Fundstück von Eduard von Keyserling

Ach, Kind! Was wissen wir, was verstehen wir von dem, was in anderen vorgeht! Wie können wir urteilen! Du und ich, wir leben nah beieinander. Was wissen wir voneinander? Was können wir füreinander tun? Wie die Pakete im Güterwagen, so stehen die Menschen nebeneinander. Ein jeder gut verpackt und versiegelt, mit einer Adresse. Was drin ist, weiß keines von dem anderen. Man reist eine Strecke zusammen, das ist alles, was wir wissen.

aus: Eduard von Keyserling: Dumala (1908)

Fundstück von Moses Mendelssohn

Moses Mendelssohn (1729 – 1786), der deutsche Philosoph der Aufklärung und Freund Lessings, schrieb in einem Brief Sätze, die leider nach wie vor so oder ähnlich geschrieben werden könnten:

Allhier in diesem sogenannten duldsamen Lande lebe ich gleichwohl so eingeengt, durch wahre Intoleranz so von allen Seiten beschränkt, daß ich meinen Kindern zu Liebe mich den ganzen Tag in einer Seidenfabrik […] einsperren muß. Ich ergehe mich zuweilen des Abends mit meiner Frau und meinen Kindern. Papa! fragt die Unschuld, was ruft uns jener Bursche dort nach? Warum werfen sie mit Steinen hinter uns her? Was haben wir ihnen getan? – Ja, lieber Papa! spricht ein Anderes, sie verfolgen uns immer in den Straßen und schimpfen: Juden! Juden! Ist denn dieses so ein Schimpf bei den Leuten, ein Jude zu sein? Und was hindert dieses andere Leute? Ach! Ich schlage die Augen unter und seufze mit mir selber: Menschen! Menschen! Wohin habt ihr es endlich kommen lassen?

Aus: Carola Stern: Ich möchte mir Flügel wünschen – Das Leben der Dorothea Schlegel, rororo 1990, S. 24

Fundstück von Horst Bienek

Valeska Piontek erwachte zu der Stunde, in der das Morgenlicht die Gardinen sanft bewegt und violette Schatten in die Fenster zeichnet. Noch ist der Fußboden ein fahles, rauchiges Weiß, in dem man versinken würde, aber schon treten die Gegenstände aus ihren Schatten, kommen näher und entfernen sich wieder mit dem wandernden Licht, bis ihre Konturen plastischer, ihre Ecken und Kanten schärfer werden; noch etwas mehr Licht, und die gelben Rosen müßten aus den Wänden stürzen.

So beginnt Die erste Polka (1975) von Horst Bienek (1930 – 1990). Der Roman spielt in Oberschlesien, einen Tag vor dem Überfall auf Polen, dem Auftakt für den Zweiten Weltkrieg.

Die erste Polka ist der erste Teil der vierbändigen Reihe: Gleiwitz. Eine oberschlesische Chronik in vier Romanen. Die Titel der weiteren Bände:

  • Septemberlicht (1977)
  • Zeit ohne Glocken (1979)
  • Erde und Feuer (1982)

 

Fundstück von Leonardo Padura

Wenn er dann an einem so heißen Morgen wie diesem auf die Straße trat, im Mund den einsamen Kaffeegeschmack, ohne den Abschiedskuss einer Frau hinter sich oder irgendein erfreuliches Ereignis in naher Zukunft vor sich, das ihn wie ein Magnet angezogen hätte, dann fragte er sich, ob er überhaupt noch einen Grund hatte, seine Uhr aufzuziehen oder den Wecker zu stellen, wo doch die Zeit genau das war, was seine Leere am objektivsten zum Ausdruck brachte. Und weil er keinen überzeugenden Grund dafür fand – Pflichtgefühl? Verantwortungsbewusstsein? Die Notwendigkeit, seinen Lebensunterhalt zu verdienen? Bewegung der trägen Masse? -, fragte er sich immer wieder, was er hier eigentlich machte, auf dem Weg zur Bushaltestelle, zu der Schlange, die jeden Tag länger und brutaler wurde, eine Zigarette rauchend, die ihm die Eingeweide zerfraß, inmitten einer Menschenmenge, die ihm immer fremder war, unter der Hitze leidend, die mit jeder Minute unerträglicher wurde.

aus: Leonardo Padura: Labyrinth der Masken, Unionsverlag 2005, S, 25

Das Original, der erste Band des Havanna-Quartetts, erschien 1997.

Fundstück von Janice Galloway

Work is not a problem. I work in a school. I teach children. I teach them:

  1. routine
  2. when to keep their mouths shut
  3. how to put up with boredom and unfairness
  4. how to sublimate anger politely
  5. not to go into teaching

That isn’t true. And then again, it is. I am never sure what it is I do.

aus: Janice Galloway: The Trick is to Keep Breathing (1989)