Fundstück von Kurt Marti

Schon 1979  schrieb Kurt Marti in Zärtlichkeit und Schmerz:

Wo jeder seine Adresse hat: einer, der keine zu nennen weiß. Zufällig taucht er auf, beliebig verschwindet er wieder, erreichbar nirgends. Ein Luxus, den er sich nicht lange wird leisten können. Auf Dauer unerreichbar zu bleiben ist nicht erlaubt. Hauptgebot heutiger Ethik, so selbstverständlich, daß es weder reflektiert noch diskutiert zu werden braucht: du sollst immer erreichbar sein. (S. 41)

 

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Herrad Schenk: Das Haus, das Glück und der Tod (1998)

Die Nacht hier ist so dunkel, wie sich das wohl niemand von den Freunden in der Stadt vorstellen kann. […] Ich verschließe für die Nacht die Kellertür und die Tür zur Brennkammer, das ist ein Abendritual noch aus guten Zeiten, und sehe zum Mond auf. […] Um mich herum ist eine große gesammelte Stille, in der sogar der Wind den Atem anhält. Die Schleiereule kommt erst später, zwischen Mitternacht und drei Uhr morgens – und da fällt mir auf, daß ich sie schon einige Zeit nicht mehr gehört habe. Es mag daran liegen, daß ich jetzt wieder besser schlafe, aber vielleicht hat sie auch den Winter nicht überlebt.

So klingen bereits auf den ersten zwei Seiten des Romans, den die Sozialwissenschaftlerin und Autorin auf ihrer Homepage einen autobiografischen Bericht nennt, die Bestandteile des Titels an. Es geht um ein Jahrhunderte altes, unter Denkmalschutz stehendes Haus in Pfaffenweiler, das die Ich-Erzählerin zusammen mit ihrem Mann gekauft und renoviert hat.

Es geht um das Glück einer Jahrzehnte dauernden Beziehung, das mit dem Einzug in das alte Haus noch einmal vertieft und besonders genossen wird.

Und um den Tod, denn der geliebte Mann, der im Buch immer nur W. genannt wird, stirbt schon zwei Jahre später an plötzlichem Herzversagen.

Das wird nicht streng chronologisch erzählt, stattdessen springen wir mit der Erzählerin vor und zurück, blicken auf die kleineren und größeren Katastrophen, die sich ergeben, wenn man arg- und ahnungslos beschließt, mit eher begrenzten finanziellen Mitteln einen renovierungsbedürften Hof zu erwerben, bei dem man sich noch mit einem ungeeigneten Architekten herumärgern muss und mehr als einmal vor dem finanziellen Kollaps steht.

Im Frühsommer begannen wir schlecht zu schlafen, wälzten uns nebeneinander im Bett und lagen stundenlang grübelnd wach. Da war der Bauantrag, der zwischen dem Denkmalamt und dem Landratsamt hin und her wanderte und bei jeder Nachfrage an einer neuen Behördenklippe hing. Herr X. war in Urlaub, Frau Y. konnte ohne Herrn Z. nichts unternehmen, der aber auf unbestimmte Zeit krank war, und die Vertretung, Frau A., kannte sich mit dem Computer nicht aus, stellte aber nach geraumer Zeit mit Hilfe von Frau B. fest, daß da ja überhaupt noch ein entscheidender Zusatzplan in unseren Antragsunterlagen fehlte. Den sollten wir erst einmal nachliefern, und dann würde man weitersehen. (S. 34)

Und da schimmert auch eine große Liebe und Wertschätzung zu diesem alten, geschichtssatten Haus durch, das nach und nach seine rauhe Schönheit entfalten kann. Durch die Geschichten über die ehemaligen Bewohner und die Funde, die man bei der Renovierung macht – seien es kleine Apotheker-Glasfläschen, Grabsteine oder altes Kochgeschirr – ist  das Haus im Ort verwurzelt und gibt den neuen Bewohnern einen Halt und eine Geborgenheit, wie das moderne Häuser wohl nur schwerlich vermögen.

Dazwischen gibt es immer wieder Passagen über die Trauer, die ersten Monate nach dem Tod des Mannes; all die unterschiedlichsten Phasen und Gefühle, die die Trauernde durchlebt, sind anrührend und nachvollziehbar beschrieben.

Wenige Wochen nach W.’s Tod beende ich einen Spaziergang beim Friedhof. Ein sonniger Vorfrühlingstag geht zu Ende, ich habe unterwegs geweint, ich bücke mich am Grab über Unkraut, das nicht da ist, damit man meine Augen nicht sehen kann. Meistens gehe ich ganz früh oder ganz spät, wenn sonst niemand da ist, und ich hatte auch jetzt gehofft, daß ich allein dort sein würde im letzten Licht des Abends. Aber das Wetter hat noch andere Gestalten herausgelockt. Zwischen Tränenschleiern  nehme ich im weiteren Umkreis drei Frauen und einen Mann wahr, alle alt, alle über siebzig, registriere ich plötzlich, und ich denke erschauernd: Das hier ist nicht wirklich. Es kann gar nicht sein, daß ich hier stehe, und mein Liebstes liegt unter diesem Erdhaufen. Ich kann doch nicht mit einem Schlage so alt sein wie diese da und mein Leben ist vorbei; das geschieht nicht in Wirklichkeit, es ist nur eine alptraumhafte Vision von dem, was irgendwann einmal sein wird. – Aber ich stand hier und es war jetzt. (S. 46)

Und da hinein verwoben die Erinnerungen an die anstrengende Zeit der Renovierung und an das Glück, das das Paar in den letzten zwei Jahren erlebt hat. Untermalt von Festen, Besuchen von Familie und Freunden sowie Spaziergängen und Wanderungen in der schönen Landschaft. Dadurch wird das Buch geerdet, die Ich-Erzählerin gönnt uns auch helle und fröhliche Passagen, da wird auch mal geschimpft, genossen, gearbeitet und es geht handfest zur Sache.

Meine beiden Legehennen sind Italienerinnen […] Erdmuthe ist die Chefin, resolut und bodenständig; Bilhildis dagegen ist ein romantisches Huhn. Am Anfang schien mir, sie werde eher Gedichte schreiben als Eier legen; denn sie wanderte oft noch in der Dämmerung allein durch den Regen, wenn die anderen sich schon zu einem großen plustrig-warmen Federhaufen auf der Stallfensterbank lagerten… (S. 78)

Selten ein so kluges und schönes Buch über die Liebe und über das Trauern gelesen. Und tröstlich ist es auch, aber das nicht billig und wohlfeil, sondern eher in der emphatischen Erkenntnis, dass man nach dem Tod des geliebten Menschen ein anderer sein wird, dass eine Veränderung stattfinden wird, auf die man überhaupt nicht vorbereitet ist, die wie eine Naturkatastrophe über einen hereinbricht und die einen ganz und gar überfordert, die aber der Ich-Erzählerin letztlich doch möglich ist.

Und so ist alles gleichzeitig gegenwärtig: der Schmerz, der Tod, das Haus und das Glück.

Nur mit dem Schutzumschlag des Buches aus dem Jahr 1998 habe ich gehadert. Aber das wäre dann wieder eine andere Geschichte.

Fazit: Sehr gerne gelesen.

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Petra Hofmann: Nie mehr Frühling (2015)

„Was es bedeutete, dass einer tot war, verstand eigentlich niemand jemals.“

Dieses Zitat aus Laura Freudenthalers Buch Die Königin schweigt ist eine passende Überleitung zu Nie wieder Frühling von Petra Hofmann, dem Buch, das uns ebenfalls das Leben einer einfachen Frau erzählt. Erschienen ist es im Picus Verlag Wien.

Und doch wie ganz anders. Wuchtig und beeindruckend.

Bereits im ersten Kapitel, das alles andere als nett und gefällig daherkommt, lesen wir vom Tod einer 87-jährigen, abgemagerten und ungepflegten Frau. Ihr Sohn findet sie in ihrem verwahrlosten Haus, er ist auf der einen Seite erleichtert und gleichzeitig scheint eine uralte Last auf ihm zu liegen.

Danach wird die Geschichte dieser Hermine Stoll chronologisch erzählt. Geboren 1910 irgendwo in einem Dorf, das sie ihr Leben lang nie verlassen wird. Sie ist ein Wildfang, der sich nichts sagen lässt. Irgendwann heiratet Hermine ihre große Liebe, den Kommunisten Karl, verspricht ihm Treue „bis in den Tod und darüber hinaus“ (S. 25) und bekommt mit ihm zwei Söhne.

Als die ersten Nazis durchs Dorf marschieren, schüttet Hermine ihren Nachttopf über den Männern aus. Sie macht von Anfang an keinen Hehl aus ihrer Ablehnung gegen die braunen Horden, was ihr diverse Drohungen des Bürgermeisters einbringt. Und ihr Sohn Dieter fragt sich, warum sich sein Freund Aaron nicht von ihm verabschiedet hat, bevor er so plötzlich nach irgendwohin gereist ist.

Nach Kriegsbeginn wird auch Karl einberufen. Er wird nicht zurückkehren, etwas, das Hermine niemals anerkennen wird. Sie wird ihr Leben lang auf ihn warten.

Ich will nicht tanzen, sagt Hermine, ich will auch nicht lachen. Alles, was ich will, ist der Karl. Davon, dass er fort ist, tut mir alles weh. Am ganzen Körper tut es mir weh, auf der Haut und bis in die Seele hinein. (S. 141)

Ihre Weigerung, das Schicksal zu „akzeptieren“, wird auf Kosten ihrer Söhne Paul und Dieter gehen, für die sie nicht mehr kochen wird und die für ihr weiteres Leben von dieser Verwahrlosung in der Kindheit und der daraus resultierenden Ablehnung des Dorfes gezeichnet bleiben werden.

Mit offenen Augen lag er da bis es grau wurde hinter den Gardinen und dabei kamen diese Gedanken wieder wie böse Geister, sie schlichen sich ein und setzten sich fest in ihm, und er musste all den Unsinn denken, ob er wollte oder nicht. Dass im Leben gar nichts sicher ist, dachte er, dass der Boden, auf dem man geht, immer rutschig ist, als schüttete jemand unentwegt Seifenwasser aus, dass man ausrutschen kann, fallen, und dann nicht mehr auf die Beine kommt. Und dass man alles verlieren kann, jederzeit, von jetzt auf nachher. Und dass man sich nicht ausruhen kann, sich nicht verlassen, auf nichts und niemanden. Dass man beständig auf der Hut sein muss. Dass jederzeit ein Unglück geschehen kann, aber vor allem nachts und im Morgengrauen, wenn es still ist, und danach ist nichts mehr wie zuvor. Und das lässt sich dann nicht rückgängig machen, das ändert sich nie mehr.

So geht das in seinem Kopf, immer im Kreis herum, und hört erst auf, wenn endlich der Tag beginnt, und manchmal auch dann nicht. (S. 204)

Hermine gerät durch ihre Weigerung, sich den Konventionen zu fügen, allmählich in die Rolle einer asozialen Außenseiterin und sie wird, man kann es nicht anders sagen, zu einer bösartigen alten Frau, die sich, ihren Söhnen und sogar ihrer Schwester alles Schöne versagen möchte, solange ihr Mann nicht zurückgekehrt ist.

Das Buch wartet mit einer der widerlichsten Nazi-Figuren auf, die mir seit langem begegnet sind. So lebensecht, dass man sich schütteln möchte.

Doch es waren vor allem zwei Dinge, die mich besonders an diesem Buch fasziniert haben. Das eine ist die die Auseinandersetzung mit dem Tod. Hermine ist gnadenlos konsequent, wenn sie wie eine Fackel gegen den Tod protestiert. Sie versagt sich sogar das Schlafen im Ehebett und liegt stattdessen auf einem Strohsack in der Küche, solange ihr Mann nicht bei ihr ist.

Doch ihr Protest gegen die Ungeheuerlichkeit des Todes läuft ins Leere. Sie trifft nur sich selbst und ihre Kinder damit. Und ausnahmsweise hat es mich hier gar nicht gestört, dass wir nur sehr geringen Einblick in ihre Gedanken bekommen. Das war eindeutig nicht dem Unvermögen der Autorin geschuldet, sondern funktioniert im Gesamtaufbau des Romans, sodass ich das Interesse an Hermine nie verloren habe.

Nachdem er seine Mutter tot aufgefunden hat, kommt ihr Sohn Paul zu folgendem Fazit:

Was sind nicht schon alles für Geschichten erzählt worden über die Mutter! Jeder hat sie mit seinen Augen betrachtet und jeder hat es besser gewusst. Und dabei wohl auch seinen Stab gebrochen über sie, über ihr Leben. Aber das, denkt Paul, steht euch nicht zu, niemandem steht das zu. Ein Leben ist ein Leben, und es gilt. Das ist alles. Da gibt es nichts zu befinden, es gibt gefälligst nichts zu befinden. (S. 13/14)

Der zweite Aspekt, der hier so gelungen ist, ist die Art und Weise, wie das Umfeld mit hinein in die Handlung genommen wird. Wie ein Chor kommentieren die Dorfbewohner, vor allem die Frauen, das Tagesgeschehen; wir hören die Gespräche im Dorfladen oder bei der Bäckerin. Und dabei gelingt es der Autorin, verschiedenste Menschen und Charaktere in ihrer Großzügigkeit und ihrer Niedertracht auf knappstem Raum zu veranschaulichen.

Die eine Frau mahnt zur Vorsicht bei dem, was man nun öffentlich über den Nationalsozialismus sagt; die andere Nachbarin ist beglückt angesichts der marschierenden Kolonnen, die dritte hat einen Horizont, der nur bis zum Gartenzaun reicht. Auch Hermine ist immer wieder Gesprächsthema in diesen Runden. Es ist vielsagend, wie sich auch da die Meinungen im Laufe der Jahrzehnte verändern.

Das einzige, was man vielleicht doch etwas hätte reduzieren können, sind die Wendungen „er denkt“, „er sagt“ oder „sie denkt“.

Das Zitat aus dem Interview mit der Autorin auf Das Debüt zeigt den hohen Anspruch, den Hofmann an Literatur stellt. Und was soll ich sagen? Mit ihrem Buch löst sie ihn ein.

Grundsätzlich wünsche ich mir vermehrt Bücher, die etwas Eigentliches zu sagen haben und zwar mit einer gewissen Dringlichkeit. Die Texte sollten einen deutlich spürbaren glühenden Kern haben, der den Leser und die Leserin erreicht.

Und das sagen andere:

 

Laura Freudenthaler: Die Königin schweigt (2017)

Interessanterweise beschäftigen sich gleich zwei der Bücher, die ich in den letzten Wochen gelesen habe, mit dem Leben einer einfachen Frau im letzten Jahrhundert, quasi die weiblichen Pendants zu Ein ganzes Leben von Robert Seethaler.

Als erstes las ich Die Königin schweigt (2017) von Laura Freudenthaler, erschienen im Grazer Literaturverlag Droschl.

Die 1984 geborene österreichische Autorin hat für ihren ersten Roman viel Anerkennung bekommen. Und doch muss ich sagen, dass mich das Buch seltsam unbeeindruckt gelassen hat. Schön, wenn es in einem Werk Leerstellen gibt, die Leserin oder der Leser Raum hat, selbst zu überlegen, zwischen den Zeilen zu lesen. Doch hier war mir das alles zu viel.

Die Königin des Titels ist inzwischen eine alte Frau, die sich assoziativ, in Träumen und manchmal angeregt durch die Fragen der Enkelin, an ihr Leben erinnert, das in einem österreichischen Bergdorf begonnen hat und durch viele Verluste geprägt wurde.

Vom Vater hat sie die „Haltung“, den Stolz übernommen, d. h. nie zu viel von dem preiszugeben, was einen wirklich beschäftigt und umtreibt. Im Krieg fällt der Bruder. Doch ansonsten werden Krieg oder die Zeit des Nationalsozialismus nicht weiter thematisiert. Der Krieg kommt sozusagen wie eine unabwendbare Naturkatastrophe, bei der man ja auch keine moralischen Kriterien anlegt oder die Frage nach dem Warum und Wozu stellt.

Die attraktive Frau heiratet den Schulmeister, ist fortan die anerkannte und tüchtige „Schulmeisterin“ des Dorfes, bekommt einen Sohn und wird in ihrem weiteren Leben immer wieder ihr nahe stehende Menschen verlieren. Für meinen Geschmack waren das dann doch ein paar zu viele. Wer verliert denn gleich drei Partner hintereinander?

Und dass sie nie gelernt hat, über bestimmte Dinge zu sprechen oder sich erst gar nicht auf wahre Nähe einlässt, weil sonst Gevatter Tod sowieso nur zuschlagen würde, macht ihr Leben recht trostlos. Passend dazu das Cover, das mich in seiner Verschwommenheit beinahe vom Kauf abgehalten hätte.

Spätere Verhaltensweisen, wie z. B. die Weigerung, ihr Heimatdorf noch einmal zu besuchen, finde ich zunehmend bizarr und nicht nachvollziehbar.

Ich könnte mir Erklärungen für das Verhalten der Frau überlegen und doch zucke ich nur die Achseln und bin selbst ein bisschen verwundert, wie rasch ich so vieles aus dem Roman schon wieder vergessen habe. Oder war es einfach das falsche Buch zur falschen Stunde?

Andere konnten dem Buch nämlich wesentlich mehr abgewinnen:

 

 

 

Paulette Jiles: News of the World (2016)

Wichita Falls, Texas, Winter 1870

Captain Kidd laid out the Boston Morning Journal on the lectern and began to read from the article on the Fifteenth Amendment. He had been born in 1798 and the third war of his lifetime had ended five years ago and he hoped never to see another but now the news of the world aged him more than time itself. Still he stayed his rounds, even during the cold spring rains. He had  been at one time a printer but the war had taken his press and everything else, the economy of the Confederacy had fallen apart even before the surrender and so he now made his living in this drifting from one town to another in North Texas with his newspapers and journals in a waterproof portfolio and his coat collar turned up against the weather.

So lernen wir gleich mit den ersten Zeilen eine der zwei Hauptfiguren im neuesten Roman der bekannten kanadischen Autorin Paulette Jiles (*1943) kennen.

Captain Jefferson Kyle Kidd, rüstig, Anfang siebzig, verdient fünf Jahre nach Beendigung des Sezessionskrieges seinen Lebensunterhalt also damit, in kleinen Dörfern und abgelegenen Städtchen des nördlichen Texas den Menschen Nachrichten und Geschichten aus verschiedensten Zeitungen, die zum Teil sogar aus London kommen, vorzulesen.

Er hat bei seinen Lesungen auch den Wunsch, dass die Menschen wenigstens für einen Abend aus ihrem Alltag ausscheren und es genießen, aus der großen weiten Welt exotische, witzige oder wissenschaftliche Neuigkeiten auf sich wirken zu lassen.

He began to read to his audiences of far places and strange climates. Of the Esquimaux in their seal furs, the explorations of Sir John Franklin, shipwrecks on deserted isles, the long-limbed folk of the Australian Outback who were dark as mahagony and yet had blond hair and made strange music which the writer said was indescribable and which Captain Kidd longed to hear. (S. 201-202)

Das gelingt mal mehr, mal weniger gut. Schon der erste Satz des Romans zeigt, dass die Stimmung oft explosiv ist, denn im 15. Zusatzartikel zur Verfassung aus dem Frühjahr 1870, den Captain Kidd da vorliest, geht es um das Wahlrecht, das nun auch Farbigen und ehemaligen Sklaven nicht länger vorenthalten werden dürfe. Und so wollen manche die Lesungen in diesen unruhigen und unsicheren Zeiten nur als Anlass nehmen, den politischen Gegner an diesem Abend zu verprügeln.

Und geradezu bizarr wird es, wenn er einen Ort ganz auslassen muss, weil ihm gerade noch rechtzeitig zugetragen wird, dass die Brüder einer Familie, die nicht unbedingt zu den hellsten Kerzen auf der Torte gehören, ihm alles kurz und klein schlagen würden, wenn sie merken, dass sie selbst gar nicht in der Zeitung vorkommen.

Aus diesem etwas eintönigen und vielleicht auch einsamen Dahintreiben reißt ihn jedoch die Bitte seines Freundes, des Schwarzen Britt Johnson. Er hat es geschafft, ein weißes Mädchen, das vor vier Jahren von Kiowa-Indianern entführt worden war, aus dem Indianergebiet herauszuholen. Aber auch nur deshalb, weil die Indianer auf die Drohung reagiert haben, dass man ihnen die Kavallerie auf den Hals hetzen würde, wenn sie nicht endlich ihre weißen Gefangenen ausliefern.

Die Verwandten des Mädchens – die Familie selbst war damals bei dem Indianer-Überfall getötet worden – haben dafür bezahlt, dass jemand die kleine Johanna, inzwischen 10 Jahre alt, zu ihnen zurückbringt. Doch Britt würde nur Schererereien bekommen, würde er als Schwarzer ein weißes Mädchen bei sich haben, außerdem könnte er ohnehin nicht so lange sein Geschäft im Stich lassen, also bittet er Captain Kidd, das Mädchen zu ihren 400 Meilen entfernt lebenden Verwandten in der Nähe von San Antonio zu bringen.

She sat perfectly composed, wearing the feather and a necklace of glass beads as if they were costly adornments. Her eyes were blue and her skin that odd bright colour that occurs when fair skin has been burned and weathered by the sun. She had no more expression than an egg. (S. 4)

Captain Kidd, ein aufrechter Ehrenmann, lässt sich auf das Unterfangen ein, wobei ihm schnell klar wird, dass seine Schutzbefohlene nun zum zweiten Mal ihre Familie verloren hat. Johanna war nach ihrer Entführung von einem indianischen Paar adoptiert worden und hat in den vier Jahren nicht nur die englische Sprache verlernt, sondern auch die Denkweisen der Weißen. Besitz um des Besitzes willen ist lächerlich, Tiere sind zum Essen da und gehören, außer den Pferden, allen gemeinsam, man isst mit den Händen und zur Körperpflege geht man nackt in den Fluss.

The greatest pride of the Kiowa was to do without, to make use of anything at hand; they were almost vain of their ability to go without water, food, and shelter. Life was not safe and nothing could make it so, neither fashionable dresses nor bank accounts. The baseline of human life was courage. (S. 201)

Und so brauchen selbst die Huren in Wichita Falls, die nicht so zimperlich wie die anständigen Damen sind, zwei Stunden, um das Mädchen zu baden, die Läuse zu entfernen und es in neue Kleider zu zwingen.

Captain Kidd was a man old not only in years but in wars. He smiled at her at last and took out his pipe. More than ever knowing in his fragile bones that it was the duty of men who aspired to the condition of humanity to protect children and kill for them if necessary. It comes to a person most clearly when he has daughters. He had thought he was done raising daughters. As for protecting this feral child he was all for it in principle but wished he could find somebody else to do it. (S. 38)

Die Kommunikation ist also mehr als schwierig und die gegenseitige Annäherung erfolgt in kleinen Schritten und eher zwangsweise, weil man aufeinander angewiesen ist und sich sogar kaltblütiger Verbrecher erwehren muss.

Und immer mehr merkt Captain Kidd, dass es ihm schwer fallen wird, Johanna am Ende der Reise ihren Verwandten zu überlassen. Wie soll Johanna verstehen, wieso Captain Kidd, der jetzt ihre einzige Bezugsperson ist, sie im Stich lassen kann? Und werden Tante und Onkel begreifen, wie sehr die vier Jahre bei den Kiowa das Mädchen für immer verändert haben?

Captain Kidd weiß, dass viele der geraubten weißen Kinder, wenn man sie nach Jahren zurück in die weiße Gesellschaft holte, für immer heimatlos waren und einige von ihnen nur danach verlangten, zu ihren indianischen Familien zurückkehren zu dürfen. Sehr zum Unverständnis und Unwillen der Ursprungsfamilien, die immer ganz selbstverständlich von der Überlegenheit der weißen Zivilisation ausgingen und die nie begreifen konnten, weshalb Kinder, deren Eltern und Geschwister zum Teil auf fürchterlichste Art und Weise von den Indianern umgebracht worden waren, dennoch so enge Bindungen zu ihren Entführern aufbauen konnten, sodass der Weg zurück in die weiße Herkunftsfamilie kaum noch möglich war.

Die Geschichte ist mit Witz und Tempo, Wärme und Menschlichkeit geschrieben, auch wenn mir gegen Ende vielleicht ein Hauch zu viel Süßlichkeit aufgelegt wurde. Aber alles in allem ein sehr unterhaltsamer und zum Teil poetischer Abenteuerroman, der nicht nur die Orte, die Landschaft und das Wetter wunderbar miteinbezieht, sondern außerdem die Frage danach verhandelt, mit welchem Recht man eigentlich die eigene Kultur immer als die überlegene ansieht.

Maybe life is just carrying news. Surviving to carry the news. Maybe we have just one message, and it is delivered to us when we are born and we are never sure what it says; it may have nothing to do with us personally but it must be carried by hand through a life, all the way, and at the end handed over, sealed. (S. 121)

Dem Fazit von kann ich nur zustimmen:

So begins a remarkable journey, one that involves the elements of a Western – danger and adventure on the trail – with the finer points of a story crafted by an award-winning poet. It brims with pathos, humor and compassion translated into wonderful language and transcends into literary historic fiction with a soul.

Darüber hinaus weckt das Buch Interesse, dem Schicksal der geraubten Kinder noch weiter nachzugehen.

Da könnte man beispielsweise hier ansetzen:

  • Zu: Cynthia Ann Parker (deutschsprachige Wikipedia)
  • Zu: Hermann Lehmann (deutschsprachige Wikipedia)
  • Zu: Josephine Meeker (englischsprachige Wikipedia)
  • Blogbeitrag auf We’re all Relative: The Puzzling “White Indians” Who Loved Their Abductors.
  • Oliver Tree: How Cynthia Ann became The Found One: Extraordinary story of abducted Texan girl who became a devoted Comanche Indian… and gave birth to their last commander (2011)
  • Beitrag auf Indian Country Today : Native History: White Child Abducted by Delaware Embraced Native Life

Eine Besprechung des Buches, das 2016 auch auf der Shortlist des National Book Award stand, findet sich u. a. in The New York Times.

Und hier gibt es ein Interview mit der Autorin.

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