June Wright: Reservation for Murder (1952)

Es war mal wieder Zeit für ein Krimi-Schätzchen á la Agatha Christie. Und da kam die Neuauflage von Reservation for Murder, ursprünglich 1952 erschienen, der australischen Schriftstellerin June Wright (1919-2012) gerade recht.

Der Schauplatz des Romans ist Kilcomoden, ein Wohnheim für junge berufstätige Frauen, fünf Meilen von Melbournes Zentrum entfernt, das von Nonnen unter der Leitung von Mother Mary St. Paul of the Cross geführt wird.  (In Melbourne gab es damals mehrere dieser Wohnheime oder „hostels“ für junge Frauen vom Land, die zum ersten Mal weit entfernt von ihren Familien wohnten, weil sie studierten oder ihrer ersten Arbeit nachgingen.) Kilcomoden

was one of those fine old colonial-style houses built to weather the passing of years – but unfortunately not of domestic staff. Once the family home of a rich draper, and no doubt intended by him to be the home of his descendants, it now sheltered twenty-five business girls from shrewish landladies, malnutrition and week-end boredom. […] the waiting list for admission was long. (S. 21)

So muss sich die geneigte Leserin zwar zunächst einmal darum bemühen, den Überblick über die Namen der Bewohnerinnen zu behalten, doch die Ich-Erzählerin Mary Allen ist eine angenehme, schlagfertige und zuweilen scharfzüngige Begleiterin durch alle Krisen (ausgelöst durch anonyme Briefe, Eifersüchteleien und persönliche Befindlichkeiten) und Mördereien.

For eight years now I had been catching the eighty-twenty bus to the city […], where I was an unenterprising, but adequate, secretary to an even more unenterprising firm of solicitors, and returning home on the five-thirty. Over the weekend I played a little diffident golf or tennis, worked in a frustrated sort of way on two crossword puzzles, and enjoyed the mild courtship of a slightly balding young  man called Cyril. (S. 22)

Mary Allen ist es auch, die nachts am Eingangstor buchstäblich über die erste Leiche, einen unbekannten Mann, stolpert.

Die nach außen hin immer leicht abwesend wirkende, aber in Wirklichkeit natürlich scharf beobachtende Mother Paul – für viele Kritiker die heimliche Protagonistin – zieht derweil im Hintergrund ihre Fäden und sorgt u. a. dafür, dass Mary Allen den sympathischen Ermittler O‘Mara mit allen notwendigen Insider-Informationen aus dem Wohnheim versorgt.

Ich fand den ersten Band von dreien um Mother Paul ausgesprochen vergnüglich. Die jungen Frauen wirken in ihren Auseinandersetzungen und ihrer Lebensgestaltung (sie haben keinen eigenen Schlüssel für die Haustür und müssen spätabends von der jeweils dazu Beauftragten hereingelassen werden) manchmal zwar eher wie biestige Teenager, doch das hat die Spannung und den Unterhaltungsfaktor nur unwesentlich beeinträchtigt. Daneben erlaubt der Krimi kleine Einblicke in einen Alltag vor 70 Jahren.

Und die Frage, wie intelligente Frauen sich ihre Zukunft vorstellen, taucht auch hier auf. Fenella, eine berufstätige Freundin Marys, findet es ganz und gar deprimierend, als sie im Laufe der Ermittlungen eine gewisse Rhoda Baker besuchen. Diese wohnt in einem schäbigen Vorstadtviertel, ist verheiratet und hat zwei kleine Kinder.

‘Can you imagine anything more deadly, Mary? Born, bred and married all in the one place – and what a place! I bet she never ventures further than town and then only for the summer sales, and her husband potters in the garden all the week-end.‘ When she saw the few depressed-looking shrubs struggling for life in the Baker garden, and the sun-burnt couch-lawn, she added: ‚Or tinkers with the radio wearing a waistcoat and no collar.‘ (S. 132)

Im interessanten, elfseitigen Vorwort zu Reservation for Murder von Derham Groves erfahren wir nicht nur, woher die Inspiration für eine Nonne als Ermittlerin stammt, sondern auch, dass June in ihrer Ehe mit Stewart Wright nicht glücklich war. Sie hatten zwar sechs Kinder zusammen, aber Stewart wollte immer, dass sie aufhört zu schreiben, dabei waren ihre Romane sehr erfolgreich. Ihr Mann dürfte sich mit dieser Meinung nicht allein gewusst haben, selbst in den Kritiken von damals war es immer wieder ein Thema, wie man zugleich erfolgreiche Schriftstellerin und eine gute Mutter sein könne.

Ich freue mich über die Neuauflage der insgesamt sieben Krimis von June Wright bei Dark Passage, einem Imprint von Verse Chorus Press. Die übrigen müssen nun auch noch her.

Wrights Lieblingskrimi war übrigens Gaudy Night von Dorothy Sayers.

Hier geht‘s lang zum Nachruf im Sydney Morning Herald.

Deniz Ohde: Streulicht (2020)

Der Debütroman der 1988 in Sindlingen/Frankfurt geborenen Autorin Deniz Ohde wurde 2020 sowohl mit dem Aspekte-Literaturpreis als auch dem Literaturpreis der Jürgen Ponto-Stiftung ausgezeichnet.

Vermutlich ist vielen der Inhalt zumindest in groben Zügen bekannt: Eine namenlose Ich-Erzählerin, die man keinesfalls einfach mit der Autorin gleichsetzen darf, kehrt an den Ort ihrer Kindheit  in einem Frankfurter Industriegebiet zurück, um an der Hochzeit ihrer zwei Jugendfreunde Mikka und Sophia teilzunehmen. Sie besucht dort ihren inzwischen verwitweten Vater und erinnert sich an ihre maximal trostlose Kindheit in einem kaputten und spracharmen Elternhaus.

Der Vater hat 40 Jahre in einer Fabrik malocht, sich, seiner türkischen Frau und seiner Tochter jedes Wünschen und  Streben nach mehr verboten. Er ist Kettenraucher, wird zum Trinker, geht allen menschlichen Kontakten aus dem Weg und müllt allmählich die ganze Wohnung zu. Er ist jähzornig und gewalttätig. Ständig fliegt Geschirr durch die Küche.

Die Mutter, die einst so mutig aus der Türkei aufgebrochen war, hat keine Ressourcen, ihre Tochter zu schützen oder ihr Möglichkeiten aufzuzeigen. Sie bringt ihr kein Türkisch bei, damit die Tochter ganz deutsch sei und so vor Rassismuserfahrungen geschützt sei. Das funktioniert natürlich nicht und die Tochter wird in der Schule von Lehrkräften und Mitschülern mal subtil, mal weniger subtil mit Vorurteilen, Ausgrenzung und der Haltung konfrontiert, dass man ihr als halber Türkin und Proletenkind keine guten  Schulleistungen zutraut.

Dass der Vater genau das ungewollt stützt, indem er ihr schon früh davon abrät, freiwillige Zusatzaufgaben zu bearbeiten, da sich Anstrengung ja doch nicht lohne und sie eben einfache Leute seien, und indem er so viel raucht, dass ihre Kleidung ständig nach Rauch stinkt, macht den Aufenthalt in der Schule für seine Tochter nach und nach zur Qual. So geht sie irgendwann ohne Schulabschluss ab und schafft es erst Jahre später, doch noch das Abitur nachzuholen und dann sogar ein Studium zu beginnen.

Die Ich-Erzählerin nimmt so etwas wie eine Inventur ihrer Bildungsgeschichte und der äußeren und inneren Hindernisse, die ihr entgegenstehen, vor. Das passiert anschaulich und nachvollziehbar aufgrund ihrer Beobachtungsgabe, der Vergleiche mit dem Zuhause ihrer in bürgerlichen Verhältnissen aufwachsenden Freunde Sophia und Pikka und den vielen, zum Teil berührenden Szenen aus Schule und Freizeit.

Die Zerrissenheit des Kindes, das sich nie ganz sicher und geliebt fühlen darf, die daraus entstehenden Ängste, die Orientierungslosigkeit und Entfremdung werden geradezu schmerzhaft deutlich. In der Schule wird dem Mädchen vorgeworfen, zu still zu sein, sich nicht genügend zu engagieren, doch wie soll das funktionieren, wenn gefühlt das Überleben zu Hause davon abhängt, unsichtbar und unhörbar zu sein, um dem Vater keinen Anlass für einen seiner Ausbrüche zu geben?

Sie kann keine Freunde mit nach Hause bringen, die Wohnung wird gegen Außenstehende regelrecht bewacht und abgeschottet, die kaputte Jalousie nicht repariert, dann kann auch keiner reingucken.

Wie soll das Mädchen in ihr  Frausein finden, wenn die Mutter ihr nicht glaubt, dass sie bereits menstruiert und sie sich zunächst mit kleinen Slipeinlagen behelfen muss, ohne zu wissen, dass es Tampons oder Binden gibt? Also muss sie in der Schule alle paar Minuten zur Toilette.

Das Buch ist nicht perfekt, an manchen Stellen schienen Szenen nur noch wahllos und repetitiv aneinander gereiht, es gab – wenn auch selten – platte Pauschalisierungen, und die Leser*innen können in dieser Traurigkeit kaum einmal aufatmen.

Mir fehlte das Austarieren der verschiedenen Zeitebenen: Blickt die junge Studentin, die nun zur Hochzeit ihrer alten Freunde kurzzeitig zurückkehrt, wirklich mit dem gleichen Blick auf ihre Umgebung und ihren Vater wie sie das als hilfloses Kind getan hat, das es nicht anders kannte?

Und vor allem, was waren – abgesehen von der enormen Beobachtungsgabe und dem Tagebuchschreiben – die Ressourcen der Erzählerin, ihre Kraftquellen, die sie letztendlich doch – wie mühsam auch immer – dazu befähigt haben, den Schulbesuch wieder aufzunehmen und ihr Abitur zu machen? Darüber schweigt sich das Buch leider aus, eine Leerstelle, die ich sehr bedauert habe.

Dennoch pulst eine Energie durch das Werk, die einen weiterlesen lässt, das stille Buch hallt noch Wochen später nach und seine schmerzliche Bestandsaufnahme ärgert mich, macht mich traurig und spricht mich an, spricht zu mir. Es ist unbedingt lesenswert, denn man kann etwas über unsere Gleichgültigkeit lernen, über Schulen, über eine verletzte Kinderseele und beschädigte Identitäten. Man schaut auf einmal ein wenig genauer hin. Eigentlich eine Pflichtlektüre für alle angehenden Lehrer und Lehrerinnen. Für BildungspolitikerInnen sowieso.

Der letzte Satz des Buches gehört übrigens dem Vater. Als seine Tochter nach ihrem Besuch bei ihm wieder aufbricht, sagt er ihr zum Abschied: „Wenn‘s nichts wird, kommst wieder heim.“ Seine Skepsis, dass es jemand aus seiner Familie tatsächlich „schaffen“ könne, und gleichzeitig die geradezu zärtliche Versicherung, dass sie jederzeit wieder zurückkommen dürfe und die Tür ihr offen steht.

Der Vorwurf der Humorlosigkeit und Larmoyanz, den Denis Scheck in der Sendung Lesenswert vom 17. Dezember 2020 erhob, ist absurd. Sein mit unfassbar arroganter Attitüde vorgetragener Verriss, in dem er auch gleich noch seine fundiert argumentierenden KollegInnen Ijoma Mangold, Sandra Kegel und Insa Wilke der Unfähigkeit bezichtigte, zeigt, dass Lesen eben nicht automatisch zu mehr Empathie, Lernbereitschaft oder Weltverständnis führt.

Nicole Seifert vermutet in dem Artikel Schweig, Autorin – Misogynie in der Literaturkritik auf 54 Books, dass sich bei Scheck eine frauenfeindliche Haltung gegenüber jungen und erfolgreichen Autorinnen austobe. Eine weitere Erklärung für seine wilden Behauptungen, die er an keiner Stelle begründet, könnte sein, dass Scheck einfach keine Menschen mag bzw. literarisch kennenlernen möchte, die in solchen Verhältnissen wie die Ich-Erzählerin aufwachsen.

Seine offensichtliche Überzeugung, dass jedem in Deutschland die gleichen Möglichkeiten des Aufstiegs offen stehen, geriete dann möglicherweise ins Wanken, denn wer’s nicht schafft, soll halt – egal, wie jung –  immer schön die Schuld nur bei sich selbst suchen. Mit Juli Zeh einen kleinen Reitausflug zu unternehmen oder Größen wie Peter Bichsel oder gar Margaret Atwood zu besuchen, sagt ihm da vielleicht eher zu. Die Begründung seiner Ablehnung ist und bleibt jedenfalls abenteuerlich:

Dieses Buch ist banal, oberflächlich und unglaublich larmoyant. Diese Autorin ist so humorfrei, so frei von einer Spur von Geist und Eigenständigkeit in der Intellektualität, dass ich ihr eine große Zukunft in der deutschen Gegenwartsliteratur prophezeien kann, solange es solche Kritiker gibt. […] Das ist reiner Sozialkitsch. […] Es ist wirklich unerträglich, dass die Ich-Erzählerin die Gründe für ihr soziales Scheitern, für ihr berufliches Scheitern als Schülerin sozusagen überall sucht, nur nie bei sich selbst. […] Diese Frau kann nicht denken. […] Wir leben hier in einer Gesellschaft, die eine große Möglichkeit des Aufstiegs einräumt. Das möchte ich doch in irgendeiner Weise von einer Figur auch mitreflektiert haben.

Hier noch eine treffliche Besprechung von Ingo Eisenbeiß auf der Seite des Deutschlandfunks und Claudia vom Grauen Sofa geht detailliert auf die unsichtbaren Wände ein, die ein unter solchen Umständen aufwachsendes Kind von der Umwelt trennen.

Zum Schluss, weil die Frage der Autorin immer wieder gestellt wird:

Was hat das traurige Mädchen im Zentrum des Buches mit der Biografie von Deniz Ohde zu tun? „Von mir steckt da vor allem der Blick drin, den ich auf meine Umgebung werfe.“ Doch so traurig wie ihre Hauptfigur sei sie keineswegs. Und sie fühle sich auch nicht „am Nullpunkt“ wie ihre Erzählerin. Und die Figuren der Eltern im Roman entsprächen auch nicht ihrem türkischen Vater und ihrer deutschen Mutter in der Wirklichkeit. Darauf lege gerade ihre Mutter Wert: „Die lebt nämlich noch.“ (Das Glück und das Pech der guten Erinnerung, Frankfurter Rundschau)

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Skulptur am Eingang der Stadtbibliothek in Creglingen

Stella Gibbons: The Swiss Summer (1951)

Das eskapistisch-lockerfluffige The Swiss Summer stand – wie auch die übrigen Werke von Stella Gibbons (1902 – 1989) – immer im Schatten ihres bekanntesten Buches The Cold Comfort Farm. Umso besser vielleicht, dass ich das noch gar nicht kenne. The Swiss Summer jedenfalls macht auch nach über 70 Jahren noch Spaß. Oder wie der Guardian schrieb:

For holiday reading it would be hard to find anything better.

Die 43-jährige Lucy Cottrell lernt zufällig die betagte Lady Dagleish kennen. Deren Gesellschafterin Freda Blandish soll im Auftrag der alten Dame in die Schweiz reisen, um sich dort vor Ort um ein Chalet ihres verstorbenen Mannes zu kümmern. Das hatte die Schweiz vor Jahrzehnten Sir Burton Dagleish in Anerkennung seiner Dienste um die Bergsteigerei geschenkt. Im Grunde soll alles vorbereitet werden, um das Berghaus verkaufen zu können, das nun schon seit Jahren kaum genutzt wird. Nur die alte Utta aus dem Dorf schaut einmal die Woche nach dem Rechten.

Freda wurden von Lady Dagleish Hoffnungen gemacht, dass sie Chalet und Grundstück eines Tages erben werde und sie somit ihren langgehegten Wunsch, dort eine Pension zu eröffnen und dann für immer finanziell unabhängig zu sein, in die Tat umsetzen kann.

Verständlich, dass Freda alles andere als entzückt ist, als Lady Dagleish aus einer Laune heraus und weil sie Lucy Cottrell sympathisch findet, Lucy anbietet, Freda zu begleiten. Lucy ist begeistert, dem schmutzigen und hässlichen London für drei Monate zu entkommen und Urlaub in der bezaubernden Schweizer Bergwelt machen zu dürfen. Auch ihr geliebter Mann gönnt ihr den Aufenthalt von Herzen. Als Gegenleistung soll sie Freda bei der Inventur ein wenig zur Hand gehen, doch diese wittert in ihr eine Nebenbuhlerin auf das erhoffte Erbe.

Die Situation wird nicht einfacher, als Fredas gesellschaftlich unbeholfene Tochter Astra und noch weitere Freunde von Freda im Schweizer Bergdomizil auftauchen und Lucy gebeten wird, in ihren Briefen an Lady Dagleish darüber Stillschweigen zu bewahren. Lucy möchte die alte Dame nicht hintergehen, gleichzeitig mag sie’s harmonisch und geht gern den Weg des geringsten Widerstandes.

Und so nehmen drei erlebnisreiche Monate ihren Lauf, in denen Lucy sich nicht nur mit den halbseidenen Bekannten von Freda herumärgern, sondern sich auch um ihren eigenen Neffen und dessen Freund kümmern muss, die ebenfalls für kurze Zeit auf dem Berghof zu Gast sind. Und über allem wacht Utta, die alte Haushälterin, die sich dem Erbe des verstorbenen Bergsteigers Dagleish verpflichtet fühlt und spürt, dass dort nicht alles mit rechten Dingen zugeht.

Doch Lucy wäre nicht Lucy, wenn sie trotz der Unbill diese Wochen nicht aus tiefstem Herzen – und die LeserInnen mit ihr – genießen würde. Sie ist in den Bergen am rechten Platz, genießt die Natur auf ihren Wanderungen in vollen Zügen, kann dem oberflächlichen Touristentreiben in den Städten wenig abgewinnen und ist immer froh, wenn es wieder zurück auf den Berg geht. Trotz ihrer scheinbaren Passivität geht Lucy ihren Weg und nutzt ihre Spielräume, selbst wenn die zunächst recht begrenzt erscheinen.

The Swiss Summer ist ohne Frage ein Wohlfühlbuch; bereits bei seiner Erstveröffentlichung konnten sich die britischen LeserInnen damit aus den oft noch schwierigen wirtschaftlichen Verhältnissen nach dem Zweiten Weltkrieg wegträumen. Am Ende ist man/frau mit der Auflösung aller Handlungsfäden einverstanden. Gleichzeitig sorgen Ironie, ein unbestechlicher Blick auf menschliche Eigenheiten – allein wie Utta geschildert wird, ist unvergesslich – und Empathie für die verschiedenen Charaktere dafür, dass das Buch nicht in den Kitsch abstürzt.

So muss sich beispielsweise Astra, gerade weil sie nicht hübsch ist, besonders mit der Frage auseinandersetzen, inwieweit sie den gesellschaftlichen Erwartungen und Rollenbildern überhaupt entsprechen will. Nach dem Blättern in den entsprechenden amerikanischen Frauen-Zeitschriften fragt sie sich, ob eine Frau überhaupt noch Zeit für sich habe:

The difficulty of Love: first, with lipstick and foundation cream, permanent wave and nail paint, exercises and hair-brushing, scent and perfectly chosen clothes, you must prepare your body. Next, with a gay, sweet, friendly manner, never showing jealousy or possessiveness, never intruding upon a man‘s private life yet never withdrawing yourself from him so far as to appear cold, and never, oh never, dreaming of hinting that you would welcome the opportunity to perform that task for which Nature had endowed you, you must prepare your personality. And finally, when you had secured a man of your own (but it was quite fatal to believe that you had secured him permanently) you must exercise infinite tolerance, charity, good sportsmanship, intelligence, submission, self-reliance (but not too much of the latter), and tender familiarity combined with wild sweetness in being his wife. It would also help if you could listen, sew, and cook. (S. 95)

Alle menschlichen Wirrungen und kleinen Intrigen sind eingebettet in die beeindruckende Landschaft des Berner Oberlands und nach der Lektüre möchte man – trotz des Kinderbuchcovers der Dean Street Press-Ausgabe – unverzüglich den Koffer packen.

Nachtrag

Bei allem Unterhaltungswert ihrer Werke sollte man nicht übersehen, dass Stella Gibbons in ihren Romanen gesellschaftliche Veränderungen in Großbritannien nachzeichnet und dabei Standesdünkel, Egoismus und Ressentiments, sei es gegen Ausländer oder Angehörige der „niederen Klassen“ mit Witz und Verve aufs Korn nimmt.

Vor allem aber werden Möglichkeiten weiblicher Selbstbestimmung erkundet. Manchmal „nur“ in der Schilderung interessanter Nebenfiguren wie Katy aus A Pink Front Door (1959), einer begabten Chemikerin, die aber nach ihrer Heirat rasch hintereinander drei Kinder bekommen hat und die sich nun wohl alles weitere wissenschaftliche Arbeiten abschminken kann. Als sie sich an ihre Studienzeit erinnert, heißt es:

How they had theorised! Every contemporary problem and every timeless one had been brought out, dissected and prescribed for by herself and the young men whom she had known. Yes, every problem except one – What does a young woman with brains do when she gets caught in a trap? […]

She drank some beer and tried to control this despairing desire for revenge on something or someone. […] she ought to be thankful. She was thankful … only, she didn‘t feel it. She only felt the unceasing aching in her limbs and the unending procession through her tired mind of minute domestic details, and she thirsted for solitude and the pleasures of the intellect. (S. 162)

Angela hingegen, eine Figur aus The Woods in Winter (1970), hat ihren Verlobten im Ersten Weltkrieg verloren und alle gehen wie selbstverständlich davon aus, dass sie ihr restliches Leben nun selbstlos ihrer dominanten Mutter widmen wird. Als ihr ein nicht „standesgemäßer“ Farmarbeiter den Hof macht, wird ihr klar:

It occurred to her that all her life she had been taught to be truthful, but never to be truthful to herself about what she felt and wanted. (S. 170)

In The Woods in Winter (1970), Gibbons letztem zu Lebzeiten veröffentlichten Roman, spielt Ivy Gover, eine fast fünfzigjährige Witwe, die Hauptrolle. Trotz diverser Anträge will sie nicht mehr heiraten und kommt nach der Erbschaft eines kleinen Häuschens auf dem Land so recht in ihr Element. Sie hat schwarze Augen und eine ungewöhnlich enge Beziehung zu Tieren, das wird auf einen Großvater zurückgeführt, der angeblich den Roma angehörte. Gleich zu Beginn des Buches erfahren wir, wie sie einen Collie stiehlt, der von seinen Besitzern nur an der Kette gehalten wurde.

Häusliche Sauberkeit, Smalltalk, regelmäßige Mahlzeiten und gute Manieren werden ihr zunehmend unwichtig und eigentlich will sie nur ihre Ruhe haben und wirkt doch immer wieder, vielleicht gerade deshalb, positiv auf ihre Nachbarn und Nachbarinnen ein.

for the first time in her life, she was living as she had always unknowingly wanted to live: in freedom and solitude, with an animal for close companion. (S. 72)

Fundstück von Sarah Moss

If she‘d known, she thinks, if she‘d known that she wasn‘t going to achieve financial comfort or even security as the years went by, if she‘d recognised the good times when she had them, she‘d have travelled more when she was young, she‘d have bought one of those train tickets, those passes, and gone everywhere, northern Norway to Sicily, Istanbul to County Clare. She‘d have taken a year out, several years out, before settling for Steve, worked her way round waitressing or whatever. If she‘d had the confidence then, if she‘d known how to apply for a passport and buy a ticket and board a plance when she was young enough to walk away. She should have gone to Paris and Vienna, to Venice. […] It probably doesn‘t matter, really.

aus: Sarah Moss: Summerwater, Picador, 2020, S. 4

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Charles Dickens: David Copperfield (1850)

Unruhige Zeiten, Bedrückung ob des Angriffskrieges und der unverhohlenen Propagandalügen, dazu viel zu tun, fehlende Konzentration, insgesamt also wenig Ruhe und Muße zum Bloggen. Doch damit mir nicht völlig aus dem Gedächtnis rutscht, was ich gelesen oder auch nur angelesen habe, hier wenigstens ein kurzer und deshalb sicherlich auch unausgewogener Blick auf den über 800 Seiten dicken  Schmöker David Copperfield von Charles Dickens, der 1850 das erste Mal in Buchform erschien und der den Lebensweg Copperfields von der Kindheit bis zu seinen ersten erfolgreichen Gehversuchen als Schriftsteller nachzeichnet. Ähnlichkeiten zu der Biografie des Autors sind dabei kein Zufall und Dickens hat diesen Roman immer das liebste seiner fiktiven Kinder genannt.

Was für ein berührender Anfang, Kinderfiguren sind wirklich eine Stärke des Autors. Die Leiden des jungen David, nachdem seine naive Mutter einen gar gräßlichen Stiefvater ins Haus geholt hat, sind fein beobachtet und erzürnen noch nach 170 Jahren die Leserin. Auch die zunächst fürchterlichen Internatserfahrungen Davids geben einen guten Einblick in mancherlei Untiefen des viktorianischen Schulsystems.

Doch dann wird der Ich-Erzähler immer blasser und nichtssagender, alle anderen Figuren in diesem gesellschaftlichen Panoptikum, die David bei seinem allmählichen sozialen Aufstieg begleiten, sind interessanter. Schließlich verliebt er sich in die süße, leider etwas unerwachsene, dafür aber sehr lebendige Dora. Hier finden sich tatsächlich einige wenige selbstironische Stellen:

If I may so express it, I was steeped in Dora. I was not merely over head and ears in love with her, but I was saturated through and through. Enough love might have been wrung out of me, metaphorically speaking, to drown anybody in; and yet there would have remained enough within in, and all over me, to pervade my entire existence. (S. 474 der Ausgabe der Everyman‘s Library)

Er heiratet Dora und muss nun schmerzhaft erkennen, dass sie niemals seine Seelengefährtin oder wenigstens eine tüchtige Hausfrau werden wird. So wird sie kurzerhand vom Erzähler zu einer tödlichen Krankheit verdonnert, damit David nach angemessener Frist die überirdisch langweilige und unrealistisch brave Agnes, die schon als Zehnjährige den Haushalt des Papas so entzückend im Griff hatte, zum Traualtar führen kann.

Und diese Doppelmoral: Dem schönen und charismatischen Jugendfreund Steerforth, der systematisch eine junge Frau verführt und anschließend an seinen Dienstboten verschachern wollte, trauert Copperfield hinterher, doch die junge Emily muss einen Leben lang für ihren „Fehltritt“ büßen und emigriert, nachdem ihr Vater sie gerade noch rechtzeitig aus dem Moloch London retten konnte, zusammen mit ihrem Vater nach Australien. Die Frauengestalten bei Dickens sind wirklich nur zum Haareraufen, klischeehaft und von eindimensionalem Wunschdenken geprägt: die schöne Sünderin, die edle Gattin und Hausfrau, die Kindfrau, die treue Dienstbotin, die skurrile Tante.

Letztendlich gab es mir hier von allem ein bisschen zu viel: zu viel Melodramatik, zu viel Sentimentalität und Überzeichnung – man denke nur an Uriah Heep – und zu billige Lösungen: Nachdem Copperfield mit seiner Agnes glücklich der häuslichen Ruhe frönen kann, verschifft der Erzähler, das hat schon Chesterton zu Recht bemängelt, kurzerhand alle, die jetzt noch den ruhigen Lebensgang der Hauptfigur stören könnten, nach Australien.

Fundstück von Hildegard Knef

Liebeserklärung an einen Großvater

Meiner hieß Karl, er war mittelgroß und genauso kräftig, wie er aussah. Er trug den Kopf sehr gerade, die Wirbelsäule auch, und er hatte einen großen Mund mit vielen Zähnen; er hatte sie noch alle 32, als er mit 81 Jahren Selbstmord machte. Sein Jähzorn war das Schönste an ihm, erstens weil er sich nie gegen mich richtete und weil er so wild und rasch kam, wie er verging, und wenn vergangen, wurde sein Gesicht warm wie ein Dorfteich in der Sommersonne und seine Bewegungen verlegen und einem fischenden Bären gleich.

Mit diesen Sätzen beginnt Der geschenkte Gaul (1970) von Hildegard Knef.

Fundstück von Franz Werfel

Ich bin ein Buchstabe irgendwo in einem großen, dicken Roman. Meine eigene Bedeutung kenne ich nicht, noch auch die Bedeutung der wenigen benachbarten Buchstaben, die ich von meinem Platz aus erblicken kann. Ich weiß nicht, zu welcher Silbe wir gehören, aus der, mit anderen Silben, das unbekannte Wort sich zusammenfügt, das uns umfaßt und mit unzähligen andern unbekannten Worten die Zeilen des Buches bildet, die seine Seiten regelmäßig erfüllen. Da ich nicht einmal Sinn und Bedeutung des Buchstabens erkenne, der ich selbst bin, wie könnte ich etwas vom Sinn des ganzen, großen, dicken Romans wissen, von seiner Handlung, Einteilung, von seinem Aufbau, dem Anfang und Ende, den Verwicklungen und Lösungen, Haupt- und Nebenpersonen – und wie gar etwas von seinem Autor? Da ich aber immerhin ein Buchstabe des großen Ganzen bin, wie in einem geheimnisvollen Reigen meine mir unverständlichen Neben-Lettern an den Händen haltend, da ich mithin in einem Zusammenhang stehe, in dem ununterbrochenen Duktus der mir verborgenen Geschichte, der auch meine eigene Existenz durchweht, so erfüllt mich das feste Bewußtsein: ein sinnvolles Teilchen zu sein, das vom lesend-schreibenden Auge jenseits des Buches mühelos entziffert und verknüpft wird. Angestrahlt von diesem jenseitigen Auge, nährt der kleine Buchstabe die sichere Hoffnung, nein, die stolze Ahnung, daß er dem Ganzen nicht nur notwendig zur Ganzheit diene, sondern dessen unermeßlich unbekannten Sinn auch in seiner eigenen Winzigkeit enthalte.

Zitiert nach: Hans Jürgen Balmes (Hrsg.): Mein Erstes Buch – Autoren erzählen vom Lesen, Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt am Main 2002, S. 89 – 90

Aus: Leben heißt, sich mitteilen. Betrachtungen, Reden, Aphorismen, Fischer Verlag 1992

Fundstück von Andrej Kurkow

Selbst das Leben erschien ihm leicht und sorglos, ungeachtet der schwierigen Momente. Nur selten dachte er noch an seine eventuelle Mitwirkung bei irgendwelchen dunklen Geschichten. Was gibt es nicht alles auf der Welt? Es war lediglich ein kleiner Teil des unbekannten Bösen, das um ihn herum existierte, aber es betraf ihn und seine kleine Welt nicht persönlich. Und offensichtlich war die Unwissenheit über seinen eigenen Anteil an diesen dunklen Geschäften die Garantie für seine Ruhe, die Garantie dafür, daß seine Welt nicht angerührt wurde. 

Andrej Kurkow: Picknick auf dem Eis, Diogenes, Zürich 1999, S. 213

Andrej Kurkow: Graue Bienen (OA 2018)

Ich weiß nicht, wie ich Graue Bienen, dieses ruhige, zurückgenommene, unaufgeregte Werk des ukrainischen Schriftstellers Andrej Kurkow (*1961), vor einigen Wochen gelesen hätte; was ich aber nach der Lektüre sagen kann: Es ist ein ganz besonderes, ja aufregendes Buch und ich wünschte, es wäre nicht erst der unselige Angriffskrieg auf die Ukraine gewesen, der mich darauf aufmerksam gemacht hat. Aus dem Russischen von Johanna Marx und Sabine Grebing ins Deutsche übertragen, wurde es 2019 im Diogenes Verlag veröffentlicht.

Die Geschichte um den eigenbrötlerischen, aber gutherzigen Imker Sergej Sergejitsch spielt 2016/17 zum einen in der sogenannten grauen Zone, also dem Gebiet entlang, hinter und manchmal auch genau zwischen den verfeindeten Stellungen der Ukrainer und der Separatisten an der ostukrainischen Grenze zu Russland, und zum anderen auf der Krim, die bereits 2014 von Russland annektiert wurde.

Sergej ist Frührentner, hat er sich doch als Inspektor für Arbeitssicherheit in den notorisch unsicheren Bergwerksbetrieben die Lunge kaputtgemacht. Er und sein alter Feind Paschka sind die einzigen, die noch in ihrem Dorf im Donbass leben. Auch politisch stehen sie auf verschiedenen Seiten. Während Paschka die Separatisten unterstützt und von denen ab und zu Brot und andere Leckereien bezieht, fühlt sich Sergej als Ukrainer und will eigentlich nur seine Ruhe. Alle anderen Einwohner sind in den sichereren Westen der Ukraine geflohen. Auch Sergejs Ex-Frau und seine Tochter leben schon lange von ihm getrennt.

Das Leben in dem verlassenen Dorf Malaja Starogradowka ist karg, auf das Allernotwendigste reduziert.

Im Haus, was gab es da? Das Bett, Tisch und Stuhl. Tun konnte man im Grunde nichts. Nur nachdenken und sich erinnern. Sergejitsch hatte es schon satt, sich an Vergangenes, Fröhliches oder Trauriges, zu erinnern. (S. 134)

Wenn mal etwas dringend benötigt wird, wandert Sergej ein paar Kilometer ins nächste Dorf, wo ihm hilfsbereit eine warme Mahlzeit oder ein paar Eier angeboten werden. Der Strom fällt ständig aus, sodass er sein Handy nicht aufladen kann, und die Post wird nur ausgeliefert, wenn die kämpfenden Truppen einen Tag „Postfrieden“ vereinbart haben.

Sergejitsch dachte im selben Moment, dass er selbst überhaupt keine Post brauchte. Nur vielleicht eine Zeitung zum Lesen! Aber er hatte ja schon seit zehn Jahren nichts mehr abonniert. Früher hatte er die Nachrichten dem Fernseher entnommen. Dann verschwanden die Nachrichten zusammen mit dem Strom. Jetzt schienen ihm diese Nachrichten nicht mehr besonders nötig zu sein. Was änderten sie? Trotzdem war eine Zeitung etwas Angenehmes. Sie raschelte zwischen den Fingern und half, sich abzulenken. (S. 145)

Sergej ist vor allem auf das Wohlergehen seiner Bienen bedacht, die seiner Meinung nach wesentlich intelligenter handeln, als die Menschen das tun. In langen und ruhig dahinfließenden Passagen wird erzählt, wie Sergej seinen Kohleofen befeuert, sich Tee zubereitet, Schnee schippt oder einen toten Soldaten, der auf einem verschneiten Feld liegt, wenigstens mit Schnee bedeckt, wenn er ihn schon nicht beerdigen kann.

Drei Jahre mit Paschka in ihrem verlassenen Dorf hatten ihn gelehrt, dass es wenig, sehr wenig Menschen geben konnte und daran gar nichts Schlechtes war. Im Gegenteil, die Menschenleere half, sich und sein Leben besser zu verstehen. (S. 247)

Hin und wieder besuchen Paschka und Sergej einander, giften sich an und vertragen sich wieder. Trotz ihrer Antipathie merken sie – und die LeserInnen mit ihnen -, dass sie einander brauchen, dass der Mensch ohne einen anderen Menschen gar zu einsam wäre, sie besuchen sich alle paar Tage und essen und trinken miteinander. Zum Abschied, als Sergej zu seiner Reise aufbricht, um seinen Bienen einen Sommer ohne Schießereien und Detonationen zu ermöglichen, umarmten sie einander

auf Männerart, fest. Sie drückten sich und ließen sich gleich wieder los. (S. 188)

Der Abschied von seinem Heimatdorf fällt Sergej nicht leicht.

Während die Regentropfen auf ihn niederprasselten, betrachtete Sergejitsch die vertrauten Mauern, Bäume, Zäune, betrachtete seine kleine Welt, in der er bis jetzt seine Nöte und Probleme durchgestanden hatte, Tag für Tag, Nacht für Nacht. Das alles, die Bäume, die Tore, die Türen und Fenster, hatte ihn früher wie eine kugelsichere Weste geschützt. Dabei hatte er gedacht, es sei umgekehrt gewesen und er habe sein Haus, seinen Hof, seine Welt geschützt. Nein, er hatte sich geirrt. Erst jetzt, als er wegfahren musste, verstand er das. (S. 186)

Später, als er schon ein paar Monate unterwegs ist, bittet ihn Paschka am Handy sogar, doch recht bald zurückzukehren, möglichst mit einem guten Vorrat an Zigaretten.

Sergej redet nicht viel und braucht nicht ständig Menschen um sich herum. Er hat Angst wie alle anderen, wenn er mit den Menschen der Macht zusammenstößt, und versucht doch im Rahmen seiner Möglichkeiten, das Richtige zu tun. Er verfügt über einen inneren Kern, der noch nicht zerstört worden ist, seine Hingabe an die Bienen und ihr sinnvolles und geordnetes Tun.

Er brachte sie dorthin, wo es still war, wo die Luft sich langsam mit der Süße aufblühender Gräser füllte, die bald von blühenden Kirschbäumen, Aprikosenbäumen, Apfelbäumen und Akazien Verstärkung erhalten würden. (S. 200)

Während dieser Sommermonate eröffnet sich für Sergej die – etwas arg idyllisch geratene – Möglichkeit, dauerhaft bei einer patenten Frau Zuneigung und gutes Essen zu bekommen, doch Sergej reizt das nicht. Am Ende des Sommers möchte er wieder nach Hause, zu seinem Haus, seinem angestammten Platz in dieser Welt.

Vorher reist der dickköpfige Sergej aber erst noch weiter auf die Krim, in der Hoffnung, einen Imkerkollegen zu treffen, den er vor Jahrzehnten bei einem Kongress kennengelernt hatte. Dass Sergej Christ ist und der andere ein Muslim, ist für ihn nebensächlich, doch für die russischen Bewohner der Krim ist seine Freundschaft mit einer muslimischen Familie eine Provokation. Und so erfährt Sergej auch von der brutalen Unterdrückung der Krimtataren. Achtem, sein Imkerkollege, wurde schon vor zwei Jahren verschleppt und umgebracht und auch dessen Sohn wird nun unter den lächerlichsten Vorwänden verhaftet.

Die Welt ist aus den Fugen. Doch ausbaden müssen das meist die, die keine Macht haben, viel an der Situation zu ändern.

Kurkow ist in diesen 445 Seiten gelungen, die Verheerungen des Krieges zu zeigen, obwohl er nur ganz selten auf grausame Details zu sprechen kommt. Doch die vom Krieg ausgehende latente Bedrohung durch Waffen und das Machtgehabe an den verschiedenen Checkpoints, seine Sinnlosigkeit und seine Destruktivität, auch auf die Psyche der Betroffenen, und der geradezu religiöse Glaube an Putin bei manchen Russen sind wie ein Hintergrundrauschen immer präsent. Gleichzeitig gibt es Momente der einfachen Ruhe, des Friedens und der Schönheit. Es ist ein entschleunigtes, reduziertes Buch und ungemein reizvoll.

Die Hoffnung des Protagonisten, dass irgendwann auch die anderen in sein Dorf, in dem doch bis jetzt nur die Kirche zerschossen worden sei, zurückkommen und weiterleben können, ist von Putin 2022 jedoch erst einmal grausam widerlegt worden.

Er hatte seinen Becher noch nicht ausgetrunken, als irgendwo in der Nähe eine Explosion krachte. Die Fensterscheiben klirrten so laut, dass es in den Ohren schmerzte. ‚Ach, ihr Idioten‘, entfuhr es ihm verbittert. Hastig stellte er den Becher auf den Tisch, so dass der Tee herausspritzte, und lief ans nächste Fenster, überprüfte, ob keine Risse durchliefen. (S. 34)

Am Ende stellt sich die Frage, wie gleichgültig oder naiv der Westen war, wenn Kurkow schon in diesem Buch den betrunkenen Russen Wladlen, der extra aus Sibirien gekommen ist, um zusammen mit den Separatisten die Ukrainer zu „befreien“, sagen lässt:

‘Alles, was früher sowjetisch war, ist dann russisch geworden. […] Und das, was nicht russisch geworden ist, wird es später. Alles kehrt immer zum Anfang zurück, zum Ausgangspunkt…‘ (S. 110)

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Uwe Wittstock: Februar 1933 – Der Winter der Literatur (2021)

Ich weiß, ich weiß: I‘m late to the party. Das Buch über Februar und März des Jahres 1933 des Autors und Literaturkritikers Uwe Wittstock (*1955) wurde bereits überall besprochen und gepriesen.

Auch ich bin beeindruckt von der Verdichtung der geschichtlichen Zusammenhänge. Wittstock benötigt nicht mehr als 275 Seiten, um anschaulich zu machen, wie Hitler nach seiner Machtergreifung nur wenige Wochen – oder wie es im Nachwort heißt „nicht länger als die Dauer eines guten Jahresurlaubs“ –  benötigt, um alle notwendigen „rechtlichen“ Grundlagen für ein noch nie dagewesenes Unrechtsregime zu schaffen.

Diese politische und gesellschaftliche Zäsur wird mit dem Tagesgeschäft deutscher Autoren und Autorinnen, Reporter und Theaterschaffender verzahnt. Das Buch beginnt mit dem Kapitel zum 28. Januar 1933. An diesem Abend findet der Presseball in Berlin statt, „das bedeutendste gesellschaftliche Ereignis der Berliner Wintersaison, ein Schaulaufen der Reichen, Mächtigen und Schönen.“ (S. 11). Die Gästeliste ist illuster: Zuckmayer, Wilhelm Furtwängler, Gustaf Gründgens, Josef von Sternberg, Kadidja Wedekind, Erich Maria Remarque u. a. Viele der Gäste kennen sich privat oder beruflich. Ein kulturelles Netzwerk mit vielen feinen Verbindungen und Verästelungen.

Doch in den nächsten Wochen werden sich viele Wege trennen, Freundschaften zerbrechen. Manche werden sich nie wieder sehen. 1936 beschwört der ehemalige Jagdflieger Ernst Udet seinen Freund Zuckmayer, unbedingt Deutschland zu verlassen; Zuckmayer geht ins Exil, Udet bleibt, doch 1941 erschießt sich Udet, da er das Wohlwollen Görings verspielt hat.

Die Nazis geben [Ernst Udets Suizid] als Unfall aus, und Zuckmayer hört davon im Exil auf seiner Farm in Vermont. Die Nachricht beschäftigt ihn, wie er sich später erinnert, lange, bis er sich schließlich an den Schreibtisch setzt und in knapp drei Wochen den ersten Akt seines Stücks Des Teufels General schreibt. Es ist die Geschichte eines charismatischen Luftwaffengenerals, der Hitler verachtet, ihm aber dient aus falsch verstandener Liebe zu Deutschland und zur Fliegerei. Als der Krieg zu Ende ist, ist das Stück fertig. Es wird zu einem der größten Erfolge Zuckmayers. (S. 21)

Wittstock vermittelt in kurzen, aber anschaulichen Abrissen die Eckdaten der Künstler, ihre Haltung gegenüber dem Nationalsozialismus sowie ihr weiteres Schicksal. Dabei begegnen wir u. a. Brecht, Helene Weigel, Alfred Kerr, Oskar Maria Graf, Alfred Döblin, Ricarda Huch, Carl von Ossietzky, Gabriele Tergit, Egon Erwin Kisch, Gottfried Benn oder den Mitgliedern der Familie Mann.

Wir sehen, wie schwierig es für den einzelnen sein kann, das Gesamtbild in den Blick zu bekommen. Viele können sich lange gar nicht vorstellen, dass ihre ehemals privilegierten Positionen, ihr Ruhm und ihr Erfolg, ihr Können und ihre gesellschaftliche Anerkennung innerhalb weniger Wochen völlig bedeutungslos geworden sind. Die Schauspielerin Therese Giehse, Freundin von Erika Mann, macht sich in einer Probenpause über Hitler lustig und wird prompt denunziert.

Doch Wittstock nimmt genauso den brutalen Straßenterror und die Opfer der Auseinandersetzungen zwischen SA, Kommunisten und SPD-Anhängern in den Blick.

Die Propagandaschlacht eskalierte, als die amerikanische Verfilmung von Im Westen nichts Neues in die deutschen Kinos kam. Am Tag nach der Premiere schickte Goebbels in Berlin und anderen Städten seine SA-Schläger in die Kinos, die Stinkbomben warfen, weiße Mäuse aussetzten, Zuschauer bedrohten oder verprügelten, bis die Vorstellungen abgebrochen werden mussten. Doch anstatt Film und Publikum zu schützen, knickten die Behörden ein und verboten nach fünf Tagen weitere Aufführungen ‚wegen Gefährdung des deutschen Ansehens.‘

Bedrückend auch die Szenen, in denen es um Heinrich Mann und Käthe Kollwitz geht, die aus der Preußischen Akademie der Künste rausgeworfen werden sollten, weil sie den Nazis unliebsame politische Aufrufe unterschrieben hatten. Kollwitz trat freiwillig aus. Mann entschloss sich ebenfalls zum Austritt, um das Fortbestehen der Akademie zu retten. Die Kapitel über das Verhalten der übrigen Mitglieder sowie den wenig subtilen Druck der Nazi-Bonzen lesen sich wie eine Lehrstunde in Demokratie-Demontage.

Die Hoffnungen, Hitler und seine Schergen unter Kontrolle halten und mit ihnen paktieren zu können, erweisen sich als naiv und gefährlich.

Ist der Tyrann samt seinen willfährigen Stiefelleckern erst einmal an der Macht, wird er genau das tun, was er seinen Anhängern versprochen hat (siehe auch die  Verordnung des Reichspräsidenten zum Schutz von Volk und Staat vom 28. Februar 1933). Das Unrecht wird zum Gesetz, es gibt keine Instanz mehr, die das Recht durchsetzt, der politische Gegner, der denkende Mensch, der Sündenbock ist vogelfrei, darf bestohlen, gejagt, eingesperrt, gefoltert und schließlich ermordet werden. Das Böse hat freie Bahn.

Bei einer Wahlkampfkundgebung kündigt der preußische Innenminister Hermann Göring an, wie er mit den Möglichkeiten umgehen wird, die ihm die neuen Notverordnungen einräumen: ‚Meine Maßnahmen werden nicht angekränkelt sein durch irgendwelche juristischen Bedenken. Meine Maßnahmen werden nicht angekränkelt sein durch irgendeine Bürokratie. Hier habe ich keine Gerechtigkeit zu üben, hier habe ich nur zu vernichten und auszurotten, weiter nichts!‘ (S. 218)

Wittstock hat hier ein verdichtetes, lehrreiches und auch spannendes Stück Zeitgeschichte mit zahllosen Querverbindungen vorgelegt, bei dem die denkbaren Parallelen zur Gegenwart schauderhaft beängstigend sind.

Und hier noch ein Werkstattbericht zur Entstehung des Buches.

Passend dazu wäre jetzt ein Besuch der Frankfurter Schirn. Dort läuft zurzeit die Ausstellung Kunst für keinen: DIE SCHIRN BELEUCH­TET MIT 140 WERKEN KÜNST­LE­RI­SCHE BIOGRA­FIEN ZWISCHEN 1933 UND 1945 ABSEITS DES NS-REGIMES.

Fundstück von Kafka

Auch wenn mir das Zitat von Franz Kafka (1883 – 1924) mit der Axt und dem Meer viel zu dramatisch, einseitig und apodiktisch ist, freue ich mich, den Brief gefunden zu haben, aus dem es stammt.

Kafka schrieb am 27. Januar 1904 an Oskar Pollak (1883 – 1915):

Lieber Oskar!

Du hast mir einen lieben Brief geschrieben, der entweder bald oder überhaupt nicht beantwortet werden wollte, und jetzt sind vierzehn Tage seitdem vorüber, ohne daß ich Dir geschrieben habe, das wäre an sich unverzeihlich, aber ich hatte Gründe. Fürs erste wollte ich nur gut Überlegtes Dir schreiben, weil mir die Antwort auf diesen Brief wichtiger schien als jeder andere frühere Brief an Dich – (geschah leider nicht); und fürs zweite habe ich Hebbels Tagebücher (an 1800 Seiten) in einem Zuge gelesen, während ich früher immer nur kleine Stückchen herausgebissen hatte, die mir ganz geschmacklos vorkamen. Dennoch fing ich es im Zusammenhange an, ganz spielerisch anfangs, bis mir aber endlich so zu Mute wurde wie einem Höhlenmenschen, der zuerst im Scherz und in langer Weile einen Block vor den Eingang seiner Höhle wälzt, dann aber, als der Block die Höhle dunkel macht und von der Luft absperrt, dumpf erschrickt und mit merkwürdigem Eifer den Stein wegzuschieben sucht. Der aber ist jetzt zehnmal schwerer geworden und der Mensch muß in Angst alle Kräfte spannen, ehe wieder Licht und Luft kommt. Ich konnte eben keine Feder in die Hand nehmen während dieser Tage, denn wenn man so ein Leben überblickt, das sich ohne Lücke wieder und wieder höher türmt, so hoch, daß man es kaum mit seinen Fernrohren erreicht, da kann das Gewissen nicht zur Ruhe kommen. Aber es tut gut, wenn das Gewissen breite Wunden bekommt, denn dadurch wird es empfindlicher für jeden Biß. Ich glaube, man sollte überhaupt nur solche Bücher lesen, die einen beißen und stechen. Wenn das Buch, das wir lesen, uns nicht mit einem Faustschlag auf den Schädel weckt, wozu lesen wir dann das Buch? Damit es uns glücklich macht, wie Du schreibst? Mein Gott, glücklich wären wir eben auch, wenn wir keine Bücher hätten, und solche Bücher, die uns glücklich machen, könnten wir zur Not selber schreiben. Wir brauchen aber die Bücher, die auf uns wirken wie ein Unglück, das uns sehr schmerzt, wie der Tod eines, den wir lieber hatten als uns, wie wenn wir in Wälder verstoßen würden, von allen Menschen weg, wie ein Selbstmord, ein Buch muß die Axt sein für das gefrorene Meer in uns. Das glaube ich.

Aber Du bist ja glücklich, Dein Brief glänzt förmlich, ich glaube, Du warst früher nur infolge des schlechten Umgangs unglücklich, es war ganz natürlich, im Schatten kann man sich nicht sonnen. Aber daß ich an Deinem Glück schuld bin, das glaubst Du nicht. Höchstens so: Ein Weiser, dessen Weisheit sich vor ihm selbst versteckte, kam mit einem Narren zusammen und redete ein Weilchen mit ihm, über scheinbar fernliegende Sachen. Als nun das Gespräch zu Ende war und der Narr nach Hause gehen wollte – er wohnte in einem Taubenschlag -, fällt ihm da der andere um den Hals, küßt ihn und schreit: danke, danke, danke. Warum? Die Narrheit des Narren war so groß gewesen, daß sich dem Weisen seine Weisheit zeigte.-

Es ist mir, als hätte ich Dir ein großes Unrecht getan und müßte Dich um Verzeihung bitten. Aber ich weiß von keinem Unrecht.

Dein Franz

Zitiert nach: Hans Jürgen Balmes (Hrsg.): Mein Erstes Buch – Autoren erzählen vom Lesen, Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt am Main 2002, S. 139 – 140

Aus: Franz Kafka: Briefe 1900 – 1912. Hg. Von H. G. Koch, Fischer Verlag 1999

Fundstück von Margrit Baur über das Nichtstun

Nichtstun bedeutet: eine Weile alles lassen, wie es ist. Mit Ärger und Wut im Bauch ist es nicht zu machen. Voraussetzung ist ein bißchen Nachsicht: gegenüber sich und der Welt. Eine unmerkliche Verschiebung der inneren Gewichte. Weil die Sonne scheint. Weil ich gut geschlafen habe. Weil mir ein Satz geglückt ist. Da wächst hinter der Vorsicht ein schüchternes Vertrauen auf, und ich kann die Hände öffnen, alle Pläne fahrenlassen, stillhalten. […] Ich finde Nichtstun eine wunderbare Sache. Ein wenig wie Kopfstehen: die Perspektiven werden durcheinandergerüttelt, und wenn man wieder auf die Füße kommt, sieht alles anders aus. Und außerdem (aber vielleicht wäre das eine Hauptsache) enthält es einen Keim zum Aufruhr, da es sich wirtschaftlich nicht verwerten läßt.

aus: Margrit Baur: Überleben, Suhrkamp, Frankfurt 1981, S. 152

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Fundstück von Reiner Kunze

Mir in der  Tat jedes Buch beschaffen zu können, das ich lesen will, gehört zu den Grundelementen des Gefühls, ein freier Mensch zu sein.

aus: Hans Jürgen Balmes (Hrsg.): Mein Erstes Buch – Autoren erzählen vom Lesen, Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt am Main 2002, S. 86

Margrit Baur: Überleben (1981)

Dieses spröde, strenge und doch so spannende Buch der Schweizer Schriftstellerin Margrit Baur (1937 – 2017) mit dem Untertitel Eine unsystematische Ermittlung gegen die Not aller Tage wäre mir ohne die Empfehlung von Magda Birkmann in ihrem Jahresrückblick nie untergekommen. 

Margrit Baur, zu der es im Netz nur dürftige Infos gibt, wird in diversen Literaturgeschichten erst gar nicht genannt. Ihre Werke sind nur noch antiquarisch zu bekommen.

Die Ich-Erzählerin hält quasi protokollarisch fest, wie sie dagegen anrennt, Lohnarbeit verrichten zu müssen, obwohl sie etwas ganz anderes tun möchte, nämlich schreiben. Schon auf der ersten Seite heißt es:

Nächstes Jahr werde ich vierzig. Das Behagen, das ich mir vom Älterwerden erhoffte, hat sich nicht eingestellt. Ich habe mich nicht gewöhnt: nicht an die Welt, nicht an mich in ihr. Ich habe versucht nachzuhelfen, mich einzurichten: fester Wohnsitz, festes Einkommen, fester Freund; ich habe mich mit all dem Festen zusammengerührt und gewartet, daß ein Behagen draus werde. Es wurde nicht. (S. 7)

Die unsystematische Ermittlung hangelt sich assoziativ an ihrem täglichen Ergehen entlang, da geht es immer wieder um die eintönige und verhasste Arbeit als Korrektor für Zeitungsanzeigen. Dieses Nebeneinander von Lohnarbeit und Schreiben kennzeichnete im Übrigen auch das Leben der Autorin.

Ich weiß: Ich und was mir passiert, das ist nichts Besonderes. Doch statt daß mich das tröstet, bringt es mich auf. Ich sehe: die Ohnmacht, die sich aus der Tatsache ihrer Alltäglichkeit und Allgemeinheit selbst sanktioniert. Was alle täglich leiden, kann kein Leiden sein. Das Nicht-Besondere ist nicht der Rede wert. Man kennt es und will es vergessen. (S. 107)

Aber auch der „echolose Raum“ der Einsamkeit wird zum Thema, die Unmöglichkeit, mit Hilfe der Sprache in Kontakt zu kommen, sich so auszudrücken, dass ein Missverstehen ausgeschlossen ist.  Gleichzeitig gibt sie zu: 

Aber es stimmt schon: Ich habe die Menschen nicht sehr gern. (S. 30)

Was mich täglich überrascht, ist die Unbefangenheit, mit der die Leute Gespräche führen. (S. 22)

Die Erzählerin beschreibt das Wetter oder macht sich ihre Gedanken zur Trennung zwischen privat und öffentlich und zur Distanz, die sie gegenüber ihren Kollegen empfindet. Sie versucht der Entfremdung zwischen ihr und ihrem Freund auf den Grund zu gehen, der ansonsten – so wie andere Bekannte oder Familienmitglieder – außen vor bleibt, und erwähnt die Bemühungen um eine andere Arbeitsstelle.

Hier will jemand seiner „Beklommenheit auf die Spur kommen“ (S. 13), und das scheint nur aus einer bestimmten Distanz heraus möglich zu sein. Das liest sich streckenweise spröde, sehr häufig in der „man“-Formulierung und manchmal sich selbst entfremdet, wenn die Ich-Erzählerin beispielsweise einen Kollegenausflug schildert, bei dem die Möglichkeit auf echte oder freundschaftliche Begegnung von vornherein kategorisch ausgeschlossen wird. Sie weiß sowohl um die Gefahr, zynisch zu werden, als auch um die Gefahr des Rückzugs.

Schon fange ich an, mich im Dämmer der verdunkelten Wohnung wohl zu fühlen. Eine Art Höhlengeborgenheit stellt sich ein. Abgeschieden vom Draußen und nun wirklich herausgelöst aus aller Umwelt, entdecke ich den gefährlichen Reiz des Rückzugs. Daß ich den Demütigungen und Verletzungen so gänzlich entzogen bin, scheint sogar den Verzicht auf mögliche Verständigung aufzuwiegen. (S. 43)

Meine freien Tage verbringe ich fast ausschließlich lesend – auch das eine Form der Betäubung und der Flucht. Ich mag mich nicht meinen eigenen Gedanken überlassen; denn am Ende aller Überlegungen steht die Notwendigkeit, mein Leben zu ändern, neben der Unmöglichkeit, es zu tun. Ich sitze fest. Wer würde dieser Einsicht nicht davonlaufen wollen? (S. 93)

Ein Erzählen fast ohne Spannungsbogen, ohne Handlung, aber um jeden Satz, jede Formulierung kämpfend, als ob da jemand ständig mit dem Kopf durch die Wand will und empört darüber ist, dass die Gesellschaft ihr die Zeit mit sinnlosen Tätigkeiten stiehlt, nur damit sie ein halbwegs ausreichendes Einkommen hat. Manchmal scheint sie geradezu beleidigt, dass man ihren wahren Wert nicht besser zu schätzen weiß, ihr mit fast 40 Jahren nichts Adäquates anzubieten hat. Natürlich hat auch sie für dieses Dilemma keine Lösung oder einen neuen Gesellschaftsentwurf parat. Gleichzeitig beeindruckt mich, dass sie sich nicht gewöhnen und abfinden will.

So viel, das ich noch will. Auch in diesen Herbst hinaus will ich, der mir jeden Morgen seine durchsichtigen Nebel vors Fenster hängt. […] Zwischen Wasser und Wald den verschwimmenden Umrissen der Hügel nachsinnen und mich selbst für eine Weile ins Unscharfe betten. Zeit haben. Still das Gesicht hinhalten, wenn beim unvermittelten Durchbruch der Sonne aller Glanz über mich herabstürzt. (S. 178)

Sie besteht auf einem inneren Raum, der nur ihr gehört, auch wenn sie darunter leidet, dass die alltägliche Arbeit im Büro sie müde macht und dann eigene kreative Arbeit kaum mehr möglich ist. Nur selten die Muße, etwas zu tun, was niemandem nützt.

Das Gescheite hängt mir zum Hals heraus. Ich werde mich jetzt über die Ansprüche der seriösen Leute hinwegsetzen und ein Bild malen. In Öl. Das kann ich zwar auch nicht, aber ich mache es gern. (S. 149)

Selten habe ich mir in einem so schmalen Band so viele Stellen markiert wie hier. 

Es ist wahr, meine Situation ist nicht danach, um mit Begeisterung Ich zu sagen. Ich bin nicht sehr überzeugt von der Person, die da in meinen Schuhen herumläuft. Aber trotzdem müßte sie als ein lebendiges, atmendes Wesen in irgendeiner Weise dingfest zu machen sein. Sie kann sich nicht dauernd außerhalb meiner Formulierungen herumdrücken, nur weil sie Angst hat vor dem Befund. (S. 17)

Am Ende möchte man sich in Nachahmung Baurs jeden Tag ein wenig Zeit nehmen und versuchen, so präzise, so unmissverständlich und schonungslos wie einem eben möglich, ein Fazit des Tages zu ziehen.

Weiterreden. Auch wenn mich das Klimpern in den eigenen Sätzen manchmal entmutigt. Das Schwätzen ist nicht so leicht abzustellen. (S. 143)

Man kann sich um das mühsame Schritt-vor-Schritt seiner Tage nicht drücken. Das will nun gelebt sein, und keiner nimmt es uns ab. (S. 167)

Nicht nur in dem zum Ausdruck gebrachten Unbehagen an fremdbestimmter und oft genug sinnfreier Tätigkeit empfinde ich das Buch als zeitlos:

Wenn mich schon vom Montagmorgen an nur die Erwartung eines noch sehr fernen Freitagabends aufrechterhält, […] wenn der ganze Arbeitstag hinterher nur eine Leerstelle im Gedächtnis ist, so kann man das möglicherweise überstehen – leben kann man das nicht. Da erweist sich jeder Tag als ein Loch, am Abend notdürftig zugeschüttet, doch am Morgen fällt man auf neue hinein. (S. 52)

Was für eine Welt, in der für Unzählige der Begriff von Freiheit mit dem Freitagabendgefühl identisch ist. (S. 32)

Kurz gesagt: Das Buch gehört neu aufgelegt. 

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Fundstück von Hans Jürgen Balmes

Jeder von uns hat irgendwann diese Liste [der Bücher, von denen man annimmt, sie in seinem Leben leider nicht mehr lesen zu können] im Kopf, trotzdem darf man die Ruhe nicht verlieren und die Lektüre fahrig werden lassen.

aus: Hans Jürgen Balmes (Hrsg.): Mein Erstes Buch – Autoren erzählen vom Lesen, Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt am Main 2002, S. 87

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Fundstück von Dieter Forte

Ich kann mich so sehr in einer Lesewelt verlieren, daß mir die wirkliche ganz fremd wird – was ja gefährlich sein kann, wenn man zum Beispiel aus einem Roman kommt, in dem es keine Autos gibt, und man über die Straße muß.

aus: Hans Jürgen Balmes (Hrsg.): Mein Erstes Buch – Autoren erzählen vom Lesen, Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt am Main 2002, S. 39

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Fundstück von Gerhard Roth

Jeder Leser und jeder wirklich leidenschaftlich Reisende empfindet das Lesen oder eben das Reisen als eine Art Desertieren aus seinen Lebensumständen. Ist man ein guter Reisender, verläßt man sein Zuhause mit dem winzigen Hintergedanken, nie mehr zurückzukehren. […] Die Würze einer Reise ist doch, irgendwohin zu gehen, wo Rückkehr keine Rolle mehr spielt. Sie ergibt sich ja automatisch, aber beim Aufbruch muß sie einem gleichgültig sein.

aus: Hans Jürgen Balmes (Hrsg.): Mein Erstes Buch – Autoren erzählen vom Lesen, Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt am Main 2002, S. 21

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Maria Wellershoff: Von Ort zu Ort – eine Jugend in Pommern (2010)

Meine Aufzeichnungen sollen nicht nur ein kleiner persönlicher Beitrag sein, in dem ich mich bemüht habe, das eigene Schicksal mit der Zeit- und Kriegsgeschichte zu vernetzen, sondern sie sind auch eine Liebeserklärung an die verlorene pommersche Heimat, an Trieglaff und Vahnerow. (S. 11)

Zunächst tat ich mich schwer mit der spröden, oft eher nüchternen Erzählweise der Kunsthistorikerin und Lektorin, die möglicherweise auch daher rührt, dass die Erinnerungen erst sechs Jahrzehnte nach den Geschehnissen festgehalten wurden (auch wenn unzählige Briefe – vor allem an das ehemalige Kindermädchen Inga – und tagebuchartige Einträge in ihren Taschenkalendern als Gedächtnisstütze vorhanden waren).

Es war, als ob sich auch Maria Wellershoff (1922 – 2021; geborene von Thadden) erst an ihre Geschichte hat herantasten müssen, indem sie die Gebäude und Funktion der verschiedenen Räume von Schloss und Gutshof beschreibt, in denen sich ein Großteil ihrer Kindheit abgespielt hat.

Man sollte sich also von den ersten Seiten nicht abschrecken lassen, denn irgendwann springt der Funke über, sind doch die Lebenserinnerungen der Maria Wellershoff an ihre Kindheit und Jugend wie ein Fernrohr in eine gänzlich andere Welt, die durch die Zeit des Nationalsozialismus und den Zweiten Weltkrieg endgültig verschwunden ist. Ehrlich geschrieben, diskret, manchmal selbstironisch, nie larmoyant, mit einer Reihe Fotos, einem hilfreichen Stammbaum und einer Landkarte zum Nachschlagen der Ortsnamen.

Maria Wellershoff war eines der Kinder von Adolf Gerhard Ludwig von Thadden-Trieglaff (1858 – 1932, alter pommerscher Adel) und seiner zweiten,  Jahrzehnte jüngeren Ehefrau, der Lehrerin Anna Barbara Blank (1895 – 1972).

Maria erzählt von ihrer eher spartanisch-sparsamen Kindheit auf dem Schloss in Trieglaff und später auf dem Gut in Vahnerow. Kleider wurden von Schwester zu Schwester weitergereicht, das Geld war durchaus knapp in der Familie des adligen Landrats. Der Vater spielte schon aufgrund seines Alters keine nennenswerte Rolle im Leben Marias. Er scheint vor allem erpicht darauf gewesen zu sein, dass sich die sechs Kinder aus der „zweiten Serie“ im Haus leise verhielten, damit er nicht von Kinderlärm gestört wurde, schließlich hatte er bereits fünf erwachsene Kinder aus erster Ehe. Diese waren – ebenso wie die weitere Verwandtschaft – nicht besonders glücklich über Tadden-Trieglaffs zweite Eheschließung mit der fast 40 Jahre jüngeren Frau gewesen, war Stiefmutter Barbara doch in ihrem Alter. Und dazu noch eine Bürgerliche.

Wir lesen, dass die Kinder frühestens ab sechs Jahren mit den Eltern zu Mittag essen durften, wenn man davon ausgehen konnte, dass sie über passable Tischmanieren verfügten. Sprechen war nur erlaubt, falls man sie etwas gefragt hatte. Es verwundert nicht, dass später unzählige Briefe Marias eher an das ehemalige Kindermädchen und die spätere Freundin der Familie, Irmgard (Inga) Meyer, gerichtet waren, die 1928 mit 18 Jahren als ausgebildete Kindergärtnerin in die Familie gekommen war.

Man lud zu geselligen literarischen Abenden ein, ging auf die Jagd und Jungen wurden ganz selbstverständlich bevorzugt. Ihr Bruder Adolf bekam mit sieben Jahren ein Reitpferd, wie sich das für den Sohn des Gutsbesitzers gehörte. Doch er war daran gar nicht interessiert. Und nur deshalb kam Maria in den Genuss, ein eigenes Pony zu haben.

Mit den „einfachen“ Arbeitern oder gar deren Kindern im Dorf hatte man keinen Kontakt und Adolf und Maria wurden von der Pfarrersfrau im Pfarrhaus unterrichtet. Eine Schultüte gab es nur für den Bruder. Als Maria den etwas älteren Bruder beim Lernen einholte, wurden sie dennoch weiterhin getrennt unterrichtet, es wäre sonst möglicherweise für den Jungen ein Gesichtsverlust gewesen, wenn die Schwester rascher gelernt hätte.

Kindliche Beschäftigungen, die traumatische Entfernung der Mandeln (die Betäubung hatte nicht ganz ausgereicht), Besuche auf den Nachbargütern, Schwimmen im See, Scharaden, Handarbeiten (ganz wichtig, vor allem wenn die Herren vorlasen), Urlaube an der Ostsee in Kolberger Deep. Der Zusammenhalt der Schwestern.

Es geht mit diversen – eher trostlosen – Schul- und Internatserfahrungen weiter. Nach der Untertertia am Greifenberger Gymnasium der Wechsel in das Internat, das Freiadlige Magdalenenstift in Altenburg in Thüringen, in dem die jüngste Schwester des Vaters von 1908 bis 1932 Pröpstin war. Dort erwirbt Maria den Realschulabschluss.

Der erste Blick in den großen, kahlen Schlafsaal war bestimmt schockierend: ein weiß gekalkter, schmuckloser Raum mit zwölf oder dreizehn schwarzen Eisenbetten, auf denen weißes Bettzeug lag. In einer Ecke war ein Holzverschlag, das sogenannte Kabuff, abgeteilt, olivgrün gestrichen, mit undurchsichtigen Glasfenstern: der karge Schlafplatz für eine Lehrerin, deren Aufgabe es war, für Ruhe zu sorgen, den Mädchen das leise Schwatzen zu verbieten. (S. 158)

Jede Schülerin hatte einen vielleicht eineinhalb Quadratmeter großen Platz, auf dem ein Tischchen mit Schubfach für die Waschutensilien stand, darauf eine Blechschüssel, darunter eine ovale Fußwanne. Einen Schemel hatte man auch. Man konnte, wenn man sich wusch, graue, an Eisenstangen befestigte Vorhänge zuziehen, man tat es aber nicht (außer man hatte „seine Tage“), damit gegenseitige Kontrolle möglich war. Wenn sich ein schamhafter Neuling vor fremden Blicken schützen wollte, wurden die Vorhänge rücksichtslos von älteren Schülerinnen zur Seite gezogen. (S. 159)

Auch wenn in Marias Internatsklasse von den 26 Schülerinnen „nur“ fünf oder sechs im BDM waren: Der Antisemitismus der Nationalsozialisten trat immer deutlicher zutage. Trotz der Hausschneiderin musste hin und wieder auch Kleidung gekauft werden:

Konfektion wurde im Kaufhaus Löwenberg gekauft, dem einzigen größeren Textilgeschäft in Greifenberg. Als vor dem Kaufhaus ein großes Schild stand mit der Aufschrift ‚Kauft nicht beim Juden‘ – das war im April 1933, kurz nach der Machtübernahme der Nazis – kümmerte sich unsere Mutter nicht darum, sie nahm mich an die Hand und ging mit mir in das Geschäft. Niemand hätte es gewagt, sie, die Frau Landrat, daran zu hindern. (S. 108)

Marias politisch liberal eingestellte Mutter war in ihrer konsequenten Ablehnung des Antisemitismus und ihrer kritischen Haltung gegenüber den Nazis für sie ein Vorbild. 1938 stellt die Mutter das Geld einer ihr aus England zugedachten Erbschaft zwei jüdischen Ärzten und deren Frauen als Bürgschaft zur Verfügung. Ohne diese Bürgschaft hätten die zwei Ehepaare nicht in die USA einreisen dürfen.

Eine wichtige Rolle bei Marias Ablehnung des Nazi-Regimes spielte sicherlich auch ihre Halbschwester Elisabeth von Thadden (1890 – 1944). Diese stand ebenfalls der Bekennenden Kirche nahe, war im Widerstand aktiv und wurde nach regimekritischen Äußerungen von dem Gestapo-Spitzel Paul Reckzeh denunziert, anschließend verhaftet und durch Freisler 1944 zum Tod durch Enthaupten verurteilt. Erst Monate später erfährt Maria, dass nicht die Gefängnisverwaltung ihr ein letztes Treffen mit Elisabeth verboten, sondern Elisabeth selbst ihren Besuch abgelehnt hatte.

Sie wollte nicht, dass ich sie in diesem demütigenden Zustand sähe: mit kurzgeschorenen Haaren, im gestreiften Sträflingskleid, abgemagert, mit eiternden und blutigen, von den Eisenfesseln aufgescheuerten Handgelenken. So sollte ich sie nicht in Erinnerung behalten. Wie hätte ich, einundzwanzig Jahre alt, auf diesen Anblick, auf den ich nicht vorbereitet war, reagiert? (S. 370)

Zwischen den Zeilen klingt dann noch mehr von der komplizierten Familienstruktur an. Wenn es beispielsweise heißt „Ado [Spitzname ihres Bruders Adolf], der wenig ältere Bruder, hat sich dem mütterlichen Einfluss früh entzogen.“ (S. 146), so ist das sicherlich auch eine Anspielung darauf, dass Adolf von Thadden nach dem Krieg in diversen rechtsextremistischen Parteien aktiv war und schließlich Bundesvorsitzender der NPD wurde.

Ihr Halbbruder Reinold von Thadden (1891 – 1976) hingegen trat der Bekennenden Kirche bei und war Gründer des Evangelischen Kirchentages.

Als Kriegsgefangene und später auch Zwangsarbeiter aus der Ukraine auf dem heimischen Gut einquartiert wurden, hat Marias Mutter dieser Aufgabe versucht, gewissenhaft und menschlich nachzukommen. Sie sorgte dafür, dass zwei ukrainische Frauen ihre Babys verstecken konnten anstatt sie bei einer NS-Dienststelle abzugeben.

Beim Einmarsch der russischen Truppen Anfang März 1945 haben sich die Ukrainer schützend vor unsere Mutter, Baba [Schwester Barbara] und das Hauspersonal gestellt. Den unbeliebten Inspektor gaben sie sofort ‚zum Abschuss frei‘. (S. 237)

In Berlin bereitet sich Maria auf ihre Abiturprüfung vor, nimmt Reitstunden und genießt die nach wie vor geöffneten Theater, Kinos und die Oper. Nach dem Abitur beschließt sie Kunstgeschichte, Geschichte und Archäologie zu studieren, zunächst in Freiburg, dann Leipzig, unterbrochen von Arbeitseinsätzen beim Arbeitsdienst.

Noch 1944 genießt man auf den pommerschen Gutshöfen Tanztees und isst Kuchen mit den Soldaten auf Heimaturlaub. Besonders schön, wenn man dabei nicht nur auf das Grammophon angewiesen war, sondern sich ein Pianist fand, der

sich an den Flügel setzte, den es in jedem Gutshaus gab, und die Walzer, Tangos und Foxtrotts spielte, temperamentvoll und laut. (S. 346)

Marias letzter Studienort während des Krieges ist – und ich war ein bisschen verblüfft – Prag, wo die tschechischen StudentInnen schon nicht mehr studieren durften, was sie zwar ungerecht und verwerflich findet, sie aber nicht von Prag abbringen kann, das sie als sicher empfindet.

Bei einem ihrer Ausflüge zusammen mit einer Freundin kommen sie am Konzentrationslager Theresienstadt vorbei.

Am Ortseingang wies ein großes Schild darauf hin, dass die Mindestgeschwindigkeit von sechzig Stundenkilometern bei der Durchfahrt eingehalten werden muss. Der Grund: Niemand sollte bei langsamem Fahren Gelegenheit haben, sich das KZ genau anzusehen. (S. 359)

Den Zug von traurigen Häftlingen, der ihnen auf der anderen Straßenseite entgegenkommt, hat sie ihr Leben lang nicht vergessen.

Einige der bizarrsten Szenen des Buches, die den Irrsinn und die Verblendung des Nationalsozialismus in dieser Lebensgeschichte wie in einem Brennglas einfangen, spielen in Tschechien. Ein Professor in Prag will seine Studentinnen vor unsinnigen und den Krieg möglicherweise noch verlängernden Einsätzen in der Rüstungsindustrie  bewahren. Dafür bietet er ihnen z. B. zügige Dissertationsmöglichkeiten an. Maria und eine gute Freundin bekommen eine andere Aufgabe: Im Auftrag einer SS-Dienststelle sollen sie in beschlagnahmten und enteigneten tschechischen Schlössern Kunstobjekte, Möbel, kostbares Geschirr, Gemälde und Teppiche, inventarisieren. Auf dass die Enteigneten nicht etwa noch etwas von ihrem Eigentum mitnahmen. Und das alles noch bis ins Jahr 1945 hinein, als der Krieg längst verloren war. In einem der beschlagnahmten Schlösser hatten sich Offiziere und Soldaten wohnlich eingerichtet und übten mit den edlen Pferden des rechtmäßigen Besitzers sogar die „komplizierten Schritte der Wiener Hofreitschule.“ (S. 390)

Als die Front näher rückt, kann ihr Bruder Ado sie gerade noch rechtzeitig unter dem Deckmantel eines angeblichen militärischen Auftrags aus Prag herausholen. Die beiden Geschwister kommen kurzzeitig in amerikanische Gefangenschaft und treffen schließlich einen Großteil der überwiegend ausgebombten Familienmitglieder in Göttingen. Als Ado versucht, Schwester Baba und die Mutter aus Pommern herauszuholen, gerät er in polnische Gefangenschaft, aus der er erst ein Jahr später entkommen kann. Baba und die Mutter werden 1946 aus Pommern ausgewiesen. Deren Hoffnung, die Heimat für ihre Kinder zu erhalten, war damit endgültig gescheitert.

Nach der Ermordung unseres Bruders Gerhard am 2. Oktober 1945 im Wald bei Hannoversch-Münden und dem allmählichen Begreifen, dass die pommersche Heimat endgültig verloren war, habe ich nichts mehr notiert, nie wieder einen Taschenkalender besessen. (S. 19)

Nach Kriegsende setzt Maria von Thadden ihr Studium in Göttingen fort und lernt dort ihren späteren Mann, den Literaturtheoretiker und Schriftsteller Dieter Wellershoff, kennen.

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Sven Stricker: Sörensen hat Angst (2016)

Da hatte ich doch im Januar 2021 die Erstausstrahlung von Sörensen hat Angst, des preisgekrönten Regiedebüts von Bjarne Mädel, verpasst. Aber diese Panne ließ sich dank Mediathek beheben, anschließend festgestellt, dass es sich dabei um die Verfilmung eines Kriminalromans des Schriftstellers und Hörspielregisseurs Sven Stricker handelt. Buch gekauft, gelesen und danach die zwei weiteren bisher erschienenen Bände inhaliert.

Ab sofort kann Stricker meinetwegen bis zu meiner und Sörensens Pensionierung Sörensen-Krimis schreiben, denn das dürfte das erste Mal sein, dass ich einen Kriminalroman gleich wieder von vorn beginnen würde, obwohl ich die Auflösung ja jetzt kenne. Vermutlich fallen einem dann noch viele weitere feine Details auf.

Und natürlich müssen die weiteren Bände von und mit Bjarne Mädel verfilmt werden. Doch um was bzw. wen geht es nun eigentlich?

Sörensen ist ein mittelalter Kriminalhauptkommissar mit einer veritablen Angststörung, die ihm schon sein Familienleben geschreddert hat. Seine Frau hat sich von ihm getrennt und seine kleine Tochter Lotta sieht er dementsprechend viel zu selten. Um allmählich wieder Tritt im Berufsleben zu fassen, nachdem er psychisch angeschlagen längere Zeit hatte aussetzen müssen, lässt er sich von Hamburg nach Katenbüll in Nordfriesland versetzen.

Dort, so hofft er, kann er eine ruhige Kugel schieben, doch – wie könnte es anders sein – schon kurz nach seiner Ankunft wird der Bürgermeister Katenbülls in seinem eigenen Pferdestall ermordet aufgefunden. Und so muss Sörensen, der schließlich seine Angststörung immer noch im Gepäck hat, sich möglichst rasch mit seiner Mitarbeiterin Jennifer Holstenbeck und dem Streber-Praktikanten Malte Schuster zusammenraufen, um herauszufinden, was tatsächlich in dieser eher trostlos wirkenden Kleinstadt vor sich geht.

Was mich hier so beeindruckt – und das gilt genauso für die weiteren Bände Sörensen fängt Feuer (2018) und Sörensen am Ende der Welt (2021) – ist diese hinreißend lässige, süchtig machende Mischung aus lakonischem Understatement und den differenziert ausgearbeiteten Figuren, die einem bei der Lektüre unversehens zu Menschen aus Fleisch und Blut werden, an deren Ergehen man Anteil nimmt. Ja, und spannend ist das Ganze natürlich auch, mit toll ausgearbeitetem Plot, zumal der Autor seine Fälle da ansiedelt, wo das gesellschaftliche Grauen hinter unseren spießigen deutschen Fassaden wohnt.

Stricker nimmt sich Zeit für seine Figuren, es geht weder um schnelle Action, Gemetzel oder billigen Klamauk. Selbst im Stau mit Sörensen zu stehen ist nicht langweilig, da Sörensen sein Gedankenkarussell nur ganz schlecht anhalten kann:

Kurz bevor sein Unmut autoaggressive Züge annehmen konnte, versuchte er die andere Seite zu betrachten, wie man es ihm geraten hatte. Vielleicht hatte es einen Unfall gegeben, dachte er. Das war bestimmt kein menschliches Versagen hier, sondern ein Unfall. Genau. Ein Unfall. Stand ja niemand freiwillig dumm in der Gegend herum. Schlimm war das. So ein Unfall. Viel schlimmer, als einfach nur sinnlos herumzustehen und sich selbst auf die Nerven zu gehen. Irgendjemandem da vorne ging es jetzt wahrscheinlich richtig schlecht. Vielleicht sogar mit Blut, Schweiß und Tränen und eingedrückter Windschutzscheibe. Da wollte er mal besser nichts gedacht haben. Und übte sich in Gleichmut, während seine Finger sich ins Lenkrad krallten. (S. 16)

Sörensen ist aber auch ein Kämpfer, der sich nicht von seiner Angst unterkriegen lassen will. Er beobachtet und hinterfragt quasi pausenlos sich und sein Tun und steht sich damit natürlich oft genug selbst in der Sonne, wobei es in Katenbüll sowieso meistens regnet. Und Cord mag ich auch. Natürlich.

‚Denn jeder Kopf ist ein eigenes Universum. Für Menschen, die noch nie in Katenbüll waren und nie etwas darüber gelesen oder gehört haben, existiert das gar nicht. Katenbüll. Unabhängig davon, ob da irgendwo ein paar Steine und Menschen in der Gegend herumstehen oder nicht. Was sich nicht in deinem Gehirn festsetzt, ist nicht da. Zumindest nicht in deiner Welt. Es gibt nichts außerhalb deines eigenen Gehirns. Wir sind alle in sich abgeschlossene Systeme. Verstehst du, was ich meine?‘ Jennifer zeigte ihm den Vogel […] ‚Philosophie-Grundkurs auf der Müllkippe. Super, Sörensen. Ich würd jetzt gerne mal raus hier.‘ Sörensen nickte. Das war eine angemessene Reaktion, das musste man zugeben. (S. 208)

Hier noch ein Interview mit Stricker und Mädel, das auch auf die Rolle der Angststörung, an der Sörensen leidet, näher eingeht.

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Rückblick aufs Lesejahr 2021

Auch dieses Jahr möchte ich einen Blick auf das vergangene Lese- und Blogjahr sowie auf gute Vorsätze werfen, bevor ich mir dann die immerneue Frage stelle, was ich als nächstes aus dem Regal ziehe.

Ich traue mich kaum, das so hinzuschreiben, weil es dann real wird; ich möchte erst einmal keine weiteren Bücher kaufen. Das ist kein Kokettieren mit meiner Buchkauflust, sondern der Einsicht geschuldet, dass ich mich inzwischen immer wieder selbst überrasche mit dem, was ich so alles in den Regalen finde, und ich außerdem ca. 180 Jahre alt werden müsste, um hier alles wegzulesen. Und irgendwann ist der Platz dann auch in der schönsten Hütte wirklich mal knapp. (Mein Mann meint, ich solle aber wenigstens ehrlicherweise erwähnen, dass ich mich deshalb im Dezember noch mal kräftig eingedeckt habe. Pffffht.)

Aber noch etwas anderes treibt mich um: Dies wird mein 10. Rückblick. Inzwischen hat sich doch einiges in der BloggerInnenlandschaft verändert. Einige neue tolle Blogs wie Kulturbowle sind dazu gekommen; andere haben sich zurückgezogen oder sind zu anderen Kanälen abgewandert. Ein großes Stück Leichtigkeit und Feinheit ist der Bloggerszene seit dem Tod von Petra Gust-Kazakos verloren gegangen. 

Dann wieder sinniere ich darüber, dass ich in der Zeit, die ich für einen Artikel benötige, genauso gut das nächste Buch hätte beginnen können. Überhaupt, die Zeit… Dem ein oder andern sind meine Beiträge zu lang, dem anderen enthalten sie vielleicht zu viele englische Zitate. Inzwischen stelle ich mir also ab und an die Sinnfrage. Wir werden sehen…

Doch nun zum eigentlichen Rückblick auf meine Bücher-Highlights des Jahres 2021.

Wiedergelesen habe ich dieses Jahr leider nur ein Buch, das hätte ich mir anders gewünscht

Folgende Krimis fand ich prima bis großartig

Wichtiges und knackiges Sachbuch zur Geschichte

  • Martin Pollack: Kaiser von Amerika – Die große Flucht aus Galizien, Deutscher Taschenbuch Verlag München, 2013

Freundliche Bücher

Seit letztem Jahr gibt es bei mir die Kategorie der freundlichen Bücher, also Bücher, die Menschenzugewandtheit ausstrahlen, was bitte nicht mit Sentimentalität oder Plattheit gleichzusetzen ist:

Romane, die mir außerdem im Gedächtnis bleiben

Und dann entwickelte sich – gar nicht groß geplant – eine kleine Reihe zu dem Schwerpunkt „Frauen und Literatur“

In dieser „Frauen und Literatur “-Reihe hat mich die Biografie von Paula Byrne zu Barbara Pym am meisten beeindruckt und mich daran erinnert, dass ich unbedingt mehr von Pym lesen möchte.

Zu diesem Themenkreis finden sich auf meinem Blog noch die folgenden Biografien und Autobiografien

Allen LeserInnen an dieser Stelle ein kräftiges Dankeschön für eure Besuche und Kommentare und auch für die (leider) unzähligen tollen, verführerischen Tipps und Anregungen auf euren eigenen Blogs, denen ich oft leider kein bisschen widerstehen konnte. Siehe oben, Stichwort gute Vorsätze. 

Kommt alle wohlbehalten ins neue Jahr, das euch reich beschenken möge, und habt immer ein gutes Buch anbei.

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Paula Byrne: The Adventures of Miss Barbara Pym (2021)

Die Biografie von Paula Byrne zu der britischen Schriftstellerin Barbara Mary Crampton Pym, die durch diverse Neuübersetzungen allmählich auch in Deutschland bekannter wird, ist eine riesengroße Lesefreude. Informativ, unterhaltsam und auch beglückend, da steckt das ganze Leben drin. Die über 600 Seiten lasen sich weg wie nichts. Oder genauer gesagt, wie ein Roman selbst.

Man nimmt an Pyms Leben Anteil, weil es der schwungvollen, aber nicht unkritischen Biografin gelingt, eine für Pym angemessene Form und Sprache zu finden. Hier passt einfach alles: der Stil, die Recherche, die einem – wenn man nicht aufpasst – gleich wieder Bücher auf die Wunschliste setzt, sowie ein interessantes Leben der Hauptperson mit seinen diversen Höhen und Tiefen, eingebettet in sich rasant ändernde gesellschaftliche Rahmenbedingungen. Dazu kommt, dass Byrne auf viele Briefe und Tagebücher zurückgreifen kann, aus denen man so wunderbar zitieren kann.

Barbara Pym wurde 1913 geboren, ihr Vater war Anwalt. Die Familie kann ihren beiden Töchtern – Barbaras Schwester Hilary wurde 1916 geboren – ein Studium in Oxford finanzieren, wobei damit zunächst nicht zwingend eine berufliche Tätigkeit angestrebt wurde. Barbara träumt jedoch schon als Studentin davon, Schriftstellerin zu werden.

Im Nachhinein kann man vermutlich von Glück sprechen, dass ihr erster Roman Some Tame Gazelle – den sie schon 1934 geschrieben hat – erst 1950 veröffentlicht wird. Bis dahin hatten ihr Freunde, eigene Einsicht und die politische Entwicklung deutlich genug vor Augen geführt, dass die politisch naiven Szenen des Buches, die im Nazi-Deutschland der 1930er Jahre spielten und den Nationalsozialismus eher als drollige Randerscheinung abtaten, restlos gestrichen gehörten.

Ihr Studium der englischen Literatur am Frauen-College St Hilda‘s genießt Pym in vollen Zügen. Schon allein für diese Einblicke in eine ganz andere Welt hätte sich die Lektüre gelohnt.

Rules dated back to ancient times. Black gowns had to be worn, chapel attended, gate hours kept. Most societies remained male preserves. […] Male dining clubs flourished and were riotous events resulting in shattered windows, broken furniture and damaged flowerbeds. […] St Hilda‘s was a particularly strict college, with firm rules about gentlemen callers. Undergraduates were permitted to receive gentlemen friends not related to them on Tuesday afternoons only. The gates closed at 9.10 p.m. As late as the 1990s, students had to write down the name of their gentlemen visitors, and if they stayed the night that information had to be submitted to the porter‘s lodge. […] Punishment was fierce for transgression of rules – particularly so for women. […] As late as 1961, St Hilda‘s expelled a female undergraduate discovered with a man in her room after the gates had closed. (S. 24/25)

Allerdings waren besonders die männlichen Studierenden trotz der strengen Vorschriften wohl auch immer recht gewitzt, wenn es darum ging, sich bei Regelverstößen nicht erwischen zu lassen, und im geradezu aberwitzigen Alkoholkonsum sah man anscheinend ohnehin kein Problem.

Pym jedenfalls ist erst einmal so fasziniert von den Kinos, den Partys, der wunderbaren Architektur und vor allem den Gelegenheiten zum Flirten, dass sie am Ende des ersten Semesters feststellt, dass sie in Zukunft wohl etwas fleißiger würde studieren müssen.

Im Mai 1933 hat sie dann die erste Verabredung mit dem von ihr angebeteten etwas älteren Studenten Henry Harvey. Zusammen mit seinem homosexuellen Freund Robert „Jock“ Liddell werden die drei nahezu unzertrennlich. Für Pym ist die Liebe zu Harvey der Beginn einer jahrelangen Obsession. Fast ein Jahr später schreibt sie in ihr Tagebuch:

I am beginning to feel the wee-est bit hostile towards Henry, and to think that the glamour of being his doormat is wearing off. (S. 100)

Harvey behandelt sie oft miserabel, allerdings dauert es Jahre inclusive diverser Rückfälle, bis sie sich endgültig eingesteht, dass er sie nur als Spielzeug und sexuellen Lückenfüller benutzt hat und sie ihm mit ihrer unkritischen Verehrung vermutlich nur auf die Nerven gefallen war. Er hat keine Skrupel, sie als „common property“ zu beschimpfen oder sie in Begleitung betrunkener Männer zurückzulassen und sich anschließend wieder die Socken von ihr stopfen zu lassen.

Henry‘s dreadful behaviour set the pattern for Pym‘s relationships with other men: the more badly they treated her, the more deeply in love she felt. The worst aspect of it all was that she knew this and was powerless to stop herself. (S. 90)

Dennoch bleiben die drei ein Leben lang in Kontakt und Robert Liddell, der später selbst schreibt, erweist sich später als unfassbar guter Freund, der den Weg Pyms zur Schriftstellerei mit Klugheit und der nötigen Sturheit begleitet.

Ein weiterer Mosaikstein in Barbaras Lebenslauf sind ihre mehrmaligen Besuche im Nazi-Deutschland der dreißiger Jahre. Pym hatte an der Universität Deutsch gelernt und war von deutschen Filmen und der Literatur begeistert. 1934 fährt sie das erste Mal mit einer Studentengruppe aus Oxford nach Deutschland. Tausende taten es ihr gleich; die Bemühungen Goebbels, Deutschland als ein wunderbares Land zu präsentieren, trugen Früchte.

‘Germany Invites You‘ claimed the Thomas Cook & Son posters showing images of beautiful young people in lederhosen and Tyrolean hats, fairyland castles and mountain ranges framing the background. (S. 106)

Pym verliebt sich in die vermeintliche deutsche Ordnung, das Land und den attraktiven SS-Mann Friedbert Glück. Politisch ist und bleibt sie noch längere Zeit völlig unbedarft. Den allgegenwärtigen Judenhass und die Hetze teilt sie nicht, kann sie aber völlig ausblenden. Sie ist am Boden zerstört, als sie nach ihrer Rückkehr von ihrer ersten Deutschlandreise ihre kleine Hakenkreuz-Brosche verliert, die ihr der SS-Mann Glück geschenkt hat. Noch 1938 reist sie gegen den Willen ihrer Familie und ihrer Freunde nach Deutschland und anschließend nach Polen, um dort die Kinder einer jüdischen Familie zu unterrichten. Doch schon wenige Wochen später verschlechtert sich die politische Situation, sie kehrt nach England zurück und ist wie vom Donner gerührt, als es tatsächlich zum Kriegseintritt Großbritanniens kommt.

Während des Krieges tritt sie dem Women‘s Voluntary Service bei und hilft u. a. ihrer Mutter, die evakuierte Kinder in ihrem Haus aufnimmt. Das ist das erste Mal, das Pym in intensiveren Kontakt mit der Arbeiterklasse kommt, was sie durchaus das ein oder andere Mal befremdlich findet. 1941 beginnt sie für die Zensurbehörde in Bristol zu arbeiten, wo ihre Deutschkenntnisse gefragt sind. Dort lebt sie mit ihrer Schwester Hilary, die für die BBC arbeitet, und weiteren Erwachsenen sowie einigen Kindern in einem Haus zusammen.

In ihrer Mitbewohnerin Honor Wyatt findet Pym eine gute Freundin und Mentorin. Mit deren getrennt von Honor lebendem Mann Gordon Glover hat Pym eine weitere unglückliche Liebesaffäre; der charmante Mann teilt ihre Liebe zu Jane Austen und macht sie bekannt mit den Trivia von Logan Pearsall Smith. Doch schon nach zwei Monaten beendet er die Beziehung, im Gegensatz zu Pym hatte er kein Interesse an einer langfristigen Beziehung. Auch diese Affäre hinterlässt tiefe Wunden.

Um ihrer Niedergeschlagenheit zu entkommen, bewirbt sie sich bei dem Women’s Royal Naval Service (Wrens). Sie wird angenommen und so führt sie ihre Arbeit für die Zensurbehörde bis nach Italien, wo sie in Neapel stationiert ist.

1945 ziehen Barbara und Hilary, die sich inzwischen von ihrem Mann getrennt hat, in eine gemeinsame Wohnung in London.

From this time on, Barbara and Hilary Pym would live together in a manner envisaged in the novel Barbara had written when she was twenty-two. The sisters were extremely compatible, shared the same jokes and lived in great harmony together, though each had their own circles of friends. (S. 381)

1946 beginnt sie, für das International Institute of African Languages and Cultures zu arbeiten. Sie findet sich allmählich mit dem Gedanken ab, dass sie wohl nie heiraten und Kinder haben wird.

‚Maybe I shall be able to keep my illusions as it doesn‘t look like I shall ever get married.‘ (S. 380)

Stattdessen wird ihr immer wichtiger, endlich einen Verleger für Some Tame Gazelle zu finden. 1950 ist es so weit und Cape veröffentlicht ihren ersten Roman. Schon 1952 erscheint Excellent Women, der Roman, den viele für ihr Meisterwerk halten. Sie bekommt großartige Kritiken, genießt das Leben als frisch gebackene Autorin und ihre Begegnungen mit Größen wie Elizabeth Taylor oder Elizabeth Bowen. Auch ihre finanzielle Situation entspannt sich zusehends.

Sie veröffentlicht bis 1961 sechs Romane, die alle ihre Leserschaft finden und von den Kritikern und anderen Autoren geschätzt werden. Der Dichter und Schriftsteller Philip Larkin schreibt ihr nach dem Erscheinen von No Fond Return of Love (1961) einen begeisterten Brief, der Beginn einer intensiven und herzlichen (Brief-)Freundschaft. Doch es sollte 15 Jahre dauern, bis sich die beiden das erste Mal begegnen. Die Freundschaft wird bis zu Barbaras Tod 1980 andauern.

1963 entpuppt sich als eines der schlimmsten Jahre für Pym. Der Winter ist nicht nur der kälteste in England seit über 200 Jahren – die Schwestern leben in einem Haus ohne Zentralheizung -, sie werden auch noch zweimal ausgeraubt. In dem Monat, in dem die Beatles Please, Please Me herausbringen, dann der Schock: Pyms Verleger Tom Maschler vom Verlagshaus Cape erklärt ihr brieflich, dass ihre Bücher nicht mehr zeitgemäß, ja altmodisch seien. Er lehne die Veröffentlichung ihrer weiteren Werke ab. Es findet sich auch kein anderes Verlagshaus, das in den Sechzigern glaubt, dass sich diese Bücher über alte Jungfern, die jeden Sonntag zur Kirche gehen, noch verkaufen. Und so bleibt An Unsuitable Attachment in der Schublade liegen und wird erst nach dem Tod der Autorin 1982 veröffentlicht.

She [Barbara Pym] was one of the most liberated, independent women of her time. Ever since Oxford, she had been sexually active and unashamed of being so. One of her friends explained: ‚You see, Barbara liked sex‘. Nor did she feel the need to settle down to a conventional married life, despite several offers. The trouble was, her novels of quiet female independence did not exactly brim with sex, drugs and rock and roll. (S. 487)

Die folgenden 14 Jahre nennt Pym ihre „wilderness years“, Jahre, in denen sie schreibt, ihre Romane überarbeitet und doch keinen Verleger findet. Dazu kommen finanzielle Sorgen. Sie verdient am anthropologischen Institut nicht besonders viel, zudem hatten sie und Hilary ihren Vater finanziell unterstützt, als dieser Bankrott gegangen war.

Larkin ist empört, als er erfährt, dass auch Faber, sein eigener Verlag, nichts von Pym veröffentlichen will. Er schreibt im August 1965 sehr hellsichtig an Charles Monteith:

Personally, too, I feel it is a great shame if ordinary sane novels about ordinary sane people doing ordinary sane things can‘t find a publisher these days. This is in the tradition of Jane Austen & Trollope and I refuse to believe that no one wants its successors today. (S. 521)

I like to read about people who have done nothing spectacular, who aren‘t beautiful or lucky, who try to behave well in the limited field of activity they command, but who can see, in little autumnal moments of vision, that the so-called big experiences of life are going to miss them. […] presented not with self-pity or despair or romanticism, but with realistic firmness & even humour. (S. 521)

Hier klingt auch an, was Pym immer wichtig war: die Bedeutung kleiner, unscheinbarer Details, das Gewöhnliche, das Ausloten innerer Zustände scheinbar uninteressanter Menschen.

Pym‘s interest in trivia, ephemera, the life of ordinary things, roots her novels into specific times and yet they somehow transcend the quotidian and take on a timeless quality. As with Jane Austen, her realism is what enables her readers to inhabit her world, her characters, her sense of place and mood. (S. 578)

1971 wird bei Pym Brustkrebs diagnostiziert. Sie wird unverzüglich operiert. 1973 geht sie in Rente.

Im Januar 1977 passiert dann, womit niemand mehr gerechnet hat. Das Times Literaray Supplement hatte anerkannte Kritiker und Schriftsteller sowohl nach maßlos überschätzten als auch sträflich unterschätzten AutorInnen des 20. Jahrhunderts gefragt. Nur Pym wird zweimal als die am meisten unterschätzte Schriftstellerin genannt, einmal von ihrem Freund Philip Larkin, der sich schon Jahre für sie eingesetzt hatte, aber auch von dem Hochschullehrer, Biograf und Schriftsteller Lord David Cecil.

All of a sudden, Pym was hot news. Radio Oxford came for an interview; letters poured in from friends, and the telephone rang constantly. (S. 571)

Macmillan erklärt sich sofort bereit, ihren Roman Quartet in Autumn veröffentlichen. Das Buch schafft es auf Anhieb auf die Shortlist des Booker Prizes. Auch andere lange in der Schublade vor sich hin dämmernde Titel werden nun von ihr veröffentlicht; in Amerika wird ihr Name zum ersten Mal überhaupt wahrgenommen.

Then came another great accolade: she was invited to appear on BBC Radio 4‘s flagship programme Desert Island Discs. (S. 586)

Die Sendung wird im Juli 1978 aufgenommen. Die Frage, was sie auswählen würde, wenn sie nur ein einziges Musikstück auf die Insel mitnehmen dürfe, beantwortet sie mit dem Weihnachtslied „In the bleak midwinter“, gesungen vom Chor des King‘s College, Oxford, denn es vereine Lyrik, Musik und den christlichen Glauben.

Barbara stirbt 1980 im Alter von 66 Jahren, der Krebs war zurückgekehrt. Fortan setzt sich Hilary, ihre Schwester, zusammen mit ihrer beider Freundin Helen Hunt für das Vermächtnis der Autorin ein. Die Grabstätte der beiden Schwestern – Hilary stirbt 2004 – befindet sich in Finstock, ihrem letzten gemeinsamen Wohnort.

Hier eine Interpretation von In the bleak midwinter von Dan Fogelberg.

Und noch ein Satz aus ihrem Tagebuch:

‘Everything seems gloomy and dark when you‘re lying awake in the middle of the night. One day, perhaps soon – it will be better.‘ (S. 352)

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Laura Claridge: Blanche Knopf – The Lady with the Borzoi (2016)

Der hinreißenden Biografie zu Blanche Knopf, dieser wichtigen Frau der amerikanischen Verlagswelt, würde ich eine Übersetzung ins Deutsche sehr wünschen, da Knopf in ihrer Zusammenarbeit mit unzähligen heute weltbekannten Schriftstellern und Schriftstellerinnen den amerikanischen Lesegeschmack in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts wohl wie wenige andere geprägt hat.

Blanche Knopf (1894 – 1966) gründete, da war sie gerade mal 20 Jahre alt, zusammen mit ihrem zwei Jahre Ehemann Alfred Abraham Knopf 1915 in New York den Knopf Verlag. Zunächst verschafften sie sich eine finanzielle Grundlage, indem sie dem amerikanischen Publikum erstmals Übersetzungen bestimmter  französische Romane anboten. Doch Blanche hatte von Anfang an ein untrügliches literarisches Gespür, mit dem sie dem Verlag Schriftstellerinnen wie Willa Cather, Muriel Spark oder Elizabeth Bowen zuführte und oft genug auch selbst betreute.

Sie gab die ersten amerikanischen Übersetzungen vieler europäischer Klassiker in Auftrag und gleichzeitig bot sie neuen, unerfahrenen SchriftstellerInnen eine Publikationsmöglichkeit, wenn sie von deren Qualität überzeugt war. Sie irrte sich selten, scheiterte allerdings ab und an daran, dass ihr Mann, der für den finanziellen Rahmen zuständig war, nicht immer bereit war, die entsprechenden Vorschüsse zu zahlen, wenn sie ihm zu hoch erschienen. Blanche ist es zu verdanken, dass Autoren wie Raymond Chandler, Dashiell Hammett und James M. Cain aus der literarischen Schmuddelecke geholt und durch die Veröffentlichung in ihrem Verlag als ernsthafte Autoren anerkannt wurden.

Dank der ausgezeichneten Verbindungen der Knopfs zu Carl van Vechten fanden auch AutorInnen der Harlem Renaissance bei den Knopfs eine verlegerische Heimat, wie z. B. Langston Hughes, James Baldwin oder Nella Larsen. Dass Schwarze bei ihnen und ihren Freunden ein- und ausgingen, war für Blanche eine Selbstverständlichkeit.

Später betreute sie Größen wie Siegmund Freud, Simone de Beauvoir, Albert Camus und Schriftsteller im Exil wie Thomas Mann, der sie einmal als die „Seele des Verlags“ bezeichnete.

Daneben hatte Blanche einen Blick auf das, was gesellschaftlich relevant war oder werden würde, sodass auch grundlegende journalistische Werke von den Knopfs publiziert wurden. Ihr Leben lang reiste sie durch Europa, aber auch durch Lateinamerika auf der Suche nach neuen Werken für den Verlag.

Allerdings hat diese Erfolgsgeschichte von Anfang an einen dunklen Hintergrund. Blanche und Albert hatten vor der Hochzeit vereinbart, dass der Verlag von ihnen gleichberechtigt geführt werden sollte. Nach der Hochzeit wollte der stockkonservative Albert mit den fadenscheinigsten Begründungen nichts mehr davon wissen. Folglich besaß er 75 Prozent des Verlags, sie die übrigen 25 Prozent. Auch ihr Mädchenname Wolf war auf einmal im Firmennamen nicht mehr unterzubringen. Bei Jubiläen und öffentlichen Würdigungen vergass er schon mal, den Namen seiner Frau zu erwähnen, oder brüstete sich mit „ihren“ AutorInnen.

Ihre Zusammenarbeit war dementsprechend – trotz eigentlich klar getrennter Aufgabenbereiche – stürmisch. Er gaukelte ihr vor, dass sie im Falle einer Scheidung nie wieder eine Anstellung in irgendeinem New Yorker Verlagshaus finden würde. Da Blanche jedoch an dieser Arbeit mit ganzem Herzen hing, blieb sie. Die Vorstandssitzungen waren legendär katastrophal, die beiden Eheleute schrieen sich an und provozierten sich bis aufs Blut. Ihr einziger Sohn Pat meinte später, dass der Vater seine Mutter auch geschlagen habe. Doch derlei sei in der feinen Gesellschaft, zu der die Knopfs sich dank ihres unglaublichen Erfolgs emporgearbeitet hatten, immer totgeschwiegen worden.

Ständig war Blanche in Machtkämpfe gegen ihren Mann und ihren Schwiegervater, verwickelt, die sie regelmäßig verlor. Alfred verehrte seinen tyrannischen Vater Sam und wagte keinerlei Widerrede, vielleicht als Überkompensation dafür, dass Sam nicht ganz unschuldig am Selbstmord von Alfreds Mutter gewesen war.

Blanche entwickelte eine Essstörung und hatte irgendwann chronisches Untergewicht, das nie wirklich thematisiert wurde. Sie hatte diverse Liebhaber, während Alfred lieber zu Prostituierten ging, zu denen er dann später auch seinen Sohn mitnahm. Und ganz, ganz selten gibt es Momente, bei denen der Leser denkt, dass der eine gänzlich ohne den anderen wohl auch wieder nicht hätte sein wollen. 

Als Blanche gegen Ende ihres Lebens an Krebs erkrankt, nimmt niemand das Wort in den Mund. Das schickte sich nicht. Sie lässt nur wenige Eingeweihte von ihrer Erkrankung wissen und arbeitet buchstäblich bis zum Schluss für ihre SchriftstellerInnen, ihren Verlag.

Blanche Knopfs Leben ist ein eindrückliches Lehrstück darüber, wie Frauen in der öffentlichen Anerkennung hinter dem Mann zurückstehen mussten, selbst wenn sie – wie in diesem Fall – wohl für mindestens 50 Prozent, wenn nicht mehr, für den gemeinsamen Erfolg verantwortlich waren. Dutzende Nobel- und Pulitzerpreisträger wurden bisher von Knopf verlegt.

Doch gleichzeitig tritt einem auf diesen Seiten eine faszinierende Frau entgegen. Stets in teure Designerkleidung gewandet, großzügig, begabt, einsam, hundeverrückt, gesellig, erfolgreich, belesen, mit den kulturellen Größen ihrer Zeit auf Du und Du, lebenshungrig und absolut beeindruckend.

Dass Blanche Knopf kaum eigene Aufzeichnungen oder Tagebücher hinterlassen hat und man ihren Empfindungen nicht immer nahekommt, habe ich an der ein oder anderen Stelle bedauert. Allerdings lässt sich vieles zwischen den Zeilen erschließen und es ändert nichts daran, wie spannend, wie längst überfällig sich diese Biografie liest.

Hier ein Audio-Interview mit Laura Claridge auf YouTube und zwei Fotos von Blanche und Alfred Knopf.

Wer noch weiterstöbern will, dem sei die Biografie The Tastemaker Carl van Vechten and the Birth of Modern America (2014) von Edward White empfohlen. Anhand dieser schillernden, spannenden, aber keinesfalls immer sympathischen Figur lässt sich tatsächlich Amerikas Weg in die Moderne nachzeichnen. Auch van Vechtens Weg als Förderer und Unterstützer der schwarzen AutorInnen der Harlem Renaissance wird in seiner ganzen Zwiespältigkeit nachgezeichnet. 

Maryla Szymiczkowa: Karolina or the Torn Curtain (OA 2016)

Als ich diesen polnischen Krimi gekauft habe, wollte ich mich einfach ein bisschen unterhalten lassen, zumal mir der Schauplatz – Krakau gegen Ende des 19. Jahrhunderts – reizvoll erschien. Doch dann passierten seltsame Dinge. Dass Kriminalromane mich nämlich dazu bringen, im Anschluss mit wachsender Fassungslosigkeit ein Sachbuch zu lesen, war mir zuvor noch nie passiert. Doch von vorn.

Unter dem Künstlernamen Maryla Szymiczkowa haben der Dichter, Übersetzer und Autor Jacek Dehnel (*1980) und sein Mann, der Historiker Piotr Tarczynski, inzwischen mehrere Bände um ihre Protagonistin Zofia Turbotyńska veröffentlicht.

Besagte Dame ist 38, kinderlos und Gattin eines Anatomieprofessors in Krakau. Die Handlung des zweiten Bandes, um den es hier gehen soll, beginnt Ostern 1895. Zofia ist mit der Beaufsichtigung des Haushalts unterfordert und hat dementsprechend Zeit, etwas genauer hinzuschauen, als ihre junge und hübsche Zofe Karolina aus heiterem Himmel ihre Kündigung einreicht, spurlos verschwindet und am nächsten Tag ermordet aufgefunden wird.

Die Polizei gibt sich rasch mit Erklärungen zufrieden, glaubt, den Täter ausfindig gemacht zu haben, und möchte zur Tagesordnung übergehen. Zofia allerdings entdeckt immer weitere Ungereimtheiten und mithilfe ihrer Köchin Franciszka kommt sie einem Verbrechen auf die Spur, das ihre schlimmsten Träume übersteigt, und bis zur endgültigen Aufklärung des Falls lernt sie Dinge über ihre eigene Stadt, vor denen das satte Bürgertum sonst lieber fest die Augen verschließt.

Das liest sich spannend und kurzweilig. Dabei ist die Protagonistin keineswegs ein reiner Sympathieträger. Sie ist ganz Kind ihrer Zeit, unglaublich versnobt, hadert mit dem halben freien Tag pro Woche, der ihren Bediensteten zusteht, und blickt auf „niedere“, d. h. mittellose Gesellschaftsschichten herunter. Aber sie hat einen Kopf, den sie benutzt, ist schlagfertig, durchsetzungsfreudig, an der Wahrheit interessiert und weiß ihren Mann um den kleinen Finger zu wickeln. Und nichts bereitet ihr mehr Befriedigung, als wenn sie zu wichtigen gesellschaftlichen Anlässen glänzen oder dem Ansehen und der Karriere ihres Mannes etwas Gutes tun kann. Da sich für eine Frau ihrer Schicht allzu viel Aktivität und Hirn nicht schickt, müssen ihre Ermittlungen vor ihrem stockkonservativen, aber nicht unliebenswürdigen Mann möglichst geheimgehalten werden.

Diesen Krimi zeichnen drei Dinge aus: eine spannende, verschachtelte Handlung, die ihren Kern tatsächlichen historischen Umständen verdankt, einen exquisit recherchierten Schauplatz (am Ende weiß man mehr über diese Stadt und die zeitgenössischen Strömungen, als man vielleicht zunächst hätte wissen wollen). Das dritte Kennzeichen ist der gefährliche doppelte Boden für die LeserInnen.

Denn man könnte den Krimi als reine Unterhaltung lesen, doch spätestens nach der Lektüre fängt man vermutlich an zu recherchieren und dann passiert etwas, das ich in diesem Fall weder geplant noch erwartet hatte. Man weiß mehr über die schier grenzenlose Armut und Ausweglosigkeit in einem Landstrich namens Galizien, die Ende des 19. Jahrhunderts und Anfang des 20. Jahrhunderts Hunderttausende in die Emigration – vor allem nach Amerika – getrieben hat.

Ins Englische wurden die Bücher übrigens von Antonia Lloyd-Jones übersetzt.

Weiterführende Literatur – und auch ohne Krimihintergrund unbedingt empfehlenswert:

Martin Pollack: Kaiser von Amerika – Die große Flucht aus Galizien, Deutscher Taschenbuch Verlag München, 2013

Åsne Seierstad: Der Buchhändler aus Kabul (OA 2002)

In dem Interview von Constanze Matthes mit Sonja Zekri findet sich dieser schöne Satz:

Als Leserin oder Leser will man den Schock der Lektüre, das Innehalten, wenn man begreift, dass man auf diese Weise die Welt, den Menschen oder sich selbst noch nicht gesehen hat.

Nach der Lektüre von Der Buchhändler aus Kabul von Åsne Seierstad, das Holger Wolandt aus dem Norwegischen ins Deutsche übersetzte, weiß ich, dass der Satz von Zekri auch zwiespältig sein kann.

Seierstad (*1970), die berühmte Journalistin aus dem norwegischen Lillehammer, von der u. a. der Titel Einer von uns. Die Geschichte eines Massenmörders über Anders Breivik stammt, landete mit Der Buchhändler aus Kabul einen internationalen Bestseller, von der Kritik gefeiert und in 42 Sprachen übersetzt.

Nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001 folgte Seierstad November 2001 den Truppen der Nordallianz, die die Schlacht um Kabul gewannen und die Taliban vertrieben. Dort, in Kabul lernt sie den unerschrockenen Buchhändler Shah Mohammad Rais kennen, der allen Machthabern, seien es Kommunisten, Mudschaheddin oder Taliban, Gefängnis und Bücherverbrennungen getrotzt und ein großes Buchimperium aufgebaut hat.

Sie sei beeindruckt gewesen von diesem Mann und eines Tages habe er er sie zu sich nach Hause eingeladen, wo sie die Mitglieder seiner Großfamilie kennenlernt.

Als ich an diesem Abend heimging, sagte ich zu mir selbst: ‚Das ist Afghanistan. Es wäre interessant, ein Buch über diese Familie zu schreiben.‘ Am Tag darauf suchte ich Herrn Rais in seinem Buchladen auf und erzählte ihm von meiner Idee. ‚Vielen Dank‘, sagte er nur. ‚Aber das bedeutet, dass ich bei Ihnen wohnen müsste.‘ ‚Willkommen.‘ ‚Ich müsste die ganze Zeit bei Ihnen sein und leben wie Sie. Mit Ihnen, Ihren Frauen, Schwestern und Söhnen.‘ ‚Willkommen‘, wiederholte er nur. (S. 12)

Und hier stutzte ich das erste Mal: Wie befremdlich, sich selbst einzuladen in einem armen Land, in eine Familie, die ohnehin in entsetzlich beengten Verhältnissen lebt, in der es quasi keine Privatsphäre gibt und sich – bis auf den Hausherrn und seine junge Zweitfrau – immer mehrere ein Zimmer in der kleinen Wohnung teilen müssen.

Seierstad lebt mehrere Monate mit und in der Großfamilie und anscheinend erzählen ihr vor allem die Frauen viel von dem, was hinter den Kulissen passiert. Sie gibt jedem Familienmitglied im Buch einen anderen Namen, Rais wird beispielsweise zu Sultan, aber dennoch sind alle später mühelos zu identifizieren, was nach der Veröffentlichung für viel Ärger und jahrelange Auseinandersetzungen vor Gericht geführt hat.

Sie erzählten mir Dinge, wenn sie Lust dazu hatten, nicht, wenn ich sie fragte. Dies geschah selten, wenn ich den Notizblock bereit hatte, sondern eher beim Einkaufen auf dem Basar, im Bus oder spätabends auf der Matte. (S. 12)

Schon im Vorwort klingt das beherrschende Thema des Buches an:

Die Familie kümmerte sich gut um mich, alle waren großzügig und offen. Trotzdem war ich oft auch wütend auf sie. Es war immer dasselbe, das mich provozierte, nämlich wie die Frauen behandelt wurden. Die scheinbare Überlegenheit der Männer wurde von allen stillschweigend hingenommen. (S. 13)

Und zunächst wird man als Leserin quasi hineingezogen in dieses so fremde Leben. Wir lernen viel über die Geschichte Afghanistans, in dem schon seit Jahrzehnten immer wieder wechselnde Machthaber wüten und die Bevölkerung versucht, so gut es geht, zu überleben. Auch der Buchhändler geriet mit den wechselnden Herrschern häufig aneinander, ohne deshalb seinen Traum von einem Kabuler Buchimperium aufzugeben.

Besonders die zurückliegenden Jahre der Taliban-Herrschaft haben nicht nur unzählige Menschen das Leben gekostet, auch die kaputten Häuser und die zerstörte Infrastruktur sind immer noch die eines Landes im Krieg. Seierstad nennt unzählige Beispiele dieser unfassbaren Diktatur, die buchstäblich alles auf ihr fanatisches, ungebildetes und brutales Niveau herabziehen wollte.

Sogar in den Mathematikbüchern war Krieg das Hauptthema. Die Jungen – denn die Taliban ließen Bücher nur für Jungen schreiben – rechneten nicht mit Äpfeln und Keksen, sondern mit Kugeln und Kalaschnikows. Eine Aufgabe darin konnte folgendermaßen aussehen: ‚Der kleine Omar hat eine Kalaschnikow mit drei Magazinen. In jedem Magazin stecken zwanzig Kugeln. Er braucht zwei Drittel seiner Kugeln auf und tötet sechzig Ungläubige. Wie viele Ungläubige tötet er pro Kugel?‘ (S. 85)

Im September 1996 verkündeten die Taliban beim Einzug in Kabul diverse Dekrete, u. a. dass Taxifahrer keine Frauen mehr mitnehmen durften, die ohne Burka unterwegs waren. Musik wurde verboten, Kassetten waren ab sofort in Fahrzeugen; Hotels und Geschäften untersagt. Man durfte keine britischen und amerikanischen Frisuren mehr tragen, auf Hochzeiten durfte ab sofort weder Musik gespielt noch getanzt werden. Die Strafen bei Zuwiderhandlung kann man sich denken.

Drachensteigenlassen hat unnütze Folgen wie Wetten, Todesfälle bei Kindern und Abwesenheit vom Unterricht. Läden, die Drachen verkaufen, werden geschlossen. (S. 112)

In Fahrzeugen, Läden, Häusern, Hotels und an anderen Orten sollen Bilder und Porträts entfernt werden. Die Inhaber müssen alle Bilder an den erwähnten Orten zerstören. (S. 113)

Das letztgenannte Verbot von Abbildungen sorgte dafür, dass die Taliban, die meist Analphabeten waren, in die Buchläden kamen, die Bücher durchblätterten und alle, die Abbildungen und Fotos von was auch immer enthielten, wurden verbrannt. Außerdem galt:

Frauen, ihr sollt eure Wohnungen nicht verlassen! Wenn ihr sie dennoch verlassen müsst, solltet ihr das nicht wie die Frauen tun, die in modischen Kleidern und mit viel Schminke allen Männern unter die Augen traten, ehe der Islam ins Land kam. (S. 114)

Auch Puppen und Schmusetiere waren, weil Abbildungen von Lebewesen, verboten.

Wenn die Religionspolizisten zu Hause bei Leuten Razzien veranstalteten, schlugen sie Fernseher und Kassettenrekorder kaputt und nahmen auch das Spielzeug der Kinder mit, wenn sie es entdeckten. Sie rissen Arme und Köpfe ab und zertraten sie vor den Augen der entsetzten Kinder. (S. 309)

Selbst nach der – wie wir heute wissen, nur zwischenzeitlichen – Vertreibung der Taliban wirken sie in den Köpfen der Menschen weiter. Die Frauen überlegen sich sehr genau, ob sie wirklich ohne Burka – ein Kleidungsstück, das laut Seierstad überhaupt erst in der Herrschaftszeit von König Habibullah (1901 bis 1919) in Afghanistan eingeführt worden sei – auf die Straße gehen. Eine der Schwestern des Buchhändlers ist fassungslos, als sie allen Mut zusammengenommen hat, um heimlich einen Englischkurs zu besuchen, und dann feststellen muss, dass dort auch Männer anwesend sind. Sie fühlt sich beschämt und beschmutzt, den Kurs besucht sie nie wieder.

Die zweierlei Maß, die an Frauen und Männer angelegt werden, sind manchmal kaum zu ertragen; die Verbannung der Frau ins Haus, ihre Herabwürdigung als Dienstmagd, die Beschämung der Ehefrau, weil sich der ca. 60-jährige Buchhändler, der mit einer Lehrerin verheiratet ist (die aber den Beruf nicht mehr ausübt), eine sechzehnjährige zweite Frau sucht. Die Versuche der Eltern, den richtigen Gatten für ihre Töchter zu finden, die Tradition, dass der Mann für die Braut zahlen muss: Je hübscher, jünger und tugendhafter die Braut, umso mehr können die Eltern verlangen. Dass da die Betrachtungsweise naheliegt, die Frau als sein Eigentum anzusehen, verwundert dann nicht mehr wirklich.

Daneben die Tradition, die Frau im Falle einer Trennung dadurch abzusichern, dass der Mann auch einen Preis nennen muss, den er zahlt, falls er sich grundlos von der Frau scheiden lassen will. Und erst die Rollenbilder und zum Teil unbarmherzigen Ehrvorstellungen:

Männer und Frauen, die nicht verwandt sind, dürfen nicht im selben Zimmer sitzen. Sie dürfen sich nicht unterhalten und nicht zusammen essen. Auf den Dörfern sind sogar die Hochzeitsfeste aufgeteilt, die Frauen tanzen und feiern für sich und die Männer ebenfalls. (S. 77)

Eine der Mütter aus dem großen Familienclan erklärt sich, nachdem der Familienrat getagt hat, mit dem Tod ihrer Tochter einverstanden. Diese hatte sich heimlich mit einem fremden Mann getroffen und damit die Ehre der ganzen Familie beschmutzt.

Sie [die Mutter] war es, die Mutter, die zum Schluss die drei Söhne nach oben schickte, die Tochter zu töten. Die Brüder gingen zusammen in das Zimmer der Schwester. Gemeinsam legten sie ihr ein Kissen aufs Gesicht, dann drückten sie zusammen ganz fest und immer fester zu, bis sie sich nicht mehr regte. Erst dann gingen sie zu ihrer Mutter zurück. (S. 60)

Hier war ich überrascht über die Überraschung der Autorin, die das Verhalten der Mutter nicht nachvollziehen konnte. Ich frage mich, was wäre der Mutter denn übrig geblieben, wenn sie sich nicht selbst dem „Verdacht“ aussetzen wollte, bei der Erziehung der Tochter versagt zu haben? Erst wenn eine Frau erwachsene Töchter hat, die die Hausarbeit erledigen können, wird sie

eine Art Regentin des Hauses, die Ratschläge erteilt, Ehen arrangiert und über die Moral der Familie wacht, das heißt, vor allem über die Moral der Töchter. Sie achtet darauf, dass sie nicht allein ausgehen, dass sie sich ordentlich bedecken, dass sie außerhalb der Familie keine Männer treffen und dass sie gehorsam und höflich sind. (S. 144)

Nach der Lektüre bleibt ein seltsamer Nachgeschmack. Auf der einen Seite lernt man viel, über das Land und seine zerrissene Geschichte, das Leid der Bevölkerung, die schon so lange ein Spielball fremder Mächte sind, und ganz ohne Frage auch über die Rückständigkeit, was Zugang zu Bildung und Gesundheitssystemen angeht, und die nahezu nicht existenten Wahlmöglichkeiten der Frauen, ihre Rechtlosigkeit und fehlende Anerkennung als denkende und eigenständige Subjekte.

Bei jungen Frauen handelt es sich vor allem um Tauschobjekte und Handelsware. Die Ehe stellt einen Vertrag dar, der zwischen Familien oder innerhalb einer Familie geschlossen wird. Welchen Nutzen die Heirat für den Clan hat, ist entscheidend, auf Gefühle wird nur selten Rücksicht genommen. (S. 61)

Auf der anderen Seite unterschlägt Seierstad viele Zwischentöne. Es gibt bei ihr nur Schwarz und Weiß. Mir fehlt die grundlegende Einsicht, dass Menschen sich – abgesehen von den nicht verhandelbaren Menschenrechten – auch in nicht-westlichen Bräuchen und Lebensformen wohl und verwurzelt fühlen.

‘Allein‘ ist für Leila [die 19-jährige Schwester des Buchhändlers] ein unbekannter Begriff. Sie war noch nie allein in der Wohnung, ist noch nie allein irgendwohin gegangen und hat noch nie allein in einem Zimmer geschlafen. Jede Nacht hat sie auf der Matte neben ihrer Mutter verbracht. Leila weiß nicht, was es heißt, allein zu sein, und das fehlt ihr auch nicht. Das Einzige, was sie sich wünscht, ist etwas mehr Ruhe und etwas weniger zu tun. (S. 218)

Afghanen haben mir beispielsweise ebenfalls erzählt, dass Hochzeitsfeiern oft nach Geschlechtern getrennt stattfinden, dass das aber trotzdem ausgelassene und glückliche Feiern sein können und dass das Gebot der getrennten Geschlechter – man soll ja vor allem die anderen nicht beim Tanzen beobachten können – auch schon mal dadurch umgangen wird, dass heimlich Videoaufnahmen hin und her geschmuggelt werden. Dass einige der von der Familie arrangierten Ehen, die sie im Buch schildert, glücklich sind, kann  Seierstad nicht nachvollziehen.

Außerdem – und das ist ein noch größeres Problem – hat Seierstad nicht mit offenen Karten gespielt: Das Buch wurde, ohne dass ein Gegenlesen durch die Familie stattgefunden hatte, veröffentlicht. Natürlich hat die Journalistin die Gastfreundschaft, die sie fünf Monate in Anspruch genommen hat, mit Füßen getreten. Manchmal schildert sie Gedanken der Beteiligten, die eher so wirken, als ob eine westliche Frau ihnen ihre eigenen Worte in den Mund gelegt hat.

Ich frage mich, ob Seierstad einige ihrer berechtigten Fragen dem Buchhändler tatsächlich nie gestellt hat, zum Beispiel, warum er – ein Mann des Buches – seinen eigenen Söhnen den Schulbesuch untersagt, damit sie in seinen Läden  arbeiten können.

Aimal ist Sultans jüngster Sohn. Er ist zwölf Jahre alt und hat einen Arbeitstag von zwölf Stunden. Jeden Tag, sieben Tage die Woche, wird er bei Morgengrauen geweckt. […] Punkt acht schließt Aimal die Tür seines kleinen Ladens in der dunklen Lobby eines Hotels in Kabul auf. (S. 255)

Ich denke nicht, dass Seierstad – um Rais nicht zu verärgern – unliebsame Tatsachen beschönigen oder gar unter den Tisch hätte fallen lassen sollen oder der Erwartungshaltung des Buchhändlers hätte entsprechen müssen. Aber irgendwann fällt auf, dass sie die Familie eher seziert und zwar ohne Sympathie, humorlos, einseitig und zum Teil arrogant und überheblich.

Es gibt eine Schlüsselszene im Hamam, die auch Shah Mohammad Rais bei den anschließenden juristischen Auseinandersetzungen immer wieder beanstandet hat. In dieser schildert Seierstad die Frauen, die in ihrem ganzen Leben noch nie ohne Verschleierung das Haus verlassen konnten, in ihrer Nacktheit so empathielos, so befremdet, voyeuristisch und respektlos, wie sie das wohl nie mit ihren eigenen Familienmitgliedern getan hätte.

Seierstads Selbsteinschätzung im Guardian, dass sie die Familie immer respektvoll beschrieben und das Heldentum von Rais gewürdigt habe, halte ist eine reine Schutzbehauptung und im Grunde Unfug. Dazu kommt, dass sie selbst als Person, die immerhin fünf Monate mit der Familie verbracht hat, im Buch nicht auftaucht. Somit erscheinen alle Schilderungen und wiedergegebenen Gespräche zunächst objektiv, dabei ist dieses Buch in seiner Kritik an den Verhältnissen genau das nicht. Es ist kein neutraler Bericht. Und über die Folgen für die betroffenen Frauen in einem so konservativen Land wie Afghanistan, nachdem das Buch in Englisch erschienen war, hat sie sich gar keine Gedanken gemacht.

In den englischen Neuauflagen sind inzwischen einige der beanstandeten Szenen nicht mehr enthalten. Für diese hat sich die Autorin bei Rais und seiner Mutter entschuldigt.

In einem weiteren Interview – ebenfalls im Guardian – wird das Problematische ihres Buches ebenfalls angesprochen:

I ask whether it was kind of her to draw out these women’s most intimate sexual secrets and private emotions, and reveal them to the world. „What’s unkind in it?“ Seierstad says, surprised. „My project, my only goal, was to understand what was going on inside one of these families. I was there as a journalist, invited into their home to find out about Afghanistan. Should I, when I know something is not right, like the way the bookseller treated his wives, say it’s not important? […].“

Yet Seierstad admits that, at times, she did go too far. In the first edition of the book, published in a limited run in the UK and now out of print, there is an astonishingly intimate description of one of the women in the household at the hammam. In two passages, Seierstad writes about the breasts, belly and genitals of this woman – a woman who since reaching adulthood has never left her house without wearing a burqa.

„I removed that section because Rais asked me to,“ says Seierstad. „But this book went through several editors and we all overlooked that problematic word, genitals. We realised it was a mistake only after Rais focussed on it, and I apologised to him and to his mother for it.“

That she put it in at all, is perhaps evidence of a lack of sympathy for her subjects‘ privacy. In the past, Seierstad has claimed that the book is not a criticism of the Islamic way of life – but that it „just reveals a lot about it“. This, I suggest, is disingenuous – and dangerous. Her outrage at the way women are treated in the book crackles on every page, but because she has written herself out of the narrative, her highly subjective account could be accused as masquerading as an objective report.

There is a long pause. „I agree now that it is not possible to write a neutral story,“ she says. „I don’t criticise the society with my words in the book but I agree, it’s there in the text anyway. It’s not an open critique but it is a critique.“

Elke Heidenreich: Hier geht‘s lang (2021)

Das ausnehmend schön gestaltete Buch Hier geht‘s lang von Elke Heidenreich (*1943), erschienen im Eisele Verlag, trägt den Untertitel Mit Büchern von Frauen durchs Leben.

Auch Heidenreich geht – wie Nicole Seifert – davon aus, dass der Begriff der Frauenliteratur automatisch eine Abwertung, ein Abstempeln bedeute; er beinhalte, wenn etwas von und für Frauen geschrieben wurde, könne es sich dabei nicht um Kunst handeln. Doch für Heidenreich steht fest, dass erst über die in Büchern verdichtete Erfahrung anderer Frauen ihr ein Zu-Sich-Selbst-Finden möglich gewesen ist. Sie schreibt:

Literatur ist ein Geschenk, Bücher sind ein Glück. Geschichten sind lebensnotwendig, um die eigene Verwirrung zu ordnen. Ob wir Bücher von Männern oder von Frauen lesen, das spielt keine Rolle. Wenn sie denn gut sind, und das heißt: gute Story, sprachlich adäquat umgesetzt. Was aber eine Rolle spielt, ist in den Jahren des Erwachens, Zweifelns, Selbstfindens den richtigen Ton für das eigene Leben zu finden. Und da waren für mich Bücher von Frauen hilfreicher als Bücher von Männern, sehen wir von den fürchterlichen Mädchenbüchern meiner Kindheit ab. (S. 182)

Was sie dabei außer Acht lässt, ist die Gefahr, dass Leserinnen bei der Übermacht männlicher Literatur die Wertvorstellungen und Rollenbilder männlicher Autoren verinnerlichen und dass Jungen und Männern selten zugemutet wird, sich in weibliche Sichtweisen einzufinden, wenn in Schule und Studium überwiegend Autoren gelesen werden.

In den Kapiteln, die sich chronologisch an ihren Lebensstationen entlang hangeln, gibt Heidenreich kurzweilig und lebhaft Einblick in ihre Lesebiografie, in die Bücher, die ihr wichtig geworden sind. Literatur sei ihr immer wie ein Geländer gewesen, an dem sie sich habe festhalten und orientieren können.

In den ersten Kapiteln werden sich vermutlich viele Leserinnen, die ihre Kindheit in den Fünfzigern und Sechzigern des vergangenen Jahrhunderts erlebt haben, wiederfinden. Die Mädchenbücher, die man verschlungen hat und die ein doch sehr angepasstes, sehr artiges Frauenmodell propagierten. Der didaktische Zeigefinger unüberhörbar. Dann die Bedeutung der Fließbandschreiberin Enid Blyton. Die Entdeckung Karl Mays, den auch ein Mädchen spannend fand. Dass ein Junge wiederum Mädchenbücher gelesen hätte – undenkbar.

Über die Kindheit Heidenreichs erfährt man, ohne dass auf Details eingegangen wird, nur so viel: Das Geld war knapp, die Hand saß locker, der Vater glänzte durch Abwesenheit, das Kind war einsam, aber es las. Dass man sich mit Bildung, Büchern und dem daraus resultierenden gesellschaftlichen Aufstieg der Ursprungsfamilie unwiderruflich entfremdet, ist der Preis, der dafür zu zahlen ist. Die Parallelen zu Ulla Hahns Kindheit sind frappierend, die interessanterweise nirgendwo erwähnt wird.

Kurz vor der Konfirmation kommt die junge Elke in eine Pflegefamilie. Dort gibt es Bücher. Das Abitur. Das Studium, in dem es hauptsächlich um männliche Autoren ging. Die Schriftstellerinnen musste man sich selbst zusammensuchen.

Und so flaniert Heidenreich an den Regalen ihrer Vergangenheit entlang, oft ist es nur ein freundliches und dankbares Name Dropping, dann wieder gibt es kurze Einblicke in die Texte und Biografien der von ihr verehrten DichterInnen und SchriftstellerInnen. Sie bleibt dabei immer in der Tonlage, die man von ihr kennt: zutiefst bewegt und begeistert von dem, was Bücher können, von dem, was man aus ihnen lernen kann, dabei aber auch manchmal fürchterlich oberflächlich: Bei vom Vom Winde verweht kein Wort davon, dass man das Buch als Erwachsene heute doch anders lesen sollte als damals als Teenager. Es wird abgefrühstückt mit dem Satz:

… aber unterschwellig bekam ich eine Menge mit von den politischen Gegebenheiten jener Zeit und begriff, dass Literatur auch Zeitgeschichte sein kann. (S. 74)

Da fiel mir spontan der Beitrag Birgit Böllingers auf ihrem Blog ein, die sich die Mühe gemacht hat, Margaret Mitchell noch einmal zu lesen.

Die Gestaltung des Buches ist fein, mit vielen Fotos aus ihrem eigenen Bücherbestand oder Porträts der von ihr verehrten Dichterinnen und Schriftstellerinnen. Auch die Fotos von Heidenreich selbst veranschaulichen sehr schön den Gang eines Leserinnenlebens, vom Schulkind zur alten Frau. Dazu kommen zahlreiche Zitate zum Lesen.

Heidenreichs Stärke liegt in ihrer Authentizität, ihrem Selbstverständnis, sich nicht als Kritikerin zu verstehen, sondern stets als Literaturvermittlerin, die Menschen ans Lesen bringen will. Das schimmert immer durch. Und wer wollte ihrer Feststellung widersprechen, dass in der Literaturkritik oft Hochmut stecke und eine Verachtung der LeserInnen, die Bestseller lesen.

Im Hinterkopf hatte ich bei der Lektüre Heidenreichs Äußerungen zu Sarah-Lee Heinrich und zum Gendern. Die haben ihr einen Shitstorm und viel Kritik eingetragen. Doch – das fand ich fast noch betrüblicher als ihre wenig reflektierten Aussagen – sie hat die Chance aufs Zuhören und Dazulernen abgeschmettert und auf alle Kritik, alle berechtigten Einwände nur mit Trotz, Widerwillen und einer Ist-mir-egal-Haltung reagiert. Da misst sie, was Lernfähigkeit und Hochmut angeht, mit zweierlei Maß.

Das Charmanteste des Buches war für mich die implizite Einladung, selbst mal innezuhalten und zu überlegen, wie das so gelaufen ist mit der eigenen Lesebiografie in Schule, Studium und Privatleben. Leider weiß ich so viele Titel nicht mehr, aber sich auf die Suche zu machen, das wäre eine schöne Beschäftigung. Und wie könnte es anders sein: Man möchte sich sofort den ein oder anderen von Heidenreich gerühmten Titel wieder vornehmen.

Ich erinnere mich an ein Regalbrett über dem Sofa, darauf ein Lexikon, ein Buch mit ärztlichen Ratschlägen […], der Roman Brot von Heinrich Waggerl, 1930 erschienen und dem Geist der Blut-und-Boden-Ideologie durchaus nahe, und Die Feuerzangenbowle von Heinrich Spoerl aus dem Jahr 1933, elf Jahre später mit Heinz Rühmann verfilmt. Dann gab es noch Gute Nacht, Jakob. Ein heiterer Roman aus verklungenen Tagen von Hans-G. Bentz, ein liebenswerter Roman über einen Jungen und seine zahme Dohle, die Memoiren des Arztes Ferdinand Sauerbruch, Das war mein Leben, und zwei Bände Trygve Gulbranssen, Und ewig singen die Wälder und Das Erbe von Björndal. Das war‘s schon beinahe zu Hause auf dem Regal überm Sofa. (S. 70)

Dazu kamen noch Mein Kampf von Hitler, das Geschenk des Standesbeamten für Heidenreichs Eltern zur Hochzeit 1934, und ein Band “mit Shakespeares Sonetten, weiß der Himmel, wo die herkamen.“ (S. 70)

 

Fundstück von Clare Chambers

The days had passed without great peaks and troughs of emotion; her job and the domestic rituals that went with each season had been sufficiently varied and rewarding to occupy her. Small pleasures – the first cigarette of the day; a glass of sherry before Sunday lunch; a bar of chocolate parcelled out to last a week; a newly published library book, still pristine and untouched by other hands; the first hyacinths of spring; a neatly folded pile of ironing, smelling of summer; the garden under snow; an impulsive purchase of stationary for her drawer – had been encouragement enough. She wondered how many years – if ever – it would be before the monster of awakened longing was subdued and she could return to placid acceptance of a limited life.

aus: Clare Chambers: Small Pleasures, Weidenfeld & Nicolson 2020, S. 328

Nicole Seifert: FRAUENLITERATUR – Abgewertet, vergessen, wiederentdeckt (2021)

Die Übersetzerin und Literaturwissenschaftlerin Nicole Seifert greift gleich zu Beginn ihrer lesenswerten Abhandlung ein Zitat von Margaret Atwood auf:

Könnte es sein, dass Frauen furchtlos Bücher lesen, die unter Umständen als ‚Männerromane‘ gelten könnten, während Männer immer noch glauben, ihnen fiele etwas ab, wenn sie ein paar Sekunden zu lange auf bestimmte, von Frauen sicher hinterlistig miteinander kombinierte Wörter blicken? (S. 11)

Nun, es ist längst erwiesen, Männer lesen viel viel seltener Literatur, wenn diese von Frauen verfasst wurde, während Frauen umgekehrt wesentlich seltener Berührungsängste haben. Selbst die Leserschaft weltbekannter Autorinnen wie Margaret Atwood besteht nur zu 20 % Prozent aus Männern (siehe den Artikel von MA Sieghart im Guardian). Dies Missverhältnis findet sich übrigens auch bei  Sachbüchern.

Neben dieser fehlenden Bereitschaft, Autorinnen wahrzunehmen, gibt es auch aktive Abwertung, wie sie schon in der Tatsache zum Ausdruck komme, dass es kein Äquivalent zu dem Begriff ‚Frauenliteratur‘ gibt. Seifert würde lieber von einem „weiblichen Schreiben“ sprechen, da Autorinnen über Jahrhunderte von  eingrenzenden Lebensbedingungen beeinflusst waren, daraus ergäben sich bestimmte Themen und Motive, die überdurchschnittlich oft verwendet werden:

Zum Beispiel das Ausgeschlossensein aus der Gesellschaft, das Eingeschlossensein im Haus und die Erwartungen, die an Frauen gestellt wurden und werden. Autorinnen beschreiben über Jahrzehnte und Jahrhunderte, wie ­Prota­gonistinnen krank werden, weil sie versuchen diese Erwartungen zu erfüllen. Und das zieht sich bis heute durch. (Interview mit der taz am 2.10.2021)

Und damit ist Seifert auch schon mitten in ihrem Thema und ich habe mich durch die verschiedenen Kapitel nur so durchgefräst.

Seifert geht den Gründen nach, wie es dazu kommen konnte, dass sich in ihrem Bücherregal lange Zeit mehr Autoren als Autorinnen getummelt haben, was man ja gern mal bei sich persönlich überprüfen kann. In diesem Zusammenhang wird untersucht, wie Autorinnen in der Geschichte behindert, lächerlich gemacht oder eingeschränkt wurden.

Wie ihre Werke anders beurteilt wurden und werden, sobald herauskam, dass eine Frau das Buch geschrieben hatte. Wie sie – bis heute – seltener im Feuilleton rezensiert werden und wie andere Maßstäbe, zum Teil gänzlich unliterarischer Art, an ihr Schreiben gestellt werden (siehe den Artikel auf der Seite des Deutschlandfunk von Samira El Quassil).

Die amerikanische Autorin Catherine Nichols 

schickte einen Probetext an Literaturagenturen – fünfzigmal mit ihrem eigenen Namen und fünfzigmal mit einem männlichen Pseudonym. Der vermeintliche Autor wurde siebzehnmal um das vollständige Manuskript gebeten, die Autorin ganze zweimal. (S. 155/156)

Zudem wird beleuchtet, wie die Inhalte ihrer Werke für Männer als uninteressant und irrelevant dargestellt wurden und werden, während die Interessen der Männer als allgemeingültig und universell verstanden werden.

Diese Linien ziehen sich bis in die Gegenwart. Man untersuche nur einmal die Leselisten für die Oberstufe oder untersuche das Geschlechterverhältnis in diversen Literaturgeschichten, Lesebiografien oder Kanones. 

Es geht aber auch u. a. um „Autorinnen und die Literaturgeschichte“, weibliches Schreiben und das fadenscheinige Argument, dass ausschließlich die Qualität darüber entscheide, ob ein Werk besprochen oder in einen Kanon aufgenommen werde.

Darüber hinaus wird in dem Kapitel „Von Klassikern und vom Vergessen“ auf weitere Beispiele und die Kanondiskussion eingegangen (Effie Briest von Fontane im Vergleich zu Aus guter Familie von Gabriele Reuter). Dazu gehört auch die Überlegung des amerikanischen Literaturwissenschaftlers Todd McGowan, der die Theorie aufgestellt hat, dass Werke von Frauen, Schwarzen und PoC eigentlich nicht vergessen, sondern eher aktiv ignoriert und verdrängt wurden, da sie sich nicht „in die Weltsicht des bestehenden Kanons integrieren ließen.“ (S. 96)

… weil andernfalls eine Auseinandersetzung mit diesen Bereichen der Geschichte hätte stattfinden müssen. Und das wiederum hätte bedeutet, dass eine ethische Verantwortung hätte übernommen werden müssen. Vor dem Hintergrund der Sklaverei, der Kolonialgeschichte und der jahrhundertelangen Unterdrückung der Frau war der Ausschluss dieser ‚anderen‘ Stimmen demnach immer schon politisch begründet, ist die ästhetische Begründung stets eine politische. (S. 97)

Spannend – und darüber hätte ich gern noch mehr gelesen – waren auch die Ausführungen zu den historischen Wurzeln des Problems, die Ansicht, dass die Frau dem Mann grundsätzlich unterlegen und ihre natürliche Sphäre ausschließlich Haus, Hof und Kindererziehung, Gefühl und Sorge für den Ehegatten sei.

Und selbstverständlich haben auch Reich-Ranicki, Denis Scheck, Karl Ove Knausgård, Harald Martenstein und der Begriff des „Fräuleinwunders“ ihren nicht immer rühmlichen Auftritt.

Fazit: Das Buch ist erhellend, allerdings auch ein wenig deprimierend, wenn man gehofft hatte, dass wir eigentlich schon weiter wären. Aber es gibt Hoffnung. Das Problembewusstsein nimmt zu, es gibt tolle Initiativen und die Freude an Neuentdeckungen sowie an Wiederentdeckungen weiblicher Autorinnen wächst.

Meinetwegen hätte das Buch auch gern länger als die 178 Textseiten (dazu kommt ein ausführliches Quellenverzeichnis) sein dürfen. Auf einige Appelle hätte ich verzichten können und weniges ist mir – vielleicht aufgrund der Kürze – auch zu plakativ dargestellt. Als ein Beispiel dafür sei der Absatz über die einigen Trubel auslösende Besprechung von Martin Ebel zu Sally Rooneys Roman Gespräche unter Freunden genannt.  Da wird dann für die Pointe, den Vorwurf des Sexismus, eben verschwiegen, dass Ebel sich bei seiner Äußerung, dass Rooney auf einem Foto aussehe wie ein aufgescheuchtes Reh, auf die Vermarktungsmaschinerie bezog, bei der AutorInnenfotos natürlich auf eine Wirkung hin inszeniert werden.

Da scheint mir das zweite Beispiel, das Seifert aufgreift, doch wesentlich überzeugender: So schreibt – und ich reibe mir verstört die Augen – Peter Lückemeier in der FAZ allen Ernstes über Laura Karasek:

Das Gesicht mit dem Näschen, dem gepflegten Mund, den regelmäßigen Zügen hätte beinahe etwas Puppenhaftes, wären da nicht diese Augen: hellgrün und hellwach. Überhaupt scheint Laura Karasek viele Gegensätze in sich zu vereinigen. Sie sieht aus wie ein Mädchen, ist aber gerade 37 geworden und verheiratete Mutter vierjähriger Zwillinge. Sie wird manchmal für eine Spielerfrau oder Charity-Lady gehalten, schaute aber bis vor kurzem als Anwältin bei der Frankfurter Großkanzlei Clifford Chance aus dem 36. Stock auf die Frankfurter Skyline.

Hier noch einige Interviews mit der Autorin

Die Thematik ist sicherlich in einen größeren Zusammenhang eingebettet, da muss die Leserin – so sie die Zeit hat – dann noch mal selber ran. Ich denke zum Beispiel an folgende Bücher und Verlage:

Frauen in einer von Männern geprägten Welt

  • Caroline Criado-Perez: Unsichtbare Frauen: Wie eine von Daten beherrschte Welt die Hälfte der Bevölkerung ignoriert (2020)
  • Evke Rulffes: Die Erfindung der Hausfrau – Geschichte einer Entwertung (2021)
  • Carel van Schaik, Kai Michel: Die Wahrheit über Eva (2020)
  • Mary Ann Sieghart: The Authority Gap (2021)
  • Deutschsprachige Verlage

Englischsprachige Verlage

Deutsch

  • Barbara Becker-Cantarino: Der lange Weg zur Mündigkeit – Frauen und Literatur in Deutschland von 1500 bis 1800 (1989)
  • Stefan Bollmann: Frauen und Bücher (2013)
  • Hiltrud Gnüg, Renate Möhrmann (Hg.): Frauen Literatur Geschichte – Schreibende Frauen vom Mittelalter bis zur Gegenwart (1999)
  • Ruth Klüger: Frauen lesen anders (1996)
  • Isabelle Lehn: Weibliches Schreiben in der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur
  • Gerhart Söhn: Die stille Revolution der Weiber – Frauen der Aufklärung und Romantik: 30 Porträts (1998)

Englisch

  • Mary Beard: Women and Power (2017)
  • Nicola Beaumann: A Very Great Profession: The Womans’ Novel 1914-39, Persephone Books (2008)
  • Lennie Goodings: A Bite of the Apple: A Life with Books, Writers and Virago, Oxford University Press (2020)
  • Joanna Russ: How to Suppress Women‘s Writing (1983)

Anthologien 

  • Verena Auffermann, Julia Encke, Gunhild Kübler, Ursula März, Elke Schmitter: 100 Autorinnen in Porträts, Piper (2021)
  • Verena Auffermann, Gunhild Kübler, Ursula März, Elke Schmitter: Leidenschaften: 99 Autorinnen der Weltliteratur, Bertelsmann (2009)
  • Gisela Brinker-Gabler: Deutsche Dichterinnen vom 16. Jahrhundert bis zur Gegenwart – Gedichte – Lebensläufe (1978)
  • Lyndall Gordon: Five Women Writers who Changed the World (2017)
  • Katharina Herrmann: Dichterinnen & Denkerinnen: Frauen, die trotzdem geschrieben haben (2020)

Lesebiografien

  • Maureen Corrigan: Leave me alone, I‘m reading, Vintage Books (2005)
  • Samantha Ellis: How to be a Heroine – or what I‘ve learned from reading too much, Vintage Books (2014)
  • Deborah G. Felder: A Bookshelf of Our Own (2005)
  • Brenda Knight: Wild Women and Books (2006)
  • Nina Sankovitch: Tolstoy and the Purple Chair, Harper (2011)

Biografien und Autobiografien

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Lennie Goodings: A Bite of the Apple (2020)

Wow, hier macht Lennie Goodings, eine wegweisende Frau der britischen Verlagslandschaft – Verlag Virago – nicht nur Lust aufs Lesen, sondern eröffnet mir auch einen vertieften Blick auf die Frage, warum ich lese, was ich lese, oder anders ausgedrückt, warum es wichtiger denn je ist, sich dem Lesen und der Literatur auch aus einem weiblichen Blickwinkel zu nähern. Gilt übrigens auch für Männer.

Zum Hintergrund

Inzwischen dürfte es überall angekommen sein: Frauen wurde es in früheren Jahrhunderten ungleich schwerer oder gleich unmöglich gemacht, sich als Autorinnen zu etablieren. So überrascht es nicht, dass in der älteren Literaturgeschichte die Männer dominieren, das lässt sich trotz der ein oder anderen nachträglichen Wiederentdeckung nun auch nicht mehr rückgängig machen. Doch das Frappierende ist, dass sich diese Benachteiligung und Abwertung weiblicher literarischer Auseinandersetzung mit sich und der Welt – wenn inzwischen meist subtiler – bis in die Gegenwart zieht. Und so sind beispielsweise in Büchern, die sich mit Büchern beschäftigen, männliche Autoren bis in die Gegenwart hinein grundsätzlich in der Überzahl.

Seitdem wir angefangen haben, unser eigenes Leseverhalten genauer in den Blick zu nehmen, stellen wir fest, dass der größte Teil unserer eigenen Schullektüre von Männern geschrieben wurde, dass viele Leserinnen keinerlei Berührungsängste haben, sich auch mit männlichen Sichtweisen auseinanderzusetzen, doch dies umgekehrt viel seltener der Fall ist. Und eine Entsprechung zu dem meist herablassend-abwertend gemeinten Begriff „Frauenliteratur“ gibt es auch nicht. Im Englischen gibt es ebenfalls zwar „the woman writer“, aber niemals einen „man writer“.

Zum Buch

Erst 1975 wurden der britischen Öffentlichkeit Nachrichtensprecherinnen „zugemutet“; vorher waren Meinungsumfragen (und männliche Sprecher) immer zu dem Ergebnis gekommen, dass weibliche Stimmen nicht „acceptable“ seien (siehe hierzu auch den Artikel im Tagesspiegel, der an Wibke Bruhns erinnert).

In den Siebzigern entstanden in Großbritannien im Zuge der gesellschaftlichen Umwälzungen einschließlich der zweiten Welle der Frauenbewegung auch eine Reihe an Zeitschriften und Kleinverlagen, die u. a. dieser Diskriminierung entgegenwirken wollten. Carmen Callil gründete 1973 den Verlag Virago, der fast ausschließlich Autorinnen eine Bühne bietet und in dem sich Leserinnen mit ihren Erfahrungen wiederfinden sollten. 

Virago wanted to address all women and all of women‘s experiences. It challenged the idea of niche publishing from the start. […] The refusal to be seen as marginal; the desire to inspire and educate and entertain all women, and men too; to bring women‘s issues and stories into the mainstream; to demonstrate a female literary tradition: these passions and beliefs were the bedrock of Virago. (S. 13)

Lennie Goodings, eine junge Kanadierin, kam 1977 nach London und ergatterte 1978 einen Teilzeitjob bei Virago.

I am just twenty-five, Canadian, new to Britain, and in awe of this formidable woman [Carmen Callil], but as there are only two of us in the office I feel emboldened to ask: ‘Why did you start Virago?‘ She looks up and, without missing a beat, replies, ‘To change the world, darling. That‘s why.‘ I know I am in the right place. (Vorwort)

Nach einem Jahr wollte Goodings eigentlich zurück nach Kanada, um sich dort einen ordentlichen Job zu suchen. Nun, das hat nicht geklappt, inzwischen ist sie Vorsitzende des Verlags und  hat 2020 A Bite of the Apple (der angebissene Apfel ist das Logo des Verlags) veröffentlicht. Der Untertitel bringt es auf den Punkt: A Life with Books, Writers and Virago.

Dieser Verlag wurde, im Gegensatz zu vielen anderen Projekten der damaligen Zeit, von Anfang an als Unternehmen angelegt, das selbstverständlich Gewinn erwirtschaften sollte. Das Verlagsprogramm besteht bis heute aus Neuauflagen von beinahe in Vergessenheit geratenen Autorinnen, feministischen Grundlagenwerken, Sachbüchern, Romanen, Anthologien, Jugendbüchern, Lyrik, Reiseliteratur und Taschenbuchausgaben bekannter Werke von Frauen. Diese große thematische Bandbreite ist sicherlich eine der Stärken des Verlags, der inzwischen ein Imprint von Little, Brown and Company ist, die wiederum gehören seit 2006 zur Hachette Book Group.

Goodings schreibt mit ansteckender Begeisterung und herzerwärmender Ehrlichkeit über das Engagement der Gründerinnen und die Entwicklung des Verlags, der als kleine Ein-Raum-Klitsche angefangen hat.

We had one loo with a door that didn‘t reach the floor or ceiling. That‘s where we went to have a cry when it was all too much. And, frankly, it often was. (S. 36)

Sie zeichnet nicht nur den Gegenwind aus bestimmten feministischen Kreisen und die finanziellen Erwägungen nach, die zu den diversen Eigentümerwechseln führten, sondern auch die internen Krisen und unterschiedlichen Standpunkte (die natürlich von der Presse begeistert als Zickenkrieg verfolgt wurden).

Aber noch wichtiger: Man bekommt einen Einblick in die Strömungen des Feminismus, die sich auch anhand der Autorinnenauswahl und der Backlist sowie der Diskussionen bei Lesungen verfolgen lassen. Dabei haben sich die Verantwortlichen des Verlags nie für eine Richtung und eine allein gültige Definition von Feminismus vereinnahmen lassen. 

Es gibt immer wieder wunderbare Anekdoten und Einblicke in die Arbeit mit nicht immer unkomplizierten Autorinnen:

Though not every author wants an editor‘s views. One of our Virago editors once asked an author into the office to discuss her manuscript, which she had printed out and carefully annotated with pencilled suggestions and edits. The author looked at it, then took the entire pile of paper, walked to the open window, tossed it all out into the street, and left. (S. 208)

Einige der zum Teil weltberühmten Schriftstellerinnen sind ihr zu Freundinnen geworden, wie Margaret Atwood, Angela Carter und Sarah Waters etc. Maya Angelou wurde in Großbritannien erstmals von Virago verlegt und die Parties mit ihr müssen legendär gewesen sein.

I Know Why the Caged Bird Sings had never been published in the UK despite it being well known in America since its publication in 1969. Maya Angelou told us that her memoir had been sent to British publishers in the 1970s but they had all turned it down, saying no one would be interested in the story of a young black girl growing up in the American South. She loved us for taking a chance on her… (S. 142)

Goodings beschäftigt sich mit den Fragen, warum manche Autorinnen weder bei Virago verlegt werden möchten noch wollen, dass ihre Bücher beim Women’s Prize for Fiction, einem renommierten Literaturpreis, eingereicht werden. Und wie könne man erklären, dass die meisten Männer keine Bücher von Frauen lesen wollen und nur ihren Geschlechtsgenossen zutrauen, welthaltig zu schreiben? Sie zitiert Anne Enright, die unser Wahrnehmungsproblem überspitzt, aber doch zutreffend auf den Punkt bringt:

It is tempting to [… conclude] that men and women are read differently, even when they write the same thing. If a man writes ‘The cat sat on the mat‘ we admire the economy of his prose; if a woman does we find it banal. If a man writes ‘The cat sat on the mat‘ we are taken by the simplicity of his sentence structure, its toughness and precision. […] If, on the other hand, a woman writes ‘The cat sat on the mat‘, her concerns are clearly domestic, and sort of limiting. (S. 241)

Aber Goodings geht auch auf die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen ein, in denen sich Verlagsarbeit abspielt. Mitte der neunziger Jahre fiel die Buchpreisbindung in Großbritannien, was maßgeblich dazu beitrug, dass in den folgenden zwei Jahren ca. 500 selbstständige Buchhandlungen schließen mussten.

Gleichzeitig verfolgt Goodings – durchaus selbstkritisch – wie sich das ursprüngliche Anliegen, Bücher von und für Frauen zu veröffentlichen, erweitern und ausdifferenzieren musste: Neue Blickwinkel kommen dazu: der moderne, subtile Sexismus, Rassismuserfahrungen, Migrationserzählungen und Bücher von und für PoC und GLBTQ-LeserInnen. Schon seit Jahrzehnten gibt es in Großbritannien Bestrebungen, mehr PoCs den Zugang zum Verlagswesen zu ermöglichen. Margaret Busby beispielsweise gründete in den Achtzigern die Organisation GAP – Greater Access to Publishing -, zu deren Mitgliedern auch Lennie Goodings gehört. Busby schrieb 1984 in einem Zeitungsartikel:

Is it enough to respond to a demand for books reflecting the presence of ‚ethnic minorities‘ while perpetuating a system which does not actively encourage their involvement at all levels? The reality is that the appearance and circulation of books supposedly produced with these communities in mind is usually dependent on what the dominant white (male) community, which controls schools, libraries, bookshops and publishing houses, will permit.

Die Bereitschaft, bisher ausgegrenzten, unsichtbaren Mitgliedern der Gesellschaft zuzuhören, sie zu veröffentlichen, sorgte allerdings auch für missliche Situationen. In den späten Achtzigern war der Verlag begeistert über das Manuskript einer Rahila Khan, die sich als „British Asian“ bezeichnete. Das Buch wurde gedruckt und ausgeliefert. Dann stellte sich heraus, dass das Ganze nur inszeniert war.  Hinter dem Pseudonym Rahila Khan verbarg sich ein weißer anglikanischer Geistlicher, der wohl hoffte, auf einer vermeintlichen Welle politischer Korrektheit rascher veröffentlicht zu werden. Die Viragos waren not amused und ließen das Buch einstampfen. Der Vorfall sorgte für allerlei Erheiterung und Spott, stieß aber gleichzeitig wichtige Debatten an (siehe zum Beispiel folgenden Artikel How Virago blew up the canon).

A Bite of the Apple ist wahrlich ein Augenöffner; wie wichtig es ist, eine vielseitige Verlagslandschaft zu haben, wie wichtig es ist, sich überhaupt einmal klarzumachen, von welchen Verlagen man etwas kauft/liest, wie viel es noch in der Literaturgeschichte zu entdecken gibt und wie sehr unser Leseverhalten von Männern geprägt worden ist. Über die Frage, die Goodings immer wieder gestellt wird, ob denn heutzutage ein solcher Verlag überhaupt noch vonnöten sei, kann man am Ende nur freundlich lächeln.

Es war höchst spannend, wie Goodings hier den Vorhang gelüftet und uns einen Einblick in ihre Liebe zur Literatur, der sie zutraut, Leben zu verändern, und in vierzig Jahre Verlagsarbeit gegeben hat.

Dass Goodings dabei nicht müde wird, die einflussreiche Liste der Virago Modern Classics zu erwähnen, ist allerdings eine der Gefahren, denen man beim Lesen nicht ausweichen kann. 

The Virago Modern Classics began in 1978 with the idea of blasting this canon [of great literature] wide open: to challenge the narrow notion of ‚great‘ and also to challenge the idea of who gets to decide what is great. (S. 238)

Das Einzige, was ich Virago ein wenig übelnehme, ist der unschöne Ausruf der Virago-Gründerin Carmen Callil „Below the Whipple line I will not go“, mit dem sie Bücher ablehnte, die ihrem Qualitätsstandard nicht entsprachen. Das bezog sich auf den ihrer Meinung nach schrecklichen Stil von Dorothy Whipple, einer in den dreißiger und vierziger Jahren des letzten Jahrhunderts sehr populären Autorin. Nun, das finde ich Dorothy Whipple gegenüber doch eher ungerecht. Und ich freue mich, dass die Neuauflagen von Whipples Büchern eine wertschätzendere Heimat im 1998 gegründeten Persephone Verlag gefunden haben – und dort zu den finanziell einträglichsten Titeln gehören.

Hier noch ein informativer Artikel aus dem Guardian zur Entwicklung des Verlagshauses.

PS: Nach der Lektüre war ich neugierig, welche Bücher ich schon hier auf dem Blog vorgestellt habe, die (auch) von Virago verlegt worden sind. 

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Fundstück von Karl Philipp Moritz

Allen Lehrerinnen und Lehrern ins Stammbuch:

Möchte dies alle Lehrer und Pädagogen aufmerksamer und in ihren Urteilen über die Entwickelung der Charaktere junger Leute behutsamer machen, daß sie die Einwirkung unzähliger zufälliger Umstände mit in Anschlag brächten, und von diesen erst die genaueste Erkundigung einzuziehen suchten, ehe sie es wagten, durch ihr Urteil über das Schicksal eines Menschen zu entscheiden, bei dem es vielleicht nur eines aufmunternden Blicks bedurfte, um ihn plötzlich umzuschaffen, weil nicht die Grundlage seines Charakters, sondern eine sonderbare Verkettung von Umständen an seinem schlecht in die Augen fallenden Betragen Schuld war.

Aus: Karl Philipp Moritz: Anton Reiser, Könemann, Köln 1997, S. 187

Georges Hyvernaud: Der Viehwaggon (OA 1953)

Irgendwann vor Jahren erstanden, dann im Regal vergessen und mich vom zunächst unattraktiv erscheinenden Titel des Werks abhalten lassen, es endlich mal zu lesen. Was für ein Fehler. Völlig unverständlich, dass der bereits 1953 erschienene Roman Der Viehwaggon von Georges Hyvernaud, der deutlich autobiografische Züge trägt, erst 2007 in deutscher Übersetzung von Julia Schoch erschien. Und am Ende ergibt auch der Titel einen durchaus mehrdeutigen Sinn. Aber zurück zum Inhalt.

Anfang der fünfziger Jahre in Paris: Der Ich-Erzähler, ein kleiner Angestellter in einer Mineralwasserfirma, ist – spätestens seit den Erfahrungen der Kriegsgefangenschaft – nicht mehr in der Lage, so bewusstlos wie die anderen im Strom der Menschen mitzuschwimmen.

Auch wenn man seine Wände und Worte von früher wiederfinden kann – man weiß, wie sehr Wände und Worte lügen. Man traut ihnen nicht, sie sind trügerisch. (S. 48)

Er wird zum Protokollanten, zum Zuhörenden, dem alle Gewissheiten, aller Ehrgeiz und alle Wünsche abhanden gekommen sind. Er misstraut dem Pathos und den hochtrabenden Sätzen. Er verabscheut das „widerliche Glück“ der anderen, die sich nach dem Krieg wieder prima eingerichtet haben. Sogar die Farbe ist für ihn aus der Welt verschwunden. Er könne die Welt nur noch

in diesen abgeblätterten Brauntönen […] sehen, diesen pusteligen Grautönen, diesem verwässerten Schwarz der Bretter des Viehwaggons. Aber nichts gegen zu machen. Ist so eine Art Behinderung, die ich da hab, eine Krankheit des Blicks. (S. 119)

Der Erzähler wird zum Beobachter seiner Mitmenschen, wie ein Spaziergänger am Abend, der von außen in die erleuchteten Fenster schaut. Es widert ihn an, wie die anderen die Angst und die Schuld der Kriegsjahre, die Frage nach dem, was Menschen einander antun können, erfolgreich verdrängen und die satt und selbstgefällig in den Spiegel sehen und nun darüber entscheiden, wer zu den Guten, den Helden mit reinem Gewissen, wer zu den Bösen und wer einfach zu den Pechvögeln gehörte.

Der Erzähler gaukelt seinen Bekannten vor, er schreibe einen Roman, nur um abends hin und wieder seine Ruhe zu haben. Stattdessen notiert er seine Gedanken und Gespräche, die er tagsüber geführt hat. Nahe Beziehungen, Familie oder Liebe spielen dabei keine Rolle. Und genau diese Aufzeichnungen ergeben am Ende das Werk, das wir lesen.

Wände, und zwischen den Wänden Leute, mit ihren Streitereien, ihrer Erschöpfung, dieser Bitterkeit und dem Überdruß jedesmal, wenn der Tag zu Ende geht. (S. 8)

Er geht schlafen. Sie alle gehen schlafen, die Leute. Auch die Gebisse in den Wassergläsern gehen schlafen, die Brillen in den kleinen schwarzen Etuis, die Uhren auf den Nachttischchen. Das ist der Augenblick, in dem die Menschheit sich auflöst, sich zersetzt, auseinanderfällt und den Schein von Zusammenhang, in den sie sich sechzehn Stunden am Tag fügt, nicht länger aufrechterhält.  (S. 9)

Ziemlich unterhaltsam, diese Vorstellung. Meine Landsleute in ihren Betten inmitten der Einzelteile ihres Anstands und ihrer Wichtigkeit. Nur die Stuhllehnen tragen noch Sakkos. Und nur die Sakkos tragen noch Orden… (S. 10)

Gleichzeitig macht sich der Erzähler so seine Gedanken über die Errichtung von Denkmälern und über literarische Wertmaßstäbe, denn über so durchschnittliche und im Grunde ärmliche Gestalten, wie ihn und seine Bekannten schreibe man keine Romane.

Man muß sie bloß mal an eine Bahnsteigsperre der Metro setzen, die Herzoginnen bei Marcel Proust oder Balzac, muß sie nur mal acht Stunden am Tag Pappbilletts lochen lassen, tagelang, von Montag bis Samstag, dann wird man schon sehen, was von ihren vornehmen Dramen noch übrigbleibt. Dann braucht man bloß noch Erschöpfung und Krampfadern beschreiben, Gasrechnungen und Amtsgänge. Nicht sehr romanhaft, das Ganze. Das Leben ist nicht romanhaft, wenn man gezwungen ist, seine Brötchen zu verdienen. (S. 98)

Unsereins hat keine Dramen. Wir haben nur Ärger, Scherereien. Und noch dazu kaum Zeit, darüber nachzudenken. Denn unsere Zeit schwindet in absurder Schufterei und schäbigen Berechnungen dahin. (S. 99)

Man müsste dazu diesen „massenhaften Zufallsexistenzen“ schon große Krisen oder Komplexe, einfach eine gewisse Bedeutungsschwere auf den Leib schreiben. Doch das könne er nicht; er sehe die Menschen halt so, wie sie sind. Dieser Blick macht natürlich auch einsam. Über die Frau seines Bekannten schreibt er:

Sogar eine Madame Bourladou … Nichts ist leerer. Vierzig Jahre gutes Benehmen und schmelzendes Lächeln. Vierzig Jahre Häkelspitze, eheliche Treue und Kochrezepte. Besonderes Kennzeichen: eine Leidenschaft für Pflegemittel. Im weitesten Sinne des Wortes – alles, womit sich Kupfer, Beziehungen, die menschliche Haut, die bürgerliche Intelligenz und Louis-XVI-Möbel pflegen lassen. (S. 28)

Die Erinnerungen an den Krieg, der seine Sicht auf den Menschen verändert habe, sind der Dreh- und Angelpunkt seiner Wahrnehmung. Das Bild des Viehwaggons wird ihm so zum Symbol der absurden menschlichen Existenz.

Da ist ein Güterzug, der sich durch eine gewaltige geräuschlose Katastrophe schleppt. Anstelle von Gütern hat man Menschen hineingepfercht. Die Waggons sind verschlossen, verriegelt, zugesperrt. Was könnte einem besser das Gefühl von Verhängnis vermitteln. (S. 114)

Wir waren Millionen von Menschen, die aus irgendeinem Grund in Güterzügen herumgefahren wurden. (S. 115)

Nichts als Erinnerungen an Angst, Erniedrigung und Ausgeliefertsein. Eine Erfahrung, die harsche Gewissheiten hinterläßt. Man sieht den Menschen am Ende nur noch als unterworfenes, niedergewalztes, vernichtetes Wesen. Und man versucht nicht einmal mehr zu begreifen. Man verkriecht sich in seiner Ecke. (S. 41)

Der Massenmensch ist gesichtslos und austauschbar geworden.

Hier spricht einer dringlich und verdichtet davon, was er nun als die wahre Lage des Menschen zu erkennen glaubt, nachdem sich alle vermeintlichen Sicherheiten als Schein entpuppt haben. Hier weigert sich einer zu vergessen und zum Alltag überzugehen.

Schein auch das Buch unter der Lampe und die Freunde um den Tisch, Schein die Stabilitäten und Sicherheiten. Der Hunger aber, Zwang, Fieber und Flucht sind wahr und dauerhaft. (S. 178)

Kurzum: Ein kompromissloses, ein satirisches, ein aufregendes Buch.

Zum Autor

Hyvernaud (1902 – 1983), Lehrer, wurde 1939 eingezogen und geriet bereits 1940 in deutsche Kriegsgefangenschaft. Fünf Jahre verbrachte er in einem Kriegsgefangenenlager in Pommern und erst im April 1945 wird er aus einem Lager  bei Soest befreit.

Aus dieser Erfahrung resultiert ein schmales Werk, zwei Romane und etwas Kurzprosa. Hyvernaud wird veröffentlicht – Sartre setzt sich für ihn ein -, doch die Kritik reagiert auf Der Viehwaggon ausgesprochen ablehnend, vermutlich rührte der Autor an Tabus. Jedenfalls geraten Autor und Werk rasch in Vergessenheit.

Die Konsequenz, die er zieht, rigoros wie sein Schreibstil: Er wählt das Schweigen. Fortan ist er nur noch Verfasser von Unterrichtsmaterialien für das französische Schulsystem. (Julia Schoch in ihrem Nachwort der Suhrkamp-Ausgabe, S. 197)

Constanze Scheib: Der Würger von Hietzing (2021)

Der Kulturbowle verdanke ich den schönen Hinweis auf eine neue Ermittlerin im Krimibereich: Die Wiener Schauspielerin und Autorin Constanze Scheib (*1979) schickt Helene Ehrenstein, eine  32-jährige Dame aus den feinsten Kreisen, im Wien der siebziger Jahren auf Verbrecherjagd.

Helene langweilt sich schon lange in ihrer Ehe mit dem steifen, aber wohlhabenden Oskar. Auch die gelegentlichen Zoo-Besuche mit ihrem Sohn Willi, Shoppingtouren mit ihren zwei Freundinnen und die morgendliche Inspektion des Dienstpersonals lasten sie längst nicht mehr aus. Da erfährt sie von einer Einbruch- und Mordserie, die gar nicht weit von ihrer Villa schon mehrere ältere Frauen das Leben gekostet hat.

Der „Würger von Hietzing“ hat auch die Tante ihres Dienstmädchens Bianca auf dem Gewissen. Also beschließt Helene kurzerhand, ausgestattet mit Stöckelschuhen, Perlenkette, reichlich Naivität und Unternehmungslust sowie der Hilfe ihres bodenständigen zweiten Dienstmädchens Marie den Täter dingfest zu machen.

‘Jemand muss etwas unternehmen! Und was ich auf den Tod nicht leiden kann, sind Leute, die sich nur aufpudeln und sich zu fein sind, die Dinge selbst in die Hand zu nehmen.‘ (S. 40)

Das allerdings erweist sich als schwieriger als gedacht und die Lektüre vieler Krimis und eine Vorliebe für Whisky und Miss Marple ist dabei gar nicht immer so hilfreich. Dass man dabei sogar in Gefahr kommen und – noch viel schlimmer – andere in Gefahr bringen kann, zeigt sich im Laufe der etwas chaotisch geführten Ermittlungen immer deutlicher. 

Als Leserin hat man am Aufeinanderprallen der verschiedenen sozialen Schichten, an Situationskomik und dem Lokalkolorit viel Spaß. So habe ich zum Beispiel gelernt, was eine Bassena ist. Und Marie hat mehr als einmal den berechtigen Eindruck, dass ihre „Gnä’ Frau“ doch weit weg vom Leben der normalen Leute ist. Aber Helene lernt dazu und lässt sich auf neue Milieus mit Begeisterung und echtem Interesse ein, selbst wenn das bedeutet, mal skandalös angeschickert bei ihrer Frisörin aufzutauchen.

Zwar hätte ich mir gewünscht, dass die Autorin ihre Hauptfigur besonders in den ersten Kapiteln etwas ernster genommen hätte und die Schreibung der Anredepronomen vom Kampa Verlag sorgfältiger lektoriert worden wäre. Aber das wurde wieder wettgemacht durch die geschickte Verwendung des Wiener Dialekts, der nicht nur die Personen charakterisiert, sondern mir als Unkundiger einfach auch viel Spaß gemacht hat. Allein das Verb „aufpudeln“ ist doch schon großes Kino. Definitiv ein unterhaltsamer Krimi für ein verregnetes Wochenende. Also, ich würde Frau Ehrenstein auch bei weiteren Ermittlungen begleiten.

 

Karl Philipp Moritz: Anton Reiser (1785-1790)

Heute mal ein literarischer Ausflug ins 18. Jahrhundert. Es geht um den Entwicklungsroman Anton Reiser (1785-1790) von Karl Philipp Moritz.

Zehn Jahre lang gab Moritz das Magazin zur Erfahrungsseelenkunde heraus, das sich zum Ziel gesetzt hatte, psychologische Ansätze zu etablieren. In dieser Zeitschrift sollte die Geschichte um Anton Reiser ursprünglich veröffentlicht werden. Anton Reiser wird tatsächlich häufig als erster psychologischer Roman der deutschen Literatur bezeichnet. Schon in der Vorbemerkung des Autors heißt es:

Dieser psychologische Roman könnte auch allenfalls eine Biographie genannt werden, weil die Beobachtungen größtenteils aus dem wirklichen Leben genommen sind. Wer den Lauf der menschlichen Dinge kennt, und weiß, wie dasjenige oft im Fortgange des Lebens sehr wichtig werden kann, was anfänglich klein und unbedeutend schien, der wird sich an die anscheinende Geringfügigkeit mancher Umstände, die hier erzählt werden, nicht stoßen. Auch wird man in einem Buche, welches vorzüglich die innere Geschichte des Menschen schildern soll, keine große Mannigfaltigkeit der Charaktere erwarten; denn es soll die vorstellende Kraft nicht vertheilen, sondern sie zusammendrängen, und den Blick der Seele in sich selber schärfen.-

Es überrascht daher nicht, dass die fiktive Geschichte, in der es um die ersten 20 Jahre des Anton Reiser geht, der des Autors in vielerlei Hinsicht ähnelt. Auch Moritz (1756 – 1793) kam aus ärmlichen und stark vom Pietismus geprägten Verhältnissen. Da kein Geld für Schulbildung da war, wurde Moritz – wie seine Hauptfigur – in eine Hutmacherlehre in Braunschweig gegeben, in der er entsetzlich litt, nicht zuletzt, weil die Arbeit körperlich oft über seine Kräfte ging, er den religiös verblendeten Schikanen seines Chefs ausgesetzt war und er es als demütigend empfand, mit Waren beladen wie ein Tragtier durch die Stadt laufen zu müssen.  

Nicht nur auf Karl Philipp Moritz, sondern auch auf die Romanfigur Anton Reiser wird ein Pfarrer aufmerksam. So wird Anton der Besuch des Gymnasiums ermöglicht, doch selbst der so dringlich ersehnte Schulbesuch ist für ihn eine Qual, da er von den Söhnen aus wohlhabenderem Elternhaus nicht akzeptiert und zum Teil gemobbt wird. Ständig wird er von Gefühlen der Unterlegenheit, der Scham und Wut geplagt, vor allem wenn ihm an den täglich wechselnden Freitischen signalisiert wird, dass er für diese Brosamen dankbar zu sein habe und er der Familie, bei der er seine Unterkunft hat, eigentlich doch sehr zur Last falle.

Nur in der Welt der Bücher kann Anton von Kindheit an an dem Leben teilhaben, das ihm vorschwebt, nur dort kann er alle Gefühle ausagieren.

Durch das Lesen war ihm nun auf einmal eine neue Welt eröffnet, in deren Genuß er sich für alle das Unangenehme in seiner wirklichen Welt einigermaßen entschädigen konnte. Wenn nun rund um ihn her nichts als Lärmen und Schelten und häusliche Zwietracht herrschte, oder er sich vergeblich nach einem Gespielen umsah, so eilte er hin zu seinem Buche. So ward er schon früh aus der natürlichen Kinderwelt in eine unnatürliche idealische Welt verdrängt, wo sein Geist für tausend Freuden des Lebens verstimmt wurde, die andre mit voller Seele genießen können. (S. 17)

Und so kommt es, dass er sich Jahre später als Gymnasiast immer stärker verschuldet, nur um sich Bücher ausleihen zu können. Er beginnt den Unterricht zu schwänzen und lange Wanderungen zu unternehmen, um wenigstens für ein paar Stunden in seiner idealen Welt zu sein. Schließlich entdeckt er – wie auch der Schriftsteller Moritz – seine Leidenschaft für das Theater. Er ist sich sicher, zum Schauspieler berufen zu sein, doch der allwissende Erzähler lässt schon hundert Seiten vor dem Ende der Geschichte keinen Zweifel daran, dass das eine Illusion ist. Die vermeintliche Berufung ist nichts anderes als eine Folge fehlender Selbsterkenntnis. Nur weil man in der Fantasiewelt der Bücher, des Theaters glücklich sei und mit ihnen der „realen“ Welt entfliehen könne, kurz, weil das Theater die ungestillten Sehnsüchte des Melancholikers nach wirklichen Gefühlen, nach Drama und nach Leben kurzzeitig erfülle, heiße das nicht, dass man das Zeug zum Schauspieler hat.

– das Theater als die eigentliche Phantasiewelt sollte ihm also Zufluchtsort gegen alle diese Widerwärtigkeiten und Bedrückungen sein.- Hier allein glaubte er freier zu atmen und sich gleichsam in seinem Elemente zu befinden. (S. 351)

Es ist meist lohnend, solche literarischen Ausflüge in die Vergangenheit zu unternehmen, zu den oft genug lieblosen religiösen Gruppierungen, den Gebräuchen (siehe die Einrichtung der Freitische) oder den katastrophalen Arbeitsbedingungen während einer Lehre. Und die beißende Kritik an empathielosen, nur mit sich selbst beschäftigen Eltern sowie an einem miserablen Schulsystem und ignoranten und gleichgültigen Lehrern ist tief empfunden und teilweise immer noch gültig. Deutlich zeigt sich, dass ein derlei vernachlässigtes Kind später schlechter mit Problemen und Beschämungen zurechtkommt.

Antons Herz zerfloß in Wehmut, wenn er einem von seinen Eltern Unrecht geben sollte [d. h. wenn er nach einem Streit die Partei des einen gegen den anderen ergreifen sollte], und doch schien es ihm sehr oft, als wenn sein Vater, den er bloß fürchtete, mehr Recht habe als seine Mutter, die er liebte. So schwankte seine junge Seele beständig zwischen Haß und Liebe, zwischen Furcht und Zutrauen, zu seinen Eltern hin und her.

Da er noch nicht acht Jahr alt war, gebar seine Mutter einen zweiten Sohn, auf den nun vollends die wenigen Überreste väterlicher und mütterlicher Liebe fielen, so daß er nun fast ganz vernachlässigt wurde und sich, so oft man von ihm sprach, mit einer Art von Geringschätzung und Verachtung  nennen hörte, die ihm durch die Seele ging. […]

Am Ende freilich ward dies Gefühl ziemlich bei ihm abgestumpft; es war ihm beinahe, als müsse es beständig gescholten sein, und ein freundlicher Blick, den er einmal erhielt, war ihm ganz etwas Sonderbares, das nicht recht zu seinen übrigen Vorstellungen passen wollte. (S. 14/15)

Aber let‘s face it: Zwischendurch zog sich die Geschichte in ihrem Auf und Ab entsetzlich in die Länge. Manche Szenen aus der Kindheit sind zwar ergreifend und den psychologischen Einsichten des allwissenden Erzählers zur menschlichen Natur kann man nur zustimmen.

Es deuchte Reisern nun viel leichter, mit schönen und angenehmen Aussichten in die weite Welt zu wandern, als [schon] an Ort und Stelle selbst zu sein und diese Aussichten wahr zu machen. (S. 372)

Dennoch ist der Gesamteindruck oft genug der eines steifen, belehrenden und pedantischen Vor-sich-hin-Erzählens. Das ein oder andere Motiv wiederholte sich bis zur Ermüdung. Die erwachsene Hauptfigur ging mir mit ihrem Schuldenmachen, ihrem übersteigerten Selbstwertgefühl, ihrer Stilisierung als einsamer und verkannter Held samt ihrer völligen Planlosigkeit irgendwann auch auf die Nerven. Daran konnten feine Momente, in denen sich der Protagonist seiner selbst bewusst wird, wenig ändern. Erst der letzte Teil, in dem Anton aufgrund  unbezahlter Schulden aus der Stadt flüchtet und versucht in der Fremde sein Glück als Schauspieler zu machen, wurde wieder interessanter.

Er fühlte ungewöhnliche Kraft in seiner Seele, sich über alles  das hinwegzusetzen, was ihn darnieder drückte – denn wie klein war der Umfang, der alle das Gewirre umschloß, in welches seine Besorgnisse und Bekümmernisse verflochten waren, und vor ihm lag die große Welt. […] Alles, was ihn gekränkt hatte, schien ihm klein, unbedeutend und nicht der Mühe des Nachdenkens wert.- Aber nun stiegen andre Zweifel, andre Besorgnisse in seiner Seele auf  […] über den in undurchdringliches Dunkel gehüllten Ursprung und Zweck, Anfang und Ende seines Daseins – über das Woher und Wohin bei seiner Pilgrimschaft durchs Leben – die ihm so schwer gemacht wurde, ohne daß er wußte, warum?  – Und was nun endlich aus dem allem kommen sollte.- (S. 252 und 254)

Hier noch ein schöner Beitrag zu dem Roman von Ludger Menke.

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Grazia Deledda: Schilf im Wind (OA 1913)

Die italienische Insel Sardinien zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts ist der Schauplatz des Romans Schilf im Wind von Deledda. Die sardische Schriftstellerin lebte von 1871 bis 1936 und blieb, auch wenn sie 1900 mit ihrem Mann schließlich nach Rom zog, ihrer Heimatinsel immer verbunden. 1926 erhielt sie den Nobelpreis für Literatur. In der Rede zur Verleihung des Preises heißt es:

In this town, so little influenced by the Italian mainland, Grazia Deledda grew up surrounded by a savagely beautiful natural setting and by people who possessed a certain primitive grandeur, in a house that had a sort of biblical simplicity about it. «We girls», Grazia Deledda writes, «were never allowed to go out except to go to Mass or to take an occasional walk in the countryside.» She had no chance to get an advanced education, and like the other middle-class children in the area, she went only to the local school. Later she took a few private lessons in French and Italian because her family spoke only the Sardinian dialect at home. Her education, then, was not extensive. However, she was thoroughly acquainted with and delighted in the folk songs of her town with its hymns to the saints, its ballads, and its lullabies. She was also familiar with the legends and traditions of Nuoro. Furthermore, she had an opportunity at home to read a few works of Italian literature and a few novels in translation, since by Sardinian standards her family was relatively well-to-do. But this was all. Yet the young girl took a great liking to her studies, and at only thirteen she wrote a whimsical but tragic short story, (…) which she succeeded in publishing in a Roman newspaper. The people at Nuoro did not at all like this display of audacity, since women were not supposed to concern themselves with anything but domestic duties. But Grazia Deledda did not conform; instead she devoted herself to writing novels (…) with which she made a name for herself. She came to be recognized as one of the best young female writers in Italy. 

Und wenn man den Roman, z. B. in der Neuedition des Manesse Verlags, liest, spürt man auf jeder Seite die Verbundenheit der Autorin mit der Heimat ihrer Jugend. Die Schönheit der Natur, der Wechsel der Jahreszeiten, das Wetter, die Pflanzen, alles wird liebevoll wahrgenommen und besungen. 

Da öffnet sich mit einem Mal das Tal, und hoch oben auf der Kuppe eines Hügels taucht wie ein gewaltiger Trümmerhaufen die Burgruine auf. Aus dem schwarzen Mauerwerk blickt eine leere blaue Fensterhöhle wie das Auge der Vergangenheit selbst auf die melancholische, von der aufgehenden Sonne in rosiges Licht getauchte Landschaft hinaus, auf die geschwungene Ebene mit den grauen Sandtupfern und den blassgelben Binsenflecken, auf die grünliche Ader des Flusslaufs, die weißen Dörfer, aus deren Mitte die Glockentürme emporragen wie die Blütenstempel aus den Blumen, auf die Hügel oberhalb der kleinen Ortschaften und auf die malven- und goldfarbene Wolke der Nuoreser Berge im Hintergrund. (S. 26)

Die Vorgeschichte der Handlung wird auf den ersten Seiten abgehandelt:

Donna Lia, seine dritte Tochter, verschwand eines Tages aus dem väterlichen Haus, und lange Zeit hörte man nichts mehr von ihr. Der Schatten des Todes lastete auf dem Haus. Niemals hatte es in der Gegend einen derartigen Skandal gegeben, niemals zuvor war ein adliges und wohlerzogenes Mädchen wie Lia auf eine solche Weise geflohen. Don Zame schien den Verstand zu verlieren. Auf der Suche nach Lia irrte er in der ganzen Gegend umher und durchkämmte die Küste. Doch niemand konnte ihm Auskunft über sie geben. Endlich schrieb sie ihren Schwestern, dass sie sich an einem sicheren Ort befände und glücklich sei, ihre Ketten gesprengt zu haben. Die Schwestern aber verziehen ihr dies nicht und gaben ihr keine Antwort. (S. 19)

Unterdessen schrieb Lia den Schwestern, die durch ihre Flucht entehrt worden waren und daher keine Ehemänner fanden, einen Brief, in dem sie ihre Heirat ankündigte. Der Ehemann war ein Viehhändler (…) Die Schwestern konnten ihr diesen neuerlichen Fehltritt – die Ehe mit einem Mann aus dem Volk, den sie unter so beschämenden Umständen kennengelernt hatte – nicht verzeihen und gaben ihr keine Antwort. (S. 20)

Jahrzehnte später kommt nun Giacinto, der Sohn der verstorbenen Lia, zu seinen drei Tanten und deren einzigem Knecht Efix. Das herrschaftliche Gut ist nach dem Tod des Vaters so heruntergewirtschaftet und die drei Schwestern so verarmt, dass Efix schon seit Jahren keinen Lohn mehr bekommen hat. Dennoch hängt er mit unverbrüchlicher, man möchte sagen, naiver und zunächst auch unverständlicher Treue an seinen drei „Herrinnen“ und hofft, dass die Ankunft Giacintos den Beginn besserer Zeiten für alle bedeutet. Doch zunächst verursacht der junge Mann im Dorf nur Chaos, Schulden und verstörte Frauenherzen. 

Heidentum vermischt sich mit Aberglauben und tiefer Frömmigkeit. Ein wenig Abwechslung in den kargen und eintönigen Alltag mit seiner Armut und der harten Arbeit bringen die christlichen Feste und Pilgerfahrten. Malaria, Banditentum, die künstliche Kluft zwischen einfachem Volk und dem Adel, die Rolle der Frau; all das wird hingenommen, nicht hinterfragt, und unter Schicksal – das menschliche Leben als Schilf im Wind – wird verbucht, was vielleicht doch einfach Folge menschlicher Irrtümer und zu enger geistiger und menschlicher Horizonte ist.

Der Erzählstrom fließt entspannt dahin. Das Lesen entschleunigt. Die Psychologie der Figuren ist nicht so entscheidend. Die Menschen sind eingeschrieben in die Landschaft, ihre Erinnerungen und ihre archaischen Traditionen, die nur sehr sehr allmählich in Frage gestellt werden. Und deshalb bleiben mir die Figuren allesamt fremd; die Distanz ist für mich als Leserin nicht ohne Weiteres zu überbrücken, auch wenn der melancholische Grundton durchaus reizvoll ist.

Doch darüber wunderte er sich nicht mehr; weit weg gehen, man musste weit weg gehen, in andere Gefilde, wo es größere Dinge gab als die unsrigen. (S. 387)

Min Jin Lee: Pachinko (2017)

History has failed us, but no matter.

Die Geschichte hat uns im Stich gelassen, aber was macht das schon.

Mit diesem Satz beginnt der ca. 500 Seiten starke Roman der Amerika-Koreanerin Min Jin Lee – von Barack Obama für seine Schilderung von Resilienz und Mitgefühl hochgelobt und einer der National Book Award Finalists von 2017. Das Buch erzählt über mehrere Generationen hinweg die Geschicke einer koreanischen Immigrantenfamilie in Japan. Lesenswert, wenn auch nicht das vollkommene Meisterwerk, das manche amerikanische Kritiker aus ihm machen wollten.

Die deutsche Übersetzung Ein einfaches Leben von Susanne Höbel erschien 2018. Anscheinend war den deutschen LeserInnen der englische Titel, dessen Bedeutung sich erst später erschließt, aber dadurch doch auch reizvoll und letztlich wesentlich treffender ist, nicht zuzumuten.

Die Handlung umfasst die Jahrzehnte von 1910 bis 1989 und beginnt mit der 16-jährigen Südkoreanerin Sunja, die nie ein freies Korea erlebt hat. Seit 1905 galt Korea als Protektorat Japans, 1910 wurde es als Kolonie eingegliedert. Sunjas Familie ist arm und hält sich mit einer kleinen Herberge über Wasser. Das junge Mädchen verliebt sich in einen reichen älteren Landsmann, den Fischhändler Koh Hansu, der dem naiven aber willensstarken Mädchen Geschenke mitbringt und ein wenig Aufmerksamkeit widmet. Sie ist sicher, er wird sie ehelichen, doch Hansu ist längst mit der Tochter eines – freundlich formuliert – einflussreichen Mannes in Japan verheiratet, ein Umstand, den er zu erwähnen vergaß. Als Sunja schwanger wird, ist Hansu durchaus erfreut und will sie irgendwo als Mätresse unterbringen und sich um ihren Lebensunterhalt und die Erziehung des Kindes zumindest finanziell kümmern. Doch das kommt für die stolze Sunja nicht in Frage.

Gleichzeitig würde aber ein uneheliches Kind unauslöschliche Schande über sie und ihre Mutter bringen, deshalb willigt sie ein, den freundlichen Prediger Isak zu heiraten, der auf dem Weg nach Japan ist, um dort in einer kleinen christlichen Gemeinde zu arbeiten. Die Ehe der beiden wird glücklich und Sohn Noa hält Isak für seinen leiblichen Vater.

Ihr Leben in Japan ist hart. Sie sind arm und auf die Unterstützung von Isaks Bruder und Schwägerin angewiesen, in dessen Häuschen sie auch leben. Der Familienzusammenhalt ist enorm, gleichzeitig steht Sunja öfter vor dem Dilemma, ihrem Schwager gehorchen zu müssen, auch wenn sie seine Entscheidungen nicht immer gutheißen kann. Überhaupt, die Rolle der Frau, ein Sprichwort besagt, das Los der Frau sei es zu leiden, also das auszulöffeln, was die Männer eingebrockt haben. Hansu, der Vater von Sunjas Sohn Noa, wird ebenfalls noch eine Rolle spielen.

Das war spannend, anrührend und interessant, wusste ich bis dahin doch so gut wie nichts über Korea im 20. Jahrhundert und über den (institutionalisierten) Rassismus und die Diskriminierung, der koreanische Einwanderer/Zwangsarbeiter oder gar Christen in Japan ausgesetzt waren. Gleichzeitig zeigt der Roman, wie sich Stück für Stück die Lebenswelt der nachfolgenden Generationen verändert. Durch die Entbehrungen, die unfassbare Arbeit und Beharrlichkeit der Elterngeneration kann die nächste Generation dann schon zur Schule geschickt werden und versuchen, aus dem Hamsterrad von nicht enden wollender körperlicher Arbeit auszusteigen.

Die beiden Söhne, Noa wissbegierig, intelligent und fleißig, Mozasu eher praktisch veranlagt und schnell mit den Fäusten, schlagen deshalb schon ganz andere Wege ein als Mutter, Tante und Onkel. Und erst für Noa und Mozasu öffnen sich Entscheidungsspielräume und stellen sich Identitätsfragen. Gleichzeitig wird die emotionale Bindung an die ursprüngliche Heimat der Eltern geringer, irgendwann wird nicht mehr von Rückkehr gesprochen. Der gesellschaftlich verankerte Rassismus und die Diskriminierungserfahrungen bleiben, aber sie sehen anders aus. Passt man sich an und ist vielleicht sogar besser als die Einheimischen, wird man beneidet und angegiftet. Geht man beruflich in die Bereiche, mit denen ein „anständiger“ Japaner nichts zu tun haben will, ist man ein Krimineller. Der eine kommt damit zurecht und sieht nicht ein, sich davon sein Leben verleiden zu lassen, ein anderer geht daran zugrunde.

So verkörpert diese Familie fast schon prototypisch das Schicksal ungeliebter Immigranten überall auf der Welt.

Der erste Teil des exzellent recherchierten Romans war wie aus einem Guss, ein traditionell erzählter und detailreicher Familienschmöker mit unvergesslichen Szenen, der ab und an an die Romane des 19. Jahrhunderts erinnert und trotz aller Süßlichkeiten nicht ohne Anspruch ist; unmöglich, nicht an Sunjas Familie und ihrem Ergehen Anteil zu nehmen oder die aktuellen Bezüge zu unserer Gegenwart wahrzunehmen. Es gefiel mir auch, dass nicht alle Emotionen und Gedanken ausbuchstabiert wurden. Das passte zu dieser schlichten, doch würdevollen und sturen Frau und die großen politischen Umwälzungen werden hier ausschließlich anhand ihrer Auswirkungen auf die einfachen Leute erzählt. Das ist stimmig und schockierend zugleich.

Doch irgendwann zerfaserte die Geschichte; die Autorin Min Jin Lee (*1968 in Südkorea) wollte einfach zu viel. Ihre Absicht, alle möglichen denkbaren Lebenswege der nachfolgenden Generationen und damit auch alle nur denkbaren Immigrationserfahrungen zur Sprache kommen zu lassen, war zu offensichtlich. Lee verzettelt sich in Namen und Schicksalen, die zum Teil auf maximale Dramatik gebürstet werden, mich dann aber kalt gelassen haben. Hätte die Autorin Sunja und ihre direkten Nachkommen als Zentrum der Handlung zwischendurch nicht so aus den Augen verloren, kurzum das Buch um 150 Seiten gekürzt, wäre ein noch wesentlich beeindruckenderes Werk entstanden.

PS: Manche Rezensenten erklären gleich zu Beginn, woher der englische Titel Pachinko kommt. Ich fand viel interessanter, das erst zu klären, als der Begriff das erste Mal im Roman auftaucht.

Eine Verfilmung ist geplant.

Der Sidney Morning Herald bringt es auf den Punkt:

Is Pachinko a masterpiece? No. But it is one of those books that takes a mighty bite of big-time subject matter and has its own kind of grandeur.

Amanda Cross: In the Last Analysis (1964)

Durch die deutsche Neuauflage von Die letzte Analyse im Dörlemann Verlag bin ich überhaupt erst aufmerksam auf dieses Krimi-Schätzchen aus den Sechzigern geworden. Was für ein Glück. Dabei konnte man die Bände um die resolute Literaturprofessorin Kate Fansler schon vor über 20 Jahren in Deutschland erstehen.

Der ursprüngliche deutsche Titel des ersten Bandes lautete Gefährliche Praxis. Ansonsten wurde die Übersetzung von Monika Blaich (*1942) und Klaus Kamberger (*1940) vom Dörlemann Verlag beibehalten. Meine Besprechung bezieht sich allerdings auf die englische Neuausgabe von 2018.

Kurz zum Inhalt:

Die ältere Studentin Janet Harrison fragt Professorin Kate Fansler, ob diese ihr einen guten Therapeuten empfehlen könne. Und so kommt es, dass Janet eine Psychoanalse bei Emanuel Bauer beginnt, einem anerkannten Analytiker und sehr guten Freund von Kate. Die beiden waren auch mal ein Liebespaar, aber das ist lange her.

They had been lovers for a time – they had no one but themselves to consider – yet this had been far from central to their mutual need. After that first year,  they would no more have considered making love than of opening a mink ranch together […] (S. 46)

Wenige Wochen später wird nun jene Studentin ermordet aufgefunden, auf der Analysecouch Emanuels. Erstochen mit einem Messer aus Bauers Küche. Sonnenklar, dass Kate alles in ihrer Macht Stehende unternehmen muss, um Emanuel, seine entzückend planlos schwatzende Frau Nicola und schließlich sogar sich selbst von dem ungeheuerlichen Verdacht reinzuwaschen, die junge Frau getötet zu haben. Dabei spannt sie ihren guten Bekannten Reed Amhearst, seines Zeichens Staatsanwalt mit besten Kontakten zur Polizei, und Jerry, den jungen und äußerst abenteuerlustigen Verlobten ihrer Nichte, ein.

Mag Kate die Idee zur Klärung des Falls auch etwas unmotiviert aus heiterem Himmel überkommen, war mir das dann schon völlig egal, weil man bis dahin so viel Spaß am intelligenten und literarischen Schlagabtausch der Beteiligten hatte und Kate und ihre Freunde schon längst ins KrimileserInnenherz geschlossen  hat.

‚I don’t think this case is helping your disposition – you’re beginning to sound petulant. What you need is a vacation.‘ (S. 119)

Dass das Buch mit seiner emanzipierten und belesenen Protagonistin dabei ein bisschen Retro-Charme versprüht und gleichzeitig zeitlose Kritik an der Bürokratisierung des Universitätsbetriebs und Einblicke in die menschlichen Natur liefert, macht die Lektüre umso lohnender.

‚Oh, dear, I keep forgetting about the police. Are they getting restive?‘ (S. 96)

Oder wie Andrea Gerk feststellt: „Screwball Comedy mit Mehrwert“.

Ich jedenfalls habe die nächsten Bände schon geordert.

Die Autorin Carolyn Gold Heilbrun (1926 – 2003), eine feministische, amerikanische Literaturprofessorin an der Columbia University in New York, legte sich für ihre 15 Bände um Kate Fansler das Pseudonym Amanda Cross zu, um ihr Renommee als Literaturwissenschaftlerin nicht zu gefährden. Ihre Krimis waren unglaublich erfolgreich und wurden weltweit übersetzt. Ihr erster Band kam in der Kategorie „Bestes Debüt“ sofort auf die Shortlist für den Edgar Award.

Mit 77 beging sie Suizid, da sie nach Aussage ihres Sohnes sicher war, die Reise sei vorüber, ihr Leben habe sich erfüllt, aber nicht weil sie erkrankt oder depressiv gewesen sei. Dazu passt der längere Essay  A Death of One’s Own von New York.

 

Christina Hardyment: Heidi’s Alp – One Family’s Search for Storybook Europe (1987)

Bei dem nicht wirklich erfolgreichen Versuch, meine Buchregale zu entrümpeln, fiel mir dieses unschön vergilbte Secondhandbuch, das schon seit Jahren in meinem Regal herumlungerte, wieder in die Hände. Und was soll ich sagen – ich habe schon lange nicht mehr mit so viel Vergnügen einen Reisebericht gelesen. Und was passt bei dem derzeitigen Regenwetter besser als eine Sofareise?

Die britische Autorin Christina Hardyment (*1946) hat im Laufe ihres Lebens zahlreiche Bücher zu den unterschiedlichsten Themen geschrieben. In Heidi’s Alp (1987) geht es um eine siebenwöchige Reise, die sie 1985 mit ihren vier Töchtern Susie, Daisy, Ellie und Tilly durch Europa unternommen hat. Die jüngste Tochter ist fünf, die älteste ist zwölf. Das Gefährt der Wahl ist ein Wohnmobil, das auf den Namen Bertha getauft wird.

Gradually the idea surfaced. Why not steal a summer? Make a journey, part Toadlike, self-indulgent adventure, and part education in the old idiom of the Grand Tour. Take the children right out of school for May and June, the loveliest months, and amble unhurried around Europe well ahead of the August crowds. […] But what sort of approach would appeal to the children? Every parent knows the miseries of trailing round museums and art galleries with unwilling children in tow. No one gets far up the mountain peak with an opinionated five-year-old. (S. 2/3)

Also wird die Reiseroute in groben Zügen anhand literarischer Gesichtspunkte festgelegt. Es sollen Orte und Landschaften besucht werden, die bedeutsam für wichtige Werke der Kinderliteratur waren. Unterwegs werden den Mädchen die Geschichten vorgelesen – manche kennen sie bereits, wie die Geschichten um Heidi von Johanny Spyri -, dazu gibt es Hintergrundinfos der wohlinformierten Mutter, kleine Museen und die dazugehörigen Landschaften.

Die ersten zwei Wochen werden sie ab Holland noch von einer guten Freundin samt Baby Sarah begleitet. Sieben Menschen in einem Wohnmobil, davon ein Baby, das stellt alle auch vor ziemlich unliterarische Herausforderungen. In den letzten Wochen verstärkt Tom, der Vater der vier Mädchen, die Reisetruppe.

Eckpfeiler der Routenplanung:

  • Hans Brinker and the Silver Skates von Mary Mapes Dodge (Holland)
  • Die Märchen – und die Reisen – von Hans Christian Andersen (Dänemark)
  • Lübeck
  • Der Rattenfänger von Hameln (Deutschland)
  • Diverse – auch mir noch unbekannte – Städte und der Brocken im Harz (auch im ehemaligen Gebiet der DDR)

By the time we reached the border it was dusk. The western horizon glowed a welcome home beyond the barriers, but first we had to undergo a search much more thorough than the one on our arrival. The children were amazed to see a large mirror on wheels was rolled out and solemnly passed to and fro under the van to see if anything – or anybody – was attached underneath. The bonnet was opened, the engine inspected, all the drawers emptied, the books reshuffled. Nothing could have contrasted more startlingly with the casual waves given at all the other borders we had crossed. ‚But if people want to leave the country, why don’t they let them?‘ asked Ellie. (S. 133)

  • Märchen der Gebrüder Grimm und Schloss Wilhelmshöhe (Kassel)
  • Rothenburg ob der Tauber
  • Schloss Neuschwanstein
  • Auf den Spuren Harlequins in Venedig (Italien)
  • Pinocchio (Collodi in Italien)
  • Der Schiefe Turm von Pisa
  • Heidi von Joanna Spyri (Maienfeld, Schweiz)
  • Zürich
  • Wilhelm Tell
  • Lauterbrunnen und Fahrt zum Jungfraujoch
  • Bücher über den Bären Mary Plain von Gwynedd Rae (Bern)
  • Eiffelturm in Paris
  • Die Geschichte von Babar, dem kleinen Elefanten von Jean de Brunhoff

Aber genauso werden freie Tage und immer auch ein bisschen Luft für spontane Ausflüge und vom Wetter abhängige Ideen sowie große Vergnügungsparks eingeplant; in Legoland fahren sich die Mädchen in den diversen Fahrgeschäften schwindlig, während sich die zwei Mütter Titanias Palast anschauen.

Bei Museumsbesuchen wird auch mal zu Tricks gegriffen, damit die Töchter nicht vor lauter Langeweile die Galerie sofort wieder verlassen wollen.

Normally our progress through picture galleries and museums is indecently  rapid, but today [Schloss Wilhelmshöhe] was different. We bought the girls each four postcards in the entrance hall and then set them the challenge of finding the originals. Since the gallery is spread over three enormous floors of the palace […] Tom and I very soon lost sight of all four of them, and enjoyed a restful half hour of guessing painters wrongly. (S. 148)

Und so entsteht eine charmante und ehrliche Mischung aus Familienmemoir, Reisebericht (mit all den schönen und chaotischen Seiten, die unerwartet geschlossene Museen und das beengte Leben im Wohnmobil mit sich bringen; kleinen Unfällen inclusive), landeskundlichen Impressionen (holländische Fahrradfahrer und die schweizerische Ordnungsliebe sind der Erzählerin ein echter Dorn im Auge) und literarischer Vor-Ort-Erkundung, bei der ich viel Neues erfahren habe. Hardyment recherchierte akribisch vor, während und nach der Reise zu den AutorInnen und Geschichten, so kann sie mühelos interessante und manchmal auch skurrile Informationen an passender Stelle einflechten. Ihre literarische Entdeckerfreude ist einfach ansteckend.

Das Ganze geschrieben mit Tempo, Wissen, Witz und (mütterlicher) Selbstironie.

Hans-Christian Andersen, auf dessen Spuren die kleine Reisetruppe immer mal wieder wandelt, war 1831 mit dem Schiff von Kopenhagen nach Lübeck gereist. Über die Nacht in seiner Kabine mit zwei weiteren Männern schreibt er:

‚one with his legs against the head of the other. I happened to be in the middle, and now one of them would ask me to move my legs, the other to move my head; I was too long for them.‘ ‚Just like us in Bertha,‘ said Daisy feelingly. ‚I wish Ellie didn’t kick so much.‘ (S. 73)

Manches mutet inzwischen nostalgisch an. Eine Reiseplanung ohne Internet, Kinder ohne Handys, und wenn man liest, dass ihre ungeplante Übernachtung auf „Heidis Almhütte“ oberhalb von Maienfeld zu den Höhepunkten ihrer Tour gehört – auch dank der Gastfreundlichkeit des Senners -, der zwar schon damals von einigen japanischen Touristen berichtet, dann ahnt man, dass derlei Erfahrungen in der heutigen touristischen Marketingwelt nicht mehr  möglich sind.

Zu gern würde ich wissen, was die Töchter später über diese Reise gedacht haben. Wie war es wohl mit einer so literaturbegeisterten Mutter?

Als ihre beiden älteren Töchter auf der Rückreise Vorschläge machen, wohin die nächste große Tour führen könnte, empfindet Hardyment das als das schönste Kompliment überhaupt.

That assumption that we would be going again, that confidence that they would enjoy it. I felt as pleased as the mother hen in the ‚Ugly Duckling‘ when her brood hatches. I’d hatched a brood, too, a brood of travellers. And romantic ones, at that. Real swans. (S. 247)

Ich jedenfalls bin unglaublich gern mit auf diesen Trip gegangen und war so infiziert, dass ich alle naslang unterbrechen musste, weil ich rasch noch etwas recherchieren wollte. Und natürlich überlege ich jetzt, was ich als nächstes lese: The Wind in the Willows oder Travels with Charley von John Steinbeck? Oder doch Pinocchio?

Next day was positively slovenly – late to rise and late to bed, with much relaxed non-achievement in between. (S. 80)

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Daniela Strigl: Berühmt sein ist nichts – Marie von Ebner-Eschenbach (2016)

Die erste deutschsprachige Biografie zu Marie von Ebner-Eschenbach seit 1920 ist ein sorgfältig recherchierter Brummer von über 400 Seiten.

Daniela Strigl, eine ausgewiesene Kennerin des Ebner-Eschenbach’schen Werkes und Mitherausgeberin der vierbändigen Marie von Ebner-Eschenbach-Leseausgabe im Residenz Verlag, führt die LeserInnen durch das lange Leben der mährisch-österreichischen Autorin, die von 1830 bis 1916 lebte.

Die chronologisch angelegte Biografie las sich für mich zwischenzeitlich, das ist dann aber oft dem Gegenstand geschuldet, etwas langatmig, da Strigl uns ausführlich auch durch jene Jahrzehnte führt, in denen Ebner-Eschenbach der Meinung war, Dramen schreiben zu müssen. Erst als sie auf Erzählungen, Aphorismen und Romane umstieg, kam der Erfolg. Da wurde es auch für mich als Leserin interessanter, sich mit den Inhalten ihrer Geschichten zu beschäftigen. Die Schriftstellerin selbst habe

ihren Weg vom Drama zur Erzählung als Abstieg betrachtet und ihre großen und kleinen Erfolge auf dem Gebiet der Prosa als eine Form des Scheiterns. […] Und in einem abschließenden Superlativ des Understatements spricht die längst als bedeutendste Erzählerin deutscher Zunge anerkannte Marie Ebner sich sogar den Status einer Dichterin ab. ‚In meiner Jugend war ich überzeugt, ich müsse eine große Dichterin werden, und jetzt ist mein Herz von Glück und Dank erfüllt, wenn es mir gelingt, eine lesbare Geschichte niederzuschreiben.‘ (S. 187)

Davon abgesehen ist es aufschlussreich zu lesen, in welch adlig-wohlhabenden Kreisen die Autorin zu Hause war. Ihr Vater hatte sieben Kinder von drei seiner insgesamt vier Ehefrauen – die er alle überlebte – und man gehörte später zur Wiener High Society.

Die Autorin pflegte zahlreiche (Brief-)Freundschaften, die zum Teil Jahrzehnte überdauerten, stand in Kontakt mit literarischen Größen ihrer Zeit. Wir erfahren, wer ihre literarischen Vorbilder waren und welches karikative Engagement aus ihrer sozialen Grundhaltung resultierte.

Darüber hinaus kommt ihre Einstellung, z. B. zur Frauenbewegung, zur Sprache. Aber auch ihre Reitbegeisterung, ihr Vorliebe für Zigarren und ihre späte Liebe zu Rom werden ausführlich gewürdigt. Ebenso geht es um ihre Ehe mit ihrem 15 Jahre älteren Cousin, die kinderlos blieb, und nicht zuletzt um einen umfassenden Einblick in ihr Werk, das oft genug der (adligen) Gesellschaft einen kritischen Spiegel vorhält. Auch ihr späteres öffentliches Auftreten gegen antisemitische Umtriebe war für „eine katholisch sozialisierte österreichische Aristokratin bemerkenswert genug“. (S. 275)

Insgesamt eine Schriftstellerinnenkarriere, die nach diversen erfolglosen Theaterstücken schon zu Ende schien, bevor sie richtig begonnen hatte, und die dann doch bis zu den höchsten Stufen des Erfolgs führte. Sie erhielt als erste Frau das Ehrendoktorat der philosophischen Fakultät der Universität Wien. Sogar für den Nobelpreis wurde später ihr Name ins Spiel gebracht.

Wenig überzeugend fand ich allerdings die zahlreichen psychoanalytischen Deutungsversuche: Wie hilfreich ist es denn, wenn sich Strigl bei der Frage nach der tiefenpsychologischen „Ursache für Maries fundamentale Verunsicherung“ in ihrer Kindheit auf Georg Groddeck bezieht?

‚Der Säugling, der von der Amme gestillt wird, ist in den Zweifel hineingestellt und wird den Zweifel nie verlieren. Seine Glaubensfähigkeit ist im Fundament erschüttert und das Wählen zwischen zwei Möglichkeiten ist für ihn schwerer als für Andere.“ (S.45)

Auch Kinderlosigkeit wird von Groddeck ratzfatz als eine unbewusste Ablehnung der Schwangerschaft gedeutet, ein Ansatz, den selbst Strigl als „einigermaßen provokant“ (S. 110) empfindet.

Wesentlich lohnender erscheint mir die Biografie unter dem Gesichtspunkt, wie Ebner-Eschenbach damit umging, nahezu ein Leben lang gegen den Wunsch ihrer Familie schriftstellerisch tätig gewesen zu sein. Schon die Großmutter schickt sie grob hinaus, als die kleine Marie ihren Wunsch verkündet, später Dichterin werden zu wollen.

Marie ist nun von der ‚Sündhaftigkeit‘ ihrer Passion überzeugt, sie weint mit ihrer Schwester, die auch nicht mehr weiterweiß: ‚Sprich nicht davon; dann vergeht’s vielleicht.‘ […] Was wie eine komische Grille anmutet, erlebt das Kind als schreckliche Gewissensnot, als ein Verdammtsein zum Ungehorsam. Ganz ernsthaft wünscht Marie sich den Tod. Das Urteil der erwachsenen Frau beschönigt nichts: ‚Gut bei diesem Verfahren der Meinen war bloß die Absicht. Gewollt haben sie mein Bestes und, ohne es zu wissen was sie taten, mir das peinvoll demütigende Gefühl eines angeborenen, geheimen Makels aufgebürdet.‘ (S. 57)

Selbst von der Mode waren schreibende Frauen eigentlich nicht vorgesehen. Die Kopfschmerzen, von denen viele Frauen im 19. Jahrhundert berichten, werden von Evelyne Polt-Heinzl mit der Krinoline erklärt, mit der man nicht am Schreibtisch sitzen konnte, stattdessen mussten die Frauen

in vorgebeugter Haltung mit einem Schreibbrett auf dem Schoß vorlieb nehmen. Der Schmerz der malträtierten Halswirbelsäule habe in den Kopf ausgestrahlt. (S. 93)

Groddeck hat auch hier eine andere Deutung im Angebot:

Die bei Frauen oft mit der Menstruation einhergehende Migräne habe die Funktion, die in dieser Zeit gesteigerte, aber nach der Konvention nicht zu befriedigende Libido abzutöten. (S. 93)

Nicht nur der Ehemann sah das Schreiben seiner Gattin kritisch. Auch bei den Brüdern waren große Widerstände zu überwinden. Die Haltung ihres Ehemanns ist dabei zumindest ambivalent: Ist Marie von Ebner-Eschenbach erfolgreich, freut er sich mit ihr; zerreißt die Kritik das Werk, will er ihr prompt verbieten, weiterhin schriftstellerisch tätig zu sein. Er werde schließlich nicht erlauben, dass sie seinen guten Namen verunglimpfe. Und sie, ganz Ehefrau ihrer Zeit:

‚Er hat das Recht so zu sprechen, ich sehe es ein.‘ (S. 161)

Gleichzeitig habe er sich damit abgefunden, dass sie wohl machtlos gegen den Schreibdrang sei. Seinem Testament liegt ein liebevoller Brief bei, in dem er bekennt, sie nicht gefördert zu haben, sie allerdings auch nie absichtlich behindert zu haben. All ihren Erfolg habe sie ausschließlich der eigenen Kraft zu verdanken. (Vielleicht war dies ja das Hauptproblem, das die männliche Eitelkeit zu verkraften hatte?)

Aufschlussreich wird es immer dann, wenn zeitgenössische Kritiker die vorgeblichen Mängel oder Stärken ihrer Stücke und Erzählungen auf das Geschlecht der Autorin zurückführen. Und so erfuhren die LeserInnen der Presse:

‚Der souveräne Humor ist ein männliches Vorrecht.‘ (S. 174)

Ebner-Eschenbach hat ihr Leben lang erfahren, dass es keineswegs allgemein anerkannt war, dass Frauen menschliche Wesen sind, die die gleichen Bedürfnisse nach Bildung und Selbstverwirklichung haben wie Männer. An einer Stelle schreibt sie:

‚Wie aber, wenn die Frau in erster Reihe ein menschliches, und erst in zweiter ein weibliches Wesen wäre? wenn sie eben so viel individuelles Leben besässe wie der Mann und der Ergänzung durch ihn nicht mehr bedürfte, als er der Ergänzung durch sie; und wenn es doch möglich wäre, dass ein wirkliches, ein grosses und der Expansion fähiges Talent auch in einer deutschen Frau zur Erscheinung käme?‘ (S. 306)

Selbst die Genderdebatte hat Ebner-Eschenbach bereits vorweggenommen:

‚Wenn eine Frau sagt ‚Jeder‘ meint sie: jedermann. Wenn ein Mann sagt ‚Jeder‘, meint er: Jeder Mann.‘

Seien wir ehrlich: Vielen von uns ist die Autorin vermutlich nur noch bekannt durch verschwommene Erinnerungen an Schullektüre; und der ein oder die andere assoziert dabei möglicherweise eine behäbige Frau, die für Mitleid, Treue und weitere vielleicht auch zu Unrecht aus der Mode gekommene Begriffe steht. Dabei sollte man sich laut Strigl keinesfalls von dem betulich wirkenden Altdamen-Image der Milde und ausgleichenden Güte, das die Schriftstellerin später selbst aktiv pflegte, abschrecken lassen. 

Es könnte also lohnen, sich einige ihrer Erzählungen und Romane erneut oder zum ersten Mal überhaupt vorzunehmen. Zugegeben: Man wird bei der Lektüre dann das ein oder andere pathetische Adjektiv ertragen müssen. Die liebliche blonde Frau, das stahlharte Herz, die schaudernden Blicke, die eiskalte Hand, die heißen Lippen, die Frau, die Tausenden zum Heil gewirkt habe, das liest sich heute doch, freundlich gesagt, ermüdend und arg klischeehaft. Oder wie Tilman Spreckelsen es in seiner Besprechung vom 12. März 2016 in der FAZ ausdrückte:

Tatsächlich ist es leicht, den Texten Ebner-Eschenbachs […] auf den Leim zu gehen, schließlich enthalten sie genug an nicht selten süßlichen Floskeln und auch an stereotyp gezeichneten Figuren, um darüber die Abgründe der Handlung zu übersehen, die so gar nicht zu dieser konventionellen Prosa passen wollen und die angesichts der auffälligen Parallelen mancher Konstellationen zum Leben der Autorin die Frage aufwerfen, wer da eigentlich schreibt, aus welcher Warte und mit welchen Erfahrungen hier mit erkennbar realistischem Anspruch von den sozialen Verhältnissen in der Habsburgermonarchie berichtet wird.

In diesem Zusammenhang zitiert Strigl den Beginn der psychologisch feinen Erzählung Das tägliche Leben. Dieser Paukenschlag weckte sofort mein Interesse. Und so wird Das tägliche Leben sicherlich nicht die letzte Geschichte sein, die ich von Ebner-Eschenbach lese.

Am Vorabend der silbernen Hochzeit eines allverehrten Ehepaares, die von einem großen Familien- und Freundeskreise feierlich begangen werden sollte, erschoß sich die Frau.

Wer noch Genaueres wissen möchte, bitte hier entlang:

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Iwan Gontscharow: Eine gewöhnliche Geschichte (OA 1847)

Iwan Gontscharows Debütroman Eine gewöhnliche Geschichte, 1847 zunächst in einer Literaturzeitschrift und 1848 als Buch veröffentlicht, nahm mich während der Lektüre durch seinen Stil immer stärker für sich ein, auch wenn mir Oblomow – in bloglosen Zeiten gelesen – doch wesentlich besser gefallen hat.

Der Roman beginnt mit den folgenden Sätzen:

Eines Sommertags war im Dörfchen Gratschi bei der kleinen Gutsbesitzerin Anna Pawlowna Adujewa schon im Morgengrauen alles auf den Beinen, angefangen von der Hausherrin bis zum Kettenhund Barbos.

Nur Anna Pawlownas einziger Sohn, Alexander Fjodorytsch, schlief noch tief und fest, wie es sich für einen zwanzigjährigen jungen Mann gehört; im Haus aber hastete alles umher und war geschäftig am Werk. Das Gesinde ging allerdings auf Zehenspitzen und sprach im Flüsterton, um den jungen Herrn nicht zu wecken. Kaum polterte jemand oder redete laut drauflos, erschien sofort, wie eine gereizte Löwin, Anna Pawowna und erteilte dem Störenfried eine strenge Rüge, bedachte ihn mit einem kränkenden Spitznamen, bisweilen aber auch mit einem Stoß, je nachdem, wie groß ihr Zorn war und es ihre Kräfte zuließen. (Ausgabe des Carl Hanser Verlages, übersetzt von Vera Bischitzky, München 2021, S. 7)

Grund der häuslichen Unruhe ist die bevorstehende Abreise des verwöhnten, verzärtelten Alexander in das über 1000 Kilometer entfernte Petersburg. Dort, so ist er sich sicher, wird er aufsteigen, Karriere machen, alle mit seinen Kenntnissen und seiner tiefen Seele beindrucken, und literarisch wird er der neue Stern am Himmel werden. Wer würde dort seinen Gedichten widerstehen?

Dabei hat er keine besonderen Befähigungen oder gar Veröffentlichungen vorzuweisen, doch die 20 Jahre, in denen seine Mutter ihm zum Mittelpunkt des Universums gehätschelt hat, haben dafür gesorgt, dass er sich ausgestattet mit sentimentalen Flausen, einer gehörigen Portion Egoismus und kolossaler Selbstüberschätzung auf den Weg macht.

Kummer, Tränen und Nöte kannte er nur vom Hörensagen, wie man eine Krankheit kennt, die sich nicht fassen lässt, im Verborgenen aber ihr Unwesen unter den Menschen treibt. So kam es, dass ihm die Zukunft in rosigen Farben erschien. Etwas zog ihn in die Ferne, was genau es aber war, das wusste er nicht. Verlockende Schemen huschten über den Horizont, doch er konnte sie nicht erkennen; er hörte allerlei Töne – bald die Stimme des Ruhmes, bald die der Liebe: all dies ließ ihn wonnig erbeben. (S. 18)

Besonders was die Liebe angeht,

träumte er von einer kolossalen Leidenschaft, die keinerlei Hindernisse kennt und unglaubliche Heldentaten vollbringt. (S. 18)

In Petersburg nimmt ihn ein Onkel unter seine Fittiche, der den Bildungsweg, den Alexander noch durchlaufen muss, bereits hinter sich hat und sich ausschließlich seiner erfolgreichen Karriere als Fabrikant widmet. Der Onkel bringt Alexander im Staatsdienst unter und findet die Ambitionen des Neffen, ein großer Dichter zu sein, einfach lächerlich. Ein Großteil des Romans nehmen die Streitgespräche zwischen Neffen und abgeklärtem Onkel ein.

Die verlaufen mir manchmal arg schematisch und obwohl sie sich ausdauernd streiten über den Sinn und Unsinn des Lebens, erstaunt es, dass sie dies ohne jegliche Bezugnahme auf Religion oder andere philosophische Systeme tun. Nach was soll man streben, nach der idealen Liebe (die einen so in Beschlag nimmt, dass man sich gar nicht mehr um so profane Dinge wie den Lebensunterhalt kümmern kann) oder der Erfüllung rein eigennütziger Erwägungen? Das erscheint mir schon in der Fragestellung etwas eng geführt. Überhaupt, das Liebeskonzept der Männer dient bei näherer Betrachtung wohl oft eher der eigenen Selbstbespiegelung.

Am Ende und viele Jahre später ist – wie könnte es anders sein – Alexander nach einigen Irrungen und Wirrungen ein ordentliches Mitglied der Gesellschaft geworden, die jugendlichen Flausen, die jugendliche Unbedingtheit gehören der Vergangenheit an. Man hat sich eingerichtet. Die Sinnfrage hat sich erledigt. Als LeserIn seufzt man ein wenig, denn man weiß, weder Onkel noch Neffe haben überzeugende Antworten gefunden.

Fazit: Ich mag dieses üppige und ausschweifende Erzählen, das Eintauchen in eine ganz andere Welt, eine andere Gesellschaft, aber die Figuren dieses Romans bleiben mir genau wie ihre Kümmernisse fern. Also Notiz an mich selbst: unbedingt Oblomow wiederlesen.

Heather Lende: If you lived here, I’d know your name (2005)

If you lived here, I’d know your name ist ein unvergleichliches Buch, das mir nicht nur die Stadt Haines in Alaska mit ihren ca. 2500 EinwohnerInnen auf die innere Landkarte geschrieben hat.

Lende, die ursprünglich aus New York stammt, aber mit ihrem Mann und zwei Hunden nach dem College irgendwie in Alaska hängengeblieben ist und seit 1984 in Haines lebt, hat in der dort einmal wöchentlich erscheinenden Lokalzeitung inzwischen über 400 Nachrufe geschrieben und war ebenfalls verantwortlich für die Duly Noted-Rubrik, wo so dies und das gesammelt wird, was in einer Kleinstadt des Erwähnens für wichtig erachtet wird. Beispiele dieser Duly Noted-Kurznachrichten finden sich zu Beginn eines jeden Kapitels.

Die Autorin hat mit ihrem Mann Chip fünf Kinder großgezogen, inzwischen vier Bücher geschrieben und in diversen Publikationen veröffentlicht. Und das, obwohl sie immer nur „around the edges of a busy life“ geschrieben hat. 2021 wurde sie zum Alaska State Writer Laureate ernannt.

Und nun zum Problem dieses hinreißenden Buches: Wie soll man den Inhalt beschreiben? Es geht in großen Kapiteln, die eher locker durch eine jeweilige Überschrift zusammengehalten werden, assoziativ, ziemlich unchronologisch und herrlich chaotisch mäandernd um das Leben in Haines, sehr nah dran an der eigenen Biografie, den Freunden und Nachbarn, aber auch an den Familien, die gerade einen geliebten Menschen verloren haben, die die Autorin dann besucht, um die Nachrufe schreiben zu können.

Überhaupt ist das Leben in Alaska nicht ungefährlich, Menschen sterben auf der Straße, die kleinen Segelflugzeuge zerschellen am Berg; eine befreundete Familie ruft mitten in der Nacht an, das Fischerboot ihres Sohnes ist in einen Sturm geraten. Man möge bitte beten. Drei Menschen können gerettet werden, doch die Leiche des Sohnes wird nie gefunden.  Der Weg durch die Trauer, den die Mutter des jungen Mannes geht, wird auf nur einer halben, aber sehr eindrücklichen Seite erzählt.

Es geht darum, wie man die politischen Querelen zwischen strammen Republikanern und Liberalen aushält, die auch vor einem kleinen Ort wie Haines nicht Halt machen, um Umweltzerstörung und die Frage, ob die Schule nach miesen Mobbingvorfällen einen Workshop zu Homosexualität abhalten sollte, genauso aber auch um die Wunden und Traumata des indigenen Volkes der Tlingit, ihre Bemühungen, ihre Kultur zu leben, sie manchmal sogar erst wieder zu lernen.

Paul tells me he’s learning the Tlingit language so he can believe the stories of his people, not just know the plots. When he was young, missionaries and the government prohibited Alaskan natives from speaking their language and living traditionally. They often took Tlingit children from their homes and families, placing them in boarding schools as far away as Washington and Oregon. Now Paul is a grandfather and is committed to relearning  a way of living that he says is not lost but rather hiding, just below the skin. (S. 38)

Lende liebt ihre neue Heimat, die oft gefährliche und atemberaubend schöne Natur, das Joggen mit ihrem Hund, ihre Familie, das Räuchern der Fische, das Beerensammeln mit den anderen Frauen, bei dem man laute Musik spielt, um die Bären zu vertreiben, das Engagement von so vielen Menschen für das Gemeinwohl und unzählige Aktivitäten, die man hier vermutlich mit dem Etikett Ehrenamt versehen würde, dort aber wohl eher unter normaler Nachbarschaftshilfe verbucht. Sogar die Aufgaben des Bestatters werden von einem Ehepaar unentgeltlich übernommen. Man muss die beiden nur fragen.

Die Haustür wird nicht abgeschlossen, die Autoschlüssel bleiben stecken, die Tageszeitung ist nie aktuell, da sie erst eingeflogen werden muss. Eine Entbindungstation gibt es schon seit Jahren nicht mehr und ein entzündeter Blinddarm kann lebensbedrohlich sein, je nachdem, ob der Pass über die kanadische Grenze aufgrund der Schneefälle noch passiert werden kann.

Ihre zweite Tochter bekommt Lende während eines entsetzlichen Schneesturms. Die zukünftige Großmutter kommt extra angereist.

Mom had arrived from New York a few days earlier on a ferry coated with ice. The usual four-and-a-half-hour trip had taken nearly eight as northern gales kept the boat form moving at full speed. Mom was one of the few passengers who didn’t get sick. She also didn’t know it was dangerous at all. She’d never been on the ferry before and assumed it was always like that.

Nach nur fünf Stunden in der damaligen Krankenstation können Heather und Baby Sarah zurück nach Hause. Am nächsten Morgen moderieren Freunde von Heather eine Radiosendung.

… and they talked on air about the new Lende baby, telling listeners that her name was Sarah […] and her weight was eight pounds, two ounces. As for the state of the mother’s health: „I saw Heather shoveling the driveway today on my way to work,“ Steve said.

I thought my mother woud kill me. „He’s kidding, Mom,“ I told her. „It’s a joke.“ She was not amused. (S. 14)

Ebenso erfahren wir von Wohltätigkeitsbuffets, bei denen jeder mit Begeisterung viel mehr ausgibt, als er eigentlich wollte, um einer Familie finanziell unter die Arme zu greifen, die die teure medizinische Behandlung des Kindes nicht mehr allein stemmen kann. Und die Aufführungen der Laienspielgruppe, bei denen man wirklich alle Mitwirkenden kennt, bleiben Lende länger in Erinnerung als der Besuch des Musicals Cats in New York.

Lendes Arbeit als Verfasserin der Nachrufe, die auch mal zwei Zeitungsseiten lang sein können, bringt sie nicht nur mit den unterschiedlichsten Charakterern, Lebensentwürfen und Schicksalen zusammen, sondern konfrontiert sie natürlich auch mit Frage, wie Menschen auf den Verlust reagieren, worin sie Trost und Halt finden.

Aber genauso sinniert sie darüber, was es bedeutet, wenn ihr zehnjähriger Sohn zum ersten Mal mit seinem Vater auf die Jagd geht, und warum es ihr wichtig ist, dass ihre Töchter als Deckhands auf einem Fischerboot jobben, auch wenn sie weiß, dass das keine ungefährliche Aufgabe ist.

Das Besondere an diesem Buch ist neben der schieren Fülle an Geschichten aber vor allem der Blick der Erzählerin auf die Welt. Zurückgenommen, dezent selbstironisch und humorvoll. Warmherzig, dankbar, im Glauben geerdet, den Menschen zugewandt, bescheiden.  Zupackend und hoffnungsvoll.

Da wird mit der gleichen Selbstverständlichkeit davon erzählt, dass man ein Roma-Waisenmädchen adoptiert, wie davon, dass es gar nicht so einfach ist, zu Hause mal in Ruhe ein schönes Ei-Sandwich zu essen, da einem ständig Anrufe, spontane Gespräche und Aufgaben dazwischenkommen.

Wer wissen will, was ein Drache mit einem Feuerlöscher, der mit 25 Kilo Mehl gefüllt ist, mit Weihnachtsstimmung zu tun hat, muss das Buch nun trotz meiner wie immer ausufernden Inhaltsangabe doch noch selbst lesen. Ich jedenfalls, am Ende der 281 Seiten angekommen, könnte gleich wieder von vorn beginnen. Eine Wundertüte von Buch, das sowohl Kritiker als auch LeserInnen beglückt hat und dazu einlädt, unter anderem darüber nachzudenken, wo sich unser Leben fundamental von dem der Einwohner Haines‘ unterscheidet. Vermutlich ist das bei uns oft viel zersplitterter, vereinzelter und ego-bezogener.

Lende hingegen ist sich sicher:

It’s as if we are all moving through this world on a big old ship, holding on to one another as we cruise up the generous river of life. The water that floats us is always new, yet it flows in the same direction, over the same old sand. (S. 44)

Oder wie es an anderer Stelle heißt, an der Lende die Schriftstellerin Annie Dillard zitiert:

How we spend our days, of course, is how we spend our lives. (S. 85)

Einzig das Cover fand ich etwas dürftig, aber gut, das sollte niemanden abhalten.

Wer noch ein bisschen weiterstöbern möchte, könnte beispielsweise dem Hinweis zu Elisabeth Peratrovich nachgehen oder sich gleich auf dem Blog Lendes festlesen.

Geheime Welten: Deutsche Tagebücher aus den Jahren 1939-1947 (1999)

Der Filmregisseur und Autor Heinrich Breloer (*1942) hat in dem Band 281 aus der Reihe Die Andere Bibliothek Ausschnitte aus zwölf Tagebüchern zusammengestellt, die allesamt aus der Zeit des Nationalsozialismus stammen. Der Schwerpunkt liegt dabei auf den Wochen und Monaten des Kriegsendes.

Es ist eine intensive und auch spannende Geschichtsstunde, die uns hier vermittelt wird. Da steht die hellsichtige Abneigung eines jungen Schülers gegen den Nationalsozialismus neben den Fronterfahrungen des Soldaten und der Fanatismus einer gläubigen Hitleranhängerin neben der Sehnsucht einer jungen Frau aus sozialdemokratischer Familie nach dem baldigen Untergang des Terrorregimes. Gleichzeitig werden Kinoabende genossen, sich Sorgen um die Familie gemacht, es geht um die Bombardierung Hamburgs, die große Liebe, nervenaufreibende Jahre in heimlichen Verstecken, um nicht in russische Kriegsgefangenschaft zu geraten, um Aufenthalte im Luftschutzbunker sowie um Fluchterfahrungen der Vertriebenen. Daneben Szenen unfassbarer Dämlichkeit und Grausamkeit; noch im allierten Gefangenenlager werden Deutsche von ihren Kameraden totgeschlagen, weil sie nicht mehr an den Endsieg glauben.

Die Tagebücher zeigen: Für viele war Hiter die legitimierte Lichtgestalt, solange die Siegesmeldungen kamen. Alle Propaganda-Begründungen für Krieg und Unrecht hatte man verinnerlicht. Erst die Niederlagen und der endgültige Zusammenbruch des Regimes erschüttern den Glauben vieler Deutscher an die Rechtmäßigkeit des Hitlerterrors. Ausgeblendet wurde alles, was den Kreis des eigenen Lebens überstieg.  So sagt sich manch einer innerlich in dem Moment vom „Führer“ los, als auch die eigene Familie in Deutschland vom Bombenhagel der Allierten getroffen werden konnte.

Wenn der Krieg in dieser Weise verlorengeht und wenn meine Familie dabei leidet, dann hasse ich Hitler von ganzer Seele, denn er hat das große Unglück in dieser Weise heraufbeschworen. (Kurt, S., in seinem Versteck in den Karpaten, S. 209)

Manch einer jammert dann noch über den unfairen Feind und die Unbelehrbaren fantasieren währenddessen bereits von einer neuen Dolchstoßlegende, vom schmählichen Verrat am tapferen deutschen Soldaten.

Die Meldung im Radio vom 1. Mai 1945 zum Tode Hitlers war mehreren der Tagebuch-Schreibenden eine Eintragung wert:

‚Der Führer Adolf Hitler ist heute nachmittag auf seinem Befehlsstand in der Reichskanzlei, bis zum letzten Atemzuge kämpfend, für Deutschland gefallen.‘ Tot also. Schade. Er sollte doch noch arbeiten und wenigstens einige der Qualen ausstehen, die er Millionen von Menschen bereitet hat. (Erika S., aus sozialdemokratischem Elternhaus, S. 122)

Eine andere junge Frau, die ganz beglückt war, als das Attentat auf Hitler misslang, hält diesen Moment so fest:

Unser Führer, der uns soviel versprochen hat, hat erreicht, was noch kein deutscher Machthaber fertigbekommen hat, er hat ein völlig zerstörtes Deutschland hinterlassen, alle Menschen um Haus und Hof gebracht, aus ihrer Heimat vertrieben, Millionen sterben lassen, kurz ein entsetzliches Chaos erzielt. Und wieder müssen wir, das arme Volk, die Suppe auslöffeln. (S. 141)

Charlotte L., die noch am 22. April fest an den Endsieg glaubt, schreibt am 5. Mai 1945:

In diesen schwierigen Tagen hat sich unendlich Schweres für Deutschland zugetragen. Unser Führer war in Berlin und kämpfte selbst gegen den größten Feind der Deutschen, den Bolschewismus. Er fiel am 1. Mai für sein Volk. Ich wollte es nicht glauben. Unser geliebter Führer, der alles für uns, für Deutschland getan hat. Werden wir jemals ihm all die Jahren danken können! Wie wenige aber sind ihm noch treu auch über den Tod hinaus. Was ist der Deutsche nur für ein Mensch, daß er so unbeständig in seiner Meinung ist. Mir will es das Herz zerreißen, wenn ich sehe, wie die Menschen die Weltanschauung wechseln.

Hannelore S. schreibt am 30. Mai 1945:

Das Leben ist zu grausam. War all das Beten u. Bangen, das Bitten u. Hoffen, all die Opfer umsonst? […] Kann es einen Gott geben, der das alles so mit ansieht? Gott ist gerecht. Aber ist es gerecht, daß ein Volk, das alles geopfert hat, um zu leben, nur um zu leben und sauber bleiben zu dürfen, auf diese Weise untergehen muß? Es ist schwer, weiter Idealist zu sein u. nicht schlecht zu werden. (S. 269)

Es war aufschlussreich zu lesen, wie die Zivilbevölkerung auf das nahende Kriegsende blickte. Bei der Lektüre wird einem wieder bewusst, welche Illusionen, welch ideologische Verblendung und welcher Größenwahn damit zusammenbrachen, welche Ressentiments nach Kriegsende wohl weiterschwelten, welche Verrohung sich nun nicht mehr austoben durfte, aber auch welches Leid, welche Verluste und Alpträume noch traumatisch in der Generation meiner Großeltern weitergewirkt haben müssen.

Ich dachte im Bette darüber nach, daß ich wirklich nicht mehr leben möchte, wenn dieser Hitler mit seiner mörderischen Bande von Nationalsozialisten  endgültiger Sieger in diesem Ringen bleiben sollte. Ich möchte lieber sterben, als das erleben! (Heinrich S, 9. April 1941)

Am Ende wird aber auch deutlich, dass die schönen Worte aus dem Vorwort nicht stimmen. Auch Tagebuch-Schreibende sind verführbar, standhaft, feige, verblendet, fanatisch, hellsichtig, opferbereit, lernfähig und zur Reue fähig. So wie alle anderen Menschen auch.

Dennoch, wer seine verborgenen Gedanken aufschreibt, der ist für die große Anpassung ungeeignet. (S. 8)

Die große Frage bleibt: Was schützt den Menschen vor Ideologie, Verschwörungsmythen, Größenwahn?

Und Viktor Klemperer müsste man auch dringend mal wieder lesen…

Peter Hunt: Die Erfindung von Alice im Wunderland – Wie alles begann (OA 2020)

Schon 1932, als sich der Geburtstag des Erfinders der Alice-Bücher zum hundertsten Male jährte, stöhnte Gilbert K. Chesterton, dass die Alice-Bücher von Lewis Carroll, inzwischen von Kritikern und Gelehrten übernommen, vereinnahmt, befragt, gedeutet und auseindergenommen wurden.

Poor, poor, little Alice […] she has not only been caught and made to do lessons; she has been forced to inflict lessons on others. Alice is now not only a schoolgirl but a schoolmistress. The holiday is over and Dodgson is again a don. There will be lots and lots of examination papers, with questions like: (1) What do you know of the following; mimsy, gimble, haddocks‘ eyes, treacle-wells, beautiful soup? (2) Record all the moves in the chess game in Through the Looking-Glass, and give diagram. […] Distinguish between Tweedledum and Tweededee. (The Annotated Alice; hrsg. von Martin Gardner, erweiterte Ausgabe von Mark Burstein, 2015, W. W. Norton & Company, New York, S. xiii)

Das hat Peter Hunt (*1945), emeritierter Professor für Kinderliteratur, nicht davon abgehalten, der inzwischen unüberschaubaren Menge an Büchern und Artikeln ein weiteres unterhaltsames und informatives Werk hinzufügen. Es wurde – übersetzt von Gisella M. Vorderobermeier – 2021 von der Wissenschaftlichen Buchgesellschaft unter dem Titel Die Erfindung von Alice im Wunderland – Wie alles begann veröffentlicht.

An dieser Stelle meinen herzlichen Dank für die Bereitstellung eines Besprechungsexemplars!

Die Bücher Charles Lutwidge Dodgsons (1832 – 1898) werden hier sozusagen vom Kopf auf die Füße gestellt.

Im Dezember 1865 brachte der Londoner Verleger Macmillan das Buch eines 33-jährigen Mathematikdozenten aus Oxford, Charles Dodgson, heraus. Es war zu einer gewissen Verzögerung gekommen, da die Qualität seines ersten Drucks, für den Dodgson selbst aufgekommen war – was ihn fast ein Jahresgehalt gekostet hatte -, nicht seinen peniblen Ansprüchen genügte. Es war ein Kinderbuch, aber ein eher eigenartiges, denn es war vom seinerzeit berühmtesten Illustrator und Satiriker, John Tenniel, illustriert, und seltsamer noch: Es unterschied sich von fast jedem bisher erschienenen Kinderbuch darin, dass dahinter keine moralische Aussage zu stehen schien. (S. 9)

Hunt unternimmt hier den Versuch, uns wesentliche Erkenntnisse der über hundertfünfzigjährigen Auseinandersetzung mit Carrolls Werk in knapp über 100 kurzweiligen und dennoch randvoll mit Informationen gespackten Seiten nahezubringen. Davon nimmt die großzügige Bebilderung ungefähr die Hälfte der Seiten ein.

Der Autor möchte die „verschiedenen Schichten von Ideen“ untersuchen, die bei der Entstehung der Bücher eine Rolle spielten: Das ist für Hunt zum einen die Welt Oxfords, die seine jungen Leserinnen wiedererkannt haben werden, samt vieler Bezugnahmen auf die familiäre Konstellation der realen Alice Liddell.

Des Weiteren fließen die Welt der Politik und der Wissenschaft samt ihrer damaligen Scharmützel (z. B. zur Evolutionstheorie) ein. Und schließlich wäre da noch die „private Welt in Charles Dodgsons Kopf“, die sich u. a. aus Freude an Schach, Theaterleidenschaft, Büchern, Besuchen in London, Lust an Symbolen, purem Nonsens und mathematischen Zahlenspielen zusammensetzt.

Daneben geht es aber auch um die Stellung, die die Alice-Bücher in der Entwicklung der Kinder- und Jugendliteratur haben, waren sie doch – ganz im Gegensatz zur sonstigen zeitgenössischen Literatur für Kinder – frei von jeglichem Moralisieren und einem erhobenem Zeigefinger. Zudem widmet sich Hunt den kulturellen, musikalischen und literarischen Anspielungen und Persiflagen, die die (erwachsenen) Zeitgenossen Carrolls sofort erkennen und entschlüsseln konnten.

In einem weiteren Kapitel wird nachgezeichnet, wie aus den handschriftlichen Notizen eines Sommertages ein weltweit gelesener Klassiker wurde.

Das ist auf so knapp bemessenem Raum nur möglich, weil Hunt alle vier Alice-Bücher nicht chronologisch, sondern aus verschiedenen Blickwinkeln gleichzeitig betrachtet.

Doch noch einmal zurück zum Urknall dieses literarischen Universums:  Am 4. Juli 1862 unternahmen zwei junge Dozenten, Charles Dodgson (29) und sein Freund Robinson Duckworth (27)

mit dreien der Töchter des Dekans von Christ Church, Henry Liddell, – Lorina (13), Alice (10) und Edith (8) – einen Bootsausflug. Daran ist nichts Ungewöhnliches: Tatsächlich ist es eine Art Mode – und taktisch vermutlich nicht unklug –  unter jungen Dozenten, die Töchter ihrer älteren Kollegen zu solchen Ausflügen mitzunehmen. (S. 17)

Um der kleinen Gesellschaft die Zeit zu vertreiben, erzählt Carroll eine Geschichte, die sich Alice im Nachhinein als Abschrift erbittet. So entsteht die handschriftliche Version Alice’s Adventures Under Ground, die Carroll „seiner kindlichen Freundin Alice Liddell“, der Tochter des Dekans, zueignete.

In den Erinnerungen der Beteiligten Jahre und Jahrzehnte später hat der Ausflug an einem paradiesisch schönen Sommertag stattgefunden. Allerdings war – das kann man überprüfen – das Wetter an diesem Tage regnerisch und eher ungemütlich.

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Von der handschriftlichen Version ausgehend entstand die dann publizierte Version Alice’s Adventures in Wonderland (1865). Es ist anzunehmen, dass in Wonderland mehrere bereits bei anderen Gelegenheiten erzählte Geschichten einflossen. Sechs Jahre später erschien Through the Looking Glass (1871). Und zu guter Letzt gab es die gekürzte Version für jüngere Kinder The Nursery Alice (1889/1890).

Ein wichtiger Aspekt ist Carrolls Freude am Spott, an Ironie. Ständig werden in seinen Werken die Texte zeitgenössischer Lieder, Gedichte und moralisierender Kinderbücher veralbert, umgetextet und persifliert. Auch Zeitgenossen und Kollegen waren nicht davor gefeit, sich plötzlich verfremdet in den Alice-Büchern wiederzufinden. Man mutmaßt sogar, dass Tenniels Zeichnung des großen Welpen aus Alice in Wonderland eine Anpielung auf Charles Darwin sein sollte.

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Nicht vergessen werden darf dabei natürlich Carrolls Liebe zum neuen Medium der Fotografie. Seine Ausrüstung wurde zunehmend professioneller und in seinem Portfolio befanden sich viele Aufnahmen berühmter Zeitgenossen.

Er hatte viele weitere ‚kindliche Freundinnen‘, gab es aber 1880 auf, sie  – oder jemanden sonst – zu fotografieren, teilweise wegen unziemlicher Gerüchte. (S. 110)

Was Hunt nicht explizit nennt, es handelte sich dabei häufig um Nacktaufnahmen junger Mädchen, gern im Alter von ca. sechs Jahren (siehe dazu auch die Abschnitte in Wikipedia unter dem Stichwort Der Fotograf und die Mädchen bzw. Sexual Preferences). Sie verkörperten für ihn Unschuld und vollkommene Schönheit. Carroll war immer darauf aus, die Bekanntschaft junger Mädchen zu machen, und auf Bahnfahrten beispielsweise hatte er immer Spiele dabei, um einen Anknüpfungspunkt zu haben. Jungen hingegen verabscheute er.

Abschließend lässt sich sagen, dass Peter Hunts Streifzug durch die Alice-Bücher informativ und unterhaltsam ist. Dazu ist sein Buch ein Augenschmaus, mit 20 Illustrationen von Tenniel, vielen weiteren Bildern und zeitgenössischen Fotografien. Eine Einladung für alle, die sich auf Spurensuche zu zweien der bekanntesten Kinderbücher der Welt begeben wollen, ohne sich dabei in allzu langen Bibliotheksgängen zu verlaufen.

Gleichwohl eignet sich das Buch nicht unbedingt als Parallellektüre zu den Werken, da Hunt ständig zwischen den Zeiten und den einzelnen Alice-Büchern hin und her springt. Muss es für die Zeitgenossen faszinierend gewesen sein, all die Anspielungen auf reale Orte, Lieder und Texte zu entschlüsseln, ist dieses Vergnügen für die heutige Leserschaft nur noch second-hand über die Erklärungen bewanderter Literaturexperten nachzuvollziehen. Und da wäre es für die LeserInnen möglicherweise hilfreicher, wenn diese Erklärungen dem jeweiligen Alice-Buch zugeordnet worden wären.

Dem leidigen Thema, wie denn nun die „Freundschaft“ eines erwachsenen Mannes zu einer Zehnjährigen oder überhaupt zu kleinen Mädchen zu bewerten sei,  geht Hunt weiträumig aus dem Weg. Er wolle eben nicht „gefährlich nahe an halbseidenen Spekulationen über Dodgsons Privatleben entlangsegeln“. (S. 93) Wer wissen möchte, was dazu bekannt ist, sei beispielsweise auf Martin Gardner (siehe unten) hingewiesen.

Was ich vermisst habe, waren Hinweise darauf, wie sehr einzelne Figuren und sprachliche Wendungen aus den Alice-Büchern in die englische Kultur eingegangen sind. Wie selbstverständlich wird davon gesprochen, dass jemand „mad as a hatter“ sei oder sich im „rabbit hole“ der gerade angesagten Verschwörungstheorien verlaufen habe.

Interessant ist Hunts Lesweise der Bücher, deren Rezeption immer auch vom Leser abhänge, aber allemal: Dieses nach-darwin’sche gottlose Universum sei

eine Welt, in der nur der Stärkste überlebt: Alles ist instabil und bedrohlich; fromme Verse erhalten eine grausame Wendung und Alice überlebt nicht durch Verstand oder Souveränität, sondern durch ihr passiv-aggessives Verhalten. Was vielen als ein liberales, befreiendes Bild der Kindheit erschienen ist (und noch erscheint), ist in Wirklichkeit ein Alptraum aus der Zeit nach Darwin. Möglicherweise ist die Tatsache, dass letztlich alles nur ein Traum ist, kein Mangel an feministischer Courage auf Seiten von Dodgson und kein Eingeständnis der Realitäten in Bezug auf die Stellung eines Mädchens in der Gesellschaft, sondern Ausdruck einer verzweifelten Hoffnung, dass sich die Dinge n i c h t ändern mögen. (S. 82)

Wer sich hingegen eine konkrete Lesebegleitung, Seite für Seite, Kapitel für Kapitel wünscht, dem würde ich doch eher zu dem Ziegelstein von Martin Gardner raten, The Annotated Alice, 150th Anniversary Deluxe Edition (2015). Füchterlich unhandlich und schwer, wie all diese wunderbaren kommentierten und illustrierten Ausgaben der W. W. Norton & Company. Aber da bleibt dann wirklich keine Frage offen.

 

Fundstück von Friedrich Glauser

Was die Menschen doch alles fanden! Da gab es: Eheberater, bestallte Psychologen, Psychotherapeuten, Fürsorger; es waren erbaut worden: Trinkerheilanstalten, Erholungsheime und Erziehungsanstalten … All dies wurde eifrig und bureaukratisch betrieben … Aber viel eifriger noch und weniger bureaukratisch wurden fabriziert: Gasbomben, Flugzeuge, Panzerkreuzer, Maschinengewehre … Um sich gegenseitig umzubringen … Es war wirklich eine kohlige Sache um den Fortschritt…

aus: Friedrich Glauser: Matto regiert (1936), DAS MAGAZIN – Schweizer Bibliothek, Bd 1, S. 187

Kleines Krimi-Update

Wenn ich Krimis lese, will ich normalerweise gar nichts besonders Tiefsinniges über den oft betrüblichen Zustand der Welt erfahren, großartige Bücher wie die von Barbara Neely sind da eher die Ausnahme. Stattdessen möchte ich abschalten, entspannen, mich – auch gern mal mit screwball comedy-Wortwitz – unterhalten lassen, dementsprechend verirren sich weder Psychothriller noch Krimis mit seitenlang ausgebreiteten grauslichen Details zu mir. Und in den letzten Monaten sind mir einige englischsprachige Krimis untergekommen, die sich für unfreundliche Apriltemperaturen bestens eignen. Vier dieser Titel möchte ich hier kurz und bündig vorstellen.

Ianthe Jerrold: Dead Man’s Quarry (1930)

Den Auftakt macht Ianthe Jerrold mit ihrem 1930 erschienenen Dead Man’s Quarry. Es ist der zweite und damit leider auch schon der letzte Band um ihren Hobbydetektiv John Christmas. John, der zusammen mit seinem Kollegen aus der Forensik Sydenham Rampson einige  Tage Urlaub in Wales macht, begegnet zufällig einer kleinen sympathischen Truppe, die auf der letzten Etappe ihres Fahrradurlaubs ist. Doch just am letzten Tag kommt ihnen der kürzlich aus Kanada zurückgekehrte Baronet Charles Price abhanden. Dass er am nächsten Tag ermordet in einer stillgelegten Mine gefunden wird, macht die Sache nicht besser. Zwar war die Auflösung ein wenig lieblos, aber bis dahin hat man viel Spaß an den Dialogen, der Haken schlagenden Handlung und den Charakterzeichnungen.

Delano Ames: She shall have Murder (1948)

1948 wurde der erste Band um den Genussmenschen Dagobert Brown und seine Verlobte Jane, die er später ehelichen sollte, von Delano Ames, einem Amerikaner, unter dem Titel She shall have Murder veröffentlicht. Dagobert weicht langweiliger Berufstätigkeit meist erfolgreich aus und ist ständig auf der Suche nach Ideen für gute Krimis, die dann aber nicht er, sondern Jane schreiben soll. Zum Glück hat Jane aber ihren eigenen Kopf. Der Krimi macht einfach Spaß, launige Dialoge, spannende Handlung. Kann ich empfehlen, was aber nichts daran ändert, dass ich den zweiten Band der Reihe so unfassbar nervtötend und albern fand, dass ich ihn noch nicht einmal zu Ende gelesen habe.

Cyril Hare: An English Murder (1951)

Der Dritte im Bunde ist Cyril Hare mit seinem Krimi An English Murder. Die Auflösung war zwar sehr speziell, doch dieser klassische Whodunnit aus dem Jahr 1951 hat all die notwendigen Bestandteile, die man  erwarten darf, wenn die Handlung an Weihnachten in einem Landhaus spielt, das eingeschneit und deshalb nicht zu erreichen ist. Die Telefonleitungen sind zusammengebrochen und die Menschen, die sich dort zum letzten Mal fürs familiäre Weihnachtstreffen versammelt haben, bringen, wie könnte es anders sein, alle ihre Geheimnisse und Nöte mit.

Gyles Brandreth: Oscar Wilde and the Ring of Death (2008)

Der sehr umtriebige Gyles Brandreth (*1948 in Wuppertal) geht mit seiner Krimireihe um Oscar Wilde am weitesten in die Vergangenheit zurück. Als Erzähler lässt er den späteren Biografen Wildes, nämlich Robert Sherard, fungieren. Dieser Ich-Erzähler fällt zwar ein wenig blass neben der Hauptfigur aus, aber das ist ja oft das Schicksal dieser Watson-Figuren. Brandreth gelingt es unglaublich gut, den Schriftsteller und Lebemann Wilde in all seiner Widersprüchlichkeit auftreten und ihn  dabei gleichzeitig als erfolgreichen Detektiv agieren zu lassen. Dabei werden sowohl das London kurz vor der Jahrhundertwende als auch die Familie, Freunde und Feinde Wildes so glaubwürdig und unaufdringlich miteingeflochten, dass man hinterher vieles weiß, was einem vorher unbekannt war. Gelesen habe ich u. a. Oscar Wilde and the Ring of Death (2008), auch wenn angemerkt sein muss, dass sich da manche Szenen schon nah an meiner Schmerzgrenze, was Brutalität angeht, bewegten.

Robert Barnard: Sheer Torture (1981)

Sheer Torture des britischen Englischprofessors Robert Barnard (1936 – 2013) ist ein vergnüglicher Auftakt zu der Serie um den Ermittler Peregine „Perry“ Trethowan. Perry ist alles andere als entzückt, ausgerechnet in einem Mordfall tätig werden zu müssen, in dem sein eigener Vater das Opfer ist.

Nicht aus Trauer oder Betroffenheit, sondern weil er seiner schauderhaften Familie und seinem Vater, der nie einen Hehl aus seinen sadomasochistischen Neigungen gemacht hat, schon als junger Mann den Rücken gekehrt hat. Doch das hilft nun alles nichts. Sein Vorgesetzter beordert Perry zurück ins Herrenhaus der Familie, zurück zu seiner Schwester, den zwei bizarren Tanten – von denen eine ihre jugendliche Verehrung für Hitler immer noch glücklich vor sich herträgt-, dem reichen Onkel und zwei Cousins sowie einer Schar unerzogenener und ständig schreiender Gören.

Zu allem Überfluss lädt sich auch noch Jan, die Ehefrau Perrys, selbst zu dem Familientreffen ein, und dabei war Perry so froh, sie seit Jahren von seiner Sippe ferngehalten zu haben.

Robert Barnards Dialoge sind schlagfertig, es gibt Tempo, Witz und Spannung, sodass sich das Buch über weite Strecken wie ein Krimi des Golden Age liest – Barnards großes Vorbild war Agatha Christie – und man sich zwischendurch wundert, durch die Seitenhiebe auf Mrs Thatcher daran erinnert zu werden, dass die Handlung doch in den achtziger Jahren spielt.

Aus derselben Reihe las ich auch The Case of the Missing Brontë. Da kann man dann zeitgleich Spaß an Krimis mit seiner Freude an den Geschwistern Brontë kombinieren. Es geht um ein (mutmaßliches) Manuskript, das die reizende pensionierte Lehrerin Edith Wing von ihrer Cousine geerbt hat und natürlich für Tunichtgute aller Art eine finanzielle Verlockung sondergleichen darstellt. Darüberhinaus bekommt noch ein bestimmter Typ an raffgieriger pseudofrommer Freikirche ihr Fett ab. Ebenfalls spannend, allerdings fehlen über weite Strecken die hübschen Schlagabtausche in den Dialogen.

Hier der kurze, aber informative Nachruf auf Barnard im Guardian.

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Elizabeth Taylor: Mrs Palfrey at the Claremont (1971)

Anlässlich der Übersetzung ins Deutsche noch einmal ein Blick zurück auf einen sprachlich besonders feinen Roman.  Mrs Palefrey at the Claremont (1971) stellt sich unerschrocken, kühl, manchmal ironisch und immer unsentimental den Themen Alter und Einsamkeit. Sehr gern gelesen. Das Buch zwickt und zwackt auch dann noch, wenn man es längst ausgelesen hat. Es beginnt mit den Sätzen:

Mrs Palefrey first came to the Claremont Hotel on a Sunday afternoon in January. Rain had closed in over London, and her taxi sloshed along the almost deserted Cromwell Road, past one cavernous porch after another, the driver going slowly and poking his head out into the wet, for the hotel was not known to him. This discovery, that he did not know, had a little disconcerted Mrs Palefrey, for she did not know it either, and began to wonder what she was coming to. She tried to banish terror from her heart. She was alarmed at the threat of her own depression.

Dieses Buch ist der elfte und damit letzte Roman der britischen Autorin Elizabeth Taylor (1912 – 1975), der noch zu ihren Lebzeiten veröffentlicht wurde. Taylor wurde zwar schon immer von ihren SchriftstellerkollegInnen geschätzt, doch von der Öffentlichkeit erst in den letzten Jahren wirklich entdeckt. Robert McCrum nahm den Roman Mrs Palefrey at the Claremont sogar in seine Liste der 100 besten englischsprachigen Romane auf, die 2015 im Guardian veröffentlicht wurde und – wie immer bei solchen Listen – zu munteren Diskussionen und alternativen Vorschlägen führte.

Im Februar 2021 erschien unter dem Titel Mrs Taylor im Claremont im Dörlemann Verlag die Übersetzung von Bettina Abarbanell. Endlich – kann man da nur sagen; das war längst überfällig. Doch zurück zum Inhalt.

Da Mrs Palefrey, Witwe eines kolonialen Verwaltungsbeamten, nicht mehr besonders gut zu Fuß ist, überlegt sie, ob es nicht vernünftiger wäre, ihr Haus Rottingdean aufzugeben, in dem sie mit ihrem Mann Arthur nach dessen Pensionierung mehrere glückliche Jahre verbracht hat.

Und so beschließt sie, für ihre letzte Lebensetappe, die sie noch bei halbwegs guter Gesundheit verbringen kann, ein Hotel zu ihrem Wohnsitz zu machen. Ihre Wahl fällt auf das Londoner Claremont Hotel, das mit verbilligten Wintertarifen wirbt. Ein Wechsel, der verständlicherweise schmerzhaft ist.

She thought of Rottingdean, imagined it, with the leaves coming down – or down already – on the lawns, and this softness in the air; but at the very idea of ever going back there, her heart heeled over in pain. (S. 189)

Doch mit einer „stiff upper lip“-Haltung versucht sie vom ersten Tag an, ihre Traurigkeit über die neue Situation unter Kontrolle zu halten, was ihr nicht immer so recht gelingt, zumal die Beziehung zu ihrer in Schottland lebenden Tochter recht kühl und nichtssagend ist und ihr Enkel es kaum für nötig erachtet, sie überhaupt einmal im Hotel zu besuchen, obwohl er ebenfalls in London lebt.

The silence was strange – a Sunday-afternoon silence and strangeness; and for the moment her heart lurched, staggered in appalled despair, as it had done once before when she had suddenly realised, or suddenly could no longer not realise that her husband at death’s door was surely going through it. Against all hope, in the face of all her prayers. (S. 4)

Wir lernen auch die anderen Dauergäste kennen, einsame alte Menschen, nach Kontakten und Neuigkeiten dürstend, nahezu vergessen von der Welt, abhängig von den Launen der Verwandtschaft, die ab und an zur Gewissensberuhigung ihre Pflichtbesuche absolviert.

So kämpfen alle einen Kampf gegen die Verengung des eigenen Handlungsspielraums und gegen die Langeweile, in der sogar das Studieren des eintönigen Speiseplans eine willkommene Abwechslung darstellt.

… Mrs Palefrey considered the day ahead. The morning was to be filled in quite nicely; but the afternoon and evening made a long stretch. I must not wish my life away, she told herself; but she knew that, as she got older, she looked at her watch more often, and that it was always earlier than she had thought it would be. When she was young, it had always been later.

I could go to the Victoria and Albert Museum, she thought – yet had a feeling that this would be somehow deferred until another day. (S. 8)

Ein weiterer Feind ist die drohende körperliche Hinfälligkeit, denn alle wissen, dass sie das Hotel verlassen müssen, sobald sie gebrechlich oder gar inkontinent werden. Schon das Überqueren der Straße kann dabei ein Angst auslösender Vorgang sein, weil da kein Arm ist, der einen stützen könnte.

Eines Tages stürzt Mrs Palefrey auf einem ihrer Spaziergänge und lernt so den jungen mittellosen Schriftsteller Ludo kennen. Da sie sich schämt, dass ihr eigener Enkelsohn sie noch nicht besucht hat, gibt sie Ludo den anderen Mitbewohnern kurzerhand als ihren Enkel Desmond aus. Ludo spielt das Spiel in einer Mischung aus Langeweile und Mitleid mit, zumal er immer wieder Zitate und Situationen aus dieser Bekanntschaft als Material für sein Romanprojekt verwenden möchte.

Für Mrs Palefrey ist Ludo allerdings unwahrscheinlich wichtig, da er außerhalb der Hotelwelt der einzige ist, mit dem sie ab und an Kontakt hat.

Sprachlich superb. Als Ludo ihr ein Küsschen auf die Wange gibt, heißt es:

At the same time, he registered the strange, tired petal-softness of her skin, stored that away for future usefulness. And the old smell, which was too complex to describe yet. (S. 35)

Falls meine Notizen zum Inhalt ein bisschen dröge wirken, täuscht das, denn auch wenn der Roman natürlich kein Action-Thriller ist, lebt das Buch von einer inneren Spannung. Es ist fast unmöglich, sich der Einsamkeit des Alters, die hier ganz kühl und scheinbar beiläufig seziert wird, zu entziehen.

When she was young, she had had an image of herself to present to her new husband, whom she admired; then to herself, thirdly to the natives (I am an Englishwoman). Now, no one reflected the image of herself, and it seemed diminished … (S. 3)

Symptomatisch ist, dass nur an einer Stelle der Vorname der Hauptfigur genannt wird. Es gibt einfach niemanden mehr, der so vertraut mit Mrs. Palefrey ist, dass er sie mit ihrem Vornamen anreden könnte.

Und die Mitbewohner, mit denen Mrs Palefrey nun ihre Tage verbringt, werden ja nicht deshalb zu Freunden, nur weil man ihnen dauernd nahe ist. Im Gegenteil, spitze Bemerkungen werden ausgetauscht, Denkweisen und Temperamente, die früher nicht kompatibel gewesen wären, sind es auch jetzt nicht.

Manche kommen besser mit der Situation zurecht – dabei ist es hilfreich, wenn man geistig eher schlicht gestrickt ist -, andere schlechter. Der eine sieht einen Ausweg in der Illusion einer späten Ehe, der andere im Trinken. Die dritte in einer unablässigen Neugier.

Der ganze Handlungsstrang um Ludo, der ebenfalls einsam ist, hat mich persönlich weniger angesprochen. Viel interessanter fand ich die kühlen und genauen Beobachtungen, mit denen uns der Erzähler Mrs Palefrey nahebringt.

Although she felt too old to do so, she knew that she must soldier on, as Arthur might have put it, with this new life of her own. She would never again have anyone to turn to for help, to take her arm crossing a road, to comfort her; to listen to any news of hers, good or bad. She was helplessly exposed – to the idiosyncrasies of other old people, the winter coming on, her aches and pains and loneliness … (S. 189)

Aber wir sehen auch ihre Sehnsucht nach Gesehenwerden und ihre Herzlichkeit, mit der sie Ludo beschenkt. Ihr so menschlicher Wunsch nach Zuwendung. Manchmal finde ich ihre Fähigkeit zur Selbstreflektion und ihre – seltenen – Anflüge von Heiterkeit, in denen sie sich völlig unsentimental Rechenschaft über ihre Situation gibt, geradezu altersweise.

Als sie überlegt, dass sie – als ihr Mann noch lebte – das Glück ihrer langen Ehe als selbstverständlich ansah, ohne damals überhaupt verstanden zu haben, dass sie glücklich war, heißt es am Ende:

People are sorry for brides who lose their husbands early, from some accident, or war. And they should be sorry, Mrs Palefrey thought. But the other thing is worse. (S. 64)

Und am Ende habe ich auch verstanden, warum sie dann tatsächlich nie das Victoria and Albert Museum besucht hat.

Wer sich nun fragt, wer Elizabeth Taylor war und ob man noch mehr von ihr lesen sollte, der möge hier weiterlesen.

Marcelle Sauvageot: Fast ganz die Deine (OA 1934)

Fast ganz die Deine ist sicherlich schon von den Umständen der Entstehung her eine außergewöhnliche Auseinandersetzung mit einer unglücklich endenden Liebesbeziehung.

Wenn ein Schmerz unbekannt ist, hat man mehr Kraft, ihm zu widerstehen, denn man kennt seine Macht nicht; man sieht  nur den Kampf und hofft, daß es später wieder ein erfüllteres Leben geben wird. Doch wenn man Bescheid weiß, möchte man mit erhobenen Händen um Gnade flehen und voll fassungsloser Müdigkeit sagen: ‚Nicht noch einmal!‘ Man sieht all die leidvollen Phasen voraus, durch die man wird gehen müssen, und weiß, danach kommt die Leere. (S. 16)

Marcelle Sauvageot, die in Paris als Französischlehrerin arbeitete, erkrankte mit 26 Jahren an Tuberkulose und ging 1930 in ein Sanatorium, aus dem sie nach einigen Monaten als geheilt entlassen wurde. Doch die Krankheit brach drei Jahre später wieder aus. Erneuter Sanatoriumsaufenthalt, diesmal in Davos, und früher Tod mit 33 Jahren.

Ihr namenlos bleibender Geliebte schreibt ihr 1930, dass er nun doch eine andere heirate, aber ihr Freund bleiben wolle. Daraufhin antwortet Sauvageot aus dem Sanatorium mit einem langen, ca. 70-seitigen Brief, der zwischen dem 7. November und dem 24. Dezember 1930 entsteht. In ihm bemüht sie sich, diese Liebe, ihren Schmerz, das Wesen des Geliebten, ihren Illusionen und Hoffnungen sowie dem Scheitern der Beziehung auf den Grund zu gehen, doch abschicken wird sie den Brief nicht. Letztendlich ist es auch der Versuch, sich wieder ihrer Selbständigkeit zu vergewissern, indem der ehemals so Geliebte aus dem Herzen geschubst wird, um wieder zur Ruhe zu kommen.

Diese Vergangenheitsform, wenn die Gegenwart noch so nah widerhallt, ist traurig wie das Ende von Festen, wenn die Lichter ausgehen, wenn man allein zurückbleibt und den Paaren nachblickt, die in die dunklen Straßen hinausgehen. Es ist zu Ende: Man hat nichts mehr zu erwarten und bleibt doch noch endlos so stehen, wohl wissend, daß nichts mehr kommen wird. (S. 21)

Allerdings zeigt sie ihn einigen Freunden, die ihr zureden, den Brief zu veröffentlichen.

163 Exemplare werden 1933 privat verteilt […]. Posthum kommt 1934 eine zweite Auflage zustande, gefolgt von weiteren Auflagen in weiteren Verlagen 1936, 1943, 1986. Paul Claudel, Paul Valéry, Clara Malraux und andere preisen den Text. Seine Individualität beeindruckt sie, seine Bescheidenheit und Offenheit berühren sie, seine radikale Ehrlichkeit und Suche machen ihn singulär. (Ulrike Drasner, im Nachwort der Ausgabe des Nagel & Kimche Verlages, 2005, S.94/95)

Draesner weist zu Recht darauf hin, dass es egal sei, ob diese Briefe möglicherweise im Nachhinein doch bearbeitet, umgestellt oder auch erfunden seien, der reale Adressat, dessen Untreue der Erzählerin durchaus bekannt war,  habe sich ja bereits als Fiktion herausgestellt.

Ihre Briefe an dieses Du werden zunehmend zu einer Form des Selbstgesprächs. Doch es schließt sich nicht in sich, sondern öffnet sich auf ein neues Gegenüber: den Leser. (S. 97)

Mein Fazit nach der Lektüre ist verhalten. Einerseits gefällt mir diese strenge Selbstbefragung, andererseits bleibt vieles Fragment und so sind mir auch am Ende sowohl diese Beziehung als auch der Adressat dieses Briefes fremd. Eine Liebe, bei der von Anfang an keiner der beiden treu war. Und ein Mann, der ernsthaft  von einer Frau träumt, die glücklich ist, wenn sie ihm den ganzen Tag beim Spucken in einen Teich beobachten dürfe. Das wäre wohl selbst unter glücklicheren Umständen nicht gutgegangen. Und schon ganz und gar nicht mit einer so reflektierten Frau. 

 

 

Wilma Stockenström: Der siebte Sinn ist der Schlaf (OA 1981)

Wie schreibt man über ein Buch, das man am besten ohne alle Vorkenntnisse und Erwartungen lesen sollte und das man, am Ende angekommen, gleich noch einmal von vorn beginnen möchte, um sich erneut den Verästelungen zu widmen, die man beim ersten Lesen vermutlich übersehen hat? Es beginnt mit den Sätzen:

Also mit Bitterkeit. Aber die habe ich mir verboten. Dann eben mit Spott, der umgänglicher ist, der sich durchschaubar macht und dem es gleichgültig ist; und wie ein Vogel im Nest kann ich in meinen Baumstamm zurückschlüpfen und in mich hineinlachen. Und ebenso gut still sein, vielleicht einfach still sein, um mich hinauszuträumen, denn der siebte Sinn ist der Schlaf. (S. 5)

Eine ehemalige Sklavin irgendwo in südafrikanischen Veld hat Zuflucht in einem hohlen Affenbrotbaum gefunden. Von dort aus sammelt sie die wenige Nahrung, von dort aus hat sie einen kleinen Trampelpfad zum Wasser ausgetreten, in respektvoller Distanz zu Pavianen und Elefanten. Von in der Nähe lebenden Angehörigen der „kleinen Menschen“ wird sie mit lebensnotwendiger Nahrung versorgt. Doch zu einer echten Kontaktaufnahme mit diesem Stamm kommt es nicht, schon die sprachlichen Hürden wären unüberwindlich. Frech behauptet sie, dass deren Sprache klinge, „als würden Eidechsen reden.“

Hier so ganz und gar allein und niemandem mehr untertan, breitet die Ich-Erzählerin in einem wellen- und kreisförmigen Monolog ihre Reflexionen und Erinnerungen aus.

In meiner Erinnerung kreuzen und verschlingen sich mehr Pfade, als ich je in meinem Leben gesehen habe. Welcher Fährte hätte ich nicht zu folgen vermocht, wäre es mir vergönnt gewesen, wäre mein Spürsinn nicht so häufig durchkreuzt worden und die Spur in mir im Sande verlaufen? (S. 9)

Wir erfahren von ihren Besitzern, dem unerträglichen Los der Sklaven und Sklavinnen, wobei die Erzählerin aufgrund ihrer Schönheit, Intelligenz und Anstelligkeit immer eine etwas bevorzugte und genau dadurch auch isolierte Position als Sexspielzeug und Kindermädchen innerhalb der Leibeigenen inne hatte. Auch ihr wurden die Kinder, die sie mit ihren Besitzern zeugen musste, weggenommen. Und immer wenn ein Besitzer starb, wurde ihre ohnehin fragile Identität wieder ausgelöscht, wurde sie verkauft. Ihren letzten Besitzer jedoch liebt sie und er nimmt sie mit auf eine Expedition ins Landesinnere, auf der man hofft, neue Handelswege zu erschließen.

Soweit vielleicht zu den dürren Fakten der Handlung. Aber was für ein Buch. Auf nur 148 Seiten geht es karg, poetisch und unaufdringlich eindrucksvoll um die ganz großen Themen: Würde und  menschliche Überheblichkeit, Grausamkeit, der Widersinn der Sklaverei, Gedankenlosigkeit und das Ringen um eine eigene Identität, eine eigene Sicht auf die Dinge. Ein Frauenleben unter Tausenden, dem kein Anrecht auf sich selbst zugestanden wurde, und dann – am Ende – im Schatten des Affenbrotbaums erhebt diese einsame Frau ihre Stimme, niemandem mehr untertan, klar, verspielt und würdevoll.

Manchmal, wenn ich mich am Fluss wasche, betrachte ich mein Spiegelbild prüfend in einem stillen Wasserloch und versuche herauszufinden, um wieviel ich älter geworden bin. Es ist nicht leicht, denn auch wenn wir beide, ich und das Wasser, noch so reglos sind, gibt es doch immer eine feine, gefältete Verzerrung meines Bildes, Wasserfältchen, die meine möglichen Altersfalten schmeichelhaft ersetzen. Ich werfe einen Kiesel in mich selbst. Ich schwinge grotesk auf und nieder und teile mich in Stücke. Ich ruheloses Etwas. Dann ziehe ich mich von meinem gespaltenen Selbst im Wasser zurück. Wie sich mein Geist abmüht. (S. 86)

Ich gebe zu, die ersten Seiten waren etwas mühsam, so fremdartig, so ohne Brücke in mein Leben. Aber nun, nachdem ich mich sozusagen dem Aufprall des Buches ausgesetzt habe, kann ich den Worten der Times Literary Supplement nur zustimmen:

Wilma Stockenströms bezwingendes Bild von Leiden und Gewalt wird zum Klassiker werden.

Der Roman der südafrikanischen Schriftstellerin, Übersetzerin und Schauspielerin Stockenström (*1933) wurde übrigens zunächst von Nobelpreisträger Coetzee vom Afrikaans ins Englische übersetzt und erschien 1983 unter dem Titel The Expedition to the Baobab tree.

Die deutsche Übersetzung von Renate Stendhal, die bereits in den achtziger Jahren erschien, beruht auf der Fassung von Coetzee. Neu aufgelegt wurde das Buch vom Wagenbach Verlag 2020.

Hier eine Fotostrecke zu den beeindruckenden Affenbrotbäumen.

 

Rónán Hession: Leonard and Hungry Paul (2019)

Was für ein feines, außergewöhnliches Buch. Ein klarer Fall für meine Kategorie der freundlichen Bücher.

Das Debüt des irischen Musikers Rónán Hession, der bisher nur Erzählungen veröffentlicht hatte, handelt von Leonhard und Hungry Paul, zwei ledigen Freunden in den Dreißigern, die so ziemlich das Gegenteil dessen verkörpern, was als momentan angesagt gelten könnte. Sie posen nicht auf Instagram – Hungry Paul hat noch nicht einmal ein Handy -, sie hatten weder eine traumatische Kindheit noch hatten sie je eine Freundin. Sie sind im menschlichen Miteinander ein wenig unbeholfen bzw. ungeübt und mögen weder größere Menschenansammlungen noch Smalltalk mit Fremden. Sie sind weder schlagfertig noch in irgendeiner Weise herausragend und im Grunde die, die normalerweise übersehen und überhört, bestenfalls etwas mitleidig belächelt werden. Genau deshalb sind sie aber auch unverbogen, verschwenden keine Energie auf Selbstdarstellung, sondern haben Zeit, sich ihren eigenen Interessen zu widmen und sich ihre eigenen Gedanken zu machen.

Leonhard, der beruflich Nachschlagewerke für Kinder schreibt und langsam die Nase voll hat von den seelenlos wie am Fließband entwickelten Büchern, hat gerade seine Mutter verloren, mit der er zusammengewohnt hat. Über sie heißt es:

She was a person for whom kindness was a very ordinary thing, who believed that the only acceptable excuse for not having a bird feeder in the back garden was that you had one in the front garden. (S. 2)

In der Trauer wird ihm bewusst, wie ruhig und einsam sein Leben ist.

He found book shops to be comforting places and book buying a comforting activity, but he was an absent-minded reader these days, the act of reading that much more solitary without his mother pottering around the house in the background. (S. 4)

Hungry Paul wohnt ebenfalls noch bei seinen Eltern  und ist – abgesehen von seinen Einsätzen als Ersatzbriefträger – im Grunde arbeitslos.

In truth, he never left home because his family was a happy one, and maybe it’s rarer than it ought to be that a person appreciates such things. (S. 6)

Abends besucht Leonhard oft seinen Freund und dessen Familie, dann wird geredet, ferngesehen und es werden Brettspiele gespielt.

Hungry Paul lived on a knife edge between a passion for board games and an aversion to instruction booklets. (S. 14)

Pauls Schwester Grace, die ein klein wenig zur Besserwisserei und zum Helfersysndrom neigt, steht kurz vor der Hochzeit mit Andrew und macht sich Sorgen, dass ihre Eltern sich durch die Fürsorge um Paul vielleicht um die Freiheit bringen, endlich ihren verdienten Ruhestand zu genießen. Hungry Paul wird derweil von seiner Mutter verdonnert, sie in Zukunft bei ihren ehrenamtlichen Besuchen im Krankenhaus zu begleiten. Da würde ich am liebsten gleich spoilern, wie das weitergeht. Aber nein, tue ich nicht.

Heimlich nimmt Paul außerdem an einem Wettbewerb teil, der ausgerufen wurde, um eine zeitgemäßere Schlussformel für die allgegenwärtigen E-Mails zu finden. Das wiederum führt zu einigen unvorhersehbaren Turbulenzen und Bekanntschaften.

Leonhard hingegen lernt zufällig in seinem Großraumbüro eine junge Frau kennen, was allerdings ebenfalls mit diversen Tücken und Fallstricken behaftet ist und ihn mehr als einmal heftig in die Bredouille bringt.

Diesen beiden bedächtigen freiwillig-unfreiwilligen Eigenbrötlern in ihrem unspektakulären Dasein folgen wir nun. Dass das streckenweise eher kunstlos und etwas spröde runtererzählt wird, hat nur selten gestört, da der Autor es durch freundlichen Humor, die Balance zwischen ernsten, leichten und schrägen Szenen und reizende Zwischenbemerkungen schafft, dass ich mir mehr Stellen angestrichen habe, als ich hier zitieren kann. Und vielleicht muss man diese Geschichte ja auch genau so erzählen, da der Stil zu den beiden Männern passt wie der Deckel auf die Dose.

Die beiden Freunde Leonhard und Hungry Paul werden dabei nicht als Freaks vorgeführt, sondern als rundherum glaubwürdige und würdige Charaktere geschildert, die man sofort in seinen Freundeskreis adoptieren möchte.

Paul sagt an einer Stelle über sich:

As you know, I have always been modestly Hippocratic in my instincts: I wish to do no harm. My preference has always been to stand back from the world. Much like the Green Cross Code, I like to stop, look and listen before getting involved in things. It has stood me well and kept me on peaceful terms with my fellow man. […] the trick is to know how much of the world to let in, without becoming overwhelmed. (S. 18/19)

Und dann könnte man sich abends mit ihnen die Zeit vertreiben bei Brettspielen und anregenden Gesprächen über den „Schrei“ von Munch, die Ausdehnung des Universum und den ganzen Rest. Und von ihnen lernen. Mit angemessenen Schweigepausen, versteht sich.

For the two friends, the bleaching of the coral reefs was as current as the latest general election; the discovery of new dwarf planets was as relevant as last night’s penalty shoot-out; and Marco Polo was discussed as others might gossip about the latest red carpet ingénue. (S. 15)

Mary Whipple fasst es auf ihrem Blog treffend zusammen, wenn sie schreibt:

With two main characters who have little to suggest that their stories will become the charming, funny, insightful, and un-put-down-able chronicles that eventually evolve, Irish author Rónán Hession demonstrates his own creativity and his own ideas regarding communication and its importance or lack of it in our lives.  He ignores the generations-old traditions of boisterous Irish writing and non-stop action in favor of a quiet, kindly, and highly original analysis of his characters and their unpretentious and self-contained lives.  In this way, he draws in his readers and makes them identify, however impossible that may seem, with two young men whose enjoyment of the small moments makes them less needful of communicating, especially with more worldly, socially active, and often less thoughtful people.

Hier geht’s lang zur Besprechung von Carrie O’Grady im Guardian.

Arnold Bennett: The Old Wives‘ Tale (1908)

Ursprünglich hatte ich The Old Wives‘ Tale von Arnold Bennett, veröffentlicht im Jahr 1908, nur rasch anlesen wollen, in der Hoffnung, mich zügig von einem miserabel gedruckten Taschenbuch mit zu kleiner Schrift zu verabschieden. Dumm gelaufen. Auch wenn die ersten Seiten gewöhnungsbedürftig waren und die Perspektive mir manchmal zu unorganisch zwischen distanziert-ironisch-allwissend und dann wieder psychologisch-feinfühlig wechselte, hatte mich Bennett (1867 – 1931) doch rasch am Haken mit seiner Geschichte um zwei Schwestern, die wir auf ihren Lebenswegen vom jungen Mädchen bis zur alten Frau begleiten. Dabei spielt die Handlung ungefähr zwischen den 1860ern und 1907.

Constance und Sophia Baines wachsen in der schmutzigen und rußigen Provinzstadt Bursley auf, unschwer erkennbar als das heutige Burslem im Pottery District (Staffordshire). Ihre Eltern betreiben ein gut gehendes  Textilwarengeschäft. Dem Wunsch Sophias, eine Lehrerinnenausbildung zu absolvieren und  sich damit aus der Enge des Ladens zu emanzipieren, stehen die Eltern verständnislos und ablehnend gegenüber, während Constance sich in dem engen Milieu wohlfühlt und ihr ganzes Leben in der Stadt und sogar im selben Haus wohnen wird. Gleichwohl hat Constance eine wache Auffassungsgabe und betrachtet sich und ihre Umwelt durchaus liebevoll kritisch, auch wenn ihr die religiösen und gesellschaftlichen Konventionen zeitlebens eine Stütze sind.

Unfortunately one might as well argue with a mule as with one’s soul. (S. 310)

Sophia hingegen wird ausbrechen, naiv und voller Selbstüberschätzung auf einen albernen Schuft hereinfallen, und doch nicht unter die Räder kommen. Den Großteil ihres Lebens wird sie in Paris verbringen, in dem auch Bennett mehrere Jahre lebte, und dort ihren Weg gehen.

Im letzten und vielleicht aufregendsten Teil des Buches begegnen sich die Schwestern wieder. Sie sind inzwischen alt und der Leser/die Leserin zieht mit ihnen Bilanz über ihr Glück, ihr Unglück, ihre Ehen und vor allem über die unbarmherzig voranschreitende Zeit, die letztendlich alle vermeintlichen Unterschiede in ihren Lebenswegen einebnet.

Dass Bennett dabei sowohl die Geschichten der Nachbarn als auch die gesellschaftlichen Bedingungen und Veränderungen miteinbezieht, sei hier nur am Rande erwähnt, ist aber sicherlich einer der Aspekte, die dazu beigetragen haben dürften, dass das Buch heute von vielen als einer der Meilensteine des englischen Realismus angesehen wird.

Ewald Standop und Edgar Mertner schreiben in ihrer Englischen Literaturgeschichte (1983), nachdem sie einen kurzen Abriss des Inhalts gegeben haben:

Diese dürren Fakten lassen freilich das Wichtigste außer acht: das gewaltige Panorama des Lebens, das Bennett einzufangen versteht, die kleinen und großen Wechselfälle des Lebens, die Nichtigkeiten, die plötzlich Bedeutung gewinnen, aber auch außergewöhnliche Dinge wie die Beschießung von Paris. (S. 569)

Für John Wain ist die Qualität des Werkes, das Bennett trotz vielerlei anderer Verpflichtungen in nur 11 Monaten fertigstellte, ebenfalls unstrittig. In seiner Einleitung zur Taschenbuchausgabe von 1983 nennt er drei Gründe, aus denen das Buch Anspruch auf Ruhm erheben könne:

It is one of the most successful attempts, if not the most successful, to rival in English the achievement of the French realistic novel […] It is one of the most complete and satisfying novels of English provincial life. And it is a standing proof that a writer of the male sex can write with real perception about the imaginative  and emotional lives of women.

In Tim Heads Vorwort der schönen Folio Society-Ausgabe von 2004 klingt das schon abgeklärter. Head ist sich bewusst, dass Bennett zur Zeit nicht besonders angesagt ist.  Doch auch er ist sich sicher:

The book is a life enhancer, and it would be a poor spirit which is not the better for reading it. (S. X)

In Englische Literaturgeschichte (2004) hingegen, herausgegeben von Hans Ulrich Seeber, taucht Bennett dann gar nicht mehr auf. Vom Markstein des englischen Realismus hin zum völligen Vergessenwerden. So schnell kann’s gehen…

Zum Abschluss noch eine kleine Lebensweisheit des Arztes, der Constance zu mehr Unternehmungslust überreden will:

I’m deeply attached to my bed in the morning, but I have to leave it. (S. 531)

Was mich grummelig macht und irritiert, ist der Umstand, dass es anscheinend zurzeit keine deutsche lieferbare Ausgabe dieses Romans  mehr gibt. Jeder Blödsinn wird veröffentlicht, aber ein Klassiker über eine Zeit im Umbruch mit einer Fülle an unvergesslichen Charakteren wird nicht mehr verlegt? Und nur nach längerem Herumsuchen habe ich eine gebrauchte englische Ausgabe der Folio Society gefunden, die dann hoffentlich mein billiges Taschenbuch von 1990 ersetzen kann.

Fred Kaplan: Dickens: A Biography (1988)

Es ist doch erstaunlich, wie wenig zwei drei Wochen später manchmal noch von der Lektüre präsent ist, und das liegt keinesfalls immer am Buch.

An der Biografie zu Charles Dickens von Fed Kaplan (*1937) aus dem Jahr 1988 gibt es nämlich gar nichts zu meckern.

Sie ist, wie sich das gehört, chronologisch aufgebaut, enthält viele Zitate, ist umfassend recherchiert (mit Index über 600 Seiten) und selten langweilig – denn dafür, dass Charles Dickens (1812 – 1870)  ständig in geschäftlichen Verhandlungen unterwegs war und so dermaßen viele wichtige Menschen kannte  und ein äußert geselliger Geist war – kann Kaplan schließlich nichts.

Er zeigt immer wieder die Bezüge auf, die zwischen den Traumata der Kindheit des berühmten Schriftstellers, seinem späteren Leben mit seinem schier unglaublichen Arbeitseifer und seinen Werken bestehen. Vor allem gefiel mir, dass Kaplan sich eine eigene Meinung zugesteht, interpretiert und nicht in Heldenverehrung ertrinkt.

Dickens‘ Erfahrungen, als Junge aus der Schule genommen zu werden, um im Schaufenster einer Schuhfabrik eine als zutiefst demütigend empfundene Arbeit verrichten zu müssen, um damit die klammen Familienfinanzen – sein Vater saß zeitweise im Schuldgefängnis ein – zu entlasten, würden ihn für immer prägen, sowohl in seinem Arbeitsethos, aber auch in seinem Drang, keine Möglichkeit des Geldverdienens ungenutzt verstreichen zu lassen. Ein Leben lang würde er sich über seinen Vater und andere Familienmitglieder ärgern, die nicht mit Geld umgehen konnten und später öfter heimlich auf seinen Namen Schulden machten.

Später geht es um sein ungezügeltes Dominanzstreben Freunden und der Familie gegenüber (die Namen seiner Kinder hat allein er entschieden). Die Verachtung, die er seine Ehefrau immer deutlicher spüren ließ, der er übelnahm, dass sie 10 Kinder gebar und sich nicht gleichzeitig zu einer schlanken, ranken Seelengefährtin entwickeln mochte. Sein hässliches Verhalten im Scheidungskrieg, sein viktorianisch heuchlerisches Doppelleben mit einer Geliebten, da man gerade ihm, dem literarischen Verfechter des trauten Heims, eine Scheidung vermutlich übel genommen hätte.

Und dann seine Unrast, immer laufen zu müssen, kilometerweit, stundenlang, auch nachts, dann gern mit Freunden oder in Begleitung von Polizisten, um in den Slumvierteln der Städte das Leben zu studieren. Die Reiseleidenschaft, als er sich das leisten konnte, mit komplettem Hausstand monatelang in Italien oder Frankreich zu verweilen. Seine Begabung für die neu aufkommende Mode, Menschen zu hypnotisieren. Gern auch hübsche junge Frauen. Und auf seinen ausgedehnten Reisen versuchte er, wann immer möglich, auch die Krankenhäuser und die damals sogenannten Irrenanstalten (lunatic asylums) und Gefängnisse von innen zu sehen, um sich auf diese Weise ein Bild von den gesellschaftlichen Zuständen zu verschaffen.

Ebenfalls zu dieser Seite seines Charakters gehört sein lebenslanges soziales Engagement, mit dem er sich für die Verbesserung der Lebensbedingungen der Ärmsten der Armen einsetzte. Er wollte Bildung zugänglicher machen, protestierte gegen die Arbeitsbedingungen in den Kohleminen, in denen Kinderarbeit gang und gäbe war, unterstützte ein Haus,  in dem Frauen aus der Prostitution geholt werden sollten, und sprach sich nicht nur gegen die Sklaverei in Amerika, sondern auch gegen die öffentlichen Hinrichtungen in London aus, aus denen volksfestartige Spektakel gemacht wurden. Besonders erschütterten ihn die Gefängnisse in Amerika, in denen die Täter zu Einzelhaft verurteilt wurden und keinerlei Kontakt zu den Mithäftlingen haben durften. Kaplan schreibt, Dickens zitierend:

At the Eastern Penitentiary near Philadelphia he saw the solitary system in operation. On the one hand, it separated criminals from one another’s contaminating contact. On the other, it tortured long-term prisoners into mental anguish so severe that he felt he ’never in [his] life was more affected by anything which was not strictly [his] own grief‘ than by the ‚indescribable something‘ which he saw in such prisoners, ‚distantly resembling the attentive and sorrowful expression you see in the blind – which is never to be forgotten. … This slow and daily tampering with the mysteries of the brain‘ seemed to him ‚immeasurably worse than any torture of the body.‘ A prisoner in solitary confinement ‚is a man buried alive’… (S. 143)

Dickens‘ Theaterleienschaft ist eine weitere Facette dieses umtriebigen und ständig wie unter Strom stehenden Geistes. Er führte mit Freunden und Familienmitgliedern Stücke auf professionellem Niveau auf, zu denen man nur mit persönlicher Einladung zugelassen wurde. Schließlich seine berühmten Lesereisen, auf denen er mühelos Säle mit 2000 Zuhörern und sein Konto mit Reichtum füllte.

Und dann geht es natürlich auch um Dickens‘ verlegerische Aktivitäten, obwohl ihm ein akademischer Bildungshintergrund fehlte, seine streng geregelte Arbeitsweise; seine Empörung über die ungehobelten Amerikaner, die seine Werke in Raubdrucken nachdruckten und gar nicht verstehen mochten, wieso dem Herrn Dickens die Copyright-Verletzungen so zuwider waren.

Alles in allem ist Kaplans Buch ein überzeugender Begleiter, wenn man Dickens‘ gleichsam kometenhaften Aufstieg zum berühmtesten und erfolgreichsten britischen Schriftsteller des 19. Jahrhunderts nachvollziehen will. Und die ein oder andere Stelle, in der es um öde Gehaltsverhandlungen geht oder in denen man kurzzeitig den Überblick über seinen ausgedehnten Freundeskreis zu verlieren droht, kann man ja querlesen.

 

 

Mutboard – dankeschön!

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Letzte Woche kam hier also das von Teena Leitow gestaltete Board aus der Reihe ihrer Mutboards hier an. Ich bin erfreut, entzückt. Muss mich nur noch für den richtigen Platz an der richtigen Wand entscheiden.

Und nun überlege ich, was genau mich an diesem Board fasziniert. Ich mag die Hintergrundfarbe, klar. Die spielerische Zusammenstellung scheinbar nicht zusammengehöriger Dinge. Das Fröhliche. Das alte Holzpferdchen aus Teenas Kindheit, das mich an die schwedischen Dala-Pferde erinnert, auch wenn die mir inzwischen oft zu glatt sind.

Die Schlüssel, ebenfalls alt, aus der Tischlerwerkstatt von Teenas Großvater, zu denen man so schön assoziieren kann. Schlüssel sind immer gut. Und passen ja auch gleich zu meiner Vorliebe für besondere Türen.

Die Freiheit, falls man das möchte, das Board auch umgestalten zu können.

Dazu fiel mir eine Ausstellung in Wien ein, in der ich zum ersten Mal Werken von Joseph Cornell (1903 – 1972) begegnete. Der hat u. a. kleine Kästen gebaut und die mit Flohmarktfundstücken, Bildern, Karten, Steinen, Sand und Gläsern etc. gefüllt. Und heute stehen diese Boxen des scheuen Künstlers in den großen Museen der Welt.

Hier noch ein Beispiel für Cornells Kunst oder hier die Trade Winds. Besonders mag ich auch den kleinen Schwan auf dem Spiegel.

Und irgendwie bekomme ich jetzt Lust, mir selbst eine Holzbox oder einen Rahmen zu besorgen und ganz dilettantisch selbstvergesssen Setzkastennippes, Vasen und Dosen, Whiskyfläschen, Spielzeug, Karten, Bilder, Schnickschnack und Mitbringsel, Steine und Muscheln zusammenzubringen und mich dran zu freuen. Danke, Teena!

 

Kleine Krimi-Tüte mit Wentworth und Cotterill

Colin Cotterill: The Coroner’s Lunch (2004)

Der erste Band The Coroner’s Lunch (2004) aus der Reihe um Dr. Siri Paiboun, den einzigen Rechtsmediziner in Laos, hat mir richtig gut gefallen. 2008 erschien die deutsche Übersetzung von Thomas Mohr unter dem Titel Dr. Siri und seine Toten.

Nicht nur die Hauptfigur, der renitente 72-jährige Arzt Siri Paiboun, ist hinreißend sympathisch gezeichnet. Dieser wird nach der kommunistischen Machtergreifung 1975 als Rechtsmediziner zwangsrekrutiert, obwohl er sich eigentlich nach Studium in Frankreich und Jahrzehnte langen Kämpfen im Dschungel von Vietnam auf seinen Ruhestand gefreut hatte. Stattdessen muss er sich nun in dem kommunistischen Land mit Mangelverwaltung, obereifrigen Vorgesetzten, Behördenwillkür und unliebsamen Erinnerungen herumärgern.

After seventy-two years, he’d seen so many hardships that he’d reached the calmness of an astronaut bobbing about space. Although he wasn’t much better at Buddhism than he was at communism, he seemed able to meditate himself away from anger. Nobody could recall him losing his temper. (S. 13)

Neben dem trockenen Humor, Siris Freunden und einem beachtlich verzwickten Fall um den Tod einer hohen Parteifunktionärin hat mich gerade der Schauplatz überzeugt: Laos, ein Land, von dem ich nun wirklich so nahezu gar nichts wusste.

Auf dem Blog Schöner Schein gibt es einen Artikel zum Autor.

Der Krimi macht Lust, sich über das Buch hinaus mit der Geschichte des Landes und seiner Kultur zu beschäftigen. Dabei lernt man dann nicht nur, dass Laos eines der am heftigsten bombardierten Länder ist, wurde es doch in den Krieg zwischen kommunistischen und antikommunistischen Mächten hineingezogen. Das wiederum hat Auswirkungen bis heute, liegt doch ein großer Teil der Bomben und Minen bis heute im Boden.

Aber daneben gibt es unter anderem auch die Ebene der Steinkrüge. Wie faszinierend.  Hunderte von großen Steinkrügen, zum Teil über 200o Jahre alt und seit 2019 UNESCO-Weltkulturerbe.

Patricia Wentworth: The Case is Closed (1937)

So wie ich von Cotterills Krimi angetan war, so war ich von dem ersten Krimi um die ältere Ermittlerin Miss Silver zunehmend genervt. Dabei fing The Case is closed (1937) von Patricia Wentworth ganz vielversprechend an. Witzig, unterhaltsam. Ein bisschen screwball-comedy-mäßig.

Hilary Carew sat in the wrong train and thought bitterly about Henry. It was Henry’s fault that she was in the wrong train – indisputably, incontrovertibly, and absolutely Henry’s fault, because if she hadn’t seen him stalking  along the platform with that air, so peculiarly Henryish, of having bought it and being firmly  determined to see that it behaved itself, she wouldn’t have lost her nerve and bolted into the nearest carriage. (S. 3)

Hilarys Freundin Marion Grey ist schwer vom Schicksal getroffen. War Marion vor kurzem noch eine bezaubernde glückliche Ehefrau, so muss sie sich allmählich mit dem grauenhaften Gedanken abfinden, dass ihr Mann, der schuldig gesprochen wurde, seinen wohlhabenden Onkel umgebracht zu haben, wohl Jahrzehnte im Gefängnis bleiben wird und dies – wenn überhaupt – nur als gebrochener Mann verlassen wird.

Doch Hilary Carew, die beste Freundin und Mitbwohnerin Marions, trifft zufällig in einem Zug auf eine ältere, verhärmte Frau, die ihr Dinge zuflüstert, die andeuten, dass im Prozess möglicherweise nicht alle Fakten auf den Tisch gekommen sind.

Zum einen hat mich an dem Krimi gestört, dass Miss Silver erst sehr spät ihren Auftritt hat – ist das in den Folgebänden ähnlich? Doch was ich wirklich nicht mehr unterhaltsam finden konnte, sondern mir den letzten Nerv geraubt hat, war Hilary. Ihre hanebüchene Naivität und Selbstverständlichkeit, mit der sie ständig dem möglicherweise wahren Mörder in die Arme läuft, waren auch mit ihrem zarten Alter von 22 Jahren nicht zu entschuldigen. 

Rückblick auf das Lesejahr 2020

Wie immer will ich auch heute einen Blick auf das vergangene Lesejahr werfen, bevor ich mir dann die immerneue Frage stelle, was ich als nächstes aus dem Regal ziehe.

Nachdem wir in den letzten Jahren hellhöriger geworden sind bezüglich der Frage, wie wir Autorinnen im Vergleich zu Autoren wahrnehmen, kann ich vermelden, dass ich – wenn auch nur mit kleinem Vorsprung – mehr Bücher von Frauen als von Männern gelesen habe. Das entscheidende Auswahlkriterium ist das allerdings nach wie vor nicht für mich.

Und die einzigen Bücher, die ich allesamt mit Begeisterung wiedergelesen habe, stammen diesmal ausschließlich von Männern:

Die güldene Himbeere für die hässlichsten Cover teilen sich

  • Sigrid Nunez: The Friend (2018)
  • Colin Cotterill: The Coroner’s Lunch (2004)

Enttäuschend fand ich

  • Susanna Clarke: Piranesi (2020) Zwar hatte ich das eindrückliche Gefühl, zusammen mit der Hauptfigur durch diese labyrinthisch-seltsame Welt zu laufen, allerdings empfand ich diese Welt als beklemmend, ja, als alptraumartig. Ich habe mich beim Lesen unwohl gefühlt. Doch vor allem erschien mir die Auflösung nicht überzeugend, nicht tragfähig genug.
  • Thomas Hettche: Herzfaden (2020) – Die Kritiker schrieben ja geradezu verzweifelt herbei, wie genial dieses Buch sei. Ich hielt es für grandios überschätzt.

Folgende Krimis fand ich prima, d. h. eher unterhaltsam, nicht zu brutal, gern auch humorvoll:

Freundliche Bücher

Es wird Zeit für eine neue Kategorie, die nenne ich jetzt einfach mal freundliche Bücher, Bücher, die Menschenzugewandtheit ausstrahlen, mögen zwar Spuren von Nostalgie enthalten, aber die Grundhaltung ist vor allem eine Mischung von Freundlichkeit, Warmherzigkeit, Anständigkeit, Bescheidenheit (keinesfalls zu verwechseln mit Sentimentalität oder Plattheit), hier also einige freundliche Bücher:

Es gibt Bücher, die gefielen mir, und doch waren sie nur wenige Tage später schon fast nicht mehr abrufbar und verflüchtigten sich,  diese Romane jedoch blieben mir im Gedächtnis:

Frauenleben

Krankheit

  • Werner Schneyder: Krebs (2008)

Kultur

Natur und Reisen

Nationalsozialismus

Und den tiefsten Eindruck hinterlassen haben

  • Natsume Sōseki: The Gate (OA 1910)
  • Caradog Prichard: one moonlit night (OA 1961). Ein Monolith in der Landschaft der Literatur.

Bleibt in diesem Jahr alle wohlauf und habt immer ein gutes Buch anbei.

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Charles Dickens: Great Expectations (1861)

Ich hoffe sehr, dass ihr alle wohl und behütet ins neue Jahr gekommen seid!

Beginnen wir das Blogjahr mal nicht mit dem eigentlich obligatorischen Rückblick, sondern mit etwas anderem. Mir war mal wieder klassisch zumute, also tat ich, was man viel öfter tun sollte, und griff beherzt zum 13. Roman von Charles Dickens (1812 – 1870), der zunächst als Fortsetzungsroman in Dickens eigener Zeitschrift erschien, bevor er dann 1861 als Buch veröffentlicht wurde.

Die Geschichte wird uns von Pip selbst erzählt und beginnt, als er ein ca. siebenjähriger Waisenjunge ist, der bei seiner ständig prügelnden Schwester und deren herzensgutem, aber wenig durchsetzungsfähigen Mann Joe Gargery, einem Schmied aufwächst. Eine Familienkonstellation, deren Wurzeln wie bei so vielen der Dickens‘schen Protagonisten in der katastrophalen Kindheit Dickens liegen.

Mrs. Joe was a very clean housekeeper, but had an exquisite art of making her cleanliness more uncomfortable and unacceptable than dirt itself. Cleanliness is next to Godliness, and some people do the same by their religion. (S. 20, Ausgabe der Everyman’s Library)

Eines Abends, als er auf dem Kirchhof die Gräber seiner Eltern und verstorbenen Geschwister besucht, wird er fast zu Tode erschreckt von einem Sträfling, der von einem der an der Küste liegenden Gefängnisschiffe geflohen ist. Der namenlose Gefangene bringt den verängstigten Jungen dazu, ihn nicht zu verraten und ihm Nahrung und eine Feile aus der Schmiede zu bringen, sodass er sich von den Ketten befreien kann.

Später wird Pip als eine Art Unterhaltungsspielzeug von der durchgeknallten Miss Havisham in ihr Haus eingeladen, die das Verschwinden ihres treulosen Bräutigams am Tag der geplanten Hochzeit nie verwunden hat. Dort lernt er die junge und hinreißend schöne Estella, die Adoptivtochter Miss Havishams, kennen. Er verliebt sich unsterblich in sie, obwohl ihm bewusst ist, dass sie seine Gefühle nicht erwidert und überhaupt seltsam gefühltskalt ist.

I never  had one hour’s happiness in her society, and yet my mind all round the four-and-twenty hours was harping on the happiness of having her with me unto death. (S. 287)

Irgendwann erfährt Pip, dass ihm ein anonymer Gönner  finanziell dazu verhelfen will, ein Gentleman zu werden. Da sein ganzes Trachten danach ausgerichtet ist, Estella für sich zu gewinnen und er sich seiner ärmlichen und ungebildeten Herkunft schämt, nimmt er das Angebot, nach London zu ziehen und dort zum Gentleman zu werden (ohne sich bewusst zu machen, was genau das sein soll), mit Freude an. Er weiß, solange er grobe Arbeitsschuhe trägt und seine Hände von körperlicher Arbeit zeugen, wird Estella ihn niemals ernsthaft als Ehemann in Erwägung ziehen.

Wie er dann in London an echte und falsche Freunde gerät, ein Snob wird, der seinen besten Freund noch fast mit in den Abgrund reißt und trotz allem im Laufe der spannenden Handlung, bei der sich die vielen Fäden allmählich entwirren, doch zu einem verantwortlich handelnden Erwachsenen wird, das ist alles ganz großes Kino. (Über den mehrdeutigen Schluss mit seinem Anklang von Kitsch, den Dickens eigentlich gar nicht geplant hatte, gehen wir jetzt mal großzügig hinweg.)

Also: Trotz aller Übertreibungen und Überspitzungen und mancher Schwarzweißmalerei ist der Roman, der heute als einer der besten Romane Dickens und als ein Meilenstein der englischen Literatur gilt, ein pralles Sittengemälde mit unvergesslichen Charakteren und Szenen, ein Beweis, dass Dickens ein großartiger und oft genug spöttischer Erzähler ist. Wer könnte sich den ersten Seiten und des kindlichen Schreckens erwehren und nicht wissen wollen, wie die Geschichte weitergeht?

Was mich beim Wiederlesen beeindruckte, war die Feinfühligkeit, mit der Dickens hier seine Hauptfigur gezeichnet hat. Wie Pip sich seiner Herkunft schämt, seinen liebevollen Stiefvater verleugnet, obwohl dieser ihm immer nur Gutes getan hat, wie er vor sich selbst immer wieder Ausreden und Beschönigungen für sein Verhalten findet und zum unsicheren Snob wird, der sich zunächst maßlos verschuldet und nur über einen sehr wackligen inneren Kompass verfügt. Sowohl bei den Schauplätzen als auch bei zahlreichen Nebencharakteren hat man oft schon nach wenigen Sätzen ein Bild vor Augen, da Dickens so bildhaft erzählt:

Bentley Drummle, who was so sulky a fellow that he even took up a book as if its writer had done him an injury, did not take up an acquaintance in a more agreeable spirit. S. 192)

Die bitteren Seitenhiebe auf die gesellschaftlichen Bedingungen sind ebenfalls beeindruckend; mir gefiel zum Beispiel sehr, wie Dickens anhand der Figur des John Wemmick, der für den Anwalt Jaggers arbeitet, zeigt, wie sehr die Arbeitswelt einen zwingt, eine Rolle zu spielen, die mit der Person, die man privat ist, überhaupt nichts mehr zu tun hat.

Daneben geht es aber auch um die Leichtigkeit, mit der man das Recht beugen kann, wenn man die entsprechenden finanziellen Mittel hat, die Unmöglichkeit, als Kind aus einer armen Familie auch nur eine halbwegs vernünftige Bildung zu bekommen, die Heuchelei und Speichelleckerei derjenigen, die Pip, als er als vermögend gilt, hofieren, sich zu seinen besten Freunden erklären und ihn im nächsten Moment, ohne mit der Wimper zu zucken, fallen lassen würden. Und vor allem die Aussichtslosigkeit, sich auf redliche Weise seinen Lebensunterhalt zu verdienen, wenn man nie die Chance dazu bekommen hat, sowie die Lässigkeit, mit der England unliebsame Menschen – manchmal reichte schon ein gestohlener Brotlaib – nach Australien deportiert hat, sind mit einer Wucht geschildert, die die Leser damals sicherlich auch emotionalisieren und politisieren sollte.

Eine Facette gibt es allerdings, die an Dickens immer wieder irritiert, seine Unfähigkeit oder Unwilligkeit, glaubhafte Frauengestalten zu entwerfen. Sie sind entweder so überirdisch gut, dass sie als engelhafte und unkörperliche  Wesen den Weg des Mannes erhellen sollen und sind dementsprechend zum Gähnen, oder sie sind ausschließlich rabiate Wüteriche wie Pips Schwester. Eine weitere Variante ist die untüchtige und verwöhnte Ehefrau, die dem wackeren Ehemann nur ein Klotz am Bein ist. Übrigens nur einer der Aspekte, bei denen die Hintergrundinformationen aus Fred Kaplans Biografie von 1988 ganz erhellend sind.

Be that as it may, he [Mrs. Pockets Vater] had directed Mrs. Pocket to be brought up from cradle as one who in the nature of things must marry a title, and who was to be guarded from the aquisition of plebeian domestic knowledge. So successful a watch and ward had been established over the young lady by this judicious parent, that she had grown up highly ornamental, but perfectly helpless and useless. (S. 178)

Yoko Ogawa: The Memory Police (OA 1994)

Nach kurzen Anlaufproblemen war es schwierig, sich dem dystopischen Roman von Yoko Ogawa (*1962) zu entziehen, obwohl man auf den ersten Blick gar nicht genau sagen kann, woran das liegt, weil er so ruhig und unaufgeregt daherkommt. Ein Kritiker verglich seine Leseerfahrung des Werks, das bereits 1994 erschien, es aber erst 2020 in der englischen Übersetzung auf die Shortlist des International Booker Prizes schaffte, mit dem Fallen in eine Schneewehe. Das trifft es ganz nett. Die deutsche Übersetzung Insel der verlorenen Erinnerung (2020) stammt von Sabine Mangold.

Auf einer namentlich nicht genannten Insel herrscht eine Diktatur, auf deren Ideologie und oberste Machthaber nicht weiter eingegangen wird. Die Bevölkerung bekommt nur die Gedächtnispolizei zu Gesicht, die in ihrem Gehabe, ihren warmen Mänteln an die Gestapo erinnert. Zunächst agiert sie nur in der Nacht, eher unauffällig, wenn sie Wohnungen und Häuser durchsuchen und Dissidenten abholen, doch im Laufe der Zeit tritt die Gedächtnispolizei immer öffentlicher, immer brutaler auf. Ihr besonderes Augenmerk gilt jenen, die nicht vergessen können, was vom Regime als vergessenswert deklariert wurde. Auch die Mutter der Ich-Erzählerin wurde von der Gedächtnispolizei unter einem Vorwand abgeholt.

Die Bewohner haben sich daran gewöhnt, dass sie an manchen Morgen aufwachen und spüren, dass wieder etwas dem Vergessen überantwortet wurde. Als die Ich-Erzählerin, eine junge Schriftstellerin, die bereits beide Eltern verloren hat, noch ein Kind war, hat ihre Mutter erklärt:

It doesn’t hurt, and you won’t even be particularly sad. One morning you’ll simply wake up and it will be over, before you’ve even realized. Lying still, eyes closed, ears pricked, trying to sense the flow of the morning air, you’ll feel that something has changed from the night before, and you’ll know, that something has been disappeared from the island. (S. 3)

Nach einem solchen Verschwinden betrauern die Bewohner kurz den Verlust, versuchen einander zu trösten und verbrennen oder vernichten auf Geheiß der Gedächtnispolizei alle eventuell noch verbliebenen Gegenstände, die es ab sofort nicht mehr geben wird.

But no one makes much of a fuss, and it’s over in a few days. Soon enough, things are back to normal, as though nothing has happened, and no one can even recall what it was that disappeared. (S. 4)

Wie in jeder Dikatatur fängt das Elend mit kleineren Einschränkungen an, zunächst verschwinden Dinge wie Parfüm oder Edelsteine, doch dann werden die Verluste größer, das Leben ärmer. Und mehr und mehr Menschen sind auf der Flucht vor der Polizei, verstecken sich im Untergrund. Vor allem diejenigen, bei denen der verordnete Gedächtnisverlust nicht funktioniert.

Als der Verleger ihrer kleinen Romane plötzlich in Gefahr steht, verhaftet zu werden, nimmt die Schriftstellerin ihn zu sich und versteckt ihn in einem Zwischenraum in ihrem Haus, den man gut tarnen kann und den sie zuvor mit ihrem einzigen Vertrauten, dem ehemaligen Fährmann, entsprechend technisch hergerichtet hat.

Im weiteren Verlauf wird geradezu gemächlich, manchmal auch mit der ein oder anderen Länge, das Schicksal dieser kleinen Gemeinschaft, ihre Gefährdungen und ihre kleinen Triumphe, erzählt. Doch vor allem schreiten die Verluste fort; eines Tages fehlen die Vögel, die Nachbarn werden verhaftet, die Rosen sind eines Morgens weg. Die Welt, aber auch die Erinnerungen der Menschen werden stetig ärmer, stiller, grauer und enger. Die Bücher verschwinden. Und das ist längst noch nicht das Ende des staatlich verordneten Verschwindens. Der Aufstand bleibt aus. Die Menschen im Untergrund haben keine Möglichkeit, sich zu vernetzen. Die Wege nach draußen, fort von der Insel, sind versperrt.

People – and I’m no exception – seem capable of forgetting almost anything, much as if our island were unable to float in anything but an expanse of totally empty sea. (S. 11)

Wem kann man noch vertrauen? Was macht das mit den Menschen, auch mit dem Verleger, der seine Frau und ein kleines Kind zurückgelassen hat?

Mir hat gefallen, wie hier vom Wesen einer Diktatur, der um sich greifenden Vereinsamung, der Angst und Hilflosigkeit, den Beschwichtigungen und der fehlenden Wachheit, bereits den Anfängen zu wehren, parabelhaft erzählt wurde. Und eine hat zumindest heimlich Zeugnis abgelegt, die junge Ich-Erzählerin.

Interessant fand ich die Kritik von Lea Schneider aus der Süddeutschen Zeitung. Ich würde ihr recht geben, dass an manchen Stellen arg dick aufgetragen wurde. Und natürlich wäre es illusorisch zu glauben, dass man – selbst im Versteck – ungeschoren davonkommt oder dass es ausreicht, eine Diktatur auszusitzen. Doch ihr verärgerter Vorwurf, die Parabel sei in ihrem vorhersehbaren „Rückzug in die Nostalgie für eine aggressiv verniedlichte Version der ‚guten, alten Zeit’“ – Computer und Handys fehlten ja gänzlich – ungeeignet als Kommentar zur Gegenwart, erschließt sich mir nur bedingt.

Sabine von Binge Reading hat den Roman ebenfalls gelesen.

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Fundstück von Harriet Köhler

Wer in die Fremde fährt, findet sich dort nicht, sondern hat sich selbst im Gepäck – das hätten wir eigentlich wissen müssen. […] Wir entkommen uns nicht, egal wie weit wir wegfahren. Warum nur erhoffen wir uns genau das dann doch immer wieder? Warum bleiben wir nicht einfach zu Hause und machen das Beste aus dem, was wir sind?

aus: Harriet Köhler: Gebrauchsanweisung fürs Daheimbleiben, Piper, München 2019, S. 27

Jürgen Hosemann: Das Meer am 31. August (2020)

Der sehr fein in Blau gestaltete Band aus dem Berenberg Verlag, das Debüt des Lektors und Herausgebers Jürgen Hosemann, gefiel mir von der Grundidee her zunächst sehr.

Der Ich-Erzähler, im Urlaub unterwegs mit Gattin und Tochter, beschließt, in einem kleinen Badeort an der Adriaküste in der Nähe von Triest 24 Stunden lang allein am Meer zu sitzen.

Als die Reinigungsfahrzeuge abrückten, erschien der Strand trotz der langen Reihen von Sonnenschirmen, Liegen und Badekabinen völlig leer. Als müsste man jeden Augenblick damit rechnen, dass sich dort etwas ereignete. Alles schien vorbereitet, aber wofür? Es gab auch keine Zuschauer, außer mir war niemand da, der sich dafür interessierte. Zeit breitete sich vor mir aus, saubere, unbeschriebene Zeit. Der Tag würde sich hier ereignen. (S. 15)

Seine Erwartungen sind alles andere als bescheiden:

Ich hatte die Hoffnung, dass sich in der Leere und Weite die Gedanken und Phantasien besonders gut ausbreiten konnten und dass man, weil nichts den Blick verstellte, hier alles sehen konnte. Dass mit etwas Glück das Meer einer jener Orte war, an denen der Blick, vom Wasserspiegel reflektiert, auf einen selbst zurückfallen würde. (S. 24)

Doch dass er sich dafür ausgerechnet einen belebten Badestrand mitten im Ort aussucht, an dem frühmorgens zwei Radlader den Strand herrichten, unzählige Liegen ausgerichtet und die Sonnenschirme geöffnet werden müssen, fand ich eher bizarr.

Und so lesen wir, wie sich die Farben des Himmels verändern, welche Passanten an ihm vorbeiflanieren oder wie die Menschen aussehen, die eine Runde schwimmen gehen, wie der Tag zunehmend heißer wird und der Erzähler hin und wieder ins nahe gelegene Café geht oder sich ärgert, dass er grauslich bunte und überzuckerte Limonade gegen den Durst gekauft hat. Und abends kommen die Teenager mit ihren Handys.

Zwar gibt es immer wieder zitierenswert traumschön formulierte Sätze und wir wünschen uns sicherlich alle hin und wieder Zeiten und Tage, an denen wir so entschleunigt und behutsam dem Treiben um uns herum zuschauen und – falls nötig – im wahrsten Sinne zur Besinnung kommen könnten:

Der Wind so sachte, als schiebe er ein Mädchen auf einem Kinderfahrrad (S. 55)

Allerdings ist nicht jede Beobachtung automatisch bedeutungsvoll, was den Erzähler aber nicht daran hindert, sie uns mitzuteilen. Und wer nun auf besondere Erinnerungen, tiefe Erkenntnisse oder überhaupt auf irgendetwas hofft, wird enttäuscht. Auch der Erzähler selbst merkt zwischendurch, dass sich nicht alle Erwartungen an seinen Tag am Meer erfüllen. Fast klingt es wie eine Mahnung:

Ich halte es für möglich, am Meer zu sein und es nicht zu sehen.

Manchmal wird ihm langweilig, er weiß nicht, wohin mit all der Zeit, beobachtet die Wolken, die Möwen, kontrolliert, ob seine Armbanduhr oder sein Handy schneller geht, freut sich, als ihm ein kleines Mädchen begegnet, wiegt minutenlang die Limonadenflasche in den Händen und fragt sich, was passiert, wenn nichts passiert.

Langweilte mich mein großartiger Plan, mich einen Tag und eine Nacht ans Meer zu setzen, in dem ich jetzt etwas Verbissenes und Verbohrtes erkannte, eine besonders prätentiöse Weise, mich meiner sozialen Verpflichtungen zu entziehen? (S. 65)

Insgeheim staunte ich darüber, wie lange man am Meer sitzen und wie wenig einem dabei auffallen konnte. (S. 84)

Vielleicht hätte ich lieber gelesen, wie der Erzähler einen Urlaubstag mit seiner Familie verbringt, möglicherweise hätte ich auch gleich Ænglisch von Sarah Kirsch wiederlesen sollen.

Hier eine ganz andere Lesart von Constanze auf Zeichen & Zeiten.

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Kleine gemischte Tüte

Auch wenn die Fotos hier auf dem Blog nahelegen, dass ich nur noch spazierengehe, nein, ich lese auch noch, aber manche Titel lohnen die Erwähnung nicht und bei anderen reicht nicht immer die Zeit, die Ruhe oder die Lust für einen längeren Beitrag. Deswegen heute eine kleine gemischte Dezembertüte.

Joachim Meyerhoff: Hamster im hinteren Stromgebiet (2020)

Wieder sehr gern gelesen, das neueste Buch von Meyerhoff, der sich ja schon mit seinen ersten drei Bänden seiner Alle Toten fliegen hoch-Reihe in mein Lieblingsregal geschrieben hat. In Hamster im hinteren Stromgebiet erzählt der Schauspieler nun, wie das ist, wenn man vier Monate nach seinem 51. Geburtstag einen Schlaganfall erleidet und sich ziemlich viel verändert. Das Buch ist wieder mit diesem fassungslos staunenden und punktgenau beobachtenden Blick geschrieben, komisch, verwundbar, ehrlich, spannend und anrührend.

Bei Meyerhoff hat das Wort Selbstdarsteller auf einmal gar nichts Negatives mehr. Wäre er keiner, könnte er uns nicht so mitreißend in seinen Kosmos ziehen. Er ermöglicht ein empathisches Lesen, bei dem man in dem einen Moment ebenfalls im Notartzwagen sitzt, dann über die trefflichen Charakterskizzen seiner Mitpatienten kichert, Anteil an seinem Ergehen und dem seiner Familie nimmt, um im nächsten Moment zu überlegen, was man in seinem eigenen Leben langsam mal auf die Kette kriegen sollte. Und wie unfassbar zerbrechlich wir doch alle sind.

Eine meiner Lieblingsstellen schildert übrigens, wie seine damals vierzehnjährige Tochter glückselig nigelnagelneue schneeweiße Sneaker gegen ein abgelatschtes verdrecktes Paar eintauscht. Es hätte ihr viel zu lange gedauert, bis ihre neuen Schuhe so schön alt ausgesehen hätten.

Dorothy Evelyn Smith: O, The Brave Music (1943)

Smith (1893-1969) erzählt hier aus der Ich-Perspektive die Kindheit und Jugend von Ruan Ashley, einer fantasiebegabten und lebhaften Predigertochter, die durchaus Mühe hat, sich immer in den von den Konventionen  und ihrem Vater festgezurrten Grenzen zu bewegen, die vor dem Ersten Weltkrieg für junge Mädchen galten.

Ich habe schon lange keine schönere und warmherzigere Schilderung einer Kindheit gelesen, die – auch aufgrund der unglücklichen Ehe der Eltern – nicht ungefährdet war, aber Ruan wäre nicht Ruan, wüßte sie nicht, dass Bücher, das Moor und bestimmte Menschen  wie z. B. Rosie Day immer auch eine Zuflucht in so mancher Misere bieten können. Und auch wenn das Buch nicht alle Melodramatikfallen umschifft, hat hier der Verlag British Library mit der Neuauflage alles richtig gemacht.

Buchhandlung Almut Schmidt

Und das wäre schon vor Monaten dran gewesen: Im Sommer habe ich es endlich geschafft, im Urlaub mal den rasenden Buchhändler Hauke Harder live und in Farbe in seinem Laden in Kiel anzutreffen und ihn und seine Frau um diverse Bücher zu erleichtern. Es ist ziemlich cool und inzwischen eher selten, dass mir Buchhändler, egal, was ich da aus dem Regal fische, etwas Hilfreiches zu dem jeweiligen Buch sagen können und auch gleich noch der nächsten Kundin zurufen, was eventuell für sie passen könnte. Und auch wenn die Ladenfläche nicht riesig ist, war das Sortiment anregender und vielfältiger als in vielen wesentlich größeren Buchhandlungen.

Würde ich nicht so viel auf Englisch lesen, wäre es wohl nicht bei der einen Tüte geblieben. Beim nächsten Kielbesuch bin ich wieder dort, auch wenn eine Frage unbeantwortet bleibt: Wie machen die das? Wann liest Hauke das? Die sind ja nicht nur im Internet unterwegs, sondern im Radio, im Fernsehen, in der Zeitung, auf YouTube. Vielleicht gibt er heimlich auch noch Zeitmanagement-Seminare?

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Richard Osman: The Thursday Murder Club (2020)

Für Mai 2021 ist die deutsche Übersetzung des herrlich schrägen und absolut filmreifen Krimis The Thursday Murder Club (2020) von Richard Osman angekündigt, auch wenn sich mir nicht erschließt, warum aus dem englischen Thursday im Deutschen dann der Montagsmordclub werden muss, aber das nur am Rande.

Die Ausgangslage ist erfrischend anders: Elizabeth, Ron (ehemals Gewerkschafter), Ibrahim (Psychiater im Ruhestand) und Joyce (ehemalige Krankenschwester) sind rüstige Senioren jenseits der 70 und wohnen in einem luxuriösen Seniorenzentrum in Kent auf dem Gelände eines ehemaligen Klosters (Swimmingpool, Bibliothek und Zumba inclusive).

Donnerstagabends treffen sich die Herrschaften, um ungeklärte Kriminalfälle aus der Vergangenheit aufzurollen. Das Ganze ein intellektueller Zeitvertreib. Begonnen hatte es damit, dass Penny, ehemalige Ermittlerin und ebenfalls Mitglied im Donnerstagsclub, bei ihrer Pensionierung unerlaubterweise Akten solcher Cold Cases mitgenommen hatte. Doch inzwischen ist Penny schwer dement und liegt schon seit längerem im der benachbarten Krankenstation der Einrichtung.

Doch dann, wie könnte es anders sein, wird tatsächlich jemand umgebracht, und zwar der Unsympath Tony Curran, frisch gefeuerter Geschäftspartner des Investors Ian Ventham, der gleich neben dem Seniorendorf eine weitere Anlage bauen lassen will.

Natürlich ist die Seniorentruppe auf die Zusammenarbeit mit der Polizei angewiesen. Erste Kontakte werden geknüpft, als die neue Polizistin Donna den üblichen Vortrag über Sicherheitsfenster etc. halten will. Die alten Herrschaften machen Donna mit Charme  und Beharrlichkeit schnell klar, dass sie nichts mehr darüber hören wollen, dass man sich den Ausweis des Stromablesers zeigen lassen solle, erstens könnten einige sowieso nicht mehr so gut sehen und überhaupt:

I’d welcome a burglar. It would be nice to have a visitor. (S. 9)

Donna freut sich, dass sie keinen langweiligen Vortrag halten muss und so beginnt eine ungewöhnliche und keinesfalls unproblematische Zusammenarbeit.

Osman schafft es, hier so viele Handlungsfäden zu verwickeln, aufzudröseln, nur um sie gleich wieder anders zu verknoten, dass es eine wahre Freude ist. Selbst wenn es gegen Ende auch ein Faden weniger hätte sein dürfen, auch ein Quentchen weniger Melodramatik an einer Stelle wäre in Ordnung gewesen. Aber das ist Meckern auf hohem Niveau.

Osman hat hier eben keinen Klamauk raus. Er nimmt seine Figuren ernst, die Einsamkeit, die Traurigkeit der Verwitweten und das Wissen der Alten darum, dass man sich auf der letzten Strecke des Lebens befindet, grundieren das Buch und erden es.

Außerdem gefiel mir, wie auch Donna und ihr Chef Chris mit ihren privaten Sorgen und Ängsten geschildert werden. Und wer in seinen Krimis keine unappetitlichen Splatterszenen lesen möchte, ist hier ebenfalls gut aufgehoben.

Gleichzeitig ist das Buch hinreißend komisch und dazu ein echter Krimi, der immer neue Haken schlägt. Also, unbedingte Schmökerempfehlung.

Die Kritiker sind begeistert und, kein Wunder,  die Filmrechte wurden bereits an Steven Spielberg verkauft.

 

Fundstück von Olga Tokarczuk

Als wir im zweiten Jahr die Funktion von Schutzmechanismen behandelten und verwundert die Macht dieses Teils unserer Psyche erkannten, verstanden wir allmählich eines: Wenn wir keine Rationalisierung, Sublimierung, Verdrängung, keines dieser Kunststückchen hätten, derer wir uns bedienen, wenn wir ganz schutzlos, ehrlich und mutig die Welt betrachten würden – dann würde es uns das Herz brechen.

Was wir in diesem Studium lernten, war, dass wir aus Schutzvorrichtungen bestehen, aus Schild und Rüstung, wir sind Städte, deren Architektur aus Mauern, Basteien und Befestigungen besteht, wir sind Bunkerstaaten.

aus: Olga Tokarczuk: Unrast, Kampa Verlag, Zürich 2019, S. 19

Malin Lindroth: Ungebunden: Das Leben als alte Jungfer (OA 2018)

Die schwedische Autorin und Dramaturgin Malin Lindroth (*1965) möchte in ihrem zarten, offenen und aufmüpfigen Werk Ungebunden von ca. 80 Seiten, das von Regine Elsässer ins Deutsche übersetzt wurde und ein Vorwort von Teresa Bücker enthält, einer Gruppe eine Stimme geben, die ihrer Meinung nach seit Jahrzehnten ungehört und unsichtbar ist. Dafür bedient sie sich einer Vokabel, die im Wortschatz des modernen Menschen schon so gut wie ausgestorben war, die der alten Jungfer. Ein Begriff, der wie kaum ein anderer das Geschlecht, die implizierte Schande und den Familienstand unter einem Dach vereine.

Indem ich mich alte Jungfer nenne, stehe ich zu meiner Geschichte, mehr nicht. Ich nehme mir das Recht, über das, was ich weiß und gesehen habe, zu sprechen. Und ich tue dies in der Gewissheit, dass ich, in dem Moment, wo ich das Narrativ über mich in Besitz nehme, mich von anderen Narrativen befreie, denen der Kultur, von denen ich keinerlei Nutzen hatte. (S. 103)

Alte Jungfern, das sind für Lindroth die älteren Frauen, die nie dauerhaft in einer Partnerschaft gelebt haben, obwohl sie sich das gewünscht haben. Witwen oder Geschiedene zählen laut Lindroths Definition nicht dazu, denen fehle die „gediegene Erfahrung“ des Alleinseins.

Ledige Frauen müssten nicht nur mit dem ungewollten Single-Dasein zurechtkommen, sondern auch mit dem Kult, den die moderne Gesellschaft um die glückliche Partnerschaft treibt. Und mit dem Schweigen, dem Nichterzählen, dem Nichtgeltenlassen ihrer eigenen Geschichten. Für diese Frauen, die Lindroth aus dem eigenen und gesellschaftlichen Schweigen holen möchte, holt sie den Begriff der alten Jungfer aus der Mottenkiste, bürstet ihn gegen den Strich und versieht ihn mit Traurigkeit, Pep, Zunder und einer neuen Freiheit.

Die Autorin lebte in den Achtzigern vier Jahre lang in einer Beziehung, seitdem nie wieder.

Seit 1989 habe ich mich fünfzehnmal verliebt. Alle Männer haben Nein gesagt. Ich habe nie Nein gesagt. Diese Gelegenheit bot sich nie. (S. 27)

Und so berichtet uns die Autorin von schmerzhaften Erinnerungen, die bis zurück in die Schulzeit reichen, von sozialer Unbeholfenheit, eigenen Schwachstellen, die sie immer wieder auf die falschen Männer hereinfallen ließ, aber auch von der Unsichtbarkeit der Alleinstehenden.

Das Thema scheine so schambesetzt, auch bei den besten FreundInnen, dass es keinen Ort zu geben scheint, wo die „alte Jungfer“ einfach erzählen und sein darf, wie sie ist, so wie doch all die Paare und Familien da sein und erzählen dürfen.

Dazu kommt für Lindroth die Frage, wie dieser Lebensstil in den Medien, in Büchern und Filmen gespiegelt wird. Wer würde nicht an Bridget Jones denken, über die man eben nicht emphatisch gelacht habe, sondern vielmehr hämisch, da Bridget es, im Gegensatz zu einem selbst, einfach nicht gebacken bekam. Im 21. Jahrhundert kam dann Carrie Bradshaw in Sex and the City. Nun galt es, sich selbst und den anderen das Alleinsein als eigene emanzipierte Wahl zu verkaufen, ja, es konnte als Teil eines erfolgreichen und empowered Lebensstil hochgejazzt werden.

Doch Lindroth betont, dass das für sie nie gestimmt hat, sie und viele andere haben sich diesen Lebensstil eben nicht freiwillig ausgesucht. Besonders vermisse sie inzwischen das alltägliche Geplauder, das Teilen des Alltags. Deshalb müsse man sich zwar keineswegs als Opfer sehen, das ständig in einer bemitleidenswerten Dramafalle sitze, nur sei  es eben schwierig, auch in dieser Lebensrealität mit den dazugehörigen Erfahrungen gehört, gesehen und akzeptiert zu werden. Höchstens werde man huldvoll beneidet, weil man ja keinen Stress mit schreienden Babys und überhaupt so viel mehr Zeit für sich selbst zur Verfügung habe.

Die Sprache machte große Kreise um die Einsamkeit, in der wir alle geboren werden und sterben und dazwischen unser Bestes tun, um sie zu vergessen. (S. 31)

Das Problem ist, dass viele Leute nicht wissen, wie man mit jemandem spricht, der keinen Referenzrahmen in Sachen Zweisamkeit besitzt. Sie lösen dieses Problem, indem sie einen korrigieren oder für nicht vorhanden erklären. (S. 50)

Neben einem kurzen Rückblick in die Geschichte Schwedens im 19. Jahrhundert, als unendlich viele Frauen ledig waren, da es schlicht zu wenig Männer gab, beschreibt sie, wie unterschiedlich ledige Männer und ledige Frauen beschrieben und bezeichnet werden, auch wenn beide mit dem Gefühl der ständigen Zurückweisung umgehen müssten.

Dazu komme, dass die Gesellschaft den Ledigen einrede, versagt zu haben im Spiel um Zweisamkeit und Romantik. Die Ursachen für das Unbehagen der Gesellschaft an den unfreiwilligen Singles sieht Lindroth u. a. darin, dass die alten Jungfern daran erinnerten, dass das Leben eben mehr sei als die Summe von freien, planbaren und bewussten Entscheidungen.

In (sehr) kurzen Exkursen beschäftigt sich die Autorin mit Frauen als Künstlermusen und mit ledigen Frauen in der Literatur sowie mit einsamen Silvesternächten auf der Couch.

Am Ende kann man vielleicht sagen, dass sich die Autorin durch ihre Altjungfernschaft hindurchgewagt hat und so etwas wie einen Ausblick, eine neue Standfestigkeit für die Zukunft gewonnen hat, da nun auch die – zunächst unfreiwillig erduldeten – positiven Auswirkungen des Ledigseins auf die eigene Biografie mit berücksichtigt werden können.

Fazit: Ein zwar sehr sprunghaft und assoziativ geschriebenes Werk, das aber randvoll mit Ehrlichkeit und nachdenkenswerten Überlegungen ist. Sehr gern gelesen.

Lieblingsstelle:

Einsamkeit. Wie sieht sie aus? Wie ein Lavafeld auf Island. Keine Bäume, keine Pflanzen. Nur Grautöne, Weite, Himmel – vielleicht ganz in der Ferne ein kleiner Busch, der im eisigen Wind zittert. […] Genau so sieht meine Einsamkeit aus. Ich kann in dieses große Nichts hineingehen, mich hineinlegen und zu Hause fühlen. Man sieht keinen Unterschied zwischen mir und der Landschaft. Der Gedanke klingt depressiv, das höre ich auch, aber in meiner Erinnerung ist es nicht so. Eher wie ein kurzer Moment des Bodenkontakts. Als ob ich […] plötzlich auf dem Grund meines Lebens gestanden und gespürt hätte, wie die Einsamkeit in mir sich mit der Einsamkeit der Landschaft verband, die sich wiederum mit dem Horizont vereinte, der nur ein schmaler Saum gegen eine noch größere Öde war, die im Universum wohnt. Und plötzlich war meine Einsamkeit so groß, so uralt und eine so allgemeine Erfahrung, dass ich mich überhaupt nicht mehr einsam fühlte. (S. 69)

Zu dem Buch passt ganz ausgezeichnet der Artikel Ersatzreligion Liebe aus der FAZ.

Thomas Hettche: Herzfaden (2020)

Ein Buch über die Familie Oehmichen, der wir die Augsburger Puppenkiste verdanken; das fand ich zunächst eine ausgesprochen reizvolle Idee. Doch nach der Lektüre des Werkes, das es auf die Shortlist des Deutschen Buchpreises geschafft hat, keinerlei Begeisterung meinerseits, eher verwunderte Enttäuschung, mit der ich anscheinend allein auf weiter Flur stehe, wenn ich mir so die zahlreichen Kritiken anschaue.

Schon mit dem Stil konnte ich mich nicht anfreuden. Der sollte vermutlich schlicht, märchenhaft nostalgisch und ein wenig kindlich klingen, hat mich aber oft nur an Zuckerwatte erinnert. Mit Details ohne Funktion. Manchmal plakativ. Als die  achtjährige Hannelore ihrer Schwester ein Geheimnis anvertrauen möchte, heißt es:

‘Was denn für ein Geheimnis?‘ flüstert die Schwester zurück, ganz dicht an ihrem Ohr. Sie spürt den heißen Hauch ihres Atems. (S. 14)

Und viele Jahre später, als die Puppenspieler zu einer Aufnahme nach Hamburg fahren:

Auf ihrer langen Fahrt in den Norden, die sie an diesem Januartag durch das ganze Land führt, geht es zunächst über kleine Straßen nach Nürnberg, da kommt die Sonne hervor. Über den Hügeln von Würzburg liegt Schnee.  Hier erreichen sie die Bundesstraße, die sie weiter nach Bad Hersfeld zur Autobahn bringt. Wie eine immer dünner werdende Schraffur verschwindet der Schnee. (S. 233)

Und die Soldaten der Wehrmacht sind plötzlich einfach ‚harte Kerle‘, als Walter Oehmichen erzählt, wie er im Krieg Kameraden mit selbstgebastelten Puppen unterhält:

Ich hatte die Puppen aus allem zusammengebaut, was sich eben finden ließ, klapprige Dinger waren das, ganz unansehnlich, mit ein paar Stofffetzen behangen. Und doch waren sie lebendig. Und meine Kameraden, alles harte Kerle, die grauenvolle Dinge erlebt hatten, wurden plötzlich wieder zu Kindern. (S. 42/43)

Stellen, die sich stärker auf die geschichtlichen Hintergründe des Nationalsozialismus beziehen, wirken auf mich manchmal nachgerade hilflos, verkleistertverkitscht, auch wenn sie vermutlich das Verdrängte, das Totgeschwiegene veranschaulichen sollen. So erklärt Walter Oehmichen seiner Tochter Hannelore, genannt Hatü, dass er als ehemaliger Landesleiter der Reichstheaterkammer nicht entnazifiziert werde und deshalb nicht zurück ans Theater könne.

‚Warum warst du Landesleiter der Reichstheaterkammer?‘

‚Ach, Hatü.‘

Der Vater schüttelt mit zusammengekniffenen Lippen den Kopf. Hatü wartet, dass er weiterspricht, doch er schweigt. (S. 117)

Hettches eigene Klarstellung am Ende des Buches, dass es ihm „nicht vor allem um Fakten“ gegangen sei, „sondern um ein Porträt der Puppenschnitzerin Hannelore Marschall, die für die junge Bundesrepublik so wichtig gewesen ist“, möchte ich mit deutlich hochgezogenen Augenbrauen versehen.

Zumindest irritiert es mich, dass beispielsweise die Rede Ernst Wiecherts am 11. November 1945, die er in München gehalten hat, kurzerhand in den Ludwigsbau nach Augsburg verlegt wird. Und die Person der Hannelore, ach, eigentlich alle Personen, bleiben so seltsam vage, wattig.

Am Ende weiß ich weder, welche der Geschichten stimmen, noch konnte mich das Buch so in seinen Bann ziehen, dass die Frage nach Fakt oder Fiktion unwichtig geworden wäre. Letztendlich empfand ich das Buch als eine Art von Edelkitsch, den ich unangenehmer als echten Kitsch finde, weil Edelkitsch vorgibt, mehr zu sein, als er tatsächlich ist.

Wenig hilfreich auch die in die Haupterzählung eingestreute Geschichte eines modernen Teenagers mit iPhone, der erkennt, wie tröstlich und real die Marionetten sind; ich fand sie plakativ und äußerst unspannend.

Ich wünschte, jemand aus der Augsburger Puppenspielerdynastie, die ein so schönes Stück bundesrepublikanischer Zeitgeschichte geschaffen haben, hätte selbst das Buch geschrieben.

Märchenhaft sind nicht die Geschichten, die wir erzählen, ein Märchen ist das Erzählen selbst. (S. 167)

Ein Augenschmaus zur Augsburger Puppenkiste ist übrigens diese Seite.

Und hier noch ein Interview mit Hettche auf der Seite des Deutschlandfunk.

Aber wie gesagt, allen anderen hat das Werk wohl ausnehmend gut gefallen. Wiebke Porombka beispielsweise steigt in ihrer positiven Besprechung des Werks gleich auf der höchsten Metaebene ein, die sie zur Hand hatte. Das war mir für dieses Buch dann wirklich „too much“ …

Über Traumata, geleugnete oder verdrängte Schuld oder die mehr oder mitunter subkutanen oder nicht sanktionierten Kontinuitäten nationalsozialistischer Gesinnung – über die Mentalität der frühen Bundesrepublik mithin ist viel geschrieben worden. Wohl selten aber so vielschichtig und reflektiert und im besten Sinne so wundersam, so ernst und gleichzeitig so sprühend albern wie Thomas Hettche dies in seinem Roman „Der Herzfaden“ vermag.

Ilja Leonard Pfeijffer: Grand Hotel Europa (OA 2018)

Ein Roman von über 500 Seiten von einem Schriftstellers, der mal wieder zeigt, dass aus den Niederlanden faszinierende, freche und unbekümmert kluge Bücher kommen. Ins Deutsche übersetzt wurde das Werk des renommierten Dichters und Autors (*1968) von Ira Wilhelm.

Im Spiegelkabinett zwischen Realität und Fiktion erzählt hier ein Schriftsteller  namens Ilja Leonard Pfeijffer in der Ich-Form, wie er sich nach großem Liebeskummer in das altehrwürdige und ein wenig aus der Zeit gefallene Grand Hotel Europa einmietet, das gerade von einem chinesischen Investor übernommen wurde und dementsprechend langsam umgemodelt wird, um mehr Gäste aus China anzulocken. In dieser Abgeschiedenheit will er schreibenderweise verstehen, was ihn in seine jetzige Lage gebracht hat. Der Kummer gilt der Dame seines Herzens, einer betörend schönen italienischen Kunsthistorikerin, die er in Genua, wo er schon seit Jahren lebt, kennengelernt hat.

Ich musste alles präzise aufschreiben, obwohl mir klar war, dass der Drang, es zu erzählen, um es mit Aeneas‘ Worten an Dido zu sagen, den Verdruss wieder auffrischen würde. Es gibt kein Ziel ohne Klarheit darüber, von wo man aufgebrochen ist, und keine Zukunft ohne eine deutbare Version der Vergangenheit. Ich kann besser nachdenken, wenn ich dabei ein Schreibwerkzeug in Händen halte. Tinte klärt. Nur durch das Schreiben bringe ich meine Gedanken unter Kontrolle. Das war meine Aufgabe. Deshalb war ich hier.  Aufschieben war zwecklos. (S. 15)

Und so flanieren wir mit dem kunstbewanderten (und chauvinistischen) Erzähler und seiner Partnerin in der Vergangenheit durch Genua und Venedig, Orte, die wunderbare und geschichtssatte Bühnen für ihre temperamentvolle Liebesgeschichte bieten.

Wir lernen aber auch die anderen Hotelgäste kennen, z. B. die Amerikanerin Jessica, die „ein langes schwarzes Kleid in den Dimensionen einer Schutzhaube für einen mittelgroßen Lieferwagen“ trug, sowie ihren Mann, der sich für das „Schlichte entschieden“ hatte:

breite braun-beige Krawatte zu grau-blau kariertem Hemd und farblich passendem braun-grün kariertem Jackett mit sportlichen Wildlederapplikationen an den Ellbogen. Er sah aus wie ein Jagdaufseher bei einem Benefizabend zur Bewahrung der Biberbaue. (S. 279]

Dazu kommen noch der Majordomus des Hotels, Herr Montebello, und der Page Abdul, ein geflüchteter junger Mann, der nichts lieber täte, als seine Vergangenheit zu vergessen. Während der Schriftsteller die ein oder andere Zigarette mit Abdul raucht, entlockt er ihm dabei dann doch nach und nach seine Geschichte, die wiederum einige Überraschungen birgt.

Obwohl ich hierhergekommen war, um in meiner eigenen jüngeren Vergangenheit Ordnung zu schaffen, indem ich auf dem Papier rekonstruierte, welche Kette von Ereignissen dazu führte, dass ich mir diese Aufgabe auferlegte, und obwohl ich mich gerade deshalb für das Grand Hotel Europa als Aufenthaltsort entschieden hatte, weil ich kaum erwartete, dass hier etwas geschähe, was mich von der gewissenhaften Erledigung meiner Aufgabe ablenken könnte, beeindruckte mich die Geschichte von Abduls jüngerer Vergangenheit so sehr, dass ich mich dazu verpflichtet fühlte, sie aufzuschreiben. Ich konnte nur mit großer Mühe den Gedanken verdrängen, dass meine Geschichte verglichen mit seiner eitel und nichtig war. Meine einzige Entschuldigung dafür, so viel Zeit und Energie auf die Wiederaufführung eines Luxusdramas zu verwenden […], bestand darin, dass es sich bei dem Luxusdrama nun mal um meine Geschichte handelte und dass sie mich aus diesem Grund stark berührte. Doch Abduls Geschichte werde ich ebenfalls erzählen. Alle Schriftsteller Europas sollte die Geschichten aller Abduls erzählen. (S. 75/76)

Darüber hinaus geht es um die letzten Gemälde des Malers Caravaggio, das Schicksal von ertrunkenen Schiffsflüchtlingen und eine seltsame Crew aus Holland, die überlegt hatte, mit dem berühmten Schriftsteller einen Film über die verschiedenen Spielarten des Tourismus zu drehen. Doch wenn das nicht zustände käme, könne man das Material ja immer noch für einen Roman verwenden.

In all diese Handlungsfäden hinein verwoben sind verschiedene Themenkomplexe, zu denen sich der Erzähler so seine Gedanken macht. Auch in den diversen Dialogen spielen diese Aspekte immer wieder eine wichtige Rolle. Sei es der überall in Europa erstarkende Rechtspopulismus, die Notwendigkeit, uns Geschichten zu erzählen, oder die Überlegungen dazu, was Europa eigentlich ausmacht. Hat das ideale Europa der Kunst, der Kultur, der Philosophie überhaupt noch eine Zukunft oder wird es allmählich zum künstlichen und letztlich austauschbaren Spielgarten asiatischer und arabischer Konsumgelüste? Stichworte wie die Verramschung von Venedig und Amsterdam, die an ihrer eigenen Schönheit und den dadurch angelockten Massen zu ersticken drohen, die Immobilienhaie oder die megalomanen Pläne einer Außenstelle des Louvre in den Arabischen Emiraten sind nur einige der weiteren Aspekte.

Eng damit verbunden sind die Fragen nach den Ursprüngen des Reisen und was genau der moderne Tourist eigentlich sucht und selten findet. Der Tourist ist für den Erzähler eine höchst ärgerliche Herdenfigur der Globalisierung, grundsätzlich miserabel gekleidet, respektlos, infantil und gierig; kurzum ein Mensch, der eigentlich nichts anderes tut, als zum Absaufen von Venedig und dem Verlust von Authenzität beizutragen, von der Kunst, die er sich anschaut, keine Ahnung zu haben, und den Einheimischen saumselig im Weg zu stehen.

Man sieht sich die Mona Lisa in echt an, weil man die Erfahrung machen will, die Mona Lisa in echt gesehen zu haben. Walter Benjamin nennt das die Aura des Kunstwerks. Nicht das Kunstwerk selbst ist der Sinn und Zweck seiner Betrachtung, sondern die Erfahrung von dessen Nähe, am besten besiegelt mit einem Foto oder einem Selfie. Der Besuch der Mona Lisa im Louvre führt zu keinen tieferen Einsichten, zu keinem ästhetischen Genuss oder Vergnügen, auch gerührt ist man nicht durch den Anblick, sondern man ärgert sich nur über die anderen Touristen. […] Wir wollen uns das berühmte Kunstwerk für einen Moment durch unsere Anwesenheit aneignen. Das ist der einzige Zweck  hinter dem Besuch. Dann machen wir auf unserer Liste ein Häkchen. Wir können sagen, wir haben die Mona Lisa gesehen. (S. 108)

Und wenn Europa so sehr an der angeblich idealen Vergangenheit klebe und keine Vision einer Zukunft entwickele, könne es auch nicht angemessen auf die Ankunft von Flüchtlingen reagieren, die vor allem an der Zukunft interessiert sind. Dabei stellten gerade sie eine Chance für den alten und müden Kontinent dar.

Es ist großes Kino, wie leicht Pfeijffer diese verschiedenen Stränge miteinander verknüpft. Die Figuren sind in aller Überzeichnung so lebensecht, die Beschreibungen und Dialoge so bissig auf den Punkt gebracht, dass ich mich mit Freude – jedenfalls fast immer – durch die Seiten gepflügt habe.

Eine Erzählstimme, die mal missmutig, snobistisch, gelehrt, melancholisch, dann wieder polemisch, zynisch, boshaft, dozierend, selbstironisch, urkomisch und auch ein bisschen arrogant und größenwahnsinnig ist.

Vor allem aber wird man danach die Austauschbarkeit der meisten Hotelzimmer und die immergleichen Plastik-Souvenirshops kaum noch ertragen, niemals Backwaren mit Nutella in Amsterdam kaufen und vermutlich nie wieder so auf Reisen gehen wie zuvor.

Und man wird eine Ahnung, eine Idee von Europa bekommen, die erstrebenswert, wunderschön, idealistisch-verklärt und gleichzeitig utopisch ist und für die es doch, wenn man dem Ich-Erzähler glaubt, vielleicht schon zu spät ist.

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Fundstück von Karl-Markus Gauß

Das Warten ist die unmerkliche Bewegung des Todes. Immer warten wir auf etwas, auf die Mittagspause, das Wochenende, den Besuch der Kinder, die Beförderung, den Urlaub, das Ende des Urlaubs, die Pensionierung, und darüber werden wir alt und sterben wir.

aus: Karl-Markus Gauß: Abenteuerliche Reise durch mein Zimmer, Unionsverlag 2020, S. 28

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Miss Read: Village School (1955)

Mit großem Vergnügen schmökere ich mich gerade durch die Reihe um die Erlebnisse einer englischen Dorfschullehrerin, geschrieben von Dora Jessie Saint (1913 – 2013), deren Künstlername auf dem Geburtsnamen ihrer Mutter beruht. In den Neunzigern wurde diese charmante Reihe auch ins Deutsche übertragen. Der erste Band erschien unter dem Titel Dorfschule.

Saint hat selbst Jahrzehnte lang unterrichtet, was man den Büchern anmerkt. Sie bieten Entspannung, viel Idylle, eine sehr überschaubare und (fast) heile Welt, wobei das Unschöne und menschlich Verwerfliche allerdings nicht völlig ausgespart werden. Es gibt vernachlässigte Kinder, untreue Ehemänner und den Vater, der seine Familie verprügelt und dem Nachbarn die Hühner stiehlt.

Doch meist ist das Aufregendste, dass jemand neu ins Dorf zieht, der Kirchenchor einen Ausflug unternimmt oder sich ein Junge auf dem Schulhof verletzt und die anderen brüllen, er sei bestimmt tot, ganz bestimmt, sich die Verletzung aber glücklicherweise nur als oberflächlicher Kratzer herausstellt. Oder wenn die Katze eine Ratte mit ins Haus bringt, die im Gegensatz dazu leider doch noch nicht tot ist.

Gleichzeitig hat Miss Read aber einen klaren Blick auf eine Gesellschaft im Umbruch: Viele können sich die Reparaturen ihrer Strohdächer, bei denen die Städter immer ins ahnungslose Schwärmen geraten, nicht mehr leisten. Die ersten kleinen Dorfschulen werden bereits geschlossen, mehr und mehr Leute ziehen in die Stadt, wollen keine „schmutzige“ Arbeit mehr verrichten und verlieren so den Bezug zu ihrer Herkunft und ihrer Hände Arbeit.

Und es liest sich durchaus interessant, wie doch vor gar nicht langer Zeit der Unterricht in so einer Dorfschule aussah. Was für ein Rundumpaket die Lehrerinnen liefern mussten, um für ihre Klasse – die ja immer mehrere Jahrgänge umfasste – die Grundlagen im Lesen, Schreiben, Rechnen, Naturkunde, Religion, Musik und Sport zu legen, und zwar so ganz ohne mediale Unterstützung.

Dazu erledigten sie die komplette Bürokratie, teilten das angelieferte Mittagessen aus und schlugen sich mit Beamten der Schulaufsichtsbehörde herum, die nun ganz dem neuen Zeitgeist folgend der Meinung waren, dass es nicht gut sein könne, wenn einige Kinder schon mit fünf Jahren fließend lesen könnten. Und da erstaunt es dann doch, wie miserabel die Bezahlung und die spätere Höhe der Rente war. Zwischenduch war ich verblüfft, wie aktuell sich manches las.

There has been much discussion recently on the methods of marking compositions. Some hold that the child should be allowed to pour out its thoughts without bothering overmuch about spelling and puntctuation. Others are as vehement in their assurances that each word misspelt and incorrectly used should be put right immediately. (S. 117)

Las sich der erste Band streckenweise noch zu sehr nach sozialem Kommentar, hat sich die Autorin ab dem zweiten Band freigeschrieben. Es macht Spaß, ihre Kämpfe mit der grimmigen Putzfrau der Schule, ihrer dominanten Freundin oder mit der neuen Hilfslehrerin mitzuverfolgen, die sehr theoretische Ideen zur Kindererziehung mitbringt. Neben den Vorkommnissen in der Schule sind der Wechsel der Jahreszeiten, die Dorfgemeinschaft mit ihrem allgegenwärtigen Tratsch und Klatsch und das Eingebettetsein in Traditionen und Feste wichtige Themen.

Die Ich-Erzählerin zeichnet ein bodenständiger, liebevoller, oft auch ironischer und sehr genauer Blick auf sich, die ihr anvertrauten Kinder und ihre Mitmenschen aus, der viel Vergnügen macht. Ihre Bücher sind keine Axt für das angeblich gefrorene Meer in uns, sondern eher eine Einladung zum Innehalten, Teetrinken und Pausemachen. Zum gelasseneren und entspannteren Blick.

Miss Gray and I had spent a long singing lesson picking our choir. This was not an easy task, as all the children were bursting to take part, but Miss Gray, with considerable tact, managed to weed out the real growlers, with no tears shed.

‚A little louder,‘ she said to Eric, ’now once again,‘ and Eric would honk again, in his tuneless, timeless way, while Miss Gray listened solemnly and with the utmost attention. Then, ‚Yes,‘ she said in a considering way, ‚it’s certainly a strong voice, Eric dear, and you do try: but I’m afraid we must leave you out this time. We must have voices that blend well together.‘

‚He really is the Tuneless Wonder!‘ she said to me later, with awe in her voice. ‚I’ve never known a child quite so tone-deaf.‘ I told her that Eric was also quite incapable of keeping in step to music; the two things often going together. Miss Gray had not come across this before and was suitably impressed. (S. 109)

Und wenn die ersten warmen Sommertage kommen, dann ist es ausnahmsweise auch in Ordnung, wenn man den Kindern am Nachmittag The Wind in the Willows vorliest oder Schüler und Lehrerin mal viel mehr tagträumen, als ganz fürchterlich viel zu schaffen. Falls man nicht ohnehin gleich eine spontane Wanderung durch die Felder und Wälder der Umgebung unternimmt, bei der man so schon wieder Anschauungsmaterial für die nächste Naturkundestunde sammeln kann.

Wem das zu viel Schule ist: Die Autorin hat noch eine zweite Reihe um die Bewohner des fiktiven Dorfes Thrushcross Grange geschrieben. Auch die eher nostalgisch geprägt und ziemlich weit weg von den modernen Tendenzen der Literatur nach dem Zweiten Weltkrieg. Aber niemals süßlich, niemals platt, dafür konnte Miss Read viel zu gut, zu witzig und zu anschaulich schreiben. Die Leserinnen danken es ihr bis heute.

The book, of which I had read such glowing reports, I hurled from my bed of pain about 11 a.m., when the heroine – as unpleasant a nymphomaniac as it has been my misfortune to come across – hopped into the seventh man’s bed, under the delusion that this would finally make her (a) happy, (b) noble and altruistic, and (c) interesting to her readers. Could have told the wretched creature by page 6, that, spinster though I am, this is not the recipe for happiness. (Village Diary, S. 22)

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Maile Meloy: Bewahren Sie Ruhe (OA 2017)

Die amerikanische Originalausgabe erschien 2017 unter dem Titel Do not become alarmed. Ich bin überrascht über die vielen positiven Besprechungen, die mir – freundlich ausgedrückt – etwas einseitig vorkommen.

Der Roman über die völlig aus dem Ruder laufende Kreuzfahrt zweier befreundeter amerikanischer Familien in Südamerika – die Frauen sind Cousinen – ist zwar spannend, keine Frage. Aber gleichzeitig ist er überfrachtet mit Unwahrscheinlichkeiten und Thrillerelementen.

Während die zwei Mütter mit ihren Kindern an einem Landausflug teilnehmen, die Väter sich beim Golfspielen vergnügen, passiert das Unglück: Die eine Mutter döst ein, die andere spaziert mit dem attraktiven Reiseführer ein paar Meter in den Wald. Niemand bemerkt, dass die spielenden Kinder, die auf dem Fluss mit einem selbst gebastelten Floß spielen, mit der Flut ins Landesinnere getrieben werden. Nachdem sich die Kinder an Land gerettet haben, beschließt der älteste Junge zurückzuschwimmen. Das Krokodil am Flussufer sieht er nicht.

Die anderen Kinder, eines davon Diabetiker, machen sich auf den Weg ins Landesinnere und hoffen, jemanden zu treffen, der sie zu ihren Eltern und zum Schiff zurückbringt. Dummerweise begegnen sie dabei Drogenhändlern, die einen ihrer Kuriere im Urwald verscharren. Und so entspinnt sich zum einen die Odyssee der Kinder, die um ihr Überleben kämpfen, und zum anderen die verzweifelte Suche der Eltern, die mit Bürokratie, fremder Kultur, Schuldgefühlen, Vorwürfen und bodenloser Verzweiflung zu kämpfen haben. Spannend, wie gesagt, man will wissen, wie dieses Drama ausgeht, und immer wieder schimmert das ernsthafte Anliegen des Erzählers durch, uns zu zeigen, wie fragil unser so vermeintlich sicherer Alltag ist. Ein einziger Moment auf einer Kreuzfahrt, die doch gerade der Luxus-Erholung und dem Vergnügen dienen sollte, reicht aus und nichts mehr ist so, wie es war und wie es sein sollte.

‚Weißt du, ich hab den Eindruck, wir haben die ganze Zeit in so einer komischen Blase gelebt, in der es völlig undenkbar war, dass man sein Kind verliert. In Wirklichkeit passiert das allerdings ständig, jeden Tag, überall auf der Welt, schon seit Menschengedenken, und die Leute leben einfach weiter. Sie können sich ja schlecht auf den Boden legen und einfach nur noch schreien.‘

Aber was neben den überflüssigen Thriller-Mätzchen die Lektüre streckenweise zu einer Last gemacht hat, war die Sprache. Das klang nicht rund, nicht geschmeidig, eher so, als ob sich die Autorin dauernd überlegt hätte, was ihre Hauptfiguren jetzt wohl mal denken und sagen könnten. Es stellt sich die Frage, wie viel davon möglicherweise auch auf das Konto der Übersetzerinnen geht, denen beispielsweise der Unterschied zwischen Reliquie und Überbleibsel nicht klar zu sein scheint. Als einer der Väter sich Vorwürfe macht, heißt es in der Übersetzung:

Aber so war es nicht gewesen. Stattdessen war er mit Gunthers Freund, dieser Kolonialismusreliquie, zum Golfplatz gefahren. Benjamin hatte sich im Auto mit Sonnencreme eingeschmiert, Raymond hatte dankend abgelehnt und sich einen Sonnenbrand geholt. Dämlich. (S. 175)

Im Original steht aber:

But that wasn’t what had happened. Instead, he’d gone golfing with Gunther’s friend, that colonial relic, Benjamin had slathered up with sunscreen in the car, smearing it over his face. He’d offered the bottle, but Raymond had turned it down, and wound up getting a black man’s sunburn. Dumb.

Zusammenfassend würde ich sagen: Unterhaltungsliteratur mit reizvoller Grundidee und maximal hölzernen Dialogen.

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Ulla Hahn: Das verborgene Wort (2001)

Lommer jonn, sagte der Großvater, laßt uns gehen, griff in die Luft und rieb sie zwischen den Fingern. War sie schon dick genug zum Säen, dünn genug zum Ernten? Lommer jonn. Ich nahm mir das Weidenkörbchen unter den Arm und rief den Bruder aus dem Sandkasten. Es ging an den Rhein, ans Wasser. Sonntags mit den Eltern blieben wir auf dem Damm, dem Weg aus festgewalzter Schlacke. Zeigten Selbstgestricktes aus der Wolle unserer beiden Schafe und gingen bei Fuß. Mit dem Großvater liefen wir weiter, hinunter, dorthin, wo das Verbotene begann, und niemand schrie: Paß op de Schoh op! Paß op de Strömp op! Paß op! Paß op! Niemand, der das Schilfrohr prüfte für ein Stöckchen hinter der Uhr.

Mit diesen ersten Sätzen hatte Ulla Hahn mich gleich auf ihrer Seite bzw. auf der der Ich-Erzählerin, der kleinen Hildegard, die in einer armen, streng katholischen Arbeiterfamilie in Dondorf am Rhein aufwächst. Der Zweite Weltkrieg ist gerade vorbei. Der Vater Hilfsarbeiter, die Mutter Putzfrau. Mit dem jüngeren Bruder Bertram muss sie sich ein Zimmer teilen, bis sie als Zwanzigjährige auszieht.

Der liebevolle Großvater hat zwar in der Familie nichts zu melden, sorgt aber dennoch dafür, dass die Enkelin wenigstens den Hauch eines Urvertrauens aufbauen kann, das die niemals lachenden Eltern, die unbarmherzig streng katholische Großmutter und der prügelnde Vater immer wieder beschädigen. Er ist es auch, der den Kindern beibringt, hinzuschauen, hinzuhören und der ihnen das Geheimnis der Buchsteine und Wutsteine anvertraut.

Das verborgene Wort ist der erste Band der Tetralogie, in der Hahn mit starken Anleihen an ihre eigene Biografie der Lebensgeschichte der Hildegard Palm nachgeht: Hildegard unterscheidet sich vor allem dadurch von ihrer Familie, dass sie Buchstaben liebt und Geschichten als Fluchtburgen aus einer lieblosen und wenig anregenden Umwelt empfindet, beste Noten schreibt und unendlich dafür kämpft und unfassbare Prügel dafür einstecken muss, die Realschule, dann schließlich sogar das Gymnasium besuchen zu dürfen, anstatt mit einer Ausbildung zum kargen Einkommen der Familie beizutragen.

Nur weil sich Lehrer und der Pastor dafür einsetzen, gibt die Familie schließlich ihren Widerstand gegen den Bildungshunger der Tochter auf. Ihnen erscheint das alles als brotlose Kunst, Wissen bringe eben kein Essen auf den Tisch, zumal ein Mädchen sowieso irgendwann heirate. Und ein bisschen peinlich ist es wohl auch, weil man sich das Schulgeld schenken lassen muss, selbst das Schulgeld für den Bruder, der auf das Gymnasium geht, hat dessen Patentante übernommen.

Über 620 Seiten begleiten wir Hilla nun dabei, wie sie im Kindergarten unabsichtlich eine Vase kaputtmacht, erleben, ob welcher Nebensächlichkeiten der Vater seinem Jähzorn freien Lauf lässt, dem Kind erscheint er zunächst wie ein Ungeheuer. Mutter und Großmutter können ihn einmal nur knapp davon abhalten, das Kind halb totzuschlagen, indem sie ihn warnen, dass das sonst dem Pastor zu Ohren käme.

Dazwischen auch komische Szenen, entlarvende Szenen, die Tanten, die Cousinen, die dafür sorgen, dass auch rheinische Heiterkeit, Biederkeit und Renitenz zum Tragen kommen.

Dann wieder geht es mit Bruder und Großvater an den Rhein. Und Hilla verliert und verliebt sich in ihre Buchstaben und Bücher. Mit dem gleichen Dickkopf, mit dem anscheinend alle in ihrer Familie ausgestattet sind, bringt sie sich selbst Hochdeutsch bei, da der Dialekt als Sprache der einfachen Leute, der Putzfrauen verpönt ist, fängt an, sich ihrer Familie zu schämen, möchte ihnen beibringen, dass unter eine Tasse noch die Untertasse gehört. So entsteht natürlich weitere Distanz zur Familie. Nur Bertram, der Bruder, und ihr Großvater stehen immer zu ihr.

Erst sehr viel später – da sind wir schon im zweiten Band Aufbruch – gibt es auch köstliche Szenen, in denen Mutter, Großmutter, Tanten und Cousinen es spannend finden und miteinander darum wetteifen, wie viele Wörter sie eigentlich kennen, die ursprünglich aus dem Lateinischen kommen, der „Sprache Gottes“.

Das Buch ist mit langem, man könnte auch sagen sehr langem Atem geschrieben. Szene um Szene, Erinnerung um Erinnerung wird begutachtet, geschildert, ausgekostet, um nur gleich weitere Szenen – oft mit ähnlichem Gehalt – zu erzählen.

Ein bisschen wellenartig, manchmal war es mir zu viel, zu ausführlich, hätte ich Absätze radikal gekürzt und ich dachte an die Dramaturgie von Ein Baum wächst in Brooklyn, das eine ähnliche Geschichte in einem Roman verarbeitet und durch eine straffere Auswahl mir oft wuchtiger und eindrücklicher erschien.

Kaum zu Hause, erzählte ich alles Frau Peps. Frau Peps war meine Vertraute. Schwarz, matt, graugeschabt an den Kanten, ausrangiert von der Frau Bürgermeister, hatte sie die Großmutter noch einige Jahre in die Kirche begleitet, dann war der Schnappverschluß ausgeleiert, die Tasche nicht mehr zu gebrauchen. Da gehörte die Tasche mir. Frau Peps gehörte mir. Frau Peps war meine Freundin. Mit Birgit, Hannelore, Heidemarie konnte ich spielen; sprechen tat ich mit Frau Peps. Keiner hörte mir so geduldig zu wie sie, keiner vermochte mich zu trösten, zu besänftigen, aufzumuntern wie sie. (S. 22)

Dennoch halte ich Das verborgene Wort und Aufbruch für ganz wesentliche Bücher. Zum einen, weil sie ein wunderbares Beispiel für Kampfesmut und Resilienz sind. Hilla gibt nicht klein bei, lässt sich nicht einfangen, lässt sich nicht brechen. Zu Recht spricht Hahn von dem widerborstigen Lebenswillen ihrer Protagonistin, von dem sich so mancher etwas abschauen könnte. Außerdem ist es eine Einladung an die LeserInnen, über die eigenen Sozialisationsbedingungen nachzudenken, vielleicht dankbar zu sein für die ein oder andere Hürde, die man selbst nicht (mehr) nehmen musste.

Und in Aufbruch, dem zweiten Band der Tetralogie, wird der Blick auf die Familie vielleicht nicht milder, aber vielschichtiger, die Umstände, die den Vater, die Mutter, die Großmutter so gemacht haben, wie sie sind, werden mit in den Blick genommen, so kann etwas wie Mitleid und Verständnis, aber auch Wut auf die früheren Generationen entstehen.

Literatur wird hier nicht einfach als wohlfeile Glücksformel verklärt. Am Anfang gelingt Hilla mit ihrer Hilfe zwar die Flucht aus einer öden, oft genug auch brutalen Welt. Doch die ersten Male, als sie ihre Erkenntnisse aus den Romanen an der wirklichen Welt erproben will, erleidet Hilla ziemlichen Schiffbruch. Die unglückliche Frau, die all ihr Erspartes an einen Heiratsschwindler verloren hat, lässt sich von Hillas aus den Romanen übernommene Idee, ins Kloster zu gehen, nicht trösten, sondern geht in den Rhein. Auch als Cousine Maria an Brustkrebs erkrankt, können die Buchstaben die Wirklichkeit nicht mehr so ohne Weiteres auslöschen und unschädlich machen. Die Krankheit, die Schmerzen, die Traurigkeit sind zu real.

Und doch das Glück, als man bei der Frage, ob die Cousine wohl einen Evangelischen heiraten dürfe, voller Stolz auf die Ringparabel aus Nathan der Weise verweisen kann. Und siehe da, der Pastor kennt das Stück und erlaubt die Eheschließung, solange sie katholisch vonstatten gehe und  man die Kinder gut katholisch erziehen wolle.

Das verborgene Wort und Aufbruch schildern trotz aller Redundanzen einen Teil der bundesrepublikanischen Wirklichkeit anschaulicher, emphatischer und nachdrücklicher, als das jedes Geschichtsbuch könnte. Sie erzählen von armen Familien mit Plumpsklo, die einmal in der Woche alle im gleichen Wasser badeten, von versehrten Menschen, auch der Vater wurde schließlich nicht als prügelndes Monster und die Mutter nicht als ewig missmutig Unterwürfige geboren. Sie erzählen vom Wirtschaftswunder, dem Auschwitz-Prozess und vom zwiespältigen Einfluss des Katholizismus. Die Kirche, so  Ulla Hahn in einem Interview,

war zwar für geistige Enge mitverantwortlich, aber Enge gibt ja auch Halt. Es war am Ende besser, mit diesem Katholizismus aufgewachsen zu sein als bindungslos. In Aufbruch spielt der Auschwitz-Prozess eine große Rolle. Als die Familie darüber spricht, zeigt sich, dass dieser naive Katholizismus eine Impfung gegen den Nationalsozialismus sein konnte. In Hillas Dorf zählte die Bibel mehr als Mein Kampf. Meine Großmutter hat bei Nazifesten die Kirchenfahne herausgehängt. Die Leute waren mutig, aber das war ihnen kaum bewusst.

In einem anderen Interview weist Hahn darauf hin, dass die Kirche „in so einer armseligen Dorfgemeinschaft der Kulturträger [war].

Wo habe ich zum ersten Mal einen schönen Raum gesehen, Überfluss, schöne Gewänder, Kerzen? Wo zum ersten Mal Musik gehört? Worte, die nicht nur zum Schimpfen da waren? In der Kirche. Das war ungeheuer wichtig. 

Aber es geht auch um die Arroganz der Fabrikbesitzer und immer höhere Stückzahlen, die den Fabrikarbeiterinnen, mit denen Hilla in den Ferien Pillenschächtelchen füllt,  abverlangt werden, um die ersten Gastarbeiter, die in Baracken hausen und nirgendwo dazugehören. Um die ersten Milchbars und Colas und die Erfahrungen mit dem anderen Geschlecht und um Gespräche der Fabrikarbeiterinnen, in denen es um die allesamt illegalen und gefährlichen Abtreibungsmöglichkeiten geht; war eine Geburt doch nur innerhalb der Ehe denkbar, wollte man seine gesellschaftliche Reputation nicht verlieren. 

Eine verheiratete Frau, die arbeiten gehen mußte, zählte nur halb. Ihr Ansehen war geringer als das einer Nichtverheirateten. Einer Noch-Nichtverheirateten. Am Ende der Rangordnung stand, wer keinen mitgekriegt hatte. (S. 288)

Die ersten zwei Romane erzählen außerdem  von der Einsamkeit, der Hilflosigkeit und Sprachlosigkeit, wenn man selbst eine Vergewaltigung ganz mit sich allein abmachen musste, aber auch von der sozialen Kontrolle durch Verwandte, Nachbarn und Dorfklatsch, dem ersten Fernseher und dem ersten Supermarkt im Dorf, den ersten Unterhaltungssendungen, Grzimek gegen Sielmann, den Schlagern, die wirklich alle mitsingen konnten, und – das ist eine meiner Lieblingsstellen in Aufbruch – vom Ereignis, das der neue Quelle-Katalog darstellte, die Frauen der Familie sich zum Kaffee trafen, ihn gemeinsam durcharbeiteten und kommentierten und man die Seiten, auf denen Hosenanzüge für Frauen zu sehen waren, vor der strengen Oma verstecken musste.

Und hier noch eine hinreißende Internetquelle: das Wirtschaftswundermuseum.

Oder wie Ulla Hahn in einem Interview mit dem Kölner Stadt-Anzeiger erklärt:

Seine Herkunft trägt man immer in sich. Das muss einem aber nicht zeitlebens als Bürde erscheinen. Es kommt darauf an, eine Last in Proviant zu verwandeln. In Erfahrung, von der man auf seiner Lebensreise zehren kann. Das ist dann noch mehr als Versöhnung.

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Fundstück von Eva Sternheim-Peters

Was wäre gewesen, wenn die katholischen Geistlichen, die Ordensschwestern und Ordensbrüder, an denen es in Paderborn, weiß Gott, nicht mangelt, sich 1941 einen Judenstern an die Soutane, das Ordenshabit, die Schwesterntracht gesteckt hätten? Wenn in allen Kirchen offen und unverhüllt für die Juden gebetet und gegen ihren Abtransport gepredigt worden wäre – nicht von Einzelnen, sondern von allen […]? Man hätte die katholischen Sternträger nicht alle verhaften können, ohne das Risiko eines Volksaufstandes in Paderborn einzugehen.

aus: Eva Sternheim-Peters: Habe ich denn allein gejubelt? Europa Verlag, Berlin 2015, S. 423

Henning Boëtius: Der Insulaner (2017)

Der Insulaner: ein fast eintausend Seiten langer Roman über den Schriftsteller B., dessen wesentliche Lebensdaten eine sicher nicht zufällige Ähnlichkeit mit denen des Autors Henning Boëtius (*1939) aufweisen.

Beinahe hätte ich das Buch allerdings schon aufgegeben, bevor ich richtig angefangen hatte. Selten hat mich ein erster Absatz personalpronomenmäßig so dermaßen verwirrt. Aber dann habe ich mich doch weitergewagt, mit eher durchwachsenem Erfolg.

Auf der einen Ebene der Erzählung geht es um den älteren B., bei dem ein Hirntumor diagnostiziert wurde. Ihm steht eine gefährliche Operation bevor und so befürchtet er, seine Erinnerungen zu verlieren. In einer merkwürdig grauen Zwischenwelt reist er in eine Stadt, mietet sich in einem Hotel ein und sucht nun täglich einen fast gesichtslosen Mann auf, dem er seine Lebensgeschichte erzählt. Es bleibt offen, ob es sich dabei um Narkosefantasien handelt oder ob diese Erinnerungen vor allem der Selbstvergewisserung dienen.

‚Während der Narkose ist das Ich also ein Insulaner, dessen Lebensraum sich über viele voneinander isolierte Inseln erstreckt, über einen ganzen Archipel an Einsamkeiten.‘ (S. 28)

Jedenfalls möchte B. verstehen, was ihn zu dem Menschen gemacht hat, der er heute ist. Warum er Schriftsteller geworden ist und nicht, wie es auch eine Zeitlang denkbar schien, Atomphysiker, warum all seine Beziehungen zu Frauen gescheitert sind. Warum er keine Freunde mehr hat.

Einsamkeit ist die größtmögliche Nähe zu sich selbst. Sie erzeugt einen vielstimmigen inneren Monolog, der im Tod in einer grandiosen Formulierung ausklingt. (S. 529)

Ja, falls er die Operation nicht überleben sollte, bittet er darum, nur die Kellnerin aus einem nahe gelegenen Café zu benachrichtigen. Zwischen diesen Sequenzen in der Stadt oder im Hotel erzählt uns der Ich-Erzähler und Schriftsteller seine Lebensgeschichte.

Mein erster Lebensort war der Kopf meiner Mutter. […] Es war ein seltsamer Ort. Seine Einrichtung verriet einen ungewöhnlichen Geschmack. Eine wilde Mischung aus Wünschen, Bedürfnissen, Träumen, Vorurteilen, Ängsten, Lektüre, wobei vor allem die Gedichte Rilkes eine wichtige Rolle spielten. Außerdem waren da einige kreative Fähigkeiten wie eine große zeichnerische Begabung und ein beachtliches Talent, anschaulich zu formulieren, und nicht zuletzt eine fast zwanghafte Neigung zum Inszenieren. (S. 42)

Die Schilderungen der Kindheitserinnerungen waren ungemein anschaulich und anrührend, die Kriegsjahre, die Bombennächte, die schlimmen Bilder, die das Kind sieht.

Wenn einem offensichtlich, wenn auch vergeblich, nach dem Leben getrachtet wird, macht einen das nicht gerade stark. Im Gegenteil, es kann einen für immer verunsichern. Es ist wie eine innere Beschmutzung. (S. 169)

Die komplizierte Familienkonstellation, diverse Verwandte und „Onkelgötter“, die Einsamkeit als Kind; zu seinem zehnten Geburtstag erscheint kein einziges der eingeladenen Kinder. Das Aufwachsen mit einem Kapitänsvater, der selten zu Hause sein konnte, und einer überspannten Mutter, die einen Großteil der Schuld daran trägt, dass ihr Sohn in der Schule als arroganter Außenseiter wahrgenommen wird (und sich oft genug auch so aufgeführt hat). Entscheidende Kinder- und Jugendjahre des Erzählers verbringt die kleine Familie auf Föhr, der Heimatinsel des Vaters.

Die Lehrer können auf die Begabung des Kindes nicht angemessen reagieren und viel zu oft versucht der Junge mit anderen in Kontakt zu treten, indem er ihnen lange Abhandlungen über naturwissenschaftliche Phänomene hält. Hören will das niemand. Als er seinen siebzehnten Geburtstag feiert, kommen zwar die Freunde. Doch er wundert sich, dass sie es nicht witzig finden, als er ihnen mit einer speziellen Konstruktion Stromschläge am Küchentisch verpasst.

Gleichzeitig erwacht auf Föhr die lebenslange Liebe zum Meer, zur Inselnatur und zur Literatur. Kafka, Dostojewski, Tolstoi, Karl Philipp Moritz und später vor allem Lautréamont mit Die Gesänge des Maldoror.

Als der Erzähler älter wird, überrascht das Anspruchsdenken des jungen Mannes, der es als selbstverständlich ansieht, dass ihm die Eltern den Studienort finanzieren, den er wählt. Dass sie ihm die Unterhaltszahlungen erhöhen. Er hat auch kein Problem damit, sich jahrelang bei seinen Freundinnen durchzuschnorren.

Er studiert und promoviert in Frankfurt bei Adorno, dessen Vorlesungen er „Messen des Denkens“ nennt, bei denen auch schon mal „ein Schauer der Bewunderung und der Selbstinfragestellung“ durch die andächtigen Reihen gegangen sei. Da ergeben sich interessante zeitgeschichtliche Einblicke. Marie Luise Kaschnitz und andere protegieren ihn und fördern ihn. Was ihn nicht daran hindert, mehrmals in seiner beruflichen Laufbahn einfach „die Brocken hinzuschmeißen“, Angebote auszuschlagen, Kollegen hängenzulassen, gerne auch mal wenige Stunden vor wichtigen Terminen und Sitzungen.

Seine Beziehungen zu Frauen gestalten sich ebenfalls merkwürdig. Beim Scheidungstermin seiner ersten Ehe kommen die beiden händchenhaltend an, bis sie der Scheidungsrichter anrüffelt. Die drei Kinder aus dieser Ehe werden im Buch nur in wenigen Sätzen gestreift. Einen Tag nach seiner zweiten Eheschließung brennt er mit einer anderen Frau durch. Irgendwann dann sogar ein Tief, das ihn für längere Zeit in die Wohnungslosigkeit führt. Die ersten Schritte als Schriftsteller. Für diesen „Zustand“ müssen seiner Meinung nach fünf Voraussetzungen gegeben sein: existentielle Konflikte wie Einsamkeit und die Erkenntnis der Sinnlosigkeit des Lebens, Naturerfahrung, Bildung, Menschenerfahrung und Protest gegen alle Konventionen.

Aber war Schriftsteller zu sein überhaupt ein Beruf? War es nicht vielmehr eine besondere Spielart der Einsamkeit? Er hatte das Schreiben nie als Arbeit empfunden, eher als eine Art Zeitvertreib. Und zwar im wörtlichen Sinne. Man vertrieb die Zeit, indem man über sie schrieb, über die Dinge und Menschen, die sich in ihr bewegten wie Raupen auf einem Blatt. (S. 86)

Die Zwischensequenzen, die den eigentlichen Lebensrückblick immer wieder unterbrechen und ihn vermutlich literarisch veredeln sollen, interessierten mich wenig. Die Einblicke ins Frankfurter Studentenleben in den Sechzigern fand ich hingegen interessant und besonders die Teile des Romans, in denen es um B.s Kindheit geht, habe ich mit Anteilnahme gelesen. An einer Stelle heißt es:

Um glaubhaft von seiner Kindheit zu reden, muss man ein Kind sein, wenigstens ein künstliches. Außerdem ergaben die einzelnen Erinnerungen kein ganzes Bild. Es war ungefähr so, als ob man die Teile eines Puzzles in die Luft warf und erwartete, dass sie sich von selbst zusammenfügten, wenn sie wieder auf dem Boden landeten. (S. 121)

Hätte Boëtius sich darauf beschränkt, nur die Puzzleteile seiner Kindheit in die Luft zu werfen, ich glaube, dass dabei für den Leser ein wunderbar packendes Bild entstanden wäre. Doch je älter die Hauptperson wird, umso stärker wird zeitlich gerafft, manches wird nur noch referiert. Manchmal gerieten die sprachlichen Bilder sehr schräg:

In dieser doppelten Dunkelheit brütete ich das zerbrechliche Ei der Todesangst aus. (S. 147)

Am Ende überwiegt mein Eindruck, dass hier ein Autor – zumindest in weiten Teilen – ein Buch vor allem für sich selbst geschrieben hat, sagt der Erzähler doch schon ganz früh über sich:

Ortsmenschen wie ich reagieren meistens nur schwach auf ihre Mitmenschen. Alles, was sie interessiert, ist jenes Theaterstück, das sie ihr Leben nennen, das Stück, in dem die Kulissen die Hauptrolle spielen, während die Menschen nur Statisten sind. (S. 40)

Wenn ein „glattes“ Leben in eine langweilige Erzählung mündet, dann hat man vielleicht einfach nicht genau genug hingeschaut. Und genauso wenig denke ich, dass eine auch äußerlich interessante Lebensgeschichte eher das Potential zu einem Kunstwerk hat.

Erinnern kann wie eine unbarmherzige Sonne sein, die schonungslos ihr Licht auf die Vergangenheit wirft. Dabei kommt oft auch Unschönes zu Tage. Wenn ihre Strahlen auf eine glatte Fläche treffen, werden sie nur Langweiliges zu Tage fördern. Ist die Vergangenheit rau bewegt wie das Meer, kommt vielleicht ein Kunstwerk zu Vorschein. (S. 38/39)

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Kazuo Ishiguro: The Unconsoled (1995)

Den meisten ist Kazuo Ishiguro (*1954 in Japan) wohl eher als der Autor des mit Anthony Hopkins und Emma Thompson verfilmten Romans The Remains of the Day bekannt, für den er 1989 den Booker Prize erhielt. 2017 wurde der britische Schriftsteller schließlich mit dem Nobelpreis für Literatur ausgezeichnet.

Doch heute soll es um sein 1995 erschienenes Werk The Unconsoled gehen, das ein Jahr später auf Deutsch unter dem Titel Die Ungetrösteten erschien. Wie schnelllebig der Literaturbetrieb funktioniert, sieht man vielleicht  daran, dass dieser Roman schon nicht mehr als gebundene Ausgabe lieferbar ist. So muss ich also auch weiterhin mit meiner langsam arg vergilbten englischen Taschenbuchausgabe mit der fürcherlich kleinen Schriftgröße vorliebnehmen. Nun aber zum Inhalt:

Der bekannte und von allen sehnsüchtig erwartete Pianist Ryder trifft in einer nicht namentlich genannten europäischen Stadt, möglicherweise in Österreich, ein. Dort hat er am Donnerstag einen Auftritt, dessen Modalitäten ihm aber seltsam unklar sind. Anscheinend soll er außerdem vor seinem Konzert einen kurzen Vortrag halten, für den er den kulturellen Zustand der Stadt eruieren und bei dem er keine der diversen Fraktionen mit ihren Günstlingen unfair behandeln will. Mal ganz abgesehen davon, dass einige Übungsstunden und die Inaugenscheinnahme des Konzertgebäudes sicherlich ebenfalls sinnvoll wären.

Doch Ryder hat seltsame Erinnerungslücken, weiß nicht, welche Informationen er bereits erhalten hat und wer für was zuständig ist. Dazu kommt seine unselige Neigung, es wirklich allen recht machen zu wollen und auf gar keinem Fall irgendwelche Wissenslücken zuzugeben. Sein Selbstbild darf nicht in Frage gestellt werden, und so wäre es ihm peinlich, bei irgendetwas nachzufragen, was ihn natürlich nur immer tiefer in den Schlamassel reitet und ihn wichtige Termine versäumen lässt.

Zu allem Überfluss wollen alle, mit denen er in Berührung kommt, irgendetwas von ihm. Das beginnt bei seiner Ankunft im Hotel, als der Portier Gustav, der die merkwürdige Angewohnheit hat, die Koffer im Aufzug nicht abzustellen, den Pianisten nicht nur inständig bittet, an einem der Treffen einer merkwürdigen Portiersrunde teilzunehmen, sondern auch anfragt, ob Ryder nicht einmal mit seiner Tochter Sophie sprechen könne, die in letzter Zeit so niedergedrückt wirke. Gleichzeitig scheint Ryder aber eine komplizierte Beziehung mit Sophie zu verbinden. Möglicherweise ist der kleine Boris sogar ihr gemeinsamer Sohn.

Aber da sind noch viele weitere, wie zum Beispiel der Hotelmanager, dessen Sohn, andere Künstler oder ehemalige Schulfreunde, die in traumhaften Sequenzen plötzlich auftauchen. Bei manchen der Anliegen scheint es sich nur um kleine Gefälligkeiten zu handeln, die sich dann aber durch leicht surreale Ereignisketten und Ryders Hang zum  Unverbindlichen zu wahren Gebirgen auftürmen. Manchmal scheint ihm sein Image als Helfender wichtiger zu sein als die Hilfe selbst. Dass sich bei seinen Unternehmungen das Zeitkontinuum hin und wieder aufzulösen scheint und Orte plötzlich nicht mehr da sind, wo sie sein sollten, ist auch nicht wirklich hilfreich. Und so wird Ryder bei allem, was er zu tun versucht, unterbrochen und bringt im Grunde nichts zu Ende, und zwar weder für sich noch für andere. Nichts Kleines und nichts Großes.

Michael Wood schrieb 1995:

It’s not that a sense of suspense or of climax is created; far from it. But there is a kind of excitement in Ryder’s stumbling from errand to failed errand, as if nothing were certain in life except the interruption of whatever you are trying to do. We know he’s not going to get anywhere; he’s not going to unravel his relationships, help his friends, please his parents, give his concert or his speech, sort out this terribly self-preoccupied town. But it’s hard work not getting anywhere. Ryder’s endless distraction from his multiplying purposes is so distracting that we can hardly bear it. His life is overwhelmed by irrelevance, buried under pointless but irresistible demands.

Die Reaktionen der Kritiker reichten nach dem Erscheinen von The Unconsoled dann auch von Ratlosigkeit, Entsetzen und Hohn – der Autor habe eine ganz neue Dimension eines schlechten Buches geschrieben – bis hin zu großer Begeisterung und der Aufnahme in den Kanon der modernen britischen Literatur.

Doch worum geht es in diesen über 500 Seiten nun wirklich? Auch bei dieser Frage gehen die Meinungen auseinander. In seinem lesenswerten Aufsatz hält Geoffrey Maloney beispielsweise das Spannungsfeld zwischen dem öffentlichen Leben als Künstler und dem privaten Leben als Individuum für das eigentliche Thema, obwohl das meiner Meinung nach zu eng gedacht ist.

… an isolated and intelligent artist: Ryder, the pianist, caught between the duties and responsibilities of his personal life and the duties and responsibilities which flow from his public identity. In essence it is a novel about the role of the artist in society and the gap which exists between personal and public images.

Sam Jordison, der wie ich auch maximal verwirrt und gleichzeitig fasziniert von diesem Buch ist, betont eher die Traumlogik und den Witz, die Absurditäten und das Spiel mit dem Leser, der ständig genarrt und in seinen Erwartungen enttäuscht wird. Das eigentliche Thema ist für Jordison jedoch der Stress, dem der moderne Mensch pausenlos ausgesetzt sei. Dafür spreche, dass Ryder in all seinen Ruhephasen oder wenn er schlafen möchte, permanent gestört und wieder aufgescheucht wird. Im Grunde erfahren wir nicht, was er tun würde, könnte er nur einmal selbst seinen Tagesablauf bestimmen.

Ich weiß, in einigen Jahren werde ich es zum dritten Mal lesen. Das heißt nicht, dass das Werk nicht ruhig 100 Seiten kürzer hätte sein dürfen und das repetitive Sprechen aller Protagonisten und das Kreiseln der Handlung einem schon auch gehörig auf die Nerven fallen können.

Dennoch: Es ist, als hätte Ishiguro vieles von dem, was sich so im Kopf eines Menschen befinden kann, nach außen gestülpt und in Handlung übertragen, all die liebevollen und all die boshaften Gedanken, verdrängte Schuld und Lebensträume, die Prägungen aus der Kindheit, die einem noch als Erwachsenen manchmal zusetzen, Alkoholismus, die Frage nach der Kunst, beschädigte Kommunikation innerhalb der Familie, das Versagen als Partner oder als Elternteil, die Illusionen, der Wunsch nach Anerkennung, aber auch die kindliche Freude, und nicht zuletzt unsere unzähligen Versäumnisse, das Großsprecherische, die Scham, die Wut, die Beschönigungen, die Ausreden und Verteidigungsstrategien, wenn Masken und Fassaden einzustürzen drohen. Und: die verschwendete, die vergeudete Zeit.

Dafür bringt der Autor schon mal unsere Vorstellungen vom Ablauf der Zeit durcheinander, fährt mit uns Achterbahn und betritt diverse Spiegelkabinette. Das, was wir da auch von uns selbst sehen, mag uns nicht immer gefallen, doch es wirkt immer eigenartig vertraut.

Hier sind tatsächlich fast alle Ungetröstete. Alle sind auf der Suche nach jemandem, der ihnen zuhört, sie wahrnimmt und der ihnen bestätigt, dass sie und ihre Sorgen das Zentrum des Universums sind, doch derjenige, von dem sie sich das versprechen, ist doch selbst bloß auf der Suche und mit dem, was man von ihm erwartet, völlig überfordert.

Oder wie es auf der Seite des Nobelpreises heißt:

The Nobel Prize in Literature 2017 was awarded to Kazuo Ishiguro „who, in novels of great emotional force, has uncovered the abyss beneath our illusory sense of connection with the world.“

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Kathrin Weßling: Nix passiert (2020)

Manchmal überrasche ich mich selbst. Das Cover gefällt mir nicht und wenn das ZEIT-Magazin schreibt, dass Kathrin Weßling (*1985) hier den Roman ihrer Generation geschrieben habe, empfinde ich das nicht unbedingt als Kompliment. Keine Ahnung also, warum ich das Buch gekauft habe. Vielleicht weil ich mich vergewissern wollte, dass aktuelle deutschsprachige Bücher nach wie vor meist hinter meinen Erwartungen zurückbleiben?

Und nun muss ich alles revidieren: Ich konnte überhaupt nicht mehr aufhören zu lesen. Was für ein unglaublich tolles Buch.

Aus der Ich-Perspektive erzählt der ca. 30-jährige Alex, dass Jenny, seine große Liebe, ihn verlassen habe. Der Liebeskummer ist so schlimm, dass er sich krankschreiben lässt, sich besäuft und am liebsten nur noch im Bett verkriechen möchte. Er hält es im lauten Berlin nicht mehr aus, redet sich ein, dass er da ja auch dauernd Jenny begegnen könne, deshalb will er sich für unbestimmte Zeit in seiner angeblich so spießigen Heimatstadt bei seinen Eltern einquartieren. Die sind überrascht, hatte Alex doch die letzten Jahre seine familiären Beziehungen nicht unbedingt gepflegt und sich als Heranwachsender ganz klischeehaft geschworen, möglichst weit wegzugehen und nie wie sie werden zu wollen. Auch Bruder Timo hält wenig davon, dass der kommunikationsmäßig eher unbeholfene Alex, der auf mich oft jünger wirkte, nun wieder bei seinen Eltern unterkriechen will, zumal Alex erst mal nicht erzählt, dass er wieder Single ist.

Mein Vater lacht zusammen mit Anni laut und ausgelassen und ich weiß nicht, ob ich ihn je so glücklich gesehen habe wie in diesem Moment. Sein ganzes Gesicht ist eine einzige, sorglose Freude darüber, hinter Anni herzulaufen und so zu tun, als könner er sie nicht fangen. […] Es ist so banal. Es ist so unbedeutend. Es passiert tausend Mal an tausend Orten: Großeltern, die mit ihren Enkeln spielen. Und doch berührt mich der Anblick sehr und ich laufe zur Terrasse, laufe zu Anni, zu meinem Vater, zu Marina, zu meiner Mutter. Als ich vor ihnen stehe, blickt niemand auf und niemand mich an. ‚Hey, lustiges Spiel!‘, sage ich wie so ein Trottel und es interessiert niemanden. (S. 89)

Alex trifft ehemalige Freunde, erinnert sich, trauert, schimpft, weint und hadert, versucht Boden unter den Füßen zu gewinnen und sein Durcheinander im Kopf zu entwirren.

Nach und nach erschließt sich dem Leser, der Leserin, warum Jennys Beziehungsabbruch Alex so aus der Bahn tragen konnte, wie tief die Wurzeln für den Cocktail aus Selbstmitleid, Ängsten, Überheblichkeit, falschen Zielen und Selbstbetrug reichen.

Das ist nicht nur unglaublich spannend konstruiert, klug und einfühlsam beobachtet, sondern menschlich so nachvollziehbar, ja geradezu dringlich und berührend, als hätte man Alex im Wohnzimmer sitzen, den man dann abwechselnd schütteln und dann wieder in den Arm nehmen möchte.

Und man erkennt, dass Alex einem möglicherweise näher ist, als man dachte. Ihm fliegt alles um die Ohren. Will er weiterleben, muss er etwas ändern und erwachsen werden, ob er will oder nicht. Die meisten von uns hingegen haben es sich vermutlich eher gemütlich in ihrem ja auch nicht immer befriedigenden Leben eingerichtet. Wer ist da am Ende eigentlich besser dran?

Ich glaube, das ist der ganze Sinn von Trennungen, wenn sie denn einen haben können: Sie sind wie eine Zwangsvollstreckung des eigenen Lebens, alles wird bewertet und bekommt Aufkleber, das hier ist gut, das ist nix wert, das hier kann man jemand anderem überlassen, der damit mehr anfangen kann. Am Ende steht man da und hat nur noch das Nötigste und kann und darf noch mal anfangen, darf noch mal versuchen, etwas aus dem eigenen Leben zu machen, das sich wertvoll anfühlt. (S. 214)

Ja, natürlich ist es auch – aber eben nicht ausschließlich – ein Buch für Jüngere, für die, denen die unzähligen Entscheidungsmöglichkeiten, wie man sich nach außen hin darstellen möchte, wo und warum man leben, wen man lieben und was man arbeiten will, auch mal über den Kopf wachsen. Und natürlich für alle, die gerade Liebeskummer haben. Und für alle, die die Schreibe von Weßling mögen.

Ach, eine Frage noch, sind die anderen Bücher von ihr genauso gut?

Hier noch ein Link zu einem Beitrag auf dem Deutschlandfunk.

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Mohamed Amjahid: UNTER WEISSEN (2017)

Richtig blöd, dass wir solche Bücher überhaupt brauchen, und richtig gut, dass es Journalisten gibt, die diese Bücher schreiben. Mir wurde jedenfalls einiges klarer.

2017, also vor „Black Lives Matter“ erschienen, liest sich das Buch des 1988 in Frankfurt geborenen Journalisten wie eine Einführung in die Privilegien, die die bio-deutsche Mehrheit (gilt aber auch für andere westliche Länder) gegenüber denen besitzt, die nicht ganz so bio-deutsch ausssehen und dunklere Haut und dunkle Haare haben.

Das Buch ist eine Einladung, die verschienden Bereiche zu erkunden, in denen Privilegien, die nicht hinterfragt und auf den Prüfstand gestellt werden, zu klischeehaften Vorstellungen und letztlich rassistischen Strukturen führen können. Amjahid bezieht dabei sowohl eigene Erfahrungen und die seiner FreundInnen – er ist gebürtiger Marokkaner – als auch den Stand der Forschung mit ein.

Er spricht dabei unter anderem die Wichtigkeit der „richtigen“ Pass- und Hautfarbe an, die den großen Unterschied bei der Reisefreiheit und bei der Behandlung ausmacht, die man an den Grenzen dieser Welt erfährt. Gruselig, wenn man z. B. mit der falschen Hautfarbe von Mexiko nach Texas einreisen möchte.

Amjahid erklärt das Phänomen des Othering, wie man „den Fremden“ konstruiert, um ihm dann bestimmte negative Eigenschaften zuschreiben zu können, und geht in diesem Zusammenhang auch auf das Erbe des deutschen und europäischen Kolonialismus ein (siehe „Völkerschau“ und „Expo 1958“ in Belgien).

Ein Kapitel ist dem Bemühen um nicht-diskriminierende Sprache gewidmet und den Ewig-Gestrigen, die es für eine Zumutung halten, mal einige Begriffe aus ihrem Wortschatz zu streichen.

Ein anderes Kapitel geht dem Phänomen nach, dass Weiße oft meinen, „anderen“ die Welt und deutsche Fahrradwege erklären zu müssen, als ob sie allein Zivilisation, Intelligenz, Sprache und Anstand gepachtet hätten. Und da, wo auch Weiße ganz offensichtlich massiv gegen die Spielregeln verstoßen, erklärt man sie durch den Prozess des Othering kurzerhand zu White Trash.

Amjahid verschweigt nicht, dass Rassismus und koloniale Strukturen in der Selbstwahrnehmung der ehemals Unterdrückten weiterwirken können – man denke an Bleichcremes und das Herabschauen auf die, die noch dunkler sind als man selbst. Darüber hinaus wird das Konstrukt des Tokenism erläutert.

Außerdem wird thematisiert, wie sich die Berichterstattung in den Medien unterscheidet, je nachdem, ob ein Bio-Deutscher oder ein als fremd Wahrgenommener ein Verbrechen begangen hat. Welche Motivationen werden den Taten jeweils zugrundegelegt? Und was war Böhmermanns Text zu Erdogan eigentlich wirklich, wenn man das mal von der Seite weißer Privilegiertheit betrachtet?

Und schließlich: Was bedeutet es für eine Gesellschaft, wenn einflussreiche Positionen in Wirtschaft, Bildung und den Medien fast ausschließlich von weißen Männern besetzt werden? Wenn die Entscheidungsträger in keiner Weise die Zusammensetzung der Gesellschaft widerspiegeln? Ich ergänze: Auch ganze Schulkollegien sind ausschließlich weiß besetzt.

Ebenfalls interessant war das Kapitel, in dem der Autor der Frage nachgeht, wie es sein kann, dass es innerhalb der Schwulenbewegung einen nicht unerheblichen Anteil an Rassisten gibt, ja einige bekennende AFD-Wähler sind. Wie komplex die Gemengelage da sein kann, sieht man schon bei dem ehemaligen niederländischen Politiker Pim Fortuyn.

In 188 Seiten kann man natürlich der Vielzahl der Themen nicht annähernd auf den Grund gehen, aber als Einstieg in die verschiedenen Aspekte weißer Privilegien und die Ebenen, auf denen Rassismus entgegengewirkt werden muss, habe ich das Buch als sehr hilfreich empfunden.

Ich musste öfter daran denken, wie ich vor drei Jahren einer jungen Frau, die Kopftuch trug, und die einige geflüchtete Frauen zum Deutschunterricht begleitete, Komplimente für ihr gutes Deutsch machte. Es stellte sich heraus, dass sie in Deutschland geboren ist und nur als Begleiterin fungierte. Es war mir total peinlich, doch ihre Antwort in ihrer Mischung aus Schlagfertigkeit, Charme und Selbstbewusstsein werde ich nicht vergessen. Sie lächelte mich an und sagte nur: „Ich weiß.“

In der nächsten Auflage würde ich mir noch ein Kapitel zu strittigen Bekleidungsfragen wünschen. Was sind das für müßige Diskussionen ums Kopftuch etc. Die Leserbriefe, die vor einigen Jahren durch unsere Lokalzeitung tobten, weil man befürchtete, im hiesigen Freibad könne mal eine Frau im Burkini auftauchen, waren jedenfalls von atemloser Schrillheit und Hysterie. Und die Fotos, aufgenommen 2016 am Strand in Nizza, in denen weiße Polizisten eine Burkini-Trägerin zwingen, mehr Haut zu zeigen, zeigten doch ein sehr sonderbares Verständnis von westlicher Freiheit.

Werner Schneyder: Krebs (2008)

Werner Schneyder, österreichischer Kabarettist, Autor, Box-Kampfrichter, Freund und Kollege von Dieter Hildebrandt, war über 40 Jahre mit seiner ersten Frau Ilse verheiratet, als diese die Diagnose Krebs erhielt. Zwei Jahre später, 2004, starb sie an Blasenkrebs, den auch diverse schwerste Operationen und eine Chemotherapie nicht aufhalten konnten.

Krebs ist – wie schon der Untertitel nahelegt – eine Nacherzählung dieser schwierigen Monate zwischen Diagnose und Tod. Dabei geht es zum einen um die Stationen, die die Erkrankte durchlebt, den ersten Sommer nach der ersten großen Operation, den sie noch in ihrem Haus am See verbringen und durchaus genießen kann, daran anschließend um die weiteren Krankenhausetappen, den allmählichen körperlichen Abbau. Zum anderen geht es darum, wie Schneyder, der gemeinsame Sohn, die Verwandten, die Freunde mit der Erkankung umgehen. Soll Schneyder auf Tournee gehen oder lieber daheim bleiben? Was mutet man der Kranken und sich selbst an Wahrheit zu? Wie verändert sich das Zusammensein? Wie verändert sich die Erkrankte? Was macht man mit der Hilflosigkeit, die man als Laie gegenüber den ärztlichen Entscheidungen oder Empfehlungen hat?

Jeder Versuch einer fairen Wertung ist für den Laien nicht möglich. Er kann glauben oder nicht. Er kann Ärzte sympathischer oder vertrauenswürdiger finden oder nicht. Was er nicht kann: beweiskräftig urteilen. (S. 62)

Nach der Lektüre ziehe ich leise meinen Hut. Schneyder (1937 – 2019) ist ein besonderes Buch geglückt.

Sprachlich wunderbar, zurückgenommen, treffend, auf den Punkt, zärtlich, lakonisch.

Das Abspielen von CDs ist gefährlich. Da kommt es zu schrecklichen Stellen. (S. 84)

Doch darüberhinaus ist es eben nicht nur ein Sich-von-der-Seele-Schreiben. Vielleicht das sogar am allerwenigsten. Es ist auch eine Auseinandersetzung mit sich selbst, z. B. damit, dass man als der Gesunde Gedanken hat, derer man sich schämt, wenn man beispielsweise in „triefendem Selbstmitleid“ badet oder schon mal überlegt, wie man später die Möbel stellen wird. Schließlich wird nicht nur der unheilbar Kranke, sondern auch der, der diesen Prozess begleitet, in eine unbekannte Umlaufbahn geschleudert, auf die einen nichts vorbereitet hat.

Doch gleichzeitig werden Fragen, und das war wohl eine der Hauptmotivationen für das Schreiben, an die Ärzte und ihr Selbstverständnis gestellt: Wieso stimmen diese sich nicht miteinander ab, wieso passieren hanebüchene Fehler in der Kommunikation zwischen den verschiedenen Abteilungen? Wieso wird auf Teufel komm raus operiert, bestrahlt und untersucht, wenn der Zeitgewinn von vielleicht drei Monaten durch die Nebenwirkungen gänzlich zunichte gemacht wird? Und warum ist Würde, auch wenn sie sich für jeden etwas anders darstellt, keine medizinische Kategorie? Und wieso wird noch physiotherapiert und mobilisiert, wo nichts mehr zu mobilisieren ist? Warum werden nicht rechtzeitig und ausreichend Schmerzmittel gegeben?

Ich habe den Eindruck, hier äußert sich ein medizinisches Prinzip, das offenbar verbietet, nichts zu tun. Das geht mir aber nicht ins Hirn, wenn sich therapeutische Vorschläge keine Sekunde lang mit der Chance auf Genesung oder Erleichterung verbinden. (S. 81)

Schneyder weiß natürlich auch um die Frage, ob es überhaupt legitim sei, einen so persönlichen Einblick in den Leidensweg seiner Frau zu geben. Er selbst gibt darauf an einer der Schlüssselstellen des Buches eine deutliche Antwort, die vor allem an die Adresse der Ärzteschaft geht.

Ich selbst habe diese 157 Seiten an keiner Stelle als voyeuristisch empfunden. Zum einen, weil man bei bestimmten Sätzen zunächst einmal Mitleid empfindet und weil Schneyder klarstellt, dass diese Krankheit in Kombination mit dieser Art der Behandlung eben den Sinn für das, was ausschließlich privat ist, gröblich verletzt.

Außerdem lese ich seine Schilderungen, die tatsächlich manchmal sehr intim sind, als etwas, das jeden von uns treffen kann, und als eine Erinnerung nicht nur an die Fragwürdigkeit mancher medizinischer Ansichten, sondern ebenso als Erinnerung an unsere Kreatürlichkeit und Fragilität, die uns auch dankbar und demütig machen kann.

Ein trauriges, trotziges, kluges, zorniges, ehrliches und sehr zärtliches Buch. Und eine Liebeserklärung sondergleichen.

Nachtrag

Das Buch erschien im Verlag LangenMüller. Nach kurzer Recherche zur langen und durchaus buntscheckigen Verlagsgeschichte hätte es mich interessiert, warum Schneyders Buch gerade in diesem Verlag veröffentlicht wurde. Bis 2004 leitete Herbert Fleissner die Verlagsgeschäfte, „der einzige Großverleger in Deutschland, der auch Bücher von ehemaligen NS-Autoren in nennenswertem Umfang verlegte“. (Wikipedia, abgerufen am 1. Juli 2020)

2008 erhielt Fleissner von der Gesellschaft für freie Publizistik die Ulrich-von-Hutten-Medaille.

Und während ich dies schreibe, bewirbt die Homepage gerade an prominenter Stelle die neuen Bücher von Markus Krall (genau, derjenige, der das Wahlrecht grundlegend umkrempeln möchte) und Thilo Sarrazin. Vermutlich sind damit die „meinungsstarken Debattenbücher“ gemeint, von denen der Verlag spricht.

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Adalbert Stifter: Der Nachsommer (1857)

Vermutlich hatte ich auch schon bessere Ideen, als ausgerechnet diesen Trumm hier vorzustellen. Aber irgendwann musste es ja so kommen, denn alle paar Jahre greife ich ganz freiwillig zu diesem Bildungsroman des 19. Jahrhunderts, der einen mit seiner manchmal nachgerade pedantisch durchgehaltenen Handlungsarmut und Humorlosigkeit durchaus an den Rand der Verzweiflung bringen kann.

Der Roman, ursprünglich in drei Bänden veröffentlicht, wurde von Größen wie Thomas Mann, von Nietzsche und von Karl Kraus bewundert und von Friedrich Hebbel höhnisch verspottet:

Wir glauben nichts zu riskieren, wenn wir demjenigen, der beweisen kann, daß er sie ausgelesen hat, ohne als Kunstrichter dazu verpflichtet zu sein, die Krone von Polen versprechen.

Schon der erste Absatz:

Mein Vater war ein Kaufmann. Er bewohnte einen Teil des ersten Stockwerkes eines mäßig großen Hauses in der Stadt, in welchem er zur Miete war. In demselben Hause hatte er auch das Verkaufsgewölbe die Schreibstube nebst den Warenbehältern und anderen Dingen, die er zu dem Betriebe seines Geschäftes bedurfte. […] Mein Vater hatte zwei Kinder, mich den erstgeborenen Sohn und eine Tochter, welche zwei Jahre jünger war als ich. Wir hatten in der Wohnung jedes ein Zimmerchen, in welchem wir uns unseren Geschäften, die uns schon in der Kindheit regelmäßig aufgelegt wurden, widmen mußten, und in welchem wir schliefen. Die Mutter sah da nach, und erlaubte uns zuweilen, daß wir in ihrem Wohnzimmer sein und uns mit Spielen ergötzen durften.

Der Ich-Erzähler, Heinrich Drendorf, hat das große Glück, dass sein Vater, ein Wiener Kaufmann, es immerhin zu solchem Wohlstand gebracht hat, dass er selbst keiner Erwerbstätigkeit nachgehen muss, sondern sich seinen zahlreichen Interessen, vornehmlich den Naturwissenschaften, widmen kann. Als Heinrich älter wird, gestattet ihm der Vater sogar, die Sommermonate auf dem Land oder im Gebirge zu verbringen, damit er dort seine geografischen Studien betreiben kann.

Während einer dieser Sommeraufenthalte befürchtet Heinrich, von einem Gewitter überrascht zu werden, und bittet den Besitzer eines schön gelegenen Landhauses, dort das Unwetter abwarten zu dürfen. Diese Bitte wird ihm von dem feinen älteren Mann, der sich später als der Freiherr von Risach entpuppt, gewährt.

Die Männer kommen ins Gespräch, verstehen sich, Heinrich bleibt über Nacht. Und in den folgenden Jahren kehrt er am Ende seiner monatelangen Exkursionen immer wieder für einige Zeit im „Rosenhaus“ ein, in dem das Leben sehr ruhig, sehr ritualisiert und sehr privat vonstattengeht. Der alte Freiherr kann so den Bildungsweg des jungen Heinrich begleiten, fördern und die noch fehlenden Impulse für die Entwicklung des jungen Mannes geben. In ihren zahllosen Gesprächen geht es um das Wesen der Schönheit, das Mittelalter, Griechenland, Kunst, sehr viel Kunst, Schmuck, Hofbewirtschaftung, Antiquitäten, Architektur, griechische Statuen, Gemälde, Bücher, Ordnung und Goethe. Ganz offensichtlich kommt Heinrich aus einer Familie, die dem alten Freiherrn wesensverwandt ist.

Jedes Ding und jeder Mensch, pflegte er [der Vater Heinrichts] zu sagen, könne nur eines sein, dieses aber muß er ganz sein. Dieser Zug strenger Genauigkeit prägte sich uns ein, und ließ uns auf die Befehle der Eltern achten, wenn wir sie auch nicht verstanden. So zum Beispiele durften nicht einmal wir Kinder das Schlafzimmer der Eltern betreten. Eine alte Magd war mit Ordnung und Aufräumen desselben betraut. (S. 9)

Irgendwann lernt Heinrich auch Mathilde, die über alles geschätzte Freundin des Freiherrn, und deren Kinder, Sohn Gustav und die wunderschöne Nathalie, kennen.

Wenn der Roman also nicht wegen seiner Handlung fesselt und auch die fast schon sterilen Charakterzeichnungen sicherlich nicht das sind, was mich an diesem Opus beeindruckt, dann könnte selbst die Sprache, die über weite Strecken so fein und so aus der Zeit gefallen ist, mich nicht über 700 Seiten bei der Stange halten.

Es ist etwas ganz anderes, was hier von Stifter bewunderungswürdig vorgeführt wird.

Der Autor entwirft eine Utopie,  eine idealisierte Welt der Harmonie und Ordnung, in der nicht nur jeder Mensch seinen Platz hat, auch den Gegenständen und wertvollen Kunstobjekten ist ein fester Ort zugeordnet. Kein Buch im Lesezimmer des Rosenhauses darf irgendwo herumliegen, sondern muss nach der Lektüre wieder ins Regal geräumt werden. Die Rosen an der Hauswand, die das Gebäude wie mit einem Teppich überziehen, werden mit Umsicht und viel Arbeit gepflegt. Es gibt ein Zimmer, in dem nur Vogelfutter aufbewahrt wird, damit man die Vögel, die wiederum das Ungeziefer von den Rosen fernhalten sollen, an das Haus und die Örtlichkeit bindet.

Die junge Generation wird nach einem bestimmten Plan erzogen. Gustav, der jüngere Bruder Nathalies und gleichzeitig der Ziehsohn des alten Freiherrn, liest nur, was ihm gestattet wurde, gleichzeitig setzt man das Vertrauen in ihn, dass er die Bände Goethes, für die man ihn noch zu jung erachtet, nicht anfassen wird, obwohl sie ihm frei zugänglich sind. Körperliche Ertüchtigung gehört genau so selbstverständlich dazu wie die sorgfältige Einhaltung der Stunden des Home Schooling und die Auswahl der passenden Bekannten.

Alte Möbel und Gerätschaften, selbst verfallene Kirchen, werden mit viel Liebe und Sachverstand, mit dem man das eigentliche Wesen dieser Dinge wieder sichtbar machen möchte, restauriert. Da kann es dem Leser und der Leserin dann auch schon mal passieren, dass man mehrere Seiten lang ein Möbel oder eine Statue beschrieben bekommt.

In diesem patriarchalisch, manchmal auch ziemlich pedantisch geordneten Privat-Universum, sind auch die Rollen der Geschlechter festgeschrieben. Die Frau bekommt den Bereich der Häuslichkeit zugeschrieben, der Mann geht aktiv in die Welt, in die Politik, in den Krieg, ins Büro. Zwar wird die Frau in ihrem Tun respektiert und geachtet, aber bestimmte Entscheidungen trifft ausschließlich der Mann und entsprechender Respekt vor dem Hausherrn kann in der Ehe nicht schaden. Interessen, die den Rahmen der Häuslichkeit überschreiten, sind für eine Ehefrau dabei weniger wünschenswert. Sie darf sich allerdings herzlich mitfreuen, wenn dem Gatten wieder ein schöner Kunstfund geglückt ist.

Genauso ordnen sich die Dienstboten und die Arbeiter, denen höhere Bestrebungen ja bekanntlich eher fremd sind, gern in dieses System ein und sehen ihren Lebenszweck selbstredend in ihrer Sorge für die Herrschaft. Künstler und kreative Menschen hingegen stehen irgendwo dazwischen und haben einen größeren Freiraum und werden bereits als Individuen wahrgenommen.

Heinrich gleitet wie auf Kufen der sittlichen und ästhetischen Vervollkommnung entgegen, nie ist sein Weg gefährdet, selbst die Annäherung an Nathalie erfolgt unaufgeregt, ja unausweichlich. Möglich ist dies, da Mathilde und der Freiherr von Risach in ihrer Jugend den Leidenschaften und der Unvernunft so viel Raum gelassen haben, dass sie im Grunde heute noch dafür bezahlen und in ihrem Nachsommer, dem eigentlichen Kern des Romans, zwar zu Frieden und Milde gefunden haben, doch vor allem dafür sorgen können, dass die nächste Generation nicht die gleichen Fehler macht.

Spät im Roman erzählt der alte Risach dem jungen Heinrich seine Lebensgeschichte. Interessanterweise ist die viel lebendiger, wirkt viel menschlicher, da Stifter hier noch Menschen aus Fleisch und Blut hat aufeinandertreffen lassen. Während die Szenen zwischen Heinrich und Nathalie manchmal unfreiwillig komisch sind, da körperliche Anziehungskraft kein Thema sein durfte. Nathalie ist ein Engel, der so rein und so überirdisch schön ist, dass sie vor lauter Holdseligkeit kaum etwas sagen kann.

Überhaupt werden in diesem Roman nur feine und sehr tiefsinnige Gespräche geführt, einen Alltag mag man sich da gar nicht recht vorstellen.

Dennoch: Hebbel hatte unrecht. Das Buch ist etwas ganz Eigenes, ganz Besonderes. Diese Utopie hat so offensichtlich einen doppelten Boden, man glaubt ihr nicht und doch ist absolut faszinierend, wie Stifter sich die ideale Erziehung zum humanen Menschen, den Umgang der Menschen untereinander und die Überbrückung der Klassenschranken dachte, wie hier jemand einer ganzen Welt eine Ordnung, einen Sinn einschreiben wollte, dass man sich sogar bei dem Wunsch ertappt, es wäre das ein oder andere davon in Erfüllung gegangen.

Auch das überstrapazierte Modewort der Achtsamkeit: In dieser Welt wird es von den Protagonisten gelebt. Man geht achtsam mit Büchern und Kunstgegenständen um. Man geht achtsam mit den zur Verfügung stehenden Stunden des Tages und mit dem anvertrauten Reichtum um. Man prasst nicht (ganz im Gegensatz zu Stifter) und stellt nichts zur Schau. Man redet, man schweigt, man lässt dem anderen seinen Raum. Letztlich erstreckt sich diese Art der Weltaneignung auch auf einen nachhaltigen Umgang mit der Natur. Und der alte Gärtner ist glücklich, als er einen übergroßen Kaktus, der bei den Nachbarn nicht gewürdigt wurde und schon ganz schief und krumm zu werden drohte, in seine Obhut nehmen und der Pflanze nun die Bedingungen bieten kann, die sie für ein ungehindertes Gedeihen benötigt.

Selbstredend werden in dieser idealen Welt entsprechende finanzielle Ressourcen und die frei verfügbare Zeit vorausgesetzt, sodass man sich ausschließlich den individuellen Interessen und Liebhabereien widmen kann. Etwas, das Stifter fast sein ganzes Leben lang versagt blieb.

Und all denen, die Bildung nur unter dem Aspekt der wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Verwertbarkeit sehen, wird gesagt:

Gegen diesen Einwurf sagte mein Vater, der Mensch sei nicht zuerst der menschlichen Gesellschaft wegen da sondern seiner selbst willen. Und wenn jeder seiner selbst willen auf die beste Art da sei, so sei er es auch für die menschliche Gesellschaft. Wen Gott zum besten Maler auf dieser Welt geschaffen hätte, der würde der Menschheit einen schlechten Dienst tun, wenn er etwa ein Gerichtsmann werden wollte: wenn er der größte Maler wird, so tut er auch der Welt den größten Dienst, wozu ihn Gott erschaffen hat. Dies zeige sich immer durch einen innern Drang an, der einen zu einem Dinge führt, und dem man folgen soll. […] Gott lenkt es schon so, daß die Gaben gehörig verteilt sind, so daß jede Arbeit getan wird, die auf der Erde zu tun ist, und daß nicht eine Zeit eintritt, in der alle Menschen Baumeister sind. (S. 15)

Im Anschluss sollte man dann noch gleich die Biografie von Wolfgang Matz lesen. Wie Stifter, dessen Verdrängungen, Selbsttäuschungen und unerfüllte Sehnsüchte sich im Nachsommer wie