Ilja Leonard Pfeijffer: Grand Hotel Europa (OA 2018)

Ein Roman von über 500 Seiten von einem Dichter und Autor, der mal wieder zeigt, dass aus den Niederlanden faszinierende, freche und unbekümmert kluge Bücher kommen. Ins Deutsche übersetzt wurde das Werk des überaus erfolgreichen Pfeijffer (*1968) von Ira Wilhelm.

Im Spiegelkabinett zwischen Realität und Fiktion erzählt hier ein Schriftsteller  namens Ilja Leonard Pfeijffer in der Ich-Form, wie er sich nach großem Liebeskummer in das altehrwürdige und ein wenig aus der Zeit gefallene Grand Hotel Europa einmietet, das gerade von einem chinesischen Investor übernommen wurde und dementsprechend langsam umgemodelt wird, um mehr Gäste aus China anzulocken. In dieser Abgeschiedenheit will er schreibenderweise verstehen, was ihn in seine jetzige Lage gebracht hat. Der Kummer gilt der Dame seines Herzens, einer betörend schönen italienischen Kunsthistorikerin, die er in Genua, wo er schon seit Jahren lebt, kennengelernt hat.

Ich musste alles präzise aufschreiben, obwohl mir klar war, dass der Drang, es zu erzählen, um es mit Aeneas‘ Worten an Dido zu sagen, den Verdruss wieder auffrischen würde. Es gibt kein Ziel ohne Klarheit darüber, von wo man aufgebrochen ist, und keine Zukunft ohne eine deutbare Version der Vergangenheit. Ich kann besser nachdenken, wenn ich dabei ein Schreibwerkzeug in Händen halte. Tinte klärt. Nur durch das Schreiben bringe ich meine Gedanken unter Kontrolle. Das war meine Aufgabe. Deshalb war ich hier.  Aufschieben war zwecklos. (S. 15)

Und so flanieren wir mit dem kunstbewanderten (und manchmal auch arg chauvinistischen) Erzähler und seiner Partnerin in der Vergangenheit durch Genua und Venedig, Orte, die wunderbare und geschichtssatte Bühnen für ihre temperamentvolle Liebesgeschichte bieten.

Wir lernen aber auch die anderen Hotelgäste kennen, z. B. die Amerikanerin Jessica, die „ein langes schwarzes Kleid in den Dimensionen einer Schutzhaube für einen mittelgroßen Lieferwagen“ trug, sowie ihren Mann, der sich für das „Schlichte entschieden“ hatte:

breite braun-beige Krawatte zu grau-blau kariertem Hemd und farblich passendem braun-grün kariertem Jackett mit sportlichen Wildlederapplikationen an den Ellbogen. Er sah aus wie ein Jagdaufseher bei einem Benefizabend zur Bewahrung der Biberbaue. (S. 279]

Dazu kommen noch der Majordomus des Hotels, Herr Montebello, und der Page Abdul, ein geflüchteter junger Mann, der nichts lieber täte, als seine Vergangenheit zu vergessen. Während der Schriftsteller die ein oder andere Zigarette mit Abdul raucht, entlockt er ihm dabei dann doch nach und nach seine Geschichte, die wiederum einige Überraschungen birgt.

Obwohl ich hierhergekommen war, um in meiner eigenen jüngeren Vergangenheit Ordnung zu schaffen, indem ich auf dem Papier rekonstruierte, welche Kette von Ereignissen dazu führte, dass ich mir diese Aufgabe auferlegte, und obwohl ich mich gerade deshalb für das Grand Hotel Europa als Aufenthaltsort entschieden hatte, weil ich kaum erwartete, dass hier etwas geschähe, was mich von der gewissenhaften Erledigung meiner Aufgabe ablenken könnte, beeindruckte mich die Geschichte von Abduls jüngerer Vergangenheit so sehr, dass ich mich dazu verpflichtet fühlte, sie aufzuschreiben. Ich konnte nur mit großer Mühe den Gedanken verdrängen, dass meine Geschichte verglichen mit seiner eitel und nichtig war. Meine einzige Entschuldigung dafür, so viel Zeit und Energie auf die Wiederaufführung eines Luxusdramas zu verwenden […], bestand darin, dass es sich bei dem Luxusdrama nun mal um meine Geschichte handelte und dass sie mich aus diesem Grund stark berührte. Doch Abduls Geschichte werde ich ebenfalls erzählen. Alle Schriftsteller Europas sollte die Geschichten aller Abduls erzählen. (S. 75/76)

Darüber hinaus geht es um die letzten Gemälde des Malers Caravaggio, das Schicksal von ertrunkenen Schiffsflüchtlingen und eine seltsame Crew aus Holland, die überlegt hatte, mit dem berühmten Schriftsteller einen Film über die verschiedenen Spielarten des Tourismus zu drehen. Doch wenn das nicht zustände käme, könne man das Material ja immer noch für einen Roman verwenden.

In all diese Handlungsfäden hinein verwoben sind verschiedene Themenkomplexe, zu denen sich der Erzähler so seine Gedanken macht. Auch in den diversen Dialogen spielen diese Aspekte immer wieder eine wichtige Rolle. Sei es der überall in Europa erstarkende Rechtspopulismus, die Notwendigkeit, uns Geschichten zu erzählen, oder die Überlegungen dazu, was Europa eigentlich ausmacht. Hat das ideale Europa der Kunst, der Kultur, der Philosophie überhaupt noch eine Zukunft oder wird es allmählich zum künstlichen und letztlich austauschbaren Spielgarten asiatischer und arabischer Konsumgelüste? Stichworte wie die Verramschung von Venedig und Amsterdam, die an ihrer eigenen Schönheit und den dadurch angelockten Massen zu ersticken drohen, die Immobilienhaie oder die megalomanen Pläne einer Außenstelle des Louvre in den Arabischen Emiraten sind nur einige der weiteren Aspekte.

Eng damit verbunden sind die Fragen nach den Ursprüngen des Reisen und was genau der moderne Tourist eigentlich sucht und selten findet. Der Tourist ist für den Erzähler eine höchst ärgerliche Herdenfigur der Globalisierung, grundsätzlich miserabel gekleidet, respektlos, infantil und gierig, die eigentlich nichts anderes tut, als zum Absaufen von Venedig und dem Verlust von Authenzität beizutragen, von der Kunst, die er sich anschaut, keine Ahnung zu haben, und den Einheimischen im Weg zu stehen.

Man sieht sich die Mona Lisa in echt an, weil man die Erfahrung machen will, die Mona Lisa in echt gesehen zu haben. Walter Benjamin nennt das die Aura des Kunstwerks. Nicht das Kunstwerk selbst ist der Sinn und Zweck seiner Betrachtung, sondern die Erfahrung von dessen Nähe, am besten besiegelt mit einem Foto oder einem Selfie. Der Besuch der Mona Lisa im Louvre führt zu keinen tieferen Einsichten, zu keinem ästhetischen Genuss oder Vergnügen, auch gerührt ist man nicht durch den Anblick, sondern man ärgert sich nur über die anderen Touristen. […] Wir wollen uns das berühmte Kunstwerk für einen Moment durch unsere Anwesenheit aneignen. Das ist der einzige Zweck  hinter dem Besuch. Dann machen wir auf unserer Liste ein Häkchen. Wir können sagen, wir haben die Mona Lisa gesehen. (S. 108)

Und wenn Europa so sehr an der angeblich idealen Vergangenheit klebe und keine Vision einer Zukunft entwickele, könne es auch nicht angemessen auf die Ankunft von Flüchtlingen reagieren, die vor allem an der Zukunft interessiert sind. Dabei stellten gerade sie eine Chance für den alten und müden Kontinent dar.

Es ist großes Kino, wie leicht Pfeijffer diese verschiedenen Stränge miteinander verknüpft. Die Figuren sind in aller Überzeichnung so lebensecht, die Beschreibungen und Dialoge so bissig auf den Punkt gebracht, dass ich mich mit Freude – jedenfalls fast immer – durch die Seiten gepflügt habe.

Eine Erzählstimme, die mal missmutig, snobistisch, gelehrt, melancholisch, dann wieder polemisch, zynisch, boshaft, dozierend, selbstironisch, urkomisch und auch ein bisschen arrogant und größenwahnsinnig ist.

Vor allem aber wird man danach die Austauschbarkeit der meisten Hotelzimmer und die immergleichen Plastik-Souvenirshops kaum noch ertragen, niemals Backwaren mit Nutella in Amsterdam kaufen und vermutlich nie wieder so auf Reisen gehen wie zuvor.

Und man wird eine Ahnung, eine Idee von Europa bekommen, die erstrebenswert, wunderschön, idealistisch-verklärt und gleichzeitig utopisch ist und für die es doch, wenn man dem Ich-Erzähler glaubt, vielleicht schon zu spät ist.

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Fundstück von Karl-Markus Gauß

Das Warten ist die unmerkliche Bewegung des Todes. Immer warten wir auf etwas, auf die Mittagspause, das Wochenende, den Besuch der Kinder, die Beförderung, den Urlaub, das Ende des Urlaubs, die Pensionierung, und darüber werden wir alt und sterben wir.

aus: Karl-Markus Gauß: Abenteuerliche Reise durch mein Zimmer, Unionsverlag 2020, S. 28

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Miss Read: Village School (1955)

Mit großem Vergnügen schmökere ich mich gerade durch die Reihe um die Erlebnisse einer englischen Dorfschullehrerin, geschrieben von Dora Jessie Saint (1913 – 2013), deren Künstlername auf dem Geburtsnamen ihrer Mutter beruht. In den Neunzigern wurde diese charmante Reihe auch ins Deutsche übertragen. Der erste Band erschien unter dem Titel Dorfschule.

Saint hat selbst Jahrzehnte lang unterrichtet, was man den Büchern anmerkt. Sie bieten Entspannung, viel Idylle, eine sehr überschaubare und (fast) heile Welt, wobei das Unschöne und menschlich Verwerfliche allerdings nicht völlig ausgespart werden. Es gibt vernachlässigte Kinder, untreue Ehemänner und den Vater, der seine Familie verprügelt und dem Nachbarn die Hühner stiehlt.

Doch meist ist das Aufregendste, dass jemand neu ins Dorf zieht, der Kirchenchor einen Ausflug unternimmt oder sich ein Junge auf dem Schulhof verletzt und die anderen brüllen, er sei bestimmt tot, ganz bestimmt, sich die Verletzung aber glücklicherweise nur als oberflächlicher Kratzer herausstellt. Oder wenn die Katze eine Ratte mit ins Haus bringt, die im Gegensatz dazu leider doch noch nicht tot ist.

Gleichzeitig hat Miss Read aber einen klaren Blick auf eine Gesellschaft im Umbruch: Viele können sich die Reparaturen ihrer Strohdächer, bei denen die Städter immer ins ahnungslose Schwärmen geraten, nicht mehr leisten. Die ersten kleinen Dorfschulen werden bereits geschlossen, mehr und mehr Leute ziehen in die Stadt, wollen keine „schmutzige“ Arbeit mehr verrichten und verlieren so den Bezug zu ihrer Herkunft und ihrer Hände Arbeit.

Und es liest sich durchaus interessant, wie doch vor gar nicht langer Zeit der Unterricht in so einer Dorfschule aussah. Was für ein Rundumpaket die Lehrerinnen liefern mussten, um für ihre Klasse – die ja immer mehrere Jahrgänge umfasste – die Grundlagen im Lesen, Schreiben, Rechnen, Naturkunde, Religion, Musik und Sport zu legen, und zwar so ganz ohne mediale Unterstützung.

Dazu erledigten sie die komplette Bürokratie, teilten das angelieferte Mittagessen aus und schlugen sich mit Beamten der Schulaufsichtsbehörde herum, die nun ganz dem neuen Zeitgeist folgend der Meinung waren, dass es nicht gut sein könne, wenn einige Kinder schon mit fünf Jahren fließend lesen könnten. Und da erstaunt es dann doch, wie miserabel die Bezahlung und die spätere Höhe der Rente war. Zwischenduch war ich verblüfft, wie aktuell sich manches las.

There has been much discussion recently on the methods of marking compositions. Some hold that the child should be allowed to pour out its thoughts without bothering overmuch about spelling and puntctuation. Others are as vehement in their assurances that each word misspelt and incorrectly used should be put right immediately. (S. 117)

Las sich der erste Band streckenweise noch zu sehr nach sozialem Kommentar, hat sich die Autorin ab dem zweiten Band freigeschrieben. Es macht Spaß, ihre Kämpfe mit der grimmigen Putzfrau der Schule, ihrer dominanten Freundin oder mit der neuen Hilfslehrerin mitzuverfolgen, die sehr theoretische Ideen zur Kindererziehung mitbringt. Neben den Vorkommnissen in der Schule sind der Wechsel der Jahreszeiten, die Dorfgemeinschaft mit ihrem allgegenwärtigen Tratsch und Klatsch und das Eingebettetsein in Traditionen und Feste wichtige Themen.

Die Ich-Erzählerin zeichnet ein bodenständiger, liebevoller, oft auch ironischer und sehr genauer Blick auf sich, die ihr anvertrauten Kinder und ihre Mitmenschen aus, der viel Vergnügen macht. Ihre Bücher sind keine Axt für das angeblich gefrorene Meer in uns, sondern eher eine Einladung zum Innehalten, Teetrinken und Pausemachen. Zum gelasseneren und entspannteren Blick.

Miss Gray and I had spent a long singing lesson picking our choir. This was not an easy task, as all the children were bursting to take part, but Miss Gray, with considerable tact, managed to weed out the real growlers, with no tears shed.

‚A little louder,‘ she said to Eric, ’now once again,‘ and Eric would honk again, in his tuneless, timeless way, while Miss Gray listened solemnly and with the utmost attention. Then, ‚Yes,‘ she said in a considering way, ‚it’s certainly a strong voice, Eric dear, and you do try: but I’m afraid we must leave you out this time. We must have voices that blend well together.‘

‚He really is the Tuneless Wonder!‘ she said to me later, with awe in her voice. ‚I’ve never known a child quite so tone-deaf.‘ I told her that Eric was also quite incapable of keeping in step to music; the two things often going together. Miss Gray had not come across this before and was suitably impressed. (S. 109)

Und wenn die ersten warmen Sommertage kommen, dann ist es ausnahmsweise auch in Ordnung, wenn man den Kindern am Nachmittag The Wind in the Willows vorliest oder Schüler und Lehrerin mal viel mehr tagträumen, als ganz fürchterlich viel zu schaffen. Falls man nicht ohnehin gleich eine spontane Wanderung durch die Felder und Wälder der Umgebung unternimmt, bei der man so schon wieder Anschauungsmaterial für die nächste Naturkundestunde sammeln kann.

Wem das zu viel Schule ist: Die Autorin hat noch eine zweite Reihe um die Bewohner des fiktiven Dorfes Thrushcross Grange geschrieben. Auch die eher nostalgisch geprägt und ziemlich weit weg von den modernen Tendenzen der Literatur nach dem Zweiten Weltkrieg. Aber niemals süßlich, niemals platt, dafür konnte Miss Read viel zu gut, zu witzig und zu anschaulich schreiben. Die Leserinnen danken es ihr bis heute.

The book, of which I had read such glowing reports, I hurled from my bed of pain about 11 a.m., when the heroine – as unpleasant a nymphomaniac as it has been my misfortune to come across – hopped into the seventh man’s bed, under the delusion that this would finally make her (a) happy, (b) noble and altruistic, and (c) interesting to her readers. Could have told the wretched creature by page 6, that, spinster though I am, this is not the recipe for happiness. (Village Diary, S. 22)

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Maile Meloy: Bewahren Sie Ruhe (OA 2017)

Die amerikanische Originalausgabe erschien 2017 unter dem Titel Do not become alarmed. Ich bin überrascht über die vielen positiven Besprechungen, die mir – freundlich ausgedrückt – etwas einseitig vorkommen.

Der Roman über die völlig aus dem Ruder laufende Kreuzfahrt zweier befreundeter amerikanischer Familien in Südamerika – die Frauen sind Cousinen – ist zwar spannend, keine Frage. Aber gleichzeitig ist er überfrachtet mit Unwahrscheinlichkeiten und Thrillerelementen.

Während die zwei Mütter mit ihren Kindern an einem Landausflug teilnehmen, die Väter sich beim Golfspielen vergnügen, passiert das Unglück: Die eine Mutter döst ein, die andere spaziert mit dem attraktiven Reiseführer ein paar Meter in den Wald. Niemand bemerkt, dass die spielenden Kinder, die auf dem Fluss mit einem selbst gebastelten Floß spielen, mit der Flut ins Landesinnere getrieben werden. Nachdem sich die Kinder an Land gerettet haben, beschließt der älteste Junge zurückzuschwimmen. Das Krokodil am Flussufer sieht er nicht.

Die anderen Kinder, eines davon Diabetiker, machen sich auf den Weg ins Landesinnere und hoffen, jemanden zu treffen, der sie zu ihren Eltern und zum Schiff zurückbringt. Dummerweise begegnen sie dabei Drogenhändlern, die einen ihrer Kuriere im Urwald verscharren. Und so entspinnt sich zum einen die Odyssee der Kinder, die um ihr Überleben kämpfen, und zum anderen die verzweifelte Suche der Eltern, die mit Bürokratie, fremder Kultur, Schuldgefühlen, Vorwürfen und bodenloser Verzweiflung zu kämpfen haben. Spannend, wie gesagt, man will wissen, wie dieses Drama ausgeht, und immer wieder schimmert das ernsthafte Anliegen des Erzählers durch, uns zu zeigen, wie fragil unser so vermeintlich sicherer Alltag ist. Ein einziger Moment auf einer Kreuzfahrt, die doch gerade der Luxus-Erholung und dem Vergnügen dienen sollte, reicht aus und nichts mehr ist so, wie es war und wie es sein sollte.

‚Weißt du, ich hab den Eindruck, wir haben die ganze Zeit in so einer komischen Blase gelebt, in der es völlig undenkbar war, dass man sein Kind verliert. In Wirklichkeit passiert das allerdings ständig, jeden Tag, überall auf der Welt, schon seit Menschengedenken, und die Leute leben einfach weiter. Sie können sich ja schlecht auf den Boden legen und einfach nur noch schreien.‘

Aber was neben den überflüssigen Thriller-Mätzchen die Lektüre streckenweise zu einer Last gemacht hat, war die Sprache. Das klang nicht rund, nicht geschmeidig, eher so, als ob sich die Autorin dauernd überlegt hätte, was ihre Hauptfiguren jetzt wohl mal denken und sagen könnten. Es stellt sich die Frage, wie viel davon möglicherweise auch auf das Konto der Übersetzerinnen geht, denen beispielsweise der Unterschied zwischen Reliquie und Überbleibsel nicht klar zu sein scheint. Als einer der Väter sich Vorwürfe macht, heißt es in der Übersetzung:

Aber so war es nicht gewesen. Stattdessen war er mit Gunthers Freund, dieser Kolonialismusreliquie, zum Golfplatz gefahren. Benjamin hatte sich im Auto mit Sonnencreme eingeschmiert, Raymond hatte dankend abgelehnt und sich einen Sonnenbrand geholt. Dämlich. (S. 175)

Im Original steht aber:

But that wasn’t what had happened. Instead, he’d gone golfing with Gunther’s friend, that colonial relic, Benjamin had slathered up with sunscreen in the car, smearing it over his face. He’d offered the bottle, but Raymond had turned it down, and wound up getting a black man’s sunburn. Dumb.

Zusammenfassend würde ich sagen: Unterhaltungsliteratur mit reizvoller Grundidee und maximal hölzernen Dialogen.

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Ulla Hahn: Das verborgene Wort (2001)

Lommer jonn, sagte der Großvater, laßt uns gehen, griff in die Luft und rieb sie zwischen den Fingern. War sie schon dick genug zum Säen, dünn genug zum Ernten? Lommer jonn. Ich nahm mir das Weidenkörbchen unter den Arm und rief den Bruder aus dem Sandkasten. Es ging an den Rhein, ans Wasser. Sonntags mit den Eltern blieben wir auf dem Damm, dem Weg aus festgewalzter Schlacke. Zeigten Selbstgestricktes aus der Wolle unserer beiden Schafe und gingen bei Fuß. Mit dem Großvater liefen wir weiter, hinunter, dorthin, wo das Verbotene begann, und niemand schrie: Paß op de Schoh op! Paß op de Strömp op! Paß op! Paß op! Niemand, der das Schilfrohr prüfte für ein Stöckchen hinter der Uhr.

Mit diesen ersten Sätzen hatte Ulla Hahn mich gleich auf ihrer Seite bzw. auf der der Ich-Erzählerin, der kleinen Hildegard, die in einer armen, streng katholischen Arbeiterfamilie in Dondorf am Rhein aufwächst. Der Zweite Weltkrieg ist gerade vorbei. Der Vater Hilfsarbeiter, die Mutter Putzfrau. Mit dem jüngeren Bruder Bertram muss sie sich ein Zimmer teilen, bis sie als Zwanzigjährige auszieht.

Der liebevolle Großvater hat zwar in der Familie nichts zu melden, sorgt aber dennoch dafür, dass die Enkelin wenigstens den Hauch eines Urvertrauens aufbauen kann, das die niemals lachenden Eltern, die unbarmherzig streng katholische Großmutter und der prügelnde Vater immer wieder beschädigen. Er ist es auch, der den Kindern beibringt, hinzuschauen, hinzuhören und der ihnen das Geheimnis der Buchsteine und Wutsteine anvertraut.

Das verborgene Wort ist der erste Band der Tetralogie, in der Hahn mit starken Anleihen an ihre eigene Biografie der Lebensgeschichte der Hildegard Palm nachgeht: Hildegard unterscheidet sich vor allem dadurch von ihrer Familie, dass sie Buchstaben liebt und Geschichten als Fluchtburgen aus einer lieblosen und wenig anregenden Umwelt empfindet, beste Noten schreibt und unendlich dafür kämpft und unfassbare Prügel dafür einstecken muss, die Realschule, dann schließlich sogar das Gymnasium besuchen zu dürfen, anstatt mit einer Ausbildung zum kargen Einkommen der Familie beizutragen.

Nur weil sich Lehrer und der Pastor dafür einsetzen, gibt die Familie schließlich ihren Widerstand gegen den Bildungshunger der Tochter auf. Ihnen erscheint das alles als brotlose Kunst, Wissen bringe eben kein Essen auf den Tisch, zumal ein Mädchen sowieso irgendwann heirate. Und ein bisschen peinlich ist es wohl auch, weil man sich das Schulgeld schenken lassen muss, selbst das Schulgeld für den Bruder, der auf das Gymnasium geht, hat dessen Patentante übernommen.

Über 620 Seiten begleiten wir Hilla nun dabei, wie sie im Kindergarten unabsichtlich eine Vase kaputtmacht, erleben, ob welcher Nebensächlichkeiten der Vater seinem Jähzorn freien Lauf lässt, dem Kind erscheint er zunächst wie ein Ungeheuer. Mutter und Großmutter können ihn einmal nur knapp davon abhalten, das Kind halb totzuschlagen, indem sie ihn warnen, dass das sonst dem Pastor zu Ohren käme.

Dazwischen auch komische Szenen, entlarvende Szenen, die Tanten, die Cousinen, die dafür sorgen, dass auch rheinische Heiterkeit, Biederkeit und Renitenz zum Tragen kommen.

Dann wieder geht es mit Bruder und Großvater an den Rhein. Und Hilla verliert und verliebt sich in ihre Buchstaben und Bücher. Mit dem gleichen Dickkopf, mit dem anscheinend alle in ihrer Familie ausgestattet sind, bringt sie sich selbst Hochdeutsch bei, da der Dialekt als Sprache der einfachen Leute, der Putzfrauen verpönt ist, fängt an, sich ihrer Familie zu schämen, möchte ihnen beibringen, dass unter eine Tasse noch die Untertasse gehört. So entsteht natürlich weitere Distanz zur Familie. Nur Bertram, der Bruder, und ihr Großvater stehen immer zu ihr.

Erst sehr viel später – da sind wir schon im zweiten Band Aufbruch – gibt es auch köstliche Szenen, in denen Mutter, Großmutter, Tanten und Cousinen es spannend finden und miteinander darum wetteifen, wie viele Wörter sie eigentlich kennen, die ursprünglich aus dem Lateinischen kommen, der „Sprache Gottes“.

Das Buch ist mit langem, man könnte auch sagen sehr langem Atem geschrieben. Szene um Szene, Erinnerung um Erinnerung wird begutachtet, geschildert, ausgekostet, um nur gleich weitere Szenen – oft mit ähnlichem Gehalt – zu erzählen.

Ein bisschen wellenartig, manchmal war es mir zu viel, zu ausführlich, hätte ich Absätze radikal gekürzt und ich dachte an die Dramaturgie von Ein Baum wächst in Brooklyn, das eine ähnliche Geschichte in einem Roman verarbeitet und durch eine straffere Auswahl mir oft wuchtiger und eindrücklicher erschien.

Kaum zu Hause, erzählte ich alles Frau Peps. Frau Peps war meine Vertraute. Schwarz, matt, graugeschabt an den Kanten, ausrangiert von der Frau Bürgermeister, hatte sie die Großmutter noch einige Jahre in die Kirche begleitet, dann war der Schnappverschluß ausgeleiert, die Tasche nicht mehr zu gebrauchen. Da gehörte die Tasche mir. Frau Peps gehörte mir. Frau Peps war meine Freundin. Mit Birgit, Hannelore, Heidemarie konnte ich spielen; sprechen tat ich mit Frau Peps. Keiner hörte mir so geduldig zu wie sie, keiner vermochte mich zu trösten, zu besänftigen, aufzumuntern wie sie. (S. 22)

Dennoch halte ich Das verborgene Wort und Aufbruch für ganz wesentliche Bücher. Zum einen, weil sie ein wunderbares Beispiel für Kampfesmut und Resilienz sind. Hilla gibt nicht klein bei, lässt sich nicht einfangen, lässt sich nicht brechen. Zu Recht spricht Hahn von dem widerborstigen Lebenswillen ihrer Protagonistin, von dem sich so mancher etwas abschauen könnte. Außerdem ist es eine Einladung an die LeserInnen, über die eigenen Sozialisationsbedingungen nachzudenken, vielleicht dankbar zu sein für die ein oder andere Hürde, die man selbst nicht (mehr) nehmen musste.

Und in Aufbruch, dem zweiten Band der Tetralogie, wird der Blick auf die Familie vielleicht nicht milder, aber vielschichtiger, die Umstände, die den Vater, die Mutter, die Großmutter so gemacht haben, wie sie sind, werden mit in den Blick genommen, so kann etwas wie Mitleid und Verständnis, aber auch Wut auf die früheren Generationen entstehen.

Literatur wird hier nicht einfach als wohlfeile Glücksformel verklärt. Am Anfang gelingt Hilla mit ihrer Hilfe zwar die Flucht aus einer öden, oft genug auch brutalen Welt. Doch die ersten Male, als sie ihre Erkenntnisse aus den Romanen an der wirklichen Welt erproben will, erleidet Hilla ziemlichen Schiffbruch. Die unglückliche Frau, die all ihr Erspartes an einen Heiratsschwindler verloren hat, lässt sich von Hillas aus den Romanen übernommene Idee, ins Kloster zu gehen, nicht trösten, sondern geht in den Rhein. Auch als Cousine Maria an Brustkrebs erkrankt, können die Buchstaben die Wirklichkeit nicht mehr so ohne Weiteres auslöschen und unschädlich machen. Die Krankheit, die Schmerzen, die Traurigkeit sind zu real.

Und doch das Glück, als man bei der Frage, ob die Cousine wohl einen Evangelischen heiraten dürfe, voller Stolz auf die Ringparabel aus Nathan der Weise verweisen kann. Und siehe da, der Pastor kennt das Stück und erlaubt die Eheschließung, solange sie katholisch vonstatten gehe und  man die Kinder gut katholisch erziehen wolle.

Das verborgene Wort und Aufbruch schildern trotz aller Redundanzen einen Teil der bundesrepublikanischen Wirklichkeit anschaulicher, emphatischer und nachdrücklicher, als das jedes Geschichtsbuch könnte. Sie erzählen von armen Familien mit Plumpsklo, die einmal in der Woche alle im gleichen Wasser badeten, von versehrten Menschen, auch der Vater wurde schließlich nicht als prügelndes Monster und die Mutter nicht als ewig missmutig Unterwürfige geboren. Sie erzählen vom Wirtschaftswunder, dem Auschwitz-Prozess und vom zwiespältigen Einfluss des Katholizismus. Die Kirche, so  Ulla Hahn in einem Interview,

war zwar für geistige Enge mitverantwortlich, aber Enge gibt ja auch Halt. Es war am Ende besser, mit diesem Katholizismus aufgewachsen zu sein als bindungslos. In Aufbruch spielt der Auschwitz-Prozess eine große Rolle. Als die Familie darüber spricht, zeigt sich, dass dieser naive Katholizismus eine Impfung gegen den Nationalsozialismus sein konnte. In Hillas Dorf zählte die Bibel mehr als Mein Kampf. Meine Großmutter hat bei Nazifesten die Kirchenfahne herausgehängt. Die Leute waren mutig, aber das war ihnen kaum bewusst.

In einem anderen Interview weist Hahn darauf hin, dass die Kirche „in so einer armseligen Dorfgemeinschaft der Kulturträger [war].

Wo habe ich zum ersten Mal einen schönen Raum gesehen, Überfluss, schöne Gewänder, Kerzen? Wo zum ersten Mal Musik gehört? Worte, die nicht nur zum Schimpfen da waren? In der Kirche. Das war ungeheuer wichtig. 

Aber es geht auch um die Arroganz der Fabrikbesitzer und immer höhere Stückzahlen, die den Fabrikarbeiterinnen, mit denen Hilla in den Ferien Pillenschächtelchen füllt,  abverlangt werden, um die ersten Gastarbeiter, die in Baracken hausen und nirgendwo dazugehören. Um die ersten Milchbars und Colas und die Erfahrungen mit dem anderen Geschlecht und um Gespräche der Fabrikarbeiterinnen, in denen es um die allesamt illegalen und gefährlichen Abtreibungsmöglichkeiten geht; war eine Geburt doch nur innerhalb der Ehe denkbar, wollte man seine gesellschaftliche Reputation nicht verlieren. 

Eine verheiratete Frau, die arbeiten gehen mußte, zählte nur halb. Ihr Ansehen war geringer als das einer Nichtverheirateten. Einer Noch-Nichtverheirateten. Am Ende der Rangordnung stand, wer keinen mitgekriegt hatte. (S. 288)

Die ersten zwei Romane erzählen außerdem  von der Einsamkeit, der Hilflosigkeit und Sprachlosigkeit, wenn man selbst eine Vergewaltigung ganz mit sich allein abmachen musste, aber auch von der sozialen Kontrolle durch Verwandte, Nachbarn und Dorfklatsch, dem ersten Fernseher und dem ersten Supermarkt im Dorf, den ersten Unterhaltungssendungen, Grzimek gegen Sielmann, den Schlagern, die wirklich alle mitsingen konnten, und – das ist eine meiner Lieblingsstellen in Aufbruch – vom Ereignis, das der neue Quelle-Katalog darstellte, die Frauen der Familie sich zum Kaffee trafen, ihn gemeinsam durcharbeiteten und kommentierten und man die Seiten, auf denen Hosenanzüge für Frauen zu sehen waren, vor der strengen Oma verstecken musste.

Und hier noch eine hinreißende Internetquelle: das Wirtschaftswundermuseum.

Oder wie Ulla Hahn in einem Interview mit dem Kölner Stadt-Anzeiger erklärt:

Seine Herkunft trägt man immer in sich. Das muss einem aber nicht zeitlebens als Bürde erscheinen. Es kommt darauf an, eine Last in Proviant zu verwandeln. In Erfahrung, von der man auf seiner Lebensreise zehren kann. Das ist dann noch mehr als Versöhnung.

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Fundstück von Eva Sternheim-Peters

Was wäre gewesen, wenn die katholischen Geistlichen, die Ordensschwestern und Ordensbrüder, an denen es in Paderborn, weiß Gott, nicht mangelt, sich 1941 einen Judenstern an die Soutane, das Ordenshabit, die Schwesterntracht gesteckt hätten? Wenn in allen Kirchen offen und unverhüllt für die Juden gebetet und gegen ihren Abtransport gepredigt worden wäre – nicht von Einzelnen, sondern von allen […]? Man hätte die katholischen Sternträger nicht alle verhaften können, ohne das Risiko eines Volksaufstandes in Paderborn einzugehen.

aus: Eva Sternheim-Peters: Habe ich denn allein gejubelt? Europa Verlag, Berlin 2015, S. 423

Henning Boëtius: Der Insulaner (2017)

Der Insulaner: ein fast eintausend Seiten langer Roman über den Schriftsteller B., dessen wesentliche Lebensdaten eine sicher nicht zufällige Ähnlichkeit mit denen des Autors Henning Boëtius (*1939) aufweisen.

Beinahe hätte ich das Buch schon aufgegeben, bevor ich richtig angefangen hatte. Selten hat mich ein erster Absatz so dermaßen personalpronomenmäßig verwirrt. Aber dann habe ich mich doch weitergewagt, mit eher durchwachsenem Erfolg.

Auf der einen Ebene der Erzählung geht es um den älteren B., bei dem ein Hirntumor diagnostiziert wurde. Ihm steht eine gefährliche Operation bevor und so befürchtet er, seine Erinnerungen zu verlieren. In einer merkwürdig grauen Zwischenwelt reist er in eine Stadt, mietet sich in einem Hotel ein und sucht nun täglich einen fast gesichtslosen Mann auf, dem er seine Lebensgeschichte erzählt. Es bleibt offen, ob es sich dabei um Narkosefantasien handelt oder ob diese Erinnerungen vor allem der Selbstvergewisserung dienen.

‚Während der Narkose ist das Ich also ein Insulaner, dessen Lebensraum sich über viele voneinander isolierte Inseln erstreckt, über einen ganzen Archipel an Einsamkeiten.‘ (S. 28)

Jedenfalls möchte B. verstehen, was ihn zu dem Menschen gemacht hat, der er heute ist. Warum er Schriftsteller geworden ist und nicht, wie es auch eine Zeitlang denkbar schien, Atomphysiker, warum all seine Beziehungen zu Frauen gescheitert sind. Warum er keine Freunde mehr hat.

Einsamkeit ist die größtmögliche Nähe zu sich selbst. Sie erzeugt einen vielstimmigen inneren Monolog, der im Tod in einer grandiosen Formulierung ausklingt. (S. 529)

Ja, falls er die Operation nicht überleben sollte, bittet er darum, nur die Kellnerin aus einem nahe gelegenen Café zu benachrichtigen. Zwischen diesen Sequenzen in der Stadt oder im Hotel erzählt uns der Ich-Erzähler und Schriftsteller seine Lebensgeschichte.

Mein erster Lebensort war der Kopf meiner Mutter. […] Es war ein seltsamer Ort. Seine Einrichtung verriet einen ungewöhnlichen Geschmack. Eine wilde Mischung aus Wünschen, Bedürfnissen, Träumen, Vorurteilen, Ängsten, Lektüre, wobei vor allem die Gedichte Rilkes eine wichtige Rolle spielten. Außerdem waren da einige kreative Fähigkeiten wie eine große zeichnerische Begabung und ein beachtliches Talent, anschaulich zu formulieren, und nicht zuletzt eine fast zwanghafte Neigung zum Inszenieren. (S. 42)

Die Schilderungen der Kindheitserinnerungen waren ungemein anschaulich und anrührend, die Kriegsjahre, die Bombennächte, die schlimmen Bilder, die das Kind sieht.

Wenn einem offensichtlich, wenn auch vergeblich, nach dem Leben getrachtet wird, macht einen das nicht gerade stark. Im Gegenteil, es kann einen für immer verunsichern. Es ist wie eine innere Beschmutzung. (S. 169)

Die komplizierte Familienkonstellation, diverse Verwandte und „Onkelgötter“, die Einsamkeit als Kind; zu seinem zehnten Geburtstag erscheint kein einziges der eingeladenen Kinder. Das Aufwachsen mit einem Kapitänsvater, der selten zu Hause sein konnte, und einer überspannten Mutter, die einen Großteil der Schuld daran trägt, dass ihr Sohn in der Schule als arroganter Außenseiter wahrgenommen wird (und sich oft genug auch so aufgeführt hat). Entscheidende Kinder- und Jugendjahre des Erzählers verbringt die kleine Familie auf Föhr, der Heimatinsel des Vaters.

Die Lehrer können auf die Begabung des Kindes nicht angemessen reagieren und viel zu oft versucht der Junge mit anderen in Kontakt zu treten, indem er ihnen lange Abhandlungen über naturwissenschaftliche Phänomene hält. Hören will das niemand. Als er seinen siebzehnten Geburtstag feiert, kommen zwar die Freunde. Doch er wundert sich, dass sie es nicht witzig finden, als er ihnen mit einer speziellen Konstruktion Stromschläge am Küchentisch verpasst.

Gleichzeitig erwacht auf Föhr die lebenslange Liebe zum Meer, zur Inselnatur und zur Literatur. Kafka, Dostojewski, Tolstoi, Karl Philipp Moritz und später vor allem Lautréamont mit Die Gesänge des Maldoror.

Als der Erzähler älter wird, überrascht das Anspruchsdenken des jungen Mannes, der es als selbstverständlich ansieht, dass ihm die Eltern den Studienort finanzieren, den er wählt. Dass sie ihm die Unterhaltszahlungen erhöhen. Er hat auch kein Problem damit, sich jahrelang bei seinen Freundinnen durchzuschnorren.

Er studiert und promoviert in Frankfurt bei Adorno, dessen Vorlesungen er „Messen des Denkens“ nennt, bei denen auch schon mal „ein Schauer der Bewunderung und der Selbstinfragestellung“ durch die andächtigen Reihen gegangen sei. Da ergeben sich interessante zeitgeschichtliche Einblicke. Marie Luise Kaschnitz und andere protegieren ihn und fördern ihn. Was ihn nicht daran hindert, mehrmals in seiner beruflichen Laufbahn einfach „die Brocken hinzuschmeißen“, Angebote auszuschlagen, Kollegen hängenzulassen, gerne auch mal wenige Stunden vor wichtigen Terminen und Sitzungen.

Seine Beziehungen zu Frauen gestalten sich ebenfalls recht merkwürdig. Beim Scheidungstermin seiner ersten Ehe kommen die beiden händchenhaltend an, bis sie der Scheidungsrichter anrüffelt. Die drei Kinder aus dieser Ehe werden im Buch allerdings nur in wenigen Sätzen gestreift. Einen Tag nach seiner zweiten Eheschließung brennt er mit einer anderen Frau durch. Irgendwann dann sogar ein Tief, das ihn für längere Zeit in die Wohnungslosigkeit führt. Die ersten Schritte als Schriftsteller. Für diesen „Zustand“ müssen seiner Meinung nach fünf Voraussetzungen gegeben sein: existentielle Konflikte wie Einsamkeit und die Erkenntnis der Sinnlosigkeit des Lebens, Naturerfahrung, Bildung, Menschenerfahrung und Protest gegen alle Konventionen.

Aber war Schriftsteller zu sein überhaupt ein Beruf? War es nicht vielmehr eine besondere Spielart der Einsamkeit? Er hatte das Schreiben nie als Arbeit empfunden, eher als eine Art Zeitvertreib. Und zwar im wörtlichen Sinne. Man vertrieb die Zeit, indem man über sie schrieb, über die Dinge und Menschen, die sich in ihr bewegten wie Raupen auf einem Blatt. (S. 86)

Die Zwischensequenzen, die den eigentlichen Lebensrückblick immer wieder unterbrechen und ihn vermutlich literarisch veredeln sollen, interessierten mich wenig. Die Einblicke ins Frankfurter Studentenleben in den Sechzigern fand ich hingegen interessant und besonders die Teile des Romans, in denen es um B.s Kindheit geht, habe ich mit Anteilnahme gelesen. An einer Stelle heißt es:

Um glaubhaft von seiner Kindheit zu reden, muss man ein Kind sein, wenigstens ein künstliches. Außerdem ergaben die einzelnen Erinnerungen kein ganzes Bild. Es war ungefähr so, als ob man die Teile eines Puzzles in die Luft warf und erwartete, dass sie sich von selbst zusammenfügten, wenn sie wieder auf dem Boden landeten. (S. 121)

Hätte Boëtius sich darauf beschränkt, nur die Puzzleteile seiner Kindheit in die Luft zu werfen, ich glaube, dass dabei für den Leser ein wunderbar packendes Bild entstanden wäre. Doch je älter die Hauptperson wird, umso stärker wird zeitlich gerafft, manches wird nur noch referiert. Manchmal gerieten die sprachlichen Bilder sehr schräg:

In dieser doppelten Dunkelheit brütete ich das zerbrechliche Ei der Todesangst aus. (S. 147)

Am Ende überwiegt mein Eindruck, dass hier ein Autor – zumindest in weiten Teilen – ein Buch vor allem für sich selbst geschrieben hat, sagt der Erzähler doch schon ganz früh über sich:

Ortsmenschen wie ich reagieren meistens nur schwach auf ihre Mitmenschen. Alles, was sie interessiert, ist jenes Theaterstück, das sie ihr Leben nennen, das Stück, in dem die Kulissen die Hauptrolle spielen, während die Menschen nur Statisten sind. (S. 40)

Wenn ein „glattes“ Leben in eine langweilige Erzählung mündet, dann hat man vielleicht einfach nicht genau genug hingeschaut. Und genauso wenig denke ich, dass eine auch äußerlich interessante Lebensgeschichte eher das Potential zu einem Kunstwerk hat.

Erinnern kann wie eine unbarmherzige Sonne sein, die schonungslos ihr Licht auf die Vergangenheit wirft. Dabei kommt oft auch Unschönes zu Tage. Wenn ihre Strahlen auf eine glatte Fläche treffen, werden sie nur Langweiliges zu Tage fördern. Ist die Vergangenheit rau bewegt wie das Meer, kommt vielleicht ein Kunstwerk zu Vorschein. (S. 38/39)

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Kazuo Ishiguro: The Unconsoled (1995)

Den meisten ist Kazuo Ishiguro (*1954 in Japan) wohl eher als der Autor des mit Anthony Hopkins und Emma Thompson verfilmten Romans The Remains of the Day bekannt, für den er 1989 den Booker Prize erhielt. 2017 wurde der britische Schriftsteller schließlich mit dem Nobelpreis für Literatur ausgezeichnet.

Doch heute soll es um sein 1995 erschienenes Werk The Unconsoled gehen, das ein Jahr später auf Deutsch unter dem Titel Die Ungetrösteten erschien. Wie schnelllebig der Literaturbetrieb funktioniert, sieht man vielleicht  daran, dass dieser Roman schon nicht mehr als gebundene Ausgabe lieferbar ist. So muss ich also auch weiterhin mit meiner langsam arg vergilbten englischen Taschenbuchausgabe mit der fürcherlich kleinen Schriftgröße vorliebnehmen. Nun aber zum Inhalt:

Der bekannte und von allen sehnsüchtig erwartete Pianist Ryder trifft in einer nicht namentlich genannten europäischen Stadt, möglicherweise in Österreich, ein. Dort hat er am Donnerstag einen Auftritt, dessen Modalitäten ihm aber seltsam unklar sind. Anscheinend soll er außerdem vor seinem Konzert einen kurzen Vortrag halten, für den er den kulturellen Zustand der Stadt eruieren und bei dem er keine der diversen Fraktionen mit ihren Günstlingen unfair behandeln will. Mal ganz abgesehen davon, dass einige Übungsstunden und die Inaugenscheinnahme des Konzertgebäudes sicherlich ebenfalls sinnvoll wären.

Doch Ryder hat seltsame Erinnerungslücken, weiß nicht, welche Informationen er bereits erhalten hat und wer für was zuständig ist. Dazu kommt seine unselige Neigung, es wirklich allen recht machen zu wollen und auf gar keinem Fall irgendwelche Wissenslücken zuzugeben. Sein Selbstbild darf nicht in Frage gestellt werden, und so wäre es ihm peinlich, bei irgendetwas nachzufragen, was ihn natürlich nur immer tiefer in den Schlamassel reitet und ihn wichtige Termine versäumen lässt.

Zu allem Überfluss wollen alle, mit denen er in Berührung kommt, irgendetwas von ihm. Das beginnt bei seiner Ankunft im Hotel, als der Portier Gustav, der die merkwürdige Angewohnheit hat, die Koffer im Aufzug nicht abzustellen, den Pianisten nicht nur inständig bittet, an einem der Treffen einer merkwürdigen Portiersrunde teilzunehmen, sondern auch anfragt, ob Ryder nicht einmal mit seiner Tochter Sophie sprechen könne, die in letzter Zeit so niedergedrückt wirke. Gleichzeitig scheint Ryder aber eine komplizierte Beziehung mit Sophie zu verbinden. Möglicherweise ist der kleine Boris sogar ihr gemeinsamer Sohn.

Aber da sind noch viele weitere, wie zum Beispiel der Hotelmanager, dessen Sohn, andere Künstler oder ehemalige Schulfreunde, die in traumhaften Sequenzen plötzlich auftauchen. Bei manchen der Anliegen scheint es sich nur um kleine Gefälligkeiten zu handeln, die sich dann aber durch leicht surreale Ereignisketten und Ryders Hang zum  Unverbindlichen zu wahren Gebirgen auftürmen. Manchmal scheint ihm sein Image als Helfender wichtiger zu sein als die Hilfe selbst. Dass sich bei seinen Unternehmungen das Zeitkontinuum hin und wieder aufzulösen scheint und Orte plötzlich nicht mehr da sind, wo sie sein sollten, ist auch nicht wirklich hilfreich. Und so wird Ryder bei allem, was er zu tun versucht, unterbrochen und bringt im Grunde nichts zu Ende, und zwar weder für sich noch für andere. Nichts Kleines und nichts Großes.

Michael Wood schrieb 1995:

It’s not that a sense of suspense or of climax is created; far from it. But there is a kind of excitement in Ryder’s stumbling from errand to failed errand, as if nothing were certain in life except the interruption of whatever you are trying to do. We know he’s not going to get anywhere; he’s not going to unravel his relationships, help his friends, please his parents, give his concert or his speech, sort out this terribly self-preoccupied town. But it’s hard work not getting anywhere. Ryder’s endless distraction from his multiplying purposes is so distracting that we can hardly bear it. His life is overwhelmed by irrelevance, buried under pointless but irresistible demands.

Die Reaktionen der Kritiker reichten nach dem Erscheinen von The Unconsoled dann auch von Ratlosigkeit, Entsetzen und Hohn – der Autor habe eine ganz neue Dimension eines schlechten Buches geschrieben – bis hin zu großer Begeisterung und der Aufnahme in den Kanon der modernen britischen Literatur.

Doch worum geht es in diesen über 500 Seiten nun wirklich? Auch bei dieser Frage gehen die Meinungen auseinander. In seinem lesenswerten Aufsatz hält Geoffrey Maloney beispielsweise das Spannungsfeld zwischen dem öffentlichen Leben als Künstler und dem privaten Leben als Individuum für das eigentliche Thema, obwohl das meiner Meinung nach zu eng gedacht ist.

… an isolated and intelligent artist: Ryder, the pianist, caught between the duties and responsibilities of his personal life and the duties and responsibilities which flow from his public identity. In essence it is a novel about the role of the artist in society and the gap which exists between personal and public images.

Sam Jordison, der wie ich auch maximal verwirrt und gleichzeitig fasziniert von diesem Buch ist, betont eher die Traumlogik und den Witz, die Absurditäten und das Spiel mit dem Leser, der ständig genarrt und in seinen Erwartungen enttäuscht wird. Das eigentliche Thema ist für Jordison jedoch der Stress, dem der moderne Mensch pausenlos ausgesetzt sei. Dafür spreche, dass Ryder in all seinen Ruhephasen oder wenn er schlafen möchte, permanent gestört und wieder aufgescheucht wird. Im Grunde erfahren wir nicht, was er tun würde, könnte er nur einmal selbst seinen Tagesablauf bestimmen.

Ich weiß, in einigen Jahren werde ich es zum dritten Mal lesen. Das heißt nicht, dass das Werk nicht ruhig 100 Seiten kürzer hätte sein dürfen und das repetitive Sprechen aller Protagonisten und das Kreiseln der Handlung einem schon auch gehörig auf die Nerven fallen können.

Dennoch: Es ist, als hätte Ishiguro vieles von dem, was sich so im Kopf eines Menschen befinden kann, nach außen gestülpt und in Handlung übertragen, all die liebevollen und all die boshaften Gedanken, verdrängte Schuld und Lebensträume, die Prägungen aus der Kindheit, die einem noch als Erwachsenen manchmal zusetzen, Alkoholismus, die Frage nach der Kunst, beschädigte Kommunikation innerhalb der Familie, das Versagen als Partner oder als Elternteil, die Illusionen, der Wunsch nach Anerkennung, aber auch die kindliche Freude, und nicht zuletzt unsere unzähligen Versäumnisse, das Großsprecherische, die Scham, die Wut, die Beschönigungen, die Ausreden und Verteidigungsstrategien, wenn Masken und Fassaden einzustürzen drohen. Und: die verschwendete, die vergeudete Zeit.

Dafür bringt der Autor schon mal unsere Vorstellungen vom Ablauf der Zeit durcheinander, fährt mit uns Achterbahn und betritt diverse Spiegelkabinette. Das, was wir da auch von uns selbst sehen, mag uns nicht immer gefallen, doch es wirkt immer eigenartig vertraut.

Hier sind tatsächlich fast alle Ungetröstete. Alle sind auf der Suche nach jemandem, der ihnen zuhört, sie wahrnimmt und der ihnen bestätigt, dass sie und ihre Sorgen das Zentrum des Universums sind, doch derjenige, von dem sie sich das versprechen, ist doch selbst bloß auf der Suche und mit dem, was man von ihm erwartet, völlig überfordert.

Oder wie es auf der Seite des Nobelpreises heißt:

The Nobel Prize in Literature 2017 was awarded to Kazuo Ishiguro „who, in novels of great emotional force, has uncovered the abyss beneath our illusory sense of connection with the world.“

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Kathrin Weßling: Nix passiert (2020)

Manchmal überrasche ich mich selbst. Das Cover gefällt mir nicht und wenn das ZEIT-Magazin schreibt, dass Kathrin Weßling (*1985) hier den Roman ihrer Generation geschrieben habe, empfinde ich das nicht unbedingt als Kompliment. Keine Ahnung also, warum ich das Buch gekauft habe. Vielleicht weil ich mich vergewissern wollte, dass aktuelle deutschsprachige Bücher nach wie vor meist hinter meinen Erwartungen zurückbleiben?

Und nun muss ich alles revidieren: Ich konnte überhaupt nicht mehr aufhören zu lesen. Was für ein unglaublich tolles Buch.

Aus der Ich-Perspektive erzählt der ca. 30-jährige Alex, dass Jenny, seine große Liebe, ihn verlassen habe. Der Liebeskummer ist so schlimm, dass er sich krankschreiben lässt, sich besäuft und am liebsten nur noch im Bett verkriechen möchte. Er hält es im lauten Berlin nicht mehr aus, redet sich ein, dass er da ja auch dauernd Jenny begegnen könne, deshalb will er sich für unbestimmte Zeit in seiner angeblich so spießigen Heimatstadt bei seinen Eltern einquartieren. Die sind überrascht, hatte Alex doch die letzten Jahre seine familiären Beziehungen nicht unbedingt gepflegt und sich als Heranwachsender ganz klischeehaft geschworen, möglichst weit wegzugehen und nie wie sie werden zu wollen. Auch Bruder Timo hält wenig davon, dass der kommunikationsmäßig eher unbeholfene Alex, der auf mich oft jünger wirkte, nun wieder bei seinen Eltern unterkriechen will, zumal Alex erst mal nicht erzählt, dass er wieder Single ist.

Mein Vater lacht zusammen mit Anni laut und ausgelassen und ich weiß nicht, ob ich ihn je so glücklich gesehen habe wie in diesem Moment. Sein ganzes Gesicht ist eine einzige, sorglose Freude darüber, hinter Anni herzulaufen und so zu tun, als könner er sie nicht fangen. […] Es ist so banal. Es ist so unbedeutend. Es passiert tausend Mal an tausend Orten: Großeltern, die mit ihren Enkeln spielen. Und doch berührt mich der Anblick sehr und ich laufe zur Terrasse, laufe zu Anni, zu meinem Vater, zu Marina, zu meiner Mutter. Als ich vor ihnen stehe, blickt niemand auf und niemand mich an. ‚Hey, lustiges Spiel!‘, sage ich wie so ein Trottel und es interessiert niemanden. (S. 89)

Alex trifft ehemalige Freunde, erinnert sich, trauert, schimpft, weint und hadert, versucht Boden unter den Füßen zu gewinnen und sein Durcheinander im Kopf zu entwirren.

Nach und nach erschließt sich dem Leser, der Leserin, warum Jennys Beziehungsabbruch Alex so aus der Bahn tragen konnte, wie tief die Wurzeln für den Cocktail aus Selbstmitleid, Ängsten, Überheblichkeit, falschen Zielen und Selbstbetrug reichen.

Das ist nicht nur unglaublich spannend konstruiert, klug und einfühlsam beobachtet, sondern menschlich so nachvollziehbar, ja geradezu dringlich und berührend, als hätte man Alex im Wohnzimmer sitzen, den man dann abwechselnd schütteln und dann wieder in den Arm nehmen möchte.

Und man erkennt, dass Alex einem möglicherweise näher ist, als man dachte. Ihm fliegt alles um die Ohren. Will er weiterleben, muss er etwas ändern und erwachsen werden, ob er will oder nicht. Die meisten von uns hingegen haben es sich vermutlich eher gemütlich in ihrem ja auch nicht immer befriedigenden Leben eingerichtet. Wer ist da am Ende eigentlich besser dran?

Ich glaube, das ist der ganze Sinn von Trennungen, wenn sie denn einen haben können: Sie sind wie eine Zwangsvollstreckung des eigenen Lebens, alles wird bewertet und bekommt Aufkleber, das hier ist gut, das ist nix wert, das hier kann man jemand anderem überlassen, der damit mehr anfangen kann. Am Ende steht man da und hat nur noch das Nötigste und kann und darf noch mal anfangen, darf noch mal versuchen, etwas aus dem eigenen Leben zu machen, das sich wertvoll anfühlt. (S. 214)

Ja, natürlich ist es auch – aber eben nicht ausschließlich – ein Buch für Jüngere, für die, denen die unzähligen Entscheidungsmöglichkeiten, wie man sich nach außen hin darstellen möchte, wo und warum man leben, wen man lieben und was man arbeiten will, auch mal über den Kopf wachsen. Und natürlich für alle, die gerade Liebeskummer haben. Und für alle, die die Schreibe von Weßling mögen.

Ach, eine Frage noch, sind die anderen Bücher von ihr genauso gut?

Hier noch ein Link zu einem Beitrag auf dem Deutschlandfunk.

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Mohamed Amjahid: UNTER WEISSEN (2017)

Richtig blöd, dass wir solche Bücher überhaupt brauchen, und richtig gut, dass es Journalisten gibt, die diese Bücher schreiben. Mir wurde jedenfalls einiges klarer.

2017, also längst vor „Black Lives Matter“ erschienen, liest sich das Buch des 1988 in Frankfurt geborenen Journalisten wie eine Einführung in die Privilegien, die die bio-deutsche Mehrheit (gilt aber auch für andere westliche Länder) gegenüber denen besitzt, die nicht ganz so bio-deutsch ausssehen und dunklere Haut und dunkle Haare haben.

Das Buch ist eine Einladung, die verschienden Bereiche zu erkunden, in denen Privilegien, die nicht hinterfragt und auf den Prüfstand gestellt werden, zu klischeehaften Vorstellungen und letztlich rassistischen Strukturen führen können. Amjahid bezieht dabei sowohl eigene Erfahrungen und die seiner FreundInnen – er ist gebürtiger Marokkaner – als auch den Stand der Forschung mit ein.

Er spricht dabei unter anderem die Wichtigkeit der „richtigen“ Pass- und Hautfarbe an, die den großen Unterschied bei der Reisefreiheit und bei der Behandlung ausmacht, die man an den Grenzen dieser Welt erfährt. Gruselig, wenn man z. B. mit der falschen Hautfarbe von Mexiko nach Texas einreisen möchte.

Amjahid erklärt das Phänomen des Othering, wie man „den Fremden“ konstruiert, um ihm dann bestimmte negative Eigenschaften zuschreiben zu können, und geht in diesem Zusammenhang auch auf das Erbe des deutschen und europäischen Kolonialismus ein (siehe „Völkerschau“ und „Expo 1958“ in Belgien).

Ein Kapitel ist dem Bemühen um nicht-diskriminierende Sprache gewidmet und den Ewig-Gestrigen, die es für eine Zumutung halten, mal einige Begriffe aus ihrem Wortschatz zu streichen.

Ein anderes Kapitel geht dem Phänomen nach, dass Weiße oft meinen, „anderen“ die Welt und deutsche Fahrradwege erklären zu müssen, als ob sie allein Zivilisation, Intelligenz, Sprache und Anstand gepachtet hätten. Und da, wo auch Weiße ganz offensichtlich massiv gegen die Spielregeln verstoßen, erklärt man sie durch den Prozess des Othering kurzerhand zu White Trash.

Amjahid verschweigt nicht, dass Rassismus und koloniale Strukturen in der Selbstwahrnehmung der ehemals Unterdrückten weiterwirken können – man denke an Bleichcremes und das Herabschauen auf die, die noch dunkler sind als man selbst. Darüber hinaus wird das Konstrukt des Tokenism erläutert.

Außerdem wird thematisiert, wie sich die Berichterstattung in den Medien unterscheidet, je nachdem, ob ein Bio-Deutscher oder ein als fremd Wahrgenommener ein Verbrechen begangen hat. Welche Motivationen werden den Taten jeweils zugrundegelegt? Und was war Böhmermanns Text zu Erdogan eigentlich wirklich, wenn man das mal von der Seite weißer Privilegiertheit betrachtet?

Und schließlich: Was bedeutet es für eine Gesellschaft, wenn einflussreiche Positionen in Wirtschaft, Bildung und den Medien fast ausschließlich von weißen Männern besetzt werden? Wenn die Entscheidungsträger in keiner Weise die Zusammensetzung der Gesellschaft widerspiegeln? Ich ergänze: Auch ganze Schulkollegien sind ausschließlich weiß besetzt.

Ebenfalls interessant war das Kapitel, in dem der Autor der Frage nachgeht, wie es sein kann, dass es innerhalb der Schwulenbewegung einen nicht unerheblichen Anteil an Rassisten gibt, ja einige bekennende AFD-Wähler sind. Wie komplex die Gemengelage da sein kann, sieht man schon bei dem ehemaligen niederländischen Politiker Pim Fortuyn.

In 188 Seiten kann man natürlich der Vielzahl der Themen nicht annähernd auf den Grund gehen, aber als Einstieg in die verschiedenen Aspekte weißer Privilegien und die Ebenen, auf denen Rassismus entgegengewirkt werden muss, habe ich das Buch als sehr hilfreich empfunden.

Ich musste öfter daran denken, wie ich vor drei Jahren einer jungen Frau, die Kopftuch trug, und die einige geflüchtete Frauen zum Deutschunterricht begleitete, Komplimente für ihr gutes Deutsch machte. Es stellte sich heraus, dass sie in Deutschland geboren ist und nur als Begleiterin fungierte. Es war mir total peinlich, doch ihre Antwort in ihrer Mischung aus Schlagfertigkeit, Charme und Selbstbewusstsein werde ich nicht vergessen. Sie lächelte mich an und sagte nur: „Ich weiß.“

In der nächsten Auflage würde ich mir noch ein Kapitel zu strittigen Bekleidungsfragen wünschen. Was sind das für müßige Diskussionen ums Kopftuch etc. Die Leserbriefe, die vor einigen Jahren durch unsere Lokalzeitung tobten, weil man befürchtete, im hiesigen Freibad könne mal eine Frau im Burkini auftauchen, waren jedenfalls von atemloser Schrillheit und Hysterie. Und die Fotos, aufgenommen 2016 am Strand in Nizza, in denen weiße Polizisten eine Burkini-Trägerin zwingen, mehr Haut zu zeigen, zeigten doch ein sehr sonderbares Verständnis von westlicher Freiheit.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Werner Schneyder: Krebs (2008)

Werner Schneyder, österreichischer Kabarettist, Autor, Box-Kampfrichter, Freund und Kollege von Dieter Hildebrandt, war über 40 Jahre mit seiner ersten Frau Ilse verheiratet, als diese die Diagnose Krebs erhielt. Zwei Jahre später, 2004, starb sie an Blasenkrebs, den auch diverse schwerste Operationen und eine Chemotherapie nicht aufhalten konnten.

Krebs ist – wie schon der Untertitel nahelegt – eine Nacherzählung dieser schwierigen Monate zwischen Diagnose und Tod. Dabei geht es zum einen um die Stationen, die die Erkrankte durchlebt, den ersten Sommer nach der ersten großen Operation, den sie noch in ihrem Haus am See verbringen und durchaus genießen kann, daran anschließend um die weiteren Krankenhausetappen, den allmählichen körperlichen Abbau. Zum anderen geht es darum, wie Schneyder, der gemeinsame Sohn, die Verwandten, die Freunde mit der Erkankung umgehen. Soll Schneyder auf Tournee gehen oder lieber daheim bleiben? Was mutet man der Kranken und sich selbst an Wahrheit zu? Wie verändert sich das Zusammensein? Wie verändert sich die Erkrankte? Was macht man mit der Hilflosigkeit, die man als Laie gegenüber den ärztlichen Entscheidungen oder Empfehlungen hat?

Jeder Versuch einer fairen Wertung ist für den Laien nicht möglich. Er kann glauben oder nicht. Er kann Ärzte sympathischer oder vertrauenswürdiger finden oder nicht. Was er nicht kann: beweiskräftig urteilen. (S. 62)

Nach der Lektüre ziehe ich leise meinen Hut. Schneyder (1937 – 2019) ist ein besonderes Buch geglückt.

Sprachlich wunderbar, zurückgenommen, treffend, auf den Punkt, zärtlich, lakonisch.

Das Abspielen von CDs ist gefährlich. Da kommt es zu schrecklichen Stellen. (S. 84)

Doch darüberhinaus ist es eben nicht nur ein Sich-von-der-Seele-Schreiben. Vielleicht das sogar am allerwenigsten. Es ist auch eine Auseinandersetzung mit sich selbst, z. B. damit, dass man als der Gesunde Gedanken hat, derer man sich schämt, wenn man beispielsweise in „triefendem Selbstmitleid“ badet oder schon mal überlegt, wie man später die Möbel stellen wird. Schließlich wird nicht nur der unheilbar Kranke, sondern auch der, der diesen Prozess begleitet, in eine unbekannte Umlaufbahn geschleudert, auf die einen nichts vorbereitet hat.

Doch gleichzeitig werden Fragen, und das war wohl eine der Hauptmotivationen für das Schreiben, an die Ärzte und ihr Selbstverständnis gestellt: Wieso stimmen diese sich nicht miteinander ab, wieso passieren hanebüchene Fehler in der Kommunikation zwischen den verschiedenen Abteilungen? Wieso wird auf Teufel komm raus operiert, bestrahlt und untersucht, wenn der Zeitgewinn von vielleicht drei Monaten durch die Nebenwirkungen gänzlich zunichte gemacht wird? Und warum ist Würde, auch wenn sie sich für jeden etwas anders darstellt, keine medizinische Kategorie? Und wieso wird noch physiotherapiert und mobilisiert, wo nichts mehr zu mobilisieren ist? Warum werden nicht rechtzeitig und ausreichend Schmerzmittel gegeben?

Ich habe den Eindruck, hier äußert sich ein medizinisches Prinzip, das offenbar verbietet, nichts zu tun. Das geht mir aber nicht ins Hirn, wenn sich therapeutische Vorschläge keine Sekunde lang mit der Chance auf Genesung oder Erleichterung verbinden. (S. 81)

Schneyder weiß natürlich auch um die Frage, ob es überhaupt legitim sei, einen so persönlichen Einblick in den Leidensweg seiner Frau zu geben. Er selbst gibt darauf an einer der Schlüssselstellen des Buches eine deutliche Antwort, die vor allem an die Adresse der Ärzteschaft geht.

Ich selbst habe diese 157 Seiten an keiner Stelle als voyeuristisch empfunden. Zum einen, weil man bei bestimmten Sätzen zunächst einmal Mitleid empfindet und weil Schneyder klarstellt, dass diese Krankheit in Kombination mit dieser Art der Behandlung eben den Sinn für das, was ausschließlich privat ist, gröblich verletzt.

Außerdem lese ich seine Schilderungen, die tatsächlich manchmal sehr intim sind, als etwas, das jeden von uns treffen kann, und als eine Erinnerung nicht nur an die Fragwürdigkeit mancher medizinischer Ansichten, sondern ebenso als Erinnerung an unsere Kreatürlichkeit und Fragilität, die uns auch dankbar und demütig machen kann.

Ein trauriges, trotziges, kluges, zorniges, ehrliches und sehr zärtliches Buch. Und eine Liebeserklärung sondergleichen.

Nachtrag

Das Buch erschien im Verlag LangenMüller. Nach kurzer Recherche zur langen und durchaus buntscheckigen Verlagsgeschichte hätte es mich interessiert, warum Schneyders Buch gerade in diesem Verlag veröffentlicht wurde. Bis 2004 leitete Herbert Fleissner die Verlagsgeschäfte, „der einzige Großverleger in Deutschland, der auch Bücher von ehemaligen NS-Autoren in nennenswertem Umfang verlegte“. (Wikipedia, abgerufen am 1. Juli 2020)

2008 erhielt Fleissner von der Gesellschaft für freie Publizistik die Ulrich-von-Hutten-Medaille.

Und während ich dies schreibe, bewirbt die Homepage gerade an prominenter Stelle die neuen Bücher von Markus Krall (genau, derjenige, der das Wahlrecht grundlegend umkrempeln möchte) und Thilo Sarrazin. Vermutlich sind damit die „meinungsstarken Debattenbücher“ gemeint, von denen der Verlag spricht. „Mit der Veröffentlichung des Simplicissimus bewies der Verlag schon in seinen ersten Gründungsjahren um 1900 den Mut zur Meinungsvielfalt. Mit provokanten Themenbeiträgen zu Bildung, Strafvollzug, Justiz oder der Energiewende führt der Verlag diese Tradition bis heute konsequent fort.“

Das kommentiert sich dann wohl selbst … 

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Adalbert Stifter: Der Nachsommer (1857)

Vermutlich hatte ich auch schon bessere Ideen, als ausgerechnet diesen Trumm hier vorzustellen. Aber irgendwann musste es ja so kommen, denn alle paar Jahre greife ich ganz freiwillig zu diesem Bildungsroman des 19. Jahrhunderts, der einen mit seiner manchmal nachgerade pedantisch durchgehaltenen Handlungsarmut und Humorlosigkeit durchaus an den Rand der Verzweiflung bringen kann.

Der Roman, ursprünglich in drei Bänden veröffentlicht, wurde von Größen wie Thomas Mann, von Nietzsche und von Karl Kraus bewundert und von Friedrich Hebbel höhnisch verspottet:

Wir glauben nichts zu riskieren, wenn wir demjenigen, der beweisen kann, daß er sie ausgelesen hat, ohne als Kunstrichter dazu verpflichtet zu sein, die Krone von Polen versprechen.

Schon der erste Absatz:

Mein Vater war ein Kaufmann. Er bewohnte einen Teil des ersten Stockwerkes eines mäßig großen Hauses in der Stadt, in welchem er zur Miete war. In demselben Hause hatte er auch das Verkaufsgewölbe die Schreibstube nebst den Warenbehältern und anderen Dingen, die er zu dem Betriebe seines Geschäftes bedurfte. […] Mein Vater hatte zwei Kinder, mich den erstgeborenen Sohn und eine Tochter, welche zwei Jahre jünger war als ich. Wir hatten in der Wohnung jedes ein Zimmerchen, in welchem wir uns unseren Geschäften, die uns schon in der Kindheit regelmäßig aufgelegt wurden, widmen mußten, und in welchem wir schliefen. Die Mutter sah da nach, und erlaubte uns zuweilen, daß wir in ihrem Wohnzimmer sein und uns mit Spielen ergötzen durften.

Der Ich-Erzähler, Heinrich Drendorf, hat das große Glück, dass sein Vater, ein Wiener Kaufmann, es immerhin zu solchem Wohlstand gebracht hat, dass er selbst keiner Erwerbstätigkeit nachgehen muss, sondern sich seinen zahlreichen Interessen, vornehmlich den Naturwissenschaften, widmen kann. Als Heinrich älter wird, gestattet ihm der Vater sogar, die Sommermonate auf dem Land oder im Gebirge zu verbringen, damit er dort seine geografischen Studien betreiben kann.

Während einer dieser Sommeraufenthalte befürchtet Heinrich, von einem Gewitter überrascht zu werden, und bittet den Besitzer eines schön gelegenen Landhauses, dort das Unwetter abwarten zu dürfen. Diese Bitte wird ihm von dem feinen älteren Mann, der sich später als der Freiherr von Risach entpuppt, gewährt.

Die Männer kommen ins Gespräch, verstehen sich, Heinrich bleibt über Nacht. Und in den folgenden Jahren kehrt er am Ende seiner monatelangen Exkursionen immer wieder für einige Zeit im „Rosenhaus“ ein, in dem das Leben sehr ruhig, sehr ritualisiert und sehr privat vonstattengeht. Der alte Freiherr kann so den Bildungsweg des jungen Heinrich begleiten, fördern und die noch fehlenden Impulse für die Entwicklung des jungen Mannes geben. In ihren zahllosen Gesprächen geht es um das Wesen der Schönheit, das Mittelalter, Griechenland, Kunst, sehr viel Kunst, Schmuck, Hofbewirtschaftung, Antiquitäten, Architektur, griechische Statuen, Gemälde, Bücher, Ordnung und Goethe. Ganz offensichtlich kommt Heinrich aus einer Familie, die dem alten Freiherrn wesensverwandt ist.

Jedes Ding und jeder Mensch, pflegte er [der Vater Heinrichts] zu sagen, könne nur eines sein, dieses aber muß er ganz sein. Dieser Zug strenger Genauigkeit prägte sich uns ein, und ließ uns auf die Befehle der Eltern achten, wenn wir sie auch nicht verstanden. So zum Beispiele durften nicht einmal wir Kinder das Schlafzimmer der Eltern betreten. Eine alte Magd war mit Ordnung und Aufräumen desselben betraut. (S. 9)

Irgendwann lernt Heinrich auch Mathilde, die über alles geschätzte Freundin des Freiherrn, und deren Kinder, Sohn Gustav und die wunderschöne Nathalie, kennen.

Wenn der Roman also nicht wegen seiner Handlung fesselt und auch die fast schon sterilen Charakterzeichnungen sicherlich nicht das sind, was mich an diesem Opus beeindruckt, dann könnte selbst die Sprache, die über weite Strecken so fein und so aus der Zeit gefallen ist, mich nicht über 700 Seiten bei der Stange halten.

Es ist etwas ganz anderes, was hier von Stifter bewunderungswürdig vorgeführt wird.

Der Autor entwirft eine Utopie,  eine idealisierte Welt der Harmonie und Ordnung, in der nicht nur jeder Mensch seinen Platz hat, auch den Gegenständen und wertvollen Kunstobjekten ist ein fester Ort zugeordnet. Kein Buch im Lesezimmer des Rosenhauses darf irgendwo herumliegen, sondern muss nach der Lektüre wieder ins Regal geräumt werden. Die Rosen an der Hauswand, die das Gebäude wie mit einem Teppich überziehen, werden mit Umsicht und viel Arbeit gepflegt. Es gibt ein Zimmer, in dem nur Vogelfutter aufbewahrt wird, damit man die Vögel, die wiederum das Ungeziefer von den Rosen fernhalten sollen, an das Haus und die Örtlichkeit bindet.

Die junge Generation wird nach einem bestimmten Plan erzogen. Gustav, der jüngere Bruder Nathalies und gleichzeitig der Ziehsohn des alten Freiherrn, liest nur, was ihm gestattet wurde, gleichzeitig setzt man das Vertrauen in ihn, dass er die Bände Goethes, für die man ihn noch zu jung erachtet, nicht anfassen wird, obwohl sie ihm frei zugänglich sind. Körperliche Ertüchtigung gehört genau so selbstverständlich dazu wie die sorgfältige Einhaltung der Stunden des Home Schooling und die Auswahl der passenden Bekannten.

Alte Möbel und Gerätschaften, selbst verfallene Kirchen, werden mit viel Liebe und Sachverstand, mit dem man das eigentliche Wesen dieser Dinge wieder sichtbar machen möchte, restauriert. Da kann es dem Leser und der Leserin dann auch schon mal passieren, dass man mehrere Seiten lang ein Möbel oder eine Statue beschrieben bekommt.

In diesem patriarchalisch, manchmal auch ziemlich pedantisch geordneten Privat-Universum, sind auch die Rollen der Geschlechter festgeschrieben. Die Frau bekommt den Bereich der Häuslichkeit zugeschrieben, der Mann geht aktiv in die Welt, in die Politik, in den Krieg, ins Büro. Zwar wird die Frau in ihrem Tun respektiert und geachtet, aber bestimmte Entscheidungen trifft ausschließlich der Mann und entsprechender Respekt vor dem Hausherrn kann in der Ehe nicht schaden. Interessen, die den Rahmen der Häuslichkeit überschreiten, sind für eine Ehefrau dabei weniger wünschenswert. Sie darf sich allerdings herzlich mitfreuen, wenn dem Gatten wieder ein schöner Kunstfund geglückt ist.

Genauso ordnen sich die Dienstboten und die Arbeiter, denen höhere Bestrebungen ja bekanntlich eher fremd sind, gern in dieses System ein und sehen ihren Lebenszweck selbstredend in ihrer Sorge für die Herrschaft. Künstler und kreative Menschen hingegen stehen irgendwo dazwischen und haben einen größeren Freiraum und werden bereits als Individuen wahrgenommen.

Heinrich gleitet wie auf Kufen der sittlichen und ästhetischen Vervollkommnung entgegen, nie ist sein Weg gefährdet, selbst die Annäherung an Nathalie erfolgt unaufgeregt, ja unausweichlich. Möglich ist dies, da Mathilde und der Freiherr von Risach in ihrer Jugend den Leidenschaften und der Unvernunft so viel Raum gelassen haben, dass sie im Grunde heute noch dafür bezahlen und in ihrem Nachsommer, dem eigentlichen Kern des Romans, zwar zu Frieden und Milde gefunden haben, doch vor allem dafür sorgen können, dass die nächste Generation nicht die gleichen Fehler macht.

Spät im Roman erzählt der alte Risach dem jungen Heinrich seine Lebensgeschichte. Interessanterweise ist die viel lebendiger, wirkt viel menschlicher, da Stifter hier noch Menschen aus Fleisch und Blut hat aufeinandertreffen lassen. Während die Szenen zwischen Heinrich und Nathalie manchmal unfreiwillig komisch sind, da körperliche Anziehungskraft kein Thema sein durfte. Nathalie ist ein Engel, der so rein und so überirdisch schön ist, dass sie vor lauter Holdseligkeit kaum etwas sagen kann.

Überhaupt werden in diesem Roman nur feine und sehr tiefsinnige Gespräche geführt, einen Alltag mag man sich da gar nicht recht vorstellen.

Dennoch: Hebbel hatte unrecht. Das Buch ist etwas ganz Eigenes, ganz Besonderes. Diese Utopie hat so offensichtlich einen doppelten Boden, man glaubt ihr nicht und doch ist absolut faszinierend, wie Stifter sich die ideale Erziehung zum humanen Menschen, den Umgang der Menschen untereinander und die Überbrückung der Klassenschranken dachte, wie hier jemand einer ganzen Welt eine Ordnung, einen Sinn einschreiben wollte, dass man sich sogar bei dem Wunsch ertappt, es wäre das ein oder andere davon in Erfüllung gegangen.

Auch das überstrapazierte Modewort der Achtsamkeit: In dieser Welt wird es von den Protagonisten gelebt. Man geht achtsam mit Büchern und Kunstgegenständen um. Man geht achtsam mit den zur Verfügung stehenden Stunden des Tages und mit dem anvertrauten Reichtum um. Man prasst nicht (ganz im Gegensatz zu Stifter) und stellt nichts zur Schau. Man redet, man schweigt, man lässt dem anderen seinen Raum. Letztlich erstreckt sich diese Art der Weltaneignung auch auf einen nachhaltigen Umgang mit der Natur. Und der alte Gärtner ist glücklich, als er einen übergroßen Kaktus, der bei den Nachbarn nicht gewürdigt wurde und schon ganz schief und krumm zu werden drohte, in seine Obhut nehmen und der Pflanze nun die Bedingungen bieten kann, die sie für ein ungehindertes Gedeihen benötigt.

Selbstredend werden in dieser idealen Welt entsprechende finanzielle Ressourcen und die frei verfügbare Zeit vorausgesetzt, sodass man sich ausschließlich den individuellen Interessen und Liebhabereien widmen kann. Etwas, das Stifter fast sein ganzes Leben lang versagt blieb.

Und all denen, die Bildung nur unter dem Aspekt der wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Verwertbarkeit sehen, wird gesagt:

Gegen diesen Einwurf sagte mein Vater, der Mensch sei nicht zuerst der menschlichen Gesellschaft wegen da sondern seiner selbst willen. Und wenn jeder seiner selbst willen auf die beste Art da sei, so sei er es auch für die menschliche Gesellschaft. Wen Gott zum besten Maler auf dieser Welt geschaffen hätte, der würde der Menschheit einen schlechten Dienst tun, wenn er etwa ein Gerichtsmann werden wollte: wenn er der größte Maler wird, so tut er auch der Welt den größten Dienst, wozu ihn Gott erschaffen hat. Dies zeige sich immer durch einen innern Drang an, der einen zu einem Dinge führt, und dem man folgen soll. […] Gott lenkt es schon so, daß die Gaben gehörig verteilt sind, so daß jede Arbeit getan wird, die auf der Erde zu tun ist, und daß nicht eine Zeit eintritt, in der alle Menschen Baumeister sind. (S. 15)

Im Anschluss sollte man dann noch gleich die Biografie von Wolfgang Matz lesen. Wie Stifter, dessen Verdrängungen, Selbsttäuschungen und unerfüllte Sehnsüchte sich im Nachsommer wie in einem dunklen Spiegel wiederfinden und der spätestens mit diesem großen Werk nur noch auf Unverständnis stieß, ist eine zuweilen erschreckende, aber immer interessante Lektüre. Selbst wenn Matz etwas  einseitig die „Schuld“ an Stifters unglücklicher Ehe ausschließlich bei dessen Frau verortet.  Aber das wäre dann schon wieder eine andere Geschichte.

Stifter hat in diesen Roman alles hineingelegt, was er von der Welt in seinem Denken erfassen konnte; er ist eine Summe seines ganzen Lebens und Schreibens, der Höhepunkt seines Werks. Und nicht nur des seinen: Der Nachsommer gehört zu jenen Büchern, die einsam und unerreicht, einzigartig und vollkommen in der Landschaft der deutschsprachigen Literatur stehen; eines jener wenigen Meisterwerke, die fremd wie ein Findling in ihrer Zeit liegen und eine unmittelbare Wirkung nicht haben konnten. Ganz und gar gegen seine Epoche angeschrieben, ist er doch ohne Bezug auf sie kaum zu verstehen; in jeder Faser von Stifters persönlichster Lebenserfahrung geprägt, ist er doch Lichtjahre entfernt von jeder romanhaften Autobiographie.

Aus:  Wolfgang Matz: Adalbert Stifter oder Diese fürchterliche Wendung der Dinge, Carl Hanser Verlag 1995, S. 324

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Fundstück von William Henry Hudson

Meines Erachtens ist nichts so ergötzlich im Leben wie das Gefühl der Entspannung, des Entrinnens und der vollkommenen Freiheit, das man in einer weiten Einöde erfährt, wo der Mensch vielleicht noch nie gewesen war und jedenfalls keine Spur seines Daseins hinterlassen hat.

aus: William Henry Hudson: Müßige Tage in Patagonien, Matthes & Seitz, Berlin 2019, Naturkunden NO. 57, S. 12, aus dem Englischen von Rainer G. Schmidt

Im Original lautet die Stelle:

To my mind there is nothing in life so delightful as that feeling of relief, of escape, and absolute freedom which one experiences in a vast solitude, where man has perhaps never been, and has, at any rate, left no trace of his existence.

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Sigrid Nunez: A Feather on the Breath of God (1995)

Nachdem ich The Friend von Nunez gelesen hatte, wollte ich mehr von dieser Autorin lesen und landete bei ihrem Debütroman A Feather on the Breath of God, der 1999 auch auf Deutsch erschien.

Das schmale Werk von 180 großzügig gesetzten Seiten ist stark autobiografisch und erkundet die dauerhaften Beschädigungen, die eine Immigrantenkindheit aus – wie wir heute sagen würden – bildungsfernen Verhältnissen mit sich bringen kann. Auch Nunez‘ Mutter war – wie die der Ich-Erzählerin – Deutsche, ihr Vater hatte chinesisch-panamaische Wurzeln. Die Eltern hatten sich in Deutschland kennengelernt, waren dann gemeinsam nach Amerika gegangen und haben sich und den drei Töchtern dann ein höchstmöglich dysfunktionales Familienleben beschert.

Nunez selbst hat das Buch als ihr „real hybrid genre book“ bezeichnet.

Even though there are parts that are based on my parents, with little distance between author and narrative, it isn’t really a memoir, because there’s a sufficient amount of distortion and invention. (Renée H. Shea: The Secret Facts of Fiction: A Profile of Sigrid Nunez, 2006)

Der erste große Abschnitt Chang geht den Erinnerungen an die Vaterfigur nach, der entweder abwesend ist, weil er sieben Tage die Woche den kärglichen Lebensunterhalt mit mies bezahlten Jobs verdient oder abends stumm in der Küche sitzt, während die anderen sich im Wohnzimmer aufhalten. In der Wohnung gibt es nichts, was auf die Heimat des Vaters hindeutet, er spricht zeit seines Lebens schlecht Englisch, doch es kommt auch niemand auf die Idee, dass es eine gute Idee sein könnte, den Kindern Chinesisch beizubringen.

We must have seemed as alien to him as he seemed to us. To him we must always have been „others“. Females. Demons. No different from other demons, who could not tell one Asian from another, who thought Chinese food meant chop suey and Chinese customs were matter for joking. I would have to live a lot longer and he would have to die before the full horror of this would sink in. And then it would sink in deeply, agonizingly, like an arrow that has found its mark. (S. 23)

Das zweite Kapitel Christa beschäftigt sich mit der Mutter, die seit ihrer Ankunft in Amerika heimwehkrank und unglücklich ist, sie lässt das an den drei Töchtern, doch auch vor allem an ihrem Mann aus, dem sie vorwirft, zu wenig zu verdienen, den sie klein und verächtlich macht, weil er die deutschen Namen der Töchter nicht richtig aussprechen kann, dem sie die Trennung androht, nur um dann doch alles beim Alten zu lassen. Im Laufe ihres Lebens sagt sie schreckliche Dinge, von denen die Tochter sagt:

Some things it would be death to forgive. (S. 180)

Aus dieser wenig Halt gebenden und unberechenbaren Atmosphäre flüchtet die Tochter lange in die Traumwelt des Balletts –  A Feather on the Breath of God – bis sie erkennt, dass ihr die wirkliche Begabung dazu fehlt. Im Nachhinein ist sie möglicherweise auch froh gewesen, ihrem Körper nicht länger die Schmerzen und den Hunger zufügen zu müssen, nur damit dieser den männlich geprägten Schönheitsvorstellungen des Balletts entspricht.

Now, of course, I can say precisely what it was that was happening to me. I had discovered the miraculous possibility that art holds out to us: to be a part of the world and to be removed from the world at the same time. (S. 101)

Lange fragte ich mich, wozu ich als Leserin die nüchtern und fast klinisch sachlich geschilderte Ehehölle, diese Kindheit und Jugend überhaupt kennenlernen musste, in der die Kinder außerdem damit zurechtkommen mussten, als „half-breeds“ beschimpft zu werden.

The last thing I would have believed back then was that one day it would be fashionable to be Chinese; or that I had only to wait a few years, till I reached adolescene, to hear people say that they envied me my exotic background. (S. 85)

Doch im vierten und letzten Teil Immigrant Love beantwortet sich das. Die Ich-Erzählerin erzählt von einer Affäre, die sie als gestandene Sprachlehrerin mit einem ihrer Schüler, einem verheirateten 37-jährigen Ex-Junkie aus Russland eingeht.

Und hier – gegen Ende – bindet Nunez mit nur einem Satz plötzlich das ganze Werk zusammen, man sieht, wie alles zusammenhängt, dass niemand von uns seinen Kindheitskatastrophen und -versehrungen unbeschadet entkommt, die im Falle einer missglückten Immigration der Eltern umso tiefgreifender sind.

Doch obwohl besonders der Schluss, ja ein einziger Satz,  mich mit der Kunst von Nunez versöhnte, bin ich überrascht, wie wenig nach zwei drei Wochen mir noch erinnerlich ist, wie wenig der Roman nachhallt. Vermutlich waren es mir dann doch zu viele assoziativ aneinandergereihte Erinnerungen, wie Bilder aus einem fremden Familienalbum, wobei die Gefühle und Gedanken der Beteiligten über weite Strecken verborgen blieben.

Der poetische Titel verdankt sich übrigens einem Zitat Hildegard von Bingens.

End of the semester. It is very late and I am alone in my room. A narrow desk by the window, overlooking the courtyard that is slowly filling up with snow. Books open on the desk, bright lamp, cigarettes, a boyfriend’s photograph. I will sit there all through the night, I will smoke all the cigarettes, and in the morning I will cross the courtyard to answer questions about literature and the tragic sense of life. The sound of a pen scratching in the night ist a holy sound. I want to get down something T. S. Eliot said: Human beings are capable of passions that human experience can never live up to. (S. 118)

Caradog Prichard: one moonlit night (OA 1961)

one moonlit night (1961), der einzige Roman des walisischen Journalisten Prichard (1904 – 1980), wurde erstmals 1995 von Philip Mitchell vollständig ins Englische übersetzt. Auf dieser englischen Version beruht die Übersetzung ins Deutsche von Christel Dormagen (1999 im Piper Verlag erschienen).

Der Roman beginnt mit den Sätzen:

I’ll go and ask Huw’s Mam if he can come out to play. Can Huw come out to play, O Queen of the Black Lake? No, he can’t, he’s in bed and that’s where you should be, you little monkey, instead of going round causing a riot at this time of night. Where were you two yesterday making mischief and driving village folk out of their minds? (S. 1)

Ich geh jetzt Huws Mam fragen, ob er zum Spielen rauskommen darf. Darf Huw rauskommen zum Spielen, o Königin des Schwarzen Sees? Nein, er liegt im Bett, und da solltest du auch längst sein, du kleines Äffchen, statt hier rumzugeistern und so spät noch solchen Lärm zu machen. Wo habt ihr zwei euch denn gestern rumgetrieben? Mit eurem Unfug habt ihr die Leute im Dorf ganz verrückt gemacht. (S. 7)

Ein Junge, das einzige Kind seiner Eltern, lässt uns teilhaben an seinen Erlebnissen und Gedanken seiner Kindheit und Jugendzeit. Erst nach und nach erschließen sich der Ort – Bethesda, ein Kaff im nordwestlichen Wales, geprägt von den harschen Bedingungen des Schieferabbaus – und die ungefähre Zeit der Handlung – um 1915 herum. Der ca. Zehnjährige liebt seine Mutter sehr, die ihm trotz der Armut und des allgegenwärtigen Hungers Geborgenheit und relativ lange so etwas wie die Illusion einer normalen Kindheit ermöglicht. Der Vater ist schon vor Jahren bei einem Grubenunglück gestorben und seitdem lebt er mit seiner Mutter von der Wohlfahrt und dem bisschen, was sich die Mutter mit Waschen und Bügeln für den Pfarrer dazu verdient. Doch als dieser stirbt, verändert sich die Mutter, sie wird nie wieder so wie früher sein.

Zunächst scheint es um typische Kindheitserlebnisse zu gehen: Abendliche Streifzüge mit seinen besten Kumpeln Huw und Moi, die Schule, der Rohrstock des Lehrers, die Freude, wenn er im Pfarrhaus ein dickes Butterbrot vorgesetzt bekommt. Die Panik, als er sich beim Beerensammlen mit Freunden verirrt. Die Nachbarn, eine Prügelei vor der Kneipe. Die Gottesdienste. Ein offizieller Boxkampf.

Weder die Lebensbedingungen noch der Hunger setzen der Kinderunschuld zunächst zu. Doch rasch wird deutlich, dass die Kinder Dinge sehen und hören, die ganz bestimmt nicht zu einer behüteten Kindheit gehören, auch wenn sich ihnen manchmal nicht sofort erschließt, was sie da eigentlich beobachtet haben. Warum verschwindet der Lehrer so lange mit einer Schülerin in einem anderen Raum? Warum bringt sich der Onkel seines Kumpels Huw um?

Besondere Begabungen oder ein Gespür für das Schöne sind in dieser Welt irrelevant.

You’d think the sky would look so near from here, with us having climbed so high. But it didn’t look close at all as I lay flat on my back, seeing nothing but blue sky without a single cloud to spoil it, and the sunhot on my cheeks. Dew, it must be great to be allowed to go to Heaven, I said. It’s strange that I can’t see Heaven from here or see an angel flying somewhere over there. That must be the underneath side of Heaven’s floor and the floor on the other side must be blue too. Dew, it must have needed a lot of blue colour to make it all. Much more than Mam uses on washing day. (S. 39)

Eigentlich hätte ich gedacht, daß der Himmel von hier ganz nah aussieht, wo wir doch so hoch geklettert sind. Aber er sah überhaupt nicht nah aus, als ich auf dem Rücken lag und nichts als blauen Himmel sah. Keine einzige Wolke störte ihn, und die Sonne brannte auf meine Backen. Mensch, es muß toll sein, wenn man in den Himmel kommen darf, sagte ich. Es ist komisch, daß ich Gottes Himmel nicht sehen kann und auch keinen Engel, der irgendwo da oben rumfliegt. Das muß die Unterseite vom Himmelsfußboden sein, und auf der anderen Seite muß der Fußboden auch blau sein. Mensch, da haben die aber eine Menge blaue Farbe für gebraucht. Viel mehr, als Mam am Waschtag benutzt. (S. 55)

Die Kirche und ihre Lieder geben Halt und der Chorgesang und die Jahreszeiten bringen ein wenig Schönheit in diese harten Arbeiterleben, doch wehe, eine Frau bekommt ein uneheliches Baby. Der Schleier des Nichtverstehens, der kindlichen Unschuld, der  über vielen Szenen liegt, wird immer dünner, bis er schließlich zerreißt. Letztlich war diese Kindheit von Anfang an unbehütet. Am Ende führt einen die Geschichte bis hin zu existentieller Einsamkeit und Trauer, die das ganze Buch in einem anderen Licht erscheinen lassen.

Nun handelt es sich hier aber keineswegs um eine dieser bloßen misery memoirs, denen ich nicht viel abgewinnen kann. one moonlit night strahlt eine Energie, einen Sog und manchmal sogar einen Humor aus, dem man sich beim Lesen kaum entziehen kann. Auch der Stil ist eines Klassikers würdig.

Die Eigenwilligkeit der Gestaltung liegt darin, dass alle Zeitebenen gleichberechtigt nebeneinanderstehen, die Chronologie völlig aufgehoben erscheint und man erst später durch sparsame Andeutungen versteht, dass sich hier ein Mann in einer mondhellen Nacht an seine Kindheit in diesem Dorf erinnert, während er die bekannten Straßen und Wege abschreitet.

2014 erstellte die Wales Arts Review auf der Suche nach dem wichtigsten walisischen Werk eine Longlist mit 25 Titeln. Die Wahl der Öffentlichkeit fiel auf one moonlit night oder Un Nos Una Leaud. Ich kenne die übrigen Titel nicht, bin aber sicher, dass das mal eine sehr verdiente Würdigung war.

Mich jedenfalls hat dieser gleichermaßen poetische wie kompromisslose Roman fasziniert.

Wenn man möchte, kann man sich anschließend noch weiter informieren, sei es zur Biografie des Autors (sinnvollerweise erst NACH der Lektüre) oder zu den Arbeitsbedingungen im damaligen Schieferabbau, und sich fragen, wie damals die Besitzer der Gruben eigentlich ihren Reichtum und die Armut der Arbeiter vor ihren Gewissen rechtfertigen konnten.

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Fundstücke von Edward Abbey

Die Trump-Administration arbeitet inzwischen unter Hochdruck daran, die öffentlichen Ausgaben für die Nationalparks zu reduzieren, möglichst viel der dortigen Infrastruktur zu privatisieren, noch mehr Camper in die Parks zu bringen und ihnen sogar Amazonlieferdienste anzubieten. Siehe diesen Artikel aus dem Guardian. Trump selbst spricht von den „harmful and unnecessary restrictions on hunting, ranching and responsible economic development”, die dringend aufgehoben werden müssten.

Hier kann man, wenn man sich gruseln möchte, die entsprechende Rede, in der alte Schutzbestimmungen mal eben ausgehebelt werden, noch einmal in Gänze nachlesen.

Abbey beobachtete diese Entwicklung bereits 1968:

Manch einer tritt sogar offen und rückhaltlos dafür ein, auch die letzten Überbleibsel der Wildnis auszumerzen und die Natur nicht den Erfordernissen des Menschen, sondern der Industrie zu unterwerfen. Das ist eine mutige Ansicht, bewundernswert in ihrer Einfachheit und Kraft […] Zugleich ist sie ziemlich schwachsinnig, und ich sehe mich außerstande, hier weiter auf sie einzugehen. (S. 70)

Der industrielle Tourismus ist ein Riesengeschäft. Er riecht förmlich nach Geld. An ihm sind Motel- und Restaurantbesitzer, Tankstellenbetreiber, Ölkonzerne, Straßenbaufirmen, Baumaschinenhersteller, Behörend auf Landes- und Bundesebene und die unabhängige, allmächtige Autoindustrie beteiligt. Diese unterschiedlichen Interessengruppen sind gut organisiert, befehlen über mehr Reichtum als die meisten modernen Nationen und sind im Kongress in einer Stärke vertreten, die weit über das hinausgeht, was noch verfassungsgemäß oder demokratisch zu rechtfertigen wäre. (S. 72)

aus: Edward Abbey: Die Einsamkeit der Wüste (1968)

Siehe dazu auch zwei wie immer fantastisch illustrierte Beiträge auf dem Blog Safe Travels:

Fundstück von Edward Abbey

A weird lovely fantastic object out of nature, like Delicate Arch, has the curious ability to remind us — like rock and sunlight and wind and wilderness — that out there is a different world, older and greater and deeper by far than ours, a world which surrounds and sustains the little world of men as sea and sky sustain a ship.  The shock of the real.  For a little while we are again able to see, as a child sees, a world of marvels.  For a few moments we discover that nothing can be taken for granted, for if this ring of stone is marvelous all which shaped it is marvelous, and our journey here on earth, able to see and touch and hear in the midst of tangible and mysterious things-in-themselves, is the most strange and daring of all adventures.

aus: Edward Abbey: Desert Solitaire (1968)

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Sigrid Nunez: The Friend (2018)

Herbert liest befand, dass Allegro Pastell von Leif Randt eines der hässlichsten Bücher sei, die er je gekauft habe.  Ich überlege noch, ob ich die Gestaltung zu The Friend von Sigrid Nunez (*1951) nicht mindestens genauso schlimm finde. Jedenfalls hätte mich das Cover beinahe dauerhaft verschreckt.

Aber auch die Stichworte zum Inhalt „Frau um die fünfzig trauert um ihren besten Freund, einen etwas älteren Literaturdozenten und Schriftsteller, der Suizid  begangen hat und ihr ein Kalb von einer Deutschen Dogge vermacht, wobei ein Haustier in ihrer kleinen Mietwohnung im Wohnblock ohnehin verboten ist“ hatten zunächst nicht so wirklich bei mir verfangen.

Warum das Buch dann trotzdem hier gelandet ist, ich weiß es nicht mehr, begeisterte Kritiken allerorten, der National Book Award 2018 und was soll ich sagen: Das Buch ist klug und bewegend und als ich am Ende angekommen war, wollte ich am liebsten gleich wieder von vorn beginnen. So eines der seltenen Bücher, nach deren Lektüre ich gar nicht das Bedürfnis hatte, viel darüber zu schreiben. Alles spricht für sich. Und von Sentimentalitäten keine Spur.

Nunez hat ihrer Ich-Erzählerin einige autobiografische Details mitgegeben. Auch diese lebt in New York City und ist Dozentin für Creative Writing und Schriftstellerin. Die Protagonistin scheint zunächst sehr understated, geradezu überreflektiert. Sie beobachtet messerscharf, ironisch und ihre Erinnerungen mäandern durch die Jahrzehnte der Freundschaft mit dem einstmals so charismatischen, dreimal verheirateten Macho-Mann, der zunehmend irritiert war, dass junge Frauen nicht mehr am Sex mit ihm interessiert waren und dessen Studentinnen auch nicht länger von ihm als „dear“ bezeichnet werden wollten.

I don’t want to talk about you, or to hear others talk about you. It’s a cliché, of course: we talk about the dead in order to remember them, in order to keep them, in the only way we can, alive. But I have found that the more people say about you, […] the further you seem to slip away, the more like a hologram you become. (S. 12)

Dabei geht sie der Frage, ob sie ihn all die Jahre geliebt habe und vielleicht doch nur eines der zahlreichen, zu duldsamen Groupies war, lange aus dem Weg, denn sie vermisst ihn immer noch ganz entsetzlich, an jedem einzelnen Tag, auch als Partner für all die unzähligen Gespräche über Schriftsteller, Bücher, Literatur, deren Grenzen und Möglichkeiten. Über ihre Studenten, die Literatur zunehmend in den Dienst ihrer eigenen – oft sehr begrenzten – Weltsicht nehmen, nur noch nach Safe Spaces auf dem Campus rufen und sich Büchern verweigern, die sie unangenehm berühren, etwas in Frage stellen oder über den eigenen Tellerrand hinausgehen könnten.

Das ganze Buch ist eine einzige große Ansprache an den Toten, der Widerspruch von einer Frau nicht unbedingt geschätzt hat. Überdies ist es eine wunderbare Schilderung des Trauerprozesses, in dem sich die Frau mehr und mehr in sich und ihren Assoziationen zu verlieren droht, obwohl durchaus hilfreiche Freunde im Hintergrund parat stehen. Ist es überhaupt statthaft, seinen Haustieren einen Namen zu geben und was hat es mit dem Buch My Dog Tulip von J. R. Ackerley auf sich?

Dieser Prozess, der aber gleichzeitig auch sehr irdisch daherkommt, umfasst auch die allmähliche Annäherung an Apollo. Immer wieder mal drohen Probleme mit oder durch den großen Hund, was nicht ohne leisen Humor geschildert wird. Apollo mag es, wenn man ihm vorliest, z. B. Rilke.

Und plötzlich Wendungen, die einen wieder alles in Frage stellen lassen. Darüber hinaus ist es auch der Prozess einer Selbstvergewisserung als Frau in einer Welt, in der ehemals attraktive Männer wie der Verstorbene glaubten, jeder Frau – einschließlich seiner Studentinnen – Avancen machen zu dürfen und in der Männergewalt gegen Frauen nach wie vor gang und gäbe ist.

Die vielen Zitate, Abschweifungen und Erinnerungsfetzen, die die belesene Ich-Erzählerin aus ihrer lebenslangen Lektüre einfließen lässt, zeigen, wie sehr Bücher tatsächlich zu ihrem Leben gehören und wie sehr die nächste Generation, die sie unterrichtet, so ganz anders, vielleicht ärmer, an Literatur herangeht.

Was mich vielleicht am meisten an diesem Roman beeindruckt hat, ist wie die Sprache zu der Protagonistin passt. Da ist kein Wort zu viel, alles wird schnörkellos, aber so präzise gesagt, dass man sich nicht vorstellen kann, dass auch nur ein einziger Satz anders hätte formuliert werden können. Schon die ersten Sätze lassen einen nicht mehr vom Haken:

During the 1980s, in California, a large number of Cambodian women went to their doctors with the same complaint: they could not see. The women were all war refugees.

Anette Grube übersetzte das Buch ins Deutsche.

Hier noch ein Artikel mit einigen Hintergrundinformationen aus der New York Times.

 

 

Jürgen Goldstein: Die Entdeckung der Natur (2013)

Dieser Band von Jürgen Goldstein aus der Reihe der Naturkunden, herausgegeben von Judith Schalansky, setzt es sich zum Ziel, „Etappen einer Erfahrungsgeschichte“ nachzuzeichnen, also der Frage nachzugehen, wie Menschen im Laufe der europäischen Geschichte Natur betrachtet haben.

Dazu widmet Goldstein (*1962), Professor der Philosophie, den folgenden Männern und leider nur einer Frau jeweils ein Kapitel, in dem er anhand von Briefausschnitten und biografischen Aufzeichnungen entscheidende Momente ihres Lebens nachzeichnet. Schon das arg unübersichtliche Inhaltsverzeichnis, von dem ich hier nur die Untertitel zitiere, klingt verheißungsvoll und weckt lesende Entdeckerlust:

  • Francesco Petrarca besteigt 1336 den Mont Ventoux
  • Christoph Kolumbus erreicht 1492 Amerika
  • Maria Sibylla Merian erreicht 1699 Surinam
  • Georg Forster erreicht 1773 Tahiti
  • Johann Wolfgang von Goethe besteigt 1777 den Brocken
  • Georg Christoph Lichtenberg erreicht 1778 Helgoland
  • Alexander von Humboldt besteigt 1802 fast den Chimborazo
  • François-René de Chateaubriand besteigt 1804 den Vesuv
  • Charles Darwin erreicht 1835 den Galapagos-Archipel
  • Edward Whymper besteigt 1865 das Matterhorn
  • Jean-Henri Fabre besteigt 1865 den Mont Ventoux
  • Wilhelm Weike erreicht 1883 Baffin-Land
  • Fridtjof Nansen erreicht 1895 den 86. Breitengrad der Arktis
  • Claude-Lévi-Strauss erreicht 1938 Amazonien
  • Peter Handke besteigt 1979 die Sainte-Victoire
  • Reinhold Messner besteigt 1980 den Mount Everest
  • Auf der Suche nach der verlorenen Wildnis

Goldsteins unternimmt in seinem Werk den Versuch, die Entwicklung der europäischen Naturerfahrung nachzuzeichnen.

Die Entdeckung der Natur als eine seit dem 14. Jahrhundert einsetzende Erfahrungsgeschichte scheint an ihr Ende gekommen zu sein. […] Dieses Buch handelt von der einsetzenden Entdeckung, der allmählichen Entfaltung und dem drohenden Verlust der Erfahrbarkeit der Natur. (S. 23)

Mein Fazit: Manchmal ist es schön, nicht alles zu wissen, denn umso mehr Spaß macht es, mit so solide und umfangreich recherchierten Büchern wie diesem den Bildungslücken ein klein wenig abzuhelfen.  Goldsteins Entscheidung, die Protagonisten ausführlich selbst durch ihre Reiseaufzeichnungen, Tagebücher und Briefe zu Wort kommen zu lassen, lässt die LeserInnen unmittelbar an Schönheit, Gefahr, Verzweiflung, Todesnähe und überbordender Entdeckerfreude der Akteure teilhaben und sorgt für einen angenehmen Kontrast zur manchmal abstrakt-akademischen Sprache des Professors.

Der Zuwachs an Welterfahrung bei den Reisenden, die von ihren Eindrücken berichten, enthält immer auch eine Erlebnisrendite, die den Daheimgebliebenen zufällt. Das mag ein dürftiger Ersatz sein, wenn man nie in einem tropischen Regenwald gestanden, keinen Vulkan der Anden aus der Nähe gesehen und die Eislandschaften der Pole nicht aus eigener Anschauung kennengelernt hat. Aber wem auch immer diese Erfahrungen fehlen, er wäre ärmer ohne die Lektüre der Berichte über das, was er selbst nicht gesehen hat und nie sehen wird. (S. 272)

Manchmal schien mir die Fragestellung, von der er ausging, etwas aus dem Blick zu geraten, das aber war zu verschmerzen. Manches bleibt offen: War Augustinus, den Goldstein dafür verantwortlich macht, dass die Naturbetrachtung der lohnenderen und spannenderen Seelenbetrachtung untergeordnet worden sei, tatsächlich für die nächsten 1000 Jahre so tonangebend, dass Naturbetrachtung als solche eher gering geschätzt wurde? Was ist mit der Denkrichtung, in der Natur Gottes Wirken wahrzunehmen?

Auf die Kapitel zu Handke und Chris McCandless, der voller Naivität in Alaska in den Tod getrampt ist, hätte ich persönlich verzichten können. Gefreut hätte ich mich stattdessen über Kapitel zu Thoreau und Chatwin, die nur kurz erwähnt werden, außerdem fehlt Edward Abbey und das komplette Genre des sogenannten Nature Writing und statt McCandless wäre mir Everett Ruess lohnender erschienen, zumal der Tagebücher und Hunderte von Briefen hinterlassen hat, aus denen man ebenfalls trefflich hätte zitieren können.

Goldstein sagt ja selbst:

Für die vorgelegte Entdeckung der Natur kann und soll Vollständigkeit kein Ziel sein. Die Beschränkung auf exemplarische Naturerfahrungen erfolgt anhand des Leitfadens der Bergbesteigungen und Seefahrten. [Und wie hat sich dann McCandless in das Buch verirrt?] Von vielem ist daher nicht die Rede: Nicht von der Durchquerung des nordamerikanischen Kontinents durch Meriwether Lewis und William Clark 1804 bis 1806 […], nicht von David Livingstones Entdeckung der Victoria-Wasserfälle im Jahre 1855 bei seiner Durchquerung des afrikanischen Kontinents; nicht von Ludwig Leichhardts Vordringen in das Innere Australiens im Jahre 1848… (S. 23)

Ein Aspekt, der deshalb ebenfalls außen vor bleibt, ist die Eroberung des amerikanischen Kontinents. Dabei wären die theologischen Rechtfertigungen, die man in dem Prozess, sich das Land „untertan“ zu machen, anführte, im Lichte der Fragestellung, wie dort Natur gesehen und interpretiert wurde, sicherlich interessant.

Und wenn man den Bogen bis in die Gegenwart spannen möchte, könnte man noch auf den Selfie-Wahn unserer Tage verweisen, wo der Mensch nun wirklich nur noch sich selbst sieht. Sind doch 259 Menschen zwischen Oktober 2011 und November 2017 beim Erstellen von Selfies tödlich verunglückt (Quelle: Statista). Und nicht nur in Kalifornien zerstören Instagrammer genau das, was sie vorgeblich so mögen.

Zurück zu Goldsteins Werk: Was kann letztlich zufriedenstellender sein, als dass man jetzt auf den Geschmack gekommen ist, sich am liebsten mit mindestens drei der vorgestellten Protagonisten nun näher beschäftigen möchte und sich außerdem wünscht, dass der Autor einen in einem zweiten Band genauso kenntnisreich und belesen durch weitere Stationen der Naturbetrachtung führt?

Dieser zweite Band dürfte dann auch gern noch einige unternehmungslustige Frauen enthalten und in etwas freundlicheren Farben daherkommen.

Mein Lieblingszitat war übrigens das des Gärtners und Hausknechts Wilhelm Weike. Weike begleitete den Sohn des Hauses, Franz Boas, auf dessen Expedition zur Baffininsel im arktischen Teil Kanadas. Goldstein bescheinigt ihm zwar, für derlei Erfahrungen über keine adäquate Sprache zu verfügen, aber ich hatte sofort die Szene und die leicht genervte Ehefrau vor Augen:

Es ist doch sehr schön, wenn man wieder zu Hause ist. Aber die schönen Erinnerungen vom vergangenen Jahr bleiben doch […] Ich denke noch oft an die verlebten Tage bei den lieben Eskimos. Die Erinnerung ist doch schön. Ich habe schon manchen Abend gesessen  und meiner Frau erzählt, die weiß es balde so gut wie ich selbst, wie es da ist. (S. 205)

Also, Petra, vielen Dank für deinen Post zu dem Buch, der mir diesen Band auf die never ending list gesetzt hat.

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Edward Abbey: Die Einsamkeit der Wüste (OA 1968)

1968 erschien Désert solitaire des Amerikaners Edward Abbey. Was für ein grandioses, größenwahnsinniges, oft genug auch machohaftes Buch. Was für eine elegische und gleichzeitig weitsichtige Liebeserklärung an eine ganz besondere Gegend in Amerika, die man grob mit dem heutigen Arches National Park gleichsetzen kann.

Edward Paul Abbey (1927-1989), Englisch- und Philosophiestudium, fünfmal verheiratet, aufmüpfig, atheistisch, anachistisch, immer auf dem Radar des FBI, arbeitete 1956 und 1957 als Park Ranger im Arches National Monument, dem „schönsten Ort auf Erden“ (S. 15). Als Unterkunft dient ihm ein Wohnwagen.

Der Ort liegt in der Nähe von Moab, einer Kleinstadt im Südosten Utahs. Weshalb ich dort hingegangen bin, spielt keine Rolle mehr; was ich dort vorgefunden habe, ist das Thema dieses Buches. Mein Job begann mit dem ersten April und endete mit dem letzten Septembertag. Mir gefiel die Arbeit und das Canyonland und so kehrte ich im darauffolgenden Jahr für eine weitere Saison zurück. (S. 7)

Einige Jahre später bleibt er für eine dritte Saison.

Es waren schöne Zeiten damals, besonders in den ersten beiden Saisons. Der Tourismus war noch kaum entwickelt, und die Zeit verstrich äußerst langsam, so wie Zeit eben verstreichen sollte, in trägen und langen Tagen, die so weiträumig und frei wie die Sommer der Kindheit waren. Zeit genug also, nichts oder fast nichts zu tun, und das Meiste in diesem Buch habe ich ich, manchmal direkt und unverändert, den Seiten meines Tagebuchs entnommen, das ich in den nahtlos ineinander übergehenden Tagen jener großartigen Sommer führte und füllte. (S. 7)

Sein Job lässt ihm viel Zeit, denn vor allem soll er mit einem Pickup

die Straßen patrouillieren, Touristen aus der Patsche helfen, Feuerholz auf die Campingplätze bringen und den dort anfallenden Müll entsorgen. (S. 23)

Eigentlich wäre es schade, zu viel zum Inhalt zu verraten, denn dieses wilde Potpourri wartet auf beinahe jeder Seite mit Überraschungen auf.

Er will die Mäuse, die sich im Wohnwagen eingenistet haben, zwar nicht töten, holt sich aber eine Schlange in den Wagen, die dem Problem Abhilfe schaffen soll, listet seitenlang Blumen und Pflanzen auf. Kennt anscheinend jede Schlucht, jeden Berg mit Vornamen.

Er spottet über die Möchtegern-Cowboys und Cowgirls mit ihren schicken Cowboystiefeln, die sich – je weniger echten Viehtrieb es noch gibt – vermehren wie die Fliegen auf der Torte. Er philosophiert, z. B. über Naturschutz und die Frage, welche Musik eigentlich der Wüste gemäß sei, und polemisiert gegen die Anstrengungen der Parkverwaltungen, immer mehr Menschen in diese Wildnis zu bringen, koste es, was es wolle. Was wiederum genau das zerstöre, was man jetzt noch dort finden könne. Freiheit. Das Gefühl, Wege selbst zu entdecken. Abends allein am Lagerfeuer zu sein.

… bevor die Nacht aufzieht: Jeder Felsen, jeder Strauch und Baum, jede Blume, jeder Grashalm steht für sich, aufs Lebendigste vereinzelt, doch einander in einer Einheit verbunden, deren Großzügigkeit auch mich und meine Einsamkeit umfasst. (S. 131)

Leider sei der Amerikaner als solches ja nur noch fähig, sich in seinem Auto zu bewegen. Jeder Weg müsse asphaltiert werden und jeder Übergewichtige bis an den Rand des Grand Canyon fahren können. Traumhafte Canyons müssten geflutet werden, damit noch mehr Strom erzeugt werden könne. Irgendwann überall Müll, Leichtsinn und Touristen, die nach dem nächsten Cola-Automaten fragen.

Wie hellsichtig Abbey war, erkennt man daran, dass heute viele seiner Ideen (geführte Ranger-Touren und Shuttle Services statt überallhin mit dem eigenen PKW zu fahren) aufgegriffen werden, um der Touristenhorden einigermaßen Herr zu werden.

Es gibt lyrische Beschreibungen von Gewittern, Stürmen und Tagen, an denen er einem befreundeten Rancher hilft, dessen Vieh aus den Canyons zusammenzutreiben.

Er wandert, mal allein, mal mit einem Kumpel – Frauen spielen auf diesem unendlichen Abenteuerspielplatz nicht mit. Eindrücklich auch das Kapitel zu einer einwöchigen Bootstour, zusammen mit einem Freund, durch den Glen Canyon, der kurze Zeit später für immer und unwiederbringlich unter einem Stausee verschwunden sein wird.

Abbey klettert und kraxelt umher, auch mal ohne Karte oder mit nur ungenügend Wasservorräten ausgestattet. Gehört aber alles dazu, wenn man ein echter Kerl ist. Dennoch ein großer Respekt vor den Kräften der Wüste, die den Menschen in seine Grenzen weist. Wer das nicht versteht, endet wie der Tourist, den der Suchtrupp zwei Tage, nachdem man sein Auto gefunden hat, nur noch tot und aufgedunsen bergen kann.

Dazu Kapitel, die unglaublich plastisch und spannend eine Geschichte erzählen, sei es vom Goldrausch und maßlosen Profiteuren oder sei es von einem alten Pferd, das lieber in der Wüste hungert, als sich wieder von den Menschen einfangen zu lassen.

Die anarchistische Seite des Autors, die ihn immer wieder in Konflikte mit der Obrigkeit gebracht hat, schimmert durch, wenn er beispielsweise auch deshalb die Wildnis schützen möchte, damit die Unangepassten, die Revolutionäre immer einen Rückzugsort haben.

Nein, die Wildnis ist kein Luxus, sie ist eine Notwendigkeit für den menschlichen Geist und so unerlässlich für unser Leben wie Wasser und gutes Brot. Eine Zivilisation, die das Wenige, das noch von der Wildnis übrig ist, die Reserve, das Ursprüngliche, zerstört, schneidet sich von ihren Wurzeln ab und verrät das Prinzip der Zivilisation selbst. (S. 214)

Sein unbändiges tiefes Glück, einfach an diesem für ihn schönsten Ort der Welt sein zu können, sowie seine Trauer, dass der Mensch bereits im Begriff ist, vieles davon zu zerstören, teilen sich dem Leser mit. Als ich zwischendurch mal nach Fotos googelte, um mir von einzelnen Orten ein besseres Bild machen zu können, stellte sich das als überflüssig heraus. Seine Schilderungen waren so präzise, dass ich beim Anschauen der Bilder dachte, ja, genau, so hat er das beschrieben, so habe ich mir das vorgestellt.

Ob Sandsturm oder Sonnenschein, ich bin mit allem zufrieden, so lange ich bei guter Gesundheit bin, zu essen habe, die Erde, um darauf zu stehen, und Augenlicht, um zu sehen. (S. 48)

Das Buch setzt zwar einer Landschaft ein Denkmal. Es aber einfach als „nature writing“ einzusortieren, griffe zu kurz. Es ist großartige Literatur.

Mit einer Einschränkung: Das, was er in einem Kapitel über die Navajo schreibt, ist streckenweise unerträglich herablassend. Zwar möchte er den Ureinwohnern gern das Recht auf eigene Traditionen und Kultur einräumen, doch sobald er da von Geburtenkontrolle schwadroniert, klingt das, als müsse eine Kaninchenplage unter Kontrolle gebracht werden. Er selbst hatte übrigens fünf Kinder. Und kein Wort der Einsicht, dass für die Entstehung der sozialen misslichen Lage vieler Indiander ja der „weiße Mann“ verantwortlich ist.

… ein Mann an einem Tisch neben einem blinkenden Lagerfeuer, inmitten einer hügeligen Einöde aus Steinen und Dünen und Sandsteinmonumenten, die Einöde umgeben von dunklen Canyons und Flussläufen und Bergketten auf einem weiten Plateau, das sich über Colorado, Utah, New Mexico und Arizona erstreckt, und jenseits dieses Plateaus noch mehr Wüsten und größere Gebirge, die Rockies in der Abenddämmerung, die Sierra Nevadas, die in ihrem späten Nachmittag leuchten und weiter und noch weiter der abgedunkelte Osten, der funkelnde Pazifik, die gekrümmten Konturen der großen Erde selbst, und jenseits der Erde das Weltall mit Sonne und Sternen, dessen Grenzen für uns unerkundbar sind. (S. 271)

2016 brachte Matthes & Seitz die Übersetzung von Dirk Höfer unter dem Titel Die Einsamkeit der WüsteEine Zeit in der Wildnis auf den Markt. Herausgekommen ist dabei ein leinengebundenes Schmuckstück, bei dem ich mir allerdings gehaltvollere Informationen zum Autor, auch zu seinen rassistischen Ansichten, und zur Rezeption des Werkes gewünscht hätte.

Hier noch ein passender Artikel von John O’Connor aus der New York Times (2018).

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Fundstück von Elizabeth von Arnim

Wenn man alles Gewicht abwerfen will, das auf der Seele lastet, nachdem man versucht hat, seine Pflicht zu tun, oder wenn man geduldig ertragen mußte, daß andere ihre Pflicht einem selbst gegenüber erfüllt haben, so kenne ich keinen besseren Weg, als alleine hinauszugehen – entweder am Tagesanfang, wenn die Erde noch unberührt ist und  nur Gott überall ist, oder am Abend. Dann herrscht das Schweigen bis hin zu den Sternen, und zu ihnen hinaufschauend, erkennt man die Armseligkeit des vergangenen Tages, die Wertlosigkeit aller Dinge, um die man sich gemüht hat, und die Torheit, ärgerlich, ruhelos und angstvoll gewesen zu sein.

aus: Elizabeth von Arnim: Elizabeth auf Rügen (1904), S. 115

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Frank Günther: Unser Shakespeare (2014)

Über dieses alte Buch [Shakespeares Werkausgabe] werden derzeit an jedem Tag, den der Herr Licht werden lässt, weltweit ca. 15 wissenschaftliche Studien veröffentlicht – und 1 Buch. Täglich. Ergibt im Jahr 365 x 15 = 5475 wissenschaftliche Studien und 364 Bücher. (S. 7)

Und nun hat auch noch Frank Günther, der 1947 geborene Shakespeare-Übersetzer, dieser ohnehin nicht zu bewältigenden Menge ein weiteres Buch hinzugefügt. Musste das sein?

Und ob! Das Buch ist überbordend informativ, spöttisch, belesen, meinungsstark und verständlich; es macht Spaß und gleichzeitig Lust, sich die Werke des englischen Nationalheiligen mal wieder aus dem Regal zu holen.

Es macht u. a. den Reiz dieses Buches aus, dass Günther zunächst einmal davon ausgeht, dass uns diese Werke eben nicht automatisch zugänglich sind, da 400 Jahre zwischen uns und diesem erfolgreichen Unterhaltungsschriftsteller liegen und demzufolge einige Hinweise hilfreich sein könnten, die als Brücke zwischen uns und Shakespeares Werken fungieren. Oder anders ausgedrückt: Wir sollten „ihre widerständige historische Fremdheit nicht übersehen.“ (S. 16)

So zeichnet Günther als erstes nach, wie Shakespeare überhaupt nach Deutschland gekommen ist; dass er nämlich von Lessing als großes Vorbild für deutsche Dramen in Stellung gebracht wurde, so ganz im Widerspruch zu Gottsched und dessen pedantischer Nacheiferung französischer Dramen.

Dreißig Jahre lang beherrschte Literaturpapst Gottsched die deutsche Szene. Ein anderer, 30 Jahre jüngerer deutscher Aufklärer fand’s dann gräßlich… (S. 23)

Es folgen Exkurse zu den unterschiedlichen Übersetzungen, die oft genug den Interessen der Übersetzer untergeordnet wurden, indem beispielsweise derbe oder nicht jugendfreie Stellen schlicht übergangen wurden, oder zu der dann zügig einsetzenden Vergöttlichung, die Shakespeare in deutschen Landen erfuhr. Goethe stammelte, als sei ihm ein religiöses Erweckungserlebnis zuteil geworden:

Die erste Seite, die ich in ihm las, machte mich auf zeitlebens ihm eigen, und wie ich mit dem ersten Stücke fertig war, stund ich wie ein Blindgeborner, dem eine Wunderhand das Gesicht in einem Augenblicke schenkt. (Zitat, S. 33)

Shakespeare wird von den Stürmern und Drängern vereinnahmt, als Vorbild gepriesen. Götz von Berlichingen und Schillers Räuber entstehen. Und ehe man sich versieht, versteigt sich August Wilhelm Schlegel – einer der entscheidenden Übersetzer – in einem Brief an Ludwig Tieck zu der Bemerkung:

Ich hoffe, Sie werden in Ihrer Schrift unter anderm beweisen, Shakespeare sey kein Engländer gewesen. Wie kam er nur unter die frostigen, stupiden Seeln auf dieser brutalen Insel? (Zitat, S. 49)

Günther geht aber auch den politischen Vereinahmungen des Dichters nach, bis hin zu der betrüblichen Tatsache, dass auch Adolf Hitler ein großer Shakespeare-Anhänger gewesen sei.

Es ist immer wieder verblüffend zu entdecken, dass man die Liebe zu Shakespeare auch mit den widerwärtigsten Menschen der Welt teilt. (S. 55)

In weiteren Kapiteln untersucht Günther die Sprache und das Menschenbild der damaligen Zeit oder was z. B. Hamlet zu so einer herausragenden und bahnbrechenden Figur am Beginn der Moderne macht.

Ein Individuum, das sich seiner selbst bewusst wird, wir schauen dabei zu – man denke auch an die Theaterszenen im Hamlet -, wie sich dieses Individuum nach außen anders gibt, verstellt, als es innen empfindet. Und da sind wir plötzlich mitten im Selfie-Wahn unserer Tage, in dem die Außenwahrnehmung des einzelnen die Innenwahrnehmung beeinflusst, vielleicht gar mit ihr verwechselt wird…

Natürlich erfahren wir auch eine Menge über die elisabethanische Gesellschaft, die Wertvorstellungen und das gesellschaftlich Anrüchige der Theater, ihre (räumliche) Nähe zu Tierkampf und Bordellen, ihre Beliebtheit bei Adel und unteren Bevölkerungsschichten. Theater – übrigens wurden alle Frauenrollen grundsätzlich von Knaben gespielt -,  das war nichts Edles, im Gegenteil, Hunderte von Menschen, dichtgedrängt, keine Toiletten, gönnten sich ein günstiges Nachmittagsvergnügen, anstatt ordentlicher Arbeit nachzugehen.

Für Verfechter des gewaltfreien Bildschirms ist Shakespeares Trivialliteratur nicht das Richtige. So waren die Theater auch keine Feierstätten für ein bildungsbürgerliches Publikum. Sie wurden im Gegenteil vom protestantisch-puritanischen Bürgertum, das den Londoner Magistrat stellte, nach besten Kräften verfolgt – als Stätten des gottlosen Müßiggangs, als Brutstätten der Unzucht und als Herde des Aufruhrs und der Anarchie… (S. 120)

So kann Günther die erfolgreichen Theater der damaligen Zeit mit den Musical-Produzenten von heute vergleichen. Es ging ums Geschäft.

Interessant auch die Kapitel zu Shakespeares Schulbildung, den sehr unterschiedlich gewichtenden Shakespeare-Biografien oder zu dem Stück Othello. Ist das nun rassistisch oder eher nicht und was ist eigentlich mit dem Untertitel „Moor von Venedig“ und der Frage, ob ausschließlich PoC (people of colour) diese Rolle spielen dürfen?

Den anscheinend unausrottbaren Fragen, ob Shakespeare schwul war (Sonette), ob Shakespeare gebildet genug war und ob die Stücke deshalb wirklich von ihm geschrieben wurden, werden weitere, sehr unterhaltsame und immer lehrreiche Kapitel gewidmet.

Manche dieser Leute weihen dem Thema ihr ganzes Leben. Und das alles, obwohl es kein einziges Fitzelchen, kein klitzekleines Zettelchen eines auch nur andeutenden historischen Hinweises auf eine andere Verfasserschaft gibt. Es ist eine rein aus Luft konstruierte Wahnwelt. Aber mit Methode, geradezu hamletisch: Hinter dem Schein der Weltoberfläche liegt eine tief verborgene andere Wahrheit. Es ist faszinierend: Was treibt diese Leute an? Warum machen die so was? Könnte es ein bislang unbekanntes Virus sein? (S. 291)

Also, wer seine Bekanntschaft mit Shakespeare vertiefen will, hat mit Frank Günther einen kompetenten und erfrischend unstaubigen Reiseführer an der Hand.

Blogbummel in unruhigen Zeiten: Februar/März 2020

In beunruhigenden Zeiten muss man sich seine Inseln der Besinnung suchen. Deshalb hier der nächste Blogbummel. Zur Einstimmung ein Beitrag von Von Orten und Menschen mit dem unwiderstehlichen Titel Forever Moor.

Deutschsprachige Blogs

Binge Reader macht mich in ihrer gemischten Tüte neugierig auf Robert Harris und die Interviews mit Joan Didion.

letteratura las Das Museum der Welt von Christopher Kloeble.

Koreander stellt Generation X von Douglas Coupland vor.

transitnuremberg macht mir doch wieder Lust auf Olga Tokarczuk und ihren Band Der liebevolle Erzähler.

Bleisatz hätte Die Wunderkammer der deutschen Sprache von Thomas Böhm und Christian Pfeiffer anzubieten.

Völlig abgedreht fand Bücherwurmloch Das eiserne Herz des Charlie Berg von Sebastian Stuertz.

Günter Keil las Eine fast perfekte Welt von Milena Argus.

Picknick im Dunkeln von Markus Orth wurde schon im letzten Blogbummel erwähnt, aber die Besprechung auf dem Bücheratlas macht mich jetzt endgültig schwach.

Der leseschatz hat Trümmerfrauen von Christine Koschmieder entdeckt und außerdem noch Dankbarkeiten von Delphine Vigan in der Truhe gefunden, während novellieren in einem Gastbeitrag von Kai Wieland den Roman Hawaii von Cihan Acar präsentiert.

LiteraturReich setzt mir Café Krane von Cora Sandel auf die never ending Liste. Dummerweise stellt sie auch Der Freund von Sigrid Nunez so ansprechend vor.

Und auch Zeichen & Zeiten ist wieder dabei: Diesmal mit ihren Empfehlungen zu Die Berglöwin von Jean Stafford sowie zu Die Unsichtbaren von Roy Jacobsen.

Intellectures lenkt unsere Aufmerksamkeit auf ein Buch von Marko Martin.

Sätze & Schätze las Das Mädchen von Edna O’Brien. Dazu passt ein Beitrag von titel thesen temperamente zu dieser Autorin, der noch bis Februar 2021 abrufbar ist.

Interessant fand ich in diesem Zusammenhang eine (weiße) englischsprachige Bloggerin auf chronic bibliophilia, die es nicht angemessen findet, dass eine weiße privilegierte Frau über missbrauchte schwarze Mädchen schreibt. Das sei kolonialistisch. Bookmunch kommt da zu einer differenzierteren Einschätzung.

Aus naheliegenden Gründen schließt die Autorin Jutta Reichelt erst einmal ihre Schreibwerkstätten, stattdessen wird sie ihren Blog zu einer solchen umfunktionieren. Toll!

Englischsprachige Blogs

ANZ LitLovers LitBlog stellt One Amazing Thing von Chitra Banerjee Divakaruni vor.

Für die Fans des Cozy Crime hat Heavenali zwei Krimis von John Bude gelesen.

Bitter Tea and Mystery stellt Life below Stairs: In the Victorian and Edwardian Country House von Siân Evans vor. Aber An Elderly Lady Is Up To No Good von Helene Tursten klingt auch reizvoll.

Ein älteres Unterhaltungs- und Entspannungsschätzchen von 1933 hat JacquiWine’s Journal für uns, nämlich Business as Usual von Jane Oliver und Ann Stafford.

Asian Review of Books bespricht wieder einen vielversprechenden Titel, nämlich Philippine Sanctuary: A Holocaust Odyssey von Bonnie M Harris. Aber das Reisebuch Sovietistan: Travels in Turkmenistan, Kazakhstan, Tajikistan, Kyrgyzstan, and Uzbekistan der norwegischen Autorin Erika Fatland klingt auch sehr reizvoll. Im Deutschen erschienen unter dem Titel Die Grenze. Dazu noch ein Bericht auf dem Logbuch Suhrkamp.

Aber damit nicht genug, auf Asian Review of Books wird auch das Buch Three Flames von Alan Lightman vorgestellt.

Zum Reisen, Staunen und Schauen

Michael’s Beers & Beans stellt uns die Torfkirche von Saurbæjar vor.

Der Bücheratlas war in einer Ausstellung zu Carl Spitzweg.

In das älteste Museum der Niederlande, das Tylers Museum in Haarlem, kommen wir alle mit, vorgestellt auf dem Blog mus.er.me.ku.

Die Reisefeder flog ins Parlament der norwegischen Samen.

Zum Abschluss

Einen ganz besonderen, feinen und schwingenden Text hat Petra auf ihrem Blog veröffentlicht.

Bleibt alle gesund.

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Natsume Sōseki: The Gate (OA 1910)

Nun habe ich bestimmt eine halbe Stunde lang das Internet nach einer deutschen Übersetzung dieses erstmals 1910 erschienenen japanischen Klassikers von Natsume Sōseki durchsucht. Unglaublich, gibt es nicht! Ins Englische wurde der Roman von William F. Sibley übersetzt. Die Ausgabe der New York Times Classics enthält außerdem ein hilfreiches Vorwort von Pico Iyer.

Nicht immer finde ich einen Zugang zu japanischer Literatur. Doch hier baute mir der Autor, der nur 49 Jahre alt wurde (1867 – 1916), Brücken, über die ich zwischen der mir fremden Welt der Romanfiguren und meiner eigenen Erfahrungswelt hin und her gehen bzw. lesen konnte. Schon in den ersten Zeilen zeigt sich der ruhige Blick auf die Details, den Verlauf der Jahreszeiten, die kleinen Momente des Alltags.

Sōsuke had been relaxing for some time on the veranda, legs comfortably crossed on a cushion he had sat down in a warm, sunny spot. After a while, however, he let drop the magazine he had been holding and lay down on his side. It was a truly fine autumn day, the sun bright, the air crisp, and the clatter of wooden clogs passing through the quiet neighbourhood echoed in his ears with a heightened clarity.

Ein junges Ehepaar lebt in bescheidenen, finanziell immer etwas angespannten Verhältnissen am Stadtrand von Tokio. Von dort fährt Sōsuke täglich zu seinem Arbeitsplatz in einem nicht näher bezeichneten Regierungsbüro. Seine Frau Oyone hält derweil zusammen mit einem Dienstmädchen die Wohnung in Ordnung, bereitet die Mahlzeiten zu und nimmt ihm bei seiner Rückkehr seine Jacke ab. Sie unterhalten sich, z. B. darüber, dass Sōsukes Schuhe vermutlich keinen weiteren Regenguss überstehen werden.

Unruhe in diesen ritualisierten, gänzlich unaufregenden Tagesablauf bringt die unerwartete Ankunft von Sōsukes 10 Jahre jüngerem Bruder, der – die Eltern der Brüder sind längst verstorben – von der Tante überraschenderweise nicht länger finanziell unterstützt wird, was seine Aussicht, die Universität zu besuchen, in Frage stellt. So nehmen Oyone und ihr Mann den jungen Mann auf, obwohl das nicht nur räumlich und finanziell, sondern auch seelisch eine große Belastung für sie bedeutet.

Spätestens jetzt wird deutlich, dass Sōsuke ein Zauderer ist; klare Worte, Klärungen und Entscheidungen überhaupt sind seine Sache nicht. So wie er andere nicht belästigt, so möchte er in Ruhe gelassen werden. An dieser Eigenschaft dürfte es auch liegen, dass er es damals, beim Tod des durchaus vermögenden Vaters, nicht geschafft hat, sich selbst um das Erbe zu kümmen, mit dem Ergebnis, dass Onkel und Tante sich das Meiste davon in die eigenen Taschen gewirtschaftet haben.

Wir erfahren nun, wie Sōsuke und Oyone in den folgenden Wochen und Monaten mit den Veränderungen umgehen. In Rückblenden, die sich ausbreiten wie Kreise um ins Wasser geworfene Steine, erfahren wir, dass ihre so mühsam erkämpfte Ruhe und ihr unglaublich isoliertes Leben auf Geschehnisse in der Vergangenheit zurückzuführen sind. Auch Sōsuke war einmal Student, doch sein Verhalten machte einen Verbleib an der Universität unmöglich. Es bleibt offen, ob das Paar von nun an von der Gesellschaft und den beiden Familien radikal geschnitten wurde oder ob sich die beiden quasi freiwillig in die gesellschaftliche Isolation begeben haben.

Inzwischen leben die beiden in der Großstadt nur für sich, keineswegs unzufrieden. Miteinander glücklich. Auch wenn der Schmerz über ihre Kinderlosigkeit, die Vergangenheit und die Scham unter der nahezu unbewegten Oberfläche gegenwärtig sind.

Sōsuke and Oyone were without question a loving couple. In the six long years they had been together they had not spent so much as half a day feeling strained by the other’s presence, and they had never once engaged in a truly acrimonious quarrel. They went to the draper to buy cloth for their kimonos and to the rice dealer for their rice, but they had very few expectations of the wider world beyond that. Indeed, apart from provisioning their household with everyday necessities, they did little else that acknowledged the existence of society at large. The only absolute need to be fulfilled for each of them was the need for each other; this was not only a necessary but also a sufficient condition for life. They dwelled in the city as though living deep in the mountains. (S. 132)

Als sich für Sōsuke die Verhältnisse so zuspitzen, dass er sich gar keinen Ausweg mehr weiß, erzählt er seiner Frau nicht, welche Nachrichten ihres Vermieters ihn so tief beunruhigen, stattdessen nimmt er sich, der nie auch nur einen Tag an der Arbeit gefehlt hat, 10 Tage frei, um zum ersten Mal in seinem Leben zu meditieren. Doch auch der Aufenthalt im Kloster, der eher wie eine Flucht vor sehr konkreten Fragen wirkt, bringt ihm nicht die erhoffte Klarheit und Seelenruhe.

Ein wahrlich entschleunigendes Buch, unglaublich reizvoll, keineswegs langweilig, selbst wenn meine Anmerkungen zum Inhalt diesen Eindruck erwecken könnten. Melancholisch, leise, manchmal resignativ, zurückgenommen, doch nicht ohne Humor.

Watching the people all around him intent on making the short winter days even busier with their frantic activity, as if driven by the ebbing year to fill every moment, Sōsuke felt all the more weighed down by this nameless dread of things to come. It even popped into his head that, were it possible, he would choose to linger amid the shadows of the nearly spent year. His turn at a chair [at the hairdresser’s] having come at last, he caught sight of his reflection in the cold mirror, whereupon he asked himself: Who is this person staring out at me? […] When Sōsuke emerged onto the street, his head fragantly anointed and his ears ringing with the barber’s hearty farewell, he felt utterly refreshed. Feeling the cold air against his skin, he had to admit that, as Oyone had claimed, a haircut can go a long way towards improving one’s mood. (S. 118)

Am Ende hat man die beiden ins LeserInnenherz geschlossen, Einblick in eine andere Zeit und in eine Kultur im Umbruch gewonnen und überdies eine zart-diskrete Liebesgeschichte gelesen.

Even when in distress, Oyone generally did not neglect to smile for Sōsuke. (S. 111)

In der NZZ gibt es einen Beitrag zum Autor.

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Fundstück von Christopher St. John Sprigg

Nichts Neues unter der Sonne.

In der ansonsten ausgesprochen überflüssigen Neuauflage des Krimis Crime in Kensington (1933) von Christopher St. John Sprigg denkt die Hauptfigur Charles Venables, Hobby-Detektiv und Schmierenjournalist, über seinen eigenen Arbeitgeber, die Zeitung Mercury nach.

A paper that by pandering to the basest sensationalism of the common people climbed on stepping stones of discarded ethics to higher things. A paper whose public had brains with linings so corroded and crusted by jazz, sentimental films and cheap literature that the most earth-shaking events of the world had to be predigested and peptonized before they could be absorbed. A paper whose political policy had been invariably allied with the most reactionary and antisocial elements of English life. (S. 109)

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Blogbummel Januar/Februar 2020

Beginnen wir die heutige und wie immer wild subjektive und unvollständige Bummelei mit winterlichschönen Fotos von Erntetank.

Deutschsprachige Blogs

BuchUhu gefiel Der singende Baum von Tim Winton.

literaturleuchtet widmet sich den Romanen von Dag Solstad.

Wer könnte dem Titel Das langweiligste Hörbuch der Welt widerstehen? Vorgestellt von Günter Keil.

Buch-Haltung konnte sich letztlich doch anfreunden mit Picknick im Dunkeln von Markus Orth.

An die Schriftstellerin Irmgard Keun erinnert Kulturgeschwätz.

LiteraturReich stellt uns Die Spuren der Stadt von Lars Saabye Christensen vor.

Jargs Blog ist angetan von dem Sachbuch Der Mensch oder Das Wunder unseres Körpers und seiner Billionen Bewohner.

Lena Riess las 64 von Hideo Yokoyama.

Frau Lehmann liest bzw. las, und zwar Friedrich der große Detektiv von Philip Kerr.

Familienbande empfiehlt Die Last, die du nicht trägst (1978) von Roswitha Geppert.

Zeichen & Zeiten las Das Haus am Rand der Welt von Henry Beston.

Normalerweise sammele ich hier nur Hinweise auf Bücher, die mich neugierig machen und locken. Doch in diesem Fall muss auch ein Link zur Besprechung auf 54BOOKS von Klassiker! – Ein Gespräch über die Literatur und das Leben aus dem Hanser Verlag sein: So einen schönen Verriss liest man ja selten.

Und ausnahmsweise ein Tipp aus dem Feuilleton. Dank Mannigfaltiges fand ich den Artikel aus dem Tagesspiegel von 2009. Darin wird an Das Schicksalsschiff. Rio de Janeiro-Lissabon-New York (1942) von Rosine De Dijn erinnert.

Englischsprachige Blogs

ANZ LitLovers LitBlog macht Lust auf Debra Adelaides Buch The Innocent Reader.

JacquiWine’s Journal mochte Don’t look at me like that von Diane Athill.

Asian Review of Books bespricht A New Sun Rises Over the Old Land von Suon Surin.

Krimis

Ein altes Schätzchen von 1959, nämlich Answer in the Negative von Henrietta Hamilton, empfiehlt crossexaminingcrime.   

missmesmerized las Wisting und der Tag der Vermissten von Jørn Lier Horst.

Zum Schauen, Staunen und Reisen

Der Beitrag vom Kind am Tellerrand über eine Reise nach Córdoba lässt mich ernsthaft überlegen, wann ich da wohl mal hinreisen kann.

Awesomatik erwanderte den norwegischen Kungsleden. Ich empfehle, alle Beiträge (in diesem Artikel sind alle verlinkt) anzuschauen. Tolle Fotos und Eindrücke.

Safe Travels begeistern mit ihren Fotos vom Zebra Slot Canyon.

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Maria Gräfin von Maltzan: Schlage die Trommel und fürchte dich nicht (1986)

Die Lebenserinnerungen der Maria Helene Françoise Izabel Gräfin von Maltzan, Freiin zu Wartenberg und Penzlin (*1909 in Schlesien; † 1997 in Berlin) sind eine hinreißende Lektüre. Was für eine Spannbreite gesellschaftlicher Erfahrungen sich hier in einer Person vereint: Kindheit als umsorgtes Komptesschen, bohemehaftes Studentenleben der Tiermedizin, Stationen in München, Afrikareise, Berlin, Widerstandskämpferin während der Zeit des Nationalsozialismus, Medikamentenabhängigkeit, Entzug der Approbation, mehrmalige Einweisung in die Psychiatrie, Sozialhilfe, Suizidversuch, nach Wiedererlangung der Approbation Tierärztin in Zirkussen, Zoos oder als Urlaubsvertretung, schließlich wieder in Berlin, wo sie die Hunde der Punks behandelt.

Ihre privilegierte Kindheit verbringt Maria Gräfin von Maltzan auf dem elterlichen Schloss Militsch in Schlesien, zu dem 12 Güter gehörten. Sie und ihre sechs älteren Geschwister werden selbstverständlich in gesellschaftliche Konventionen des Adels und Fertigkeiten wie Fremdsprachen, Fechten und Reiten (das erste Pferd bekam sie mit fünf Jahren) eingeführt. Sogar mit einer Waffe verstand sie umzugehen.

Auf Militsch war es Sitte, daß alle Kinder ab vier an der Familientafel aßen. Als ich dies dann auch endlich durfte, genoß ich es sehr, die Mahlzeiten mit den Erwachsenen einnehmen zu dürfen. Nur hatte die Sache einen Haken, unter dem ich zu leiden hatte. Es wurde nämlich bei uns – wie am kaiserlichen Hof in Berlin, wohin meine Eltern oft eingeladen wurden, sehr schnell serviert, und sobald Vater und Mutter das Besteck niederlegten, wurden sofort sämtliche Teller abgeräumt und der nächste Gang aufgetragen. Da ich die Jüngste war, wurde mir das Essen natürlich ganz zuletzt gereicht, wodurch ich immer zu kurz kam und bei dem Serviertempo nie richtig satt wurde. Eines Tages ertappte mich mein Vater dabei, wie ich noch nach Tisch stark vor mich hinkaute. Er zog mich in eine Fensternische und beförderte wortlos acht Scheiben Rehbraten aus meinen Backentaschen. (S. 13)

Ihren Vater liebt Maria sehr, dieser stirbt allerdings bereits 1921, damit endet die Zeit der behüteten Kindheit. Das Verhältnis zu ihrer Mutter wird immer auf gegenseitigem Unverständnis beruhen und schließlich in offene Ablehnung münden. Die Mutter empfindet ihre unkonventionelle Tochter, die sich schon früh für alle möglichen Tiere interessiert und gar Tierärztin werden will, als eher peinlich und aufmüpfig. Dass ihre Tochter auf diversen Internaten todunglücklich ist, kümmert sie wenig.

Bestimmte Werte, zu denen sie erzogen wurde, gelten für Maria ein Leben lang.

Mein zehnter Geburtstag brachte eine einschneidende Wende, denn von diesem Zeitpunkt an wurde ich mit „Sie“ angeredet, hatte dafür aber die Pflicht, wie meine älteren Geschwister, soziale Aufgaben wahrzunehmen. […] Für unsere Angestellten und Arbeiter gab es ein eigenes Altersheim, ein eigenes Siechenheim. Die Spielschule war ein Geschenk meiner Mutter nach einer Erbschaft, die auch für die Kosten der Kindergärtnerin aufkam. […] Mein Vater war jedenfalls ein sehr sozial denkender Mensch und erzog seine Kinder entsprechend. […] Zu den Selbstverständlichkeiten in den großen Herrschaften gehörte es auch, daß für begabte Kinder der Angestellten die gesamten Ausbildungskosten für eine höhere Laufbahn bezahlt wurden. Das ging soweit, daß jemand auf Kosten eines jüdischen Landbesitzers katholische Religion studieren konnte.

Wenn einer von unseren Leuten krank wurde, erfuhren wir dies durch den jeweiligen Inspektor, und dann war es Sache der Kinder, sich um die Betreffenden zu kümmern. Mit unseren Pferden und Wagen fuhren wir sie zum Arzt oder gegebenenfalls ins Krankenhaus, wo es eine bestimmte Zahl von  Betten gab, die uns gehörten. (S. 33)

Als der Vater beispielsweise von Maria erfährt, dass der Hof der Eltern eines Kindermädchens durch eigene Schuld in Brand geraten ist und die Versicherung den Schaden nicht übernehmen wird, fragt er seine Tochter, wie viel sie auf der Bank habe.

„Die zweihundert Mark holst du ab und gibst sie Bertha, die jahrelang deinen Dreck weggemacht hat. Man steht für seine Leute gerade.“ (S. 33)

Trotzdem zeigt sich schon in der Kindheit, dass sie und ihr einziger Bruder Carlos unterschiedliche Wertvorstellungen haben, was dann während der Zeit des Nationalsozialismus dazu führt, dass sie auf politisch entgegengesetzten Seiten stehen.

Von Anfang an reagiert sie allergisch auf die Rattenfänger der Nazis. Ostern 1933 reist sie deprimiert nach Hause.

Nach meiner Ankunft im Schloß ging ich sogleich in den Grünen Salon, wo wir nachmittags alle gemeinsam Tee zu trinken pflegten. Mein Bruder saß dort in Nazi-Uniform. ‚Du bist wohl vom Fasching übriggeblieben‘, sagte ich zu ihm und nahm an, er würde dies mit Humor auffassen. Doch weit gefehlt! Wie von der Tarantel gestochen, schoß Carlos wütend hoch und machte mir eine entsetzliche Szene.

Es kommt zum Bruch zwischen den Geschwistern,  er verweigert die weitere finanzielle Unterstützung seiner Schwester, die daraufhin beginnt, in München journalistisch tätig zu werden und so erste Kontakte zum Widerstand knüpft. Um ihre klammen Finanzen aufzubessern, arbeitet sie außerdem als Reitdouble beim Film und kümmert sich um die Pferde reicher Leute.

1933 promoviert sie in Naturwissenschaften, doch da ihre regimefeindliche Haltung, ihre Kontakte zu Kommunisten und Juden kein Geheimnis sind, kann sie nicht auf eine Festanstellung hoffen. Sie wird mehrmals von der Gestapo vorgeladen und als das Pflaster ein wenig zu heiß wird, begibt sie sich im Januar 1934 auf eine sechsmonatige Afrikareise.

Sie heiratet, geht mit ihrem Mann, dem Kabarettisten Walter Hillbring nach Berlin, die Ehe scheitert schon kurze Zeit später. Auch in  Berlin hat sie Kontakte zu  Widerstandsgruppen der katholischen und schwedischen Kirche. Immer wieder versteckt sie Untergetauchte, seien es Kommunisten oder Juden, in ihrer kleinen Wohnung, organisiert Dokumente, einmal wird sie sogar beordert, eine ältere jüdische Dame schwimmend über den Bodensee zu geleiten, sodass diese in der Schweiz untertauchen kann.

Am Morgen ihres Geburtstages im März 1939 erschienen bei Lulu [ihrer Freundin] zwei SS-Leute mit einem Paket und überreichten es ihr mit den Worten: ‚Das ist von Ihrem Mann.‘ Erfreut nahm sie es in Empfang. Als sie es öffnete, hielt sie seine Urne in den Händen. (S. 126)

Im Frühjahr 1944 versucht sie bei ihrem letzten Aufenthalt in Militsch ihre seit 1940 verwitwete Schwägerin davon zu überzeugen, wenigstens die Kunstschätze des Schlosses in Sicherheit zu bringen. Die empörte Schwägerin wirft ihr Defätismus vor.

Den Verlust meiner Heimat habe ich nie verwunden. Ich hing mit jeder Faser meines Wesens an Militsch. Ich liebte das Land, das Schloß und alles, was dazugehörte. Obwohl mir in späteren Jahren vielfach die Gelegenheit geboten wurde, Militsch wiederzusehen, habe ich darauf verzichtet. Mein Zuhause in Schlesien trage ich lieber als unberührte Erinnerung tief in meinem Herzen. (S. 219)

Ihre Aktivitäten im Untergrund nehmen zu, sie hilft dabei, Untergetauchte aus der Stadt zu bereitstehenden Fluchtwaggons zu bringen. Zum Glück liebt sie Hunde und ihre Bullterrier retten ihr vermutlich mehr als einmal das Leben. Man geht davon aus, dass sie ca. 60 Menschen das Leben gerettet hat.

Sie heiratet noch zweimal, und zwar den jüdischen Literaten Hans Hirschel, den sie während des Krieges in ihrer kleinen Wohnung versteckt hält. Diese erste Ehe hält nur zwei Jahre. 1972 heiraten die beiden erneut. Auch die Kapitel über die unmittelbare Nachkriegszeit sind überaus spannend und ziemlich bunt.

Die herbe Maria Gräfin von Maltzan, auf Fotos meist mit einem Zigarillo in der Hand,  erzählt ihre oft abenteuerlich anmutenden Erinnerungen, ihre vielen Geschichten so anschaulich, schnoddrig, unsentimental, als wäre man direkt dabei. Dabei werden die Abstürze dieses Lebens nicht unter den Teppich gekehrt.

Was mir allerdings zu kurz kam, waren die Beziehungen zu ihrer Familie. Und über ihre Talkshow-Auftritte nach dem Erscheinen ihrer Erinnerungen habe ich leider auch nichts weiter gefunden. Ihr Buch diente zwar als Vorlage für einen Film, doch schon ein Foto der Schauspielerbesetzung erstickte jegliches eventuelles Interesse meinerseits. Abschließend stellt sich nur die Frage, warum es denn in alles in der Welt keine Biografie zu dieser Frau gibt. So ein Leben hat weit mehr als diese – lesenswerten – 277 Seiten verdient.

Der Titel ihrer Erinnerungen ist übrigens der ersten Zeile des Gedichts Doktrin von Heinrich Heine entnommen.

Hier noch ein Artikel zu der Gräfin vom Deutschlandfunk.

Katja Oskamp: Marzahn Mon Amour – Geschichten einer Fußpflegerin (2019)

Den ZEIT-LeserInnen dürften Katja Oskamps wunderbare Texte, die sie über ihre Kundschaft in einem Berliner Fußpflegesalon schreibt, bereits bekannt sein. Die waren ein wenig an mir vorbeigegangen, doch das Buch dazu lag zufällig bei Freunden auf dem Küchentisch. Zum Glück.

Die Autorin (*1970 in Leipzig) beschließt mit 45 Jahren, als der Partner erkrankt, die Tochter aus dem Haus und die Schriftstellerinnenkarriere gerade etwas unbefriedigend dahindümpelt, noch mal etwas ganz Neues zu beginnen. Auf den Rat einer Freundin belegt sie einen achtwöchigen Kurs für Fußpflege.

Zu Hause lernte ich die Namen der achtundzwanzig Fußknochen auswendig, den Aufbau des Nagels, die Fußdeformitäten und wie eine Thrombose entsteht. Ich prägte mir die Materialien für Fräserknöpfe ein, die Wirkungen pflanzlicher Stoffe, die Hautkrebsarten, den Unterschied zwischen Viren, Bakterien und Pilzsporen. Die Besonderheiten des diabetischen Fußes und die Definition von Fissuren, Rhagaden und Krampfadern. Mein Mann fragte mich ab, wenn wir abends im Bett lagen, begraben unter Zetteln voller Mitschriften und Fußskizzen. (S. 11)

Seitdem arbeitet sie zweimal die Woche in einem Marzahner Salon, hört ihren KundInnen zu, lacht und schäkert mit ihnen und erfährt so im Laufe der Zeit viel über deren Leben. Und all den Witz, die Stille, Einsamkeit und Liebe, die Erinnerungen, das Unsentimentale der meist älteren und oft gebrechlichen Menschen, die da zu ihr, der Kollegin und der Chefin kommen, wird von Oskamp in berührenden, komischen, peppigen, erschreckenden und sehr anschaulichen Kurzporträts verdichtet. Mal schnoddrigaufdenpunkt, mal poetisch und ruhig.

Der Parkfriedhof Marzahn abends um acht, fern des Lärms der Stadt. Am Ende eines heißen, staubigen Tages singen die Vögel ihr Abendlied. Die Sonne steht schräg, letzte Strahlen streichen wie Flügel über einzelne Namen auf Steinen. Geharkte Wege. Gegossene Gräber. Brennende Kerzen. Lärchen, Eichen, Kiefern. Ich streife durch Farne, über Wiesen im Schatten. Kühle, Ruhe und Platz. Eine Birke. Eine Bank. Es ist schön, den Tag auf einem menschenleeren Friedhof zu beenden. (S. 136)

Unglaublich gern gelesen. So mit großzügiger Menschenfreundlichkeit betrachtet, quasi von den Füßen her, wird jedes Leben gewürdigt, wahrgenommen. Und die Tätigkeit der Fußpflegerin ist für mich ab sofort gesellschaftlich bedeutsam, was sich nicht nur in Anerkennung, sondern auch in entsprechender Vergütung niederzuschlagen hätte.

Zwei Fragen, deren Widersprüchlichkeit mir bewusst ist, bleiben:

Ist es eigentlich in Ordnung, so aus den Geschichten, die einem ja im Vertrauen und der Abgeschlossenheit eines Behandlungszimmers erzählt werden, ein Buch zu machen?

Wann erscheint die Fortsetzung? Ich möchte weiterlesen.

Ach, und gegen die Midlifecrisis der Autorin hat die Arbeit als Fußpflegerin übrigens auch geholfen.

Du bist fast fünfzig und hast begriffen, dass du Dinge, die du tun willst, jetzt tun solltest, nicht später. Alte Ratgeber-Binse, stimmt aber wirklich. Du bist fast fünfzig und noch unsichtbarer geworden, die beste Voraussetzung, diese Dinge zu tun, seien sie schrecklich, wundervoll oder abseitig. (S. 137)

Hier noch ein Interview mit Oskamp aus der Berliner Morgenpost und hier eins auf der Seite des Deutschlandfunk.

Fundstück von Walter Kappacher

Nach dem Frühstück hatte er sich aufs Bett gelegt und die Erzählung „The Lesson of the Master“ zu lesen begonnen: „He had been informed that the ladies were at church …“ Es hatte ihm wohlgetan, an der sicheren Hand des Autors in die Geschichte hineingezogen zu werden.

aus: Walter Kappacher: Der Fliegenpalast, Residenz Verlag, 2009, S. 20

Sarah Kirsch: Ænglisch (2015)

Herr Buddenbohm war schuld daran, dass Petra von Philea’s Blog das Büchlein Ænglisch von Sarah Kirsch las. Petras Fazit:

Sarah Kirschs Ænglisch ist ein bezauberndes, sprachschrulliges Reisetagebuch, das ich wärmstens empfehle.

Was blieb mir da anderes übrig? Ich freute mich, ein prima erhaltenes Exemplar auf Tauschticket zu erstehen, und schon schmökerte ich mich durch die Erinnerungen der bekannten Lyrikerin (*1935 – †2013) an einen 16-tägigen Urlaub, den sie 2000 mit ihrem Sohn Moritz in Cornwall und Devon verbrachte. Die endgültige Form fand dieses Tagebuch im September 2012.

Und was soll ich noch groß sagen: Was wäre das für ein Pech gewesen, hätte Petra das Buch nicht empfohlen. Dabei passiert gar nichts Besonderes: Die beiden Urlauber müssen sich mit qualitativ sehr unterschiedlichen Unterkünften arrangieren, unternehmen Ausflüge zu den Sehenswürdigkeiten der Region, gehen essen und in den Zoo, freuen sich über nette Cafés, bummeln, beobachten, haben Wetter und Moritz kauft Klassiker, während sie noch Harry Potter liest.

Niemand außer uns unterwegs. Ein einziger Mensch kam uns entgegen und hat holdseligst gegrüßt. (S. 58)

Das Besondere liegt in der Aufmerksamkeit für die Kleinigkeiten, im Sprachwitz, mal poetisch, mal flapsig, in der Freude an Worten, an der Gabe Kirschs, die scheinbar belanglosen Reiseeindrücke lebendig werden zu lassen oder sie mit anderen Erfahrungen in Verbindung zu setzen. Wir reisen mit und denken gleichzeitig an eigene Urlaube, eigene kostbare und banale Erinnerungen. Nur dass wir sie wohl nicht so wunderbar in Sprache verpacken könnten.

Hin & wieder steckte ein Kormoran den Schnorchel aus dem Wasser. Wunderbarste Fregattvögel flogen, wenn ich die See und die Fregattvögel in den Lüften hab, so haut es mir nahezu um. Weeß ooch nicht weshalb. (S. 14)

Für mich schwingt in all der Leichtigkeit auch ein wenig Melancholie mit, obwohl Kirsch sich am Ende der Reise durchaus auf ihr Zuhause in Norddeutschland freut. Hat doch jeder Urlaub von Anfang an ein festgesetztes Datum der Rückkehr. Selbst der schönste Tag geht vorüber, nichts kann das aufhalten. Wir ahnen das und wollen es doch nicht wissen.

Morgen schiffen wir uns langsam dann ein. Dann ist der Sommer auch gleich vorbei, wirste sehn. (S. 58)

Diese 67 Seiten, zu denen noch ein Nachwort und eine Liste ihrer Veröffentlichungen kommen, zeigen aber auch, was Sprache vermag: Die flüchtigen Momente werden, wenn sie liebevoll wahrgenommen wurden, eben doch durch Sprache wie in Bernstein festgehalten, wie Flaschenpost weitergereicht.

Und so ließe sich das Werk auch lesen als eine Aufforderung, aufmerksamer durch seine eigenen Tage zu gehen und dabei das ein oder andere zu notieren.

Ein kleines Werk; wie Wasser, auf dem die Sonne funkelt.

War so hübsch da im Schloß uff Mount St. Michael, als wir durch alle möglichen Waffenzimmer in die sehr hübsche gemütliche Bibliothek gelangten, da sagte er aus vollem Herzen, daß er am liebsten in solche Bibliothek immer wär. (S. 50)

 

 

 

Walter Kappacher: Rosina (1978/2010)

Viel zu lange stand dieses Buch, das ursprünglich 1978 erschien, für die Ausgabe 2010 im Deuticke Verlag überarbeitet wurde und für das Armin Ayren das lesenswerte Nachwort geschrieben hat, unbeachtet in meinem Regal. Die Erzählung mit ihren 128 Seiten hat mich so angesprochen, dass ich sie gleich zweimal gelesen habe. Und erst beim zweiten Lesen ließen sich die Feinheiten der Charakterzeichnung besser wahrnehmen und die Chronologie der Handlung trotz der zahlreichen Zeitsprünge nachvollziehen.

Die junge und hübsche Rosina aus der österreichischen Provinz träumt vom Leben in der großen Stadt. Die Lehre hat sie noch im heimischen Kaufhaus Perner abgeschlossen, dessen Chef sie gern mal „in den Po gezwickt“ hat. Dagegen aufzubegehren war damals noch außerhalb jeglicher Vorstellungskraft. Doch sie bewirbt sich in Salzburg und ergattert tatsächlich einen Platz in einem kleinen Reiseunternehmen. Dort ist es allerdings trostlos, ganz anders als erhofft, die ältere Mitarbeiterin ist wohl auch über den hübschen Neuzugang nicht begeistert, so dass sie sich kurze Zeit später auf die Stelle einer Bürokraft im Autohaus Fellner bewirbt.

Sie bekommt die Stelle und so beginnt mit Anfang zwanzig ihre Karriere, bei der ihr nicht allein ihr Arbeitseinsatz zugute kommt – meist ist sie die letzte, die die Firma abends verlässt -, sondern auch ihr Aussehen, ihre Naivität und Unerfahrenheit. Fellner, ihr Chef und mindestens 20 Jahre älter als die junge Frau, protegiert sie, hievt sie irgendwann gar auf den lukrativen Posten der Chefsekretärin und mietet ihr schließlich ein Apartement, stellt ihr einen Wagen zur Verfügung und besucht sie einmal die Woche nach seinem Tennisabend. Die Kollegen nennen sie schließlich halb ironisch, halb respektvoll „die Chefin“.

Die große Liebe ist das nicht, obwohl Rosina eine Zeitlang tatsächlich glaubt, dass Fellner sich ihretwegen scheiden lassen würde.

Doch Rosina ist der zunehmenden Arbeitsbelastung im Büro auf Dauer nicht gewachsen. Sie arbeitet die Pausen durch, raucht wie ein Schlot, benötigt Schlaftabletten und zwischendurch immer mal einen entspannenden Schluck aus der Whiskyflasche, versteckt in ihrer Handtasche oder hinter den Aktenordnern.

Schließlich verursacht sie in angetrunkenem Zustand einen Autounfall, nach dem sie einige Monate arbeitsunfähig ist. Niemand aus der Firma besucht sie im Krankenhaus, nur der Bürobote bringt einmal Blumen im Auftrag einiger Kollegen vorbei. Ihr ist klar, dass sie, wenn sie wieder gesund ist, nicht zurück zu Fellner gehen wird.

Erzählt wird das, mit vielen Rückblenden und Zeitsprüngen, als Rosina Anfang dreißig ist und langsam, zumindest äußerlich, wieder Boden unter den Füßen und eine neue Arbeitsstelle gefunden hat, wo sie nun niemand mehr Chefin nennen wird.

Klingt das deprimierend? Nach der Lektüre spürte ich stattdessen eher eine stille Wut. Dieses schmale Werk rechnet ab mit einer Art der Arbeitswelt, in der der Mensch rein auf seine Nützlichkeit – wie eine Maschine – hin beurteilt und benutzt wird. Jeder ist ersetzbar und steht in Konkurrenz zu den KollegInnen. Also versucht Rosina, sich unersetzlich zu machen, bis zur völligen körperlichen und seelischen Überlastung.

Darüber hinaus wird nicht nur der Egoismus des Chefs, der die junge Frau ausnutzt, sondern auch der Wahn mancher Männer vorgeführt, die glauben, jede Frau dürfe berührt, betatscht und angegrabscht werden. Ein Nein wird überhört oder sorgt für Unverständnis und Aggression. Zugehört und sich für sie interessiert hat sich kaum einer der Männer, denen sie begegnet ist.

Das Spannende dabei: Rosina wird dabei keineswegs nur als Opfer der Umstände geschildert. Sie verfolgt zielstrebig ihren Plan, in der großen Stadt zu leben, obwohl sie aufgrund ihrer Sozialisation – die in einem Hotel arbeitende Mutter war allein erziehend und ihren Vater hat Rosina nie kennengelernt – nur sehr ungenaue Vorstellungen davon hat, wie das wohl sein wird. Sie weiß nur oder lässt es sich einreden, dass sie nicht als Ehefrau und berufstätige Mutter im Heimatort enden möchte.

War das ihr Leben? Hatte sie es alles gewollt, wie es verlaufen war? Hätte sie ein anderes Leben haben können? (S. 7/8)

Ihre jugendlichen Vorstellungen von einem idealen Partner, die fast zwangsläufig in Enttäuschung enden müssen, klingen eher nach Hollywood. Gleichzeitig ist sie auch ein kleiner Snob, wenn sie über einen gleichaltrigen Verehrer denkt „Wer war er denn schon?“ (S. 12) oder wenn sie sich schämt, als ihre einfach gekleidete Tante vom Land ihr Äpfel ins Fellnersche Büro bringt.

Als sie bemerkt, wie Fellner sie bevorzugt, scheut sie sich nicht, ihm von ihrem Wunsch nach einem eigenen Auto zu erzählen. Sie kann auch tough sein, so als sie beispielsweise ihren Führerschein macht, obwohl sie wenig Zeit hat.

Und nachdem der Leser/die Leserin weiß, wie sehr Rosina ihre Gesundheit in den letzten Jahren bei Fellner ruiniert hat, rührt es, wenn es nun heißt, dass sie nach Feierabend noch rasch ein paar Äpfel einkauft.

Sie, die vaterlos aufgewachsen ist, versteht jetzt, warum Männer wie Fellner für sie so anziehend sind.

Ist es die Selbstsicherheit, sind es die Umgangsformen, was zeichnete Leute wie Fellner aus, dass man sofort Zutrauen zu ihnen fasste? […] und jedes Mal hatte sie die Macht gespürt, die von diesen Leuten ausging, ein seltsames Gefühl der Geborgenheit auch, als könne ihr jetzt und hier im Dunstkreis dieses Menschen keiner etwas anhaben. (S. 42/43)

Dass dabei ihre Mädchenträume auf der Strecke geblieben sind und sie immer noch keinen wirklichen Gesprächspartner hat, ist wohl der Preis, den sie für ihr Aufwachen zahlen muss.

Die farbige Abbildung des Spiralnebels aus der Illustrierten fiel ihr ein. Sie hatte das doppelseitige Bild ausgeschnitten: Die Erde am Horizont des Mondes aufgehend, eine blaue, stellenweise etwas verschleierte Halbkugel. Sie wollte die Blätter – wenn sie einmal Zeit hätte – auf einen Karton aufziehen und irgendwohin hängen, sie ab und zu anschauen. Beim ersten Aufblättern der Gedanke: Wie unwichtig sind deine Probleme. Und nicht nur deine. Für einen Augenblick eine unerhörte Distanz, eine Befreiung. Und niemand im Raum, um mit ihm darüber zu reden. (S. 6)

Mir gefiel diese spröde, zurückhaltende und assoziative, dabei gleichzeitig präzise Art des Erzählens sehr, die alle Gefahren, ins Kitschige, Vorhersehbare oder Plakative abzurutschen, umgeht.

Keine Frage, das war für mich nicht das letzte Buch von Walter Kappacher (*1948 in Salzburg).

Gab es für sie überhaupt Grund, sich auf etwas zu freuen? Aufs abendliche Fernsehprogramm, wenn ein Spielfilm angezeigt war, der ihr vor Jahren einmal im Kino gut gefallen hatte? […] Manchmal, für Augenblicke, erwachte sie aus ihrer Isolation, in der sie sich eingerichtet hatte, und erschrak darüber, dass sie sich ganz wohl fühlte; nicht wohl, aber es war gut auszuhalten; es hätte schlimmer sein können. Wer war schon glücklich? Man brauchte nur die Gesichter der Leute anzuschauen. (S. 37)

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Blogbummel Nr. 100

Offensichtlich hatten alle zwischen den Feiertagen ein bisschen mehr Zeit zum Lesen, denn ich konnte mich bei euren zahlreichen interessanten Beiträgen für meinen ersten Blogbummel 2020 kaum entscheiden. Also, legen wir los – mit dem 100. Blogbummel auf Buchpost. Viel Spaß beim Stöbern.

Beginnen wir mit drei Reisebüchern

Petra empfiehlt Ænglisch von Sarah Kirsch als bezaubernd schrullige Reiseerinnerungen. Also, wenn das nicht auf die Merkliste darf, dann weiß ich auch nicht.

Literatur leuchtet war sehr angetan von Eine Frau erlebt die Polarnacht (1938) von Christiane Ritter.

Hopewell’s Public Library of Life las mit Freude The Greater Journey: Americans in Paris von David McCullough.

Deutschsprachige Blogs

Frau Lehmann liest, diesmal James Herriot. Da kann ich nicht anders und muss ausnahmsweise auch zu meinem Fanbeitrag verlinken.

In der Buch-Haltung wurde die Empire-Trilogie von James Gordon Farrell gelesen und für gut befunden. Begeisterung löste auch Die Karte meiner Träume von Reif Larsen aus. Der Originaltitel, der der Hauptperson vielleicht gerechter wird, ist gleich weniger kitschig: The Selected Works of T. S. Spivet.

Buchrevier freute sich über Gott wohnt im Wedding von Regina Scheer.

Nacht und Tag genoss Middlemarch von George Eliot.

Auch Buchuhu las einen Klassiker, den Stechlin von Fontane.

Für alle Stressgeplagten, die meinen, keine Zeit für Bücher zu haben, aber auch für alle anderen ist Die verlorene Seele ein schönes Geschenk. Die Illustrationen stammen von Joanna Concejo. Die nur anderthalb Seiten Text von Olga Torkarczuk. Kaffee mit Maren stellt uns den Band vor.

Für LiteraturReich war Die Kunst zu verlieren von Alice Zeniter ein erstes Lesehighlight im neuen Jahr. Auch Zeichen & Zeiten las das Buch.

Auf dem Grauen Sofa wurde Laufen von Isabel Bogdan gelesen.

Bookster HRO erfreute sich am Wortwitz der Neuübersetzung von Zazie in der Metro.

letteratura hatte Spaß mit Der größte Spaß, den wir je hatten von Claire Lombardo.

Sätze & Schätze hat einen wichtigen Zeitzeugentitel entdeckt: Eddy de Wind schrieb Ich blieb in Auschwitz.

Dazu passt das Buch Nürnberger Tagebuch von Gustave M. Gilbert, vorgestellt auf Travel without Moving.

Englischsprachige Blogs

Tanja Britton las The Girl Who Drew Butterflies von Joyce Sidman, eine Biografie zu Maria Sybilla Merian (1647-1717).

Beyond Eden Rock hat ein altes Schätzchen aufgestöbert: Not at Home (1948) von Doris Langley Moore.

Zum Reisen, Staunen und Schauen

Die Reisefeder macht uns mit den norwegischen Felszeichnungen von Alta bekannt.

Dream. Go. Explore. entführt zur Kasbah Aït-Ben-Haddou (Marokko).

Diesen Bericht über eine 5.000 km lange Wanderung fand ich spannend. Hut ab.

bluebrightly war mit der Kamera rund um Los Angeles unterwegs.

Viermal Fernweh war in Kyoto.

Das Schlusswort hat Von Orten und Menschen.

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Fundstück von Eva Sternheim-Peters

Bei diesen Sätzen aus Eva Sternheim-Peters Buch Habe ich denn allein gejubelt? frage ich mich, wann wir denn die unverhüllten Drohungen, (sexuellen) Gewaltfantasien, die verrohte Sprache und Denkweise, das Verschwörungsgeschwurbele, die Selbststilisierung als Opfer, die Machtdemonstrationen, das Aufrichten von Feindbildern, die Größenwahnwahnsinnsideen und das Einschüchterungsgehabe der Neunazis ernst nehmen und politisch, gesellschaftlich sowie strafrechtlich dagegen vorgehen? Statt diese unselige Suppe zu verharmlosen, zu ignorieren oder ihr gar das Mäntelchen der Meinungsfreiheit umzuhängen.

Der Paderborner SA-Sturm pflegte regelmäßig vor der Krankenkasse das Lied vom Sturmsoldaten anzustimmen, wenn die Marschkolonne bei Dienstschluss ihre Standarte heimbrachte. So musse E.s Familie viele Male den auf die jüdischen Nachbarn gemünzten Refrain mit anhören und ebenso oft das ärgerliche Zischen der Mutter: ‚Ach, das heißt ja nichts‘, wenn es von draußen klar und überdeutlich hereinschallte: ‚Ja, wenn das Judenblut vom Messer spritzt, dann geht’s noch mal so gut. Soldaten, Kameraden, hängt die Juden, stellt die Bonzen an die Wand.‘ (S. 369)

Eva Sternheim-Peters: Habe ich denn allein gejubelt? (1987/2015)

Diese 780 Seiten verlangen dem Leser, der Leserin nicht nur einiges in Bezug auf den Umfang des Buches ab, sondern auch inhaltlich.

Die 1925 in Paderborn geborene Lehrerin, Dozentin und Autorin Eva Sternheim-Peters veröffentlichte bereits 1987 Die Zeit der großen Täuschungen. Mädchenleben im Faschismus. Doch niemand interessierte sich so recht dafür. 2015 erschien im Europa Verlag die um zwei Kapitel erweiterte und überarbeitete Neuauflage unter dem Titel Habe ich denn allein gejubelt? Eine Jugend im Nationalsozialismus, die wesentlich mehr Aufmerksamkeit erhielt. Der Anspruch:

Habe ich denn allein gejubelt? ist keine Autobiografie, sondern ein subjektives Geschichtsbuch, in dem zwei Jahrzehnte deutscher Innen- und Außenpolitik mit Erinnerungen, Erlebnissen, Gedanken und Gefühlen eines Kindes, einer Heranwachsenden und ihrer Umwelt belegt, politische und menschliche Verhaltensweisen damaliger Zeitgenossen weder gerechtfertigt noch entschuldigt, sondern nachvollziehbar dargestellt werden. (S. 16)

Die in einem Beamtenhaushalt aufgewachsene Sternheim-Peters umkreist ihre ersten zwanzig Lebensjahre und versucht sich Rechenschaft darüber abzulegen, wie es sein konnte, dass sie und Millionen anderer mit Liebe und kritikloser Hingabe an Volk, Führer, Vaterland und Partei glaubten, ohne dabei je den Eindruck gehabt zu haben, einer Diktatur anzuhängen. Selbst der „Heldentod“ der zwei geliebten Brüder im Krieg,  der dem so friedliebenden Deutschland ja nur aufgezwungen worden sei, brachte das ideologische Kartenhaus zunächst nicht zum Einsturz.

Für diesen Jahrgang [1925] und für wenige benachbarte Jahrgänge waren die zwölf Jahre des ‚Tausendjährigen Reiches‘ besonders lang, da sie erlebnisstarke Kindheits- und Jugendeindrücke prägten, die sich nicht ohne Identitätsverlust von der Person abtrennen und auf den Müllhaufen der Geschichte werfen lassen. (S. 17)

Und so schreibt hier eine, die weder bereit ist, ihre Jugendjahre als begeisterte und gläubige Jungmädelführerin von sich „abzutrennen“, noch die Augen verschließt vor dem, was sie nun als erwachsene Frau über den Nationalsozialismus, seine grauenhaften Verbrechen und nicht zu zählenden Opfer gelernt und verstanden hat. Sowohl die Verdrängung der nationalsozialistischen Vergangenheit als auch das Sich-noch-rasch-zum-Widerstandskämpfer-Stilisieren vieler ihrer Zeitgenossen nach dem Kriegsende widern sie an.

Sie jedoch will verstehen, wie es dazu kommen konnte.

Ich bin nicht mitgelaufen. Ich bin begeistert mitgestürmt.

Und das Traurige: Auch der Leser/die Leserin kann es nach der Lektüre in großen Teilen nachvollziehen und verstehen. Bedrückend, wie schon die frisch Eingeschulte den Abscheu vor „Juden“ verinnerlicht hat, obwohl eine ihrer Tanten sogar einen jüdischen Mann geheiratet hatte.  Wie lange sich die Illusion der Autorin gehalten hat, dass Deutsche grundanständig seien und charakterlich und kulturell himmelweit über anderen Völkern stünden. Beklommen liest man:

Große, unvergessliche Erlebnisse der Heranwachsenden sind nicht von der Hitlerjugend zu trennen: der Isenheimer Altar des Matthias Grünewald in Colmar, das Straßburger Münster, die Wartburg bei Eisenach, das Goethe-Haus in Weimar, der Schleswiger Dom, der Hamburger Hafen, die Brunnen im Oberelsass und die bunten Fachwerkdörfer des Thüringer Waldes, der Gletscherfirn der bayrischen Alpen und die rot glühend vor den kieferbewachsenen Kreidefelsen der Ostsee im Meer versinkende Sonne. (S. 274)

Damit man in der Stofffülle nicht den Überblick verliert, beginnt jedes Kapitel in der Kindheit und geht von dort chronologisch bis zum Kriegsende oder auch darüber hinaus.

Die Kapitelüberschriften lauten

  1. Zwischen den Kriegen
  2. Volksgemeinschaft
  3. Hitlerjugend
  4. Frauen
  5. Antisemitismus
  6. Eugenik – Euthanasie – Rassismus
  7. Terror und Widerstand
  8. Freunde und Feinde [Sicht auf die anderen Länder]
  9. Front und Heimatfront [Kriegsjahre]

Darüberhinaus ist das Buch natürlich doch auch ein Geschichtsbuch: Man bekommt noch einmal eine nachdrückliche Nachhilfestunde darin, wie geschickt die Nationalsozialisten darin waren, weiten Bevölkerungskreisen genau das zu geben und zu sagen, was diese haben und hören wollten. Und wie unproblematisch sie an bereits bestehende Ressentiments gegenüber Juden und Kommunisten anknüpfen konnten, im streng katholischen Paderborn damit zum Teil weit offene Türen einrannten.

Gebet für den Führer

Herrgott, steh dem Führer bei, daß sein Werk das Deine sei.

Daß Dein Werk das Seine sei, Herrgott, steh dem Führer bei!

Herrgott, steh uns allen bei.

(Hermann Claudius)

E. lernte das ‚Gebet für den Führer‘ als 15-Jährige auf einem Singeleiterlehrgang der Obergauführerinnenschule und auch, dass der Text von Hermann Claudius, dem Urenkel des ‚Wandsbeker Boten‘, stammte. Matthias Claudius galt mit seinem ‚Der Mond ist aufgegangen‘ als ein Vetreter der deutschen Innerlichkeit und des deutschen Gemüts. Dass sein Urenkel sich nun ‚zum Führer bekannte‘, erschien der Heranwachsenden ein weiterer Beweis dafür, dass die deutsche Kultur bei der NS-Regierung in besten Händen war. (S. 217)

Aber auch das ist die Wahrheit: Schon die Achtjährige litt schmerzlich darunter, dass der Führer so durchschnittlich, ja eigentlich dämlich aussah. […] Natürlich vertraute sie niemandem an, dass der Führer eigentlich dämlich aussah. Nicht aus Angst! Sie schämte sich dieses Eindrucks. Liebe und Verehrung durften sich doch nicht an Äußerlichkeiten stören! Es kam schließlich auf den Wert des Menschen an. (S. 218/219)

Das Buch hätte – Umfang hin oder her – einen ausführlichen Anmerkungsapparat verdient; beim Recherchieren, wozu einen dieser Wälzer immer wieder verleitet, bin ich auf einige Ungenauigkeiten gestoßen. So wird beispielsweise versäumt anzumerken, dass der Vers in dem ohnehin ziemlich kriegslüsternen Gedicht „Heilig Vaterland“ (1914) von Alexander Rudolf Schröder ursprünglich lautete: ‚Der Kaiser hat gerufen.‘ Die Umdichtung zu ‚Der Führer hat gerufen‘ stammt nicht von Schröder, sondern von Heinrich Spitta (1936).

Auch nennt die Autorin einen in Paderborn aufgewachsenen Kriegsverbrecher Anton Kleer, der eigenhändig „circa 20.000 Menschen mit einer Phenolspritze“ getötet habe. Doch Hinweise auf einen Anton Kleer habe ich bis jetzt nicht gefunden, aber auf einen Josef Klehr.

Aber dieses Manko fällt angesichts der unglaublichen Materialfülle an zeitgenössischen Zitaten, Zeitungsausschnitten und Schilderungen des ganz „normalen“ Alltags nicht wirklich ins Gewicht. Dazu kommen Liedtexte, Hitler-Gedichte, Bekanntmachungen, Familienereignisse, Anekdoten, Kinofilme, Reflexionen und Analysen (denen man nicht immer zustimmen muss) sowie eine schier unfassliche und überaus anschauliche Erinnerungsarbeit der Autorin. Auffällig auch, dass, wenn man vergnügt und überzeugt wie ein Fisch im Wasser im großen Strom mitschwimmen konnte, man alles Unliebsame – war war mit den Kindern des jüdischen Waisenhauses eigentlich passiert? – einfach ausblenden konnte, ja es überhaupt nicht einmal wahrnahm.

Ausnutzung des jugendlichen Idealismus, spürbare materielle Verbesserungen durch Abnahme der Arbeitslosigkeit, Führergläubigkeit, Opferbegeisterung, schöne Reisen, Fahrten, Gesang und organisierte Freitzeitbeschäftigungen und das künstlich erzeugte Bewusstsein, einer auserwählten Gruppe, einem auserwählten Land anzugehören sowie fehlende Gegeninformationen gingen eine nicht mehr aufzulösende Verbindung ein, bis zum bitteren Ende. Dazu kam die Tatsache, dass eben auch alle relevanten Autoritäten im Hause Peters, die Eltern, die Schulbücher, Lehrer, die Priester, Bischöfe und Schriftsteller dem System seinen Segen gaben.

Das Buch hat mir wesentliche Aspekte dieser Zeit erklärt, nachvollziehbar gemacht, dabei nichts entschuldigt, nichts oder nur wenig beschönigt, auch wenn man an der ein oder anderen Stelle gern mit der Autorin in ein Gespräch eintreten würde. Letztlich ist hier eine Gratwanderung gelungen, die nur durch die radikale Selbstbefragung und Ehrlichkeit der Autorin möglich geworden ist. Diese hat sich im Grunde selbst „entnazifiziert“.

Es hilft wenig…

Es hilft nichts …

Es ist geschehen, im Namen des deutschen Volkes.

Es ist geschehen, im Auftrag des Mannes, den E. verehrt und geliebt hat.

Es ist geschehen, im Namen einer Weltanschauung,

mit der sie sich alle Jahre ihrer Kindheit und Jugend im Einklang fühlte.

Es ist geschehen in ihrem Namen. (S. 279)

Hätte ich dieses Buch vor 30 oder 35 Jahren gelesen, dann wären die Gespräche mit meiner Großmutter, in denen ich sie nach ihrem Erleben der Nazi-Diktatur befragte, vermutlich fruchtbringender gewesen. Dafür ist es jetzt leider zu spät. Doch das Buch Sternheim-Peters bringt in gewisser Weise auch meine Großmutter noch einmal zum Reden. Ich beginne zu ahnen, was sich hinter ihren trotzigen Abwehrreaktionen, ihrem Schweigen, ihrem Sich-Zurückziehen, dem irgendetwas von Autobahnen-Bauen-Stammeln verborgen haben mag. Und ich verstehe, dass ich mit meiner Überheblichkeit und Rechthaberei, die ja oft auch nur dem Nichtbegreifen, der Fassungslosigkeit angesichts des Grauen geschuldet waren, genau jenes Gespräch verunmöglicht habe …

Hier noch ein Artikel, der zeigt, wie sehr dieses Buch von der Öffentlichkeit vernachlässigt und ignoriert wurde. Ich halte es für genauso wichtig wie die Tagebücher Victor Klemperers.

Dieser Artikel beschreibt, dass der Erfolg der Neuauflage zumindest noch zu Lebzeiten der Autorin stattfindet, auch wenn diese sich den Erfolg 30 Jahre früher gewünscht hätte, denn dann hätte sie noch eine große Lesereise unternehmen können.

Schließen möchte ich mit einem Zitat von Thomas Mann, welches Habe ich denn allein gejubelt? vorangestellt ist:

Man soll nicht vergessen und sich nicht ausreden lassen, dass der Nationalsozialismus eine enthusiastische, funkensprühende Revolution, eine deutsche Volksbewegung mit einer ungeheuren Investierung von Glauben und Begeisterung war.

Tagebucheintrag von Thomas Mann, 17. Juli 1944 (aus: Thomas Mann, Tagebücher 1944-1966, S. Fischer, 2003)

 

 

 

 

 

 

 

 

Rückblick auf das Lesejahr 2019 und den Versuch, ein Buch der Nobelpreisträgerin zu lesen

Auch in diesem Jahr möchte ich noch einmal auf das vergangene Lesejahr schauen, bevor ich mir dann die ewigneue Frage stelle, was ich wohl als nächstes lese.

Wie im vergangenen Jahr greife ich die Anregung von Kerstin Herbert von Frauenleserin auf, die schon 2018 dazu eingeladen hatte, sich einmal die „Frauenquote“ auf unseren Blogs genauer anzuschauen. Das Thema wird uns noch eine Weile beschäftigen, wie Nicole Seifert in ihrem Beitrag auf ihrem Blog Nacht und Tag gezeigt hat. Ich empfehle dazu auch das von Auffermann, Kübler, März und Schmitter herausgegebene Werk Leidenschaften: 99 Autorinnen der Weltliteratur (2009).

Wie hoch ist Deine „Frauenquote“? Wie viele Bücher hast Du in diesem Jahr gelesen und/oder rezensiert? Wie viele davon wurden von Autorinnen verfasst?

Dieses Jahr las ich 23 Bücher von Frauen und 22 Bücher von Männern. Das bedeutet für mich, dass ich weiterhin nach Lust und Laune auswählen werde, was mir lesenswert und interessant erscheint.

Welches Buch möchtest Du 2019 unbedingt lesen?

Da ich eine hoffnungslose Spontanleserin bin, lässt sich das schwerlich sagen, aber zwei Bücher liegen hier tatsächlich, die ich unbedingt lesen möchte, nämlich Habe ich denn allein gejubelt von Eva Sternheim-Peters. Und immer noch wartet The Lonely Passion of Judith Hearne von Brian Moore darauf, wiedergelesen zu werden.

Welches war das optisch ansprechendste Buch?

Das war nicht nur optisch das ansprechendste, sondern auch gleich das „gewichtigste“ Buch: Little Women von Luisa May Alcott.

Welches Buch hat dich enttäuscht?

War ich zunächst noch guter Dinge, was Gesang der Fledermäuse der Nobelpreisträgerin Olga Tokarczuk anging, so beschlich mich je länger, je deutlicher das Gefühl, dass mich die Ich-Erzählerin Janina kein bisschen interessiert. Diese hat sich den Tierschutz und die Lyrik Blakes auf ihre Fahnen geschrieben. Der Originaltitel des Romans, den auch die englische Übersetzung beibehalten hat, stammt aus einem Gedicht William Blakes (1757-1827): „Lenke deinen Wagen und Pflug über die Gebeine der Toten“.

Die ältere Janina, ehemalige Brückenbauingenieurin, lebt in der polnischen Provinz nahe der tschechischen Grenze eigenbrötlerisch vor sich hin. Ihre wenigen Freunde sind mindestens solche Einzelgänger wie sie selbst. Janinas große Leidenschaft gilt der Astrologie. Sie berechnet Horoskope, wobei ihr die Leser leider manchmal seitenlang folgen müssen. Als es zu unerklärlichen Todesfällen unter den Jägern und Wilderern in der Nachbarschaft kommt, versucht Janina alle davon zu überzeugen, dass sich hier die Tiere für die Jagd, die Wilderei, den menschlichen Fleischkonsum und die qualvollen Fallen im Wald am Menschen rächen. Als sie das auch der Polizei mitteilt, zeigt sich diese jedoch nicht besonders offen für Janinas Sichtweise.

Plötzlich war mir klar, warum die Hochsitze, die doch mehr an die Wachtürme eines Konzentrationslagers erinnern, Kanzeln genannt werden. Auf einer Kanzel stellt sich ein Mensch über die anderen Lebewesen und erteilt sich selbst die Macht über ihr Leben und ihren Tod. (S. 273)

Ich wollte die Aufklärung der Mordfälle da schon gar nicht mehr wissen. Schade, denn den ruhigen, manchmal kauzigen Erzählstil mochte ich sehr, obwohl auch der nicht vor Klischees zurückschreckt.

Welches war deine persönliche Autoren-Neuentdeckung in diesem Jahr und warum?

Eine Neu-Entdeckung ist für mich jede Autorin, jeder Autor, deren/dessen Buch mir so gut gefallen hat, dass ich mich auf weitere Bücher einlassen würde. Christopher Huang, David Park und Anne Griffin waren solche Entdeckungen.

Gab es Entdeckungen im Krimi-Bereich?

Der Pokal geht ohne Frage an Barbara Neely und ihre vier Bände um die hinreißende Blanche White. Krimis, bei denen man etwas lernen kann.

Welche Bücher haben den tiefsten Eindruck hinterlassen?

Dazu gehören sicherlich A Different Drummer von William Melvin Kelley.

Aber auch die Autobiografie Benjamin Zephaniahs und Alec Guinness mit seinen Tagebüchern werden mir in Erinnerung bleiben.

Welches Buch willst du unbedingt 2019 lesen und warum?

Das wird grundsätzlich spontan und situativ wendig entschieden.

Gibt es eine Schmökerempfehlung für das nächste verrregnete Wochenende?

Jane Harris hat mit ihrem 2011 erschienenen Roman Gillespie and I, der 1888 in Glasgow und 1933 in London spielt, eine Ich-Erzählerin geschaffen, die einem noch nach der Lektüre beunruhigend im Kopf herumgeistert.

Fundstück von Olga Tokarczuk

‚Hast du keine Taschenlampe?, fragte er. Natürlich hatte ich eine, aber wo? Das würde ich erst am nächsten Morgen sagen können. So ist es mit Taschenlampen: Am besten man sucht sie, wenn es hell ist.

aus: Olga Tokarczek: Gesang der Fledermäuse, übersetzt von Doreen Daume, S. 9

‚Don’t you have a flashlight?‘ he asked. Of course I had one, but I wouldn’t be able to tell where it was until morning. It’s a feature of flashlights that they’re only visible in the daytime.

aus: Olga Tokarczek: Drive your Plow over the Bones of the Dead, übersetzt von Antonia Lloyd-Jones, S. 3

Blogbummel Dezember 2019

Noch ein kurzer letzter Bummel für dieses Jahr. Beginnen wir mit den Aufnahmen aus dem Death Valley National Park von Cindy Knoke.

Deutschsprachige Literaturblogs

Feiner reiner Buchstoff stellt Rückkehr nach Old Buckram von Phillip Lewis vor.

Auf dem Gassenhauer / Literaturblog wird Wir waren eine gute Erfindung von Joachim Schnerf besprochen.

Sachbuchempfehlungen

Travel without Moving macht Lust auf einen Reiseführer der etwas anderen Art, nämlich How to Kill Yourself daheim von Markus Lesweng.

Schiefgelesen.net beschäftigte sich mit unserem Besitz und seinen Folgen. Sie las Empire of Things von Frank Trentmann, einen Wälzer, der auch auf Deutsch erhältlich ist.

Noch tiefer ins Portemonnaie greifen muss man bei Japanische Holzschnitte, einem Buch von Andreas Marks (150 Euro), vorgestellt vom Bücheratlas.

Susanne Becker setzte sich der verstörenden Erfahrung aus, Einer von uns. Die Geschichte eines Massenmörders von Åsne Seierstad zu lesen.

Englischsprachige Empfehlungen

More was lost (1946) von Eleanor Perényi wird uns auf JacquiWine’s Journal vorgestellt.

Binge Reader las The Western Wind von Samantha Harvey.

Zum Reisen, Staunen und Schauen

Der Artikel auf Reisedepeschen zu einer Reise in Usbekistan ist diesmal eine Augenweide.

Zum Abschluss schließe ich mich gern den farbenprächtigen Weihnachtsgrüßen von Cindy an.

 

Can Merey: Der ewige Gast (2018)

Der deutsche Journalist und Autor Can Merey wurde 1972 in Frankfurt als Sohn eines türkischen Vaters und einer deutschen Mutter geboren. Sein Buch Der ewige Gast – Wie mein türkischer Vater versuchte, Deutscher zu werden ist das Interessanteste und Fundierteste, was ich bisher über die Geschichte und Probleme der Deutschtürken gelesen habe.

Can Mereys Vater, Tosun Merey, kam 1958 nicht als Gastarbeiter in die Bundesrepublik, sondern als Student. Doch die nachfolgenden Wirrnisse und Hindernisse, die sich einer erfolgreichen Integration in den Weg stellten, sind familien-, schicht- und generationsübergreifend, und wurden nur wenig durch die besseren beruflichen Chancen abgemildert, die ein erfolgreiches Studium natürlich mit sich brachte.

Ausgehend von der Geschichte seines Vaters, der als alter Mann resigniert feststellt, dass er letztendlich nicht in Deutschland heimisch werden durfte – beispielsweise muss er mehrmals während seines Berufslebens erfahren, dass Deutsche keinen Türken als Vorgesetzten akzeptieren wollen -, packt Merey das Buch randvoll mit Anekdoten, Erlebnissen, Geprächen und Familienerinnerungen.

Dabei bleibt er jedoch nicht im rein Persönlichen, sondern weitet den Blick der LeserInnen, indem er eben auch die geschichtlichen Hintergründe und gesellschaftlichen Rahmenbedingungen, die jeweilige Rechtsprechung (beispielsweise zu den Details des Anwerbeabkommens) und die Art der öffentlichen Berichterstattung über die sogenannten Gastarbeiter mitsamt vieler Zitate aus zeitgenössischen Quellen miteinfließen lässt. Bis hin zu den menschenverachtenden Texten rechtsextremer Bands.

Wenig bekannt ist, dass die Türkei zwischen 1933 und 1945 Hunderten deutschen Wissenschaftlern und Künstlern sowie deren Familien Zuflucht bot, die aus dem Dritten Reich fliehen mussten. Die Exilanten bauten wichtige Fakultäten an türkischen Hochschulen auf, sie halfen bei der Modernisierung der Verwaltung – und sie trugen zu den Bestrebungen von Republikgründer Mustafa Kemal Atatürk bei, das Land nach Westen zu orientieren. Zum bekanntesten Vertreter dieser Gruppe wurde Ernst Reuter, der Sozialdemokrat und spätere Regierende Bürgermeister von Berlin lebte von 1935 bis 1946 in der Türkei. […] In Ausweispapieren von Flüchtlingen, denen die deutsche Staatsbürgerschaft entzogen worden war, trugen die türkischen Behörden den Vermerk ‚haymatloz‘ ein. (S. 20/21)

Dazu gibt es Kapitel, die sich beispielsweise mit den Fragen befassen, ob JournalistInnen mit türkischen Wurzeln die Rolle der Alibitürken in den Redaktionen übernehmen, welche (miesen) Erfahrungen seine KollegInnen mit Rassismus in Deutschland machen und warum genau der türkische Staatspräsident eigentlich so bedeutsam für viele Deutschtürken ist und wo Deutschland in seinen Beziehungen mit der Türkei vielleicht auch eine gewisse Doppelmoral an den Tag legt.

Manchmal weiß man nicht, ob man lachen oder weinen soll, wenn man den bürokratischen Wahnsinn und Widersinn bei der Einbürgerung Tosuns Mereys mitverfolgt, wenn ihm, dem erfolgreichen deutschsprachigen Manager, wiederholt Bescheinigungen seiner Deutschkenntnisse abverlangt werden.

Eine weitere Stärke dieses Buches ist es, dass es unaufgeregt möglichst viele Stimmen zu Gehör bringt. Merey nimmt es sogar auf sich, einen ehemaligen Korrespondentenfreund zu besuchen, der inzwischen AfD-Funktionär ist. Genauso interviewt er einen türkischstämmigen Polizisten, der lange hoffte, die AfD wäre eine wirkliche Alternative, und der kein Mitleid mit gesellschaftlich abgehängten „BMW-Murats“ oder  „Kickbox-Hassans“ mit den dicken Goldkettchen hat.

Abgesehen davon, dass das Buch eine interessante Lebensgeschichte schildert, ist es darüber hinaus randvoll mit hilfreichen Hintergrundinformationen, die u.a. den Wechsel in der öffentlichen Akzeptanz der türkischen Mitbürger veranschaulichen. So wurden noch Anfang der Sechziger Tosun und weitere Studenten in seinem Wohnheim von ihnen unbekannten deutschen Familien eingeladen, die Weihnachtsfeiertage bei ihnen zu verbringen, wodurch Tosun eine gastfreundliche Familie in Ulm kennenlernte.

Und von dem Wohnheim am Maßmannplatz in München hatte ich vorher noch nie gehört.

Dann wieder der Hinweis auf einen Vorfall 1985,  der daran erinnert, dass Deutschland nicht erst seit den Möglichkeiten, die das Internet bietet, ein Hetzer- und Rassistenproblem hat. 1985 erschien auch Wallraffs Buch Ganz unten, von dem Can Merey sagt, dass ihn kein Buch tiefer verstört habe. Dass diese ständigen Kränkungen und bedrohlichen Nachrichten, ob selbst erfahren, gehört oder von ihnen gelesen, Auswirkungen auf das eigene Selbstbild und die Ausbildung einer nationalen Identität haben, steht außer Frage. Und da lagen die Angriffe in Hoyerswerda und Mölln sogar noch in der Zukunft.

CDU-Bundeskanzler Helmut Kohl blieb der Trauerfeier für die Mordopfer von Mölln fern. Sein Sprecher Dieter Vogel sagte zur Begründung: ‚Die schlimme Sache wird nicht besser dadurch, dass wir in einen Beileidstourismus ausbrechen.‘ […] ‚Beileidstourismus‘ kam 1992 in die engere Auswahl bei der Wahl für das ‚Unwort des Jahres‘. (S. 158)

Auch der lakonische Humor des Autors gefiel mir: Um seinen Sprachkurs am Goethe-Institut in Blaubeuren absolvieren zu können, fliegt der junge Tosun Merey 1958 mit Swissair von Istanbul nach Zürich, wo er von einem Geschäftspartner des Vaters abgeholt wird.

Sein erster internationaler Flug beeindruckte ihn so nachhaltig, dass die Airline in unserer Familie noch über ihr Ende im Jahr 2002 hinaus einen hervorragenden Ruf genoss – obwohl außer meinem Vater wohl nie jemand von uns mit ihr geflogen ist. (S. 16)

Vor allem aber macht Can Mereys Buch deutlich: Integration ist keine Einbahnstraße:

Natürlich gibt es Türken, die jede Integration verweigern. Wer als Ausländer die freiheitlich-demokratische Grundordnung ablehnt, während er gleichzeitig die Vorzüge der Bundesrepublik genießt, der hat aus meiner Sicht hier nichts verloren. Tosuns Geschichte zeigt aber: Integration scheitert nicht nur an unwilligen Ausländern, sondern auch an der deutschen Mehrheitsgesellschaft. […] Ohne gesellschaftliche Akzeptanz  kann Integration nicht funktionieren. (S. 11)

Dass Bewerber mit nichtdeutschen Namen schlechtere Erfolgsaussichten bei der Suche nach einem Ausbildungs-, Arbeitsplatz oder einer Wohnung haben, haben Studien leider mehrfach bestätigt.

Der Vater des Autors, Tosun Merey, zieht ein ernüchterndes Fazit:

Es ist ja nicht so, dass ich jeden Tag auf der Straße beleidigt worden wäre. Aber ich glaube, dass der Mensch auch eine geistige Heimat benötigt, um sich integrieren zu können. Die kannst du aber nur finden, wenn du auch ein Zugehörigkeitsgefühl hast. Es reicht nicht, die Sprache zu lernen und die Lebensart zu übernehmen. Ein Zugehörigkeitsgefühl kann sich nicht entwickeln, wenn du zu spüren bekommst, dass du nicht willkommen bist. Und das ist das Schlimmste: sich unerwünscht zu fühlen und zu merken, dass man nicht dazugehört. Viele Türken haben das Gefühl, dass die Deutschen sie nicht integrieren wollen. (S. 231)

 

Blogbummel November/Dezember 2019

Bevor wir uns in den Büchertrubel stürzen, geht es zunächst auf dem MEERblick.blog nach Sylt. Hier übrigens auch. So schön.

Deutschsprachige Blogs

Ruth liest und empfiehlt Die Jakobsbücher von Olga Tokarczuk.

Ersteindrücke ist angetan von Joseph Roths Roman Hiob.

Um das Buch Verschwörungsmythen von Holm Gero Hümmler geht es bei Poesierausch.

Auf dem Hotlistblog wird auf Shelagh Delaney aufmerksam gemacht.

So stirbt man also heißt das Buch von Marc Ritter und Tom Ising, das auf dem Blog Gassenhauer vorgestellt wird.

LiteraturReich stellt nicht nur Duell von Eduardo Halfon vor, sondern auch Dort dort von Tommy Orange.

Buch-Haltung las Drei Männer im Schnee von Kästner.

Buchuhu war zwar nicht uneingeschränkt begeistert von Ich hörte den Vogel rufen, doch zumindest seine Besprechung habe ich gern gelesen.

Im textmagazin ging es um Das Unglück schreitet schnell von Johannes Böhme.

Sätze & Schätze las  du, Alice von Simone Scharbert.

Englischsprachige Blogs

ANZLitLoversLitBlog las Rickshaw Boy von Lao She.

Heavenali setzt mir Leonard and Hungry Paul von Rónán Hession auf die Wunschliste. Auch The Street (1946) von Ann Petry klingt lohnenswert.

Da wir ja alle noch dringend weitere Tipps brauchen, wie wäre eine Liste mit 45 Titeln?

Zum Reisen, Staunen und Schauen

A pair on the prairie fotografierte Christoper Martin.

Watt & Meer sorgt für den heutigen Flauschfaktor namens Valese.

eMORFES zeigt Arbeiten der Künstlerin Christine Kim.

Dream. Go. Explore führt uns durch die alte norwegische Bergwerksstadt Røros.

Einen fotografischen Leckerbissen zu Wien hat der Bücheratlas für uns.

Ins Internationale Maritime Museum Hamburg geht es mit In der Nähe bleiben.

Und zum Abschluss besuchen wir isländische Kirchen mit Michael’s Beers & Beans und hier geht es gleich weiter.

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Hasnain Kazim: Post von Karl-Heinz (2018)

Der deutsche Journalist und Autor Hasnain Kazim muss sich wie viele andere, die in der Öffentlichkeit präsent sind und deren Namen nicht nach Müllermeierschulze klingen, immer wieder mit Hassmails befassen, die Drohungen, Pöbeleien und Gewaltfantasien enthalten, die ja heutzutage blitzschnell und ohne dass man noch in Briefmarken oder Umschläge investieren müsste, versandt werden können.

Einer seiner Wege, sich dagegen zu positionieren, ist, den Briefschreibern zu antworten, sie in ein Gespräch einzuladen, aufzuklären, sich aber auch abzugrenzen, wenn ein Austausch gänzlich hoffnungslos ist. Eine Reihe dieser Mailwechsel hat er in seinem Buch mit dem hübschen Titel Post von Karlheinz: Wütende Mails von richtigen Deutschen – und was ich ihnen antworte veröffentlicht.

Ich ziehe meinen Hut vor Kazims Ironie, seiner Schlagfertigkeit, seiner Geduld und vor seiner Weigerung, in gleicher Münze heimzuzahlen. Der Weigerung, sich verbittern zu lassen, zurückzuhassen.

Ich habe losgeprustet, wenn er die wildesten und idiotischsten Beleidigungen so ins Absurde gesteigert hat – ja, er komme gern am Wochenende mit kompletter Großfamilie mal vorbei, sie seien ohnehin in der Gegend und sie würden auch die Ziegen zur Schächtung mitbringen, dann könne ihm der Briefeschreiber mal zeigen, was ein richtiger Deutscher sei – und mich gefreut, wenn er doch noch jemanden auf die Ebene halbwegs zivilisierter Umgangsformen zurückverfrachten konnte. Auch die ein oder andere Hilfestellung für eigene Argumentationen ließe sich dem Buch entnehmen. Daneben gibt es auch ernsthafte und höfliche Leserzuschriften, die von ihm freundlich und ausführlich beantwortet werden.

Doch vor allem war ich nach der Lektüre dieses durchaus unterhaltsamen Buches verstört. Ich hatte das Gefühl, eine Bodenplatte tut sich auf, darunter krabbelt und tobt das, was eine Gesellschaft nachhaltig gefährden kann.

Wie kann es sein, dass manche Menschen ernsthaft glauben, mit ihren Pöbeleien, ihrem Rassismus, ihrer Ignoranz und Langeweile, ihrer miesen Kinderstube, ihrer völligen Überschätzung der eigenen Befindlichkeiten und dem Weltbild eines Grottenolms anderen ungestraft auf die Nerven fallen zu dürfen?

Und wie kann es sein, dass es inzwischen Richter gibt, die solcherlei Komplettentgleisungen (siehe Renate Künast) noch als Meinungsäußerung deklarieren, die Personen, deren Arbeit öffentlich sichtbar ist, halt zu akzeptieren haben?

Oder dass eine Anzeige sofort gegenstandslos wird, wenn der Beschuldigte treuherzig versichert, dass nicht er die Mails geschrieben habe, schließlich habe der halbe Ort Zugang zu seinem Rechner.

In seinem einleitenden Kapitel Vom Umgang mit Hass im Posteingang schreibt er zu der Floskel, dass man auch den Brüllern und Hetzern mit Respekt begegnen solle:

Ich soll Leuten mit Respekt begegnen, die mich ‚in die Gaskammer!!!‘ wünschen? […] Und was soll, bitte schön, ‚auf Augenhöhe‘ heißen? Soll ich mich auf den Bauch legen, um mit diesen Leuten ‚auf Augenhöhe‘ zu reden? Diese, bei allem Respekt, dämlichen, jedenfalls unbeholfenen Ratschläge geben mir mehr zu denken als die meisten Beleidigungen und Drohungen. Ich empfinde dieses achselzuckende Zuschauen, solche ‚Na, damit musst du halt klarkommen‘-Positionen als dröhnendes Schweigen. […] Mir macht Angst, dass Leute inzwischen in entspanntem Ton darüber philosophieren, wie man mit Rechten reden sollte. Aber diejenigen, die solche intellektuellen Fingerübungen ausprobieren, sind Leute, die durch die Rechten in keinerlei Weise bedroht sind, schon gar nicht existenziell. (S. 17/18)

Kazims Buch mahnt an, dass Menschen Verantwortung für ihre Worte haben und dass es an der Zeit ist,  den einen oder die andere an diese Verantwortung nachdrücklich zu erinnern.

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Ursula März: Tante Martl (2019)

Die Autorin und Literaturkritikerin Ursula März (*1957) hat ein hinreißendes Buch über ihre Patentante geschrieben. Die Eckdaten dieses Lebens werden uns gleich zu Beginn mitgeteilt, nachdem wir im Vorübergehen erfahren haben, wie Telefongespräche mit Tante Martl ablaufen und wie diese zu Thomas Gottschalk steht, den sie nur „de dumm Lackaff“ nennt.

Meine Tante war Lehrerin von Beruf. Sie heiratete nie und hatte keine Kinder. Außer ein paar Jahren während des Zweiten Weltkrieges und der Nachkriegszeit verbrachte sie ihr gesamtes Leben in ihrem Elternhaus in der westpfälzischen Kleinstadt Zweibrücken. Der einzige Wechsel ergab sich nach dem Tod ihrer Eltern, als meine Tante aus ihrer Wohnung im Erdgeschoss in das nun frei gewordene Obergeschoss zog. Danach verbrachte sie noch 38 Jahre allein in dem Haus, in dem sie an einem Junisonntag im Jahr 1925 geboren worden war. Sie war eine materiell unabhängige, interessierte und gebildete Frau, die schon in den Fünfzigerjahren ein eigenes Auto und immer ein eigenes Bankkonto besaß, die leidenschaftlich gern verreiste, mit kribbelnder Vorfreude ihre Touren in Mittelmeerländer, ins Gebirge und sogar ans Nordkap plante. Aber sie unternahm nie einen Versuch, sich vom Elternhaus zu lösen, zumal von einem Vater, der sie rücksichtslos spüren ließ, dass er sie nicht gewollt hatte. (S. 8/9)

Tante Martl war die jüngste von drei Schwestern (eine davon die Mutter der Autorin), von denen die zwei anderen immer wie selbstverständlich davon ausgingen, dass Martl eher so Dienstbotenstatus habe und und dass es Martl sei, die sich trotz ihrer Berufstätigkeit um die alten Eltern zu kümmern habe.

Selbst als die drei Schwestern schon ältere Frauen sind, wollen sie Martl nicht erlauben, sich von einer alten Wanduhr in ihrer Wohnung zu trennen, die schließlich schon immer im Elternhaus gestanden habe. So lebt Martl jahrelang mit einem Möbelmonstrum in ihrer Wohnung. Wie sie sich schließlich doch davon befreit, ist nur eine der unterhaltsamen und gleichzeitig anrührenden Geschichten in diesem Buch.

Abgesehen davon, dass schon allein die Bekanntschaft mit der keineswegs immer liebenswürdigen „Tante Martl“ für den Leser/die Leserin lohnt, war für mich eine weitere Besonderheit an diesem Buch, dass ich trotz aller Individualität, die jedes Leben ausmacht, doch viel über die Generation meiner Großeltern darin wiedergefunden habe. Die Frage, welche Schulbildung man seinen Töchtern zubilligt. Die Prägung durch ein autoritäres Elternhaus, in dem der Vater, der es unter Hitler bis zum Gefängnisdirektor bringt, sich unwidersprochen als Despot aufführen darf, sich in seiner Männerehre getroffen fühlt, als Martl die unverzeihliche Schuld auf sich lädt, nicht als Sohn auf die Welt zu kommen. So lässt er sie zunächst auf dem Standesamt als Martin eintragen, in der Hoffnung, dass sich das Universum seinen Wünschen vielleicht doch noch beugt.

Eine Kränkung, die Martl nie verwinden wird und als sie alt ist, langsam dement wird und sie so vieles schon vergessen hat, bricht sich die Traurigkeit darüber, nie vom Vater gewollt und anerkannt gewesen zu sein, noch einmal mit vielen Tränen Bahn.

Sie wird im Gegensatz zur Lieblingstochter füchterlich verprügelt, bis manchmal die Mutter mit den Worten dazwischengeht, er solle jetzt mal besser aufhören, sonst würde er sie noch totschlagen.

Vermutlich ist es ihm nie seltsam erschienen, dass es gerade Martl war, die sich später um ihn kümmerte, als er im Alter auf Pflege angewiesen war.

Die Irrationalität und Ungerechtigkeit im Umgang mit den Töchtern wirken sich natürlich auf deren weiteres Leben aus. Die Lieblingstochter Rosa ist später oft vom Leben überfordert und flüchtet sich lieber in Krankheiten und die Geschichten um den europäischen Adel in diversen Klatschmagazinen, schließlich ist sie auf nichts anderes vorbereitet worden.

Doch auch dieses Frauenschicksal ist nicht ohne den geschichtlichen Hintergrund zu sehen und zu verstehen. Rosa heiratete im Frühsommer 1944. Nach einer Woche Hochzeitsurlaub musste ihr Mann zurück zu seiner Einheit. Rosa erkrankte im Spätherbst 1944 an einer schweren Hepatitis. Als sie im Januar 1945 die Nachricht erhielt, dass er in Oberitalien bei einem Angriff eines Lazaretts – er war Arzt – ums Leben gekommen war, lag sie noch im Krankenhaus.

Ab dieser Zeit nahm sie die Position der überempfindlichen, von jedem Lüftchen bedrohten und kaum belastbaren Frau ein, die um Hilfe ruft, wenn eine große Bratpfanne von der Herdplatte gehoben werden muss. (S. 71)

Auch der Reinlichkeitszwahn der ältesten Schwester Bärbel kommt vermutlich nicht von ungefähr. Als erwachsene Frau begeistert sie sich schließlich für das Desinfektionsmittel Sakrotan.

Sie kaufte Flaschen davon im Dutzend und fand im Desinfizieren des Haushalts große Befriedigung. Wenn ich bei ihr in Kaiserslautern zu Besuch war und mir vor dem Essen die Hände wusch, wartete sie ungeduldig, bis ich fertig war, sie einen Putzschwamm mit Sakrotan begießen und das Waschbecken ausreiben konnte. (S. 33)

März schafft es, uns diese Frauen nahezubringen, indem sie Geschichten, die in der Familie überliefert wurden, in Bezug setzt zu ihrer eigenen Beziehung zu Tante Martl und den vielen Gesprächen, die die beiden miteinander geführt haben. Dazu kommen zahlreiche, wunderbar ausgewählte und aussagekräftige Erinnerungen der Autorin, die auch die andauernden und oft nur unterschwellig wirksamen Familienkonflikte mit in den Blick nehmen und dem Ganzen eine große Unmittelbarkeit und Anschaulichkeit verleihen.

Gleichzeitig bleibt das Buch durchlässig auf die Leerstellen und Widersprüchlichkeiten, die sich bei der Beschreibung dieses Lebens zeigen. Wer machte das wunderschöne Foto von ihrer ca. zwanzigjährigen Tante, auf dem sie wie auf keinem anderen glücklich und mit sich im Reinen in die Kamera schaut? Warum hat sie sich selbst als erwachsene Frau von ihren Schwestern den Wunsch nach einem Hund ausreden lassen, von dem sie doch ihr ganzes Leben geträumt hat?

Wie lassen sich die Unterwürfigkeit Tante Martls gegenüber der Familie und ihr Wunsch, in Restaurants immer auf den schlechtesten Plätzen zu sitzen, in Einklang bringen mit ihrer Emanzipation? Sie war die einzige der drei Schwestern, die eine überregionale Zeitung las, Auto fahren, einen Handwerker herbeibeordern und ihre Geldgeschäfte selbstständig regeln konnte. Und überhaupt: Eigentlich hieß sie Martina, wurde aber von allen immer nur als Tante, also in Relation zu ihrer Familie, bezeichnet.

Wie war die oft schroffe Frau als Lehrerin? Schließlich kommen zur Beerdigung viele ihrer ehemaligen HauptschülerInnen, von denen sich einer mit besonderer Dankbarkeit an sie erinnert.

Und manche der Szenen sind einfach unglaublich komisch und zeigen, zu welchen Absurditäten das ganz „normale“ Familienleben immer wieder führen kann.

Eine besonders schöne Stelle beschreibt, wie die Autorin als Kind mit ihrer ca. vierzigjährigen Tante auf einem Jahrmarkt unterwegs ist. Das Kind möchte so gern, dass Tante Martl einmal zusammen mit ihr mit dem Kettenkarussell fährt.

‚Isch will net‘, wehrte sie barsch ab, ‚isch bin doch ke Hanswurscht, wo sisch vor de Leut blamiert.‘ (S. 34)

Das Kind schafft es mit einem Trick, dass der Tante nichts anderes übrigbleibt, als in das Karussell zu steigen, andernfalls wären noch viel mehr Menschen auf das Gerangel der beiden aufmerksam geworden.

Es begann sich zu drehen, nach ein paar Metern schwebten wir über dem Boden, bei der nächsten Runde lag das Kirmesgelände schon weit unter uns. Ich schaute zu meiner Tante hinüber und hoffte, es würde ihr nicht schwindlig oder übel. Mit den Händen umklammerte sie ängstlich die seitlichen Metallgriffe des Sessels, aber in ihrem Gesicht sah ich den lachenden  Jubel, nach dessen Ausdruck ich mich gesehnt hatte. (S. 35)

Auf der Homepage des Deutschlandfunk gibt es ein Interview mit der Autorin.

Und Lena Riess hat das Buch ebenfalls gelesen.

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Blogbummel November 2019

Wenn man einen Beitrag mit den Fotos von Dina beginnt, die mir den Atem stocken lassen, kann man eigentlich auch gleich wieder aufhören. Aber einige Literaturtipps möchte ich dann doch noch mit euch teilen.

Deutschsprachige Literatur

Sätze & Schätze hat eine ganz feine Entdeckung für uns, nämlich Meins von Ida Häusser.

Frau Lehmann liest, diesmal Über die Kunst, ein Gentleman zu sein des Earl von Chesterfield und Der Hammer von Dirk Stermann.

Günter Keil empfiehlt Henry persönlich von Stewart O’Nan.

Binge Reading & More bringt uns Vita Sackville-West näher.

Die lesende Käthe las Die Welt war so groß von Rona Jaffe.

Buchrevier war sehr angetan von Metropol, geschrieben von Eugen Ruge.

Um Effingers von Gabriele Tergit geht es auf schiefgelesen.

Lector in fabula las von Bei uns in Auschwitz von Tadeusz Borowski.

Im LiteraturReich geht es diesmal um Das zerbrochene Haus von Horst Krüger.

Englischsprachige Literatur

AnzLitLoversLitBlog war völlig begeistert von Island Story, Tasmania in Objects and Text.

Nach Sizilien führt uns Consumed by Ink mit Lampedusa von Steven Price.

Zum Schauen, Staunen und Reisen

Dem Bücheratlas verdanke ich Hinweise auf zwei Fotoausstellungen, u. a. im Schnütgen Museum in Köln.

Eher befremdlich finde ich das Junker-Haus in Lemgo, da würde mich die Biografie des Künstlers interessieren.

In der Naehe bleiben zog es diesmal in den Magma-Geopark in Norwegen.

Tanja Britton erinnert an die Geschichte des amerikanischen Bisons.

Zum Abschluss kommt nur Marens Beitrag auf Von Orten und Menschen in Betracht mit dem Titel Und mit Liebe zu schaun. Schön!

Dieter Wellershoff: Der Ernstfall (1995)

Ursprünglich nur zur Hand genommen, um zu überprüfen, ob das Buch, das jahrelang im Regal der ungelesenen Bücher geschlummert hat, nun das Haus in Richtung öffentlicher Bücherschrank verlassen sollte, habe ich mich doch festgelesen in den autobiografischen Kriegserinnerungen von Dieter Wellershoff, die 1995 unter dem Titel Der Ernstfall: Innenansichten des Krieges veröffentlicht wurden.

Warum wieder zurückblicken nach fast einem halben Jahrhundert? Was suchte ich? Was erwartete ich zu finden, als ich mich Ende März 1994 auf den Weg nach Bad Reichenhall machte, wo ich den Kriegswinter 1944/45 im Lazarett verbracht hatte? Meine chronisch erkrankten Nasennebenhöhlen zu kurieren, war das praktische Ziel meiner Reise. Doch zugleich und vielleicht sogar vor allem war es für mich eine Reise in die Vergangenheit. (S. 11)

Obwohl zum Zeitpunkt des Schreibens die Zeit des Nationalsozialismus und des Krieges schon Jahrzehnte zurückliegt, gelingt es Wellershoff über weite Strecken die Leser mitzunehmen in seine Erinnerungen und Reflexionen. Formuliert in seiner präzisen, manchmal ein wenig spröden Sprache.

Vieles, was heute schwer verständlich ist und deshalb oft rasche, schematische Urteile herausfordert, bedarf genauerer Beschreibung. Zum Beispiel die Tatsache, daß ich, wie die meisten meiner Klassenkameraden, mit siebzehn Jahren als Freiwilliger in den Krieg zog, obwohl, trotz der Schönfärberei der Wehrmachtsberichte, sich seit Stalingrad immer deutlicher abzeichnete, daß der Krieg nicht mehr zu gewinnen war. Kriegsbegeisterung, wie ich sie noch in den ersten Kriegsjahren als Schüler empfunden hatte, war das nicht. Auch keine fanatische Opferbereitschaft, sondern eher eine noch fortbestehende patriotische Konvention, gegen die man, da das zu gefährlich war, auch im Gespräch unter Freunden keine Argumente entwickelt hatte. Man tat es, weil es üblich war, konnte aber die heimlichen Befürchtungen und fatalistischen Perspektiven vor sich selbst nicht mehr dauerhaft verdecken. Ich zog in diesen Krieg mangels einer Alternative und ohne Illusionen, aber mit einem vagen Pflichtgefühl, das im Grunde eine Solidarität gegenüber all jenen war, die es auch getan hatten, und gegenüber den vielen, die gefallen waren. Dieses Zugehörigkeitsgefühl war brüchig. Aber es war noch nicht ganz aufgelöst. Beigemischt war dieser Haltung auch ein jugendliches Bedürfnis nach Bewährung und ein wachsender Überdruß an der Schule, die uns vor dem Hintergrund des Krieges als ein unauthentischer Ort erschien, an dem man nicht erwachsen werden konnte. (S. 22)

So lesen wir nicht nur von Erschießungskommandos in Tegel, für die sich die Soldaten freiwillig meldeten, und dem grauenvollen Alltag und Verrecken der Soldaten an der russischen Front, sondern erfahren auch, wie Wellershoff im Nachhinein das Informationsvakuum einschätzt, in dem sich die deutschen Soldaten befanden.

Als Görings Vorschlag, den militärischen Gruß durch den Hitlergruß zu ersetzen, von Hitler gebilligt und verbindlich angeordnet wurde, fanden das viele Berufsoffiziere ganz schrecklich (als ob es darauf noch angekommen wäre) und der Oberleutnant

machte diesen Gruß in einer Weise vor, als wolle er damit die Bedeutung ausdrücken, die dem Nazigruß im Volksmund untergeschoben wurde: ‚So hoch liegt der Schutt in Berlin.‘

Besonders interessant fand ich die Ausschnitte aus zeitgenössischen Quellen, aus denen Wellershoff zitiert.

Als Walter Schellenberg, damals Chef des deutschen Geheimdienstes, Göring 1942 ein Dossier über die Produktionskapazität der amerikanischen Stahlerzeugung und der amerikanischen Rüstungsindustrie […] vorlegte, gab ihm Göring das Papier mit der Bemerkung zurück: ‚Alles, was Sie da geschrieben haben, ist Quatsch. Sie lassen sich am besten auf Ihren Geisteszustand untersuchen.‘ […] Der gleiche Vorgang wiederholte sich Anfang April 1945, als General Gehlen […] einen Bericht über die sowjetische Rüstungsindustrie vorlegte. Hitler nannte die ermittelten Produktionszahlen ‚übertrieben, defaitistisch, ja idiotisch‘ und ließ Gehlen ablösen. (S. 149)

Hübsch fand ich auch die Anmerkung, dass

ein von Himmler beautragter Astrologe für das Jahr 1945 eine deutliche Besserung der militärischen Lage Deutschlands vorausgesagt [hatte]… (S. 151)

Gegen Ende des Buches macht Wellershoff sich Gedanken darüber, wie man, wenn überhaupt, aus der Geschichte lernen kann. Selbstgerechte Schuldzuweisungen von moralisch einwandfreier Warte, bei denen man von vornherein unreflektiert davon ausgeht, dass man selbst nie auf Hitler oder irgendwelche anderen mörderischen Ideologien hereingefallen wäre oder hereinfallen würde, gehen laut Wellershoff am Kern der Sache vorbei und sind ihm eher ein Zeichen unbewusster Abwehr.

Nicht jeder ist sicher genug, um sich ungeschützt den Schwindelgefühlen abgründiger Erkenntnisse über die Wirrnisse und Schrecken des Menschenmöglichen auszusetzen.

Heute denke ich, daß es notwendig ist, immer wieder zum Individuellen vorzudringen. Man muß nach den lebensgeschichtlichen Voraussetzungen und Bedingungen des Verhaltens fragen. ‚Wovon bist du ausgegangen? Was hast du gewußt und was hast du gedacht? Was hast du getan und was für Folgen hat es gehabt? (S. 272)

Den Krieg hat Wellershoff als für sein ganzes späteres Leben als prägend erfahren, u. a. dahingehend, dass ihm kollektive Identitäten von nun an suspekt waren, da sie sich doch immer wieder als mörderische Wahngebilde entpuppen. Die daraus resultierende „weltanschauliche Obdachlosigkeit“ habe er als Glück, als „geschenkte Freiheit“ erlebt.

Außerdem verdanke er dem Krieg

die Einsicht in die Zufälligkeit meiner Existenz. (S. 289)

Darüber hinaus blieb eine gewisse Skepsis, was die menschliche Natur angeht:

Ich will daraus nicht ableiten, daß man mit Menschen alles machen kann. Aber ihr Sinn- und Glaubensbedürfnis, ihr Wunsch nach Anerkennung und Zusammengehörigkeit und vor allem ihr Angewiesensein auf den Schutz der Gesellschaft macht sie zu einem extrem formbaren Material. Nicht nur die vergangenen Kriege, auch die terroristischen Fanatismen unserer Tage beweisen es. (S. 280)

Und drittens blieb für Wellershoff, der 2018 in Köln verstarb, eine

unaufhebbare Fassungslosigkeit über das sechs Jahre dauernde Massenschlachten und seinen finstersten und innersten Bereich: die Todesfabriken der deutschen Konzentrationslager.

Der Autor, für den Literatur immer ein Simulationsraum war, in dem die Leser Erfahrungen machen können, ohne sich dabei selbst in Gefahr zu begeben, wurde zwar 1925 geboren und damit 21 Jahre nach meinem Großvater, dennoch habe ich die Erinnerungen Wellershoffs auch ein bisschen als Ersatz für die nicht stattgefundenen Gespräche in meiner Familie gelesen.

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Ahmet Toprak: Auch Alis werden Professor (2017)

Von Ahmet Toprak, einem Professor für Erziehungswissenschaften an der Fachhochschule Dortmund, stammt der autobiografische Rückblick Auch Alis werden Professor: Vom Gastarbeiterkind zum Hochschullehrer (2017).

Abgesehen von einem unendlich drögen Cover, das mich beinahe vom Kauf abgehalten hätte, fing das schmale Buch sehr vielversprechend an.

Mein Vater meldet sich 1967 in Ankara in einem Anwerbebüro und wird medizinisch untersucht. Es ist damals üblich, dass die Arbeitswilligen von deutschen Ärzten und Krankenschwestern […] auf Herz und Nieren gecheckt werden. (S. 16)

Topraks Eltern stammen aus einem zentralanatolischen Dorf.

Im Winter ist das Dorf mit 150 bis 200 Einwohnern für mehrere Monate von der Außenwelt abgeschnitten. In den Häusern gibt es weder fließendes Wasser oder Strom. […] Zum Kartenspielen und Einkaufen müssen die Bewohner in die fünf Kilometer entfernte Kreisstadt laufen. Autos oder Busverbindung gibt es damals nicht. Viele im Dorf sind miteinander verwandt oder verschwägert. Alle kennen sich, alle helfen sich. Aber auch die soziale Kontrolle ist enorm.

Als der Vater sich zu einem Gastarbeiterdasein in Deutschland entscheidet, hat er bereits vier Kinder. Der Autor und ein weiterer Bruder werden erst später geboren. Der Vater findet Arbeit bei den Ford-Werken in Köln. Niemand erwartet dort von den Türken, dass sie Deutsch lernen. Selbst als man nicht mehr davon ausgeht, dass die türkischen Arbeiter in ihre Heimat zurückgehen – es hat sich als viel zu uneffektiv erwiesen, die meist ungebildeten Arbeiter im Rotationssystem immer wieder neu einzuarbeiten -, ist es für die Firma einfacher (und günstiger), einem Vorarbeiter genügend Türkisch beizubringen als der ganzen Hallenbelegschaft Deutsch.

Leider spielen die Eltern danach nur noch eine sehr vage Rolle. Irgendwann lässt der Vater seine Frau nachkommen, doch der Sohn Ahmet wird erst mit 10 Jahren nach Deutschland geholt. Das Brüderchen, das inzwischen in Deutschland geboren wurde, bekommt den Spitznamen „Made in Germany“ verpasst.

Ahmets erste Erfahrung in Deutschland ist ein freilaufender Hund, der in einem Park auf ihn zustürmt. Der Besitzer versteht die Angst des Kindes nicht und wiederholt immer nur den Satz „Der will nur spielen.“

Es folgen positive und negative Schulerfahrungen. Als es darum geht, was Ahmet nach der Hauptschule anfangen soll, plädiert der Vater für eine solide Schlosserlehre. Doch Ahmet kann sich nichts Schlimmerers vorstellen und ringt seinem Vater einen Deal ab. Er geht zurück in die Türkei. Sollte er dort das Abitur nicht schaffen, käme er zurück und würde sogar eine Dachdeckerlehre machen, was ihnen als Inbegriff unattraktiver Arbeit erschien.

Er lernt neu das autoritäre Schulsystem in der Türkei kennen, in dem kritisches Diskutieren und einem Lehrer zu widersprechen, als unerhört galten.

Er schafft das Abitur, beginnt ein Studium in Ankara, wird irgendwann wieder zurück nach Deutschland beordert, das er durchaus vermisst hat, und nach einigen Irrungen und Wirrungen findet er seinen Platz im Pädagogikstudium.

2001 erfolgt die Promotion und 2007 schließlich die Ernennung zum Professor.

Das Buch krankt für mich an der Kürze (168 sehr großzügig gesetzte Seiten). Dass die Schwester gegen ihren Willen irgendwann wieder in die Türkei geschickt wird, wird zwar damit kommentiert, dass die Schwester sehr „niedergeschlagen“ gewesen sei, doch innerhalb des Buches gibt es keine Auseinandersetzung mit dem Erziehungsstil oder dem Frauenbild der Familie.

Auch dass die eigenen Eltern nicht an seinen Bildungsaufstieg glauben, wird nur sehr am Rand abgehandelt. Sie halten es für für pure Überheblichkeit, als er sich auf eine Professur bewirbt.

Der bewundernswerte Werdegang Ahmet Topraks ist sicherlich auch insofern ungewöhnlich, da er nach der Hauptschule zunächst in die Türkei zurückkehrt, um dort sein Abitur abzulegen. Ob das auch im deutschen Schulsystem mit seiner latenten Benachteiligung von (Gast-)Arbeiterkindern so ohne Weiteres möglich gewesen wäre, wage ich zu bezweifeln.

Die miesen Anwürfe und Diskriminierung, die der Autor in vielerlei Situationen (Fahrscheinkontrolle, Einbürgerung, Wohnungssuche) erfahren hat, zeigen, wie weit weg wir noch von einem selbstverständlichen Zusammenleben verschiedener Ethnien sind. Der Autor nimmt’s oft mit Humor, manchmal mit Wut oder konfrontiert den anderen mit seinen rassistischen oder zumindest sehr stereotypen Aussagen. Dazu gehört viel Kraft und der Wille, sich nicht in einer Opferrolle einzukuscheln.

Und nicht jeder kann dann den Weg gehen, der ihm jetzt möglich ist. Als potentielle Vermieter sich plötzlich nicht mehr von seiner Herkunft abschrecken lassen, weil sie unglaublich gern einen Professor als Mieter hätten, kommentiert der Autor diese Erfahrungen ganz trocken mit: „Professor schlägt Türken“.

Fazit: Auf der einen Seite fand ich das Buch immer unbefriedigender, da wesentliche Faktoren im Dunkeln bleiben. Oft kam mir das Innenleben der Personen zu kurz und auch, wenn man die Familie nicht über Gebühr mit in die Öffentlichkeit eines Buches zerren will, letztendlich gehören Eltern und Geschwister ebenfalls zu der Frage, wie ein Gastarbeiterkind zum Professor werden kann. Da war mir der – berechtigte – Hinweis auf die beeindruckende Lebensleistung der Mutter, die als Analphabetin 33 Jahre in einer deutschen Firma gearbeitet und sechs Kinder (vier davon Akademiker) großgezogen hat, zu wenig.

Über weite Strecken habe ich das Werk auch als die Schilderung einer verwunderten Selbstvergewisserung gelesen, wohin man aus eigener Kraft gekommen ist und dass man nun sogar einen eigenen Eintrag in Wikipedia hat.

Und dennoch habe ich es gern gelesen, es macht Lust auf weitere Literatur aus dem thematischen Bereich der Gastarbeiter. Die Stärke des Buches sind die vielen kurzen Szenen, die einem auch nach dem Lesen noch nachgehen. Wo Toprak, als er einen Vortrag halten soll, für den Techniker gehalten wird, der sich doch bitte beeilen möge, den Beamer zum Laufen zu bringen, denn schließlich müsse der Professor jeden Moment erscheinen.

Die Erfahrungen, die die Gastarbeiter und ihre Kinder gemacht haben und noch täglich machen, ihre Geschichten, ihre Erinnerungen, mal peinlich, mal witzig, mal berührend, mal – für Deutschland – beschämend, sind ganz offensichtlich ein großer Schatz. Falls da jemand gute Erzählungen, Romane oder Biografien kennt, lasst einen Kommentar da.

 

Blogbummel Oktober 2019

Mit toller Straßenkunst, gefunden auf Bardtke.net geht es los.

Deutschsprachige Blogs

Leselebenszeichen setzt mir Leben Schreiben Atmen von Dorris Dörrie auf die Wunschliste.

Frau Lehmann liest Wo wir waren von Norbert Zähringer und Das Genie von Klaus Cäsar Zehrer.

Den Roman Quichotte von Salman Rushdie hat Buchweiser besprochen.

Der Bücheratlas empfahl Diese Wahrheiten – Geschichte der Vereinigten Staaten von Amerika von Jill Lepore.

Litblogkoeb war überrascht von Kein Teil der Welt von Stefanie de Velasco.

Binge Reader’s Beitrag zu Washington Black von Esi Edugyan habe ich noch nicht gelesen, da das Buch hier noch darauf wartet, gelesen zu werden, aber danach freue ich mich darauf, meine Eindrücke mit denen Sabines zu vergleichen.

Peter liest…, diesmal Blackbird von Matthias Brandt.

Um Lyrik von Knut Ødegård geht es auf Lobe den Tag.

Passend dazu „10 of the Best Poems about Books and Reading“ auf Interesting Literature.

Auf intellectures gab es eine sehr interessante Empfehlung zu Dort Dort von Tommy Orange.

Buch & Wort las Was weiße Menschen nicht über Rassismus hören wollen aber wissen sollten von Alice Hasters; klingt lohnenswert, auch wenn ich den Titel in seiner gewollt provokanten Pauschalisierung etwas platt finde.

In der Crime Alley wurde nicht nur der Goldfasan von Jan Zweyer gelesen, sondern auch Michail Bulgakows DerMeister und Margarita.

Bei umgebucht ging es um Licht in der Nacht der Seele von Martin Duda.

the lost art of keeping secrets macht Lust auf Der Verräter von Paul Beatty.

Vater Mutter Kim von Eivind Hofstad Evjemo konnte LiteraturReich überzeugen.

Englischsprachige Blogs

Auch Heavenali ist wieder dabei, diesmal mit ihrer Empfehlung zu Elisabeth Taylors Soul of Kindness (1964).

Missmesmerized hat ein Buch von James Aylott an Bord, das mich aufgrund des Covers die Flucht ergreifen ließe, aber es klingt trotzdem nett.

Dead Yesterday hat noch ein altes Krimi-Schätzchen von 1950 anbei.

Bitter Tea and Mystery hat ebenfalls einen Krimitipp von S. J. Rozan.

Zum Reisen, Staunen und Stöbern

East of Elveden hat eine tolle Schwarzweißserie für uns.

Und Jarg bereichert wieder das Reiseregal, diesmal mit Die allerseltsamten Orte der Welt von Alastair Bonnett.

Manche Reisende sind definitiv abenteuerlustiger oder leidensfähiger als ich: Philipp Laage wanderte in Uganda.

Angenehmer klingt da Mit den Schäfern auf Transhumanz durch Navarra auf Reisefeder.

Und Von Orten und Menschen nimmt uns mit zum Eben noch Sommer.

Sätze & Schätze hat ebenfalls einen Autorentipp für unser Reiseregal, nämlich Mathias Vatterodt.

Michael’s Beers & Beans hatte eine Begegnung mit einem Steinbock.

Eine kräftige Einstimmung auf den Winter mit unglaublichen Bildern von Frozen Bubbles bietet Paul Zizka.

Und die schönsten Reisefotos gab es diesmal auf Safe Travels und hier.

transitnuremberg verdanke ich den Hinweis auf das Gedicht Am Ende des Regenbogens von Richard Moore Rive.

Und der Abschied fällt ganz seehundmäßig aus, gefunden auf dem MEERblick.blog.

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Fundstück von Francis Spufford

For what soul, to whom the world is still relatively new, does not feel the sensible excitement, the faster breath and expansion of hope, where every alley may yet contain an adventure, every door be back‘d by danger, or by pleasure, or by bliss.

aus: Francis Spufford: Golden Hill, Faber & Faber 2016, S. 19

Denn nur wem die Welt schon zu vertraut geworden ist, der verspürt nicht mehr den schnellen Atem und die steigende Erwartung dort, wo in jeder Gasse noch ein Abenteuer lauern kann und hinter jeder Tür Gefahr, Lust oder Glückseligkeit.

aus: Francis Spufford: Neu York, Rowohlt Verlag 2017, S. 30 (aus dem Englischen von Jan Schönherr)


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Merethe Lindstrøm: Days in the History of Silence (2011)

Angesichts der Tatsache, dass dieser Roman der Norwegerin Merethe Lindstrøm nun endlich auch auf Deutsch gelesen werden kann, mal wieder ein Beitrag aus den Tiefen des Blogarchivs. Das Buch beginnt mit den Sätzen:

I was the one who let him in. Later I called him the intruder, but he did not break in. He rang the doorbell as anyone at all might have done, and I opened the door. It unsettles me still when I think about it. Really that could be what bothers me most. He rang the doorbell, and I opened the door. So mundane.

Das Werk aus dem Jahr 2011 erschien 2013 zunächst auf Englisch und seit einem Monat liegt der Roman auch in einer deutschen Übersetzung von Elke Ranzinger unter dem Titel Tage in der Geschichte der Stille vor.

Zum Inhalt

Auf den ersten Blick passiert hier nicht viel. Eva, eine pensionierte Lehrerin, lebt mit ihrem ebenfalls pensionierten Ehemann, einem Arzt, in guter Wohngegend. Man hat drei Töchter und sogar schon Enkel. Der Alltag könnte also gemächlich und kultiviert vonstattengehen. Doch feine Risse tun sich auf.

Der Moment zu Beginn der Geschichte, als ein junger Mann an der Tür klingelt und Eva ihn ins Haus lässt, ist der Zeitpunkt, an dem Eva merkt, dass ihre Wirklichkeit ins Wanken gerät.

The episode that has a hard and inevitable quality when I reflect on it. It is as though it is scored into or through something. A gash, like a tear in thick canvas, in the perfectly normal day, and through that hole something has emerged that should not surface, not become visible. (S. 8)

Der Roman ist ein langer Monolog der Frau, die – ungeübt, tastend, widerwillig – versucht, sich Rechenschaft zu geben über das, was in ihrem Leben, ihrer Ehe missglückt ist, wo sie einzeln und zusammen mit ihrem Mann Simon schuldig geworden ist.

Evas Gedanken kreisen um zwei Geschehnisse, an die sie sich allmählich anzunähern versucht. Wird ihr das Thema zu bedrängend, lässt sie davon ab, um es später wieder aufzugreifen. Zum einen fällt immer wieder der Name ihrer ehemaligen Haushaltshilfe, Marija, einer Frau aus Litauen, mit der sich das Ehepaar regelrecht angefreundet hatte. Marijas Lebensfreude tat ihnen gut. Man unternahm Ausflüge und hatte Spaß zusammen. Doch dann ist etwas vorgefallen, was die Kündigung Marijas zur Folge hat. Den Grund dafür verschweigen Simon und seine Frau sogar vor ihren Töchtern.

Der andere Erinnerungsstrang handelt davon, dass Simon sich immer mehr ins Schweigen zurückzieht.

Some days I almost forget his silence. Then it feels only like a momentary stillness, and that we are going to talk together soon. He is going to say something, and I am going to answer. How I miss it. I want to tell him to stop doing this to me. It feels as though it is something he has made up his mind to do, something he has chosen of his own free will. That he has shut me out, all of us out. (S. 127)

Zwar hatte er  vor Jahrzehnten schon einmal Depressionen, doch diesmal wird aus seinem Verstummen kein Weg mehr herausführen. Alt, dement und von Traumata gezeichnet bleibt nur noch das Schweigen. Er hat als Junge den Holocaust zusammen mit seiner Familie in einem Versteck überlebt. Allerdings wissen seine eigenen Töchter nichts von der Kindheit ihres Vaters. Eva hat alle seine Ansätze, darüber zu sprechen, im Keim erstickt.

He was talking about it again as we drove. I thought there was something tactless about it, as though he were being indiscreet, coarse, as though he were relating something inappropriate. It was not suitable. […] I shushed him. Don’t drag all that darkness in here, I said. (S. 36)

Sein nun einsetzendes Schweigen macht auch Eva unendlich einsam. Wer hört ihr nun noch zu?

I need to tell this to someone, how it feels, how it is so difficult to live with someone who has suddenly become silent. It is not simply the feeling that he is no longer there. It is the feeling that you are not either.

Aber auch Eva, die manchmal – vielleicht aus Hilflosigkeit – seltsam gefühlskalt wirkt, muss sich eingestehen, dass sie über Dinge geschwiegen hat, die deswegen nicht weniger real sind, ja, je älter sie wird, umso bedrängender werden. Doch was tun, wenn man jahrzehntelang an den falschen Stellen geschwiegen hat und letztlich nichts mehr verändert und geändert werden kann?

Again that thought pops up, that underneath everything, the house, the children, all the years of movement and unrest, there has been, this silence. That it has simply risen to the surface, pushed up by external changes. Like a splinter of stone is forced up by the innards of the earth, by disturbances in the soil, and gradually comes to light in the spring. (S. 139)

Dabei ist Evas und Simons Ehe keineswegs kaputt, sie hatten sich lieb und wussten um die Geheimnisse, die der andre mit sich herumtrug, und sie kannten die Abgründe des anderen. Die Autorin sagt selbst in einem Interview, dass es ihr u. a. darum gegangen sei, wie und ob es überhaupt möglich sei, in alltäglichen Gesprächen über erlebte Traumata zu sprechen.

Nun bleibt tatsächlich nur noch der Leser, dem Eva ihre Geschichte erzählen kann, da der geliebte Mensch nicht mehr mit ihr sprechen kann.

I think I have never been close to anyone in that way, been so happy with anyone as I was with him. That it was so intense. And when I waken, my life, or that part of it, my youth, is like a dream I dreamed just a few minutes before I woke. It was over so fast. (S. 63)

Mehr zum Inhalt zu verraten, wäre schade, denn wie die Autorin hier Handlung, Sprache, Erinnerung, Schweigen, Schuld und Schuldigwerden auf den unterschiedlichsten Ebenen, den Holocaust und lebenslange Traumatisierung, aber auch Einsamkeit und unsere alltäglichen Versäumnisse miteinander verbindet, ist große Literatur.  Ein leises, aber sehr berührendes Buch, spannender als jeder Psycho-Thriller.

Zur Autorin

Die norwegische Schriftstellerin Merethe Lindstrøm wurde 1963 geboren und für Days in the History of Silence bekam sie 2012 den hochdotierten Literaturpreis des Nordischen Rates verliehen.

Auch LiteraturReich hat den Roman besprochen.

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William Melvin Kelley: A Different Drummer (1962)

Neu aufgelegt, von der internationalen Kritik begeistert besprochen, und nun erschien die deutsche Übersetzung des ca. 200-seitigen Debütromans des afroamerikanischen Autors William Melvin Kelley (1937-2017) von Dirk Gunsteren unter dem Titel Ein anderer Takt im Hoffmann und Campe Verlag.

Die Wiederentdeckung dieses Werks, ursprünglich erschienen auf dem Höhepunkt der Bürgerrechtsbewegung in Amerika, als der Autor gerade einmal 24 Jahre alt war, ist längst überfällig. Nicht nur, weil Rassismus in Amerika und Europa in einigen Kreisen wieder salonfähig ist, sondern weil es ein großartiges Buch ist.

Doch zunächst einmal kurz zur Geschichte, die in einem fiktiven Staat irgendwo westlich von Alabama spielt.

Im Juni 1957 lässt sich der junge Schwarze Tucker Caliban, der erst kürzlich ein Stück Land der ehemaligen Sklavenplantage der Willsons gekauft hat, eine Ladung Salz kommen, bestreut damit sein Feld, tötet Kuh und Pferd, setzt sein Haus in Brand und verlässt ohne weitere Erklärung zusammen mit Frau und Kind den Ort, an dem er und seine Vorfahren seit Generationen gelebt und geschuftet haben, zunächst als Sklaven, später als Feldarbeiter und Hausmädchen.

Sie machen sich auf Richtung Norden und lösen damit einen Massenexodus aus. In den nächsten Tagen werden nämlich alle Schwarzen ruhig und schweigend mit ihrer spärlichen Habe diesen Bundesstaat verlassen und versuchen, sich im Norden ein neues Leben aufzubauen.

Und der Leser wird Augen- und Ohrenzeuge der Geschichte, in der es nicht nur darum geht, wie die ersten Sklaven nach Sutton kamen, sondern auch wie die Weißen nun mit dem für sie ungeheuerlichen Vorgang umgehen, dass die Schwarzen ihnen und der widersinnigen Rassentrennung wortlos den Rücken kehren, nicht mehr im Ort einkaufen werden  und sie einfach mit der schmutzigen Arbeit sitzen lassen.

Nun erinnern sich Erzählerstimme und verschiedene weiße Protagonisten an möglicherweise bedeutsame Details aus Vergangenheit und Gegenwart, die vielleicht dabei helfen können, das Unbegreifliche zu verstehen. Dabei kommen die Menschen zu unterschiedlichen Ergebnissen, was sich in ihrem Auftreten und Handeln niederschlägt. Und immer wieder kehren wir im Verlauf der Geschichte zur Veranda des Lebensmittelgeschäftes zurück, dort treffen sich die Männer des Ortes, um die neuesten Entwicklungen zu bereden.

Es wäre schade, mehr zum Inhalt zu verraten. Viel zu interessant ist es, wie der Autor es schafft, die verschiedenen Stimmen zum Leben zu erwecken. Die Schwarzen selbst kommen nur indirekt zu Wort, doch dass der Auszug gerechtfertigt ist, kann am Ende von niemandem mehr bezweifelt werden.

Der Stil ist oft poetisch, anschaulich und die Gespräche scheinen den Menschen abgelauscht zu sein, die Bilder wuchtig, ohne dass sie aufdringlich wären, wie z. B. bei der Beschreibung der Standuhr, die der erste Plantagenbesitzer extra aus England kommen lässt und die mit aller Sorgfalt eingepackt und vor Stößen und Kratzern auf der langen Schiffspassage geschützt wurde, während die Sklaven auf demselben Schiff unter unbeschreiblichen Zuständen zusammengepfercht wurden.

Dann gibt es auch geradezu sanfte Passagen, in denen fast so etwas wie spöttische Nachsicht mit den Weißen aufscheint, die trotz bester Vorsätze eben auch geprägt sind von der allgegenwärtigen Rassentrennung im Süden der USA. So schreibt David Willson nach seinem Umzug nach Massachusetts:

Just after I got there and found a seat, a negro came in and sat next to me. That’s something I will have to go into at length one of these nights: the absence of segregation. At first, I was disturbed by it, not that I mind its absence so much as when you sit somewhere you usually do not take too much notice of who sits next to you. If you are sitting on a trolley and someone sits next to you, usually you glance at him, then ignore him, that is, if he does not sit on your coattail. But when a negro sits next to me I find myself distracted from what I was reading, or from looking out of the window because I am not used to being that close to a negro in public. And so when this negro sat next to me, I noticed, and continued to notice it. (S. 155)

Das Buch enthält Szenen, die sich unwillkürlich einprägen, und man wünscht sich so dringend, dass die Welt inzwischen eine andere wäre, dass man den Roman als eine (gelungene) Auseinandersetzung mit dem rassistischen Amerika der Vergangenheit lesen könnte, doch nein, er ist aktuell wie eh und je, zeigt er doch die Mechanismen und Facetten menschlichen Verhaltens auf und macht deutlich: Jeder hat eine Wahl. Jeder trifft die Wahl. Täglich. Im Kleinen. Im Großen.

Lesenwert.

Like I said, nobody’s claiming this story is all truth. It must-a started out that way, but somebody along the way or a whole parcel of somebodies must-a figured they could improve on the truth. And they did.  It’s a damn sight better story for being half lies. Can’t a story be good without some lies. (S. 9)

Der Titel bezieht sich übrigens auf ein Zitat von Henry David Thoreau, das aus Walden stammt:

Why should we be in such desperate haste to succeed and in such desperate enterprises? If a man does not keep pace with his companions, perhaps it is because he hears a different drummer. Let him step to the music which he hears, however measured or far away.

Auch Birgit hat auf Sätze & Schätze den Roman besprochen.

Weitere Rezensionen:

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Fundstücke von Erwin Strittmatter

Die Tage gehen, einer geht hinter dem anderen her, und wir sehen sie nicht wieder. (S. 37)

Der Mensch hat die Wahl, in der Wirklichkeit oder in der Einbildung zu leben. Am liebsten lebt er in der Einbildung. (S. 269)

Von vorn erkennt man schwer, daß das Schlechte, was auf einen zukommt, ein Gutes im Gefolge  hat. (S. 332)

Bis auf den heutigen Tag frage ich mich, ob es gut ist, die Zeit, in der man lebt, mit Erinnerungen an gewesene Zeiten zu vertun. Sollte man nicht lieber die Gegenwart, so beschössen sie sich zuweilen auch darzustellen beliebt, mit Hilfe von Phantasie und Poesie an die Stelle rücken, an der sie schon jetzt der Glanz des Vergangenen trifft? (S. 424)

Aus: Erwin Strittmatter: Der Laden – Erster Teil (1983), zitiert nach der Ausgabe des Aufbau Verlages 2004

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David Park: Travelling in a Strange Land (2018)

Dieses Buch des nordirischen Autors (*1953) hat nur einen Nachteil, nämlich dass ich jetzt auch alles andere von ihm lesen möchte. Idealerweise sollte man es im Winter lesen. Ein Vater macht sich nach heftigen Schneefällen und dementsprechend unangenehmen Straßenverhältnissen auf, um seinen kranken Sohn mit dem Auto aus Sunderland in England zu holen, wo der Junge studiert, sodass die Familie zusammen Weihnachten feiern kann. Aufgrund des Wetters sind bereits alle Flüge gestrichen.

Während der langen Fahrt von Belfast nach Sunderland trifft Tom natürlich auch auf andere Menschen und hilft einer verunglückten Autofahrerin, obwohl ihn das wertvolle Zeit kostet. Zudem erinnert sich Tom, ein Fotograf, an die Vergangenheit, an Szenen aus seinem Familienleben und immer deutlicher wird, dass es noch einen zweiten Sohn gibt, zu dem es nur noch eine gedankliche Verbindung zu geben scheint.

Bewundernswert, wie Park es schafft, diesen eher billigen Effekt zum Spannungsaufbau – wir wollen wissen, was damals passiert ist – in den Hintergrund treten zu lassen. Nur allmählich kann Tom sich der Katastrophe, auch sprachlich, annähern. Dieser durchschnittliche Vater, der immer nur das Beste für seine drei Kinder wollte, wächst uns mit seiner Frau Lorna ans Herz und am Ende verstehen wir, warum er und Lorna so überfürsorglich darauf bedacht sind, dass ihr Sohn auf keinem Fall Weihnachten allein in seiner Studentenbude verbringen soll.

Travelling in a Strange Land – der Titel passt, der Vater macht sich auf den langen Weg zum Sohn, er reist in die Vergangenheit und hat dabei seinen ganz eigenen Blick. So werden wir an einer Stelle an das Foto von Denis Thorpe Mr Lowry’s Hat and Coat erinnert.

… taken  the day after the painter’s death – shows two coats and hats hanging on pegs in a shadowed hallway, vaguely flowered wallpaper, a dado rail. On one of the coats the lining is facing outward and catching something of the light. The photograph’s about absence, an opened space and a stillness flowing into it, homing in on the relics of someone who once was but is no more.

Sometimes when I go into my children’s rooms I have a strong sense of how closely our lives and the places we live in bear each other’s print. So it’s as if their breathing is still present even in the empty room and all their memories and dreams are somehow seamlessly fused with the folds of a fabric or the grain of a surface. (S. 54)

Außerdem geht es um das schwierige Gelände zwischen Eltern und Kindern und die unüberwindbare Sprachlosigkeit, die oft zwischen den Generationen herrscht. Gleichzeitig ist nicht nur die Trauer, sondern auch das Erwachsenwerden eine Reise durch unbekanntes Gebiet, die nicht jeder meistert. Ein leises, sehr feines Buch. Kein Happy End, aber am Ende so etwas wie eine vorsichtige Hoffnung.

Hier noch ein Interview mit dem Autor, der Jahrzehnte als Lehrer gearbeitet hat, über sein Buch in der Irish News und hier ein älterer Artikel zu Park aus dem Guardian von 2012.

Blogbummel August/September 2019

Zum Einstieg geht es gleich ins Labyrinth, und zwar bei Michael’s Beers & Beans. Dort gab es auch Wanderempfehlungen in und um Arosa.

Deutschsprachige Blogs

In der Serie Women in Science auf Binge Reading & More gibt es diesmal einen Beitrag von Birgit von Sätze & Schätze. Vorgestellt wird Maria Sibylla Merian.

Dazu passend der Beitrag auf Ingos England-Blog über Soapbox Science.

Der Leseschatz empfiehlt u. a. Noch alle Zeit von Alexander Häusser.

Frau Lehmann liest, diesmal Die Rückkehr von Ernst Lothar.

Auf dem Grauen Sofa wurde Das Tor zur Glückseligkeit von Michael Asderis gelesen.

LiteraturReich stellt Norwegen Spezial 2 vor.

Auf Zeilensprünge geht es um Mendel Kabakov und das Jahr des Affen von Steven Bloom.

Linus kann Saturns Schatten von Andrew Salomon empfehlen.

Den japanischen Krimi Der Sonnenschirm des Terroristen von Iori Fujiwara hat das Dunkle Schaf gelesen.

Als niveauvolle Unterhaltung bezeichnet Günter Keil Ein anständiger Mensch von Jan Christophersen.

Buch-Haltung setzte mir Aus der Dunkelheit strahlendes Licht von Petina Gappah auf die Wunschliste. Siehe dazu auch den Hinweis auf eine weitere Besprechung in dem Kommentar von Bernd.

Zeichen & Zeiten las Vergesst unsere Namen nicht von Simon Stranger.

Die lesende Käthe vergleicht Reading Lolita in Teheran mit Talking about Jane Austen in Bagdad.

Auf TraLaLit widmet sich der Kaffeehaussitzer einem seiner Lieblingszitate und vergleicht dazu verschiedene Übersetzungen.

Ein ziemliches Schwergewicht wäre dann noch Der Idiot von Dostojewskij, vorgestellt vom Buchuhu.

Missmesmerized war nicht nur angetan von Flammenwand von Marlene Streeruwitz, sondern auch von Jetzt noch nicht, aber irgendwann schon von Martin Simons.

Und noch eine Blogentdeckung: BookGazette.

Englischsprachige Blogs

Für die Momente, in denen es etwas Leichtes, Fluffiges sein soll, empfiehlt Heavenali einen Roman von Margery Sharp von 1960.

Ganz schlecht für mich: weitere Hinweis auf alte Krimiserien, z. B. von E. C. R. Lorac, gefunden auf Whatmeread, oder die von Alice Tilton, gefunden auf Crossexaminingcrime.

Der Betreiber von Eiger, Mönch & Jungfrau hat im Juli und August ganz offensichtlich mehr gelesen als ich.

Auf JacquiWine’s Journal  wird Love and Summer von William Trevor besprochen.

Tales from the Reading Room bat um Buchtipps zu „the period 1936-1960 in UK history“ und alle haben geantwortet. Also, da kann man sich dann fröhlich und garantiert erfolgreich durch eine lange Liste an Empfehlungen scrollen.

Und hier noch einen Blogtipp, dessen Name Programm ist: Literary Ladies Guide.

Zum Reisen, Staunen und Stöbern

Wandernd folgte E.T. A. Hoffmanns Spuren in Bamberg.

Im Guardian gibt es eine Fotostrecke (street art photography) von Alan Burles.

In den Reisedepeschen geht es diesmal nach Georgien.

Einen interessanten Buchtipp gibt es auf Jargs Blog, und zwar Die Grenze von Erika Fatland.

 Asian Review of Books hat einen weiteren Tipp für unsere Reiseliteraturecke, allerdings auf Englisch. Es geht um Wanderlust: The Amazing Ida Pfeiffer von John van Wyhe.

Ingos England-Blog verdanke ich den Hinweis auf den Künstler Sean Henry, hier ein kurzes Video der BBC zu einem seiner Kunstwerke in North Yorkshire.

Und Von Orten und Menschen nimmt uns mit ans Meer, während Mannigfaltiges da noch einen Tipp für alle Knipser und Knipserinnen unter uns hat.

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Vita Sackville-West: No Signposts in the Sea (1961)

Das schmale Werk von knapp 150 Seiten war der letzte Roman der erfolgreichen Dichterin und Schriftstellerin Victoria Mary Sackville-West (1892-1962). 1913 heiratete sie Harold Nicolson, die beiden lebten eine offene Ehe und gestalteten einen der berühmtesten Gärten in Großbritannien, Sissinghurst Castle Garden.

Der Inhalt von No Signposts in the Sea ist rasch umrissen. Edmund Carr, ein ca. 50-jähriger erfolgreicher Journalist aus einfachen Verhältnissen, erfährt, dass er nur noch wenige Monate zu leben hat. Kurzerhand beschließt er, eine Kreuzfahrt anzutreten, da er weiß, dass die von ihm verehrte Laura Drysdale, eine wohlhabende Witwe, ebenfalls an Bord sein wird.

It is amusing to observe a batch of new passengers coming on board. From the superiority of the upper deck one gazes down upon the quay-side swarming with native porters and Europeans, distinguishable from the idle crowd of sight-seers who have come to stare at the ship for want of anything better to do. What a medley of noise and colour! Then comes the rush as the gangway is lowered; everyone wants to be first, though there is no conceivable reason for hurry; women hesitate and struggle back, convinced that they have lost their luggage; men enter into argument with the officers in their cool white ducks. The emigrants lugging their poor bundles are directed to a secondary gangway near the stern; they turn this way and that, like panic-stricken cattle. A tall black-bearded man in a red turban clutches a small girl swathed in blue muslin. A Buddhist priest with shaven head and saffron robe falls flat as he stumbles over a rope. A lost child sets up a howl. Is it possible that all this pullulating humanity will ever be sorted out?

It seems like a microcosm of everything that is happening all over the world. (S. 22)

Edmund hat beschlossen, Laura nichts von seiner Erkrankung zu erzählen. Er will kein Mitleid. Doch auch seine Liebe will er ihr verheimlichen. Zum einen ist da seine Unsicherheit, es ist das erste Mal, dass er sich ernsthaft verliebt hat, zum anderen rechnet er sich bei dieser attraktiven Frau keinerlei Chancen aus, zudem will er Laura keinen Kummer bereiten.

Zunächst ist Edmund einfach dankbar, noch diese Zeit mit der geliebten Frau verbringen zu können.

Sometimes I come upon her traces, a cigarette case, a scarf left trailing  upon a chair. For the competent woman I divine her to be, she is curiously  careless of her possessions, but then none so lovable as those who are not all of a piece. These little surprises of inconsistency are endearing enough to mere affection; how much more so when one is in love! The Colonel and I spend quite a lot of time retrieving her belongings. (S. 62)

Doch sein Vorsatz, weder Liebe noch Krankheit zu erwähnen, fallen ihm zunehmend schwerer, da sich die beiden gut verstehen, schöne Momente miteinander teilen und die Gespräche persönlicher werden. Dazu kommt, dass Edmund in dem attraktiven Colonel Dalrymple einen Rivalen wittert, und diese Eifersucht, die er selbst schäbig findet, macht ihm schwer zu schaffen.

… I want my fill of beauty before I go. Geographically I do not care and scarcely know where I am. There are no signposts in the sea. (S. 28)

Der Leser erfährt dies alles aus Edmunds Tagebuch, das Laura ihm geschenkt hat. Dort finden sich auch durchaus spöttische Töne, wenn Edmund sich beispielsweise über den unerfreulichen Anblick mittelalter und unzureichend bekleideter sonnenbadender Mitreisender auslässt.

Ich muss sagen, dass ich diesen ruhigen Roman, dessen Anleihen bei der Biografie der Autorin im Vorwort von Victoria Glendinning erläutert werden, sehr gern gelesen habe. Das geradezu Traumwandlerische, zumindest scheinbar von allen Alltagsdingen losgelöste Leben auf einem Schiff ist wunderbar eingefangen. Und wie sich Edmund jegliches Selbstmitleid verbietet, versucht, mit Würde und seinen Prinzipien gemäß diese Zeit zu verbringen und doch dabei unbeholfen ist und sich seiner selbst und seiner Herkunft im Grunde immer noch schämt, das gefiel mir sehr.

So kauft er während eines Landgangs auf einem der Märkte einen Schal für Laura, doch als eine Mitpassagierin ihm zu verstehen gibt, dass dieser höchstens für eine Haushaltshilfe tauge, aber für eine Dame wie Laura nicht in Frage komme, wirft er ihn heimlich ins Meer.

Der Snobismus und die Herablassung der reichen weißen „Oberschicht“ spielen auch an anderen Stellen eine Rolle. Was allerdings arg unecht klang und  völlig zusammenhanglos im Raum stand, war, dass der armen Laura sogar eine Vergangenheit als Widerstandskämpferin im Zweiten Weltkrieg angedichtet wurde.

Es passiert überhaupt nichts Unerwartetes in dieser Geschichte, was ich hier nicht negativ meine. Dennoch wirkt sie nach, schon allein durch die ehrliche, wenn auch teilweise verblendete Selbstbefragung Edmunds, und durch den Gegensatz zwischen der reichen inneren Welt eines einzelnen Menschen und der Gleichgültigkeit und Oberflächlichkeit, mit der man eben doch an den meisten Menschen vorbeiläuft. Und im Hintergrund immer das Wissen um die zeitliche Begrenztheit des Lebens.

‚Don’t you envy the early explorers who never knew what might be round the next corner? Fancy coming suddenly on the Grand Canyon when you had no idea of its existence.‘ (S. 45)

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Benjamin Zephaniah: The Life and Rhymes of Benjamin Zephaniah (2018)

Der Guardian hat ihn einmal einen der größten britischen Dichter der letzten Jahre genannt, die Times nahm ihn 2008 in die Liste der 50 wichtigsten Schriftsteller Großbritanniens nach dem Zweiten Weltkrieg auf.

Die Rede ist von dem Rastafari und Kämpfer gegen Rassismus und Unterdrückung: Benjamin Zephaniah, der sich selbst als Dichter für die Leute bezeichnet, die keine Dichter lesen, und der ziemlich säuerlich reagierte, als man ihm noch unter Tony Blair den Order of the British Empire verleihen wollte. (Die Begründung seiner Ablehung kann man hier nachlesen.)

2018 erschien nun seine Autobiografie und die ist so richtig klasse. Wunderte ich mich zunächst, dass der Autor das Buch sich selbst gewidmet hat, so erscheint das nach der Lektüre als absolut passend und mehr als gerechtfertigt.

Dedicated to me.
And why not?
There was a time when I thought
I wouldn’t live to see thirty.
I doubled that, and now I’m sixty.
Well done, Rastaman, you’re a survivor.
A black survivor.

Das Ganze geht schon damit los, dass Zephaniah im ersten Satz erklärt, dass er Autobiografien hasse,

They’re so fake. The ones I hate the most are those written by individuals who have spent their lives deceiving people and then, when they see their careers (or their lives) coming to an and, they decide it’s time to be honest. […] And don’t get me started on the people who write autobiographies a couple of years after they’re born: the eighteen-year-old pop star who feels life has been such a struggle that it can only help others if he lets the world know how he made it.

Da hängt einer die Meßlatte hoch, ehrlich soll’s werden und man soll was zu sagen haben; Zephaniah löst das alles ein, in einem ans Mündliche angelehnten Stil, humorvoll, bissig, böse, abgrundtief traurig, aufregend. Und man lernt mehr über Großbritannien und seinen oft so zynischen Umgang mit Einwanderen, als einem für die eigene Gemütsruhe manchmal lieb ist.

Vorausschicken möchte ich, dass diese Autobiografie so gar nichts mit den sogenannten Misery Memoirs zu tun hat, obwohl diese Gefahr gerade bei den Kindheitserinnerungen naheliegend gewesen wäre. Aber hier schreibt einer mit so viel Menschenfreundlichkeit und einer energischen Lebensfreude, die im wahrsten Sinne des Wortes kaum totzukriegen ist.

Seine Mutter kommt aus Jamaika und arbeitet als Krankenschwester, sein Vater stammt aus Barbados. Zephaniah wird, wie auch seine Geschwister, in Birmingham geboren. Schon als Kind wird er aufgrund seiner Hautfarbe ausgegrenzt, mit Backsteinen angegriffen, selbst die Schule ist kein sicherer Raum. Die Mutter kann nicht helfen und will die Anfeindungen nicht wahrhaben, es gibt die ersten Erfahrungen mit rassistischen Nachbarn, später die Straßenschlachten mit Anhängern der tiefbraunen National Front.

Dazu kommen familiäre Gewalterfahrungen: Der Vater prügelt Mutter und alle sieben Kinder, bis Mutter und Benjamin flüchten. Das Frauenhaus verweigert ihre Aufnahme, da eine verprügelte jamaikanische Frau nicht so gut zu britischen verprügelten Frauen passe.

Als die beiden schließlich im Haushalt des geschiedenen Pastors Burris ein neues Zuhause finden, gibt es zum ersten Mal so etwas wie eine Vaterfigur für Benjamin, doch auch dort ist das Geld und der Platz für so viele Menschen begrenzt.

We slept three or four to a bed: two up and two down, or two up and one down if you were lucky. Different kids had different kinds of smelly feet, so there were always tough negotiations over who would sleep where. (S. 66)

Er fliegt aus mehreren Schulen, seine Legasthenie wird nicht erkannt, schließlich landet er in einer der berüchtigten Borstals (Erziehungsanstalten), dann im Knast. Eine Karriere als Krimineller oder als Opfer einer Straßenschlacht oder in einer Gefängniszelle scheint vorgrammiert. Doch neben all dem Elend gibt es noch (mündliche) Gedichte, Musik, Sound Systems, noch mehr Musik und Freunde.

Wie nun aus dem Kind aus kaputtem Elternhaus, dem Schulabrecher, der kaum lesen und schreiben kann, dem geschickten Dieb und Hehler im Laufe der Jahre ein gefeierter Dichter, Autor, begeisterter Leser, Besitzer eines netten Anwesens auf dem Lande und weitgereister Aktivist gegen Rassismus, Polizeiwillkür und Unterdrückung wird, dem mehrere Ehrendoktorwürden zuteil werden, erzählt Benjamin Zephaniah auf über 300 Seiten so mitreißend, vollgepackt mit Geschichten, spannend und energiegeladen, dass ich nur staune und bewundere.

Markiert habe ich mir über 60 Stellen, müsst ihr also alle selbst lesen.

Dass sich Zephaniah in seiner humanen Einstellung selbst von den jetzt wieder aus ihren Löchern kommenden Rassisten nicht irremachen lässt – seit den Brexit-Kampagnen sieht auch er sich wieder verstärkt rassistischen Pöbeleien und widerlicher Post im Briefkasten ausgesetzt – zeugt von großer Stärke. Seine Hoffnung, dass er sich aufgrund gesellschaftlicher Verbesserungen langsam als Rastafari-Komiker zur Ruhe setzen könne, habe sich allerdings in Luft aufgelöst. Er müsse wohl noch eine Weile der zornige schwarze Dichter bleiben.

Ein Vorbild also, auch den Ausgegrenzten, den Gewalterfahrenen, den Jugendlichen, von denen die Gesellschaft nur Negatives erwartet, denen mit der „anderen“ Hautfarbe und dann wieder allen, die sich für eine gerechtere und menschenfreundlichere Welt einsetzen.

Well done, Rastaman. Wie wahr.

Hier schreibt Zephaniah über seine Legasthenie und miserablen Schulerfahrungen und hier geht’s zu seiner Homepage.

Bleibt nur die Frage, wann das Buch ins Deutsche übersetzt wird.

 

Marjorie Hillis: Live Alone and Like it (1936)

Das Buch ist ein großer Spaß und – wenn man das Jahr der Erstveröffentlichung anschaut – sehr moderner Ratgeber mit vielen Beispielen, der allen freiwillig oder unfreiwillig ledigen Frauen Mut machen soll, ihr Leben, ihr Erscheinungsbild, ihren Beruf, ihre Finanzen und kulturelle Entwicklung selbst in die Hand zu nehmen, anstatt zu hoffen, dass es ein anderer für sie tun wird.

Und auch wenn sich vieles seitdem verändert hat, ist Hillis freches und fröhliches Plädoyer gegen Selbstmitleid und ihr Aufruf zur Übernahme der Verantwortung für das eigene Leben an vielen Stellen zeitlos, oft auch klug und ein echtes Lesevergnügen.

It’s a good idea, first of all, to get over the notion (if you have it) that your particular situation is a little bit worse than anyone else’s.  This point of view has been experienced by every individual the world over at one time or another, except perhaps those who will experience it next year. (S. 13)

Die Autorin Marjorie Hillis (1889–1971) arbeitete über 20 Jahre für die VOGUE und schrieb mehrere erfolgreiche Ratgeber für Frauen und Live Alone and Like It war eines der erfolgreichsten Bücher der dreißiger Jahre.

2005 erschien die deutsche Übersetzung von Sabine Hübner unter dem Titel Live alone and like it: Benimmregeln für die vergnügte Singlefrau.

Fundstück von David Park

Über Teenager und ihre Handys…

He [his son] knows that requests to disengage from phones are always a prelude to something of possible significance and although we’ve banned them from our evening meal-table we don’t ask very often because I know it’s the teenage equivalent of leaving the mother ship and floating away untethered into the emptiness of space.

aus: David Park: Travelling in a Strange Land (2018), S. 86

Blogbummel Juli 2019

Heute mal ein ganz, ganz kurzer Blogbummel. Für alles andere war es ja auch viel zu warm. Los geht es mit einem Stockrosengewoge.

Lesen in vollen Zügen las Siebzehnter Sommer von Maureen Daly, ein Buch, das bereits 1942 erschien.

Bücherwurmloch stellt uns Ein mögliches Leben von Hannes Köhler vor.

Missmesmerized las Missouri von Gregor Hens.

Auf Wortgelüste wird der Roman Auf Erden sind wir kurz grandios von Ocean Vuong besprochen.

Peter liest…, z. B. eine Fontane-Biografie und Ein fliehendes Pferd von Martin Walser.

Um Hannah Arendt geht es bei Binge Reading.

Im Bücheratlas wird an Gottfried Keller und an seinen Roman Der Grüne Heinrich erinnert.

Richard Marcus beschäftigt sich auf Qantara mit Am Ende bleiben die Zedern von Pierre Jarawan.

Letteratura mochte Lügenleben von Sayed Kashua.

Da leider immer aktuell, hier der Beitrag zum Narrenschiff von Sebastian Brant, veröffentlicht auf transitnuremberg.

Und drei englischsprachige Titel sollen noch erwähnt werden:

Heavenali gefiel Beneath the Visiting Moon (1940) und Despised and Rejected (1918) von Rose Allatini.

Mad Puppetstown (1931) von Molly Keane wurde auf Beyond Eden Rock besprochen.IMG_0021.JPG

Richard Hull: The Murder of my Aunt (1934)

Edward Powell, ein empathieloses Ekel, beschließt, Tante Mildred umzubringen, mit der er auf dem Lande, irgendwo in Wales, lebt. Er hasst das Landleben zwar wie die Pest, doch solange er bei ihr wohnt, muss er zumindest nicht für seinen Lebensunterhalt arbeiten. Nach Tante Mildreds Tod winken Geld und Unabhängigkeit. So jedenfalls stellt er sich das vor. Doch das Unterfangen erweist sich als schwieriger als gedacht.

Das Besondere: Der Snob Edward ist gleichzeitig der Ich-Erzähler, der uns seine Version der Geschichte präsentiert. Den Leser schaudert’s, da für Edward alles so einfach ist, er als der Mittelpunkt der Welt, dem sich alles und alle anderen unterzuordnen haben. Am Ende fragt man sich tatsächlich, inwieweit eine völlig verquere Erziehung zu dieser Entwicklung beigetragen haben könnte.

Außerdem formuliert Hull hier so klasse auf den Punkt, dass der boshaft-spöttische Ton keineswegs nur der Unterhaltung dient; am Ende hatte ich den Eindruck, eine veritable und glaubwürdige Charakterstudie gelesen zu haben.

As I look back at what I have written in order to relieve my mind of what I feel of this awful place, I see I spoke of ’sodden woods‘. That was the right adjective. Never, never does it stop raining here, except in the winter when it snows. They say that is why we grow such wonderful trees here which provided the oaks from which Rodney’s and Nelson’s fleet were built. Well, no one makes ships out of wood nowadays, so that is no longer useful, and it seems to me that one tree is much like another. I’d rather see less rain, less trees and more men and women. ‚Oh, Solitude, where are the charms?‘ Exactly so. (S. 17)

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Krimilesen bildet: Colorstruck

Nachdem mich der erste Kriminalroman Blanche on the Lam (1992) von Barbara Neely um Blanche White, die schwarze Haushaltshilfe, so begeistert hat, hier ein paar nachgetragene Gedanken zu den Folgebänden.

Der zweite Band Blanche among the Talented Tenth krankte für mich zunächst daran, dass Neely viel zu lange braucht, bis sie anfängt, ihre Geschichte zu erzählen. Allerdings habe ich keinen Moment daran gedacht, das Buch zur Seite zu legen, dafür waren Setting und Hintergrund viel zu interessant, geht es doch um die „feinen Unterschiede“ innerhalb der Gäste einer noblen Ferienanlage für Schwarze, die sich nur die Wohlbetuchten und Erfolgreichen leisten können. Blanche kann sich den Aufenthalt auch nur deshalb leisten, weil sie zugesagt hat, sich einige Tage um die reichen Schulfreunde ihrer Pflegekinder zu kümmern.

So kann Blanche aus nächster Nähe die Fiesheiten und die rassistischen Verhaltensweisen innerhalb der black community beobachten. Glauben doch die hellhäutigeren Gäste sich abgrenzen zu müssen und wertvoller zu sein als die dunkelhäutigeren, ein quasi gegen sich selbst gerichtetes Erbe der Sklaverei, was mit dem Begriff „colorstruck“ beschrieben wird. Einige versuchen mit Make-up und entsprechender Haarbehandlung alles zu tun, um weißer auszusehen. Die Ursprünge dieser traurigen Unlogik gehen auf die Zeit der Sklaverei zurück und werden hier unter dem Abschnitt „United States, History“ näher erklärt.

Diese Unterschiede wirken sich nicht nur bis auf die Tischordnung aus, sondern auch auf die Frage, wer als angemessene Schwiegertochter für den eigenen Sohn gilt.

Ich vermute, dass der Begriff Color Struck selbst auf das Theaterstück Color Struck von Zora Neale Hurston zurückgeht, das erstmals 1926 veröffentlicht wurde.

Die Talented Tenth des Titels wiederum beziehen sich auf die Theorie einer Elite der schwarzen Amerikaner am Anfang des 20. Jahrhunderts, von denen man sich eine Vorreiterrolle bei der gesellschaftlichen Teilhabe aller Schwarzen erhoffte.

Der Begriff wurde von Philanthropen aus der WASP-Oberschicht der Nordstaaten geprägt. W. E. B. Du Bois, ein schwarzer Autor veröffentlichte 1903 einen Essay selben Namens. Dieser erschien im von Booker T. Washington herausgegebenen Sammelband The Negro Problem. (Wikipedia)

Man sieht, auch Krimilesen bildet, und irgendwann kam auch die Geschichte in Fahrt.

Im dritten Band Blanche cleans up hat Neely ihre Geschichte von Anfang an besser im Griff . Es geht u. a. um das Leben in einer Schwarzensiedlung, um Nachbarn, kriminelle Jugendliche, korrupte Politiker, Homosexualität und schmierige Geistliche. Und ich staune und bewundere, wie viele Bälle die Autorin wunderbar jongliert, ohne dass da einer zu Boden fällt.

Auf die Schilderung einer Selbstmordszene hätte ich verzichten können, ansonsten ist dieser schnoddrig-kluge Tonfall der Protagonistin wieder wunderbar. So heißt es über das Wohnzimmer ihrer momentanen Arbeitgeber:

The house was furnished in what Blanche called undeclared rich: gleaming wood chests and tables with the kind of detail that said handmade, sofas and chairs that looked like they’d grown up in the rooms, Oriental carpets older than her grandmama, and pictures so ugly they had to be expensive originals. (S. 4)

Ich bedauere jetzt schon, dass ich nun nur noch einen Band vor mir habe. Reizen andere Schriftsteller ihre Serienhelden manchmal bis zur Erschöpfung des Lesers – und darüber hinaus – aus, wäre ich hier sehr dafür, dass Neely uns noch viele Geschichten von und um Blanche erzählt hätte, die mir – soweit Literatur das überhaupt leisten kann – Zugang zu einer anderen Lebenswirklichkeit ermöglichen.

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