Fundstück von George Gissing

Er hätte keiner Frau der Welt volles Vertrauen entgegenzubringen vermocht. Frauen waren in seinen Augen auf ewig unmündige Wesen. Nicht daß man ihnen dabei unbedingt Böswilligkeit unterstellen mußte; sie waren einfach außerstande, erwachsen zu werden, blieben ihr Leben lang unvollkommene Geschöpfe, befanden sich ständig in Gefahr, hereingelegt zu werden und, naiv wie sie waren, vom rechten Weg abzukommen. Davon war er überzeugt; er hingegen repräsentierte den männlichen Beschützer, den Besitzer einer Ehefrau, der seit Urzeiten gewissenhaft dafür Sorge trägt, daß eine Frau nicht über das Stadium der Unreife hinauswachse. Das Erbitternde an seiner Situation lag in der Tatsache, daß er eine Frau geheiratet hatte, die darauf bestand, von ihm als Mensch betrachtet zu werden.

aus: George Gissing: Die überzähligen Frauen (OA 1893), S. 243

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Fundstück von Tilman Spengler

Wir können uns einbilden, attraktiver auszusehen, wenn wir dem einen oder anderen Modehinweis folgen. Oder verlockender zu riechen. Wir können auch lernen, raffinierter zu kochen, anmutiger Treppen zu steigen oder tiefer in die Ferne zu reisen. Unsere Gesellschaft und Wirtschaft offerieren ihren Subjekten mannigfaltige Möglichkeiten, ein gefälliges Bild ihrer selbst zu entwerfen oder entwerfen zu lassen.

Aber nachdem scheinbar alles gerichtet ist, die Frisur, die Bügelfalte, die Tischblumen, nachdem der Personal Trainer fürstlich entlohnt, das Aftershave gewandt einmassiert wurde, kommt es unweigerlich zu einer Situation, auf die uns keine herkömmliche Erziehung vorbereitet hat, eine Konstellation, für die jeder brauchbare Ratgeber fehlt. Wir müssen den Mund aufmachen und ein Gespräch führen. Ein Gespräch!

Das Buch von Tilman Spengler: Sind Sie öfter hier? Von der Kunst, ein kluges Gespräch zu führen (2009) beginnt also sehr vielversprechend, aber dann breitet der Autor seine Bildungsschätze, Anekdoten und Beobachtungen vor dem Leser aus. Ich weiß jetzt, was ein Kummerbund ist und dass dieser so gar nichts mit unserem deutschen Wort Kummer zu tun hat.

Doch wirklich hilfreich ist das nicht und überhaupt auch eher unwahrscheinlich, dass ich je in die Situation komme, dies im Sinne Spenglers in einem Gespräch einfließen zu lassen.

Der Kummerbund ist eine von Männern getragene Schärpe (Leibbinde).

Wahrscheinlich brachten britische Soldaten zur Zeit der britischen Kolonialherrschaft die Schärpenmode aus Indien nach Europa: Wegen des tropischen Klimas war den Offizieren die Weste unter dem Jackett schlicht zu warm. Als Ersatz übernahmen sie die Sitte der Inder, eine Bauchbinde aus edlen Stoffen, den sog. kamarband, zu tragen. Aus Persisch kamarband (= Hüftgürtel) wurde dann phonetisch das noch heute gebräuchliche englische Wort cummerbund (auch cumberbund). Von da war es sprachlich nur noch ein kleiner Schritt zum deutschen Wort Kummerbund, das nichts mit der Bedeutung von Kummer zu tun hat.

Von Indien gelangte die neue Mode dann zunächst nach England, wo die Leibbinde in drei bis vier waagerechten Falten seit 1893 beim Abendanzug eine Alternative zur Weste darstellte. Seit etwa 1930 setzte sich der Kummerbund zum Smoking dann auch im übrigen Europa immer mehr durch.

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Fundstück von Nathaniel Hawthorne

Das häusliche Leben kennt kaum angenehmere Aussichten als einen hübsch gedeckten, wohlversehenen Frühstückstisch. Wir treten unverbraucht, in der taubenetzten Frische des Tages hinzu, wenn die Harmonie des Geists und der Sinne am größten ist und ein kräftiges Morgenessen ohne übertriebene Bedenken wegen des Magens oder des Gewissens genossen werden kann, selbst wenn wir damit unserem animalischen Wesen etwas zu sehr frönen.

aus: Nathaniel Hawthorne: Das Haus mit den sieben Giebeln (OA 1851), übersetzt von Irma Wehrli, Manesse Verlag 2014

Fundstück von Kurt Marti

Lärm

In früheren Zeiten ist Lärm erzeugt worden, um böse Geister von Menschen und Häusern fernzuhalten. Die bösen Geister müssen sich phantastisch vermerkt haben bis heute – anders ist der unablässige Lärm, den wir machen, nicht zu erklären.

aus: Kurt Marti: Zärtlichkeit und Schmerz, Luchterhand Verlag 1979, S. 90

Fundstück von Kurt Marti

Schon 1979  schrieb Kurt Marti in Zärtlichkeit und Schmerz:

Wo jeder seine Adresse hat: einer, der keine zu nennen weiß. Zufällig taucht er auf, beliebig verschwindet er wieder, erreichbar nirgends. Ein Luxus, den er sich nicht lange wird leisten können. Auf Dauer unerreichbar zu bleiben ist nicht erlaubt. Hauptgebot heutiger Ethik, so selbstverständlich, daß es weder reflektiert noch diskutiert zu werden braucht: du sollst immer erreichbar sein. (S. 41)

 

Fundstück von Ken Bruen

Vor Jahren hatte ich gelesen, wie ein Mann fragt:

Wieso kann meine Familie – egal, wie lange ich sie nicht gesehen habe oder wie viel Abstand ich zwischen sie und mich gebracht habe – immer noch bei mir auf die Knöpfe drücken?

Die Antwort:

Weil sie sie angebracht hat.

aus: Ken Bruen: Jack Taylor fliegt raus, Atrium Verlag 2009, S. 199

Im Original klingt das so:

Years ago I’d read where a man asks,

How come, no matter how long since I’ve seen the family or how much distance I put between us, they can always push my buttons?

The answer:

Because they installed them.

Und eine begeisterte Besprechung zum Roman gibt es auf Textem.