Sonntagsleserin Januar/Februar 2015

Und wieder möchte ich einige der Artikel Revue passieren lassen, die mir in den letzten Wochen auf den verschiedenen Literatur- und Fotoblogs besonders gefallen haben.

Diesmal gibt es zum Einstieg auf Cindy’s Blog ET, der sich inzwischen das Rauchen angewöhnt hat. Aber noch faszinierter war ich von den wunderbaren Ohren.

Stefan’s Blog Freiraum verdanke ich den Hinweis auf die obercoole Fotoreihe Who’s Who der Eulen.

Allmählich dem Thema Bücher können wir uns dann bei Philipp Elph annähern. Er schreibt über die Beutelbücher des Mittelalters.

Empfehlungen deutschsprachiger Blogs

Literaturen hat wieder etwas von Linus Reichlin gelesen.

Der Bücherladen Appenzell erinnert an die Aufzeichnungen Aber der Himmel – grandios von Dalia Grinkeviciute.

Der Roman Chita von Lafcadio Hearn wurde auf Masuko13 vorgestellt.

Claudia ist auf dem Grauen Sofa etwas zwiegespalten, was Vanessa F. Fogels Roman angeht. Auch Norman kommt in seinen Notizheften zu dem Fazit: “Ein paar schöne Szenen und gelungene Sätze wiegen den P r o d u k t charakter der Story nach einem Dafürhalten nicht auf.” Hmm, vielleicht hätte ich mit dem Kauf doch noch etwas warten sollen?

Dafür ist es anscheinend höchste Zeit für Ringelnatz, wie man bei Sätze&Schätze und auf lustauflesen.de sehen kann.

Doch noch mehr Lust aufs Wiederlesen macht mir Birgits Beitrag auf Schall und Wahn von William Faulkner.

Einen lesenswerten Artikel über die jüdische Schriftstellerin Gertrud Kolmar gab es bei gazelleblockt.

Empfehlungen englischsprachiger Blogs

A life in books erinnert mich daran, dass ich schon längst etwas von Anne Tyler habe lesen wollen. Fast noch interessanter klingt aber ihre Besprechung zu dem Debütroman The Story of Land and Sea von Katy Simpson Smith.

Meine Schwäche für gern auch ältere Cosy Crime-Reihen macht mich zum einen neugierig auf Alan Hunter, gefunden auf Reactions to Reading, zum anderen auf die Reihe von Laurie R. King, vorgestellt auf Shelf Love.

So Many Books stellt The Art of Stillness von Pico Iyer vor. Das klingt nach einem guten Gegengewicht zu der alltäglichen Zerfaserung meiner Aufmerksamkeit.

Zum Reisen, Staunen und Schauen

Wie wäre es mit einem kleinen Ausflug nach Bad Münder?

Island ist selbst im Nebel sehenswert, wie man auf Helen’s Journal sehen kann.

Wer weiter reist, könnte vielleicht auch diese großartigen Tiere bewundern, gefunden bei Christopher Martin.

Und dann ist es ja auch nicht mehr weit bis zu einigen National Parks in Amerika, fotografiert von Jane Lurie.

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Linda Lear: Beatrix Potter (2007)

It was a cold, wet November day in 1918. The frosty air had settled just above the lake. Soon it would be dark. Through the gloom the figure of a woman could just be made out. She was on her hands and knees scrabbling about in the stubble of the harvested cornfield, searching for something. Close up she was a handsome woman with noticeably high colour in her cheeks, deep-set brilliant blue eyes and unruly brown hair pulled back haphazardly from her face.

So beginnt die bisher umfangreichste Biografie zu einer der bekanntesten Kinderbuchautorinnen Großbritanniens:

Linda Lear: Beatrix Potter (2007)

Zum Inhalt

Beatrix Potter (1866-1943) entstammte einer wohlhabenden Unitarier-Familie. Ihr Großvater väterlicherseits, Edmund Potter, war ein erfolgreicher Unternehmer und späteres Parlamentsmitglied.

As an enlightened employer, Edmund was concerned for the welfare and education of his employees, many of whom were children under the age of 13. He built a large dining room in the mill which could serve a hot meal to three hundred and fifty people at one time. He converted part of a nearby mill into the Logwood School, where the children of his workers, as well as the child labourers, could learn reading, writing and basic hygiene. He also built a reading room and library which was kept well stocked with books and newspapers. Edmund Potter believed in the necessity of educating the working classes […] but he had no sympathy for trade unionism. (S. 12)

Auch ihr Großvater mütterlicherseits, John Leech, schuf mit seinen Tuchfabriken die Grundlage für einen Generationen überdauernden Wohlstand.

Beatrix und ihr Bruder Bertram wachsen folglich in einem behüteten und finanziell privilegierten Umfeld auf. Beatrix besucht als Mädchen keine Schule, sondern wird zu Hause von einer Reihe von Gouvernanten unterrichtet. Ihr zeichnerisches Talent wird früh von der Familie gefördert. Sie bekommt Zeichenunterricht und ihr Vater schenkt ihr teure Bücher und alles, was sie für ihr “Hobby” benötigt. Die Kinder dürfen eine Reihe von Haustieren, wie z. B. Mäuse, halten, die dann von Beatrix hingebungsvoll gezeichnet werden.

Rabbits were also favourite subjects. […] Both rabbits were drawn in every imaginable position and attitude. She observed how they rested, how they nested or hibernated, and the characteristics of their play. (S. 44)

Nach dem Tod der Mäuse, Kaninchen oder Fledermäuse interessieren sich die Kinder aber auch für deren genaue Anatomie, kochen die Knochen aus und stellen Skelettstudien an. Beatrix beginnt mit Begeisterung zu mikroskopieren.

Man verbringt monatelange Ferien in gemieteten Landhäusern in Schottland und später auch im Lake District. Hier dürfte die Liebe Beatrix zum Landleben ihren Ursprung haben, genießt sie auf dem Land doch mehr Freiheiten als in der Stadt und kann sich leichter ihren naturwissenschaftlichen Interessen widmen.

Gleichzeitig ist es aber auch ein sehr eingeschränktes Leben. Denn die Eltern von Beatrix waren – man kann es wohl kaum anders nennen – unglaubliche Snobs. Niemand ist – gerade der Mutter – für den gesellschaftlichen Umgang mit ihrer Tochter gut genug, sodass Beatrix keine gleichaltrigen Spielkameraden oder Freundinnen hat. Noch als erwachsene Frau wird ihr das Recht abgesprochen, selbst über die Kutsche zu verfügen, ihre Cousinen einzuladen oder ihren gesellschaftlichen Umgang selbst zu wählen. Ihr späterer Verleger Norman Wayne, mit dem sie sich als 39-Jährige verlobt, wird ebenfalls als nicht ebenbürtig akzeptiert und als potentieller Schwiegersohn abgelehnt.

Mit 24 veröffentlicht sie erste Zeichnungen, die als Grußkarten auf den Markt kommen. Gleichzeitig vertieft sich ihr Interesse an Pilzen und Fossilien.

By the early 1890s Beatrix’s interests as an artist and naturalist had converged on fungi and, to a lesser degree, on fossils. Such enthusiasms were typical of the Victorian craze for natural history which, […] affected everyone from aristocrat to artisan. Women in particular were drawn to the study of insects, shells, ferns, fossils and fungi, and to their naming, classification, collection and frequently their illustration. Like many of her contempories, Beatrix was first drawn to natural history as a way to relieve the boredom that beset affluent Victorians, and for the measure of personal freedom it brought. (S. 76)

Dazu gehören auch häufige Besuche im Natural History Museum, wo Beatrix Spinnen, Insekten und Schmetterlinge zeichnet.

1892 lernt sie den Briefträger und begeisterten Naturkundler Charlie McIntosh kennen, der sie bei ihren Pilzforschungen tatkräftig unterstützt, indem er ihr immer wieder Pilze schickt und ihre Zeichnungen kommentiert. In ihrem Tagebuch hält sie die erste Begegnung fest:

He was quite painfully shy and uncouth at first, as though he was trying to swallow a muffin, and rolling his eyes about and mumbling. […] I would not make fun of him for worlds but he reminded me so much of a damaged lamp post. He warmed up to his favourite subject, his comments terse and to the point, and conscientiously accurate. (S. 82)

1893 schickt sie einen illustrierten Brief an den kleinen Sohn ihrer ehemaligen Gouvernante Annie Moore. In dieser Urfassung ihrer später weltberühmten Kaninchen-Geschichten erzählt sie von den Abenteuern ihren neuen Kaninchens Peter Piper.

Im gleichen Jahr wird sie gebeten, 12 Lithografien* für eine naturwissenschaftliche Vorlesungsreihe anzufertigen. Dank ihres einflussreichen Onkels erhält sie eine Eintrittskarte, die sie berechtigt, ihre Pilzstudien im berühmten Kew Gardens fortzusetzen, der damals für die Allgemeinheit nur eingeschränkt zugänglich war. Allerdings trifft sie dort sie als Amateurin, die vielleicht auch ein bisschen undiplomatisch vorgeht, auf wenig Gegenliebe.

* Wer Näheres zu dem Begriff Lithografie wissen möchte, der wird bei DruckSchrift fündig.

Ihre Forschung, was die Keimung von Sporen anbelangt, wird stark von ihrem Onkel, der selbst Chemiker ist, unterstützt. 1897 werden ihre Erkenntnisse, vermutlich von einem Mitarbeiter von Kew Gardens, der Linnean Society in London präsentiert, denn Frauen hatten dort keinen Zutritt. Die Linnean Society hatte darüber zu befinden, ob eingereichte Artikel veröffentlichenswert waren. Potters Arbeit On the Germination of the Spores of Agaricineae wird freundlich ignoriert. 1997 hat sich die Linnean Society übrigens für den “sexism displayed in its handling of her research” entschuldigt.

Darüber hinaus widmet sich Beatrix Potter mit großer Akribie der Frage, ob es sich bei Flechten nicht um ein symbiotisches System zwischen Algen und Pilzen handele. Ihre Hoffnung, von den Mitarbeitern des Natural History Museum in ihren Forschungen unterstützt zu werden, erfüllen sich nicht. Zum einen ist sie eine Frau, zum anderen weiß sie zu viel und zum dritten wird sie vom Direktor des Museums ignoriert, u. a. deshalb weil sie nicht begreift, wie sehr sie Mr Fowler dadurch verärgert hat, dass sie – wie alle Frauen ihrer Gesellschaftsschicht – Vogelfedern als Hutschmuck verwendet.

Die nächste große Etappe in Potters Leben wird bestimmt von den Veröffentlichungen ihrer Kinderbücher, von denen eine ganze Reihe auf die illustrierten Briefe zurückgehen, die sie an Kinder ihrer Freunde und Verwandten schickt.

Most of her picture letters describe her holiday activities: the weather, the pets she has with her, the animals she sees, farming practises, family gossip and local lore. Each letter was suited to the age and interests of the child, revealing her instinctive ability to match story to audience. (S. 132)

1901 lässt sie auf eigene Kosten eine Schwarz-Weiß-Ausgabe von 250 Exemplaren von The Tale of Peter Rabbit drucken. 1902 folgt dann die farbige Ausgabe im Frederick Warne & Co Verlag. Sie besteht darauf, dass die Bücher in einem kleinen Format erscheinen, sodass auch Kinder die Bücher mühelos halten können. Obwohl sie 35 Jahre alt ist, muss ihr Vater seine Erlaubnis zu den entsprechenden Verträgen geben. Bereits ein Jahr nach der Veröffentlichung hat das Buch eine Auflage von über 56.000 erreicht und Beatrix schreibt:

The public must be fond of rabbits! what an appalling quantity of Peter. (S. 152)

Lear erklärt den durchschlagenden Erfolg folgendermaßen:

Beatrix Potter had in fact created a new form of animal fable: one in which anthropomorphized animals behave always as real animals with true animal instincts and are accurately drawn by a scientific illustrator. (S. 153)

1902 heiratet ihr Bruder Bertram seine geliebte Mary, doch aus Angst vor der Ablehnung seiner Eltern hält er die Ehe elf Jahre geheim.

1903 folgen die Bände The Tale of Squirrel Nutkin und The Tailor of Gloucester. 1904 erscheinen The Tale of Benjamin Bunny und The Tale of Two Bad Mice. Überhaupt erweist sich Beatrix als begabte Geschäftsfrau, die schon rasch erkennt, dass sich auch Merchandise-Produkte wie Puppen, Malbücher oder Tapetenbordüren hervorragend vermarkten lassen. Dabei hat sie ständig gegen Produktpiraterie und unautorisierte Nachdrucke etc. zu kämpfen.

Beatrix gewinnt mit ihrer Autorentätigkeit zunehmend finanzielle Unabhängigkeit von ihren Eltern, denen das überhaupt nicht recht ist, fürchten sie doch, dass ihre Tochter ihre familiären Verpflichtungen vernachlässigen und insgesamt zu unabhängig werden könnte. Auch die ständigen Kontakte mit Norman Wayne, ihrem Hauptansprechpartner im Verlag, sind den Eltern ein Dorn im Auge.

1905 verloben sich Beatrix und Norman. Ihre Eltern untersagen ihr, die Verlobung öffentlich bekanntzugeben. Der plötzliche Tod Normans – einen Monat nach der Verlobung – dürfte den Eltern als eine glückliche Fügung erschienen sein.

Im Verlag ist nun Harold, der Bruder Normans, ihr neuer Ansprechpartner. Jahre später wird sich herausstellen, dass er große Summen aus dem Verlag veruntreut hat, Beatrix und andere um viel Geld betrogen und den Verlag an den Rand des Ruins gebracht hat. Als Harold zu einer Gefängnisstrafe verurteilt wird, übernimmt der dritte Bruder Fruing die Geschäfte.

Mit den Erlösen aus ihren Büchern kauft Beatrix Hill Top Farm, ihre erste Farm im Lake District. Vermutlich hatte sie dort zusammen mit Norman leben wollen. Doch noch mehrere Jahre nach dem Kauf der Farm kann sie nur tageweise dort sein, da ihre Eltern von ihr erwarten, dass sie weiterhin bei ihnen in London wohnt und sie ihre Eltern auch weiterhin auf ausgedehnten Ferienaufenthalten begleitet.

The happy challenge provided by Hill Top Farm – the necessity of overcoming her grief and getting on with her life – inspired a remarkable outburst of creativity. She produced thirteen stories over the next eight years, including some of her best work. In the course of this creative outburst, Beatrix Potter was transformed into a countrywoman. (S. 207)

Und so beginnt der dritte große Abschnitt im Leben dieser bemerkenswerten Frau, der gekennzeichnet ist von ihrer Liebe zum Lake District. Mit Hingabe und zunehmendem Sachverstand widmet sie sich dem Fell Farming. Sie entwickelt sich zu einer angesehenen Expertin im Hinblick auf ihre geliebten Herdwick Sheep. Vor allem der Schutz der einzigartigen Landschaft liegt ihr am Herzen. Sie kämpft gegen die Errichtung einer Flugzeugfabrik, gegen Wasserflugzeuge auf den Seen und gegen Zersiedelung und Bauprojekte, die den Charakter dieses Landstriches zerstören würden. Schon 1909 erwirbt sie die zweite Farm, der noch viele weitere folgen sollten. Sie arbeitet dabei eng mit dem National Trust zusammen und schon früh ist klar, dass sie nach ihrem Tod ihre ausgedehnten Ländereien dieser Organisation vermachen will.

Gleichzeitig setzt sie sich für die Verbesserung der Gesundheitsversorgung auf dem Land ein und ist die treibende Kraft, als es darum geht, eine gut ausgebildete Krankenschwester einzustellen, denn viele der Farmer und Landarbeiter können es sich nicht leisten, bei Krankheiten einen Arzt kommen zu lassen. Sie lässt die Schwester mietfrei in einem ihrer Häuser wohnen und kauft ihr schließlich sogar ein Auto für die Wege, die mit dem Fahrrad dann doch zu beschwerlich wären.

Sie unterstützt die Pfadfinder, die jedes Jahr auf ihren Feldern zelten dürfen, und unterhält rege Brieffreundschaften mit Lesern aus aller Welt, vor allem aus Amerika, von denen etliche sie und ihren Mann im Lake District besuchen und um Autogramme bitten.

Unterstützt wird sie in allem von ihrem Mann William Heelis, den sie – natürlich gegen den erklärten Willen der Eltern – 1913 heiratet. Überraschenderweise bekommt sie Rückendeckung von ihrem Bruder, der den konsternierten Eltern erklärt, dass er schon seit Jahren verheiratet sei und auch Beatrix heiraten solle, wen sie wolle.

William Heelis ist Anwalt und teilt ihre Interessen. Die beiden führen bis zu Beatrix Tod im Jahr 1943 eine glückliche Ehe.

Fazit

Beatrix Potter war ein faszinierende Frau mit vielfältigen Interessen und einem eigenwilligen Lebenslauf. Dennoch musste ich mich manchmal zum Weiterlesen zwingen – gerade in Beatrix’ Pilzphase wurde das Buch arg anstrengend. Linda Lears Stil ist nicht gerade spritzig und Fragen, die mich stärker interessiert hätten, wie z. B. die Ehe mit William oder wie sie auf Nachbarn und Verwandte wirkte oder wie genau die Dynamik zwischen Beatrix und ihrer Mutter war, wurden manchmal eher kurz abgehandelt. Dafür wurden andere Dinge, zweifellos akribisch recherchiert, sehr in die Länge gezogen. Es scheint, als ob Lear die Frage, wie umfangreich über bestimmte Themen berichtet wird, ausschließlich von der Recherchelage abhängig gemacht hat.

Und manchmal hat es den Eindruck, als ob Lear nur ungern über die vielleicht eher unsympathischen, manchmal herrischen und auch selbstherrlichen Seiten dieser ungewöhnlichen Frau berichtet. Nur en passant erfahren wir dann, dass sie ihren Pächtern keine WCs im Haus oder Elektrizität in den Farmhäusern erlaubt hat, während sie in ihren zwei Häusern natürlich Toiletten mit Wasserspülung hatte.

Kathryn Hughes bringt es im Guardian auf den Punkt, wenn sie schreibt: “This is the first full-length biography that has been written of Potter, so it is a shame that it should be such a dull one. Where Potter had an exquisite sense of how language works, Lear has none.”

Anmerkungen

Ihre Portfolios mit den naturkundlichen Zeichnungen hat Beatrix Potter übrigens dem Armitt Museum in Ambleside vermacht, dessen Homepage einen schönen Eindruck von ihren Zeichnungen vermittelt, die auch heute noch von Pilzkundlern zur Bestimmung benutzt werden.

Auch Peggy hat uns Beatrix Potter auf ihrem Blog Entdecke England bereits vorgestellt.

Da ich keine Bildrechte verletzen möchte, verlinke ich jetzt einfach mal auf eine Seite, auf der man die z. T. wunderschönen Illustrationen zu The Tailor of Gloucester bewundern kann. Potter hat ihre Arbeit immer sehr ernst genommen und für die Weste eine Vorlage aus dem South Kensington Museum, dem späteren Victoria and Albert Museum, verwendet.

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Sonntagsleserin Februar 2015

Mal wieder Zeit für einen kleinen Rückblick auf die Beiträge aus den vergangenen Wochen.

Zum Auftakt richtig Farbe bei Farbraum und Vera Komnig.

Empfehlungen auf deutschsprachigen Blogs

Binge Reading las In Plüschgewittern von Herrndorf.

Der Bücherkurier las den Roman Die Schlaflosen von Ulrike Kolb, auf den bereits das Graue Sofa aufmerksam gemacht hatte, der mir dann aber wieder durch die Ritzen der Aufmerksamkeit gefallen war.

Buchwolf hingegen empfiehlt Feiertagserzählungen von Keyserling.

Empfehlungen auf englischsprachigen Blogs

BookerTalk geht dem folgenden Phänomen nach: “Less than 3 percent  of all the books published in the U.S. every year are works translated into English from other languages. Many are reprints of classics like Kafka or Tolstoy and others are often academic works.” und verlinkt auf einen interessanten Essay in The Daily Beast.

Interessant für alle Virginia Woolf-Leser dürfte der Hinweis auf Mrs. Dalloway’s Party sein, gefunden bei Kaggsy’s Bookish Ramblings.

Bei Heavenali finde ich immer wieder Hinweise auf Autorinnen des 20. Jahrhunderts, die mir ohne sie nie begegnet wären, diesmal No more than Human von Laura Laverty.

Lewis DeSoto schrieb den Roman A Blade of Grass, der auf ANZ LitLoversLITBlog vorgestellt wurde. Der Roman wurde inzwischen auch ins Deutsche übersetzt und erscheint unter dem Titel Das Lied der Gräser – und mit einem merkwürdigen Cover.

Zum Schauen und Staunen

Hier würde ich gern mal entlanglaufen und diese Grotte, gefunden bei Susan Sheldon Nolen, ist sehenswert, faszinierend rätselhaft.

Zum Abschluss

Auf 746 Books gesteht Cathy, deren Blog seinen Namen der Tatsache verdankt, dass Cathy ihrem SUB von 748 Büchern den Kampf angesagt hat, dass sie trotz eines Abschlusses in englischer Literatur viele der Klassiker nicht kennt. Also hat sie eine Liste von 10 Klassikern aufgestellt, von denen sie einige jetzt aber ganz bestimmt und überhaupt mal lesen wird. Ihr Post hatte in Windeseile die ersten 77 Kommentare. Das ständige Dilemma zwischen Wunsch, Anspruch, Zeit (die meisten Klassiker sind umfangreich) und Aufnahmefähigkeit. Wer mag schon Die Brüder Karamasow kurz vor dem Schlafengehen lesen?

Manchmal muss es aber einfach ein guter Unterhaltungsroman sein, denn: “Mit guten Schmökern macht auch schlechtes Wetter Spaß.” Und von Philea’s Blog stammt nicht nur dieses Zitat, sondern kommen auch gleich die entsprechenden Tipps.

Aber so grundsätzlich: Mal wieder ein Klassiker wäre schon gut, denn wie heißt es so treffend:

Read the best books first, or you may not have a chance to read them at all. (Henry David Thoreau)

Und das geht ganz prima, sogar in der U-Bahn.

In diesem Sinne eine schöne Lesezeit.

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Dorothy B. Hughes: In a Lonely Place (1947)

It was good standing there on the promontory overlooking the evening sea, the fog lifting itself like gauzy veils to touch his face. There was something in it akin to flying; the sense of being lifted high above crawling earth, of being a part of the wildness of air. Something too of being closed within an unknown and strange world of mist and cloud and wind. He’d liked flying at night; he’d missed it after the war had crashed to a finish and dribbled to an end.

So, doch eigentlich ganz ansprechend, beginnt der Kriminalroman von

Dorothy B. Hughes: In a Lonely Place (1947)

Das wird die kürzeste Besprechung, die es vermutlich je auf meinem Blog geben wird: Nicht wirklich überraschend, denn ich habe das Buch ja auch auf S. 14 abgebrochen.

Also: Der Stil ist klasse – kein Wunder, Hughes gab als literarische Vorbilder u. a. Faulkner und Greene an und war damals sehr erfolgreich mit ihren Krimis. Trotzdem hätte ich gern mein Geld zurück: Der Klappentext, der einen chandlermäßigen Noir Crime – also  bestens geeignet für fiebrige Erkältungstage – vermuten lässt, führt in die Irre. Ich hätte jedenfalls Abstand vom Kauf  genommen, wenn ich gewusst hätte, dass man spätestens (!) auf S. 14 weiß, wer der psychopathische Mörder ist (die Hinweise beginnen aber bereits auf S. 2) und der Rest vermutlich nur noch das Katz- und Maus-Spiel zwischen Polizei und Täter darstellt.

Die personale Erzählperspektive räumt überdies gerade dem Mörder und Frauenhasser sehr viel Raum ein, und das, wo ich doch viel lieber einen klassischen Whodunit gelesen hätte.

Das Buch wurde zwar mit Humphrey Bogart verfilmt, hält sich allerdings in wesentlichen Elementen nicht an die Romanvorlage. Das kann dem Film nur gut getan haben.

Aber etwas Positives gibt es doch: Die dem Buch vorangestellten Verse des irischen Dramatikers John Millington Synge:

It’s in a lonesome place you do
have to be talking with someone,
and looking for someone, in the
evening of the day.

Die Verse stammen aus Synges Theaterstück In the Shadow of The Glen (1903).

Alfred Hayes: In Love (1953)

Here I am, the man in the hotel bar said to the pretty girl, almost forty, with a small reputation, some money in the bank, a convenient address, a telephone number easily available, this look on my face you think peculiar to me, my hand here on this table real enough, all of me real enough if one doesn’t look too closely. Do I appear to be a man, the man said in the hotel bar at three o’clock in the afternoon to the pretty girl who had no particular place to go, who doesn’t know what’s wrong with him, or a man who privately thinks his life has come to some sort of an end?

I assume I don’t.

I assume that in any mirror, or in the eyes I happen to encounter, say on an afternoon like this, in such a hotel, in such a bar, across a table like this, I appear to be someone who apparently knows where he’s going, assured, confident of himself, and aware of what, reasonably, to expect when he arrives, although I could hardly, if now you insisted on pressing me, describe for you that secret destination.

But there is one. There must be one. We must behave, mustn’t we, as though there is one, cultivating that air of moving purposely somewhere, carrying with us that faint preoccupation of some appointment to be kept, that appearance of having a terminal, of a place where, even while we are sitting here drinking these daiquiris and the footsteps are all quieted by the thick pleasant rugs and the afternoon dies, you and I are expected, and that there’s somebody there, quite important, waiting impatiently for us? But the truth is, isn’t it, that all our purposefulness is slightly bogus, we haven’t any appointment at all, there isn’t a place where we’re really expected or hoped for, and that nobody’s really waiting, nobody at all, and perhaps there never was […]

So beginnt der schmale Roman von nur 160 Seiten:

Alfred Hayes: In Love (1953)

Die deutsche Übersetzung von Matthias Fienbork erschien ebenfalls unter dem Titel In Love (2015).

Allerdings wurde der Roman schon in den fünfziger Jahren im Rowohlt Verlag veröffentlicht, damals noch unter dem Titel Liebe lud mich ein.

Zum Inhalt

Man kann sich ein Gemälde von Edward Hopper vorstellen. New York. Ein Mann, um die vierzig, sitzt in einer Hotelbar und erzählt einer jungen Frau in einem – mir zwischendurch endlos erscheinenden – Monolog die Geschichte seiner letzten gescheiterten Liebesbeziehung oder Affäre.

Wie auch in My Face for the World to See bleiben die Hauptpersonen namenlos. Der Ich-Erzähler, ein Schriftsteller, der vorübergehend in einem Hotel wohnt, lernt eine junge Frau kennen, die mit Anfang zwanzig bereits geschieden und Mutter einer Tochter ist, die bei den Großeltern auf dem Land aufwächst.

Für den Mann ist die Affäre eine hübsche und bequeme Einrichtung:

I realize now that I had accustomed myself, without admitting it, to thinking of her as being always in this place, in these surroundings; that to me the studio couch and the drapes drawn […] and even the disorder of her medicine cabinet, were permanent. She would exist among those love letters and these portraits for as long as I loved her. I did not, of course, think of myself as loving her forever […] (S. 18)

Nachdem man abends irgendwo etwas gegessen hat, geht man ins Kino oder irgendwo zum Tanzen, anschließend gehen die beiden in ihr kleines Apartment und der Abend endet im Bett.

It was a very convenient and fixed and unvarying idyll I had in mind, a simple sequence of pleasures that would not seriously change my life or interfere with my work, that would fill the emptiness of my long evenings and ease the pressures of my loneliness, and give me what I suppose I really thought of as the nicest amusement in all the amusement park: the pleasure of love. (S. 19)

Doch dann verschiebt sich das Machtverhältnis. Der reiche Unternehmer Howard bietet der hübschen Frau 1000 Dollar für eine gemeinsame Nacht. Scheint das zunächst ausgeschlossen, wird schließlich offenbar, dass der moralische Verteidigungswall bröckelt. Sie beginnt eine “harmlose” Freundschaft mit dem älteren Mann, gegen die schließlich auch ihr Geliebter nichts einwenden könne. Dann, von einem Tag auf den andern, gibt sie ihrem Geliebten den Laufpass.

I knew that she had wanted what I was not prepared to give her: the illusion that she was safe, the idea she was protected. She had expected, being beautiful, the rewards of being beautiful; at least some of them; one wasn’t beautiful for nothing in a world which insisted that the most important thing for a girl to be was beautiful. (S. 61)

Daraufhin verzehrt sich der Erzähler in Eifersucht, Melancholie und Lebensüberdruss, wobei er auch diese Gefühle im Detail seziert. Drei Monate später ruft sie ihn nachts um drei Uhr an. Ob sie zueinander noch kommen, möge der interessierte Leser dann selbst herausfinden.

Fazit

Sprachlich fand ich die ersten Seiten großartig. Ich wollte hören, welche Geschichte er nun zu erzählen hat. Doch irgendwann beschlich mich Ermüdung ob der nicht endenwollenden Wiedergabe indirekter Rede, der moralischen Unverbindlichkeit, des Lebensüberdrusses, der Haltlosigkeit und angesichts der seitenlangen Gedankenschleifen.

Zwischendurch musste ich an Jane Austen denken. Ihre Heldinnen durchlaufen einen Entwicklungsprozess, an deren Ende sie in der Lage sind, ihrem zukünftigen Ehemann eine geistig ebenbürtige und respektierte Partnerin zu sein. In Hayes Romanen – 150 Jahre später – ist das einzige Kapital der Frau ihr Körper, ihre Schönheit und Jugend. Sie ist ein nett anzusehendes und nicht allzu intelligentes Deko-Objekt.

Zum Frauenbild in den Fünfzigern passt auch dieser Artikel auf Spiegel Online.

Auf der Suche nach dem Glück, beim großen unverbindlichen Spiel, bei dem hinter der nächsten Ecke vielleicht noch größere Vergnügungen warten, sind letztlich alle Verlierer. Und alle sind käuflich.

Kein Zweifel: Für mich war My Face for the World to See das stärkere Buch.

 Anmerkungen

Eine weitere Besprechung gibt es bei Literaturen.

Und das sagt der Nordkurier und – das Internet macht’s möglich – hier kann man die Rezension aus der Zeit aus dem Jahr 1956 nachlesen.

Angela Schader bespricht die Neuübersetzung in der NZZ.

Mely Kiyak: Herr Kiyak dachte, jetzt fängt der schöne Teil des Lebens an (2013)

Man stirbt.
Man steht morgens auf, macht seine Arbeit und stirbt.
Man träumt und stirbt.
Man gießt Blumen, geht einkaufen, schüttelt Decken aus und stirbt.
Man liest. Man liebt. Man stirbt.
Vögel zwitschern, Narzissen springen mit einem leisen Rascheln auf – was folgt ist Sterben.
Ob man es brauchen kann oder nicht, zwecklos sich damit anzulegen, man stirbt.
Man stirbt. Man stirbt.

Diese Worte sind dem Buch der Journalistin vorangestellt:

Mely Kiyak: Herr Kiyak dachte, jetzt fängt der schöne Teil des Lebens an (2013)

Zum Inhalt

Die Journalistin und Kolumnistin, die u. a. für die ZEIT, taz und die Frankfurter Rundschau schreibt, bekommt immer wieder Besuch von ihrem Vater, der als ehemaliger Gastarbeiter nun seinen Ruhestand in der Türkei genießen möchte, denn er gehört zu denen, die

… sich nach ihrer Heimat sehnen, sie aber mit einem Bein in Deutschland leben müssen, weil ihre vollen Rentenbezüge verloren gehen, wenn sie länger als sechs Monate nicht in Deutschland waren … (S. 140)

Bei einem seiner Deutschlandaufenthalte, bei denen er seine inzwischen erwachsenen Kinder besucht, geht er ins Krankenhaus, um nur eben einen hartnäckigen Husten abklären zu lassen. Doch die Diagnose lautet Lungenkrebs.

Was folgt, ist zum einen die Beschreibung der Krankenhausodyssee mit all der deutschen Regularienwut, den quälenden und schmerzhaften Behandlungsmethoden, der fehlenden menschlichen Anteilnahme. Möchte Herr Kiyak am liebsten in Ruhe gelassen werden und manches vielleicht gar nicht so genau wissen, so ist seine Tochter das Gegenteil: Sie will kämpfen, kämpfen, kämpfen, ihren Vater aufmuntern, ihm seine Tränen verbieten, bis der Krankenhauspsychologe sie ermahnt, dass sie bitte schön ihren Vater respektieren und ihm nicht noch Energie rauben solle, indem er meint, für sie Gefühle vorspielen oder unterdrücken zu müssen.

Auch das Leben der Tochter gerät aus den Fugen, sie kann nicht mehr so wie bisher arbeiten, fährt täglich ins Krankenhaus, wäscht die Wäsche ihres Vaters, kocht für ihn, stellt sich Ärzten in den Weg, trauert, organisiert und beherbergt zahlreiche Verwandte, die ihren Vater im Krankenhaus besuchen.

Dazwischen streut Mely all die Geschichten, die ihr Vater ihr schon in der Vergangenheit erzählt hat und nun auch im Krankenhaus erzählt, von früher, von Anatolien, den Tanten und dem kriminellen Onkel oder dem Großvater der Autorin, der noch Analphabet war, von Familienfesten und Bräuchen, wie z. B. der Entführung der Geliebten:

Einer “entführten” Frau kann man keinen Vorwurf machen, im Gegensatz zu einer Frau, die mit ihrem Liebsten durchbrennt. Mein Vater brauchte ein Fluchtfahrzeug. Es bat seinen Cousin Hüseyin, ihm einen Esel für die Geiselnahme zu überlassen. […] Dein Opa setzte seine Oma auf den Esel und lief hinterher. So entführte er sie. Als Gegenleistung für den Esel überließ mein Vater Hüseyin seinen Anteil an den Feldern. Daraufhin hieß es, mein Vater sei vor lauter Liebe verarmt. Was natürlich nicht stimmt. Er war keineswegs arm geworden. Die Liebe macht einen Menschen immer reich. (S. 50)

Da gibt es Geschichten vom Militärdienst des Vaters, bei dem er zum ersten Mal die Benachteiligung der Kurden begriff. Geschichten vom Leben in der Fremde, in Deutschland, von langen 12-Stunden-Nachtschichten und den besprochenen Kassetten, die die Gastarbeiter in die Türkei schickten und die dann von Familienmitgliedern überspielt und wieder besprochen wurden.

Fazit

Ich habe das Buch sehr, sehr gern gelesen. Aus mehreren Gründen.

Es ist traurig, schnoddrig, witzig, bedenkenswert und ehrlich, man sieht und spürt die Verzweiflung – und den Lebenstrotz – der Tochter und wird an die eigene Sterblichkeit und die seiner Lieben erinnert:

Es scheint zu stimmen. Der Mensch ist sterblich. Gewusst habe ich es immer, aber nicht begriffen. Ich dachte, Kranksein sei eine Ausnahme. Es scheint vielmehr die Ausnahme zu sein, friedlich im Schaukelstuhl mit einer Kaschmirdecke auf den Knien einzuschlafen. (S. 61)

Man fragt sich doch, worin der Sinn des Lebens besteht, wenn am Ende gestorben wird. Und wie ich mich gefreut hatte auf das Leben. (S. 113)

Natürlich ist es scheußlich, von der Krankenhausmentalität zu lesen, wenn kaum jemand Zeit hat, dem Patienten und den Angehörigen zu erklären, was mit einem passiert, so dass man im Stillen hofft, nie dort sterbenskrank sein zu müssen. Der Mensch an sich wird – aus Zeitmangel, Überarbeitung, Gleichgültigkeit – nicht mehr wahrgenommen und die Tochter muss um ein Arztgespräch betteln, nachdem der Vater mal eben – eher so im Vorübergehen – die Diagnose Krebs erhalten hat. Das Krankenhaus wird so zum Spiegelbild unserer Gesellschaft.

Dem Leser dämmert, dass die Gastarbeiter von damals immer noch nicht als vollwertige Mitglieder unserer Gesellschaft wahrgenommen werden, im Krankenhaus so gar nicht auf ihre manchmal so kleinen, aber für das Sich-nicht-völlig-fremd-Fühlen so wichtigen Wünsche reagiert wird, z. B. einen ordentlichen Tee zu bekommen. Der Speiseplan ist komplett auf deutsche Essgewohnheiten abgestellt, gleichzeitig sieht man es ungern, wenn Familienmitglieder Essen mit ins Krankenhaus bringen.

Und wir lesen von einer Vater-Tochter-Beziehung, in der vermutlich jeder wirklich alles für den anderen geben und tun würde. Ich war manchmal schon fast entsetzt über die Respektlosigkeiten, die sie und ihre Geschwister sich ihrem Vater gegenüber als Kinder erlaubt haben, über die Rabiatheit, die die Tochter ihrem Vater gegenüber an den Tag legt, und doch schimmert jetzt hinter allem Liebe und ein unglaublicher Zusammenhalt durch. Als Mely einmal so losweinen muss, dass sie gar nicht mehr aufhören kann,

nützt [er] das als Freibrief und legt dermaßen los und weint mit und das macht mich schlagartig nüchtern, dass ich mich gar nicht erst beruhigen muss, ich bin in solcher Weise klar im Kopf, dass ich ihn anschaue und sage: Papa, bloß weil ich ein Nervenbündel bin, heißt das noch lange nicht, dass du mitmachen darfst! (S. 202)

Herr Miyak ist ein so liebenswürdiger, stiller aber dabei so tapferer Mann, dass er mein Leserherz im Fluge für sich eingenommen hat. Dabei gelingen der Autorin Momentaufnahmen von großer Innigkeit. Und manchmal muss man auch einfach lächeln.

Gern gelesen habe ich auch die Geschichten aus der Türkei, so bunt und fabulierfreudig, ganz das Gegenteil des Krankenhauslebens. Mir wurde bewusst, wie wenig ich eigentlich über die Türkei weiß. Und: Wie viele Geschichten hat Deutschland möglicherweise versäumt?

Wo sind alle diese Kassetten geblieben? Wer archiviert die Erinnerungen? (S. 126)

Meinetwegen hätte das Buch dreimal so dick sein können.

Und das schreibt Mely Kiyak über Literatur:

All die Schmerzensliteratur, die es gibt und die man zitiert nicht erträgt, wenn man sich nicht auf dem gleichen Level der Traurigkeit wie der Zitierte befindet, bekommt im Moment der eigenen Traurigkeitsauflösung eine solche Wucht, eine solch monströse Kraft, man traut sich gar nicht mehr, ins Buchregal zu greifen. (S. 229)

Ein großes Dankeschön an Sabine von Binge Reading, die mich überhaupt erst auf das Buch aufmerksam gemacht hat.

Elena Ferrante: My Brilliant Friend (2012)

This morning Rino telephoned. I thought he wanted money again and I was ready to say no. But that was not the reason for the phone call: his mother was gone.
‘Since when?’
‘Since two weeks ago.’
‘And you’re calling me now?’
‘My tone must have seemed hostile, even though I wasn’t angry or offended; there was just a touch of sarcasm.

So beginnt der erste Band der im englischsprachigen Ausland sehr erfolgreichen Trilogie der 1943 geborenen italienischen Schriftstellerin, die ihre Identität bislang nicht enthüllen mochte:

Elena Ferrante: My Brilliant Friend (2012)

Das italienische Original erschien 2011.

Zum Inhalt

Was für ein geschickter Schachzug. Natürlich will ich nun wissen, wohin Lila verschwunden ist. Die über sechzigjährige Neapolitanerin ist wie vom Erdboden verschluckt, sie hat zu Hause alle persönliche Habe vernichtet, sogar ihr Bild aus Familienfotos ausgeschnitten.

Ihre Freundin reagiert auf den Telefonanruf von Lilas Sohn aber keineswegs besorgt, wie man das vielleicht erwarten würde, sondern eher verärgert. Sie kennt Lila vermutlich so gut wie keiner sonst. Ihre Freundschaft reicht zurück bis in die fünfziger Jahre, als sie als Nachbarskinder in einer armen Arbeitergegend in Neapel aufwuchsen und gemeinsam die Grundschule besuchten.

It’s been at least three decades since she told me that she wanted to disappear without leaving a trace, and I’m the only one who knows what she means. She never had in mind any sort of flight, a change of identity, the dream of making an new life somewhere else. And she never thought of suicide, repulsed by the idea that Rino would have anything to do with her body and be forced to attend to the details. She meant something different: she wanted to vanish; she wanted every one of her cells to disappear, nothing of her ever to be found. And since I know her so well, or at least I think I know her, I take it for granted that she has found a way to disappear, to leave not so much as a hair anywhere in the world. (S. 21)

Elena setzt der Absicht ihrer Freundin zu verschwinden, ihren eigenen Willen entgegen:

We’ll see who wins this time, I said to myself. I turned on the computer and began to write – all the details of our story, everything that still remained in my memory. (S. 23)

Und so liest man in diesem ersten Band Elenas Erinnerungen an ihre Kindheit und Jugend, in der ihre Freundin Lila eine ganz wichtige Bezugsperson für sie war.

Beide leben mit ihren Familien in einem heruntergekommenen Arbeiterviertel, in dem die Lebensbedingungen für alle hart sind. Doch die Frauen müssen vielleicht den höchsten Preis zahlen. Sie müssen mit zu wenig Geld große Familien durchbringen und sind von der nie endenden Arbeit erschöpft und verbittert. Wer seinen Mann verliert, muss auch die Kinder zur Arbeit schicken und putzen gehen, sich vielleicht bei dem unauffällig das ganze Viertel kontrollierenden Geldverleiher in Schulden stürzen, der vermutlich mit der Mafia in Verbindung steht.

Gewalt ist hier alltäglich und nichts Bemerkenswertes: Der Kneipenwirt prügelt mit einem schweren Stock diejenigen, die die Zeche nicht zahlen wollen oder ihren Kredit nicht zum vereinbarten Termin zurückzahlen.

Men returned home embittered by their losses, by alcohol, by debts, by deadlines, by beatings, and at the first inopportune word they beat their families, a chain of wrongs that generated wrongs. (S. 82)

Frauen und Kinder finden es normal, wenn Väter, Ehemänner und Brüder zuschlagen. Vor allem, wenn sie mit Situationen überfordert sind, wenn die Lehrerin sagt, man solle die begabte Tochter weiterhin zur Schule schicken, wenn der Nachbarjunge die Schwester berührt hat, wenn die Nachbarn ein größeres Feuerwerk an Silvester abbrennen, wenn die Schwester nicht das macht, was der Bruder will. Konfliktregelung funktioniert sowohl auf der Straße als auch in den Familien entweder mit Gewalt oder mit der Macht des Geldes.

Aber auch die Frauen untereinander “pulled each other’s hair, they hurt each other. To cause pain was a disease.” (S. 37)

I feel no nostalgia for our childhood: it was full of violence. Every sort of thing happened, at home and outside, every day, but I don’t recall having ever thought that the life we had there was particularly bad. Life was like that, that’s all, we grew up with the duty to make it difficult for others before they made it difficult for us. Of course, I would have liked the nice manners that the teacher and the priest preached, but I felt that those ways were not suited to our neighbourhood, even if you were a girl. (S. 37)

Dabei – und das ist das Bewegende und Faszinierende an der Geschichte – geht es hier gar nicht um den Aufguss des alten Themas “Freudlose Kindheit in  sozial benachteiligtem Milieu”, sondern um eine tiefe, unverbrüchliche und gleichzeitig problematische Freundschaft zwischen zwei Mädchen, die auch vor Neid, Eifersucht und Rivalitäten nicht gefeit ist.

Lila appeared in my life in first grade and immediately impressed me because she was very bad. (S. 31)

Nachdem sich die beiden Mädchen vorsichtig einander angenähert haben, ist das erste, was Lila tut, den wertvollsten Besitz Elenas, ihre Puppe, in einen Kellerschacht zu werfen. Doch Lila reagiert instinktiv richtig. Sie wirft Lilas Puppe hinterher und anschließend krabbeln beide in den Keller, vor dem gerade Elena ganz schreckliche Angst hat, um die Puppen zu suchen.

Lila ist also von Anfang an ganz anders als ihre brave Freundin Elena, die es liebt, von den Lehrern gelobt zu werden und die die Schule als einen sicheren Hafen empfindet. Nach einigen Wochen erlebt Elena dann den ersten Schock: Sie erfährt, dass die wilde und zügellose Lila bereits lesen kann und ihr in allen schulischen Dingen so weit voraus ist, dass sich das erst Jahre später ändern wird.

Lila ist das, was man heute wohl als hochbegabt bezeichnen würde, doch tragischerweise erlauben ihre Eltern ihr nicht, über die Grundschule hinaus zur Schule zu gehen. Dennoch kann sie noch jahrelang mit Elena mithalten, weil sie sich Bücher ausleiht und sich das selbst beibringt, was Elena in der weiterführenden Schule lernt. Selbst da ist sie ihrer Freundin meist im Stoff voraus und bringt diese gedanklich und schulisch auf Trab.

Die Geschichten der zwei Kinder sind verwoben mit den Geschichten der anderen Familienmitglieder und der übrigen Nachbarschaft. Wir lernen auch deren Träume von sozialem Aufstieg, ihre dunklen Seiten und ihre Resignation kennen. Schließlich werden die Mädchen älter und auf einem Ausflug, begleitet von den Brüdern, erkennen sie, dass es jenseits ihres Viertels noch ganz andere Stadtteile gibt.

It was like crossing a border. I remember a dense crowd and a sort of humiliating difference. I looked not at the boys but at the girls, the women: they were absolutely different from us. They seemed to have breathed another air, to have eaten other food, to have dressed on some other planet, to have learned to walk on wisps of wind. I was astonished. All the more so that, while I would have paused to examine at leisure dresses, shoes, the style of glasses if they wore glasses, they passed by without seeming to see me. They didn’t see any of the five of us. We were not perceptible. Or not interesting. (S. 192)

Junge Männer fangen an, eine Rolle zu spielen. Auch dabei hat Lila es nicht einfach: Schon als Vierzehnjährige hat sie aufgrund ihrer Ausstrahlung und ihres Aussehens – ungewollt – Verehrer, die sich nicht so leicht mit einem Nein zufriedengeben. Es kommt zu Rivalitäten und Verwicklungen, die sich nur scheinbar wieder lösen. Als sie den reichsten der Verehrer abweist, droht der Vater sie umzubringen.

Doch auch Elena muss erkennen, dass sie sich mit zunehmendem Bildungsstand ihrer Familie und den Freunden aus Kindertagen entfremdet.

Fazit

Anschaulich, fein beobachtet, mit vielen Details wird hier eine Geschichte erzählt, die mich – nach leichten Startschwierigkeiten – nicht mehr losließ. Trotz oder wegen der schlichten Sprache wirkt alles sehr eindringlich, sehr lebendig.

Das Buch bietet einen interessanten, auch verstörenden Blick auf die fünfziger Jahre in einem Arbeitervierteil Neapels und eine Kindheit und Jugend, wobei ein Frauen- und Männerbild herrscht, von dem ich froh bin, nur darüber zu lesen, statt damit leben zu müssen.

Gleichzeitig nötigt es mir Respekt ab, wenn jemand wie Elena seinen Weg geht, obwohl ihm dauernd Hindernisse in den Weg geworfen werden. Und bei allen Widrigkeiten: Es ist kein bedrückender Roman, sondern ein kraftvolles, lebensbejahendes Buch, bei dem ich mir auch eine Verfilmung gut vorstellen könnte.

Besonders eindrücklich fand ich die Stelle, in der auf den Titel des Buches Bezug genommen wurde. Und wer nun wissen will, was es mit Lilas Verschwinden als ältere Frau auf sich hat, muss wohl auch die zwei weiteren Bände lesen …

Anmerkungen

Der zweite Band erschien unter dem Titel The Story of a New Name (2013). Der dritte Roman der Reihe heißt Those Who Leave And Those Who Stay (2014).

Falls jemand irgendwann eine deutsche Übersetzung erspäht, würde ich mich über eine Nachricht freuen. Meines Wissens sind die Bände noch nicht ins Deutsche übersetzt.

Elena Ferrante entzieht sich übrigens konsequent jeglicher Publicity. Niemand weiß, wer sich hinter dem Namen verbirgt, und Interviews führt sie, wenn überhaupt, nur schriftlich.

Mehr dazu und zu ihren bisherigen Büchern findet man in dem lesenswerten Artikel von James Wood – erschienen im New Yorker.