Fundstück von Agota Kristof

Wenn wir die Eltern meiner Mutter besuchen, die in einem nahe gelegenen Dorf wohnen, in einem Haus mit Licht und Wasser, nimmt mich mein Großvater an der Hand, und wir machen zusammen einen Rundgang durch die Nachbarschaft. Großvater holt eine Zeitung aus der großen Tasche seines Gehrocks und sagt zu den Nachbarn: ‚Seht her! Hört zu!‘ Und zu mir: ‚Lies.‘

Und ich lese. Fließend, fehlerlos, so schnell, wie man es verlangt.

Abgesehen von diesem großväterlichen Stolz, wird mir meine Lesekrankheit eher Vorwürfe und Verachtung einbringen:

‘Sie tut nichts. Sie liest die ganze Zeit.‘

‘Sie kann sonst nichts.‘

‘Das ist die bequemste Beschäftigung, die es gibt.‘

‘Das ist Faulheit.‘

Und vor allem: ‚Sie liest, anstatt…‘

Anstatt was?

‘Es gibt so viel Nützlicheres, nicht wahr?‘

aus: Agota Kristof: Die Analphabetin, Ammann Verlag 2005, S. 11

Die Originalausgabe erschien 2004.

Fundstück von Thornton Wilder

M … heiratet N… Millionen tun das. Das kleine Häuschen, der Kinderwagen, der Sonntagsnachmittagsausflug im Ford, der erste Rheumatismus, die Enkel, der zweite Rheumatismus, das Totenbett, die Verlesung des Testaments – einmal unter Tausenden ist es interessant.

aus: Thornton Wilder: Unsere kleine Stadt (OA 1938); in der Übersetzung von Hans Sahl

Fundstück

The man on his holidays becomes the man he might have been, the man he could have been, had things worked out a little differently. All men are equal on their holidays: all are free to dream their castles without thought of expense, or skill of architect. Dreams based upon such delicate fabric must be nursed with reverence and held away from the crude light of tomorrow week. (S. 25)

Aus: RC Sherriff: A Fortnight in  September (1931)

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Fundstück von Gottfried Keller

Unter einer offenen Halle dieses Waldes ging am frühsten Ostermorgen ein junger Mensch; er trug ein grünes Röcklein mit übergeschlagenem schneeweißen Hemde, braunes dichtwallendes Haar und darauf eine schwarze Samtmütze, in deren Falten ein feines weiß und blaues Federchen von einem Nußhäher steckte. Diese Dinge, nebst Ort und Tageszeit, kündigten den zwanzigjährigen Gefühlsmenschen an. Es war Heinrich Lee, der heute von der bisher nie verlassenen Heimat scheiden und in die Fremde nach Deutschland ziehen wollte; hier heraufgekommen, um den letzten Blick über sein schönes Heimatland zu werfen, beging er zugleich den Akt eines Naturkultus, wie es häufig bei hoffnungsreichen und enthusiastischen Jünglingen geschieht.

So wenig, außer dem tiefen ruhigen Strömen des Flusses, ein Ton in dieser Frühe hörbar wurde, ebenso wenig war an der weiten tiefen himmlischen Krystallglocke der leiseste Hauch eines Wölkleins zu sehen. Der weite See verschmolz mit den Füßen des Hochgebirges in eine blaugraue Dämmerung; die Schneekuppen und Hörner standen milchblaß in der Frühe. Als Heinrich an den Rand des Waldes trat, überflog der erste Rosenschimmer der nahenden Sonne die geisterhaften Gebilde; über dem letzten einsamen Eisaltar glimmte noch der Morgenstern.

Indem unser Knabe starr nach ihm hinsah, tat er einen jener stummen, flüchtigen Gebetsseufzer, die, wenn sie in Worte zu fassen wären, ungefähr so lauten würden: Das ist sehr schön, o Gott! ich danke dir dafür, ich gelobe, das Meinige auch zu tun! Wo und wer du auch seist, habe Nachsicht mit mir, du weißt, wie alles kommt in deiner Welt, übrigens mache mit mir, was du willst.

aus: Gottfried Keller: Der grüne Heinrich (1854/1855; erste Fassung)

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Fundstück von C. S. Lewis

In 1905, my seventh year, the first great change in my life took place. We moved house. My father […] decided to build himself a much larger house, further out into what was then the country. The „New House“, as we continued for years to call it, was a large one even by my present standards; to a child it seemed less like a house than a city. My father, who had more capacity for being cheated than any man I have ever known, was badly cheated by his builders, the drains were wrong, the chimneys were wrong, and there was a draught in every room. None of this, however, mattered to a child. To me, the important thing about the move was that the background of my life became larger. […] I am a product of long corridors, empty sunlit rooms, upstair indoor silences, attics explored in solitude, distand noises of gurgling cisterns and pipes, and the noise of wind under the tiles.

Also, of endless books. My father bought all the books he read and never got rid of any of them. There were books in the study, books in the drawing-room, books in the cloakroom, books (two deep) in the great bookcase on the landing, books in the bedrooms, books piled as high as my shoulder in the cistern attic, books of all kinds reflecting every transient stage of my parents’s interests, books readable and unreadable, books suitable for a child and books most emphatically not. Nothing was forbidden me. In the seemingly endless rainy afternoons I took volume after volume from the shelves. I had always the same certainty of finding a book that was new to me as a man who walks into a field has of finding a new blade of grass. Where all these books had been before we came to the New House is a problem hat never occurred to me until I began writing this paragraph. I have no idea of the answer.

aus der Autobiografie Surprised by Joy (1955) von C. S. Lewis (1898-1963)

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