Elizabeth von Arnim: Elizabeth auf Rügen (1904)

Schon die Karte vorne im Reiseführer machte mich durstig, das Land darauf war von so üppigem Grün, das Meer ringsum so schmeichelnd blau. Und wie faszinierend ist die Insel auf der Landkarte, eine Insel voller Windungen und Kurven, mit kleinen Inlandmeeren, Bodden genannt. Seen und Wäldchen und viele Fährschiffe; vor den Küsten kleinere Inseln, wie hingetupft; zahllose Buchten und ein riesiger Wald, augenscheinlich großartig, der sich an der Ostküste entlangzieht und ihren Windungen folgt, der an manchen Stellen bis zum Meer hinabreicht, anderen hinaufsteigt bis zu den Kalkfelsen, die er mit der besonderen Pracht der Buchen krönt. (S. 9)

So gerät die Erzählerin schon angesichts der Landkarte von Rügen ins Schwärmen und beschließt, ihrem Ehemann und dem staubigen Sommer auf dem Festland den Rücken zu kehren und stattdessen ganz stilvoll mit ihrer Dienerin Jungfer Gertrud und Kutscher August um die Insel Rügen zu reisen.

The Adventures of Elizabeth in Rugen erschien erstmals 1904 und dürfte wie auch viele andere Bücher der Autorin autobiografische Züge enthalten. p1010236p1010215Anna Marie von Welck übersetzte Elizabeth auf Rügen ins Deutsche.

Die Handlung an sich ist hanebüchen und erinnert an den gequälten Witz mancher deutscher Nachkriegskomödien, was insofern schade ist, da die Erzählerin über Wortwitz, eine treffsichere Beobachtungsgabe und das nötige Quäntchen Selbstironie verfügt. Dabei werden durchaus Themen wie die Emanzipation der Frauen oder die Rolle der Bediensteten gestreift. Aber alles eher locker-luftig und mit ziemlich viel Patina, die mir nicht immer gefallen hat.

Ich war so schweigsam, daß mein Begleiter überzeugt war, ich sei eine der intelligentesten Frauen, die er je getroffen hatte. […] Intellektuell! Wie hübsch. Und das alles nur, weil ich an den richtigen Stellen den Mund gehalten habe. (S. 52)

Aber sie gibt uns wunderbar sonnige Reiseschilderungen, die man, wenn man heute auf Rügen im Sommerstau der unzähligen Touristen steht, etwas wehmütig liest. Wanderte sie stundenlang stille Straßen entlang oder ließ sie sich gemütlich kutschieren, so brausen wir heute die gleichen Strecken in wenigen Minuten mit dem Auto entlang.

In Putbus sinniert sie

wie es hier wohl im Winter aussähe und wie reizend es da wäre ohne all die Leute, unter einem glasklaren kalten Himmel, wenn das Theater monatelang geschlossen ist, wenn nur wenige Gasthäuser geöffnet sind, um die paar Handelsvertreter zu versorgen. Bestimmt wäre es ein idealer Ort, um einen stillen Winter zu verbringen, wenn man des Lärms und der Geschäftigkeit müde ist, und überhaupt aller anstrengenden Leute, die versuchen, einander Gutes zu tun. Zimmer in einem der geräumigen alten Häuser mit den großen Fenstern nach Süden hinaus, dazu eine Menge Bücher. Wie gern würde ich wenigstens einen Winter meines Lebens in Putbus verbringen […] Wie himmlisch ruhig müßte es sein. Ein Ort für einen, der sich auf ein Examen vorbereitet, ein Buch schreiben will oder nur die Falten in seiner Seele glätten möchte. Und war für Spaziergänge müßte man machen können, in frischen winterlichen Wäldern, wo blasse Sonnenstrahlen auf unberührten Schnee fallen. (S. 28/29)

p1010529Es macht Spaß, Elizabeths Eindrücke ihrer Reise mit den eigenen zu vergleichen, denn die Orte, die sie damals auf Rügen besucht hat, sind die gleichen, zu denen es auch die heutigen Reisenden zieht.

Wenn man also den Plot einfach nicht zu ernst nimmt, ist es ein charmanter Reisebegleiter für die Insel, der in seiner Freude an Urlaubsentspannung auch heute noch anzustecken vermag.

… und der Kellner kam herunter und fragte, ob er eine Lampe bringen solle. Eine Lampe! […] Ich habe eine eigene Fähigkeit, nichts zu tun und dabei glücklich zu sein. Dazusitzen und in das zu schauen, was Whitman ‚die riesige und gedankenschwere Nacht‘ nennt, war für den besten Teil meines Selbst die angemessene und befriedigende Beschäftigung. Das übrige – die Finger, die etwas tun sollten, die Zunge, die schwatzen sollte, das oberflächliche Stückchen Hirn für den täglichen Gebrauch – wie gut, daß dies alles oft müßig sein konnte. (S. 35)

Hier kann man sich das erste Kapitel vorlesen lassen.

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Wenn man alles Gewicht abwerfen will, das auf der Seele lastet, nachdem man versucht hat, seine Pflicht zu tun, oder wenn man geduldig ertragen mußte, daß andere ihre Pflicht einem selbst gegenüber erfüllt haben, so kenne ich keinen besseren Weg, als alleine hinauszugehen – entweder am Tagesanfang, wenn die Erde noch unberührt ist und  nur Gott überall ist, oder am Abend. Dann herrscht das Schweigen bis hin zu den Sternen, und zu ihnen hinaufschauend, erkennt man die Armseligkeit des vergangenen Tages, die Wertlosigkeit aller Dinge, um die man sich gemüht hat, und die Torheit, ärgerlich, ruhelos und angstvoll gewesen zu sein. (S. 115)

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O fröhliche Sorglosigkeit, wenn allein ruhiges Wetter, Bäume und Gras, Meer und Wolken vergessen lassen, daß das Leben nicht nur aus Seligkeit besteht. Wie lang wird diese Freude am Leben andauern? Sie zu verlieren, ja nur ein wenig davon zu verlieren, nur den Saum ihres Glanzes verblassen zu sehen – dies fürchte ich mehr als den Verlust irgendeines irdischen Besitzes. (S. 139)

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Fundstück von Edmund Hillary

Sollte mein Leben morgen zu Ende gehen, dann brauchte ich mich kaum über irgend etwas zu beklagen. Ich habe ein paar Erfolge gehabt; man hat mich geehrt, ich habe lachen dürfen, und man hat mir wahrscheinlich mehr Liebe entgegengebracht, als ich es verdiene. Dazu kommen die Freundschaften, die meinem Leben einen Sinn gegeben haben: mit Harry Ayres, George Lowe, Peter Mulgrew, Mike Gill, Jim Wilson, Max Pearl, Mingmatsering und vor allen anderen mit Louise. Die Liste der Namen ist noch sehr viel länger. Ohne meine Freunde wäre ich nichts. Ich glaube, ich müßte zufrieden sein. Und doch bin ich es nicht ganz. Ich hätte so viel mehr tun können. Es kommt nicht darauf an, daß man etwas leistet. Es kommt darauf an, wie man seine Möglichkeiten genutzt und welche Möglichkeiten man geschaffen hat.

Edmund Hillary: Wer wagt, gewinnt (1975), S. 447

Sir Edmund Hillary: Wer wagt, gewinnt (OA 1975)

Ich wurde am 20. Juli 1919 in Auckland, Neuseeland, geboren.

So beginnt die von Hans Jürgen Baron von Koskull ins Deutsche übersetzte Autobiografie des Mannes, dem zusammen mit dem Sherpa Tenzing Norgay im Mai 1953 die Erstbesteigung des Mount Everest gelang.

Zum Inhalt

Nachdem Hillary auf knapp 28 Seiten seine Kindheit und Jugend abgehandelt hat, beschreibt er seinen Dienst in der Home Guard. Anschließend geht es um seine Militärzeit: Anfang 1944 erhält er den Einberufungsbefehl zur Royal New Zealand Air Force. Die Ausbildung zum Navigator endet im Januar 1945.

Danach sind seine Einsatzgebiete die Fidschii-Inseln und die Salomon-Inseln, wo die Soldaten für Erkundungs- und Rettungsmissionen zuständig sind.

Während dieser Zeit frönt er schon, wann immer möglich, seiner Leidenschaft, dem Bergwandern und Klettern. Dabei lernt er nach und nach die wichtigen neuseeländischen Bergsteiger kennen; es entstehen Kontakte und Freundschaften, die ihm später noch nützlich sein werden.

Nach dem Krieg arbeitet er noch eine Zeitlang zusammen mit seinem Bruder in der väterlichen Imkerei, der Lohn ist karg und Freizeit gibt es nur im Winter. Doch allmählich verbringt er immer mehr Zeit mit der Bergsteigerei. Selbst während eines Europa-Urlaubs, auf dem er seine Eltern begleitet, geht er mit Freunden in Österreich und der Schweiz auf Tour.

Im Verlauf des Tages lernten wir einige Schweizer Bergsteiger kennen, die sich in der Hütte einquartiert hatten. Ein hübsches Mädchen fragte mich, wie mir die Schweiz gefiele, und ich sprach begeistert von der Schönheit dieses Landes. ‚Ja‘, pflichtete sie mir bei, ‚die Schweiz ist das schönste Land der Welt!‘ Später stellte sich heraus, daß sie in ihrem ganzen Leben noch nie die Grenzen ihres Heimatlandes überschritten hatte, aber sie schien von der Richtigkeit ihrer Behauptung wirklich überzeugt zu sein. (S. 143)

Als er das Angebot erhält, eine Expedition in Nepal zu begleiten, sagt er nicht Nein und so beginnt eine lebenslange Faszination für das Land und seine Berge. Anhand von Tagebucheintragungen schildert Hillary die Erstbesteigung des Mount Everest, die ihm zusammen mit Tenzing Norgay gelungen ist. Auch auf die zum Teil massive Kampagne, die beiden gegeneinander auszuspielen, geht er ein.

Auf dem Londoner Flughafen wurden wir wie siegreich aus einem Krieg heimgekehrte Helden empfangen. In den folgenden Wochen lernte ich eine mir bis dahin völlig fremde Welt kennen. Die Gesellschaften und öffentlichen Veranstaltungen jagten einander. Ich nahm an einem Staatsbankett und einem Empfang im Buckinghampalast teil. Dabei ernährte ich mich hauptsächlich von geräuchertem Lachs und Champagner und wachte jeden Morgen mit einem leichten Kater auf. Ich lernte die Leute mit den guten Beziehungen, die Mächtigen und Reichen kennen. Es war sehr unterhaltsam, aber ich habe nur wenig gesehen, um das ich jemanden beneiden oder für das ich jemanden bewundern müßte. In einer schlichten privaten Zeremonie, an der nur die Expeditionsteilnehmer und die königliche Familie teilnahmen, wurde ich von der Königin in den Adelsstand erhoben. (S. 239)

Danach folgen monatelange Vortrags-  und Urlaubsreisen, auch mit seiner Familie, vor allem in die USA.

Ich kann nicht behaupten, daß mir mein erster Besuch in den Vereinigten Staaten gefallen hätte. […] und wir haben die falschen Leute kennengelernt: eine bestimmte Gesellschaftsklasse, mit der wir eigentlich nichts gemein hatten. Damals glaubte jeder Amerikaner, alle Ausländer wollten am liebsten auf amerikanische Weise glücklich werden, und sie konnten es nicht verstehen als ich ihnen sagte, daß es mir vollständig genügte, Neuseeländer zu bleiben. (S. 247)

Hillary war auch bei weiteren großen Expeditionen dabei, so war er z. B. verantwortlich für die Anlage von Vorratslagern bei der Commonwealth Trans-Antarctic Expedition, die ihn 16 Monate von seiner Familie trennte. Dabei erreichte er, auch wenn das gar nicht so vorgesehen war, noch vor dem offiziellen Leiter der Expedition den Südpol.

Fazit

Diese Erinnerungen lesen sich, schon aufgrund der geschilderten Expeditionen, Dramen und Gefahren, natürlich spannend. Und gleichzeitig war ich erstaunt, wie dröge sie manchmal daherkommen. Hier schreibt einer, dem das anschauliche Erzählen ganz offensichtlich nicht in die Wiege gelegt worden ist. Vielleicht liegt dieser Eindruck unter anderem auch daran, dass das Private nur eine untergeordnete Rolle spielt. Frauen werden bis zu seiner erfolgreichen Mount Everest-Besteigung erst gar nicht erwähnt, doch danach zaubert er innerhalb weniger Zeilen sogar eine Braut aus dem Hut. Humor taucht nur dann auf, wenn er sozusagen gar nicht zu vermeiden ist.

Tiefsinnige Reflexionen sind seine Sache nicht. Hillary setzte sich später für viele wichtige Dinge, wie z. B. den Naturschutz, ein, sammelte Gelder und unterstützte den Bau von Schulen, Brücken und Krankenhäusern in Nepal, doch dass auch seine Expeditionen Müll und Schrott zurücklassen, wird kommentarlos übergangen.

Mit wachsender Erregung stiegen wir [Hillary und seine Familie] unter den hochragenden vereisten Wänden weiter bis auf 5190 Meter und fanden hier die ersten Zeichen früherer Everest-Expeditionen; verrostete Konservendosen, Markierungsstäbe aus Bambus, alte Batterien und ähnliches. Mich erinnerten sie an unvergeßliche Augenblicke. (S. 400)

Dass der Bau des Flughafens in Lukla durchaus auch negative Folgen für die einheimische Bevölkerung hatte, ist ihm allerdings schmerzlich bewusst.

Durch den Flughafen von Lukla sind die Bürokratisierung und der Tourismus im Gebiet des Everest leider beschleunigt worden. Schon am Khumbu spürt man die ‚Segnungen‘ der Zivilisation. Wälder werden abgeholzt, der Unrat türmt sich an den Campingplätzen und vor den Klöstern, und die Kinder haben schon das Betteln gelernt. […] Manchmal habe ich ein sehr schlechtes Gewissen. Mein einziger Trost liegt darin, daß die althergebrachte Lebensweise der Sherpas ohnedies nicht mehr aufrechterhalten werden kann, denn nur wenige Gesellschaften vermögen den Versuchungen zu widerstehen, die die Zivilisation zu bieten hat. (S. 382)

Was zählt, sind Tatkraft, Kameradschaft, körperliche Leistungsfähigkeit und die pure Abenteuerlust, bei der man immer wieder die eigenen Grenzen ausloten und verschieben kann.

Ich fand es herrlich, wieder in Thyang Botschi zu sein, in der wunderschönen Landschaft das Lager auf dem Schnee einzurichten und zu wissen, daß wir diesmal über die Ausrüstung und die Männer verfügten, um einen erfolgreichen Angriff auf den Gipfel zu beginnen. Ich bin bei keinem schwierigen Unternehmen sofort vom Erfolg überzeugt gewesen; gewiß nicht, besonders wenn es sich dabei um die Besteigung eines hohen und bis dahin noch nicht bezwungenen Berges handelte. Was hat es für einen Sinn, eine Sache anzupacken, von der man weiß, daß sie gelingen wird? Ich wußte, wir würden am Everest alle Kräfte einsetzen, über die wir verfügten, aber der Erfolg war uns nicht von vornherein sicher, und das war mir nur recht. (S. 207)

Deswegen liegt auch der Schwerpunkt in diesen Erinnerungen auf der fast minutiösen Schilderung seiner großen Expeditionen.  Ab und zu hatte ich dann das Gefühl, nun alle gefährlichen Gletscherspalten persönlich zu kennen. Auffällig auch immer wieder die Metaphorik; der Berg, der Gipfel, das sind Gegner, die man angreifen, bezwingen und besiegen muss.

Schade, dass diese Ausgabe des Frederking & Thaler Verlages so spärlich bebildert ist.

‚Es gibt nichts Neues mehr!‘ Immer wieder hört man das von allen möglichen jungen Menschen, und irgendwie ist das traurig, weil man weiß, daß derjenige, der es sagt, die Augen vor den Möglichkeiten verschließt, die es auch heute noch in großer Zahl gibt. Überall in der Welt gibt es Abenteuer zu bestehen, wenn man genug Phantasie besitzt und sich die Mühe macht, danach zu suchen. (S. 410)

Vielleicht wäre es in diesem Fall sinnvoller gewesen, eine Biografie über Hillary zu lesen statt seiner Autobiografie, denn ich hätte gern noch viel mehr über das Davor und Danach, z. B. seine Kindheit oder sein gesellschaftliches Engagement in Neuseeland sowie Einschätzungen seiner Freunde und seiner Familie gelesen.

Anmerkung

1975 starben Hillarys Frau Louise und ihre 16-jährige Tochter bei einem Flugzeugunglück in der Nähe Kathmandus.

1989 heiratete er die Witwe seines engen Freundes Peter Mulgrew.

Mulgrew hatten nach einer Expedition beide Füße  amputiert werden müssen. 1979 erklärte er sich bereit, für Hillary als Kommentator bei dem Air New Zealand Flug 901 einzuspringen, einem touristischen Rundflug über der Antarktis. Bei diesem Flug kamen alle 237 Passagiere und die Besatzung ums Leben.

Nach dem Tod Hillarys 2008 kam es zu häßlichen Erbstreitigkeiten zwischen Edmunds Sohn und seiner zweiten Frau.

Oss Kröher: Das Morgenland ist weit (1997)

Es war am Vormittag des 15. März 1951 in der Stadt Pirmasens, als vor dem Hause Klosterstraße 29 – unweit der Horebschule – ein kleiner Volksauflauf entstand. Die Menge umringte ein schier vorsintflutliches NSU-Motorrad, Baujahr 1928, das wundersamerweise den Krieg überlebt hatte und auf dem zwei abenteuerlich gewandete Gestalten saßen. Seitlich angekoppelt war ein heillos überladener Beiwagen, auf dessen Bug ein Schild mit der Aufschrift „Germany – India“ prangte. (S. 17)

So beginnen die hinreißenden Erinnerungen von

Oss Kröher: Das Morgenland ist weit (1997)

Zum Inhalt

Oss (eigentlich Oskar) Kröher (*1927 in Pirmasens) und sein Freund Gustav Pfirrmann brechen also im Frühjahr 1951 auf, um mit einem alten Motorrad samt Beiwagen bis nach Bombay in Indien zu fahren. Eine Reise, die fast anderthalb Jahre dauern wird.

Ihr Plan, die Haushaltskasse durch Vorführungen zu finanzieren, geht auf, und zwar spektakulärer, als sie das selbst erwartet hätten. Dabei ist Gustav für Zauberkunststücke und das Feuerschlucken zuständig, während Oss Volkslieder und Schlager samt Gitarrenbegleitung zu Gehör bringt. Immer wieder gewünscht vom Publikum wurde übrigens Lili Marleen.

Ich mußte es noch oft anstimmen, aber im ‚Arizona‘ über den Dächern von Damaskus sang ich es erstmals öffentlich. Vielleicht war mein Ausdruck deshalb so überzeugend, weil ich noch als Teenager an die Front gekommen war und nur durch außergewöhnliche Umstände das Kriegsende, wenn auch leicht lädiert, überlebt hatte. (S. 234)

Mit jugendlichem Überschwang nehmen sie es hin, dass sie schließlich sogar vom ersten indischen Premierminister Jawaharlal Nehru eingeladen werden.

Sie „fressen Staub“, „schlachten“ unzählige Wassermelonen, kämpfen mit Läusen, müssen so ziemlich alles reparieren, was an einem Motorrad kaputtgehen kann, schleppen bis zum Schluss zwei Feldbetten mit, freuen sich an der Schönheit der Frauen, der Moscheen und an den überwältigenden Natureindrücken. Sie fahren und spazieren mit offenem Blick durch die Natur, die Basare, Bars, Hurenviertel und Villen.

Mit der aufkommenden Nacht fuhren wir in eine Schlucht hinein, deren Felsblöcke sich zu beiden Straßenseiten die steilen Hänge emportürmten. Acht Kilometer rollten wir durch diese düstere Felsenwildnis aus geborstenen Säulen und Mauerresten der Antike, durch dies Niemandsland. Immer dunkler fiel die Nacht, immer steiler stieg die Straße zwischen den Zyklopenfelsen. Eine Eule flog lautlos vor uns her, und neben uns flüchtete ein Schakal in das Geröllfeld. Da hielten wir an und blickten ihm  nach, bis er auf dem Grat vor dem Nachthimmel noch einmal stehenblieb, zu uns herunterlugte – und dann verschwand. Kurz danach sperrte der syrische Schlagbaum die Straße. Der Grenzpolizist trug Khaki und begrüßte uns auf Französisch. Er hob den Schlagbaum und öffnete uns die Grenze. Wir waren in Syrien. (S. 210)

Sie geraten in Stürme, werden das Opfer von Sabotage, doch genauso werden sie vom Hauslehrer eines Scheichs eingeladen, der ihnen stolz seinen Wagenpark von fünfzehn Luxusfahrzeugen präsentiert, während seine Pächter wie Leibeigene leben.

Die beiden kommen einer Python ziemlich nah, geben in Bagdad Radio-Interviews und bewundern archäologische Kostbarkeiten, wie z. B. Ktesiphon, die Behistun-Inschrift oder die Ruinen von Babylon. Die Reisegefährten werden, wenn auch unbeabsichtigt, Zeuge der Bestattungsriten der Parsen, die die Leichen der Verstorbenen in den Türmen des Schweigens den Vögeln zum Fraß überlassen.

Sie hören Deutsch an den überraschendsten Stellen und ein Afghane überrascht sie mit seinem rheinischen Dialekt. Daneben gewinnen sie Freunde, mit denen sie z. T. Jahrzehnte später noch Kontakt halten, und erleben – gerade auch durch die Musik -, wie Menschen sich über Länder- und Sprachgrenzen hinweg verständigen und respektieren können.

Die lange Reise hatte uns unmerklich aufgeschlossen und bescheiden gemacht. Die Überheblichkeit unserer Jugend war der Achtung vor fremden Verhaltensweisen gewichen, und wir hatten gelernt uns der Ausstrahlung fremder Kulturen bereitwillig hinzugeben. (S. 493)

So sollte man reisen.

Fazit

Was für ein großartiges Buch (und nein, ich fahre nicht Motorrad). Am liebsten möchte ich gleich wieder mit der Lektüre von vorn beginnen, habe ich doch die Fülle an Geschichten, befremdlichen und herzerwärmenden Eindrücken und skurrilen und gastfreundlichen Begegnungen und Informationen beim ersten Mal wie einen Abenteuerschmöker genossen.

Einmal [kurz vor Delhi] tauchte sogar eine Sänfte auf. Wir hatten uns gerade im Schatten niedergetan, als die vier Träger langsam näherkamen. Einer von ihnen mußte den Passagier darin auf uns hingewiesen haben, denn der Vorhang wurde zurückgezogen, und das Antlitz eines zwölfjährigen Knaben sah uns an. Über den dunklen Augen und der Bronzehaut der Stirn leuchtete der weiße Turban aus Seide, und mit anmutiger Geste hielt die Knabenhand den Vorhang gerafft. So zog die Sänfte fast lautlos an uns vorbei, denn die vier halbnackten Träger gingen barfuß; dann verschwand sie hinter uns im Schatten der dichtbelaubten Alleebäume. (S. 504)

Und – zu meiner Verblüffung – zeigt sich, dass eine solide Kenntnis der Bücher von Karl May damals aus Fremden rasch Vertraute machen konnte.

Daneben kann man das Buch auch zum Anlass nehmen, etwas über die bereisten Länder (Italien, Griechenland, Türkei, Syrien, Irak, Iran, Afghanistan, Pakistan und Indien) zu lernen. Oss Kröher spickt seine Erinnerungen nämlich mit vielen Informationen zur Geschichte, den heiligen Stätten, der Literatur und Kultur.

Dann aber, im Mongolensturm des Jahres 1258, büßte Bagdad seine Macht und Größe ein. Das arabische Reiterheer versank vor den Mauern der Stadt in Blut und Tod, als die mongolischen Bogenschützen auf ihren struppigen Ponies wie ein todbringendes Schicksalsrad das gelähmte Heer der Araber galoppierend  umkreisten und so lange mit Pfeilen überschütteten, bis sich nichts mehr rührte. Dann wurde die ehemals strahlende Märchenstadt von den Steppenreitern geplündert, verwüstet und verbrannt. Aus den Schädeln der Toten bauten sie eine Pyramide zum eigenen Ruhm. In unseren Geschichtsbüchern steht kaum etwas davon geschrieben. (S. 280)

Und während man dieses Zeitzeugnis liest, kann man ganz trübsinnig werden, weil ein Großteil mancher dieser Länder nun in Trümmern liegt, so dass in Vergessenheit zu geraten droht, welch Jahrtausende alte Kultur, Architektur, Literatur etc. da gerade zu einer Mondlandschaft zerbombt wird. Unser eurozentrischer Blick kommt an mehr als einer Stelle ordentlich an seine Grenzen.

In Hochstimmung näherten wir uns der ersten arabischen Stadt – es war Aleppo, im Norden Syriens. […] Ob Eselsgespann, Pferdekutsche oder amerikanische Straßenkreuzer mit Glitzer und Chrom; ob Omnibusse, die mit Landschaftsbildern bemalt waren, aber dafür keine Fensterscheiben hatten – wegen der Tageshitze -, ob tiefverschleierte Frauen oder europäisch gekleidete, sie alle waren offenbar emsig beschäftigt, und die Stadt atmete pulsierendes Leben. (S. 212)

Gleichzeitig zeigen Kröhers Erinnerungen, dass die ungeheuerliche, hoffnungslose Armut und die geringe Alphabetisierungsrate der Massen in Kombination mit dem selbstherrlichen Wüten der Kolonialmächte und den wirtschaftlichen Interessen des Westens schon lange ein explosives Gemisch gewesen sind. Ich war jedenfalls überrascht davon, wie viele westliche Ingenieure die beiden auf ihren Reisen getroffen haben und wie die zwei jungen Deutschen meist freundlich aufgenommen wurden, eben weil sie nicht zu den verhassten Kolonialmächten gehört hatten.

Heute, im letzten Jahrzehnt des zwanzigsten Jahrhunderts, könnten wir unsere bunte und friedliche Motorradreise von damals keinesfalls wiederholen. (S. 224)

Ich wäre auch noch länger mit an Bord geblieben, dabei hat das Buch schon 662 Seiten. Die Informationen über die Vorgeschichte des Unterfangens und über die beiden Freunde selbst hätten gern noch ausführlicher sein können und – ein bisschen Meckern muss erlaubt sein – ich hätte mich über noch mehr Fotos gefreut.

Und nach dem Lesen beziehe ich den Titel nicht mehr nur auf die vielen tausend Meilen zwischen Pirmasens und Bombay, sondern lese ihn auch so: Das Morgenland ist von großer und fast unvorstellbarer Weite und Vielfältigkeit.

Und wer wissen will, was die beiden jungen Männer auf ihrer langen Reise am tiefsten berührt hat, was sie mit Eleanor Roosevelt zu tun hatten, welche Fehler man lieber nicht machen sollte und auf welch geradezu märchenhafte Art und Weise Oss die Heimreise nach Deutschland angetreten hat, der muss das Buch nun doch noch selbst lesen.

Wir ließen die Hafenstadt hinter uns und fuhren in das Amanosgebirge hinauf. Da kamen uns Zigeuner entgegen mit Kind und Kegel, ihre armselige Habe war auf einem Maulesel-Karren verstaut. Pfannen und Töpfe hingen an den Seiten, und die Frauen trugen durchwegs lange, weite Röcke, unter deren rotbunten Falten die Barfüße herauslugten. Die rotznäsige Kinderschar, halbnackt und in zerlumpten Turnhosen, versuchte bei uns zu betteln, aber wir hielten nicht an. Einer der Männer, in längsgestreifter Pyjamahose und ärmelloser Weste, führte einen zottigen Braunbären an einer Nasenkette. (S. 207)

Anmerkungen

Oss Kröher trat übrigens später – zusammen mit seinem Zwillingsbruder Hein – jahrzehntelang als Liedermacher und Volksliedsänger auf. Hannes Wader sagte einmal über die beiden, dass er viele Volkslieder erst durch die Brüder kennengelernt habe.

Ein Literaturtipp, der sich aus dem Buch ableitet, wäre Die vierzig Tages des Musa Dagh (1933) von Franz Werfel.

Den Hinweis auf Das Morgenland ist weit verdanke ich Stefan von Lichtgewimmel. Also Danke für einen wunderbaren Tipp; ich kann jetzt verstehen, weshalb du damals das Buch vor der Buchapokalypse retten wolltest.

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Geert Mak: Amsterdam: A brief life of the city (1994)

The people who lived through Amsterdam’s history have vanished. Nobody can tell their stories; nevertheless, dumb witnesses to what happened still exist in their thousands. Time and again small fragments are released from this silent archive. Beneath the foundations of an old house in the Warmoesstraat, next to the red-light district of the Oudekerksplein, building workers found a barely deteriorated layer of fourteenth-century cow dung and straw, and a pair of bone skates, remnants of the time when the Warmoesstraat was still a dyke, and Amsterdam a little village on the IJ. […] Again, by the Herengracht, […] excavations for a new bank laid bare a bizarre combination of objects: the lower beams of an old mill; a silver medallion bearing a rose-shaped cameo; several skeletons in almost totally disintegrated coffins; a horn ointment press; smelling bottles […] a mediaval stone wall lamp; a single lady’s shoe. The builders had chanced upon the site of the provisional pesthouse from the seventeenth century; a place where thousands of victims of the Black Death spent their last days.

Mit diesem Zitat von Seite 1/2 bekommen wir schon einen guten Eindruck von dem wunderbaren Reiseführer in die Geschichte Amsterdams von

Geert Mak: Amsterdam: A brief life of the city (1994)

Die englischsprachige Übersetzung stammt von Philipp Blom. Die deutsche Ausgabe mit dem Titel Amsterdam: Biografie einer Stadt, übersetzt von Isabelle de Keghel, erschien im btb Verlag.

Zum Inhalt

Eine großartige Reise in die Geschichte und Kultur einer wunderschönen Stadt. Mak, der mich schon mit Das Jahrhundert meines Vaters begeistert hat, zeichnet hier auf 338 Seiten die Entwicklung Amsterdams nach. Dazu benutzt er u. a. Tagebuchaufzeichnungen eines Mönchs aus dem 16. Jahrhundert, archäologische Funde, Recherchen in Archiven und Interviews.

Er geht ein auf die Anfänge als kleines Dorf:

When all is said and done, Amsterdam was an impossible city. Everything that was built sank into the mud, especially in later centuries when the harbour could only be reached by a complicated route made more difficult by sandbanks and headwinds. (S. 20)

Wir erleben die Bedeutung der Religion in der Stadt und den allmählichen Siegeszug der Reformation:

In the year 1500, Amsterdam had no fewer than 20 convents and monasteries, roughly one for every 500 inhabitants. (S. 44)

Und dieses Dorf steigt zu einer europäischen Großmacht auf, die die Meere und den Handel, u. a. mit Sklaven, beherrscht, sodass man das 17. Jahrhundert als das Goldene Zeitalter bezeichnet, in der die Künste florierten. Es geht um die Entdeckung neuer Handelsrouten und darum, dass nur ein Bruchteil der Schiffsmannschaften wieder heil nach Hause kam.

One in ten deck hands would not even survive the outward-bound journey. One in every 25 ships would sink on its way back from the West Indies. Of the 671,000 men who travelled out from Amsterdam, only 266,000 were to return. (S. 161)

Er beleuchtet die spezifische Regierungsform der alten Kaufmanns- und Handelsstadt, das lärmige und internationale Treiben am Hafen, die kriegerischen Auseinandersetzungen, in die die Stadt verwickelt war, das (grauenhaft brutale) Strafsystem im Mittelalter, die Lebensbedingungen der einfachen Leute und die entsetzlichen Hungerwinter, in denen die Grachten zufroren, die Stadt deshalb kein sauberes Trinkwasser mehr hatte und Menschen in ihren Häusern oder auf den Straßen erfroren.

Mak beschäftigt sich mit Architektur und Transport:

The building of the Central Station was the largest construction project in nineteenth-century Amsterdam, and the city’s greatest planning blunder ever. (S. 207)

Doch auch Wirtschaft, Politik, die Entstehung der Grachtenlandschaft und die Mentalität der Bewohner wird unter die Lupe genommen. Wir erfahren, warum Rembrandt ein Armengrab bekam und dass besondere Tulpenzwiebeln wie die der Semper Augustus schon mal so viel wie ein großes Haus samt Garten kosten konnten.

Famously, in 1636, the trading index of tulip bulbs had rocketed in Amsterdam and throughout the rest of Holland. (S. 154)

Wir erfahren etwas über die relative Toleranz gegenüber Andersgläubigen, den Aufstieg des Schiffsbaus, die Rolle der jüdischen Einwohner, die Besetzung durch Nazi-Deutschland, die unvorstellbaren Gräueltaten der Besetzer. Dabei setzt sich Mak auch mit der Kollaboration seiner Landsleute auseinander.

Die rasanten gesellschaftlichen Veränderungen im Nachkriegsholland kommen ebenfalls zur Sprache bis hin zu den anarchistischen Ausschreitungen bei der Hochzeit der späteren Königin Beatrix.

Fazit

Zwar hätte ich mir eine üppigere Illustration gewünscht, die sich hier ja wirklich angeboten hätte, dennoch:

Ein tolles Buch, allen zur Vorbereitung oder Nachbereitung einer Reise nach Amsterdam dringendst empfohlen! Mak schafft es, übersprudelnd informativ und gleichzeitig unterhaltsam, spannend und interessant zu schreiben, da er immer ganz dicht am Leben der Menschen bleibt. Da finden sich dann so nette Passagen wie die folgende:

This specialization of trades [im 14. Jahrhundert] must have had momentous consequences, especially for women. Until the thirteenth century, they ground the grain by hand at home, made bread, wove garments and baked pots in the fire. By the end of the twelfth century, however, looms and potteries were beginning to be introduced, and soon these female tasks were taken over by male weavers and potters. This transition is clear from fingerprints found on earthenware dating from this time. With the help of fingerprint experts from the municipal police, Amsterdam city archaelogists were able to establish that the earliest pieces of earthenware were almost always handmade by women. Later, however, the pieces show the prints of men’s fingers. (S. 26)

IMG_0496Gemälde aus dem Het Scheepvaartmuseum in Amsterdam

Fundstücke

Thomas, der Ich-Erzähler in dem Roman Die schöne Menschenliebe von Lyonel Trouillot, arbeitet als Reiseführer und Taxifahrer auf Haiti. In einem langen Monolog erzählt er seinem Fahrgast, einer jungen Frau aus dem Westen, die hier den Geheimnissen ihrer Familiengeschichte nachgehen möchte, was ihm so durch den Kopf geht und was er selbst über den Tod ihres Großvaters weiß.

Interessant fand ich, wie er den Blick des Einheimischen dem des „typischen“ Touristen entgegenstellt:

Es gibt Städte, die schreien, und solche, die flüstern. Es gibt Städte, die lächeln, und solche, die finster dreinschauen. Solche, die grell angemalt sind wie ein Straßenmädchen, das sich jeden Abend verkleiden muss, um in den Kampf zu ziehen. Und andere, die nichts zeigen, nichts verkaufen, weder angeben noch sich zur Schau stellen, sondern unbefangen lächeln, wenn jemand zu Besuch kommt. So ist meine Stadt am Meer. […] Dort habe ich meine Träume eingepflanzt. Und der Boden, in den du deine Träume pflanzt, gehört dir. Der, den du gern deinen Kindern vererben möchtest. (S. 20)

Wenn Touristen, die wie du aus schönen Städten kommen, mich anhalten lassen, um schnell ein Foto zu schießen, betrachten sie das Bauwerk von oben herab, obwohl sie zu dessen Füßen stehen. (S. 18)

In dem Land, aus dem du kommst, soll der Job eine Art Kaserne sein und Ferien so etwas wie Fronturlaub. Man muss ihn bis zum letzten Tropfen auskosten, bevor man zur Truppe zurückkehrt. Deshalb wollen die Touristen, wenn sie hier ankommen, die ganze Welt verspeisen und in ein paar Stunden ihren Appetit befriedigen. (S. 146)

Neben den Griesgrämigen, die auf der Fahrt zum Strandhotel über alles schimpfen und jammern, als würde ich sie zwangsweise zur Klagemauer bringen, gibt es das andere Extrem, die Lustigen, die für den Spaß bezahlt haben […] Wenn man ihnen zuhört, haben sie in jeder Sekunde ihres Aufenthaltes nur Glückliches erlebt. Alles finden sie schön. Die banalste kleine Felsenschlucht versetzt sie in den siebten Himmel. Sie haben bezahlt, also ist alles gut. Wenn sie die Nachrichten hören, halten sie die Bandenchefs für gute Wilde. In den Elendsvierteln sehen sie eine Form von Ästhetik, kurzum, sie haben hier ein Paradies am Meer gefunden. Sie sind wie jene Menschen, die im Restaurant alles bis auf den letzten Bissen aufessen, ob es schmeckt oder nicht. Das ist für sie eine Frage der Ehre oder eine Art Pragmatismus: Sie konsumieren, bis sie ihre Ausgaben wieder reingeholt haben. (S. 129)

Ehrlich gesagt, mir sind die heiteren Gäste lieber als die, die vor Angst stinken. Wahrscheinlich haben sie alle Kataloge des Schreckens studiert, einen Haufen Statistiken und ungewöhnliche Geschichten angesammelt, ihren Arzt konsultiert und eine Liste von Tropenkrankheiten mit der Beschreibung der ersten Symptome zusammengestellt, bevor sie auf der „verfluchten“ Insel landen. Sie kommen mit einer ganzen Batterie an Medikamenten und schmieren sich mit tausenderlei Salben ein. Wenn wir durch die Elendsviertel fahren, packt sie die Panik. Man könnte meinen, sie hätten ein unbewohntes, jungfräuliches Land erwartet, das sich bereitwillig vor ihnen ausbreitet. (S. 131)

Sylvain Tesson: In den Wäldern Sibiriens (OA 2011; deutsche Ausgabe 2014)

Die Marke Heinz vermarktet etwa fünfzehn verschiedene Saucen. Der Supermarkt von Irkutsk führt sie alle, und ich kann mich nicht entscheiden. Ich habe schon sechs Einkaufswagen mit Nudeln und Tabasco beladen. Der blaue Lastwagen wartet auf mich. Mischa, der Fahrer, hat den Motor nicht abgestellt, draußen herrschen minus 32 Grad. Morgen verlassen wir Irkutsk. In drei Tagen werden wir die Blockhütte am Ostufer des Sees erreichen. […] Fünfzehn Sorten Ketchup. Wegen solcher Dinge wollte ich dieser Welt den Rücken kehren.

So beginnt

Sylvain Tesson: In den Wäldern Sibiriens: Tagebuch aus der Einsamkeit (2014)

Das französische Original erschien 2011 und wurde von Claudia Kalscheuer ins Deutsche übersetzt.

Zum Inhalt

Tesson wurde 1972 in Paris geboren. Der Schriftsteller, Journalist und Reisende fasst selbst den Inhalt auf der ersten Seite des Buches unter dem Titel Randnotiz zusammen:

Ich hatte mir vorgenommen, vor meinem 40. Lebensjahr als Eremit in den Wäldern zu leben.
Ich zog für sechs Monate in eine sibirische Hütte am Ufer des Baikalsees, an der Spitze des Nördlichen Zedernkaps. Das nächste Dorf, 120 Kilometer entfernt, keine Nachbarn, keine Zugangsstraßen, gelegentlich ein Besuch. Im Winter Temperaturen um die minus 30 Grad, im Sommer Bären an den Ufern. Kurz, das Paradies.
Ich nahm Bücher mit, Zigarren und Wodka. Alles Übrige – die Weite, die Stille und die Einsamkeit – war schon da.
In dieser Wildnis schuf ich mir ein schlichtes und schönes Leben, ich machte die Erfahrung eines aus einfachen Handlungen bestehenden Daseins. Im Angesicht von See und Wald betrachtete ich das Vorüberziehen der Tage. Ich hackte Holz, angelte mein Abendessen, las viel, wanderte durch die Berge und trank am Fenster Wodka. Die Blockhütte war ein idealer Beobachtungsposten, um noch die kleinste Bewegung der Natur zu erfassen.
Ich erlebte den Winter und den Frühling, das Glück, die Verzweiflung und am Ende den Frieden. In der tiefsten Taiga verwandelte ich mich. Die Bewegungslosigkeit gab mir, was das Reisen mir nicht mehr verschaffen konnte. Der Geist des Ortes half mir, die Zeit zu zähmen. Meine Einsiedelei wurde zum Laboratorium dieser Wandlungen.
Jeden Tag verzeichnete ich meine Gedanken in einem Heft. Dieses Tagebuch eines Einsiedlerlebens halten Sie in Händen.

Warnung

Da dieses „Tagebuch“ so viele sprachlich gelungene sowie inhaltlich interessante Stellen enthielt, konnte ich mich kaum entscheiden, welche Zitate ich denn nun einfließen lassen soll und welche nicht. Wer also mit dem Gedanken spielt, das Buch selbst zu lesen, kann ja gleich zum Fazit weiterblättern…

Noch ein bisschen mehr zum Inhalt

2003 wanderte Tesson das erste Mal am Baikalsee. Das hinterließ einen so tiefen Eindruck, dass er beschloss, irgendwann wiederzukommen. Sieben Jahre später erfüllt er sich nun diesen Traum und bezieht seine Blockhütte am Ufer des ältesten und tiefsten Sees der Welt. Neben den streng überlebenswichtigen Vorräten hat er auch ein paar Luxusgüter im Gepäck: Beträchtliche Mengen an Wodka, Paracetamol (gegen die Wirkungen des Wodka), Zigarren und eine große Bücherkiste. Solarzellen liefern den Strom für seinen kleinen Computer. Das Satellitentelefon für Notfälle funktioniert nur ab und zu.

Als erstes räumt er den Müll des Vorgängers hinter die Hütte. Zunächst allein, später kommen zwei Hunde dazu. Ab und an Besuche von trinkfesten Fischern und Angestellten des Baikal-Lena-Naturreservats.

Im Abstand von 30 Kilometern beherbergen Stationen des Naturschutzgebiets Inspektoren […] Später werde ich in melancholischen Momenten, wenn ich das Bedürfnis verspüre, mit jemandem anzustoßen, nur einen Tag nach Süden oder fünf Stunden nach Norden wandern müssen. (S. 22)

Und so beginnt sein großes Abenteuer:

Ich bin an der Landungsbrücke meines Lebens angelangt. Ich werde endlich erfahren, ob ich ein Innenleben habe. (S. 33)

Über weite Strecken spürt man sein geradezu physisches Wohlbehagen, das er empfindet, ja manchmal macht ihn die Einsamkeit fast ein bisschen größenwahnsinnig: Sie

wirkt als Resonanzkörper: Alle Eindrücke sind wesentlich stärker, wenn man allein ist. Sie erlegt einem Verantwortung auf: Im menschenleeren Wald bin ich Botschafter der menschlichen Gattung. Ich muss dieses Schauspiel für alle genießen, denen es versagt ist. Sie […] wäscht alles Geschwätz von mir ab, erlaubt es, mein Inneres zu sondieren. Sie lässt Erinnerungen an geliebte Menschen aufsteigen… (S. 114)

Er wandert und klettert, angelt, beobachtet stundenlang den gefrorenen See, erlebt Stürme, geht später im Frühling den Bären aus dem Weg und protokolliert die feinsten Nuancen am Himmel und in der Eisdecke. Er füttert Meisen, wärmt sich an seinem Ofen und philosophiert dabei buchstäblich über Gott und die Welt. Er angelt und fährt stundenlang Schlittschuh, vermisst seine Liebste und genießt seinen nachhaltigen und konzentrierten Lebensstil, den er durchaus als Revolte gegen die Gesellschaft deutet.

Die Blockhütte, das Reich der Vereinfachung. Unter dem Schutz der Kiefern beschränkt sich das Dasein auf lebenswichtige Handlungen. Die den täglichen Aufgaben abgerungene Zeit füllt sich mit Ausruhen, Kontemplation und kleinen Freuden. Die Palette der zu erledigenden Dinge ist begrenzt. Lesen, Wasser holen, Holz hacken, schreiben und Tee eingießen werden zu einer Liturgie. In der Stadt geht jede Handlung auf Kosten von tausend anderen. Der Wald verdichtet, was die Stadt zerstreut. (S. 40)

In eine Hütte zu ziehen bedeutet, von den Kontrollschirmen zu verschwinden. Der Einsiedler löscht sich. Er sendet keine digitalen Spuren mehr, keine Telefonsignale, keine Bankkartenimpulse. […] er tritt aus dem großen Spiel aus. (S. 120)

Aber auch die dunklen Momente des Zweifels, des nicht enden wollenden Regens und der Verzweiflung verschweigt er nicht.

Gleichzeitig spürt Tesson die Notwendigkeit, sich und seinen Tag zu strukturieren, denn er weiß um die Gefahr, ohne die soziale Kontrolle der Mitmenschen den ganzen Tag nur verdreckt und betrunken in der Ecke zu liegen.

Robinson kennt diese Gefahr und beschließt, um nicht auf den Hund zu kommen, jeden Abend am Tisch und im Anzug zu dinieren, als empfange er einen Gast. […] Die Einsamkeit ist eine Bewährungsprobe […] Der Einsame muss sich der Pflicht der Tugend unterwerfen, sagt er, und darf sich keine Grausamkeit erlauben. Wenn er schlecht handelt, wird sein Einsiedlertum ihm eine doppelte Strafe auferlegen: Nicht nur wird er das durch seine eigene Bosheit verdorbene Klima zu ertragen haben, sondern er wird auch die Niederlage einstecken müssen, der menschlichen Gattung nicht würdig gewesen zu sein. (S. 99/100)

Er liest und wird immer mal wieder durch Besuche aufgestört, was dann regelmäßig in Besäufnissen endet. Wir wandern mit ihm durch die Jahreszeiten, erleben seine Entschleunigung, sehen, wie seine Konzentration sich verschiebt. Brauchte er in Paris den Trubel, Besuche und Betriebsamkeit, um die Tage zu bewältigen, reicht ihm hier schon der Besuch einer Meise am Fenster, um ihn einen ganzen Nachmittag zu entzücken.

Dabei sorgt aber die harsche Natur dafür, dass er nicht völlig abhebt. Auf einem Aussichtspunkt oberhalb des Sees sinniert er:

Im Leben braucht es drei Zutaten: Sonne, einen Ausblick und in den Beinen die milchsaure Erinnerung an die Anstrengung. Und kleine Montechristos. Das Glück ist flüchtig wie ein Wölkchen Zigarrenrauch. Es herrschen minus 30 Grad. Zu kalt für längere Kontemplationen.

Fazit

Keine Frage, unbedingt lesenswert! Selbst wenn mir Tessons Hang zu apodiktischen Aussagen manchmal auf die Nerven fiel.

Siebzig Jahre historischer Materialismus haben bei den Russen jedes ästhetische Empfinden zunichtegemacht. Woher kommt der schlechte Geschmack? Warum gibt es Linoleum und nicht nichts? Wie hat der Kitsch die Welt erobert? Der Run der Völker auf das Hässliche ist das Hauptphänomen der Globalisierung. […] Der schlechte Geschmack ist der gemeinsame Nenner der Menschheit. (S. 26)

Tesson ist ein belesener Reisender. Seine Bücherkiste enthält ca. 60 Titel, von den Stoikern, den Eremiten des 4. Jahrhunderts bis hin zu Shakespeare, Robinson Crusoe und einigen Krimis, aus denen er immer wieder zitiert, die er gedanklich verknüpft, denen er widerspricht, aus denen er entnimmt, was ihm nützlich erscheint. Schön auch die Lektüre der chinesischen Dichter, die sich schon vor Jahrhunderten so ihre Gedanken über den Rausch, die Schönheit und die Zurückgezogenheit gemacht  haben. Es macht Spaß, Tesson dabei zu folgen. Beim nächtlichen Besuch seiner Latrine, 120 Schritte von der Hütte entfernt, fällt ihm beispielsweise die Geschichte von Daphne du Maurier ein, in der ein Mann in einer kalten Winternacht über die Wurzeln eines Baumes stolpert, den seine Frau einst gepflanzt hat.

Manchmal ist es auch einfach nur komisch. Da verkriecht sich einer im Winter am Ufer des Baikalsees und selbst dort ist er nicht sicher vor Leuten, die weder Sinn für die Schönheit des Ortes oder die Einsamkeit haben. Eines Nachts kommen Mitglieder aus Putins Partei in acht Geländewagen und  kampieren am Strand. Er ist niedergeschmettert, nicht zuletzt, weil sie die schöne Schneefläche komplett zertrampelt haben.

… der Lärm, die Hässlichkeit, das testosterongesteuerte Herdenverhalten. Und ich armer Tropf mit meinen Reden über Rückzug und meinem Exemplar von Jean-Jacques‘ Träumereien auf dem Tisch! Ich denke an die Benediktinerbrüder, die heute gezwungen sind, Touristen durch ihre Klöster zu führen … (S. 42)

Einmal besucht ihn der Meteorologe von einer der Inseln, in Begleitung einer australischen Touristin.

Die Australierin versteht einiges nicht ganz:
„Do you have a car?“ – „No“, sage ich.
„A TV?“ – „No.“
„If you ever have a problem?“ – „I walk.“
„Do you go to the village for food?“ – „There is no village.“
„Do you wait for a car on the road?“ – „There is no road.“
„Are those your books?“ – „Yes.“
„Did you write all of them?“

Selbst zwei Shivaisten, die vor ihm einen schwer verdaulichen „spirituellen Brei“  auswalzen und dabei aussehen wie „Killer einer Spezialeinheit“ verirren sich an sein einsames Ufer.

Tesson ist kein romantischer Spinner. Angesichts der begrenzten Ressourcen unserer Erde hält er zwar ein ökonomisches Nullwachstum für das Gebot der Stunde, doch glaubt er nicht, dass irgendeine Regierung den Mut hätte, ihrer Bevölkerung abzuverlangen, eher „Seneca zu lesen, als Cheeseburger zu verschlingen“. (S. 45)

Dabei ist er sich völlig im Klaren darüber, dass er sich mit diesen sechs Monaten einen Luxus leistet, der immer elitär bleiben wird. Würden das viele oder gar alle nachahmen, gäbe es diese fast unberührten Orte der Schönheit nicht mehr.

Wenn die Massen in die Wälder zögen, würden sie die Übel mitbringen, die sie fliehen wollten, indem sie die Stadt verließen. Es gibt keinen Ausweg. (S. 46)

Am Rande werden auch die Umweltzerstörung und der gedankenlose Raubbau an den Wäldern der Taiga erwähnt. So zerlegen chinesische Holzfäller russische Zedern, um daraus beispielsweise Essstäbchen herzustellen.

Zum Abschluss noch einmal seine Beweggründe, sich in eine Blockhütte zurückzuziehen:

Ich war zu geschwätzig
Ich wollte Stille
Zu viel unbearbeitete Post
und zu viele Leute zu treffen
Ich beneidete Robinson …

Sicherlich entbehrt es nicht einer gewissen Ironie, wenn er seiner Geschwätzigkeit ein Schnippchen schlagen wollte und nun unzählige Tagebuchseiten vollgeschrieben hat. Egal.

Die wenigsten von uns werden sechs Monate in irgendeine Wildnis oder ein Kloster aufbrechen, doch die Fragen, die Tesson (sich) stellt, und die Einsichten, die er gewinnt, sind natürlich nicht nur für Eremiten von Belang:

Kann man sich selbst ertragen? (S. 50)

Es tut gut, kein Gespräch in Gang halten zu müssen. (S. 68)

Schade ist lediglich, dass hier, wie schon bei Winnemuths Buch Das große Los, das übrigens ebenfalls im Knaus-Verlag erschienen ist, in keiner Zeile davon erzählt wird, wie es Tesson nach seiner Rückkehr in die Zivilisation ergangen ist. Ist er ein dauerhaft Veränderter?

Aber vielleicht ist gerade das das Spannende? Wir malen uns aus, was wäre, wenn, und träumen ein bisschen, schreiben in unser Tagebuch und überlegen, wie auch wir ein bisschen geerdeter und konzentrierter leben können, ein bisschen weniger geschwätzig …

Anmerkungen

Tesson empfindet seine Versuche, die ihn schier überwältigende Landschaft zu fotografieren, mehr und mehr als Frevel am Augenblick. So enthält das Buch leider keine Bilder. Deshalb ist der Trailer auf der Verlagsseite umso wichtiger; so bekommt man wenigstens einen kleinen Eindruck.

2011 erhielt er für dieses Buch den französischen Literaturpreis Prix Médicis.

Blake Morrison schreibt im Guardian: „… in Linda Coverdale’s fluent translation, he comes across as the brainiest, daftest, sternest, funniest, most companionable hermit you’ll ever meet.“

Und hier geht’s lang zur Besprechung auf Zeichen und Zeiten.