Elena Ferrante: My Brilliant Friend (OA 2011; engl. Ausgabe 2012)

This morning Rino telephoned. I thought he wanted money again and I was ready to say no. But that was not the reason for the phone call: his mother was gone.
‚Since when?‘
‚Since two weeks ago.‘
‚And you’re calling me now?‘
‚My tone must have seemed hostile, even though I wasn’t angry or offended; there was just a touch of sarcasm.

So beginnt der erste Band der im englischsprachigen Ausland sehr erfolgreichen vierbändigen Reihe der 1943 geborenen italienischen Schriftstellerin, die ihre Identität bislang nicht enthüllen mochte:

Elena Ferrante: My Brilliant Friend (2012)

Das italienische Original erschien 2011 und wurde von Ann Goldstein ins Englische übersetzt. Endlich steht nun auch der Termin fest, ab dem sich das Ferrante-Fieber auch in Deutschland ausbreiten kann: Die deutsche Übersetzung aus dem Hause Suhrkamp ist für September 2016 angekündigt. Wurde aber auch Zeit…

Zum Inhalt

Was für ein geschickter Schachzug. Natürlich will ich nun wissen, wohin Lila verschwunden ist. Die über sechzigjährige Neapolitanerin ist wie vom Erdboden verschluckt, sie hat zu Hause alle persönliche Habe vernichtet, sogar ihr Bild aus Familienfotos ausgeschnitten.

Ihre Freundin reagiert auf den Telefonanruf von Lilas Sohn aber keineswegs besorgt, wie man das vielleicht erwarten würde, sondern eher verärgert. Sie kennt Lila vermutlich so gut wie keiner sonst. Ihre Freundschaft reicht zurück bis in die fünfziger Jahre, als sie als Nachbarskinder in einer armen Arbeitergegend in Neapel aufwuchsen und gemeinsam die Grundschule besuchten.

It’s been at least three decades since she told me that she wanted to disappear without leaving a trace, and I’m the only one who knows what she means. She never had in mind any sort of flight, a change of identity, the dream of making an new life somewhere else. And she never thought of suicide, repulsed by the idea that Rino would have anything to do with her body and be forced to attend to the details. She meant something different: she wanted to vanish; she wanted every one of her cells to disappear, nothing of her ever to be found. And since I know her so well, or at least I think I know her, I take it for granted that she has found a way to disappear, to leave not so much as a hair anywhere in the world. (S. 21)

Elena setzt der Absicht ihrer Freundin zu verschwinden, ihren eigenen Willen entgegen:

We’ll see who wins this time, I said to myself. I turned on the computer and began to write – all the details of our story, everything that still remained in my memory. (S. 23)

Und so liest man in diesem ersten Band Elenas Erinnerungen an ihre Kindheit und Jugend, in der ihre Freundin Lila eine ganz wichtige Bezugsperson für sie war.

Beide leben mit ihren Familien in einem heruntergekommenen Arbeiterviertel, in dem die Lebensbedingungen für alle hart sind. Doch die Frauen müssen vielleicht den höchsten Preis zahlen. Sie müssen mit zu wenig Geld große Familien durchbringen und sind von der nie endenden Arbeit erschöpft und verbittert. Wer seinen Mann verliert, muss auch die Kinder zur Arbeit schicken und putzen gehen, sich vielleicht bei dem unauffällig das ganze Viertel kontrollierenden Geldverleiher in Schulden stürzen, der vermutlich mit der Mafia in Verbindung steht.

Gewalt ist hier alltäglich und nichts Bemerkenswertes: Der Kneipenwirt prügelt mit einem schweren Stock diejenigen, die die Zeche nicht zahlen wollen oder ihren Kredit nicht zum vereinbarten Termin zurückzahlen.

Men returned home embittered by their losses, by alcohol, by debts, by deadlines, by beatings, and at the first inopportune word they beat their families, a chain of wrongs that generated wrongs. (S. 82)

Frauen und Kinder finden es normal, wenn Väter, Ehemänner und Brüder zuschlagen. Vor allem, wenn sie mit Situationen überfordert sind, wenn die Lehrerin sagt, man solle die begabte Tochter weiterhin zur Schule schicken, wenn der Nachbarjunge die Schwester berührt hat, wenn die Nachbarn ein größeres Feuerwerk an Silvester abbrennen, wenn die Schwester nicht das macht, was der Bruder will. Konfliktregelung funktioniert sowohl auf der Straße als auch in den Familien entweder mit Gewalt oder mit der Macht des Geldes.

I feel no nostalgia for our childhood: it was full of violence. Every sort of thing happened, at home and outside, every day, but I don’t recall having ever thought that the life we had there was particularly bad. Life was like that, that’s all, we grew up with the duty to make it difficult for others before they made it difficult for us. Of course, I would have liked the nice manners that the teacher and the priest preached, but I felt that those ways were not suited to our neighbourhood, even if you were a girl. (S. 37)

Dabei – und das ist das Bewegende und Faszinierende an der Geschichte – geht es hier gar nicht um den Aufguss des alten Themas „Freudlose Kindheit in  sozial benachteiligtem Milieu“, sondern um eine tiefe, unverbrüchliche und gleichzeitig problematische Freundschaft zwischen zwei Mädchen, die auch vor Neid, Eifersucht und Rivalitäten nicht gefeit ist.

Lila appeared in my life in first grade and immediately impressed me because she was very bad. (S. 31)

Nachdem sich die beiden Mädchen vorsichtig einander angenähert haben, ist das erste, was Lila tut, den wertvollsten Besitz Elenas, ihre Puppe, in einen Kellerschacht zu werfen. Doch Lila reagiert instinktiv richtig. Sie wirft Lilas Puppe hinterher und anschließend krabbeln beide in den Keller, vor dem gerade Elena ganz schreckliche Angst hat, um die Puppen zu suchen.

Lila ist also von Anfang an ganz anders als ihre brave Freundin Elena, die es liebt, von den Lehrern gelobt zu werden und die die Schule als einen sicheren Hafen empfindet. Nach einigen Wochen erlebt Elena dann den ersten Schock: Sie erfährt, dass die wilde und zügellose Lila bereits lesen kann und ihr in allen schulischen Dingen so weit voraus ist, dass sich das erst Jahre später ändern wird.

Lila ist das, was man heute wohl als hochbegabt bezeichnen würde, doch tragischerweise erlauben ihre Eltern ihr nicht, über die Grundschule hinaus zur Schule zu gehen. Dennoch kann sie noch jahrelang mit Elena mithalten, weil sie sich Bücher ausleiht und sich das selbst beibringt, was Elena in der weiterführenden Schule lernt. Selbst da ist sie ihrer Freundin meist im Stoff voraus und bringt diese gedanklich und schulisch auf Trab.

Die Geschichten der zwei Kinder sind verwoben mit den Geschichten der anderen Familienmitglieder und der übrigen Nachbarschaft. Wir lernen auch deren Träume von sozialem Aufstieg, ihre dunklen Seiten und ihre Resignation kennen. Schließlich werden die Mädchen älter und auf einem Ausflug, begleitet von den Brüdern, erkennen sie, dass es jenseits ihres Viertels noch ganz andere Stadtteile gibt.

It was like crossing a border. I remember a dense crowd and a sort of humiliating difference. I looked not at the boys but at the girls, the women: they were absolutely different from us. They seemed to have breathed another air, to have eaten other food, to have dressed on some other planet, to have learned to walk on wisps of wind. I was astonished. All the more so that, while I would have paused to examine at leisure dresses, shoes, the style of glasses if they wore glasses, they passed by without seeming to see me. They didn’t see any of the five of us. We were not perceptible. Or not interesting. (S. 192)

Junge Männer fangen an, eine Rolle zu spielen, was besonders für die charismatische Lila von Anfang an mit Problemen verbunden ist.

Fazit

Anschaulich, fein beobachtet, mit vielen Details wird hier eine Geschichte erzählt, die mich – nach leichten Startschwierigkeiten – nicht mehr losließ. Trotz oder wegen der schlichten Sprache wirkt alles sehr eindringlich, sehr lebendig.

Das Buch bietet einen interessanten, auch verstörenden Blick auf die fünfziger Jahre in einem Arbeitervierteil Neapels und eine Kindheit und Jugend, wobei ein Frauen- und Männerbild herrscht, von dem ich froh bin, nur darüber zu lesen, statt damit leben zu müssen.

Gleichzeitig nötigt es mir Respekt ab, wenn jemand wie Elena seinen Weg geht, obwohl ihm dauernd Hindernisse in den Weg geworfen werden. Und bei allen Widrigkeiten: Es ist kein bedrückender Roman, sondern ein kraftvolles, lebensbejahendes Buch, bei dem ich mir auch eine Verfilmung gut vorstellen könnte.

Besonders eindrücklich fand ich die Stelle, in der auf den Titel des Buches Bezug genommen wurde. Und wer nun wissen will, was es mit Lilas Verschwinden als ältere Frau auf sich hat, muss wohl auch die drei weiteren Bände lesen …

Anmerkungen

Elena Ferrante entzieht sich übrigens konsequent jeglicher Publicity. Niemand weiß, wer sich hinter dem Namen verbirgt, und Interviews führt sie, wenn überhaupt, nur schriftlich.

Mehr dazu und zu ihren bisherigen Büchern findet man in dem lesenswerten Artikel von James Wood – erschienen im New Yorker.

Margaret Millar: Ask for me tomorrow (1976)

It was late afternoon. As Marco dozed in his wheelchair the long lazy rays of the sun touched the top of his head and stroked the sparse grey hairs of his good arm and fell among the folds of his lap robe. Gilly stood in the doorway and watched her husband, waiting for some sign that he was aware of her presence.

So beginnt der erste von drei Kriminalromanen um den spanischstämmigen Anwalt Tom Aragon von

Margaret Millar: Ask for me tomorrow (1976)

Im Deutschen erschien das Buch unter dem Titel Fragt morgen nach mir.

Gilda Decker, in zweiter Ehe verheiratet mit dem todkranken Invaliden Marco, heuert den jungen Anwalt Tom Aragon an. Er soll ihren ersten Ehemann B. J. Lockwood finden. Der war klein, dick, freundlich, harmlos, reich – und ihre große Liebe. Doch nachdem er dummerweise vor acht Jahren ein 15-jähriges mexikanisches Hausmädchen geschwängert hatte, ist er mit diesem nach Mexiko gezogen.

Das letzte Lebenszeichen von B. J. ist ein Brief, in dem er Gilda um eine größere Summe Geld bat, um damit in Mexiko in Immobilien zu investieren. Darauf hat Gilda aber nie reagiert.

Nun gestaltet sich die Suche nach B. J. Lockwood allerdings schwieriger als gedacht und es kommt zu merkwürdigen Todesfällen, je näher Aragon der Erfüllung seines Auftrages zu kommen scheint.

Fazit

Was für ein feiner kleiner Kriminalroman von einer Schriftstellerin, die mir bisher völlig entgangen war.

Hier verbinden sich glaubhafte Charaktere (und zwar bis in die Nebenfiguren hinein), hinreißend bissige Dialoge mit Spannung und der Fähigkeit, so anschaulich zu schreiben, dass man sich direkt in einen Schwarzweißfilm mit Humphrey Bogart versetzt sieht. Selbst dass mich die Auflösung nicht  mehr wirklich überrascht hat, konnte da noch stören.

Ich werde mich unverzüglich auf die Suche nach weiteren Büchern von Millar (1915 – 1994) begeben, die 1956 den Edgar Allan Poe Award und 1983 von der Mystery Writers of America den Grand Master Award für ihr Lebenswerk erhielt.