Fundstück von Bergsveinn Birgisson

Gedanke am Morgen

Auf die Bucht hinauszuschauen an einem Morgen, wenn die Wolkenkissen friedlich auf der gegenüberliegenden Küste ruhen, dort, wo alles besser zu sein scheint und irgendwelche unbekannten Versprechen im Licht wohnen.

aus: Bergsveinn Birgisson: Die Landschaft hat immer recht, Residenz Verlag 2018 (OA 2003), S. 232

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Fundstück von Bergsveinn Birgisson

Das Leben und die Liebe – das bedeutet, anderem als sich selbst verbunden zu sein, und so findet man sich selbst. Aber die Menschen wollen frei und unabhängig leben, nicht gebunden sein and etwas anderes als den eigenen Willen. Und es wird heutzutage so viel in den Läden gekauft, dass man glauben möchte, Gott sei gestorben. Und dann bleiben die Menschen auf sich selbst sitzen und sagen, dass Freiheit bedeute, die Welt zu regieren. Dann werden dicke Bücher geschrieben und endlose Debatten darüber geführt, warum es den Menschen immer häufiger wie vergessenen, verrosteten Containern auf dem Hafenkai geht. Die Menschen haben sich losgerissen von anderen, um sich selbst zu finden. Der Grashalm auf der Hauswiese – hat er so etwas schon gehört?

aus: Bergsveinn Birgisson: Die Landschaft hat immer recht, Residenz Verlag 2018 (OA 2003), S. 207

Fundstück von Eduard von Keyserling

Ach, Kind! Was wissen wir, was verstehen wir von dem, was in anderen vorgeht! Wie können wir urteilen! Du und ich, wir leben nah beieinander. Was wissen wir voneinander? Was können wir füreinander tun? Wie die Pakete im Güterwagen, so stehen die Menschen nebeneinander. Ein jeder gut verpackt und versiegelt, mit einer Adresse. Was drin ist, weiß keines von dem anderen. Man reist eine Strecke zusammen, das ist alles, was wir wissen.

aus: Eduard von Keyserling: Dumala (1908)

Fundstück von Moses Mendelssohn

Moses Mendelssohn (1729 – 1786), der deutsche Philosoph der Aufklärung und Freund Lessings, schrieb in einem Brief Sätze, die leider nach wie vor so oder ähnlich geschrieben werden könnten:

Allhier in diesem sogenannten duldsamen Lande lebe ich gleichwohl so eingeengt, durch wahre Intoleranz so von allen Seiten beschränkt, daß ich meinen Kindern zu Liebe mich den ganzen Tag in einer Seidenfabrik […] einsperren muß. Ich ergehe mich zuweilen des Abends mit meiner Frau und meinen Kindern. Papa! fragt die Unschuld, was ruft uns jener Bursche dort nach? Warum werfen sie mit Steinen hinter uns her? Was haben wir ihnen getan? – Ja, lieber Papa! spricht ein Anderes, sie verfolgen uns immer in den Straßen und schimpfen: Juden! Juden! Ist denn dieses so ein Schimpf bei den Leuten, ein Jude zu sein? Und was hindert dieses andere Leute? Ach! Ich schlage die Augen unter und seufze mit mir selber: Menschen! Menschen! Wohin habt ihr es endlich kommen lassen?

Aus: Carola Stern: Ich möchte mir Flügel wünschen – Das Leben der Dorothea Schlegel, rororo 1990, S. 24

Fundstück von Horst Bienek

Valeska Piontek erwachte zu der Stunde, in der das Morgenlicht die Gardinen sanft bewegt und violette Schatten in die Fenster zeichnet. Noch ist der Fußboden ein fahles, rauchiges Weiß, in dem man versinken würde, aber schon treten die Gegenstände aus ihren Schatten, kommen näher und entfernen sich wieder mit dem wandernden Licht, bis ihre Konturen plastischer, ihre Ecken und Kanten schärfer werden; noch etwas mehr Licht, und die gelben Rosen müßten aus den Wänden stürzen.

So beginnt Die erste Polka (1975) von Horst Bienek (1930 – 1990). Der Roman spielt in Oberschlesien, einen Tag vor dem Überfall auf Polen, dem Auftakt für den Zweiten Weltkrieg.

Die erste Polka ist der erste Teil der vierbändigen Reihe: Gleiwitz. Eine oberschlesische Chronik in vier Romanen. Die Titel der weiteren Bände:

  • Septemberlicht (1977)
  • Zeit ohne Glocken (1979)
  • Erde und Feuer (1982)