Fundstück von Robert Seethaler

Er malte sich aus, wie es wäre, wenn jede der Stimmen noch einmal Gelegenheit bekäme, gehört zu werden. Natürlich würden sie vom Leben sprechen. Er dachte, dass der Mensch vielleicht erst dann endgültig über sein Leben urteilen konnte, wenn er sein Sterben hinter sich gebracht hatte.

Aber vielleicht hatten die Toten gar kein Interesse an den Dingen, die hinter ihnen lagen. Vielleicht erzählten sie von drüben. Davon, wie es sich anfühlt, auf der anderen Seite zu stehen. Abberufen. Eingegangen. Aufgenommen. Verwandelt.

aus: Robert Seethaler: Das Feld (2018), S. 9/10

Abgesehen von diesem Zitat habe ich mich bei diesem Buch arg gelangweilt, deswegen Lektüre vorzeitig abgebrochen, obwohl ich die zugrunde liegende Idee reizvoll fand.

 

 

 

 

Fundstück von Siegfried Lenz

Beim Wiederlesen ging mir auf, wie viele Einzelheiten ich bereits vergessen hatte, etwas löscht die Zeit ja immer, etwas ebnet sie immer ein, aber allmählich stellte ich fest, daß es auch manches gibt, für das die Zeit nicht vergeht, ein einziges Wort kann schon ausreichen, um zurückzuholen, was verblaßt und entschwunden schien.

aus: Siegfried Lenz: Arnes Nachlaß (1999), S. 130

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Fundstück von Johan Bargum

Ihm war klar geworden, dass auch er selbst, wenn es einmal so weit wäre, denselben Schrecken empfinden würde, dieselbe unvernünftige, paradoxe Angst vor dem Verschwinden. Es gab keinen guten Tod; das erfüllte ihn mit Wut und Verzweiflung und mit einem Gefühl, dass sein ganzes, langes Ärzteleben umsonst gewesen war, weil es ihn nichts anderes gelehrt hattte, als dass sich am Ende keiner aufs Sterben verstand und infolgedessen auch nicht aufs Leben.

aus: John Bargum: Nachsommer, mare Verlag 2018, S. 52

Die schwedische Originalausgabe erschien 1993.

Fundstück von H. G. Wells

Wells verdanken wir den Begriff der Zeitmaschine und in seinem Roman The Time Machine (1895) malt er aus, wohin eine Spaltung der Gesellschaft in im wahrsten Sinne Oben und Unten führen könnte.

Das folgende Zitat zeigt, wie der Zeitreisende seine Zuhörer zu packen weiß, als er von seinen Erlebnissen im Jahr 802.701 erzählt, und wie wir in diesen aufmerksamen Zirkel von schweigenden Männern aufgenommen werden:

You read, I will suppose, attentively enough; but you cannot see the speaker’s white, sincere face in the bright circle of the little lamp, nor hear the intonation of his voice. You cannot know how his expression followed the turns of his story! Most of us hearers were in a shadow, for the candles in the smoking-room hat not been lighted, and only the face of the Journalist and the legs of the Silent Man from the knees downward were illuminated. At first we glanced now and again at each other. After a time we ceased to do that, and looked only at the Time Traveller’s face.

aus: Herbert George Wells (1866-1946): The Time Machine (1895)

Fundstück von Tomas Espedal

Gehen

Es gehört nichts dazu, neue Orte zu sehen, schwieriger ist es, jeden Tag dieselbe Strecke zu gehen, dieselben Orte zu sehen, auf eine neue Weise, vielleicht, aber dennoch, dieselben Straßen, dieselben Häuser, um einen neuen Gedanken zu finden, eine ganz neue Art, derselbe zu sein.

aus: Tomas Espedal: Biografie Tagebuch Briefe, Matthes & Seitz Berlin Verlagsgesellschaft 2017, S. 19

Fundstück von Agota Kristof

Wenn wir die Eltern meiner Mutter besuchen, die in einem nahe gelegenen Dorf wohnen, in einem Haus mit Licht und Wasser, nimmt mich mein Großvater an der Hand, und wir machen zusammen einen Rundgang durch die Nachbarschaft. Großvater holt eine Zeitung aus der großen Tasche seines Gehrocks und sagt zu den Nachbarn: ‚Seht her! Hört zu!‘ Und zu mir: ‚Lies.‘

Und ich lese. Fließend, fehlerlos, so schnell, wie man es verlangt.

Abgesehen von diesem großväterlichen Stolz, wird mir meine Lesekrankheit eher Vorwürfe und Verachtung einbringen:

‘Sie tut nichts. Sie liest die ganze Zeit.‘

‘Sie kann sonst nichts.‘

‘Das ist die bequemste Beschäftigung, die es gibt.‘

‘Das ist Faulheit.‘

Und vor allem: ‚Sie liest, anstatt…‘

Anstatt was?

‘Es gibt so viel Nützlicheres, nicht wahr?‘

aus: Agota Kristof: Die Analphabetin, Ammann Verlag 2005, S. 11

Die Originalausgabe erschien 2004.

Fundstück von Thornton Wilder

M … heiratet N… Millionen tun das. Das kleine Häuschen, der Kinderwagen, der Sonntagsnachmittagsausflug im Ford, der erste Rheumatismus, die Enkel, der zweite Rheumatismus, das Totenbett, die Verlesung des Testaments – einmal unter Tausenden ist es interessant.

aus: Thornton Wilder: Unsere kleine Stadt (OA 1938); in der Übersetzung von Hans Sahl