Fundstück: Thoreau über die öffentliche Meinung, Vorurteile und den Rat der Älteren

Die öffentliche Meinung ist, mit unserer eigenen Privatmeinung verglichen, ein schwächlicher Tyrann. Das, was der Mensch von sich denkt, das bestimmt sein Schicksal oder weist ihm den Weg. Wo ist der Wilberforce, der in den westindischen Provinzen der Phantasie und Einbildung die Selbstbefreiung herbeiführt? Man denke auch nur an die Damen des Landes, die bis zum letzten Tage Zierkissen sticken, um ja nicht ein zu lebhaftes Interesse an ihrer Bestimmung zu verraten! Als ob man die Zeit totschlagen könnte, ohne die Ewigkeit zu verletzen.

Die große Masse der Menschen führt ein Leben voll Verzweiflung. Was man so Resignation nennt, ist bestätigte Verzweiflung. […] Eine stereotype, wenn auch unbewußte Verzweiflung ist selbst unter dem versteckt, was man gewöhnlich Vergnügungen und Unterhaltungen der Menschen nennt. […]

Es ist nie zu spät, unsere Vorurteile aufzugeben; auf keine Ansicht, keine Lebensweise, und sei sie noch so alt, kann man sich ohne Prüfung verlassen. Was heute jeder als wahr nachplappert oder stillschweigend geschehen läßt, kann sich morgen als falsch erweisen – als bloßer Ansichtsdunst, den man für eine Wolke hielt, welche Wiesen und Felder mit fruchtbarem Regen erquicken würde. Was alte Leute für unmöglich erklären, das probieren wir und finden, daß es gemacht werden kann. […] In Wirklichkeit haben die Alten keinen einzigen wichtigen Rat bereit, den sie den Jungen geben könnten. Ihre eigene Erfahrung war dazu viel zu einseitig; ihr Leben – aus Privatursachen, wie sie glauben – ein erbärmlicher Mißerfolg. […] Ich habe dreißig Jahre auf diesem Planeten gelebt, hätte aber noch die erste Silbe wertvollen und ernstgemeinten Rats von den Älteren zu vernehmen. […] Da ist das Leben – ein zum großen Teil von mir noch nicht ausgeführtes Experiment. Was hilft es mir, daß sie es ausführten? Wenn ich irgendeine Erfahrung gemacht habe, die ich für wertvoll halte, so hatten, ich kann mich darüber besinnen wie ich will, meine Ratgeber mir nichts davon gesagt. (S. 29/30)

H. D. Thoreau: Walden oder Leben in den Wäldern (1854)

Fundstück – passend zu Thoreau

How have we arrived, in the relatively prosperous developed world, at least, at a cultural moment which values autonomy, personal freedom, fulfilment and human rights, and above all individualism, more highly than they have ever been valued before in human history, but at the same time these autonomous, free, self-fulfilling individuals are terrified of being alone with themselves?

Sara Maitland: How to be alone, Macmillan, 2014, S. 15

Dazu passend Wenn es nur einmal so ganz stille wäre, gefunden auf Jeden Tag ein Zitat, ein Gedanke oder ein Bild.

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Fundstück: Thoreau über die Einsamkeit und das Gespräch

Ich finde es gesund, die meiste Zeit allein zu sein. Gesellschaft, selbst mit den Besten, wirkt bald ermüdend und zerstreuend. Ich bin unendlich gern allein. Noch nie fand ich den Gesellschafter, der so gesellig war wie die Einsamkeit. Wir sind meistens einsamer, wenn wir hinausgehen unter die Menschen, als wenn wir in unserm Zimmer bleiben. Der denkende und arbeitende Mensch ist immer allein, sei er, wo er wolle. Die Einsamkeit wird nicht nach den Meilen der Strecke gemessen, die zwischen uns und unsern Mitmenschen liegen. […]

Gesellschaft ist gewöhnlich billig zu haben. Wir treffen uns nach zu kurzen Zwischenräumen, als daß wir Zeit genug gehabt hätten, neuen Wert füreinander zu erlangen. Wir kommen dreimal täglich bei den Mahlzeiten zusammen und lassen den andern immer wieder von dem schimmeligen alten Käse kosten, der wir sind. Wir mußten übereinkommen, eine Reihe gewisser Regeln zu beobachten, die wir Etikette und Höflichkeit nennen, um diese häufigen Zusammenkünfte erträglich zu machen und nicht zu offenem Krieg zu kommen. Wir treffen einander auf der Post, bei ‘gesellschaftlichen Anlässen’ und am Kamin jeden Abend; wir wohnen dicht zusammengepfercht, sind einander im Weg, stolpern übereinander und verlieren, meine ich, einigermaßen den Respekt voreinander. Gewiß würde weniger große Häufigkeit für jeden bedeutenden und herzlichen Verkehr genügen. (S. 202 ff)

Eine Unbequemlichkeit empfand ich oft in meinem kleinen Haus, nämlich die Schwierigkeit, in genügende Entfernung von meinem Gast zu gelangen, wenn wir anfingen, umfangreiche Gedanken in umfangreicheren Worten auszudrücken. Man braucht Platz für seine Gedanken, um sie zum Segeln zu bringen und ein paar Schwenkungen machen zu lassen, ehe sie den Hafen anlaufen. Die Kugel des Gedankens muß ihre seitliche und ihre Prallbewegung erst überwinden und in ihre eigentliche Flugbahn  getreten sein, ehe sie das Ohr des Hörers erreicht, sonst kann sie sich eventuell wieder an der Seite seines Kopfes hinauswühlen. So brauchen auch unsere Sätze Platz, sich zu entfalten und im Zwischenraum ihre Perioden zu bilden. Individuen wie Völker brauchen angemessen breitgezogene und natürliche Grenzen, selbst einen beträchtlichen neutralen Grund zwischen einander. (S. 209)

H. D. Thoreau: Walden oder Leben in den Wäldern (1854)

H. D. Thoreau: Walden oder Leben in den Wäldern (OA 1854)

Ich zog in den Wald, weil ich den Wunsch hatte, mit Überlegung zu leben, dem eigentlichen, wirklichen Leben näherzutreten, zu sehen, ob ich nicht lernen konnte, was es zu lehren hatte, damit ich nicht, wenn es zum Sterben ginge, einsehen müßte, daß ich nicht gelebt hatte. Ich wollte nicht das leben, was nicht Leben war; das Leben ist so kostbar. […] Ich wollte tief leben, alles Mark des Lebens aussaugen, so hart und spartanisch leben, daß alles, was nicht Leben war, in die Flucht geschlagen wurde. (S. 141)

Dieses Zitat aus Walden, das zum Motto des Clubs der toten Dichter werden sollte, kennt wohl nahezu jeder. Doch Walden selbst mit seinen fast 500 Seiten habe ich erst jetzt für mich entdeckt.

Henry David Thoreau: Walden oder Leben in den Wäldern (1854)

Die Originalausgabe erschien unter dem Titel Walden, or, Life in the Woods. Die Ausgabe des Diogenes Verlages wurde von Emma Emmerich und Tatjana Fischer übersetzt.

Zum Inhalt

Lesen wir zunächst, was Thoreau selbst auf den ersten Seiten zu seinem Werk sagt:

Als ich die folgenden Seiten, oder jedenfalls den größten Teil davon schrieb, wohnte ich eine Meile weit von meinem nächsten Nachbarn entfernt in einem Haus, das ich mir selbst am Ufer des Waldenteiches in Concord, Massachusetts, gebaut hatte, allein im Walde und verdiente meinen Lebensunterhalt einzig mit meiner Hände Arbeit. Dort lebte ich zwei Jahre und zwei Monate lang. Jetzt bin ich wieder in die Zivilisation zurückgekehrt.
Ich würde meine Angelegenheiten der Aufmerksamkeit meiner Leser nicht aufdrängen, wenn nicht von meinen Mitbürgern über meine Lebensweise die genauesten Erkundigungen eingezogen worden wären, Erkundigungen so eingehender Art, daß man sie fast als unverschämt bezeichnen könnte, wenn nicht die Verhältnisse sie natürlich und angemessen erscheinen ließen. […]
Ich würde nicht soviel über mich reden, wenn ich irgend jemand anderen ebenso gut kennte. Leider bin ich durch die Beschränkung meiner Erfahrung auf dieses Thema angewiesen. […]
Ich möchte gern mancherlei sagen, weniger über die Sandwichinsulaner oder die Chinesen als über euch, die ihr diese Zeilen lest, die Bewohner von Neuengland; allerhand über eure Verhältnisse, besonders über eure äußeren Verhältnisse in dieser Welt, dieser Stadt; welcher Art sie sind, ob es notwendig ist, daß sie so schlecht sind, wie sie sind, und ob sie nicht ebenso leicht verbessert werden könnten.

Im März 1845 beginnt Thoreau sein Blockhaus im Wald zu zimmern, wo er für über zwei Jahre leben wird. Zwar macht er keinen Hehl daraus, dass er keineswegs zum Eremiten geworden ist: Fast täglich geht er ins ca. zwei Kilometer entfernte Örtchen, er erhält Besuch, die Eisenbahnlinie verläuft ganz in der Nähe und immer wieder kommt er mit Arbeitern, Baumfällern und Anglern ins Gespräch. Doch dass das Waldgrundstück, auf dem er da so vergnügt als Selbstversorger herumwerkelt, seinem Freund und Mentor Emerson gehört, das verschweigt er dem Leser dann einfach. Im September 1847 verlässt er seine Waldeinsamkeit.

Ja, und so nimmt ein Buch seinen Anfang, das sich in seiner Collage- und Assoziationstechnik schwerlich zusammenfassen lässt. Die mehr als zwei Jahre Aufenthalt im Wald werden im Buch zu einem Jahr zusammengefasst. Überhaupt dauerte es mehrere Jahre und diverse Überarbeitungen, bis das Werk zu seiner endgültigen Gestalt gefunden hatte. Thoreaus Zeitgenossen waren von diesem gesellschafts- und konsumkritischen Buch, das zur Selbsterkenntnis aufrief, wenig begeistert. Seinen Siegeszug als amerikanischer Klassiker trat es erst nach dem Tod seines Autors an.

Eine herausfordernde, mäandernde, mal ausufernde, mal faszinierende Mischung, bestehend aus philosophischen Gedankenflügen – geprägt vom Transzendentalismus -, Einkaufslisten, kluger Gesellschafts- und Konsumkritik,  naturwissenschaftlichen Experimenten, Pathos, lyrischen Landschafts- und Tierschilderungen, Anleitungen zum Bohnenanbau oder zum Bau einer eigenen Blockhütte. Nichts ist vor ihm sicher.

Dann wieder gibt es Ernährungs- und Lektürehinweise – nur das Beste lesen -, wir erfahren, wer ihn in seiner Einsiedelei besucht und wie wenig er materiell benötigt, um zufrieden zu sein. Der Autor macht sich so seine Gedanken zur Bedeutung der Natur, zum Wohnen, zur Kleidung, zum richtigen Abstand zwischen zwei Gesprächspartnern, zur Einsamkeit und zum Erwachen am Morgen. Er kritisiert unsere Gier nach “Neuigkeiten”, misst den See aus (später wird Thoreau als Landvermesser arbeiten), sinniert über das Wesen der  Gastfreundschaft und überlegt, wie ein sinnvolles Studium aussehen könnte.

… ich meine, sie sollten nicht bloß Leben spielen oder dieses bloß studieren, während der Staat sie bei diesem kostspieligen Spiel unterstützt, sondern es im Ernst leben vom Anfang bis zum Ende. Wie sollen junge Leute besser das Leben erlernen können, als indem sie sich sofort am Experiment des Lebens versuchen? […] Wenn ich zum Beispiel wünschte, daß ein Junge etwas von Kunst und Wissenschaft verstehen lernte, so würde ich nicht das allgemeine Verfahren einschlagen, welches darin besteht, ihn in die Nähe eines Professors zu schicken, wo alles mögliche doziert und geübt wird, nur keine Lebenskunst. Er lernt dort, die Welt durch ein Fernrohr oder durch ein Mikroskop, aber nie mit den natürlichen Augen zu betrachten; er studiert dort Chemie, ohne zu wissen, wie Brot gemacht wird, oder Mechanik, ohne zu wissen, wie man es verdient; er entdeckt neue Trabanten des Neptun, aber nicht den Schmutz in seinen eigenen Augen oder den Taugenichts, dessen Trabant er selber ist. (S. 87/88)

Wilde Metaphorik, Anklänge an die Bibel, Gedichtzeilen, Widersprüchlichkeiten und Zitate aus der von ihm verehrten indischen Literatur, dazu schwelgerisch ausgeführte Gedanken und Naturschilderungen gehen eine sprachmächtige Mischung ein, deren Sog man sich kaum entziehen kann.

Ein See ist der schönste und ausdrucksvollste Zug einer Landschaft. Er ist das Auge der Erde. Wer hineinblickt, ermißt an ihm die Tiefe seiner eigenen Natur. Die Bäume dicht am Ufer, welche sein Wasser saugen und in ihm zerfließen, sind die schlanken Wimpern, die es umsäumen, und die waldigen Hügel und Felsen die Augenbrauen, die es überschatten. (S. 273)

Manchmal verliere ich den Faden, manchmal langweile ich mich, manchmal widerspreche ich, doch alles in allem: einzigartig, lesenswert, nachdenkenswert. Dabei trifft einen die jugendlich anmutende Arroganz, genau zu wissen, was denn richtiges Leben sei und was in der Gesellschaft falsch läuft, manchmal ganz ohne Vorwarnung und fröhlich zwingt Thoreau einen zur Selbstbefragung, wie man denn nun selbst das “Experiment” des eigenen Lebens anzugehen gedenke.

Noch immer leben wir niedrig wie Ameisen, obgleich die Sage erzählt, wir seien schon vor langer Zeit in Menschen verwandelt worden. Wie Pygmäen kämpfen wir mit Kranichen; Irrtum häuft sich auf Irrtum und Flickwerk auf Flickwerk, und unsere besten Kräfte verwenden wir zu überflüssigen, vermeidbaren Jämmerlichkeiten. Unser Leben zersplittert sich in Kleinigkeiten. […] Einfachheit, Einfachheit,  Einfachheit! Laß deine Geschäfte zwei oder drei sein, sage ich dir, und nicht hundert oder tausend… (S. 142)
Hier geht’s lang zu einem lesenswerten Artikel von Gisa Funck auf der Seite des Deutschlandfunk.
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Blogbummel Juli 2015 – Teil 2

Noch ein zweiter Blick zurück auf einige sehens- und lesenswerte Blogbeiträge der letzten Wochen.

Grün tut gut, das zeigen die Bilder auf Through my Lens. Dazu hören wir “The Angler’s Song”, vorgetragen vom Deller Concort. Ich freue mich sehr, dass das Lied einen eigenen Beitrag auf Jeden Tag ein Zitat, ein Gedanke oder ein Bild bekommen hat.

Thinking in Fragments hat das Problem, das viele Leserinnen und Leser kennen: Bücher brauchen Platz, und der wird irgendwann eng. Doch selten wird es so nett auf den Punkt gebracht:

I was perfectly prepared to live in a house where I could hardly move for piles of books in unexpected places but, when it came to having to up my car insurance because I could no longer get my tiny little Peugeot into a reasonably large garage, I decided that something had to be done.

Allen, denen es ähnlich geht, sollten vielleicht aufhören, anderen Blogs zu folgen…

Empfehlungen auf deutschsprachigen Blogs

Herr Hund schreibt zu Vater und  Sohn unterwegs von Hedin Brú – und dazu ein Foto! Unglaublich.

Der Walfisch von Eduardo Mendoza wird uns von Günter Keil vorgestellt.

Birgit meldet sich auf Sätze&Schätze zu Im Frühling sterben von Rothmann aus ihrer sommerlichen Blogpause.

Petra kann Ein Frauenherz von Paul Bourget empfehlen.

VNICORNIS hat sich des Klassikers Licht im August von Faulkner angenommen: “Die Lektüre ernüchtert und verstört. Der Blick in die menschlichen Abgründe hinterlässt Spuren. Es ist aber immer eine offene Epik mit einem Hoffnungsschimmer.”

Muromez hat dazu passend Warum Klassiker lesen? von Italo Calvino gelesen.

Und Sabine von Binge Reading muss ich jetzt auch mal rügen: Schon wieder setzt sie mir was auf die Wunschliste, diesmal The Man Who Fell to Earth von Walter Tevis.

Geschichte

Wer geschichtlich-politisch interessiert ist, dem lege ich das 2015 erstmalig gedruckte Man möchte immer weinen und lachen in einem von Viktor Klemperer ans Herz; seine Tagebücher und Erinnerungen, die er während bzw. über die Revolution von 1919 geschrieben hat.

The Literary Sisters stellt How to be a Victorian der Historikerin Ruth Goodman vor. Dazu passt der Artikel auf Spiegel Online über die seltsame Mode der Krinoline, die tausende von Frauen das Leben gekostet hat, u. a. auch einer Schwester von Oscar Wilde.

Krimis

Da gibt es zwei ältere Schätzchen, die sich vielleicht besonders als Ferienlektüre eignen könnten, zum einen mal wieder ein Buch von Agatha Christie: Heavenali stellt Ordeal by Innocence vor und Worte und Orte erinnert an Payment Deferred von C. S. Forrester (genau, das ist der, der die Hornblower-Romane geschrieben hat).

Englischsprachige Blogs

BookerTalk stellt Fiela’s Child von Dalene Matthee vor, einer südafrikanischen Autorin (1938-2005).

Bei spanischer Literatur habe ich große Lücken. JaquiWine’s Journal hätte da eine Idee, nämlich den Roman Tristana von Benito Pérez Galdós.

Fleur in Her World stellt The Improbability of Love von Hannah Rothschild vor. Klingt nach einem echten Schmöker.

Und der Blog EmilyBooks macht uns bekannt mit  Little Boy Lost (1949) von Marghanita Laski.

Zum Reisen, Staunen und Schauen

Im nächsten Frühjahr möchte ich den Keukenhof in voller Pracht erleben. Andernfalls spielenden Füchsen zusehen, gefunden auf Christopher Martin Photography. Dort gibt es auch eine Reihe von unglaublichen Landschaftsbildern.

Deep Read war in Schottland. Das Wetter wie so oft eher bescheiden und doch, was für eine Landschaft. Dann noch rasch nach Irland und auf dem Blog Historical Ragbag die alten Rundtürme besuchen. Und dann zurück nach Großbritannien und sich im Zauber der Yorkshire Dales verlieren.

Wer’s lieber sonniger mag, der kann bei Lady Fi Óbidos in Portugal besuchen.

Und wer nach Amerika möchte, sollte sich Zeit für die Golden Gate Bridge nehmen, gefunden bei Jane Lurie Photography. Und wer weiß, vielleicht reicht die Zeit noch für Patagonien, dann könnte man sich mit einem Buch von Bruce Chatwin schon einmal einstimmen, vorgestellt auf Drittgedanke.

Und mit den folgenden Bildern verabschiede ich mich in die sommerliche Blogpause. Jetzt wird nämlich gelesen. Euch allen eine gute Zeit.

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Blogbummel Juli 2015 – Teil 1

So langsam will auch Buchpost die Sommerpause einläuten, aber vorher gibt’s noch mal einige Spring Bubbles und eine kräftige Portion Sonntagsleserin. Das dazu passende Bild zeigen die Private Readers.

Fangen wir doch gleich an mit einem hinreißenden Film über die Übersetzerin Svetlana Geier, den euch Muromez empfiehlt. Wer den Film noch nicht gesehen hat, unbedingt nachholen. Und wenn wir gerade bei Filmtipps sind: Jargs Blog erinnert an Schultze gets the Blues.

Für die Buchbastler und Upcycler unter euch ein paar Ideen auf Societybride, was man mit Büchern Dekoratives zaubern kann. Den Tipp verdanke ich den Private Readers, die uns auch gleich eine Anleitung in Deutsch anbieten, mit der man eine Buchvase basteln kann.

Derlei Basteleien wären im Mittelalter undenkbar gewesen. Die – wenigen – Bücher, die man hatte, waren so wertvoll, dass man sie u. U. auch ankettete, um sie vor Diebstahl zu schützen. Einen lesens- und sehenswerten Artikel dazu gibt es auf medievalbooks.

Empfehlungen auf deutschsprachigen Blogs

Beginnen wir mit einem Autor des 19. Jahrhunderts: Der Bücherstadt Kurier erinnert an Wilhelm Raabe und sein Werk Zum Wilden Mann.

Flattersatz stellt Das Bücherzimmer von Rosemarie Marschner vor.

Masuko13 hat Rocking Horse Road von Carl Nixon gelesen und ist sehr angetan.

So kann bzw. konnte also ein Liebesbrief klingen. Wie Musik. Gefunden bei Birgits Sätzen&Schätzen.

Mädchenmeute lautet der Titel eines Buches von Kirsten Fuchs, das die Klappentexterin begeistert hat.

Libroskop weist auf das interessante Projekt Writers No One Reads hin.

Sommerzeit

Passend zur Jahreszeit stellt Binge Reading The Summer Book von Tove Jansson vor. Und apropos Sommer, hier noch zwei Lieblingsringelnatzgedichte, Sommerfrische auf Jeden Tag ein Zitat, ein Gedanke oder ein Bild und Morgenwonne auf Sätze&Schätze.

Und auch ein Gemälde von Mary Cassatt passt da ganz trefflich – da hört man doch fast das Wasser plätschern und Gregory Porter singen – sowie die Hängematte auf FindeSatz.

Tipps auf englischsprachigen Blogs

Sarah Hall hat den Roman Haweswater geschrieben und A Fiction Habit stellt ihn vor.

Kaggsy’s Bookish Ramblings macht mich neugierig auf The Uzupis Republic von Hailji.

Zum Nachsinnen, Reisen, Staunen und Schauen

Steve McCurry zeigt mit seiner Kamera auch die fürchterlichen Seiten unserer Welt, z. B. den Irrsinn der Kinderarbeit. Da fällt mir dann auch keine Überleitung mehr ein…

Dabei ist vieles auf dieser Erde so hinreißend, wie zum Beispiel die Kolibris, die Through my Lens uns zeigt, wobei die dort gezeigten Adler für mich nicht zu toppen sind.

London wäre mal wieder toll, wie Cindy eindrucksvoll zeigt. Und direkt im Anschluss nach Dead Man’s Hill… Wer nicht so weit reisen will, kann schon mal die Zeche Zollverein besuchen. Bestimmt interessant, wie der Bericht auf KULTURFORUM zeigt.

Euch allen einen wunderbaren Morgen, wie der auf Walking with a Smacked Pentax, und einen Anfang, gefunden bei Von Orten und Menschen.

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Veit-Jakobus Dieterich: Johann Amos Comenius (1991)

Wenn man bedenkt, was für ein umtriebiger, kluger und interessanter Mensch Comenius gewesen sein muss, ist es doch erstaunlich, dass die einzige Biografie von ihm der schmale Band von Veit-Jakobus Dieterich aus der Reihe der rowohlt monografien ist (1991).

Dieterich geht kurz auf den biografischen Hintergrund ein, vor dem Das Labyrinth der Welt und das Paradies des Herzens gesehen werden muss: Comenius (*1592 in Mähren) hat 1622 seine erste Frau und kurz danach seine zwei Söhne verloren. Er musste aufgrund seiner protestantischen Überzeugung in den politisch-religiösen Wirren während des Dreißigjährigen Krieges in den Untergrund und zu allem Überfluss fiel ein großer Teil seines Besitzes noch einem Brand zum Opfer.

Die Ansicht, dass ausschließlich ein sehr nach innen gerichteter Glaube, wie er im Labyrinth der Welt als Lösung propagiert wurde, sinnvoll sei, wurde später von Comenius selbst revidiert bzw. erweitert.

Sein ganzes Leben wies Comenius darauf hin, daß Welt und Mensch in ihrer gegenwärtigen Verfassung nicht in Ordnung sind. Diesem verkehrten Wesen von Welt und Mensch stellt er in einem zweiten Schritt stets den idealen, von Gott gewollten Zustand gegenüber. Auf einer dritten Stufe betont Comenius, daß der Mensch in einer doppelten Bewegung aus seinem falschen Zustand herausgehen und sich ins richtige Verhältnis zu Gott, zu sich selbst und zur Welt setzen muß. Eine Entwicklung zeigt sich bei der Frage nach dem Weg, der vom falschen zum richtigen Zustand von Welt und Mensch führt. Hier, in den Frühschriften, verweist Comenius auf den Weg nach innen, auf den mystischen Gedanken der Welt- und Selbstentfremdung, auf die wahre Herzensfrömmigkeit. Später wird ihm die Verbesserung des gesamten Menschen und der ganzen Welt zum zentralen Anliegen, und er entdeckt an diesem Punkt eine pädagogische und politische Aufgabe. (Dieterich, S. 43 f)

Der Christ muss also auch handeln, um die Welt und die in ihr herrschenden Zustände zu verbessern. Deshalb auch Comenius’ unermüdliches Bemühen um eine kindgerechte Pädagogik. Er schrieb Schulbücher, plädierte für eine allgemeine Schulpflicht – auch für Mädchen – und wollte harschen Zwang und Angst am liebsten ganz aus den Schulen verbannen.

Das Waisenkind aus einfachen Verhältnissen wurde zu einem international hoch angesehenen Gelehrten, der im Laufe seines Lebens “ein großartiges, geschlossenes Gedankensystem ausgearbeitet” hat (Dieterich, S. 8). Comenius schrieb, philosophierte und stand im Austausch mit vielen Geistesgrößen seiner Zeit, wurde als Berater an verschiedene Höfe Europas eingeladen, nahm regen Anteil am politischen Leben, musste ins Exil, heiratete dreimal und setzte sich vehement für Frieden – auch zwischen den Religionen und Konfessionen – ein, fand Krieg bestialisch und ermahnte die Herrschenden, die Armen nicht zu unterdrücken und zu knechten. Die letzten 14 Jahre seines Lebens verbrachte er in Amsterdam, wo er 1670 starb.