Maria Gräfin von Maltzan: Schlage die Trommel und fürchte dich nicht (1986)

Die Lebenserinnerungen der Maria Helene Françoise Izabel Gräfin von Maltzan, Freiin zu Wartenberg und Penzlin (*1909 in Schlesien; † 1997 in Berlin) sind eine hinreißende Lektüre. Was für eine Spannbreite gesellschaftlicher Erfahrungen sich hier in einer Person vereint: Kindheit als umsorgtes Komptesschen, bohemehaftes Studentenleben der Tiermedizin, Stationen in München, Afrikareise, Berlin, Widerstandskämpferin während der Zeit des Nationalsozialismus, Medikamentenabhängigkeit, Entzug der Approbation, mehrmalige Einweisung in die Psychiatrie, Sozialhilfe, Suizidversuch, nach Wiedererlangung der Approbation Tierärztin in Zirkussen, Zoos oder als Urlaubsvertretung, schließlich wieder in Berlin, wo sie die Hunde der Punks behandelt.

Ihre privilegierte Kindheit verbringt Maria Gräfin von Maltzan auf dem elterlichen Schloss Militsch in Schlesien, zu dem 12 Güter gehörten. Sie und ihre sechs älteren Geschwister werden selbstverständlich in gesellschaftliche Konventionen des Adels und Fertigkeiten wie Fremdsprachen, Fechten und Reiten (das erste Pferd bekam sie mit fünf Jahren) eingeführt. Sogar mit einer Waffe verstand sie umzugehen.

Auf Militsch war es Sitte, daß alle Kinder ab vier an der Familientafel aßen. Als ich dies dann auch endlich durfte, genoß ich es sehr, die Mahlzeiten mit den Erwachsenen einnehmen zu dürfen. Nur hatte die Sache einen Haken, unter dem ich zu leiden hatte. Es wurde nämlich bei uns – wie am kaiserlichen Hof in Berlin, wohin meine Eltern oft eingeladen wurden, sehr schnell serviert, und sobald Vater und Mutter das Besteck niederlegten, wurden sofort sämtliche Teller abgeräumt und der nächste Gang aufgetragen. Da ich die Jüngste war, wurde mir das Essen natürlich ganz zuletzt gereicht, wodurch ich immer zu kurz kam und bei dem Serviertempo nie richtig satt wurde. Eines Tages ertappte mich mein Vater dabei, wie ich noch nach Tisch stark vor mich hinkaute. Er zog mich in eine Fensternische und beförderte wortlos acht Scheiben Rehbraten aus meinen Backentaschen. (S. 13)

Ihren Vater liebt Maria sehr, dieser stirbt allerdings bereits 1921, damit endet die Zeit der behüteten Kindheit. Das Verhältnis zu ihrer Mutter wird immer auf gegenseitigem Unverständnis beruhen und schließlich in offene Ablehnung münden. Die Mutter empfindet ihre unkonventionelle Tochter, die sich schon früh für alle möglichen Tiere interessiert und gar Tierärztin werden will, als eher peinlich und aufmüpfig. Dass ihre Tochter auf diversen Internaten todunglücklich ist, kümmert sie wenig.

Bestimmte Werte, zu denen sie erzogen wurde, gelten für Maria ein Leben lang.

Mein zehnter Geburtstag brachte eine einschneidende Wende, denn von diesem Zeitpunkt an wurde ich mit „Sie“ angeredet, hatte dafür aber die Pflicht, wie meine älteren Geschwister, soziale Aufgaben wahrzunehmen. […] Für unsere Angestellten und Arbeiter gab es ein eigenes Altersheim, ein eigenes Siechenheim. Die Spielschule war ein Geschenk meiner Mutter nach einer Erbschaft, die auch für die Kosten der Kindergärtnerin aufkam. […] Mein Vater war jedenfalls ein sehr sozial denkender Mensch und erzog seine Kinder entsprechend. […] Zu den Selbstverständlichkeiten in den großen Herrschaften gehörte es auch, daß für begabte Kinder der Angestellten die gesamten Ausbildungskosten für eine höhere Laufbahn bezahlt wurden. Das ging soweit, daß jemand auf Kosten eines jüdischen Landbesitzers katholische Religion studieren konnte.

Wenn einer von unseren Leuten krank wurde, erfuhren wir dies durch den jeweiligen Inspektor, und dann war es Sache der Kinder, sich um die Betreffenden zu kümmern. Mit unseren Pferden und Wagen fuhren wir sie zum Arzt oder gegebenenfalls ins Krankenhaus, wo es eine bestimmte Zahl von  Betten gab, die uns gehörten. (S. 33)

Als der Vater beispielsweise von Maria erfährt, dass der Hof der Eltern eines Kindermädchens durch eigene Schuld in Brand geraten ist und die Versicherung den Schaden nicht übernehmen wird, fragt er seine Tochter, wie viel sie auf der Bank habe.

„Die zweihundert Mark holst du ab und gibst sie Bertha, die jahrelang deinen Dreck weggemacht hat. Man steht für seine Leute gerade.“ (S. 33)

Trotzdem zeigt sich schon in der Kindheit, dass sie und ihr einziger Bruder Carlos unterschiedliche Wertvorstellungen haben, was dann während der Zeit des Nationalsozialismus dazu führt, dass sie auf politisch entgegengesetzten Seiten stehen.

Von Anfang an reagiert sie allergisch auf die Rattenfänger der Nazis. Ostern 1933 reist sie deprimiert nach Hause.

Nach meiner Ankunft im Schloß ging ich sogleich in den Grünen Salon, wo wir nachmittags alle gemeinsam Tee zu trinken pflegten. Mein Bruder saß dort in Nazi-Uniform. ‚Du bist wohl vom Fasching übriggeblieben‘, sagte ich zu ihm und nahm an, er würde dies mit Humor auffassen. Doch weit gefehlt! Wie von der Tarantel gestochen, schoß Carlos wütend hoch und machte mir eine entsetzliche Szene.

Es kommt zum Bruch zwischen den Geschwistern,  er verweigert die weitere finanzielle Unterstützung seiner Schwester, die daraufhin beginnt, in München journalistisch tätig zu werden und so erste Kontakte zum Widerstand knüpft. Um ihre klammen Finanzen aufzubessern, arbeitet sie außerdem als Reitdouble beim Film und kümmert sich um die Pferde reicher Leute.

1933 promoviert sie in Naturwissenschaften, doch da ihre regimefeindliche Haltung, ihre Kontakte zu Kommunisten und Juden kein Geheimnis sind, kann sie nicht auf eine Festanstellung hoffen. Sie wird mehrmals von der Gestapo vorgeladen und als das Pflaster ein wenig zu heiß wird, begibt sie sich im Januar 1934 auf eine sechsmonatige Afrikareise.

Sie heiratet, geht mit ihrem Mann, dem Kabarettisten Walter Hillbring nach Berlin, die Ehe scheitert schon kurze Zeit später. Auch in  Berlin hat sie Kontakte zu  Widerstandsgruppen der katholischen und schwedischen Kirche. Immer wieder versteckt sie Untergetauchte, seien es Kommunisten oder Juden, in ihrer kleinen Wohnung, organisiert Dokumente, einmal wird sie sogar beordert, eine ältere jüdische Dame schwimmend über den Bodensee zu geleiten, sodass diese in der Schweiz untertauchen kann.

Am Morgen ihres Geburtstages im März 1939 erschienen bei Lulu [ihrer Freundin] zwei SS-Leute mit einem Paket und überreichten es ihr mit den Worten: ‚Das ist von Ihrem Mann.‘ Erfreut nahm sie es in Empfang. Als sie es öffnete, hielt sie seine Urne in den Händen. (S. 126)

Im Frühjahr 1944 versucht sie bei ihrem letzten Aufenthalt in Militsch ihre seit 1940 verwitwete Schwägerin davon zu überzeugen, wenigstens die Kunstschätze des Schlosses in Sicherheit zu bringen. Die empörte Schwägerin wirft ihr Defätismus vor.

Den Verlust meiner Heimat habe ich nie verwunden. Ich hing mit jeder Faser meines Wesens an Militsch. Ich liebte das Land, das Schloß und alles, was dazugehörte. Obwohl mir in späteren Jahren vielfach die Gelegenheit geboten wurde, Militsch wiederzusehen, habe ich darauf verzichtet. Mein Zuhause in Schlesien trage ich lieber als unberührte Erinnerung tief in meinem Herzen. (S. 219)

Ihre Aktivitäten im Untergrund nehmen zu, sie hilft dabei, Untergetauchte aus der Stadt zu bereitstehenden Fluchtwaggons zu bringen. Zum Glück liebt sie Hunde und ihre Bullterrier retten ihr vermutlich mehr als einmal das Leben. Man geht davon aus, dass sie ca. 60 Menschen das Leben gerettet hat.

Sie heiratet noch zweimal, und zwar den jüdischen Literaten Hans Hirschel, den sie während des Krieges in ihrer kleinen Wohnung versteckt hält. Diese erste Ehe hält nur zwei Jahre. 1972 heiraten die beiden erneut. Auch die Kapitel über die unmittelbare Nachkriegszeit sind überaus spannend und ziemlich bunt.

Die herbe Maria Gräfin von Maltzan, auf Fotos meist mit einem Zigarillo in der Hand,  erzählt ihre oft abenteuerlich anmutenden Erinnerungen, ihre vielen Geschichten so anschaulich, schnoddrig, unsentimental, als wäre man direkt dabei. Dabei werden die Abstürze dieses Lebens nicht unter den Teppich gekehrt.

Was mir allerdings zu kurz kam, waren die Beziehungen zu ihrer Familie. Und über ihre Talkshow-Auftritte nach dem Erscheinen ihrer Erinnerungen habe ich leider auch nichts weiter gefunden. Ihr Buch diente zwar als Vorlage für einen Film, doch schon ein Foto der Schauspielerbesetzung erstickte jegliches eventuelles Interesse meinerseits. Abschließend stellt sich nur die Frage, warum es denn in alles in der Welt keine Biografie zu dieser Frau gibt. So ein Leben hat weit mehr als diese – lesenswerten – 277 Seiten verdient.

Der Titel ihrer Erinnerungen ist übrigens der ersten Zeile des Gedichts Doktrin von Heinrich Heine entnommen.

Hier noch ein Artikel zu der Gräfin vom Deutschlandfunk.

Eva Sternheim-Peters: Habe ich denn allein gejubelt? (1987/2015)

Diese 780 Seiten verlangen dem Leser, der Leserin nicht nur einiges in Bezug auf den Umfang des Buches ab, sondern auch inhaltlich.

Die 1925 in Paderborn geborene Lehrerin, Dozentin und Autorin Eva Sternheim-Peters veröffentlichte bereits 1987 Die Zeit der großen Täuschungen. Mädchenleben im Faschismus. Doch niemand interessierte sich so recht dafür. 2015 erschien im Europa Verlag die um zwei Kapitel erweiterte und überarbeitete Neuauflage unter dem Titel Habe ich denn allein gejubelt? Eine Jugend im Nationalsozialismus, die wesentlich mehr Aufmerksamkeit erhielt. Der Anspruch:

Habe ich denn allein gejubelt? ist keine Autobiografie, sondern ein subjektives Geschichtsbuch, in dem zwei Jahrzehnte deutscher Innen- und Außenpolitik mit Erinnerungen, Erlebnissen, Gedanken und Gefühlen eines Kindes, einer Heranwachsenden und ihrer Umwelt belegt, politische und menschliche Verhaltensweisen damaliger Zeitgenossen weder gerechtfertigt noch entschuldigt, sondern nachvollziehbar dargestellt werden. (S. 16)

Die in einem Beamtenhaushalt aufgewachsene Sternheim-Peters umkreist ihre ersten zwanzig Lebensjahre und versucht sich Rechenschaft darüber abzulegen, wie es sein konnte, dass sie und Millionen anderer mit Liebe und kritikloser Hingabe an Volk, Führer, Vaterland und Partei glaubten, ohne dabei je den Eindruck gehabt zu haben, einer Diktatur anzuhängen. Selbst der „Heldentod“ der zwei geliebten Brüder im Krieg,  der dem so friedliebenden Deutschland ja nur aufgezwungen worden sei, brachte das ideologische Kartenhaus zunächst nicht zum Einsturz.

Für diesen Jahrgang [1925] und für wenige benachbarte Jahrgänge waren die zwölf Jahre des ‚Tausendjährigen Reiches‘ besonders lang, da sie erlebnisstarke Kindheits- und Jugendeindrücke prägten, die sich nicht ohne Identitätsverlust von der Person abtrennen und auf den Müllhaufen der Geschichte werfen lassen. (S. 17)

Und so schreibt hier eine, die weder bereit ist, ihre Jugendjahre als begeisterte und gläubige Jungmädelführerin von sich „abzutrennen“, noch die Augen verschließt vor dem, was sie nun als erwachsene Frau über den Nationalsozialismus, seine grauenhaften Verbrechen und nicht zu zählenden Opfer gelernt und verstanden hat. Sowohl die Verdrängung der nationalsozialistischen Vergangenheit als auch das Sich-noch-rasch-zum-Widerstandskämpfer-Stilisieren vieler ihrer Zeitgenossen nach dem Kriegsende widern sie an.

Sie jedoch will verstehen, wie es dazu kommen konnte.

Ich bin nicht mitgelaufen. Ich bin begeistert mitgestürmt.

Und das Traurige: Auch der Leser/die Leserin kann es nach der Lektüre in großen Teilen nachvollziehen und verstehen. Bedrückend, wie schon die frisch Eingeschulte den Abscheu vor „Juden“ verinnerlicht hat, obwohl eine ihrer Tanten sogar einen jüdischen Mann geheiratet hatte.  Wie lange sich die Illusion der Autorin gehalten hat, dass Deutsche grundanständig seien und charakterlich und kulturell himmelweit über anderen Völkern stünden. Beklommen liest man:

Große, unvergessliche Erlebnisse der Heranwachsenden sind nicht von der Hitlerjugend zu trennen: der Isenheimer Altar des Matthias Grünewald in Colmar, das Straßburger Münster, die Wartburg bei Eisenach, das Goethe-Haus in Weimar, der Schleswiger Dom, der Hamburger Hafen, die Brunnen im Oberelsass und die bunten Fachwerkdörfer des Thüringer Waldes, der Gletscherfirn der bayrischen Alpen und die rot glühend vor den kieferbewachsenen Kreidefelsen der Ostsee im Meer versinkende Sonne. (S. 274)

Damit man in der Stofffülle nicht den Überblick verliert, beginnt jedes Kapitel in der Kindheit und geht von dort chronologisch bis zum Kriegsende oder auch darüber hinaus.

Die Kapitelüberschriften lauten

  1. Zwischen den Kriegen
  2. Volksgemeinschaft
  3. Hitlerjugend
  4. Frauen
  5. Antisemitismus
  6. Eugenik – Euthanasie – Rassismus
  7. Terror und Widerstand
  8. Freunde und Feinde [Sicht auf die anderen Länder]
  9. Front und Heimatfront [Kriegsjahre]

Darüberhinaus ist das Buch natürlich doch auch ein Geschichtsbuch: Man bekommt noch einmal eine nachdrückliche Nachhilfestunde darin, wie geschickt die Nationalsozialisten darin waren, weiten Bevölkerungskreisen genau das zu geben und zu sagen, was diese haben und hören wollten. Und wie unproblematisch sie an bereits bestehende Ressentiments gegenüber Juden und Kommunisten anknüpfen konnten, im streng katholischen Paderborn damit zum Teil weit offene Türen einrannten.

Gebet für den Führer

Herrgott, steh dem Führer bei, daß sein Werk das Deine sei.

Daß Dein Werk das Seine sei, Herrgott, steh dem Führer bei!

Herrgott, steh uns allen bei.

(Hermann Claudius)

E. lernte das ‚Gebet für den Führer‘ als 15-Jährige auf einem Singeleiterlehrgang der Obergauführerinnenschule und auch, dass der Text von Hermann Claudius, dem Urenkel des ‚Wandsbeker Boten‘, stammte. Matthias Claudius galt mit seinem ‚Der Mond ist aufgegangen‘ als ein Vetreter der deutschen Innerlichkeit und des deutschen Gemüts. Dass sein Urenkel sich nun ‚zum Führer bekannte‘, erschien der Heranwachsenden ein weiterer Beweis dafür, dass die deutsche Kultur bei der NS-Regierung in besten Händen war. (S. 217)

Aber auch das ist die Wahrheit: Schon die Achtjährige litt schmerzlich darunter, dass der Führer so durchschnittlich, ja eigentlich dämlich aussah. […] Natürlich vertraute sie niemandem an, dass der Führer eigentlich dämlich aussah. Nicht aus Angst! Sie schämte sich dieses Eindrucks. Liebe und Verehrung durften sich doch nicht an Äußerlichkeiten stören! Es kam schließlich auf den Wert des Menschen an. (S. 218/219)

Das Buch hätte – Umfang hin oder her – einen ausführlichen Anmerkungsapparat verdient; beim Recherchieren, wozu einen dieser Wälzer immer wieder verleitet, bin ich auf einige Ungenauigkeiten gestoßen. So wird beispielsweise versäumt anzumerken, dass der Vers in dem ohnehin ziemlich kriegslüsternen Gedicht „Heilig Vaterland“ (1914) von Alexander Rudolf Schröder ursprünglich lautete: ‚Der Kaiser hat gerufen.‘ Die Umdichtung zu ‚Der Führer hat gerufen‘ stammt nicht von Schröder, sondern von Heinrich Spitta (1936).

Auch nennt die Autorin einen in Paderborn aufgewachsenen Kriegsverbrecher Anton Kleer, der eigenhändig „circa 20.000 Menschen mit einer Phenolspritze“ getötet habe. Doch Hinweise auf einen Anton Kleer habe ich bis jetzt nicht gefunden, aber auf einen Josef Klehr.

Aber dieses Manko fällt angesichts der unglaublichen Materialfülle an zeitgenössischen Zitaten, Zeitungsausschnitten und Schilderungen des ganz „normalen“ Alltags nicht wirklich ins Gewicht. Dazu kommen Liedtexte, Hitler-Gedichte, Bekanntmachungen, Familienereignisse, Anekdoten, Kinofilme, Reflexionen und Analysen (denen man nicht immer zustimmen muss) sowie eine schier unfassliche und überaus anschauliche Erinnerungsarbeit der Autorin. Auffällig auch, dass, wenn man vergnügt und überzeugt wie ein Fisch im Wasser im großen Strom mitschwimmen konnte, man alles Unliebsame – war war mit den Kindern des jüdischen Waisenhauses eigentlich passiert? – einfach ausblenden konnte, ja es überhaupt nicht einmal wahrnahm.

Ausnutzung des jugendlichen Idealismus, spürbare materielle Verbesserungen durch Abnahme der Arbeitslosigkeit, Führergläubigkeit, Opferbegeisterung, schöne Reisen, Fahrten, Gesang und organisierte Freitzeitbeschäftigungen und das künstlich erzeugte Bewusstsein, einer auserwählten Gruppe, einem auserwählten Land anzugehören sowie fehlende Gegeninformationen gingen eine nicht mehr aufzulösende Verbindung ein, bis zum bitteren Ende. Dazu kam die Tatsache, dass eben auch alle relevanten Autoritäten im Hause Peters, die Eltern, die Schulbücher, Lehrer, die Priester, Bischöfe und Schriftsteller dem System seinen Segen gaben.

Das Buch hat mir wesentliche Aspekte dieser Zeit erklärt, nachvollziehbar gemacht, dabei nichts entschuldigt, nichts oder nur wenig beschönigt, auch wenn man an der ein oder anderen Stelle gern mit der Autorin in ein Gespräch eintreten würde. Letztlich ist hier eine Gratwanderung gelungen, die nur durch die radikale Selbstbefragung und Ehrlichkeit der Autorin möglich geworden ist. Diese hat sich im Grunde selbst „entnazifiziert“.

Es hilft wenig…

Es hilft nichts …

Es ist geschehen, im Namen des deutschen Volkes.

Es ist geschehen, im Auftrag des Mannes, den E. verehrt und geliebt hat.

Es ist geschehen, im Namen einer Weltanschauung,

mit der sie sich alle Jahre ihrer Kindheit und Jugend im Einklang fühlte.

Es ist geschehen in ihrem Namen. (S. 279)

Hätte ich dieses Buch vor 30 oder 35 Jahren gelesen, dann wären die Gespräche mit meiner Großmutter, in denen ich sie nach ihrem Erleben der Nazi-Diktatur befragte, vermutlich fruchtbringender gewesen. Dafür ist es jetzt leider zu spät. Doch das Buch Sternheim-Peters bringt in gewisser Weise auch meine Großmutter noch einmal zum Reden. Ich beginne zu ahnen, was sich hinter ihren trotzigen Abwehrreaktionen, ihrem Schweigen, ihrem Sich-Zurückziehen, dem irgendetwas von Autobahnen-Bauen-Stammeln verborgen haben mag. Und ich verstehe, dass ich mit meiner Überheblichkeit und Rechthaberei, die ja oft auch nur dem Nichtbegreifen, der Fassungslosigkeit angesichts des Grauen geschuldet waren, genau jenes Gespräch verunmöglicht habe …

Hier noch ein Artikel, der zeigt, wie sehr dieses Buch von der Öffentlichkeit vernachlässigt und ignoriert wurde. Ich halte es für genauso wichtig wie die Tagebücher Victor Klemperers.

Dieser Artikel beschreibt, dass der Erfolg der Neuauflage zumindest noch zu Lebzeiten der Autorin stattfindet, auch wenn diese sich den Erfolg 30 Jahre früher gewünscht hätte, denn dann hätte sie noch eine große Lesereise unternehmen können.

Schließen möchte ich mit einem Zitat von Thomas Mann, welches Habe ich denn allein gejubelt? vorangestellt ist:

Man soll nicht vergessen und sich nicht ausreden lassen, dass der Nationalsozialismus eine enthusiastische, funkensprühende Revolution, eine deutsche Volksbewegung mit einer ungeheuren Investierung von Glauben und Begeisterung war.

Tagebucheintrag von Thomas Mann, 17. Juli 1944 (aus: Thomas Mann, Tagebücher 1944-1966, S. Fischer, 2003)

 

 

 

 

 

 

 

 

Dieter Wellershoff: Der Ernstfall (1995)

Ursprünglich nur zur Hand genommen, um zu überprüfen, ob das Buch, das jahrelang im Regal der ungelesenen Bücher geschlummert hat, nun das Haus in Richtung öffentlicher Bücherschrank verlassen sollte, habe ich mich doch festgelesen in den autobiografischen Kriegserinnerungen von Dieter Wellershoff, die 1995 unter dem Titel Der Ernstfall: Innenansichten des Krieges veröffentlicht wurden.

Warum wieder zurückblicken nach fast einem halben Jahrhundert? Was suchte ich? Was erwartete ich zu finden, als ich mich Ende März 1994 auf den Weg nach Bad Reichenhall machte, wo ich den Kriegswinter 1944/45 im Lazarett verbracht hatte? Meine chronisch erkrankten Nasennebenhöhlen zu kurieren, war das praktische Ziel meiner Reise. Doch zugleich und vielleicht sogar vor allem war es für mich eine Reise in die Vergangenheit. (S. 11)

Obwohl zum Zeitpunkt des Schreibens die Zeit des Nationalsozialismus und des Krieges schon Jahrzehnte zurückliegt, gelingt es Wellershoff über weite Strecken die Leser mitzunehmen in seine Erinnerungen und Reflexionen. Formuliert in seiner präzisen, manchmal ein wenig spröden Sprache.

Vieles, was heute schwer verständlich ist und deshalb oft rasche, schematische Urteile herausfordert, bedarf genauerer Beschreibung. Zum Beispiel die Tatsache, daß ich, wie die meisten meiner Klassenkameraden, mit siebzehn Jahren als Freiwilliger in den Krieg zog, obwohl, trotz der Schönfärberei der Wehrmachtsberichte, sich seit Stalingrad immer deutlicher abzeichnete, daß der Krieg nicht mehr zu gewinnen war. Kriegsbegeisterung, wie ich sie noch in den ersten Kriegsjahren als Schüler empfunden hatte, war das nicht. Auch keine fanatische Opferbereitschaft, sondern eher eine noch fortbestehende patriotische Konvention, gegen die man, da das zu gefährlich war, auch im Gespräch unter Freunden keine Argumente entwickelt hatte. Man tat es, weil es üblich war, konnte aber die heimlichen Befürchtungen und fatalistischen Perspektiven vor sich selbst nicht mehr dauerhaft verdecken. Ich zog in diesen Krieg mangels einer Alternative und ohne Illusionen, aber mit einem vagen Pflichtgefühl, das im Grunde eine Solidarität gegenüber all jenen war, die es auch getan hatten, und gegenüber den vielen, die gefallen waren. Dieses Zugehörigkeitsgefühl war brüchig. Aber es war noch nicht ganz aufgelöst. Beigemischt war dieser Haltung auch ein jugendliches Bedürfnis nach Bewährung und ein wachsender Überdruß an der Schule, die uns vor dem Hintergrund des Krieges als ein unauthentischer Ort erschien, an dem man nicht erwachsen werden konnte. (S. 22)

So lesen wir nicht nur von Erschießungskommandos in Tegel, für die sich die Soldaten freiwillig meldeten, und dem grauenvollen Alltag und Verrecken der Soldaten an der russischen Front, sondern erfahren auch, wie Wellershoff im Nachhinein das Informationsvakuum einschätzt, in dem sich die deutschen Soldaten befanden.

Als Görings Vorschlag, den militärischen Gruß durch den Hitlergruß zu ersetzen, von Hitler gebilligt und verbindlich angeordnet wurde, fanden das viele Berufsoffiziere ganz schrecklich (als ob es darauf noch angekommen wäre) und der Oberleutnant

machte diesen Gruß in einer Weise vor, als wolle er damit die Bedeutung ausdrücken, die dem Nazigruß im Volksmund untergeschoben wurde: ‚So hoch liegt der Schutt in Berlin.‘

Besonders interessant fand ich die Ausschnitte aus zeitgenössischen Quellen, aus denen Wellershoff zitiert.

Als Walter Schellenberg, damals Chef des deutschen Geheimdienstes, Göring 1942 ein Dossier über die Produktionskapazität der amerikanischen Stahlerzeugung und der amerikanischen Rüstungsindustrie […] vorlegte, gab ihm Göring das Papier mit der Bemerkung zurück: ‚Alles, was Sie da geschrieben haben, ist Quatsch. Sie lassen sich am besten auf Ihren Geisteszustand untersuchen.‘ […] Der gleiche Vorgang wiederholte sich Anfang April 1945, als General Gehlen […] einen Bericht über die sowjetische Rüstungsindustrie vorlegte. Hitler nannte die ermittelten Produktionszahlen ‚übertrieben, defaitistisch, ja idiotisch‘ und ließ Gehlen ablösen. (S. 149)

Hübsch fand ich auch die Anmerkung, dass

ein von Himmler beautragter Astrologe für das Jahr 1945 eine deutliche Besserung der militärischen Lage Deutschlands vorausgesagt [hatte]… (S. 151)

Gegen Ende des Buches macht Wellershoff sich Gedanken darüber, wie man, wenn überhaupt, aus der Geschichte lernen kann. Selbstgerechte Schuldzuweisungen von moralisch einwandfreier Warte, bei denen man von vornherein unreflektiert davon ausgeht, dass man selbst nie auf Hitler oder irgendwelche anderen mörderischen Ideologien hereingefallen wäre oder hereinfallen würde, gehen laut Wellershoff am Kern der Sache vorbei und sind ihm eher ein Zeichen unbewusster Abwehr.

Nicht jeder ist sicher genug, um sich ungeschützt den Schwindelgefühlen abgründiger Erkenntnisse über die Wirrnisse und Schrecken des Menschenmöglichen auszusetzen.

Heute denke ich, daß es notwendig ist, immer wieder zum Individuellen vorzudringen. Man muß nach den lebensgeschichtlichen Voraussetzungen und Bedingungen des Verhaltens fragen. ‚Wovon bist du ausgegangen? Was hast du gewußt und was hast du gedacht? Was hast du getan und was für Folgen hat es gehabt? (S. 272)

Den Krieg hat Wellershoff als für sein ganzes späteres Leben als prägend erfahren, u. a. dahingehend, dass ihm kollektive Identitäten von nun an suspekt waren, da sie sich doch immer wieder als mörderische Wahngebilde entpuppen. Die daraus resultierende „weltanschauliche Obdachlosigkeit“ habe er als Glück, als „geschenkte Freiheit“ erlebt.

Außerdem verdanke er dem Krieg

die Einsicht in die Zufälligkeit meiner Existenz. (S. 289)

Darüber hinaus blieb eine gewisse Skepsis, was die menschliche Natur angeht:

Ich will daraus nicht ableiten, daß man mit Menschen alles machen kann. Aber ihr Sinn- und Glaubensbedürfnis, ihr Wunsch nach Anerkennung und Zusammengehörigkeit und vor allem ihr Angewiesensein auf den Schutz der Gesellschaft macht sie zu einem extrem formbaren Material. Nicht nur die vergangenen Kriege, auch die terroristischen Fanatismen unserer Tage beweisen es. (S. 280)

Und drittens blieb für Wellershoff, der 2018 in Köln verstarb, eine

unaufhebbare Fassungslosigkeit über das sechs Jahre dauernde Massenschlachten und seinen finstersten und innersten Bereich: die Todesfabriken der deutschen Konzentrationslager.

Der Autor, für den Literatur immer ein Simulationsraum war, in dem die Leser Erfahrungen machen können, ohne sich dabei selbst in Gefahr zu begeben, wurde zwar 1925 geboren und damit 21 Jahre nach meinem Großvater, dennoch habe ich die Erinnerungen Wellershoffs auch ein bisschen als Ersatz für die nicht stattgefundenen Gespräche in meiner Familie gelesen.

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Bartholomäus Grill: Wir Herrenmenschen (2019)

Bei seinem neuesten Buch Wir Herrenmenschen: Unser rassistisches Erbe: Eine Reise in die deutsche Kolonialgeschichte ist sich Bartholomäus Grill (*1954) durchaus des möglichen Einwands bewusst,

dass sich schon wieder ein weißer Mann anmaßt, über die koloniale Erfahrung zu schreiben. Natürlich bin auch ich durch europäische Weltbilder geprägt, und ich stelle immer wieder fest, dass ich selbst nach drei Jahrzehnten in Afrika das rassistische Erbe nicht einfach abschütteln kann. Ich habe versucht, die Blickrichtung zu ändern, um Klischees und Zerrbilder zu überwinden. Das ist mir vermutlich nicht immer gelungen. Und die Toten konnte ich auch nicht mehr zum Sprechen bringen. (S. 13)

Ausgehend vom Aufstieg rechtspopulistischer Bewegungen in Europa und der Tatsache, dass rassistisches Vokabular wieder in den allgemeinen Sprachgebrauch zurückkehre, obwohl „eine reiche Nation mit über 80 Millionen Einwohnern diese Herausforderung [die Aufnahme der Flüchtlinge im Jahr 2015] bewältigen können“ müsste, macht sich Grill auf die Suche nach unserer kolonialen Vergangenheit. Die dauerte zwar vergleichsweise kurz und endete bereits mit dem ersten Weltkrieg, doch die mentalen und wirtschaftlichen Folgen dauerten bis heute an.

Die Vorläufer des deutschen Kolonialismus gehen zurück bis auf Friedrich Wilhelm und im Jahr 1681 schaffte es ein brandenburgischer Kapitän erstmals „ein paar Häuptlingen an der Goldküste, dem heutigen Ghana, ein Abkommen aufzunötigen, in dem diese die kurfürstliche Oberhoheit über ihr Gebiet anerkannten.“ (S. 21)

Anschließend widmet sich Grill jeweils den ehemaligen Kolonialgebieten „Deutsch-Westafrika“, Togo, Kamerun, „Deutsch-Südwestafrika“, Kiautschou (in China) und den deutschen Südsee-Kolonien.

Und vor allem stellt er uns das Personal vor, das für die Kolonisierung notwendig war: Sadistische Kommandeure, Forscher, Heuchler, Betrüger und Schwindler, Rassisten, Missionare (in ihrer zweischneidigen Rolle als Vorhut der Kolonialisierung und westlicher Bildung), brutale oder aufgeklärte Aufseher, Erbauer von Stadtvillen und Händler, skrupellose Ausbeuter, Ingenieure und Wirtschaftsunternehmer.

Daneben gibt es ein Kapitel, das sich mit der Frage nach kolonialer Raubkunst beschäftigt, die heute in den deutschen Völkerkundemuseen gezeigt wird.

Auch die Rolle der Askari, der schwarzen Hilfssoldaten, die ihre deutschen Unterdrücker gegen das britische Empire verteidigen durften, wird näher beleuchtet.

Genau so interessant und erschreckend sind die Interviews, die der Autor mit deutschen Nachfahren in Namibia geführt hat und die darüber schwadronieren, dass die dummen Schwarzen ihr schönes Land zugrunderichten.

Außerdem stellt er das umstrittene Projekt des Tansania-Parks in Hamburg vor, dessen Ziel, die kommentarlose Zurschaustellung von Skulpturen aus der Kolonialgeschichte auf dem Gelände der ehemaligen Lettow-Vorbeck-Kaserne, zu massiven Protesten geführt hat und der bis heute der Öffentlichkeit nicht zugänglich ist.

Spannend auch seine Rechercheergegnisse bezüglich des Völkermordes an den Herero und Nama im heutigen Namibia, für die der Autor angefeindet worden ist. Genausowenig entzückt war er über den Beifall der ewig Gestrigen.

Grill liefert eine interessante, gut lesbare und gleichzeitig bedrückende Nachhilfestunde, denn es ist doch traurig, wie wenig wir oder ich über diese Epoche deutscher Geschichte wissen.  Und überhaupt, schon die afrikanische Landkarte (die von den ehemaligen Kolonialherren mit dem Lineal gezogenen Grenzen, die Völker auseinanderriß und verfeindete Volksgruppen in ein Staatsgebiet zwang) macht mir Mühe.

Abgerundet wird das Ganze mit Literaturempfehlungen, Reiseerinnerungen, Eindrücken und Interviews.

Was mir allerdings zu kurz bzw. oberflächlich abgehandelt wurde, war die Frage, inwieweit die heutige ungerechte globalisierte Weltordnung auf die Kolonialzeit zurückgeht. Da hätte ich mir mehr konkrete Beispiele gewünscht sowie mehr Informationen, wie genau sich die einzelnen Länder nach ihrer Unabhängigkeit entwickelt haben.

Sonja Ernst zieht für den Deutschlandfunk folgendes Fazit zu dem Buch:

Bartholomäus Grill berichtet anschaulich von diesen vielen persönlichen Begegnungen und von vielen Orten. Und das ist die Stärke des Buches. Denn vielen Lesern werden Ereignisse und Personen der Kolonialgeschichte nicht ganz neu sein. Aber Bartholomäus Grill liefert eine gute Mischung aus Analyse und Reportage. Er schreibt mitreißend und anschaulich und transportiert immer wieder die Folgen der Kolonialzeit bis ins Jetzt.

Hier zwei Interviews mit Grill:

Und zur Ergänzung kann man – erschreckend aktuell – die Thesen des Oxforder Professors Danny Dorling heranziehen: Dieser ist der Meinung, dass

a British elite drunk on nationalism is responsible for the Brexit disaster. Raised in the traditions of the British Empire, they continue to glorify the crimes committed during colonialism. (Spiegel online)

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Fred Uhlman: The Making of an Englishman (1960)

Ich weiß sehr wenig über die Herkunft meiner Familie, die aus Freudental, einem kleinen Dorf in der Nähe von Stuttgart, stammte. Vor dem 18. Jahrhundert hatten die deutschen Juden, soweit ich weiß, keine Nachnamen. Es gab nur ungefähr fünfhundert Juden in ganz Württemberg, und sie hatten alle kein Wohnrecht in den größeren Städten.

So, zunächst ein bisschen trocken, beginnt das Buch, das auf Deutsch in folgenden Ausgaben erschienen ist:

  • Erinnerungen eines Stuttgarter Juden (1992)
  • The Making of an Englishman: Erinnerungen eines deutschen Juden, Diogenes Verlag (1998)

Manche Bücher sind eine unerwartete Entdeckung und diese Autobiografie eines jüdischen Rechtsanwalts gehört dazu. Er musste 1933 Hals über Kopf Stuttgart verlassen, da er als engagiertes SPD-Mitglied in Schutzhaft genommen werden sollte, aber gerade noch rechtzeitig von einem NSDAP-Mitglied gewarnt worden war. Über Frankreich gelangte er schließlich nach Großbritannien. Den Rest seines Lebens verbrachte er als Maler und Schriftsteller in Paris, Spanien und England. 1985 starb er in London.

Warum das lesenswerte Buch erst 1992 ins Deutsche übersetzt wurde, ist mir ein Rätsel.

Am meisten hat mich vielleicht überrascht, dass das Buch ab und zu auch unglaublich komisch ist. Das entlarvt meine falsche Brille: als ob alle Juden in den zwanziger Jahren des letzten Jahrhunderts mit Trauermine still und schattenhaft einer ihnen bereits bekannten Katastrophe entgegengingen.  Zum vollen Menschsein gehört natürlich der Humor. Und verfolgt und umgebracht wurden später keine Schatten, sondern Menschen.

Die Schilderungen burschenschaftlicher Trinkgelage, die er während seiner Studententage in den zwanziger Jahren mehr halbherzig denn aus Überzeugung mitmacht, lassen mich möglicherweise das Verhalten mancher meiner Schüler etwas entspannter sehen.

Vier Liter an einem Abend waren eher die Regel als die Ausnahme […] Lange nach Mitternacht gingen wir heim. Die weniger Betrunkenen halfen den ganz Betrunkenen. Auf dem Nachhauseweg flogen Fenster auf, und die Einwohner, die aus dem Schlaf gerissen wurden, schrien Beleidigungen. Oft gab es Streit. Ich erinnere mich an K., der auf einem Briefkasten lag und seine volle Blase in ihn entleerte und an Z., der so betrunken war, daß wir ihn, als wir ihn endlich nach Hause gebracht hatten, entkleiden und an sein Bett fesseln mußten, da er drohte, die Möbel kurz und klein zu schlagen. Ein anderer, der glaubte, er sei bereits im Bett, wurde von der Polizei schlafend und splitternackt unter einer Straßenlaterne gefunden, die Kleider waren sauber auf einem Haufen neben ihm zusammengelegt. (S. 81-82)

Und von wegen, dass ausschließlich mittelalterliche Unterschichtjungs ausrasten, weil man angeblich ihre Mutter oder Schwester beleidigt habe. Uhlman erklärt z. B. das studentische Duell:

Das Duell war eine ernstere Angelegenheit. Es gab verschiedene Abstufungen, die von der Schwere der Beleidigung abhingen. Wenn man zum Beispiel einen Corpsstudenten einen ‚alten Esel‘ nannte, reichte ein Duell auf leichten Säbeln; aber wenn man seinen Vater einen Schwarzhändler nannte, seine Mutter eine Hure oder an der Tugendhaftigkeit seiner Schwester zweifelte, dann konnte die Ehre nur durch ein Duell auf schweren Säbeln wiederhergestellt werden. (S. 81)

Wer Näheres zu Uhlmanns Leben und dem seiner jüdischen Angehörigen wissen möchte, dem empfehle ich den Artikel aus der Stuttgarter Zeitung von Susanne Stephan aus dem Jahre 2013.

Michael Roes: Zeithain (2017)

Ich heiße Philip Stanhope, wie mein Großvater, der letzte Graf von Chesterfield, mein Ururgroßvater, Admiral der Royal Navy, und mein Ururururgroßvater, jener junge missratene Philip Stanhope, unehelicher Sohn des gleichnamigen Vaters, Vierter Graf von Chesterfield, der seine berühmten, doch letztendlich vergeblichen „Briefe an seinen Sohn über die anstrengende Kunst, ein Gentleman zu werden“ an ebendiesen Philip Stanhope adressiert hat. Nicht nur die Namensgleichheit, auch die unehelichen Verhältnisse durchziehen meine Genealogie wie ein misstönendes Leitmotiv.

So beginnt Michael Roes‚ Annäherung an die historische Person Hans Hermann von Katte (1704-1730).

Dabei versetzt sich Roes traumwandlerisch intensiv und vermutlich exzellent recherchiert in seine Hauptperson Katte, schildert seine eher freudlose Jugend als Sohn eines adligen Soldaten, der alle weicheren Regungen verabscheut und sie auch seinem Sohn verbietet. Der Sohn wird auf dem heimischen Gut in Wust nach den gleichen Prinzipien wie die Hunde des Gutsherrn erzogen: Der geringste Ungehorsam wird mit brutalen Prügelorgien geahndet. Wann immer möglich hält er sich bei den Dienstboten oder bei seinen bäuerlichen Spielkameraden auf. Nur beim Großvater in Berlin findet er Förderung und Zuneigung.

Frühe Kindheitserinnerungen haben etwas Mythisches. Da der Erinnernde nicht mit Gewißheit sagen kann, was sich wahrhaftig ereignet und was die Phantasie hinzugedichtet, das Hörensagen ergänzt und die Zeit verschönert oder verfälscht hat, muß man wohl das Erzählte als das einzig Wahrhaftige hinnehmen. (S. 89)

1717 bis 1721 besucht der junge Adlige das Pädagogium des Pietisten August Hermann Franke in Halle. Dort findet er schließlich Freunde, ist aber unglaublich angeödet vom begrenzten Horizont seiner Lehrer. Anschließend studiert er in Königsberg und Utrecht und unternimmt eine ausgedehnte Kavaliersreise, die ihn u. a. bis nach Paris führt.

1724 tritt er auf Geheiß des Vaters in das Kürassierregiment Gens d’armes von Friedrich Wilhelm I, dem Soldatenkönig, ein. Das Unglück nimmt seinen Anfang, als die Beziehung Kattes zu Friedrich Wilhelms Sohn, dem Kronprinzen Friedrich, der acht Jahre jünger ist als Katte, immer intensiver wird.

Der Kronprinz wird ständig von seinem Vater schikaniert, überwacht, gedemütigt, verprügelt und abgrundtief verachtet, hegt der Sohn doch so unsoldatische und „weibische“ Interessen wie die Musik. Schließlich hält es der Prinz nicht mehr aus und will von Zeithain ins Ausland fliehen, dabei bittet er seinen einzigen Freund Katte um Hilfe.

Dieser rät von der Flucht ab, doch letztendlich will er seinen Freund nicht im Stich lassen. Der Kronprinz wird gefasst und man kann Katte nachweisen, dass er von den Fluchtplänen wusste. Dafür und dafür dass man ihn verdächtigt, homosexuelle Beziehungen zum Kronprinzen unterhalten zu haben, wird er vors Kriegsgericht gestellt.

Der König zwingt seinen Sohn, zuzuschauen, wie Katte seinen letzten Weg zum Schafott antritt.

Diese trockene Auflistung der Fakten (schon der Klappentext verrät auch dem geschichtsunkundigen Leser, wie es ausgeht) kann diesem Trumm von einem Buch mit seinen ca. 800 Seiten) natürlich nicht gerechtwerden.

Mir bleibt viel Zeit zum Lesen und Musizieren und, ich werde es nur Ihnen, liebe Tante, unter dem Siegel größter Verschwiegenheit gestehen, zum Dichten. Ich höre Ihren Entsetzensschrei, und Sie haben ja vollkommen recht, nichts sollte einem das Dichten so verleiden wie die Flut vorgeblicher Werke, die Europa überschwemmt. Der Mißbrauch, den man mit der geistvollen Erfindung der Buchdruckerkunst treibt, verleiht vor allem unseren Dummheiten ewiges Leben. (S. 111)

Roes gelingt es, über weite Strecken so intensiv und emphatisch zu erzählen, dass man geneigt ist dem Ich-Erzähler Katte alles zu glauben, selbst wenn in der Forschung die These von der Homosexualität des Kronprinzen umstritten ist, selbst wenn es Episoden gibt, die ich zumindest auf die Schnelle nicht durch Internetrecherche belegen konnte, wie z. B. die medizinischen Versuche an den Internatszöglingen.

Nein, in Wahrheit  erfreue ich mich meiner Einsamkeit nicht, im Gegenteile legt sie sich wie ein schwarzer, giftiger Schatten über meine Seele. Eigentlich bin ich kein übellauniger Mensch. Aber die Erfahrung lehrt, daß gerade diejenigen, welche sehr lebhafte Leidenschaften und eine empfindsame Natur haben, deren Einbildungskraft leicht gereizt und deren Gefühle schnell erschüttert sind, am raschesten und heftigsten der üblen Schwermut ausgesetzt sind.

Da ihre Phantasie oft ohne ihren Willen selbst die größte Kleinigkeit so schnell zu einer Riesengröße zu erheben weiß, so ist es begreiflich, warum empfindsame Menschen, wie ich einer bin, selbst bei einem guten und richtigen Verstande sich oft am wenigsten in der Gewalt haben, sobald sie von ihrem Gemüte, sei es heiterer und trauriger Natur, überfallen werden. (S. 317)

Besonders die Kindheit und die Jahre im Internat brennen sich dem Leser ein. Da kann es bei den Prügelstrafen schon einmal zu gebrochenen Knochen kommen.

Ausreißer und Arbeitsverweigerer werden besonders hart bestraft. Schläge, kahlgeschorene Köpfe, Essensentzug, Karzer. Die Inspectoren nennen diese Zellen „Besinnungsräume“: Ein enges, dunkles und im Winter eisiges Verlies mit einem Sitzbrett und einem stinkenden Kübel für die Notdurft. (S. 176)

Danach wird man „Preußentum“ und „preußische Tugenden“, immer hübsch mit einem aus der Religion hergeleiteten Absolutheitsanspruch verbrämt, noch einmal mit ganz anderen Assoziationen verbinden. Und man wird sich natürlich auch fragen, wie derlei Werte und Verhaltensnormen (blinder Gehorsam, Prügelstrafe, Härte, Unterdrückung der Sexualität und jeglichen kritischen Denkens) in der deutschen Geschichte weitergewirkt haben.

Es sind oft die scheinbar beiläufigen Beobachtungen, die den Roman so reich machen, wie sie beispielsweise während Kattes Internatszeit zum Tragen kommen:

Der Schulordnung gemäß dürften wir nicht einmal über unseren Unterricht sprechen, denn wir Schüler könnten ja „raisonieren wie die Heiden“. Außerdem werden wir angehalten, den Lehrern regelmäßig übereinander Auskunft zu geben, was nicht gerade der ungezwungenen Rede förderlich ist. (S. 172)

Oder die Regel, dass die Jungen im Schlafsaal selbst im Winter und bei Minustemperaturen mit den Händen auf der Decke schlafen mussten, damit der wachhabende Lehrer sofort sehen konnte, ob sich da etwa jemand selbst befriedigen wollte. Da gehen die Verbindungslinien direkt bis zu dem Prozess um den Hauslehrer, der 1903 seinen Schützling totgeschlagen hat.

Auch die Sprache passt sich dem meist wunderbar an. Trotz einiger überbordender Metaphern und einiger Stellen, an denen man den Eindruck hatte, dass einem Geschichtsbuchwissen referiert wurde.

Graf Brühl […] besitzt zweihundert Paar Schuhe, achthundert gestickte Schlafröcke, fünfhundert Anzüge, hundertzwei Uhren, achthundertdreiundvierzig Tabatieren, siebenundachtzig Ringe, siebenundsechzig Riechfläschchen, neunundzwanzig Kutschen und tausendfünfhundertsiebenundsechzig Perücken. Zu jedem Anzuge gehört eine besondere Uhr, eine spezielle Tabakdose und ein ausgewählter Degen. Wieso die Welt über dergleichen Bagatellen so gut Bescheid weiß?  Alle Gewänder sind in einem Buche aufgemalt, das ihm täglich zur Auswahl vorgelegt wird. Darüber hinaus besitzt er mehr Mätressen als Verstand. (S. 666)

Als ausgesprochen langatmig habe ich allerdings die Beschreibung der Kavaliersreise empfunden, da wurden die Stationen brav aberzählt, aber mir war’s herzlich gleichgültig, wo Katte sich gerade aufhielt.

Gänzlich überflüssig fand ich die Rahmenhandlung, in der sich der junge Philip Stanhope, selbstverständlich ebenfalls mit problematischer Vaterbeziehung, nach dem Fund einiger alter Familienbriefe auf die Reise macht, um herauszufinden, ob an den historischen Orten, an denen Katte gelebt hat, noch Spuren der Geschichte zu finden sind.

Andreas Kilb schreibt in der FAZ:

Aber Roes beschränkt sich nicht darauf, Stanhope auf Kattes Spuren zu schicken, er halst ihm zusätzliche allegorische Aufgaben auf. Stanhope ist Epileptiker und ebenfalls homosexuell. Das Laken, das er in seinem Hotel über Nacht vollgeblutet hat, dreht er den ahnungslosen Berlinern als Kunstwerk an. Im Tiergarten fallen ihm ein neugeborener Kojote und ein Engel-Embryo vor die Füße, die er mütterlich aufzieht. In einem Krankenhaus trifft er einen Arzt, mit dem sein Vater einst als britischer Besatzungssoldat sein Coming-out erlebte. Und zuletzt wächst Stanhope auch noch eine zweite Zunge. Offenbar hat Roes in dieser Figur alle Einfälle begraben, die ihm beim Nachdenken über Katte und Friedrich gekommen sind. Er hätte es besser gelassen.

Derlei surreale Einsprengsel haben nichts daran geändert, dass Philip für die Geschichte im höchsten Maße entbehrlich blieb, doch leider tritt er immer wieder auf, bis sich seine Spuren dann im Nichts verlieren.

Die Reflexionen, die Roes seinem Erzähler Stanhope in den Mund legt, hätten mich vermutlich mehr interessiert, wenn sich der Autor selbst als Spurensucher zu erkennen gegeben hätte.

Gibt es das, einen Entdeckungsreisenden, der nicht mit den Fremden ins Gespräch kommen will, sondern es vorzieht, über seinen Gegenstand zu meditieren, statt zu kommunizieren, ein mystischer Völkerkundler sozusagen, ein reisender Trappist, ein Eremit im ethnologischen Feld?

Vielleicht ist diese Haltung nicht ganz so widersinnnig, wie sie auf den ersten Blick scheint. Denn es dürfte kaum einen vernünftigen Menschen geben, der die fortschreitende Erosion der Verbindung zwischen den Zeichen und den Dinge noch in Zweifel zöge. Tatsächlich meditiere ich über die Dinge, weil ich immer weniger weiß, was ich von ihnen halten soll und mir die naheliegenden Wörter für sie immer fragwürdiger erscheinen. Während ich sie betrachte, verändern sie sich, so wie meine Betrachtung sie verändert. Noch weiß ich nicht, wie das alles enden, wie das alles für mich enden wird. (S. 121/122)

Zarte Gemüter sollten sich durch die ersten Seiten, auf denen gefühlte 500 Namen mitsamt ihrer Abstammung vor dem Leser ausgebreitet werden, nicht abschrecken lassen. Sie tun nichts zur Sache bei diesem fulminanten, melancholischen Ausflug ins Preußentum.

Wie spricht man aufrichtig von sich selbst? Ein hoffnungsloses Ringen, zwischen Strenge und Eitelkeit eine Brücke zu schlagen. Entweder endet dieser Kampf im Wahnsinn oder im Verstummen. (S. 583)

Sechsundzwanzig Jahre habe ich gelebt, und schon ist alles darüber gesagt. Im Wochenbett ist bereits das Sterbebett aufgedeckt. Warum strampeln wir uns in der kurzen Zwischenzeit so heroisch ab, als könnten wir die Welt retten?

Niemand wird in dieser kurzen Zeit je das sein können, was er hätte sein sollen. Ganz gleich, wie lang sie dauert, am Ende wird es immer eine Zeit des Versagens gewesen sein. – Am besten ist es, man hält sich aus allem heraus. Während das Glück dich anlächelt, spannt es schon den Hahn. (S. 761)

Hier geht’s lang zu einem Interview mit dem Autor und eine weitere Besprechung findet man auf lustauflesen.de.

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Paulette Jiles: News of the World (2016)

Wichita Falls, Texas, Winter 1870

Captain Kidd laid out the Boston Morning Journal on the lectern and began to read from the article on the Fifteenth Amendment. He had been born in 1798 and the third war of his lifetime had ended five years ago and he hoped never to see another but now the news of the world aged him more than time itself. Still he stayed his rounds, even during the cold spring rains. He had  been at one time a printer but the war had taken his press and everything else, the economy of the Confederacy had fallen apart even before the surrender and so he now made his living in this drifting from one town to another in North Texas with his newspapers and journals in a waterproof portfolio and his coat collar turned up against the weather.

So lernen wir gleich mit den ersten Zeilen eine der zwei Hauptfiguren im neuesten Roman der bekannten kanadischen Autorin Paulette Jiles (*1943) kennen.

Captain Jefferson Kyle Kidd, rüstig, Anfang siebzig, verdient fünf Jahre nach Beendigung des Sezessionskrieges seinen Lebensunterhalt also damit, in kleinen Dörfern und abgelegenen Städtchen des nördlichen Texas den Menschen Nachrichten und Geschichten aus verschiedensten Zeitungen, die zum Teil sogar aus London kommen, vorzulesen.

Er hat bei seinen Lesungen auch den Wunsch, dass die Menschen wenigstens für einen Abend aus ihrem Alltag ausscheren und es genießen, aus der großen weiten Welt exotische, witzige oder wissenschaftliche Neuigkeiten auf sich wirken zu lassen.

He began to read to his audiences of far places and strange climates. Of the Esquimaux in their seal furs, the explorations of Sir John Franklin, shipwrecks on deserted isles, the long-limbed folk of the Australian Outback who were dark as mahagony and yet had blond hair and made strange music which the writer said was indescribable and which Captain Kidd longed to hear. (S. 201-202)

Das gelingt mal mehr, mal weniger gut. Schon der erste Satz des Romans zeigt, dass die Stimmung oft explosiv ist, denn im 15. Zusatzartikel zur Verfassung aus dem Frühjahr 1870, den Captain Kidd da vorliest, geht es um das Wahlrecht, das nun auch Farbigen und ehemaligen Sklaven nicht länger vorenthalten werden dürfe. Und so wollen manche die Lesungen in diesen unruhigen und unsicheren Zeiten nur als Anlass nehmen, den politischen Gegner an diesem Abend zu verprügeln.

Und geradezu bizarr wird es, wenn er einen Ort ganz auslassen muss, weil ihm gerade noch rechtzeitig zugetragen wird, dass die Brüder einer Familie, die nicht unbedingt zu den hellsten Kerzen auf der Torte gehören, ihm alles kurz und klein schlagen würden, wenn sie merken, dass sie selbst gar nicht in der Zeitung vorkommen.

Aus diesem etwas eintönigen und vielleicht auch einsamen Dahintreiben reißt ihn jedoch die Bitte seines Freundes, des Schwarzen Britt Johnson. Er hat es geschafft, ein weißes Mädchen, das vor vier Jahren von Kiowa-Indianern entführt worden war, aus dem Indianergebiet herauszuholen. Aber auch nur deshalb, weil die Indianer auf die Drohung reagiert haben, dass man ihnen die Kavallerie auf den Hals hetzen würde, wenn sie nicht endlich ihre weißen Gefangenen ausliefern.

Die Verwandten des Mädchens – die Familie selbst war damals bei dem Indianer-Überfall getötet worden – haben dafür bezahlt, dass jemand die kleine Johanna, inzwischen 10 Jahre alt, zu ihnen zurückbringt. Doch Britt würde nur Schererereien bekommen, würde er als Schwarzer ein weißes Mädchen bei sich haben, außerdem könnte er ohnehin nicht so lange sein Geschäft im Stich lassen, also bittet er Captain Kidd, das Mädchen zu ihren 400 Meilen entfernt lebenden Verwandten in der Nähe von San Antonio zu bringen.

She sat perfectly composed, wearing the feather and a necklace of glass beads as if they were costly adornments. Her eyes were blue and her skin that odd bright colour that occurs when fair skin has been burned and weathered by the sun. She had no more expression than an egg. (S. 4)

Captain Kidd, ein aufrechter Ehrenmann, lässt sich auf das Unterfangen ein, wobei ihm schnell klar wird, dass seine Schutzbefohlene nun zum zweiten Mal ihre Familie verloren hat. Johanna war nach ihrer Entführung von einem indianischen Paar adoptiert worden und hat in den vier Jahren nicht nur die englische Sprache verlernt, sondern auch die Denkweisen der Weißen. Besitz um des Besitzes willen ist lächerlich, Tiere sind zum Essen da und gehören, außer den Pferden, allen gemeinsam, man isst mit den Händen und zur Körperpflege geht man nackt in den Fluss.

The greatest pride of the Kiowa was to do without, to make use of anything at hand; they were almost vain of their ability to go without water, food, and shelter. Life was not safe and nothing could make it so, neither fashionable dresses nor bank accounts. The baseline of human life was courage. (S. 201)

Und so brauchen selbst die Huren in Wichita Falls, die nicht so zimperlich wie die anständigen Damen sind, zwei Stunden, um das Mädchen zu baden, die Läuse zu entfernen und es in neue Kleider zu zwingen.

Captain Kidd was a man old not only in years but in wars. He smiled at her at last and took out his pipe. More than ever knowing in his fragile bones that it was the duty of men who aspired to the condition of humanity to protect children and kill for them if necessary. It comes to a person most clearly when he has daughters. He had thought he was done raising daughters. As for protecting this feral child he was all for it in principle but wished he could find somebody else to do it. (S. 38)

Die Kommunikation ist also mehr als schwierig und die gegenseitige Annäherung erfolgt in kleinen Schritten und eher zwangsweise, weil man aufeinander angewiesen ist und sich sogar kaltblütiger Verbrecher erwehren muss.

Und immer mehr merkt Captain Kidd, dass es ihm schwer fallen wird, Johanna am Ende der Reise ihren Verwandten zu überlassen. Wie soll Johanna verstehen, wieso Captain Kidd, der jetzt ihre einzige Bezugsperson ist, sie im Stich lassen kann? Und werden Tante und Onkel begreifen, wie sehr die vier Jahre bei den Kiowa das Mädchen für immer verändert haben?

Captain Kidd weiß, dass viele der geraubten weißen Kinder, wenn man sie nach Jahren zurück in die weiße Gesellschaft holte, für immer heimatlos waren und einige von ihnen nur danach verlangten, zu ihren indianischen Familien zurückkehren zu dürfen. Sehr zum Unverständnis und Unwillen der Ursprungsfamilien, die immer ganz selbstverständlich von der Überlegenheit der weißen Zivilisation ausgingen und die nie begreifen konnten, weshalb Kinder, deren Eltern und Geschwister zum Teil auf fürchterlichste Art und Weise von den Indianern umgebracht worden waren, dennoch so enge Bindungen zu ihren Entführern aufbauen konnten, sodass der Weg zurück in die weiße Herkunftsfamilie kaum noch möglich war.

Die Geschichte ist mit Witz und Tempo, Wärme und Menschlichkeit geschrieben, auch wenn mir gegen Ende vielleicht ein Hauch zu viel Süßlichkeit aufgelegt wurde. Aber alles in allem ein sehr unterhaltsamer und zum Teil poetischer Abenteuerroman, der nicht nur die Orte, die Landschaft und das Wetter wunderbar miteinbezieht, sondern außerdem die Frage danach verhandelt, mit welchem Recht man eigentlich die eigene Kultur immer als die überlegene ansieht.

Maybe life is just carrying news. Surviving to carry the news. Maybe we have just one message, and it is delivered to us when we are born and we are never sure what it says; it may have nothing to do with us personally but it must be carried by hand through a life, all the way, and at the end handed over, sealed. (S. 121)

Dem Fazit von kann ich nur zustimmen:

So begins a remarkable journey, one that involves the elements of a Western – danger and adventure on the trail – with the finer points of a story crafted by an award-winning poet. It brims with pathos, humor and compassion translated into wonderful language and transcends into literary historic fiction with a soul.

Darüber hinaus weckt das Buch Interesse, dem Schicksal der geraubten Kinder noch weiter nachzugehen.

Da könnte man beispielsweise hier ansetzen:

  • Zu: Cynthia Ann Parker (deutschsprachige Wikipedia)
  • Zu: Hermann Lehmann (deutschsprachige Wikipedia)
  • Zu: Josephine Meeker (englischsprachige Wikipedia)
  • Blogbeitrag auf We’re all Relative: The Puzzling “White Indians” Who Loved Their Abductors.
  • Oliver Tree: How Cynthia Ann became The Found One: Extraordinary story of abducted Texan girl who became a devoted Comanche Indian… and gave birth to their last commander (2011)
  • Beitrag auf Indian Country Today : Native History: White Child Abducted by Delaware Embraced Native Life

Eine Besprechung des Buches, das 2016 auch auf der Shortlist des National Book Award stand, findet sich u. a. in The New York Times.

Und hier gibt es ein Interview mit der Autorin.

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