Blogbummel Juli 2015 – Teil 2

Noch ein zweiter Blick zurück auf einige sehens- und lesenswerte Blogbeiträge der letzten Wochen.

Grün tut gut, das zeigen die Bilder auf Through my Lens. Dazu hören wir “The Angler’s Song”, vorgetragen vom Deller Concort. Ich freue mich sehr, dass das Lied einen eigenen Beitrag auf Jeden Tag ein Zitat, ein Gedanke oder ein Bild bekommen hat.

Thinking in Fragments hat das Problem, das viele Leserinnen und Leser kennen: Bücher brauchen Platz, und der wird irgendwann eng. Doch selten wird es so nett auf den Punkt gebracht:

I was perfectly prepared to live in a house where I could hardly move for piles of books in unexpected places but, when it came to having to up my car insurance because I could no longer get my tiny little Peugeot into a reasonably large garage, I decided that something had to be done.

Allen, denen es ähnlich geht, sollten vielleicht aufhören, anderen Blogs zu folgen…

Empfehlungen auf deutschsprachigen Blogs

Herr Hund schreibt zu Vater und  Sohn unterwegs von Hedin Brú – und dazu ein Foto! Unglaublich.

Der Walfisch von Eduardo Mendoza wird uns von Günter Keil vorgestellt.

Birgit meldet sich auf Sätze&Schätze zu Im Frühling sterben von Rothmann aus ihrer sommerlichen Blogpause.

Petra kann Ein Frauenherz von Paul Bourget empfehlen.

VNICORNIS hat sich des Klassikers Licht im August von Faulkner angenommen: “Die Lektüre ernüchtert und verstört. Der Blick in die menschlichen Abgründe hinterlässt Spuren. Es ist aber immer eine offene Epik mit einem Hoffnungsschimmer.”

Muromez hat dazu passend Warum Klassiker lesen? von Italo Calvino gelesen.

Und Sabine von Binge Reading muss ich jetzt auch mal rügen: Schon wieder setzt sie mir was auf die Wunschliste, diesmal The Man Who Fell to Earth von Walter Tevis.

Geschichte

Wer geschichtlich-politisch interessiert ist, dem lege ich das 2015 erstmalig gedruckte Man möchte immer weinen und lachen in einem von Viktor Klemperer ans Herz; seine Tagebücher und Erinnerungen, die er während bzw. über die Revolution von 1919 geschrieben hat.

The Literary Sisters stellt How to be a good Victorian der Historikerin Ruth Goodman vor. Dazu passt der Artikel auf Spiegel Online über die seltsame Mode der Krinoline, die tausende von Frauen das Leben gekostet hat, u. a. auch einer Schwester von Oscar Wilde.

Krimis

Da gibt es zwei ältere Schätzchen, die sich vielleicht besonders als Ferienlektüre eignen könnten, zum einen mal wieder ein Buch von Agatha Christie: Heavenali stellt Ordeal by Innocence vor und Worte und Orte erinnert an Payment Deferred von C. S. Forrester (genau, das ist der, der die Hornblower-Romane geschrieben hat).

Englischsprachige Blogs

BookerTalk stellt Fiela’s Child von Dalene Matthee vor, einer südafrikanischen Autorin (1938-2005).

Bei spanischer Literatur habe ich große Lücken. JaquiWine’s Journal hätte da eine Idee, nämlich den Roman Tristana von Benito Pérez Galdós.

Fleur in Her World stellt The Improbability of Love von Hannah Rothschild vor. Klingt nach einem echten Schmöker.

Und der Blog EmilyBooks macht uns bekannt mit  Little Boy Lost (1949) von Marghanita Laski.

Zum Reisen, Staunen und Schauen

Im nächsten Frühjahr möchte ich den Keukenhof in voller Pracht erleben. Andernfalls spielenden Füchsen zusehen, gefunden auf Christopher Martin Photography. Dort gibt es auch eine Reihe von unglaublichen Landschaftsbildern.

Deep Read war in Schottland. Das Wetter wie so oft eher bescheiden und doch, was für eine Landschaft. Dann noch rasch nach Irland und auf dem Blog Historical Ragbag die alten Rundtürme besuchen. Und dann zurück nach Großbritannien und sich im Zauber der Yorkshire Dales verlieren.

Wer’s lieber sonniger mag, der kann bei Lady Fi Óbidos in Portugal besuchen.

Und wer nach Amerika möchte, sollte sich Zeit für die Golden Gate Bridge nehmen, gefunden bei Jane Lurie Photography. Und wer weiß, vielleicht reicht die Zeit noch für Patagonien, dann könnte man sich mit einem Buch von Bruce Chatwin schon einmal einstimmen, vorgestellt auf Drittgedanke.

Und mit den folgenden Bildern verabschiede ich mich in die sommerliche Blogpause. Jetzt wird nämlich gelesen. Euch allen eine gute Zeit.

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Blogbummel Juli 2015 – Teil 1

So langsam will auch Buchpost die Sommerpause einläuten, aber vorher gibt’s noch mal einige Spring Bubbles und eine kräftige Portion Sonntagsleserin. Das dazu passende Bild zeigen die Private Readers.

Fangen wir doch gleich an mit einem hinreißenden Film über die Übersetzerin Svetlana Geier, den euch Muromez empfiehlt. Wer den Film noch nicht gesehen hat, unbedingt nachholen. Und wenn wir gerade bei Filmtipps sind: Jargs Blog erinnert an Schultze gets the Blues.

Für die Buchbastler und Upcycler unter euch ein paar Ideen auf Societybride, was man mit Büchern Dekoratives zaubern kann. Den Tipp verdanke ich den Private Readers, die uns auch gleich eine Anleitung in Deutsch anbieten, mit der man eine Buchvase basteln kann.

Derlei Basteleien wären im Mittelalter undenkbar gewesen. Die – wenigen – Bücher, die man hatte, waren so wertvoll, dass man sie u. U. auch ankettete, um sie vor Diebstahl zu schützen. Einen lesens- und sehenswerten Artikel dazu gibt es auf medievalbooks.

Empfehlungen auf deutschsprachigen Blogs

Beginnen wir mit einem Autor des 19. Jahrhunderts: Der Bücherstadt Kurier erinnert an Wilhelm Raabe und sein Werk Zum Wilden Mann.

Flattersatz stellt Das Bücherzimmer von Rosemarie Marschner vor.

Masuko13 hat Rocking Horse Road von Carl Nixon gelesen und ist sehr angetan.

So kann bzw. konnte also ein Liebesbrief klingen. Wie Musik. Gefunden bei Birgits Sätzen&Schätzen.

Mädchenmeute lautet der Titel eines Buches von Kirsten Fuchs, das die Klappentexterin begeistert hat.

Libroskop weist auf das interessante Projekt Writers No One Reads hin.

Sommerzeit

Passend zur Jahreszeit stellt Binge Reading The Summer Book von Tove Jansson vor. Und apropos Sommer, hier noch zwei Lieblingsringelnatzgedichte, Sommerfrische auf Jeden Tag ein Zitat, ein Gedanke oder ein Bild und Morgenwonne auf Sätze&Schätze.

Und auch ein Gemälde von Mary Cassatt passt da ganz trefflich – da hört man doch fast das Wasser plätschern und Gregory Porter singen – sowie die Hängematte auf FindeSatz.

Tipps auf englischsprachigen Blogs

Sarah Hall hat den Roman Haweswater geschrieben und A Fiction Habit stellt ihn vor.

Kaggsy’s Bookish Ramblings macht mich neugierig auf The Uzupis Republic von Hailji.

Zum Nachsinnen, Reisen, Staunen und Schauen

Steve McCurry zeigt mit seiner Kamera auch die fürchterlichen Seiten unserer Welt, z. B. den Irrsinn der Kinderarbeit. Da fällt mir dann auch keine Überleitung mehr ein…

Dabei ist vieles auf dieser Erde so hinreißend, wie zum Beispiel die Kolibris, die Through my Lens uns zeigt, wobei die dort gezeigten Adler für mich nicht zu toppen sind.

London wäre mal wieder toll, wie Cindy eindrucksvoll zeigt. Und direkt im Anschluss nach Dead Man’s Hill… Wer nicht so weit reisen will, kann schon mal die Zeche Zollverein besuchen. Bestimmt interessant, wie der Bericht auf KULTURFORUM zeigt.

Euch allen einen wunderbaren Morgen, wie der auf Walking with a Smacked Pentax, und einen Anfang, gefunden bei Von Orten und Menschen.

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Veit-Jakobus Dieterich: Johann Amos Comenius (1991)

Wenn man bedenkt, was für ein umtriebiger, kluger und interessanter Mensch Comenius gewesen sein muss, ist es doch erstaunlich, dass die einzige Biografie von ihm der schmale Band von Veit-Jakobus Dieterich aus der Reihe der rowohlt monografien ist (1991).

Dieterich geht kurz auf den biografischen Hintergrund ein, vor dem Das Labyrinth der Welt und das Paradies des Herzens gesehen werden muss: Comenius (*1592 in Mähren) hat 1622 seine erste Frau und kurz danach seine zwei Söhne verloren. Er musste aufgrund seiner protestantischen Überzeugung in den politisch-religiösen Wirren während des Dreißigjährigen Krieges in den Untergrund und zu allem Überfluss fiel ein großer Teil seines Besitzes noch einem Brand zum Opfer.

Die Ansicht, dass ausschließlich ein sehr nach innen gerichteter Glaube, wie er im Labyrinth der Welt als Lösung propagiert wurde, sinnvoll sei, wurde später von Comenius selbst revidiert bzw. erweitert.

Sein ganzes Leben wies Comenius darauf hin, daß Welt und Mensch in ihrer gegenwärtigen Verfassung nicht in Ordnung sind. Diesem verkehrten Wesen von Welt und Mensch stellt er in einem zweiten Schritt stets den idealen, von Gott gewollten Zustand gegenüber. Auf einer dritten Stufe betont Comenius, daß der Mensch in einer doppelten Bewegung aus seinem falschen Zustand herausgehen und sich ins richtige Verhältnis zu Gott, zu sich selbst und zur Welt setzen muß. Eine Entwicklung zeigt sich bei der Frage nach dem Weg, der vom falschen zum richtigen Zustand von Welt und Mensch führt. Hier, in den Frühschriften, verweist Comenius auf den Weg nach innen, auf den mystischen Gedanken der Welt- und Selbstentfremdung, auf die wahre Herzensfrömmigkeit. Später wird ihm die Verbesserung des gesamten Menschen und der ganzen Welt zum zentralen Anliegen, und er entdeckt an diesem Punkt eine pädagogische und politische Aufgabe. (Dieterich, S. 43 f)

Der Christ muss also auch handeln, um die Welt und die in ihr herrschenden Zustände zu verbessern. Deshalb auch Comenius’ unermüdliches Bemühen um eine kindgerechte Pädagogik. Er schrieb Schulbücher, plädierte für eine allgemeine Schulpflicht – auch für Mädchen – und wollte harschen Zwang und Angst am liebsten ganz aus den Schulen verbannen.

Das Waisenkind aus einfachen Verhältnissen wurde zu einem international hoch angesehenen Gelehrten, der im Laufe seines Lebens “ein großartiges, geschlossenes Gedankensystem ausgearbeitet” hat (Dieterich, S. 8). Comenius schrieb, philosophierte und stand im Austausch mit vielen Geistesgrößen seiner Zeit, wurde als Berater an verschiedene Höfe Europas eingeladen, nahm regen Anteil am politischen Leben, musste ins Exil, heiratete dreimal und setzte sich vehement für Frieden – auch zwischen den Religionen und Konfessionen – ein, fand Krieg bestialisch und ermahnte die Herrschenden, die Armen nicht zu unterdrücken und zu knechten. Die letzten 14 Jahre seines Lebens verbrachte er in Amsterdam, wo er 1670 starb.

Fundstück

Alle Verwicklungen der Welt haben nur eine einzige Ursache, nämlich die, daß die Menschen nicht zwischen dem Nötigen und Unnötigen unterscheiden können, daß sie das, was ihnen not ist, übersehen und sich fortwährend mit dem Unnötigen beschäftigen, sich darein verwickeln und verstricken.

(Comenius, zitiert nach Dieterich, S. 110)

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Lucien Deprijck: Ein letzter Tag Unendlichkeit (2015)

Die Dunkelheit wich. Ein Tag zog herauf. Wie ein jeder das Sinnbild aller Schöpfung. Zuerst war es nur eine Veränderung, welche die wenigsten Menschen in der Lage waren wahrzunehmen. Bevor noch irgendein Zeichen von Licht erkennbar wurde, verdichtete sich die Dunkelheit, zog ein Wind auf. Als ballte sich die Nacht in einem letzten Aufbäumen zusammen. So wie alles auf der Welt sich immer aufzulehnen scheint gegen etwas, was doch ganz unvermeidlich ist. Dann veränderte sich der Horizont im Osten, so allmählich, dass ein Anfang kaum zu bestimmen war.

So beginnt

Lucien Deprijck: Ein letzter Tag Unendlichkeit (2015)

Zum Inhalt

Der ist rasch umrissen: Die kulturelle Elite Zürichs ist begeistert, als der 26-jährige Dichter Klopstock der Einladung Johann Jakob Bodmers folgt und für einige Tage im Sommer 1750 zu Besuch kommt, eilt ihm doch der Ruf voraus, ein selten begnadeter Dichter zu sein. Ein Dichter, der alle Regeln der traditionellen Dichtkunst über den Haufen wirft und damit Gottsched den Fehdehandschuh hingeworfen habe. Nur zwei Jahre zuvor hatte der Dichter mit der Veröffentlichung der ersten Gesänge seines Messias unglaubliches Aufsehen erregt. Im Stillen hofft man zudem, Klopstock an Zürich zu binden, um so dem kulturellen Leben der Stadt weiteren Aufschwung zu verschaffen.

Klopstock logiert zwar bei Bodmer, doch fühlt er sich viel wohler unter Kulturbeflissenen – und vor allem Frauen – seines Alters, und so nimmt er gern die Einladung Hirzels an, mit 17 Verehrern seiner Dichtung an einer Bootsfahrt auf dem Zürchersee teilzunehmen. Mit Klopstocks Ode Der Zürchersee wird der Tag später in die deutschsprachige Literaturgeschichte eingehen.

Und von genau diesem warmen und sonnigen Sommertag in der Natur erzählt uns Deprijck in seinem Roman. Ein Tag, an dem man tändelt und flirtet (allen voran der eher unansehnliche Klopstock) und sich neckt. Man hat nun Zeit genug, sich seines bürgerlichen Glücks zu freuen und sich zu unterhalten (auch wenn ich mir nicht so recht vorstellen kann, dass man 1750 wirklich über die Geburt Goethes gesprochen hat…). Die älteste Teilnehmerin der Lustfahrt, die man ein als Garant für die Wohlanständigkeit der ganzen Veranstaltung eingeladen hat, macht sich so ihre Gedanken über das Älterwerden. Im Übrigen wird vorzüglich gespeist, man scherzt und genießt schon früh am Tag den ersten Wein. Alle sind hingerissen, ja tief bewegt, als der umschwärmte Dichter Proben seines Könnens gibt, und der ein oder andere sinniert, angeregt durch Klopstocks Vortrag, über seine Vergänglichkeit:

Auch Hirzel hatte die Szene ordentlich gepackt. Der frühe Wein, im Landhaus ein wenig zu reichlich genossen, mochte daran nicht ganz unschuldig sein. Während Klopstock die Bilder von Kindern und Eltern hatte erstehen lassen, die einander entrissen wurden, hatte er bestürzt die mit ihm Anwesenden und insbesondere seine strahlende Gattin betrachtet, und bei der Vorstellung, der Tod könnte sie eines Tages – gar früh – auseinanderreißen, ergriff ihn eine tiefe Wehmut. Verstorbene Freunde fielen ihm ein und dass der Tod einem jeden der noch Lebenden allerorts und zu jeder Zeit unbarmherzig drohe… (S. 78)

Indem die Paare für diesen Tag willkürlich zusammengestellt werden, setzt man sich für einen Tag über die strengen Sittenregeln Zürichs hinweg. Und die bezaubernde Anna Schinz, gerade einmal 17 Jahre alt und eigentlich einem anderen Begleiter zugeteilt, sieht sich auf einmal nicht nur dem verehrten Dichterstar gegenüber, nein, sie muss auch noch auf seine Avancen reagieren.

Fazit

Nach Sunset von Klaus Modick wollte ich keine Bücher mehr lesen, in denen sich einer vorstellt, wie eine tatsächlich stattgefundene Begebenheit hätte sein können. Biografien und Autobiografien mit Vergnügen, aber nie wieder dieses Nachempfundene. Und nun habe ich es doch getan – und bin sehr froh darum.

Deprijck macht keinen Hehl daraus, dass er sich auf Briefe und andere biografische Quellen bezieht, nur zwei Kapitel haben keinerlei Quellengrundlage. Dabei ist es etwas unglücklich, dass das eine dieser Kapitel zumindest nicht dringend notwendig gewesen wäre und dass Kapitel 18 uns in epischer Breite schildert, wie Klopstock sich irgendwann nicht anders zu helfen weiß und heimlich onaniert, in der Sprache des Buches “seinen Nektar in mehreren erquickenden Stößen hervorschießen” lässt. Gewonnen ist damit nun wirklich nichts.

Doch davon abgesehen schafft der Autor einen so eigenständigen, wunderbar schwebenden Text, dass ich von nun an überzeugt bin, dass dieser Tag genau so abgelaufen ist und kein bisschen anders. Aber es ist auch ein Buch über einen besonderen Sommertag, der auf unsere Zeit hin durchlässig ist. Wer würde hier nicht an einen eigenen Sommertag denken oder die ein oder andere Äußerung nicht in die Gegenwart übertragen? Und das Ganze in einer hinreißenden Sprache, die sich dem Schreibstil der damaligen Zeit annähert und uns mit zarter Ironie und in feiner Beobachtungsgabe die Menschen von damals nahe bringt.

Ein Sommerbuch, das dem Begriff  “Sommerbuch” eine ganz neue Bedeutung verleiht.

Die Menschen waren der Natur entwachsen, laut Gottes Plan und gemäß seiner unendlichen Weisheit, doch in ihren Schoß zurückzukehren war ein berauschendes Gefühl. Als stille man eine Sehnsucht, die lange unbemerkt Bestand gehabt, eine Art von Verlangen, das man erst erkannte, wenn man im Begriff stand, es zu erfüllen. Fast ein ganzes Leben in abgeschlossenen Räumen, in engen Straßen und Gassen, in Studierzimmern, Stuben und Kutschen. Und dann hier in freier Natur, in Sonnenschein, Hitze und Wind, speisen unter freiem Himmel, unter dem lichten Dach von Eichen, so schön, so angenehm berauscht vom Wein, Gefühle der Freundschaft und Hingabe im Herzen, welches der schönsten der Damen zuflog. Nur Schönes zu betrachten, nur Schönes zu empfinden, alle Lasten abzuwerfen und alles zu vergessen, was mühselig, betrüblich war. (S. 168)

Anmerkungen

Auf der Homepage des Domradio gibt es zwei hörenswerte Interviews mit dem Autor.

Die Zentralbibliothek Zürich verlinkt auf interessante Dokumente zu Klopstock und seinem Zürich-Aufenthalt, z. B. hier und hier.

Weitere Besprechungen gibt es auf den Blogs:

Interessanterweise hat Erich Schönebeck (1884-1982) schon 1969 im Union Verlag einen schmalen Band mit dem Titel Klopstock reist nach Zürich veröffentlicht.

Im Gegensatz zu Deprijck legt Schönebeck den Schwerpunkt stärker auf die Beziehung zwischen Bodmer und Klopstock und die Frage, inwieweit man einem “Genie” ungehobeltes oder unhöfliches Verhalten nachsehen müsse. Schönebeck arbeitet häufiger mit Klopstock-Zitaten und macht mich doch neugierig auf diesen Dichterjüngling, auch wenn mir stilistisch das Buch nicht immer gefallen hat. Sehr viele empfindsame Adjektive schmücken das Werk, was heute doch ein wenig hausbacken klingt. Auch das Frauenbild, für das Anna Schinz steht und bei dem ganz selbstverständlich davon ausgegangen wird, dass die junge Frau die Passive ist, die sich zu fügen hat, möchte ich gern in der Mottenkiste belassen, unabhängig davon, ob sich Anna bei den Aufmerksamkeiten des Dichters geschmeichelt gefühlt hat oder nicht:

Und er küßte sie abermals auf den Mund. Sie wurde bleich und rot. Sie wehrte sich nicht, sondern hielt still wie ein Opferlamm. (S. 65)

Still und stumm duldete sie seine Huldigungen. (S. 74)

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Johann Amos Comenius: Das Labyrinth der Welt und das Paradies des Herzens (1631) – letzter Teil

Nachdem der junge Pilger nun die ihm bekannte Welt durchreist hat und überall an der Unvollkommenheit aller menschlichen Einrichtungen schier verzweifelt ist, kommt er zu dem ernüchternden Fazit, dass er trotz aller Versuche, fröhlich zu sein, nicht in der Lage ist, sich mit dem äußeren Schein der Dinge zu begnügen. Er schaffe es nicht, ein zufälliges und nichtssagendes Lachen für wahre Freude und die Lektüre von ein paar alten Scharteken für echte Weisheit und ein Stückchen zufälligen Glücks schon für den Gipfel der Befriedigung zu halten (siehe S. 136).

Ihr habt mir Reichtum, Seelenruhe und Erkenntnis versprochen, aber was besitze ich von alledem? Nichts! Und was kann ich? Nichts! Wo bin ich? Ich weiß es nicht. Nur das weiß ich, daß ich nach so vielen Verirrungen, so vielen Mühen, so vielen überstandenen Gefahren und innerlich völlig ermattet und erschöpft nichts anderes gefunden habe als den Schmerz in meiner eigenen Brust, dazu den Haß der andern gegen mich. (S. 136)

Er weigert sich,

verblendet wie die andern in einem Wahn zu leben, haltlos umherzuschwanken, unter dem Joch des Lebens zu seufzen und zu stöhnen und schon krank, ja halbtot noch guten Mutes zu sein. Ich aber habe gesehen und erkannt, daß ich ebenso wie die andern nichts bin, nichts kann, nichts habe, sondern daß dies alles nur ein Schein ist. Wir alle haschen nach bloßen Schatten, während die Wahrheit uns überall entweicht. (S. 136 f)

Nach einem längeren Aufenthalt in der Burg der Weisheit, bei dem er auch Salomo begegnet, sieht der Pilger keinen anderen Ausweg mehr, als Gott um Erbarmen anzuflehen, und tatsächlich, da lässt sich eine Stimme vernehmen:

Kehre dahin zurück, von wo du ausgegangen bist, in deines Herzens Kämmerlein und schließe hinter dir die Tür zu. (S. 167)

Und der Pilger befolgt diesen Rat.

Ich sammelte also, so gut ich konnte, meine Gedanken, schloß Augen, Ohren, Mund und Nase und alle sonstigen Zugänge der Seele und hielt nun Einkehr in mein Herz; doch siehe! da war es finster.

Ein Licht kommt jedoch von oben herab und in tiefer Verzückung begegnet er nun Jesus Christus, der ihn freundlich als Bruder willkommen heißt.

Wo weiltest du, mein Sohn? Wo bliebst du denn so lange? Auf welchen Wegen wandeltest, was suchtest du? Trost in der Welt? Wo konntest du ihn finden außer in Gott? Und Gott wo anders als in seinem Tempel? Und in welchem außer dem lebendigen, den er sich selbst erwählet hat, in deinem Herzen? Ich sah dich, als du irrtest; doch ich wollte, mein lieber Sohn, nicht länger warten; darum habe ich dich zu dir selbst gebracht und in dein eigenes Herz geführt; denn dieses habe ich zu meiner Wohnstätte erkoren. Wenn du mit mir dort wohnen willst, dann wirst du finden, was du in der Welt vergeblich suchtest, Frieden, Trost, den wahren Ruhm und volle Sättigung. (S. 171)

Mit Anklängen an Augustinus, die Mystiker und die Bibel – man merkt, wie sehr Comenius auch Prediger war – gibt ihm der Gottessohn noch weitere Hinweise für ein weises und gottgefälliges Leben. Dabei werden auch viele der Bereiche gestreift, die der Pilger auf seiner Weltenreise vorher durchwandert hatte. Doch nun wird ihm gezeigt, wie Ehe, Kirche, weltliche Herrschaft, Arbeit und Gelehrsamkeit aussehen, wenn sie tatsächlich unter der Herrschaft Gottes stehen. Ein stilles, friedvolles und maßvolles Himmelreich auf Erden.

Du siehst auch, mit wieviel Gepränge und wie vielen Zwistigkeiten bei den Menschen die Ausübung der Religion verbunden ist. Laß du deinen Gottesdienst darin bestehen, in aller Stille mir zu dienen, ohne dich dabei um äußere Gebräuche zu kümmern: ich entbinde dich davon. Und wenn du mich, wie ich es wünsche, im Geist und in der Wahrheit anbetest, rechte mit niemand, ob man dich auch einen Heuchler, Ketzer oder wie immer nennen mag, sondern halte dich im stillen nur an mich und diene mir allein. (S. 174)

Fazit

Zwar war das Wandern mit dem Pilger durch das Jammertal der Erde manchmal ein wenig freudlos und das eher schematische Absolvieren der verschiedenen Etappen ermüdend, doch war diese Abtönung ins Dunkle und Unvollkommene aller menschlichen Einrichtungen für Comenius aus didaktischen Gründen wohl notwendig. Nur wenn sein Pilger sich nicht mit irdischen Genüssen abspeisen lässt, sucht er weiter nach dem, was ihm wirklich Frieden und Freude bringt.

Trotzdem habe ich das Buch sehr gern gelesen. Auch wenn man nicht überall zustimmen mag: Viele zeitlose Wahrheiten, der kluge Blick auf viele Bereiche der Gesellschaft und die wuchtige und dann wieder ganz zarte und innige Sprache gefielen mir ausnehmend gut.

 

Fundstück: Comenius über Büchersammler

Indessen sah ich wieder andere, welche die Bücher weder in sich aufnahmen noch auch in die Tasche steckten, sondern auf ihre Stube trugen; und als ich ihnen nun auch dahin folgte, bemerkte ich, wie sie dieselben in sehr schöne Futterale taten, mit verschiedenen Farben bemalten, bisweilen sogar mit Gold und Silber schmückten; dann stellen sie dieselben in einem Kasten in Reihen auf, nahmen sie bald wieder heraus und unterzogen sie einer erneuten Prüfung, reihten sie nochmals ein und wiederholten diesen Vorgang mehrmals, traten bewundernd zur Seite und wieder vor, wobei sie nicht wenig stolz darauf waren, wie prächtig sich dieselben von außen ausnahmen. einige pflegten von Zeit zu Zeit die Titel zu besehen, um sie gelegentlich hersagen zu können. Ich fragte: ‘Was treiben denn die Leute da für Narrenpossen?’ ‘Lieber Freund’, entgegnete mein Führer, ‘eine schöne Bibliothek zu besitzen ist ein köstliches Ding.’ ‘Auch wenn man sie gar nicht benützt?’ bemerkte ich; er gab zur Antwort: ‘Auch den, der eine schöne Bücherei besitzt, zählt man zu den Gelehrten.’ Ich aber dachte: ‘Beiläufig so, wie einer, der viele Zangen und Hämmer hat, sie aber nicht zu gebrauchen weiß, unter die Schmiede zu zählen ist.’ (S. 54)

Und uns LeserInnen ins Stammbuch: Nur “jene, welche ihre Weisheit wohlverwahrt in ihrer Seele mit sich” tragen, müssen sich nicht vor Dieben oder Feuern fürchten, in denen Bücher verbrennen.

Johann Amos Comenius: Das Labyrinth der Welt und das Paradies des Herzens (1631)

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