Heinz Hilpert: So wird alles Schwere entweder leicht oder Leben (2011)

26. Juni 1944

Mir schien alles trübe und traurig, weil ich von Dir fortging. Fortging, zwar in die tiefe Glaubensgewißheit, Dich wiederzusehen – aber auch mit der harten Gewißheit, dich lange entbehren zu müssen! Das entbehren zu müssen, was der liebe Gott zu meiner innigsten Ergänzung auf die Welt geschickt hat.

Nie noch habe ich die unbedingte Zusammengehörigkeit zu einem Menschen so hinreißend und grundsätzlich gespürt – als zu Dir. […]

Jeder Berg, jeder Baum, jeder Bach, jeder Schlaf, jedes Erwachen in Sonne oder Regen […] – alles lebte nur auf Dich bezogen und in mir, süß und zwingend, zu Dir hin. Manchmal irrte ich ab, zu dieser oder jener Frau, in Gedanken, leise und ganz tierhaft, und dennoch spürte ich – alles warst Du. Aus und mit Dir lebe und sterbe ich, ich will Dich ganz bei mir haben. Ich wünsche mir, zum erstenmal in Leben, ein Kind von Dir – ich und Du. Ich will nur Dich. In Dir vollendet sich mein Leben und mein Wirkenkönnen. Gott soll uns segnen und zusammenfügen. Ich will nur Dich – nicht „weil“, sondern ohne alle Gründe, weil Du bist und weil Du so bist, wie Dich eben Gott geschaffen hat. Mir und vielen zur Freude – aber mir zur letzten, einzigen Heimat. […]

Ich habe Dich lieber als mein Leben, lieber als Sonne und Mond, lieber als alle bestirnten Nächte, als alle Bäume und Tiere, die ich kenne und liebgewonnen habe, lieber, als mir je ein Mensch war, lieber als mein Leben, meine Hoffnung, meine Einsamkeit und die Summe meiner ganzen Arbeit und aller Seligkeiten, die mich auf meinem kurzen Gang durch die Dämmerung beglückt haben.

Aus den Tagebuchaufzeichnungen Heinz Hilperts (1890-1967) vom 26. Juni 1944

Zum Hintergrund

Heinz Hilpert, Regisseur und Intendant des Deutschen Theaters, hat seine große Liebe und spätere Ehefrau Annelies „Nuschka“ Heuser (1902-1963) Ende der zwanziger Jahre kennengelernt. Sie war Jüdin, ihre  Familie emigrierte, doch Annelies blieb in Deutschland.

Gerade noch rechtzeitig kann Nuschka im Juli 1943 in die Schweiz fliehen. Hilpert reist danach mehrere Male in die Schweiz. „Das vorerst letzte Mal sehen sich Heinz  und Nuschka Anfang Juli 1944 in Zürich. Kurz bevor er das Tagebuch beginnt.“ (S. 8)

Heinz Hilpert wird schließlich jede weitere Reise in die Schweiz untersagt. Er musste vorsichtig sein, war er den nationalsozialistischen Herrschers doch bereits unangenehm aufgefallen. Und Joseph Goebbels wird der drohende Satz zugeschrieben, dass Hilperts Theater nicht anderes seien als KZs auf Urlaub.

Bis Juni 1945 schreibt nun Hilpert dieses „Tagebuch für Nuschka“, das von Michael Dillmann und Andrea Rolz herausgegeben wurde und unter dem Titel So wird alles Schwere entweder leicht oder Leben 2011 im Weidle Verlag erschienen ist.

Wir erfahren, wie das Wetter und seine jeweilige Stimmung ist, ob die Vögel singen, wie viel er an heißen Tagen trinkt und wie sehr er die sommerliche Wärme genießt, bis in den letzten Kriegsmonaten die Einträge verzweifelter werden.

Doch vor allem enthält das schmale Büchlein wunderschöne Liebesworte, auch wenn die sprachliche Vergötterung Nuschkas, der „Gebenedeiten“, die er um Segen bittet, für mich an manchen Stellen etwas schwer verdaulich war. Die geliebte Frau ist „seine Brücke“ zu Gott.

Könnte ich Dir nur einmal ganz sanft über Deine geschlossenen Lider streicheln, Deinen Haaransatz ganz, ganz leise mit meinen Lippen berühren und Dich noch ein wenig fester zudecken, damit Du nicht nachtkalt hast. Aber so bleibt mir nichts, als Dich ganz innig in  mein Gebet einzuschließen und Dich der Gnade dessen anheimzustellen, der uns zusammen auf diese wunderschöne Erde kommen ließ. (S. 21)

In poetischer Sprache umkreist Hilpert immer wieder die Fragen, wie sich diese Liebe auf ihn auswirkt, wie sie ihn verwandelt und unverwundbar macht.

Die Begriffe „sicher“ und „unsicher“ hören auf einzig und allein im Hoheitsgebiet der Liebe. Hier lebt der Mensch im Glauben, und der Glaube macht unversehrbar – man „sichert“ nicht mehr. […] und in der vollkommenen Liebe zu Dir, Nuschka, bin ich ganz unversehrbar, kann ich kämpfen, ohne mich umzusehen, kann ruhen, ohne mich zu schützen, kann schwerelos sein, ohne mich ekstatisch aufzuschwingen, kann kreisen, ohne schwindelig zu werden, kann verweilen, ohne zu versäumen. „Nichts mehr versäumen“ ist das tiefe, tiefste Lebensgefühl, was sich dem Liebenden erschließt. Er rennt und jagt nicht mehr, er bangt und flieht nicht mehr. Er hält inne und ist heiter, er geht still fort und fort und ist selig. Das Wissen und die Weisheit, die für ihn taugt, schmiegt sich still in sein Herz. (S. 24)

Geliebt werden ist schön – es entwickelt und differenziert aber nicht. Lieben – mit aller Fragwürdigkeit des Widergeliebtwerdens – ist eben eine Kraftvergeudung, die ständig verjüngt, ist eine Auslieferung, die einem sich selbst zurückbringt, ist ein Schmerzempfinden, das in Lust umschlägt. (S. 60)

Und ähnlich wie auch Bonhoeffer in seinen Brautbriefen ringt auch Hilpert darum, die lange Trennungszeit sinnvoll werden zu lassen:

Und dann baute sich immer wieder aus Sehnsucht und Liebe eine Brücke, die gerade in Dein liebes Herz hineinmündete. Und ich ging darauf und dachte, warum ist Liebe, die sich bescheiden muß und sich nicht stillen kann, weil die Geliebte fern ist, so viel inniger und zarter und verbundener, verflochtener, unauflösbarer als die, die genießt? Weil sie schmerzhafter ist? Schenkt uns der Schmerz diese ganz besonderen Innigkeiten? Warum werden Menschen erst im Entbehren wesentlich? Und ganz nahe? (S. 63)

In den letzten Kriegsmonaten werden die Briefe aus Berlin dunkler, die Verzweiflung und Sehnsucht riesengroß, aber selbst die Gedanken an den Tod sind aufgehoben in dieser großen Liebe:

Die Welt wird immer dunkler. Die Angriffe immer grauenhafter. Wir müssen’s dulden! Meine Unversehrtheit liegt ganz bei Dir und meinem Gefühl zu Dir. Was auch kommt – ich bin immer nur auf dem Wege zu Dir. Immer Richtung Nuschka. Auch wenn ich sterben muß, ist mein letzter Herzschlag für dich. Sei geküßt und gesegnet. (S. 97)

Eine weitere Besprechung findet sich auf lustauflesen.de.

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Elizabeth von Arnim: Elizabeth auf Rügen (1904)

Schon die Karte vorne im Reiseführer machte mich durstig, das Land darauf war von so üppigem Grün, das Meer ringsum so schmeichelnd blau. Und wie faszinierend ist die Insel auf der Landkarte, eine Insel voller Windungen und Kurven, mit kleinen Inlandmeeren, Bodden genannt. Seen und Wäldchen und viele Fährschiffe; vor den Küsten kleinere Inseln, wie hingetupft; zahllose Buchten und ein riesiger Wald, augenscheinlich großartig, der sich an der Ostküste entlangzieht und ihren Windungen folgt, der an manchen Stellen bis zum Meer hinabreicht, anderen hinaufsteigt bis zu den Kalkfelsen, die er mit der besonderen Pracht der Buchen krönt. (S. 9)

So gerät die Erzählerin schon angesichts der Landkarte von Rügen ins Schwärmen und beschließt, ihrem Ehemann und dem staubigen Sommer auf dem Festland den Rücken zu kehren und stattdessen ganz stilvoll mit ihrer Dienerin Jungfer Gertrud und Kutscher August um die Insel Rügen zu reisen.

The Adventures of Elizabeth in Rugen erschien erstmals 1904 und dürfte wie auch viele andere Bücher der Autorin autobiografische Züge enthalten. p1010236p1010215Anna Marie von Welck übersetzte Elizabeth auf Rügen ins Deutsche.

Die Handlung an sich ist hanebüchen und erinnert an den gequälten Witz mancher deutscher Nachkriegskomödien, was insofern schade ist, da die Erzählerin über Wortwitz, eine treffsichere Beobachtungsgabe und das nötige Quäntchen Selbstironie verfügt. Dabei werden durchaus Themen wie die Emanzipation der Frauen oder die Rolle der Bediensteten gestreift. Aber alles eher locker-luftig und mit ziemlich viel Patina, die mir nicht immer gefallen hat.

Ich war so schweigsam, daß mein Begleiter überzeugt war, ich sei eine der intelligentesten Frauen, die er je getroffen hatte. […] Intellektuell! Wie hübsch. Und das alles nur, weil ich an den richtigen Stellen den Mund gehalten habe. (S. 52)

Aber sie gibt uns wunderbar sonnige Reiseschilderungen, die man, wenn man heute auf Rügen im Sommerstau der unzähligen Touristen steht, etwas wehmütig liest. Wanderte sie stundenlang stille Straßen entlang oder ließ sie sich gemütlich kutschieren, so brausen wir heute die gleichen Strecken in wenigen Minuten mit dem Auto entlang.

In Putbus sinniert sie

wie es hier wohl im Winter aussähe und wie reizend es da wäre ohne all die Leute, unter einem glasklaren kalten Himmel, wenn das Theater monatelang geschlossen ist, wenn nur wenige Gasthäuser geöffnet sind, um die paar Handelsvertreter zu versorgen. Bestimmt wäre es ein idealer Ort, um einen stillen Winter zu verbringen, wenn man des Lärms und der Geschäftigkeit müde ist, und überhaupt aller anstrengenden Leute, die versuchen, einander Gutes zu tun. Zimmer in einem der geräumigen alten Häuser mit den großen Fenstern nach Süden hinaus, dazu eine Menge Bücher. Wie gern würde ich wenigstens einen Winter meines Lebens in Putbus verbringen […] Wie himmlisch ruhig müßte es sein. Ein Ort für einen, der sich auf ein Examen vorbereitet, ein Buch schreiben will oder nur die Falten in seiner Seele glätten möchte. Und war für Spaziergänge müßte man machen können, in frischen winterlichen Wäldern, wo blasse Sonnenstrahlen auf unberührten Schnee fallen. (S. 28/29)

p1010529Es macht Spaß, Elizabeths Eindrücke ihrer Reise mit den eigenen zu vergleichen, denn die Orte, die sie damals auf Rügen besucht hat, sind die gleichen, zu denen es auch die heutigen Reisenden zieht.

Wenn man also den Plot einfach nicht zu ernst nimmt, ist es ein charmanter Reisebegleiter für die Insel, der in seiner Freude an Urlaubsentspannung auch heute noch anzustecken vermag.

… und der Kellner kam herunter und fragte, ob er eine Lampe bringen solle. Eine Lampe! […] Ich habe eine eigene Fähigkeit, nichts zu tun und dabei glücklich zu sein. Dazusitzen und in das zu schauen, was Whitman ‚die riesige und gedankenschwere Nacht‘ nennt, war für den besten Teil meines Selbst die angemessene und befriedigende Beschäftigung. Das übrige – die Finger, die etwas tun sollten, die Zunge, die schwatzen sollte, das oberflächliche Stückchen Hirn für den täglichen Gebrauch – wie gut, daß dies alles oft müßig sein konnte. (S. 35)

Hier kann man sich das erste Kapitel vorlesen lassen.

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Wenn man alles Gewicht abwerfen will, das auf der Seele lastet, nachdem man versucht hat, seine Pflicht zu tun, oder wenn man geduldig ertragen mußte, daß andere ihre Pflicht einem selbst gegenüber erfüllt haben, so kenne ich keinen besseren Weg, als alleine hinauszugehen – entweder am Tagesanfang, wenn die Erde noch unberührt ist und  nur Gott überall ist, oder am Abend. Dann herrscht das Schweigen bis hin zu den Sternen, und zu ihnen hinaufschauend, erkennt man die Armseligkeit des vergangenen Tages, die Wertlosigkeit aller Dinge, um die man sich gemüht hat, und die Torheit, ärgerlich, ruhelos und angstvoll gewesen zu sein. (S. 115)

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O fröhliche Sorglosigkeit, wenn allein ruhiges Wetter, Bäume und Gras, Meer und Wolken vergessen lassen, daß das Leben nicht nur aus Seligkeit besteht. Wie lang wird diese Freude am Leben andauern? Sie zu verlieren, ja nur ein wenig davon zu verlieren, nur den Saum ihres Glanzes verblassen zu sehen – dies fürchte ich mehr als den Verlust irgendeines irdischen Besitzes. (S. 139)

Blogbummel August/September 2016

Beginnen wir mit Bildern der Grand Trunk Road, aufgenommen von Steve McCurry. Und dann staunen wir über diese Sonnenblumen.

Deutschsprachige Blogs

Zwischen den Seiten las Meinen Hass bekommt ihr nicht.

Mich hungert (1929) von Georg Fink wird auf Zeichen & Zeiten vorgestellt.

Auch auf schiefgelesen.net wird ein älteres Werk vorgestellt, nämlich Hiob von Joseph Roth.

Wissenstagebuch hat den einzigen Roman des Autors Sziláard Borbély gelesen, der sich 2014 das Leben nahm.

Deep Read las Das Unglück anderer Leute.

Zeichen & Zeiten war beeindruckt von Anima, geschrieben von Wajdi Mouawad.

buchreviers Begeisterung angesichts des Romans Von Liebe und Hunger von Julian Maclaren-Ross ist ansteckend.

KULTURGESCHWÄTZ und buecherrezension empfehlen Der Letzte Granatapfel von Bachtyar Ali.

Englischsprachige Blogs

The Perfectionist Pen stellt Death and the Seaside vor.

Bag Full of Books las die Autobiografie von Dodie Smith, einer bekannten britischen Kinderbuchautorin.

AnzLitLovers LitBlog stellt Wood Green von Sean Rabin vor, aber auch das Debüt Where the Rekohu Bone Sings von Tina Makereti klang vielversprechend.

Zum Schauen, Staunen und Reisen

Mit der Reisefeder ging es auf Fotosafari ins Oldenburger Münsterland.

Ingos England-Blog berichtet über die Shed of the Year Awards in Großbritannien. Was es alles gibt.

Ach, und Schottland, Schauwerte sorgt dafür, dass ich die Koffer packen möchte…

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Fundstück von Irène Némirovsky

In solchen Momenten begriff er, warum Menschen heiraten … um ‚das‘ zu haben, die Gegenwart eines anderen, das Geräusch von Röcken, jemanden, dem man unwichtige Dinge erzählen konnte, jemanden, den man nicht anlächeln mußte, wenn man schlechter Stimmung war, jemanden, der da war, wenn man schwieg.

Aus: Irène Némirovsky: Das Mißverständnis (OA 1926)

Ein kleiner, feiner Roman über eine von von Anfang an zum Scheitern verurteilte Liason zwischen einer gelangweilten reichen Ehefrau und einem in engen finanziellen Verhältnissen lebenden Angestellten, dessen Leben durch den Krieg in andere als die erwarteten Bahnen gelenkt worden war. Das Erstaunliche daran ist für mich, wie hier – im Debüt einer dreiundzwanzigjährigen Schriftstellerin – schon das große Talent und das psychologische Feingefühl der Autorin zu erkennen sind, trotz einiger Holprigkeiten und kurzer melodramatischer Anwandlungen.

Einen ausführlichen Beitrag gibt es auf der Lesewelle, die leider seit längerem nicht mehr aktiv ist.

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Jeanette Winterson: Why be happy when you could be normal (2011)

When my mother was angry with me, which was often, she said, ‘The Devil led us to the wrong crib.’ The image of Satan taking time off from the Cold War and McCarthyism to visit Manchester in 1960 – purpose of visit: to deceive Mrs Winterson – has a flamboyant theatricality to it. She was a flamboyant depressive; a woman who kept a revolver in the duster drawer, and the bullets in a tin of Pledge. A woman who stayed up all night baking cakes to avoid sleeping in the same bed as my father.

So beginnt die autobiografische Lebensrückschau der bekannten britischen Schriftstellerin

Jeanette Winterson: Why be happy when you could be normal (2011)

Monika Schmalz übersetzte Warum glücklich statt einfach nur normal? ins Deutsche. Winterson hatte schon in ihrem preisgekröntem Erstlingswerk Oranges are not the only Fruit (1985) ihre bizarre Kindheit und Jugend zum Thema gemacht: Sie war 1960 von einem armen Freikirchler-Ehepaar im Norden Englands adoptiert worden, doch waren die Wintersons denkbar ungeeignet, einem Kind Geborgenheit zu geben. Doch jetzt, ca. zehn Romane, einige Jugendbücher und Jahrzehnte später, bezeichnet Winterson ihren ersten Roman nur  noch als ‚cover version‘:

And I suppose that the saddest thing for me, thinking about the cover version that is Oranges, is that I wrote a story I could live with. The other one was too painful. I could not survive it. (S. 6)

Why be happy when you could be normal? ist nun der Versuch, sich noch einmal mit ihrer schmerzhaften Vergangenheit und den daraus resultierenden Narben auseinanderzusetzen. Diesmal soll es keine ‚cover version‘ werden. Winterson selbst bezeichnet das Buch als „experiment with experience“ und die Frage, wie viel in einem Werk streng autobiografisch sei, findet sie irrelevant. Entscheidend sei die Echtheit, die „authenticity“.  Und authentisch ist ihr neues Werk ohne Frage.

Immer stärker hat sie das Gefühl, dem Alptraum ihrer Kindheit trotz ihres berufliches Erfolges hilflos ausgeliefert zu sein: Ihre Liebesbeziehungen sind allesamt gescheitert – Winterson ist lesbisch, was dazu führte, dass sie mit 16 von ihrer Adoptivmutter rausgeworfen wurde und sie plötzlich auf der Straße stand -, sie ist nicht in der Lage, mit einem anderen Menschen unter einem Dach zu leben, sie fühlt sich zutiefst unliebenswert, wird depressiv und unternimmt im Februar 2008 einen Selbstmordversuch.

Das Buch ist nun auf mehreren Ebenen zu lesen. Wir kehren noch einmal nach Accrington zurück, wo Jeanette ihre Kindheit und Jugend verbracht hat, und erfahren noch einmal im Detail, was Mrs Winterson unter einer christlichen Erziehung verstand. Ihr Ehemann ist nur ein stiller Schatten, der ihr an keiner Stelle Paroli bietet. Dabei gelingt es Winterson – menschlich und künstlerisch beeindruckend – wie schon in Oranges are not the only Fruit, dass wir auch Mitleid mit dieser fürchterlichen und sicherlich schwer kranken Frau haben, die sich und allen anderen in ihrem Umfeld, alles, was auch nur im Entferntesten nach Leben, Körperlichkeit oder Lachen oder Glück roch, mit äußerster Brutalität versagte. Man fragt sich mehr als einmal, was Mrs Winterson selbst erlebt haben muss und warum um alles in der Welt sie überhaupt auf die Idee gekommen ist, mit 37 ein Kind zu adoptieren. Die merkwürdige Frage, die der Titel stellt, ist im Grunde das Lebensmotto der Mrs. Winterson.

Die kleine Jeanette, in der Schule ein Außenseiter und ein schwieriges, aggressives Kind, wird als Strafe oft über Nacht einfach ausgesperrt und muss dann die Nacht auf der kalten Treppenstufe verbringen.

… and I’m locked out and sitting on the doorstep again. It’s really cold and I’ve got a newspaper under my bum and I’m huddled in my duffel coat. A woman comes by and I know her. She gives me a bag of chips. She knows what my mother is like. Inside our house the light is on. Dad’s on the night shift, so she can go to bed, but she won’t sleep. She’ll read the Bible all night, and when Dad comes home, he’ll let me in, and he’ll say nothing, and she’ll say nothing, and we’ll act like it’s normal to leave your kid outside all night, and normal never to sleep with your husband. (S. 4)

Auf einer zweiten Ebene ist es eine verdichtete Reflexion über die Auswirkungen solcher Erlebnisse, über die Folgen von Adoption und Lieblosigkeit, über die Narben und lebenslangen Auswirkungen einer solchen Jugend. Als Erwachsene musste sie erst mühsam lernen, was es heißt, einen anderen Menschen zu lieben. Auch die Bestrafung beispielsweise, nachts auf den Treppenstufen sitzen zu müssen, hat sich tief in ihr Leben eingeprägt:

My friends joke that I won’t shut the door unless it is officially bedtime or actually snowing into the kitchen. The first thing I do when I get up in the morning is to open the back door. […] All those hours spent sitting on my bum on the doorstep have given me a feeling for liminal space. I love the way cats  like to be half in half out, the wild and the tame. […] I am domestic, but only if the door is open. And I guess that is the key – no one is ever going to lock me in or out again. My door is open and I am the one who opens it. (S. 60)

Aber vor allem ist es eine Reflexion über die Möglichkeiten, solche Erfahrungen zu überleben und produktiv damit umzugehen. Einer ihrer Lieblingsgedanken dazu lautet, dass die Vergangenheit nicht feststehe, man verstehe und interpretiere sie in späteren Lebensabschnitten ganz unterschiedlich, man könne sie sich verwandeln, neu betrachten und sich damit aus der Opferrolle befreien. Außerdem sei schließlich entscheidend, wie man die Karten spiele, die einem das Leben ausgeteilt habe.

I used to have an anger so big it would fill up any house. I used to feel so hopeless that I was like Tom Thumb who has to hide under a chair so as not to be trodden on. Do you remember how Sinbad tricks the genie? Sinbad opens the bottle and out comes a three-hundred-foot-tall genie who will kill poor Sinbad stone dead. So Sinbad appeals to his vanity and bets he can’t get back into the bottle. As soon as the genie does so, Sinbad stoppers the neck until the genie learns better manners. […] Sometimes, often, a part of us is both volatile and powerful – the towering anger that can kill you and others, and that threatens to overwhelm everything. We can’t negotiate with the powerful but enraged part of us until we teach it better manners – which means getting it back in the bottle to show who is really in charge. This isn’t about repression, but it is about finding a container. (S. 34 – 35)

Und so ist das Buch auf einer weiteren Ebene eine Liebeserklärung an eigene und fremde Geschichten, an Büchereien, an Literatur, die für sie nichts mit intellektueller Selbstbeweihräucherung oder elitärer Freizeitbeschäftigung zu tun hat, sondern schlicht eine Lebensnotwendigkeit ist. Literatur hat eine wesentliche Rolle bei ihrem Überleben gespielt.

When I was locked outside, or the other favourite, locked in the coal-hole, I made up stories and forgot about the cold and the dark. I know these are ways of surviving, but maybe a refusal, any refusal to be broken lets in enough light and air to keep believing in the world – the dream of escape. (S. 21)

It’s why I am a writer – I don’t say ‘decided’ to be, or ‘became’. It was not an act of will or even a conscious choice. To avoid the narrow mesh of Mrs Winterson’s story I had to be able to tell my own. Part fact part fiction is what life is. And it is always a cover story. I wrote my way out. (S. 5 – 6)

I believe in fiction and the power of stories because that way we speak in tongues. We are not silenced. All of us, when in deep trauma, find we hesitate, we stammer; there are long pauses in our speech. The thing is stuck. We get our language back through the language of others. We can turn to the poem. We can open the book. Somebody has been there for us and deep-dived the words. I needed words because unhappy families are conspiracies of silence. The one who breaks the silence is never forgiven. He or she has to learn to forgive him or herself. (S. 9)

I had no one to help me, but the T. S. Eliot helped me.
So when people say that poetry is a luxury, or an option, or for the educated middle classes, or that it shouldn’t be read at school because it is irrelevant, or any of the strange and stupid things that are said about poetry and its place in our lives, I suspect that the people saying that had things pretty easy.
A tough life needs a tough language – and that is what poetry is. That is what literature offers – a language powerful enough to say how it is. (S. 40)

Und noch auf einer weiteren Ebene spielt das Buch. Winterson erklärt, wieso es auf einmal lebenswichtig für sie wurde, mehr über ihre leibliche Mutter zu erfahren. Diese Spurensuche ist spannend und man kann kaum glauben, wie Bürokratie und dieser ganze sogenannte Dienstweg, auch hier das Leben und schlichte Mitmenschlichkeit fast bis zur Unkenntlichkeit entstellen.

Die Sprache Wintersons ist kraftvoll, schnörkellos, und auch alle Bilder und Vergleiche wirken kompromisslos, so als ob sie nur genau so hätten verwendet werden können. Sicherlich kein Zufall, da ihr als Kind Sprache vor allem in der Bibel begegnet ist. Diese Schule merkt man ihr an. Allerdings bemerkt man so manchmal erst auf den zweiten Blick, dass man wahrscheinlich nicht allen sehr apodiktisch getroffenen Aussagen zustimmen will.

An keiner Stelle habe ich überlegt, ob ich das Buch zur Seite legen möchte. Und dennoch hat mir Oranges are not the only Fruit besser gefallen. Die diversen Ebenen in Why happy when you could be normal? ließen das Buch für mich auseinanderbrechen. Es ist die Aufarbeitung der schwierigen Lebensgeschichte von einer mutigen, klugen, sprachmächtigen und reflektierten Frau. Nicht mehr und nicht weniger.

Und das sagt Sabine von Binge Reading zu dem Buch.

Die Rezensenten sind geteilter Meinung: June Thomas schreibt beispielsweise im Slate Book Review am 3. März 2012:

Three-quarters of the way through the book, the action suddenly jumps ahead 25 years to 2007 and to the breakup of a relationship, the death of her adoptive father’s second wife, to Jeanette finding her adoption papers, and eventually descending into madness. Within a few pages, she is hearing voices and attempting suicide. These passages are alarming and shockingly revealing—a woman who has looked after herself so effectively since she was 16 can barely manage the basic tasks of survival—but it’s so raw and undigested, it’s hard to take in and difficult to understand. In her 1997 Paris Review interview, Winterson said, “If you want something to be clear straightaway then it’s probably better not to read my books.” That’s fair enough in a novel, but in a memoir, the saga of seeking out a birth mother—a cold, bureaucratic process that took such a toll on Winterson’s psyche—clarity feels like a reasonable request.

Julie Myerson hat sich im Observer vom 6. November 2011 allerdings begeistert zu dem Buch geäußert. Ihre Besprechung beginnt mit den Worten:

Jeanette Winterson once asked her adoptive mother […] why they couldn’t have books in the house. ‚The trouble with a book is that you never know what’s in it until it’s too late,‘ answered the peerless Mrs Winterson. As advertisements for reading go, it’s pretty seductive. But it also happens to be wonderfully true of this vivid, unpredictable and sometimes mind-rattling memoir. You start it expecting one thing – a wry retake of her working-class gothic upbringing – and come out having been subjected to one of the more harrowing and candid investigations of mid-life breakdown I’ve ever read. This book is definitely of the sort that Mrs Winterson feared most: truths that most of us find hard to face, explored in a way that disturb, challenge, upset and inspire. And so yes, by the time I realised what it was really about and what it was going to do to me, it was definitely far ‚too late‘.

Wer mehr über Winterson und ihr Schreiben erfahren möchte, sehe sich das Amazon-Interview mit ihr an. Buzzaldrins Blog verdanke ich den Hinweis auf Wintersons sehenswerten Auftritt 2012 im Sydney Opera House, in dem sie über die Bedeutung von Literatur und ihren Roman spricht.

Books, for me, are a home. Books don’t make a home – they are one, in the sense that just as you do with a door, you open a book, and you go inside. Inside there is a different kind of time and a different kind of space. There is warmth there too – a hearth. I sit down with a book and I am warm. I know that from the chilly nights on the doorstep. (S. 61)

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Fundstück von Sophie Scholl – für alle Morgenmuffel

Ich liege gerade auch im Bett, es ist morgens, vielleicht 11 Uhr, also schon mittags; Du mußt wissen, es ist der letzte Tag vor dem Schulanfang, ich muß mich noch einmal ganz ganz gründlich ausruhen, obwohl ich das beinahe jeden Tag tue. Ich habe es auch nicht nötig, denn ich habe mich blendend erholt. Ich tue es aber trotzdem, aus Sympathie für mein liebes Bett.

Sophie Scholl in einem Brief vom 29. August 1938 an ihren Freund Fritz Hartnagel; zitiert nach: Sophie Scholl, Fritz Hartnagel: Damit wir uns nicht verlieren: Briefwechsel 1937 – 1943, hrsg. von Thomas Hartnagel