Sam Selvon: The Lonely Londoners (1956)

Einundsechzig Jahre hat es gedauert, bis nun endlich The Lonely Londoners – der britische Klassiker um Immigranten in London, erschienen 1956 – ins Deutsche übersetzt wurde.  Das englische Original von nur 139 Seiten beginnt mit den Worten:

One grim winter evening, when it had a kind of unrealness about London, with a fog sleeping restlessly over the city and the lights showing in the blur as if is not London at all but some strange place on another planet, Moses Aloetta hop on a number 46 bus at the corner of Chepstow Road and Westbourne Grove to go to Waterloo to meet a fellar who was coming from Trinidad on the boat-train.

Selvon (1923 – 1994) verarbeitet darin eigene Erfahrungen, auch er wanderte in den 1950er Jahren aus Trinidad nach Großbritannien ein, als es für die Einwohner der ehemaligen Kolonien des Empire noch keine Einwanderungsbeschränkungen gab.

Zusammengehalten wird das Werk durch die Figur des Moses Aleotta, ebenfalls aus Trinidad, der schon seit zehn Jahren in London lebt und sich als widerwillig-hilfsbereiter Genosse zeigt, wenn es darum geht, den immer zahlreicher werdenden Neuankömmlingen mit Informationen zur Seite zu stehen. So begleitet er auch Henry, den er am Bahnhof abgeholt hat, zum Ministry of Labour.

It ain’t have no place in the world that exactly like a place where a lot of men get together to look for work and draw money from the Welfare State while they ain’t working. Is a kind of place where hate and disgust and avarice and malice and sympathy and sorrow and pity all mix up. Is a place where everyone is your enemy and your friend. (S. 27)

Jeden Sonntagmorgen treffen sich in Moses‘ kleinem schäbigen Zimmer – zu mehr hat er es in all den Jahren nicht gebracht – seine Freunde und Bekannten und tauschen Neuigkeiten über Arbeit, Zimmersuche, Frauen und die Heimat aus.

Moses ist auch derjenige, der sich keinen Illusionen mehr hingibt, er weiß um den Rassismus, der ihnen unvermutet überall entgegenspringen kann, auch wenn er sich höflicher tarnt als der in Amerika. Er weiß, welche Probleme es gibt, wenn ein Einwanderer ein weißes Mädchen heiraten will: Entweder wird er vom Vater des Mädchens aus dem Haus geworfen oder, wenn das Mädchen standhaft ist, werden die Kinder des Paares später als Darkies beschimpft.

Moses ist ein interessanter Charakter, der seine Situation in ihrer Widersprüchlichkeit reflektiert, z. B. wenn er versucht, sich darüber Rechenschaft zu geben, warum er nie zurückgegangen ist, obwohl sich die Träume auf Wohlstand und Anerkennung nicht erfüllt haben.

‚Sometimes I look back on all the years I spend in Brit’n,‘ Moses say, ‚and I surprise that so many years gone by. Looking at things in general life really hard for the boys in London. This is a lonely miserable city, if it was that we didn’t get together now and then to talk about things back home, we would suffer like hell. Here is not like home where you have friends all about. … (S. 126)

Er fungiert gleichsam als Klammer für viele andere Geschichten und Schicksale, von denen er hört, die er miterlebt und kommentiert. Dabei nimmt er geradezu stoisch zur Kenntnis, dass einzelne kiffende Faulpelze und Sozialleistungen-Schnorrer die Vorurteile gegenüber allen Farbigen befördern und dass harte Arbeit kein Garant fürs Vorwärtskommen ist.

Oft genug ist Moses die Stimme der Vernunft, doch er hat sich damit abgefunden, dass kaum jemand auf ihn hört. Und Henry Oliver, den er am Bahnhof abholen soll, wird von ihm nur „Galahad“ genannt, weil der sich weigert, die Dinge so nüchtern-abgeklärt wie Moses zu sehen.

Things does have a way of fixing themselves, whether you worry or not. If you hustle, it will happen, if you don’t hustle, it will still happen. Everybody living to dead, no matter what they doing while they living, in the end everybody dead. (S. 52)

Wir erfahren nicht nur von Lewis, der seine Frau so lange verprügelt, bis sie ihn verlässt, sondern auch von der hinreißenden Tanty, die zu stolz ist, zuzugeben, wie viel Angst ihr U-Bahn und Busfahren machen. Wir erfahren von Einwanderern, die so hungrig sind, dass sie eine Taube im Park fangen und dann als Monster beschimpft werden.

Und fast unbemerkt von der Öffentlichkeit eröffnen Einwanderer die ersten Geschäfte, z. B. mit bestimmten Lebensmitteln, und tragen so zu einer bunteren britischen Gesellschaft bei. Das liest sich unglaublich spannend, so als säße jemand bei uns im Zimmer und würde uns erzählen, wie das damals war, auch wenn zwischenzeitlich mal der rote Faden ein bisschen verloren geht und man von einer Episode zur nächsten hüpft.

The Lonely Londoners handelt aber nicht nur von Tristesse, Armut und Problemen, es ist auch eine Liebeserklärung an London, eine Stadt, die auf viele Einwanderer wie ein Zauber, ein Versprechen wirkt, dem sie sich selbst nach Jahren nicht entziehen können. Irgendwann wird die Fremde quasi notgedrungen zur – wenn auch nicht unbedingt geliebten – Heimat.

The changing of the seasons, the cold slicing winds, the falling leaves, sunlight on green grass, snow on the land, London particular. Oh what it is and where it is and why it is, no one knows, but to have said: ‚I walked on Waterloo Bridge,‘ ‚I rendezvoused at Charing Cross,‘ ‚Piccadilly Circus is my playground,‘ to say these things, to have lived these things, to have lived in the great city of London, centre of the world. […] Why is it, that although they grumble about it all the time, curse the people, curse the government, say all kind of thing about this and that, why is it, that in the end, everyone cagey about saying outright that if the chance come they will go back to them green islands in the sun? (S. 133 – 134)

Und das Buch zeigt eine unbändige Lebensfreude, der kleinste Anlass wird genutzt, um zu feiern, zu trinken, zu tanzen, sich schöne Anzüge schneidern zu lassen, hübsche Frauen abzuschleppen, sich wie verrückt auf den Sommer zu freuen, wenn man wieder in die Parks geht und sich mit seiner Freundin verabredet, zu einer Party, einem Theater- oder Kinobesuch. Doch manchmal schimmert hinter all den Vergnügungen auch die Verzweiflung auf, nicht wirklich zur englischen Gesellschaft zu gehören.

Am Ende öffnet der Autor in den Überlegungen Moses das Buch sogar auf eine ganz andere Dimension hin:

Under the kiff-kaff laughter, behind the ballad and the episode, the what-happening, the summer-is-hearts, he could see a great aimlessness, a great restless, swaying movement that leaving you standing in the same spot. (S. 139)

Zur literaturgeschichtlichen Bedeutung und Sprache des Romans

Das Buch ist in zweierlei Hinsicht etwas Besonderes:

Its publication marked the first literary work focusing on poor, working-class blacks in the beat writer tradition following the enactment of the British Nationality Act 1948. (Wikipedia)

Zum anderen hat Selvon hier eine Sprache gefunden, die seinen Protagonisten entspricht: ein Dialekt, der den Redegewohnheiten der Einwanderer abgelauscht ist und damit authentisch und ganz lebendig klingt. Selvon hat dazu in einem Interview Folgendes gesagt:

When I wrote the novel that became The Lonely Londoners, I tried to recapture a certain quality in West Indian everyday life. I had in store a number of wonderful anecdotes and could put them into focus, but I had difficulty starting the novel in straight English. The people I wanted to describe were entertaining people indeed, but I could not really move. At that stage, I had written the narrative in English and most of the dialogues in dialect. Then I started both narrative and dialogue in dialect and the novel just shot along. (Michel Fabre, „Samuel Selvon: Interviews and Conversations“, in Susheila Nasta, ed., Critical Perspectives on Sam Selvon, Washington, Three Continents Press, 1988; p. 66, zitiert nach der englischen Wikipedia)

Für den deutschen Leser erschließen sich unbekannte Ausdrücke aber fast immer durch den Kontext. Allerdings gibt es auch eine Stelle, da geht ein Satz über mehrere (!) Seiten, und zwar ohne ein einziges Komma. Das ist beim Lesen schon reichlich mühsam, fängt aber möglicherweise das Gefühl des traumartigen, ungeordneten und manchmal haltlosen Lebens ganz gut ein.

Das Buch ist nun über 60 Jahre alt und doch zeitlos, denn für Einwanderer, Flüchtlinge und Asylsuchende gilt – egal wo – sicherlich noch immer:

When Moses did arrive fresh in London, he look around for a place where he wouldn’t have to spend much money, where he could get plenty food, and where he could meet the boys and coast a old talk to pass the time away – for this city powerfully lonely when you on your own. (S. 29)

Wer ein paar kurze Informationen zum geschichtlichen Hintergrund sucht, wird hier fündig und hier geht’s lang zu einer treffenden Rezension von Helon Habila aus dem Guardian vom 17. März 2007. Die Folgebände heißen Moses Ascending (1975) und Moses Migrating (1983).

Besprechungen der deutschen Ausgabe gibt es bei:

Und hier noch ein Gespräch mit der Übersetzerin Miriam Mandelkow.

Ungelöst bleibt allerdings noch die Frage, wie und warum aus den „lonely Londoners“ des Originaltitels plötzlich „Taugenichtse“ wurden …

Nellie Bly: Ten Days in a Mad-House (1887)

On the 22nd of September I was asked by the World [Zeitschrift, für die sie arbeitete] if I could have myself committed to one of the asylums for the insane in New York, with a view to writing a plain and unvarnished narrative of the treatment of the patients therein and the methods of management, etc. 

So beginnt die Reportage Ten Days in a Mad-House (1887) von Nellie Bly, die im Deutschen unter dem Titel Zehn Tage im Irrenhaus: Undercover in der Psychiatrie erschien.

Diese nur knapp 90 Seiten über die Zustände in der damaligen Psychiatrie gehen einem ans Herz.

Nellie Bly (1864 – 1922), mit bürgerlichem Namen Elizabeth Jane Cochrane, war eine der Pionierinnen des investigativen Journalismus. Sie war u. a. diejenige, die später allein eine Reise um die Welt unternahm.

Trotz diverser anspruchsvollerer Reportagen wurde Bly von ihrem Arbeitgeber zunächst auf „typische Frauenthemen“ wie Theater und Gärtnerei festgelegt. Als sie das endgültig satt hatte, ging sie nach New York und ergatterte einen Auftrag für die New York World von Joseph Pulitzer: Sie sollte eine Geisteskranke spielen, sich einweisen lassen und so aus erster Hand über die Zustände im Women’s Lunatic Asylum auf Blackwell’s Island berichten.

Ihr Plan gelingt. Erschreckend einfach und schnell wird sie eingewiesen. Nach zehn Tagen wird sie – wie vereinbart – befreit. In ihrer Reportage erzählt sie von dem vergammelten Essen, den z. T. gleichgültigen oder sadistischen Wärterinnen, den katastrophalen Unterkünften, der unzureichenden Kleidung und der fehlenden Hygiene. Die Insassen werden entweder sich selbst überlassen oder gefesselt und bei „Fehlverhalten“ bestraft, geschlagen oder in eiskaltes Wasser getaucht und dann ohne Decke zum Schlafen geschickt.

Bly deckt aber nicht nur die grausamen und inhumanen Zustände auf Blackwell’s Island auf, sondern erzählt auch von ihren Begegnungen mit den anderen Frauen, manchmal reichen schon ein paar Sätze und ein ganzes Schicksal taucht vor dem Leser auf.

Erschütternd auch die Tatsache, dass einige der Frauen dort überhaupt nicht krank waren, jedoch keinerlei Möglichkeiten fanden, aus diesem Gefängnis wieder herauszukommen. Es hat einfach niemanden interessiert und eine gründliche Untersuchung war wohl oft gar nicht im Interesse der Angehörigen. Auch Bly selbst hatte sich nach ihrer erfolgreichen Einweisung wieder völlig normal und vernünftig verhalten und entsprechend kommuniziert, aber genau das wurde dann wieder als Beleg für ihr „Irresein“ gewertet.

The insane asylum on Blackwell’s Island is a human rat-trap. It is easy to get in, but once there it is impossible to get out. (S. 85 der Taschenbuchausgabe)

Vermutlich gehen diverse – auch finanzielle – Verbesserungen in den psychiatrischen Kliniken in New York tatsächlich auf ihr Konto.

Bin beim Nachlesen ihrer Biografie noch auf die Experimente von David Rosenhan gestoßen, deren Ergebnisse er 1973 veröffentlichte. Was soll man da noch zu sagen?

Benjamin Maack hat zu der erst 2011 ins Deutsche übersetzten Reportage auf Spiegel Online einen Artikel veröffentlicht und auch der Neuen Zürcher Zeitung war das einen Artikel wert.

Weitere Besprechungen gibt es bei:

Einen weiteren Buchtipp zu diesem Thema findet ihr in der Netten Bücherkiste, nämlich: Women of the Asylum – Voices from behind the Walls, 1840-1945.

 

Julie Otsuka: The Buddha in the Attic (2011)

On the boat we were mostly virgins. We had long black hair and flat wide feet and we were not very tall. Some of us had eaten nothing but rice gruel as young girls and had slightly bowed legs, and some of us were only fourteen years old and were still young girls ourselves. Some of us came from the city, and wore stylish city clothes, but many more of us came from the country and on the boat we wore the same old kimonos we’d been wearing for years – faded hand-me-downs from our sisters that had been patched and redyed many times.

So beginnt ein höchst erstaunlicher Roman der amerikanischen Schriftstellerin mit japanischen Wurzeln. Katja Scholtz übersetzte Wovon wir träumten ins Deutsche. Noch nie habe ich ein Buch aus dieser Perspektive gelesen, und in einer Rezension im Observer stand, dass ein solches Vorhaben eigentlich nicht gelingen könne, und uns die Autorin zeigt, dass es eben doch funkioniere, doch dazu später mehr.

Zum Inhalt

In den zwanziger und dreißiger Jahren des 20. Jahrhunderts begeben sich viele junge Japanerinnen als sogenannte picture brides auf die beschwerliche Schiffsreise nach Kalifornien, um dort japanische Einwanderer zu heiraten, die sie nur von den Fotos der Heiratsvermittler kennen. Dort angekommen, müssen viele von ihnen feststellen, dass die Fotos zum Teil schon Jahrzehnte alt sind, dass nicht das große oder kleine Liebesglück mit Häuschen und Tulpen im Vorgarten auf sie wartet, sondern Knochenarbeit auf den Feldern, Armut und schweigsame oder trinkende Männer. Sie lernen die Sprache nur unzureichend. Und nur sehr sehr allmählich stabilisieren sich die Verhältnisse.

Manchmal können von den geringen Ersparnissen die ersten eigenen Lokale und Wäschereien eröffnet werden. Manch eine findet eine Anstellung in einem weißen Haushalt (samt der Nachstellungen des Hausherrn). Nachwuchs stellt sich ein, der bald eher amerikanisch als japanisch redet und sich oft genug seiner Herkunft schämt. Die Frauen bleiben – wenn auch als zuverlässige, billige und arbeitsame Arbeitskräfte geschätzt – immer geduldete Außenseiter. Das ändert sich im Zweiten Weltkrieg. Nach dem japanischen Angriff auf Pearl Harbour beginnt eine hysterische Kampagne. Alle Japaner im weiteren Westküstenbereich werden der Kollaboration mit dem Feind verdächtigt und interniert oder umgesiedelt. Die Nachbarn schauen zu und nehmen’s hin.

Fazit

Das Ungewöhnliche an diesem Buch ist die Perspektive. Konsequent wird aus der „Wir-Perspektive“ geschrieben und so verschmelzen unzählige Stimmen zu einem gewaltigen Chor, in dem das einzelne, individuelle Schicksal eingebettet wird in einen nicht abreißenden Strom, und zwar, ohne dass es dadurch unpersönlich oder langweilig würde. Die Traumata solcher Lebensgeschichten werden in den Träumen und dem Heimweh spürbar:

And when we’d saved up enough money to help our parents live a more comfortable life we would pack up our things and go back home to Japan. It would be autumn, and our fathers would be out threshing in the fields. We would walk through the mulberry groves, past the big loquat tree and the old lotus pond, where we used to catch tadpoles in spring. Our dogs would come running up to us. Our neighbours would wave. Our mothers would be sitting by the well with their sleeves tied up, washing the evening’s rice. And when they saw us they would just stand up and stare: „Little girl,“ they would say to us, „where in the world have you been?“ (S. 53)

Nachgetragen sei hier noch das Gedicht von Mizuta Masahide (1657 – 1723), das die Autorin ganz an den Anfang ihres Romans stellt:

Barn’s burnt down —
now
I can see the moon.

Hätte ich vorher gewusst, welche Erzählperspektive Otsuka gewählt hat, ich wäre skeptisch gewesen. Doch das Vorhaben ist ihr gelungen. Elizabeth Day schreibt im Observer am 8. April 2012:

Instead of a single, named protagonist, Otsuka writes in the first personal plural through a series of thematic chapters. Such a device shouldn’t work but does. Although there are no dominant characters, Otsuka’s brilliance is that she is able to make us care about the crowd precisely because we can glimpse individual stories through the delicate layering of collective experience.

Zu Recht ist sie für dieses Buch nicht nur unter die fünf Finalisten des National Book Award 2011 gekommen, sie hat auch den PEN/Faulkner Award for Fiction und den David J. Langum Sr. Prize verliehen bekommen, einen amerikanischen Literaturpreis für Werke, die sich mit geschichtlichen Themen befassen. Johan Dehoust schreibt am 13. August 2012 im Spiegel:

Julie Otsuka stützt sich auf echte Schicksale, im Nachwort des Romans listet sie akribisch die historischen Quellen auf, auf die sie zurückgegriffen hat. Und nach ihrer Recherche scheint sie entgegen aller Erzählprinzipien beschlossen zu haben, so viele Figuren auftauchen zu lassen wie möglich. Dass man ihr Buch deshalb nicht völlig verwirrt über die Bettkante wirft, liegt neben Otsukas einzigartiger Sprache vor allem an der Perspektive: Die jungen Frauen sprechen in der Wir-Form, wie ein mächtiger, orakelhafter Chor, der einen in seinen Bann schlägt und nicht mehr loslässt.

Auch ihr erster Roman When the Emperor was Divine (2002) befasst sich mit der Geschichte japanischer Einwanderer in Amerika, diesmal zur Zeit des Zweiten Weltkrieges. Sie verarbeitet darin Erfahrungen ihrer eigenen Familie: „… her grandfather was arrested by the FBI as a suspected spy for Japan the day after Pearl Harbor was bombed, and her mother, uncle and grandmother spent three years in an internment camp in Topaz, Utah“ (siehe die Homepage der Autorin).

Wer mehr  zum geschichtlichen Hintergrund wissen möchte, sei noch auf den Wikipedia-Artikel hingewiesen: Internierung japanischstämmiger Amerikaner.

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Margaret Humphreys: Oranges and Sunshine (1994)

The truth which makes men free is, for the most part, the truth which men prefer not to hear. (Herbert Agar, S. 200)

Anlässlich Peggys Artikel Von Strafkolonien und Völkermord auf ihrem Blog Entdecke England möchte ich noch einmal eine eindrückliche Geschichtsstunde aus meinem Archiv holen.

Margaret Humphreys: Oranges and Sunshine (1994); Originaltitel: Empty Cradles

So fing alles an

Margaret Humphreys, 1944 in Nottingham geboren, arbeitete als Sozialarbeiterin und war zuständig für Familien, die damit überfordert waren, sich selbst um ihre Kinder zu kümmern.

1975 sorgte eine Gesetzesänderung dafür, dass erwachsene Adoptivkinder Zugang zu ihren Geburtsurkunden bekommen konnten. Daraufhin gründete Humphreys 1984 eine Selbsthilfegruppe, damit diese Erwachsenen sich über die Probleme, Ängste und Identitätsfragen austauschen konnten, die durch die Suche nach den leiblichen Eltern ausgelöst wurden.

Eine Australierin, 1986 zufällig auf Besuch in Nottingham, erfährt von dieser Gruppe und berichtet ihrer Freundin Madeleine in Australien davon. Kurze Zeit später bittet Madeleine Margaret in einem Brief um Hilfe bei der Suche nach ihren leiblichen Eltern, denn Madeleine war als englisches Waisenkind mit vier Jahren nach Australien verschickt worden.

Margaret kann das nicht so ganz glauben, doch auch eine ihrer Klientinnen in der Selbsthilfegruppe behauptet, dass ihr Bruder als kleiner Junge nach Australien verschickt worden sei. Sie beginnt nachzuforschen und bringt für sich und andere eine Lawine ins Rollen, die der Leser nun beeindruckt und entsetzt über die nächsten sieben Jahre mitverfolgt.

So geht es weiter

Humphreys schildert, wie sie, zunächst selbst völlig arg- und ahnungslos, mit Unterstützung ihres Mannes immer mehr Details über das sogenannte „child migration scheme“ in Erfahrung bringt: Die britische Regierung hatte schon im frühen 17. Jahrhundert Kinder nach Virginia verschickt, um die Kolonialisierung voranzutreiben (siehe auch den Wikipedia-Artikel zu Home Children). Doch noch im 20. Jahrhundert erfreute sich die Idee, missliebige Kinder aus Kinderheimen, die dem Steuerzahler ja ohnehin nur auf der Tasche lagen, in Gebiete des ehemaligen Empire zu schicken, großer Beliebtheit.

Between 1900 and the Depression of the 1930s, children were primarily sent to Canada, but after the Second World War the charities and agencies began to concentrate on Australia and, to a much lesser extent, Rhodesia and New Zealand. (S. 79)

Margaret kann das Interesse des Observer gewinnen und hat so die Möglichkeit, die Journalistin Annabel Ferriman auf der ersten Recherchereise nach Australien zu begleiten. Da wissen sie bereits, dass vor und nach dem Zweiten Weltkrieg ganze Schiffsladungen mit Kindern aus England nach Australien gebracht wurden. Beteiligt waren u. a. folgende Organisationen: die Heilsarmee, National Children’s Home, Children’s Society, die Church of England, die Presbyterian Church, die Church of Scotland, die Fairbridge Society, Dr Barnardo’s und der ebenfalls katholische Orden der sogenannten Christian Brothers.

Die Kinder kamen dann in (vorwiegend katholische) Kinderheime in Australien und mussten dort z. T. Sklavenarbeit verrichten. Viele begingen Diebstähle, weil sie nicht genug zu essen bekamen. In den überwiegend von Männern geführten Institutionen gab es keine Liebe, keine Fürsorge. Bettnässer wurden bestraft und gedemütigt, die Bettdecken waren zu dünn, die Matratzen schmutzig. Vor allem bei den Christian Brothers gab es zahlreiche Fälle von grauenhafter sexueller Gewalt. Doch auch in den von Nonnen geführten Mädchenheimen haben sich einzelne Sadistinnen oder völlig von ihrer Aufgabe überforderte Frauen ausgetobt.

Einige der Zöglinge waren anschließend für ihr Leben gezeichnet und nie wieder in der Lage, irgendjemandem zu vertrauen. Es gab zwar Angebote aus der australischen Bevölkerung, Kinder zu adoptieren, doch das wurde von der katholischen Kirche normalerweise verweigert. Die Kinder mussten in den Institutionen bleiben, denn sie waren nicht nur billige Arbeitskräfte, sondern auch eine gute Einnahmequelle, da sich die britische und die australische Regierung die Kosten pro Kind bis zum 14. Lebensjahr teilten.

Humphreys zeigt, dass es eine in vielen Fällen geradezu aberwitzige Verdrehung der Tatsachen ist, wenn behauptet wurde, dass den Waisenkindern in Australien tolle Möglichkeiten geboten wurden, die sie in Großbritannien nie gehabt hätten.

Es kommt aber noch schlimmer: Selbst die Kinder, die in ihrer neuen Heimat erträgliche Bedingungen vorfanden, sind um einen wesentlichen Teil ihrer Identität betrogen worden. Humphreys findet heraus, dass es sich bei den angeblichen Waisenkindern gar nicht um Waisenkinder gehandelt hat. Nahezu alle haben oder hatten in Großbritannien Mütter, Geschwister oder Verwandte, die sie nun – Jahrzehnte später – mit der von Humphreys gegründeten Stiftung „Child Migrants Trust“ versuchen, ausfindig zu machen. Doch Kinder, denen man erzählt hatte, dass sie Vollwaisen seien, waren natürlich leichter beeinflussbar und eher bereit, ihre Vergangenheit hinter sich zu lassen, ohne unbequeme Fragen zu stellen.

Den Müttern, die, oft aus einer Notlage heraus, ihre Kinder ins Heim gegeben hatten, hat man, wenn sie ihre Kinder wieder zu sich nehmen wollten, erzählt, dass ihre Kinder tot seien. Eine andere Variante lautete, sie würden inzwischen bei liebevollen englischen Adoptiveltern aufwachsen oder sie seien halt inzwischen in Australien. Dies sogar dann, wenn Mütter ausdrücklich eine Adoption verweigert hatten, weil sie immer vorhatten, ihr Kind irgendwann zurückzuholen.

Humphreys geht dabei auch der Frage nach, wie es politisch und juristisch überhaupt möglich war, Kinder einfach in ein anderes Land abzuschieben. Großbritannien hat lange jegliche Verantwortung für diese Zwangsverschickung abgestritten, obwohl die Dokumente in den Archiven eine andere Sprache sprechen. Die historischen Quellen belegen außerdem, dass Australien ein enormes Interesse an britischen Kindern hatte, weil die der „richtigen“ Rasse angehörten, noch formbar waren, finanziell günstiger waren als erwachsene Einwanderer und als Verstärkung gegen eine befürchtete asiatische Invasion die Bevölkerungsdichte nach oben treiben sollten. 1945 beispielsweise rief der australische Premierminister eine entsprechende Konferenz ein, um für die massenhafte Einwanderung von Kindern zu werben. Er dachte an mindestens 50.000 Kinder.

Das weitere Schicksal der Kinder hing dann auch davon ab, in welches Land sie verschickt wurden. Diejenigen, die nach Neuseeland kamen, wurden zwar überwiegend in Pflegefamilien gebracht, doch denen ging es vorrangig um billige Arbeitskräfte auf den Farmen. Die Kinder, die nach Simbabwe – damals Rhodesien – verschickt wurden, haben ihre Kindheit meist in guter Erinnerung. Ihre Auswanderung war oft die Entscheidung der gesamten Familie, die – zu Recht – vermutete, dass dem Kind als Mitglied der weißen „Herrenrasse“ in Afrika Möglichkeiten offen stehen würden, die in Großbritannien völlig illusorisch gewesen wären. Einige der ehemaligen child migrants sehen das selbst heute noch völlig unkritisch und bedauern höchstens, dass der Einfluss der Weißen schwindet. Humphreys befragt z. B. einen wohlhabenden weißen Anwalt, der als Kind nach Simbabwe gekommen war, nach den Lebensbedingungen seines Kochs:

  • ‚He lives at the end of the garden.‘
  • ‚And is he married?‘
  • ‚Oh yes – and he’s got children.‘
  • ‚Does his wife live here?‘
  • ‚No, we let him go and see her once a year.‘ (S. 153)

Humphreys schildet aber nicht nur die Einzelheiten des lange totgeschwiegenen child migration scheme, sondern zeigt auch die politischen und kirchlichen Reaktionen auf die Enthüllungen.

Die offiziellen Reaktionen der katholischen Kirche waren alles andere als christlich: Die Kirche versuchte lange, sich als Opfer einer medialen Hetzkampagne zu inszenieren und selbst Jahrzehnte später nur eine Pseudo-Aufarbeitung durch eigene Ordensleute zuzulassen. Dr Barry Coldrey, selbst ein Angehöriger der Christian Brothers und von der katholischen Kirche beauftragt, den Anschuldigungen nachzugehen, entblödete sich nicht, noch in den achtziger Jahren des letzten Jahrhunderts den Kindern die Schuld an den sexuellen Abartigkeiten ihrer Priester zu geben.

Brother Gerald Faulkner verteidigte die in den fünfziger Jahren gängige Praxis, pädophile Priester einfach in ein anderes Jungenheim zu versetzen, da man es halt nicht besser gewusst habe.

People assumed that a new start in life at a new place would bring about a different sort of life. (S. 325)

Die ersten Forschungsarbeiten zu dem Thema gingen davon aus, dass ca. 20 % der Jungen in den Heimen der Christian Brothers missbraucht oder vergewaltigt wurden.

Auch die anderen Organisationen waren zunächst weder zu einer Aufarbeitung dieses Kapitels noch zu einer (finanziellen) Unterstützung des Child Migrants Trust bereit. Manche weigerten sich, Akteneinsicht zu gewähren.

Als der öffentliche Druck zu groß wurde, schickte z. B. die Fairbridge Society brisante Unterlagen den Betroffenen einfach per Post, die dann sehen konnten, wie sie damit zurechtkamen, auf einmal den Namen ihrer Mutter, ein anderes Geburtsdatum und vielleicht einen anderen Taufnamen schwarz auf weiß vor sich zu haben, obwohl sie bis dahin geglaubt hatten, Vollwaisen zu sein.

Als Leser ist man beschämt, wenn man von den Schwierigkeiten liest, genügend Geld für die Arbeit des Child Migrants Trust zusammenzubetteln, und man fragt sich, wer wohl hinter den Morddrohungen und dem nächtlichen Überfall in Australien gegen Margaret gesteckt hat, nach dem sie jahrelang Schlafprobleme hatte.

Fazit

Ein spannendes, informatives Buch mit vielen Zitaten aus historischen Dokumenten, Briefen und Gesprächen, das es einem nicht einfach macht, denn es zeigt, dass das „Böse“ oft ein kaum noch zu entwirrendes Gemisch aus Rassismus, Zeitgeist, guten Absichten, Bürokratie, Fanatismus, Heuchelei, fehlender Kontrolle, Selbstgerechtigkeit und banaler Ignoranz ist.

Als Humphreys sich irgendwann fragt, wie sie bloß in all das hineingeraten ist, lächelt ihr Mann sie an und meint:

It’s that well-known mixture of the right person, in the right place, at the right time, with a smashing family. (S. 329)

Sie hat persönliche Opfer für diese Arbeit gebracht, ihren Mann und ihre zwei Kinder oft über Wochen, manchmal Monate, allein gelassen und selbst gesundheitliche Beeinträchtigungen in Kauf genommen, nur um ihrem Ziel näher zu kommen: so viele child migrants wie möglich noch mit ihren Müttern in Großbritannien zusammenzubringen, bevor der Tod das unmöglich macht.

Sie erzählt ihre Geschichte mit sanftem Humor, Wehmut und einer nicht versiegenden Menschlichkeit.

No matter how many stories of abuse I hear, I am always shocked. You can’t be prepared. I’m not shocked by the knowledge that brothers or priests or others are capable of such brutality. It’s the total devastation of the victim that stuns me; the fact that he has held on to his pain for all these years. It humbles me. […] It’s no good sitting there saying I don’t want it. You take their baggage because you know it’s too heavy for one person to carry through a lifetime. (S. 298)

Die letzten Kinder wurden übrigens 1967 verschickt.

Sowohl die australische als auch die britische Regierung haben sich inzwischen offiziell bei den ehemaligen child migrants entschuldigt und Humphreys ist vielfach für ihr Engagement ausgezeichnet worden.

Anmerkungen

Das Buch zeigt, wie hilfreich die Medien sein können. Ohne die Arbeit engagierter Journalisten und Filmemacher wäre die Arbeit von Humphreys und ihren Mitstreitern wahrscheinlich im Sande verlaufen. Nur mit der Hilfe von Zeitungsartikeln, Radiointerviews und Dokumentationen konnte die nötige Breitenwirkung erreicht werden, die notwendig war, um politischen Druck auszuüben, Beratungsstellen in Großbritannien und Australien aufzubauen, die Frage nach finanzieller Entschädigung anzustoßen und die Suche nach vermissten Familienangehörigen zu finanzieren.

Folgende Dokumentationen und Filme haben besonders dazu beigetragen, dass das Thema öffentlich wahrgenommen und diskutiert wurde. Die Filme sorgten außerdem dafür, dass sich Tausende ehemaliger child migrants an die jeweils geschalteten Hotlines wendeten, ihre Geschichten erzählten und sich ebenfalls auf die Suche nach ihren Müttern begaben, von denen sie Jahrzehnte lang geglaubt hatten, dass sie tot seien.

Auf die Ähnlichkeiten mit dem Schicksal der australischen „Stolen Generation“ kann hier nur hingewiesen werden.

Übrigens ist auch Frankreich in der Vergangenheit ähnlich vorgegangen und hat von 1963 bis 1982 über 1600 Waisenkinder aus Réunion nach Frankreich gebracht, um der zahlenmäßig schwächelnden Landbevölkerung aufzuhelfen. Siehe dazu den Artikel im Guardian vom Februar 2014.

Trauriger Nachtrag: Noch immer werden unzählige Aborigenes-Kinder zwangsweise von ihren Familien getrennt. Siehe den Artikel im Guardian vom März 2014.

Margaret Powell: Below Stairs (1968)

I was born in 1907 in Hove, the second child of a family of seven. My earliest recollection is that other children seemed to be better off than we were. But our parents cared so much for us. One particular thing that I always remember was that every Sunday morning my father used to bring us a comic and a bag of sweets. […] Sometimes now when I look back at it, I wonder how he managed to do it when he was out of work and there was no money at all coming in.

So beginnt der autobiografische Rückblick der britischen Schriftstellerin auf ihre Jugend und die anschließende Zeit als „kitchen maid“ in den zwanziger Jahren des letzten Jahrhunderts:

Margaret Powell: Below Stairs (1968)

In den ersten leider völlig uninspiriert heruntergeschriebenen Kapiteln schildert Powell die Armut und die ständigen Geldsorgen ihrer Familie. Der Vater war als Anstreicher oft arbeitslos, die Mutter arbeitete den ganzen Tag als Putzfrau. Staatliche Unterstützung gab es nicht und dennoch war es der Mutter zuwider, Almosen ihrer Arbeitgeber anzunehmen. Besonders schwierig war die finanzielle Lage während des Ersten Weltkrieges, als Margarets Mutter sämtliche Regale und Teile der Treppe verfeuerte, um wenigstens ein bisschen Wärme zu haben.

Margaret und ihre Geschwister müssen schon früh Aufgaben übernehmen, sind ständig hungrig und doch auch findig, wenn es beispielsweise darum geht, das Geld für eine Stummfilmvorführung aufzutreiben. Sie schildert nicht nur die Spiele der Kinder, den nachhaltigen Eindruck, den ein Zirkusbesuch auf sie machte, sondern auch die Beengtheit der Arbeiterwohnungen, in denen die Eltern immer dann miteinander schliefen, wenn die Kinder in der Sonntagsschule waren.

Als Margaret 13 Jahre alt ist, gewinnt sie ein Stipendium fürs Gymnasium; ihr Traum ist, später Lehrerin zu werden. Doch ihr ist völlig klar, dass sie trotzdem die Schule verlassen muss, um ihren Eltern nicht länger finanziell zur Last zu fallen. Zwei Jahre arbeitet sie in einer Wäscherei, bevor sie dann mit 15 ihre erste Stelle als „kitchen maid“ antritt.

Ab diesem Moment liegt die geschichtliche Bedeutsamkeit dieser Memoiren auf der Hand. Die Arbeitsbedingungen, unter denen Margaret nun viele Jahren arbeiten muss, sind atemberaubend grässlich. Und wer schon einmal eines der prächtigen Herrenhäuser in Großbritannien besichtigt und sich gewundert hat, wieso man bei derlei Besichtigungen so wenig über das Heer der Hausangestellten erfährt, weiß spätestens nach diesem Buch den Grund dafür. Sie waren für die meisten Herrschaften buchstäblich unsichtbar, einfach extrem billige Arbeitskräfte, denen man jegliche „gehobenen“ Bedürfnisse nach Bildung, Büchern oder schlicht einem nett eingerichteten Zimmer absprach.

Als „kitchen maid“ ist Margaret in der Hierarchie der Hausangestellten auf der untersten Stufe angesiedelt. Sie wird den anderen nicht einmal vorgestellt:

… don’t think I was introduced to them. No one bothers to introduce a kitchen maid. You’re just looked at as if you’re something the cat brought in. (S. 46 der Taschenbuchausgabe)

Moderne Hilfsmittel wie effektive Reinigungsmittel, Staubsauger, Handschuhe etc. gibt es nicht, die Arbeitszeiten sind katastrophal. Während des Frühjahrsputzes arbeitet sie von morgens kurz nach fünf Uhr bis abends um acht. Die Haushalte der gehobenen Schicht oder des Adels waren groß, täglich mussten Treppenstufen, Türen, Schränke, Geschirr und eine Unzahl an Töpfen gereinigt werden, oft waren ihre Hände aufgesprungen oder blutig. Freie Tage waren selten und man hatte kaum Gelegenheit, andere junge Menschen oder gar Männer kennenzulernen. Selbst wenn die Arbeit erledigt war, durfte man abends nicht mehr das Haus verlassen.

Die Ausbeutung, denen die Hausangestellten ausgesetzt waren, erinnert teilweise an Leibeigenschaft. Im Winter friert das Waschwasser in Margarets spartanisch eingerichtetem Zimmer ein, das sie sich mit einer weiteren Hausangestellten teilen muss. An ihrer ersten Stelle muss sie beispielsweise die Schnürsenkel in sämtlichen Schuhen bügeln, während der Enkelin des Hauses, die nur zwei Jahre jünger ist als Margaret, sogar die Zahncreme auf die Zahnbürste aufgetragen wird. Gleichzeitig wird den Dienstboten immer wieder suggeriert, dass sie auf einer völlig anderen Stufe stehen und dies auch fraglos, ja dankbar hinzunehmen hätten.

Eines Morgens will sie gerade die Zeitungen auf den Tisch in der Eingangshalle legen, als ihre Arbeitgeberin die Treppe hinunterkommt.

I went to hand her the papers. She looked at me as if I were something subhuman. She didn’t speak a word, she just stood there looking at me as though she could hardly believe that someone like me could be walking and breathing. […] I couldn’t think what was wrong. Then at last she spoke. She said, ‚Langley, never, never on any occasion ever hand anything to me in your bare hands, always use a silver salver. Surely you know better than that. Your mother was in service, didn’t she teach you anything?‘ (S. 74)

Die Demütigungen, die harte und schmutzige Arbeit, die Heuchelei ihrer Arbeitgeber und die Kränkung, ihre Schullaufbahn nicht fortsetzen zu können, führen zu Aggressionen und Minderwertigkeitsgefühlen, die ihr noch Jahrzehnte später, als sie gar nicht mehr als Hausangestellte arbeitet, schwer zu schaffen machen.

Diese Verbitterung spiegelt sich auch in ihren Erinnerungen. Es kostet sie sichtlich Mühe, allen Beteiligten Gerechtigkeit widerfahren zu lassen. Oft findet sich ein Schwarzweiß-Denken, ‚die da oben‘ sind automatisch die Feinde. Ihr Schreibstil ist weder subtil noch an psychologischen Nuancen interessiert, aber vielleicht erklärt gerade das die Wucht ihrer Schilderungen.

We always called them ‚Them‘. ‚Them‘ was the enemy. ‚Them‘ overworked us, and ‚Them‘ underpaid us, and to ‚Them‘ servants were a race apart, a necessary evil. (S. 94)

Wer allerdings könnte ihr ihren Zorn über die Heuchelei verdenken, den sie doch hinunterschlucken muss, wenn sie immer wieder beobachtet, wie ihre Arbeitgeber so besorgt um das Seelenheil und die moralische Integrität ihrer Bediensteten sind, sich aber einen feuchten Kehricht darum scheren, ob die Arbeits- und Schlafbedingungen eigentlich zumutbar oder gar dem Wohlbefinden förderlich sind.

Auch vor Nachstellungen und sexuellen Belästigungen sind die Hausangestellten nie hundertprozentig sicher. Die vornehmen Damen hingegen engagieren sich mit Begeisterung in diversen Wohltätigkeitsvereinen, z. B. für „fallen women“, doch sobald ein eigenes Zimmermädchen schwanger wird, wird ihm sofort gekündigt. Die Doppelmoral der herrschenden Schicht zeigt sich auch in den ‚love nests‘, die viele der vornehmen Herren irgendwo für ihre Geliebte eingerichtet haben.

Irgendwann erreicht sie ihr Ziel: Durch die Heirat kann sie dem ungeliebten Beruf enfliehen. Sie und ihr Mann Albert bekommen drei Söhne, für deren Schulbildung sie alles tut. Diesem Lebensabschnitt widmet sie gegen Ende des Buches nur wenige Seiten. Nach dem Zeiten Weltkrieg fängt Margaret an, Kurse zu besuchen und dem lange unterdrückten Wunsch nach Bildung Raum zu geben. Mit 58 besteht sie ihre ‚O-levels‘ und 1969 legt sie in Englisch ihre ‚A-levels‘ ab, was dem Buch dann noch eine versöhnlichere Note verleiht.

Und nach dem Erfolg ihres Buches geht es dann noch einmal richtig los:

… older people were clearly disturbed by the book’s anger. In the follow-up volume, published the next year, Powell explains how her memoir had prompted a storm of hurt letters from readers who had grown up in well-heeled households. They wrote to tell Powell that they knew for a fact that their parents had always tried hard to treat their servants as human beings. Some even went into detail about the bedrooms in which their maids had slept, anxious to prove how much effort had gone in to providing a comfortable home from home for the working-class girls in their care. Powell, though, was having none of it: while acknowledging that individual employers could be kind, the fundamental point remained that ’servants were not real people with minds and feelings. They were possessions.‘ (Kathryn Hughes, The Guardian, 19. August 2011)

Sie schrieb einige Romane und weitere Bücher über ihre Erfahrungen als „domestic worker“, z. B. Climbing the Stairs (1970).  Powell wurde ein gern gesehener Gast im Fernsehen. Bei ihrem Tod 1984 hinterließ sie ein Vermögen von 77.000 Pfund und ihre Bücher haben Serienklassiker wie „Das Haus am Eaton Place“ (auf Englisch „Upstairs, Downstairs“) inspiriert.

Also eine überaus interessante Lektüre, weil sie einen Einblick in eine Welt bietet, die spätestens im Zweiten Weltkrieg weitgehend untergegangen ist. Außerdem veranschaulicht das Buch sehr deutlich das Fazit, das Powell in der Einleitung zu ihrem zweiten Buch gezogen hat: Diese grenzenlose Ausbeutung war genau so lange möglich, wie den Heerscharen schlecht ausgebildeter Mädchen andere Verdienstmöglichkeiten gar nicht offen standen.

Hier geht’s lang zu einem (architektonischen) Blick auf die Arbeitsbedingungen der britischen Hausangestellten im 19. Jahrhundert.

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Bill Bryson: Shakespeare (2007)

Before he came into a lot of money in 1839, Richard Plantagenet Temple Nugent Brydges Chandos Grenville, second Duke of Buckingham and Chandos, led a largely uneventful life. He sired an illegitimate child in Italy, spoke occasionally in the House of Commons against the repeal of the Corn Laws, and developed an early interest in plumbing (his house at Stowe […] had nine of the first flush toilets in England), but otherwise was distinguished by nothing more than his glorious prospects and many names. But after inheriting his titles and one of England’s great estates, he astonished his associates, and no doubt himself, by managing to lose every penny of his inheritance in just nine years through a series of spectacularly unsound investments.

So beginnt die fröhliche Suche des Erfolgsautors nach dem, was wir nachweislich über Shakespeare wissen oder eben auch nicht:

Bill Bryson: Shakespeare: The World as a Stage (2007)

Die deutsche Übersetzung Shakespeare – wie ich ihn sehe stammt von Sigrid Ruschmeier.

Bekanntermaßen ist fürchterlich wenig Biografisches über Shakespeare bekannt, und Margret Fetzer  fragt in ihrer Besprechung in der Frankfurter Allgemeinen denn auch etwas bissig, „warum ausgerechnet Bill Bryson, alles andere als ein Literaturexperte, sich jetzt in die Legendenschreiberei einreiht.“

Nun, die Antwort ist klar: Weil er’s kann und ihn das Thema interessiert. Oder in Brysons Worten:

To answer the obvious question, this book was written not so much because the world needs another book on Shakespeare as because this series does [gemeint ist die Serie Eminent Lives]. The idea is a simple one: to see how much of Shakespeare we can know, really know, from the record. (S. 21)

Unter anderem geht Bryson auf folgende Fragen ein:

  • Wissen wir wirklich, wie Shakespeare ausgesehen hat? Und was weiß man über seine Erziehung und seinen Bildungsgrad?
  • Welche gesicherten Informationen gibt es zu seiner Familie und seiner Ehe? Weshalb hat er in seinem Testament seiner Frau das zweitbeste Bett vermacht?
  • Mit was haben sich die Forscher schon alles in Bezug auf Shakespeare beschäftigt? (Zum Beispiel mit der Frage, wie viele Kommas und Fragezeichen seine Texte enthalten.)

Shakespeare, it seems, is not so much a historical figure as an academic obsession. A glance through the indexes of the many scholarly journals devoted to him and his age reveal  such dogged investigations as ‚Linguistic and Informational Entropy in Othello‘, ‚Ear Disease and Murder in Hamlet‘, ‚Poisson Distributions in Shakespeare’s Sonnets‘, ‚Shakespeare and the Quebec Nation‘, ‚Was Hamlet a Man or a Woman?‘ and others of similarly inventive cast. (S. 20)

  • Wie waren die gesellschaftlichen und religiösen Rahmenbedingungen unter Elizabeth I und später unter ihrem Nachfolger James I? (Man denke nur an den Sieg über die spanische Armada oder den Gunpowder-Plot.)

It was also an age that gave rise to the Puritans, a people so averse to sensual pleasure that they would rather live in a distant wilderness in the New World than embrace tolerance. Puritans detested the theatre and tended to blame every natural calamity, including a rare but startling earthquake in 1580, on the playhouses. (S. 71)

  • Wie sahen die Lebensbedingungen damals aus? Wie sah London aus?
  • Wie war die Gesellschaft strukturiert und wie war das Zusammenleben geregelt?
  • Wie sahen die Theater der damaligen Zeit aus?
  • Wie war die Aufführungspraxis in den Theatern?
  • Weshalb hatten die meisten Theatertruppen einen adligen Gönner?
  • Wem verdanken wir, dass wir heute überhaupt so viele von Shakespeares Stücken kennen?
  • Welchen Beitrag hat Shakespeare zur Entwicklung des Theaters und der englischen Sprache geleistet?
  • Worüber rätselt man bei den Sonetten bis heute?
  • Welche „Verbesserungen“ nahmen spätere Schriftsteller und Theaterdirektoren an seinen Werken vor?
  • Wie hat sich sein Ruhm im Laufe der Jahrhunderte entwickelt?
  • Was hat es mit der Folger Shakespeare Library in Washington, DC, auf sich?
  • Und warum können sich Touristen und Literaturfans glücklich schätzen, dass Shakespeares Geburtshaus heute nicht in Amerika steht?

Fazit

Wenn man bedenkt, dass allein über die Frage, ob wirklich Shakespeare die Stücke geschrieben hat, die ihm zugeschrieben werden, mehr als 5000 Bücher geschrieben wurden und dass pro Jahr ca. 4000 neue Texte über Shakespeare veröffentlicht werden, dann ist offensichtlich, dass ein einzelner die komplette Forschungslage zu Shakespeare ohnehin nicht mehr überblicken kann.

Muss Bryson aber auch nicht, denn er ist ein kluger Kopf, kann lesen, recherchieren und seine Reputation (man lese nur mal in der englischsprachigen Wikipedia, welche universitären Ehren er bisher eingeheimst hat) erlaubt ihm, diverse Koryphäen zu interviewen und Einblick in Archive zu erhalten, die normalen Lesern wohl auf immer verschlossen bleiben.

Dass dabei auf 195 Seiten nicht unendlich in die Tiefe gegangen werden kann, dürfte sich von selbst verstehen, und natürlich wird der Leser an der ein oder anderen Stelle das Bedürfnis haben, etwas nachzuschlagen und zu vertiefen.

Das Buch ist eine Einführung – nicht mehr und nicht weniger – und in seinen persönlichen Wertungen völlig unakademisch. Mit Brysons Blick für die interessante und manchmal einfach skurrile Anekdote, seinem Humor und seiner Informationsfülle ist es aber genau deshalb wunderbar lesbar.

Mir persönlich hat das neunte Kapitel am besten gefallen. Dort geht Bryson kopfschüttelnd und bestimmt leise kichernd der Frage nach, wo die Theorien, dass auf keinem Fall Shakespeare seine Stücke geschrieben haben könne, herkommen und was von ihnen zu halten ist.

Even ‚Scientific American‘ entered the fray with an article proposing that the person portrayed in the famous Martin Droeshout engraving might actually be – I weep to say it – Elizabeth I. […]

Shakespeare ’never owned a book‘, a writer for the ‚New York Times‘ gravely informed readers in one doubting article in 2002. The statement cannot actually be refuted, for we know nothing about his incidental possessions. But the writer might just as well have suggested that Shakespeare never owned a pair of shoes or pants.  (S. 180)

Besonders interessant dabei die Rolle von Delia Bacon, die nachweisen wollte, dass u. a. Francis Bacon der wahre Urheber der Stücke sei. Eine Theorie, die auch heute noch ihre Anhänger hat.

Bacon’s research methods were singular to say the least. She spent ten months in St Albans, Francis Bacon’s home town, but claimed not to have spoken to anyone during the whole of that time. She sought no information from museums or archives, and politely declined Carlyle’s offers of introduction to the leading scholars. Instead she sought out locations where Bacon had spent time and silently ‚absorbed atmospheres‘, refining her theories by a kind of intellectual osmosis. (S. 183)

One obvious objection to any Baconian theory is that Bacon had a very full life already, without taking on responsibility for the Shakespearean canon as well, never mind the works of Montaigne, Spenser and the others. (S. 186)

A third – and for a brief time comparatively popular – candidate for Shakespearean authorship was Christopher Marlowe. He was the right age […] had the requisite talent and would certainly have had ample leisure after 1593, assuming he wasn’t too dead to work. (S. 189)

Rezensionen

Irritiert hat mich hingegen die Kritik in der FAZ: Fast enttäuscht konstatiert Fetzer: Der „Vorwurf mangelnder historischer Informiertheit [ist] einer der wenigen, den man Bryson nicht machen kann.“, dafür missfällt ihr etwas anderes: Sie bezieht sich auf den Untertitel der deutschen Ausgabe „Shakespeare – Wie ich ihn sehe“ und moniert dann

dass man hier vergeblich auf Anflüge von Selbsterkenntnis wartet. […]. Davon abgesehen lässt der Titel eine programmatische These erwarten, aber leider fällt Bryson so gar nichts Eigenes ein. Am Ende weiß man nicht nur immer noch nicht, wie er Shakespeare sieht, sondern auch nicht, warum er dieses Buch überhaupt geschrieben hat. Bryson ist bemüht, sich das Faszinosum Shakespeare zu erschließen – doch immer wieder ertappt man ihn dabei, wie er ungläubig und kopfschüttelnd davorsteht und nicht die leiseste Ahnung hat, warum sich alle Welt für den Sohn eines Handschuhmachers begeistert.

Ist es nicht verblüffend, dass Fetzer den Untertitel der deutschen Ausgabe Bryson zum Vorwurf macht?

Und dass Bryson nicht wüsste, warum sich alle Welt für Shakespeare begeistert, ist schlicht Unsinn. Zum einen geht es ihm in diesem Buch gar nicht um die einzelnen Werke. Zum anderen erklärt er, nachdem er beschrieben hat, wie groß vermutlich Shakespeares Wortschatz war und welche Wörter und Redewendungen die englische Sprache dem Barden aus Stratford-upon-Avon verdankt:

Anyway, and obiously, it wasn’t so much a matter of how many words he used, but what he did with them – and no one has ever done more. It is often said that what sets Shakespeare apart is his ability to illuminate the workings of the soul and so on, and he does that superbly, goodness knows, but what really characterizes his work […] is a positive and palpable appreciation of the transfixing power of language. (S. 109)

We thrill at these plays now. But what must it have been like when they were brand new, when all their references were timely and sharply apt, and all the words never before heard? Imagine what it must have been like to watch Macbeth without knowing the outcome, to be part of a hushed audience hearing Hamlet’s soliloquy for the first time, to witness Shakespeare speaking his own lines. There cannot have been, anywhere in history, many more favoured places than this [gemeint ist das Globe Theatre]. (S. 125)

Anmerkungen

Abgesehen von der Besprechung in der FAZ hüllt sich das deutsche Feuilleton in vornehmes Schweigen. Im englischsprachigen Raum liest man derlei Flott-Intelligentes einfach lieber.

If a trio of witches were cooking up this book in a cauldron, there’d be a pinch of P.G. Wodehouse, a soupçon of Sir Osbert Lancaster and a cup of Sir Arthur Conan Doyle. One can be firm of purpose and blithe at the same time, it turns out; one can write a seriously entertaining book. Shakespeare: The World as Stage is aimed at general readers, not Shakespeare scholars, though the latter do make appearances now and then, not always is a flattering light, but always entertainingly. […]

Mr. Bryson goes off at times on amusing tangents […] and is otherwise completely charming and conversational, like a good host. The pleasure of his company cannot, to borrow a phase from him, “be emphasized too strenuously.” (Nancy Dalva, The New York Observer)

Hier geht es lang zu einer Besprechung von Tom Payne im Telegraph.

Ruth Goodman: How to be a Victorian (2013) – Teil 4/4

Für den letzten Teil der Vorstellung von How to be a Victorian habe ich versprochen, dass wir uns anschauen, was die Viktorianer in ihrer Freizeit unternommen haben, woraufhin Birgit von Sätze & Schätze schon scherzhaft fragte, ob denen tatsächlich auch noch Freizeit blieb.

Das 12. Kapitel „A Few Snatched Hours of Leisure“ zeigt, dass diese Frage keineswegs aus der Luft gegriffen ist. Zu Beginn der Viktorianischen Ära hatten die meisten einen Arbeitstag von 12 Stunden oder mehr. Die Sonntage waren zwar frei, doch für Frauen und die in der Landwirtschaft Beschäftigen ging die Arbeit ja auch am Sonntag weiter. Montags ließen die Arbeiter es oft gemütlicher angehen, sie kamen zu spät und arbeiteten nicht besonders eifrig, etwas, was die Arbeitgeber im Laufe des Jahrhunderts immer stärker zu unterbinden suchten. Die Bedeutung der Arbeit nahm grundsätzlich zu.

In 1825, the Bank of England closed for forty holidays; in 1834, this had fallen to just four days. (S. 315)

Schließlich wurden in den meisten Industriezweigen Arbeitszeiten von zehn Stunden pro Tag vereinbart. Dazu wurde samstags nur halbtags gearbeitet. Dabei stellten die Arbeitgeber zu ihrer großen Überraschung fest, dass diese Vergünstigungen keineswegs ihren Profit schmälerten. Im Gegenteil.

Workers became more efficient, machines were run at faster speeds, meal breaks were shortened and processes were streamlined. Mondays became true work days. The factory hand had, in effect, traded a slow Monday, with time for play and chat, for a free Saturday afternoon to do with as he or she pleased, not to mention an extra hour or two every weekday evening. (S. 316)

Musste ein Textilfabrikarbeiter 1837 noch von morgens sieben bis abends acht Uhr arbeiten, und zwar sechs Tage die Woche, so änderte sich das ab 1874 dahingehend, dass man „nur“ noch bis sechs Uhr abends arbeiten musste und samstags war um 14 Uhr Feierabend. Daraus ergab sich für unzählige Menschen zum ersten Mal die Notwendigkeit, sich zu überlegen, was man mit der kostbaren freien Zeit anzufangen gedachte.

Whether it was sport, drinking, gardening or holidaying, a new industry was born – leisure – and an array of activities was available. (S. 316)

Was allerdings nichts daran änderte, dass beispielsweise Hausangestellte nicht von den neuen gesetzlichen Regelungen profitierten und oft weiterhin einen Arbeitstag von bis zu 16 Stunden hatten.

Goodman zeigt uns Kinderspiele und Pferderennen, Boxkämpfe, Cricket und Rugby, mit denen sich vor allem die Männer die Zeit vertrieben, während Tennis auch rasch den Frauen offenstand. Und Sportbegeisterte erfahren, dass 1845 das erste Mal die Regeln für Rugby schriftlich festgehalten wurden. Das war hilfreich, um vor dem Spiel die strittigen Punkte klären zu können. 1863 gab die Football Association ebenfalls ein Regelwerk heraus.

These  two sets of guidelines, which had different visions for the game, separated to form what we now recognize as rugby and football (soccer). (S. 327)

Vor 1880 machte der Schiedsrichter seine Entscheidungen mithilfe einer Fahne deutlich, erst danach kam die Trillerpfeife zum Einsatz, die bis zu einer Meile weit zu hören war. Die Erfindung der Tornetze ließ sich übrigens John Brodie 1889 patentieren.

Interessant auch der Abschnitt über die öffentlichen Parks, mit denen man hoffte, den arbeitenden Massen, die meist in engen und überfüllten Arbeiterquartieren wohnten, Erholung abseits der Kneipen zu ermöglichen. Birkenhead Park beispielsweise wurde 1847 gegründet.

… it was the first to be set up by a public body with public money; unlike the royal parks of London, which had come as gifts to the nation, often in lieu of settling royal debts. (S. 347)

Bliebe noch das Stichwort Urlaub.

… the concept of going away for a holiday was becoming established in the Victorian mind. Pleasure and leisure in previous centuries had rarely involved more than a day’s excursion, to the fair or to the races. The upper classes had traditionally moved seasonally from London to their country seats, and back again. But the idea of setting aside a fixed time and place, apart from business or other social obligations, and purely for reasons of enjoyment, was new. (S. 363)

Und auch hier könnte ich seitenlang zitieren, wie zunächst die Oberschicht aus gesundheitlichen Gründen die Seebäder aufsuchte, dann wurde das Urlaubsvergnügen durch immer erschwinglichere Bahnfahrten auch anderen Gesellschaftsschichten zugänglich. Schließlich konnten sich sogar Arbeiter ihre ersten Tagesausflüge ans Meer leisten. Goodman beschreibt nicht nur die Badekleidung, sondern auch die Sitten und Gebräuche beim „Baden“ und die Entwicklung der Badehütten. Diese betrat man vollständig bekleidet. Dann wurde die Hütte von einem Esel ins Wasser gezogen, man zog sich in der Hütte um, stieg ins Wasser und ließ sich von „dipping women“ ein paar mal untertunken. Schließend verschwand man wieder in der Hütte, trocknete sich ab, kleidete sich an, wurde wieder hoch an den Strand gezogen, wo man dann wieder fein und ordentlich gekleidet der Hütte entstieg.

Wunderbar passend dazu: Die Fotos der Victorian Bathing Machines auf eMORFES.

Männer badeten übrigens auch gerne nackt, was zu einer vorübergehenden Trennung in Frauen- und Männerbereiche am Stand führte. Schließlich kehrten sich die Verhältnisse um, Nacktbaden war irgendwann verpönt und die Trennung nach Geschlechtern wurde aufgehoben.

Überflüssig zu erwähnen, dass auch die Kapitel „Evening Meal“, „A Bath before Bed“ und „Behind the Bedroom Door“ eine wunderbar recherchierte Vielfalt an interessanten Details zu bieten haben. Was ich z. B. überhaupt nicht wusste, dass die heutigen Schwimmbäder ihre Entstehung den Bade- und Waschhäusern zu verdanken haben, die ursprünglich den ärmeren Schichten ermöglichen sollten, ihre Wäsche zu waschen. Diesen Wäschereien gliederte man auch Räume mit mehreren Badewannen und kleinen Schwimmbecken an, in denen man sich preisgünstig waschen konnte.

Fazit

Ein faszinierendes Buch, schon allein in der Fülle der zusammengetragenen Informationen, selbst wenn ich die Seiten nur quergelesen habe, die mich nicht so brennend interessierten, wenn z. B. geschildert wurde, welche Entwicklung das Männerhemd im Laufe des Jahrhunderts genommen hatte, mit welchen Methoden die Frauen von damals ihre Haare stylten, welche Babynahrung es gab  oder welche gesellschaftliche Schicht welche Lebensmittel zu welcher Mahlzeit aß.

Immer wieder verknüpft Goodman Details aus dem Alltag der Menschen mit den technischen und wissenschaftlichen Neuerungen, die bestimmte gesellschaftliche Entwicklungen überhaupt erst möglich machten.

The new chemical dyes of the 1860s were stronger and more light-resistant than any that had gone before. While women’s clothes would become almost dayglo, for men, this meant black. Black had previously been a difficult colour to produce, and one that faded fast. Victorian town dwellers, however, had a pressing reason for choosing it. Coal smuts from domestic fires and industry swirled continually in the air, settling on everything and turning it a stickly black. […] The new, non-fading black was an immediate success, and townsmen began to dress predominantly in dark colours. (S. 49)

Faszinierend ist das Werk auch in seiner Lesbarkeit und den vielen Aha-Erlebnissen, die ich ihm verdanke. Es ist wunderbar, für die vielen Romane aus diesem Jahrhundert, die sich hier im Hause tummeln, nun noch einen ganz anderen Unterbau zu haben. So werde ich das nächste Mal, wenn eine viktorianische Romanheldin einen Spaziergang unternimmt, auch daran denken, dass Spaziergänge eine der ganz wenigen körperlichen Ertüchtigungsmöglichkeiten waren, die jungen Mädchen und Frauen zugestanden wurden.

In the 1860s, Dr Pye Chevasse […] recommended walking. Lots of walking. Not athletic hill-walking or anything else too strenuous, but daily, hour-long walks, especially to be taken in the morning … (S. 151)

Der Hintergrund war, dass man sich sicher war, dass heftige körperliche Anstrengung – genau wie höhere Schulbildung – der Gesundheit der Frau irreparablen Schaden zufügen könnte.

A girl’s developing body was thought to be easily upset and at risk of permanent damage if involved in even the lightest of energetic pursuits. It was feared she could be left unable to fulfil her primary function in life: the bearing of children. This was a long-standing, traditional belief fuelled by the Ancient Greek theory that the womb was mobile within the torso. (S. 150)

Und obwohl durch die Erkenntnisse der Anatomie diese These längst widerlegt war, befürchteten Ärzte doch das Schlimmste, sollte sich eine junge Frau gar zu heftig bewegen. Während der Menstruation wurde Mädchen (die nicht der Arbeiterklasse angehörten) pro Monat ein Tag Bettruhe angeraten. Auch emotionale Ruhe war wichtig, deshalb wurden soziale Kontakte streng reglementiert, genauso wie die Art der Lektüre, der man sich als junger Frau ungestraft aussetzen durfte. „Wuthering Heights“ von Emily Bronte und selbst die Romane von Jane Austen galten vielen Eltern als gefährlich und sexuell aufreizend…

Ich hätte glatt noch weitergelesen, und das Ziel, das sich die Autorin in ihrem Vorwort gesetzt hat, hat sie mehr als erreicht:

Such intimate details of a life bring a feeling of connection with the people of the past and also provide a route into the greater themes of history. (S. 2)