Jens Rehn: Nichts in Sicht (1954)

Die Dünung war vollständig eingeschlafen. Die Sonne brannte auf die reglose See. Über dem Horizont lag leichter Dunst. Das Schlauchboot trieb nur unmerklich. Der Einarmige beobachtete unablässig die Kimm. Der Andere schlief. Es war nichts in Sicht.

So beginnt der Roman des ehemaligen U-Boot-Kommandeurs und späteren Literatur-Redakteurs Jens Rehn (1918 – 1983). Das Buch erschien 1954 und wurde 1978, 1993, 2003 und dann noch einmal 2018 vom Schöffling & Co. Verlag veröffentlicht.

Ein Schlauchboot ist etwa 2,5 m lang und 1,5 m breit. Der Mittelatlantik ist im Verhältnis hierzu so groß, daß seine genauen Maße keine Rolle spielen. Wenn ein Schlauchboot allein im Mittelatlantik treibt, ist es gleichgültig, ob es im Frieden oder im Kriege dort driftet. Es ist auch unerheblich, welcher Nationalität zwei Menschen angehören, wenn sie allein im Mittelatlantik treiben und verdursten werden, wenn man sie nicht rechtzeitig findet. Die Sonne ist uninteressiert daran, ob der Einarmige ein Amerikaner, der Andere ein Deutscher ist, und ob beide im Jahre 1943 im Mittelatlantik auf einem Schlauchboot hocken. Die Sonne strahlt nur ihre Wärmeenergie ab, steigt auf, kulminiert und versinkt wieder. Die See zeigt sich unbewegt und ohne Anteilnahme, wer auf ihr herumtreibt. Der Mittelatlantik bleibt groß, und das Schlauchboot bleibt klein. Die Grenzen verschieben sich niemals. (S. 9)

In diesen wenigen Sätzen ist der Inhalt des Romans auf den Punkt gebracht, der auf eigenen Erfahrungen des Autors und auf Erzählungen von Kriegsgefangenen  beruht.

Ein deutscher U-Boot-Matrose und ein amerikanischer Pilot – nur benannt als der Andere und der Einarmige und eigentlich ja verfeindet – finden sich also nach einem Angriff gemeinsam auf einem Schlauchboot, geben sich Halt, so gut es geht, und teilen die letzten spärlichen Schokolade-, Whisky- und Zigarettenvorräte. Trinkwasser ist keines an Bord. Der Amerikaner stirbt kurze Zeit später an seiner Wunde, der Deutsche hatte ihm notgedrungen den Arm amputieren müssen. Der Andere wartet weiter auf Rettung, schaut nachts in den wunderschönen Sternenhimmel und wird tagsüber von einer gleichgültigen Sonne verbrannt. Der Mann spürt den allmählichen Verfall seines Körpers und sinniert über sein Leben, die Sinnlosigkeit allen Tuns und beschimpft Gott, an den er nicht glaubt. Der Titel des Buchs Nichts in Sicht ist gleichzeitig das Credo des Matrosen.

Du weißt immer erst etwas, wenn du keine Zeit mehr hast. (S. 36)

Ursula März erinnert in ihrem Nachwort in der Ausgabe von 2018 zu Recht daran, dass sich Rehns Buch in gedanklicher und zeitlicher Nähe zu Warten auf Godot (1952) und Hemingways Der alte Mann und das Meer (1952) befindet. Zunächst von Kollegen wie Siegfried Lenz und Gottfried Benn und Kritikern wie Reich-Ranicki gelobt, fiel das Werk trotz mehrerer Neuveröffentlichungen der Vergessenheit anheim.

Sie interpretiert das Werk als „eine Parabel über die metaphysische Verlorenheit des Menschen und sein vergebliches Warten auf eine Antwort des Großen“, wie er im Roman genannt wird. (S. 165)

Gleichzeitig wies März schon 2003 in ihrer Besprechung in der Frankfurter Rundschau darauf hin, dass es da ja eine Erzählinstanz geben müsse.

Der Gott, der sich von den sterbenden Soldaten so grausam abwendet und nicht daran denkt, ihnen zu helfen, tritt zugleich als Berichterstatter ihres einsamen Sterbens auf. Denn wer sollte, nachdem beide Soldaten tot sind, davon berichten können, wenn nicht „der Große“ in Gestalt der Sonne? Es ist kaum eine literarische Erzählung denkbar, die die Widersprüche des modernen Gottesdiskurses schärfer und anschaulicher darstellte.

Das Fehlen jeglicher Kriegsanekdoten in den Gesprächen der beiden Männer vermittele die Botschaft:

Das Einzige, was sich vom Krieg zu erzählen lohnt, ist das Sterben des einzelnen Menschen. Kompromissloser lässt sich die Sinnlosigkeit des Krieges kaum vermitteln. (S. 167)

und

Die Meisterschaft dieses schmalen Buches aber liegt in der Ausweitung einer historischen Begebenheit zur Universalmetapher der Todesverlassenheit. (S. 168)

Mein eigenes Fazit fällt gemischter aus. Auf der einen Seite ist es wirklich ein ungewöhnliches Buch, radikal, an manchen Stellen zwingend, unpathetisch, kühl sezierend. Und sicherlich die Frage aufwerfend, was den verzweifelten Menschen durch den Kopf gehen mag, die heute auf anderen Schlauchbooten auf lebensgefährlicher Fahrt das Mittelmeer zu überqueren versuchen.

Gleichzeitig brachten die Wiederholungen irgendwann keinen Erkenntnisgewinn mehr, und viele Passagen fand ich hölzern. Das Buch fing an, sich wie das Schlauchboot nur noch auf der Stelle zu bewegen. Ich ertappte mich dabei querzulesen.

Und an einer Stelle muss ich der bissigen Kritik von Hermann Kurzke aus der Frankfurter Allgemeinen Zeitung von 2004 recht geben. Die beiden Männer im Schlauchboot reden über alles Mögliche, aber an keiner Stelle über Hitler und all die gesellschaftlichen Ursachen, die sie überhaupt erst in diese Lage gebracht haben. Das wäre dann nicht mehr so schön existenzialistisch:

So spiegelt die Erzählung die ganze Hilflosigkeit der fünfziger Jahre wider, die an der Ursachenanalyse scheitert und sich statt dessen gläubig in die düstere Toga des Nihilismus hüllt.

Ein jeder tot, tot oder noch lebend, trieb in seiner kleinen Einsamkeit und wußte nur sich selber. (S. 134)

Und hier noch die Besprechung aus dem Spiegel (1955).

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Fundstück von J. Jefferson Farjeon

Der Krimi Seven Dead von Joseph Jefferson Farjeon, erschienen 1939 und 2017 in der Reihe der British Library Crime Classics neu aufgelegt, macht einfach Spaß.  Schon mit den ersten Sätzen hatte mich der Autor am Haken:

This is not Ted Lyte’s story. He merely had the excessive misfortune to come into it, and to remain in it longer than he wanted. Had he adopted Cardinal Wolsey’s advice and flung away ambition, continuing his illegal acts to the petty pilfering and pickpocketing at which he was fairly expert, he would have spared himself on this historic Saturday morning the most horrible moment of his life. The moment was so horrible that it deprived him temporarily of his senses. But he was not a prophet; all he could predict of the future was the next instant, and that often wrongly; and the open gate, with the glimpse beyond of the shuttered window tempted him.

Leider hat die Logik des Plots fußballfeldgroße Löcher, doch da der Autor schreiben konnte, die Dialoge vergnüglich und die Charaktere nett ausgearbeitet sind, bleibt man als Leser dabei, ohne sich allzu sehr zu grämen, wie abgrundtief hanebüchen die Auflösung ist.

 

Mohamed El Bachiri: A Jihad for Love (2017)

Mohamed El Bachiris Vater wanderte als marokkanischer Gastarbeiter in den sechziger Jahren nach Belgien ein. Von Anfang an hat die Familie in Brüssel im heute berüchtigten Stadtteil Molenbeek gelebt.

Im März 2016  verlor El Bachiri (*1981) seine Frau Loubna bei einem Terroranschlag des IS in Brüssel. Seine Frau starb durch eine Bombe in der U-Bahn und  war eines der 35 Opfer. Mehr als 300 Menschen wurden verletzt.

Besonders bitter: Auch der Attentäter war ein in Belgien geborener Marokkaner.

Auf 92 großzügig gesetzten Seiten nähert sich der Autor in kurzen, manchmal lyrischen Texten seiner Biografie, seiner Ehe, seinen Erfahrungen mit Rassismus und seinem Glauben und diesem Unfassbaren, der Trauer, der Aufgabe, nun allein drei Söhne großziehen zu müssen, und der Frage, was die angemessene Haltung sein kann. Rache? Hass? Vergeltung? Oder wie der Titel schon anklingen lässt: Liebe.

Zunächst erschien das Buch, das in Zusammenarbeit mit David van Reybrouck entstand, auf Französisch, die Übersetzung ins Englische stammt von Sam Garrett und unter dem Titel Mein Dschihad der Liebe erschienen die Texte auch auf Deutsch.

Interessant fand ich den Einblick in das Glaubensverständnis, das El Bachiri, der übrigens auf eine katholische Schule ging, von seinen Eltern vermittelt bekommen hat. Der Vater erklärte ihm ganz entspannt den Unterschied zum Christentum mit den Worten:

It’s just like with us, except Jesus is not the son of God and we have an extra prophet. (S. 21)

Für El Bachiri ist Fundamentalismus unvereinbar mit jeglichem Glauben, schließlich habe Gott alle Menschen und alle Völker geschaffen. So plädiert er für einen aufgeklärten und weltoffenen Islam. Er bedauert, dass so viele seiner Glaubensbrüder so wenig über ihre eigene Geschichte wüssten, was sie bei kritischen Fragen völlig verunsichere und anfälliger für einfache Dogmen mache.

Some of them measure the credibility of an imam by the length of his beard. (S. 33)

For us, as Muslims with common sense, it is obvious and necessary to see the belligerent passages in the Koran as historical words from the seventh century. It would be an absolute mistake to try to claim that they are universally valid. And they may never, ever be used to harm another person.  (S. 27)

Doch wenn man nachdenke, neugierig und lernwillig bleibe, dann gelte:

When you’re sure of yourself, you can go very far and still always find your way back. (S. 34)

Sich in angeblich perfekte islamischen Zeiten zurückbomben zu wollen, erscheint ihm absurd.

Living the way they did in the Middle Ages? With WhatsApp? (S. 59)

Zum anderen ist das Buch eine warmherzige Liebeserklärung an seine schöne Frau, seine beste Freundin, die Mutter seiner Kinder, über deren Verlust nichts hinwegzutrösten vermag.

I’m in a different dimension.

That is the only way I can go on living. (S.9)

Für seine Trauer findet er einfache und berührende Worte:

Her name ist still beside the doorbell.

Of course. This is her house.

Even if she doesn’t live here any more.

Even if she doesn’t live at all any more. (S. 11)

Dann wieder erzählt er von seinen Erinnerungen, die gerade in ihrer Alltäglichkeit sehr plastisch sind. Und davon, wie oft sie in den 12 gemeinsamen Jahren zusammen gelacht haben.

I loved to cook, but I always dirtied about twenty pans. The food was good, but the kitchen looked as though a hurricane hat hit. I was so much sloppier than she was. […] She was very organized. (S. 43)

Über den Attentäter verliert er nur wenige Sätze:

He leaves me cold, that guy. (S. 48)

The problem with such people is that everything proceeds from the logic of hatred, and I don’t feel that hatred. They have lost their humanity and dehumanise others. You can’t answer an injustice with another injustice, that makes no sense. You may be completely confused, totally desperate, but that can never justify hate or atrocities. (S. 58)

Die Mörder sollen über das hinaus, was sie in seinem Leben und in dem seiner Familie angerichtet haben, nicht noch mehr Macht bekommen. Deshalb weigert sich El Bachiri zu hassen oder Vergeltung zu fordern. Er will sich nicht auf die gleiche Ebene der Mörder und Verbrecher ziehen lassen.

Doch wie kann er all das seinen Kindern erklären? Für seine Söhne ist ein Leben ohne Mama nicht richtig, sie verstehen nicht, wie sich eine Mutter noch morgens von ihnen verabschiedet, so als sei alles normal, und dann kommt sie einfach nicht zurück.

I am the only captain left on a ship with three crew members, on an ocean of sorrow. The wind blows hard, speaking your sweet name, blowing us towards the unknown. Without you I have lost my way, life has lost all its flavour. (S. 53)

Ein entscheidender Moment auf seinem Weg der Trauer war die Begegnung mit dem marokkanischen König, der in seiner Würdigung der Verstorbenen wohl die richtigen Worte gefunden hat, um El Bachiri Mut und Durchhaltewillen für die Zukunft zu geben.

Und obwohl er zum Zeitpunkt des Schreibens noch völlig in der Luft hängt, er seinen Beruf als U-Bahnfahrer nicht mehr ausüben kann und ihm die öffentlichen Auftritte Mühe bereiten, hält er daran fest, dass es unsere Menschlichkeit sei, die uns verbinde. Erst an zweiter Stelle stehen Religionen und Staaten. Unseren Kindern sollten wir neben Kunst, Poesie und einem Sinn für Schönheit auch beibringen, welche großen Menschen und Denker es gibt, denn deren Erkenntnisse gehörten allen.

I’m going to release four doves to fly to all four corners of the world, to spread love as the only answer to hatred. And you’ll go with them, my youngest son, you’ll protect them, my little falcon. (S. 55)

Mein Leseeindruck war gemischt:

Auf der einen Seite Hochachtung, Respekt und Mitgefühl für einen Trauernden, der sich weigert, Hass zu empfinden und der seinen Kindern trotz des Irrsinns, den seine Familie getroffen hat, Liebe und Achtung als Grundprinzipien mitgeben möchte.

Und es gab zahlreiche Stellen, die mir auch sprachlich gefielen. Schlicht, treffend, anrührend.

Aber dieses schmale Büchlein ist von sehr uneinheitlicher Qualität. Manches ist schon recht einfach gestrickt und anderes wird wiederum so kurz abgehandelt, dass darunter die gedankliche Schärfe notgedrungen leidet. Und ob es wirklich sein muss, auch noch auf Polygamie und den Nahostkonflikt zu sprechen zu kommen? Da wäre weniger mehr gewesen.

Ich hätte lieber mehr über seine Biografie, seine Familie oder seine Söhne erfahren. Oder über die Schwierigkeiten, trotz eines solchen Verbrechens seiner pazifistischen Grundhaltung treu zu bleiben.

Im Guardian gibt es einen schönen Artikel zu ihm und seinem Buch.

Fundstück von Thornton Wilder

M … heiratet N… Millionen tun das. Das kleine Häuschen, der Kinderwagen, der Sonntagsnachmittagsausflug im Ford, der erste Rheumatismus, die Enkel, der zweite Rheumatismus, das Totenbett, die Verlesung des Testaments – einmal unter Tausenden ist es interessant.

aus: Thornton Wilder: Unsere kleine Stadt (OA 1938); in der Übersetzung von Hans Sahl