Raphael M. Bonelli: Selber schuld (2013)

Über Sex zu sprechen ist heute kein Problem mehr, weder in Therapien noch in Talkshows. […] Aber über eigene Fehler sprechen – das geht gar nicht. Nichts ist so intim wie die eigene Schuld. Die Abwehraggression bei dem Thema ist deutlich spürbar, besonders auffällig natürlich bei Paartherapien, bei denen jeweils „Unschuld“ auf Beschuldigung prallt. […] Wir verdrängen unsere Schuld, weil sie letztlich Schmerz bedeutet und wir Angst vor Schmerz haben. Viele Menschen tun sich heute schwer, die Verantwortung für ihre Taten zu übernehmen, und haben sich ein entlastendes Erklärungsmuster von Fremdbeschuldigung und Selbstmitleid zurechtgelegt. Fast jeder sieht sich als Opfer. Dieser Mechanismus ist aber der seelischen Gesundheit nicht förderlich …

So beginnt das Buch des österreichischen Professors mit dem provokant-saloppen Titel

Raphael Maria Bonelli: Selber schuld (2013)

Zum Inhalt

Der 1968 geborene Neurowissenschaftler, Psychiater und Psychotherapeut setzt sich hier vor allem mit der menschlichen Eigenschaft auseinander, selbst nie an der eigenen Misere schuld sein zu wollen. Schuld sind die anderen, die Eltern, die Lehrer, der Partner, die Lebensumstände usw.

Die Verdrängung eigener Schuld und das Ausweichen in die Fremdbeschuldigung und die Opferrolle schränken uns aber enorm in unserem Handlungsspielraum ein, denn als Opfer könne man nichts tun, um sich aus Verstrickungen zu befreien, in die man sich möglicherweise selbst hineinmanövriert hat. Wie der Ehemann, der den Therapeuten anschnauzt, dass der ihn nicht verstehe. Er leide doch so sehr unter der belastenden Situation, sich nicht zwischen Geliebter und Ehefrau entscheiden zu können.

Lösungsansätze können also nur sein: Selbsterkenntnis und der Mut, Fehler und Schuld einzugestehen. Deshalb kann Bonelli dem Ansatz mancher Psychiater-Kollegen, die jegliches Schuldgefühl bei ihren Patienten am liebsten sofort wegtherapieren wollen, nichts abgewinnen, weil das den Weg zur Selbsterkenntnis blockiere.

Dabei macht der Autor immer wieder unmissverständlich klar, dass es ihm in diesem Buch NICHT um Schuldgefühle und Belastungen geht, die beispielsweise aus Stoffwechselstörungen, Krankheiten oder aus traumatischen Erlebnissen herrühren. Er will keine Schuldgefühle züchten, sondern dazu ermutigen, einen einmal erkannten Fehler, eine Schuld nicht zu verleugnen, sondern an ihr zu reifen und den Handlungsspielraum zurückzugewinnen, den Verleugnung, Verdrängung, Opferstatus und Fremdbeschuldigung eingenommen hatten.

Er geht dabei u. a. folgenden Mechanismen näher auf den Grund:

Es gibt eine Reihe von psychopathologischen Mechanismen, die dem normalen, fehlerhaften Menschen die Schuld nehmen und ihn in ein Unschuldslamm verwandeln: Perfektionismus, Ichhaftigkeit, Selbstwertüberhöhung, Narzissmus, Selbstempathie, Wehleidigkeit, Sentimentalität, Selbstmitleid, Abgrenzung, Lebenslügen, Selbstbetrug und innere Widersprüchlichkeit. […] Alle diese Faktoren sind verwandt miteinander, bedingen einander und überschneiden sich auch teilweise. Sie nehmen die Verantwortung und blockieren den Menschen in der Makellosigkeit. Alle diese Ingredienzien sind jedenfalls zur artgerechten Aufzucht eines makellosen Unschuldslamms hilfreich. (S. 67)

Im letzten Teil erarbeitet er anhand der alltagstauglichen Begriffe Kopf, Herz und Bauch, wie der Mensch vermeiden kann, in die oben genannten Fallen hineinzutappen.

Bonelli weitet den Blick auf die Auswirkungen, die der gängige Zeitgeist – alles ist locker-flockig easy und erlaubt – so mit sich bringen kann. Dazu bedient er sich zum einen vieler Fallbeispiele, die nur auf den ersten Blick nichts mit unserem „normalen“ Alltag zu tun haben, bei genauerem Hinsehen jedoch genau die Denkweisen und Denkfallen veranschaulichen, die die meisten von uns sicherlich kennen.

Zum anderen leitet er die großen Abschnitte jeweils mit einer literarischen Gestalt ein, die er darauf hin untersucht, wie sie mit Schuld und Schuldgefühlen umgeht. Da findet sich Faust neben Franz Moor und Gregorius neben Richard York. Auch Michael Kohlhaas, Anton Hofmiller, Raskolnikow und Ebenezer Scrooge haben ihre Auftritte. Jean Valjean bildet den krönenden Abschluss.

Fazit

Ich bin froh, dass madame flamusse im November 2013 auf dieses Buch aufmerksam machte. Ich habe es gern und mit Gewinn gelesen, am Ende fühlte ich mich ein bisschen so, als hätte ich mal wieder die Windschutzscheibe geputzt.

Der Autor mit der beeindruckenden Vita schreibt in einer unakademischen, stets auch für den Laien verständlichen Sprache und arbeitet mit Humor und Übertreibung. Er zeigt, wo es notwendig ist, die Überschneidungen, aber auch die zu beachtenden Grenzen zwischen Psychologie als Wissenschaft, Therapie und Religion. Immer wieder bettet er seine Erkenntnisse in den wissenschaftlichen Kontext und die Arbeit anderer Kollegen ein und wer will, könnte danach anhand der erwähnten Literatur ein ausgedehntes Selbststudium betreiben. Sicherlich wird man ohnehin das ein oder andere auch noch mal lesen müssen, denn alle Informationen sind beim ersten Lesen gar nicht abzuspeichern.

Außerdem macht sein Buch deutlich, dass verschiedene therapeutische Schulen eben verschiedene Menschenbilder als Grundlage haben und man vermutlich gut damit beraten wäre, dies zu Beginn einer Therapie zu klären.

Nicht zuletzt die Beispiele aus der Weltliteratur haben mir Spaß gemacht und mal wieder gezeigt, die großen Autoren sind allesamt begnadete Menschenkenner gewesen.

Tilman Spengler: Sind Sie öfter hier? Von der Kunst, ein kluges Gespräch zu führen (2009)

Tilman Spengler: Sind Sie öfter hier? Von der Kunst, ein kluges Gespräch zu führen (2009)

Es beginnt vielversprechend:

Wir können uns einbilden, attraktiver auszusehen, wenn wir dem einen oder anderen Modehinweis folgen. Oder verlockender zu riechen. Wir können auch lernen, raffinierter zu kochen, anmutiger Treppen zu steigen oder tiefer in die Ferne zu reisen. Unsere Gesellschaft und Wirtschaft offerieren ihren Subjekten mannigfaltige Möglichkeiten, ein gefälliges Bild ihrer selbst zu entwerfen oder entwerfen zu lassen.

Aber nachdem scheinbar alles gerichtet ist, die Frisur, die Bügelfalte, die Tischblumen, nachdem der Personal Trainer fürstlich entlohnt, das Aftershave gewandt einmassiert wurde, kommt es unweigerlich zu einer Situation, auf die uns keine herkömmliche Erziehung vorbereitet hat, eine Konstellation, für die jeder brauchbare Ratgeber fehlt. Wir müssen den Mund aufmachen und ein Gespräch führen. Ein Gespräch!

Und nun breitet der Autor seine Bildungsschätze, Anekdoten und Beobachtungen vor dem Leser aus. Wirklich hilfreich ist das nicht. Aber ich weiß jetzt, was ein Kummerbund ist und dass dieser so gar nichts mit unserem deutschen Wort Kummer zu tun hat. Ob ich je in die Situation komme, dies im Sinne Spenglers in einem Gespräch einfließen zu lassen?

Wikipedia erläutert:

Der Kummerbund ist eine von Männern getragene Schärpe (Leibbinde).

Wahrscheinlich brachten britische Soldaten zur Zeit der britischen Kolonialherrschaft die Schärpenmode aus Indien nach Europa: wegen des tropischen Klimas war den Offizieren die Weste unter dem Jackett schlicht zu warm. Als Ersatz übernahmen sie die Sitte der Inder, eine Bauchbinde aus edlen Stoffen, den sog. kamarband, zu tragen. Aus Hindi kamarband oder camarband (= Hüftgürtel) wurde dann phonetisch das noch heute gebräuchliche englische Wort cummerbund (auch cumberbund). Von da war es sprachlich nur noch ein kleiner Schritt zum deutschen Kummerbund, der mit dem deutschen Wort Kummer nichts zu tun hat.

Von Indien gelangte die neue Mode dann zunächst nach England, wo die Leibbinde seit 1893 beim Abendanzug eine Alternative zur Weste darstellte. Seit etwa 1930 setzte sich der Kummerbund zum Smoking dann auch im übrigen Europa immer mehr durch.

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