Yaşar Kemal: Memed mein Falke (OA 1955; deutsche Erstausgabe 1965)

Die Hänge des Taurusgebirges steigen von der weiß schäumenden Mittelmeerküste ganz allmählich bis zu den Höhen der Taurusgipfel an. Über dem Mittelmeer kann man immer weiße Wolken sehen, die aufeinandergetürmt, dahintreiben. Das Küstenland ist so glatt und ebenmäßig, daß man glauben könnte, es sei mit einer Glanzschicht überzogen. Sein Lehmboden läßt einen an Fleisch denken. Auf Stunden ins Landesinnere hinein riecht es hier nach Meer, nach der Schärfe des Salzes. Hinter den flachen Äckern mit ihrem von Furchen durchzogenen Lehm beginnt das Röhricht der Cukurova, bedeckt mit unentrinnbar ineinander verfilztem Gestrüpp, mit Brombeeren, Wildreben und Schilf – eine dunkelgrüne Hölle, ohne Anfang und Ende, dunkler und wilder noch als Urwald.

So nähern wir uns ganz behutsam der Landschaft im Süden der Türkei, wo am Fuße des Taurusgebirge eine Geschichte ihren Ausgang nimmt, die mich nicht mehr losgelassen hat.

Yaşar Kemal: Memed mein Falke (1990)

Das Original erschien bereits 1955 und wurde von Horst Wilfrid Brands ins Deutsche übersetzt. Es gab aber bereits seit 1965 Übertragungen ins Deutsche.

Zum Inhalt

Memed, ein elfjähriger magerer Bauernsohn und Halbwaise, läuft von zu Hause fort, um den Demütigungen und der grausamen Arbeit auf den Feldern des Großgrundbesitzers Abdi Aga zu entgehen. Doch er wird aufgespürt und Abdi Aga lässt ihn und seine Mutter für diesen Fluchtversuch büßen. Sie müssen in Zukunft drei Viertel ihrer Ernte abgeben, die anderen Dorfbewohner “nur” zwei Drittel. In den Wintern steht das halbe Dorf kurz vor dem Hungertod, und so sind die geschundenen, einfachen Menschen noch gezwungen dankbar zu sein, wenn der große Aga, der Besitzer von fünf Dörfern, ihnen Almosen gibt, um sie dann bei der nächsten Ernte um so stärker zu besteuern.

So zieht sich Abdi Aga einen unversöhnlichen Feind heran, der auch nicht gewillt ist, auf seine große Liebe zugunsten eines Neffen von Abdi Aga zu verzichten. Ein Kampf beginnt, bei dem keine der Seiten gewinnen kann. Memed wird zum Rächer, zum Rebell, zum vogelfreien Bandit, zum Anstoß eines grundsätzlichen gesellschaftlichen Wandels.

Fazit

Das ist ein Buch von einer Wucht, die sich schwerlich in einer Besprechung einfangen lässt.

Ein kraftvolles Abenteuer, das man gar nicht aus der Hand legen mag. Und das Ganze wird erzählt mit einer so feinen Beobachtungsgabe, mit der nicht nur Memed, ein Held wider Willen, sondern auch der feige, brutale und skrupellose Despot geschildert wird. Dieser presst seinen Untertanen alles ab, bis sie vor Sorgen ums Überleben nicht mehr klar denken können und zum willfährigen Spielball des Tyrannen werden.

Darüber hinaus eine unvergessliche Liebesgeschichte. Und all die vielen Nebenfiguren, die mit ihren Stärken und menschlichen Schwächen so anrührend und dann wieder humorvoll gezeichnet werden, dass man meint, man sähe sie direkt vor sich.

Dazu Schilderungen der harschen, unzugänglichen und einzigartigen Berg- und Hügellandschaft. Man möchte sofort hinreisen und dort zusehen, wie die Sonne untergeht.

Es war Abend geworden. In den Strahlen der sinkenden Sonne glänzte die weite Ebene wie eine ungeheure Kupferplatte. Die Wolken leuchteten. Die Sonnenscheibe schien am anderen Ende des Flachlands unmittelbar über dem Boden zu schweben. (S. 214)

Geschrieben in einer malenden und musikalischen Sprache, wie aus den Tiefen der Jahrhunderte entstiegen. Angereichert mit Geschichten und Legenden, zu denen schließlich auch Memed in den Dörfern verklärt wird.

Mein Bild der Welt ist größer geworden durch dieses Buch.

Zum Autor

Yaşar Kemal (1923 – 2015) war kurdischer Abstammung und einer der wichtigsten Schriftsteller der Türkei. Sein Memed der Falke machte ihn international berühmt.

Durch die scharfe Sozialkritik machte das Buch auf die armseligen Verhältnisse in Anatolien aufmerksam und beeinflusste die oppositionellen Strömungen, die den Umsturz von 1960 in der Türkei auslösten. (Harenberg: Das Buch der 1000 Bücher, hrsg. von Joachim Kaiser, Harenberg 2002, S. 1174)

Insgesamt gibt es vier Memed-Bände:

  • Memed mein Falke
  • Die Disteln brennen
  • Das Reich der Vierzig Augen
  • Der letzte Flug des Falken

Auf der Seite des Unionsverlages gibt es einen aufschlussreichen Text von Kemal über die Entstehung seines berühmten Romans.

Und in einem Interview mit dem Guardian aus dem Jahr 2008 äußerte er sich zu seiner grundsätzlichen Intention:

Yes, there is rebellion in my novels, but it’s rebellion against mortality. As long as man goes from one darkness to another, he will create myths for himself. The only difference between me and others is that I write mine down.

Fundstück

The writer Umberto Eco belongs to that small class of scholars who are encyclopedic, insightful, and nondull. He is the owner of a large personal library (containing thirty thousand books), and separates visitors into two categories: those who react with “Wow! Signore professore dottore Eco, what a library you have! How many of these books have you read?” and the others — a very small minority — who get the point that a private library is not an ego-boosting appendage but a research tool.

Read books are far less valuable than unread ones. The library should contain as much of what you do not know as your financial means, mortgage rates, and the currently tight real-estate market allows you to put there.

You will accumulate more knowledge and more books as you grow older, and the growing number of unread books on the shelves will look at you menacingly. Indeed, the more you know, the larger the rows of unread books.

Quelle: Nassim Nicholas Taleb: The Black Swan: The Impact of the Highly Improbable

zitiert nach: brainpickings; http://bit.ly/1DZRsPW

Und hier wird der Begriff “schwarzer Schwan” erläutert:

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Sonntagsleserin März 2015

Mal wieder ein kleiner Rückblick auf einige der Beiträge der letzten Wochen, die in verschiedenen Foto- und Literaturblogs erschienen sind.

Glück gehabt, steht schon im Regal

Sabine von Binge Reading freut sich über ihre Stefan Zweig-Entdeckung.

Ein neuer Buchblog möchte durchstöbert werden! Angelika liest stellt u. a. François Garde und seinen Roman Was mit dem weißen Wilden geschah und Judas von Amos Oz vor.

Empfehlungen deutschsprachiger Blogs

Beginnen wir mit einem Verriss zu dem Erzählband Wir haben Raketen geangelt, den ich sehr gern gelesen habe, gefunden beim Kulturgeschwätz. Das Buch muss draußen bleiben.

Birgits Beitrag auf Sätze&Schätze stammt zwar aus 2013, habe ihn aber erst jetzt entdeckt. Sie schreibt zu Landschaften der Metropole des Todes (2013) von Otto Dov Kulka und Geschichte eines Lebens (1999) von Aharon Appelfeld. Dazu Die Kinder von Auschwitz, gefunden auf dem Blog Zürcher Miszellen.

Der Hotlist-Blog las Löwen wecken von Ayelet Gundar-Goshen.

Kastelau von Charles Lewinsky hat buchrevier begeistert.

Der neue Roman Kindeswohl von Ian McEwan, da gibt es gleich zwei anregende Besprechungen, einmal auf dem Grauen Sofa und einmal bei frintze.

Leo’s Literarische Landkarten hat diesmal einen Krimi im Gepäck: The Painted Ladies von Robert B. Parker. Einen weiteren interessant klingenden Krimi gab es ebenfalls beim Grauen Sofa, und zwar Die Schuld der Anderen von Gila Lustiger.

David Wonschewski gefiel der Roman Froschnacht des Schweizer Schriftstellers Markus Werner.

Und Birgit von Sätze&Schätze hat noch einen sehr verlockend klingenden Tipp für uns: Die Tartarenwüste von Dino Buzzati. Das kommt – allen guten Vorsätzen zum Trotz – auf der Wunschliste ganz weit nach.

Empfehlungen englischsprachiger Blogs

Beauty is a Sleeping Cat macht neugierig auf Of Kids and Parents von Emil Hakl; im Deutschen unter dem Titel Treffpunkt Pinguinhaus erschienen.

Tony’s Book World kann White Dog von Romain Gary empfehlen.

John Buchan’s später auch verfilmter Thriller The Thirty-Nine Steps wird uns auf Over the Hills ans Leserherz gelegt.

Zum Schauen und Staunen

Nordlichter sind immer wieder schön, zumal ich noch nie eines “in echt” gesehen habe. Diesmal gefunden bei Christopher Martin.

Und hier sind Kommentare überflüssig:

Zum Abschluss

Viele Beiträge gab es zur Leipziger Buchmesse, doch verlinken möchte ich auf einen, der dabei charmant aus der Reihe tanzt, Hundstrüffel zeigt, wie man sich selbst so eine Messe bastelt.

Und uns LeserInnen ins Stammbuch den Artikel von Andy Miller aus dem Guardian, dessen The Year of Reading Dangerously ich vor kurzem vorgestellt habe. In We are losing the Art of Reading schreibt er u. a.:

I find these debates about reading as enjoyably incensing as anyone […] However, taken alongside the general hum of social networks, book groups, the media-shopping complex and the literary festival season now upon us, I mistrust my own eagerness to engage with this sort of stuff. It is a very good way not to get any reading done. […]

The traditional pleasures of reading are more complex than just enjoyment. They involve patience, solitude, contemplation. And therefore the books that are most at risk from our attention and integrity deficits are those that require a bit of effort. […] Books such as Middlemarch or Moby-Dick were never intended to be snapped up or whizzed through […] Middlemarch was here before we arrived, and it will be here long after we’ve gone. Perhaps we should have the humility to say: OK, I didn’t get it. What can I learn?

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Varian Fry: Auslieferung auf Verlangen (OA 1945; deutsche Ausgabe 1986)

Vor kurzem stellte ich hier Eveline Haslers Buch Mit dem letzten Schiff (2013) vor, in dem es auf S. 215 heißt:

Fry begann die Ereignisse der Marseiller Zeit aufzuschreiben, um auf diese Weise mit den verstummten Freunden verbunden zu bleiben, doch eine Veröffentlichung war noch zu heikel für alle Beteiligten. Als dann nach Kriegsende 1945 Varian Frys ‘Surrender on Demand’ erschien, wurde das Buch von der Presse gelobt, verkauft wurde es schlecht.

Ja, das stimmt: Die Erinnerungen Varian Frys an die 13 Monate, in denen er in Marseille die Arbeit des Emergency Rescue Committee koordinierte, das von den Nazis verfolgten Intellektuellen und Künstlern zur Flucht verhelfen sollte, erschienen bereits 1945 unter dem Titel Surrender on Demand. Die deutsche Erstausgabe Auslieferung auf Verlangen wurde 1986 im Hanser Verlag veröffentlicht.

Eine Neuausgabe erschien 1995 im Fischer Taschenbuch Verlag. Diese ist unbedingt lesenswert, doch was ich bei der Lektüre herausfand, geht weit über das hinaus, was ich erwartet habe. Ich stelle dabei zunächst einmal unkommentiert einige Textstellen von Fry und Hasler einander gegenüber.

Varian Fry (zitiert nach der Ausgabe des Fischer Taschenbuch Verlages, S. 13):
Vor dem Bahnhof gab es keine Taxen, aber viele Gepäckträger. Einer nahm meinen Koffer.
„Welches Hotel?“ wollte er wissen.
„Splendide“, sagte ich.
„Haben Sie ein Zimmer bestellt?“
„Nein.“
„Dann werden Sie wohl auch keines bekommen“, sagte er. „Versuchen Sie es lieber im Hotel Suisse. Das ist das einzige Hotel in der Stadt, wo es noch Zimmer gibt. In Marseille ist alles von Flüchtlingen belegt.“

Eveline Hasler (S. 11)
Im Taxi nannte Fry das Hotel Splendide.
„Haben Sie dort reserviert?“, fragte der Chauffeur.
Fry verneinte.
„Marseille quillt über von Reisenden und Emigranten, in den großen Hotels finden Sie heute garantiert keinen Platz!“

——

Fry (S. 16)
Im Hotel tat man sehr geheimnisvoll, und ich mußte eine ganze Weile warten, bis man mir schließlich erlaubte, zu ihren Zimmern hinaufzugehen.

Hasler (S. 71)
Im vornehmen Hotel du Louvre et de la Paix, wo Fry an der Rezeption den Namen Werfel nannte, tat man geheimnisvoll. Erst nach längerer Diskussion bequemte man sich dazu, die Gäste in ihrer Suite zu benachrichtigen.

——

Fry (S. 16)
Werfel sah genau so aus wie auf den Fotos: groß, untersetzt und bleich – wie ein zur Hälfte gefüllter Mehlsack.

Hasler (S. 73)
… doch mit dieser Statur eines halbgefüllten Mehlsacks (gemeint ist Werfel)

——

Fry (S. 33)
… aber jeden Tag kamen waggonweise Soldaten, die entweder in Südfrankreich oder in Afrika demobilisiert werden sollten. Marseille war mit Soldaten ebenso überfüllt wie mit Flüchtlingen. Alle Waffengattungen der französischen Armee waren vertreten: Kolonialsoldaten mit leuchtend rotem Fes oder ‚Chechias‘ auf dem Kopf; Freiwillige der Fremdenlegion, die ihre ‚Kepis‘ in Staubschutzhüllen trugen; Zuaven in weiten türkischen Pluderhosen […]; Gebirgsjäger in olivgrünen Uniformen und mit gewaltigen Baskenmützen, die bis über das linke Ohr heruntergezogen wurden; staubige Schanzarbeiter aus den Tunneln der Maginot-Linie in grauen Pullovern; Kavallerieoffiziere in eleganten Khaki-Röcken, maronfarbenen Reithosen und, statt Kepi oder Stahlhelm, mit verwegenen, velourbraunen Mützen; schwarze Senegalesen mit Turbanen …

Hasler (S. 47)
Was für ein Ort, dachte Justus. […] Am auffälligsten die Militärs: Soldaten aus den Kolonien mit rotem Fes. Tiefschwarze Senegalesen mit Turbanen. Freiwillige der Fremdenlegion mit weißen Kepis in Staubhüllen. Zuaven mit türkischen Pluderhosen. Gebirgsjäger in olivgrünen Uniformen und mit gewaltigen Baskenmützen. Kavallerieoffiziere in eleganten Khakiröcken und mit verwegenen samtbraunen Mützen…

——

Fry (S. 36)
Noch bevor meine erste Woche in Marseille zuende ging, hatte es sich offenbar in der gesamten nicht besetzten Zone herumgesprochen, daß ein Amerikaner aus New York angekommen war, wie ein Engel vom Himmel gefallen sei, Taschen voller Geld und Pässe und einen direkten Draht zum State Department habe, so daß er jedes beliebige Visum im Handumdrehen besorgen konnte. Jemand erzählte sogar, daß es in Toulouse einen tüchtigen Geschäftsmann gab, der meinen Namen und meine Adresse für 50 Francs an Flüchtlinge verkaufte.

Hasler (S. 52)
[Hertha Pauli im Gespräch mit Walter Mehring]: „Ein Amerikaner ist vom Himmel gefallen! Mit Taschen voller Dollars und einer Namensliste, wer von den Künstler und Intellektuellen unbedingt zu retten sei. …“
[als Gedanke Miriam Davenports, S. 54]: In Toulouse, so erzählte man, verkaufe ein tüchtiger Geschäftsmann bereits Name und Adresse von Varian Fry für fünfzig Francs, der Amerikaner könne im Handumdrehen jedes beliebige Visum besorgen! Das kam ihr übertrieben vor.

——

Fry (S. 56)
Jedesmal, wenn ein Zug ankam und abfuhr, hörte man unten auf dem Pflaster das tausendfüßige Getrappel von Menschen, die die große Treppe hinaufliefen oder heruntereilten.

Hasler (S. 76)
In diesem Moment fuhr oben im Bahnhof rumpelnd ein Zug ein, für Minuten war nichts anderes zu hören als Zurufe und das Getrappel der Ankommenden auf den Marmorstufen.

——

Fry (S. 65)
Wir steckten Mehring im Splendide ins Bett. Der Arzt kam, sah ihn kurz an und schrieb dann ein sehr eindrucksvolles Attest. Es besagte nicht nur, daß Monsieur Mehring krank und somit unfähig war, wegen der Verlängerung seiner Aufenthaltserlaubnis auf der Präfektur vorzusprechen, es bestätigte auch noch, daß Mehring nicht vor Mitte November in der Lage sein würd, sein Zimmer zu verlassen.
Ich brachte Barellet das Attest, und er verlängerte Mehrings Aufenthaltsgenehmigung unverzüglich um zwei Monate. Für einen nicht-französischen Flüchtling war das äußerst ungewöhnlich, meistens wurde der Schein höchstens um zwei Wochen verlängert.

Hasler (S. 90)
Der Arzt kam und schrieb nach kurzer Visite ein eindrückliches Attest mit der Feststellung, Mehring sei nicht in der Lage, sein Bett vor Mitte November zu verlassen. Barallet wiederum verlängerte den Aufenthaltsschein gnädig um zwei Monate anstelle der üblichen zwei Wochen.

——

Fry (S. 73)
Harry Bingham [der amerikanische Vizekonsul] wohnte in einer Villa in der Rue du Commandant Rollin, einer Straße, die hinter der Corniche ein ganzes Stück vom Stadtzentrum entfernt liegt. Ich rief ihn an, nachdem ich vom Scheitern des Schiffsplans erfahren hatte. Er lud Bohn und mich zum Essen ein.
Es begann schon zu dämmern, als wir auf der Cannebiere in die Bahn zur Rue Paradis einstiegen, und es wurde dunkel, als wir das Gartentor aufstießen und den langen Weg zum Haus hinaufgingen. Auf der Kiesterrasse saß an einem kleinen Eisentisch Feuchtwanger – Harry [Bingham] hatte gerade sein Bad in einem seichten Fischteich etwas weiter unten beendet. […] Feuchtwanger war ein kleiner, verhutzelter Mann, aber er sprühte nur so vor Energie und Ideen.

Hasler (S. 93/S. 94)
Der Vizekonsul wohnte außerhalb der Stadt, an der Rue du Commandant Rollin, hinter der Corniche. Mit der Straßenbahn, von der Canebiere aus, war das Haus bequem zu erreichen. Als die beiden Besucher die Gartentür öffneten, begann es zu dämmern, […] Aus einem dieser Gewässer stieg nun etwas an Land, das einem Neptun glich, sich jedoch am Ufer in einen kleinwüchsigen Mann verwandelte, der in einen Bademantel schlüpfte und über eine Terrasse im Haus verschwand. ‚Es ist Feuchtwanger‘, flüsterte Bohn. […] Feuchtwanger […] zeigte sich an diesem Abend voller Energie und sprühte nur so vor Ideen.

——

Fry (S. 81)
[Einer der Helfer von Fry während der Rettungsaktion für Golo Mann, Heinrich und Nelly Mann und die Werfels: ‚Der Grenzbeamte meint], ihr solltet es trotzdem versuchen. Er sagt, man weiß nie, was passiert. Es könnte sein, daß morgen schon ein neuer Befehl aus Vichy kommt und er euch alle verhaften muß. Deshalb glaubt er, ihr solltet hier weg, solange ihr noch könnt. Er ging sogar mit mir nach draußen, um mir den besten Weg zu zeigen.‘
Ich sah mir den Berg an. Er war ziemlich hoch, und es war ziemlich heiß.
‚Mensch, Ball‘, sagte ich. ‚Ich glaube nicht, daß Werfel das jemals schafft. Er ist zu dick, und Heinrich Mann ist zu alt.‘

Hasler (S. 101)
‚Er hat uns aber geraten, es trotzdem zu versuchen. Es könne sein, dass morgen ein neuer Befehl aus Vichy komme und er uns alle verhaften muss. Er ging sogar mit mir vor den Bahnhof, um mir den besten Weg zu zeigen.‘
Fry schaute zum Berg hinauf. Er war ziemlich hoch, und der Tag drohte sehr heiß zu werden.
‚Mensch, Ball‘, murmelte Fry. ‚Ich glaube nicht, dass Werfel das schafft. Er ist zu dick, und Heinrich Mann ist zu alt.“

——

Fry (S. 260)
Ich war genau um elf Uhr in seinem Büro [dem Büro des Marseiller Polizeichefs], und er ließ mich eine dreiviertel Stunde warten – eine feinsinnige Form der Folter. Auf einen Summton hin wurde ich schließlich in ein großes Büro geführt. Am Ende des Raumes stand vor einem großen Fenster der Schreibtisch, hinter dem de Rodellec du Porzic saß. Das durch das Fenster einfallende Licht blendete mich aber so, daß es einige Minuten dauerte, bis ich sein Gesicht deutlich erkennen konnte. […] Schließlich sah er auf.
‚Sie haben meinem lieben Freund, dem Generalkonsul der Vereinigten Staaten, viel Verdruß bereitet‘, sagte er.
‚Ich denke, der Konsul kann seine Probleme selbst lösen‘, antwortete ich.
‚Mein Freund der Generalkonsul berichtete mir, daß Sie sowohl von Ihrer Regierung als auch von dem amerikanischen Komitee, das Sie hier vertreten, aufgefordert wurden, unverzüglich in die Vereinigten Staaten zurückzukehren‘, fuhr er fort.

Hasler (S. 196/197)
Fry erschien pünktlich bei Rodellec du Porzic [dem Polizeichef von Marseille]. Der Chefbeamte, wohl um seine Macht zu demonstrieren, ließ den Amerikaner eine Dreiviertelstunde warten, dann endlich wurde Fry in du Porzics Heiligtum eingelassen. In den durch das Fenster eindringenden Sonnenstrahlen war du Porzics Kopf ganz in sanftes Licht getaucht, Fry musste warten, bis seine geblendeten Augen die Gesichtszüge seines Gegenübers erfassen konnten. […] Schließlich blickte er [du Porzic] auf und begann: ‚Mister Fry, Sie haben meinem lieben Freund, dem Generalkonsul der Vereinigten Staaten, viel Verdruss bereitet!‘
‚Ich denke, der Konsul kann seine Probleme selbst lösen‘, antwortete Fry.
‚Es wird mir berichtet‘, fuhr du Porzic fort, ‚dass Sie von Ihrer Regierung und von dem Komitee, das Sie vertreten, aufgefordert werden, unverzüglich heimzureisen.‘

Und so könnte man diesen Textvergleich noch eine ganze Weile weiterführen. Muss man aber nicht.

Fazit

I am not amused und nehme mein positives Urteil zu Eveline Haslers Buch zurück.

Natürlich kann ein Buch wie das von Hasler nicht ohne Recherche entstehen, und einige wenige Male kennzeichnet sie wörtlich von Fry übernommene Stellen mit Hinweisen wie “wie Fry später sagen würde”. Aber was ist mit all den anderen unzähligen Stellen, die sie nicht als Zitat gekennzeichnet hat, bei denen sie dreist aus den Erinnerungen Frys zitiert oder Passagen nur unwesentlich umformuliert und hin und wieder dabei sogar Details verändert hat?

Und die Stellen, die ich zunächst bei Hasler für die gelungeneren hielt, sind just die, die direkt auf Frys Bericht zurückgehen.

Also: Wer sich für die Arbeit des Emergency Rescue Teams interessiert, der lese unbedingt das Buch Auslieferung auf Verlangen von Varian Fry und vergesse das Buch von Hasler. Fry erklärt ohnehin sowohl Details als auch Zusammenhänge wesentlich besser. Hasler war ja über die ganzen bürokratischen Feinheiten bei der Visa-, Pass-, Transit- und Ausreisegenehmigungsbeschaffung, in denen ein wesentlicher Bestandteil der Flüchtlingshilfe lag, sehr luftig-locker hinweggeglitten.

Auch Frys Mitarbeiter und Unterstützer, die sich nicht scheuten, Gangster und andere dubiose Gestalten in ihr Rettungswerk miteinzubeziehen, werden im Original wesentlich klarer konturiert. Der Leser erlebt, in welchen Gefahren das Team immer wieder schwebte, erfährt von gescheiterten Rettungsversuchen, von dem Entsetzen, als man Verräter und Spitzel in den eigenen Reihen entdeckt, und wie Fry schließlich – auf Betreiben des amerikanischen Konsuls in Marseille und des französischen Polizeichefs – aus Frankreich ausgewiesen wird.

Ich stand auf und wollte gehen. Dann drehte ich mich aber doch noch einmal um, um [dem Marseiller Polizeichef] eine letzte Frage zu stellen. ‘Sagen Sie mir offen, warum Sie mich so hartnäckig bekämpfen’

‘Parce que vous avez trop protégé des juifs et des anti-Nazis’, antwortete er. ‘Weil Sie Juden und Nazigegner geschützt haben.’ (S. 262)

Fry schreibt präzise, informativ und spannend. Und einige Stellen sind auf einmal auch psychologisch wesentlich stimmiger, selbst wenn die Unterstützung durch weibliche Mitarbeiter wohl ein wenig zu kurz kommt. Sein Bericht umfasst 280 Seiten, dazu kommt in der Ausgabe des Fischer Taschenbuch Verlages ein 60-seitiger Anhang mit hilfreichen Erläuterungen, abgedruckten Briefen und einem ausführlichen Namensregister.

Dem Fazit aus dem Nachwort von Wolfgang D. Elfe kann ich nur zustimmen:

Die Geschichte der Rettungsaktionen des ERC, die Fry in seinem Buch geschrieben hat, ist ein Dokument der Geschichte des antifaschistischen Exils wie auch der intellektuellen Emigration in die USA. Doch hat Fry mit diesem Buch nicht nur ein historisches Dokument hinterlassen, sondern zugleich ein Werk von einiger literarischer Qualität. Fry erweist sich – ohne dadurch die Realitätstreue seines Berichts in Frage zu stellen – als spannender Erzähler. Das gilt insbesondere für die Schilderung seiner konspirativen Tätigkeit. Er verlebendigt viele Situationen durch dialogische Gestaltung und zeigt sich als Meister der Charakterisierung. Es gelingt ihm auch, viel Atmosphärisches einzufangen und die Jahre 1940-41 in Vichy-Frankreich lebendig vor dem Leser erstehen zu lassen. Ungeachtet des großen Ernstes der Situation, einer deprimierenden Weltlage und des Scheiterns verschiedener Rettungsaktionen […] erzählt Fry häufig mit Witz und Komik. Im übrigen erhöht an vielen Stellen typisches angelsächsisches Understatement die Lesbarkeit seines Berichtes. (S. 300)

Hasler dagegen entpuppt sich als eine Trittbrettfahrerin, die auf 219 Seiten ohne jeglichen Anhang Frys Bericht in vereinfachter und gekürzter Form nacherzählt – ohne das je kenntlich zu machen – und dabei das Ganze noch ein bisschen aufpeppt mit Personen, die mit Frys Geschichte gar nichts zu tun haben.

Anmerkung

Hier noch eine Würdigung von Fritz J. Raddatz zum “Engel von Marseille” aus der ZEIT.

Andy Miller: The Year of Reading Dangerously (2014)

Let me begin on the back foot and linger there awhile.
This book is entitled The Year of Reading Dangerously. It is the true story of the year I spent reading some of the greatest and most famous books in the world, and two by Dan Brown. I am proud of what I achieved in that year and how the experience changed my life – really altered its course – which is why I am about to spend several hundred pages telling you about it.

Mit diesen einleitenden Worten wäre der Inhalt des biografisch verankerten Lektürerückblicks des Journalisten und Schriftstellers Andy Miller umrissen. Auf seiner Homepage kann man, wenn man möchte, sicherheitshalber genauer aufdröseln, mit welchen der zahlreichen und z. T. berühmten Namensverwandten er NICHT identisch ist. Auch verbittet er sich jegliche Verwechslung mit jenem “Andy Miller on Facebook who counts ‘Women bringing me sandwiches’ amongst his activities and interests. I am not on Facebook. I make my own sandwiches.”

Als berufstätiger und ständig übermüdeter Papa eines dreijährigen Sohnes kommt Miller irgendwann zu dem ernüchternden Ergebnis:

I assume we are happy. Certainly we love each other. We have been working parents for three years. In that time I have, for pleasure, read precisely one book – ‘The Da Vince Code’ by Dan Brown. (S. 23)

Irgendetwas Entscheidendes fehlt jedoch, Bücher hatten bisher immer zu seinem Leben gehört, nicht umsonst hat Miller Literatur studiert. Doch jetzt fehlen die Zeit und die Energie für anspruchsvollere Literatur. Und selbst die Zeit, die er in öffentlichen Verkehrsmitteln auf dem Weg zur Arbeit zum Lesen verwenden könnte, verbringt er eher mit Sudoko oder irgendwelchen Zeitschriften.

Und überhaupt befindet er sich gerade in seiner Midlife-Crisis, in der ihm auch Literatur, Musik und gute Filme abhanden gekommen sind:

Now, however, like many people on the threshold of middle-age, out there in the jungle somewhere I could discern a disconcerting drumbeat; and I realised that at some point in the aforementioned Not Too Distant Future, closer now, the drumming would cease, leaving a terrible silence it its wake. And that would be it for me. Immediately, we produced a child. But if anything, this only made matters worse. I had heard that other people dealt with this sort of problem by having ill-advised affairs with schoolgirls, or dyeing their hair a ‘fun’ colour, or plunging into a gruelling round of charity marathon running, ‘to put something back’. But I did not want to do any of that; I just wanted to be left alone. My sadness for things undone was smaller and duller, yet maybe more undignified. It seemed to fix itself on minor letdowns, everyday stuff I had been meaning to do but somehow, in half a lifetime, had not got round to. I was still unable to play the guitar. I had never been to New York. I did not know how to drive a car or roast a chicken. Roasting a chicken – the impossible dream! Even my mid-life crisis was a disappointment. (S. 39)

Als er mit Sohn und Kinderwagen auf der Flucht vor einem Regenguss ist, findet er zufällig in einem Buchladen den Roman Der Meister und Margarita des russischen Schriftstellers Michail Bulgakow und entdeckt so für sich ganz neu die Faszination anspruchsvollerer Klassiker. Er kommt auf den Geschmack und beschließt, auf diesen Genuss nicht länger verzichten zu wollen. Eine Bücherliste muss her, die im Laufe der Zeit auf 50 Titel anwächst und die er in einem Jahr “abgearbeitet” haben will. Die Auswahl erfolgt streng subjektiv. Es werden Bücher ausgewählt, die er tatsächlich gerne kennen würde und von denen er hofft, dass sie das erfüllen, was Henry Miller einmal so ausgedrückt habe: “They were alive and they spoke to me.” (S. 8)

Schließlich stehen auf der “List of Betterment” ganz unterschiedliche Titel, u.a.:

  • Middlemarch (George Elliot)
  • Post Office (Charles Bukowski)
  • The Ragged Trousered Philanthropists (Robert Tressell)
  • The Sea, The Sea (Iris Murdoch)
  • The Communist Manifesto (Marx/Engels)
  • Moby-Dick (Herman Melville)
  • Anna Karenina (Leo Tolstoy)
  • Of Human Bondage (Somerset Maugham)
  • The Odyssey (Homer)
  • Absolute Beginners (Colin MacInnes)
  • Krautrocksampler (Julian Cope)
  • The Leopard (Giuseppe Tomasi di Lampedusa)
  • Beloved (Toni Morrison)
  • Atomised (Michel Houellebecq)

Dass er mit Jane Austen nicht warm wird, ist natürlich unverzeihlich, dafür scheitert er an Romanen des Magischen Realismus genauso grandios wie ich…

An Houellebecq schreibt er einen enthusiastischen Brief, den er zwar nie abgeschickt hat, der hier aber abgedruckt wird. Das letzte Buch auf seiner Liste, das seine Frau aussuchen musste, war übrigens The Code of the Woosters von P.G. Wodehouse.

Doch das Buch, das sowohl ihn als auch seine Frau komplett von den Socken gehauen hat, war Krieg und Frieden von Tolstoi. Hier schließt sich dann auch der Kreis zum Titel. Krieg und Frieden war nach Aussage Millers tatsächlich der letzte Anstoß, sein Leben noch einmal komplett zu ändern. Er reicht seine Kündigung ein und beschließt selbst zu schreiben. Eines der Resultate ist das vorliegende Buch.

Auch bei Tina, seiner Frau, hat das Buch unerwartete Nebenwirkungen: Nach Tolstoi kauft sie wesentlich weniger Bücher, da die meisten ohnehin nicht so gut sein können wie Krieg und Frieden. Da stecke schließlich schon fast alles drin. (Ich habe den Fehler gemacht, diese Anekdote meinem Mann zu erzählen, woraufhin es keine fünf Minuten dauerte, bis er mir freundlich lächelnd seine alte Ausgabe des ersten Bandes von Krieg und Frieden in die Hand drückte.)

Nun schreibt Miller aber nicht einfach fünfzig Besprechungen. Viele der von ihm gelesenen Titel spielen im Buch gar keine Rolle, stattdessen wählt er aus, erzählt, welche Bücher ihm aus welchen Gründen besonders gefallen, welche ihn schier zur Verzweiflung gebracht haben und welche Bücher in seiner Biografie, beim Erwachsenwerden, wichtig waren.

Und vor allem: Wie kann man die Lektüre der Klassiker mit einem Vollzeitjob und einem Familienleben unter einen Hut bringen? Dazu gibt es mal mehr, mal weniger interessante Exkurse zum Lesen im einundzwanzigsten Jahrhundert, zum Verschwinden der örtlichen Buchhandlungen und den ständigen Budgetkürzungen bei allem, was mit Literatur oder (Schul-)Büchereien zu tun hat.

Gleichzeitig macht er sich so seine Gedanken über eine weitere Veränderung:

Meanwhile, the last decade has given us blogs, book groups, festivals, all the chatter of the social network, developments which, while they may indeed be progress, are not the thing itself. They are not reading. (S. 12)

Fazit

Ich selbst fand meist die Hintergrundinformationen zu den Büchern am interessantesten. Wie Melville, einer der ganz Großen, von seinen Zeitgenossen keineswegs als Literat anerkannt wurde und schließlich einem Brotberuf nachgehen musste und unbeachtet starb. Oder dass Bulgakovs Roman erst 26 Jahre nach seinem Tod erschien – und es somit keineswegs selbstverständlich war, dass Miller dieses Buch in der Auslage einer kleinen Buchhandlung in Broadstairs entdeckte.

Ein ehrliches und über weite Strecken vergnügliches Plädoyer für Kultur, wenn auch nicht immer ganz so knackig und hübsch auf den Punkt gebracht, wie ich das bei Nick Hornbys Buchkolumnen in Erinnerung habe. Köstlich jedoch, als er beispielsweise planlos Rezepte aus Murdochs The Sea, The Sea nachkocht, weil er keinen Zugang zum Buch findet. Das muss kulinarisch eine ziemliche Katastrophe gewesen sein. Seine Frau bat ihn jedenfalls, von solcherlei Experimenten in Zukunft abzusehen.

Auch das Kapitel, in dem er Gemeinsamkeiten zwischen Dan Brown und Melville sucht – und findet, macht Spaß.

Miller, der einen Blog über sein Projekt nach wenigen Monaten abgebrochen hat, da ihn das nur vom Lesen abgehalten habe, besteht darauf, dass Bücher etwas mit uns und unserem Alltag zu tun haben. So sinniert er an Weihnachten, wo es in manchen Familien ja eher angespannt zugeht, über den ersten Satz von Anna Karenina.

The Year of Reading Dangerously ist letztlich nicht nur das Buch mit dem scheußlichsten Cover (gebundene Ausgabe), das mir seit langem untergekommen ist, sondern vor allem eine dringende Einladung, (wieder) Bücher zu lesen, die einen fordern, die einem etwas abverlangen und bei denen man eben auch mal zugeben muss, vielleicht nicht alles verstanden zu haben.

Culture could come in many forms, high, low or somewhere in-between: Mozart, The Muppet Show, Ian McEwan. Very little of it was truly great and much of it would always be bad, but all of it was necessary to live, to be fully alive, to frame the endless, numbered days and make sense of them. (S. 40)

Anmerkungen

Hier gibt es ein Interview mit Miller und hier einige Besprechungen:

Fundstück

Werbeanzeige in einer englischen Zeitung für einen Lesekreis:

If YOU have ever been tempted by the idea of joining a book club but put off by the thought of highbrow discussions, the town’s latest group could be for you. A club meets at the Umbrella Centre each month to discuss literature – but you don’t even have to read the book to take part. Organiser Liz W. said the idea was to have fun and make new friends. ‘We choose books that are easy to read, and that have been made into films so you don’t even have to read if you don’t want to,’ she said. ‘It should be fun and it’s as much about socialising as it is about the books.’ The group was set up after people complained they felt intimidated by groups held in people’s houses. It particularly welcomes male members.

At the end of the piece there was a contact phone number. Fortunately, I was already a member of a book group otherwise I might have been tempted to join. It sounded mindboggling yet somehow inevitable: a book group where you didn’t have to read the book. Wherever she lies, Virginia Woolf must be punching herself in the face.

zitiert nach: Andy Miller: The Year of Reading Dangerously, 2014, S. 194/195

Lydia Tschukowskaja: Untertauchen (OA 1947; erste deutsche Ausgabe 1975)

Und nun war ich zu Hause. Aus dem Salon kam das tiefe, melodische Schlagen einer Uhr, und gleich darauf setzte das regelmäßige und emsige Tuckern des Generators ein. Endlich werde ich allein in einem Zimmer wohnen, zum ersten Mal seit dem Krieg. Wie zu Hause, in Leningrad. An einem Schreibtisch sitzen, den ich nicht dreimal am Tag in einen Eßtisch verwandeln muß. In der Stille arbeiten. Und der Gedanke oder der Einfall werden durch das Gerede in der Küche nicht überfahren, nicht verstümmelt … […] Zwischen diesen fremden Wänden kann ich zu mir kommen, mir selbst gegenübertreten. Aber offenbar steht mir keine ganz einfache Begegnung bevor, denn von Anfang an versuche ich, ihr auszuweichen. (S. 8/9)

So lernen wir die Ich-Erzählerin kennen, die uns auf gerade einmal 186 Seiten einen berührenden Einblick in die russische Gesellschaft von 1949 gibt:

Lydia Tschukowskaja: Untertauchen (1975)

Zunächst erschien der Roman in der Übersetzung von Swetlana Geier im Diogenes Verlag. Im Januar 2015 brachte der Dörlemann Verlag eine Neuausgabe heraus.

Zum Inhalt

Nina Sergejewna, Übersetzerin und Schriftstellerin, verbringt 1949 26 Tage in einem Erholungsheim für Schriftsteller, Journalisten und andere Künstler.

Hier also wird die Begegnung stattfinden. In Anwesenheit dieses Tisches, dieser dunklen Vorhänge und der weißen Gardinen vor dem Fenster, naiv wie die Tannenbäumchen dahinter. (S. 10)

Neben den ärztlichen Anwendungen bleibt genügend Zeit für ihre offizielle Übersetzertätigkeit und das heimliche Schreiben ihrer Erinnerungen, das nur im Zustand des “Untertauchens” möglich ist. Dabei kreist ihr Schreiben immer auch um die Frage, wie man leben kann angesichts der Erinnerungen und Träume, die einen verfolgen.

Sie macht ausgedehnte Spaziergänge in der verschneiten Landschaft und es kommt zum vorsichtigen Kennenlernen und Abtasten der anderen Gäste. Immer ist da die Hoffnung, irgendwo Geistesverwandte, ja Bruderschaft im Menschlichen zu finden.

Viele haben Grauenhaftes während der letzten 16 Jahre erlebt und gehen nun ganz unterschiedlich mit den Traumata und Verlusterfahrungen um. Da ist ein Jude, dessen Kinder von den Nazis “verbrannt” wurden, da ist Bilibin, ein Schriftsteller, der während seiner Lagerhaft herzkrank geworden ist.

Aber auch Nina selbst wird immer wieder von bösen Träumen heimgesucht, seitdem ihr Mann 1933 verhaftet und angeblich zu zehn Jahren Lagerhaft “ohne Briefkontakt” verurteilt wurde. Seitdem hat sie nie wieder etwas von ihm gehört. Sie dürstet nach Wissen darüber, was mit ihm geschehen ist, nach einer Grabstelle, an der sie trauern könnte. Doch die Behörden sind ein kafkesker Alptraum an Unmenschlichkeit und verweigern jegliche Auskunft.

Die erholungssuchenden Gäste tauschen sich aus, doch Nina muss sich eingestehen, dass auch Künstler ganz unterschiedlich auf die Bedrohungen durch Zensur, ideologische Gängelung und Diktatur reagieren.

Diesen Verwundungen setzt sie die Sprache, die Lyrik entgegen. Aber auch der Wald, die verschneite Landschaft tun ihr wohl.

Fazit

Tschukowskaja verarbeitet hier eigene Erfahrungen, wie den tragischen Verlust ihres Ehemannes Bronstein, eines brillanten Physikers, der dem stalinistischen Terror zum Opfer fiel.

Entstanden ist eine Geschichte, die von einer feinen, nicht korrumpierten, dabei zerbrechlichen Erzählerin erzählt wird, die weiß, dass auch diese Ruhepause – wie alles andere auch – zu Ende gehen wird.

Dem Leser kommen sowohl die nicht heilenden Wunden des Terrors als auch der Trost der Natur, die Hoffnung auf eine wahrhaftige Sprache ganz nahe. Eine Sprache, wie sie sie in den Gedichten der von ihr geliebten Lyriker findet, dem inneren Kern, der von Zensur und Diktatur unbeschmutzt ist und sich weigert, Lügen zu erzählen.

Kommt die Liebe zu einem Dichter, die Abneigung oder die Indifferenz ihm gegenüber nicht aus der Tiefe unserer Seele, ist dies alles etwa ein bloßer Zufall? Verläuft hier nicht eine Wasserscheide, eine Grenze? Gibt es einen besseren Maßstab für Sympathie und Antipathie, für Nähe und Ferne als die Beziehung zu einem Gedicht und zu der einzelnen Zeile in diesem Gedicht? (S. 54)

Claus-Ulrich Bielefeld schreibt im Kulturradio: “Untertauchen zeichnet ein abgrundtief dunkles Porträt des ‘Jahrhunderts der Wölfe’ (Nadeschda Mandelstam). Dennoch, und das ist das Paradox großer Literatur, geht von diesem Buch ein helles Licht aus, es ergreift durch seine radikale Humanität.”

Anmerkungen

Die Autorin hat an dem Roman zwischen 1949 und 1957 geschrieben. Doch erscheinen durfte er in der Sowjetunion erst 1988. Nachdem 1972 eine Ausgabe in Amerika erschien, wurde Tschukowskaja 1974 aus dem russischen Schriftstellerverband ausgeschlossen.

Und hier gibt es weitere Besprechungen: