Fundstück von David Park

Über Teenager und ihre Handys…

He [his son] knows that requests to disengage from phones are always a prelude to something of possible significance and although we’ve banned them from our evening meal-table we don’t ask very often because I know it’s the teenage equivalent of leaving the mother ship and floating away untethered into the emptiness of space.

aus: David Park: Travelling in a Strange Land (2018), S. 86

Blogbummel Juli 2019

Heute mal ein ganz, ganz kurzer Blogbummel. Für alles andere war es ja auch viel zu warm. Los geht es mit einem Stockrosengewoge.

Lesen in vollen Zügen las Siebzehnter Sommer von Maureen Daly, ein Buch, das bereits 1942 erschien.

Bücherwurmloch stellt uns Ein mögliches Leben von Hannes Köhler vor.

Missmesmerized las Missouri von Gregor Hens.

Auf Wortgelüste wird der Roman Auf Erden sind wir kurz grandios von Ocean Vuong besprochen.

Peter liest…, z. B. eine Fontane-Biografie und Ein fliehendes Pferd von Martin Walser.

Um Hannah Arendt geht es bei Binge Reading.

Im Bücheratlas wird an Gottfried Keller und an seinen Roman Der Grüne Heinrich erinnert.

Richard Marcus beschäftigt sich auf Qantara mit Am Ende bleiben die Zedern von Pierre Jarawan.

Letteratura mochte Lügenleben von Sayed Kashua.

Da leider immer aktuell, hier der Beitrag zum Narrenschiff von Sebastian Brant, veröffentlicht auf transitnuremberg.

Und drei englischsprachige Titel sollen noch erwähnt werden:

Heavenali gefiel Beneath the Visiting Moon (1940) und Despised and Rejected (1918) von Rose Allatini.

Mad Puppetstown (1931) von Molly Keane wurde auf Beyond Eden Rock besprochen.IMG_0021.JPG

Manchmal muss ein Bild (fast) genügen

Meist schreibe ich nur dann etwas zu einem Buch, wenn die Lektüre noch nicht zu lange zurückliegt. Doch wenn das aus Zeitgründen nicht möglich war, taucht ein Werk hier gar nicht auf, das ich aber unbedingt erwähnenswert finde. Was also tun? Ein Foto musste her und ein paar kurze Informationen.

Hier also drei Titel, die unterschiedlicher kaum sein können, und alle lesenswert!

Richard Hull: The Murder of My Aunt (1934)

Edward Powell, ein empathieloses Ekel, beschließt, Tante Mildred umzubringen, mit der er auf dem Lande, irgendwo in Wales, lebt. Er hasst das Landleben zwar wie die Pest, doch solange er bei ihr wohnt, muss er zumindest nicht für seinen Lebensunterhalt arbeiten. Nach Tante Mildreds Tod winken Geld und Unabhängigkeit. So jedenfalls stellt er sich das vor. Doch das Unterfangen erweist sich als schwieriger als gedacht.

Das Besondere: Der Snob Edward erzählt uns seine Version der Geschichte in der Ich-Form und als Leser wird einem immer kälter, wenn man seine Sicht der Dinge erfährt, da für Edward alles so einfach ist, er als der Mittelpunkt der Welt, dem sich alles und alle anderen unterzuordnen haben. Am Ende fragt man sich tatsächlich, inwieweit eine völlig verquere Erziehung zu dieser Entwicklung beigetragen haben könnte.

Außerdem formuliert Hull hier so klasse auf den Punkt, dass der boshafte Ton einem durchaus auch Spaß macht, bis einem das Schmunzeln bei dieser Charakterstudie dann endgültig abhanden kommt.

As I look back at what I have written in order to relieve my mind of what I feel of this awful place, I see I spoke of ’sodden woods‘. That was the right adjective. Never, never does it stop raining here, except in the winter when it snows. They say that is why we grow such wonderful trees here which provided the oaks from which Rodney’s and Nelson’s fleet were built. Well, no one makes ships out of wood nowadays, so that is no longer useful, and it seems to me that one tree is much like another. I’d rather see less rain, less trees and more men and women. ‚Oh, Solitude, where are the charms?‘ Exactly so. (S. 17)

Marjorie Hillis: Live Alone and Like it (1936)

Ein großer Spaß und – wenn man das Jahr der Erstveröffentlichung anschaut – sehr moderner Ratgeber mit vielen Beispielen, der allen freiwillig oder unfreiwillig ledigen Frauen Mut machen soll, ihr Leben, ihr Erscheinungsbild, ihren Beruf, ihre Finanzen und kulturelle Entwicklung selbst in die Hand zu nehmen, anstatt zu hoffen, dass es ein anderer für sie tun wird.

Und auch wenn sich vieles seitdem verändert hat, ist Hillis freches und fröhliches Plädoyer gegen Selbstmitleid und ihr Aufruf zur Übernahme der Verantwortung für das eigene Leben an vielen Stellen zeitlos, oft auch klug und ein echtes Lesevergnügen.

It’s a good idea, first of all, to get over the notion (if you have it) that your particular situation is a little bit worse than anyone else’s.  This point of view has been experienced by every individual the world over at one time or another, except perhaps those who will experience it next year. (S. 13)

Die Autorin Marjorie Hillis (1889–1971) arbeitete über 20 Jahre für die VOGUE und schrieb mehrere erfolgreiche Ratgeber für Frauen und Live Alone and Like It war eines der erfolgreichsten Bücher der dreißiger Jahre.

2005 erschien die deutsche Übersetzung von Sabine Hübner unter dem Titel Live alone and like it: Benimmregeln für die vergnügte Singlefrau.

David Park: Travelling in a Strange Land (2018)

Dieses Buch des nordirisches Autors (*1953) hat nur einen Nachteil, nämlich dass ich jetzt auch alles andere von ihm lesen möchte. Idealerweise sollte man es im Winter lesen. Ein Vater macht sich nach heftigen Schneefällen und dementsprechend unangenehmen Straßenverhältnissen auf, um seinen kranken Sohn mit dem Auto aus Sunderland zu holen, wo der Junge studiert, sodass die Familie zusammen Weihnachten feiern kann. Aufgrund des Wetters sind bereits alle Flüge gestrichen.

Während der langen Fahrt von Belfast nach Sunderland trifft Tom natürlich auch auf andere Menschen und hilft einer verunglückten Autofahrerin, obwohl ihn das wertvolle Zeit kostet. Zudem erinnert sich Tom, ein Fotograf, an die Vergangenheit, an Szenen aus seinem Familienleben und immer deutlicher wird, dass es noch einen zweiten Sohn gibt, zu dem es nur noch eine gedankliche Verbindung gibt.

Bewundernswert, wie Park es schafft, diesen eher billigen Effekt zum Spannungsaufbau – wir wollen wissen, was damals passiert ist – in den Hintergrund treten zu lassen. Nur allmählich kann Tom sich der Katastrophe, auch sprachlich, annähern. Dieser durchschnittliche Vater, der immer nur das Beste für seine drei Kinder wollte, wächst uns mit seiner Frau Lorna ans Herz und am Ende verstehen wir, warum er und Lorna so überfürsorglich darauf aus sind, dass ihr Sohn auf keinem Fall diese Weihnachten allein in seiner Studentenbude verbringen soll.

Travelling in a Strange Land – der Titel passt, der Vater macht sich auf den langen Weg zum Sohn, er reist in die Vergangenheit und hat dabei seinen ganz eigenen Blick. So werden wir an einer Stelle an das Foto von Denis Thorpe Mr Lowry’s Hat and Coat erinnert.

taken  the day after the painter’s death – shows two coats and hats hanging on pegs in a shadowed hallway, vaguely flowered wallpaper, a dado rail. On one of the coats the lining is facing outward and catching something of the light. The photograph’s about absence, an opened space and a stillness flowing into it, homing in on the relics of someone who once was but is no more.

Sometimes when I go into my children’s rooms I have a strong sense of how closely our lives and the places we live in bear each other’s print. So it’s as if their breathing is still present even in the empty room and all their memories and dreams are somehow seamlessly fused with the folds of a fabric or the grain of a surface. (S. 54)

Außerdem geht es um das schwierige Gelände zwischen Eltern und Kindern und die unüberwindbare Sprachlosigkeit, die oft zwischen beiden herrscht. Gleichzeitig ist nicht nur die Trauer, sondern auch das Erwachsenwerden eine Reise durch unbekanntes Gebiet, die nicht jeder meistert. Ein leises, sehr feines Buch. Kein Happy End, aber am Ende so etwas wie eine vorsichtige Hoffnung.

Hier noch ein Interview mit dem Autor, der Jahrzehnte als Lehrer gearbeitet hat, über sein Buch in der Irish News und hier ein älterer Artikel zu Park aus dem Guardian von 2012.

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