Schaufensterbummel 25

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Fundstück von George Gissing

Er hätte keiner Frau der Welt volles Vertrauen entgegenzubringen vermocht. Frauen waren in seinen Augen auf ewig unmündige Wesen. Nicht daß man ihnen dabei unbedingt Böswilligkeit unterstellen mußte; sie waren einfach außerstande, erwachsen zu werden, blieben ihr Leben lang unvollkommene Geschöpfe, befanden sich ständig in Gefahr, hereingelegt zu werden und, naiv wie sie waren, vom rechten Weg abzukommen. Davon war er überzeugt; er hingegen repräsentierte den männlichen Beschützer, den Besitzer einer Ehefrau, der seit Urzeiten gewissenhaft dafür Sorge trägt, daß eine Frau nicht über das Stadium der Unreife hinauswachse. Das Erbitternde an seiner Situation lag in der Tatsache, daß er eine Frau geheiratet hatte, die darauf bestand, von ihm als Mensch betrachtet zu werden.

aus: George Gissing: Die überzähligen Frauen (OA 1893), S. 243

Fundstück von Tilman Spengler

Wir können uns einbilden, attraktiver auszusehen, wenn wir dem einen oder anderen Modehinweis folgen. Oder verlockender zu riechen. Wir können auch lernen, raffinierter zu kochen, anmutiger Treppen zu steigen oder tiefer in die Ferne zu reisen. Unsere Gesellschaft und Wirtschaft offerieren ihren Subjekten mannigfaltige Möglichkeiten, ein gefälliges Bild ihrer selbst zu entwerfen oder entwerfen zu lassen.

Aber nachdem scheinbar alles gerichtet ist, die Frisur, die Bügelfalte, die Tischblumen, nachdem der Personal Trainer fürstlich entlohnt, das Aftershave gewandt einmassiert wurde, kommt es unweigerlich zu einer Situation, auf die uns keine herkömmliche Erziehung vorbereitet hat, eine Konstellation, für die jeder brauchbare Ratgeber fehlt. Wir müssen den Mund aufmachen und ein Gespräch führen. Ein Gespräch!

Das Buch von Tilman Spengler: Sind Sie öfter hier? Von der Kunst, ein kluges Gespräch zu führen (2009) beginnt also sehr vielversprechend, aber dann breitet der Autor seine Bildungsschätze, Anekdoten und Beobachtungen vor dem Leser aus. Ich weiß jetzt, was ein Kummerbund ist und dass dieser so gar nichts mit unserem deutschen Wort Kummer zu tun hat.

Doch wirklich hilfreich ist das nicht und überhaupt auch eher unwahrscheinlich, dass ich je in die Situation komme, dies im Sinne Spenglers in einem Gespräch einfließen zu lassen.

Der Kummerbund ist eine von Männern getragene Schärpe (Leibbinde).

Wahrscheinlich brachten britische Soldaten zur Zeit der britischen Kolonialherrschaft die Schärpenmode aus Indien nach Europa: Wegen des tropischen Klimas war den Offizieren die Weste unter dem Jackett schlicht zu warm. Als Ersatz übernahmen sie die Sitte der Inder, eine Bauchbinde aus edlen Stoffen, den sog. kamarband, zu tragen. Aus Persisch kamarband (= Hüftgürtel) wurde dann phonetisch das noch heute gebräuchliche englische Wort cummerbund (auch cumberbund). Von da war es sprachlich nur noch ein kleiner Schritt zum deutschen Wort Kummerbund, das nichts mit der Bedeutung von Kummer zu tun hat.

Von Indien gelangte die neue Mode dann zunächst nach England, wo die Leibbinde in drei bis vier waagerechten Falten seit 1893 beim Abendanzug eine Alternative zur Weste darstellte. Seit etwa 1930 setzte sich der Kummerbund zum Smoking dann auch im übrigen Europa immer mehr durch.

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George Gissing: Die überzähligen Frauen (OA 1893)

‚Miss Royston war durchaus intelligent, das gebe ich zu; aber mir war schon immer klar, daß sie niemals das werden würde, was du hofftest. Ihre gesamte Freizeit widmete sie der Lektüre von Romanen. Wenn man sämtliche Romanschriftsteller erdrosseln und ins Meer werfen könnte, bestünde vielleicht eine gewisse Aussicht, die Frauen reformieren zu können. Das Mädchen triefte vor Sentimentalität, wie beinahe jede Frau, die intelligent genug ist, sogenannte ‚gute‘ Literatur zu lesen, aber nicht intelligent genug, zu durchschauen, was daran schädlich ist. Liebe – Liebe – Liebe; immer das gleiche eintönige, gewöhnliche Zeug. Gibt es etwas Gewöhnlicheres als das Ideal der Romanciers? Sie stellen das Leben nicht so dar, wie es wirklich ist; das wäre für ihre Leser zu langweilig. Wieviele Männer und Frauen verlieben sich im wirklichen Leben? Nicht mal einer von zehntausend, davon bin ich überzeugt. Nicht ein einziges von zehntausend Ehepaaren hat jemals füreinander empfunden, was zwei oder drei Paare in jedem Roman füreinander empfinden. Es gibt sehr wohl die geschlechtliche Anziehung, aber das ist etwas völlig anderes; darüber wagen die Romanschriftsteller nicht zu reden. Diese jämmerlichen Tröpfe wagen es nicht, jene eine Wahrheit auszusprechen, die von Nutzen wäre. Die Folge ist, daß eine Frau sich dann edel und großartig dünkt, wenn sie sich dem Tier am ähnlichsten verhält. Ich möchte wetten, daß diese Miss Royston irgendeine idiotische Romanheldin im Kopf hatte, als sie in ihr Verderben rannte.

So schimpft Rhoda Nunn, eine der emanzipierten Frauen in George Gissings (1857 – 1903) wichtigem Werk Die überzähligen Frauen.

Die Handlung spielt hauptsächlich im Jahre 1888, also während einer Zeit, wo die Versorgung alleinstehender Frauen nicht mehr von der Großfamilie übernommen werden konnte, aber die Frauen trotzdem noch nicht genügend auf ihre berufliche Selbstständigkeit vorbereitet waren.

Es geht um die Schicksale von fünf Frauen aus der Mittelschicht, von denen sich vier bereits seit Kindheitstagen kennen und deren Wege sich in London kreuzen. Alle fünf gehören zu den „odd women“, d. h. den überzähligen, ja geradezu überflüssigen Frauen, nämlich zu denen, die ihren Unterhalt selbst bestreiten müssen, da sie aus den verschiedensten Gründen unverheiratet geblieben sind.

Da gibt es dann die einen, die wie Rhoda Nunn und ihre Freundin Miss Barfoot nicht länger gewillt sind, die Ehelosigkeit als einen Makel zu sehen. Stattdessen betreiben sie eine Schule, an der junge Mädchen eine Büro-Ausbildung absolvieren können, um so nicht länger ausbeuterische, ungesunde und unzureichend bezahlte Tätigkeiten im Einzelhandel oder in den Fabriken annehmen zu müssen.

Gleichzeitig soll sich so das Spektrum der für Frauen zugänglichen Ausbildungsberufe erweitern, denn schließlich ist nicht jede Frau als Gouvernante oder Krankenschwester geeignet.

Aber wußten Sie, daß es in diesem unserem glücklichen Land eine halbe Million mehr Frauen als Männer gibt? […] So ungefähr schätzt man jedenfalls. So viele überzählige Frauen, die niemals einen Partner finden werden. Pessimisten halten ihr Dasein für nutzlos, vertan und vergeudet. Ich natürlich – die ich selbst eine von diesen Frauen bin – sehe das anders. Ich halte sie für eine große ‚Reserveeinheit‘. […] Zugegeben, sie sind noch nicht alle ausgebildet – davon sind wir noch weit entfernt. Ich möchte mithelfen … die Reserve auszubilden. (S. 50/51)

Im Gegensatz zu Rhoda und Miss Barfoot stehen die drei verarmten Schwestern der Madden-Familie. Monica, die jüngste und hübscheste der Schwestern, eine Ladenangestellte, sucht ihr Glück in der Heirat mit einem wohlhabenden älteren Mann, doch es dauert nicht lange, bis sie versteht, dass die finanzielle Absicherung sie kein bisschen glücklicher gemacht hat.

Die älteste, Alice, versucht mehr schlecht als recht, sich als Gouvernante über Wasser zu halten, was ihrer Gesundheit wenig zuträglich ist. Virginia hingegen sucht ihre Zuflucht in billigen Romanen und – von ihren Schwestern lange unbemerkt – in heimlicher Trinkerei.

Eigentlich hätten das spannende 400 Seiten über einen grundlegenden gesellschaftlichen Umbruch werden können, aber ich wünschte, Gissing hätte für die Niederschrift mehr als sieben Wochen Zeit gehabt, damit er den Roman insgesamt noch einmal kräftig hätte überarbeiten können.

Zu sehr verkörpern die Frauen einzelne Ideen; besonders die selbstgerechte Rhoda Nunn neigt ganz schrecklich zu aufgeladenen kämpferischen Monologen, die sich besser als Flugblatt oder Zeitungsartikel geeignet hätten. Die Beschreibungen ihrer inneren Zerrissenheit, als sie sich unerwarteterweise verliebt, waren dann allerdings oft von großer psychologischer Feinheit.

Auch die Situation der gebildeten Männer, die oft genug keine geistig ebenbürtige Partnerin finden, wird thematisiert, wobei Rhoda Nunn nicht versäumt darauf hinzuweisen, dass es ja in der Macht der Männer läge, genau diesen bedauernswerten Umstand zu ändern.

Und bei der Schilderung von Monicas Schicksal rutscht Gissing dann – nach großartigen und glaubwürdigen Szenen – am Ende ganz ins Melodrama ab, was der Glaubwürdigkeit nicht gerade zuträglich ist.

Gissing schrieb am 4. Oktober 1892 in seinem Tagebuch:

Ich habe [den Roman] sehr schnell geschrieben, aber das Schreiben war ein schwerer Kampf, so wie immer. Nicht ein Tag ohne Zanken und Lärm unten in der Küche; nicht eine Stunde, in der ich wirklich meinen Seelenfrieden hatte. Ein bitterer Kampf. (aus dem Nachwort von Wulfhard Stahl der von Karina Of übersetzten Ausgabe des Insel Verlages 1997, S. 409)

Aber vielleicht wäre es jetzt interessant, mehr über Gissing und die autobiografischen Anleihen in seinem Roman zu erfahren. An einer Stelle bezeichnet eine der männlichen Hauptfiguren Mädchen aus der Arbeiterschicht als ungebildet und verachtenswert, als „nichts weiter als ein Klumpen menschlichen Fleisches“ (S. 130). Gissing selbst flog vom College, weil er aus Liebe zu der Prostituierten „Nell“, die er später auch heiraten sollte, Mitstudenten bestohlen hatte.

Und später verfällt Nell dem Alkohol, so wie Gissings Romanfigur Virginia Madden.

Mit dem Titel Die überzähligen Frauen bezieht sich Gissing vermutlich auf den Essay Why are Women redundant? von William Rathbone Greg.

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Molly Thynne: The Draycott Murder Mystery (1928)

The wind swept down the crooked main street of the little village of Keys with a shriek that made those fortunate inhabitants who had nothing to tempt them from their warm firesides draw their chairs closer and speculate as to the number of trees that would be found blown down on the morrow.

Nach den letzten eher schwergewichtigen Büchern war mir nach Cosy Crime zumute und der neu aufgelegte erste von insgesamt sechs Krimis der britischen Autorin Mary „Molly“ Thynne (1881 – 1950) war da ein richtig guter Griff.

Der junge John Leslie kommt abends im Sturm zu seinem Farmhaus zurück, nur um dort zu seinem Entsetzen eine schöne Unbekannte im Wohnzimmer zu finden, offensichtlich erschossen. Da die Polizei die in seinem Schlafzimmer gefundene Waffe für die Tatwaffe hält und er kein Alibi vorweisen kann, muss er damit rechnen, als Täter zum Tode verurteilt zu werden.

Doch seine Verlobte, die patente Cynthia, und alle Freunde des jungen Paares, wie der kürzlich aus Indien zurückgekehrte Fayre, der väterliche Freund Cynthias, sind von der Unschuld Johns überzeugt.  Fayre betätigt sich also notgedrungen als Hobby-Detektiv und stolpert dabei schon rasch über die ersten Ungereimtheiten. Alle sind froh, den eminenten Strafverteidiger Edward Kean und dessen schwerkranke Frau zu den Freunden zählen zu können, die nichts unversucht lassen werden, die Unschuld des jungen Mannes zu beweisen. Doch welches Urteil wird die Jury beim Prozess fällen?

Ein ganz reizendes Exemplar des Cosy Crime, und das, obwohl ich – zum ersten Mal – schon nach dem ersten Viertel den Täter zweifelsfrei identifiziert hatte. Doch die Handlung schlägt noch diverse Haken, es gibt dezenten Humor und die Charaktere sind durchaus als eigenständige Personen gezeichnet.

Eine Verfilmung wäre nett.

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Fundstück von Nathaniel Hawthorne

Das häusliche Leben kennt kaum angenehmere Aussichten als einen hübsch gedeckten, wohlversehenen Frühstückstisch. Wir treten unverbraucht, in der taubenetzten Frische des Tages hinzu, wenn die Harmonie des Geists und der Sinne am größten ist und ein kräftiges Morgenessen ohne übertriebene Bedenken wegen des Magens oder des Gewissens genossen werden kann, selbst wenn wir damit unserem animalischen Wesen etwas zu sehr frönen.

aus: Nathaniel Hawthorne: Das Haus mit den sieben Giebeln (OA 1851), übersetzt von Irma Wehrli, Manesse Verlag 2014

Michael Roes: Zeithain (2017)

Ich heiße Philip Stanhope, wie mein Großvater, der letzte Graf von Chesterfield, mein Ururgroßvater, Admiral der Royal Navy, und mein Ururururgroßvater, jener junge missratene Philip Stanhope, unehelicher Sohn des gleichnamigen Vaters, Vierter Graf von Chesterfield, der seine berühmten, doch letztendlich vergeblichen „Briefe an seinen Sohn über die anstrengende Kunst, ein Gentleman zu werden“ an ebendiesen Philip Stanhope adressiert hat. Nicht nur die Namensgleichheit, auch die unehelichen Verhältnisse durchziehen meine Genealogie wie ein misstönendes Leitmotiv.

So beginnt Michael Roes‚ Annäherung an die historische Person Hans Hermann von Katte (1704-1730).

Dabei versetzt sich Roes traumwandlerisch intensiv und vermutlich exzellent recherchiert in seine Hauptperson Katte, schildert seine eher freudlose Jugend als Sohn eines adligen Soldaten, der alle weicheren Regungen verabscheut und sie auch seinem Sohn verbietet. Der Sohn wird auf dem heimischen Gut in Wust nach den gleichen Prinzipien wie die Hunde des Gutsherrn erzogen: Der geringste Ungehorsam wird mit brutalen Prügelorgien geahndet. Wann immer möglich hält er sich bei den Dienstboten oder bei seinen bäuerlichen Spielkameraden auf. Nur beim Großvater in Berlin findet er Förderung und Zuneigung.

Frühe Kindheitserinnerungen haben etwas Mythisches. Da der Erinnernde nicht mit Gewißheit sagen kann, was sich wahrhaftig ereignet und was die Phantasie hinzugedichtet, das Hörensagen ergänzt und die Zeit verschönert oder verfälscht hat, muß man wohl das Erzählte als das einzig Wahrhaftige hinnehmen. (S. 89)

1717 bis 1721 besucht der junge Adlige das Pädagogium des Pietisten August Hermann Franke in Halle. Dort findet er schließlich Freunde, ist aber unglaublich angeödet vom begrenzten Horizont seiner Lehrer. Anschließend studiert er in Königsberg und Utrecht und unternimmt eine ausgedehnte Kavaliersreise, die ihn u. a. bis nach Paris führt.

1724 tritt er auf Geheiß des Vaters in das Kürassierregiment Gens d’armes von Friedrich Wilhelm I, dem Soldatenkönig, ein. Das Unglück nimmt seinen Anfang, als die Beziehung Kattes zu Friedrich Wilhelms Sohn, dem Kronprinzen Friedrich, der acht Jahre jünger ist als Katte, immer intensiver wird.

Der Kronprinz wird ständig von seinem Vater schikaniert, überwacht, gedemütigt, verprügelt und abgrundtief verachtet, hegt der Sohn doch so unsoldatische und „weibische“ Interessen wie die Musik. Schließlich hält es der Prinz nicht mehr aus und will von Zeithain ins Ausland fliehen, dabei bittet er seinen einzigen Freund Katte um Hilfe.

Dieser rät von der Flucht ab, doch letztendlich will er seinen Freund nicht im Stich lassen. Der Kronprinz wird gefasst und man kann Katte nachweisen, dass er von den Fluchtplänen wusste. Dafür und dafür dass man ihn verdächtigt, homosexuelle Beziehungen zum Kronprinzen unterhalten zu haben, wird er vors Kriegsgericht gestellt.

Der König zwingt seinen Sohn, zuzuschauen, wie Katte seinen letzten Weg zum Schafott antritt.

Diese trockene Auflistung der Fakten (schon der Klappentext verrät auch dem geschichtsunkundigen Leser, wie es ausgeht) kann diesem Trumm von einem Buch mit seinen ca. 800 Seiten) natürlich nicht gerechtwerden.

Mir bleibt viel Zeit zum Lesen und Musizieren und, ich werde es nur Ihnen, liebe Tante, unter dem Siegel größter Verschwiegenheit gestehen, zum Dichten. Ich höre Ihren Entsetzensschrei, und Sie haben ja vollkommen recht, nichts sollte einem das Dichten so verleiden wie die Flut vorgeblicher Werke, die Europa überschwemmt. Der Mißbrauch, den man mit der geistvollen Erfindung der Buchdruckerkunst treibt, verleiht vor allem unseren Dummheiten ewiges Leben. (S. 111)

Roes gelingt es, über weite Strecken so intensiv und emphatisch zu erzählen, dass man geneigt ist dem Ich-Erzähler Katte alles zu glauben, selbst wenn in der Forschung die These von der Homosexualität des Kronprinzen umstritten ist, selbst wenn es Episoden gibt, die ich zumindest auf die Schnelle nicht durch Internetrecherche belegen konnte, wie z. B. die medizinischen Versuche an den Internatszöglingen.

Nein, in Wahrheit  erfreue ich mich meiner Einsamkeit nicht, im Gegenteile legt sie sich wie ein schwarzer, giftiger Schatten über meine Seele. Eigentlich bin ich kein übellauniger Mensch. Aber die Erfahrung lehrt, daß gerade diejenigen, welche sehr lebhafte Leidenschaften und eine empfindsame Natur haben, deren Einbildungskraft leicht gereizt und deren Gefühle schnell erschüttert sind, am raschesten und heftigsten der üblen Schwermut ausgesetzt sind.

Da ihre Phantasie oft ohne ihren Willen selbst die größte Kleinigkeit so schnell zu einer Riesengröße zu erheben weiß, so ist es begreiflich, warum empfindsame Menschen, wie ich einer bin, selbst bei einem guten und richtigen Verstande sich oft am wenigsten in der Gewalt haben, sobald sie von ihrem Gemüte, sei es heiterer und trauriger Natur, überfallen werden. (S. 317)

Besonders die Kindheit und die Jahre im Internat brennen sich dem Leser ein. Da kann es bei den Prügelstrafen schon einmal zu gebrochenen Knochen kommen.

Ausreißer und Arbeitsverweigerer werden besonders hart bestraft. Schläge, kahlgeschorene Köpfe, Essensentzug, Karzer. Die Inspectoren nennen diese Zellen „Besinnungsräume“: Ein enges, dunkles und im Winter eisiges Verlies mit einem Sitzbrett und einem stinkenden Kübel für die Notdurft. (S. 176)

Danach wird man „Preußentum“ und „preußische Tugenden“, immer hübsch mit einem aus der Religion hergeleiteten Absolutheitsanspruch verbrämt, noch einmal mit ganz anderen Assoziationen verbinden. Und man wird sich natürlich auch fragen, wie derlei Werte und Verhaltensnormen (blinder Gehorsam, Prügelstrafe, Härte, Unterdrückung der Sexualität und jeglichen kritischen Denkens) in der deutschen Geschichte weitergewirkt haben.

Es sind oft die scheinbar beiläufigen Beobachtungen, die den Roman so reich machen, wie sie beispielsweise während Kattes Internatszeit zum Tragen kommen:

Der Schulordnung gemäß dürften wir nicht einmal über unseren Unterricht sprechen, denn wir Schüler könnten ja „raisonieren wie die Heiden“. Außerdem werden wir angehalten, den Lehrern regelmäßig übereinander Auskunft zu geben, was nicht gerade der ungezwungenen Rede förderlich ist. (S. 172)

Oder die Regel, dass die Jungen im Schlafsaal selbst im Winter und bei Minustemperaturen mit den Händen auf der Decke schlafen mussten, damit der wachhabende Lehrer sofort sehen konnte, ob sich da etwa jemand selbst befriedigen wollte. Da gehen die Verbindungslinien direkt bis zu dem Prozess um den Hauslehrer, der 1903 seinen Schützling totgeschlagen hat.

Auch die Sprache passt sich dem meist wunderbar an. Trotz einiger überbordender Metaphern und einiger Stellen, an denen man den Eindruck hatte, dass einem Geschichtsbuchwissen referiert wurde.

Graf Brühl […] besitzt zweihundert Paar Schuhe, achthundert gestickte Schlafröcke, fünfhundert Anzüge, hundertzwei Uhren, achthundertdreiundvierzig Tabatieren, siebenundachtzig Ringe, siebenundsechzig Riechfläschchen, neunundzwanzig Kutschen und tausendfünfhundertsiebenundsechzig Perücken. Zu jedem Anzuge gehört eine besondere Uhr, eine spezielle Tabakdose und ein ausgewählter Degen. Wieso die Welt über dergleichen Bagatellen so gut Bescheid weiß?  Alle Gewänder sind in einem Buche aufgemalt, das ihm täglich zur Auswahl vorgelegt wird. Darüber hinaus besitzt er mehr Mätressen als Verstand. (S. 666)

Als ausgesprochen langatmig habe ich allerdings die Beschreibung der Kavaliersreise empfunden, da wurden die Stationen brav aberzählt, aber mir war’s herzlich gleichgültig, wo Katte sich gerade aufhielt.

Gänzlich überflüssig fand ich die Rahmenhandlung, in der sich der junge Philip Stanhope, selbstverständlich ebenfalls mit problematischer Vaterbeziehung, nach dem Fund einiger alter Familienbriefe auf die Reise macht, um herauszufinden, ob an den historischen Orten, an denen Katte gelebt hat, noch Spuren der Geschichte zu finden sind.

Andreas Kilb schreibt in der FAZ:

Aber Roes beschränkt sich nicht darauf, Stanhope auf Kattes Spuren zu schicken, er halst ihm zusätzliche allegorische Aufgaben auf. Stanhope ist Epileptiker und ebenfalls homosexuell. Das Laken, das er in seinem Hotel über Nacht vollgeblutet hat, dreht er den ahnungslosen Berlinern als Kunstwerk an. Im Tiergarten fallen ihm ein neugeborener Kojote und ein Engel-Embryo vor die Füße, die er mütterlich aufzieht. In einem Krankenhaus trifft er einen Arzt, mit dem sein Vater einst als britischer Besatzungssoldat sein Coming-out erlebte. Und zuletzt wächst Stanhope auch noch eine zweite Zunge. Offenbar hat Roes in dieser Figur alle Einfälle begraben, die ihm beim Nachdenken über Katte und Friedrich gekommen sind. Er hätte es besser gelassen.

Derlei surreale Einsprengsel haben nichts daran geändert, dass Philip für die Geschichte im höchsten Maße entbehrlich blieb, doch leider tritt er immer wieder auf, bis sich seine Spuren dann im Nichts verlieren.

Die Reflexionen, die Roes seinem Erzähler Stanhope in den Mund legt, hätten mich vermutlich mehr interessiert, wenn sich der Autor selbst als Spurensucher zu erkennen gegeben hätte.

Gibt es das, einen Entdeckungsreisenden, der nicht mit den Fremden ins Gespräch kommen will, sondern es vorzieht, über seinen Gegenstand zu meditieren, statt zu kommunizieren, ein mystischer Völkerkundler sozusagen, ein reisender Trappist, ein Eremit im ethnologischen Feld?

Vielleicht ist diese Haltung nicht ganz so widersinnnig, wie sie auf den ersten Blick scheint. Denn es dürfte kaum einen vernünftigen Menschen geben, der die fortschreitende Erosion der Verbindung zwischen den Zeichen und den Dinge noch in Zweifel zöge. Tatsächlich meditiere ich über die Dinge, weil ich immer weniger weiß, was ich von ihnen halten soll und mir die naheliegenden Wörter für sie immer fragwürdiger erscheinen. Während ich sie betrachte, verändern sie sich, so wie meine Betrachtung sie verändert. Noch weiß ich nicht, wie das alles enden, wie das alles für mich enden wird. (S. 121/122)

Zarte Gemüter sollten sich durch die ersten Seiten, auf denen gefühlte 500 Namen mitsamt ihrer Abstammung vor dem Leser ausgebreitet werden, nicht abschrecken lassen. Sie tun nichts zur Sache bei diesem fulminanten, melancholischen Ausflug ins Preußentum.

Wie spricht man aufrichtig von sich selbst? Ein hoffnungsloses Ringen, zwischen Strenge und Eitelkeit eine Brücke zu schlagen. Entweder endet dieser Kampf im Wahnsinn oder im Verstummen. (S. 583)

Sechsundzwanzig Jahre habe ich gelebt, und schon ist alles darüber gesagt. Im Wochenbett ist bereits das Sterbebett aufgedeckt. Warum strampeln wir uns in der kurzen Zwischenzeit so heroisch ab, als könnten wir die Welt retten?

Niemand wird in dieser kurzen Zeit je das sein können, was er hätte sein sollen. Ganz gleich, wie lang sie dauert, am Ende wird es immer eine Zeit des Versagens gewesen sein. – Am besten ist es, man hält sich aus allem heraus. Während das Glück dich anlächelt, spannt es schon den Hahn. (S. 761)

Hier geht’s lang zu einem Interview mit dem Autor und eine weitere Besprechung findet man auf lustauflesen.de.

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