Jochen Missfeldt: Solsbüll 1989/2017

Alles liegen lassen. Wer ruft da. Die Blätter über mir rufen nicht. Sie gehen im Südwest hin und her, machen leise Blattgeräusche im Wind. Sie atmen ein und aus, Tag und Nacht. (S. 7)

So beginnt der Roman, dem Hans Daiber bei seinem Erscheinen 1989 höchstes Lob zollte. Daiber schrieb in der ZEIT:

Dieses Solsbüll rückt Maßstäbe zurecht. Was heutzutage sich so alles „Roman“ nennt! Dies ist einer. Eine weit ausgesponnene, welthaltige Familienchronik. Eine kleine Welt, aber sie spiegelt die große.

So recht konnte sich, vielleicht auch dem Erscheinungstermin geschuldet, das Buch nicht durchsetzen. Doch 2017 wurde der Roman in einer vom Autor durchgesehenen Ausgabe neu bei Rowohlt verlegt.

Jetzt aber zum Inhalt.

Der Erzähler nimmt uns fast ein Jahrhundert lang mit in das (fiktive) schleswig-holsteinische Städtchen Solsbüll, gelegen an der Bahnlinie zwischen Kiel und Flensburg und breitet ein Kleinstadtpanorama vor den LeserInnen aus, das drei Generationen umfasst. Dabei hangeln wir uns – nicht streng chronologisch, sondern auch vor- und zurückspringend – vor allem an der Familie der Hebamme Anne Hasse entlang. Die verliert ihren geliebten Mann Gustav im Ersten Weltkrieg und muss fortan ihre zwei Töchter Gret und Rosa und ihren Sohn Gustav den zweiten allein durchbringen.

Rosa und Gustav sterben im Zweiten Weltkrieg, doch Rosas Sohn Gustav der dritte wächst bei Tante Gret, ebenfalls Hebamme, und Großmutter Anne auf und führt mit seinen Kindern die Erzählung bis zum Ende der achtziger Jahre. Ihm wird auch als Einzigem zugestanden, in der Ich-Form erzählen zu dürfen.

Tante Gret wiederum ist diejenige, die so etwas wie den Familienkodex der Hasses formuliert:

Man soll keinem weh tun, denn weiß man, wie dieser oder jener es in seinem Leben gehabt hat, man weiß es nicht, wir schon gar nicht. (S. 407)

Allerdings handelt es sich hier um weit mehr als einen Familienroman. Der Autor nimmt eine ganze Dorfgemeinschaft mit in den Blick, manche tauchen nur kurz auf, andere heiraten, bekommen Kinder, die dann wieder mit Gustav dem zweiten oder Gustav dem dritten aufwachsen. Da gibt es den Arzt, der heftig mit den Nazis sympathisiert, obwohl er selbst jüdische Eltern hat.

Und da gibt es den Ober-Nazi Staiger, dessen Geliebte ausgerechnet Eva heißt. Staiger ist es auch, der das ganze Dorf unter seine Fuchtel bringt, politische Feinde aus dem Amt jagt und Spaß an Schikane und Willkür findet. Wer bei der Tollerei nicht mitmacht, bekommt die Quittung oder die Knochen gebrochen.

Nach dem Ende des Krieges geht man über die vergangenen Jahre hinweg wie über einen peinlichen Verwandten. Neue Geschäfte machen auf, der Lebensstandard steigt. Das Kino hat mit zurückgehenden Besucherzahlen zu kämpfen, da alle nun daheim vor den neuen Fernsehapparaten sitzen und dort die Heimatfilme um Förstertöchter und Barone schauen.

Und Gustav der dritte – übrigens wie auch sein Autor Missfeldt 1941 geboren – muss sich damit arrangieren, dass er diese Woche mit der Kinderbetreuung dran ist.

Wären die Kinder doch bloß schon erwachsen und aus dem Haus und brauchten nicht jeden Morgen den Schubs in die Schule. Dann müsste ich nicht jeden Morgen so rumlaufen. Dann müsste ich nicht jeden Morgen mit gespielter Freundlichkeit ans Kinderbett und dreimal flüstern: Hallo, süßer Schatz, du musst aufstehen, es ist schon Viertel nach sechs durch. Das kostet Kraft, ich muss mich erst mal aufraffen und tief durchatmen, bevor ich was sage. (S. 47)

In seinen besten Momenten schafft der Roman etwas ganz Seltenes, er macht unsere Umwelt – zumindest die kleinstädtische und dörfliche – durchlässig. Plötzlich begreift man, dass die Vergangenheit genau dort stattgefunden hat, wo wir uns heute befinden. Es gibt Verbindungslinien, die bis in die Gegenwart reichen, sei es durch die Generationen, die aufeinander folgen, sei es durch die Trauer über vorzeitige Witwenschaft, die ja an die Kinder weitergegeben wird, oder sei es durch die Landschaft, die mehr oder weniger unverändert fortbesteht. Nichts ist endgültig abgeschlossen, endgültig vorbei.

Doch leider verwischt sich das im Laufe der Lektüre wieder. Mir ist der Chronist, der über weite Stellen so unbeteiligt berichtet, ja geradezu referiert, zu unpersönlich. Wenn von den Verbrechen an den Juden im Ort erzählt wird, bleibt das oft weit weg. Vielleicht war das sogar so für viele im Dorf. Doch das macht die Sache für mich als Leserin nicht besser.

Allerdings gibt es immer wieder Stellen, die mich bei den ca. 450 Seiten bei der Stange gehalten haben, weil sie in verdichteter Form etwas Grundsätzliches zum Menschsein sichtbar machten, z. B. als Anne im Februar 1943 eine Postkarte einer jüdischen Dorfbewohnerin erhält, die ihr ganz arglos schreibt, dass es übermorgen nach Theresienstadt gehe. Oder auch als der Ober-Nazi Steiger dem Jungen Gustav die Strafe mitteilt, die dieser auf sich gezogen hat, weil Gustavs Hund Hitler in den Hose gebissen hat.

Daneben auch skurrile oder ganz lakonisch erzählte Szenen, die mir sehr gefallen haben.

Gret war mit dem Fahrrad losgefahren. Die neue Seidenbluse sollte eingeweiht und der Rock sollte mal vom Fahrtwind durchgepustet werden. Wie zufällig war sie in Güldenholm gelandet. Als sie den Verwalter Hannes Hansen sah, der mit einer Ladung Roggensäcke auf dem Weg zur Matzen-Mühle war, war sie rot angelaufen und hatte ihren Blick im Seerosenteich verschwinden lassen, wo der bissige Schwan Gottfried gerade sein Federkleid umfänglicher machte und imponierend mit den Flügeln schlug. (S. 203)

Interessant auch, dass Kristof Wachinger, der den Roman als erster herausgebracht hat,  in seinem Nachwort genau die Szenen als für die Handlung entbehrlich bezeichnet, die für mich zu den schönsten gehören, da in ihnen der heranwachsende Gustav der dritte so wunderbar plastisch wird, wie er da in seiner norddeutschen Dorfidylle als Abenteuererheld durch die Prärie zieht und sich vor Feinden rechtzeitig in Deckung bringt.

Gustavo und der Colonel kamen langsam heraus aus dem tiefen Tal, erklommen und durchmaßen ein dürftig bewachsenes Vorgebirge, überquerten die Solsbüller Au, hier Rio Agava, auf einer schmalen Brücke, wo ein Feldweg rüberging, denn weiter oben war der Rio Agave zu reißend. (S. 322)

Schön, immer wieder die Sprache, poetisch, verträumt.

Immer ist da eine Winternacht mit einem langen Schlaf und einem langen Traum, der sich mit Frieden meldet, der immer wieder Frieden sagt und sich so durch den langen Schlaf zieht. Wie spät ist es. Wie spät ist es unterm Birnbaum. Wie spät ist es unterm Himmel. Sag mir, wie spät es ist. Wer legt seinen Kopf in meinen Schoß. Wer ist des Todes wie ich. Wer gedenkt der Steinbrüche und Steine, die rollen und lärmen und endlich still liegen bleiben. Wer gedenkt des Himmels und des Birnbaums, die über uns sind. Wer gedenkt der Erde und der Birnbaumwurzeln, die unter uns sind. (S. 275/276)

Doch alles in allem bleibt mein Eindruck blass, es hallt zu wenig nach, da Missfeldt für mich kaum jemanden des ausufernden Figurenensembles – nicht ohne Grund gibt es ein 12-seitiges Personenverzeichnis – so richtig zum Leben erweckt. Und hin und wieder habe ich mich in dem Wirrwarr der Namen verirrt und den Bezug zu den Figuren verloren.

Der Wecker klingelt, sechs Uhr. Jeden Morgen saure Mühsal. Wer steht auf, du oder ich. Ich schlafe, oder ich schlafe nicht. Ich habe geträumt, aber ich weiß nicht mehr, was. Oder ich träume, dass ich es weiß, also schlafe ich. Aber ich weiß nicht genau, ob ich schlafe, also bin ich wach, und schon weiß ich: Bloß nicht aufstehen. Das wäre gut, nicht aufstehen zu müssen, denn nichts ist schrecklicher als aufstehen. Nichts ist schrecklicher als in die Senkrechte zu kommen und das eigene Gesicht im Spiegel zu sehen. (S. 46)

Peter liest und konnte dem Roman deutlich mehr abgewinnen.

 

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Mick Herron: Slow Horses (2010)

Da ich normalerweise einen Bogen um neuere Krimis oder gar Thriller mache, da ich befürchte, dass sie mir mit ihrer Schilderung von Grausamkeiten zu brutal, ja fast schon voyeuristisch sind, wäre mir beinahe der fulminante Auftakt zu einer Reihe entgangen, von der ich UNBEDINGT auch die nächsten Bände lesen möchte, und das, obwohl einige Szenen tatsächlich jenseits meiner Schmerzgrenze lagen.

Ehemalige Topleute des britischen Inlandsgeheimdienstes (auch bekannt als MI5) sind wegen diverser Verfehlungen  (Einsatz verpatzt, Alkoholprobleme, fehlender Kompatibilität mit Menschen, Geheimdienstunterlagen im Zug liegengelassen) ausgemustert und ins schäbige Slough House, das weit genug entfernt von der Zentrale am Regent’s Park liegt, abkommandiert worden.

Dort sollen sie unter der Leitung des schmierigen Unsympathen Jackson Lamb Akten schreddern, Telefonmitschnitte oder alte Unterlagen nach belanglosen Details durchwühlen. So hofft man, dass River Cartwright und seine LeidensgenossInnen freiwillig den Dienst quittieren. Das käme dem Geheimdienst gelegener als langwierige Streitereien vor Gericht, die bei einer Kündigung wohl zu erwarten wären.

Kollegiales Miteinander: Fehlanzeige. Jeder hasst seinen Arbeitsplatz im Slough House, da man nicht zum Müllsortieren und Aktenschreddern Agent geworden ist. Und jeder weiß, dass er von den Agenten im aktiven Dienst als Slow Horse beschimpft und verachtet wird. Man weiß noch nicht einmal, wo die Kollegen wohnen.

Diese bleierne, feindselige Atmosphäre wird zunächst auch durch die Nachricht nicht verändert, dass auf dem Blog der BBC ein Video veröffentlicht wurde, das einen entführten Jugendlichen zeigt, der in 48 Stunden vor laufender Kamera geköpft werden soll. Ein Fall, der die Kompetenzen der Slow Horses buchstäblich in mehr als einer Hinsicht überschreiten würde.

Doch warum beauftragt die stellvertretende Chefin des Geheimdienstes plötzlich eines der Slow Horses, nämlich Sidonie Baker, die Unterlagen eines dubiosen Journalisten zu stehlen? Und warum muss River Cartwright dessen Müll auf verdächtige Hinweise durchwühlen?

Und dann geht die Action richtig los. Selten so gespannt gewesen, wie die Geschichte weitergeht.

Dazu die Wechsel im Erzähltempus. Das erste Kapitel zunächst sehr aufregend. Wir erleben den Einsatz mit, dem River Cartwright seine Degradierung zu den Slow Horses verdankt. Dann kommt die Geschichte scheinbar zum Stillstand, da erst einmal Einblick in verschiedene Biografien einzelner Slow Horses gegeben wird. Manche Leser stört das, ich fand es gelungen, da so die Ermittler als eigenständige Charaktere mit je ganz eigenen wunden Punkten und Traumata erlebbar werden.

Und ob sie wollen oder nicht, irgendwann müssen auch Slow Horses miteinander kooperieren.

Später wird sich ohnehin kein Leser mehr über mangelndes Tempo beklagen können. Ständig schlägt die Handlung neue Haken, fügen sich neue Bausteine ins Mosaik des Ganzen ein. Und Cliffhanger gibt es hier gleich innerhalb mehrerer Erzählstränge.

Dazu wird das Ganze eingebettet in die aktuelle politische Großwetterlage. Außerdem wird das Opfer der Entführung ebenfalls als Charakter ernstgenommen und überaus glaubwürdig, ja liebevoll porträtiert.

Doch was mich darüber hinaus an Herrons Buch begeistert hat, ist die Sprache (mal abgesehen von der ganzen Flucherei, die mir an einigen Stellen ziemlich auf die Nerven ging), die Dialoge voller Schlagfertigkeit, dieses knallfreche, manchmal auch witzige Formulieren auf den Punkt.

Lamb turned to study him through half-open eyes, causing River to remember about the hippo being among the world’s most dangerous beasts. It was barrel-shaped and clumsy, but if you wanted to piss one off, do it from a helicopter. Not while sharing a car. (S. 178).

Mit meiner Begeisterung bin ich wohl nicht allein:  Im August erschien die deutsche Übersetzung unter dem Titel Slow Horses: Ein Fall für Jackson Lamb im Diogenes Verlag, übersetzt von Stefanie Schäfer.

Im Englischen umfasst die  Reihe bereits fünf Bände und zwei kürzere Erzählungen. Alle Bände schafften es auf eine oder mehrere Shortlists für diverse Krimi-Auszeichnungen.

Auf dem Blog von Ethan Jones gibt es ein kurzes Interview mit Mick Herron.

Und hier ist eine Besprechung von der Querleserin, die mich überhaupt erst aufmerksam auf diesen Agententhriller gemacht hat.

Blogbummel September 2018

Zum Einstieg

In den Weiten des Netzes zufällig über das nördlichste Bushaltehäuschen in Großbritannien auf der Shetlandinsel Unst gestolpert. Hier ein paar Artikel dazu.

Deutschsprachige Blogs

A Readmill of my Mind machte mich aufmerksam auf Lola Marsh und ihr Lied She’s a Rainbow.

Sabine von Binge Reading & More beschäftigte sich im Rahmen ihrer Hirngymnastik diesmal mit Alexander von Humboldt.

Birgit las einen Hotelroman von Vicki Baum.

Frau Lehmann liest, diesmal zum Beispiel Little Summerford.

Englischsprachige Blogs

Heavenali las Summer’s Day von Mary Bell.

Der Dauerbrenner: Was tun mit all unseren Büchern? Gefunden auf Beauty is a Sleeping Cat.

Consumed by Ink las Dear Evelyn, einen Roman von Kathy Page.

Zum Reisen, Staunen und Gucken

Bei Birgit drücken wir im Museum noch mal die Schulbank.

Nach Amrum geht es auf dem Meerblick.Blog.

In der Naehe bleiben nimmt uns mit zu einem wunderschönen Ort in Oslo.

Restless Jo lässt uns an einer faszinierenden Ausstellung teilhaben.

Um einen Radiosender für Senioren geht es auf Ingos England-Blog.

Cindy Knoke entführt uns in die Torfhäuser Islands.

Und auch bei Tish Farrell geht es um ein historisches Kleinod; hier geht es lang zu Teil 1 und hier zu Teil 2.

Mit einem ganz besonderen Beitrag, gefunden auf Von Orten und Menschen, möchte ich diesmal meinen Bummel beschließen. Maren war in einem verlassenen Dorf in Grönland und brachte eindrückliche Bilder mit zurück.

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Fundstück von Robert Seethaler

Er malte sich aus, wie es wäre, wenn jede der Stimmen noch einmal Gelegenheit bekäme, gehört zu werden. Natürlich würden sie vom Leben sprechen. Er dachte, dass der Mensch vielleicht erst dann endgültig über sein Leben urteilen konnte, wenn er sein Sterben hinter sich gebracht hatte.

Aber vielleicht hatten die Toten gar kein Interesse an den Dingen, die hinter ihnen lagen. Vielleicht erzählten sie von drüben. Davon, wie es sich anfühlt, auf der anderen Seite zu stehen. Abberufen. Eingegangen. Aufgenommen. Verwandelt.

aus: Robert Seethaler: Das Feld (2018), S. 9/10

Abgesehen von diesem Zitat habe ich mich bei diesem Buch arg gelangweilt, deswegen Lektüre vorzeitig abgebrochen, obwohl ich die zugrunde liegende Idee reizvoll fand.