Bartholomäus Grill: Wir Herrenmenschen (2019)

Bei seinem neuesten Buch Wir Herrenmenschen: Unser rassistisches Erbe: Eine Reise in die deutsche Kolonialgeschichte ist sich Bartholomäus Grill (*1954) durchaus des möglichen Einwands bewusst,

dass sich schon wieder ein weißer Mann anmaßt, über die koloniale Erfahrung zu schreiben. Natürlich bin auch ich durch europäische Weltbilder geprägt, und ich stelle immer wieder fest, dass ich selbst nach drei Jahrzehnten in Afrika das rassistische Erbe nicht einfach abschütteln kann. Ich habe versucht, die Blickrichtung zu ändern, um Klischees und Zerrbilder zu überwinden. Das ist mir vermutlich nicht immer gelungen. Und die Toten konnte ich auch nicht mehr zum Sprechen bringen. (S. 13)

Ausgehend vom Aufstieg rechtspopulistischer Bewegungen in Europa und der Tatsache, dass rassistisches Vokabular wieder in den allgemeinen Sprachgebrauch zurückkehre, obwohl „eine reiche Nation mit über 80 Millionen Einwohnern diese Herausforderung [die Aufnahme der Flüchtlinge im Jahr 2015] bewältigen können“ müsste, macht sich Grill auf die Suche nach unserer kolonialen Vergangenheit. Die dauerte zwar vergleichsweise kurz und endete bereits mit dem ersten Weltkrieg, doch die mentalen und wirtschaftlichen Folgen dauerten bis heute an.

Die Vorläufer des deutschen Kolonialismus gehen zurück bis auf Friedrich Wilhelm und im Jahr 1681 schaffte es ein brandenburgischer Kapitän erstmals „ein paar Häuptlingen an der Goldküste, dem heutigen Ghana, ein Abkommen aufzunötigen, in dem diese die kurfürstliche Oberhoheit über ihr Gebiet anerkannten.“ (S. 21)

Anschließend widmet sich Grill jeweils den ehemaligen Kolonialgebieten „Deutsch-Westafrika“, Togo, Kamerun, „Deutsch-Südwestafrika“, Kiautschou (in China) und den deutschen Südsee-Kolonien.

Und vor allem stellt er uns das Personal vor, das für die Kolonisierung notwendig war: Sadistische Kommandeure, Forscher, Heuchler, Betrüger und Schwindler, Rassisten, Missionare (in ihrer zweischneidigen Rolle als Vorhut der Kolonialisierung und westlicher Bildung), brutale oder aufgeklärte Aufseher, Erbauer von Stadtvillen und Händler, skrupellose Ausbeuter, Ingenieure und Wirtschaftsunternehmer.

Daneben gibt es ein Kapitel, das sich mit der Frage nach kolonialer Raubkunst beschäftigt, die heute in den deutschen Völkerkundemuseen gezeigt wird.

Auch die Rolle der Askari, der schwarzen Hilfssoldaten, die ihre deutschen Unterdrücker gegen das britische Empire verteidigen durften, wird näher beleuchtet.

Genau so interessant und erschreckend sind die Interviews, die der Autor mit deutschen Nachfahren in Namibia geführt hat und die darüber schwadronieren, dass die dummen Schwarzen ihr schönes Land zugrunderichten.

Außerdem stellt er das umstrittene Projekt des Tansania-Parks in Hamburg vor, dessen Ziel, die kommentarlose Zurschaustellung von Skulpturen aus der Kolonialgeschichte auf dem Gelände der ehemaligen Lettow-Vorbeck-Kaserne, zu massiven Protesten geführt hat und der bis heute der Öffentlichkeit nicht zugänglich ist.

Spannend auch seine Rechercheergegnisse bezüglich des Völkermordes an den Herero und Nama im heutigen Namibia, für die der Autor angefeindet worden ist. Genausowenig entzückt war er über den Beifall der ewig Gestrigen.

Grill liefert eine interessante, gut lesbare und gleichzeitig bedrückende Nachhilfestunde, denn es ist doch traurig, wie wenig wir oder ich über diese Epoche deutscher Geschichte wissen.  Und überhaupt, schon die afrikanische Landkarte (die von den ehemaligen Kolonialherren mit dem Lineal gezogenen Grenzen, die Völker auseinanderriß und verfeindete Volksgruppen in ein Staatsgebiet zwang) macht mir Mühe.

Abgerundet wird das Ganze mit Literaturempfehlungen, Reiseerinnerungen, Eindrücken und Interviews.

Was mir allerdings zu kurz bzw. oberflächlich abgehandelt wurde, war die Frage, inwieweit die heutige ungerechte globalisierte Weltordnung auf die Kolonialzeit zurückgeht. Da hätte ich mir mehr konkrete Beispiele gewünscht sowie mehr Informationen, wie genau sich die einzelnen Länder nach ihrer Unabhängigkeit entwickelt haben.

Sonja Ernst zieht für den Deutschlandfunk folgendes Fazit zu dem Buch:

Bartholomäus Grill berichtet anschaulich von diesen vielen persönlichen Begegnungen und von vielen Orten. Und das ist die Stärke des Buches. Denn vielen Lesern werden Ereignisse und Personen der Kolonialgeschichte nicht ganz neu sein. Aber Bartholomäus Grill liefert eine gute Mischung aus Analyse und Reportage. Er schreibt mitreißend und anschaulich und transportiert immer wieder die Folgen der Kolonialzeit bis ins Jetzt.

Hier zwei Interviews mit Grill:

Und zur Ergänzung kann man – erschreckend aktuell – die Thesen des Oxforder Professors Danny Dorling heranziehen: Dieser ist der Meinung, dass

a British elite drunk on nationalism is responsible for the Brexit disaster. Raised in the traditions of the British Empire, they continue to glorify the crimes committed during colonialism. (Spiegel online)

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Fred Uhlman: The Making of an Englishman (1960)

Ich weiß sehr wenig über die Herkunft meiner Familie, die aus Freudental, einem kleinen Dorf in der Nähe von Stuttgart, stammte. Vor dem 18. Jahrhundert hatten die deutschen Juden, soweit ich weiß, keine Nachnamen. Es gab nur ungefähr fünfhundert Juden in ganz Württemberg, und sie hatten alle kein Wohnrecht in den größeren Städten.

So, zunächst ein bisschen trocken, beginnt das Buch, das auf Deutsch in folgenden Ausgaben erschienen ist:

  • Erinnerungen eines Stuttgarter Juden (1992)
  • The Making of an Englishman: Erinnerungen eines deutschen Juden, Diogenes Verlag (1998)

Manche Bücher sind eine unerwartete Entdeckung und diese Autobiografie eines jüdischen Rechtsanwalts gehört dazu. Er musste 1933 Hals über Kopf Stuttgart verlassen, da er als engagiertes SPD-Mitglied in Schutzhaft genommen werden sollte, aber gerade noch rechtzeitig von einem NSDAP-Mitglied gewarnt worden war. Über Frankreich gelangte er schließlich nach Großbritannien. Den Rest seines Lebens verbrachte er als Maler und Schriftsteller in Paris, Spanien und England. 1985 starb er in London.

Warum das lesenswerte Buch erst 1992 ins Deutsche übersetzt wurde, ist mir ein Rätsel.

Am meisten hat mich vielleicht überrascht, dass das Buch ab und zu auch unglaublich komisch ist. Das entlarvt meine falsche Brille: als ob alle Juden in den zwanziger Jahren des letzten Jahrhunderts mit Trauermine still und schattenhaft einer ihnen bereits bekannten Katastrophe entgegengingen.  Zum vollen Menschsein gehört natürlich der Humor. Und verfolgt und umgebracht wurden später keine Schatten, sondern Menschen.

Die Schilderungen burschenschaftlicher Trinkgelage, die er während seiner Studententage in den zwanziger Jahren mehr halbherzig denn aus Überzeugung mitmacht, lassen mich möglicherweise das Verhalten mancher meiner Schüler etwas entspannter sehen.

Vier Liter an einem Abend waren eher die Regel als die Ausnahme […] Lange nach Mitternacht gingen wir heim. Die weniger Betrunkenen halfen den ganz Betrunkenen. Auf dem Nachhauseweg flogen Fenster auf, und die Einwohner, die aus dem Schlaf gerissen wurden, schrien Beleidigungen. Oft gab es Streit. Ich erinnere mich an K., der auf einem Briefkasten lag und seine volle Blase in ihn entleerte und an Z., der so betrunken war, daß wir ihn, als wir ihn endlich nach Hause gebracht hatten, entkleiden und an sein Bett fesseln mußten, da er drohte, die Möbel kurz und klein zu schlagen. Ein anderer, der glaubte, er sei bereits im Bett, wurde von der Polizei schlafend und splitternackt unter einer Straßenlaterne gefunden, die Kleider waren sauber auf einem Haufen neben ihm zusammengelegt. (S. 81-82)

Und von wegen, dass ausschließlich mittelalterliche Unterschichtjungs ausrasten, weil man angeblich ihre Mutter oder Schwester beleidigt habe. Uhlman erklärt z. B. das studentische Duell:

Das Duell war eine ernstere Angelegenheit. Es gab verschiedene Abstufungen, die von der Schwere der Beleidigung abhingen. Wenn man zum Beispiel einen Corpsstudenten einen ‚alten Esel‘ nannte, reichte ein Duell auf leichten Säbeln; aber wenn man seinen Vater einen Schwarzhändler nannte, seine Mutter eine Hure oder an der Tugendhaftigkeit seiner Schwester zweifelte, dann konnte die Ehre nur durch ein Duell auf schweren Säbeln wiederhergestellt werden. (S. 81)

Wer Näheres zu Uhlmanns Leben und dem seiner jüdischen Angehörigen wissen möchte, dem empfehle ich den Artikel aus der Stuttgarter Zeitung von Susanne Stephan aus dem Jahre 2013.

Michael Roes: Zeithain (2017)

Ich heiße Philip Stanhope, wie mein Großvater, der letzte Graf von Chesterfield, mein Ururgroßvater, Admiral der Royal Navy, und mein Ururururgroßvater, jener junge missratene Philip Stanhope, unehelicher Sohn des gleichnamigen Vaters, Vierter Graf von Chesterfield, der seine berühmten, doch letztendlich vergeblichen „Briefe an seinen Sohn über die anstrengende Kunst, ein Gentleman zu werden“ an ebendiesen Philip Stanhope adressiert hat. Nicht nur die Namensgleichheit, auch die unehelichen Verhältnisse durchziehen meine Genealogie wie ein misstönendes Leitmotiv.

So beginnt Michael Roes‚ Annäherung an die historische Person Hans Hermann von Katte (1704-1730).

Dabei versetzt sich Roes traumwandlerisch intensiv und vermutlich exzellent recherchiert in seine Hauptperson Katte, schildert seine eher freudlose Jugend als Sohn eines adligen Soldaten, der alle weicheren Regungen verabscheut und sie auch seinem Sohn verbietet. Der Sohn wird auf dem heimischen Gut in Wust nach den gleichen Prinzipien wie die Hunde des Gutsherrn erzogen: Der geringste Ungehorsam wird mit brutalen Prügelorgien geahndet. Wann immer möglich hält er sich bei den Dienstboten oder bei seinen bäuerlichen Spielkameraden auf. Nur beim Großvater in Berlin findet er Förderung und Zuneigung.

Frühe Kindheitserinnerungen haben etwas Mythisches. Da der Erinnernde nicht mit Gewißheit sagen kann, was sich wahrhaftig ereignet und was die Phantasie hinzugedichtet, das Hörensagen ergänzt und die Zeit verschönert oder verfälscht hat, muß man wohl das Erzählte als das einzig Wahrhaftige hinnehmen. (S. 89)

1717 bis 1721 besucht der junge Adlige das Pädagogium des Pietisten August Hermann Franke in Halle. Dort findet er schließlich Freunde, ist aber unglaublich angeödet vom begrenzten Horizont seiner Lehrer. Anschließend studiert er in Königsberg und Utrecht und unternimmt eine ausgedehnte Kavaliersreise, die ihn u. a. bis nach Paris führt.

1724 tritt er auf Geheiß des Vaters in das Kürassierregiment Gens d’armes von Friedrich Wilhelm I, dem Soldatenkönig, ein. Das Unglück nimmt seinen Anfang, als die Beziehung Kattes zu Friedrich Wilhelms Sohn, dem Kronprinzen Friedrich, der acht Jahre jünger ist als Katte, immer intensiver wird.

Der Kronprinz wird ständig von seinem Vater schikaniert, überwacht, gedemütigt, verprügelt und abgrundtief verachtet, hegt der Sohn doch so unsoldatische und „weibische“ Interessen wie die Musik. Schließlich hält es der Prinz nicht mehr aus und will von Zeithain ins Ausland fliehen, dabei bittet er seinen einzigen Freund Katte um Hilfe.

Dieser rät von der Flucht ab, doch letztendlich will er seinen Freund nicht im Stich lassen. Der Kronprinz wird gefasst und man kann Katte nachweisen, dass er von den Fluchtplänen wusste. Dafür und dafür dass man ihn verdächtigt, homosexuelle Beziehungen zum Kronprinzen unterhalten zu haben, wird er vors Kriegsgericht gestellt.

Der König zwingt seinen Sohn, zuzuschauen, wie Katte seinen letzten Weg zum Schafott antritt.

Diese trockene Auflistung der Fakten (schon der Klappentext verrät auch dem geschichtsunkundigen Leser, wie es ausgeht) kann diesem Trumm von einem Buch mit seinen ca. 800 Seiten) natürlich nicht gerechtwerden.

Mir bleibt viel Zeit zum Lesen und Musizieren und, ich werde es nur Ihnen, liebe Tante, unter dem Siegel größter Verschwiegenheit gestehen, zum Dichten. Ich höre Ihren Entsetzensschrei, und Sie haben ja vollkommen recht, nichts sollte einem das Dichten so verleiden wie die Flut vorgeblicher Werke, die Europa überschwemmt. Der Mißbrauch, den man mit der geistvollen Erfindung der Buchdruckerkunst treibt, verleiht vor allem unseren Dummheiten ewiges Leben. (S. 111)

Roes gelingt es, über weite Strecken so intensiv und emphatisch zu erzählen, dass man geneigt ist dem Ich-Erzähler Katte alles zu glauben, selbst wenn in der Forschung die These von der Homosexualität des Kronprinzen umstritten ist, selbst wenn es Episoden gibt, die ich zumindest auf die Schnelle nicht durch Internetrecherche belegen konnte, wie z. B. die medizinischen Versuche an den Internatszöglingen.

Nein, in Wahrheit  erfreue ich mich meiner Einsamkeit nicht, im Gegenteile legt sie sich wie ein schwarzer, giftiger Schatten über meine Seele. Eigentlich bin ich kein übellauniger Mensch. Aber die Erfahrung lehrt, daß gerade diejenigen, welche sehr lebhafte Leidenschaften und eine empfindsame Natur haben, deren Einbildungskraft leicht gereizt und deren Gefühle schnell erschüttert sind, am raschesten und heftigsten der üblen Schwermut ausgesetzt sind.

Da ihre Phantasie oft ohne ihren Willen selbst die größte Kleinigkeit so schnell zu einer Riesengröße zu erheben weiß, so ist es begreiflich, warum empfindsame Menschen, wie ich einer bin, selbst bei einem guten und richtigen Verstande sich oft am wenigsten in der Gewalt haben, sobald sie von ihrem Gemüte, sei es heiterer und trauriger Natur, überfallen werden. (S. 317)

Besonders die Kindheit und die Jahre im Internat brennen sich dem Leser ein. Da kann es bei den Prügelstrafen schon einmal zu gebrochenen Knochen kommen.

Ausreißer und Arbeitsverweigerer werden besonders hart bestraft. Schläge, kahlgeschorene Köpfe, Essensentzug, Karzer. Die Inspectoren nennen diese Zellen „Besinnungsräume“: Ein enges, dunkles und im Winter eisiges Verlies mit einem Sitzbrett und einem stinkenden Kübel für die Notdurft. (S. 176)

Danach wird man „Preußentum“ und „preußische Tugenden“, immer hübsch mit einem aus der Religion hergeleiteten Absolutheitsanspruch verbrämt, noch einmal mit ganz anderen Assoziationen verbinden. Und man wird sich natürlich auch fragen, wie derlei Werte und Verhaltensnormen (blinder Gehorsam, Prügelstrafe, Härte, Unterdrückung der Sexualität und jeglichen kritischen Denkens) in der deutschen Geschichte weitergewirkt haben.

Es sind oft die scheinbar beiläufigen Beobachtungen, die den Roman so reich machen, wie sie beispielsweise während Kattes Internatszeit zum Tragen kommen:

Der Schulordnung gemäß dürften wir nicht einmal über unseren Unterricht sprechen, denn wir Schüler könnten ja „raisonieren wie die Heiden“. Außerdem werden wir angehalten, den Lehrern regelmäßig übereinander Auskunft zu geben, was nicht gerade der ungezwungenen Rede förderlich ist. (S. 172)

Oder die Regel, dass die Jungen im Schlafsaal selbst im Winter und bei Minustemperaturen mit den Händen auf der Decke schlafen mussten, damit der wachhabende Lehrer sofort sehen konnte, ob sich da etwa jemand selbst befriedigen wollte. Da gehen die Verbindungslinien direkt bis zu dem Prozess um den Hauslehrer, der 1903 seinen Schützling totgeschlagen hat.

Auch die Sprache passt sich dem meist wunderbar an. Trotz einiger überbordender Metaphern und einiger Stellen, an denen man den Eindruck hatte, dass einem Geschichtsbuchwissen referiert wurde.

Graf Brühl […] besitzt zweihundert Paar Schuhe, achthundert gestickte Schlafröcke, fünfhundert Anzüge, hundertzwei Uhren, achthundertdreiundvierzig Tabatieren, siebenundachtzig Ringe, siebenundsechzig Riechfläschchen, neunundzwanzig Kutschen und tausendfünfhundertsiebenundsechzig Perücken. Zu jedem Anzuge gehört eine besondere Uhr, eine spezielle Tabakdose und ein ausgewählter Degen. Wieso die Welt über dergleichen Bagatellen so gut Bescheid weiß?  Alle Gewänder sind in einem Buche aufgemalt, das ihm täglich zur Auswahl vorgelegt wird. Darüber hinaus besitzt er mehr Mätressen als Verstand. (S. 666)

Als ausgesprochen langatmig habe ich allerdings die Beschreibung der Kavaliersreise empfunden, da wurden die Stationen brav aberzählt, aber mir war’s herzlich gleichgültig, wo Katte sich gerade aufhielt.

Gänzlich überflüssig fand ich die Rahmenhandlung, in der sich der junge Philip Stanhope, selbstverständlich ebenfalls mit problematischer Vaterbeziehung, nach dem Fund einiger alter Familienbriefe auf die Reise macht, um herauszufinden, ob an den historischen Orten, an denen Katte gelebt hat, noch Spuren der Geschichte zu finden sind.

Andreas Kilb schreibt in der FAZ:

Aber Roes beschränkt sich nicht darauf, Stanhope auf Kattes Spuren zu schicken, er halst ihm zusätzliche allegorische Aufgaben auf. Stanhope ist Epileptiker und ebenfalls homosexuell. Das Laken, das er in seinem Hotel über Nacht vollgeblutet hat, dreht er den ahnungslosen Berlinern als Kunstwerk an. Im Tiergarten fallen ihm ein neugeborener Kojote und ein Engel-Embryo vor die Füße, die er mütterlich aufzieht. In einem Krankenhaus trifft er einen Arzt, mit dem sein Vater einst als britischer Besatzungssoldat sein Coming-out erlebte. Und zuletzt wächst Stanhope auch noch eine zweite Zunge. Offenbar hat Roes in dieser Figur alle Einfälle begraben, die ihm beim Nachdenken über Katte und Friedrich gekommen sind. Er hätte es besser gelassen.

Derlei surreale Einsprengsel haben nichts daran geändert, dass Philip für die Geschichte im höchsten Maße entbehrlich blieb, doch leider tritt er immer wieder auf, bis sich seine Spuren dann im Nichts verlieren.

Die Reflexionen, die Roes seinem Erzähler Stanhope in den Mund legt, hätten mich vermutlich mehr interessiert, wenn sich der Autor selbst als Spurensucher zu erkennen gegeben hätte.

Gibt es das, einen Entdeckungsreisenden, der nicht mit den Fremden ins Gespräch kommen will, sondern es vorzieht, über seinen Gegenstand zu meditieren, statt zu kommunizieren, ein mystischer Völkerkundler sozusagen, ein reisender Trappist, ein Eremit im ethnologischen Feld?

Vielleicht ist diese Haltung nicht ganz so widersinnnig, wie sie auf den ersten Blick scheint. Denn es dürfte kaum einen vernünftigen Menschen geben, der die fortschreitende Erosion der Verbindung zwischen den Zeichen und den Dinge noch in Zweifel zöge. Tatsächlich meditiere ich über die Dinge, weil ich immer weniger weiß, was ich von ihnen halten soll und mir die naheliegenden Wörter für sie immer fragwürdiger erscheinen. Während ich sie betrachte, verändern sie sich, so wie meine Betrachtung sie verändert. Noch weiß ich nicht, wie das alles enden, wie das alles für mich enden wird. (S. 121/122)

Zarte Gemüter sollten sich durch die ersten Seiten, auf denen gefühlte 500 Namen mitsamt ihrer Abstammung vor dem Leser ausgebreitet werden, nicht abschrecken lassen. Sie tun nichts zur Sache bei diesem fulminanten, melancholischen Ausflug ins Preußentum.

Wie spricht man aufrichtig von sich selbst? Ein hoffnungsloses Ringen, zwischen Strenge und Eitelkeit eine Brücke zu schlagen. Entweder endet dieser Kampf im Wahnsinn oder im Verstummen. (S. 583)

Sechsundzwanzig Jahre habe ich gelebt, und schon ist alles darüber gesagt. Im Wochenbett ist bereits das Sterbebett aufgedeckt. Warum strampeln wir uns in der kurzen Zwischenzeit so heroisch ab, als könnten wir die Welt retten?

Niemand wird in dieser kurzen Zeit je das sein können, was er hätte sein sollen. Ganz gleich, wie lang sie dauert, am Ende wird es immer eine Zeit des Versagens gewesen sein. – Am besten ist es, man hält sich aus allem heraus. Während das Glück dich anlächelt, spannt es schon den Hahn. (S. 761)

Hier geht’s lang zu einem Interview mit dem Autor und eine weitere Besprechung findet man auf lustauflesen.de.

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Paulette Jiles: News of the World (2016)

Wichita Falls, Texas, Winter 1870

Captain Kidd laid out the Boston Morning Journal on the lectern and began to read from the article on the Fifteenth Amendment. He had been born in 1798 and the third war of his lifetime had ended five years ago and he hoped never to see another but now the news of the world aged him more than time itself. Still he stayed his rounds, even during the cold spring rains. He had  been at one time a printer but the war had taken his press and everything else, the economy of the Confederacy had fallen apart even before the surrender and so he now made his living in this drifting from one town to another in North Texas with his newspapers and journals in a waterproof portfolio and his coat collar turned up against the weather.

So lernen wir gleich mit den ersten Zeilen eine der zwei Hauptfiguren im neuesten Roman der bekannten kanadischen Autorin Paulette Jiles (*1943) kennen.

Captain Jefferson Kyle Kidd, rüstig, Anfang siebzig, verdient fünf Jahre nach Beendigung des Sezessionskrieges seinen Lebensunterhalt also damit, in kleinen Dörfern und abgelegenen Städtchen des nördlichen Texas den Menschen Nachrichten und Geschichten aus verschiedensten Zeitungen, die zum Teil sogar aus London kommen, vorzulesen.

Er hat bei seinen Lesungen auch den Wunsch, dass die Menschen wenigstens für einen Abend aus ihrem Alltag ausscheren und es genießen, aus der großen weiten Welt exotische, witzige oder wissenschaftliche Neuigkeiten auf sich wirken zu lassen.

He began to read to his audiences of far places and strange climates. Of the Esquimaux in their seal furs, the explorations of Sir John Franklin, shipwrecks on deserted isles, the long-limbed folk of the Australian Outback who were dark as mahagony and yet had blond hair and made strange music which the writer said was indescribable and which Captain Kidd longed to hear. (S. 201-202)

Das gelingt mal mehr, mal weniger gut. Schon der erste Satz des Romans zeigt, dass die Stimmung oft explosiv ist, denn im 15. Zusatzartikel zur Verfassung aus dem Frühjahr 1870, den Captain Kidd da vorliest, geht es um das Wahlrecht, das nun auch Farbigen und ehemaligen Sklaven nicht länger vorenthalten werden dürfe. Und so wollen manche die Lesungen in diesen unruhigen und unsicheren Zeiten nur als Anlass nehmen, den politischen Gegner an diesem Abend zu verprügeln.

Und geradezu bizarr wird es, wenn er einen Ort ganz auslassen muss, weil ihm gerade noch rechtzeitig zugetragen wird, dass die Brüder einer Familie, die nicht unbedingt zu den hellsten Kerzen auf der Torte gehören, ihm alles kurz und klein schlagen würden, wenn sie merken, dass sie selbst gar nicht in der Zeitung vorkommen.

Aus diesem etwas eintönigen und vielleicht auch einsamen Dahintreiben reißt ihn jedoch die Bitte seines Freundes, des Schwarzen Britt Johnson. Er hat es geschafft, ein weißes Mädchen, das vor vier Jahren von Kiowa-Indianern entführt worden war, aus dem Indianergebiet herauszuholen. Aber auch nur deshalb, weil die Indianer auf die Drohung reagiert haben, dass man ihnen die Kavallerie auf den Hals hetzen würde, wenn sie nicht endlich ihre weißen Gefangenen ausliefern.

Die Verwandten des Mädchens – die Familie selbst war damals bei dem Indianer-Überfall getötet worden – haben dafür bezahlt, dass jemand die kleine Johanna, inzwischen 10 Jahre alt, zu ihnen zurückbringt. Doch Britt würde nur Schererereien bekommen, würde er als Schwarzer ein weißes Mädchen bei sich haben, außerdem könnte er ohnehin nicht so lange sein Geschäft im Stich lassen, also bittet er Captain Kidd, das Mädchen zu ihren 400 Meilen entfernt lebenden Verwandten in der Nähe von San Antonio zu bringen.

She sat perfectly composed, wearing the feather and a necklace of glass beads as if they were costly adornments. Her eyes were blue and her skin that odd bright colour that occurs when fair skin has been burned and weathered by the sun. She had no more expression than an egg. (S. 4)

Captain Kidd, ein aufrechter Ehrenmann, lässt sich auf das Unterfangen ein, wobei ihm schnell klar wird, dass seine Schutzbefohlene nun zum zweiten Mal ihre Familie verloren hat. Johanna war nach ihrer Entführung von einem indianischen Paar adoptiert worden und hat in den vier Jahren nicht nur die englische Sprache verlernt, sondern auch die Denkweisen der Weißen. Besitz um des Besitzes willen ist lächerlich, Tiere sind zum Essen da und gehören, außer den Pferden, allen gemeinsam, man isst mit den Händen und zur Körperpflege geht man nackt in den Fluss.

The greatest pride of the Kiowa was to do without, to make use of anything at hand; they were almost vain of their ability to go without water, food, and shelter. Life was not safe and nothing could make it so, neither fashionable dresses nor bank accounts. The baseline of human life was courage. (S. 201)

Und so brauchen selbst die Huren in Wichita Falls, die nicht so zimperlich wie die anständigen Damen sind, zwei Stunden, um das Mädchen zu baden, die Läuse zu entfernen und es in neue Kleider zu zwingen.

Captain Kidd was a man old not only in years but in wars. He smiled at her at last and took out his pipe. More than ever knowing in his fragile bones that it was the duty of men who aspired to the condition of humanity to protect children and kill for them if necessary. It comes to a person most clearly when he has daughters. He had thought he was done raising daughters. As for protecting this feral child he was all for it in principle but wished he could find somebody else to do it. (S. 38)

Die Kommunikation ist also mehr als schwierig und die gegenseitige Annäherung erfolgt in kleinen Schritten und eher zwangsweise, weil man aufeinander angewiesen ist und sich sogar kaltblütiger Verbrecher erwehren muss.

Und immer mehr merkt Captain Kidd, dass es ihm schwer fallen wird, Johanna am Ende der Reise ihren Verwandten zu überlassen. Wie soll Johanna verstehen, wieso Captain Kidd, der jetzt ihre einzige Bezugsperson ist, sie im Stich lassen kann? Und werden Tante und Onkel begreifen, wie sehr die vier Jahre bei den Kiowa das Mädchen für immer verändert haben?

Captain Kidd weiß, dass viele der geraubten weißen Kinder, wenn man sie nach Jahren zurück in die weiße Gesellschaft holte, für immer heimatlos waren und einige von ihnen nur danach verlangten, zu ihren indianischen Familien zurückkehren zu dürfen. Sehr zum Unverständnis und Unwillen der Ursprungsfamilien, die immer ganz selbstverständlich von der Überlegenheit der weißen Zivilisation ausgingen und die nie begreifen konnten, weshalb Kinder, deren Eltern und Geschwister zum Teil auf fürchterlichste Art und Weise von den Indianern umgebracht worden waren, dennoch so enge Bindungen zu ihren Entführern aufbauen konnten, sodass der Weg zurück in die weiße Herkunftsfamilie kaum noch möglich war.

Die Geschichte ist mit Witz und Tempo, Wärme und Menschlichkeit geschrieben, auch wenn mir gegen Ende vielleicht ein Hauch zu viel Süßlichkeit aufgelegt wurde. Aber alles in allem ein sehr unterhaltsamer und zum Teil poetischer Abenteuerroman, der nicht nur die Orte, die Landschaft und das Wetter wunderbar miteinbezieht, sondern außerdem die Frage danach verhandelt, mit welchem Recht man eigentlich die eigene Kultur immer als die überlegene ansieht.

Maybe life is just carrying news. Surviving to carry the news. Maybe we have just one message, and it is delivered to us when we are born and we are never sure what it says; it may have nothing to do with us personally but it must be carried by hand through a life, all the way, and at the end handed over, sealed. (S. 121)

Dem Fazit von kann ich nur zustimmen:

So begins a remarkable journey, one that involves the elements of a Western – danger and adventure on the trail – with the finer points of a story crafted by an award-winning poet. It brims with pathos, humor and compassion translated into wonderful language and transcends into literary historic fiction with a soul.

Darüber hinaus weckt das Buch Interesse, dem Schicksal der geraubten Kinder noch weiter nachzugehen.

Da könnte man beispielsweise hier ansetzen:

  • Zu: Cynthia Ann Parker (deutschsprachige Wikipedia)
  • Zu: Hermann Lehmann (deutschsprachige Wikipedia)
  • Zu: Josephine Meeker (englischsprachige Wikipedia)
  • Blogbeitrag auf We’re all Relative: The Puzzling “White Indians” Who Loved Their Abductors.
  • Oliver Tree: How Cynthia Ann became The Found One: Extraordinary story of abducted Texan girl who became a devoted Comanche Indian… and gave birth to their last commander (2011)
  • Beitrag auf Indian Country Today : Native History: White Child Abducted by Delaware Embraced Native Life

Eine Besprechung des Buches, das 2016 auch auf der Shortlist des National Book Award stand, findet sich u. a. in The New York Times.

Und hier gibt es ein Interview mit der Autorin.

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Sam Selvon: The Lonely Londoners (1956)

Einundsechzig Jahre hat es gedauert, bis nun endlich The Lonely Londoners – der britische Klassiker um Immigranten in London, erschienen 1956 – ins Deutsche übersetzt wurde.  Das englische Original von nur 139 Seiten beginnt mit den Worten:

One grim winter evening, when it had a kind of unrealness about London, with a fog sleeping restlessly over the city and the lights showing in the blur as if is not London at all but some strange place on another planet, Moses Aloetta hop on a number 46 bus at the corner of Chepstow Road and Westbourne Grove to go to Waterloo to meet a fellar who was coming from Trinidad on the boat-train.

Selvon (1923 – 1994) verarbeitet darin eigene Erfahrungen, auch er wanderte in den 1950er Jahren aus Trinidad nach Großbritannien ein, als es für die Einwohner der ehemaligen Kolonien des Empire noch keine Einwanderungsbeschränkungen gab.

Zusammengehalten wird das Werk durch die Figur des Moses Aleotta, ebenfalls aus Trinidad, der schon seit zehn Jahren in London lebt und sich als widerwillig-hilfsbereiter Genosse zeigt, wenn es darum geht, den immer zahlreicher werdenden Neuankömmlingen mit Informationen zur Seite zu stehen. So begleitet er auch Henry, den er am Bahnhof abgeholt hat, zum Ministry of Labour.

It ain’t have no place in the world that exactly like a place where a lot of men get together to look for work and draw money from the Welfare State while they ain’t working. Is a kind of place where hate and disgust and avarice and malice and sympathy and sorrow and pity all mix up. Is a place where everyone is your enemy and your friend. (S. 27)

Jeden Sonntagmorgen treffen sich in Moses‘ kleinem schäbigen Zimmer – zu mehr hat er es in all den Jahren nicht gebracht – seine Freunde und Bekannten und tauschen Neuigkeiten über Arbeit, Zimmersuche, Frauen und die Heimat aus.

Moses ist auch derjenige, der sich keinen Illusionen mehr hingibt, er weiß um den Rassismus, der ihnen unvermutet überall entgegenspringen kann, auch wenn er sich höflicher tarnt als der in Amerika. Er weiß, welche Probleme es gibt, wenn ein Einwanderer ein weißes Mädchen heiraten will: Entweder wird er vom Vater des Mädchens aus dem Haus geworfen oder, wenn das Mädchen standhaft ist, werden die Kinder des Paares später als Darkies beschimpft.

Moses ist ein interessanter Charakter, der seine Situation in ihrer Widersprüchlichkeit reflektiert, z. B. wenn er versucht, sich darüber Rechenschaft zu geben, warum er nie zurückgegangen ist, obwohl sich die Träume auf Wohlstand und Anerkennung nicht erfüllt haben.

‚Sometimes I look back on all the years I spend in Brit’n,‘ Moses say, ‚and I surprise that so many years gone by. Looking at things in general life really hard for the boys in London. This is a lonely miserable city, if it was that we didn’t get together now and then to talk about things back home, we would suffer like hell. Here is not like home where you have friends all about. … (S. 126)

Er fungiert gleichsam als Klammer für viele andere Geschichten und Schicksale, von denen er hört, die er miterlebt und kommentiert. Dabei nimmt er geradezu stoisch zur Kenntnis, dass einzelne kiffende Faulpelze und Sozialleistungen-Schnorrer die Vorurteile gegenüber allen Farbigen befördern und dass harte Arbeit kein Garant fürs Vorwärtskommen ist.

Oft genug ist Moses die Stimme der Vernunft, doch er hat sich damit abgefunden, dass kaum jemand auf ihn hört. Und Henry Oliver, den er am Bahnhof abholen soll, wird von ihm nur „Galahad“ genannt, weil der sich weigert, die Dinge so nüchtern-abgeklärt wie Moses zu sehen.

Things does have a way of fixing themselves, whether you worry or not. If you hustle, it will happen, if you don’t hustle, it will still happen. Everybody living to dead, no matter what they doing while they living, in the end everybody dead. (S. 52)

Wir erfahren nicht nur von Lewis, der seine Frau so lange verprügelt, bis sie ihn verlässt, sondern auch von der hinreißenden Tanty, die zu stolz ist, zuzugeben, wie viel Angst ihr U-Bahn und Busfahren machen. Wir erfahren von Einwanderern, die so hungrig sind, dass sie eine Taube im Park fangen und dann als Monster beschimpft werden.

Und fast unbemerkt von der Öffentlichkeit eröffnen Einwanderer die ersten Geschäfte, z. B. mit bestimmten Lebensmitteln, und tragen so zu einer bunteren britischen Gesellschaft bei. Das liest sich unglaublich spannend, so als säße jemand bei uns im Zimmer und würde uns erzählen, wie das damals war, auch wenn zwischenzeitlich mal der rote Faden ein bisschen verloren geht und man von einer Episode zur nächsten hüpft.

The Lonely Londoners handelt aber nicht nur von Tristesse, Armut und Problemen, es ist auch eine Liebeserklärung an London, eine Stadt, die auf viele Einwanderer wie ein Zauber, ein Versprechen wirkt, dem sie sich selbst nach Jahren nicht entziehen können. Irgendwann wird die Fremde quasi notgedrungen zur – wenn auch nicht unbedingt geliebten – Heimat.

The changing of the seasons, the cold slicing winds, the falling leaves, sunlight on green grass, snow on the land, London particular. Oh what it is and where it is and why it is, no one knows, but to have said: ‚I walked on Waterloo Bridge,‘ ‚I rendezvoused at Charing Cross,‘ ‚Piccadilly Circus is my playground,‘ to say these things, to have lived these things, to have lived in the great city of London, centre of the world. […] Why is it, that although they grumble about it all the time, curse the people, curse the government, say all kind of thing about this and that, why is it, that in the end, everyone cagey about saying outright that if the chance come they will go back to them green islands in the sun? (S. 133 – 134)

Und das Buch zeigt eine unbändige Lebensfreude, der kleinste Anlass wird genutzt, um zu feiern, zu trinken, zu tanzen, sich schöne Anzüge schneidern zu lassen, hübsche Frauen abzuschleppen, sich wie verrückt auf den Sommer zu freuen, wenn man wieder in die Parks geht und sich mit seiner Freundin verabredet, zu einer Party, einem Theater- oder Kinobesuch. Doch manchmal schimmert hinter all den Vergnügungen auch die Verzweiflung auf, nicht wirklich zur englischen Gesellschaft zu gehören.

Am Ende öffnet der Autor in den Überlegungen Moses das Buch sogar auf eine ganz andere Dimension hin:

Under the kiff-kaff laughter, behind the ballad and the episode, the what-happening, the summer-is-hearts, he could see a great aimlessness, a great restless, swaying movement that leaving you standing in the same spot. (S. 139)

Zur literaturgeschichtlichen Bedeutung und Sprache des Romans

Das Buch ist in zweierlei Hinsicht etwas Besonderes:

Its publication marked the first literary work focusing on poor, working-class blacks in the beat writer tradition following the enactment of the British Nationality Act 1948. (Wikipedia)

Zum anderen hat Selvon hier eine Sprache gefunden, die seinen Protagonisten entspricht: ein Dialekt, der den Redegewohnheiten der Einwanderer abgelauscht ist und damit authentisch und ganz lebendig klingt. Selvon hat dazu in einem Interview Folgendes gesagt:

When I wrote the novel that became The Lonely Londoners, I tried to recapture a certain quality in West Indian everyday life. I had in store a number of wonderful anecdotes and could put them into focus, but I had difficulty starting the novel in straight English. The people I wanted to describe were entertaining people indeed, but I could not really move. At that stage, I had written the narrative in English and most of the dialogues in dialect. Then I started both narrative and dialogue in dialect and the novel just shot along. (Michel Fabre, „Samuel Selvon: Interviews and Conversations“, in Susheila Nasta, ed., Critical Perspectives on Sam Selvon, Washington, Three Continents Press, 1988; p. 66, zitiert nach der englischen Wikipedia)

Für den deutschen Leser erschließen sich unbekannte Ausdrücke aber fast immer durch den Kontext. Allerdings gibt es auch eine Stelle, da geht ein Satz über mehrere (!) Seiten, und zwar ohne ein einziges Komma. Das ist beim Lesen schon reichlich mühsam, fängt aber möglicherweise das Gefühl des traumartigen, ungeordneten und manchmal haltlosen Lebens ganz gut ein.

Das Buch ist nun über 60 Jahre alt und doch zeitlos, denn für Einwanderer, Flüchtlinge und Asylsuchende gilt – egal wo – sicherlich noch immer:

When Moses did arrive fresh in London, he look around for a place where he wouldn’t have to spend much money, where he could get plenty food, and where he could meet the boys and coast a old talk to pass the time away – for this city powerfully lonely when you on your own. (S. 29)

Wer ein paar kurze Informationen zum geschichtlichen Hintergrund sucht, wird hier fündig und hier geht’s lang zu einer treffenden Rezension von Helon Habila aus dem Guardian vom 17. März 2007. Die Folgebände heißen Moses Ascending (1975) und Moses Migrating (1983).

Besprechungen der deutschen Ausgabe gibt es bei:

Und hier noch ein Gespräch mit der Übersetzerin Miriam Mandelkow.

Ungelöst bleibt allerdings noch die Frage, wie und warum aus den „lonely Londoners“ des Originaltitels plötzlich die harmlosen oder nichtsnutzigen „Taugenichtse“ wurden …

Nellie Bly: Ten Days in a Mad-House (1887)

On the 22nd of September I was asked by the World [Zeitschrift, für die sie arbeitete] if I could have myself committed to one of the asylums for the insane in New York, with a view to writing a plain and unvarnished narrative of the treatment of the patients therein and the methods of management, etc. 

So beginnt die Reportage Ten Days in a Mad-House (1887) von Nellie Bly, die im Deutschen unter dem Titel Zehn Tage im Irrenhaus: Undercover in der Psychiatrie erschien.

Diese nur knapp 90 Seiten über die Zustände in der damaligen Psychiatrie gehen einem ans Herz.

Nellie Bly (1864 – 1922), mit bürgerlichem Namen Elizabeth Jane Cochrane, war eine der Pionierinnen des investigativen Journalismus. Sie war u. a. diejenige, die später allein eine Reise um die Welt unternahm.

Trotz diverser anspruchsvollerer Reportagen wurde Bly von ihrem Arbeitgeber zunächst auf „typische Frauenthemen“ wie Theater und Gärtnerei festgelegt. Als sie das endgültig satt hatte, ging sie nach New York und ergatterte einen Auftrag für die New York World von Joseph Pulitzer: Sie sollte eine Geisteskranke spielen, sich einweisen lassen und so aus erster Hand über die Zustände im Women’s Lunatic Asylum auf Blackwell’s Island berichten.

Ihr Plan gelingt. Erschreckend einfach und schnell wird sie eingewiesen. Nach zehn Tagen wird sie – wie vereinbart – befreit. In ihrer Reportage erzählt sie von dem vergammelten Essen, den z. T. gleichgültigen oder sadistischen Wärterinnen, den katastrophalen Unterkünften, der unzureichenden Kleidung und der fehlenden Hygiene. Die Insassen werden entweder sich selbst überlassen oder gefesselt und bei „Fehlverhalten“ bestraft, geschlagen oder in eiskaltes Wasser getaucht und dann ohne Decke zum Schlafen geschickt.

Bly deckt aber nicht nur die grausamen und inhumanen Zustände auf Blackwell’s Island auf, sondern erzählt auch von ihren Begegnungen mit den anderen Frauen, manchmal reichen schon ein paar Sätze und ein ganzes Schicksal taucht vor dem Leser auf.

Erschütternd auch die Tatsache, dass einige der Frauen dort überhaupt nicht krank waren, jedoch keinerlei Möglichkeiten fanden, aus diesem Gefängnis wieder herauszukommen. Es hat einfach niemanden interessiert und eine gründliche Untersuchung war wohl oft gar nicht im Interesse der Angehörigen. Auch Bly selbst hatte sich nach ihrer erfolgreichen Einweisung wieder völlig normal und vernünftig verhalten und entsprechend kommuniziert, aber genau das wurde dann wieder als Beleg für ihr „Irresein“ gewertet.

The insane asylum on Blackwell’s Island is a human rat-trap. It is easy to get in, but once there it is impossible to get out. (S. 85 der Taschenbuchausgabe)

Vermutlich gehen diverse – auch finanzielle – Verbesserungen in den psychiatrischen Kliniken in New York tatsächlich auf ihr Konto.

Bin beim Nachlesen ihrer Biografie noch auf die Experimente von David Rosenhan gestoßen, deren Ergebnisse er 1973 veröffentlichte. Was soll man da noch zu sagen?

Benjamin Maack hat zu der erst 2011 ins Deutsche übersetzten Reportage auf Spiegel Online einen Artikel veröffentlicht und auch der Neuen Zürcher Zeitung war das einen Artikel wert.

Weitere Besprechungen gibt es bei:

Einen weiteren Buchtipp zu diesem Thema findet ihr in der Netten Bücherkiste, nämlich: Women of the Asylum – Voices from behind the Walls, 1840-1945.

 

Julie Otsuka: The Buddha in the Attic (2011)

On the boat we were mostly virgins. We had long black hair and flat wide feet and we were not very tall. Some of us had eaten nothing but rice gruel as young girls and had slightly bowed legs, and some of us were only fourteen years old and were still young girls ourselves. Some of us came from the city, and wore stylish city clothes, but many more of us came from the country and on the boat we wore the same old kimonos we’d been wearing for years – faded hand-me-downs from our sisters that had been patched and redyed many times.

So beginnt ein höchst erstaunlicher Roman der amerikanischen Schriftstellerin mit japanischen Wurzeln.

Katja Scholtz übersetzte Wovon wir träumten ins Deutsche.

Ganz und gar ungewöhnlich an diesem Buch ist die Erzählperspektive, und in einer Rezension im Observer stand, dass ein solches Vorhaben eigentlich nicht gelingen könne und uns die Autorin zeige, dass es eben doch funktioniere, doch dazu später mehr.

Zum Inhalt

In den zwanziger und dreißiger Jahren des 20. Jahrhunderts begeben sich viele junge Japanerinnen als sogenannte picture brides auf die beschwerliche Schiffsreise nach Kalifornien, um dort japanische Einwanderer zu heiraten, die sie nur von den Fotos der Heiratsvermittler kennen. Dort angekommen, müssen viele von ihnen feststellen, dass die Fotos zum Teil schon Jahrzehnte alt sind, dass nicht das große oder kleine Liebesglück mit Häuschen und Tulpen im Vorgarten auf sie wartet, sondern Knochenarbeit auf den Feldern, Armut und schweigsame oder trinkende Männer. Sie lernen die Sprache nur unzureichend. Und nur sehr sehr allmählich stabilisieren sich die Verhältnisse.

Manchmal können von den geringen Ersparnissen die ersten eigenen Lokale und Wäschereien eröffnet werden. Manch eine findet eine Anstellung in einem weißen Haushalt (samt der Nachstellungen des Hausherrn). Nachwuchs stellt sich ein, der bald eher amerikanisch als japanisch redet und sich oft genug seiner Herkunft schämt. Die Frauen bleiben – wenn auch als zuverlässige, billige und arbeitsame Arbeitskräfte geschätzt – immer geduldete Außenseiter. Das ändert sich im Zweiten Weltkrieg. Nach dem japanischen Angriff auf Pearl Harbour beginnt eine hysterische Kampagne. Alle Japaner im weiteren Westküstenbereich werden der Kollaboration mit dem Feind verdächtigt und interniert oder umgesiedelt. Die Nachbarn schauen zu und nehmen’s hin.

Fazit

Das Ungewöhnliche an diesem Buch ist die Perspektive. Konsequent wird aus der „Wir-Perspektive“ geschrieben und so verschmelzen unzählige Stimmen zu einem gewaltigen Chor, in dem das einzelne, individuelle Schicksal eingebettet wird in einen nicht abreißenden Strom, und zwar, ohne dass es dadurch unpersönlich oder langweilig würde. Die Traumata solcher Lebensgeschichten werden in den Träumen und dem Heimweh spürbar:

And when we’d saved up enough money to help our parents live a more comfortable life we would pack up our things and go back home to Japan. It would be autumn, and our fathers would be out threshing in the fields. We would walk through the mulberry groves, past the big loquat tree and the old lotus pond, where we used to catch tadpoles in spring. Our dogs would come running up to us. Our neighbours would wave. Our mothers would be sitting by the well with their sleeves tied up, washing the evening’s rice. And when they saw us they would just stand up and stare: „Little girl,“ they would say to us, „where in the world have you been?“ (S. 53)

Nachgetragen sei hier noch das Gedicht von Mizuta Masahide (1657 – 1723), das die Autorin ganz an den Anfang ihres Romans stellt:

Barn’s burnt down —
now
I can see the moon.

Hätte ich vorher gewusst, welche Erzählperspektive Otsuka gewählt hat, ich wäre skeptisch gewesen. Doch das Vorhaben ist ihr gelungen. Elizabeth Day schreibt im Observer am 8. April 2012:

Instead of a single, named protagonist, Otsuka writes in the first personal plural through a series of thematic chapters. Such a device shouldn’t work but does. Although there are no dominant characters, Otsuka’s brilliance is that she is able to make us care about the crowd precisely because we can glimpse individual stories through the delicate layering of collective experience.

Zu Recht ist sie für dieses Buch nicht nur unter die fünf Finalisten des National Book Award 2011 gekommen, sie hat auch den PEN/Faulkner Award for Fiction und den David J. Langum Sr. Prize verliehen bekommen, einen amerikanischen Literaturpreis für Werke, die sich mit geschichtlichen Themen befassen. Johan Dehoust schreibt am 13. August 2012 im Spiegel:

Julie Otsuka stützt sich auf echte Schicksale, im Nachwort des Romans listet sie akribisch die historischen Quellen auf, auf die sie zurückgegriffen hat. Und nach ihrer Recherche scheint sie entgegen aller Erzählprinzipien beschlossen zu haben, so viele Figuren auftauchen zu lassen wie möglich. Dass man ihr Buch deshalb nicht völlig verwirrt über die Bettkante wirft, liegt neben Otsukas einzigartiger Sprache vor allem an der Perspektive: Die jungen Frauen sprechen in der Wir-Form, wie ein mächtiger, orakelhafter Chor, der einen in seinen Bann schlägt und nicht mehr loslässt.

Auch ihr erster Roman When the Emperor was Divine (2002) befasst sich mit der Geschichte japanischer Einwanderer in Amerika, diesmal zur Zeit des Zweiten Weltkrieges. Sie verarbeitet darin Erfahrungen ihrer eigenen Familie: „… her grandfather was arrested by the FBI as a suspected spy for Japan the day after Pearl Harbor was bombed, and her mother, uncle and grandmother spent three years in an internment camp in Topaz, Utah“ (siehe die Homepage der Autorin).

Wer mehr  zum geschichtlichen Hintergrund wissen möchte, sei noch auf den Wikipedia-Artikel hingewiesen: Internierung japanischstämmiger Amerikaner.

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