Fundstück von Ruby Ferguson

Leider war Ruby Ferguson (1899 – 1966) ihrer eigenen Romanidee in Lady Rose and Mrs Memmary (1937) nicht durchgehend gewachsen. Es gab einfach zu viel Süßlichkeit, besonders in der oberidyllischen Kindheit der adligen Lady Rose – was von wohlmeinenden Geistern gern als „Märchenhaftigkeit“ verbrämt wird -, eine eiskalte Mutter, ein Hauch von Effie Briest und die wirklich albernste und unglaubwürdigste Szene einer Liebe auf den ersten Blick, die mir je untergekommen ist.

Anscheinend konnte sich Ferguson nicht so recht entscheiden, was für eine Art von Geschichte sie denn nun eigentlich erzählen wollte. Schade eigentlich, denn das Buch hätte durchaus das Potential gehabt, ein netter Schmöker zu werden.

Da konnte auch die Verschränkung zweier Zeitebenen, die ich hier ganz gelungen fand, nicht mehr viel retten: Drei Touristen entdecken Mitte der dreißiger Jahre des letzten Jahrhunderts auf einer Spazierfahrt durch Schottland das einsam gelegene Herrenhaus Keepsfield, das zu vermieten wäre, und lassen sich von der alten Mrs Memmary, die sich um das Haus kümmert, die Geschichte der einstigen Besitzer erzählen.

So hätte ich das Buch gar nicht weiter erwähnt, aber Stellen wie die folgende zeigen, dass die Autorin durchaus schreiben konnte und was für ein Buch es hätte werden können:

Rose indulged in the most romantic dreams about marriage. Of course they were all delightfully vague and abstract, and for all practical purposes they began and ended with white satin and pearls and sheaves of flowers at St. George’s, and red carpet in front of Aunt Violet’s house in Belgrave Square, and tears, and hundreds of presents. After that came a kind of ideal and undefined state in which you lived blissfully under a new name, and had your own carriage, and didn’t have to ask permission from Mamma when you wanted to go out. Floating airily through all this, of course, was a man. He was not like any man you had ever seen; they were just men. This man – your husband, queer, mysterious word – was hardly human at all. He was dreadfully handsome, and a little frightening, but of course you didn’t see very much of him. When you did see him there were love scenes. He always called you „my darling“ in a deep, tender voice; and he gave you jewels and flowers, and sometimes went down on his knees to kiss your hand. All this came out of the books you had read. Some day, almost any time after you were presented and began to go about with Mamma, you would suddenly meet this marvellous being. You would be in love. You would be married. And that was the end, except that, of course, you would live happily ever after. (S. 112)

 

Fundstück von Sei Shōnagon

Unausstehliches

Ein Besucher, der genau dann kommt, wenn ich dringende Dinge zu erledigen habe, und dann endlos daherschwatzt. …

Langweiler, die unter widerwärtigem Lachen viel leeres Geplapper von sich geben. …

Unausstehlich sind Leute, die immerzu auf andere neidisch sind und sich über ihre eigene Lage beklagen, die über andere tratschen, jede noch so winzige Neuigkeit begierig aufsaugen und alles in Erfahrung bringen wollen, die jedem grollen, der sie nicht mit neuem Klatsch versorgt, und das Wenige, das sie aus zweiter Hand gehört haben, gleich aufblasen und wildfremden Leuten weitererzählen.

Säuglinge, die losplärren, wenn ich mich mit jemandem unterhalten möchte.

Eine Ansammlung von Krähen, die unentwegt hin- und herflattern und dabei laut krächzen.

Hunde, die laut losbellen, wenn der Geliebte nachts heimlich zu Besuch kommt. …

Ich bin todmüde und habe mich gerade zum Schlafen niedergelegt. Da meldet sich mit feinem Sirren eine einsame Schnake und summt mir immer wieder ums Gesicht herum. …

Jemand, der mir ins Wort fällt, wenn ich etwas erzähle, und dann dreist den Schluss vorwegnimmt. Jegliches Dreinreden, ob von Kindern oder von Erwachsenen, ist unausstehlich. …

Hunde, die im Verein mit anderen endlos heulen. …

Unausstehlich sind Leute, die beim Hereinkommen die Tür zwar öffnen, sie aber nicht wieder schließen.

(aus dem Kopfkissenbuch der japanischen Hofdame Sei Shōnagon, entstanden um 1000, zitiert nach der erstmals vollständig von Michael Stein aus dem Japanischen übersetzten Fassung, Manesse Verlag 2015, S. 33 – 36)

 

Fundstück von Sei Shōnagon

Was mein Herz anrührt

Spatzen, die ihre Jungen aufziehen.

Wenn ich an spielenden Kleinkindern vorbeigehe.

Wenn ich Räucherwerk entzünde, das angenehm duftet, und mich dann alleine zur Ruhe lege.

Wenn ich mich in einem Spiegel chinesischer Machart betrachte, der ein wenig Patina angesetzt hat.

Ein stattlicher junger Herr von Stand, der seinen Wage vor dem Tor halten und durch einen Bediensteten seinen Besuch anmelden oder nach etwas fragen lässt.

Ich wasche mir die Haare, schminke mich sorgfältig und lege wunderbar duftende Gewänder an. Auch ohne dass mich irgendjemand sieht, bin ich dann, nur für mich allein, im Herzen vollkommen glücklich.

In Nächten, in denen mein Liebster zu mir kommen soll, bereitet mir schon das Rauschen des Regens Herzklopfen, oder der Wind, der am Dach rüttelt.

(aus dem Kopfkissenbuch der japanischen Hofdame Sei Shōnagon, entstanden um 1000; zitiert nach der erstmals vollständig von Michael Stein aus dem Japanischen übersetzten Fassung, Manesse Verlag 2015, S. 37)

Überhaupt, eine wunderbar ansprechend gestaltete Ausgabe, mit sorgfältig erstellten Erläuterungen und weiteren Fußnoten im Text.

Es ist faszinierend, wie unglaublich frisch und nah die Aufzeichnungen dieser Hofdame klingen, die von uns doch 1000 Jahre entfernt ist, in ihrem Tratsch und Klatsch, ihren Gefühlen, ihrer Loyalität, ihrer manchmal scharfen und manchmal so poetischen Zunge sowie ihrer Selbstvergewisserung als Individuum.

Schlagfertigkeit, musikalische Fähigkeiten und Kenntnisse der japanischen und chinesischen Literatur waren dabei einige der Möglichkeiten, Anerkennung bei der Kaiserin zu finden – vornehme Abstammung wurde bei den Hofdamen natürlich  vorausgesetzt.

Darüber hinaus ist das Kopfkissenbuch ein historisch und literarisch wertvoller Einblick in die Sitten und komplizierten Gepflogenheiten am Hofe einer vergangenen Epoche.

Und trotzdem: Irgendwann fand ich die Beschreibungen, wer welche Gewänder und Farbkombinationen trug und was die Herren anstellten, um doch einmal die Damen, von denen sie oft nur die Kleidersäume oder die weißgeschminkten Gesichter sahen, etwas genauer in Augenschein nehmen zu können, ein wenig ermüdend.

Man vertrieb sich die Zeit mit allerlei Künsten, Stegreifgedichten und Ausflügen zu religiösen Stätten. Stolz war man dabei auf guten Geschmack und ästhetische Empfindsamkeit.

Und wie überall, wo mächtige Menschen vergessen, wessen Hände Arbeit eigentlich die Grundlage für ihren Reichtum legen und wer die kostbaren Stoffe, Teppiche und Gefäße herstellt, ihre Gärten und Paläste in Ordnung hält und die leckeren Speisen kocht, ist die Überheblichkeit gegenüber ärmeren Menschen nicht weit.

Eine Bettlerin in schmutziger Kleidung wird da schon mal mit einem Affen verglichen.

Unpassend ist es, wenn Schnee auf die Hütten des niederen Volkes fällt, und um das Mondlicht, das bei ihnen hineinscheint, ist es auch zu schade. (S. 59)

Stein bekam übrigens für seine Neuübersetzung dieses Werkes im Herbst 2016 den Japan Foundation Übersetzerpreis. Hier geht’s lang zu einem Interview mit Stein.

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Fundstück von Nancy Pearl

Reading has always brought me pure joy. I read to encounter new worlds and new ways of looking at our own world. I read to enlarge my horizons, to gain wisdom, to experience beauty, to understand myself better, and for the pure wonderment of it all. I read and marvel over how writers use language in ways I never thought of. I read for company, and for escape. Because I am incurably interested in the lives of other people, both friends and strangers, I read to meet myriad folks and enter their lives – for me, a way of vanquishing the “otherness” we all experience. […]
Mine was a family that today would be labeled dysfunctional. All I knew then that I was deeply and fatally unhappy. It was painful to live in our house, and consequently I spent most of my childhood and early adolescence at the public library.

Nancy Pearl: Booklust: Recommended Reading for every mood, moment, and reason, Sasquatch books Seattle 2003

Fundstück: Thoreau über die Arbeit und wie sie den Menschen am Menschsein hindert

Die meisten Menschen sind, selbst in unserm verhältnismäßig freien Land, aus lauter Unwissenheit und Irrtum so sehr durch die unnatürliche, überflüssige, grobe Arbeit für das Leben in Anspruch genommen, daß seine edleren Früchte von ihnen nicht gepflückt werden können. Von der anstrengenden Arbeit sind ihre Finger zu plump geworden und zittern zu sehr. Tatsächlich hat der arbeitende Mensch Tag für Tag keine Muße zu einer wahren Ganzheit; er kann die Zeit nicht aufbringen, die menschlichsten Beziehungen zu den Menschen zu unterhalten; seine Arbeit würde auf dem Markte im Wert sinken, und er hat keine Zeit, etwas anderes zu sein als eine Maschine. Wie kann derjenige viel an seine Unwissenheit denken – und er muß es tun, wenn er vorwärtsschreiten will -, der so oft von dem, was er weiß, Gebrauch zu machen hat? (S. 25)

H. D. Thoreau: Walden oder Leben in den Wäldern (1854)

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