einiges mit der Autorin gemeinsam haben dürfte, ins Schwärmen und beschließt, ihrem Ehemann und dem staubigen Sommer auf dem Festland den Rücken zu kehren und stattdessen ganz stilvoll mit ihrer Dienerin Jungfer Gertrud und Kutscher August um die Insel Rügen zu reisen.

Schon die Karte vorne im Reiseführer machte mich durstig, das Land darauf war von so üppigem Grün, das Meer ringsum so schmeichelnd blau. Und wie faszinierend ist die Insel auf der Landkarte, eine Insel voller Windungen und Kurven, mit kleinen Inlandmeeren, Bodden genannt. Seen und Wäldchen und viele Fährschiffe; vor den Küsten kleinere Inseln, wie hingetupft; zahllose Buchten und ein riesiger Wald, augenscheinlich großartig, der sich an der Ostküste entlangzieht und ihren Windungen folgt, der an manchen Stellen bis zum Meer hinabreicht, an anderen hinaufsteigt bis zu den Kalkfelsen, die er mit der besonderen Pracht der Buchen krönt. (S. 9)

The Adventures of Elizabeth in Rugen erschien erstmals 1904. Anna Marie von Welck übersetzte Elizabeth auf Rügen ins Deutsche.

Die Handlung an sich ist hanebüchen und erinnert an den gequälten Witz mancher deutscher Nachkriegskomödien, was insofern schade ist, da die Erzählerin über Wortwitz, eine treffsichere Beobachtungsgabe und das nötige Quäntchen Selbstironie verfügt. Dabei werden durchaus Themen wie die Emanzipation der Frauen oder die Rolle der Bediensteten gestreift. Aber alles eher locker-luftig und manchmal mit einer Patina, die mir nicht immer gefallen hat.

Ich war so schweigsam, daß mein Begleiter überzeugt war, ich sei eine der intelligentesten Frauen, die er je getroffen hatte. […] Intellektuell! Wie hübsch. Und das alles nur, weil ich an den richtigen Stellen den Mund gehalten habe. (S. 52)

Aber sie gibt uns wunderbar sonnige Reiseschilderungen, die man, wenn man heute auf Rügen im Sommerstau der unzähligen Touristen steht, etwas wehmütig liest. Wanderte sie stundenlang stille Straßen entlang oder ließ sie sich gemütlich kutschieren, so brausen wir heute die gleichen Strecken in wenigen Minuten mit dem Auto entlang.

In Putbus sinniert sie

wie es hier wohl im Winter aussähe und wie reizend es da wäre ohne all die Leute, unter einem glasklaren kalten Himmel, wenn das Theater monatelang geschlossen ist, wenn nur wenige Gasthäuser geöffnet sind, um die paar Handelsvertreter zu versorgen. Bestimmt wäre es ein idealer Ort, um einen stillen Winter zu verbringen, wenn man des Lärms und der Geschäftigkeit müde ist, und überhaupt aller anstrengenden Leute, die versuchen, einander Gutes zu tun. Zimmer in einem der geräumigen alten Häuser mit den großen Fenstern nach Süden hinaus, dazu eine Menge Bücher. Wie gern würde ich wenigstens einen Winter meines Lebens in Putbus verbringen […] Wie himmlisch ruhig müßte es sein. Ein Ort für einen, der sich auf ein Examen vorbereitet, ein Buch schreiben will oder nur die Falten in seiner Seele glätten möchte. Und war für Spaziergänge müßte man machen können, in frischen winterlichen Wäldern, wo blasse Sonnenstrahlen auf unberührten Schnee fallen. (S. 28/29)

Es macht Spaß, Elizabeths Eindrücke ihrer Reise mit den eigenen zu vergleichen, denn die Orte, die sie damals auf Rügen besucht hat, sind die gleichen, zu denen es auch die heutigen Reisenden zieht. Wenn man also den Plot einfach nicht zu ernst nimmt, ist es ein charmanter Reisebegleiter für die Insel, der in seiner Freude an Urlaubsentspannung auch heute noch anzustecken vermag.

… und der Kellner kam herunter und fragte, ob er eine Lampe bringen solle. Eine Lampe! […] Ich habe eine eigene Fähigkeit, nichts zu tun und dabei glücklich zu sein. Dazusitzen und in das zu schauen, was Whitman ‚die riesige und gedankenschwere Nacht‘ nennt, war für den besten Teil meines Selbst die angemessene und befriedigende Beschäftigung. Das übrige – die Finger, die etwas tun sollten, die Zunge, die schwatzen sollte, das oberflächliche Stückchen Hirn für den täglichen Gebrauch – wie gut, daß dies alles oft müßig sein konnte. (S. 35)

Hier kann man sich das erste Kapitel vorlesen lassen.

O fröhliche Sorglosigkeit, wenn allein ruhiges Wetter, Bäume und Gras, Meer und Wolken vergessen lassen, daß das Leben nicht nur aus Seligkeit besteht. Wie lang wird diese Freude am Leben andauern? Sie zu verlieren, ja nur ein wenig davon zu verlieren, nur den Saum ihres Glanzes verblassen zu sehen – dies fürchte ich mehr als den Verlust irgendeines irdischen Besitzes. (S. 139)

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Jeanette Winterson: Why be happy when you could be normal (2011)

When my mother was angry with me, which was often, she said, ‘The Devil led us to the wrong crib.’ The image of Satan taking time off from the Cold War and McCarthyism to visit Manchester in 1960 – purpose of visit: to deceive Mrs Winterson – has a flamboyant theatricality to it. She was a flamboyant depressive; a woman who kept a revolver in the duster drawer, and the bullets in a tin of Pledge. A woman who stayed up all night baking cakes to avoid sleeping in the same bed as my father.

So beginnt Why be happy when you could be normal, die autobiografische Lebensrückschau der bekannten britischen Schriftstellerin Jeanette Winterson.

Monika Schmalz übersetzte Warum glücklich statt einfach nur normal? ins Deutsche. Winterson hatte schon in ihrem preisgekröntem Erstlingswerk Oranges are not the only Fruit (1985) ihre bizarre Kindheit und Jugend zum Thema gemacht: Sie war 1960 von einem armen Freikirchler-Ehepaar im Norden Englands adoptiert worden, doch waren die Wintersons denkbar ungeeignet, einem Kind Geborgenheit zu geben. Doch jetzt, ca. zehn Romane, einige Jugendbücher und Jahrzehnte später, bezeichnet Winterson ihren ersten Roman nur  noch als ‚cover version‘:

And I suppose that the saddest thing for me, thinking about the cover version that is Oranges, is that I wrote a story I could live with. The other one was too painful. I could not survive it. (S. 6)

Why be happy when you could be normal? ist nun der Versuch, sich noch einmal mit ihrer schmerzhaften Vergangenheit und den daraus resultierenden Narben auseinanderzusetzen. Diesmal soll es keine ‚cover version‘ werden. Winterson selbst bezeichnet das Buch als „experiment with experience“ und die Frage, wie viel in einem Werk streng autobiografisch sei, findet sie irrelevant. Entscheidend sei die Echtheit, die „authenticity“.  Und authentisch ist ihr neues Werk ohne Frage.

Immer stärker hat sie das Gefühl, dem Alptraum ihrer Kindheit trotz ihres berufliches Erfolges hilflos ausgeliefert zu sein: Ihre Liebesbeziehungen sind allesamt gescheitert – Winterson ist lesbisch, was dazu führte, dass sie mit 16 von ihrer Adoptivmutter rausgeworfen wurde und sie plötzlich auf der Straße stand -, sie ist nicht in der Lage, mit einem anderen Menschen unter einem Dach zu leben, sie fühlt sich zutiefst unliebenswert, wird depressiv und unternimmt im Februar 2008 einen Selbstmordversuch.

Das Buch ist nun auf mehreren Ebenen zu lesen. Wir kehren noch einmal nach Accrington zurück, wo Jeanette ihre Kindheit und Jugend verbracht hat, und erfahren noch einmal im Detail, was Mrs Winterson unter einer christlichen Erziehung verstand. Ihr Ehemann ist nur ein stiller Schatten, der ihr an keiner Stelle Paroli bietet. Dabei gelingt es Winterson – menschlich und künstlerisch beeindruckend – wie schon in Oranges are not the only Fruit, dass wir auch Mitleid mit dieser fürchterlichen und sicherlich schwer kranken Frau haben, die sich und allen anderen in ihrem Umfeld, alles, was auch nur im Entferntesten nach Leben, Körperlichkeit oder Lachen oder Glück roch, mit äußerster Brutalität versagte. Man fragt sich mehr als einmal, was Mrs Winterson selbst erlebt haben muss und warum um alles in der Welt sie überhaupt auf die Idee gekommen ist, mit 37 ein Kind zu adoptieren. Die merkwürdige Frage, die der Titel stellt, ist im Grunde das Lebensmotto der Mrs. Winterson.

Die kleine Jeanette, in der Schule ein Außenseiter und ein schwieriges, aggressives Kind, wird als Strafe oft über Nacht einfach ausgesperrt und muss dann die Nacht auf der kalten Treppenstufe verbringen.

… and I’m locked out and sitting on the doorstep again. It’s really cold and I’ve got a newspaper under my bum and I’m huddled in my duffel coat. A woman comes by and I know her. She gives me a bag of chips. She knows what my mother is like. Inside our house the light is on. Dad’s on the night shift, so she can go to bed, but she won’t sleep. She’ll read the Bible all night, and when Dad comes home, he’ll let me in, and he’ll say nothing, and she’ll say nothing, and we’ll act like it’s normal to leave your kid outside all night, and normal never to sleep with your husband. (S. 4)

Auf einer zweiten Ebene ist es eine verdichtete Reflexion über die Auswirkungen solcher Erlebnisse, über die Folgen von Adoption und Lieblosigkeit, über die Narben und lebenslangen Auswirkungen einer solchen Jugend. Als Erwachsene musste sie erst mühsam lernen, was es heißt, einen anderen Menschen zu lieben. Auch die Bestrafung beispielsweise, nachts auf den Treppenstufen sitzen zu müssen, hat sich tief in ihr Leben eingeprägt:

My friends joke that I won’t shut the door unless it is officially bedtime or actually snowing into the kitchen. The first thing I do when I get up in the morning is to open the back door. […] All those hours spent sitting on my bum on the doorstep have given me a feeling for liminal space. I love the way cats  like to be half in half out, the wild and the tame. […] I am domestic, but only if the door is open. And I guess that is the key – no one is ever going to lock me in or out again. My door is open and I am the one who opens it. (S. 60)

Aber vor allem ist es eine Reflexion über die Möglichkeiten, solche Erfahrungen zu überleben und produktiv damit umzugehen. Einer ihrer Lieblingsgedanken dazu lautet, dass die Vergangenheit nicht feststehe, man verstehe und interpretiere sie in späteren Lebensabschnitten ganz unterschiedlich, man könne sie sich verwandeln, neu betrachten und sich damit aus der Opferrolle befreien. Außerdem sei schließlich entscheidend, wie man die Karten spiele, die einem das Leben ausgeteilt habe.

I used to have an anger so big it would fill up any house. I used to feel so hopeless that I was like Tom Thumb who has to hide under a chair so as not to be trodden on. Do you remember how Sinbad tricks the genie? Sinbad opens the bottle and out comes a three-hundred-foot-tall genie who will kill poor Sinbad stone dead. So Sinbad appeals to his vanity and bets he can’t get back into the bottle. As soon as the genie does so, Sinbad stoppers the neck until the genie learns better manners. […] Sometimes, often, a part of us is both volatile and powerful – the towering anger that can kill you and others, and that threatens to overwhelm everything. We can’t negotiate with the powerful but enraged part of us until we teach it better manners – which means getting it back in the bottle to show who is really in charge. This isn’t about repression, but it is about finding a container. (S. 34 – 35)

Und so ist das Buch auf einer weiteren Ebene eine Liebeserklärung an eigene und fremde Geschichten, an Büchereien, an Literatur, die für sie nichts mit intellektueller Selbstbeweihräucherung oder elitärer Freizeitbeschäftigung zu tun hat, sondern schlicht eine Lebensnotwendigkeit ist. Literatur hat eine wesentliche Rolle bei ihrem Überleben gespielt.

When I was locked outside, or the other favourite, locked in the coal-hole, I made up stories and forgot about the cold and the dark. I know these are ways of surviving, but maybe a refusal, any refusal to be broken lets in enough light and air to keep believing in the world – the dream of escape. (S. 21)

It’s why I am a writer – I don’t say ‘decided’ to be, or ‘became’. It was not an act of will or even a conscious choice. To avoid the narrow mesh of Mrs Winterson’s story I had to be able to tell my own. Part fact part fiction is what life is. And it is always a cover story. I wrote my way out. (S. 5 – 6)

I believe in fiction and the power of stories because that way we speak in tongues. We are not silenced. All of us, when in deep trauma, find we hesitate, we stammer; there are long pauses in our speech. The thing is stuck. We get our language back through the language of others. We can turn to the poem. We can open the book. Somebody has been there for us and deep-dived the words. I needed words because unhappy families are conspiracies of silence. The one who breaks the silence is never forgiven. He or she has to learn to forgive him or herself. (S. 9)

I had no one to help me, but the T. S. Eliot helped me.
So when people say that poetry is a luxury, or an option, or for the educated middle classes, or that it shouldn’t be read at school because it is irrelevant, or any of the strange and stupid things that are said about poetry and its place in our lives, I suspect that the people saying that had things pretty easy.
A tough life needs a tough language – and that is what poetry is. That is what literature offers – a language powerful enough to say how it is. (S. 40)

Und noch auf einer weiteren Ebene spielt das Buch. Winterson erklärt, wieso es auf einmal lebenswichtig für sie wurde, mehr über ihre leibliche Mutter zu erfahren. Diese Spurensuche ist spannend und man kann kaum glauben, wie Bürokratie und dieser ganze sogenannte Dienstweg, auch hier das Leben und schlichte Mitmenschlichkeit fast bis zur Unkenntlichkeit entstellen.

Die Sprache Wintersons ist kraftvoll, schnörkellos, und auch alle Bilder und Vergleiche wirken kompromisslos, so als ob sie nur genau so hätten verwendet werden können. Sicherlich kein Zufall, da ihr als Kind Sprache vor allem in der Bibel begegnet ist. Diese Schule merkt man ihr an. Allerdings bemerkt man so manchmal erst auf den zweiten Blick, dass man wahrscheinlich nicht allen sehr apodiktisch getroffenen Aussagen zustimmen will.

An keiner Stelle habe ich überlegt, ob ich das Buch zur Seite legen möchte. Und dennoch hat mir Oranges are not the only Fruit besser gefallen. Die diversen Ebenen in Why happy when you could be normal? ließen das Buch für mich auseinanderbrechen. Es ist die Aufarbeitung der schwierigen Lebensgeschichte von einer mutigen, klugen, sprachmächtigen und reflektierten Frau. Nicht mehr und nicht weniger.

Und das sagt Sabine von Binge Reading zu dem Buch.

Die Rezensenten sind geteilter Meinung: June Thomas schreibt beispielsweise im Slate Book Review am 3. März 2012:

Three-quarters of the way through the book, the action suddenly jumps ahead 25 years to 2007 and to the breakup of a relationship, the death of her adoptive father’s second wife, to Jeanette finding her adoption papers, and eventually descending into madness. Within a few pages, she is hearing voices and attempting suicide. These passages are alarming and shockingly revealing—a woman who has looked after herself so effectively since she was 16 can barely manage the basic tasks of survival—but it’s so raw and undigested, it’s hard to take in and difficult to understand. In her 1997 Paris Review interview, Winterson said, “If you want something to be clear straightaway then it’s probably better not to read my books.” That’s fair enough in a novel, but in a memoir, the saga of seeking out a birth mother—a cold, bureaucratic process that took such a toll on Winterson’s psyche—clarity feels like a reasonable request.

Julie Myerson hat sich im Observer vom 6. November 2011 allerdings begeistert zu dem Buch geäußert. Ihre Besprechung beginnt mit den Worten:

Jeanette Winterson once asked her adoptive mother […] why they couldn’t have books in the house. ‚The trouble with a book is that you never know what’s in it until it’s too late,‘ answered the peerless Mrs Winterson. As advertisements for reading go, it’s pretty seductive. But it also happens to be wonderfully true of this vivid, unpredictable and sometimes mind-rattling memoir. You start it expecting one thing – a wry retake of her working-class gothic upbringing – and come out having been subjected to one of the more harrowing and candid investigations of mid-life breakdown I’ve ever read. This book is definitely of the sort that Mrs Winterson feared most: truths that most of us find hard to face, explored in a way that disturb, challenge, upset and inspire. And so yes, by the time I realised what it was really about and what it was going to do to me, it was definitely far ‚too late‘.

Wer mehr über Winterson und ihr Schreiben erfahren möchte, sehe sich das Amazon-Interview mit ihr an. Buzzaldrins Blog verdanke ich den Hinweis auf Wintersons sehenswerten Auftritt 2012 im Sydney Opera House, in dem sie über die Bedeutung von Literatur und ihren Roman spricht.

Books, for me, are a home. Books don’t make a home – they are one, in the sense that just as you do with a door, you open a book, and you go inside. Inside there is a different kind of time and a different kind of space. There is warmth there too – a hearth. I sit down with a book and I am warm. I know that from the chilly nights on the doorstep. (S. 61)

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Rabih Alameddine: An Unnecessary Woman (2013)

You could say I was thinking of other things when I shampooed my hair blue, and two glasses of red wine didn’t help my concentration. Let me explain. First, you should know this about me: I have but one mirror in my home, a smudged one at that. I’m a conscientious cleaner, you might even say compulsive – the sink is immaculately white, its bronze faucets sparkle – but I rarely remember to wipe the mirror clean. I don’t think we need to consult Freud or one of his many minions to know that there’s an issue here.

So beginnt der aufregend gute Roman An Unnecessary Women (2013) des libanesisch-amerikanischen Autors Rabih Alameddine. Die deutsche Übersetzung von Marion Hertle erschien im Louisoder Verlag unter dem Titel Eine Überflüssige Frau.

Zum Inhalt

Die 72-jährige Aaliya Saleh, kinderlos und seit 52 Jahren ledig, lebt allein in ihrer Wohnung in Beirut. Bis vor wenigen Jahren hat sie in einem Buchladen gearbeitet. Die meiste Zeit hat sie dort vermutlich gelesen, denn es gab nur wenige Kunden, die das anspruchsvolle Programm des Ladens zu würdigen wussten. Mal ganz abgesehen davon, dass sie oft neben den Büchern für das Geschäft oft noch ein Zweitexemplar für daheim geordert hat. Sie hat das immer in Ordnung gefunden, da ihr Lohn ohnehin zu gering gewesen war.

I long ago abandoned myself to a blind lust for the written word. Literature is my sandbox. In it I play, build my forts and castles, spend glorious time. It is the world outside that box that gives me trouble. […] Transmuting that metaphor, if literature is my sandbox, then the real world is my hourglass – an hourglass that drains grain by grain. Literature gives me life, and life kills me. Well, life kills everyone. (S. 5)

Nun aber macht sich allmählich das Alter bemerkbar und unliebsame Gedanken und Erinnerungen kommen zu Besuch, gerade jetzt, gegen Jahresende. An ihre Kindheit, ihre Mutter – die noch lebt -, ihre ausgesprochen freudlose Ehe, die zu ihrer Erleichterung nur vier Jahre dauerte, ihre einzige Freundin und vor allem an die Bücher, die sie in ihrer Freizeit übersetzt hat.

Da sie neben Arabisch nur Englisch und Französisch beherrscht, hat sie das System entwickelt, nur Bücher ins Arabische zu übersetzen, die vorher ins Englische und Französische übersetzt worden waren. Anhand dieser zwei Übersetzungen hat sie dann sozusagen eine Übersetzung der Übersetzung angefertigt. Das hat ihr immer wieder Momente des Glücks gegeben und ihre Tage strukturiert. Außer ihr hat niemand diese Übersetzungen je zu Gesicht bekommen. Doch diesmal fällt ihr die Entscheidung schwerer als sonst, welches Buch soll sie im neuen Jahr übersetzen?

Diese belesene, ein bisschen schrullige und misanthropische Frau, die ihr ganzes Leben in Beirut verbracht hat, will in Ruhe gelassen werden, auch den Kontakt mit den Mitbewohnerinnen ihres Mietblocks möchte sie weiterhin auf ein Minimum beschränken, doch das erweist sich zunehmend als schwierig.

Fazit

Hier spricht eine Ich-Erzählerin mit einer so dichten, bissigen, auch selbst-ironischen Stimme, die dann wieder so anrührend einsam daherkommt, dass ich mir immer klarmachen musste, dass hier eine fiktive Figur spricht. Und überhaupt der Schauplatz: Beirut, auch so eine Stadt in einem geschundenen Land. Aaliya hat das Grauen und den Schrecken des Bürgerkrieges miterlebt.

Ein Buch, in dem Autoren (von Pessoa über Bruno Schulz bis Sebald) und Titel und kluge Gedanken sich die Klinke in die Hand geben, ohne dass das ein versnobtes oder fassadenhaftes Namedropping wäre; jedes Zitat sitzt, wird von der Erzählerin organisch in ihren Gedankenfluss integriert. Hier sitzen die Schriftsteller sozusagen mit am Tisch, auch dann, als sich Aaliya überlegt, was wohl mal auf ihrem Grabstein stehen wird. Dabei erinnert sie sich beispielsweise an die Grabinschrift von Malcolm Lowry oder an eine römische Grabinschrift:

Non fui, fui, non sum, non curo.

I was not, I was, I am not, I don’t care. (S. 172)

Vielleicht wird deshalb in vielen Rezensionen das Buch als ein Lobgesang auf die Literatur beschrieben. Das greift zu kurz bzw. ist viel zu süßlich. Der Roman ist das Intelligenteste, was ich bisher über das Lesen in Romanform gelesen habe. Und zwar nicht nur über die Frage, wozu wir überhaupt lesen und was Literatur vermag, sondern auch über die Gefahren, die Weltflucht und die Illusionen, die wir uns übers Bücherlesen machen.

Und gleichzeitig ein wunderbares Porträt einer nur von außen unscheinbaren alten Frau.

Und wenn wir dann denken, dass nun die Handlung gemählich und leise dem Ende entgegenplätschert, macht uns der Autor eine lange Nase und ich halte vor lauter Spannung für einen Moment die Luft an.

Anmerkungen

2014 war das Buch auf der Shortlist für den National Book Award.

Aminatta Forna schreibt im Independent:

An Unnecessary Woman is a story of innumerable things. It is a tale of blue hair and  the war of attrition that comes with age, of loneliness and grief, most of all of resilience, of the courage it takes to survive, stay sane and continue to see beauty. Read it once, read it twice, read other books for a decade or so, and then pick it up and read it anew. This one’s a keeper.

Sharon Dodua Otoo: the things i am thinking while smiling politely … (2012)

… accompanied by the sound of rhythmic protest buzzes. In the hallway, my finger finds the „speak“ button on the intercom. The soles to my feet suffer on the cold wooden floor. Ama announces herself. I visualise her standing at the main door below, clutching at her handbag. In the background, I can hear two cars driving by. Her voice sounds faint and distant, but her emotion reaches me with crystal clarity. Yup. She is angry.

So beginnt der erste längere literarische Text der Bachmann-Preisträgerin 2016, der 1972 geborenen Autorin Sharon Dodua Otoo, deren Eltern aus Ghana stammen.

Die Autorin lebt mit ihren Söhnen seit 2006 in Berlin, wo auch the things i am thinking while smiling politely … spielt.

Mirjam Nuenning übersetzte die dinge, die ich denke, während ich höflich lächle … ins Deutsche.

Erschienen ist das Buch bei Edition Assemblage.

Zum Inhalt

Die schwarze Ich-Erzählerin, Mutter zweier Kinder, erzählt von der schwierigen und schmerzhaften Trennung von ihrem weißen Mann, der  – das ist eines der Probleme dabei – für sie nach wie vor der attraktivste Mann überhaupt ist.

Wir erfahren, wie die Kinder darunter leiden, wie die Freunde damit umgehen. Wie sie selbst darauf reagiert. Wie sie sich an ihren eigenen Vater erinnert.

Sie erzählt, was von ihren ghanaischen Wurzeln sie noch an ihre Kinder weitergeben kann bzw. will. Das tut sie nicht chronologisch, sondern eher assoziativ, sprunghaft und eruptiv.

Werden die Erinnerungen zu schmerzhaft, wird erst einmal zu etwas anderem, einem anderen Tag gewechselt, um sich erst später wieder dem ursprünglichen Thema zuzuwenden. Das hat mich zwar in der zeitlichen Abfolge der Geschehnisse manchmal verwirrt, aber bei einem Umfang von 98 Seiten kann man ja notfalls noch mal zurück- oder vorblättern.

Klingt diese Mini-Zusammenfassung öde, bleischwer? Nichts könnte ferner liegen. Hier spricht eine kraftvolle Stimme, ehrlich, sich selbst nicht schonend, frech, mit Humor, mit wachem Blick, mitten aus der Phase, wenn einem die eigene Ehe um die Ohren fliegt und man trotzdem weiter funktionieren muss. Schon wegen der Kinder und so. Dabei hat sie zur Zeit noch nicht einmal einen guten Draht zu ihrer Tochter Beth und findet sie eher nervtötend.

Since Beth and I agreed on almost nothing, I mostly just observed her various developments from an emotional distance. It seemed to me she preferred to raise herself and was certainly prepared to forego the benefit of my wisdom. (S. 33)

Und dass man selbst seine guten Freundinnen gar nicht immer so richtig mag, wird hier knochentrocken konstatiert. Bis S. 29 war ich der Meinung, „the Australian“ sei eben eine australische Freundin.

I privately gave Gabi the nickname „The Australian“ because I used to think she was in a completely different time zone… (S. 29)

Gelungen auch die Idee, Sätze, die den Partner verwunden sollen, als nummerierte „Shrapnel“ (Granatsplitter) unabhängig vom übrigen Text grafisch einzustreuen. Davon dürften uns viele aus eigenen Auseinandersetzungen bekannt sein.

shrapnel (179) … I should have left you years ago.

Ein feines Werk. Gern gelesen.

Dietrich Bonhoeffer und Maria von Wedemeyer: Brautbriefe Zelle 92 (1992)

Wen dieser Briefwechsel kaltlässt, dem ist wohl nicht mehr zu helfen.

Dietrich Bonhoeffer (1906 – 1945), der bekannte Theologe, aktiv im Widerstand gegen Hitler, begegnet im Juni 1942 seiner großen Liebe, der 18 Jahre jüngeren Maria von Wedemeyer. Im November 1942 bittet Marias Mutter wegen des Altersunterschiedes um das Einhalten einer einjährigen Kontaktsperre, was sie allerdings im April 1943 zurücknimmt, als Bonhoeffer von den Nazis verhaftet wird und für fast zwei Jahre in Berlin Tegel, Zelle 92, inhaftiert ist. Den ersten Kuss geben sich die Brautleute im Gefängnis.

Also schreiben sich diese zwei so unterschiedlichen Persönlichkeiten und beide sind wunderbar ehrliche Briefeschreiber. Besonders die Briefe der jungen Frau sind von großer Anschaulichkeit und zeigen – vor allem in der Anfangsphase – Lebenslust, Energie und übersprudelnde Verliebtheit.

Wenn ich morgens um 6 aufwache, ist mein erster Griff in die Nachttischschublade nach Deinem Bild. Dann stelle ich es auf die Bettdecke und sage: „Guten Morgen, Dietrich, hast Du gut geschlafen? Machst Du ein fröhliches Gesicht? Denkst Du an mich? Hast Du mich noch lieb? Freust Du Dich auf später?“ und noch viel mehr. (2. September 1943, S. 49)

Hurra, Hurra, Hurra, Hoch, Vivat und Halleluja! Ich hab einen Brief von meinem Dietrich bekommen und bin sehr glücklich darüber. Mein liebster Dietrich, was kannst Du für schöne Briefe schreiben! Ich bin verliebt in jeden einzelnen Satz, in jedes Wort, in jeden Kringel Deiner Schrift. Ich lese immer und immer wieder. Es unterhält sich so schön mit Dir, wenn man einen Brief dazu in Händen hat. (21. September 1943, S. 58)

Wir lesen aber auch von Marias Sorge, dem älteren und gebildeten Mann vielleicht doch nicht genügen zu können. Sie spricht von ihrem Alltag, ihrer Arbeit, der Trauer über den Tod des Vaters und des Lieblingsbruders im Krieg.

Da werden Hochzeitspläne geschmiedet und sie denkt darüber nach, woher man die zum Hausstand notwendigen Möbel bekommt und wie man sich wohl jeweils in der Schwiegerfamilie wird eingewöhnen können. Dietrich und Maria empfehlen einander ihre Lieblingsbücher (wobei Bonhoeffer nicht immer glücklich ist mit den Vorlieben seiner jungen Braut). Man erfährt, wie sich die beiden nach den „Sprecherlaubnissen“ fühlen, wo sie für kurze Zeit unter Aufsicht miteinander reden dürfen.

Eigentlich ist es ganz unverständlich, wenn ich so neben Dir sitze, daß es nun nicht einfach so weitergehen kann, daß ich nicht Deine Hand fassen darf und mit Dir zusammen hinausgehen kann durch die 2 großen Türen auf die Straße und dann immer weiter nur noch mit Dir zusammen. (Maria am 5. Januar 1944, S. 111)

Dietrichs Briefe klingen gesetzter, durchdachter und reifer und sind durch seine theologische Arbeit und seinen Glauben geprägt. So schreibt er am 21. November 1943:

Weißt Du, so eine Gefängniszelle, in der man wacht, hofft, dies und jenes – letztlich Nebensächliche – tut, und in der man ganz darauf angewiesen ist, daß die Tür der Befreiung von außen aufgetan wird, ist gar kein so schlechtes Bild für den Advent. (S. 83)

Doch zeigen gerade die wenigen an der Zensur vorbeigeleiteten Briefe, wie viel Herz und Leidenschaft sich eben den grauenhaften Bedingungen anpassen musste und sich nicht frei artikulieren durfte. So beginnt einer der wenigen unzensierten Briefe Dietrichs:

Meine liebe, liebe Maria! Es geht nun nicht mehr länger, ich muß endlich einmal an Dich schreiben und zu Dir sprechen, ohne daß ein Dritter daran teilnimmt. Ich muß Dich in mein Herz sehen lassen, ohne daß ein anderer, den es nichts angeht, mit hineinguckt. Ich muß zu Dir von dem reden, was uns beiden ganz allein auf der Welt gehört und was entheiligt wird, wenn es fremden Ohren preisgegeben wird. Was Dir allein gehört, daran lasse ich keine Dritten teilnehmen; ich empfände es als unerlaubt, als unrein, als hemmungslos, und als würdelos Dir gegenüber. Was in verschwiegenen Gedanken und Träumen mich zu Dir zieht und an Dich bindet, liebste Maria, das kann erst in der Stunde offenbar werden, in der ich Dich in meine Arme schließen darf. (11. März 1944, S. 150)

Außerdem ist er anfangs unsicher, ob er der jungen Maria mit einem von den Nazis inhaftierten Bräutigam nicht doch zu viel aufbürdet.

Die beiden wissen um ihre Unterschiede und tun das Menschenmögliche, sich durch ihre Briefe kennenzulernen, obwohl die meisten der Briefe ja die Zensur passieren mussten und nur wenige Briefe durch wohlwollendes Wachpersonal an den Augen der Nazi-Schergen vorbeigeschmuggelt werden konnten.

Wir bekommen Einblick in die familäre Prägung, vor allem von Maria. Sie schildert, wie bei ihr zuhause noch eine Jagdgesellschaft stattfindet, bei der die Gäste in Frack und Abendkleid erscheinen. Und wir hören von den Höhen und Tiefen dieses ungewöhnlichen Brautstandes, der beiden tiefes Glück, Traurigkeit, aber auch Dankbarkeit und Sehnsucht bedeutet. Immer wieder müssen sie darum ringen, das Unverständliche, das Sinnlose im Gottvertrauen wieder sinnvoll werden zu lassen, eine Aufgabe, an der besonders Maria spürbar reift.

Morgens, wenn ich um 1/2 sechs aufstehe, dann bemühe ich mich immer recht zart und behutsam an Dich zu denken, damit Du noch ein bißchen weiterschlafen kannst. Ich hab einen Kreidestrich um mein Bett gezogen etwa in der Größe Deiner Zelle. Ein Tisch und ein Stuhl steht da, so wie ich es mir vorstelle. (Maria, am 26. April 1944)

Im September 1944 entdeckt die Gestapo ein „Geheimarchiv der Verschwörer im Amt Canaris“, deren Kreis ja auch Bonhoeffer angehörte (S. 205), sodass die Hoffnungen, das Kriegsende noch zu erleben,  immer weiter schwinden. Am 9. Oktober wird Bonhoeffer ins Kellergefängnis des Reichssicherheitshauptamts überführt. Dort entstehen dann im Dezember die berühmten Verse des später vertonten Gedichts „Von guten Mächten treu und still umgeben“.

Am 3. Februar 1945 erlebt Berlin den schwersten Luftangriff, so kommt „es am 7. Februar zum Transport, der Bonhoeffer mit 19 anderen prominenten Häftlingen in ein Kellergefängnis am Rande des KZ Buchenwald verbrachte. […] Am 3. April erfolgte die Weiterfahrt dieser Truppe gen Süden über Regensburg nach Schönberg im Bayrischen Wald, wo sie in einer Schule untergebracht wurden.“ (S. 212)

Am 8. April fand im KZ Flossenbürg das Standgericht statt „und am nächsten frühen Morgen die Hinrichtung am Galgen, zusammen mit Wilhelm Canaris, Ludwig Gehre, Hans Oster, Karl Sack und Theodor Strünck. Wohl zur gleichen Zeit erlitt Hans von Dohnanyi im KZ Sachsenhausen den Tod.“ (S. 213)

Maria von Wedemeyer hat vom Tod ihres Verlobten erst im Juni 1945 erfahren.

Ein gesondertes Fazit zu diesem Buch möchte ich gar nicht ziehen, zu sehr hat es mich bewegt und mitgenommen, wie hier zwei Menschen um ihre Liebe und ihre Zukunft ringen.

Ich konnte gut verstehen, dass Maria diesen Briefwechsel erst auf ihrem Sterbebett ihrer älteren Schwester überlassen hat. So persönlich, so zart, so intim sind diese Texte. Erst 1992 konnten die Briefe veröffentlicht werden, versehen mit einem umfangreichen und informativen Anhang, der u. a. die Lebenswege und die gesellschaftliche Stellung der Protagonisten noch einmal nachzeichnet.

Eine große und wunderbare Liebesgeschichte, ein Fremdkörper in einer Zeit der Freizügigkeit, der Selfies, Pornos und der scheinbar völligen Tabulosigkeit, die doch die Zeit überdauern wird und mich verstört und bewegt hat wie lange kein Buch mehr und die en passant auch den Irrsinn des Nationalsozialismus zeigt.

Am 8. Oktober 1945 schreibt Karl Bonhoeffer, der Vater Dietrichs, an seinen Kollegen Professor Joßmann in Boston:

… Daß wir viel Schlimmes erlebt und zwei Söhne (Dietrich, der Theologe, und Klaus, Chefsyndikus der Lufthansa) und zwei Schwiegersöhne (Prof. Schleicher und Dohnanyi) durch die Gestapo verloren haben, haben Sie, wie ich höre, erfahren. Sie können sich denken, daß das an uns alten Leuten nicht ohne Spuren vorübergegangen ist. […] Da wir alle aber über die Notwendigkeit zu handeln einig waren und meine Söhne auch sich im Klaren waren, was ihnen bevorstand im Falle des Mißlingens des Komplotts und mit dem Leben abgeschlossen hatten, sind wir wohl traurig, aber auch stolz über ihre geradlinige Haltung. (zitiert nach: E. Bethge, R. Bethge, C. Gremmels: Dietrich Bonhoeffer, Bilder aus seinem Leben, 1986, S. 234)

Anmerkungen

Aus der gleichen Zeit stammen die Briefe von Sophie Scholl und ihrem Freund Fritz Hartnagel, die von Thomas Hartnagel veröffentlicht wurden, siehe dazu den Beitrag auf Annes Lesetagebuch.

Wer auf der Suche nach weiteren Liebesbriefen ist, sollte auf Leselebenszeichen vorbeischauen. Ulrike bespricht Die Liebesbriefe von Dylan Thomas.

Elena Ferrante: My Brilliant Friend (OA 2011; engl. Ausgabe 2012)

This morning Rino telephoned. I thought he wanted money again and I was ready to say no. But that was not the reason for the phone call: his mother was gone.
‚Since when?‘
‚Since two weeks ago.‘
‚And you’re calling me now?‘
‚My tone must have seemed hostile, even though I wasn’t angry or offended; there was just a touch of sarcasm.

So beginnt der erste Band der im englischsprachigen Ausland sehr erfolgreichen vierbändigen Reihe der 1943 geborenen italienischen Schriftstellerin Elena Ferrante. Das italienische Original erschien 2011 und wurde von Ann Goldstein ins Englische übersetzt.

Natürlich will ich nach den Anfangszeilen nun wissen, wohin Lila verschwunden ist. Die über sechzigjährige Neapolitanerin ist wie vom Erdboden verschluckt, sie hat zu Hause alle persönliche Habe vernichtet, sogar ihr Bild aus Familienfotos ausgeschnitten.

Ihre Freundin reagiert auf den Telefonanruf von Lilas Sohn aber keineswegs besorgt, wie man das vielleicht erwarten würde, sondern eher verärgert. Sie kennt Lila vermutlich so gut wie niemand sonst, denn ihre Freundschaft reicht zurück bis in die fünfziger Jahre, als sie als Nachbarskinder in einer armen Arbeitergegend in Neapel aufwuchsen und gemeinsam die Grundschule besuchten.

It’s been at least three decades since she told me that she wanted to disappear without leaving a trace, and I’m the only one who knows what she means. She never had in mind any sort of flight, a change of identity, the dream of making an new life somewhere else. And she never thought of suicide, repulsed by the idea that Rino would have anything to do with her body and be forced to attend to the details. She meant something different: she wanted to vanish; she wanted every one of her cells to disappear, nothing of her ever to be found. And since I know her so well, or at least I think I know her, I take it for granted that she has found a way to disappear, to leave not so much as a hair anywhere in the world. (S. 21)

Elena setzt der Absicht ihrer Freundin zu verschwinden, ihren eigenen Willen entgegen:

We’ll see who wins this time, I said to myself. I turned on the computer and began to write – all the details of our story, everything that still remained in my memory. (S. 23)

Und so liest man in diesem ersten Band Elenas Erinnerungen an ihre Kindheit und Jugend, in der ihre Freundin Lila eine wichtige Bezugsperson für sie war. Beide Mädchen leben mit ihren Familien in einem heruntergekommenen Arbeiterviertel, in dem die Lebensbedingungen für alle hart sind. Doch die Frauen müssen vielleicht den höchsten Preis zahlen. Sie müssen mit zu wenig Geld große Familien durchbringen und sind von der nie endenden Arbeit erschöpft und verbittert. Wer seinen Mann verliert, muss auch die Kinder zur Arbeit schicken und putzen gehen, sich vielleicht bei dem unauffällig das ganze Viertel kontrollierenden Geldverleiher in Schulden stürzen, der vermutlich mit der Mafia in Verbindung steht.

Gewalt ist hier alltäglich und nichts Bemerkenswertes: Der Kneipenwirt prügelt mit einem schweren Stock diejenigen, die die Zeche nicht zahlen wollen oder ihren Kredit nicht zum vereinbarten Termin zurückzahlen.

Men returned home embittered by their losses, by alcohol, by debts, by deadlines, by beatings, and at the first inopportune word they beat their families, a chain of wrongs that generated wrongs. (S. 82)

Frauen und Kinder finden es normal, wenn Väter, Ehemänner und Brüder zuschlagen. Vor allem, wenn sie mit Situationen überfordert sind, wenn die Lehrerin sagt, man solle die begabte Tochter weiterhin zur Schule schicken, wenn der Nachbarjunge die Schwester berührt hat, wenn die Nachbarn ein größeres Feuerwerk an Silvester abbrennen, wenn die Schwester nicht das macht, was der Bruder will. Konfliktregelung funktioniert sowohl auf der Straße als auch in den Familien entweder mit Gewalt oder mit der Macht des Geldes.

I feel no nostalgia for our childhood: it was full of violence. Every sort of thing happened, at home and outside, every day, but I don’t recall having ever thought that the life we had there was particularly bad. Life was like that, that’s all, we grew up with the duty to make it difficult for others before they made it difficult for us. Of course, I would have liked the nice manners that the teacher and the priest preached, but I felt that those ways were not suited to our neighbourhood, even if you were a girl. (S. 37)

Dabei – und das ist das Bewegende und Faszinierende an der Geschichte – geht es hier gar nicht um den Aufguss des alten Themas „Freudlose Kindheit in  sozial benachteiligtem Milieu“, sondern um eine tiefe Freundschaft zwischen zwei Mädchen, die dennoch nicht vor Neid und Rivalitäten gefeit ist.

Lila appeared in my life in first grade and immediately impressed me because she was very bad. (S. 31)

Nachdem sich die beiden Mädchen vorsichtig einander angenähert haben, ist das erste, was Lila tut, den wertvollsten Besitz Elenas, ihre Puppe, in einen Kellerschacht zu werfen. Doch Lila reagiert instinktiv richtig. Sie wirft Lilas Puppe hinterher und anschließend krabbeln beide in den Keller, um die Puppen zu suchen.

Lila ist also von Anfang an ganz anders als ihre brave Freundin Elena, die es liebt, von den Lehrern gelobt zu werden und die die Schule als einen sicheren Hafen empfindet. Nach einigen Wochen erlebt Elena dann den ersten Schock: Sie erfährt, dass die wilde und zügellose Lila bereits lesen kann und ihr in allen schulischen Dingen so weit voraus ist, dass sich das erst Jahre später ändern wird.

Die Geschichten der zwei Kinder sind verwoben mit den Geschichten der anderen Familienmitglieder und der übrigen Nachbarschaft. Wir lernen auch deren Träume von sozialem Aufstieg, ihre dunklen Seiten und ihre Resignation kennen. Schließlich werden die Mädchen älter und auf einem Ausflug, begleitet von den Brüdern, erkennen sie, dass es jenseits ihres Viertels noch ganz andere Stadtteile gibt.

It was like crossing a border. I remember a dense crowd and a sort of humiliating difference. I looked not at the boys but at the girls, the women: they were absolutely different from us. They seemed to have breathed another air, to have eaten other food, to have dressed on some other planet, to have learned to walk on wisps of wind. I was astonished. All the more so that, while I would have paused to examine at leisure dresses, shoes, the style of glasses if they wore glasses, they passed by without seeming to see me. They didn’t see any of the five of us. We were not perceptible. Or not interesting. (S. 192)

Junge Männer fangen an, eine Rolle zu spielen, was besonders für die charismatische Lila von Anfang an mit Problemen verbunden ist.

Fazit: Eine anschauliche, detailreiche und fein beobachtete Geschichte, die mich – nach leichten Startschwierigkeiten – nicht mehr losließ. Trotz oder wegen der schlichten Sprache wirkt alles sehr eindringlich, sehr lebendig.

Das Buch bietet einen interessanten, aber gleichzeitig verstörenden Blick auf die fünfziger Jahre in einem Arbeitervierteil Neapels und eine Kindheit und Jugend, wobei ein Frauen- und Männerbild herrscht, von dem ich froh bin, nur darüber zu lesen, statt damit leben zu müssen.

Gleichzeitig nötigt es mir Respekt ab, wenn jemand wie Elena ihren Weg geht, obwohl ihr dauernd Hindernisse in den Weg geworfen werden. Und bei allen Widrigkeiten: Es ist kein bedrückender Roman, sondern ein kraftvolles, lebensbejahendes Buch, bei dem ich mir auch eine Verfilmung gut vorstellen könnte.

Besonders eindrücklich fand ich die Stelle, in der auf den Titel des Buches Bezug genommen wurde. Und wer nun wissen will, was es mit Lilas Verschwinden als ältere Frau auf sich hat, muss wohl auch die drei weiteren Bände lesen …

Anmerkungen

Elena Ferrante entzieht sich übrigens konsequent jeglicher Publicity. Interviews führt sie, wenn überhaupt, nur schriftlich. Mehr dazu und zu ihren bisherigen Büchern findet man in dem lesenswerten Artikel von James Wood – erschienen im New Yorker.

Nachtrag

Anlässlich der deutschen Übersetzung kommt der Roman nun auch ins deutsche Feuilleton. Eine Zusammenfassung dessen, was bisher passierte, liefert Stefan Mesch auf Spiegel Online. Die Spiegel-Ausgabe vom  20. August 2016 bringt ein sechsseitiges Interview mit der Autorin.

Thomas Steinfeld kommt in der Süddeutschen Zeitung zu dem merkwürdigen Ergebnis, dass wenn man nur gründlich genug hinschaue, doch erkennen müsse, dass es sich dabei bloß um Trivialliteratur handele. Sandra Kegel in der FAZ sieht das anders.

Barbara Pym: Excellent Women (1952)

Excellent Women, der zweite Roman der britischen Schriftstellerin Barbara Pym (1913 – 1980), war von Anfang an ein großer Erfolg, und zwar bei LeserInnen und KritikerInnen gleichermaßen. Pym wurde in eine Traditionslinie mit Jane Austen gestellt und die Journalistin F. Tennyson Jesse traf den Nagel auf den Kopf, als sie in einem Brief an Pyms Verleger schrieb:

It is very brilliant indeed to write about what most people would think were dull people and make them all absorbingly interesting. That is what she has achieved… It is beautifully done. (Zitiert nach: Paula Byrne: The Adventures of Barbara Pym, 2021, S. 423)

Und noch im Dezember 2015 wurde der Roman von 82 internationalen Literaturkritikern, Herausgebern und Literaturwissenschaftlern auf Platz 80 der 100 wichtigsten britischen Romane gewählt. Und das, obwohl zwischen 1961 und 1977 kein Verleger die Romane von Pym hatte veröffentlichen wollen. Die deutsche Ausgabe erscheint übrigens unter dem Titel Vortreffliche Frauen.

‚Ah, you ladies! Always on the spot when there’s something happening!‘ The voice belonged to Mr. Mallett, one of our churchwardens, and its roguish tones made me start guiltily, almost as if I had no right to be discovered outside my own front door.

Schon in den ersten Sätzen zeigt sich Pyms Kunst. Wir haben sofort eine Vorstellung von diesem jovialen Mr Mallett und freuen uns an den treffenden Formulierungen dieser unvergesslichen Ich-Erzählerin Mildred Lathbury, intelligent, witzig und mit einem illusionslosen Blick auf sich selbst und die Schwächen ihrer Mitmenschen. Die nehmen die ledige und deswegen ja von vornherein bemitleidenswerte Mildred als gegeben hin, interessieren sich keinen Deut für sie und bemerken deswegen auch nicht, was ihnen da entgeht.

I suppose an unmarried woman just over thirty, who lives alone and has no apparent ties, must expect to find herself involved or interested in other people’s business, and if she is also a clergyman’s daughter then one might really say that there is no hope for her. (S. 5)

Mildred lebt von einem kleinen elterlichen Erbe und kümmert sich morgens ehrenamtlich um verarmte „gentle women“. Nachmittags erledigt sie ihren kleinen Haushalt oder trifft ihre wenigen Freunde, z. B. Dora Caldicote, ihre alte Schulfreundin, die immer noch die Hoffnung hegt, dass Mildred eines Tages ihren Bruder William heiratet.

Und dann sind da noch die diversen Veranstaltungen der Kirchengemeinde, die Gottesdienste, Andachten und Wohltätigkeitsbasare, die vorbereitet werden müssen und eine ganze Schar von ehrenamtlich tätigen „vortrefflichen Frauen“ auf Trab halten, sei es, dass der Blumenschmuck in der Kirche oder der Tee-Ausschank organisiert werden muss. Ansonsten gehören noch Pfarrer Julian Malory, dessen Schwester Winifred ihm den Haushalt führt, und einige Mitglieder der Gemeinde zum engeren Umfeld Mildreds.

Mildreds geregeltes (Innen-)Leben gerät in Aufruhr, als sie die Napiers als  neue Nachbarn bekommt, die die Wohnung unter ihr beziehen und mit denen sie sich das Bad im Treppenhaus teilen muss. Helena Napier ist inzwischen eher an einem ihrer Kollegen als an ihrem Mann Rockingham interessiert.

Und so wird Mildred zum Zeugen der Ehekrise der Napiers und zum Vertrauten der beiden. Sie ist viel zu feinfühlig, um die gedankenlose Herablassung Helenas nicht wahrzunehmen. Dennoch fällt sie nach außen nie aus der von  ihr erwarteten Rolle der „excellent woman“.

‚Of course you’ve never been married,‘ she [Helena] said, putting me in my place among the rows of excellent women. […] ‚Thank you for the coffee, anyway, and a sympathetic hearing. I really ought to apologize for talking to you like this, but confession is supposed to be good for the soul.‘ I murmured something, but I did not think I had been particularly sympathetic and I certainly had not felt it …

Dass Rockingham so unglaublich charmant und gutaussehend ist und mehr als eine Tasse Tee bei ihr trinkt, macht die Sache für Mildred nicht einfacher.

Love was rather a terrible thing, I decided next morning, remembering the undercurrents of the evening before. Not perhaps my cup of tea. (S. 100)

Das Besondere an diesem Buch ist diese ganz eigene Erzählstimme mit ihrem rasiermesserscharfen Gespür für die Zwischentöne im menschlichen Miteinander, gepaart mit einer wunderbar spröden Selbstironie.

‚Now, Julian, we don’t want a sermon, ‚ said Winifred. ‚You know Mildred would never do anything wrong or foolish.‘ I reflected a little sadly that this was only too true and hoped I did not appear too much of that kind of person to others. Virtue is an excellent thing and we should all strive after it, but it can sometimes be a little depressing. (S. 44)

Zugegebenermaßen dürfte das Setting vielen von uns eher fern und fremd sein, doch die unsentimentale Art und Weise, mit der sich Mildred mit ihrem Ledigsein auseinandersetzt, ist zeitlos. Ihr Gedankenstrom, der oft parallel zu der äußeren Handlung abläuft, zeugt von einem unbestechlichen Blick auf die menschliche Natur und ist manchmal haarsträubend komisch.

When the first course came, it turned out to be spaghetti of a particularly long and rubbery kind. Rocky showed me how to twist it round my fork but I found it very difficult to manage and it made conversation quite impossible. Perhaps long spaghetti is the kind of thing that ought to be eaten quite alone with nobody to watch one’s struggles. Surely many a romance must have been nipped in the bud by sitting opposite somebody eating spaghetti? (S. 96)

Anmerkungen

Auch in diesem Roman gibt es eine Reihe autobiografischer Bezüge. 1942 hatte Barbara Pym Gordon Glover kennengelernt und sich in den attraktiven Mann ihrer Freundin verliebt, doch dank Barbaras unglücklichem Händchen, sich immer in gediegene Womanizer zu verlieben, endete auch diese Liebe nach nur zwei Monaten mit Glovers Schlussstrich. Pym litt sehr darunter und brauchte über neun Monate, um neue Lebensfreude zu finden.

I have got to realize that it is no longer anything to do with me what Gordon does. Although it is a month since I saw him, there are an endless number of months to be got through – a long dreary stretch until it doesn’t matter any more. And heaven knows how many that will be. (Barbara Pym: A Very Private Eye: An Autobiography in Letters and Diaries, 1984, S. 159)

Hier geht’s lang zu der Besprechung Very Barbara Pym von Alexander McCall Smith im Guardian. Er fand die richtigen Worte, als er schrieb:

And ‚Excellent Women‘ transcends its particular historical setting, as do all of the Pym novels, because it says something about human aspirations that is as true today as it was when it was written: we all have our hopes; we are all, to an extent, and unless we are very lucky, unfulfilled in some parts of our life; we would all like things to be just a little bit better for us.

P1120381

Barbara Pym: Some Tame Gazelle (1950)

The new curate seemed quite a nice young man, but what a pity it was that his combinations showed, tucked carelessly into his socks, when he sat down. Belinda hat noticed it when they had met him for the first time at the vicarage last week and had felt quite embarrassed. Perhaps Harriet could say something to him about it. Her blunt jolly manner could carry off these little awkwardnesses much better than Belinda’s timidity. Of course he might think it none of their business, as indeed it was not, but Belinda rather doubted whether he thought at all, if one were to judge by the quality of his first sermon.

Schon die ersten Sätze des Buches zeigen diesen wunderbaren für Barbara Mary Crampton Pym (1913 – 1980) so typischen Sound, diese Erzählstimme, die nur auf den ersten Blick naiv, altjungfernhaft und dann doch ironisch intelligent und eigenwillig daherkommt. Doch worum geht es in Pyms Debütroman, den sie bereits als 21-Jährige Studentin begonnen hatte?

Die nicht besonders durchsetzungsfreudige und der englischen Lyrik zugetane Belinda lebt zusammen mit ihrer Schwester Harriet und hat sich längst damit abgefunden, dass ihre große Liebe, der Erzdiakon Henry Hoccleve, ihr vor dreißig Jahren den Laufpass gegeben hat und nun schon lange mit Agatha verheiratet ist. Doch ihre Zuneigung und Loyalität Henry gegenüber sind unerschütterlich – und auch ein bisschen betriebsblind, denn der ist mit seiner eitlen und selbstbezogenen Art alles andere als ein Sympathieträger.

Belinda, having loved the Archdeacon when she was twenty and not having found anyone to replace him since, had naturally got into the habit of loving him, though with the years her passion had mellowed into a comfortable feeling, more like the cosiness of a winter evening by the fire than the uncertain rapture of a spring morning. (S. 17)

Ihre Schwester Harriet hingegen mag gutes Essen, die Komplimente eines alten Verehrers, Klatsch und Tratsch – da werden die Nachbarn auch schon mal mit dem Fernglas bespitzelt – und vor allem die Hilfspriester, die den nicht eben arbeitssamen Erzdiakon unterstützen. Diese jungen Männer werden von ihr bekocht, mit selbstgestrickten Socken versorgt, bemuttert und ein bisschen als ihr persönliches Eigentum betrachtet.

Unruhe in das eigentlich so geruhsame Leben der beiden Schwestern bringen der Besuch gemeinsamer Freunde aus Studientagen und die Ankunft eines Afrika-Missionars, der – das nur nebenbei – bei seinem Lichtbildvortrag über Mbawawa davon ausgeht, dass ausschließlich westliche Lebensweise und Kleidung als christlich gelten können:

‚We have since introduced a form of European dress which is far more in keeping with Christian ideas of morality,‘ he said. (S. 177)

Schließlich kommt es sogar zu diversen Heiratsanträgen. Die beiden Schwestern haben also allen Grund, sich Gedanken über das angemessene Essen für ihre jeweiligen Gäste und die passende Kleidung zu machen und dabei zu beklönen, wie die jeweiligen Entwicklungen im Beziehungsgefüge zu bewerten sind.

Manchmal las sich das Buch ein bisschen wie Jane Austen in Zeitlupe. Irgendwann hat man einfach begriffen, welche Personen eher als Karikaturen ihrer selbst angelegt sind und wie die beiden Protagonistinnen ticken. Für Belinda und Harriet ist schon die Frage, ob man dem jungen Hilfspfarrer nun die leckere Ente vorsetzt oder nicht, durchaus entscheidend.

Und wenn der Alltag nicht durch Arbeit oder Familie ausgefüllt ist, muss man eben sehen, wie man sich die Zeit vertreibt, die nach Staubwischen, Kochen, Backen und Gärtnern noch übrigbleibt. So ist es den Schwestern ein großes Vergnügen, als sie beispielsweise Agatha Hoccleve durchs Fernglas beobachten können, als diese zu einer Kur nach Karlsbad aufbricht.

To watch anyone coming or going in the village was a real delight to them, so that they had looked forward to this morning with an almost childish excitement. And yet it was understandable, for there were so many interesting things about a departure, if one could watch it without any feeling of sorrow or regret. What would Agatha wear? Would she have a great deal of luggage or just a suitcase and a hat-box? Would the Archdeacon go with her to the station in the taxi, or would he be too busy to spare the time? If he did not go to the station would he kiss Agatha goodbye before she got into the taxi, or would he already have done that in the house? (S. 71)

Aber aller scheinbaren Trutschigkeit und der Ironie, die hier hin und wieder noch etwas ungelenk daherkommt, ist es beeindruckend, wie es einer 21/22-jährigen Autorin (ungeachtet der später noch vorgenommenen beträchtlichen Umarbeitungen) gelingt, anhand der beiden Schwestern enttäuschte Lebenshoffnungen und den schier ununterdrückbaren Wunsch, jemanden liebzuhaben, darzustellen.

And perhaps we are all silly over something or somebody without knowing it. (S. 83)

Dementsprechend gibt der Titel schon den Hinweis auf das eigentliche Thema. Er stammt aus einem Gedicht von Thomas Haynes Bayly (1797 -1839), aus einer 1930 veröffentlichten Gedichtsammlung mit dem hübschen Titel The Stuffed Owl: An Anthology of Bad Verse.

Some tame gazelle, or some gentle dove:
Something to love, oh, something to love!

Und auch wenn sich die beiden Schwestern eher ungern mit ihren eigenen blinden Flecken auseinandersetzen, achten sie doch aufeinander und passen auf, dass keine von ihnen gänzlich den Bezug zur Realität verliert. So gut sie können, meistern sie zusammen die Aufgabe, mit ihrem Ledigsein und Älterwerden zurechtzukommen.

If only one could clear out one’s mind and heart as ruthlessly as one did one’s wardrobe… (S. 220)

Zum Buch

Das Besondere an diesem Debüt ist, dass Pym den Roman 1934 begonnen hat, als sie gerade einmal 21 Jahre alt war.  Dabei katapultiert Barbara sich und ihre Schwester Hilary über 30 Jahre in die Zukunft und schildert den Alltag zweier Schwestern, Belinda und Harriet, Mitte fünfzig, als „respectable spinsters“ in einem kleinen englischen Dorf. Auch Studienfreunde und Barbaras große Liebe ihrer Studentenzeit in Oxford, Henry Stanley Harvey, werden im Buch verewigt.

Das fiktive Pfarrhaus der Hoccleves bildet dabei das Zentrum und Rückgrat der gesellschaftlichen Aktivitäten, so wie es auch Pym und ihre Schwester in ihrer Kindheit auf dem Dorf erlebt hatten. Hilary Pym schrieb später über ihre Kindheit:

Church was a natural part of our lives because our mother was assistant organist at the parish church of St.Oswald, and her family had always been on social terms with the vicar, curates and organists. Having curates to supper was a long-established tradition; and for Barbara and me there were children’s parties at the vicarage. Our father, too, sang bass in the church choir. (Barbara Pym: A Very Private Eye: An Autobiography in Letters and Diaries, edited by Hazel Holt and Hilary Pym, 1984, S. 4)

Doch es sollte noch fünfzehn Jahre dauern, bis Pym einen Verleger für ihren ersten Roman fand. Das war möglicherweise sogar von Vorteil, denn die ursprüngliche Fassung enthielt gelinde gesagt sehr fragwürdige Anspielungen auf Pyms Liebe zu Deutschland und ihre anfängliche Blindheit gegenüber dem Nationalsozialismus.

Zum autobiografischen Hintergrund des Romans

Barbara Pyms Romanidee, sich und Hilary als gemeinsam lebende, ledige Frauen vorzustellen, sollte später Realität werden. Die beiden Schwestern lebten über 30 Jahre zusammen. Hierzu noch einmal Hilary:

In 1946, when I left my husband Sandy Walton, we started sharing a flat in London, then in 1961 we bought a house, and eventually, in 1972, a country cottage in Oxfordshire. We didn’t necessarily do everything together – our different jobs after the war (Barbara worked at the International African Institute and I was already in the BBC) gave us a variety of interests and friends and holidays – but the bond between us was strong enough to keep us always on good terms. (Barbara Pym: A Very Private Eye, S. 6)

Liest man das von Hazel Holt und Hilary Pym herausgegebene Buch A Very Private Eye: An Autobiography in Letters and Diaries, erkennt man, wie sehr ihr Erstlingswerk Some Tame Gazelle auch eine Auseinandersetzung mit ihrer  Liebe zu dem etwas älteren Mitstudenten Henry Stanley Harvey war, der im Buch wenig schmeichelhaft als Archdeacon Hoccleve porträtiert wird.

Von Januar 1933 bis 1938  zieht sich Lorenzo, wie sie Henry zunächst nennt, als schmerzhaftes Leitmotiv durch ihr Tagebuch. Sie rennt ihm buchstäblich hinterher, lauert ihm auf, spielt die Überdreht-Kokette und lässt sich von ihm in kompromittierende Situationen bringen, doch Henrys Liebe lässt sich nicht erzwingen. Im März 1934 lesen wir in ihrem Tagebuch:

I am beginning to feel the weest bit hostile towards Henry, and to think that the glamour of being his doormat is wearing off. (S. 52)

Aber diese Ernüchterung ist nicht von langer Dauer. Im März 1935, als Henry längst eine Stelle in Finnland angetreten hat, besucht sie ‚Jock‘ Robert Liddell, der sich mit Henry eine Wohnung in Oxford geteilt hatte, und schreibt:

I went to see Jockie at the flat and yearned for Henry, as that atmosphere always makes me. Henry had left behind his grey overcoat and I sat in it sentimentally the whole evening. (S. 66)

Und immer, wenn Henry zurück in Oxford ist, geht das Drama von vorne los.

He will never talk about him and me and always gives evasive answers that are unsatisfying to me, as I want so much to know how things really are between us. Is it any use hoping even for his friendship – and is this enough? Is it not rather worse than nothing? At present I can’t decide. Barnicot thinks I have no hope at all and that his friendship would be of no use to me. But I think somehow that I’d like it. I don’t mind being part of the furniture of his background or even hanging over him like a gloomy cloud, as he said at tea one day. (S. 68)

Im Mai 1935 heißt es dann:

Barnicot thinks I have absolutely no hope at all, and it’s a waste of time me hanging around. Naturally this wasn’t really news to me, but I couldn’t help being a little cast down when he told me that Henry found me boring because I always agreed with him. […] Henry was rude about my teeth, which always makes me unhappy. (S. 72)

Der Biografie von Paula Byrne lässt sich genauer entnehmen, wie widerlich Henry sich ihr gegenüber verhalten hat. Doch lässt sie sich fast alles gefallen.

Noch am 24. Juli 1936 schreibt sie:

Naturally I’ve ceased to miss Henry so agonizingly, but I still hope – though faintly – to hear from him. When I think of him apologizing for being irritable with me, and standing in the room in the early hours of the morning, looking like an unshaven Russian prince with a turquoise coloured scarf round his waist – of course I love him. (S. 84)

Die Nachricht, dass Henry im Dezember 1937 Elsie Godenhjelm in Helsingfors (Finnland) geheiratet hat, kommentiert sie im Tagebuch mit:

So endete eine grosse Liebe. (S. 87)

In den zunächst recht überdrehten Briefen, die sie dem Ehepaar oder auch nur Elsie schreibt, nennt sie sich mit Vorliebe „the old spinster“ und es finden sich – selbst zehn Jahre später – immer mal wieder Anspielungen auf ihre (ehemaligen) Gefühle für Henry.

Als sie im Frühjahr 1943 sehr unter der endgültigen Trennung von ihrem Geliebten Gordon Glover leidet, schreibt sie an Henry:

Of course I should have written to you yesterday as May 10th is the anniversary of the first time I ever spent an evening with you! What’s more it is the tenth anniversary, a solemn thought! Yes, it was in 1933 and we went to the Trout and played pingpong and ate mixed grill and the wisteria was out. (S. 181)

Did I tell you that I was in love and that it was hopeless? […] Dear Henry, I don’t know why I’m telling you all this – but I have a feeling that as we have known each other so long and your were once to much to me that it doesn’t matter. Like some comfortable chair and everything turned to mild, kindly looks and spectacles. (S. 182/183)

Barbara Pym hat sich noch mehrmals in ihrem Leben verliebt, doch von Dauer war keine der Beziehungen.

Winifred Watson: Miss Pettigrew lives for a day (1938)

Miss Pettigrew pushed open the door of the employment agency and went in as the clock struck a quarter past nine. She had, as usual, very little hope, but today the Principal greeted her with a more cheerful smile.

So beginnt der hinreißende Roman Miss Pettigrew lives for a day (1938) von Winifred Watson, den ich ursprünglich nur gelesen hatte, weil momentan Lesezeit und Konzentration für Anspruchsvolleres fehlt. Aber nun wird Miss Pettigrew dieses Jahr vermutlich das Buch sein, das meine Erwartungen weit übertroffen hat und das ich richtig gern gelesen habe. Die deutsche Übersetzung von Martina Tichy erschien übrigens unter dem Titel Miss Pettigrews großer Tag (2009).

2008 kam die Verfilmung in die Kinos. Zwar wurden schon 1939 die Filmrechte an Universal Pictures verkauft, doch der Zweite Weltkrieg brachte damals das Projekt zum Erliegen. Doch worum geht es eigentlich?

Die vierzigjährige mausgraue Guinevere Pettigrew sucht verzweifelt nach einer neuen Arbeitsstelle als Kindermädchen oder Gouvernante, doch es wird immer schwieriger, Arbeit zu finden, denn eigentlich hasst sie es, sich um ungezogene Kinder zu kümmern, denen sie ohnehin keinen Respekt einflößen kann.

Outside on the pavement Miss Pettigrew shivered slightly. It was a cold, grey, foggy November day with a drizzle of rain in the air. Her coat, of a nondescript, ugly brown, was not very thick. It was five years old. London traffic roared about her. Pedestrians hastened to reach their destinations and get out of the depressing atmosphere as quickly as possible. Miss Pettigrew joined the throng, a middle-aged, rather angular lady, of medium height, thin through lack of good food, with a timid, defeated expression and terror quite discernible in her eyes, if any one cared to look. But there was no personal friend or relation in the whole world who knew or cared whether Miss Pettigrew was alive or dead. (S. 2)

Sie weiß, das Stellenangebot als Kindermädchen bei Miss LaFosse ist nach Wochen der Arbeitslosigkeit ihre letzte Chance, dem Arbeitshaus zu entgehen. Doch bevor sie dazu kommt, mit ihrer potentiellen Arbeitgeberin Einzelheiten der Stelle zu besprechen, hilft sie zunächst einmal der reizenden, wenn auch etwas chaotischen Miss LaFosse deren Liebhaber Phil aus der Wohnung zu scheuchen. Das ist auch dringend notwendig, denn schon steht der Eigentümer der Wohnung, der brutal attraktive Nachtclubbesitzer Phil, auf der Matte, der seine Rückkehr erst für den nächsten Tag angekündigt hatte.

Und so nehmen äußerst turbulente 24 Stunden ihren Lauf, in denen die verarmt-verhärmte Pfarrerstochter Guinevere Pettigrew das Leben kennenlernt, das sie nur aus dem Kino kennt: das Leben der Reichen und Schönen. Mit wachsender Begeisterung hilft sie nicht nur der bildhübschen, aber ziemlich planlosen Nachtclubsängerin LaFosse, Ordnung in deren Leben mit drei Liebhabern zu bringen.

Gleichzeitig bestehen LaFosse und ihre Freundin Edythe, Besitzerin eines Schönheitssalons, darauf, dass Guinevere sich für die zwei für den Tag geplanten Partys schminken lässt und sich in den von LaFosse geliehenen traumschönen Kleidern kaum wiedererkennt.

Und so trinkt Miss Pettigrew zum ersten Mal ihr ganz unbekannte Spirituosen, lernt unerwartete Seiten an sich kennen, entwickelt einen starken Beschützerinstinkt gegenüber ihrer jungen neuen Freundin LaFosse und vor allem: Sie entwickelt einen ganz neuen Hunger auf Leben und nach den 24 Stunden ist für die beiden so unterschiedlichen Frauen nichts mehr so, wie es war.

Fazit

Klingt das zunächst trivial? Klingt das nach einer Aschenputtel-Version? Ja, ist es. Aber gleichzeitig ist das Buch viel mehr: Es ist warmherzig und witzig; in den Dialogen erinnert es an die Screwball-Comedies der fünfziger und sechziger Jahre.

Guineveres klarer Blick auf sich selbst, ihre Angst vor dem endgültigen gesellschaftlichen Absturz, ihr bisher so freudloses und einsames Dasein werden in wenigen Strichen ganz und gar glaubwürdig gezeichnet.

Ihre erwachende Lebenslust, ihre geradezu kindliche Bereitschaft, sich auf neue Erfahrungen einzulassen, ihren strengen protestantischen Hintergrund hinter sich zu lassen, sind so positiv, so voller Lebensfreude und Abenteuerlust.

She gambolled after Miss LaFosse, natural colour deepening the artificial, eyes shining, breath excited. She was bound for adventure, the Spanish Main a night club. The very name filled her with a glorious sense of exhileration. What would her dear mother say if life came back to her body? To what depths of depravity her daughter was sinking? What did Miss Pettigrew care? Nothing. Freely, frankly, joyously, she acknowledged the fact. She was out for a wild night. She was out to paint the town red. She was out to taste another of Tony’s cocktails. She was a gentlewoman ranker out on the spree, and, oh shades of a monotonous past, would she spree! She was out to enjoy herself as she had never enjoyed herself before … (S. 167)

Kurzum, das Buch macht Spaß und am Ende sind – dank Miss Pettigrew – trotz Kokain, Nachtclubbesuchen und Liebeswirrungen Ordnung und Anstand wieder hergestellt.

Henrietta Twycross-Martin schreibt in ihrem Vorwort:

… what astonishes is the sheer fun, the light-heartedness and enchanting fantasy of an hour-by-hour plot that feels closer to a Fred Astaire film than anything else I can think of. Sophisticated and naive by turns, Miss Pettigrews lives for a Day is also charmingly daring…

Die Autorin Winifred Eileen Watson (1906-2002) hatte beim Schreiben – abgesehen von einer judenfeindlich-dämlichen Stelle – wohl einfach ein richtig gutes Händchen, denn sie gibt 2000 als über Neunzigjährige – als das Buch neu aufgelegt wurde – fröhlich zu:

„I didn’t know anyone like Miss Pettigrew. I just made it all up. I haven’t the faintest idea what governesses really do. I’ve never been to a nightclub and I certainly didn’t know anyone who took cocaine,” she says with a laugh. The dialogue, she insists, just came into her head as she was drying the dishes and she typed it out only after she had finished at the sink. (Anne Sebba)

Zum geschichtlichen Hintergrund

Miss Pettigrews Angst, ins Armenhaus zu müssen, ist ganz realistisch. Noch 1939 gab es ca. 100.000 Menschen, die in den inzwischen umbenannten Arbeitshäusern ihr Dasein fristeten. Die englischsprachige Wikipedia schreibt dazu:

The Local Government Act of 1929 gave local authorities the power to take over workhouse infirmaries as municipal hospitals, although outside London few did so.The workhouse system was abolished in the UK by the same Act on 1 April 1930, but many workhouses, renamed Public Assistance Institutions, continued under the control of local county councils. Even as late as the outbreak of the Second World War in 1939 there were still almost 100,000 people accommodated in the former workhouses, 5,629 of whom were children. It was not until the 1948 National Assistance Act that the last vestiges of the Poor Law disappeared, and with them the workhouses.

Sie gehörte zur Generation der sogenannten Superfluous Women, die aufgrund des zahlenmäßigen „Frauenüberschusses“ keinen Ehepartner fanden und deshalb ihren Lebensunterhalt selbst bestreiten mussten, obwohl sie darauf meist nicht vorbereitet waren. Ein Problem, das noch dadurch verstärkt wurde, dass mehr als 700.000 britische Männer im Ersten Weltkrieg gefallen waren.

… the imbalance of population in Britain was not a new phenomenon arising with World War One. The 1851 census showed that 30 per cent of English women aged 20 to 40 were unmarried. By the late 19th century, around a third of British women between the ages of 25 to 35 were unmarried, and census records show that an imbalance of men and women continued in the Edwardian years. (‘Surplus Women’: a legacy of World War One?)

Anmerkungen

Hier ein Text von Anne Sebba aus der Times 2000.

 Auf der Seite des Persephone Verlages sieht man u. a. das gelungene Cover, das das Gemälde Blondes and Brunettes von Charles Mozley zeigt, welches – wie auch die Illustrationen von Mary Thomson – aus dem Jahr 1938 stammt.

Agatha Christie: An Autobiography (1977)

Agatha Christie (1890 – 1976) beginnt ihren wunderbaren Lebensrückblick mit der Schilderung des Ortes, an dem sie beginnt, ihre Erinnerungen aufzuschreiben:

Nimrud, Iraq, 2 April 1950. Nimrud is the modern name of the ancient city of Calah, the military capital of the Assyrians. Our Expedition House is built of mud-brick. It sprawls out on the east side of the mound, and has a kitchen, a living- and dining-room, a small office, a workroom, a drawing office, a large store and pottery room, and a minute darkroom (we all sleep in tents). But this year one more room has been added to the Expedition House, a room that measures about three square metres. […] There is a picture on the wall by a young Iraqi artist, of two donkeys going through the Souk, all done in a maze of brightly coloured cubes. There is a window looking out east towards the snow-topped mountains of Kurdistan.

Zur Entstehungsgeschichte

Ihr zweiter Mann, der Archäologe Max Mallowan, leitet zu dieser Zeit in Nimrud die Ausgrabungen, die u. a. zu der Entdeckung von Tausenden von Elfenbeinschnitzereien  führen. Christie kann nur wenig Zeit für ihre Erinnerungen erübrigen, da der Großteil ihrer Zeit vom Schreiben ihrer Krimis und der aktiven Unterstützung ihres Mannes bei den Ausgrabungsexpeditionen in Anspruch genommen wird, und so dauert es schließlich 15 Jahre, bis ihre Autobiografie – und mit ca. 500 Seiten ihr längstes, und wie ich finde, auch ihr bestes Buch überhaupt –  beendet ist.

On second thoughts, autobiography is much too grand a word. It suggests a purposeful study of one’s life. It implies names, dates and places in tidy chronological order. What I want is to plunge my hand into a lucky dip and come up with a handful of assorted memories. (S. 1)

Zum Inhalt

Die schnöden Fakten kann man ja überall nachlesen, doch die allein erklären nicht den Reiz des Buches. Schon auf den ersten Seiten wird deutlich, wie Christie hier vorgeht: Sie vermengt in fröhlichen Zeitsprüngen konkrete Kindheitserlebnisse, Selbstironie und ihren trockenen Humor mit Reflexionen über das Wesen der Erinnerung. Das liest sich vergnüglich, spannend und anregend.

This is one of the compensations that age brings, and certainly a very enjoyable one – to remember. (S. 12)

I think, myself, that one’s memories represent those moments which, insignificant as they may seem, nevertheless represent the inner self and oneself as most really oneself. […] So what I plan to do is to enjoy the pleasures of memory – not hurrying myself – writing a few pages from time to time. It is a task that will probably go on for years. But why do I call it a task? It is an indulgence. I once saw an old Chinese scroll that I loved. It featured an old man sitting under a tree playing cat’s cradle. It was called ‚Old Man enjoying the pleasures of Idleness.‘ I’ve never forgotten it. (S. 13)

Vor allem aber ist dieses Buch wirklich ein Fenster, und zwar in mehrfacher Hinsicht.

Ein Fenster in ein buntes und erfülltes Leben

Hier gibt es keine krisenhafte Kindheit, wie bei so vielen anderen Schriftstellern, ganz im Gegenteil:

One of the luckiest things that can happen to you in life is to have a happy childhood. I had a very happy childhood. I had a home and a garden that I loved; a wise and patient Nanny; as father and mother two people who loved each other dearly and made a success of their marriage and of parenthood. (S. 15)

Christie erzählt von  ihrer Mutter, die den Schreck verkraften musste, dass Agatha schon als Fünfjährige lesen konnte, obwohl sie das erst für Achtjährige als wünschenswert deklariert hatte, und ihrem so liebenswerten, wenn auch nicht übermäßig intelligenten Vater. Er stirbt, als Agatha elf Jahre alt ist.

Als Vierjährige verliebt sie sich in einen Freund ihres Bruders:

It was a shattering and wonderful experience. […] When I think of it now, how supremely satisfying early love can be. It demands nothing – not a look nor a word. It is pure adoration. Sustained by it, one walks on air, creating in one’s own mind heroic occasions on which one will be of service to the beloved one. Going into a plague camp to nurse him. Saving him from fire. Shielding him from a fatal bullet. (S. 38)

Wir erfahren, wie der Privatunterricht zu Hause abläuft, und wenn sie die Großmutter in Ealing (London) besucht, gehen sie mindestens einmal die Woche ins Theater. Doch auch an das schier unfassbare Glück, als sie zu ihrem fünften Geburtstag einen Hund geschenkt bekommt, erinnert sie sich:

When I read that well-known cliche ’so and so was struck dumb‘ I realize that it can be a simple statement of fact. I was struck dumb – I couldn’t even say thank-you. I could hardly look at my beautiful dog. Instead I turned away from him. I needed, urgently, to be alone and come to terms with this incredible happiness […] I think it was the lavatory to which I retired – a perfect place for quiet meditation, where no one could possibly pursue you. (S. 33-34)

So anschaulich, liebevoll und detailliert beschreibt Christie die Spiele und Katastrophen ihrer Kindheit, geerdet mit freundlichem Humor, dass man den Eindruck gewinnt, sie wird einem erzählt, während man gemütlich auf dem Sofa sitzt und hofft, die Geschichte geht immer weiter.

Um ihre musikalischen Begabung zu fördern, erhält sie Gesangs- und Klavierunterricht und längere Auslandsaufenthalte, z. B. in Paris, sollen ihr den letzten gesellschaftlichen Schliff verleihen.

Da sich inzwischen die finanzielle Situation der Familie so weit verschlechtert hat, dass man der 17-jährigen Agatha keine traditionelle Coming-Out-Saison in London ermöglichen kann, beschließt Mrs Miller, der ein wärmeres Klima gesundheitlich helfen soll, mit ihrer Tochter nach Kairo zu reisen:

Cairo, from the point of view of a girl, was a dream of delight. We spent three months there, and I went to five dances every week. They were given in each of the big hotels in turn. There were three or four regiments stationed in Cairo; there was polo every day; and at the cost of living in a moderately expensive hotel all this was at your disposal (S. 168)

Nach ihrer Rückkehr nach England lernt sie bei einer Tanzveranstaltung ihren späteren Mann Archibald Christie kennen, für den sie sich von ihrem Verlobten trennt. 1914 heiraten die beiden.

Während des Weltkrieges arbeitet Agatha als  Hilfskrankenschwester und schließlich als Apothekenhelferin, eine Tätigkeit, der sie ihre Kenntnisse diverser Gifte verdankt.

From the beginning I enjoyed nursing. I took to it easily, and found it, and have always found it, one of the most rewarding professions that anyone can follow. I think, if I had not married, that after the war I should have trained as a real hospital nurse. (S. 230)

In dieser Zeit kommt ihr erstmals die Idee, eine Detektivgeschichte zu schreiben. Später bereut sie sehr, Poirot in seinem ersten Fall nicht jünger gemacht zu haben, da sie natürlich nie damit gerechnet hatte, dass dieser kleine belgische Detektiv sie noch jahrzehntelang verfolgen wird. Zwei Jahre später wird The Mysterious Affair at Styles von einem Verlag angenommen. Ihre Unerfahrenheit wird von The Bodley Head schamlos ausgenutzt und die finanziellen Konditionen sind miserabel, doch zunächst ist sie einfach überglücklich, dass tatsächlich ein Buch von ihr veröffentlicht werden soll.

Archie dient während des Krieges in der britischen Luftwaffe. Einmal liegen zwei Jahre zwischen ihren Wiedersehen.

It seems odd that I don’t remember being at all worried about Archie’s safety. Flying was dangerous – but then so was hunting, and I was used to people breaking their necks in the hunting field. It was just one of the hazards of life. There was no great insistence on safety then. […] To be concerned with this new form of locomotion, flying, was glamorous. Archie was one of the first pilots to fly – his pilot’s number was, I think, just over the hundred: 105 or 106. I was enormously proud of him. (S. 221)

Interessant auch, wie sie den Tag erlebt, als der Krieg zu Ende ist.

I went out in the streets quite dazed. There I came upon one of the most curious sights I had ever seen – indeed I still remember it, almost, I think with a sense of fear. Everywhere there were women dancing in the street. English women are not given to dancing in public […] But there they were, laughing, shouting, shuffling, leaping even, in a sort of wild orgy of pleasure: an almost brutal enjoyment. It was frightening. One felt that if there had been any Germans around the women would have advanced upon them and torn them to pieces. (S. 264)

1919 kommt das einzige Kind der beiden, Tochter Rosalind, zur Welt.

1926 stirbt Agathas Mutter, an der sie sehr gehangen hat. Archie ist ihr keine Unterstützung und zu allem Überfluss eröffnet er ihr, dass er sich scheiden lassen will, um seine Geliebte heiraten zu können. Agatha erleidet einen Nervenzusammenbruch.

Auf ihr zehntägiges Verschwinden, das es bis auf die Titelseite der New York Times schaffte, geht sie in ihrer Autobiografie nicht ein (siehe dazu den Spiegel-Artikel von Daniel Kringiel).

Doch ihr Abscheu vor Journalisten geht auf diese Zeit zurück und erklärt, weshalb sie ihren zweiten Mann, den Archäologen Max Mallowan, 1930 heimlich, still und leise in Edinburgh heiratet. Besonders gefallen hat mir, in welcher Situation Max das erste Mal gedacht hat, dass Agatha die richtige Frau für ihn sein könnte. Die Ehe mit dem 14 Jahre jüngeren Mann, den sie mehrere Monate pro Jahr auf seinen Expeditionen im Irak und in Syrien begleitet, war glücklich und hielt bis zu ihrem Tod.

Nothing could be further apart than our work. I am a lowbrow and he is a highbrow, yet we complement each other, I think, and have both helped each other. (S. 523)

Ein Fenster in eine vergangene Zeit

Doch es ist auch ein Buch, das einen Blick in eine vergangene Zeit erlaubt, in der der keinem Beruf nachgehende Vater dem Dahinschmelzen des geerbten Vermögens nur planlos zuschauen kann und die Töchter dieser Schicht oft noch zu Hause unterrichtet wurden. So hat Agatha ihr Elternhaus Ashfield in Torquay auch nicht als „reich“ in Erinnerung, schließlich hatten sie nur drei Bedienstete und gehörten auch nicht zu den Familien, die sich ein Automobil leisten konnten; dafür entsprachen die Mahlzeiten, wenn man Gäste hatte – gemessen an heutigen Standards – wohl dem Niveau gehobener Restaurants. Überhaupt zählte man Henry James und Kipling zu den Gästen, die bewirtet wurden.

Servants, of course, were not a particular luxury – it was not a case of only the rich having them; the only difference was that the rich had more. […] Our various servants are far more real to me than my mother’s friends and my distant relations. I have only to close my eyes to see Jane moving majestically in her kitchen… (S. 30)

Servants did an incredible amount of work. Jane cooked five-course dinners for seven or eight people as a matter of daily routine. For grand dinner parties of twelve or more, each course contained alternatives – two soups, two fish courses, etc. The housemaid cleaned about forty silver photograph frames and toilet silver ad lib, took in and emptied a ‚hip bath‘ […] brought hot water to bedrooms four times a day, lit bedroom fires in winter, and mended linen etc. every afternoon. […] In spite of these arduous duties, servants were, I think, actively happy, mainly because they knew they were appreciated – as experts, doing expert work. As such, they had that mysterious thing, prestige; they looked down with scorn on shop assistants and their like. (S. 29)

Agathas Schwester Madge hatte vor dem Zweiten Weltkrieg noch 16 Angestellte, die das große Haus mit 14 Schlafzimmern in Schuss hielten. Und Männer wie ihr Bruder Monty, die nirgendwo richtig sesshaft wurden, konnten sich wenigstens noch im Burenkrieg auszeichnen.

Gesellschaftliche Gegebenheiten, wie die sexuelle Doppelmoral oder das Empire, wurden nicht hinterfragt und überglücklich nahmen Agatha und ihr erster Mann 1922 das Angebot Ernest Belchers an, mit ihm zehn Monate um die Welt zu reisen, um Werbung für die geplante British Empire Exhibition von 1924 zu machen.

I still think New Zealand the most beautiful country I have ever seen. Its scenery is extraordinary. […] Everywhere the beauty of the countryside was astonishing. I vowed then that I would come back one day, in the spring […] and see the rata in flower: all golden and red. I have never done so. For most of my life New Zealand has been so far away. Now, with the coming of air travel, it is only two or three days‘ journey, but my travelling days are over. (S. 289)

Ein Fenster in die Arbeit archäologischer Expeditionen

Agatha Christie ist schon bei ihrem ersten Aufenthalt in Ur, wo sie als VIP-Gast den Ausgrabungen der Woolleys zuschauen darf,  begeistert von Land, Leuten und Kultur.

I fell in love with Ur, with its beauty in the evenings, the ziggurrat standing up, faintly shadowed, and that wide sea of sand with its lovely pale colours of apricot, rose, blue and mauve changing every minute. I enjoyed the workmen, the foremen, the little basket-boys, the pickmen – the whole technique and life. The lure of the past came up to grab me. To see a dagger slowly appearing, with its gold glint, through the sand was romantic. The carefulness of lifting pots and objects from the soil filled me with a longing to be an archaeologist myself. (S. 377)

Für viele Jahre begleitet sie dann ihren zweiten Mann bei dessen Ausgrabungen, u. a. in Nimrud, wo sie beim Säubern der gefundenen Elfenbeinschnitzereien hilft, z. B. mit feinen Stricknadeln oder ihrer Gesichtscreme, oder die Kostbarkeiten fotografiert.

Später wird Max ihr sogar bescheinigen, vermutlich mehr über „pre-historic pottery“ zu wissen als jede andere Frau in England.

Ein Fenster in das Leben einer der erfolgreichsten Autorinnen überhaupt

Ihre ersten Geschichten schreibt sie, als sie krank im Bett liegt und sich langweilt. Im Laufe der Zeit entwickelt sich das zu einer Freizeitbeschäftigung wie vorher das Besticken von Kissenhüllen.

Eher nebenbei erfahren wir, wann und wo ihr Ideen für ihre Bücher gekommen sind und unter welchen Umständen diese dann entstanden. Und bei Murder at the Vicarage (1930), dem ersten Buch mit Miss Marple, weiß Christie selbst nicht mehr, wo, wann und warum sie es geschrieben hat.

Christie war keine Intellektuelle (in ihrer Familie galt sie immer als „slow“) und sie hat nie einen Hehl daraus gemacht, dass sie ihre Bücher und Theaterstücke geschrieben hat, um Geld damit zu verdienen, und das, wie man weiß, überaus erfolgreich. So konnte sie beispielsweise ihrer Leidenschaft frönen, heruntergekommene Häuser zu kaufen, zu renovieren und sie anschließend weiterzuverkaufen:

… there was indeed a moment in my life, not long before the outbreak of the second war, when I was the proud owner of eight houses. (S. 426)

Als richtigen Beruf hat sie ihre Tätigkeit lange gar nicht ernst genommen.

How much more interesting it would be if I could say that I always longed to be a writer, and was determined that someday I would succeed, but, honestly, such an idea never came into my head. […] In fact I only contemplated one thing – a happy marriage. (S. 127-128)

Auf Formularen trug sie bei „Beschäftigung“ immer „married woman“ ein.

I never approached my writing by dubbing it with the grand name of ‚career‘. I would have thought it ridiculous. (S. 430)

Meine gute alte Zeit?

Da Christie verfügt hatte, dass ihre Autobiografie erst nach ihrem Tod erscheinen dürfe, wurde sie erstmals 1977 veröffentlicht.

Auf Deutsch erschien diese 1977 unter dem albernen und irreführenden Titel „Meine gute alte Zeit“. Das klingt, als ob hier jemand bloß einer glorifizierten Vergangenheit nachtrauert und die harschen Seiten des Lebens und der Geschichte ausblendet. Nichts könnte falscher sein.

Man denke nur an das Scheitern ihrer ersten Ehe, den Tod ihres ersten Schwiegersohnes oder die grässlichen Jahre während des Zweiten Weltkrieges:

So time went on, now not so much like a nightmare as something that had been always going on, had always been there. It had become, in fact, natural to expect that you yourself might be killed soon, that the people you loved best might be killed, that you would hear of deaths of friends. Broken windows, bombs, land-mines, and in due course flying-bombs and rockets – all these things would go on, not as something extraordinary, but as perfectly natural. (S. 489)

Eher schon findet sich eine gewisse Nostalgie, wenn sie z. B. von Orten schreibt, an denen sie glücklich war und die sie danach nie wieder besucht hat, wie beispielsweise den Schrein des Sheikh Adi in Nordirak.

The peacefulness of it comes back – the flagged courtyard, the black snake carved on the wall of the shrine. Then the step carefully over, not on the threshold, into the small dark sanctuary. There we sat in the courtyard under a gently rustling tree. […] We sat there a long time. Nobody forced information on us. […] When the sun began to get low, we left. It had been utter peace. Now I believe, they run tours to it. The ‚Spring Festival‘ is quite a tourist attraction. But I knew it in its day of innocence. I shall not forget it. (S. 81)

Und Christie veranschaulicht mit ihren Lebenserinnerungen den Wertewandel, den wir in vielen Bereichen in den letzten hundert Jahren erfahren haben, vor allem, was die Rolle von Mann und Frau anbelangt, auch wenn sie dabei ihre von Anfang an privilegierte Position ein bisschen aus den Augen verliert. Dem Gedanken an Gleichberechtigung könnte sie wohl wenig abgewinnen.

The real excitement of being a girl […] was that life was such a wonderful gamble. You didn’t know what was going to happen to you. That was what made being a woman so exciting. No worry about what you should be or do – Biology would decide. You were waiting for The Man, and when the man came, he would change your entire life. You can say what you like, that is an exciting point of view to hold at the threshold of life. What will happen? ‚Perhaps I shall marry someone in the Diplomatic Service… I think I should like that; to go abroad and see all sorts of places…‘ (S. 128)

Fazit

Das Buch ist in seiner Fülle von Geschichten unterhaltsam, warmherzig und erhellend, dabei kein bisschen trivial oder sentimental. Kurzum, ein Buch, das mir beim Wiederlesen genauso viel Freude wie beim ersten Lesen bereitet hat (wenn man mal von den wirren zwei Seiten absieht, auf denen sie die Todesstrafe befürwortet).

Was mir diesmal besonders auffiel, war Christies Faszination und vorbehaltlose Freude an Orten, ihrer Schönheit, ihrer Gastfreundlichkeit und ihrer Kultur, die wir zur Zeit nur mit Menschenrechtsverletzungen, Krieg oder Terror in Verbindung bringen, sei es im Iran, Irak oder in Syrien.

Neben dem sanften, auch selbstironischen Humor sind übrigens, genau wie in ihren Kriminalromanen, die Dialoge einer der Stärken des Buches. Diese dürften ja selten genau so verlaufen sein, wie sie hier niedergeschrieben sind; aber sie klingen völlig natürlich, wie gerade stattgefunden.

Auch der Epilog, in dem sie sich gelassen und ein bisschen spöttisch mit ihrem Altern und dem Tod auseinandersetzt: lesenswert!

An Autobiography, für mich das Beste, was Christie je geschrieben hat. Und wer wissen will, was damals der große Nachteil am Reisen mit dem Orient-Express war, wo sie ihren zweiten Mann kennengelernt hat und weshalb man sie zum zehnjährigen Bühnenjubiläum von The Mousetrap im Savoy zunächst nicht in den für die Party reservierten Raum hineinlassen wollte und welche zwei Dinge Agatha Christie in ihrem Leben am aufregendsten fand, der muss das Buch jetzt doch noch selbst lesen.

I like living. I have sometimes been wildly despairing, acutely miserable, racked with sorrow, but through it all I still know quite certainly that just to be alive is a grand thing. (S. 13)

I have remembered, I suppose, what I wanted to remember; many ridiculous things for no reason that makes sense. That is the way we human beings are made. (S. 529)

Zur Frage, was von der deutschen Übersetzung zu halten ist, geht es hier lang.

Lydia Tschukowskaja: Untertauchen (OA 1947; erste deutsche Ausgabe 1975)

Auf gerade einmal 186 Seiten gibt uns Lydia Tschukowskaja (1907 – 1996) einen berührenden Einblick in die russische Gesellschaft von 1949. Der Roman beginnt mit den Sätzen der Ich-Erzählerin:

Und nun war ich zu Hause. Aus dem Salon kam das tiefe, melodische Schlagen einer Uhr, und gleich darauf setzte das regelmäßige und emsige Tuckern des Generators ein. Endlich werde ich allein in einem Zimmer wohnen, zum ersten Mal seit dem Krieg. Wie zu Hause, in Leningrad. An einem Schreibtisch sitzen, den ich nicht dreimal am Tag in einen Eßtisch verwandeln muß. In der Stille arbeiten. Und der Gedanke oder der Einfall werden durch das Gerede in der Küche nicht überfahren, nicht verstümmelt … […] Zwischen diesen fremden Wänden kann ich zu mir kommen, mir selbst gegenübertreten. Aber offenbar steht mir keine ganz einfache Begegnung bevor, denn von Anfang an versuche ich, ihr auszuweichen. (S. 8/9)

Zunächst erschien der Roman Untertauchen von Lydia Tschukowskaja in der deutschen Übersetzung von Swetlana Geier im Diogenes Verlag. Im Januar 2015 brachte der Dörlemann Verlag eine Neuausgabe heraus.

Zum Inhalt

Nina Sergejewna, Übersetzerin und Schriftstellerin, verbringt 1949 26 Tage in einem Erholungsheim für Schriftsteller, Journalisten und andere Künstler.

Hier also wird die Begegnung stattfinden. In Anwesenheit dieses Tisches, dieser dunklen Vorhänge und der weißen Gardinen vor dem Fenster, naiv wie die Tannenbäumchen dahinter. (S. 10)

Neben den ärztlichen Anwendungen bleibt genügend Zeit für ihre offizielle Übersetzertätigkeit und das heimliche Schreiben ihrer Erinnerungen, das nur im Zustand des „Untertauchens“ möglich ist. Dabei kreist ihr Schreiben immer auch um die Frage, wie man leben kann angesichts der Erinnerungen und Träume, die einen verfolgen.

Sie macht ausgedehnte Spaziergänge in der verschneiten Landschaft und es kommt zum vorsichtigen Kennenlernen und Abtasten der anderen Gäste. Immer ist da die Hoffnung, irgendwo Geistesverwandte, ja Bruderschaft im Menschlichen zu finden.

Viele haben Grauenhaftes während der letzten 16 Jahre erlebt und gehen nun ganz unterschiedlich mit den Traumata und Verlusterfahrungen um. Da ist ein Jude, dessen Kinder von den Nazis „verbrannt“ wurden, da ist Bilibin, ein Schriftsteller, der während seiner Lagerhaft herzkrank geworden ist.

Aber auch Nina selbst wird immer wieder von bösen Träumen heimgesucht, seitdem ihr Mann 1933 verhaftet und angeblich zu zehn Jahren Lagerhaft „ohne Briefkontakt“ verurteilt wurde. Seitdem hat sie nie wieder etwas von ihm gehört. Sie dürstet nach Wissen darüber, was mit ihm geschehen ist, nach einer Grabstelle, an der sie trauern könnte. Doch die Behörden sind ein kafkesker Alptraum an Unmenschlichkeit und verweigern jegliche Auskunft.

Die erholungssuchenden Gäste tauschen sich aus, doch Nina muss sich eingestehen, dass auch Künstler ganz unterschiedlich auf die Bedrohungen durch Zensur, ideologische Gängelung und Diktatur reagieren. Diesen Verwundungen setzt sie die Sprache, die Lyrik entgegen. Aber auch der Wald, die verschneite Landschaft tun ihr wohl.

Tschukowskaja verarbeitet hier eigene Erfahrungen, wie den tragischen Verlust ihres Ehemannes Bronstein, eines brillanten Physikers, der dem stalinistischen Terror zum Opfer fiel.

Entstanden ist eine bewegende Geschichte, die von einer feinen, nicht korrumpierten, dabei zerbrechlichen Erzählerin erzählt wird, die weiß, dass auch diese Ruhepause – wie alles andere auch – zu Ende gehen wird.

Den LeserInnen kommen sowohl die nicht heilenden Wunden des Terrors als auch der Trost der Natur und die Hoffnung auf eine wahrhaftige Sprache ganz nahe. Eine Sprache, wie sie sie in den Gedichten der von ihr geliebten Lyriker findet, dem inneren Kern, der von Zensur und Diktatur unbeschmutzt ist und sich weigert, Lügen zu erzählen.

Kommt die Liebe zu einem Dichter, die Abneigung oder die Indifferenz ihm gegenüber nicht aus der Tiefe unserer Seele, ist dies alles etwa ein bloßer Zufall? Verläuft hier nicht eine Wasserscheide, eine Grenze? Gibt es einen besseren Maßstab für Sympathie und Antipathie, für Nähe und Ferne als die Beziehung zu einem Gedicht und zu der einzelnen Zeile in diesem Gedicht? (S. 54)

Claus-Ulrich Bielefeld schreibt im Kulturradio:

Untertauchen zeichnet ein abgrundtief dunkles Porträt des ‚Jahrhunderts der Wölfe‘ (Nadeschda Mandelstam). Dennoch, und das ist das Paradox großer Literatur, geht von diesem Buch ein helles Licht aus, es ergreift durch seine radikale Humanität.

Anmerkungen

Die Autorin hat an dem Roman zwischen 1949 und 1957 geschrieben. Doch erscheinen durfte er in der Sowjetunion erst 1988. Nachdem 1972 eine Ausgabe in Amerika erschien, wurde Tschukowskaja 1974 aus dem russischen Schriftstellerverband ausgeschlossen. Sie starb 1996.

Linda Lear: Beatrix Potter (2007)

It was a cold, wet November day in 1918. The frosty air had settled just above the lake. Soon it would be dark. Through the gloom the figure of a woman could just be made out. She was on her hands and knees scrabbling about in the stubble of the harvested cornfield, searching for something. Close up she was a handsome woman with noticeably high colour in her cheeks, deep-set brilliant blue eyes and unruly brown hair pulled back haphazardly from her face.

Mit diesen Sätzen beginnt Linda Lear die bisher umfangreichste und leider auch ziemlich dröge Biografie zu Beatrix Potter, einer der bekanntesten Kinderbuchautorinnen Großbritanniens.

Beatrix Potter (1866-1943) entstammte einer wohlhabenden Unitarier-Familie. Ihr Großvater väterlicherseits, Edmund Potter, war ein erfolgreicher Unternehmer und späteres Parlamentsmitglied.

As an enlightened employer, Edmund was concerned for the welfare and education of his employees, many of whom were children under the age of 13. He built a large dining room in the mill which could serve a hot meal to three hundred and fifty people at one time. He converted part of a nearby mill into the Logwood School, where the children of his workers, as well as the child labourers, could learn reading, writing and basic hygiene. He also built a reading room and library which was kept well stocked with books and newspapers. Edmund Potter believed in the necessity of educating the working classes […] but he had no sympathy for trade unionism. (S. 12)

Auch ihr Großvater mütterlicherseits, John Leech, schuf mit seinen Tuchfabriken die Grundlage für einen Generationen überdauernden Wohlstand.

Beatrix und ihr Bruder Bertram wachsen folglich in einem behüteten und finanziell privilegierten Umfeld auf. Beatrix besucht als Mädchen keine Schule, sondern wird zu Hause von einer Reihe von Gouvernanten unterrichtet. Ihr zeichnerisches Talent wird früh von der Familie gefördert. Sie bekommt Zeichenunterricht und ihr Vater schenkt ihr teure Bücher und alles, was sie für ihr „Hobby“ benötigt. Die Kinder dürfen eine Reihe von Haustieren, wie z. B. Mäuse, halten, die dann von Beatrix hingebungsvoll gezeichnet werden.

Rabbits were also favourite subjects. […] Both rabbits were drawn in every imaginable position and attitude. She observed how they rested, how they nested or hibernated, and the characteristics of their play. (S. 44)

Nach dem Tod der Mäuse, Kaninchen oder Fledermäuse interessieren sich die Kinder aber auch für deren genaue Anatomie, kochen die Knochen aus und stellen Skelettstudien an. Beatrix beginnt mit Begeisterung zu mikroskopieren.

Man verbringt monatelange Ferien in gemieteten Landhäusern in Schottland und später auch im Lake District. Hier dürfte die Liebe Beatrix zum Landleben ihren Ursprung haben, genießt sie auf dem Land doch mehr Freiheiten als in der Stadt und kann sich leichter ihren naturwissenschaftlichen Interessen widmen.

Gleichzeitig ist es aber auch ein sehr eingeschränktes Leben. Denn die Eltern von Beatrix waren – man kann es wohl kaum anders nennen – unglaubliche Snobs. Niemand ist – gerade der Mutter – für den gesellschaftlichen Umgang mit ihrer Tochter gut genug, sodass Beatrix keine gleichaltrigen Spielkameraden oder Freundinnen hat. Noch als erwachsene Frau wird ihr das Recht abgesprochen, selbst über die Kutsche zu verfügen, ihre Cousinen einzuladen oder ihren gesellschaftlichen Umgang selbst zu wählen. Ihr späterer Verleger Norman Wayne, mit dem sie sich als 39-Jährige verlobt, wird ebenfalls als nicht ebenbürtig akzeptiert und als potentieller Schwiegersohn abgelehnt.

Mit 24 veröffentlicht sie erste Zeichnungen, die als Grußkarten auf den Markt kommen. Gleichzeitig vertieft sich ihr Interesse an Pilzen und Fossilien.

By the early 1890s Beatrix’s interests as an artist and naturalist had converged on fungi and, to a lesser degree, on fossils. Such enthusiasms were typical of the Victorian craze for natural history which, […] affected everyone from aristocrat to artisan. Women in particular were drawn to the study of insects, shells, ferns, fossils and fungi, and to their naming, classification, collection and frequently their illustration. Like many of her contempories, Beatrix was first drawn to natural history as a way to relieve the boredom that beset affluent Victorians, and for the measure of personal freedom it brought. (S. 76)

Dazu gehören auch häufige Besuche im Natural History Museum, wo Beatrix Spinnen, Insekten und Schmetterlinge zeichnet.

1892 lernt sie den Briefträger und begeisterten Naturkundler Charlie McIntosh kennen, der sie bei ihren Pilzforschungen tatkräftig unterstützt, indem er ihr immer wieder Pilze schickt und ihre Zeichnungen kommentiert. In ihrem Tagebuch hält sie die erste Begegnung fest:

He was quite painfully shy and uncouth at first, as though he was trying to swallow a muffin, and rolling his eyes about and mumbling. […] I would not make fun of him for worlds but he reminded me so much of a damaged lamp post. He warmed up to his favourite subject, his comments terse and to the point, and conscientiously accurate. (S. 82)

1893 schickt sie einen illustrierten Brief an den kleinen Sohn ihrer ehemaligen Gouvernante Annie Moore. In dieser Urfassung ihrer später weltberühmten Kaninchen-Geschichten erzählt sie von den Abenteuern ihren neuen Kaninchens Peter Piper.

Im gleichen Jahr wird sie gebeten, 12 Lithografien* für eine naturwissenschaftliche Vorlesungsreihe anzufertigen. Dank ihres einflussreichen Onkels erhält sie eine Eintrittskarte, die sie berechtigt, ihre Pilzstudien im berühmten Kew Gardens fortzusetzen, der damals für die Allgemeinheit nur eingeschränkt zugänglich war. Allerdings trifft sie dort sie als Amateurin, die vielleicht auch ein bisschen undiplomatisch vorgeht, auf wenig Gegenliebe.

Ihre Forschung, was die Keimung von Sporen anbelangt, wird stark von ihrem Onkel, der selbst Chemiker ist, unterstützt. 1897 werden ihre Erkenntnisse, vermutlich von einem Mitarbeiter von Kew Gardens, der Linnean Society in London präsentiert, denn Frauen hatten dort keinen Zutritt. Die Linnean Society hatte darüber zu befinden, ob eingereichte Artikel veröffentlichenswert waren. Potters Arbeit On the Germination of the Spores of Agaricineae wird freundlich ignoriert. 1997 hat sich die Linnean Society übrigens für den „sexism displayed in its handling of her research“ entschuldigt.

Darüber hinaus widmet sich Beatrix Potter mit großer Akribie der Frage, ob es sich bei Flechten nicht um ein symbiotisches System zwischen Algen und Pilzen handele. Ihre Hoffnung, von den Mitarbeitern des Natural History Museum in ihren Forschungen unterstützt zu werden, erfüllen sich nicht. Zum einen ist sie eine Frau, zum anderen weiß sie zu viel und zum dritten wird sie vom Direktor des Museums ignoriert, u. a. deshalb weil sie nicht begreift, wie sehr sie Mr Fowler dadurch verärgert hat, dass sie – wie alle Frauen ihrer Gesellschaftsschicht – Vogelfedern als Hutschmuck verwendet.

Die nächste große Etappe in Potters Leben wird bestimmt von den Veröffentlichungen ihrer Kinderbücher, von denen eine ganze Reihe auf die illustrierten Briefe zurückgehen, die sie an Kinder ihrer Freunde und Verwandten schickt.

Most of her picture letters describe her holiday activities: the weather, the pets she has with her, the animals she sees, farming practises, family gossip and local lore. Each letter was suited to the age and interests of the child, revealing her instinctive ability to match story to audience. (S. 132)

1901 lässt sie auf eigene Kosten eine Schwarz-Weiß-Ausgabe von 250 Exemplaren von The Tale of Peter Rabbit drucken. 1902 folgt dann die farbige Ausgabe im Frederick Warne & Co Verlag. Sie besteht darauf, dass die Bücher in einem kleinen Format erscheinen, sodass auch Kinder die Bücher mühelos halten können. Obwohl sie 35 Jahre alt ist, muss ihr Vater seine Erlaubnis zu den entsprechenden Verträgen geben. Bereits ein Jahr nach der Veröffentlichung hat das Buch eine Auflage von über 56.000 erreicht und Beatrix schreibt:

The public must be fond of rabbits! what an appalling quantity of Peter. (S. 152)

Lear erklärt den durchschlagenden Erfolg folgendermaßen:

Beatrix Potter had in fact created a new form of animal fable: one in which anthropomorphized animals behave always as real animals with true animal instincts and are accurately drawn by a scientific illustrator. (S. 153)

1902 heiratet ihr Bruder Bertram seine geliebte Mary, doch aus Angst vor der Ablehnung seiner Eltern hält er die Ehe elf Jahre geheim.

1903 folgen die Bände The Tale of Squirrel Nutkin und The Tailor of Gloucester. 1904 erscheinen The Tale of Benjamin Bunny und The Tale of Two Bad Mice. Überhaupt erweist sich Beatrix als begabte Geschäftsfrau, die schon rasch erkennt, dass sich auch Merchandise-Produkte wie Puppen, Malbücher oder Tapetenbordüren hervorragend vermarkten lassen. Dabei hat sie ständig gegen Produktpiraterie und unautorisierte Nachdrucke etc. zu kämpfen.

Beatrix gewinnt mit ihrer Autorentätigkeit zunehmend finanzielle Unabhängigkeit von ihren Eltern, denen das überhaupt nicht recht ist, fürchten sie doch, dass ihre Tochter ihre familiären Verpflichtungen vernachlässigen und insgesamt zu unabhängig werden könnte. Auch die ständigen Kontakte mit Norman Wayne, ihrem Hauptansprechpartner im Verlag, sind den Eltern ein Dorn im Auge.

1905 verloben sich Beatrix und Norman. Ihre Eltern untersagen ihr, die Verlobung öffentlich bekanntzugeben. Der plötzliche Tod Normans – einen Monat nach der Verlobung – dürfte den Eltern als eine glückliche Fügung erschienen sein.

Im Verlag ist nun Harold, der Bruder Normans, ihr neuer Ansprechpartner. Jahre später wird sich herausstellen, dass er große Summen aus dem Verlag veruntreut hat, Beatrix und andere um viel Geld betrogen und den Verlag an den Rand des Ruins gebracht hat. Als Harold zu einer Gefängnisstrafe verurteilt wird, übernimmt der dritte Bruder Fruing die Geschäfte.

Mit den Erlösen aus ihren Büchern kauft Beatrix Hill Top Farm, ihre erste Farm im Lake District. Vermutlich hatte sie dort zusammen mit Norman leben wollen. Doch noch mehrere Jahre nach dem Kauf der Farm kann sie nur tageweise dort sein, da ihre Eltern von ihr erwarten, dass sie weiterhin bei ihnen in London wohnt und sie ihre Eltern auch weiterhin auf ausgedehnten Ferienaufenthalten begleitet.

The happy challenge provided by Hill Top Farm – the necessity of overcoming her grief and getting on with her life – inspired a remarkable outburst of creativity. She produced thirteen stories over the next eight years, including some of her best work. In the course of this creative outburst, Beatrix Potter was transformed into a countrywoman. (S. 207)

Und so beginnt der dritte große Abschnitt im Leben dieser bemerkenswerten Frau, der gekennzeichnet ist von ihrer Liebe zum Lake District. Mit Hingabe und zunehmendem Sachverstand widmet sie sich dem Fell Farming. Sie entwickelt sich zu einer angesehenen Expertin im Hinblick auf ihre geliebten Herdwick Sheep. Vor allem der Schutz der einzigartigen Landschaft liegt ihr am Herzen. Sie kämpft gegen die Errichtung einer Flugzeugfabrik, gegen Wasserflugzeuge auf den Seen und gegen Zersiedelung und Bauprojekte, die den Charakter dieses Landstriches zerstören würden. Schon 1909 erwirbt sie die zweite Farm, der noch viele weitere folgen sollten. Sie arbeitet dabei eng mit dem National Trust zusammen und schon früh ist klar, dass sie nach ihrem Tod ihre ausgedehnten Ländereien dieser Organisation vermachen will.

Gleichzeitig setzt sie sich für die Verbesserung der Gesundheitsversorgung auf dem Land ein und ist die treibende Kraft, als es darum geht, eine gut ausgebildete Krankenschwester einzustellen, denn viele der Farmer und Landarbeiter können es sich nicht leisten, bei Krankheiten einen Arzt kommen zu lassen. Sie lässt die Schwester mietfrei in einem ihrer Häuser wohnen und kauft ihr schließlich sogar ein Auto für die Wege, die mit dem Fahrrad dann doch zu beschwerlich wären.

Sie unterstützt die Pfadfinder, die jedes Jahr auf ihren Feldern zelten dürfen, und unterhält rege Brieffreundschaften mit Lesern aus aller Welt, vor allem aus Amerika, von denen etliche sie und ihren Mann im Lake District besuchen und um Autogramme bitten.

Unterstützt wird sie in allem von ihrem Mann William Heelis, den sie – natürlich gegen den erklärten Willen der Eltern – 1913 heiratet. Überraschenderweise bekommt sie Rückendeckung von ihrem Bruder, der den konsternierten Eltern erklärt, dass er schon seit Jahren verheiratet sei und auch Beatrix heiraten solle, wen sie wolle.

William Heelis ist Anwalt und teilt ihre Interessen. Die beiden führen bis zu Beatrix Tod im Jahr 1943 eine glückliche Ehe.

Fazit

Beatrix Potter war ein faszinierende Frau mit vielfältigen Interessen und einem eigenwilligen Lebenslauf. Dennoch musste ich mich manchmal zum Weiterlesen zwingen – gerade in Beatrix‘ Pilzphase wurde das Buch arg anstrengend. Linda Lears Stil ist nicht gerade prickelnd und Fragen, die mich stärker interessiert hätten, wie z. B. die Ehe mit William oder wie sie auf Nachbarn und Verwandte wirkte oder wie genau die Dynamik zwischen Beatrix und ihrer Mutter war, wurden eher kurz abgehandelt. Dafür wurden andere Dinge, zweifellos akribisch recherchiert, sehr in die Länge gezogen. Ich fürchte, Lear hat die Frage, wie umfangreich über bestimmte Themen berichtet wird, ausschließlich von der Recherchelage abhängig gemacht.

Und manchmal hat es den Eindruck, als ob Lear nur ungern über die unsympathischen, auch herrischen Seiten dieser ungewöhnlichen Frau berichtet. Nur en passant erfahren wir dann, dass sie ihren Pächtern keine WCs im Haus oder Elektrizität in den Farmhäusern erlaubt hat, während sie in ihren zwei Häusern natürlich Toiletten mit Wasserspülung hatte.

Kathryn Hughes bringt es im Guardian auf den Punkt, wenn sie schreibt:

This is the first full-length biography that has been written of Potter, so it is a shame that it should be such a dull one. Where Potter had an exquisite sense of how language works, Lear has none.

Anmerkungen

Ihre Portfolios mit den naturkundlichen Zeichnungen hat Beatrix Potter übrigens dem Armitt Museum in Ambleside vermacht, dessen Homepage einen schönen Eindruck von ihren Zeichnungen vermittelt, die auch heute noch von Pilzkundlern zur Bestimmung benutzt werden.

Auch Peggy hat uns Beatrix Potter auf ihrem Blog Entdecke England bereits vorgestellt.

Da ich keine Bildrechte verletzen möchte, verlinke ich jetzt einfach mal auf eine Seite, auf der man die z. T. wunderschönen Illustrationen zu The Tailor of Gloucester bewundern kann. Potter hat ihre Arbeit immer sehr ernst genommen und für die Weste eine Vorlage aus dem South Kensington Museum, dem späteren Victoria and Albert Museum, verwendet.

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Kyung-Sook Shin: Please look after Mother (2008)

Mit dem bewegenden Roman Please look after Mother (2008) gewann die 1963 in Südkorea geborene Autorin 2011 den Man Asian Literary Prize. Das Buch hat sich inzwischen millionenfach verkauft und wurde bereits für die Bühne adaptiert. Die englische Fassung stammt von Chi-Young Kim, die deutsche Übersetzung von Cornelia Holfelder-von der Tann erschien unter dem Titel Als Mutter verschwand (2012).

Das Buch beginnt mit den Sätzen:

It’s been one week since Mom went missing. The family is gathered at your eldest brother Hyong-chol’s house, bouncing ideas off each other. You decide to make flyers and hand them out where Mother was last seen.

Die Handlung ist rasch erzählt: Eine 69-jährige Frau vom Land, die mit ihrem Mann die erwachsenen Kinder in Seoul besuchen will, steigt am Hauptbahnhof in Seoul nicht schnell genug in die U-Bahn ein. Als ihr Mann merkt, dass er ohne sie losgefahren ist, ist es bereits zu spät. Als er an der nächsten Station anhält und zurückfährt, ist seine Frau schon nicht mehr auffindbar.

Die Familie unternimmt nun panisch die zu erwartenden Schritte, um Hinweise auf den Verbleib der Mutter zu bekommen. Flyer, Vermisstenanzeigen in der Zeitung, die Polizei; sie gehen allen Hinweisen nach und suchen in der ganzen Stadt nach ihr.

Mit dieser Rahmenhandlung werden die Erinnerungen der einzelnen Familienmitglieder, der Kinder und des Ehemannes, verwoben. Keiner von ihnen hat die Frau je losgelöst von ihrer Rolle als Mutter gesehen:

You don’t understand why it took you so long to realise something so obvious. To you, Mother was always Mother. It never occured to you that she had once taken her first step, or had once been three or twelve or twenty years old. Mother was Mother. She was born as Mother. (S. 27)

Vor uns setzt sich nach und nach – beinahe hätte ich gesagt, ein Bild, aber das ist falsch, denn die alte Frau wird sozusagen vor unseren Augen lebendig, als ob sie bei uns im Zimmer sitzen würde – das Leben dieser Frau zusammen. In fast schon shakespearischer Wucht, und zwar aus ganz unterschiedlichen Perspektiven.

Trotz der kulturellen Unterschiede und der Verortung nicht nur auf einem anderen Kontinent und in einem ganz spezifischen Zeitraum finde ich einen so direkten Zugang zu den Figuren, dass es fast schmerzt. Die Mutter: eine hart arbeitende Frau auf dem Land ohne jegliche Schulbildung, die den Ehemann noch von den Eltern ausgesucht bekam, die ihren einzigen Ring verkauft, um die Schulgebühren für ihre Tochter zu bezahlen, mit einem lieblos-egozentrischen Klotz von Ehemann geschlagen. Eine Frau, die sich zeitlebens in ein geradezu archaisches Frauenbild gefügt hat.

‚Mother, do you like being in the kitchen?‘ When you asked this once, your mother didn’t understand what you meant. (S. 63)

Doch sie hat erreicht, dass jedes ihrer Kinder eine „ordentliche“ Ausbildung bekommen und den Sprung nach Seoul, in die Moderne geschafft hat. Doch was ist der Preis, den jeder dafür zahlen muss?

Gegen Ende des Buches findet sich ein Kapitel, in dem der Autorin kurzzeitig das Vertrauen in ihr eigenes Werk abhanden gekommen ist. Der Brief, den eine Schwester an die andere schreibt, ist überflüssig, denn die LeserInnen haben sicherlich das Wesentliche verstanden, ohne dass ihnen eine Romanfigur das noch einmal erklären müsste. Und über den Schluss könnte man trefflich diskutieren, aber mehr darf man zum Inhalt nicht verraten. Es wäre schade für den, der den Roman noch lesen möchte.

Im Buch geht es nicht nur um Mutterschaft unter schwierigsten Bedingungen, sondern auch um familiäre Kommunikation oder eben das Scheitern derselben. Shin geht dabei außerdem den Fragen nach, wie wir Tag für Tag leben wollen und was mit all den winzigen Versäumnissen passiert, die sich in einem Menschenleben eben so ansammeln.

Dem Roman ist ein Gedichtanfang von Ferdinand Freiligrath vorangestellt:

O love, so long as you can love.

(im Deutschen: O lieb‘, solang du lieben kannst!)

Anmerkungen

Ein Interview mit der Autorin lässt sich hier nachlesen.

Prof. David Parker, Vorsitzender des Man Asian Literary Prize Komitees, fasst zusammen:

Please Look After Mom is a deeply moving, humane and intricately wrought book, at once culturally specific and universal. It is a book that will be loved everywhere.

Das Buch stieß allerdings auch auf heftige Ablehnung: Manche bemängelten die angebliche Heiligsprechung der Mutterfigur, andere wollten den Roman am besten gleich in die Mottenkiste der Trivialliteratur werfen:

If there’s a literary genre in Korean that translates into „manipulative sob sister melodrama,“ Please Look After Mom is surely its reigning queen. I’m mystified as to why this guilt-laden morality tale has become such a sensation in Korea and why a literary house like Knopf would embrace it. (Although, as women are the biggest audience for literary fiction, Please Look After Mom must be anticipated to be a book club hit in this country.) But, why wallow in cross-cultural self-pity, ladies? (Maureen Corrigan, 5. April 2011, NPR)

Eine Besprechung, die Corrigan nicht nur massiven Protest, sondern auch den Vorwurf des Rassismus eingebracht hat.

Hilfreicher ist da vielleicht der Hintergrundartikel aus The Daily Beast, April 2012.

Jackie Kay: Red Dust Road (2010)

Die autobiografische Rückschau der schottischen Lyrikerin und Schriftstellerin Jackie Kay beginnt mit den Sätzen:

Nicon Hilton Hotel, Abuja

Jonathan is suddenly there in the hotel corridor leading to the swimming-pool area. He’s sitting on a white plastic chair in a sad cafe. There’s a small counter with a coffee machine and some depressed-looking buns. He’s dressed all in white, a long white African dress, very ornately embroidered, like lace, and white trousers. He’s wearing black shoes. He’s wired up. My heart is racing. ‚Jonathan?‘ I say.

Es ist erstaunlich, wie viele Parallelen ihre Lebensgeschichte zu der von Jeanette Winterson aufweist. Auch Kay wurde als Baby adoptiert, wurde Schriftstellerin, ist lesbisch und begibt sich als Erwachsene auf die Suche nach ihren leiblichen Eltern und verarbeitet dies in einem autobiografischen Roman.

Doch der Grundtenor ist ein ganz anderer als bei Winterson. Während Winterson um ihr seelisches Überleben in einem freudlosen Haushalt kämpfen muss, bei dem die Religion als Krücke und Schild gegen echte Gefühle herhalten muss, wächst Kay bei einem schottischen Kommunistenpaar auf, das keine Bedenken hat, 1959 und 1962 zwei Kinder zu adoptieren, die farbig sind.

Ihre leibliche Mutter Elizabeth, eine schottische Krankenschwester, lernt in Aberdeen einen postgraduate-Studenten aus Nigeria kennen, der dann später als Professor Karriere machen wird. Eine allein erziehende Mutter Anfang der sechziger Jahre in Schottland mit einem farbigen Kind – undenkbar, also wird das Baby zur Adoption freigegeben. Und Jackie, auf deren Geburtsurkunde eigentlich der Name Joy steht, kommt zu Eltern, die man sich nicht liebevoller, lebenslustiger und engagierter denken kann. Jackie Kays Geschichte veranschaulicht auf sehr warmherzige und humorvolle Art, wie viel Widerstandskraft und Kraft einem eine Familie geben kann, auf die man sich hundertprozentig verlassen kann, in der gern gesungen wird, in der das Materielle nicht an erster Stelle steht, in der viel gelacht wird, in der die Eltern sich auch nach 50 Jahren Ehe noch liebhaben und in der ein Fundament an Geborgenheit gelegt worden ist,  das Jackie auch in schwierigen Zeiten einen enormen Rückhalt bietet.

Ihr Buch ist nicht so theoretisch grundiert wie das von Winterson, sie ist gefühlsorientierter und steht dazu. Sie versteht selbst nicht genau, weshalb es ihr so wichtig ist, ihre leiblichen Eltern zu finden, da sie bei ihren Adoptiveltern wirklich zu Hause ist und nie etwas vermisst hat. Doch ihre Umwelt signalisiert ihr aufgrund ihrer Hautfarbe ja immer wieder, „that she doesn’t belong“. So ist diese Suche sicherlich auch eine Suche nach einem wichtigen Teil der eigenen Identität, der äußere Anlass ist hingegen ihre eigene Schwangerschaft.

Auf einer Reise durch Nigeria, auf der Fahrt in ihr väterliches Heimatdorf, wo sie sich niemandem zu erkennen gibt, wirkt sie zunächst fast ein wenig naiv und nimmt die alltäglichen Bedrohungen und Gefahren des dortigen Alltags nur sehr allmählich war.

Die Suche nach den leiblichen Eltern und die Bemühungen, anschließend so etwas wie einen Kontakt zu diesen völlig fremden Menschen aufzubauen, bilden den roten Faden des Buches. Besonders begeistert sind allerdings weder die Mutter noch der Vater in Nigeria, von ihrer leiblichen Tochter ausfindig gemacht zu werden. Beide haben ihren späteren Familien verschwiegen, dass es da noch eine erstgeborene Tochter gibt.

Und eine der Stellen, an denen es den Leser dann schüttelt, ist, als Jackie bei der einzigen Begegnung mit ihrem Vater Jonathan – sie ist da bereits 42 – ihm eine Frage stellt:

I ask him if he had ever thought about me at all over the years. ‚No,‘ he says. ‚No, of course not, not once. Why would I? It was a long time ago. It was in the past.‘ (S. 98)

Ihr Vater gehört inzwischen einer der zahlreichen fundamentalistischen evangelikalen Gruppierungen an, die es in Nigeria gibt, und die Begrüßung seiner erwachsenen Tochter im Hotel besteht darin, zwei Stunden über ihr zu beten, sie anzupredigen und anschließend von ihr zu erwarten, dass sie sich sofort bekehrt. Natürlich könne er niemandem von ihr erzählen, seine Gemeindemitglieder würden dann ihren Glauben verlieren.

Mit dem ihr eigenen sehr liebevollen Humor schreibt Kay, dass sie gar nicht gewusst habe, welche Macht sie besitze. Sie verurteilt ihren leiblichen Vater nicht, sondern schreibt:

Meeting  a birth parent stirs up such a strange mix of emotions; I wanted to fling my arms round Jonathan and run away from him at top speed. (S. 99)

Auch ihre leibliche Mutter hat Zuflucht in der Religion gesucht. Sie gehört inzwischen einer mormonischen Glaubensgemeinschaft an und ist überzeugt, dass Babys schon im Mutterleib danach riefen, adoptiert zu werden. Doch sind die wenigen Begegnungen mit ihr vor allem bedrückend. Sie leidet an Alzheimer und es ist traurig, wie die alte Dame eines Sonntags noch nicht einmal mehr den Weg zu ihrer Kirche findet und sowohl einen Friseur als auch einen Polizisten nach dem Weg fragt.

Fazit

Für den Aufbau des Buches sind die ständigen Wechsel der Zeitebenen typisch, die mir ziemlich auf die Nerven gingen. Und ich habe dann mühsam genug versucht, eine Chronologie der Ereignisse herzustellen. Allerdings hat dieses Mosaikstein-Prinzip zur Folge, dass sich das Thema Rassismus eben nicht kontinuierlich durch das Buch zieht, sondern seinen klar zugewiesenen Platz bekommt.

Das wiederum finde ich sehr souverän. Kay hat da einiges, schon als Kind, durchmachen müssen. Die für sie schlimmste Erfahrung war, als sie als junge Studentin in London zum ersten Mal von ihren schottischen Freunden besucht wurde und sie abends an einer U-Bahn-Station warteten und von einer Gruppe jugendlicher Idioten  angepöbelt und angegriffen wurden:

Rowena, my friend, and the youngest of us, only sixteen, intervenes, and one of them smashes her face. Her face is pouring with blood. I shout to the people on the platform. ‚Isn’t anyone going to help us?‘ A businessman, well dressed in a smart raincoat and with a leather case, standing next to another businessman, turns to me calmly and says: ‚No, we support them.‘ And his calm sentence is more chilling than the yobs breaking bottles on the platform. (S. 189)

Glücklicherweise kommen ihnen dann doch vier Männer zur Hilfe, die Schlimmeres verhindern. Bis die Polizei eintrifft, können die Täter jedoch unerkannt entkommen.

Das Buch hat ein wunderbares Ende, ein geradezu furios-fröhliches Ende. Doch was mich am meisten beeindruckt hat, ist, wie sie die Beziehung zu ihren alten Adoptiveltern feiert, egal ob sie mit ihnen durch das völlig verregnete Glen Coe fährt, mit ihnen in alten Urlaubserinnerungen schwelgt oder ihnen einfach nur zuhört. Ein Tochter-Eltern-Verhältnis, das sich kaum schöner denken und schon ein bisschen Panik durchscheinen lässt, weil sie sich irgendwann von ihnen wird verabschieden müssen.

I love hearing these stories, partly because they are familiar to me, and partly because I love the way they tell them in tandem, and both remember slightly different things. I envy the rare thing that my parents have, that they have shared over 50 years together and can keep each other’s memories; tend to them, like a lovely garden with freshly blooming broom. (S. 117)

Jackie Kay sagt selbst in einem Interview im Telegraph am 5. Juni 2010:

Red Dust Road, she says, ‚is a love letter to my parents‘.

Anmerkung

The Scotsman bringt es am 5. Juni 2010 auf den Punkt:

… the key to Kay is empathy. A story about an adopted person’s quest to find their birth parents could, I guess, easily veer into uninvolving self-obsession: in Red Dust Road, the opposite happens. It’s engrossing. Whether she’s dealing with her parents‘ easy comic banter as they remember past holidays with their children, or the desperately sad unravelling of Elizabeth’s mind, Kay follows the classic writer’s „show, don’t tell“ mantra to near-perfection. Red Dust Road may read as intimately as a friend talking to you in a cafe, but that’s only because, as one of Scotland’s finest short story writers, she knows exactly how to tell a tale to make it so involving in the first place.

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Sigrid Undset: Frau Marta Oulie (OA 1907; deutsche Ausgabe 1998)

Ich habe meinen Mann betrogen. Diesen Satz schreibe ich und dann starre ich ihn an – an etwas anderes kann ich gar nicht denken.

Mit diesen Sätzen beginnt der Debütroman Frau Marta Oulie (1907) der späteren Literaturnobelpreisträgerin Sigrid Undset. Der Roman wurde 1998 von Gabriele Haefs aus dem Norwegischen ins Deutsche übersetzt.

Zum Inhalt

Vielleicht ist es ungerecht, aber die ersten beiden Sätze sagen schon das Wesentliche aus. Marta schreibt 1902 und 1903, nachdem ihr Mann Otto lebensgefährlich an Tuberkulose erkrankt ist und sich im Sanatorium befindet, Tagebuch.

Ich versuche, wieder zu schreiben, weil ich meine Gedanken nicht mehr ertragen kann. Manchmal kommt es mir so vor, als habe eine übermenschliche Phantasie sich das alles aus den Fingern gesogen und es so unerträglich quälend und empörend werden lassen wie überhaupt nur möglich. […] Ich habe meinen Mann betrogen, meinen jungen, gutaussehenden, lieben, treuen, guten, noblen Mann, und das mit seinem besten Freund, der zugleich sein Geschäftspartner und mein Vetter ist, den ich seit meiner Kindheit kenne und der Otto und mich miteinander bekannt gemacht hat. (S. 12)

Marta hofft, mithilfe des Schreibens mit ihren Erinnerungen und Gefühlen zurande zu kommen.

Mit 22 hat sie den attraktiven Geschäftsmann Otto Oulie kennengelernt. Sie ist zum ersten Mal verliebt. Jetzt, über zehn Jahre später, erkennt sie:

Ich hatte mich vollständig überrumpeln lassen. Aber nicht eigentlich von Otto. In meinem Inneren waren Quellen entsprungen, von denen ich vorher nichts geahnt hatte. Ich lauschte dieser neuen Musik wie verloren – an den langen Abenden, wenn wir einander gute Nacht gewünscht hatten, saß ich ganz still auf meinem Zimmer und lauschte. (S. 28)

Die Liebe war eher auf Leidenschaft gegründet, weniger auf das Verstehen des Partners.

Ich brauchte einen, den ich lieben konnte und der mich liebte – ich brauchte kein Mannsbild, das mich ‚verstand‘. Ach, wie recht hatte ich damals, wenn ich das schnöde, freche Frauenzimmergeschrei nach ‚Verständnis‘ verachtete – solche Frauen wollen nur einen Mann, der bei ihren langweiligen, verdrehten kleinen Gehirnen den Uhrmacher spielt und seine Zeit damit verschwendet, ihre Eitelkeiten zu befriedigen. (S. 30)

Doch irgendwann reicht ihr das nicht mehr. Sie möchte wieder als Lehrerin arbeiten, interessiert sich für das Wahlrecht der Frauen, für Kultur und tritt diversen Vereinigungen bei, was Otto irritiert, da seiner Meinung nach die Frau vor allem für Heim und Kindererziehung zuständig ist. Er befürchtet, dass ihre drei Kinder unter ihren diversen Interessen leiden könnten.

Ich kann mir nicht vorstellen, daß es so langweilig ist, sich um die eigenen Kinder und das eigene Zuhause zu kümmern. In der Hinsicht tut ihr mir also nicht leid. Und wenn du deshalb bis auf Weiteres deine Interessen in den Hintergrund schieben mußt, ja, Himmel, das müssen wir Männer doch die ganze Zeit. Meinst du, ich hätte so viel Zeit für meine eigenen Interessen? (S. 66)

Sie leben sich auseinander und fangen an, sich kritischer zu sehen.

Später kam eine Zeit, in der mich seine kritiklose Bewunderung für alles, was ihm gehörte, irritierte […] Sicher, er urteilte bisweilen, wenn er etwas nicht verstehen konnte, hart und ungerecht. Er war gesund und gut und stark, und dann sieht man von vielem nur die Oberfläche und hat kein Verständnis. (S. 32)

Marta ist sich nicht mehr sicher, ob sie sich überhaupt je für Ottos Seele interessiert hat.

Sie lässt sich – warum auch immer – auf eine Affäre mit ihrem Cousin Henrik ein, der schon seit Jugendzeiten in sie verliebt ist. Marta bekommt ein Kind von ihm, von dem Otto glaubt, es sei sein eigenes, und das er ganz besonders liebt.

Doch nachdem Otto an Tuberkulose erkrankt ist und seine Heilung immer unwahrscheinlicher wird, wird Marta von Gewissensbissen geplagt. Alles, alles möchte sie an Otto wieder gutmachen, wenn er denn nur gesund wird. Sie verliebt sich regelrecht neu in ihren Mann.

Und beim bloßen Gedanken an ihn [Otto] schien in mir eine alte Zärtlichkeit zu bluten, eine Zärtlichkeit, die körperlich ist und doch kein Begehren – der Wunsch, zu berühren, zu streicheln, seinen Kopf, seine Stirn, seine Augen, seinen Mund, seine Hände zu liebkosen – eine mütterliche Zärtlichkeit, die seltsam ängstlich und scheu war. (S. 90)

Fazit

Spätere Nobelpreisträgerin hin oder her, dieses Buch verschenkt seine Möglichkeiten. Das damals skandalöse Thema des Ehebruchs aus Sicht der Frau, eingebettet in die damaligen gesellschaftlichen Verhältnisse, das hätte ein großes Buch werden können oder auch eine lesenswerte Charakterstudie. Aber trotz einzelner gelungener Stellen ist es pathetisch, holzschnittartig, unausgegoren.

Und eine Protagonistin, die am Ende der Geschichte genauso unbedacht arrogant und selbstbezogen agiert, wie zu Beginn, macht die Sache auch nicht besser.

Alle die vergeudeten, öden Jahre, in denen ich nur in mich hineingestarrt habe, bis ich allein zwischen den Menschen blieb, weil ich nur ihre zufälligen, planlosen Spuren sah, nicht aber ihr Wesen. […] Vielleicht haben wir keine andere Seele als das Leben unseres Körpers – es lebt in uns wie die Flamme in einem Stoff, der brennt. (S. 93)

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Barbara Reynolds: Dorothy L. Sayers – Her Life and Soul (1993)

Dorothy Leigh Sayers was born in Oxford in 1893, on 13 June, […] Her father, the Reverend Henry Sayers, was nearly forty and her mother, Helen Mary, was thirty-seven. They had married on 9 August 1892 and Dorothy was their only child.

So beginnt die Biografie von Barbara Reynolds zu Dorothy L. Sayers, einer der bekanntesten britischen Kriminalschriftstellerinnen des letzten Jahrhunderts.

Fazit

Da ich befürchte, dass mir der eine oder die andere bei meinen diesmal sehr lang geratenen Ausführungen zum Inhalt sanft entschlummert, stelle ich vorsichtshalber mein Fazit an den Beginn und werde mich heute inhaltlich auf Sayers‘ Jugend und ihr Studium beschränken. Die Mutigen und wahrlich Interessierten mögen dann beim nächsten Mal weiterlesen, um mehr über die Schöpferin der Kriminalromane um den Hobby-Detektiv Lord Peter Wimsey zu erfahren.

Zwar gab es ab und an kleine Ungenauigkeiten und nicht alle Mutmaßungen fand ich schlüssig, doch insgesamt fiel das nicht ins Gewicht. Letztendlich hat Reynolds eine Biografie geschrieben, die ich besonders gern gelesen habe.

Sie ist informativ, ohne überladen zu sein. Ich erinnere mich mit Schrecken an die Biografie zu Oscar Wilde von Ellmann, die wirklich bewundernswert gründlich recherchiert, aber gleichzeitig als Ziegelstein verwendbar war und drohte, die LeserInnen unter einer Informationslawine zu begraben.

Vor allem liegt hier der Glücksfall vor, dass die Biografin aus einem schier unerschöpflichen Fundus von Originalbriefen zitieren kann und Sayers persönlich gekannt hat. Was uns Reynolds allerdings nicht verrät, ist, dass Sayers ihre Patentante war. Das mag zwar der wissenschaftlichen Objektivität abträglich sein, ist aber der Lesbarkeit enorm zuträglich.

When she was eighteen her mother passed on to her a compliment about her looks. Dorothy replied: „How very kind of dear Mrs Wilde to say I was good-looking! She’s completely mistaken – but that’s quite beside the point. (S. 45)

Dabei hat Sayers lange nicht erkannt, dass genau dies eine ihrer Stärken ist. Während ihres Studiums beklagt sie, dass sie keine Prosa schreiben könne:

… in poetry I have to sit upon it, but in prose it ambles away with me. (S. 55)

Was allerdings, je länger, je mehr auffiel, war, dass die Biografin jede kritische Bewertung vermeidet; auch der zwischenzeitlich aufgekommenen Frage, ob man Sayers antisemitische Tendenzen unterstellen könne, weicht sie aus. Allerdings werden den LeserInnen doch genügend Fakten an die Hand gegeben, um sich selbst ein Bild dieser willensstarken und sicherlich nicht immer liebenswürdigen Frau zu machen.

Und interessant war der Ausflug in die Vergangenheit außerdem, nicht nur, was den Lebensweg Sayers und die Verbindungen zwischen Leben und Werk angeht – als kleines Beispiel sei hier nur erwähnt, dass Sayers sich – wie später auch ihr Ehemann – schon in ihrer Schulzeit mit Fotografie beschäftigt hat. Wer denkt da nicht an Bunter, der seinem adeligen Arbeitgeber mehr als einmal aus der Patsche hilft, auch mit seinen am Tatort aufgenommenen Fotos.

Lesenswert natürlich auch, weil man erfährt, wie ein privilegiertes Mädchen zur Jahrhundertwende aufwachsen konnte und welchen Einschränkungen sie sich als Studentin ausgesetzt sah in einer Zeit, in der man nicht ohne Anstandsdame mit einem männlichen Studenten reden sollte und in der Verstöße gegen diese Regel unangenehme und peinliche Folgen für einen haben konnten. Wir sehen, wie der Lebensweg einer Frau verlief, die ihre eigentliche Bestimmung – Schriftstellerin, Dramatikerin, Apologetin, Übersetzerin – erst über Umwege fand.

Und wir erfahren etwas darüber, was uns die Brüche in Sayers‘ Biografie, wie z. B. ihr Umgang mit ihrem unehelich geborenen Sohn, über eine Zeit erzählen, die längst vergangen ist und in der die Menschen erst lernen mussten, auf einer Rolltreppe zu stehen, ohne dass ihnen übel dabei wurde.

Im letzten Drittel der Biografie, das ein wenig unpersönlicher als die anderen Teile ausfällt, lernen wir zudem eine kluge, streitbare Christin kennen, die sich – obwohl das ihr keineswegs so recht war – während des Zweiten Weltkrieges irgendwann in der Rolle der Apologetin wiederfand und mit ihren Theaterstücken, zum einen für das Canterbury Festival und zum anderen für Radiosendungen der BBC, zu einer nationalen Berühmtheit wurde und dabei sogar – wie man heute sagen würde – regelrechte Shitstorms entfachte.

Für die LeserInnen ihrer Kriminalromane sind natürlich die Bedingungen, unter denen diese entstanden, und die biografischen Fakten, die sich in den Krimis widerspiegeln, von Interesse. Dabei geht Reynolds auch der Frage nach, wie aus dem manchmal leicht nervtötenden Dandy Wimsey der ersten Bände ein immer runderer, komplexer Charakter wird und wie anhand dieser Figur nachzuzeichnen ist, wie Sayers das Schema des Krimis verändert, verfeinert und letztlich auf eine psychologische Höhe hebt, die den Unterschied zu „anspruchsvolleren“ literarischen Romanen mehr und mehr verwischt.

Zum Inhalt

Das Elternhaus

Sayers wurde zwar in Oxford geboren, doch als sie viereinhalb war, nahm ihr Vater die Pfarrstelle in Bluntisham-cum-Earith in Huntingdonshire an.

The house was large enough for Dorothy to have a night and a day nursery. There was room for Grandmother Sayers and Aunt Mabel Leigh, who both lived there permanently, and for Aunt Gertrude Sayers who came on long visits. The servants who had chosen to accompany them from Oxford comprised a cook, a manservant and three maids. There was also Dorothy’s nurse, later to be replaced by a series of governesses. A gardener, John Chapman, was engaged locally. His wife Elizabeth  was the laundry-maid and later took over as cook. Their son Bob was the houseboy and helped his father in the garden. (S. 9)

Dorothy ist das einzige Kind des Paares. Dabei ist von Anfang an beeindruckend, wie selbstverständlich die Eltern die Entwicklung ihrer Tochter fördern. Klein Dorothy kann lesen und hat eine gute Handschrift, bevor sie fünf Jahre alt ist. Unterrichtet wird sie zunächst zu Hause von einer Gouvernante, nach festgelegtem Stundenplan und mit regulären Ferienzeiten. Und noch vor ihrem siebten Geburtstag beginnt der Vater, sie in Latein zu unterrichten. Als sie sechseinhalb ist, liest sie ihrer Großmutter den Leitartikel der Zeitung vor.

Sie wird dabei nicht gedrängt oder streng diszipliniert, eher scheint sie die Inhalte aufgesogen zu haben. Auch hat sie Kontakt mit anderen Kindern, die entweder aus der Nachbarschaft kommen oder als „boarder“ im selben Haushalt wohnen und ebenfalls am Unterricht teilnehmen. Doch auch das Künstlerisch-Musische kommt dabei nicht zu kurz: Sie bekommt Geigen- und Tanzunterricht. Als sie beginnt, kleine Gedichte und später sogar Theaterstücke zu schreiben, wird auch dieses von den Eltern unterstützt. Dorothy schreibt dazu die Programme, bastelt die Requisiten und Eltern und Bedienstete hatten dann Rollen zu übernehmen. Abends vor dem Einschlafen erzählt sie sich selbst Geschichten; Großmutter und Tante lesen ihr die Klassiker wie Scott oder Dickens vor. Dorothys Belesenheit nimmt hier ihren Anfang. Da ihre Eltern das Theater lieben, fährt die Familie einmal im Jahr nach London, um sich dort eine Aufführung anzusehen.

She drew and painted well and made her own Christmas cards. Out of doors, she collected botanical specimens and insects and worked at classifying them. She had an appetite for exact information and enjoyed passing it on to other people. She also liked to know how things worked. Aunt Mabel […] taught her to knit. (S. 16)

She played tennis and croquet in the garden, skated on the river in winter, went for country walks and rode a bicycle. She sang in the church choir and played her violin at village concerts. She began to learn French and progressed rapidly once she had a French governess […] She also learned German and could converse fluently in that language with her governess, with whom she read a good deal of German Romantic poetry. (S. 17)

Später wird sie sagen, dass ihre Eltern sie zu sehr verwöhnt haben. Das nenne ich Jammern auf hohem Niveau.

Ganz selbstverständlich wächst Dorothy Sayers in die religiöse Prägung ihres Elternhauses hinein.

It was a conventional household. The family gathered in the dining-room at eight-fifteen in the morning, the servants entered and the rector said prayers. (S. 13)

Jahrzehnte später meint sie, dass sie nie eine Bekehrung erlebt habe, da sie von Anfang an „inside“ gewesen sei. Sie liest Chesterton und betont, wie wichtig es sei, „to worship with the understanding“. Mit pietistisch-gefühlvollem Christentum kann sie nichts anfangen, und so findet sie später ihre geistliche Heimat im katholisch orientierten Teil der Anglican Church, der High Church.

Später schreibt sie über den von ihr verehrten Chesterton:

To the young people of my generation, G.K.C. was a … Christian liberator. Like a beneficient bomb, he blew out of the Church the quality of stained glass of a very poor period and let in gusts of fresh air in which the dead leaves of doctrine danced. … It was stimulating to be told that Christianity was not a dull thing, but a gay thing … and adventurous thing … not an unintelligent thing, but a wise thing … (Dr. Art Lindsley: Profiles in Faith – Dorothy Sayers)

Schon als junges Mädchen schreibt und dichtet sie, was das Zeug hält, und übt sich in verschiedenen Themenkreisen und Lyrikformen.

Schulzeit

Da ihre Eltern davon ausgehen, dass Dorothy intelligent genug ist, um später in Oxford an einer der neu gegründeten colleges for women zu studieren, schicken sie sie ab 1909 ins Internat, um ihr die Zugangsvoraussetzungen für Oxford zu ermöglichen.

It has been said that she was unpopular at school and a misfit. It is true that she was not the conventional type of schoolgirl, good at games and experienced in communal living. Nevertheless, she had a great deal to offer. Her command of French was exceptional […], she played the piano  and the violin, she could sing, act and produce plays, she could write, she was lively and exuberant, above all, she enjoyed sharing enthusiasms with her friends … (S. 29)

Seit dieser Zeit schreibt Dorothy regelmäßig bis weit in ihr Erwachsenenalter Briefe an ihre Eltern (wie es damals auch für Söhne keineswegs unüblich war), die in ihrer Offenherzigkeit den modernen Leser verblüffen. Diese haben von Anfang an den lebhaften, begeisterungsfähigen und manchmal auch bissigen Stil mit dem Blick fürs Detail, den ihre Leser aus ihren Lord Peter Wimsey-Romanen kennen.

Sie verwendet wohl nicht allzu viel Zeit und Energie aufs Lernen, da ihr gute Noten ohne viel Mühe zufliegen. Auch hier verbringt sie einen beträchtlichen Teil ihrer Zeit mit Theaterspielen und Musizieren und noch nach dem Zweiten Weltkrieg bemüht sie sich, etwas über das Schicksal ihrer ehemaligen Musiklehrerin aus Deutschland in Erfahrung zu bringen, um sie bis zu deren Tod 1948 mit Kleidung und Lebensmitteln zu unterstützen.

1911 erkrankt Dorothy lebensgefährlich, nachdem Masern bei ihr zu einer schweren Lungenentzündung geführt haben. Für mehrere Monate kehrt sie nach Hause zurück. Aufgrund der Krankheit verliert sie ihre Haare und muss für längere Zeit eine Perücke tragen. Zurück im Internat ist sie, wie der Rest der Schule auch, begeistert von den Auftritten einer französischen Theatergruppe. Dabei bringt sie jedoch die gesellschaftliche Heuchelei ganz fürchterlich auf die Palme, denn während die Aufführung in den höchsten Tönen gelobt wird, darf man sich als Schülerin auf gar keinen Fall mit den Schauspielern unterhalten, da dies als anstößig galt.

Oxford

Im März 1912 schafft sie es, ein Stipendium für Somerville College in Oxford zu bekommen, das 1879 für Frauen gegründet worden war. (Seit 1994 werden auch Männer zugelassen.) Sie studiert moderne Sprachen und mittelalterliche Literatur. Das bedeutet Unterricht in Griechisch, Latein, Französisch, Italienisch und Deutsch. Und so beginnt eine lange Liebesbeziehung zu dieser Stadt. Sie raucht – ihre Eltern schicken ihr 1912, als das nun für eine Neunzehnjährige wirklich nicht üblich war, sogar die Zigaretten. Sie flirtet, lernt, erfreut sich an schöner Kleidung und exzellenter Kirchenmusik. Sie tritt dem Oxford Bach Choir bei, was Reynolds als eine der prägendsten ästhetischen Erfahrungen für Sayers deutet.

Mit einer Freundin gründet sie schon 1912 die „M.S.A“ (Mutual Admiration Society), in der sich die Mitglieder aus ihren eigenen Werken vorlesen. Auch am College überarbeitet sie sich nicht, bekommt trotzdem exzellente Noten und im dritten Term schreibt sie an ihre Eltern:

Do you know, it is dreadful, but the longer I stay in Oxford, the more certain I am that I was never cut out for an academic career – I was really meant to be sociable. (S. 53)

Im Brief an eine Freundin heißt es:

Elsie makes me quite ill. She is steadily working through all those books we had to take home, and I simply daren’t tell her I’ve done practically nothing! It’s not exactly that I am idle, but I’m interested in something else the whole time. At present I am deep in the writing of an allegorical epic… (S. 54)

Das ändert aber nichts daran, dass sie 1915 ein hervorragendes Examen ablegt. (Erst einige Jahre später bekommen die Absolventinnen dann auch den entsprechenden Abschluss zuerkannt. Vorher war das für Frauen gar nicht üblich.) Sie lehnt das großzügige Angebot ihres keineswegs wohlhabenden Vaters ab, ihr noch ein weiteres Jahr in Oxford zu finanzieren.

Ihre Versuche, sich als Krankenschwester ausbilden zu lassen und so in Frankreich ihren Beitrag während des Krieges zu leisten, scheitern. Stattdessen nimmt sie im Januar 1916 eine Stelle als Lehrerin in Hull an, wobei sie alles andere als entzückt von diesem Beruf ist. Vermutlich ist das der Grund, dass sie für sich keine akademische Karriere in Betracht zieht.

1916 wird ihr erster Gedichtband in einer Auflage von 350 Stück veröffentlicht.

Hier geht’s lang zum zweiten und hier zum dritten Teil.

Elke Schmitter: Frau Sartoris (2000)

Die Straße war frei. Es nieselte, wie so oft bei uns in der Gegend, und die Dämmerung ging in Schwärze über – man kann also nicht sagen, daß die Sicht besonders gut war. Vielleicht habe ich ihn deshalb erst sehr spät gesehen, wahrscheinlich aber doch, weil ich in Gedanken war. Ich bin oft in Gedanken. Nicht, daß etwas dabei herauskäme.

So beginnt Frau Sartoris, der 159 Seiten schmale, aber kraftvolle erste Roman der Journalistin Elke Schmitter.

Ein Hinweis vorweg: Trotz der Länge meines Posts gehe ich nur auf das erste Drittel der Handlung ein, d. h. es bleibt auch bei eigener Lektüre genügend zu entdecken.

Gleich zu Beginn erfahren wir also, dass Frau Sartoris einen Menschen angefahren hat. Anscheinend vorsätzlich. Und es dauert nicht lange, bis sie die Zeitungsartikel erwähnt, in denen von Fahrerflucht die Rede ist. Der Täter konnte unerkannt entkommen, das Opfer ist noch an der Unfallstelle verstorben.

In immer enger werdender Verschränkung von Vergangenheit und Gegenwart lässt Margarethe Sartoris, inzwischen Ende 40 und Mutter einer 18-jährigen Tochter, ihr Leben, ihre Ehe mit Ernst und ihr provinziell-unglückliches Leben Revue passieren.

Als hübsche junge Frau hat sich Margarethe in Philip verliebt, den sie bei einem Tanzkurs kennengelernt hatte.

… und dann begann der Unterricht mit einer Rumba. Das war immer mein Lieblingstanz. Man durfte die Hüften bewegen, man sollte sogar – und nicht so eilig wie beim Cha-Cha-Cha, sondern langsam und ausgreifend. Es gab mir ein süßes Gefühl, auf das Standbein zu wechseln, kurz innezuhalten und dann mit einer Verzögerung nach rechts auszuschreiten, in großem Abstand vom Partner, geordnet, aber voll Spannung. Ich liebte die einsame Drehung, die Bewegung ins Freie, die Geometrie des Ganzen und auch die Möglichkeit, sich lange anzusehen, bevor man wieder ein Paar wurde. Ich fühlte mich mächtig bei diesem Tanz, unwiderstehlich, vollkommen bei mir und doch auf ihn bezogen ohne Unterlaß. (S. 25)

Mit ihm ist sie glücklich und fühlt sich von einer Art Seligkeit getragen. Was sie miteinander sprechen, vergisst sie sofort. Erst verspätet – als sie längst schon ein Paar sind – wird ihr klar, dass Philip aus einer wohlhabenden Familie stammt. Aus Angst, ihn zu verlieren, spricht sie nicht mit ihm über ihre Ängste.

Ich konnte singen und tanzen, ich zeichnete recht gut, ich galt als Schönheit und konnte mir allerlei vorstellen. Aber wie ich meine Eltern und die Familie Rhienäcker miteinander bekannt machen sollte, das konnte ich mir nicht vorstellen. Wir sprachen nicht darüber. Ich wollte nichts zerstören, und ich verließ mich auf ihn. Er war in seiner Zärtlichkeit so sicher, in seiner Zartheit ganz auf mich bezogen, daß ich mir nichts anderes vorstellen wollte, als daß es immer so weiterging. (S. 33)

Es geht aber nicht so weiter. Ihr Mädchentraum zerplatzt, als Philip ihr einen Abschiedsbrief schreibt. Margarethe wird daraufhin mit einem Nervenzusammenbruch in ein Sanatorium eingeliefert, in dem sie Monate lang bleibt. Eine der ihr verordneten Übungen lautet, sich in einem Spiegel anzusehen.

Ich sollte sehen, daß ich ein hübsches junges Mädchen war und das Leben noch vor mir hatte. Aber was ich sah und wußte, löste nichts in mir aus. Der blaue Himmel freute mich nicht, die schlotternden Kleider schreckten mich nicht, der Käse schmeckte mir nicht. Daß meine Eltern mich liebten, das war eben so. Traurig für sie, dachte ich, aber ich dachte es nur, ich fühlte es nicht. Ich fühlte ja auch nichts für mich selbst. So ist es lange geblieben. (S. 37)

Nach ihrer Entlassung aus der Klinik ist sie eher die Beobachterin ihres eigenen Lebens, sie plant nichts und hofft nichts mehr und sagt selbst, dass sie überhaupt wenig über alles nachgedacht habe. Margarethe nimmt ihre Arbeit als Büroangestellte wieder auf und tritt „auf Geheiß“ ihrer Eltern in einen Kegelclub ein, in dem sie den gut aussehenden Ernst kennenlernt, der im Krieg ein Bein verloren hat. Besonders dessen Mutter Irmi mag sie sehr gern.

Vielleicht hätte Margarethe sich vollständig erholen können, aber dann liest sie in der Zeitung von Philips Verlobung mit einer Bankierstochter. Sie reagiert quasi automatisch, von ihren Gefühlen getrieben. Immer noch auf ihn fixiert, beschließt sie, dass Philip auf keinen Fall der erste sein dürfe, der heiratet.

Ich würde Ernst heiraten und mit ihm und Irmi leben; Ernst sah immerhin gut aus, er trug mich auf Händen, verdiente anständig und war ein lieber Kerl, der mir nichts abschlagen würde; und Irmi war einfach ein Schatz. Ich stellte es mir schön vor, sie um mich zu haben, und ich stellte mir die fassungslose Dankbarkeit von Ernst vor, wenn er seine Mutter, die Kriegerwitwe, nicht allein lassen mußte, sondern mit in die Ehe bringen durfte. Ich würde weiter arbeiten, wir würden abends oft unter Leuten sein – aus dem Tanzen würde nun nichts mehr werden -, und wenn wir nach Hause kamen, wäre Irmi da, Lebendigkeit und etwas Fröhliches. Wir würden vielleicht ein Kind haben. Vor allem aber würden wir eine große Hochzeit haben, noch in diesem Sommer, in einem Festsaal mit Kapelle und großer Gesellschaft; ich würde gedruckte Karten verschicken und eine Anzeige aufgeben […] Ich würde die erste sein. Von da an war es ein kalter Rausch. (S. 41 – 42)

Und so kommt es auch: Sie heiratet Ernst, der als Invalide glücklich und dankbar ist, die schöne Margarethe heiraten zu dürfen. Was sie dabei völlig ausblendet, sind die langfristigen Folgen ihres Tuns, auch für sich selbst. Schon die Hochzeitsreise – so 24 Stunden allein miteinander – überfordert die beiden. Margarethe richtet sich in ihrem nach außen hin vorzeigbaren Leben im Deutschland der Wirtschaftswunderjahre ein. Berufstätig und ansonsten immer an der Seite ihres geselligen Gatten, dabei innerlich gänzlich unbeteiligt.

Mit 28 bekommt Margarethe eine Tochter, mit der sie jedoch von Anfang an nichts anfangen kann.

Daniela war mir manchmal ein bißchen zuwider. Als kleines Mädchen sah sie sich um, wenn sie fiel, und wenn sie jemand beobachtet hatte, dann fing sie laut an zu weinen. Sie hielt ständig Ausschau nach uns, aber nicht weil sie mit uns zusammensein wollte, sondern weil sie zu berechnen schien, wie sie sich verhalten sollte. (S. 47)

Margarethes Tendenz, ihr eigenes Leben nur noch von der Zuschauertribüne zu verfolgen, verstärkt sich.

Man sagt, daß die Jahre schneller vergehen, wenn man älter wird, aber mir kam es schon damals so vor, als stünde alles still. Daniela wurde größer, Ernst wurde dicker. Irmi wurde älter, nur mußte sie blutdrucksenkende Mittel nehmen, was sie aber meistens vergaß. Ich erinnere mich nicht an Ereignisse, ich sehe uns wie auf Fotos: Fünfzehn Jahre auf der Couchgarnitur, deren Bezüge langsam dunkler wurden, bis wir eine neue anschafften. Die Holzschale aus Spanien, in der die Salznüsse waren; ein kleiner Krug aus Zinn, […] die Untersetzer aus Kork. (S. 49 -50)

Mit Anfang 40 lernt Margarethe dann den neuen Kulturamtsleiter kennen, und ihre leblos-wohlgeordnete Reihenhaus-Idylle fängt an zu bröckeln, bis am Ende nichts mehr ist, wie es mal war.

Fazit

Unbedingt lesenswert. Margarethe ist nicht nur eine Ich-Erzählerin, die mit ihrer scheinbar einfachen Sprache und ihrer mitleidlosen Beobachtungsgabe die Nachkriegsgemütlichkeit  prägnant auf den Punkt bringt.

Auch der Blog Beauty is a sleeping cat streicht die Sprache besonders heraus: „… what makes this book truly masterful is the way it’s told. There are passages in the narration that I would call “litanies” in which Mrs Sartoris enumerates things. In one instance she talks about all the meaningless sentences she doesn’t want to say anymore. Reading them in rapid succession is eerie to say the least and makes the reader think how often one uses empty phrases just like that. How many meaningful conversations do we have day in and out? Another litany enumerates all the things Mrs Sartoris has never had in her life and this reveals so much bleak emptiness, it’s  chilling.“

Margarethe ist darüber hinaus aber auch eine interessante Hauptfigur, die zwar um sich herum alles klar benennen kann, doch ihren eigenen Gefühlen und dem Wunsch, sich lebendig zu fühlen, hilflos gegenübersteht. Und immer ist sie im falschen Moment bereit, ihre Passivität aufzugeben.

… und aus einem ähnlichen Gefühl hatte ich ja Ernst genommen – irgendeiner mußte es sein, und am Ende machte es keinen großen Unterschied. Wir wollten alle ein Häuschen mit Garten und Kinder und nach Spanien reisen und in Frieden älter werden, und wenn man sich nicht grob täuschte, dann konnte man schon zufrieden sein … (S. 70)

Ihre Vorstellung von Liebe erscheint seltsam unreflektiert. Für sie ist ein Mann, der ihre Leidenschaft weckt, automatisch die große Liebe, was nahezu zwangsläufig in einer Katastrophe enden muss. Nicht zufällig findet sich im Roman eine Anspielung auf Madame Bovary.

Die Struktur des Buches mit seinen Zeitsprüngen wirkt nicht gekünstelt, sondern ergibt sich quasi selbstverständlich aus der Art ihres Erinnerns.

Und nicht zuletzt fand ich das Buch spannend. Natürlich wollte ich wissen, was es mit dem Autounfall, der schon im ersten Abschnitt genannt wurde, auf sich hat.

Anne Brontë: Agnes Grey (1847)

All true histories contain instruction; though, in some, the treasure may be hard to find, and, when found, so trivial in quantity, that the dry, shrivelled kernel scarcely compensates for the trouble of cracking the nut. Whether this be the case with my history or not, I am hardly competent to judge. I sometimes think it might prove useful to some, and entertaining to others; but the world may judge for itself. Shielded by my own obscurity, and by the lapse of years, and a few fictitious names, I do not fear to venture; and will candidly lay before the public what I would not disclose to the most intimate friend.

Mit diesen Sätzen beginnt Agnes Grey (1847), der erste Roman der 1820 geborenen „kleinen Schwester“ von Charlotte und Emily; ins Deutsche übersetzt von Michaela Meßner.

Die achtzehnjährige Pfarrerstochter Agnes möchte Gouvernante werden. Zum einen hofft sie, dadurch ihre Familie finanziell zu unterstützen, die durch Spekulationen ihres Vaters beträchtliche Verluste erlitten hat, und zum anderen zieht es sie in die Welt, von der sie endlich etwas sehen und kennenlernen möchte.

Wirklich vorbereitet auf eine solche Aufgabe ist sie allerdings nicht. Sie und ihre Schwester Mary sind in ländlicher Abgeschiedenheit von der gebildeten Mutter und ihrem Vater unterrichtet worden, haben nie eine Schule von innen gesehen und keinen nennenswerten Kontakt zur Außenwelt, wenn man von einigen Verwandtenbesuchen im Jahr einmal absieht. Agnes selbst sieht das – vermutlich im Rückblick – ganz nüchtern:

I, being the younger by five or six years, was always regarded as the child, and the pet of the family: father, mother, and sister all combined to spoil me – not by foolish indulgence to render me fractious and ungovernable, but by ceaseless kindness to make me too helpless and dependent – too unfit for buffeting with the cares and turmoils of life.

Doch allen Unkenrufen der Familie und aller Unerfahrenheit zum Trotz freut sie sich auf die Arbeit als Gouvernante und malt sich diese in den schönsten Farben aus.

Whatever others said, I felt I was fully competent to the task: the clear remembrance of my own thoughts in early childhood would be a surer guide than the instructions of the most mature adviser. I had but to turn from my little pupils to myself at their age, and I should know, at once, how to win their confidence and affections: how to waken the contrition of the erring;  how to embolden the timid, and console the afflicted; how to make Virtue practicable, Instruction desirable, and Religion lovely and comprehensible.

Und so kommt, was kommen muss. Ihre erste Stelle bei der wohlhabenden Kaufmannsfamilie Bloomfield ist eine herbe Enttäuschung. Ihre Schützlinge, der siebenjährige Tom und die fast sechsjährige Mary Ann, sind verwöhnt und denken gar nicht daran, den Aufforderungen der neuen Gouvernante Folge zu leisten, zumal Agnes in der Hierarchie des Haushalts noch unter den Kindern steht. Statt der Gouvernante haben die Kinder das Sagen und es gibt wenig, was Agnes dem entgegenzusetzen hat. Sie nimmt es hin und ärgert sich nur im Stillen, wenn die Kinder sie herumkommandieren und sie weder Sanktions- noch Belohnungsmöglichkeiten hat.

Vergeblich bemüht sie sich, Tom seine Tierquälereien zu verbieten und ihm das Verwerfliche seines Tuns zu verdeutlichen, doch da der Junge nur dem Vorbild von Vater und Onkel folgt, die seine Grausamkeiten noch belächeln, hat Agnes natürlich keine Aussicht auf Erfolg. Selbst vor Handgreiflichkeiten gegenüber Agnes schreckt der kräftige Junge nicht zurück.

Agnes zeigt in den engen, ihr gesteckten Grenzen Geduld, Konsequenz und Prinzipien, doch auf nennenswerte Fortschritte bei ihren Bemühungen hofft sie vergeblich:

But either the children were so incorrigible, the parents so unreasonable, or myself so mistaken in my views, or so unable to carry them out, that my best intentions and strenuous efforts seemed productive of no better result than sport to the children, dissatisfaction to their parents, and torment to myself.

In Momenten, in denen Agnes so aufs Äußerste gereizt und provoziert wird, verliert sie die Beherrschung, und der dann eskalierende Machtkampf ist geradezu alptraumhaft.

Sometimes, exasperated to the utmost pitch, I would shake her violently by the shoulder, or pull her long hair, or put her in the corner; for which she punished me with loud, shrill, piercing screams, that went through my head like a knife. She knew I hated this, and when she had shrieked her utmost, would look into my face with an air of vindictive satisfaction, exclaiming – ‚Now, then! that’s for you!‘ And then shriek again and again, till I was forced to stop my ears.

Auch die vierjährige Fanny entpuppt sich als böse Überraschung:

I found her a mischievous, intractable little creature, given up to falsehood and deception, young as she was, and alarmingly fond of exercising her two favourite weapons of offence and defence; that of spitting in the faces of those who incurred her displeasure, and bellowing like a bull when her unreasonable desires were not gratified. As she, generally, was pretty quiet in her parents‘ presence, and they were impressed with the notion of her being a remarkably gentle child, her falsehoods were readily believed, and her loud uproars led them to suspect harsh and injudicious treatment on my part…

Agnes verliert die Freude an ihrem Tun, verbittert stellt sie fest, dass es kaum eine beklagenswertere Lage gebe als die ihre. Sie sieht genau, wo die Probleme liegen, darf dies jedoch nicht äußern, ohne ihre Stelle zu gefährden.

… my work – a more arduous task than any one can imagine, who has not felt something like the misery of being charged with the care and direction of a set of mischievous turbulent rebels, whom his utmost exertions cannot bind to their duty; while, at the same time, he is responsible for their conduct to a higher power, who exacts from him what cannot be achieved without the aid of the superior’s more potent authority: which, either from indolence, or the fear of becoming unpopular with the said rebellious gang, the latter refuses to give.

Dennoch lässt Agnes nicht ab von ihren Vorstellungen von Falsch und Richtig: Als sie Tom dabei erwischt, wie  er eine Handvoll Küken genüsslich zu Tode quälen will, überwindet sie sich und tötet die kleinen Vögel mit einem großen Stein. Anschließend wird sie von Mrs Bloomfield dafür gerügt, wie sie es habe wagen können, einem Kind ein harmloses Vergnügen zu verweigern.

Obwohl Agnes und ihre Arbeitgeber also offensichtlich nicht zusammenpassen, ist sie trotzdem verletzt, als man ihr kündigt. Sie empfindet es als Schmach, in ihren Bemühungen nicht anerkannt worden zu sein, und ist gekränkt, quasi als Gescheiterte nach Hause zurückzukehren. Dabei wird sie von ihrer Familie liebevoll empfangen und man möchte sie am liebsten gar nicht mehr fortlassen.

Aber ihre Hoffnungen, zum Unterhalt ihrer Familie beizutragen und mehr von der Welt zu sehen, sind ungebrochen und so tritt sie einige Monate später ihre zweite Stelle bei der Familie Murray auf Horton Lodge an, um dort die vier Kinder in Musik, Zeichnen, Französisch, Latein und Deutsch zu unterrichten. Ihre neue Wirkungsstätte ist 70 Meilen von ihrem Heimatdorf entfernt:

… a formidable distance to me, as I had never been above twenty miles from home in all the course of my twenty years‘ sojourn on earth; and as, moreover, every individual in that family and in the neighbourhood was utterly unknown to myself and all my acquaintances. But this rendered it only the more piquant to me.

Die dortige Begrüßung versetzt ihrem Optimismus allerdings sofort einen kräftigen Dämpfer. Von stundenlanger Kutschfahrt während eines Schneesturms völlig durchgefroren, bekommt sie gerade mal einen Tee und ein Butterbrot von gleichgültigen Bediensteten auf ihr kleines Zimmerchen gebracht. Anne Smith bestätigt das in ihrem Vorwort zu Agnes Grey und schreibt: „Governesses were seen as a life-form little higher than mice and birds.“

It was with a strange feeling of desolation, mingled with a strong sense of the novelty of my situation, and a joyless kind of curiosity concerning what was yet unknown, that I awoke the next morning; feeling like one whirled away by enchantment, and suddenly dropped from the clouds into a remote and unknown land, widely and completely isolated from all he had ever seen or known before; or like a thistle-seed borne on the wind to some strange nook of uncongenial soil, where it must lie long enough before it can take root and germinate, extracting nourishment from what appears so alien to its nature: if, indeed, it ever can.

In ihrer Position gehört sie weder zu den Hausbediensteten noch zur Schicht ihrer Arbeitgeber, sodass sie keine Gesprächspartner auf Augenhöhe hat. Kein Wunder, dass sie in dieser isolierten Lage besonders empfindlich auf die Gedankenlosigkeiten ihrer Arbeitgeberin reagiert, der ausschließlich das Wohlbefinden der Kinder am Herzen liegt. Diese haben mehr Freiheiten, als ihnen gut tut, und sie sind es auch, die den täglichen Unterrichtsbeginn festlegen, und nicht Agnes. Bissig beschreibt sie ihre Aufgaben in Bezug auf die zwei Töchter des Hauses, Rosalie (16) und Mathilda (13):

For the girls she (gemeint ist die Mutter) seemed anxious only to render them as superficially attractive and showily accomplished as they could possibly be made, without present trouble or discomfort to themselves; and I was to act accordingly – to study and strive to amuse and oblige, instruct, refine, and polish, with the least possible exertion on their part, and no exercise of authority on mine.

Diese oberflächliche Erziehung hat ganz handfeste Konsequenzen, den Mädchen fehlt jegliches Gespür für Takt, Anstand und Integrität. Was Agnes beispielsweise sehr unangenehm berührt, ist der Snobismus der Mädchen, nicht nur ihr, sondern auch den armen Dorfbewohnern und Tagelöhnern gegenüber. Rosalie und Mathilda

… chiefly owing to their defective education, comported themselves towards their inferiors in a manner that was highly disagreeable for me to witness. They never, in thought, exchanged places with them; and, consequently, had no consideration for their feelings, regarding them as an order of beings, entirely different from themselves. They would watch the poor creatures at their meals, making uncivil remarks about their food, and their manner of eating; they would laugh at their simple notions and provincial expressions, till some of them scarcely durst venture to speak…

Im Laufe der Monate wird die Situation der jungen Hauslehrerin angenehmer, da die beiden Jungen in ein Internat geschickt werden, und die Mädchen Agnes zwar immer noch seltsam finden, dennoch kann sich eine mehr oder weniger ehrliche, fast schon ironische Beziehung zwischen Schülerinnen und Lehrerin entwickeln.

Als die flirt- und vergnügungssüchtige Rosalie verkündet, erst dann heiraten zu wollen, wenn sie sämtliche Männerherzen gebrochen habe und die Gefahr bestehe, eine alte Jungfer zu werden, rät Agnes ihr ganz trocken, unbedingt ledig zu bleiben, solange sie solch unmoralischen Ansichten in Bezug auf die Ehe hege:

Well, as long as you entertain these views, keep single by all means, and never marry at all: not even to escape the infamy of old-maidenhood.

Doch dann beginnt ein weiterer Handlungsstrang. Agnes begleitet die Familie zu ihren sonntäglichen Gottesdiensten und sie stellt fest, dass der neue Vikar Mr Weston so ganz anders predigt als der kalte und eitle Pfarrer Mr Hatfield. Agnes beurteilt Mr Weston nach seinen Grundsätzen, nach seinem Glauben und nach der Frage, wie sich dieser Glaube im Umgang mit den Armen und Angefochtenen seiner Gemeinde manifestiert. Agnes gesteht sich ein, erste zarte Hoffnungen zu hegen. Und von fern fühlte ich mich an Austen erinnert: Über welche Eigenschaften muss das Individuum verfügen, um voraussichtlich eine glückliche Ehe führen zu können?

Fazit

Auf der einen Seite krankt der Roman an einer z. T. nervtötenden Schwarz-Weiß-Malerei fast aller Charaktere. Agnes‘ moralischer Kompass geht nie fehl; das Einzige, was sie selbstkritisch anmerkt, ist, dass sie sich bei ihren Arbeitgebern nie beschwert hat, wenn ihr etwas missfiel. Ihre Schüler sind immer moralisch unterentwickelt und deren Eltern legen – was die Erziehung ihrer Kinder angeht – grundsätzlich ein unverantwortliches Handeln an den Tag. Mr Weston hingegen ist immer den Menschen zugewandt und höchstens ein bisschen abrupt.

Außerdem trat das Buch in der ersten Hälfte – was die Handlung betraf – auf der Stelle. Die vielen Szenen aus Agnes‘ Alltag, in denen sie ihre Schützlinge und deren gedankenlose Eltern kritisiert, ähneln einander bis zur Ermüdung:

… she (gemeint ist Rosalie) had never been perfectly taught the distinction between right and wrong; she had like her brothers and sisters, been suffered, from infancy, to tyrannize over nurses, governesses, and servants; she had not been taught to moderate her desires, to control her temper or bridle her will, or to sacrifice her own pleasure for the good of others.

Der moralisch-kompromisslose Anspruch der Ich-Erzählerin mag auf manchen sogar sauertöpfisch wirken. Deshalb verleitet der Roman vielleicht dazu, ihn ein wenig voreilig für gar zu leicht zu befinden und ihn zur Seite zu legen.

Wer allerdings aufmerksam liest, entdeckt immer wieder Stellen, an denen sich der Roman über sein übriges Niveau erhebt. Der Kontrast zwischen Mr Hatfield, einem literarischen Nachfahren von Austens Mr Elton, und Mr Weston bringt beispielsweise zeitlose Kirchenkritik „in a nutshell“.  Und wie rasch ist eine Passage überlesen wie die, in der Agnes erzählt, dass nach dem Gottesdienst buchstäblich niemand mit ihr spricht und der eitle Pfarrer Mr Hatfield ihr sogar beinahe die Kutschtür vor der Nase zuschlägt, weil er sie gar nicht wahrnimmt. Agnes sagt selbst:

… I was lonely. Never, from month to month, from year to year, except during my brief intervals of rest at home, did I see one creature to whom I could open my heart, or freely speak my thoughts with any hope of sympathy, or even comprehension…

Vor allem aber war ich fasziniert von der Kompromisslosigkeit dieser Hauslehrerin. Agnes ist sicherlich einseitig, oft steif und unflexibel, ungerecht und anscheinend nicht in der Lage, die Sympathie ihrer Arbeitgeber zu erringen. Aber die Kritik an der Erziehungspraxis ihrer Arbeitgeber ist so wuchtig und voller Empörung, dass hier zweifellos auch die Verbitterung und die Erfahrungen aus Anne Brontës eigener sechsjähriger Gouvernantentätigkeit verarbeitet wurden. Auch andere autobiografische Details lassen sich im Roman wiederfinden.

Die unappetitlichen Schilderungen verzogener und verrrohter Kinder wurden von Brontës Zeitgenossen eher ungnädig aufgenommen. So genau wollte man das gar nicht wissen. Kinder sollten, zumindest in der Literatur, wohlerzogene, unschuldige Wesen sein. Und nicht alle Eltern dürften angesichts der Erziehungskritik, die ihnen hier vorgehalten wurde, glücklich gewesen sein, wie z. B. als Mrs Murray Agnes Hinweise gibt:

how I should prepare and smooth the path of learning till Rosalie could glide along it without the least exertion to herself: which I could not, for nothing can be taught to any purpose without some little exertion of the part of the learner.

Anmerkung

Auch Annes Schwestern Emily und Charlotte arbeiteten als Gouvernanten oder Lehrerinnen und waren dabei genauso unglücklich wie Anne. Hier ein Tagebucheintrag von Charlotte von 1836, während sie als Lehrerin in Roe Head arbeitete:

Heute verbrachte ich den ganzen Tag wie in einem Traum, mal himmelhoch jauchzend, mal zu Tode betrübt […] Fast eine Stunde habe ich mich abgerackert, um Miss Lister, Miss Marriott und Ellen Cook den Unterschied zwischen einem Artikel und einem Substantiv beizubringen. Und dann war die Grammatikstunde zu Ende, und im Klassenzimmer herrschte Totenstille, und ich saß da und versank vor Verärgerung und Erschöpfung in eine Art Lethargie. Mußte ich denn die besten Jahre meines Lebens mit dieser jämmerlichen Sklavenarbeit zubringen, ständig gewaltsam meinen Zorn unterdrücken, angesichts solcher Faulheit und Interesselosigkeit und der von Tag zu Tag sich steigernden Blödheit dieser schafsköpfigen, lümmelhaften Esel, und dies mit der geheuchelten Miene der freundlichen, geduldigen und beflissenen Lehrerin? Mußte ich denn wirklich Tag für Tag an diesen Stuhl gekettet hier drinnen hocken, eingekerkert zwischen diesen vier kahlen Wänden, während draußen die Sommersonne aufs herrlichste vom Himmel herabbrennt und die prachtvollste Zeit des Jahres vorübergeht? Von solchen Überlegungen ins Mark getroffen, stand ich auf und ging mechanisch zum Fenster hinüber. Ein wunderschöner Augustmorgen grüßte von draußen herein … Hätte ich die Zeit gehabt, diesen Augenblick in seiner inspirierenden Ausstrahlung auszukosten, wäre daraus sicherlich eine der besten Erzählungen geworden, die ich jemals geschrieben habe. Aber just in dem Moment kommt so ein Schafskopf mit den Hausaufgaben daher. (zitiert nach Muriel Spark: In sturmzerzauster Welt: Die Brontës, Diogenes 2003, S.16/17)

Im Original klingt das so:

All this day I have been in a dream, half miserable, half ecstatic, miserable because I could not follow it out uninterruptedly, ecstatic because it showed almost in the vivid light of reality the ongoings of the infernal world (gemeint ist Angria). I had been toiling for nearly an hour with Miss Lister, Miss Marriott, and Ellen Cook, striving to teach them the distinction between an article and a substantive. The parsing lesson was completed: a dead silence had succeeded it in the schoolroom, and I sat sinking from irritation and weariness into a kind of  lethargy. The thought came over me: Am I to spend all the best part of my life in this wretched bondage, forcibly suppressing my rage at the idleness, the apathy, and the hyperbolical and most asinine stupidity of these fat-headed oafs, and of compulsion assuming an air of kindness, patience and assiduity? Must I from day to day sit chained to this chair, prisoned within these four bare walls, while these glorious summer suns are burning in heaven and the year is revolving in its richest glow, and declaring, at the close of every summer day, the time I am losing will never come again? Stung to the heart with this reflection, I started up and mechanically walked to the window. A sweet August morning was smiling without. The dew was not yet dried off the field, the early shadows were stretching cool and dim from the hay-stacks and the roots of the grand old oaks and thorns scattered along the sunk fence […] If I had had time to indulge it I felt that the vague suggestions of that moment would have settled down into some narrative better at least than anything I ever produced before. But just then a dolt came up with a lesson. I thought I should have vomited.

Erich Hackl: Dieses Buch gehört meiner Mutter (2013)

Wir hatten als einzige einen Kirschbaum.

Er stand in der Mulde neben dem Haus,

ein wenig geschützt vor dem eisigen Wind.

Um ihn durchzubringen, ging mein Vater in den Frostnächten hinaus,

ein kleines Feuer anzuzünden, das rauchte weiß wie die Blüten. 

So steht es auf der zweiten Seite des faszinierenden Buches Dieses Buch gehört meiner Mutter (2013) von Erich Hackl.

Zum Autor

Erich Hackl wurde 1954 in Österreich geboren. Stefan Howald schreibt in der Wochenzeitung am 2. September 2010 über ihn:

Seit seinem Erstling vor über zwanzig Jahren hat Erich Hackl praktisch ein eigenes Genre entwickelt und gepflegt. Auf historisch-dokumentarischen Recherchen aufbauend, vergegenwärtigt er Geschichte durchs Einzelschicksal. […] Den Sprachlosen und Vergessenen verleiht er eine Stimme und hält sie im kollektiven Gedächtnis.

Eva Menasse hat ihn 2002 in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung einmal als diesen“ besessene(n) Rechercheur und Grenzgänger zwischen Literatur und literarisch-historischer Reportage“ bezeichnet.

In Dieses Buch gehört meiner Mutter verdichtet Hackl die Erinnerungen seiner Mutter Maria an ihre ersten 25 Jahre als Bauerstochter in der österreichischen Provinz nahe der tschechischen Grenze so sehr, dass man stellenweise meint, ein einziges langes Gedicht mit vielen Strophen zu lesen. Das genaue Geburtsdatum der Frau findet sich leider nirgendwo. Vermutlich zwischen 1920 und 1930.

Dabei wird keine fortlaufende Handlung geschildert. Stattdessen werden bestimmte Schlaglichter gesetzt, die zusammen betrachtet so etwas wie das Panorama einer untergegangenen Epoche ergeben. Beschönigt wird hier nichts: Die Tante Marias starb während einer Zwangsabtreibung, das nahm eine gute katholische Familie eher in Kauf als die Schande eines unehelichen Kindes.

Die Arbeit auf dem Feld, die Armut, besonders in den Familien mit zehn und mehr Kindern; Klassenkameraden Marias, die oft nur verschimmeltes Essen mit in die Schule bringen konnten. Die Mäuse im Haus, die Ratten im Stall. Hartherzige Priester, die Züchtigungen in der Schule. Der Nachbar, von dem alle wussten, dass er seine Töchter vergewaltigte, und der trotzdem keine Anzeige fürchten musste. Die Männer, von denen mehr als einer sein Hab und Gut versoffen hat. Der große Brand, der viele im Dorf obdachlos machte. Später dann die Machtübernahme der Nazis, die ersten Zwangsarbeiter, die marodierenden Russen bei der Befreiung.

In dieser harschen und abgeschiedenen Welt gilt zunächst einmal alle Kraft dem wirtschaftlichen Überleben. Schon der Vater Marias sollte als Sechsjähriger einer kinderlosen Verwandten „geschenkt“ werden, damit er deren Hof erbt. Als er von dort wegläuft und wieder nach Hause kommt, schämen sich seine Eltern.

Eine eigene Stimme, ein eigenes Empfinden wird gleich unter Generalverdacht gestellt und so ist der Vater ganz und gar nicht begeistert, als Maria ihre Schwester und eine Tante in Wien besucht, die dort als Dienstmädchen arbeiten. Als sie zurückkommt und voll Verzückung ob all des unerhört Neuen und Schönen dem Vater gesteht, in Wien sei es gerade wie im Paradies, kann der nur kontern mit Beschimpfungen und der guten Luft, die sie auf dem Lande doch hätten.

Ich war noch nicht einmal siebzehn,

trug Zöpfe, lief barfuß, betete dreimal am Tag    

und ehrte den Vater in Wort und Werk.                      

Dagegenreden, wie meine Schwester,                     

übte ich erst nach seinem Tod.

Für viele Worte und Gefühle ist in dieser Welt kein Platz. Nur durch Zufall kann Maria ihren alt und deshalb nutzlos gewordenen Hund Lord vor dem Abdecker retten. Und Worte für Gefühle gibt es schon gar nicht.

Ich weiß, was Liebe ist, aber ich konnte sie nie benennen, auch nicht für mich. Gernhaben und Mögen, andere Wörter hatten wir nicht.

Daneben und mittendrin gibt es aber auch das Andere, das Gewitzte, Lebenslust und Freude, z. B. an der ruhigen Stunde nach getaner Arbeit oder an den Bällen, wo man auch schon einmal zwei Paar Schuhe durchtanzt, und eine unglaubliche Schönheit.

Fazit

Es war bedrückend, von den Härten zu lesen, die in einer bäuerlichen Gemeinschaft auszuhalten waren. Die Armut, die Sprachlosigkeit, der unbarmherzige Katholizismus, die z. T. mörderischen Moralvorstellungen. Die starren Rollenbilder, aus denen weder Mann noch Frau ungestraft ausbrechen konnten.

Das Buch zwang mich, genau und noch genauer hinzuhören, viele Stellen mehrmals zu lesen, denn Maria spricht leise und scheint sich kaum vorstellen zu können, dass man ihr wie gebannt zuhört und sich kaum lösen kann, dabei scheint sie doch immer wieder hinter dem Erzählten und Erinnerten zu verschwinden, diskret, kunstlos, schnörkellos, alltäglich wie sie ist.

Hackl hat hier etwas geschrieben, was ich in dieser Form noch nie gelesen habe und was ich uneingeschränkt empfehle. Am liebsten würde ich seitenlang zitieren. Die folgende Passage hat mich sofort an Brechts Vergnügungen erinnert.

Schlitten fahren.
Die jungen Katzen im Korbwagen spazierenfahren.
Auf dem Jahrmarkt mit dem Ringelspiel fahren.
Ein Rehkitz mit der Flasche aufziehen.
Das Roß striegeln.
Der alten Einlegerin die weißen Haare kämmen.
Von der Störschneiderin ein Märchen erzählt bekommen.
Dem Edi beim Faxenmachen zuschauen.
Den Schaum vom Bierglas schlecken.
Auf dem Dachboden alte Bücher finden.
Neben dem Fluder kleine Wasserräder laufen lassen.
Beim Brotbacken helfen.
Aufs Christkind warten.
Ans Christkind glauben (ein Mädchen wie ich, nur blond).
Das Christkind sehen (einen Zipfel seines himmelblauen Nachthemds).
Wenn es regnet, trocken bleiben.
Zum Essen sich Zeit nehmen dürfen.
Früh ins Bett gehen dürfen.
Beten.
Einen Schutzengel haben.
Ein gutes Wort hören.
Sich freuen.
 Anmerkungen
 

Hackl erklärt in seiner Nachbemerkung, dass er sich den Titel des Buches von Bettina von Arnims Dieses Buch gehört dem König ausgeborgt habe. Aber außerdem habe er zeigen wollen, wie es Menschen trotz Armut und Mühsal gelingt, sich über die fremdbestimmten wie selbstverschuldeten Verhältnisse zu erheben, für einen Moment oder länger. […] Ich halte mich dabei an die Geschichten meiner Mutter, nehme mir aber die Freiheit, ihr Einsichten zu gestatten, die sie nicht auszudrücken vermochte oder zu denen sie nie gelangt ist. Die Freiheit, ihr mein Gewissen anzudichten. Ich glaube nicht, daß sie oder mein Vater dagegen Einspruch erheben würde.

Ich gab immer zuviel auf das,

was die anderen sagten.

Das war mein Fehler

mein Lebtag lang

und schon damals.

Mag sein, dass mich an einigen Stellen das Hinzugedichtete – gerade in der sprachlichen Rhythmisierung – ein bisschen gestört hat, aber viel mehr bedauere ich, dass ich nicht mehr mit meiner Großmutter – Jahrgang 1919 – über dieses Buch sprechen kann. Ob sie nicht vieles ganz ähnlich erlebt hat? Hackl hat in den Erinnerungen seiner Mutter viel mehr verdichtet als die Geschichte einer einzelnen Frau.

Hier geht’s lang zur Besprechung von Tobias Becker auf Spiegel online. Dort gibt es auch ein schönes Kinderfoto Marias mit ihrem Hund Lord.

Alice Childress: Like one of the family (1956)

Diese Sammlung von 62 Geschichten, die meist nicht länger als zwei Seiten sind und allesamt im New York der fünfziger Jahre spielen, habe ich richtig gern gelesen. Sie werden uns von der schwarzen Haushaltshilfe Mildred erzählt.

Mildred arbeitet bei diversen weißen Mittelstandsfamilien. Abends erzählt sie ihrer ebenfalls schwarzen Freundin Marge von den alltäglichen Vorkommnissen an ihrer Arbeit. Freundin Marge wird uns in der Geschichte All about my job im typischen Stil der Storys näher vorgestellt:

Marge, I sure am glad that you are my friend. … No, I do not want to borrow anything or ask any favors and I wish you’d stop bein‘ suspicious everytime somebody pays you a compliment It’s a sure sign of a distrustful nature.

I’m glad that you are my friend because everybody needs a friend but I guess I need one more than most people … Well, in the first place I’m colored and in the second place I do housework for a livin‘ and so you can see that I don’t need a third place because the first two ought to be enough reason for anybody to need a friend.

You are not only a good friend but you are also a convenient friend and fill the bill in every other way. … Well, we are both thirty-two years old; both live in the same building; we each have a three room apartment for which we pay too devilish much, but at the same time we got better sense than to try and live together. And there are other things, too. We both come from the South and we also do the same kinda work: housework.

Marge selbst kommt dabei gar nicht zu Wort, doch können wir uns ihre Kommentare anhand der Reaktionen Mildreds lebhaft vorstellen.

Mildred erzählt ganz offensichtlich mit Witz und unbestechlicher Menschenkenntnis. Da wäre z. B. die Geschichte zu nennen, die der ganzen Kurzgeschichtensammlung den Namen gegeben  hat: Like one of the family. Als eine ihrer weißen Arbeitgeberinnen, Mrs. C,  Besuch hat, lobt Mrs. C. Mildred über den grünen Klee und betont dabei, wie sehr doch die ganze Familie die Haushaltshilfe Mildred zu schätzen wisse:

We just love her! She’s like one of the family and she just adores our little Carol! We don’t know what we’d do without her! We don’t think of her as a servant!

Doch Mildred entlarvt die scheinbar netten Worte als das, was sie sind, als gedankenlose Herablassung.

Höflich, aber unmissverständlich bittet sie ihre Arbeitgeberin zu einem Gespräch und öffnet ihr die Augen dafür, was es bedeuten würde, wäre sie tatsächlich ein Teil der Familie:

Mrs.C …, you are a pretty nice person to work for, but I wish you would please stop talkin‘ about me like I was a cocker spaniel or a poll parrot or a kitten …. Now you just sit there and hear me out. In the first place, you do not love me; you may be fond of me, but that is all. … In the second place, I am not just like one of the family at all! The family eats in the dining room and I eat in the kitchen. Your mama borrows your lace tablecloth for her company and your son entertains his friends in your parlour, your daughter takes her afternoon nap on the living room couch and the puppy sleeps on your satin spread …

Sie würde sich weder die Unverschämtheiten des Kindes gefallen lassen noch so hart arbeiten müssen und außerdem anständig bezahlt werden.

Am Ende der Geschichte triumphieren – utopisch und wünschenswert – Einsicht und Menschlichkeit:

Marge! She was almost speechless but she apologized and said she’d talk to her husband about the raise….

Dabei wird der Ton nie sentimental. Schließlich rügt sie Marge, weil die vor lauter Zuhören ein Knopfloch ganz unordentlich genäht hat.

Alice Childress (1916 – 1994) ist in diesen Geschichten viel mehr als „nur“ die Chronistin der Rassendiskriminierung in den fünfziger Jahren in New York. Obwohl auch das ihr schon beeindruckend gelingt.

Sie löst ihren eigenen literarischen Anspruch ein:

I attempt to write about characters without condescension, without making them into an image which some may deem more useful, inspirational, profitable, or suitable.

Die Hauptfigur Mildred tritt für ihre Würde ein. Dies tut sie klug, witzig, ironisch, lebhaft, anschaulich, direkt und zutiefst menschlich, sodass die meisten Geschichten ein gutes Ende nehmen, was in der damaligen Zeit vermutlich entweder utopisch oder aber mutmachend gewirkt haben muss.

Die Herausgeberin dieser Sammlung schreibt zwar einschränkend:

In all her adventures with her white employers, Mildred the maid is a combination of lady in shining armor charging off to attack insensitive racist infidels and the black woman of flesh and blood who knows that a direct confrontation with her white employers could lead to physical violence against her as quickly as it could lead to her dismissal.

Doch genau solche Menschen muss es ja gegeben haben, wie sonst wären die Fortschritte durch die Bürgerrechtsbewegung möglich gewesen?

Ich freue mich sehr, diese Autorin kennengelernt zu haben, die hier eine Erzählerin geschaffen hat, die sich weigert, durch die Umstände korrumpieren und beschädigen zu lassen.  Die Geschichten sind – trotz der Verankerung in einem bestimmten räumlichen und zeitlichen Umfeld – zeitlos gültig und befragen uns auch heute – nach unseren Fassaden, Hochnäsigkeiten und den alltäglichen, vor allem unbewussten rassistischen Vorurteilen.

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Christian Grawe: Darling Jane (2010)

Jane Austens Lebenszeit umfasst eine der ereignisreichsten und turbulentesten Epochen der europäischen Geschichte. Sie wurde am 16. Dezember 1775 geboren und starb mit nur 41 Jahren am 18. Juli 1817. In dieser Zeit wurde in Frankreich von 1789 bis 1799 durch die Revolution der Staat vollständig umgeformt und durch die Herrschaft Napoleons von 1799 bis 1815 Europa in Krieg und Chaos

Grawe (*1935), ein deutscher Germanist und Übersetzer, hat zusammen mit seiner Frau sechs Romane Jane Austens übersetzt und legt nun hier auf 245 Seiten eine im Wesentlichen chronologisch aufgebaute Biografie Austens vor, in der er auch die gesellschaftlichen und zeitgeschichtlichen Hintergründe miteinbezieht, die für ein tieferes Verständnis der Romane hilfreich sein können.

Er gibt also nicht nur Informationen zu ihrer Familie und zu den Jugendwerken der Autorin, sondern geht beispielsweise auch auf Details wie die Erbrechtregelung des Fideikommiss (entail) ein, die in Pride and Prejudice eine so wichtige Rolle spielt.

Grawe erläutert nicht nur die Berufswahl der Söhne aus der Gentry, die damaligen politischen Verhältnisse in England, sondern arbeitet auch Austens soziale Stellung als gesellschaftlich angesehene ‚gentlewoman‘ heraus. Dies darf aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass sie bis wenige Jahre vor ihrem Tod finanziell so abhängig von ihren Brüdern war, dass sie nicht einmal selbstständig ihre Reisen und Besuche planen konnte.

Austens Romane sind aufgrund ihrer Kunst der Charakterisierung und Dialoggestaltung auf den ersten Blick für viele LeserInnen scheinbar mühelos zugänglich, doch Grawes Hintergrundinformationen z. B. zum hochgradig formalisierten Umgang – selbst innerhalb der Familie – in der Schicht der Gentry sind für eine Lektüre der Romane durchaus erhellend.

Er arbeitet außerdem heraus, worin das eigentlich Neue, ja literarisch geradezu Revolutionäre der Romane Austens liegt. Sie sei die erste Schriftstellerin, die – noch bevor der Begriff überhaupt auf Literatur bezogen wurde – den Anspruch hatte, realistisch zu schreiben. Kein Grusel, keine Sensationen, keine Sentimentalitäten, keine engelgleichen Heldinnen, die immer an der passenden Stelle in Ohnmacht fallen, keine fremden Länder, Räuber und Entführungen, kurzum keine Unwahrscheinlichkeiten mehr, die doch typisch für die Romanproduktion der damaligen Zeit waren. Stattdessen psychologisch glaubwürdige Charaktere in dem ihnen gemäßen sozialen Raum:

Gesprochene Worte müssen dem Sprecher, der Situation und dem sozialen Milieu angemessen sein, Charaktere entsprechend ihrer Anlage als Person handeln, und dieses Handeln muss motiviert sein, damit es menschlich überzeugend erscheint. (S. 175)

Dieser Anspruch auf Natürlichkeit und Stimmigkeit gehe einher mit einer zutiefst ironischen Weltsicht. Die Wirklichkeit werde in ihren Romanen noch einmal auf das Wesentliche hin gefiltert. „Jane Austens Geschichten von den Liebes- und Lebenssorgen junger Damen sind eingehüllt in eine bezaubernde Atmosphäre des Komödiantischen, das Ausdruck einer ironischen Weltsicht ist.“ (S. 182)

Das dürfe aber nicht dazu führen, dass man Austens Gesellschaftskritik übersehe, denn in den Romanen

erscheint trotzdem die soziale Welt als ein Jahrmarkt der Eitelkeit, der Selbstsucht, Gedankenlosigkeit und Dummheit. […] Heute herrscht weitgehend Übereinstimmung darüber, dass Austen eine bissige Gesellschaftskritikerin war, die ihrer Umgebung sehr viel distanzierter gegenüberstand, als das auf den ersten Blick erscheint. (S. 184)

Zwar stelle Austen die Gesellschaftsordnung nicht grundsätzlich in Frage, doch kritisiere sie leidenschaftlich deren Missstände und menschliches Fehlverhalten.

Interessant auch, wie Grawe die Happy Ends der Austenschen Romane deutet, nämlich als „Erfüllung des Menschen aus der schlechten, korrupten, selbstischen Alltagswelt“ und nicht als Eskapismus oder romantische Schönfärberei. Das glückliche Ende sei „ein zentrales Element ihrer Menschensicht, nach der die liebende Beziehung den Hoffnungsschimmer in einer ungenügenden Welt ausmacht.“ (S. 190)

So werde Austen zur Vorläuferin des später entstehenden bürgerlichen Familienethos, das dem traditionellen, aristokratischen Verständnis von Ehe als einem Mittel der Familienpolitik diametral entgegenstehe.

Außerdem arbeitet Grawe heraus, dass Austens Romane als ’novels of manner‘ mit ihrem „Gewicht, das darin den Lebens- und Umgangsformen für das reibungslose Funktionieren des häufigen Miteinanderumgehens“ zugeschrieben wird, „Jane Austens eigene soziale Welt und ihre eigenen moralischen Maßstäbe“ widerspiegeln. (S. 90)

Er versteht Austen als eine Autorin in der Tradition der Aufklärung:

Vertrauen auf den gesunden Menschenverstand und den Wert der Kultur, Unsentimentalität und Toleranz, die Überzeugung von der Selbstbestimmung der menschlichen Vernunft und ihrer Fähigkeit, die Leidenschaften zu kontrollieren, und das Streben nach einer Balance zwischen Individuum und Gesellschaft sind für diese Tradition wesentlich. (S. 189)

Grawe selbst betont immer wieder, wie schwierig es gewesen sei, dem Menschen Jane Austen gerecht zu werden, da so unbefriedigend wenig persönliche Zeugnisse von ihr überlebt haben. Ihre Schwester Cassandra hatte nach dem Tode Janes viele Briefe vernichtet oder Stellen in den noch erhaltenen Briefen geschwärzt. Spätere Erinnerungen der Nichten und Neffen sind ebenfalls von Familiendiskretion und dem Wunsch geleitet, ein möglichst gefälliges Bild zu entwerfen.

Trotz dieser Einschränkung ist Grawe eine knappe, gut lesbare und informative Einführung in die Welt Austens gelungen, auch wenn ich manchmal seinen Stil etwas trocken fand. So schreibt Grawe – akademisch korrekt – von sich als dem „Verfasser der vorliegenden Biografie“ und spricht davon, dass Austen, wäre sie nicht so früh gestorben, sicherlich eine „Zelebrität“ hätte werden können.

Meine Lieblingsstelle beschäftigt sich mit dem Ideal „der gesellschaftlich geformten Persönlichkeit“, an dem sich die Figuren Austens messen lassen müssen. Dieses Ideal

umfasste auf eine für uns heute nur noch schwer vorstellbare Weise das ganze körperliche und geistig-seelische Wesen des Menschen. Gang, Gestik, Haltung, Eleganz, geschmackvolle und der Situation angemessene Kleidung, Gesichts- und Augenausdruck, sprachliche Gewandtheit und die Fähigkeit, sich in jeder Gesellschaft je nach dem erforderlichen Verhalten leutselig, zwanglos oder respektvoll zu bewegen, machten zusammen mit geistiger Lebhaftigkeit, höflichem Umgangston, menschlichem Empfinden, künstlerischem Interesse und Gespür, seelischem Feingefühl die Gesamtheit der ‚manners‘ aus. […] Schon eine laute  Stimme, eine indiskret wiederholte Frage, ein undelikates Gesprächsthema, eine brutale Wahrheit gegenüber einem wehrlosen Menschen […] können einen bedauerlichen Mangel an gesellschaftlicher Vollkommenheit bedeuten. (S. 90/91)

Und hier geht’s weiter:

Alexandre Dumas: Die Kameliendame (OA 1848)

Ich bin der Ansicht, daß man Gestalten erst dann zu erschaffen vermag, wenn man die Menschen eingehend erforscht hat, wie man ja auch eine Sprache erst beherrscht, nachdem man sie von Grund auf erlernt hat. Da ich selbst noch nicht in dem Alter bin, in dem man frei erfinden kann, will ich hier nichts als Tatsachen berichten. Der Leser darf also getrost der Überzeugung sein, daß diese Geschichte sich tatsächlich zugetragen hat und alle Personen, mit Ausnahme der Heldin, noch am Leben sind. Zumal es ein Leichtes wäre, für die meisten der hier geschilderten Begebenheiten in Paris Zeugen zu finden, sollte man mir nicht genug vertrauen.

Mit dieser Herausgeberfiktion beginnt der Roman Die Kameliendame (1848) von Alexandre Dumas, den er in nur vier Wochen schrieb. Ins Deutsche wurde das Buch von Michaela Meßner übersetzt. Die erste deutsche Ausgabe erschien erst 1907.

Ein namenloser junger Mann wird zufällig Zeuge einer Versteigerung, bei der die Einrichtungsgegenstände und Kleider der kürzlich verstorbenen Kurtisane Marguerite Gautier unter den Hammer kommen. Dabei erwirbt er das Buch Manon Lescaut, da eine handschriftliche Eintragung seine Neugier geweckt hat.

Kurz darauf sucht ihn eben jener Armand Duval auf, von dem die Widmung im Buch stammt, und bittet ihn unter Tränen um das Buch. Die beiden jungen Männer freunden sich an und Armand ist irgendwann bereit, dem neugewonnenen Freund die tragische Geschichte seiner Beziehung zu Marguerite zu erzählen.

Armand hatte sich in die überaus schöne Kurtisane Marguerite verliebt und sie aus der Ferne verehrt.

In einem Oval von unbeschreiblicher Anmut stelle man sich zwei schwarze Augen vor, überwölbt von Brauen, deren geschwungener Bogen so rein ist, daß sie wie gemalt erscheinen; die Augen überschleiere man mit langen Wimpern, die beim Senken den rosigen Teint der Wangen überschatten; die Nase zeichne man fein, gerade, geistreich, mit leicht geöffneten Nasenflügeln, die ein heftiges Verlangen nach dem sinnlichen Leben verraten; dann entwerfe man einen regelmäßigen Mund, dessen anmutige Lippen milchweiße Zähne sehen lassen; die Haut koloriere man nach Art samtschimmernder Pfirsiche, die noch von keiner Hand berührt wurden, und das Ganze ergibt dann diesen berückenden Kopf. (S. 14)

Die beiden lernen sich kennen und Armand bringt eine unvermutete Seite in der jungen Frau zum Klingen, denn er will ihre Gesellschaft und ihren Körper nicht – wie sonst all die anderen Männer – kaufen. Er war derjenige, der sich jeden Tag nach ihrem Befinden erkundigt hatte, ohne dabei seinen Namen zu hinterlassen, als sie krank war. Und er hat als einziger Mitleid mit ihr, als sie nach einem Abendessen Blut hustet. Armand erkennt, dass sich die erfolgreiche Kokotte noch „so etwas wie Arglosigkeit“ bewahrt hat.

Man merkte ihr an, daß das Laster bei ihr noch etwas ganz Jungfräuliches war. (S. 77)

Sie verlieben sich ineinander und das Unheil nimmt seinen Lauf, denn eine Frau wie Marguerite führt einen Lebenswandel mit Pferden, Kutsche und teuren Kleidern, Blumen und Theaterbesuchen, den ihr Armand noch nicht einmal ansatzweise finanzieren könnte.

Sie ist trotz ihrer Jugend lebenserfahren, klug und sich über ihre Stellung völlig im Klaren:

Wenn all die Frauen, die unser schändliches Gewerbe ergreifen, von Anbeginn wüßten, was da auf sie zukommt, dann würden sie lieber Dienstmädchen werden. Aber nein! Uns verlockt die Eitelkeit, Kleider, Diamanten und Equipagen zu besitzen […] und dann verschleißt man nach und nach sein Herz, seinen Körper und seine Schönheit. Man wird gefürchtet wie ein wildes Tier, verachtet wie ein Paria und ist von lauter Menschen umgeben, die stets mehr nehmen als sie selbst geben, und eines Tages verreckt man wie ein Hund, nachdem man seine Freunde und auch sich selbst verloren hat. (S. 102)

Freunde haben wir natürlich keine. Wir haben selbstsüchtige Verehrer, die ihr Vermögen nicht für uns vergeuden, wie sie immer behaupten, sondern für die eigene Eitelkeit. Für diese Leute, die selbst an gar nichts glauben, müssen wir fröhlich sein, wenn sie guter Laune sind, Appetit haben, wenn sie essen gehen wollen. Aber Herz dürfen wir auf keinen Fall zeigen, sonst werden wir zur Strafe verhöhnt und verlieren unser Ansehen Wir können nicht mehr frei über unser Leben verfügen. Wir sind keine Menschen mehr, sondern Dinge. (S. 142)

Marguerite ist diejenige, die die Unmöglichkeit ihrer Liebe sieht, denn selbst wenn sie für Armand ihren Lebenswandel ändern würde, wovon sollten sie leben und wie wäre sie abgesichert, wenn Armand, wie zu erwarten ist, in einigen Jahren nichts mehr von ihr wissen will und sie dann keine reichen Gönner mehr hätte? Doch für kurze Zeit verdrängen sie alle Sorgen um die Zukunft. Marguerite prostituiert sich weiterhin, um sich mit dem Geld ihrer Liebhaber ein kleines Haus auf dem Land mieten zu können. Dort verleben die beiden einen glücklichen Sommer, ausschließlich ihrer Liebe lebend.

Aus heutiger Sicht ist es putzig, dass Armand auch nicht ein einziges Mal auf die Idee kommt, sich eine Stellung zu suchen. Seine einzige Idee diesbezüglich ist der Spieltisch.

Doch die Familie Armands will nicht zulassen, dass der Lebenswandel des Sohnes die Familie zu kompromittieren droht. Zwar war das Kurtisanentum ein akzeptierter Teil des gesellschaftlichen Lebens in Paris, und eine attraktive und kostspielige Geliebte war nichts anderes als ein Statussymbol, doch Armand nimmt nach Ansicht des Vaters diese Liebschaft viel zu ernst und bedenkt nicht, dass sie sein weiteres Fortkommen behindern, ja unmöglich machen würde.

Das Buch ist so voller Verve und mitreißendem Pathos und interessantem Zeitkolorit, dass man den beiden Liebenden gerne durch ihre Verirrungen und Seelenqualen folgt, auch wenn die Selbstlosigkeit Marguerites, mit der sie schließlich alles für ihren Liebhaber opfert, schon ein wenig übermenschlich wirkt. Doch sie verkörpert – im Gegensatz zur verlogenen feinen Gesellschaft – einen Liebesbegriff, der wirklich das Wohl des Geliebten im Blick hat.

Armand hingegen ist ein alberner und rührseliger Wicht. Er behauptet, sie schon nach 24 Stunden unendlich und unwiderruflich zu lieben, redet dabei gern davon, dass er sie die folgende Nacht wieder besitzen werde und philosophiert darüber, dass es doch eine ganz andere Heldentat sei, das Herz einer erfolgreichen Kurtisane zu erobern als das eines einfachen und keuschen Mädchens.

Er kümmert sich keinen Deut darum, was später aus Marguerite werden soll, wenn sie mit ihren reichen Liebhabern bricht. Eine Eheschließung kommt ihm nicht einmal in den Sinn. Das würde die Gesellschaft nicht verzeihen. Doch solange er in Marguerite verliebt ist, würde er gern von seiner Umwelt in Ruhe gelassen werden. Selbst auf die Briefe seines Vaters antwortet er nicht mehr.

Er weint gern und viel, ist eifersüchtig und trotz angeblich unsterblicher Liebe sofort bereit, das Schlimmste von seiner Geliebten zu denken. Eigentlich geht es ihm immer nur um sich selbst. Als er – das erfährt der Leser schon ganz früh – kurz nach der Beerdigung Marguerites nach Paris zurückkommt, lässt er sie exhumieren:

Ich kann mir einfach nicht vorstellen, daß diese Frau, die so jung und so schön war, als ich wegfuhr, nun tot sein soll. Davon muß ich mich mit eigenen Augen überzeugen. Ich muß sehen, was Gott aus diesem Wesen gemacht hat, das ich so sehr liebte, vielleicht wird mir dann der Ekel vor diesem Anblick die Verzweiflung über die Erinnerung nehmen … (S. 46)

Vielleicht war es gerade dieses Pathos, das die Bühnenfassung des Buches zu einem der erfolgreichsten Theaterstücke des 19. Jahrhunderts machte, die wiederum als Inspiration für die Oper „La Traviata“ gilt.

Interessant ist es auch, sich Armands Vorstellung von Liebe ein bisschen genauer anzuschauen. Ist es wirklich Liebe, wenn Armand eine heiße Liebesnacht mit Marguerite verbringt, obwohl sie hohes Fieber hat?

Ach, was war das für eine seltsame Nacht! Ihr ganzes Leben schien in die Küsse zu strömen, mit denen sie mich bedeckte, und ich liebte sie so sehr, daß ich mir inmitten des fieberhaftes Rausches meiner Liebe die Frage stellte, ob ich sie nicht töten solle, damit sie nie wieder einem anderen gehören könnte. (S. 222)

Der Roman ist auch ein Plädoyer für Barmherzigkeit gegenüber denjenigen, die durch das Raster der Wohlanständigkeit fallen. Aus heutiger Sicht fällt allerdings auf, dass der Erzähler zwar Mitgefühl, Nachsicht und Vergebung für die Prostituierten fordert.

Es genügt nicht, beim Eintritt ins Leben zwei Pfähle aufzustellen, deren einer die Inschrift Weg des Guten und der andere die Warnung: Weg des Bösen trägt, und dann denen, die davorstehen, zu sagen: ‚Trefft eure Wahl!‘; vielmehr muß man wie Christus denen, die sich auf Abwege leiten ließen, die Pfade weisen, die vom zweiten zum ersten hinführen; und vor allem dürfen die ersten Schritte auf diesen Wegen weder allzu schmerzhaft sein noch allzu ungangbar erscheinen. […] Weshalb sollten wir strenger sein wollen als Christus? Weshalb sollten wir, indem wir uns halsstarrig an die Ansichten einer Welt klammern, die sich hart gibt, damit man sie für stark hält, jene blutenden Seelen zurückstoßen, deren Wunden das Übel ihrer Vergangenheit entströmt wie schlechtes Blut einem Kranken und die doch nur warten, daß eine Freundeshand sie pflege und ihrem Herzen Genesung bringe? (S. 25)

Doch die Liebhaber, die dieses System der Ausbeutung erst ermöglichen, scheinen sich dabei nicht mit Schuld zu beladen. Die Doppelmoral und die Regeln der damaligen Gesellschaft werden als gegeben akzeptiert und nicht in Frage gestellt. Im Gegenteil, mit dem Tod der Heldin ist die kurzzeitig gefährdete Ordnung wieder gesichert.

… der junge Duval ist auf den Pfad seiner gesellschaftlichen Pflichten zurückgebracht, und es wird keine Mühe gescheut, den schwer Getroffenen in den Schoß der Familie zurückzuholen. Nachdem die Kurtisane dem jungen Herrn von Stand geopfert wurde, endet die Anklage an die Gesellschaft in einem Loblied auf Familie und Rechtschaffenheit. (Michaela Meßner in ihrem Nachwort zur dtv-Ausgabe, S. 258)

Anmerkungen

Beim Autor dieses Werkes handelt es sich übrigens nicht um den Schöpfer von Der Graf von Monte Christo oder des Romans Die drei Musketiere, sondern um dessen unehelichen Sohn, der deshalb auch Dumas der Jüngere genannt wird.

1844 lernt Dumas der Jüngere die ebenfalls zwanzigjährige Marie Duplessis kennen, eine berühmte Kurtisane, mit der er elf Monate liiert war und „deren tragische Lebensgeschichte ihm zu seinem literarischen Durchbruch verhalf“. (Meßner, S. 253)

Viele Handlungsdetails hat Dumas fast unverändert der Realität entnommen. Duplessis stirbt 1847. „Am 10. Februar kehrte er [Alexandre Dumas] nach Paris zurück, genau an dem Tag, an dem ihre Habe versteigert wurde. Dumas selbst erstand Maries goldene Halskette. Den Erlös der Versteigerung, die auch Charles Dickens miterlebte, hatte Marie Duplessis einer Nichte unter der Bedingung vermacht, daß das junge Mädchen nie nach Paris gehen dürfe.“ (Meßner, S. 256)

Elizabeth Strout: Olive Kitteridge (2008)

For many years Henry Kitteridge was a pharmacist in the next town over, driving every morning on snowy roads, or rainy roads, or summertime roads, when the wild raspberries shot their new growth in brambles along the last section of town before he turned off to where the wider road led to the pharmacy. Retired now, he still wakes early and remembers how mornings used to be his favourite, as though the world were his secret, tires rumbling softly beneath him and the light emerging through the early fog, the brief sight of the bay off to his right, then the pines, tall and slender, and almost always he rode with the window partly open because he loved the smell of the pines and the heavy salt air, and in the winter he loved the smell of the cold.

So beginnt das dritte Buch der 1956 geborenen amerikanischen Autorin, für das sie 2009 den Pulitzer Prize for Fiction erhielt.

2010 erschien die deutsche Übersetzung von Sabine Roth unter dem Titel Mit Blick aufs Meer.

Das Werk besteht aus 13 mal mehr, mal weniger miteinander verbundenen Geschichten. Und mit diesem Mittelding – „a novel in stories“ – habe ich mich stellenweise durchaus schwergetan, denn manchmal ist der Zusammenhang zwischen den einzelnen Geschichten schon extrem lose. Wir folgen zwei Personen: Henry – einem ehemaligen Apotheker, der lange in seine Angestellte verliebt war – und später vor allem seiner Frau Olive, einer pensionierten Lehrerin.

Ab und zu verliert der Leser Olive und Henry aber dabei fast völlig aus den Augen. In manchen Erzählungen durchqueren die Kitteridges nur einen Raum oder grüßen ein paar Bekannte, während sie das Lokal verlassen. Auf diese Kapitel hätte ich gut verzichten können.

Louisa Thomas charakterisiert Olive in ihrer Besprechung in der New York Times vom 20. April 2008 kurz und treffend:

She isn’t a nice person. As one of the town’s older women notes, ‚Olive had a way about her that was absolutely without apology.‘ Olive’s son puts it more bluntly. You can make people feel terrible,‘ he tells her. […] After swapping discontents, she says to a friend, ‚Always nice to hear other people’s problems.‘

Die Geschichten spielen überwiegend in dem kleinen Küstenort Crosby in Maine. Wir treffen dabei auf ganz unterschiedliche Menschen, wie z. B. einen ehemaligen Schüler von Olive, der zurückgekehrt ist, um sich umzubringen, oder die alkoholabhängige Angela O’Meara, die in einer Bar Klavier spielt und schließlich ihrem langjährigen Geliebten, einem stadtbekannten Politiker, den Laufpass gibt. Wir begegnen einer magersüchtigen Jugendlichen oder der Mutter eines Mörders sowie dem Sohn der Kitteridges, der erst als erwachsener Mann die Angst vor seiner Mutter überwindet und sich nicht länger von ihr tyrannisieren lässt.

Jede der zahlreichen Figuren wird von der Autorin mit wohlwollender und menschenfreundlicher Anteilnahme bedacht. Niemand wird verurteilt, sondern in seiner Bedürftigkeit sichtbar. Und alle fügen anderen Wunden zu, oft ganz ohne böse Absicht, oder werden durch existenzielle Verluste in ihren Grundfesten erschüttert. Manchmal war mir das ein bisschen zu viel elegische Soße, die da unterschiedslos über alle gekippt wurde. Allerdings sorgte der ein oder andere sarkastische Seitenhieb Olives dann wieder für etwas klarere Luft.

Die letzten Kapitel waren hingegen großartig. Aus Olives Sicht erleben wir ihre Einsamkeit, nachdem Henry einen Schlaganfall erlitten hat. Das wird so harsch erzählt, dass einem auch ganz fröstelig wird, dabei hatten die beiden oft alles andere als eine liebevolle Ehe geführt. Beim Anschauen alter Fotos – Henry ist bereits im Pflegeheim – wird ihr bewusst, was für ein Hauch das menschliche Leben ist:

A picture of Henry as a small child. Huge-eyed and curly-haired, he was looking at the photographer […] You will marry a beast and love her, Olive thought. You will have a son and love him. You will be endlessly kind to townspeople as they come to you for medicine […] You will end your days blind and mute in a wheelchair. That will be your life. (S. 161)

Zwar hatten die beiden auch Geheimnisse voreinander, die dem anderen nicht so verborgen geblieben sind, wie sie das gedacht haben, aber erst als sie ihn verloren hat, wird Olive klar, dass Henry in all den Jahrzehnten ihrer Ehe der Freund war, dem sie – fast immer – alles erzählen konnte.  Und so hat sie – von oberflächlichen Telefonanrufen abgesehen – plötzlich niemanden mehr, dem sie überhaupt etwas erzählen kann und will.

Unter der kantigen und rechthaberischen Schale Olives verbirgt sich aber auch viel menschliche Anteilnahme und oftmals ein klarer Blick in die Nöte ihrer Mitmenschen, die sie jedoch kaum auszudrücken in der Lage ist. Sie würde gern eine alte Bekannte trösten, die während der Begräbnisfeier anlässlich der Beerdigung ihres eigenen Mannes erfährt, dass dieser sie mit ihrer Cousine betrogen hat.

She would like to rest a hand on Marlene’s head, but this is not the kind of thing Olive is especially able to do. (S. 180)

Fast alle scheitern an der Liebe, an den Sehnsüchten, die sie mit sich herumtragen, und sei es, dass man sich wünscht, dass einen der eigene Sohn besucht und man die Enkel aufwachsen sieht.

Sometimes, like now, Olive had a sense of just how desperately hard every person in the world was working to get what they needed. For most, it was a sense of safety, in the sea of terror that life increasingly became. People thought love would do it, and maybe it did. But even if, […] it was never enough, was it? (S. 211)

Eva Menasse hat in der Zeit vom 15. Juli 2010 erklärt, dass sie das Buch sogar ein wenig getröstet aus der Lektüre entlassen habe:

Nein, hier wird uns nichts erspart. Wenn man nur ein bisschen verengt daraufschaut, geht es im Leben doch, sobald die Jugend vorbei ist, nur noch bergab. Mit Blick aufs Meer ist auch ein Buch des Abschieds, von Jugend und Freiheit, von den eigenen Kindern, die sich einem, einmal erwachsen, entfremden, und schließlich vom Leben selbst. Das große Wunder beim Lesen besteht darin, dass man sich mit dieser eigentlich unerträglichen Wahrheit plötzlich abfinden kann und sogar heiter und getröstet ist, weil man den einzelnen, verwirrt hin und her krabbelnden Menschen als Teil eines gleichbleibenden Ganzen begreift. So findet Strout, genau wie damals Sherwood Anderson, gerade über die Zersplitterung wieder zur Ganzheit zurück.

Jeanette Winterson: Oranges are not the Only Fruit (1985)

Zugegeben, ich hatte noch nie etwas von Winterson gelesen, auch nicht ihr Erstlingswerk, für das sie 1985 mit dem Whitbread Award (dem heutigen Costa Book Award) ausgezeichnet wurde. Doch das Interview, das sie Jennifer Byrne am 31. Juli 2012 gegeben hat, machte mich neugierig.

Like most people I lived for a long time with my mother and father. My father liked to watch the wrestling, my mother liked to wrestle; it didn’t matter what. She was in the white corner and that was that.

So beginnt Jeanette Wintersons stark autobiografisch gefärbte Rückblick Oranges are not the Only Fruit  (1985) auf ihre Kindheit und Jugend. Auf Deutsch erschien das Werk unter dem Titel Orangen sind nicht die einzige Frucht.

Die kleine Jeanette, die nur zufällig irgendwann erfährt, dass sie adoptiert wurde, wächst bei einem strenggläubigen Freikirchler-Ehepaar in Lancashire, England, auf.

Von ihrer lieblosen Adoptivmutter dazu bestimmt, später Missionarin zu werden, lernt das Mädchen zunächst nur die Welt der Gemeinde kennen. Alles ist übersichtlich, klar in Gut und Böse (not holy) eingeteilt. Hier ist ihre Familie, hier findet sie Geborgenheit, Freude an der Musik und ihre Aufgaben. Sie kennt die Tiere aus der Bibel früher als die Tiere, die auf dem Bauernhof leben.

Dass andere Kinder ganz anders aufwachsen, muss sie mühsam in der Schule lernen. Sie wird rasch zur Außenseiterin, da sie auf alle kreativen Aufgaben Antworten gibt, die einen engen Bezug zur Bibel und zur Gemeinde aufweisen. Sie möchte die anderen Kinder vor der Hölle bewahren und andere Eltern beschweren sich über sie, weil sie ihren Kindern Angst mache. Gleichzeitig scheint es keine Lehrerin zu geben, die ihr bei dem Versuch, die Welt um sie herum zu verstehen, zur Seite steht.

Einmal kann sie über Wochen hin nichts hören. Ihre Mutter und die Gemeinde deuten das als ein Erfülltsein vom Heiligen Geist. Nur durch Zufall stellt sich dann heraus, dass ihre krankhaft vergrößerten Rachenmandeln, die für die Taubheit verantwortlich sind, operativ entfernt werden müssen.

Dennoch stellt Jeanette über viele Jahre das System, in dem sie aufwächst, nicht grundsätzlich in Frage, ist es doch die einzige Art Zuhause, die sie kennt, die sie für normal hält und in der sie anerkannt ist. Später unterstützt sie die evangelistischen Aktionen der Kirche und beginnt auch selbst erfolgreich zu predigen.

Doch immer wieder blitzt etwas auf, ein Lebenswille, eine Bodenständigkeit, Ehrlichkeit, Neugier und der Wille, die Dinge bei ihrem rechten Namen zu nennen, die schon früh andeuten, dass Jeanette auf Dauer keinen Platz in dieser engen und oft genug unbarmherzigen Welt finden wird. Als sie sich in ein anderes Mädchen verliebt und im Grunde gar nicht weiß, was da mit ihr geschieht, muss sie sich entscheiden, denn eine gleichgeschlechtliche Liebe kann nach Ansicht der Mutter und des Pfarrers nur direkt aus der Hölle kommen.

Um sich und ihre Geschichte zu verstehen, baut die Ich-Erzählerin immer wieder märchenhafte Szenen ein, die Schlüsselszenen ihres Lebens nachstellen und mit deren Hilfe sie ihre Ängste ausdrückt und weiß, welche Schritte sie als nächstes gehen muss.

Fazit

Das ist ein schmerzhaftes, witziges, trauriges Buch und ein unpathetischer Lobgesang auf das Leben. Dabei ist unerheblich, wie das genaue Mischungsverhältnis zwischen Realität und Fikion aussieht. So kann man nur über die Dinge schreiben, die man zu einem großen Teil selbst erlebt und erlitten hat.

Was mich an diesem Buch so beeindruckt hat, ist zum einen die Kraft, die Unverstelltheit, mit der hier gesprochen wird. Zwischendurch war es, als ob die Erzählerin in meinem Wohnzimmer sitzt und ihre Geschichte erzählt. Zum anderen das große Herz der Ich-Erzählerin; es handelt sich hier um keine verbitterte Anklage, die oft genug ja nahe gelegen hätte, keine Verurteilung und kein Hass den Klassenkameradinnen, Lehrerinnen oder Gemeindemitgliedern gegenüber (unter denen es durchaus auch wirkliche Freunde gibt, die zu ihr stehen).

What could I do? My needlework teacher suffered from a problem of vision. She recognized things according to expectation and environment. If you were in a particular  place, you expected to see particular things. Sheep and hills, sea and fish; if there was an elephant in the supermarket, she’d either not see it at all, or call it Mrs Jones and talk about fishcakes. But most likely, she’d do what most people do when confronted with something they don’t understand: Panic. (p. 58)

Auch den so schrecklich „strenggläubigen“ Frauen – die Männer spielen in dem Buch so gut wie keine Rolle, man fragt sich öfter, wo verflixt noch mal der Vater steckt – möchte man am liebsten helfen, weil sie wirklich von Herzen davon überzeugt sind, das Richtige zu tun. Und weil sie so grauenhaft blind gegenüber ihren eigenen Ängsten und Sehnsüchten sind. Sie benutzen Religion als Krücke für ihr verkrüppeltes Ich-Bewusstsein, als Opium, als Scheinwelt und Gegenwelt, als Mantel für ihre Ängste, als Machtmittel, als Schild gegen unangenehme Fragen, als Entschuldigung für Härte und Lieblosigkeit. Aber sie können und können es nicht sehen. Eher spüre ich so etwas wie Erschöpfung bei der Erzählerin, letztlich doch den Fängen dieser Prägung entronnen zu sein.

Man ahnt: Wer nach dieser Kindheit nicht gebrochen und zerbrochen ist, wird Stärke gewonnen haben. Sie sagt selbst in dem Interview mit Jennifer Byrne, dass – so seltsam das auch klingt – wahrscheinlich ihre Stiefmutter der Grund ist, weshalb sie Schriftstellerin geworden sei. Sie sei, um nicht kaputtzugehen, gezwungen gewesen, der Dominanz und den Worten dieser Frau etwas Eigenens entgegenzusetzen.

Und die Leser haben keinen Grund, sich selbstgefällig zurückzulehnen, die Frage gilt: Woher wissen wir, dass wahr ist, was wir für unumstößlich wahr halten?

Also sicherlich nicht das letzte Buch, das ich von Jeanette Winterson gelesen habe.

Die beste Interpretation des Buches stammt von der Autorin selbst, veröffentlicht im Vorwort zu der Vintage-Ausgabe von 2001:

Oranges is a threatening novel. It exposes the sanctity of family life as something of a sham; it illustrates by example that what the church calls love is actually psychosis and it dares to suggest that what makes life difficult for homosexuals is not their perversity but other people’s. Worse, it does these things with such humour and lightness that those disposed not to agree find that they do. […] Oranges is a comforting novel. Its heroine is someone on the outside of life. She’s poor, she’s working class but she has to deal with the big questions that cut across class, culture and colour. Everyone, at some time in their life, must choose whether to stay with a ready-made world that may be safe but which is also limiting, or to push forward, often past the frontiers of commonsense, into a personal place, unknown and untried. In Oranges this quest is one of sexuality as well as individuality. Superficially, it seems specific: an evangelical household and a young girl whose world is overturned because she falls in love with another young girl. In fact, Oranges deals absolutely with emotions and confrontations that none of us can avoid. First love, grief, rage, and above all courage, these are the engines that drive the narrative through the peculiar confines of the story. Fiction needs its specifics, its anchors. It needs also to pass beyond them. It needs to be weighed down with characters we can touch and know, it needs also to fly right through them into a larger, universal space. Oranges is comforting not because it offers any easy answers but because it tackles difficult questions. Once you can talk about what troubles you, you are some way towards handling it.

Is Oranges an autobiographical novel? No not at all and yes of course.

Clärenore Stinnes: Im Auto durch zwei Welten: Die erste Autofahrt einer Frau um die Welt 1927 bis 1929 (2007)

Soweit ich in meine Kindheitstage zurückblicken kann, war ich nie frei von dem Wunsch nach Abenteuern. In mir lag das Drängen nach dem großen Unbekannten, dem man in den unendlichen Steppen, in den schneeverwehten Urwäldern und in der hehren Einsamkeit der Berge näher zu sein glaubt. Trotz aller Mühe, die meine Mutter anwandte, um in mir die Liebe zu fraulichen Arbeiten zu wecken, überwog doch immer der Wunsch nach anderen Dingen. Sollte ich ihr bei der Näharbeit oder beim Strümpfestopfen helfen, so suchte ich nach allen möglichen Ausflüchten, um dem zu entgehen. Mich lockte es viel mehr, im Pferdestall die Geschichten unseres Kutschers Friedrich aus seiner Militärzeit zu hören, wobei er mir erlaubte, mich auf eines der Pferde zu setzen; oder ich saß vertieft in die Bücher germanischer Heldensagen, Indianer- und Abenteuergeschichten.

So beginnt Im Auto durch zwei Welten: Die erste Autofahrt einer Frau um die Welt 1927 bis 1929 (2007) von Clärenore Stinnes, erschienen 2007.

Schon spannend und irrwitzig, was die Industriellentochter und Rennfahrerin Clärenore Stinnes (1901-1990) sich da in den Kopf gesetzt und mit ihren Gefährten durchgezogen hat. Ursprünglich wurde sie bei ihrem Unterfangen, der erste Mensch zu sein, der mit einem Auto die Erde umrundet, von zwei Mechanikern und dem schwedischen Fotografen Söderström und wechselnden Botschaftsangehörigen und Übersetzern begleitet. Doch bis auf Söderström springen nach und nach alle von dem wahnwitzigen Unternehmen ab.

Mehr als einmal kam es zu lebensgefährlichen Manövern in straßenlosen Gegenden, wo nur enorm hilfsbereite Einheimische und Ochsenkraft die zwei Wagen noch vom Fleck bekamen. Einmal sind sie nur knapp dem Verdursten entkommen.

Fazit

Ein bisschen koloniale Selbstherrlichkeit kann man schon heraushören, was manchmal die Lesefreude etwas trübt: Irgendwo in Südamerika schreibt Söderström in seinem Tagebuch:

Dort hatten wir das große Glück, einen Amerikaner zu treffen, der schon acht Jahre im Land lebte. Er wusste genau, wie man die lokale Bevölkerung behandeln muss, um etwas bei ihr zu erreichen. Zwei Priester waren auf der Durchreise in der kleinen Niederlassung  und veranstalteten an diesem Tag ein Kirchenfest. An sie wandte sich mit Erfolg unser neuer Freund. Nach der Prozession hielten sie eine Rede an die Bauern und ermahnten sie, dass es Christenpflicht sei, uns den halben Weg bis Caraveli zu helfen. 22 Mann wurden ausgewählt und unter das Kommando von Don Calixto Velarde gestellt. Dazu kamen sieben Esel für unser Gepäck, für Wasser und Proviant, da wir jede unnötige Belastung des Autos vermeiden wollten. (S. 188)

Ich war dann allerdings ganz angetan von der Reaktion der Einheimischen, ihre „Arbeitsmoral“ sank innerhalb eines Tages um 90 Prozent und dann haben sie sich einfach aus dem Staub gemacht. Richtig so.

Stinnes ist sicherlich keine herausragende Reiseschriftstellerin, aber flott und interessant las sich das durchaus.

Wenig überraschend, dass sich Söderström nach den zwei gemeinsamen Reisejahren von seiner Frau hat scheiden lassen und dann mit Clärenore in Schweden glücklich geworden ist.

Anmerkung

Hier geht’s lang zu einem Bericht auf SPIEGEL ONLINE. Dort gibt es auch einige Fotos.