Barbara Neely: Blanche on the Lam (1992)

Durch einen Hinweis auf die englische Neuveröffentlichung von 2014 geriet mir dieser mehrfach preisgekrönte Kriminalroman auf den Schirm. Und was soll ich sagen, Barbara Neely (*1941) hat mich mit ihrem ersten Roman um die schwarze Hausangestellte Blanche White so dermaßen überzeugt, dass ich es kaum abwarten kann, den nächsten Band in die Hände zu bekommen.

Auf Deutsch erschien Blanche on the Lam im Fischer Verlag 2016 unter dem Titel Night Girl.

Das Buch funktioniert auf allen Ebenen. Eine Protagonistin, die einen mit ihrer Bodenständigkeit, ihrer Stärke, ihrer Verletzlichkeit und Familienliebe sofort in ihren Bann zieht.

Doch zunächst zur Handlung, die Anfang der neunziger Jahre spielt.

Blanche, Hausangestellte in Farleigh, North Carolina, steht wegen ungedeckter Schecks vor Gericht und wird zu vier Wochen Gefängnis verurteilt. Doch als sich wegen eines Tumults im Gericht die Gelegenheit zur Flucht ergibt, haut sie ab und irrt durch die Straßen. Schließlich steht sie vor dem Haus, zu dem sie ihre Agentur an diesem Morgen eigentlich für einen einwöchigen Job hätte schicken wollen. Sie hat Glück; Grace, die Dame des Hauses, ist zwar ob Blanches Verspätung verärgert, doch letztendlich froh, dass sie noch rechtzeitig gekommen ist, denn am Nachmittag wollen sie, ihr Gatte Everett und der leicht behinderte Cousin Mumsfield zum Landsitz der reichen Erbtante Emmeline fahren und dort ein paar Tage verbringen.

Blanche soll die Familie begleiten und derweil kochen, putzen, bügeln und eben alle anstehenden Arbeiten erledigen.

Doch die Hoffnung, nun einfach einige Tage untertauchen zu können, wenigstens hin und wieder mit ihrer meinungsstarken Mama und ihrer Nichte und ihrem Neffen telefonieren zu können, bis sie finanziell in der Lage ist, nach New York zu flüchten und sich dort ein neues Zuhause aufzubauen, trügt. Irgendetwas stimmt mit dieser Familie nicht. Und das bezahlen schließlich einige mit dem Leben.

Tante Emmeline ist eine grobe Trinkerin, die arrogante Grace ihrem hübschen Gatten hörig und nur Mumsfield und der alte Gärtner Nate, ein Schwarzer, nehmen Blanche ernst und nur diesen beiden vertraut sie.

Blanche leaned back in her chair and adopted a listening pose. Nate had already proved to her that he was a storytelling man. She knew enough storytelling folks – like her Aunt Maeleen, who could bring tears to Blanche’s eyes by telling her about the tragic death and/or funeral of someone neither of them knew – to know that a storytelling person couldn’t be rushed. Their rhythm, the silences between their words, and their intonation were as important to the telling of the tale as the words they spoke. The story might sound like common gossip when told by another person, but in the mouth of a storyteller, gossip was art. (S. 83)

Neely nimmt sich wunderbar Zeit, um uns mit den Figuren, dem Haus und seiner Atmosphäre bekannt zu machen. Wer also schnelle Action und große Detektivarbeit sucht, wäre mit diesem Krimi falsch beraten.

Das hängt auch mit der Perspektive zusammen, die die politisch engagierte Autorin gewählt hat, denn hier wird konsequent aus der Sicht einer schwarzen Frau geschrieben, die ihre einschlägigen Erfahrungen mit Rassismus, Alltagsdiskriminierung und Herablassung in den Haushalten der wohlhabenderen Weißen gemacht hat und die uns ihre Überlebensstrategien ausplaudert. So habe es sich bewährt, sich immer ein bisschen dümmer und gefühliger zu stellen, damit einem die Arbeitgeber vertrauen.

Blanche was reminded of old lady Ivy, out on Long Island. She couldn’t stand to see the help in regular clothes, either. Might mistake them for human beings. (S. 11)

Und ganz ärgerlich wird sie, wenn sie bei sich oder anderen das Ausbrechen der „Darkies‘ Disease“ – der Krankheit der Schwarzen – befürchtet, die Vermutung, dass man tatsächlich von seinen weißen ArbeitgeberInnen anerkannt, ja als gleichwertiger Mensch auf Augenhöhe respekiert und gemocht werde.

There was a woman among the regular riders on the bus she often rode home from work who had a serious dose of the disease. Blanche actually cringed when the woman began talking in her bus-inclusive voice about old Mr. Stanley, who said she was more like a daughter to him than his own child, and how little Edna often slipped and called her Mama. That woman and everyone else on the bus knew what would happen to all that close family feeling if she told Mr. Stanley, or little Edna’s mama, that instead of scrubbing the kitchen floor she was going to sit down with a cup of coffee and make some phone calls. (S. 43)

Deswegen ist Blanche zunächst keineswegs begeistert, als sie merkt, dass Mumsfield und sie fast buchstäblich auf einer Wellenlänge sind.

Selbst die Art und Weise, wie sie an Informationen herankommt, ist von ihrer Hautfarbe geprägt, haben die Schwarzen in Farleigh doch ein starkes Zusammengehörigkeitsgefühl und es gibt immer jemanden, der jemanden kennt, der etwas weiß oder gehört hat. Außerdem gibt es so etwas wie ein kollektives Gedächtnis, z. B. an die Morde des Ku-Klux-Klan, und das immer präsente Bewusstsein, Schikanen weißer Gesetzeshüter relativ ungeschützt ausgesetzt zu sein.

So wird man als „weiße“ Leserin immer wieder daran erinnert, wie die Welt von einem anderen Standpunkt aus aussieht und wie sich das anfühlt.

Von wenigen Ausnahmen abgesehen fügt sich das organisch in die Handlung und die Charakterisierung dieser tollen Frau ein. Und das Ganze liest sich dabei kein bisschen trostlos, im Gegenteil: Blanche springt einem von den Seiten quasi lebensgroß entgegen. In ihrer Traurigkeit, ihrer Widerborstigkeit, ihrem Stolz und bissigen Humor, ihrer Würde. Mit ihrer ganz eigenen Stimme.

Die Titel der drei weiteren Bände lauten:

  • Blanche among the Talented Tenth (1994)
  • Blanche Cleans Up (1998)
  • Blanche Passes Go (2000)

 

 

Bartholomäus Grill: Wir Herrenmenschen (2019)

Bei seinem neuesten Buch Wir Herrenmenschen: Unser rassistisches Erbe: Eine Reise in die deutsche Kolonialgeschichte ist sich Bartholomäus Grill (*1954) durchaus des möglichen Einwands bewusst,

dass sich schon wieder ein weißer Mann anmaßt, über die koloniale Erfahrung zu schreiben. Natürlich bin auch ich durch europäische Weltbilder geprägt, und ich stelle immer wieder fest, dass ich selbst nach drei Jahrzehnten in Afrika das rassistische Erbe nicht einfach abschütteln kann. Ich habe versucht, die Blickrichtung zu ändern, um Klischees und Zerrbilder zu überwinden. Das ist mir vermutlich nicht immer gelungen. Und die Toten konnte ich auch nicht mehr zum Sprechen bringen. (S. 13)

Ausgehend vom Aufstieg rechtspopulistischer Bewegungen in Europa und der Tatsache, dass rassistisches Vokabular wieder in den allgemeinen Sprachgebrauch zurückkehre, obwohl „eine reiche Nation mit über 80 Millionen Einwohnern diese Herausforderung [die Aufnahme der Flüchtlinge im Jahr 2015] bewältigen können“ müsste, macht sich Grill auf die Suche nach unserer kolonialen Vergangenheit. Die dauerte zwar vergleichsweise kurz und endete bereits mit dem ersten Weltkrieg, doch die mentalen und wirtschaftlichen Folgen dauerten bis heute an.

Die Vorläufer des deutschen Kolonialismus gehen zurück bis auf Friedrich Wilhelm und im Jahr 1681 schaffte es ein brandenburgischer Kapitän erstmals „ein paar Häuptlingen an der Goldküste, dem heutigen Ghana, ein Abkommen aufzunötigen, in dem diese die kurfürstliche Oberhoheit über ihr Gebiet anerkannten.“ (S. 21)

Anschließend widmet sich Grill jeweils den ehemaligen Kolonialgebieten „Deutsch-Westafrika“, Togo, Kamerun, „Deutsch-Südwestafrika“, Kiautschou (in China) und den deutschen Südsee-Kolonien.

Und vor allem stellt er uns das Personal vor, das für die Kolonisierung notwendig war: Sadistische Kommandeure, Forscher, Heuchler, Betrüger und Schwindler, Rassisten, Missionare (in ihrer zweischneidigen Rolle als Vorhut der Kolonialisierung und westlicher Bildung), brutale oder aufgeklärte Aufseher, Erbauer von Stadtvillen und Händler, skrupellose Ausbeuter, Ingenieure und Wirtschaftsunternehmer.

Daneben gibt es ein Kapitel, das sich mit der Frage nach kolonialer Raubkunst beschäftigt, die heute in den deutschen Völkerkundemuseen gezeigt wird.

Auch die Rolle der Askari, der schwarzen Hilfssoldaten, die ihre deutschen Unterdrücker gegen das britische Empire verteidigen durften, wird näher beleuchtet.

Genau so interessant und erschreckend sind die Interviews, die der Autor mit deutschen Nachfahren in Namibia geführt hat und die darüber schwadronieren, dass die dummen Schwarzen ihr schönes Land zugrunderichten.

Außerdem stellt er das umstrittene Projekt des Tansania-Parks in Hamburg vor, dessen Ziel, die kommentarlose Zurschaustellung von Skulpturen aus der Kolonialgeschichte auf dem Gelände der ehemaligen Lettow-Vorbeck-Kaserne, zu massiven Protesten geführt hat und der bis heute der Öffentlichkeit nicht zugänglich ist.

Spannend auch seine Rechercheergegnisse bezüglich des Völkermordes an den Herero und Nama im heutigen Namibia, für die der Autor angefeindet worden ist. Genausowenig entzückt war er über den Beifall der ewig Gestrigen.

Grill liefert eine interessante, gut lesbare und gleichzeitig bedrückende Nachhilfestunde, denn es ist doch traurig, wie wenig wir oder ich über diese Epoche deutscher Geschichte wissen.  Und überhaupt, schon die afrikanische Landkarte (die von den ehemaligen Kolonialherren mit dem Lineal gezogenen Grenzen, die Völker auseinanderriß und verfeindete Volksgruppen in ein Staatsgebiet zwang) macht mir Mühe.

Abgerundet wird das Ganze mit Literaturempfehlungen, Reiseerinnerungen, Eindrücken und Interviews.

Was mir allerdings zu kurz bzw. oberflächlich abgehandelt wurde, war die Frage, inwieweit die heutige ungerechte globalisierte Weltordnung auf die Kolonialzeit zurückgeht. Da hätte ich mir mehr konkrete Beispiele gewünscht sowie mehr Informationen, wie genau sich die einzelnen Länder nach ihrer Unabhängigkeit entwickelt haben.

Sonja Ernst zieht für den Deutschlandfunk folgendes Fazit zu dem Buch:

Bartholomäus Grill berichtet anschaulich von diesen vielen persönlichen Begegnungen und von vielen Orten. Und das ist die Stärke des Buches. Denn vielen Lesern werden Ereignisse und Personen der Kolonialgeschichte nicht ganz neu sein. Aber Bartholomäus Grill liefert eine gute Mischung aus Analyse und Reportage. Er schreibt mitreißend und anschaulich und transportiert immer wieder die Folgen der Kolonialzeit bis ins Jetzt.

Hier zwei Interviews mit Grill:

Und zur Ergänzung kann man – erschreckend aktuell – die Thesen des Oxforder Professors Danny Dorling heranziehen: Dieser ist der Meinung, dass

a British elite drunk on nationalism is responsible for the Brexit disaster. Raised in the traditions of the British Empire, they continue to glorify the crimes committed during colonialism. (Spiegel online)

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James Runcie: Sidney Chambers and the Shadow of Death (2012)

In den letzten Wochen, in denen ich mich vorzugsweise am „Korrekturrand der Gesellschaft“ (Herr Schröder) aufgehalten habe, kamen Lesen und Bloggen naturgemäß zu kurz. Doch ganz ohne Bücher ging’s natürlich trotzdem nicht. So habe ich mich beispielsweise erneut mit Vergnügen durch alle sechs Bände um den sympathischen Pfarrer und Hobby-Ermittler Sidney Chambers geschmökert, die inzwischen verfilmt und ins Deutsche übersetzt worden sind und die ich heute noch einmal in überarbeiteter Fassung vorstellen möchte.

Canon Sidney Chambers had never intended to become a detective. Indeed, it came about quite by chance, after a funeral, when a handsome woman of indeterminate age voiced her suspicion that the recent death of a Cambridge solicitor was not suicide, as had been widely reported, but murder. It was a weekday morning in October 1953 and the pale rays of a low autumn sun were falling over the village of Grantchester.

Zum Inhalt

In Sidney Chambers and the Shadows of Death sind die sechs ersten Geschichten um Sidney Chambers versammelt, der seinen Dienst an der Kirche St Andrew and St Mary im – real existierenden – Dorf Grantchester ganz in der Nähe zu Cambridge versieht. Im ersten Fall, dem das Buch auch seinen Titel verdankt, kommt im Oktober 1953 nach der Beerdigung eines Anwalts dessen Geliebte zu Sidney und bittet ihn, sich einmal umzuhören. Sie ist sicher, dass ihr Geliebter keinen Selbstmord begangen hat, sondern ermordet wurde. Zur Polizei möchte sie nicht, da sie ihre Affäre vor ihrem Mann geheim halten will.

Und so löst Sidney, zusammen mit seinem guten Freund, Inspector Keating, mit dem er jeden Donnerstag ein paar Bierchen trinkt und Backgammon spielt, seinen ersten Fall, dem – sehr zu Sidneys Leidwesen – rasch weitere folgen sollen.

Nun muss er seine Nase in Dinge hineinstecken, die ihn eigentlich gar nichts angehen, und mehr als einmal lenken ihn seine inoffiziellen Gespräche, die er im Laufe der Ermittlungen führen muss, auch über Gebühr von seinen eigentlichen Gemeindeaufgaben und Familienpflichten ab.

Hier noch ein paar Worte zur Hauptperson:

Sidney was a tall, slender man in his early thirties. A lover of warm beer and hot jazz, a keen cricketer and an avid reader, he was known for his understated clerical elegance. His high forehead, aqualine nose and longish chin were softened by nutbrown eyes and a gentle smile, one that suggested he was always prepared to think the best of people. He had had the priestly good fortune to be born on a Sabbath day and was ordained soon after the war. After a brief curacy in Coventry, and a short spell as domestic chaplain to the Bishop of Ely, he had been appointed to the church of St Andrew and St Mary in 1952.

Fazit

Zuerst war ich enttäuscht, dass das Buch gar kein ausgewachsener Kriminalroman war, sondern eine Sammlung von sechs Erzählungen, die immer so um die 60 bis 70 Seiten umfassen. Aber diese bauen aufeinander auf und in den Folgegeschichten treffen wir immer wieder Personal, das wir schon kennen. So entsteht allmählich ein Kosmos, in dem man immer wieder gute alte Bekannte trifft, sich auskennt und doch stets auf Neue überrascht wird.

So kann es passieren, dass Sidney mit der Witwe aus der ersten Geschichte später einen regen Briefwechsel unterhält, seine Dauerfreundin Amanda in einem Fall kräftig zur Aufklärung beiträgt, um dann im nächsten selbst ins Visier des Täters zu rücken. Ebenfalls zum Stammpersonal gehört die rabiate Haushälterin Mrs Maguire, deren Herrschaftsanspruch später durch den Einzug eines Vikars und einen Labrador immer wieder an seine Grenzen stößt.

Da Sidney nur 20 Minuten mit dem Fahrrad nach Cambridge braucht und London nur eine Stunde Zugfahrt entfernt ist, können die Fälle abwechslungsreich und mit liebevoll gezeichnetem Zeitkolorit gestaltet werden. Schön auch, wenn sich plötzlich literarische Spiegelungen ergeben. In einer Geschichte im zweiten Band wird Sidney als Laienschauspieler für die Verfilmung eines Dorothy Sayers-Krimis engagiert, in einer anderen nimmt er teil an der Trauerfeier von C. S. Lewis. Die Bandbreite der Themen reicht dabei – wenn man alle Bände miteinbezieht – vom Kunstraub, Gewalt in der Ehe, dem Diebstahl einer kostbaren Bibelhandschrift, Missbrauch, einem Mord in einem Londoner Jazz-Lokal über die Spionageaffäre in den Fünfzigern an der University of Cambridge bis hin zu der repressiven Haltung gegenüber Homosexuellen und einem plötzlich verschwundenen Verlobungsring. Manchmal kann sich der geerdete Kirchenmann nur wundern:

‚What a mess people make of their lives,‘ he thought. (S. 13)

Sidneys Beruf, seine Berufung als Pfarrer, ist dabei keine bloße Staffage. Oft erfahren wir sogar, zu welchen Predigtthemen ihn seine Detektivarbeit anregt oder welche Fragen er sich im Bezug auf seinen Glauben stellt. Gerade in diesen Fragen und scheinbar beiläufigen Gedanken liegt ein großer Reiz der Geschichten.

Als er am 7. Mai 1954 im Radio vom Rekord Roger Bannisters hört, philosophiert er darüber, was alles in dieser kurzen Zeitspanne möglich ist. Man könne ein Ei kochen, einen Rekord aufstellen oder wie Sidney Bechet Summertime auf dem Saxofon spielen.

Runcie weiß selbst:

I have to confess there is perhaps an element of preachiness to it all. My editor once said to me: “These are disguised sermons, aren’t they?” I am not ashamed of that and I am hopeful that the television series, as well as being dramatic, consists of thoughtful and moral meditations on subjects such as loyalty, friendship, deceit, cruelty and generosity. There are all the usual human fallibilities and they are taken seriously; but they are also viewed, wherever possible, with a kindly eye. (Hate the sin, but love the sinner.) (Telegraph, 5. Oktober 2014)

Darüber hinaus ist Sidney belesen und kann in einem Gespräch mit seinem Vikar, in dem es darum geht, welche Schriftsteller auf eher seltsamem Weg den Tod fanden, locker mithalten.

And didn’t the Chinese poet Li Po drown while trying to kiss the reflection of the moon in water? (S. 119)

Das Ganze ist hin und wieder von dezentem Humor untermalt. Als sein Freund Inspector Keating ihn dazu bringen möchte, einem verlobten Paar etwas genauer auf den Zahn zu fühlen, entspinnt sich folgender Dialog.

‚When people come to you to be married, you tend to put the couple through their paces beforehand, don’t you?‘
‚I give them pastoral advice.‘
‚You tell them what marriage is all about; warn them that it’s not all lovey-dovey and that as soon as you have children it’s a different kettle of fish altogether… […] There’s the money worries, and the job worries and you start to grow old. Then you realise that you’ve married someone with whom you have nothing in common. You have nothing left to say to each other. That’s the kind of thing you tell them, isn’t it?’
‚I wouldn’t put it exactly like that …‘
‚But that’s the gist?‘
‚I do like it to make it a bit more optimistic, Geordie. How friendship sometimes matters more than passion. The importance of kindness…‘
‚Yes, yes, but you know what I’m getting at.‘ (S. 153)

Kurzum: Ideal für LeserInnen wie mich, die keinen Wert auf ausgedehnte Schilderungen von Brutalität in ihren Krimis legen, die Krimis eher zur Entspannung lesen und dabei trotzdem nicht für blöd verkauft werden wollen.

Gleichzeitig bieten die sechs Bände viele Anregungen und Informationen, denen man nachgehen kann. Ist Sidneys spätere Ehefrau doch Pianistin, sein erster Vikar großer Dostojewski-Fan und seine beste Freundin Amanda Kunsthistorikerin.

Runcie hat einmal gesagt, dass er mit der Reihe „a moral history of post-war Britain“ habe schaffen wollen. Und tatsächlich hat Runcie hier ein Sittengemälde der fünfziger bis siebziger Jahre geschaffen, das sich eher ruhig und mäandernd entwickelt. Und in allen Geschichten geht es nicht nur um die Auflösung, um den Täter, sondern immer auch darum, wie es den Opfern geht.

Manchmal gibt es auch gar keine eigentliche Krimi-Handlung, sondern Sidney holt einfach den von zu Hause abgehauenen Neffen zurück, der sich von seinen Eltern nicht verstanden gefühlt hat.

Überhaupt spielen Beziehungen und Loyalität gegenüber seinen Freunden eine wichtige Rolle, genauso wie die Frage nach dem angemessenen Verhalten, nach der persönlichen Moral, nach Anstand. Und Sidney ist dabei ein geduldiger und aufmerksamer Zuhörer, der den Menschen helfen möchte, sich für das jeweils Richtige zu entscheiden.

Dachte ich zwischendurch, dass die Tiefe der Charakterisierungen vielleicht nicht gerade die Stärke dieser Bücher sei, holt Runcie im sechsten Band noch einmal aus und ich bin beeindruckt, wie feinfühlig und treffend er das Wesen der Trauer beschreibt. Ein sehr würdiger Abschluss der Reihe, obwohl ich trotzdem hoffe, dass sich Runcie das doch noch mal überlegt und der menschenfreundliche Sidney, der inzwischen Archdeacon von Ely ist, weitere Fälle lösen darf.

Perhaps the rest of his life should be like this? he thought. It would involve a concentration on things close to the heart; a dedicated care of friends and family; a quieter existence, one that depended on listening harder and loving better; never resting in complacency; acknowledging faults, doubts and insecurities; the balance between solitude and company, the wish to escape and the need to come home: a loving attention. (James Runcie: Sidney Chambers and the Persistence of Love, S. 266)

Anmerkungen

Der Autor James Runcie scheint ein umtriebiger, kluger und kreativer Kopf zu sein. Hier lohnt ein Blick auf den Wikipedia-Eintrag. Auch die Rezensenten waren angetan. Hier geht’s lang zur Besprechung im Independent.

Mai 2019 erschien der Prequel-Band The Road to Grantchester.

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