Dorothy Whipple: The Priory (1939)

Die Romane der englischen Schriftstellerin Dorothy Whipple (1893 – 1966) waren in den dreißiger und vierziger Jahren große Publikumserfolge und zwei ihrer Bücher wurden sogar verfilmt. Doch ab den Fünfzigern wurden ihre Familiengeschichten von vielen als nicht mehr zeitgemäß und innovativ genug wahrgenommen. Ihre Bücher wurden als (minderwertige) Frauenliteratur (genre fiction) abgetan.

As Dorothy Whipple’s publisher told her in 1953, ‘editors have got mad about action and passion’, and although both are to be found in Dorothy Whipple’s novels, they are qualities that are presented in such a subtle, such an understated way, that the obtuse miss it altogether and think she is anodyne, simplistic, old-fashioned. (Nicola Beauman)

Inzwischen sind aber dankenswerterweise mehrere ihrer Bücher bei Persephone Books neu aufgelegt worden, u. a. auch ihr fünfter Roman The Priory, der ursprünglich 1939 erschienen ist. Er beginnt mit den Worten:

It was almost dark. Cars, weaving like shuttles on the high road between two towns fifteen miles apart, had their lights on. Every few moments, the gates of Saunby Priory were illuminated. Every few moments, to left or to right, the winter dusk was pierced by needle points of light which, rushing swiftly into brilliance, summoned the old gateway like an apparition from the night and, passing, dispelled it.

The gates were from time to time illuminated, but the Priory, set more than an mile behind them, was still dark. To the stranger it would have appeared deserted. It stood in dark bulk, with a cold glitter of water beside it, a cold glitter of glass window when clouds moved in the sky. The west front of the Priory, built in the thirteenth century for the service of God and the poor, towered above the house that had been raised alongside from its ruins, from its very stones. And because no light showed from any window here, the stranger visiting Saunby at this hour, would have concluded that the house was empty.

Man ahnt, das große Herrenhaus ist alles andere als unbewohnt. Saunby ist der Wohnsitz des verwitweten ca. fünfzigjährigen Major Marwood, seiner egozentrischen Schwester Victoria und seiner zwei Töchter Christine und Penelope. Die Zeiten sind hart, auch deshalb, weil Marwood ein miserabler Gutsherr ist, der sich nicht darum schert, dass sein Schuldenberg bald kaum noch abzutragen sein dürfte.

In the summer, while there was cricket, the Major was happy enough. But in the winter he had too much time to think and thinking depressed him. He was depressed today. (S. 17)

Das Einzige, was Marwood wirklich interessiert und wofür er das Geld ausgibt, das er strenggenommen gar nicht hat, ist Cricket.

Das ist auch der Grund, dass sich unter den Bediensteten besonders Thompson, ein guter Cricketspieler und der Schwarm aller Dienstmädchen, zunächst keine allzu großen Sorgen um seinen Arbeitsplatz machen muss.

Doch als der Haushalt unter der gleichgültig-exzentrischen Victoria immer mehr zu verwahrlosen droht, beschließt Major Marwood noch einmal zu heiraten. Anthea, 14 Jahre jünger als der Major, kann ihr Glück zunächst kaum fassen. Doch ihre Illusionen sind nicht von langer Dauer und als Anthea – zum Entsetzen des Majors – schwanger wird, ändert sich ihre mausgraue Unterwürfigkeit. Für ihre Zwillinge fängt sie an zu kämpfen, was das ganze Gefüge auf Saunby ins Wanken bringt.

Die Schwestern Penelope und Christine, beide im heiratsfähigen Alter, haben so eine miserable Schulbildung genossen, dass jeder Versuch, den eigenen Lebensunterhalt zu bestreiten, zum Scheitern verurteilt wäre. So bleibt ihnen nur, entweder zu heiraten oder für immer in Saunby als ungeliebte Stieftöchter zu versauern.

Da kommt zu einem der von Major Marwood organisierten Cricket-Wettkämpfe der hübsche Spieler Nicholas Ashton, Sohn wohlhabender Eltern, und verliebt sich in Christine. Doch wer meint, hier käme nun ein kitschiges Happy-End, der irrt gewaltig. Die Handlung nimmt jetzt noch einmal richtig Fahrt auf.

Besonders gefiel mir, dass der Blick der Erzählerin nicht nur auf den gesellschaftlich Bessergestellten ruht, sondern genauso auf den Bediensteten, wie zum Beispiel der reizenden, aber unglücklich verliebten Bessy, und deren Arbeitsbedingungen.

For half an hour she [Bessy] despised Thompson with fierce joy. She was angry with him and anger is a grand cure for love if you can only keep it up. Bessy kept it up for half an hour, during which she cleaned windows with great vigour. But when they were done, she wept. It didn’t matter whether he was worth bothering about or not. It didn’t matter what he was. She loved him. (S. 130)

Ich habe The Priory unglaublich gerne gelesen. Die Personen kommen so frisch und lebendig daher, die einen mag man, die anderen mag man weniger, dann verschiebt sich das Bild, neue Facetten werden sichtbar. Und ich verstand danach besser, was all die Kritiker meinen, wenn sie sagen, dass Whipple über alltägliche, über durchschnittliche Menschen schreibe. Es gibt keine Helden und Prinzessinen mehr. Fast befürchtete ich, mich für keine der Romanfiguren wirklich erwärmen zu können, was sich im Laufe der Lektüre allerdings änderte. Die Charaktere werden dreidimensional und ihre Entscheidungen, die zum Teil katastrophale Folgen haben, werden nicht einfach durch ein Happy-End glattgebügelt.

Außerdem sind Bücher von Whipple wie eine kleine Zeitreise: Gesellschaftliche Umwälzungen sorgen dafür, dass traditionelle Rollenzuschreibungen brüchig werden, ohne dass neue Modelle sofort an ihre Stelle treten könnten. Und immer geht es auch – ganz ohne erhobenen Zeigefinger – um die zeitlosen Fragen: Was sind die Werte, die einem wichtig sind? Wie will oder sollte man mit seinen Mitmenschen umgehen?

Darüber hinaus war die Lektüre wie bei einem guten Krimi. Ich wollte wissen, wie es weitergeht, und habe abends viel zu lange gelesen. Kurz, anspruchsvoller als ein reiner Schmöker, doch auch keine Weltliteratur. Salley Vickers, die britische Schriftstellerin, hat deshalb diesem Roman die Wiederentdeckung als „a minor classic“ gewünscht.

Anmerkungen zur Rezeption der Autorin

Harriet Evans stellt in ihrem Vorwort zu Because of the Lockwoods, einem weiteren Roman Whipples, nicht zu Unrecht die Frage, warum Whipple nicht bekannter ist.

Why has she been so neglected, when every time someone picks her up for the first time they almost always become a fan? […] Why is she not acclaimed more widely, when so many of her contemporaries are still in print? […] the case does need to be made for Dorothy Whipple’s entry into the pantheon of great British novelists of the twentieth century. (S. vi)

Schließlich war Whipple in der ersten Hälfe des letzten Jahrhunderts eine auch von der Kritik anerkannte Schriftstellerin, doch soweit mir bekannt ist, gibt es bis heute keine Übersetzungen ins Deutsche, und das, obwohl J. B. Priestley in ihr gar die Jane Austen des zwanzigsten Jahrhunderts sah, womit er recht und unrecht zugleich hat.

Whipples Sprache hat nicht das Leuchtende, das Brillante. Sie wirkt behäbiger, ein klein wenig umständlicher, manchmal erklärt der allwissende Erzähler zu viel, anstatt darauf zu vertrauen, dass die Leserin/der Leser auch allein die richtigen Schlüsse aus dem Gesagten ziehen kann.

Gleichzeitig traut sich Whipple viel näher an die egozentrischen, boshaften, ja kriminellen oder sogar gewalttätigen Menschen heran, als dies Austen in ihren Romanen je getan hat.

Evans macht nun mehrere Gründe für Whipples Dahindümpeln in der zweiten oder gar dritten Reihe aus: Nicht nur die Titel ihrer Bücher seien heutzutage zu wenig marktschreierisch, auch ihre Sujets, die Geschichten ganz normaler, gewöhnlicher Familien, würden zu rasch als banal, überholt und nicht interessant genug verunglimpft.

Und vermutlich sei es Whipple zum Verhängnis geworden, dass sie so lesbar schreibe, regelrechte Schmökerqualitäten habe:

Then there is the readability factor: perhaps that is what mostly damages her reputation, the fact that she is so damned unputdownable. The thinking is the same as it has been for years: shouldn’t real literature be hard to read? (S. xi)

Dabei werde übersehen, welche Vorzüge gerade diese Autorin auszeichneten, die Romane geschrieben habe, die mit ihrer klaren, eleganten Prosa und dem Blick fürs Detail etwas ganz Eigenständiges und Unverwechselbares seien. Aber vor allem seien ihre Bücher wie ein Spiegel:

showing good and bad, light and dark and, crucially, the lives of normal people, where she makes the ordinary extraordinary. (S. vii)

Selbst Christopher Fowler nahm Dorothy Whipple im Independent in seine Reihe der Forgotten Authors auf, begrüßte die – im Übrigen sehr geschmackvoll gestalteten – Neuausgaben bei Persephone Books und kam zu dem Fazit:

Is it possible to read books like these now and still find pleasure in them? Absolutely, because our emotional centres remain unchanged, so Whipple’s novels and short stories are as valid as they ever were.

Lioba Happel: dement (2015)

Wenn wir alles vergessen haben, zum Beispiel, dass man, wenn die Sonne scheint, sagt, es sei schönes Wetter, und dass man, wenn es regnet, sagt, es sei schlechtes Wetter; wenn wir vergessen habe, wie unser Ehepartner von uns gerufen wurde, der auf Fotos auf der Wand hängt und ob das überhaupt unser Ehepartner gewesen ist; wenn wir vergessen haben, wie unsere Kinder und Kindeskinder einmal von uns genannt wurden, die sich auf Stellbildern und allen Flächen um uns herum zeigen; wenn wir schließlich sogar vergessen haben, wie wir selber heißen, dann sind wir angekommen in der reinen Gegenwart. Es regnet heute in der reinen Gegenwart, aber wir behaupten, es sei schönes Wetter.

So beginnt eine schmale Erzählung von nur 117 Seiten, veröffentlicht im Rimbaud Verlag, in der Lioba Happel den Versuch unternimmt, sich den Gedanken einer demenzkranken älteren Frau anzunähern, sich in ihre Welt hineinzufühlen.

All die Jahre, die über uns hinweggegangen sind und wir, tief versunken in uns, wir halten es in unseren schmerzenden Körpern aus. Wir halten es aus auf dem Meer, bei Tag und bei Nacht, seekrank vor Erinnerung an die, die wir einmal gewesen sind und jetzt nicht mehr sind. (S. 105)

Dabei geht es um die Schreckmomente, in denen sich die alte Frau plötzlich in einem der Fotos von früher wiedererkennt, oder um den Besuch, der „nur mal eben“ hereinschauen wolle, um zu sehen, wie es ihr gehe, „um zu sehen, ob wir noch leben“, wie die Ich-Erzählerin trocken vermerkt. Um das unvermittelte Einschlafen tagsüber, um die Fragen des Besuchers, die man nicht so richtig deuten kann.

Ich habe es so empfunden: Die Geschichte zeigt keinen Kampf, keine Verzweiflung. Was für einen Sinn hätte es auch, gegen die Einsamkeit zu rebellieren. Im Großen und Ganzen liegt die Traurigkeit bereits hinter der Erzählerin. Das Auf-Sich-Zurückgeworfen-Sein wird leise angenommen.

In einer der Lyrik sehr nahen Sprache wird von einem allmählichen Loslassen erzählt, was beim Lesen auf mich trotz aller Wehmut wundersam ruhig und akzeptierend wirkte.

Gern gelesen.

Ihr habt „keine Zeit“ mehr, ihr sagt „wir müssen“.
„Was?“
„Wir müssen wirklich.“
„Wohin?“
„Eine Weltreise vorbereiten.“
Da zieht doch hinaus zu euren Abenteuern. Meldet euch gleich auch zur Fahrt
auf den Mond an. Hier bei uns, wenn ihr es eine Weile aushieltet, könntet ihr
einmal kopfüber durchs Weltall und quer wieder zurück. (S. 45)