Fundstück

‘Wieder von vorn anfangen’, sagte Kobbe. ‘Alles noch einmal überprüfen, nichts für gegeben hinnehmen. Wachsam sein, ohne Vorurteile, gescheit und gütig zugleich und nie das eine ohne das andere, der Mehrheit mißtrauen und der Minderheit dazu verhelfen, gehört zu werden, die Schwachen und Kranken beschützen und den Starken ein unbequemer Partner sein, immer wieder fragen und immer von neuem wissen, daß es nicht eine Antwort gibt, sondern viele, und daß nichts beständig ist in diesem Meer der Ungwissheit. Das sind so ein paar Stichworte, die mir durch den Kopf gehen. Kannst du etwas damit anfangen?’

Hans Sahl: Die Wenigen und die Vielen (1959), S. 361

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Hans Sahl: Die Wenigen und die Vielen (1959)

Ich bin kein Held. Ich habe Angst vor Ratten und vor Schlangen. Ich gehe ungern durch einen dunklen Wald. Ich liebe es nicht, mißhandelt zu werden. Schlachtenlärm und Weltuntergänge sowie alle historischen Ereignisse, die sich geräuschvoll abspielen, sind mir unsympathisch. Ich liebe Bücher und Bilder, gute Musik und gute Weine. Ich esse gern gut. Ich lebe gern bequem. Unter normalen Umständen wäre ich gewiß ein nützliches Mitglied der Gesellschaft geworden.

Mit diesen fulminanten Sätzen beginnt das erste Kapitel des einzigen Romans von

Hans Sahl: Die Wenigen und die Vielen (1959)

Zum Inhalt

Sahl (1902 – 1993) war während der Weimarer Republik ein wichtiger Literatur- und Theaterkritiker. Bereits 1933 emigrierte er über Prag nach Paris. Zunächst politisch links orientiert, verweigerte er sich schließlich dem Stalinismus, was ihn viele Freundschaften kostete. Nach einem längeren Aufenthalt in Marseille gelang ihm 1941 die Flucht nach Amerika.

Das stark autobiografisch geprägte Buch Die Wenigen und die Vielen schildert in der Rahmenhandlung, wie sich Sahls literarisches Alter Ego Georg Kobbe 1941 ziellos durch die Straßen New Yorks treiben lässt. Dabei trifft Kobbe andere Emigranten, besucht seine ebenfalls emigrierte Schwester oder kommunistische Exilantenzirkel, versucht zu schreiben und wartet auf das Ende des Krieges.

In langen Rückblenden erzählt er seine Geschichte, die ohne den Terror und den von den Nationalsozialisten herbeigeführten Weltuntergang ja völlig anders verlaufen wäre. Kobbe erinnert sich an seine Kindheit in einem wohlhabenden jüdischen Milieu und den späteren Bruch mit seinem Vater, der ihm eine Schriftstellerexistenz verbieten will.

Die Welt war ein Taschentuch, das man zusammenlegen und auseinanderfalten und in Dreispitze, Königskronen, in Gebirgszacken und schneebedeckte Abhänge verwandeln konnte. Die Welt, das war auch das Badewasser, das zum Meer wurde, wenn man so tief lag, daß die Augen gerade über den Wasserspiegel sahen wie zwei untergehende Sonnen. Dann schlugen haushohe Wellen, Brandung wälzte sich heran, überschwemmte Mund, Nasenlöcher und Seifennapf, der wie ein Landungssteg an die Wann geklebt war, und Meeresungeheuer erhoben sich aus der Tiefe in Form von Knien, Zehen, Ellbogen und Handgelenken. Die Welt, das war auch all das, was man selbst nicht war, ein Tisch, ein Schrank, eine geputzte Messingklinke am Sonntag […] Die Welt, das war der Stuhl, in dem mein Vater am Abend zu sitzen und die Zeitung zu lesen pflegte. (S. 52)

Genauso setzt er sich aber auch mit dem deutsch-jüdischen Bürgertum auseinander, das sich das, was da noch kommen sollte, den Zusammenbruch jeglicher zivilisatorischer Normen, buchstäblich nicht vorstellen konnte, und sinniert über die Gründe für den Aufstieg der brauen Horden, die ihn schließlich auf ihre schwarzen Liste setzen.

Der einzelne hat aufgehört, für sich selbst zu denken. Er ruft nach der Gefangenschaft wie ein Verdurstender nach Wasser. Glücklich, einer Verantwortung enthoben zu sein, die ihnen längst aus der Hand genommen worden war, pflastern sie den Weg, auf dem der Eroberer einzieht, mit ihren Leibern, wollüstig die Schmach auskostend, erobert zu sein, Wachs, das darauf wartet, geformt und zu Stahl und Zement umgegossen zu werden. (S. 121)

Es liegt eine große Verführung darin, das Verbotene zur Staatsreligion zu erheben. Zwei Jahrtausende Christentum haben den Menschen gelehrt, sein schlechtes Gewissen mit Anstand zu verbergen. Jetzt fordert man ihn auf, sich öffentlich dazu zu bekennen. Sei schlecht, sagt man ihm, koste den Rausch der Schlechtigkeit aus, der uns zu Brüdern macht. Wie? Man hat dich gelehrt, du sollst nicht töten? Töte! Hier ist das Messer. Wir zeigen dir, wie es gemacht wird. Wir sind eine große Horde. […] Wie? man hat dir gesagt, daß die Leiden der anderen auch deine Leiden sind? Hier ist ein Mensch. Er ist schwächer als du. Er kann sich nicht wehren. Schlage ihn. Du wirst sehen, daß es schön ist, einen Menschen zu schlagen, der sich nicht wehren kann. Wir haben den Mut, unseren geheimen Neigungen zu leben. Wir sagen: Hasse deinen Nächsten wie dich selbst und sei unbesorgt – wir stehen hinter dir, wir schützen dich. […] Hast du nie davon geträumt, grausam zu sein um der Grausamkeit willen, zu verhöhnen, was du gestern angebetet hast? Dies alles bieten wir dir. Schlag ein. Es lohnt sich. (S. 123)

Menschen brauchen ein Ideal, um mit gutem Gewissen morden zu können. (S. 85)

Es folgen die Etappen seiner Flucht: Prag, Amsterdam, Paris, die Internierung, der grauenhafte Marsch bis nach Marseille, wo er auf Varian Fry trifft und vom Emergency Rescue Committee unterstützt wird,  -, schließlich die Flucht nach Lissabon und die Schifffahrt nach New York.

Dann wieder schildert Kobbe den Abschied von seiner alten Mutter, die in Berlin zurückbleibt:

Sie hatte sich damit abgefunden. Sie machte keine Szenen mehr. Sie war ausgesetzt in diese Zeit, der sie sich mit Anstand gewachsen zeigen mußte. Niemand half ihr dabei. Niemand sagte ihr, was sie zu tun hatte. Sie mußte es selber wissen. Sie mußte ganz allein damit fertig werden. Sie mußte wissen, warum jetzt Menschen mit Holzlatten aufeinander losschlugen, warum man Herren aus guter Familie, mit deren Eltern sie noch zur Schule gegangen war, aus dem Fenster warf, warum dieser oder jener verschwand und warum ich jetzt verschwinden mußte. Es ging alles so schnell. Man hatte keine Zeit, es ihr zu erklären. Man erwartete von ihr, daß sie es von selbst verstehen würde. Ja, wir hatten sie gut erzogen. Wir erlaubten ihr nicht, sich an jene Zeit zu erinnern, da sie sich mit Schuberts ‘Wanderer’ das Herz meines Vaters erobert hatte. (S. 162)

Er streift das Schicksal vieler Weggefährten, hinter denen man – wenn auch unter anderen Namen – unschwer Dichter wie Brecht und Roth erkennen kann. Kobbe versucht, sich seiner selbst zu vergewissern und das Gefühl fortwährender Fremdheit zu ergründen, das ihn auch nach Jahren in der amerikanischen Großstadt nicht verlässt. Ja, er fühlt sich selbst eher wie eine Romanfigur, der der eigene Sinn abhanden gekommen ist.

Kobbe erinnert sich an den Hunger in Paris, als man endgültig kein Geld mehr und kaum noch Kraft hatte, Treppen zu steigen, und an die zahlreichen lebensbedrohlichen Situationen, denen man ausgesetzt war, obwohl man doch ein Mensch des zivilisierten zwanzigsten Jahrhunderts war, dem die Eltern beigebracht hatten, mit Gabel und Messer zu essen, vor älteren Damen aufzustehen und den anderen ausreden zu lassen.

Wir nehmen Anteil an seinen Gedanken nach dem Warum und Wohin, den Fragen nach der Natur des Menschen und nach dem Verhältnis zwischen Individuum und Gesellschaft und an seiner äußeren und inneren Heimatlosigkeit.

Fazit

Der Roman wird von diversen Kritikern als ein Hauptwerk der Exilliteratur angesehen. Zunächst ging es mir wie Mara, die kürzlich über ihr Problem, Lektüren abzubrechen, nachgedacht hat, und ich fand keinen Zugang zu dem Patchworkartigen, dem Hin- und Herspringen in der Chronologie, dem Wechsel der Perspektiven und Textsorten und vor allem die nüchterne Erzählweise sorgte für eine Distanzierung meinerseits.

Vielleicht ist es genau diese Gemengelage, die Sahl dazu bewog, seinem Buch den Untertitel Roman einer Zeit zu geben, denn gerade das Fragmentarische, das Unzusammenhängende und das Zersplitterte ist wohl das Zeittypische und das Charakteristikum dieser Biografie. Nur muss man sich als Leser auf diese Sprünge einlassen und Aufmerksamkeit mitbringen, damit man den heimlichen Faden nicht verliert. Ich brauchte einen zweiten Anlauf, bis mich das Buch am Wickel hatte, dann aber richtig. Wow, was für ein Buch!

Es ist ohne Frage literaturgeschichtlich wichtig, aber auch erhellend, interessant und spannend, schildert es doch beispielhaft, was das eigentlich bedeutet, seine Heimat unfreiwillig hinter sich zu lassen:

Ich war allein. Wahrscheinlich ging es jetzt jedem so. Deutschland war ein feindliches Land geworden. Man war aus Versehen hinter die feindlichen Linien geraten und mußte sehen, wie man wieder herauskam. Es war nichts Heroisches an diesem Unternehmen. Es war kein von langer Hand vorbereitetes Abschiednehmen von den ‘Stätten der Kindheit’. Man nahm ganz einfach seinen Hut und ging hinaus und wußte nicht, wann man wiederkommen würde. Vielleicht in zwei Stunden, oder in zwei Jahren, oder nie mehr, die Hauptsache war, daß es einem gelang, unbemerkt das Haus zu verlassen, einen Zug zu besteigen und die Grenze zu überschreiten. Alles andere war Nebensache. (S. 156)

Oft ist die Erzählweise nüchtern, ja geradezu lakonisch, was Kobbe auf die Erfahrungen zurückführt, die die Emigranten gemacht haben. Als der Erzähler während seiner Spaziergänge durch New York zufällig einen Bekannten aus Deutschland trifft, heißt es:

‚Wann sind Sie angekommen?‘ fragte Kobbe.
‚Vor sechs Monaten.‘
Kobbe fragte nicht weiter. Man hatte längst aufgehört, sich nach Einzelheiten zu erkundigen. Der eine war über Martinique, der andere über Lissabon gekommen; sonst war alles so ziemlich dasselbe. Lager, Flucht, falsche Pässe, der schmale Gebirgspfad über die Grenze, der Kampf um den Schiffsplatz – man konnte die einzelnen Etappen schon wie einen Rosenkranz herunterbeten. Individuelle Abweichungen verloren bei dieser Massenflucht an Interesse. Selbst die Todesangst wurde zum abgenutzten Gesprächsthema, das keinen Zuhörer mehr fesselte. Man lebte, man war da – das genügte. Wer nicht da war, hatte Pech gehabt. Im übrigen fingen die Schwierigkeiten erst an, wenn man überlebt hatte. (S. 23)

Immer wieder gab es Stellen, die ich am liebsten seitenlang zitieren würde, und die ersten Seiten waren mit die beeindruckendsten, die ich je an einem Buchanfang gelesen habe, auch wenn dieses messerscharfe, auf den Punkt genaue Formulieren, dieses geradezu Unerbittliche nicht immer durchgehalten wird.

Dem Erzähler gelingt es, all die vielen Facetten des Grauens und des Unfasslichen, das Traurige und die Auflösung der Selbstverständlichkeiten mit seinen Worten zu fassen. Ich bin froh, bei diesem Buch einen zweiten Anlauf unternommen zu haben. Es hat sich gelohnt.

Abschließend noch ein Zitat, das überall da gilt, wo das Recht mit Füßen getreten wird:

… und schlug dem anderen mit einer Holzlatte über den Kopf. Der andere bettelte: ‘Laß mich gehen. Ich habe dir nichts getan.’ Der Stärkere lachte. Im ganzen Land wurde jetzt der Stärkere gegen den Schwächeren ausgespielt. Dieser hier spürte seine neue Macht und kostete sie aus. Zuerst hatte er nur im Scherz nach der Holzlatte gegriffen. Aber dann war da etwas in dem Gesicht des andern, das ihn aufbrachte, ein leiser, menschlicher Zug um den Mund, etwas, das er kannte, das nach Angst aussah – und Angst – das war man selber – Angst mußte totgeschlagen werden. (S. 92)

Anmerkung

Hier geht’s lang zu weiteren Besprechungen:

IMG_0347Mater Dolorosa, Pietro Torrigiani zugeschrieben, Anfang des 16. Jahrhunderts (eigene Aufnahme)

Jakob Wassermann: Caspar Hauser (1908)

In den ersten Sommertagen des Jahres 1828 liefen in Nürnberg sonderbare Gerüchte über einen Menschen, der im Vestnerturm auf der Burg in Gewahrsam gehalten wurde und der sowohl der Behörde wie den ihn beobachtenden Privatpersonen täglich mehr zu staunen gab. Es war ein Jüngling von ungefähr siebzehn Jahren. Niemand wußte, woher er kam. Er selbst vermochte keine Auskunft darüber zu erteilen, denn er war der Sprache nicht mächtiger als ein zweijähriges Kind; nur wenige Worte konnte er deutlich aussprechen …

So beginnt der in weiten Teilen auf historischen Tatsachen und Quellen beruhende Roman um den berühmten und rätselhaften “Findling” Caspar Hauser.

Jakob Wasserman: Caspar Hauser oder die Trägheit des Herzens (1908)

Zum Inhalt

Die Bürger Nürnbergs stehen dem jungen Menschen, der da so plötzlich unter ihnen auftaucht, skeptisch, neugierig, gaffend, mitleidig oder sensationslüstern gegenüber. Der schon bald vom Bürgermeister veröffentlichte Erlass, durch den man sich Informationen zur Auflösung seiner ungeklärten Herkunft erhofft, sorgt für einen Rummel ohnegleichen. Der junge Gymnasialprofessor Daumer erhält schließlich die Erlaubnis, ihn zu sich zu nehmen. Er bringt Caspar das Sprechen bei und erfährt, dass Caspar jahrelang in einem dunklen Raum bei Wasser und Brot eingesperrt gewesen sei. Er habe seinen Wärter nie gesehen, man habe ihn betäubt, wenn man ihm die Haare und Nägel schnitt, ihn wusch und neues Stroh auf sein Lager gab.

So muss er erst wieder Laufen lernen, das Sonnenlicht tut ihm weh, von Fleisch wird ihm übel. Aber in die menschenfreundliche Zuwendung Daumers mischen sich schon rasch Herablassung und Besitzerdünkel. Auf der einen Seite sieht Daumer in ihm einen ersten Adam, unschuldig und schützenswert:

Es gab eine Stunde, wo Daumer eines paradiesischen Bildes gewahr wurde: Caspar im Garten, auf der Bank sitzend, ein Buch in der Hand; Schwalben ziehen ihre Zickzackkreise um ihn, Tauben picken vor seinen Füßen, ein Schmetterling ruht auf seiner Schulter, die Hauskatze schnurrt an seinem Arm. In ihm ist die Menschheit frei von Sünde, sagte sich Daumer bei diesem Anblick, und was wäre sonst zu leisten, als einen solchen Zustand zu erhalten. Was wäre hier noch zu enträtseln, was zu verkünden? (S. 56)

Doch gleichzeitig will Daumer diesen Menschen studieren und im Tiefsten ergründen. Denn Caspar sei noch

unverpflichtete Kreatur vom ersten Schöpfungstag, ganz Seele, ganz Instinkt, ausgerüstet mit herrlichen Möglichkeiten, noch nicht verführt von der Schlange der Erkenntnis, ein Zeuge für das Walten der geheimnisvollen Kräfte, deren Erforschung die Aufgabe kommender Jahrhunderte ist. (S. 62)

Daumer nutzt ihn zu Experimenten und Kunststückchen aus, als sei er ein Zirkustier. Er ist völlig irritiert, als Caspar sich über die Bedeutung des Wörtchens “ich” klar wird und beginnt, ihm auch ein “Nein” entgegenzusetzen. Als er hört, dass Caspar bei einer Notlüge ertappt wurde, beschließt er durch ein “Gottesurteil” herauszufinden, ob sich Caspars Seele noch dem “Geisterhauch” öffne oder ob er schon zu den “Gewöhnlichen” gehöre. Er will Caspar mittels Gedankenübertragung zu einer festgelegten Stunde dazu bringen, ihm sein Tagebuch zu bringen. Das Experiment scheitert:

Ruhig blieb Daumer sitzen und stierte vor sich hin wie einer, der aus dem Rausch erwacht. Vorüber, die Frist war verstrichen. Er schämte sich sowohl seiner Niederlage als auch seines vermessenen Unterfangens, denn er war ja ein gescheiter Kopf und hatte Selbstbesinnung genug, um die spielerische Willkür dessen, was er gewollt, ernüchtert zu empfinden. Trotzdem ergriff ihn eine finstere Gleichgültigkeit. Der Hoffnungen zu gedenken, die sich noch vor kurzem an den Namen Caspar geknüpft, verursachte ihm einen schalen Geschmack auf der Zunge. (S. 112)

Den Ränken der Umwelt, der Sensationsgier, der Neugier und fehlenden Empathie ist Caspar nahezu hilflos ausgeliefert. Täglich wird er von Dutzenden bestaunt, begafft und angefasst. Jeder hat seine Pläne und Absichten mit ihm, sei es, dass er weitgereisten Herrschaften zur Abendunterhaltung dienen, der Kirche als verlorene Seele zugeführt werden oder als Daumers Versuchsobjekt für allerlei medizinische Experimente oder neue Diäten herhalten soll. Frau Behold schließlich versucht ihn zu verführen und verfolgt ihn anschließend mit üblen Verleumdungen, weil er voller Entsetzen vor ihr zurückweicht.

Staatsrat Feuerbach will der Gerechtigkeit zum Sieg verhelfen und vertritt in einem geheimen Brief an den König die Ansicht, dass es sich bei Caspar um einen totgeschwiegenen Nachkommen einer bestimmten Herrscherfamilie handeln müsse.

An dieser Stelle des Berichts stockte die Hand des Präsidenten – tagelang, wochenlang. Nicht aus Schwäche noch aus Wankelmut, sondern mit dem schmerzlichen Zagen eines Feldherrn, der des Unheils und Verderbens sicher ist, wie immer die Schlacht auch enden möge. Die Krone von einem Fürstenhaupt zu reißen und mit Fingern auf das befleckte Diadem deuten, hieß das nicht,  die Majestät auch des eigenen Königs beleidigen, geheiligte Überlieferungen mit Füßen treten, die unmündigen Völker zum Widerpart stacheln? Doch wie nie zuvor empfand er die zeugende Gewalt des Wortes, und wie Wahrheit aus Wahrheit fließt und drängt. Er nannte das Haus mit Namen. (S. 125)

Als ein Mordanschlag auf Caspar geschieht, bei dem dieser schwer verletzt wird, mag ihn Daumer endgültig nicht mehr im Hause haben und so beginnt Caspars Odyssee durch mehrere Nürnberger und Ansbacher Haushalte. Diese verschiedenen Stationen nutzt Wassermann, um ein beklemmendes Sittenbild der Gesellschaft zu zeichnen. Dabei zeigt sich sein geradezu sezierender Blick auf die verstecktesten Motive des Herzens. Als Daumer erfährt, dass schon einflussreiche Bürger Caspar beschuldigen, sich selbst die Verletzungen beigebracht zu haben, geht ihm Folgendes durch den Kopf:

Das ist also die Welt, das sind ihre Stimmen! dachte er bestürzt; das zu denken ist möglich, es auszusprechen steht jedem Mund frei! Und dieser Abgrund von Unsinn und Bosheit soll dich verschlingen, armer Caspar! […] sie werden dir die Flügel brechen. Vergebens wird die Schuldlosigkeit aus deinem Inneren strahlen, sie werden es nicht sehen, vergebens wirst du vor ihnen weinen und vergebens lächeln, du wirst ihre Hand fassen und vor Kälte schaudern, du wirst sie anblicken, und sie werden stumm sein […] Man ist Prophet und hat ein mitleidiges Gemüt, man kennt die Menschen, man weiß, daß das Feuer brennt, daß die Nadel sticht […] man kennt die Folgen dessen, was man tut, nicht wahr, Herr Daumer? Aber ist dies etwa ein Grund, den Geschehnissen wie einem Feind, der das Schwert erhoben hat, in die Arme zu fallen und den Schlag abzuwenden? Nein, es ist kein Grund. […] Darin haben die Idealisten und Seelenforscher nichts voraus vor Dieben und Wucherern. Man geht nach Hause, philosophierend geht man nach Hause, legt sich schlafen, und am nächsten Morgen sieht die Welt weit annehmbarer aus als am gestrigen, reichlich verstimmten Abend. (S. 133)

Sogar der englische Lord Philip Henry Stanhope scheint Anteil am Geschick Caspar Hausers zu nehmen und gibt große Summen aus, um die Herkunft Caspars zu klären. Auch er sieht in Caspar ein geradezu überirdisches Wesen, vor dem ersten Treffen mit ihm war dem Lord “bange, freudig bang wie einem Kind vor dem Weihnachtsabend.” (S. 169) Und schon einen Tag später ist es für den Adligen keine Frage mehr, dass er bald gemeinsam mit Caspar durch südliche Gefilde reisen wird. Doch er spielt ein falsches Spiel. Sein Gewissen ist korrumpiert, und bereits vor der ersten Begegnung hat er sich von den Feinden Caspars anheuern lassen, um ihn aus dem Wege zu schaffen oder unschädlich zu machen. Die unschuldige Liebe und das grenzenlose Vertrauen, dass der Jüngling in ihn und seine Versprechungen setzt, können ihn nicht mehr zurück auf den Weg der Redlichkeit führen.

Der wahre Gönner Caspars, der Staatsrat Feuerbach, stirbt unter mysteriösen Umständen, als er sich allein mit dem schmierig-gefährlichen Polizeileutnant Hickel auf einer Reise befindet, die Caspars Schicksal klären soll.

Fazit

Golo Mann hat Caspar Hauser angeblich einmal als den schönsten Kriminalroman bezeichnet, der je geschrieben wurde. Ich allerdings habe die Lektüre dieses Klassikers als ein mühseliges Geschäft empfunden, und das lag nicht am Umfang von 459 Seiten.

An vielen Stellen ist der Stil Wassermanns unerträglich pathetisch. Auf der zufällig gewählten Seite 20 der Taschenbuchausgabe finden sich die Wörter: “geheimnisvoll, unschuldig leuchtende Augen, Übeltat, Schande, verborgen, schmerzlich, lüstern, begehrten, erhellende Dämmerung, in beruhigter Brust nach dem Gewesenen tastete, ein Gewesenes fühlte, im Tiefsten schaudernd, mit durstigen Sinnen, sein flehentlicher Blick grub es heraus aus dem sprechenden Mund der Menschen”. Das liest sich mühsam und all die hohen Worte nutzen sich ab in einer ständigen Wiederholungsschleife. Die schier nicht enden wollende Zähflüssigkeit hat mich mehr als einmal beinahe dazu gebracht, das Buch in die Ecke zu feuern.

Auch Spannung kam nur bedingt auf, weil rasch klar war, dass die beklemmende Atmosphäre, die Intrigen, die Passivität der Caspar Wohlgesonnenen und die Boshaftigkeit seiner Umwelt, die teilweise geradezu fratzenhafte Züge annimmt, die Oberhand behalten werden. Ausnahmslos alle – bis auf den Präsidenten Feuerbach – erliegen der “Trägheit des Herzens”: Entweder setzen sie sich gegen die Unschuld Caspars geradezu zur Wehr, haben ohnehin kein Gewissen mehr oder sie sind von ihren Vorurteilen nicht mehr abzubringen. Andere wiederum gewichten Geld oder Macht höher als Menschlichkeit oder aber sie lassen ihrer Einsicht keine Taten folgen. Als Trägheit des Herzens (acedia) wird übrigens nach theologischer Lehre auch eines der sieben Hauptlaster bezeichnet.

Marcel Reich-Ranicki hat es in der FAZ 2010 so nett auf den Punkt gebracht, als er schrieb: Wassermann “wurde vom Publikum geliebt, weil er ihm nichts vorenthielt. Anspielungen und Andeutungen gibt es in seiner Prosa kaum, das Indirekte kennt seine Erzählweise nicht, auf die Ironie verzichtet er fast immer. Was er dem Leser mitzuteilen hat, teilt er in der Regel mehrfach mit. Wer will, kann ihm vorwerfen, dass er unentwegt mit dem Nürnberger Trichter hantiert. Mag sein, nur dass seine Bücher auf eine beachtliche Phantasie schließen lassen. Und der Leser hat es mit fraglos intelligenter Prosa zu tun.”

Doch was trotz allem Schwulst und Pathos und außer Rand und Band geratenen Metaphern beeindruckt, ist der scharfe Blick in menschliche Abgründe. Der Typus des Heuchlers lässt sich doch kaum besser darstellen, als es Wassermann mit der Figur des Lehrers Quandt gelungen ist. Bei ihm muss Caspar sein letztes Quartier beziehen:

Es war nämlich mit diesem Manne derart beschaffen, daß er in einer merkwürdigen Zweiheit existierte. Der eine Teil war die öffentliche Person, der Bürger, der Steuerzahler, der Kollege, das Familienoberhaupt, der Patriot, der andre Teil war sozusagen der Quandt an sich. Jener war ein Heros der Tugend, eine wahre Mustersammlung von Tugenden, dieser lag versteckt in einer stillen Ecke und belauerte die liebe Gotteswelt. Die öffentliche Person, der Bürger, der Patriot nahm herzlichen Anteil an den allgemeinen Angelegenheiten, wohingegen der Quandt an sich vergnügt die Hände rieb, wenn irgendwo irgendwas passierte: sei es nun ein unerwarteter Todesfall oder nur ein Beinbruch oder die Kaltstellung eines verdienten Beamten oder ein Diebstahl bei einer Vereinskasse oder ein Radschaden an der Postkutsche oder eine Feuersbrunst beim reichen Bauern Soundso oder die skandalöse Heirat der Gräfin Ypsilon mit ihrem Stallburschen. So unverbrüchlich der Steuerzahler, das Familienoberhaupt, der Kollege seinen Pflichten nachkam, der Quandt an sich hatte etwas von einem Revolutionär und war immer auf dem Posten, um der Weltregierung auf ihre Finger zu schauen, und stets besorgt, daß keinem mehr Ehre geschah, als er nach genauer Bilanz über seine Verdienste und Mängel, seine Vorzüge und Laster füglich beanspruchen durfte. Der öffentliche Quandt schien zufrieden mit seinem Los, der geheime fand sich allerorten und zu jeder Zeit zurückgesetzt, beleidigt, vor den Kopf gestoßen und in seinen vornehmsten Rechten gekränkt. Nun sollte man denken, mit zwei so verschieden gesinnten Kostgängern unter einem Dach sei schwer zu wirtschaften. Nichtsdestoweniger kamen die beiden Quandts trefflich nebeneinander aus. Freilich, der Neid ist ein boshaftes Tier, er durchlöcherte manchmal die Scheidewand zwischen den beiden Seelen, und wie oft der stärkste Damm nicht genügt, um eine verheerende Überschwemmung  zu verhindern, so brach eben dieser Neid bisweilen ein in die reinlichen, fruchtbaren und wohlbestellten Gefilde des Gottes- und Menschenfreundes Quandts. (S. 281)

So kommt auch die Autorin und Journalistin Petra van Cronenburg zu dem Ergebnis: “Wassermann schafft es, in einer Geschichte, die zuweilen krimihafte Züge hat und mit Sensationslust spielt, über das Wesen des Menschen nachzudenken. Caspar ist nicht nur der geheimnisvolle Fremde, der die Bürgerlichen zwingt, mit Fremdheit und Anderssein umzugehen – er ist auch die menschliche Unschuld, nach der sich die anderen Protagonisten sehnen, die ihnen Angst macht, die sie bekämpfen oder zu erhalten suchen. Das ist ein großer Roman über die Conditio humana.”

Anmerkung

Wassermann hat sich jahrelang an diesen Stoff herangetastet. Sein Großvater hatte Caspar Hauser noch gesehen und Wassermann kannte die Stätten, die für Hausers Schicksal bedeutsam wurden und er sagt in seinem Rückblick “Mein Weg als Deutscher und Jude” von 1921:

Abermals und abermals wagte ich den Anfang, zog weiten Kreis, zog engen Kreis um das Thema, fand nicht das Fundament, fand nicht die Ruhe, nicht die Kraft, nicht die Erleuchtung, wurde mutlos und ließ wieder ab. Doch bei all dem Probieren und Verzagen, Graben und Verzweifeln wuchs mir die Figur des Nürnberger Findlings unerwartet hoch empor, und sein Schicksal ward mir zum Schicksal des menschlichen Herzens überhaupt. Das Menschenherz gegen die Welt; als ich diese Formel gefunden hatte, hoben sich die Schleier, und wenngleich noch viele Mühsal zu bezwingen war, so blieb doch der Weg im Licht. (S. 77)

Zum Abschluss noch ein Zitat aus diesem Buch, das auch heute noch, über 100 Jahre später in einem Land, in dem wieder Flüchtlingsheime angezündet werden, gültig ist:

Wahrhaftig, die Menschen sind träge, stumpfe, dumme Tiere, sonst wäre mehr Empörung in der Welt. (S. 369)

Wer Interesse an den zeitgenössischen Berichten hat, sei auf das Buch Kaspar Hauser Augenzeugenberichte und Selbstzeugnisse von Hermann Pies, veröffentlicht im Gutenberg-Projekt, verwiesen. Auch der Wikipedia-Artikel ist hier, was den historischen Hintergrund und die Quellenlage angeht, zu empfehlen. Die Theorie, der ja auch Wassermann anhing, dass es sich bei Hauser um das Opfer einer von Gräfin Luise Karoline von Hochberg initiierten Kindesvertauschung handele, gilt heute als widerlegt.

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Jakob Wassermann: Mein Weg als Deutscher und Jude (1921)

Ohne Rücksicht auf die Gewöhnung meines Geistes, sich in Bildern und Figuren zu bewegen, will ich mir – gedrängt von innerer Not der Zeit – Rechenschaft ablegen über den problematischsten Teil meines Lebens, den, der mein Judentum und meine Existenz als Jude betrifft, nicht als Jude schlechthin, sondern als deutscher Jude, zwei Begriffe, die auch dem Unbefangenen Ausblick auf Fülle von Mißverständnissen, Tragik, Widersprüchen, Hader und Leiden eröffnen.

Heikel war das Thema stets, ob es nun mit Scham, mit Freiheit oder Herausforderung behandelt wurde, schönfärbend von der einen, gehässig von der anderen Seite. Heute ist es ein Brandherd.

So beginnt das außerordentlich aufschlussreiche Buch des deutsch-jüdischen Schriftstellers

Jakob Wassermann: Mein Weg als Deutscher und Jude (1921)

Zum Inhalt

Wassermann beschränkt sich in diesem Lebensrückblick, wie der Titel schon sagt, tatsächlich auf das Thema seiner deutsch-jüdischen Identität. Andere wichtige Bereiche seines Lebens, wie beispielsweise seine desaströse Ehe mit Julie Speyer, werden ausgeklammert und stattdessen in anderen Werken verarbeitet (siehe die Besprechung zu My first Wife auf dem Blog A Common Reader).

Wassermann, 1873 in Fürth geboren und 1934 in Altaussee (Österreich) gestorben, beginnt seine Bestandsaufnahme mit der Schilderung seiner freudlosen Kindheit: Die Mutter stirbt, als er neun Jahre alt ist; der Vater, ein erfolgloser Kaufmann, versucht die Familie mehr schlecht als recht als Versicherungsagent durchzubringen.

Der Junge lernt schon früh antisemitische Hänseleien kennen, die ihm aber zunächst nicht so sehr zu schaffen machen, da er spürt, dass sie weniger ihm als Individuum gelten, sondern eher der jüdischen Gemeinschaft. Es ist beklemmend zu lesen, wie klar Wassermann schon 1921 die Dämlichkeiten der Antisemiten entlarvt:

Aber ich merkte, daß meine Person, sobald sie außerhalb der Gemeinschaft auftrat, das heißt sobald die Beziehung nicht mehr gewußt wurde, von Sticheleien und Feindseligkeit fast völlig verschont blieb. Mit den Jahren immer mehr. Mein Gesichtstypus bezichtigte mich nicht als Jude, mein Gehaben nicht, mein Idiom nicht. Ich hatte eine gerade Nase und war still und bescheiden. Das klingt als Argument primitiv, aber der diesen Erfahrungen Fernstehende kann schwerlich ermessen, wie primitiv Nichtjuden in der der Beurteilung dessen sind, was jüdisch ist, und was sie für jüdisch halten. Wo ihnen nicht das Zerrbild entgegentritt, schweigt ihr Instinkt, und ich habe immer gefunden, daß der Rassenhaß, den sie sich einreden oder einreden lassen, von den gröbsten Äußerlichkeiten genährt wird, und daß sie infolgedessen über die wirkliche Gefahr in einer ganz falschen Richtung orientiert sind. Die Gehässigsten waren darin die Stumpfesten. (S. 12 – 13)

Der aufmerksame Junge nimmt von Anfang an die Ambivalenz seiner jüdischen Existenz wahr. Auf der einen Seite gehen er und seine Geschwister in den kleinen christlichen Handwerkerbetrieben der Nachbarschaft ein und aus und selbst Heiligabend dürfen sie dort zu Gast sein und werden ebenfalls beschenkt.

Aber Wachsamkeit und Fremdheit blieben. Ich war Gast, und sie feierten Feste, an denen ich keinen Teil hatte. (S. 18)

Damit ist sein Grundproblem umrissen:

Nun war aber das Bestreben meiner Natur gerade darauf gerichtet, nicht Gast zu sein, nicht als Gast betrachtet zu werden. Als gerufener nicht, als aus Mitleid und Gutmütigkeit geduldeter noch weniger, als einer, der aufgenommen wird, weil man seine Art und Herkunft zu ignorieren sich entschließt, erst recht nicht. Angeboren war mir das Verlangen, in einer gewissen Fülle des mich umgebenden Menschlichen aufzugehen. (S. 19)

Da genau dieses Verlangen nicht gestillt werden konnte, sieht Wassermann in Literatur und Landschaft seine Retter, die ihn vor dem Verlust der eigenen Identität bewahrt haben. Schon als Elfjähriger lernt er die Macht des Wortes kennen, als er, um seinen fünf Jahre jüngeren Bruder am Petzen zu hindern, diesem jeden Abend eine verwickelte Fortsetzungsgeschichte erzählt, die aber nur bei Wohlverhalten des Bruders weitergeführt wird. Es dauert nicht lange, bis er diese Geschichten nachts heimlich aufzuschreiben versucht, immer bedroht von der unfreundlichen Stiefmutter, die alles Geschriebene, was ihr in die Hände fällt, erbarmungslos vernichtet.

Seine Hoffnung, in dieser Richtung auch beruflich tätig werden zu können, scheitert an der Kleinbürgerlichkeit der Familie. Der Vater spekuliert darauf, dass Jakob als Lehrling bei einem reichen Onkel in Wien zur Sanierung der prekären finanziellen Lage beiträgt. Doch dort macht er alles andere als eine gute Figur. Er schlägt sich die Nächte mit Schreiben um die Ohren und ist am Tage zu nichts zu gebrauchen. Schließlich hält er es nicht mehr aus, reist zu einem Freund nach München und beginnt ein Studium, doch schon nach kurzer Zeit wird ihm die ohnehin zu knapp bemessene Unterhaltshilfe des Onkels gestrichen. Er nimmt seinen Militärdienst auf und trifft dort – vor allem unter seinen Kameraden – auf unverhohlenen Antisemitismus:

Zum erstenmal begegnete ich jenem in den Volkskörper gedrungenen dumpfen, starren, fast sprachlosen Haß, von dem der Name Antisemitismus fast nichts aussagt, weil er weder die Art, noch die Quelle, noch die Tiefe, noch das Ziel zu erkennen gibt. Dieser Haß hat Züge des Aberglaubens ebenso wie der freiwilligen Verblendung, der Dämonenfurcht wie der pfäffischen Verstocktheit, der Ranküne der Benachteiligten, Betrogenen ebenso wie der Unwissenheit, der Lüge und Gewissenlosigkeit wie der berechtigten Abwehr, affenhafter Bosheit wie des religiösen Fanatismus. Gier und Neugier sind in ihm, Blutdurst, Angst verführt, verlockt zu werden, Lust am Geheimnis und Niedrigkeit der Selbsteinschätzung. Er ist in solcher Verquickung und Hintergründigkeit ein besonderes deutsches Phänomen. Es ist ein deutscher Haß. (S. 39)

Wassermann seziert nicht nur die Bestandteile der Vorurteile und Benachteiligungen, denen er ausgesetzt ist, er ist sich auch im Klaren darüber, dass dies nicht ohne Folgen auf die eigene Psyche bleiben kann, gerade auch, weil selbst Freunde ihn nicht als das anerkennen können, was er ist, ein Deutscher und ein Jude. Er will schon gar nicht von ihnen als löbliche Ausnahme anerkannt werden, da er auch darin tiefverwurzelte Vorurteile am Werke sieht.

Nach kurzen und unerquicklichen Aufenthalten in Nürnberg und Freiburg zieht er – bettelarm – zu einem Freund nach Zürich. Dieser selbst gerade arbeitslos, nimmt ihn zunächst voller Herzlichkeit auf, doch schon bald geht auch durch diese enge Freundschaft ein Riss. Sie diskutieren sein Deutschtum, sein Judentum, sie kommen dabei zu keinem gemeinsamen Ergebnis, denn der Freund ist nur gewillt, ihn als eine Ausnahmeerscheinung innerhalb des eigentlich verachtenswerten jüdischen Volkes zu sehen. Die Verbindungslinien von solcherlei Einstellung und Verdrehungen zu den späteren Beschwörungen der Nazis sind schon hier mühelos zu ziehen: Die Juden hätten sich nie vollständig mit den Interessen der “Wirtsvölker” identifiziert, sie seien weder willens noch fähig, sich aus ihrer Isolierung zu lösen.

Es steckt in ihnen ein ungesunder Hochmut der Tradition noch heute. Noch heute pochen sie auf die nur ihnen allein offenbarte Lehre […] Namentlich gegen das Christentum mußte sich ihr unauslöschlicher Haß richten, denn ihm gegenüber empfanden sie wie eine Mutter, die aus ihrem Schoß den Verräter geboren hat, Verräter des Volkes, Verräter der Menschheit, Verräter Gottes. Was kann solchem Haß gleichen? Wodurch könnte er gemildert werden? […] Rache für das Erlittene zu üben, keimt wahrscheinlich als Beschluß seit Geschlechtergedenken in ihrer Seele, wuchert in ihrem Zellgewebe sozusagen; was vermag dagegen der andersgeartete Einzelne? Dergleichen Instinkte wirken unterirdisch fort und sind durch keine Übereinkunft gutmeinender Aufklärer […] aus der Welt zu schaffen. (S. 49)

Der Freund vertritt damit weit vor 1900 eine Auffassung, die – einmal zum Programm erhoben – ein Leben als jüdischer Deutscher im Grunde zu einem Ding der Unmöglichkeit erklärt:

Doch nachdem ihnen die Wege zur Gemeinschaft mit uns geebnet waren, veränderte sich wohl ihr geistiges Antlitz, ihre Spiritualität mit erstaunlicher Schnelligkeit; mit erstaunlicher Schwung- und Spannkraft machten sie unsere Notwendigkeiten zu den ihren, ihre zu den unseren, schmiegten sich den Forderungen des Staatswohls an, der öffentlichen Meinung, der Mode, widmeten ihre wunderbaren Talente der Kunst, der Wissenschaft, der sozialen Entwicklung, aber in ihrem Grund blieben sie Juden. (S. 52)

Selbst eine Konvertierung zum Christentum sei nur im oberflächlichen Sinne möglich, im tiefsten Inneren bleibe ein Jude ein Jude. Auch wenn Wassermann diese Argumentation nicht akzeptieren kann, zwingt ihn sein Freund zu unerbittlicher Selbstanalyse. Er selbst sieht die Tragik im Dasein des Juden darin, dass

er zwei Gefühle in seiner Seele einigt: das Gefühl des Vorrangs und das Gefühl der Brandmarkung. In dem beständigen Anprall, in der Reibung dieser beiden Empfindungsströme muß er leben und sich zurecht finden. […] Man besitzt aber, einfach und menschlich betrachtet, ebensowenig Vorrang dadurch, daß man Jude ist, wie man gebrandmarkt ist dadurch, daß man Jude ist.” (S. 54)

Als er dem Freund anfängt, zur Last zu fallen, fährt er – selbst die Fahrkarte müssen ihm Freunde bezahlen – zurück nach München, wo sein Vater inzwischen lebt. Es kommt dort zum Zerwürfnis, und es folgen Monate bitterster Armut und Perspektivlosigkgeit. Als ein befreundeter Schriftsteller ihm ein selbstverfasstes Buch mit freundschaftlicher Widmung schenkt, bringt er dies ohne zu zögern zum Antiquar, um davon seinen Lebensunterhalt für die nächsten Tage zu bestreiten.

Mit 23 Jahren veröffentlicht er den Roman Die Juden von Zirndorf.

Danach überspringt Wassermann elf Jahre seines Lebens und geht direkt zu seinem Werk Caspar Hauser über, dessen Thematik ihn über Jahre beschäftigt hat. Doch auch dieses Werk verschafft ihm nicht die Anerkennung als deutscher Schriftsteller, auf die er gehofft hatte. Wie gegen Glaswände stößt er überall gegen antisemitische Vorbehalte, Vorurteile und Abwiegelei.

Man denke sich einen Arbeiter, der, wenn er seinen Lohn begehrt, niemals voll ausgezahlt wird, obgleich seine Leistung in nichts hinter der der übrigen Arbeiter zurücksteht, und den man auf die Frage nach dem Grund solcher Unbill mit den Worten bescheidet: du kannst den vollen Lohn nicht beanspruchen, weil du blatternarbig bist. Er schaut in den Spiegel: Sein Gesicht ist durchaus ohne Blatternarben; er geht hin: Was wollt ihr? Ich bin ja gar nicht blatternarbig. Man zuckt die Achseln, man erwidert: Du bist als blatternarbig gemeldet, also bist du blatternarbig. In dem Gehirn des Menschen entsteht eine sonderbare Verwirrung: Das Recht wird ihm verkürzt unter dem Vorwand eines äußeres Makels, und in der Beunruhigung, die es ihm erregt, unterläßt er es, mit dem Aufgebot aller Kraft sein Recht durchzusetzen. Eine raffiniert ausgedachte Qual. (S. 84)

1898 zieht er nach Wien und ist überrascht, wie sehr das öffentliche Leben dort von Juden geprägt ist. Doch auch er ist nicht gefeit davor, in Schablonen und Verallgemeinerungen zu denken.

Mein Verhältnis zu ihnen, innerlich wie äußerlich, war von Anfang an ein höchst zwiespältiges. […] Ich schämte mich ihrer Manieren, ich schämte mich ihrer Haltung. Die Scham für den anderen ist ein ungemein quälendes Gefühl, am quälendsten natürlich, wo Blut- und Rasseverwandtschaft im Spiel ist […] Diese Scham steigerte sich manchmal bis zur Verzweiflung und bis zum Ekel. […] Es ging ein Zug von Rationalismus durch all diese Juden, der jede innigere Beziehung trübte. Bei den Niedrigen äußerte es sich und wirkte im Niedrigen, Anbetung des Erfolgs und des Reichtums, Vorteils- und Gewinnsucht, Machtgier und gesellschaftlichem Opportunismus; bei den Höheren war es das Unvermögen zur Idee und Intuition. Die Wissenschaft war ein Götze … (S. 103 – 104)

Wieder überspringt er mehrere Jahre, sagt nichts darüber, wie er seinen Lebensunterhalt bestreitet, wie er lebt, sondern geht gleich zur Veröffentlichung des Buchs Das Gänsemännchen (1915) über, das “sogleich ein herzliches und weittragendes Echo fand.” (S. 87)

Mit dem aufkommenden Zionismus kann er sich nicht identifizieren, obwohl “der Jude heute vogelfrei ist. Wenn auch nicht im juristischen Sinn, so doch im Gefühl des Volkes.” (S. 118) Schon seit Jahrhunderten seien sie die bequemen Sündenböcke, der Kanal, in den man Hass, Verbitterung und Ressentiments leiten konnte. Hellsichtig und nahezu hoffnungslos konstatiert er:

Es ist vergeblich, das Volk der Dichter und Denker im Namen seiner Dichter und Denker zu beschwören. Jedes Vorurteil, das man abgetan glaubt, bringt, wie Aas die Würmer, tausend neue zutage. […] Es ist vergeblich, in das tobsüchtige Geschrei Worte der Vernunft zu werfen. Sie sagen: was, er wagt es aufzumucken? Stopft ihm das Maul. (S. 122)

Und mit dem Wissen darum, was nur wenige Jahre später in Deutschland passiert, lesen sich seine Schlussworte erschütternd, die an die Worte Bonhoeffers erinnern, mit denen er den Tyrannenmord rechtfertigte:

Wenn ich einen Fuhrmann sehe, der sein abgetriebenes Roß mit der Peitsche dermaßen mißhandelt, daß die Adern des Tieres springen und die Nerven zittern, und es fragt mich einer von den untätig, obschon mitleidig, Herumstehenden: was soll geschehen? so sage ich ihm: reißt dem Wüterich vor allem die Peitsche aus der Hand. Erwidert mir dann einer: der Gaul ist störrisch, der Gaul ist tückisch, der Gaul will bloß die Aufmerksamkeit auf sich lenken, es ist ein gutgenährter Gaul, und der Wagen ist mit Stroh geladen, so sage ich ihm: das können wir nachher untersuchen; vor allem reißt dem Wüterich die Peitsche aus der Hand. Mehr kann Deutschland nach meiner Ansicht gewiß nicht tun. Aber es wäre viel. Es wäre genug. (S. 125)

Fazit

Mein Weg als Deutscher und Jude beeindruckt in seiner psychologischen Klarheit. Es ermöglicht uns trotz so mancher sprachlich verquasten Stelle einen Einblick in das Wesen des Antisemitismus, in rassistische Vorurteile überhaupt und in deren Auswirkungen auf die Psyche des Schriftstellers und zeigt uns Wassermanns Ringen um eine deutsche Identität.

Interessant auch sein Brief an Hedwig und Samuel Fischer aus dem Jahr 1925, in dem er die mangelnde öffentliche Anerkennung und die Zurückhaltung seines Verlegers ebenfalls mit antijüdischen Ressentiments begründet.

Marcel Reich-Ranicki schrieb in der FAZ: “Dieses Buch ist ein erschütterndes Zeitdokument, es ist Bekenntnis und Darstellung, Klage und Anklage in einem. Wassermann bekannte sich zu einer Bahn mit zwei Mittelpunkten: Er sei Deutscher und Jude zugleich – eines so sehr und so völlig wie das andere, keines ist vom anderen zu lösen. Damit ist schon gesagt, was Wassermann meinte, als er mehrfach, zumal gegen Ende seines Lebens, erklärte, er sei gescheitert.”

Yaşar Kemal: Memed mein Falke (OA 1955; deutsche Erstausgabe 1965)

Die Hänge des Taurusgebirges steigen von der weiß schäumenden Mittelmeerküste ganz allmählich bis zu den Höhen der Taurusgipfel an. Über dem Mittelmeer kann man immer weiße Wolken sehen, die aufeinandergetürmt, dahintreiben. Das Küstenland ist so glatt und ebenmäßig, daß man glauben könnte, es sei mit einer Glanzschicht überzogen. Sein Lehmboden läßt einen an Fleisch denken. Auf Stunden ins Landesinnere hinein riecht es hier nach Meer, nach der Schärfe des Salzes. Hinter den flachen Äckern mit ihrem von Furchen durchzogenen Lehm beginnt das Röhricht der Cukurova, bedeckt mit unentrinnbar ineinander verfilztem Gestrüpp, mit Brombeeren, Wildreben und Schilf – eine dunkelgrüne Hölle, ohne Anfang und Ende, dunkler und wilder noch als Urwald.

So nähern wir uns ganz behutsam der Landschaft im Süden der Türkei, wo am Fuße des Taurusgebirge eine Geschichte ihren Ausgang nimmt, die mich nicht mehr losgelassen hat.

Yaşar Kemal: Memed mein Falke (1990)

Das Original erschien bereits 1955 und wurde von Horst Wilfrid Brands ins Deutsche übersetzt. Es gab aber bereits seit 1965 Übertragungen ins Deutsche.

Zum Inhalt

Memed, ein elfjähriger magerer Bauernsohn und Halbwaise, läuft von zu Hause fort, um den Demütigungen und der grausamen Arbeit auf den Feldern des Großgrundbesitzers Abdi Aga zu entgehen. Doch er wird aufgespürt und Abdi Aga lässt ihn und seine Mutter für diesen Fluchtversuch büßen. Sie müssen in Zukunft drei Viertel ihrer Ernte abgeben, die anderen Dorfbewohner “nur” zwei Drittel. In den Wintern steht das halbe Dorf kurz vor dem Hungertod, und so sind die geschundenen, einfachen Menschen noch gezwungen dankbar zu sein, wenn der große Aga, der Besitzer von fünf Dörfern, ihnen Almosen gibt, um sie dann bei der nächsten Ernte um so stärker zu besteuern.

So zieht sich Abdi Aga einen unversöhnlichen Feind heran, der auch nicht gewillt ist, auf seine große Liebe zugunsten eines Neffen von Abdi Aga zu verzichten. Ein Kampf beginnt, bei dem keine der Seiten gewinnen kann. Memed wird zum Rächer, zum Rebell, zum vogelfreien Bandit, zum Anstoß eines grundsätzlichen gesellschaftlichen Wandels.

Fazit

Das ist ein Buch von einer Wucht, die sich schwerlich in einer Besprechung einfangen lässt.

Ein kraftvolles Abenteuer, das man gar nicht aus der Hand legen mag. Und das Ganze wird erzählt mit einer so feinen Beobachtungsgabe, mit der nicht nur Memed, ein Held wider Willen, sondern auch der feige, brutale und skrupellose Despot geschildert wird. Dieser presst seinen Untertanen alles ab, bis sie vor Sorgen ums Überleben nicht mehr klar denken können und zum willfährigen Spielball des Tyrannen werden.

Darüber hinaus eine unvergessliche Liebesgeschichte. Und all die vielen Nebenfiguren, die mit ihren Stärken und menschlichen Schwächen so anrührend und dann wieder humorvoll gezeichnet werden, dass man meint, man sähe sie direkt vor sich.

Dazu Schilderungen der harschen, unzugänglichen und einzigartigen Berg- und Hügellandschaft. Man möchte sofort hinreisen und dort zusehen, wie die Sonne untergeht.

Es war Abend geworden. In den Strahlen der sinkenden Sonne glänzte die weite Ebene wie eine ungeheure Kupferplatte. Die Wolken leuchteten. Die Sonnenscheibe schien am anderen Ende des Flachlands unmittelbar über dem Boden zu schweben. (S. 214)

Geschrieben in einer malenden und musikalischen Sprache, wie aus den Tiefen der Jahrhunderte entstiegen. Angereichert mit Geschichten und Legenden, zu denen schließlich auch Memed in den Dörfern verklärt wird.

Mein Bild der Welt ist größer geworden durch dieses Buch.

Zum Autor

Yaşar Kemal (1923 – 2015) war kurdischer Abstammung und einer der wichtigsten Schriftsteller der Türkei. Sein Memed der Falke machte ihn international berühmt.

Durch die scharfe Sozialkritik machte das Buch auf die armseligen Verhältnisse in Anatolien aufmerksam und beeinflusste die oppositionellen Strömungen, die den Umsturz von 1960 in der Türkei auslösten. (Harenberg: Das Buch der 1000 Bücher, hrsg. von Joachim Kaiser, Harenberg 2002, S. 1174)

Insgesamt gibt es vier Memed-Bände:

  • Memed mein Falke
  • Die Disteln brennen
  • Das Reich der Vierzig Augen
  • Der letzte Flug des Falken

Auf der Seite des Unionsverlages gibt es einen aufschlussreichen Text von Kemal über die Entstehung seines berühmten Romans.

Und in einem Interview mit dem Guardian aus dem Jahr 2008 äußerte er sich zu seiner grundsätzlichen Intention:

Yes, there is rebellion in my novels, but it’s rebellion against mortality. As long as man goes from one darkness to another, he will create myths for himself. The only difference between me and others is that I write mine down.

Fundstück

The writer Umberto Eco belongs to that small class of scholars who are encyclopedic, insightful, and nondull. He is the owner of a large personal library (containing thirty thousand books), and separates visitors into two categories: those who react with “Wow! Signore professore dottore Eco, what a library you have! How many of these books have you read?” and the others — a very small minority — who get the point that a private library is not an ego-boosting appendage but a research tool.

Read books are far less valuable than unread ones. The library should contain as much of what you do not know as your financial means, mortgage rates, and the currently tight real-estate market allows you to put there.

You will accumulate more knowledge and more books as you grow older, and the growing number of unread books on the shelves will look at you menacingly. Indeed, the more you know, the larger the rows of unread books.

Quelle: Nassim Nicholas Taleb: The Black Swan: The Impact of the Highly Improbable

zitiert nach: brainpickings; http://bit.ly/1DZRsPW

Und hier wird der Begriff “schwarzer Schwan” erläutert:

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Sonntagsleserin März 2015

Mal wieder ein kleiner Rückblick auf einige der Beiträge der letzten Wochen, die in verschiedenen Foto- und Literaturblogs erschienen sind.

Glück gehabt, steht schon im Regal

Sabine von Binge Reading freut sich über ihre Stefan Zweig-Entdeckung.

Ein neuer Buchblog möchte durchstöbert werden! Angelika liest stellt u. a. François Garde und seinen Roman Was mit dem weißen Wilden geschah und Judas von Amos Oz vor.

Empfehlungen deutschsprachiger Blogs

Beginnen wir mit einem Verriss zu dem Erzählband Wir haben Raketen geangelt, den ich sehr gern gelesen habe, gefunden beim Kulturgeschwätz. Das Buch muss draußen bleiben.

Birgits Beitrag auf Sätze&Schätze stammt zwar aus 2013, habe ihn aber erst jetzt entdeckt. Sie schreibt zu Landschaften der Metropole des Todes (2013) von Otto Dov Kulka und Geschichte eines Lebens (1999) von Aharon Appelfeld. Dazu Die Kinder von Auschwitz, gefunden auf dem Blog Zürcher Miszellen.

Der Hotlist-Blog las Löwen wecken von Ayelet Gundar-Goshen.

Kastelau von Charles Lewinsky hat buchrevier begeistert.

Der neue Roman Kindeswohl von Ian McEwan, da gibt es gleich zwei anregende Besprechungen, einmal auf dem Grauen Sofa und einmal bei frintze.

Leo’s Literarische Landkarten hat diesmal einen Krimi im Gepäck: The Painted Ladies von Robert B. Parker. Einen weiteren interessant klingenden Krimi gab es ebenfalls beim Grauen Sofa, und zwar Die Schuld der Anderen von Gila Lustiger.

David Wonschewski gefiel der Roman Froschnacht des Schweizer Schriftstellers Markus Werner.

Und Birgit von Sätze&Schätze hat noch einen sehr verlockend klingenden Tipp für uns: Die Tartarenwüste von Dino Buzzati. Das kommt – allen guten Vorsätzen zum Trotz – auf der Wunschliste ganz weit nach.

Empfehlungen englischsprachiger Blogs

Beauty is a Sleeping Cat macht neugierig auf Of Kids and Parents von Emil Hakl; im Deutschen unter dem Titel Treffpunkt Pinguinhaus erschienen.

Tony’s Book World kann White Dog von Romain Gary empfehlen.

John Buchan’s später auch verfilmter Thriller The Thirty-Nine Steps wird uns auf Over the Hills ans Leserherz gelegt.

Zum Schauen und Staunen

Nordlichter sind immer wieder schön, zumal ich noch nie eines “in echt” gesehen habe. Diesmal gefunden bei Christopher Martin.

Und hier sind Kommentare überflüssig:

Zum Abschluss

Viele Beiträge gab es zur Leipziger Buchmesse, doch verlinken möchte ich auf einen, der dabei charmant aus der Reihe tanzt, Hundstrüffel zeigt, wie man sich selbst so eine Messe bastelt.

Und uns LeserInnen ins Stammbuch den Artikel von Andy Miller aus dem Guardian, dessen The Year of Reading Dangerously ich vor kurzem vorgestellt habe. In We are losing the Art of Reading schreibt er u. a.:

I find these debates about reading as enjoyably incensing as anyone […] However, taken alongside the general hum of social networks, book groups, the media-shopping complex and the literary festival season now upon us, I mistrust my own eagerness to engage with this sort of stuff. It is a very good way not to get any reading done. […]

The traditional pleasures of reading are more complex than just enjoyment. They involve patience, solitude, contemplation. And therefore the books that are most at risk from our attention and integrity deficits are those that require a bit of effort. […] Books such as Middlemarch or Moby-Dick were never intended to be snapped up or whizzed through […] Middlemarch was here before we arrived, and it will be here long after we’ve gone. Perhaps we should have the humility to say: OK, I didn’t get it. What can I learn?

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