Fundstück von Sophie Scholl – für alle Morgenmuffel

Ich liege gerade auch im Bett, es ist morgens, vielleicht 11 Uhr, also schon mittags; Du mußt wissen, es ist der letzte Tag vor dem Schulanfang, ich muß mich noch einmal ganz ganz gründlich ausruhen, obwohl ich das beinahe jeden Tag tue. Ich habe es auch nicht nötig, denn ich habe mich blendend erholt. Ich tue es aber trotzdem, aus Sympathie für mein liebes Bett.

Sophie Scholl in einem Brief vom 29. August 1938 an ihren Freund Fritz Hartnagel; zitiert nach: Sophie Scholl, Fritz Hartnagel: Damit wir uns nicht verlieren: Briefwechsel 1937 – 1943, hrsg. von Thomas Hartnagel

Rabih Alameddine: An Unnecessary Woman (2013)

You could say I was thinking of other things when I shampooed my hair blue, and two glasses of red wine didn’t help my concentration. Let me explain. First, you should know this about me: I have but one mirror in my home, a smudged one at that. I’m a conscientious cleaner, you might even say compulsive – the sink is immaculately white, its bronze faucets sparkle – but I rarely remember to wipe the mirror clean. I don’t think we need to consult Freud or one of his many minions to know that there’s an issue here.

So beginnt der aufregend gute Roman des libanesisch-amerikanischen Autors

Rabih Alameddine: An Unnecessary Woman (2013)

Die deutsche Übersetzung von Marion Hertle erschien im Louisoder Verlag unter dem Titel Eine Überflüssige Frau.

Zum Inhalt

Die 72-jährige Aaliya Saleh, kinderlos und seit 52 Jahren ledig, lebt allein in ihrer Wohnung in Beirut. Bis vor wenigen Jahren hat sie in einem Buchladen gearbeitet. Die meiste Zeit hat sie dort vermutlich gelesen, denn es gab nur wenige Kunden, die das anspruchsvolle Programm des Ladens zu würdigen wussten. Mal ganz abgesehen davon, dass sie oft neben den Büchern für das Geschäft oft noch ein Zweitexemplar für daheim geordert hat. Sie hat das immer in Ordnung gefunden, da ihr Lohn ohnehin zu gering gewesen war.

I long ago abandoned myself to a blind lust for the written word. Literature is my sandbox. In it I play, build my forts and castles, spend glorious time. It is the world outside that box that gives me trouble. […] Transmuting that metaphor, if literature is my sandbox, then the real world is my hourglass – an hourglass that drains grain by grain. Literature gives me life, and life kills me. Well, life kills everyone. (S. 5)

Nun aber macht sich allmählich das Alter bemerkbar und unliebsame Gedanken und Erinnerungen kommen zu Besuch, gerade jetzt, gegen Jahresende. An ihre Kindheit, ihre Mutter – die noch lebt -, ihre ausgesprochen freudlose Ehe, die zu ihrer Erleichterung nur vier Jahre dauerte, ihre einzige Freundin und vor allem an die Bücher, die sie in ihrer Freizeit übersetzt hat.

Da sie neben Arabisch nur Englisch und Französisch beherrscht, hat sie das System entwickelt, nur Bücher ins Arabische zu übersetzen, die vorher ins Englische und Französische übersetzt worden waren. Anhand dieser zwei Übersetzungen hat sie dann sozusagen eine Übersetzung der Übersetzung angefertigt. Das hat ihr immer wieder Momente des Glücks gegeben und ihre Tage strukturiert. Außer ihr hat niemand diese Übersetzungen je zu Gesicht bekommen. Doch diesmal fällt ihr die Entscheidung schwerer als sonst, welches Buch soll sie im neuen Jahr übersetzen?

Diese belesene, ein bisschen schrullige und misanthropische Frau, die ihr ganzes Leben in Beirut verbracht hat, will in Ruhe gelassen werden, auch den Kontakt mit den Mitbewohnerinnen ihres Mietblocks möchte sie weiterhin auf ein Minimum beschränken, doch das erweist sich zunehmend als schwierig.

Fazit

Hier spricht eine Ich-Erzählerin mit einer so dichten, bissigen, auch selbst-ironischen Stimme, die dann wieder so anrührend einsam daherkommt, dass ich mir immer klarmachen musste, dass hier eine fiktive Figur spricht. Und überhaupt der Schauplatz: Beirut, auch so eine Stadt in einem geschundenen Land. Aaliya hat das Grauen und den Schrecken des Bürgerkrieges miterlebt.

Ein Buch, in dem Autoren (von Pessoa über Bruno Schulz bis Sebald) und Titel und kluge Gedanken sich die Klinke in die Hand geben, ohne dass das ein versnobtes oder fassadenhaftes Namedropping wäre; jedes Zitat sitzt, wird von der Erzählerin organisch in ihren Gedankenfluss integriert. Hier sitzen die Schriftsteller sozusagen mit am Tisch, auch dann, als sich Aaliya überlegt, was wohl mal auf ihrem Grabstein stehen wird. Dabei erinnert sie sich beispielsweise an die Grabinschrift von Malcolm Lowry oder an eine römische Grabinschrift:

Non fui, fui, non sum, non curo.

I was not, I was, I am not, I don’t care. (S. 172)

Vielleicht wird deshalb in vielen Rezensionen das Buch als ein Lobgesang auf die Literatur beschrieben. Das greift zu kurz bzw. ist viel zu süßlich. Der Roman ist das Intelligenteste, was ich bisher über das Lesen in Romanform gelesen habe. Und zwar nicht nur über die Frage, wozu wir überhaupt lesen und was Literatur vermag, sondern auch über die Gefahren, die Weltflucht und die Illusionen, die wir uns übers Bücherlesen machen.

Und gleichzeitig ein wunderbares Porträt einer nur von außen unscheinbaren alten Frau.

Und wenn wir dann denken, dass nun die Handlung gemählich und leise dem Ende entgegenplätschert, macht uns der Autor eine lange Nase und ich halte vor lauter Spannung für einen Moment die Luft an.

Anmerkungen

2014 war das Buch auf der Shortlist für den National Book Award.

Aminatta Forna schreibt im Independent:

An Unnecessary Woman is a story of innumerable things. It is a tale of blue hair and  the war of attrition that comes with age, of loneliness and grief, most of all of resilience, of the courage it takes to survive, stay sane and continue to see beauty. Read it once, read it twice, read other books for a decade or so, and then pick it up and read it anew. This one’s a keeper.

Fundstücke über die Liebe

Meine liebe Sofie!

Du mußt mir bitte entschuldigen, daß ich Dich habe warten lassen, aber mir bleibt zur Zeit nur das Viertelstündchen vor dem Einschlafen. Und da habe ich oft gedacht, wie soll ich Dir bloß antworten? Wie soll ich all das ausdrücken, was ich selbst nicht begreife? Ich weiß nur, daß es etwas Großes und Schönes sein muß, das mich bewegt! Ich kann das nicht zergliedern und definieren, denn es ist ein Ganzes, es ist nicht dieses oder jenes, sondern alles. Was ich von Dir haben möchte? Nichts, Sofie, gar nichts – nur, was Du mir schenken magst und kannst.

Fritz Hartnagel in einem Brief an seine Freundin Sophie Scholl vom 1. Februar 1939

Glaub nicht, daß ich wunders was von Dir wollte. Ich möchte nur bei Dir sitzen, Deine Hand in der meinen halten, und meinen Kopf an Deine Schulter lehnen dürfen, ich möchte teilhaben an Deinen Gedanken, Deinen Freuden und Traurigkeiten, ich möchte nur ein bisschen daheim sein dürfen bei Dir.

Fritz Hartnagel in einem Brief an Sophie Scholl vom 12. Januar 1940

Sophie Scholl, Fritz Hartnagel: Damit wir uns nicht verlieren: Briefwechsel 1937 – 1943, hrsg. von Thomas Hartnagel, 2005

Fundstück von Edmund Hillary

Sollte mein Leben morgen zu Ende gehen, dann brauchte ich mich kaum über irgend etwas zu beklagen. Ich habe ein paar Erfolge gehabt; man hat mich geehrt, ich habe lachen dürfen, und man hat mir wahrscheinlich mehr Liebe entgegengebracht, als ich es verdiene. Dazu kommen die Freundschaften, die meinem Leben einen Sinn gegeben haben: mit Harry Ayres, George Lowe, Peter Mulgrew, Mike Gill, Jim Wilson, Max Pearl, Mingmatsering und vor allen anderen mit Louise. Die Liste der Namen ist noch sehr viel länger. Ohne meine Freunde wäre ich nichts. Ich glaube, ich müßte zufrieden sein. Und doch bin ich es nicht ganz. Ich hätte so viel mehr tun können. Es kommt nicht darauf an, daß man etwas leistet. Es kommt darauf an, wie man seine Möglichkeiten genutzt und welche Möglichkeiten man geschaffen hat.

Edmund Hillary: Wer wagt, gewinnt (1975), S. 447

Blogbummel August 2016 – Teil 1

Beginnen wir diesmal mit der Fotoserie All Creatures Great and Small von Steve McCurry und einer wichtigen Frage, gefunden auf FINDESATZ.

Deutschsprachige Blogs

Lesemanie taucht ein in die Welt des amerikanischen Zirkuswesens.

Eine mir bisher unbekannte Krimireihe von Ulrich Ritzel stellt SOUNDS & BOOKS vor. Nun, das wird sich ändern.

Zeichen & Zeiten las Westlich des Sunset von Stewart O’Nan.

Die Aspern-Schriften von Henry James kann Petra von Philea’s Blog empfehlen.

Mit Gesellschaft der Angst vom Heinz Bude hat sich das Graue Sofa beschäftigt.

Feiner Reiner Buchstoff las My Life on the Road von Gloria Steinem.

Englischsprachige Blogs

Heavenali gefiel The Murder of Halland von Pia Juul.

Shelf Love las Greensleaves von Eloise Jarvis McGraw.

A life in books ist sehr angetan von The Nakano Thrift Shop von Hiromi Kawakami. Auf Deutsch erschien das Buch unter dem Titel Herr Nakano und die Frauen.

Zum Schauen, Staunen und Reisen

Wie üblich, ein Abstecher nach Großbritannien, diesmal geht es mit Peggy zu Monk’s House.

Auf MOMASVIEWS gibt es zwei Fotoserien zu Schottland. Hier Teil 1 und hier Teil 2.

Danach geht es mit Cindy nach Amerika, genauer gesagt in einen Wald, den Great Basin Ancient Bristlecone Pine Forest.

Der Sonntagsknipser kann auch keinen Fenstern widerstehen.

Cornwall Photographic präsentiert Fotos aus Island, für mich ist vor allem das dritte ein Wow-Foto.

Aber auch dieser wunderbar bebilderte Bericht von Nareszcie Urlop über Zalipie in Polen – sehenswert.

Zum Abschluss noch ein Morning Walk mit Jane Lurie.

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Fundstück von Edmund Hillary

Auf den riesigen Bäumen, in deren Schatten unsere Unterkünfte (auf den Salomon-Inseln) lagen, wohnten die verschiedensten Vögel, darunter einige fette Tauben. Das regte mich dazu an, mir Pfeil und Bogen zu bauen, und nachdem ich mehrere Tage fleißig geschnitzt  hatte, besaß ich eine gefährliche Waffe. Zuerst erprobte ich sie in unserer Baracke. Ich stellte eine Scheibe an die dünne Außenwand und ließ den Pfeil fliegen. Mit dem dumpfen Klang der Sehne schoß der Pfeil durch das Ziel und durchschlug die Wand. Aufgeregt lief ich hinterher, durchsuchte zwei weitere Baracken, in denen es vor Menschen wimmelte, und fand ihn endlich mit der Spitze tief in einen Pfahl gebohrt. Es war ein Wunder, daß der Pfeil niemanden getroffen hatte. Ich konnte nicht verstehen, wie ich so leichtsinnig hatte sein können. Aber ich habe festgestellt, daß junge Männer, wenn sie in einer Gruppe zusammenleben, zur Sorglosigkeit neigen. Übrigens ist es mir trotz all meiner Bemühungen nie gelungen, eine Taube für den Suppentopf zu schießen.

Sir Edmund Hillary: Wer wagt, gewinnt, 1975,  S. 72

Sir Edmund Hillary: Wer wagt, gewinnt (OA 1975)

Ich wurde am 20. Juli 1919 in Auckland, Neuseeland, geboren.

So beginnt die von Hans Jürgen Baron von Koskull ins Deutsche übersetzte Autobiografie des Mannes, dem zusammen mit dem Sherpa Tenzing Norgay im Mai 1953 die Erstbesteigung des Mount Everest gelang.

Zum Inhalt

Nachdem Hillary auf knapp 28 Seiten seine Kindheit und Jugend abgehandelt hat, beschreibt er seinen Dienst in der Home Guard. Anschließend geht es um seine Militärzeit: Anfang 1944 erhält er den Einberufungsbefehl zur Royal New Zealand Air Force. Die Ausbildung zum Navigator endet im Januar 1945.

Danach sind seine Einsatzgebiete die Fidschii-Inseln und die Salomon-Inseln, wo die Soldaten für Erkundungs- und Rettungsmissionen zuständig sind.

Während dieser Zeit frönt er schon, wann immer möglich, seiner Leidenschaft, dem Bergwandern und Klettern. Dabei lernt er nach und nach die wichtigen neuseeländischen Bergsteiger kennen; es entstehen Kontakte und Freundschaften, die ihm später noch nützlich sein werden.

Nach dem Krieg arbeitet er noch eine Zeitlang zusammen mit seinem Bruder in der väterlichen Imkerei, der Lohn ist karg und Freizeit gibt es nur im Winter. Doch allmählich verbringt er immer mehr Zeit mit der Bergsteigerei. Selbst während eines Europa-Urlaubs, auf dem er seine Eltern begleitet, geht er mit Freunden in Österreich und der Schweiz auf Tour.

Im Verlauf des Tages lernten wir einige Schweizer Bergsteiger kennen, die sich in der Hütte einquartiert hatten. Ein hübsches Mädchen fragte mich, wie mir die Schweiz gefiele, und ich sprach begeistert von der Schönheit dieses Landes. ‚Ja‘, pflichtete sie mir bei, ‚die Schweiz ist das schönste Land der Welt!‘ Später stellte sich heraus, daß sie in ihrem ganzen Leben noch nie die Grenzen ihres Heimatlandes überschritten hatte, aber sie schien von der Richtigkeit ihrer Behauptung wirklich überzeugt zu sein. (S. 143)

Als er das Angebot erhält, eine Expedition in Nepal zu begleiten, sagt er nicht Nein und so beginnt eine lebenslange Faszination für das Land und seine Berge. Anhand von Tagebucheintragungen schildert Hillary die Erstbesteigung des Mount Everest, die ihm zusammen mit Tenzing Norgay gelungen ist. Auch auf die zum Teil massive Kampagne, die beiden gegeneinander auszuspielen, geht er ein.

Auf dem Londoner Flughafen wurden wir wie siegreich aus einem Krieg heimgekehrte Helden empfangen. In den folgenden Wochen lernte ich eine mir bis dahin völlig fremde Welt kennen. Die Gesellschaften und öffentlichen Veranstaltungen jagten einander. Ich nahm an einem Staatsbankett und einem Empfang im Buckinghampalast teil. Dabei ernährte ich mich hauptsächlich von geräuchertem Lachs und Champagner und wachte jeden Morgen mit einem leichten Kater auf. Ich lernte die Leute mit den guten Beziehungen, die Mächtigen und Reichen kennen. Es war sehr unterhaltsam, aber ich habe nur wenig gesehen, um das ich jemanden beneiden oder für das ich jemanden bewundern müßte. In einer schlichten privaten Zeremonie, an der nur die Expeditionsteilnehmer und die königliche Familie teilnahmen, wurde ich von der Königin in den Adelsstand erhoben. (S. 239)

Danach folgen monatelange Vortrags-  und Urlaubsreisen, auch mit seiner Familie, vor allem in die USA.

Ich kann nicht behaupten, daß mir mein erster Besuch in den Vereinigten Staaten gefallen hätte. […] und wir haben die falschen Leute kennengelernt: eine bestimmte Gesellschaftsklasse, mit der wir eigentlich nichts gemein hatten. Damals glaubte jeder Amerikaner, alle Ausländer wollten am liebsten auf amerikanische Weise glücklich werden, und sie konnten es nicht verstehen als ich ihnen sagte, daß es mir vollständig genügte, Neuseeländer zu bleiben. (S. 247)

Hillary war auch bei weiteren großen Expeditionen dabei, so war er z. B. verantwortlich für die Anlage von Vorratslagern bei der Commonwealth Trans-Antarctic Expedition, die ihn 16 Monate von seiner Familie trennte. Dabei erreichte er, auch wenn das gar nicht so vorgesehen war, noch vor dem offiziellen Leiter der Expedition den Südpol.

Fazit

Diese Erinnerungen lesen sich, schon aufgrund der geschilderten Expeditionen, Dramen und Gefahren, natürlich spannend. Und gleichzeitig war ich erstaunt, wie dröge sie manchmal daherkommen. Hier schreibt einer, dem das anschauliche Erzählen ganz offensichtlich nicht in die Wiege gelegt worden ist. Vielleicht liegt dieser Eindruck unter anderem auch daran, dass das Private nur eine untergeordnete Rolle spielt. Frauen werden bis zu seiner erfolgreichen Mount Everest-Besteigung erst gar nicht erwähnt, doch danach zaubert er innerhalb weniger Zeilen sogar eine Braut aus dem Hut. Humor taucht nur dann auf, wenn er sozusagen gar nicht zu vermeiden ist.

Tiefsinnige Reflexionen sind seine Sache nicht. Hillary setzte sich später für viele wichtige Dinge, wie z. B. den Naturschutz, ein, sammelte Gelder und unterstützte den Bau von Schulen, Brücken und Krankenhäusern in Nepal, doch dass auch seine Expeditionen Müll und Schrott zurücklassen, wird kommentarlos übergangen.

Mit wachsender Erregung stiegen wir [Hillary und seine Familie] unter den hochragenden vereisten Wänden weiter bis auf 5190 Meter und fanden hier die ersten Zeichen früherer Everest-Expeditionen; verrostete Konservendosen, Markierungsstäbe aus Bambus, alte Batterien und ähnliches. Mich erinnerten sie an unvergeßliche Augenblicke. (S. 400)

Dass der Bau des Flughafens in Lukla durchaus auch negative Folgen für die einheimische Bevölkerung hatte, ist ihm allerdings schmerzlich bewusst.

Durch den Flughafen von Lukla sind die Bürokratisierung und der Tourismus im Gebiet des Everest leider beschleunigt worden. Schon am Khumbu spürt man die ‚Segnungen‘ der Zivilisation. Wälder werden abgeholzt, der Unrat türmt sich an den Campingplätzen und vor den Klöstern, und die Kinder haben schon das Betteln gelernt. […] Manchmal habe ich ein sehr schlechtes Gewissen. Mein einziger Trost liegt darin, daß die althergebrachte Lebensweise der Sherpas ohnedies nicht mehr aufrechterhalten werden kann, denn nur wenige Gesellschaften vermögen den Versuchungen zu widerstehen, die die Zivilisation zu bieten hat. (S. 382)

Was zählt, sind Tatkraft, Kameradschaft, körperliche Leistungsfähigkeit und die pure Abenteuerlust, bei der man immer wieder die eigenen Grenzen ausloten und verschieben kann.

Ich fand es herrlich, wieder in Thyang Botschi zu sein, in der wunderschönen Landschaft das Lager auf dem Schnee einzurichten und zu wissen, daß wir diesmal über die Ausrüstung und die Männer verfügten, um einen erfolgreichen Angriff auf den Gipfel zu beginnen. Ich bin bei keinem schwierigen Unternehmen sofort vom Erfolg überzeugt gewesen; gewiß nicht, besonders wenn es sich dabei um die Besteigung eines hohen und bis dahin noch nicht bezwungenen Berges handelte. Was hat es für einen Sinn, eine Sache anzupacken, von der man weiß, daß sie gelingen wird? Ich wußte, wir würden am Everest alle Kräfte einsetzen, über die wir verfügten, aber der Erfolg war uns nicht von vornherein sicher, und das war mir nur recht. (S. 207)

Deswegen liegt auch der Schwerpunkt in diesen Erinnerungen auf der fast minutiösen Schilderung seiner großen Expeditionen.  Ab und zu hatte ich dann das Gefühl, nun alle gefährlichen Gletscherspalten persönlich zu kennen. Auffällig auch immer wieder die Metaphorik; der Berg, der Gipfel, das sind Gegner, die man angreifen, bezwingen und besiegen muss.

Schade, dass diese Ausgabe des Frederking & Thaler Verlages so spärlich bebildert ist.

‚Es gibt nichts Neues mehr!‘ Immer wieder hört man das von allen möglichen jungen Menschen, und irgendwie ist das traurig, weil man weiß, daß derjenige, der es sagt, die Augen vor den Möglichkeiten verschließt, die es auch heute noch in großer Zahl gibt. Überall in der Welt gibt es Abenteuer zu bestehen, wenn man genug Phantasie besitzt und sich die Mühe macht, danach zu suchen. (S. 410)

Vielleicht wäre es in diesem Fall sinnvoller gewesen, eine Biografie über Hillary zu lesen statt seiner Autobiografie, denn ich hätte gern noch viel mehr über das Davor und Danach, z. B. seine Kindheit oder sein gesellschaftliches Engagement in Neuseeland sowie Einschätzungen seiner Freunde und seiner Familie gelesen.

Anmerkung

1975 starben Hillarys Frau Louise und ihre 16-jährige Tochter bei einem Flugzeugunglück in der Nähe Kathmandus.

1989 heiratete er die Witwe seines engen Freundes Peter Mulgrew.

Mulgrew hatten nach einer Expedition beide Füße  amputiert werden müssen. 1979 erklärte er sich bereit, für Hillary als Kommentator bei dem Air New Zealand Flug 901 einzuspringen, einem touristischen Rundflug über der Antarktis. Bei diesem Flug kamen alle 237 Passagiere und die Besatzung ums Leben.

Nach dem Tod Hillarys 2008 kam es zu häßlichen Erbstreitigkeiten zwischen Edmunds Sohn und seiner zweiten Frau.