Jürgen Goldstein: Die Entdeckung der Natur (2013)

Dieser Band von Jürgen Goldstein aus der Reihe der Naturkunden, herausgegeben von Judith Schalansky, setzt es sich zum Ziel, „Etappen einer Erfahrungsgeschichte“ nachzuzeichnen, also der Frage nachzugehen, wie Menschen im Laufe der europäischen Geschichte Natur betrachtet haben.

Dazu widmet Goldstein (*1962), Professor der Philosophie, den folgenden Männern und leider nur einer Frau jeweils ein Kapitel, in dem er anhand von Briefausschnitten und biografischen Aufzeichnungen entscheidende Momente ihres Lebens nachzeichnet. Schon das arg unübersichtliche Inhaltsverzeichnis, von dem ich hier nur die Untertitel zitiere, klingt verheißungsvoll und weckt lesende Entdeckerlust:

  • Francesco Petrarca besteigt 1336 den Mont Ventoux
  • Christoph Kolumbus erreicht 1492 Amerika
  • Maria Sibylla Merian erreicht 1699 Surinam
  • Georg Forster erreicht 1773 Tahiti
  • Johann Wolfgang von Goethe besteigt 1777 den Brocken
  • Georg Christoph Lichtenberg erreicht 1778 Helgoland
  • Alexander von Humboldt besteigt 1802 fast den Chimborazo
  • François-René de Chateaubriand besteigt 1804 den Vesuv
  • Charles Darwin erreicht 1835 den Galapagos-Archipel
  • Edward Whymper besteigt 1865 das Matterhorn
  • Jean-Henri Fabre besteigt 1865 den Mont Ventoux
  • Wilhelm Weike erreicht 1883 Baffin-Land
  • Fridtjof Nansen erreicht 1895 den 86. Breitengrad der Arktis
  • Claude-Lévi-Strauss erreicht 1938 Amazonien
  • Peter Handke besteigt 1979 die Sainte-Victoire
  • Reinhold Messner besteigt 1980 den Mount Everest
  • Auf der Suche nach der verlorenen Wildnis

Goldsteins unternimmt in seinem Werk den Versuch, die Entwicklung der europäischen Naturerfahrung nachzuzeichnen.

Die Entdeckung der Natur als eine seit dem 14. Jahrhundert einsetzende Erfahrungsgeschichte scheint an ihr Ende gekommen zu sein. […] Dieses Buch handelt von der einsetzenden Entdeckung, der allmählichen Entfaltung und dem drohenden Verlust der Erfahrbarkeit der Natur. (S. 23)

Mein Fazit: Manchmal ist es schön, nicht alles zu wissen, denn umso mehr Spaß macht es, mit so solide und umfangreich recherchierten Büchern wie diesem den Bildungslücken ein klein wenig abzuhelfen.  Goldsteins Entscheidung, die Protagonisten ausführlich selbst durch ihre Reiseaufzeichnungen, Tagebücher und Briefe zu Wort kommen zu lassen, lässt die LeserInnen unmittelbar an Schönheit, Gefahr, Verzweiflung, Todesnähe und überbordender Entdeckerfreude der Akteure teilhaben und sorgt für einen angenehmen Kontrast zur manchmal abstrakt-akademischen Sprache des Professors.

Der Zuwachs an Welterfahrung bei den Reisenden, die von ihren Eindrücken berichten, enthält immer auch eine Erlebnisrendite, die den Daheimgebliebenen zufällt. Das mag ein dürftiger Ersatz sein, wenn man nie in einem tropischen Regenwald gestanden, keinen Vulkan der Anden aus der Nähe gesehen und die Eislandschaften der Pole nicht aus eigener Anschauung kennengelernt hat. Aber wem auch immer diese Erfahrungen fehlen, er wäre ärmer ohne die Lektüre der Berichte über das, was er selbst nicht gesehen hat und nie sehen wird. (S. 272)

Manchmal schien mir die Fragestellung, von der er ausging, etwas aus dem Blick zu geraten, das aber war zu verschmerzen. Manches bleibt offen: War Augustinus, den Goldstein dafür verantwortlich macht, dass die Naturbetrachtung der lohnenderen und spannenderen Seelenbetrachtung untergeordnet worden sei, tatsächlich für die nächsten 1000 Jahre so tonangebend, dass Naturbetrachtung als solche eher gering geschätzt wurde? Was ist mit der Denkrichtung, in der Natur Gottes Wirken wahrzunehmen?

Auf die Kapitel zu Handke und Chris McCandless, der voller Naivität in Alaska in den Tod getrampt ist, hätte ich persönlich verzichten können. Gefreut hätte ich mich stattdessen über Kapitel zu Thoreau und Chatwin, die nur kurz erwähnt werden, außerdem fehlt Edward Abbey und das komplette Genre des sogenannten Nature Writing und statt McCandless wäre mir Everett Ruess lohnender erschienen, zumal der Tagebücher und Hunderte von Briefen hinterlassen hat, aus denen man ebenfalls trefflich hätte zitieren können.

Goldstein sagt ja selbst:

Für die vorgelegte Entdeckung der Natur kann und soll Vollständigkeit kein Ziel sein. Die Beschränkung auf exemplarische Naturerfahrungen erfolgt anhand des Leitfadens der Bergbesteigungen und Seefahrten. [Und wie hat sich dann McCandless in das Buch verirrt?] Von vielem ist daher nicht die Rede: Nicht von der Durchquerung des nordamerikanischen Kontinents durch Meriwether Lewis und William Clark 1804 bis 1806 […], nicht von David Livingstones Entdeckung der Victoria-Wasserfälle im Jahre 1855 bei seiner Durchquerung des afrikanischen Kontinents; nicht von Ludwig Leichhardts Vordringen in das Innere Australiens im Jahre 1848… (S. 23)

Ein Aspekt, der deshalb ebenfalls außen vor bleibt, ist die Eroberung des amerikanischen Kontinents. Dabei wären die theologischen Rechtfertigungen, die man in dem Prozess, sich das Land „untertan“ zu machen, anführte, im Lichte der Fragestellung, wie dort Natur gesehen und interpretiert wurde, sicherlich interessant.

Und wenn man den Bogen bis in die Gegenwart spannen möchte, könnte man noch auf den Selfie-Wahn unserer Tage verweisen, wo der Mensch nun wirklich nur noch sich selbst sieht. Sind doch 259 Menschen zwischen Oktober 2011 und November 2017 beim Erstellen von Selfies tödlich verunglückt (Quelle: Statista). Und nicht nur in Kalifornien zerstören Instagrammer genau das, was sie vorgeblich so mögen.

Zurück zu Goldsteins Werk: Was kann letztlich zufriedenstellender sein, als dass man jetzt auf den Geschmack gekommen ist, sich am liebsten mit mindestens drei der vorgestellten Protagonisten nun näher beschäftigen möchte und sich außerdem wünscht, dass der Autor einen in einem zweiten Band genauso kenntnisreich und belesen durch weitere Stationen der Naturbetrachtung führt?

Dieser zweite Band dürfte dann auch gern noch einige unternehmungslustige Frauen enthalten und in etwas freundlicheren Farben daherkommen.

Mein Lieblingszitat war übrigens das des Gärtners und Hausknechts Wilhelm Weike. Weike begleitete den Sohn des Hauses, Franz Boas, auf dessen Expedition zur Baffininsel im arktischen Teil Kanadas. Goldstein bescheinigt ihm zwar, für derlei Erfahrungen über keine adäquate Sprache zu verfügen, aber ich hatte sofort die Szene und die leicht genervte Ehefrau vor Augen:

Es ist doch sehr schön, wenn man wieder zu Hause ist. Aber die schönen Erinnerungen vom vergangenen Jahr bleiben doch […] Ich denke noch oft an die verlebten Tage bei den lieben Eskimos. Die Erinnerung ist doch schön. Ich habe schon manchen Abend gesessen  und meiner Frau erzählt, die weiß es balde so gut wie ich selbst, wie es da ist. (S. 205)

Also, Petra, vielen Dank für deinen Post zu dem Buch, der mir diesen Band auf die never ending list gesetzt hat.

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Sarah Kirsch: Ænglisch (2015)

Herr Buddenbohm war schuld daran, dass Petra von Philea’s Blog das Büchlein Ænglisch von Sarah Kirsch las. Petras Fazit:

Sarah Kirschs Ænglisch ist ein bezauberndes, sprachschrulliges Reisetagebuch, das ich wärmstens empfehle.

Was blieb mir da anderes übrig? Ich freute mich, ein prima erhaltenes Exemplar auf Tauschticket zu erstehen, und schon schmökerte ich mich durch die Erinnerungen der bekannten Lyrikerin (*1935 – †2013) an einen 16-tägigen Urlaub, den sie 2000 mit ihrem Sohn Moritz in Cornwall und Devon verbrachte. Die endgültige Form fand dieses Tagebuch im September 2012.

Und was soll ich noch groß sagen: Was wäre das für ein Pech gewesen, hätte Petra das Buch nicht empfohlen. Dabei passiert gar nichts Besonderes: Die beiden Urlauber müssen sich mit qualitativ sehr unterschiedlichen Unterkünften arrangieren, unternehmen Ausflüge zu den Sehenswürdigkeiten der Region, gehen essen und in den Zoo, freuen sich über nette Cafés, bummeln, beobachten, haben Wetter und Moritz kauft Klassiker, während sie noch Harry Potter liest.

Niemand außer uns unterwegs. Ein einziger Mensch kam uns entgegen und hat holdseligst gegrüßt. (S. 58)

Das Besondere liegt in der Aufmerksamkeit für die Kleinigkeiten, im Sprachwitz, mal poetisch, mal flapsig, in der Freude an Worten, an der Gabe Kirschs, die scheinbar belanglosen Reiseeindrücke lebendig werden zu lassen oder sie mit anderen Erfahrungen in Verbindung zu setzen. Wir reisen mit und denken gleichzeitig an eigene Urlaube, eigene kostbare und banale Erinnerungen. Nur dass wir sie wohl nicht so wunderbar in Sprache verpacken könnten.

Hin & wieder steckte ein Kormoran den Schnorchel aus dem Wasser. Wunderbarste Fregattvögel flogen, wenn ich die See und die Fregattvögel in den Lüften hab, so haut es mir nahezu um. Weeß ooch nicht weshalb. (S. 14)

Für mich schwingt in all der Leichtigkeit auch ein wenig Melancholie mit, obwohl Kirsch sich am Ende der Reise durchaus auf ihr Zuhause in Norddeutschland freut. Hat doch jeder Urlaub von Anfang an ein festgesetztes Datum der Rückkehr. Selbst der schönste Tag geht vorüber, nichts kann das aufhalten. Wir ahnen das und wollen es doch nicht wissen.

Morgen schiffen wir uns langsam dann ein. Dann ist der Sommer auch gleich vorbei, wirste sehn. (S. 58)

Diese 67 Seiten, zu denen noch ein Nachwort und eine Liste ihrer Veröffentlichungen kommen, zeigen aber auch, was Sprache vermag: Die flüchtigen Momente werden, wenn sie liebevoll wahrgenommen wurden, eben doch durch Sprache wie in Bernstein festgehalten, wie Flaschenpost weitergereicht.

Und so ließe sich das Werk auch lesen als eine Aufforderung, aufmerksamer durch seine eigenen Tage zu gehen und dabei das ein oder andere zu notieren.

Ein kleines Werk; wie Wasser, auf dem die Sonne funkelt.

War so hübsch da im Schloß uff Mount St. Michael, als wir durch alle möglichen Waffenzimmer in die sehr hübsche gemütliche Bibliothek gelangten, da sagte er aus vollem Herzen, daß er am liebsten in solche Bibliothek immer wär. (S. 50)

 

 

 

Alma M. Karlin: Ein Mensch wird (1931)

Obwohl Alma Maximiliana Karlin in den zwanziger und dreißiger Jahren eine der bekanntesten deutschsprachigen Reiseschriftstellerinnen war, war sie mir bis zu diesem Buch unbekannt.

1889 wurde sie im damaligen Österreich-Ungarn, dem heutigen Slowenien, geboren. Nach einem bewegten Leben geriet sie in ihrer Heimat, vermutlich aufgrund der Vorbehalte gegenüber ihrer Zugehörigkeit zum deutschen Kulturraum, nach dem Zweiten Weltkrieg in Vergessenheit. 1950 starb sie verarmt und vergessen in ihrer Heimat.

Dass eine Wiederentdeckung lohnt, zeigen schon die ersten Seiten ihrer Autobiografie, auf denen Karlin einen ganz eigenen Klang entfaltet. So schreibt sie über ihre ersten Lebenstage:

Ich schlug die Augen nur selten auf, wohl aus dem richtigen Gefühl heraus, daß es für mich auf Erden noch genug Unangenehmes zu schauen geben würde, und so vergingen volle sechs Wochen, ehe meine Eltern wahrnahmen, daß ich die Augen unrichtig eingehängt hatte. Meine Mutter war trostlos darüber, weil es ein Schönheitsfehler, eine weitere Handhabe zu bösartigem Spott war, aber mein Vater sagte sich, daß an einem Zwetschkenbaum keine Pfirsiche hängen und von sehr alten Eltern keine körperlich bervorzugten Kinder kommen konnten, und deshalb erklärte er mir, als ich in die Jahre des Verstehens gekommen war, daß ich ihm so, wie ich eben ausgefallen war, ganz gut paßte. Diese seine Einstellung freute mich um so mehr, als er darin vereinsamt dastand, denn nicht einmal von mir selbst dürfte ich Gleiches behaupten. Ein Menschenleben hat nicht genügt, mich mit meinem Äußeren zu versöhnen. (S. 9)

Die ersten Jahre sind für die kleine Alma im Großen und Ganzen noch eine unbeschwerte Zeit. Die Eltern sind wohlhabend und die Liebe ihres bereits 60-jährigen Vaters schützt sie vor der unnachsichtigen, überängstlichen und nur auf den äußeren Schein bedachten Mutter, der es ein ewiger Stein des Anstoßes war, dass das angeblich so unhübsche und linksseitig leicht gelähmte Mädchen sich nicht zu einem fügsamen Modepüppchen entwickeln wollte. Und damit möglichst niemand den Sehfehler ihrer Tochter bemerkt, stülpt sie ihr, sobald man das Haus verlässt, „schwammartige Hüte“ über den Kopf.

Mit ihrem Vater unternimmt sie lange Spaziergänge, auf denen sie auch mal mitsamt dem neuen Mantel in die Pfütze fällt, weil sie nicht weit genug gesprungen ist, während die Spaziergänge mit ihrer Mutter der reinste Graus sind.

Bis ich genug  gewaschen und geputzt und belehrt und bedroht worden war, bis die Handschuhe saßen und ich artig die Hand zum Halten gegeben hatte, waren schon Bäche von Tränen geflossen und dann, im Park, wo der liebe Gott alle unangenehmen Frauen der Welt versammelt zu haben schien, jagte man mich von einer zu anderen und bei jeder hieß es: ‚Engerl, mach einen Knicks.‘ […] Außerdem regnete es törichte Fragen. ‚Schatzerle, wen hast du lieber – deinen Vater oder deine Mutter?‘ Und ich prompt darauf: ‚Meinen Vater!‘ Sofort die weisen Lehrer: ‚Seine Mutter muß man mehr lieben!‘ Im Allgemeinen konnte man von Glück reden, wenn ich mich als Antwort nur in Schweigen hüllte. (S. 16)

Doch ihr geliebter Vater stirbt, als Alma sechs Jahre alt ist. Danach ist das Mädchen dem Perfektionismus ihrer Mutter und deren Mantra „Das schickt sich nicht.“ schutzlos ausgeliefert.

So verwundert es nicht, dass sich die Beziehung zur Mutter stetig verschlechtert. Und noch Jahrzehnte später ist Karlins Meinung zur berufstätigen Frau geprägt von ihren eigenen Erfahrungen mit ihrer lieblosen und wenig empathischen Mutter, die ihre Tätigkeit als Lehrerin trotz Ehe und Mutterschaft nicht aufgegeben hat. Sie ist sich sicher, dass

… Frauen, die einen Beruf haben, nicht Mütter sein können, deshalb geht heute die Ehe zugrunde, erlischt so viel Schönes schon in der aufwachsenden Jugend. […] Warum? Weil eine Frau, die im Beruf steht, ihre Interessen außer Haus verankert hat; weil sie – nach Erfüllung bezahlter Pflichten – müde und abgespannt heimkehrt und da wirklich Unterhaltung braucht, nicht solche noch zu bieten vermag; weil sie den erschöpften Geist nicht nochmals anstrengen kann und weil ihr, die tagsüber vom Heim weg war, der innere Zusammenhang mit den darin befindlichen Personen und Sachen fehlt. Sie ist bei sich selbst zu Gast. (S. 19)

Dazu kommt, dass das Mädchen nur Umgang mit Gleichaltrigen pflegen darf, wenn diese aus der gleichen gesellschaftlichen Schicht und zudem aus dem deutschsprachigen Milieu kommen. Ihr Vater hatte sich immer als österreichischer General verstanden, der über der Nationalitätenfrage stand. So pflegte die Familie „nur Verkehr in Kreisen, die sich keiner politischen Partei anschlossen.“ Damit fallen aber viele gesellschaftliche Veranstaltungen von vornherein aus.

Das Lavieren der Mutter zwischen Deutschen und Slowenen – welche Fahne soll an den jeweiligen Feiertagen herausgehängt werden? – sorgt denn dann auch regelmäßig für Probleme:

Nach einem Fest auf der Festwiese grüßten uns die Deutschen nicht und nach einem Slawenfest die Slawen nicht. (S. 45)

Aus der insgesamt eher unerfreulichen Außenwelt flüchtet sich Alma immer stärker in die Welt der Bücher, der Fantasie, des Sprachenlernens und der Bildung.

Dieses Vermögen, mir eine eigene Welt zu schaffen, in der alle Leute immer nur das taten, was ich am meisten wünschte oder anstrebte, entzog mich sehr dem Wirklichen, half mir wunderbar über die Düsterheit des Daseins hinweg, entfremdete mich indessen sicherlich meiner Umwelt und machte mich seltsam unabhängig von ihr. In den Entwicklungsjahren haftete diesen Träumereien etwas Ungesundes an, doch in späteren Jahren war ich in meinem Traumreich so, wie ich mir wünschte, es in Wirklichkeit zu sein – weiser, besser, gütiger – und so wuchs ich an diesem Ideal, bis ich eine Anzahl leidiger Schwächen abgestreift hatte. So bleibt selbstredend  noch immer viel zu wünschen übrig. Wie auch nicht? (S. 57)

Doch die eigentliche Katastrophe beginnt, als Almas Mutter eines Tages auffällt, dass eine Schulter ihrer Tochter höher als die andere ist. Alma ist sich sicher, dass die extreme Reaktion ihrer Mutter eher der verletzten Eitelkeit einer schönen Frau geschuldet ist als der Sorge um das Wohlergehen ihrer Tochter.

In dieser kurzen Stunde hatte eine Feindschaft begonnen, die nichts im Leben mehr zu verwischen imstande war, denn an diesem Nachmittag begann der Kreuzweg, der meine ganze Mädchenzeit in ein Fegefeuer verwandelte… (S. 67)

Und tatsächlich bestimmen nun Qualen und Quälerei die nächsten Jahre. Nachdem Alma von diversen Orthopäden untersucht worden ist, muss sie täglich stundenlange Übungen absolvieren, kopfüber in irgendwelchen Seilen hängen und darf keinesfalls irgendwo mal ruhig sitzen, lesen oder sich ausruhen. Dazu zwingt ihre Mutter sie, mehrere Stunden am Tag ein Mieder zu tragen, auf dass das Kind wenigstens eine Wespentaille bekomme.

Um ununterbrochenen Szenen zu entgehen, legte ich es täglich  auf einige Stunden an und wenn ich nicht die Innenorgane zusammengepreßt hatte, so sah ich Sterne der Arme wegen. Um mich nämlich immer ganz gerade zu halten zu müssen, trug ich einen sehr breiten Gummigurt, der um die Schultern und um eine Hüfte lief und der so stark einschnitt, daß ich vom vierzehnten bis zum achtzehnten Lebensjahr stets geschwollene und oft eiternde Striemen um den Oberarm und die Achselhöhlen hatte und sich die eine Brust durch den ununterbrochenen Druck nicht so gut entwickelte wie die andere. Es gab Tage, an denen ich mich freute, ins Bett gehen zu dürfen, nur um endlich jeden Druck los zu sein, obschon das Bett hart, kissenlos und unbequem war. (S. 89)

Da Alma unter der ganzen Schinderei, die mehr als einmal ihre Schulbildung unterbricht, immer stiller, ernster und verschlossener wird, sinnt ihr Kindermädchen Mimi auf Abhilfe. Zusammen mit anderen fingiert sie Liebesbriefe eines jungen Adeligen, der heimlich in Alma verliebt sei. Tatsächlich fällt Alma auf den Betrug herein und jahrelang ist dieser Traum vom strahlenden Ritter, der sie irgendwann retten und auf sein Schloss holen wird, ihr ein Halt und ein Trost. Doch als dann nach fünf Jahren die Fiktion auffliegt, geht durch diesen Vertrauensmissbrauch etwas in dem jungen Mädchen unwiderruflich zu Bruch.

Wenn ich mich an jene Trugliebe erinnere, muß ich an einen Obstbaum denken, den man im Februar zur Blüte bringt und den der Reif vernichtet. Er geht nicht ein, er steht immer noch am Wegrand, aber er blüht nicht und trägt keine Früchte und lädt niemanden ein, in seinem Schatten zu ruhen, denn er hat nichts zu geben. Er ist kahl. In sich geschlossen, blüht er höchstens in sich hinein. … Auch das ist Schicksal. (S. 77)

Wie sich Alma Karlin aus dieser freudlosen Jugendzeit und den einengenden gesellschaftlichen Verhältnissen, die eigentlich nur eine „standesgemäße“ Heirat zuließen, dank eines schier unglaublichen Kampfeswillen und ihres Sprachenlernens herauswindet und es bereits als junge Frau bis nach Paris, Norwegen, Schweden und nach London schafft, erfährt der Leser in den zwei weiteren Dritteln des Buches. Es bleibt also trotz meines langen Beitrags noch viel zu entdecken.

Und ich bin beeindruckt von einer Autorin, deren glasklarer, leicht spöttischer Stil mir ausnehmend gut gefallen hat und die uns einen Einblick in eine vergangene Zeit ermöglicht, auch wenn der in ihren anderen Büchern wohl nicht immer frei von theosophischen und manchmal auch rassistisch geprägten Sichtweisen ist.

Wir erleben die Jugend eines Mädchens aus „den besseren Kreisen“ mit, das über weite Strecken auf sich allein gestellt war und kaum Ermutigung und Zuwendung erfahren hat. Aber vielleicht hat Alma M. Karlin genau daraus ihre Kraft und ihre Stärke gezogen, die sie später befähigt haben, durch die Welt zu reisen und ein selbstbestimmtes Leben zu leben.

Ihr Buch Einsame Weltreise mit dem Untertitel Erlebnisse und Abenteuer einer Frau im Reich der Inkas und im Fernen Osten (1928) liegt hier jedenfalls schon bereit.

Bleibt mir noch, dem Aviva Verlag herzlich für das zur Verfügung gestellte Besprechungsexemplar zu danken, das durch ein informatives Nachwort der Karlin-Biografin Jerneja Jezernik abgerundet wird.

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Robert Cedric Sherriff: The Fortnight in September (1931)

On rainy days, when the clouds drove across on a westerly wind, the signs of fine weather came from over the Railway Embankment at the bottom of the garden. Many a time, when Mrs. Stevens specially wanted it to clear up, she would look round the corner of the side door and search along the horizon of Railway Embankment for a streak of lighter sky.

Mr. Stevens, der aus einfachen Verhältnissen kommt und sich vom Laufburschen zum Angestellten hochgearbeitet hat, verbringt schon seit 20 Jahren seinen Jahresurlaub an der Küste. Immer im September fahren er, seine Frau und die drei Kinder für 14 Tage in die gleiche Pension ins britische Seebad Bognor.  Also tägliche Spaziergänge auf der Strandpromenade, Musikpavillions, Jahrmarktsrummel, vormittägliches Baden, gutes Essen, das ganze Programm.

Und bei einem dieser Familienurlaube und bei den dazu notwendigen Vorbereitungen – schließlich muss der Kanarienvogel bei der Nachbarin untergebracht, die Versorgung der Katze sichergestellt und der Gepäcktransport zum Bahnhof organisiert werden – begleitet der Leser die Stevens.

Mrs. Stevens wirkt die ganze Zeit ängstlich und in sich gekehrt, schon eine belebte U-Bahn-Station ist ihr ein Graus. Sie gewinnt im Laufe des Buches am wenigsten Kontur. Noch nicht einmal ihre Familie weiß, dass ihr die abendliche Stunde im Urlaub die liebste ist, die sie nach dem Abendessen allein mit ihrem – rein medizinischen – Glas Portwein und einer Handarbeit verbringt.

Und während der zehnjährige Ernie nach einem langen Strandtag schon tief und fest schläft, bummeln die beiden wesentlich älteren Geschwister Dick und Mary noch ein wenig durch den Küstenort und ihr Mann trinkt ein gepflegtes Bierchen in seinem Lieblingspub.

Mr. Stevens ist ein liebevoller Familienvater, zwar ein wenig pedantisch und alles akribisch planend, dabei aber immer daran interessiert, dass jedes Familienmitglied im Urlaub seinen Interessen nachgehen kann, und so verfügt er, dass alle zwei Tage jeder seinem eigenen Tagesprogramm folgt, damit man sich nicht gegenseitig auf die Nerven fällt und, wenn die Familie wieder zusammenkommt, auch etwas zu erzählen hat.

Aber weder er noch seine Frau wissen, was Dick und Mary umtreibt. Die beiden sind seit kurzem berufstätig, wohnen aber noch zu Hause, doch alle ahnen, dass die Zeit der gemeinsamen Familienurlaube in absehbarer Zeit zu Ende gehen wird. Dick ist todunglücklich in seiner Stellung, die er noch nicht lange innehat, doch wagt er nicht, dies seinen Eltern zu gestehen, da sein Vater so stolz ist, ihm diese Stelle verschafft zu haben. Also nutzt Dick den Urlaub auch zum Nachdenken über seine Zukunft.

Mary hingegen lernt eine junge Frau kennen, mit der sie sich anfreundet und abends heimlich den Ort unsicher macht.

Klingt das unspektakulär? Fast ein wenig hausbacken? Ja, sicherlich, und doch hat das Buch – erschienen in der elegant-grauen Reihe der Persephone Books – einen ganz eigenen Reiz.

Der Erzähler lässt seinen Figuren ihre Durchschnittlichkeit, ihre Begrenzung und manchmal ist es auch des Auktorialen ein wenig zu viel. Aber ich mochte sehr, wie die unbändige, fast naive Freude an 14 Tagen Urlaubsfreiheit spürbar und nachvollziehbar wurde. Wie sehr die fünf diese Zeit als Familie genossen und alle kleinen und großen Aufregungen gemeinsam gemeistert und besprochen haben.

Der Horizont der „kleinen Leute“ mag eng sein, so wie metaphorisch schon der Eisenbahndamm am Ende des Gartens die Sicht versperrt, und die Stevens mögen sich durchaus durch Reichtum und selbstsicheres Auftreten anderer beeindrucken und auch einschüchtern lassen; dennoch zeigt der Erzähler ohne falsche Sentimentaliät, dass diese Menschen Arroganz und moralische Leere durchschauen und stolz auf ihre Familie sind.

Mr. Stevens hat z. B. das Ritual, einen Tag im Urlaub ganz allein eine lange Wanderung zu unternehmen, in der er seine Vergangenheit, seine Ehe und im Besonderen das vergangene Jahr Revue passieren lässt. Das richtet ihn wieder aus und versöhnt ihn mit Enttäuschungen und geplatzten Hoffnungen – und macht ihn dem Leser sehr sympathisch.

Sein moralischer Kompass wird auch noch einmal gefordert, als der Niedergang ihrer Pension immer offensichtlicher wird und er und seine Frau vor der Frage stehen, ob sie wohl nächstes Jahr wiederkommen und ihrer kranken Pensionswirtin die Treue halten oder – wie andere Stammgäste – sich eine andere Bleibe suchen werden.

Der Haupteindruck, der von der Lektüre zurückbleibt, ist der, dass Sherriff ein freundliches Buch geschrieben hat. Nicht platt, keine heile Welt, sicherlich auch keine Weltliteratur, aber ein freundliches, ein menschenfreundliches Buch.

Und letztendlich gilt es doch für uns alle, was Mr. Stevens am letzten Abend  durch den Kopf geht:

The first evening came back to him very clearly as he sat in the armchair to finish his pipe before going up to bed. He had known on that first night how quickly the holiday would slip away, and had pictured himself as he would be sitting on the last evening, looking back with mingled pleasure and sadness. (S. 319)

Das Buch war damals ein unglaublicher Überraschungserfolg, wurde sogar von der Kritik begeistert aufgenommen, in mehrere Sprachen übersetzt und erschien 1933 in einer deutschen Übersetzung unter dem Titel Badereise im September.

Walter Benjamin hat damals den Roman besprochen und sah in ihm besonders die Fähigkeit der „kleinen Leute“ verkörpert, sich ihren Alltag durch kleine Fluchten und Tagträumereien erträglich zu machen.

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Elizabeth von Arnim: Elizabeth auf Rügen (1904)

Schon die Karte vorne im Reiseführer machte mich durstig, das Land darauf war von so üppigem Grün, das Meer ringsum so schmeichelnd blau. Und wie faszinierend ist die Insel auf der Landkarte, eine Insel voller Windungen und Kurven, mit kleinen Inlandmeeren, Bodden genannt. Seen und Wäldchen und viele Fährschiffe; vor den Küsten kleinere Inseln, wie hingetupft; zahllose Buchten und ein riesiger Wald, augenscheinlich großartig, der sich an der Ostküste entlangzieht und ihren Windungen folgt, der an manchen Stellen bis zum Meer hinabreicht, anderen hinaufsteigt bis zu den Kalkfelsen, die er mit der besonderen Pracht der Buchen krönt. (S. 9)

So gerät die Erzählerin schon angesichts der Landkarte von Rügen ins Schwärmen und beschließt, ihrem Ehemann und dem staubigen Sommer auf dem Festland den Rücken zu kehren und stattdessen ganz stilvoll mit ihrer Dienerin Jungfer Gertrud und Kutscher August um die Insel Rügen zu reisen.

The Adventures of Elizabeth in Rugen erschien erstmals 1904 und dürfte wie auch viele andere Bücher der Autorin autobiografische Züge enthalten. Anna Marie von Welck übersetzte Elizabeth auf Rügen ins Deutsche.

Die Handlung an sich ist hanebüchen und erinnert an den gequälten Witz mancher deutscher Nachkriegskomödien, was insofern schade ist, da die Erzählerin über Wortwitz, eine treffsichere Beobachtungsgabe und das nötige Quäntchen Selbstironie verfügt. Dabei werden durchaus Themen wie die Emanzipation der Frauen oder die Rolle der Bediensteten gestreift. Aber alles eher locker-luftig und mit ziemlich viel Patina, die mir nicht immer gefallen hat.

Ich war so schweigsam, daß mein Begleiter überzeugt war, ich sei eine der intelligentesten Frauen, die er je getroffen hatte. […] Intellektuell! Wie hübsch. Und das alles nur, weil ich an den richtigen Stellen den Mund gehalten habe. (S. 52)

Aber sie gibt uns wunderbar sonnige Reiseschilderungen, die man, wenn man heute auf Rügen im Sommerstau der unzähligen Touristen steht, etwas wehmütig liest. Wanderte sie stundenlang stille Straßen entlang oder ließ sie sich gemütlich kutschieren, so brausen wir heute die gleichen Strecken in wenigen Minuten mit dem Auto entlang.

In Putbus sinniert sie

wie es hier wohl im Winter aussähe und wie reizend es da wäre ohne all die Leute, unter einem glasklaren kalten Himmel, wenn das Theater monatelang geschlossen ist, wenn nur wenige Gasthäuser geöffnet sind, um die paar Handelsvertreter zu versorgen. Bestimmt wäre es ein idealer Ort, um einen stillen Winter zu verbringen, wenn man des Lärms und der Geschäftigkeit müde ist, und überhaupt aller anstrengenden Leute, die versuchen, einander Gutes zu tun. Zimmer in einem der geräumigen alten Häuser mit den großen Fenstern nach Süden hinaus, dazu eine Menge Bücher. Wie gern würde ich wenigstens einen Winter meines Lebens in Putbus verbringen […] Wie himmlisch ruhig müßte es sein. Ein Ort für einen, der sich auf ein Examen vorbereitet, ein Buch schreiben will oder nur die Falten in seiner Seele glätten möchte. Und war für Spaziergänge müßte man machen können, in frischen winterlichen Wäldern, wo blasse Sonnenstrahlen auf unberührten Schnee fallen. (S. 28/29)

Es macht Spaß, Elizabeths Eindrücke ihrer Reise mit den eigenen zu vergleichen, denn die Orte, die sie damals auf Rügen besucht hat, sind die gleichen, zu denen es auch die heutigen Reisenden zieht. Wenn man also den Plot einfach nicht zu ernst nimmt, ist es ein charmanter Reisebegleiter für die Insel, der in seiner Freude an Urlaubsentspannung auch heute noch anzustecken vermag.

… und der Kellner kam herunter und fragte, ob er eine Lampe bringen solle. Eine Lampe! […] Ich habe eine eigene Fähigkeit, nichts zu tun und dabei glücklich zu sein. Dazusitzen und in das zu schauen, was Whitman ‚die riesige und gedankenschwere Nacht‘ nennt, war für den besten Teil meines Selbst die angemessene und befriedigende Beschäftigung. Das übrige – die Finger, die etwas tun sollten, die Zunge, die schwatzen sollte, das oberflächliche Stückchen Hirn für den täglichen Gebrauch – wie gut, daß dies alles oft müßig sein konnte. (S. 35)

Hier kann man sich das erste Kapitel vorlesen lassen.

O fröhliche Sorglosigkeit, wenn allein ruhiges Wetter, Bäume und Gras, Meer und Wolken vergessen lassen, daß das Leben nicht nur aus Seligkeit besteht. Wie lang wird diese Freude am Leben andauern? Sie zu verlieren, ja nur ein wenig davon zu verlieren, nur den Saum ihres Glanzes verblassen zu sehen – dies fürchte ich mehr als den Verlust irgendeines irdischen Besitzes. (S. 139)

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Fundstück von Edmund Hillary

Sollte mein Leben morgen zu Ende gehen, dann brauchte ich mich kaum über irgend etwas zu beklagen. Ich habe ein paar Erfolge gehabt; man hat mich geehrt, ich habe lachen dürfen, und man hat mir wahrscheinlich mehr Liebe entgegengebracht, als ich es verdiene. Dazu kommen die Freundschaften, die meinem Leben einen Sinn gegeben haben: mit Harry Ayres, George Lowe, Peter Mulgrew, Mike Gill, Jim Wilson, Max Pearl, Mingmatsering und vor allen anderen mit Louise. Die Liste der Namen ist noch sehr viel länger. Ohne meine Freunde wäre ich nichts. Ich glaube, ich müßte zufrieden sein. Und doch bin ich es nicht ganz. Ich hätte so viel mehr tun können. Es kommt nicht darauf an, daß man etwas leistet. Es kommt darauf an, wie man seine Möglichkeiten genutzt und welche Möglichkeiten man geschaffen hat.

Edmund Hillary: Wer wagt, gewinnt (1975), S. 447

Sir Edmund Hillary: Wer wagt, gewinnt (OA 1975)

Ich wurde am 20. Juli 1919 in Auckland, Neuseeland, geboren.

So beginnt die von Hans Jürgen Baron von Koskull ins Deutsche übersetzte Autobiografie des Mannes, dem zusammen mit dem Sherpa Tenzing Norgay im Mai 1953 die Erstbesteigung des Mount Everest gelang.

Zum Inhalt

Nachdem Hillary auf knapp 28 Seiten seine Kindheit und Jugend abgehandelt hat, beschreibt er seinen Dienst in der Home Guard. Anschließend geht es um seine Militärzeit: Anfang 1944 erhält er den Einberufungsbefehl zur Royal New Zealand Air Force. Die Ausbildung zum Navigator endet im Januar 1945.

Danach sind seine Einsatzgebiete die Fidschii-Inseln und die Salomon-Inseln, wo die Soldaten für Erkundungs- und Rettungsmissionen zuständig sind.

Während dieser Zeit frönt er schon, wann immer möglich, seiner Leidenschaft, dem Bergwandern und Klettern. Dabei lernt er nach und nach die wichtigen neuseeländischen Bergsteiger kennen; es entstehen Kontakte und Freundschaften, die ihm später noch nützlich sein werden.

Nach dem Krieg arbeitet er noch eine Zeitlang zusammen mit seinem Bruder in der väterlichen Imkerei, der Lohn ist karg und Freizeit gibt es nur im Winter. Doch allmählich verbringt er immer mehr Zeit mit der Bergsteigerei. Selbst während eines Europa-Urlaubs, auf dem er seine Eltern begleitet, geht er mit Freunden in Österreich und der Schweiz auf Tour.

Im Verlauf des Tages lernten wir einige Schweizer Bergsteiger kennen, die sich in der Hütte einquartiert hatten. Ein hübsches Mädchen fragte mich, wie mir die Schweiz gefiele, und ich sprach begeistert von der Schönheit dieses Landes. ‚Ja‘, pflichtete sie mir bei, ‚die Schweiz ist das schönste Land der Welt!‘ Später stellte sich heraus, daß sie in ihrem ganzen Leben noch nie die Grenzen ihres Heimatlandes überschritten hatte, aber sie schien von der Richtigkeit ihrer Behauptung wirklich überzeugt zu sein. (S. 143)

Als er das Angebot erhält, eine Expedition in Nepal zu begleiten, sagt er nicht Nein und so beginnt eine lebenslange Faszination für das Land und seine Berge. Anhand von Tagebucheintragungen schildert Hillary die Erstbesteigung des Mount Everest, die ihm zusammen mit Tenzing Norgay gelungen ist. Auch auf die zum Teil massive Kampagne, die beiden gegeneinander auszuspielen, geht er ein.

Auf dem Londoner Flughafen wurden wir wie siegreich aus einem Krieg heimgekehrte Helden empfangen. In den folgenden Wochen lernte ich eine mir bis dahin völlig fremde Welt kennen. Die Gesellschaften und öffentlichen Veranstaltungen jagten einander. Ich nahm an einem Staatsbankett und einem Empfang im Buckinghampalast teil. Dabei ernährte ich mich hauptsächlich von geräuchertem Lachs und Champagner und wachte jeden Morgen mit einem leichten Kater auf. Ich lernte die Leute mit den guten Beziehungen, die Mächtigen und Reichen kennen. Es war sehr unterhaltsam, aber ich habe nur wenig gesehen, um das ich jemanden beneiden oder für das ich jemanden bewundern müßte. In einer schlichten privaten Zeremonie, an der nur die Expeditionsteilnehmer und die königliche Familie teilnahmen, wurde ich von der Königin in den Adelsstand erhoben. (S. 239)

Danach folgen monatelange Vortrags-  und Urlaubsreisen, auch mit seiner Familie, vor allem in die USA.

Ich kann nicht behaupten, daß mir mein erster Besuch in den Vereinigten Staaten gefallen hätte. […] und wir haben die falschen Leute kennengelernt: eine bestimmte Gesellschaftsklasse, mit der wir eigentlich nichts gemein hatten. Damals glaubte jeder Amerikaner, alle Ausländer wollten am liebsten auf amerikanische Weise glücklich werden, und sie konnten es nicht verstehen als ich ihnen sagte, daß es mir vollständig genügte, Neuseeländer zu bleiben. (S. 247)

Hillary war auch bei weiteren großen Expeditionen dabei, so war er z. B. verantwortlich für die Anlage von Vorratslagern bei der Commonwealth Trans-Antarctic Expedition, die ihn 16 Monate von seiner Familie trennte. Dabei erreichte er, auch wenn das gar nicht so vorgesehen war, noch vor dem offiziellen Leiter der Expedition den Südpol.

Fazit

Diese Erinnerungen lesen sich, schon aufgrund der geschilderten Expeditionen, Dramen und Gefahren, natürlich spannend. Und gleichzeitig war ich erstaunt, wie dröge sie manchmal daherkommen. Hier schreibt einer, dem das anschauliche Erzählen ganz offensichtlich nicht in die Wiege gelegt worden ist. Vielleicht liegt dieser Eindruck unter anderem auch daran, dass das Private nur eine untergeordnete Rolle spielt. Frauen werden bis zu seiner erfolgreichen Mount Everest-Besteigung erst gar nicht erwähnt, doch danach zaubert er innerhalb weniger Zeilen sogar eine Braut aus dem Hut. Humor taucht nur dann auf, wenn er sozusagen gar nicht zu vermeiden ist.

Tiefsinnige Reflexionen sind seine Sache nicht. Hillary setzte sich später für viele wichtige Dinge, wie z. B. den Naturschutz, ein, sammelte Gelder und unterstützte den Bau von Schulen, Brücken und Krankenhäusern in Nepal, doch dass auch seine Expeditionen Müll und Schrott zurücklassen, wird kommentarlos übergangen.

Mit wachsender Erregung stiegen wir [Hillary und seine Familie] unter den hochragenden vereisten Wänden weiter bis auf 5190 Meter und fanden hier die ersten Zeichen früherer Everest-Expeditionen; verrostete Konservendosen, Markierungsstäbe aus Bambus, alte Batterien und ähnliches. Mich erinnerten sie an unvergeßliche Augenblicke. (S. 400)

Dass der Bau des Flughafens in Lukla durchaus auch negative Folgen für die einheimische Bevölkerung hatte, ist ihm allerdings schmerzlich bewusst.

Durch den Flughafen von Lukla sind die Bürokratisierung und der Tourismus im Gebiet des Everest leider beschleunigt worden. Schon am Khumbu spürt man die ‚Segnungen‘ der Zivilisation. Wälder werden abgeholzt, der Unrat türmt sich an den Campingplätzen und vor den Klöstern, und die Kinder haben schon das Betteln gelernt. […] Manchmal habe ich ein sehr schlechtes Gewissen. Mein einziger Trost liegt darin, daß die althergebrachte Lebensweise der Sherpas ohnedies nicht mehr aufrechterhalten werden kann, denn nur wenige Gesellschaften vermögen den Versuchungen zu widerstehen, die die Zivilisation zu bieten hat. (S. 382)

Was zählt, sind Tatkraft, Kameradschaft, körperliche Leistungsfähigkeit und die pure Abenteuerlust, bei der man immer wieder die eigenen Grenzen ausloten und verschieben kann.

Ich fand es herrlich, wieder in Thyang Botschi zu sein, in der wunderschönen Landschaft das Lager auf dem Schnee einzurichten und zu wissen, daß wir diesmal über die Ausrüstung und die Männer verfügten, um einen erfolgreichen Angriff auf den Gipfel zu beginnen. Ich bin bei keinem schwierigen Unternehmen sofort vom Erfolg überzeugt gewesen; gewiß nicht, besonders wenn es sich dabei um die Besteigung eines hohen und bis dahin noch nicht bezwungenen Berges handelte. Was hat es für einen Sinn, eine Sache anzupacken, von der man weiß, daß sie gelingen wird? Ich wußte, wir würden am Everest alle Kräfte einsetzen, über die wir verfügten, aber der Erfolg war uns nicht von vornherein sicher, und das war mir nur recht. (S. 207)

Deswegen liegt auch der Schwerpunkt in diesen Erinnerungen auf der fast minutiösen Schilderung seiner großen Expeditionen.  Ab und zu hatte ich dann das Gefühl, nun alle gefährlichen Gletscherspalten persönlich zu kennen. Auffällig auch immer wieder die Metaphorik; der Berg, der Gipfel, das sind Gegner, die man angreifen, bezwingen und besiegen muss.

Schade, dass diese Ausgabe des Frederking & Thaler Verlages so spärlich bebildert ist.

‚Es gibt nichts Neues mehr!‘ Immer wieder hört man das von allen möglichen jungen Menschen, und irgendwie ist das traurig, weil man weiß, daß derjenige, der es sagt, die Augen vor den Möglichkeiten verschließt, die es auch heute noch in großer Zahl gibt. Überall in der Welt gibt es Abenteuer zu bestehen, wenn man genug Phantasie besitzt und sich die Mühe macht, danach zu suchen. (S. 410)

Vielleicht wäre es in diesem Fall sinnvoller gewesen, eine Biografie über Hillary zu lesen statt seiner Autobiografie, denn ich hätte gern noch viel mehr über das Davor und Danach, z. B. seine Kindheit oder sein gesellschaftliches Engagement in Neuseeland sowie Einschätzungen seiner Freunde und seiner Familie gelesen.

Anmerkung

1975 starben Hillarys Frau Louise und ihre 16-jährige Tochter bei einem Flugzeugunglück in der Nähe Kathmandus.

1989 heiratete er die Witwe seines engen Freundes Peter Mulgrew.

Mulgrew hatten nach einer Expedition beide Füße  amputiert werden müssen. 1979 erklärte er sich bereit, für Hillary als Kommentator bei dem Air New Zealand Flug 901 einzuspringen, einem touristischen Rundflug über der Antarktis. Bei diesem Flug kamen alle 237 Passagiere und die Besatzung ums Leben.

Nach dem Tod Hillarys 2008 kam es zu häßlichen Erbstreitigkeiten zwischen Edmunds Sohn und seiner zweiten Frau.