Fundstück von Eva Sternheim-Peters

Was wäre gewesen, wenn die katholischen Geistlichen, die Ordensschwestern und Ordensbrüder, an denen es in Paderborn, weiß Gott, nicht mangelt, sich 1941 einen Judenstern an die Soutane, das Ordenshabit, die Schwesterntracht gesteckt hätten? Wenn in allen Kirchen offen und unverhüllt für die Juden gebetet und gegen ihren Abtransport gepredigt worden wäre – nicht von Einzelnen, sondern von allen […]? Man hätte die katholischen Sternträger nicht alle verhaften können, ohne das Risiko eines Volksaufstandes in Paderborn einzugehen.

aus: Eva Sternheim-Peters: Habe ich denn allein gejubelt? Europa Verlag, Berlin 2015, S. 423

Maria Gräfin von Maltzan: Schlage die Trommel und fürchte dich nicht (1986)

Die Lebenserinnerungen der Maria Helene Françoise Izabel Gräfin von Maltzan, Freiin zu Wartenberg und Penzlin (*1909 in Schlesien; † 1997 in Berlin) sind eine hinreißende Lektüre. Was für eine Spannbreite gesellschaftlicher Erfahrungen sich hier in einer Person vereint: Kindheit als umsorgtes Komptesschen, bohemehaftes Studentenleben der Tiermedizin, Stationen in München, Afrikareise, Berlin, Widerstandskämpferin während der Zeit des Nationalsozialismus, Medikamentenabhängigkeit, Entzug der Approbation, mehrmalige Einweisung in die Psychiatrie, Sozialhilfe, Suizidversuch, nach Wiedererlangung der Approbation Tierärztin in Zirkussen, Zoos oder als Urlaubsvertretung, schließlich wieder in Berlin, wo sie die Hunde der Punks behandelt.

Ihre privilegierte Kindheit verbringt Maria Gräfin von Maltzan auf dem elterlichen Schloss Militsch in Schlesien, zu dem 12 Güter gehörten. Sie und ihre sechs älteren Geschwister werden selbstverständlich in gesellschaftliche Konventionen des Adels und Fertigkeiten wie Fremdsprachen, Fechten und Reiten (das erste Pferd bekam sie mit fünf Jahren) eingeführt. Sogar mit einer Waffe verstand sie umzugehen.

Auf Militsch war es Sitte, daß alle Kinder ab vier an der Familientafel aßen. Als ich dies dann auch endlich durfte, genoß ich es sehr, die Mahlzeiten mit den Erwachsenen einnehmen zu dürfen. Nur hatte die Sache einen Haken, unter dem ich zu leiden hatte. Es wurde nämlich bei uns – wie am kaiserlichen Hof in Berlin, wohin meine Eltern oft eingeladen wurden, sehr schnell serviert, und sobald Vater und Mutter das Besteck niederlegten, wurden sofort sämtliche Teller abgeräumt und der nächste Gang aufgetragen. Da ich die Jüngste war, wurde mir das Essen natürlich ganz zuletzt gereicht, wodurch ich immer zu kurz kam und bei dem Serviertempo nie richtig satt wurde. Eines Tages ertappte mich mein Vater dabei, wie ich noch nach Tisch stark vor mich hinkaute. Er zog mich in eine Fensternische und beförderte wortlos acht Scheiben Rehbraten aus meinen Backentaschen. (S. 13)

Ihren Vater liebt Maria sehr, dieser stirbt allerdings bereits 1921, damit endet die Zeit der behüteten Kindheit. Das Verhältnis zu ihrer Mutter wird immer auf gegenseitigem Unverständnis beruhen und schließlich in offene Ablehnung münden. Die Mutter empfindet ihre unkonventionelle Tochter, die sich schon früh für alle möglichen Tiere interessiert und gar Tierärztin werden will, als eher peinlich und aufmüpfig. Dass ihre Tochter auf diversen Internaten todunglücklich ist, kümmert sie wenig.

Bestimmte Werte, zu denen sie erzogen wurde, gelten für Maria ein Leben lang.

Mein zehnter Geburtstag brachte eine einschneidende Wende, denn von diesem Zeitpunkt an wurde ich mit „Sie“ angeredet, hatte dafür aber die Pflicht, wie meine älteren Geschwister, soziale Aufgaben wahrzunehmen. […] Für unsere Angestellten und Arbeiter gab es ein eigenes Altersheim, ein eigenes Siechenheim. Die Spielschule war ein Geschenk meiner Mutter nach einer Erbschaft, die auch für die Kosten der Kindergärtnerin aufkam. […] Mein Vater war jedenfalls ein sehr sozial denkender Mensch und erzog seine Kinder entsprechend. […] Zu den Selbstverständlichkeiten in den großen Herrschaften gehörte es auch, daß für begabte Kinder der Angestellten die gesamten Ausbildungskosten für eine höhere Laufbahn bezahlt wurden. Das ging soweit, daß jemand auf Kosten eines jüdischen Landbesitzers katholische Religion studieren konnte.

Wenn einer von unseren Leuten krank wurde, erfuhren wir dies durch den jeweiligen Inspektor, und dann war es Sache der Kinder, sich um die Betreffenden zu kümmern. Mit unseren Pferden und Wagen fuhren wir sie zum Arzt oder gegebenenfalls ins Krankenhaus, wo es eine bestimmte Zahl von  Betten gab, die uns gehörten. (S. 33)

Als der Vater beispielsweise von Maria erfährt, dass der Hof der Eltern eines Kindermädchens durch eigene Schuld in Brand geraten ist und die Versicherung den Schaden nicht übernehmen wird, fragt er seine Tochter, wie viel sie auf der Bank habe.

„Die zweihundert Mark holst du ab und gibst sie Bertha, die jahrelang deinen Dreck weggemacht hat. Man steht für seine Leute gerade.“ (S. 33)

Trotzdem zeigt sich schon in der Kindheit, dass sie und ihr einziger Bruder Carlos unterschiedliche Wertvorstellungen haben, was dann während der Zeit des Nationalsozialismus dazu führt, dass sie auf politisch entgegengesetzten Seiten stehen.

Von Anfang an reagiert sie allergisch auf die Rattenfänger der Nazis. Ostern 1933 reist sie deprimiert nach Hause.

Nach meiner Ankunft im Schloß ging ich sogleich in den Grünen Salon, wo wir nachmittags alle gemeinsam Tee zu trinken pflegten. Mein Bruder saß dort in Nazi-Uniform. ‚Du bist wohl vom Fasching übriggeblieben‘, sagte ich zu ihm und nahm an, er würde dies mit Humor auffassen. Doch weit gefehlt! Wie von der Tarantel gestochen, schoß Carlos wütend hoch und machte mir eine entsetzliche Szene.

Es kommt zum Bruch zwischen den Geschwistern,  er verweigert die weitere finanzielle Unterstützung seiner Schwester, die daraufhin beginnt, in München journalistisch tätig zu werden und so erste Kontakte zum Widerstand knüpft. Um ihre klammen Finanzen aufzubessern, arbeitet sie außerdem als Reitdouble beim Film und kümmert sich um die Pferde reicher Leute.

1933 promoviert sie in Naturwissenschaften, doch da ihre regimefeindliche Haltung, ihre Kontakte zu Kommunisten und Juden kein Geheimnis sind, kann sie nicht auf eine Festanstellung hoffen. Sie wird mehrmals von der Gestapo vorgeladen und als das Pflaster ein wenig zu heiß wird, begibt sie sich im Januar 1934 auf eine sechsmonatige Afrikareise.

Sie heiratet, geht mit ihrem Mann, dem Kabarettisten Walter Hillbring nach Berlin, die Ehe scheitert schon kurze Zeit später. Auch in  Berlin hat sie Kontakte zu  Widerstandsgruppen der katholischen und schwedischen Kirche. Immer wieder versteckt sie Untergetauchte, seien es Kommunisten oder Juden, in ihrer kleinen Wohnung, organisiert Dokumente, einmal wird sie sogar beordert, eine ältere jüdische Dame schwimmend über den Bodensee zu geleiten, sodass diese in der Schweiz untertauchen kann.

Am Morgen ihres Geburtstages im März 1939 erschienen bei Lulu [ihrer Freundin] zwei SS-Leute mit einem Paket und überreichten es ihr mit den Worten: ‚Das ist von Ihrem Mann.‘ Erfreut nahm sie es in Empfang. Als sie es öffnete, hielt sie seine Urne in den Händen. (S. 126)

Im Frühjahr 1944 versucht sie bei ihrem letzten Aufenthalt in Militsch ihre seit 1940 verwitwete Schwägerin davon zu überzeugen, wenigstens die Kunstschätze des Schlosses in Sicherheit zu bringen. Die empörte Schwägerin wirft ihr Defätismus vor.

Den Verlust meiner Heimat habe ich nie verwunden. Ich hing mit jeder Faser meines Wesens an Militsch. Ich liebte das Land, das Schloß und alles, was dazugehörte. Obwohl mir in späteren Jahren vielfach die Gelegenheit geboten wurde, Militsch wiederzusehen, habe ich darauf verzichtet. Mein Zuhause in Schlesien trage ich lieber als unberührte Erinnerung tief in meinem Herzen. (S. 219)

Ihre Aktivitäten im Untergrund nehmen zu, sie hilft dabei, Untergetauchte aus der Stadt zu bereitstehenden Fluchtwaggons zu bringen. Zum Glück liebt sie Hunde und ihre Bullterrier retten ihr vermutlich mehr als einmal das Leben. Man geht davon aus, dass sie ca. 60 Menschen das Leben gerettet hat.

Sie heiratet noch zweimal, und zwar den jüdischen Literaten Hans Hirschel, den sie während des Krieges in ihrer kleinen Wohnung versteckt hält. Diese erste Ehe hält nur zwei Jahre. 1972 heiraten die beiden erneut. Auch die Kapitel über die unmittelbare Nachkriegszeit sind überaus spannend und ziemlich bunt.

Die herbe Maria Gräfin von Maltzan, auf Fotos meist mit einem Zigarillo in der Hand,  erzählt ihre oft abenteuerlich anmutenden Erinnerungen, ihre vielen Geschichten so anschaulich, schnoddrig, unsentimental, als wäre man direkt dabei. Dabei werden die Abstürze dieses Lebens nicht unter den Teppich gekehrt.

Was mir allerdings zu kurz kam, waren die Beziehungen zu ihrer Familie. Und über ihre Talkshow-Auftritte nach dem Erscheinen ihrer Erinnerungen habe ich leider auch nichts weiter gefunden. Ihr Buch diente zwar als Vorlage für einen Film, doch schon ein Foto der Schauspielerbesetzung erstickte jegliches eventuelles Interesse meinerseits. Abschließend stellt sich nur die Frage, warum es denn in alles in der Welt keine Biografie zu dieser Frau gibt. So ein Leben hat weit mehr als diese – lesenswerten – 277 Seiten verdient.

Der Titel ihrer Erinnerungen ist übrigens der ersten Zeile des Gedichts Doktrin von Heinrich Heine entnommen.

Hier noch ein Artikel zu der Gräfin vom Deutschlandfunk.

Fundstück von Eva Sternheim-Peters

Bei diesen Sätzen aus Eva Sternheim-Peters Buch Habe ich denn allein gejubelt? frage ich mich, wann wir denn die unverhüllten Drohungen, (sexuellen) Gewaltfantasien, die verrohte Sprache und Denkweise, das Verschwörungsgeschwurbele, die Selbststilisierung als Opfer, die Machtdemonstrationen, das Aufrichten von Feindbildern, die Größenwahnwahnsinnsideen und das Einschüchterungsgehabe der Neunazis ernst nehmen und politisch, gesellschaftlich sowie strafrechtlich dagegen vorgehen? Statt diese unselige Suppe zu verharmlosen, zu ignorieren oder ihr gar das Mäntelchen der Meinungsfreiheit umzuhängen.

Der Paderborner SA-Sturm pflegte regelmäßig vor der Krankenkasse das Lied vom Sturmsoldaten anzustimmen, wenn die Marschkolonne bei Dienstschluss ihre Standarte heimbrachte. So musse E.s Familie viele Male den auf die jüdischen Nachbarn gemünzten Refrain mit anhören und ebenso oft das ärgerliche Zischen der Mutter: ‚Ach, das heißt ja nichts‘, wenn es von draußen klar und überdeutlich hereinschallte: ‚Ja, wenn das Judenblut vom Messer spritzt, dann geht’s noch mal so gut. Soldaten, Kameraden, hängt die Juden, stellt die Bonzen an die Wand.‘ (S. 369)

Eva Sternheim-Peters: Habe ich denn allein gejubelt? (1987/2015)

Diese 780 Seiten verlangen dem Leser, der Leserin nicht nur einiges in Bezug auf den Umfang des Buches ab, sondern auch inhaltlich.

Die 1925 in Paderborn geborene Lehrerin, Dozentin und Autorin Eva Sternheim-Peters veröffentlichte bereits 1987 Die Zeit der großen Täuschungen. Mädchenleben im Faschismus. Doch niemand interessierte sich so recht dafür. 2015 erschien im Europa Verlag die um zwei Kapitel erweiterte und überarbeitete Neuauflage unter dem Titel Habe ich denn allein gejubelt? Eine Jugend im Nationalsozialismus, die wesentlich mehr Aufmerksamkeit erhielt. Der Anspruch:

Habe ich denn allein gejubelt? ist keine Autobiografie, sondern ein subjektives Geschichtsbuch, in dem zwei Jahrzehnte deutscher Innen- und Außenpolitik mit Erinnerungen, Erlebnissen, Gedanken und Gefühlen eines Kindes, einer Heranwachsenden und ihrer Umwelt belegt, politische und menschliche Verhaltensweisen damaliger Zeitgenossen weder gerechtfertigt noch entschuldigt, sondern nachvollziehbar dargestellt werden. (S. 16)

Die in einem Beamtenhaushalt aufgewachsene Sternheim-Peters umkreist ihre ersten zwanzig Lebensjahre und versucht sich Rechenschaft darüber abzulegen, wie es sein konnte, dass sie und Millionen anderer mit Liebe und kritikloser Hingabe an Volk, Führer, Vaterland und Partei glaubten, ohne dabei je den Eindruck gehabt zu haben, einer Diktatur anzuhängen. Selbst der „Heldentod“ der zwei geliebten Brüder im Krieg,  der dem so friedliebenden Deutschland ja nur aufgezwungen worden sei, brachte das ideologische Kartenhaus zunächst nicht zum Einsturz.

Für diesen Jahrgang [1925] und für wenige benachbarte Jahrgänge waren die zwölf Jahre des ‚Tausendjährigen Reiches‘ besonders lang, da sie erlebnisstarke Kindheits- und Jugendeindrücke prägten, die sich nicht ohne Identitätsverlust von der Person abtrennen und auf den Müllhaufen der Geschichte werfen lassen. (S. 17)

Und so schreibt hier eine, die weder bereit ist, ihre Jugendjahre als begeisterte und gläubige Jungmädelführerin von sich „abzutrennen“, noch die Augen verschließt vor dem, was sie nun als erwachsene Frau über den Nationalsozialismus, seine grauenhaften Verbrechen und nicht zu zählenden Opfer gelernt und verstanden hat. Sowohl die Verdrängung der nationalsozialistischen Vergangenheit als auch das Sich-noch-rasch-zum-Widerstandskämpfer-Stilisieren vieler ihrer Zeitgenossen nach dem Kriegsende widern sie an.

Sie jedoch will verstehen, wie es dazu kommen konnte.

Ich bin nicht mitgelaufen. Ich bin begeistert mitgestürmt.

Und das Traurige: Auch der Leser/die Leserin kann es nach der Lektüre in großen Teilen nachvollziehen und verstehen. Bedrückend, wie schon die frisch Eingeschulte den Abscheu vor „Juden“ verinnerlicht hat, obwohl eine ihrer Tanten sogar einen jüdischen Mann geheiratet hatte.  Wie lange sich die Illusion der Autorin gehalten hat, dass Deutsche grundanständig seien und charakterlich und kulturell himmelweit über anderen Völkern stünden. Beklommen liest man:

Große, unvergessliche Erlebnisse der Heranwachsenden sind nicht von der Hitlerjugend zu trennen: der Isenheimer Altar des Matthias Grünewald in Colmar, das Straßburger Münster, die Wartburg bei Eisenach, das Goethe-Haus in Weimar, der Schleswiger Dom, der Hamburger Hafen, die Brunnen im Oberelsass und die bunten Fachwerkdörfer des Thüringer Waldes, der Gletscherfirn der bayrischen Alpen und die rot glühend vor den kieferbewachsenen Kreidefelsen der Ostsee im Meer versinkende Sonne. (S. 274)

Damit man in der Stofffülle nicht den Überblick verliert, beginnt jedes Kapitel in der Kindheit und geht von dort chronologisch bis zum Kriegsende oder auch darüber hinaus.

Die Kapitelüberschriften lauten

  1. Zwischen den Kriegen
  2. Volksgemeinschaft
  3. Hitlerjugend
  4. Frauen
  5. Antisemitismus
  6. Eugenik – Euthanasie – Rassismus
  7. Terror und Widerstand
  8. Freunde und Feinde [Sicht auf die anderen Länder]
  9. Front und Heimatfront [Kriegsjahre]

Darüberhinaus ist das Buch natürlich doch auch ein Geschichtsbuch: Man bekommt noch einmal eine nachdrückliche Nachhilfestunde darin, wie geschickt die Nationalsozialisten darin waren, weiten Bevölkerungskreisen genau das zu geben und zu sagen, was diese haben und hören wollten. Und wie unproblematisch sie an bereits bestehende Ressentiments gegenüber Juden und Kommunisten anknüpfen konnten, im streng katholischen Paderborn damit zum Teil weit offene Türen einrannten.

Gebet für den Führer

Herrgott, steh dem Führer bei, daß sein Werk das Deine sei.

Daß Dein Werk das Seine sei, Herrgott, steh dem Führer bei!

Herrgott, steh uns allen bei.

(Hermann Claudius)

E. lernte das ‚Gebet für den Führer‘ als 15-Jährige auf einem Singeleiterlehrgang der Obergauführerinnenschule und auch, dass der Text von Hermann Claudius, dem Urenkel des ‚Wandsbeker Boten‘, stammte. Matthias Claudius galt mit seinem ‚Der Mond ist aufgegangen‘ als ein Vetreter der deutschen Innerlichkeit und des deutschen Gemüts. Dass sein Urenkel sich nun ‚zum Führer bekannte‘, erschien der Heranwachsenden ein weiterer Beweis dafür, dass die deutsche Kultur bei der NS-Regierung in besten Händen war. (S. 217)

Aber auch das ist die Wahrheit: Schon die Achtjährige litt schmerzlich darunter, dass der Führer so durchschnittlich, ja eigentlich dämlich aussah. […] Natürlich vertraute sie niemandem an, dass der Führer eigentlich dämlich aussah. Nicht aus Angst! Sie schämte sich dieses Eindrucks. Liebe und Verehrung durften sich doch nicht an Äußerlichkeiten stören! Es kam schließlich auf den Wert des Menschen an. (S. 218/219)

Das Buch hätte – Umfang hin oder her – einen ausführlichen Anmerkungsapparat verdient; beim Recherchieren, wozu einen dieser Wälzer immer wieder verleitet, bin ich auf einige Ungenauigkeiten gestoßen. So wird beispielsweise versäumt anzumerken, dass der Vers in dem ohnehin ziemlich kriegslüsternen Gedicht „Heilig Vaterland“ (1914) von Alexander Rudolf Schröder ursprünglich lautete: ‚Der Kaiser hat gerufen.‘ Die Umdichtung zu ‚Der Führer hat gerufen‘ stammt nicht von Schröder, sondern von Heinrich Spitta (1936).

Auch nennt die Autorin einen in Paderborn aufgewachsenen Kriegsverbrecher Anton Kleer, der eigenhändig „circa 20.000 Menschen mit einer Phenolspritze“ getötet habe. Doch Hinweise auf einen Anton Kleer habe ich bis jetzt nicht gefunden, aber auf einen Josef Klehr.

Aber dieses Manko fällt angesichts der unglaublichen Materialfülle an zeitgenössischen Zitaten, Zeitungsausschnitten und Schilderungen des ganz „normalen“ Alltags nicht wirklich ins Gewicht. Dazu kommen Liedtexte, Hitler-Gedichte, Bekanntmachungen, Familienereignisse, Anekdoten, Kinofilme, Reflexionen und Analysen (denen man nicht immer zustimmen muss) sowie eine schier unfassliche und überaus anschauliche Erinnerungsarbeit der Autorin. Auffällig auch, dass, wenn man vergnügt und überzeugt wie ein Fisch im Wasser im großen Strom mitschwimmen konnte, man alles Unliebsame – war war mit den Kindern des jüdischen Waisenhauses eigentlich passiert? – einfach ausblenden konnte, ja es überhaupt nicht einmal wahrnahm.

Ausnutzung des jugendlichen Idealismus, spürbare materielle Verbesserungen durch Abnahme der Arbeitslosigkeit, Führergläubigkeit, Opferbegeisterung, schöne Reisen, Fahrten, Gesang und organisierte Freitzeitbeschäftigungen und das künstlich erzeugte Bewusstsein, einer auserwählten Gruppe, einem auserwählten Land anzugehören sowie fehlende Gegeninformationen gingen eine nicht mehr aufzulösende Verbindung ein, bis zum bitteren Ende. Dazu kam die Tatsache, dass eben auch alle relevanten Autoritäten im Hause Peters, die Eltern, die Schulbücher, Lehrer, die Priester, Bischöfe und Schriftsteller dem System seinen Segen gaben.

Das Buch hat mir wesentliche Aspekte dieser Zeit erklärt, nachvollziehbar gemacht, dabei nichts entschuldigt, nichts oder nur wenig beschönigt, auch wenn man an der ein oder anderen Stelle gern mit der Autorin in ein Gespräch eintreten würde. Letztlich ist hier eine Gratwanderung gelungen, die nur durch die radikale Selbstbefragung und Ehrlichkeit der Autorin möglich geworden ist. Diese hat sich im Grunde selbst „entnazifiziert“.

Es hilft wenig…

Es hilft nichts …

Es ist geschehen, im Namen des deutschen Volkes.

Es ist geschehen, im Auftrag des Mannes, den E. verehrt und geliebt hat.

Es ist geschehen, im Namen einer Weltanschauung,

mit der sie sich alle Jahre ihrer Kindheit und Jugend im Einklang fühlte.

Es ist geschehen in ihrem Namen. (S. 279)

Hätte ich dieses Buch vor 30 oder 35 Jahren gelesen, dann wären die Gespräche mit meiner Großmutter, in denen ich sie nach ihrem Erleben der Nazi-Diktatur befragte, vermutlich fruchtbringender gewesen. Dafür ist es jetzt leider zu spät. Doch das Buch Sternheim-Peters bringt in gewisser Weise auch meine Großmutter noch einmal zum Reden. Ich beginne zu ahnen, was sich hinter ihren trotzigen Abwehrreaktionen, ihrem Schweigen, ihrem Sich-Zurückziehen, dem irgendetwas von Autobahnen-Bauen-Stammeln verborgen haben mag. Und ich verstehe, dass ich mit meiner Überheblichkeit und Rechthaberei, die ja oft auch nur dem Nichtbegreifen, der Fassungslosigkeit angesichts des Grauen geschuldet waren, genau jenes Gespräch verunmöglicht habe …

Hier noch ein Artikel, der zeigt, wie sehr dieses Buch von der Öffentlichkeit vernachlässigt und ignoriert wurde. Ich halte es für genauso wichtig wie die Tagebücher Victor Klemperers.

Dieser Artikel beschreibt, dass der Erfolg der Neuauflage zumindest noch zu Lebzeiten der Autorin stattfindet, auch wenn diese sich den Erfolg 30 Jahre früher gewünscht hätte, denn dann hätte sie noch eine große Lesereise unternehmen können.

Schließen möchte ich mit einem Zitat von Thomas Mann, welches Habe ich denn allein gejubelt? vorangestellt ist:

Man soll nicht vergessen und sich nicht ausreden lassen, dass der Nationalsozialismus eine enthusiastische, funkensprühende Revolution, eine deutsche Volksbewegung mit einer ungeheuren Investierung von Glauben und Begeisterung war.

Tagebucheintrag von Thomas Mann, 17. Juli 1944 (aus: Thomas Mann, Tagebücher 1944-1966, S. Fischer, 2003)

 

 

 

 

 

 

 

 

Dieter Wellershoff: Der Ernstfall (1995)

Ursprünglich nur zur Hand genommen, um zu überprüfen, ob das Buch, das jahrelang im Regal der ungelesenen Bücher geschlummert hat, nun das Haus in Richtung öffentlicher Bücherschrank verlassen sollte, habe ich mich doch festgelesen in den autobiografischen Kriegserinnerungen von Dieter Wellershoff, die 1995 unter dem Titel Der Ernstfall: Innenansichten des Krieges veröffentlicht wurden.

Warum wieder zurückblicken nach fast einem halben Jahrhundert? Was suchte ich? Was erwartete ich zu finden, als ich mich Ende März 1994 auf den Weg nach Bad Reichenhall machte, wo ich den Kriegswinter 1944/45 im Lazarett verbracht hatte? Meine chronisch erkrankten Nasennebenhöhlen zu kurieren, war das praktische Ziel meiner Reise. Doch zugleich und vielleicht sogar vor allem war es für mich eine Reise in die Vergangenheit. (S. 11)

Obwohl zum Zeitpunkt des Schreibens die Zeit des Nationalsozialismus und des Krieges schon Jahrzehnte zurückliegt, gelingt es Wellershoff über weite Strecken die Leser mitzunehmen in seine Erinnerungen und Reflexionen. Formuliert in seiner präzisen, manchmal ein wenig spröden Sprache.

Vieles, was heute schwer verständlich ist und deshalb oft rasche, schematische Urteile herausfordert, bedarf genauerer Beschreibung. Zum Beispiel die Tatsache, daß ich, wie die meisten meiner Klassenkameraden, mit siebzehn Jahren als Freiwilliger in den Krieg zog, obwohl, trotz der Schönfärberei der Wehrmachtsberichte, sich seit Stalingrad immer deutlicher abzeichnete, daß der Krieg nicht mehr zu gewinnen war. Kriegsbegeisterung, wie ich sie noch in den ersten Kriegsjahren als Schüler empfunden hatte, war das nicht. Auch keine fanatische Opferbereitschaft, sondern eher eine noch fortbestehende patriotische Konvention, gegen die man, da das zu gefährlich war, auch im Gespräch unter Freunden keine Argumente entwickelt hatte. Man tat es, weil es üblich war, konnte aber die heimlichen Befürchtungen und fatalistischen Perspektiven vor sich selbst nicht mehr dauerhaft verdecken. Ich zog in diesen Krieg mangels einer Alternative und ohne Illusionen, aber mit einem vagen Pflichtgefühl, das im Grunde eine Solidarität gegenüber all jenen war, die es auch getan hatten, und gegenüber den vielen, die gefallen waren. Dieses Zugehörigkeitsgefühl war brüchig. Aber es war noch nicht ganz aufgelöst. Beigemischt war dieser Haltung auch ein jugendliches Bedürfnis nach Bewährung und ein wachsender Überdruß an der Schule, die uns vor dem Hintergrund des Krieges als ein unauthentischer Ort erschien, an dem man nicht erwachsen werden konnte. (S. 22)

So lesen wir nicht nur von Erschießungskommandos in Tegel, für die sich die Soldaten freiwillig meldeten, und dem grauenvollen Alltag und Verrecken der Soldaten an der russischen Front, sondern erfahren auch, wie Wellershoff im Nachhinein das Informationsvakuum einschätzt, in dem sich die deutschen Soldaten befanden.

Als Görings Vorschlag, den militärischen Gruß durch den Hitlergruß zu ersetzen, von Hitler gebilligt und verbindlich angeordnet wurde, fanden das viele Berufsoffiziere ganz schrecklich (als ob es darauf noch angekommen wäre) und der Oberleutnant

machte diesen Gruß in einer Weise vor, als wolle er damit die Bedeutung ausdrücken, die dem Nazigruß im Volksmund untergeschoben wurde: ‚So hoch liegt der Schutt in Berlin.‘

Besonders interessant fand ich die Ausschnitte aus zeitgenössischen Quellen, aus denen Wellershoff zitiert.

Als Walter Schellenberg, damals Chef des deutschen Geheimdienstes, Göring 1942 ein Dossier über die Produktionskapazität der amerikanischen Stahlerzeugung und der amerikanischen Rüstungsindustrie […] vorlegte, gab ihm Göring das Papier mit der Bemerkung zurück: ‚Alles, was Sie da geschrieben haben, ist Quatsch. Sie lassen sich am besten auf Ihren Geisteszustand untersuchen.‘ […] Der gleiche Vorgang wiederholte sich Anfang April 1945, als General Gehlen […] einen Bericht über die sowjetische Rüstungsindustrie vorlegte. Hitler nannte die ermittelten Produktionszahlen ‚übertrieben, defaitistisch, ja idiotisch‘ und ließ Gehlen ablösen. (S. 149)

Hübsch fand ich auch die Anmerkung, dass

ein von Himmler beautragter Astrologe für das Jahr 1945 eine deutliche Besserung der militärischen Lage Deutschlands vorausgesagt [hatte]… (S. 151)

Gegen Ende des Buches macht Wellershoff sich Gedanken darüber, wie man, wenn überhaupt, aus der Geschichte lernen kann. Selbstgerechte Schuldzuweisungen von moralisch einwandfreier Warte, bei denen man von vornherein unreflektiert davon ausgeht, dass man selbst nie auf Hitler oder irgendwelche anderen mörderischen Ideologien hereingefallen wäre oder hereinfallen würde, gehen laut Wellershoff am Kern der Sache vorbei und sind ihm eher ein Zeichen unbewusster Abwehr.

Nicht jeder ist sicher genug, um sich ungeschützt den Schwindelgefühlen abgründiger Erkenntnisse über die Wirrnisse und Schrecken des Menschenmöglichen auszusetzen.

Heute denke ich, daß es notwendig ist, immer wieder zum Individuellen vorzudringen. Man muß nach den lebensgeschichtlichen Voraussetzungen und Bedingungen des Verhaltens fragen. ‚Wovon bist du ausgegangen? Was hast du gewußt und was hast du gedacht? Was hast du getan und was für Folgen hat es gehabt? (S. 272)

Den Krieg hat Wellershoff als für sein ganzes späteres Leben als prägend erfahren, u. a. dahingehend, dass ihm kollektive Identitäten von nun an suspekt waren, da sie sich doch immer wieder als mörderische Wahngebilde entpuppen. Die daraus resultierende „weltanschauliche Obdachlosigkeit“ habe er als Glück, als „geschenkte Freiheit“ erlebt.

Außerdem verdanke er dem Krieg

die Einsicht in die Zufälligkeit meiner Existenz. (S. 289)

Darüber hinaus blieb eine gewisse Skepsis, was die menschliche Natur angeht:

Ich will daraus nicht ableiten, daß man mit Menschen alles machen kann. Aber ihr Sinn- und Glaubensbedürfnis, ihr Wunsch nach Anerkennung und Zusammengehörigkeit und vor allem ihr Angewiesensein auf den Schutz der Gesellschaft macht sie zu einem extrem formbaren Material. Nicht nur die vergangenen Kriege, auch die terroristischen Fanatismen unserer Tage beweisen es. (S. 280)

Und drittens blieb für Wellershoff, der 2018 in Köln verstarb, eine

unaufhebbare Fassungslosigkeit über das sechs Jahre dauernde Massenschlachten und seinen finstersten und innersten Bereich: die Todesfabriken der deutschen Konzentrationslager.

Der Autor, für den Literatur immer ein Simulationsraum war, in dem die Leser Erfahrungen machen können, ohne sich dabei selbst in Gefahr zu begeben, wurde zwar 1925 geboren und damit 21 Jahre nach meinem Großvater, dennoch habe ich die Erinnerungen Wellershoffs auch ein bisschen als Ersatz für die nicht stattgefundenen Gespräche in meiner Familie gelesen.

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Fred Uhlman: The Making of an Englishman (1960)

Ich weiß sehr wenig über die Herkunft meiner Familie, die aus Freudental, einem kleinen Dorf in der Nähe von Stuttgart, stammte. Vor dem 18. Jahrhundert hatten die deutschen Juden, soweit ich weiß, keine Nachnamen. Es gab nur ungefähr fünfhundert Juden in ganz Württemberg, und sie hatten alle kein Wohnrecht in den größeren Städten.

So, zunächst ein bisschen trocken, beginnt das Buch, das auf Deutsch in folgenden Ausgaben erschienen ist:

  • Erinnerungen eines Stuttgarter Juden (1992)
  • The Making of an Englishman: Erinnerungen eines deutschen Juden, Diogenes Verlag (1998)

Manche Bücher sind eine unerwartete Entdeckung und diese Autobiografie eines jüdischen Rechtsanwalts gehört dazu. Er musste 1933 Hals über Kopf Stuttgart verlassen, da er als engagiertes SPD-Mitglied in Schutzhaft genommen werden sollte, aber gerade noch rechtzeitig von einem NSDAP-Mitglied gewarnt worden war. Über Frankreich gelangte er schließlich nach Großbritannien. Den Rest seines Lebens verbrachte er als Maler und Schriftsteller in Paris, Spanien und England. 1985 starb er in London.

Warum das lesenswerte Buch erst 1992 ins Deutsche übersetzt wurde, ist mir ein Rätsel.

Am meisten hat mich vielleicht überrascht, dass das Buch ab und zu auch unglaublich komisch ist. Das entlarvt meine falsche Brille: als ob alle Juden in den zwanziger Jahren des letzten Jahrhunderts mit Trauermine still und schattenhaft einer ihnen bereits bekannten Katastrophe entgegengingen.  Zum vollen Menschsein gehört natürlich der Humor. Und verfolgt und umgebracht wurden später keine Schatten, sondern Menschen.

Die Schilderungen burschenschaftlicher Trinkgelage, die er während seiner Studententage in den zwanziger Jahren mehr halbherzig denn aus Überzeugung mitmacht, lassen mich möglicherweise das Verhalten mancher meiner Schüler etwas entspannter sehen.

Vier Liter an einem Abend waren eher die Regel als die Ausnahme […] Lange nach Mitternacht gingen wir heim. Die weniger Betrunkenen halfen den ganz Betrunkenen. Auf dem Nachhauseweg flogen Fenster auf, und die Einwohner, die aus dem Schlaf gerissen wurden, schrien Beleidigungen. Oft gab es Streit. Ich erinnere mich an K., der auf einem Briefkasten lag und seine volle Blase in ihn entleerte und an Z., der so betrunken war, daß wir ihn, als wir ihn endlich nach Hause gebracht hatten, entkleiden und an sein Bett fesseln mußten, da er drohte, die Möbel kurz und klein zu schlagen. Ein anderer, der glaubte, er sei bereits im Bett, wurde von der Polizei schlafend und splitternackt unter einer Straßenlaterne gefunden, die Kleider waren sauber auf einem Haufen neben ihm zusammengelegt. (S. 81-82)

Und von wegen, dass ausschließlich mittelalterliche Unterschichtjungs ausrasten, weil man angeblich ihre Mutter oder Schwester beleidigt habe. Uhlman erklärt z. B. das studentische Duell:

Das Duell war eine ernstere Angelegenheit. Es gab verschiedene Abstufungen, die von der Schwere der Beleidigung abhingen. Wenn man zum Beispiel einen Corpsstudenten einen ‚alten Esel‘ nannte, reichte ein Duell auf leichten Säbeln; aber wenn man seinen Vater einen Schwarzhändler nannte, seine Mutter eine Hure oder an der Tugendhaftigkeit seiner Schwester zweifelte, dann konnte die Ehre nur durch ein Duell auf schweren Säbeln wiederhergestellt werden. (S. 81)

Wer Näheres zu Uhlmanns Leben und dem seiner jüdischen Angehörigen wissen möchte, dem empfehle ich den Artikel aus der Stuttgarter Zeitung von Susanne Stephan aus dem Jahre 2013.

Heinz Hilpert: So wird alles Schwere entweder leicht oder Leben (2011)

26. Juni 1944

Mir schien alles trübe und traurig, weil ich von Dir fortging. Fortging, zwar in die tiefe Glaubensgewißheit, Dich wiederzusehen – aber auch mit der harten Gewißheit, dich lange entbehren zu müssen! Das entbehren zu müssen, was der liebe Gott zu meiner innigsten Ergänzung auf die Welt geschickt hat.

Nie noch habe ich die unbedingte Zusammengehörigkeit zu einem Menschen so hinreißend und grundsätzlich gespürt – als zu Dir. […]

Jeder Berg, jeder Baum, jeder Bach, jeder Schlaf, jedes Erwachen in Sonne oder Regen […] – alles lebte nur auf Dich bezogen und in mir, süß und zwingend, zu Dir hin. Manchmal irrte ich ab, zu dieser oder jener Frau, in Gedanken, leise und ganz tierhaft, und dennoch spürte ich – alles warst Du. Aus und mit Dir lebe und sterbe ich, ich will Dich ganz bei mir haben. Ich wünsche mir, zum erstenmal in Leben, ein Kind von Dir – ich und Du. Ich will nur Dich. In Dir vollendet sich mein Leben und mein Wirkenkönnen. Gott soll uns segnen und zusammenfügen. Ich will nur Dich – nicht „weil“, sondern ohne alle Gründe, weil Du bist und weil Du so bist, wie Dich eben Gott geschaffen hat. Mir und vielen zur Freude – aber mir zur letzten, einzigen Heimat. […]

Ich habe Dich lieber als mein Leben, lieber als Sonne und Mond, lieber als alle bestirnten Nächte, als alle Bäume und Tiere, die ich kenne und liebgewonnen habe, lieber, als mir je ein Mensch war, lieber als mein Leben, meine Hoffnung, meine Einsamkeit und die Summe meiner ganzen Arbeit und aller Seligkeiten, die mich auf meinem kurzen Gang durch die Dämmerung beglückt haben.

Aus den Tagebuchaufzeichnungen Heinz Hilperts (1890 – 1967) vom 26. Juni 1944

Zum Hintergrund

Heinz Hilpert, Regisseur und Intendant des Deutschen Theaters, hat seine große Liebe und spätere Ehefrau Annelies „Nuschka“ Heuser (1902 – 1963) Ende der zwanziger Jahre kennengelernt. Sie war Jüdin, ihre  Familie emigrierte, doch Annelies blieb in Deutschland.

Gerade noch rechtzeitig kann Nuschka im Juli 1943 in die Schweiz fliehen. Hilpert reist danach mehrere Male in die Schweiz. „Das vorerst letzte Mal sehen sich Heinz  und Nuschka Anfang Juli 1944 in Zürich. Kurz bevor er das Tagebuch beginnt.“ (S. 8)

Heinz Hilpert wird schließlich jede weitere Reise in die Schweiz untersagt. Er musste vorsichtig sein, war er den nationalsozialistischen Herrschers doch bereits unangenehm aufgefallen. Und Joseph Goebbels wird der drohende Satz zugeschrieben, dass Hilperts Theater nicht anderes seien als KZs auf Urlaub.

Bis Juni 1945 schreibt nun Hilpert dieses „Tagebuch für Nuschka“, das von Michael Dillmann und Andrea Rolz herausgegeben wurde und unter dem Titel So wird alles Schwere entweder leicht oder Leben 2011 im Weidle Verlag erschienen ist.

Wir erfahren, wie das Wetter und seine jeweilige Stimmung ist, ob die Vögel singen, wie viel er an heißen Tagen trinkt und wie sehr er die sommerliche Wärme genießt, bis in den letzten Kriegsmonaten die Einträge verzweifelter werden.

Doch vor allem enthält das schmale Büchlein wunderschöne Liebesworte, auch wenn die sprachliche Vergötterung Nuschkas, der „Gebenedeiten“, die er um Segen bittet, für mich an manchen Stellen etwas schwer verdaulich war. Die geliebte Frau ist „seine Brücke“ zu Gott.

Könnte ich Dir nur einmal ganz sanft über Deine geschlossenen Lider streicheln, Deinen Haaransatz ganz, ganz leise mit meinen Lippen berühren und Dich noch ein wenig fester zudecken, damit Du nicht nachtkalt hast. Aber so bleibt mir nichts, als Dich ganz innig in  mein Gebet einzuschließen und Dich der Gnade dessen anheimzustellen, der uns zusammen auf diese wunderschöne Erde kommen ließ. (S. 21)

In poetischer Sprache umkreist Hilpert immer wieder die Fragen, wie sich diese Liebe auf ihn auswirkt, wie sie ihn verwandelt und unverwundbar macht.

Die Begriffe „sicher“ und „unsicher“ hören auf einzig und allein im Hoheitsgebiet der Liebe. Hier lebt der Mensch im Glauben, und der Glaube macht unversehrbar – man „sichert“ nicht mehr. […] und in der vollkommenen Liebe zu Dir, Nuschka, bin ich ganz unversehrbar, kann ich kämpfen, ohne mich umzusehen, kann ruhen, ohne mich zu schützen, kann schwerelos sein, ohne mich ekstatisch aufzuschwingen, kann kreisen, ohne schwindelig zu werden, kann verweilen, ohne zu versäumen. „Nichts mehr versäumen“ ist das tiefe, tiefste Lebensgefühl, was sich dem Liebenden erschließt. Er rennt und jagt nicht mehr, er bangt und flieht nicht mehr. Er hält inne und ist heiter, er geht still fort und fort und ist selig. Das Wissen und die Weisheit, die für ihn taugt, schmiegt sich still in sein Herz. (S. 24)

Geliebt werden ist schön – es entwickelt und differenziert aber nicht. Lieben – mit aller Fragwürdigkeit des Widergeliebtwerdens – ist eben eine Kraftvergeudung, die ständig verjüngt, ist eine Auslieferung, die einem sich selbst zurückbringt, ist ein Schmerzempfinden, das in Lust umschlägt. (S. 60)

Und ähnlich wie auch Bonhoeffer in seinen Brautbriefen ringt auch Hilpert darum, die lange Trennungszeit sinnvoll werden zu lassen:

Und dann baute sich immer wieder aus Sehnsucht und Liebe eine Brücke, die gerade in Dein liebes Herz hineinmündete. Und ich ging darauf und dachte, warum ist Liebe, die sich bescheiden muß und sich nicht stillen kann, weil die Geliebte fern ist, so viel inniger und zarter und verbundener, verflochtener, unauflösbarer als die, die genießt? Weil sie schmerzhafter ist? Schenkt uns der Schmerz diese ganz besonderen Innigkeiten? Warum werden Menschen erst im Entbehren wesentlich? Und ganz nahe? (S. 63)

In den letzten Kriegsmonaten werden die Briefe aus Berlin dunkler, die Verzweiflung und Sehnsucht riesengroß, aber selbst die Gedanken an den Tod sind aufgehoben in dieser großen Liebe:

Die Welt wird immer dunkler. Die Angriffe immer grauenhafter. Wir müssen’s dulden! Meine Unversehrtheit liegt ganz bei Dir und meinem Gefühl zu Dir. Was auch kommt – ich bin immer nur auf dem Wege zu Dir. Immer Richtung Nuschka. Auch wenn ich sterben muß, ist mein letzter Herzschlag für dich. Sei geküßt und gesegnet. (S. 97)

Eine weitere Besprechung findet sich auf lustauflesen.de.

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Fundstücke über die Liebe von Fritz Hartnagel

Meine liebe Sofie!

Du mußt mir bitte entschuldigen, daß ich Dich habe warten lassen, aber mir bleibt zur Zeit nur das Viertelstündchen vor dem Einschlafen. Und da habe ich oft gedacht, wie soll ich Dir bloß antworten? Wie soll ich all das ausdrücken, was ich selbst nicht begreife? Ich weiß nur, daß es etwas Großes und Schönes sein muß, das mich bewegt! Ich kann das nicht zergliedern und definieren, denn es ist ein Ganzes, es ist nicht dieses oder jenes, sondern alles. Was ich von Dir haben möchte? Nichts, Sofie, gar nichts – nur, was Du mir schenken magst und kannst.

Fritz Hartnagel in einem Brief an seine Freundin Sophie Scholl vom 1. Februar 1939

Glaub nicht, daß ich wunders was von Dir wollte. Ich möchte nur bei Dir sitzen, Deine Hand in der meinen halten, und meinen Kopf an Deine Schulter lehnen dürfen, ich möchte teilhaben an Deinen Gedanken, Deinen Freuden und Traurigkeiten, ich möchte nur ein bisschen daheim sein dürfen bei Dir.

Fritz Hartnagel in einem Brief an Sophie Scholl vom 12. Januar 1940

Sophie Scholl, Fritz Hartnagel: Damit wir uns nicht verlieren: Briefwechsel 1937 – 1943, hrsg. von Thomas Hartnagel, 2005

Dietrich Bonhoeffer und Maria von Wedemeyer: Brautbriefe Zelle 92 (1992)

Dietrich Bonhoeffer (1906 – 1945), der bekannte Theologe, aktiv im Widerstand gegen Hitler, begegnet im Juni 1942 seiner großen Liebe, der 18 Jahre jüngeren Maria von Wedemeyer. Im November 1942 bittet Marias Mutter wegen des Altersunterschiedes um das Einhalten einer einjährigen Kontaktsperre, was sie allerdings im April 1943 zurücknimmt, als Bonhoeffer von den Nazis verhaftet wird und für fast zwei Jahre in Berlin Tegel, Zelle 92, inhaftiert ist. Den ersten Kuss geben sich die Brautleute im Gefängnis.

Also schreiben sich diese zwei so unterschiedlichen Persönlichkeiten und beide sind wunderbar ehrliche Briefeschreiber. Besonders die Briefe der jungen Frau sind von großer Anschaulichkeit und zeigen – vor allem in der Anfangsphase – Lebenslust, Energie und übersprudelnde Verliebtheit.

Wenn ich morgens um 6 aufwache, ist mein erster Griff in die Nachttischschublade nach Deinem Bild. Dann stelle ich es auf die Bettdecke und sage: „Guten Morgen, Dietrich, hast Du gut geschlafen? Machst Du ein fröhliches Gesicht? Denkst Du an mich? Hast Du mich noch lieb? Freust Du Dich auf später?“ und noch viel mehr. (2. September 1943, S. 49)

Hurra, Hurra, Hurra, Hoch, Vivat und Halleluja! Ich hab einen Brief von meinem Dietrich bekommen und bin sehr glücklich darüber. Mein liebster Dietrich, was kannst Du für schöne Briefe schreiben! Ich bin verliebt in jeden einzelnen Satz, in jedes Wort, in jeden Kringel Deiner Schrift. Ich lese immer und immer wieder. Es unterhält sich so schön mit Dir, wenn man einen Brief dazu in Händen hat. (21. September 1943, S. 58)

Wir lesen aber auch von Marias Sorge, dem älteren und gebildeten Mann vielleicht doch nicht genügen zu können. Sie spricht von ihrem Alltag, ihrer Arbeit, der Trauer über den Tod des Vaters und des Lieblingsbruders im Krieg.

Da werden Hochzeitspläne geschmiedet und sie denkt darüber nach, woher man die zum Hausstand notwendigen Möbel bekommt und wie man sich wohl jeweils in der Schwiegerfamilie wird eingewöhnen können. Dietrich und Maria empfehlen einander ihre Lieblingsbücher (wobei Bonhoeffer nicht immer glücklich ist mit den Vorlieben seiner jungen Braut). Man erfährt, wie sich die beiden nach den „Sprecherlaubnissen“ fühlen, wo sie für kurze Zeit unter Aufsicht miteinander reden dürfen.

Eigentlich ist es ganz unverständlich, wenn ich so neben Dir sitze, daß es nun nicht einfach so weitergehen kann, daß ich nicht Deine Hand fassen darf und mit Dir zusammen hinausgehen kann durch die 2 großen Türen auf die Straße und dann immer weiter nur noch mit Dir zusammen. (Maria am 5. Januar 1944, S. 111)

Dietrichs Briefe klingen gesetzter, durchdachter und reifer und sind durch seine theologische Arbeit und seinen Glauben geprägt. So schreibt er am 21. November 1943:

Weißt Du, so eine Gefängniszelle, in der man wacht, hofft, dies und jenes – letztlich Nebensächliche – tut, und in der man ganz darauf angewiesen ist, daß die Tür der Befreiung von außen aufgetan wird, ist gar kein so schlechtes Bild für den Advent. (S. 83)

Doch zeigen gerade die wenigen an der Zensur vorbeigeleiteten Briefe, wie viel Herz und Leidenschaft sich eben den grauenhaften Bedingungen anpassen musste und sich nicht frei artikulieren durfte. So beginnt einer der wenigen unzensierten Briefe Dietrichs:

Meine liebe, liebe Maria! Es geht nun nicht mehr länger, ich muß endlich einmal an Dich schreiben und zu Dir sprechen, ohne daß ein Dritter daran teilnimmt. Ich muß Dich in mein Herz sehen lassen, ohne daß ein anderer, den es nichts angeht, mit hineinguckt. Ich muß zu Dir von dem reden, was uns beiden ganz allein auf der Welt gehört und was entheiligt wird, wenn es fremden Ohren preisgegeben wird. Was Dir allein gehört, daran lasse ich keine Dritten teilnehmen; ich empfände es als unerlaubt, als unrein, als hemmungslos, und als würdelos Dir gegenüber. Was in verschwiegenen Gedanken und Träumen mich zu Dir zieht und an Dich bindet, liebste Maria, das kann erst in der Stunde offenbar werden, in der ich Dich in meine Arme schließen darf. (11. März 1944, S. 150)

Außerdem ist er anfangs unsicher, ob er der jungen Maria mit einem von den Nazis inhaftierten Bräutigam nicht doch zu viel aufbürdet.

Die beiden wissen um ihre Unterschiede und tun das Menschenmögliche, sich durch ihre Briefe kennenzulernen, obwohl die meisten der Briefe ja die Zensur passieren mussten und nur wenige Briefe durch wohlwollendes Wachpersonal an den Augen der Nazi-Schergen vorbeigeschmuggelt werden konnten.

Wir bekommen Einblick in die familäre Prägung, vor allem von Maria. Sie schildert, wie bei ihr zuhause noch eine Jagdgesellschaft stattfindet, bei der die Gäste in Frack und Abendkleid erscheinen. Und wir hören von den Höhen und Tiefen dieses ungewöhnlichen Brautstandes, der beiden tiefes Glück, Traurigkeit, aber auch Dankbarkeit und Sehnsucht bedeutet. Immer wieder müssen sie darum ringen, das Unverständliche, das Sinnlose im Gottvertrauen wieder sinnvoll werden zu lassen, eine Aufgabe, an der besonders Maria spürbar reift.

Morgens, wenn ich um 1/2 sechs aufstehe, dann bemühe ich mich immer recht zart und behutsam an Dich zu denken, damit Du noch ein bißchen weiterschlafen kannst. Ich hab einen Kreidestrich um mein Bett gezogen etwa in der Größe Deiner Zelle. Ein Tisch und ein Stuhl steht da, so wie ich es mir vorstelle. (Maria, am 26. April 1944)

Im September 1944 entdeckt die Gestapo ein „Geheimarchiv der Verschwörer im Amt Canaris“, deren Kreis ja auch Bonhoeffer angehörte (S. 205), sodass die Hoffnungen, das Kriegsende noch zu erleben,  immer weiter schwinden. Am 9. Oktober wird Bonhoeffer ins Kellergefängnis des Reichssicherheitshauptamts überführt. Dort entstehen dann im Dezember die berühmten Verse des später vertonten Gedichts „Von guten Mächten treu und still umgeben“.

Am 3. Februar 1945 erlebt Berlin den schwersten Luftangriff, so kommt „es am 7. Februar zum Transport, der Bonhoeffer mit 19 anderen prominenten Häftlingen in ein Kellergefängnis am Rande des KZ Buchenwald verbrachte. […] Am 3. April erfolgte die Weiterfahrt dieser Truppe gen Süden über Regensburg nach Schönberg im Bayrischen Wald, wo sie in einer Schule untergebracht wurden.“ (S. 212)

Am 8. April fand im KZ Flossenbürg das Standgericht statt „und am nächsten frühen Morgen die Hinrichtung am Galgen, zusammen mit Wilhelm Canaris, Ludwig Gehre, Hans Oster, Karl Sack und Theodor Strünck. Wohl zur gleichen Zeit erlitt Hans von Dohnanyi im KZ Sachsenhausen den Tod.“ (S. 213)

Maria von Wedemeyer hat vom Tod ihres Verlobten erst im Juni 1945 erfahren.

Ein gesondertes Fazit zu diesem Buch möchte ich gar nicht ziehen, zu sehr hat es mich bewegt und mitgenommen, wie hier zwei Menschen um ihre Liebe und ihre Zukunft ringen.

Ich konnte gut verstehen, dass Maria diesen Briefwechsel erst auf ihrem Sterbebett ihrer älteren Schwester überlassen hat. So persönlich, so zart, so intim sind diese Texte. Erst 1992 konnten die Briefe veröffentlicht werden, versehen mit einem umfangreichen und informativen Anhang, der u. a. die Lebenswege und die gesellschaftliche Stellung der Protagonisten noch einmal nachzeichnet.

Eine große und wunderbare Liebesgeschichte, ein Fremdkörper in einer Zeit der Freizügigkeit, der Selfies, Pornos und der scheinbar völligen Tabulosigkeit, die doch die Zeit überdauern wird und mich verstört und bewegt hat wie lange kein Buch mehr und die en passant auch den Irrsinn des Nationalsozialismus zeigt.

Am 8. Oktober 1945 schreibt Karl Bonhoeffer, der Vater Dietrichs, an seinen Kollegen Professor Joßmann in Boston:

… Daß wir viel Schlimmes erlebt und zwei Söhne (Dietrich, der Theologe, und Klaus, Chefsyndikus der Lufthansa) und zwei Schwiegersöhne (Prof. Schleicher und Dohnanyi) durch die Gestapo verloren haben, haben Sie, wie ich höre, erfahren. Sie können sich denken, daß das an uns alten Leuten nicht ohne Spuren vorübergegangen ist. […] Da wir alle aber über die Notwendigkeit zu handeln einig waren und meine Söhne auch sich im Klaren waren, was ihnen bevorstand im Falle des Mißlingens des Komplotts und mit dem Leben abgeschlossen hatten, sind wir wohl traurig, aber auch stolz über ihre geradlinige Haltung. (zitiert nach: E. Bethge, R. Bethge, C. Gremmels: Dietrich Bonhoeffer, Bilder aus seinem Leben, 1986, S. 234)

Anmerkungen

Aus der gleichen Zeit stammen die Briefe von Sophie Scholl und ihrem Freund Fritz Hartnagel, die von Thomas Hartnagel veröffentlicht wurden, siehe dazu den Beitrag auf Annes Lesetagebuch.

Wer auf der Suche nach weiteren Liebesbriefen ist, sollte auf Leselebenszeichen vorbeischauen. Ulrike bespricht Die Liebesbriefe von Dylan Thomas.

Kathrine Kressmann Taylor: Address unknown (1938)

Schulse-Eisenstein Galleries, San Francisco, California, U.S.A.

November 12, 1932

Herrn Martin Schulse Schloss Rantzenburg Munich, Germany

MY DEAR MARTIN:
Back in Germany! How I envy you! Although I have not seen it since my school days, the spell of Unter den Linden is still strong upon me – the breadth of intellectual freedom, the discussions, the music, the lighthearted comradeship. And now the old Junker spirit, the Prussian arrogance and militarism are gone. You go to a democratic Germany, a land with a deep culture and the beginnings of a fine political freedom. It will be a good life. Your new address is impressive and I rejoice that the crossing was so pleasant for Elsa and the young sprouts.

So beginnt

Kathrine Kressmann Taylor: Address unknown (1938)

Auf Deutsch erschien das schmale Werk erst 2001, und zwar unter dem Titel Adressat unbekannt.

Zum Inhalt

Die Geschichte spielt von 1932 bis 1934 und besteht aus einem (fiktiven) Briefwechsel zwischen einem jüdischen, inzwischen in Amerika lebenden Kunsthändler und seinem Freund und Geschäftspartner Martin, der nach Deutschland zurückgekehrt ist.

Versichern sich die beiden in ihren Briefen zunächst noch ihrer innigen Freundschaft, bei der es keine Rolle spielt, dass Max Eisenstein Jude ist, so ändert sich allmählich der Ton in den Briefen. Martin findet trotz anfänglicher Zweifel immer mehr Gefallen an der erstarkenden Bewegung der Nationalsozialisten und sieht in ihr die Chance auf ein neues Deutschland, das sich nicht länger hinter der Schande von Versailles verstecken müsse.

Besorgte und kritische Fragen des amerikanischen Freundes zu den Veränderungen in Deutschland werden zunehmend verärgert vom Tisch gewischt. Schließlich bittet Martin sogar darum, dass Max ihm keine Briefe mehr an seine Privatadresse schickt, da dies ihm nur unnötigen Ärger mit der Zensur und den neuen Machthabern eintrage. Er hofft dafür auf Verständnis. Doch Max muss ihm doch noch einmal schreiben: Er bittet seinen alten Freund, eine diskret-schützende Hand über seine Schwester Griselle, die ehemalige Geliebte von Martin, zu halten, da diese politisch naiv ein Schaupielengagement in Berlin angenommen habe und er um ihre Sicherheit fürchtet, sollte sie als Jüdin enttarnt werden.

Ab hier wäre es schade, den weiteren Fortgang der Handlung vorwegzunehmen.

Fazit

Bei nur 57 Seiten (und einer außerordentlich großzügigen Platzaufteilung) sind natürlich keine tiefen Charakterschilderungen und Feinheiten im Detail möglich. Dennoch ist Address unknown ein spannendes Lehrstück, eine Geschichte, deren Ende den Leser überrascht und ihn mit einigen Fragen, und vielleicht auch mit – vorschneller – Genugtuung zurücklässt. Meine Ausgabe – gespickt mit Rechtschreibfehlern – hat, obwohl das für das Verständnis des Werkes und des Titels entscheidend ist, nicht kenntlich gemacht, dass der letzte Brief, den Max schreibt, an ihn mit dem Vermerk „Adressat unbekannt“ zurückgesandt wird.

Hintergrund

Das Wichtigste an dieser Geschichte ist aber wohl ihr Erscheinungsdatum: Sie wurde 1938 in der Zeitschrift Story veröffentlicht und warnte also sehr früh die amerikanische Öffentlichkeit vor dem Nationalsozialismus, die sehr lange der Meinung war, dass man sich in europäische Belange nicht einmischen solle. Die komplette Ausgabe der Zeitschrift war innerhalb von zehn Tagen ausverkauft. Reader’s Digest veröffentlichte eine gekürzte Version und die kurz darauf erschienene Buchausgabe war mit 50.000 verkauften Exemplaren ein für damalige Verhältnisse unglaublicher Erfolg. In Deutschland wurde das Buch 1939 verboten.

Im Vorwort einer amerikanischen Ausgabe gibt der Sohn der Autorin einige Hinweise zur Entstehung des Romans: Seine Mutter habe selbst erlebt, wie kultivierte warmherzige Deutsche, die längere Zeit in Amerika gelebt hatten, sich nach ihrer Rückkehr nach Deutschland massiv veränderten und bei einem Besuch in Amerika einen alten Freund auf der Straße ignorierten, weil dieser Jude war.

What changed their hearts so? What steps brought them to such cruelty? These questions haunted me very much and I could not forget them. […] I began researching Hitler and reading his speeches and the writings of his advisors. What I discovered was terrifying. What worried me most was that no one in America was aware of what was happening in Germany and they also did not care.

Wiederentdeckung

1995 wurde das schmale Bändchen anlässlich des 50sten Jahrestages der Befreiung der Konzentrationslager neu aufgelegt und erregte noch einmal internationales Aufsehen. In Frankreich stand es zwei Jahre auf der Bestsellerliste und wurde außerdem für die Bühne bearbeitet. Kressmann Taylor (1903 – 1996) erlebte als hochbetagte Dame den zweiten Erfolg ihres Werkes noch persönlich mit und verbrachte ihr letztes Lebensjahr mit Interviews und Autogrammstunden. Die deutsche Übersetzung erschien, wie gesagt, erst 2001.

Und das sagen die Kritikerinnen Anne Karpf und Elke Heidenreich

Im Juli 2002 äußerte sich Anne Karpf im Guardian enthusiastisch:

If I were to tell you that a novel made up entirely of letters, just 54 pages long (eight of them blank), came with a New York Times Book Review plaudit on its cover judging it „the most effective indictment of Nazism to appear in fiction“, you might think it the mother of all hype. Yet spend three-quarters of an hour with it and you’ll be jabbing all comers with the injunction: ‚Read!‘

Elke Heidenreich empfahl das schmale Werk als Schullektüre und damit liegt sie keineswegs verkehrt. Natürlich kann man das kleine fiktive Werk nicht mit Dokumenten wie Viktor Klemperers Tagebüchern vergleichen. Aber Umfang, Spannung, Botschaft und Diskussionsanlässe sprechen für eine Lektüre im Unterricht. Ja, sie versteigt sich sogar zu den Sätzen:

Ich habe nie auf weniger Seiten ein größeres Drama gelesen. Diese Geschichte ist meisterhaft, sie ist mit unübertrefflicher Spannung gebaut, in irritierender Kürze, kein Wort zuviel, keines fehlt. […] eine viel größere Öffentlichkeit sollte ihm beschieden sein. Nie wurde das zersetzende Gift des Nationalsozialismus eindringlicher beschrieben. ‚Adressat unbekannt‘ sollte Schullektüre werden, Pflichtlektüre für Studenten, es sollte in den Zeitungen abgedruckt und in den Cafes diskutiert werden. Ich würde wieder mehr Vertrauen in dieses Land haben, wenn ich dieses Buch in den nächsten Monaten und Jahren aus vielen Jackentaschen ragen sähe. Ich träume von einer morgendlichen vollen U-Bahn in Berlin, in der Hunderte von Menschen Kressmann Taylor lesen, aufsehen und sich mit Blicken gegenseitig versichern: nie wieder. (im Nachwort zu der Ausgabe anlässlich des Welttag des Buches 23/4/2012)

Diese Hoffnung nennt sie selbst „sentimental“, ich finde sie eher schrill und die Vorstellung, dass eines Morgens alle Menschen in der U-Bahn das gleiche Buch lesen, klingt für mich eher nach einer bedenklichen Massengehirnwäsche. Dann doch lieber das ironische Understatement von Anne Karpf …

Weitere Besprechungen gibt es bei:

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Geert Mak: Amsterdam: A brief life of the city (1994)

The people who lived through Amsterdam’s history have vanished. Nobody can tell their stories; nevertheless, dumb witnesses to what happened still exist in their thousands. Time and again small fragments are released from this silent archive. Beneath the foundations of an old house in the Warmoesstraat, next to the red-light district of the Oudekerksplein, building workers found a barely deteriorated layer of fourteenth-century cow dung and straw, and a pair of bone skates, remnants of the time when the Warmoesstraat was still a dyke, and Amsterdam a little village on the IJ. […] Again, by the Herengracht, […] excavations for a new bank laid bare a bizarre combination of objects: the lower beams of an old mill; a silver medallion bearing a rose-shaped cameo; several skeletons in almost totally disintegrated coffins; a horn ointment press; smelling bottles […] a mediaval stone wall lamp; a single lady’s shoe. The builders had chanced upon the site of the provisional pesthouse from the seventeenth century; a place where thousands of victims of the Black Death spent their last days.

Mit diesem Zitat von Seite 1/2 bekommen wir schon einen guten Eindruck von dem wunderbaren Reiseführer in die Geschichte und Kultur Amsterdams von Geert Mak.

Die englischsprachige Übersetzung stammt von Philipp Blom. Die deutsche Ausgabe mit dem Titel Amsterdam: Biografie einer Stadt, übersetzt von Isabelle de Keghel, erschien im btb Verlag.

Zum Inhalt

Mak, der mich schon mit Das Jahrhundert meines Vaters begeistert hat, zeichnet hier auf 338 Seiten die Entwicklung Amsterdams nach. Dazu benutzt er u. a. Tagebuchaufzeichnungen eines Mönchs aus dem 16. Jahrhundert, archäologische Funde, Recherchen in Archiven und Interviews.

Er geht ein auf die Anfänge als kleines Dorf:

When all is said and done, Amsterdam was an impossible city. Everything that was built sank into the mud, especially in later centuries when the harbour could only be reached by a complicated route made more difficult by sandbanks and headwinds. (S. 20)

Wir erleben die Bedeutung der Religion in der Stadt und den allmählichen Siegeszug der Reformation:

In the year 1500, Amsterdam had no fewer than 20 convents and monasteries, roughly one for every 500 inhabitants. (S. 44)

Und dieses Dorf steigt zu einer europäischen Großmacht auf, die die Meere und den Handel, u. a. mit Sklaven, beherrscht, sodass man das 17. Jahrhundert als das Goldene Zeitalter bezeichnet, in der die Künste florierten. Es geht um die Entdeckung neuer Handelsrouten und darum, dass nur ein Bruchteil der Schiffsmannschaften wieder heil nach Hause kam.

One in ten deck hands would not even survive the outward-bound journey. One in every 25 ships would sink on its way back from the West Indies. Of the 671,000 men who travelled out from Amsterdam, only 266,000 were to return. (S. 161)

Er beleuchtet die spezifische Regierungsform der alten Kaufmanns- und Handelsstadt, das lärmige und internationale Treiben am Hafen, die kriegerischen Auseinandersetzungen, in die die Stadt verwickelt war, das (grauenhaft brutale) Strafsystem im Mittelalter, die Lebensbedingungen der einfachen Leute und die entsetzlichen Hungerwinter, in denen die Grachten zufroren, die Stadt deshalb kein sauberes Trinkwasser mehr hatte und Menschen in ihren Häusern oder auf den Straßen erfroren.

Mak beschäftigt sich mit Architektur und Transport:

The building of the Central Station was the largest construction project in nineteenth-century Amsterdam, and the city’s greatest planning blunder ever. (S. 207)

Doch auch Wirtschaft, Politik, die Entstehung der Grachtenlandschaft und die Mentalität der Bewohner wird unter die Lupe genommen. Wir erfahren, warum Rembrandt ein Armengrab bekam und dass besondere Tulpenzwiebeln wie die der Semper Augustus schon mal so viel wie ein großes Haus samt Garten kosten konnten.

Famously, in 1636, the trading index of tulip bulbs had rocketed in Amsterdam and throughout the rest of Holland. (S. 154)

Wir erfahren etwas über die relative Toleranz gegenüber Andersgläubigen, den Aufstieg des Schiffsbaus, die Rolle der jüdischen Einwohner, die Besetzung durch Nazi-Deutschland, die unvorstellbaren Gräueltaten der Besetzer. Dabei setzt sich Mak auch mit der Kollaboration seiner Landsleute auseinander.

Die rasanten gesellschaftlichen Veränderungen im Nachkriegsholland kommen ebenfalls zur Sprache bis hin zu den anarchistischen Ausschreitungen bei der Hochzeit der späteren Königin Beatrix.

Fazit

Zwar hätte ich mir eine üppigere Illustration gewünscht, die sich hier ja wirklich angeboten hätte, dennoch:

Ein tolles Buch, allen zur Vorbereitung oder Nachbereitung einer Reise nach Amsterdam dringend empfohlen! Mak schafft es, übersprudelnd informativ und gleichzeitig unterhaltsam, spannend und interessant zu schreiben, da er immer ganz dicht am Leben der Menschen bleibt. Da finden sich dann so nette Passagen wie die folgende:

This specialization of trades [im 14. Jahrhundert] must have had momentous consequences, especially for women. Until the thirteenth century, they ground the grain by hand at home, made bread, wove garments and baked pots in the fire. By the end of the twelfth century, however, looms and potteries were beginning to be introduced, and soon these female tasks were taken over by male weavers and potters. This transition is clear from fingerprints found on earthenware dating from this time. With the help of fingerprint experts from the municipal police, Amsterdam city archaelogists were able to establish that the earliest pieces of earthenware were almost always handmade by women. Later, however, the pieces show the prints of men’s fingers. (S. 26)

IMG_0496Gemälde aus dem Het Scheepvaartmuseum in Amsterdam

Hans Sahl: Die Wenigen und die Vielen (1959)

Ich bin kein Held. Ich habe Angst vor Ratten und vor Schlangen. Ich gehe ungern durch einen dunklen Wald. Ich liebe es nicht, mißhandelt zu werden. Schlachtenlärm und Weltuntergänge sowie alle historischen Ereignisse, die sich geräuschvoll abspielen, sind mir unsympathisch. Ich liebe Bücher und Bilder, gute Musik und gute Weine. Ich esse gern gut. Ich lebe gern bequem. Unter normalen Umständen wäre ich gewiß ein nützliches Mitglied der Gesellschaft geworden.

Mit diesen fulminanten Sätzen beginnt das erste Kapitel des einzigen Romans von

Hans Sahl: Die Wenigen und die Vielen (1959)

Der Roman wurde 2010 im Luchterhand Verlag neu aufgelegt.

Zum Autor

Sahl (1902 – 1993) war während der Weimarer Republik ein wichtiger Literatur- und Theaterkritiker. Bereits 1933 emigrierte er über Prag nach Paris. Zunächst politisch links orientiert, verweigerte er sich schließlich dem Stalinismus, was ihn viele Freundschaften kostete. Nach einem längeren Aufenthalt in Marseille gelang ihm 1941 die Flucht nach Amerika.

Zum Inhalt

Das stark autobiografisch geprägte Buch Die Wenigen und die Vielen schildert in der Rahmenhandlung, wie sich Sahls literarisches Alter Ego Georg Kobbe 1941 ziellos durch die Straßen New Yorks treiben lässt. Dabei trifft Kobbe andere Emigranten, besucht seine ebenfalls emigrierte Schwester oder kommunistische Exilantenzirkel, versucht zu schreiben und wartet auf das Ende des Krieges.

In langen Rückblenden erzählt er seine Geschichte, die ohne den Terror und den von den Nationalsozialisten herbeigeführten Weltuntergang ja völlig anders verlaufen wäre. Kobbe erinnert sich an seine Kindheit in einem wohlhabenden jüdischen Milieu und den späteren Bruch mit seinem Vater, der ihm eine Schriftstellerexistenz verbieten will.

Die Welt war ein Taschentuch, das man zusammenlegen und auseinanderfalten und in Dreispitze, Königskronen, in Gebirgszacken und schneebedeckte Abhänge verwandeln konnte. Die Welt, das war auch das Badewasser, das zum Meer wurde, wenn man so tief lag, daß die Augen gerade über den Wasserspiegel sahen wie zwei untergehende Sonnen. Dann schlugen haushohe Wellen, Brandung wälzte sich heran, überschwemmte Mund, Nasenlöcher und Seifennapf, der wie ein Landungssteg an die Wann geklebt war, und Meeresungeheuer erhoben sich aus der Tiefe in Form von Knien, Zehen, Ellbogen und Handgelenken. Die Welt, das war auch all das, was man selbst nicht war, ein Tisch, ein Schrank, eine geputzte Messingklinke am Sonntag […] Die Welt, das war der Stuhl, in dem mein Vater am Abend zu sitzen und die Zeitung zu lesen pflegte. (S. 52)

Genauso setzt er sich aber auch mit dem deutsch-jüdischen Bürgertum auseinander, das sich das, was da noch kommen sollte, den Zusammenbruch jeglicher zivilisatorischer Normen, buchstäblich nicht vorstellen konnte, und sinniert über die Gründe für den Aufstieg der brauen Horden, die ihn schließlich auf ihre schwarzen Liste setzen.

Der einzelne hat aufgehört, für sich selbst zu denken. Er ruft nach der Gefangenschaft wie ein Verdurstender nach Wasser. Glücklich, einer Verantwortung enthoben zu sein, die ihnen längst aus der Hand genommen worden war, pflastern sie den Weg, auf dem der Eroberer einzieht, mit ihren Leibern, wollüstig die Schmach auskostend, erobert zu sein, Wachs, das darauf wartet, geformt und zu Stahl und Zement umgegossen zu werden. (S. 121)

Es liegt eine große Verführung darin, das Verbotene zur Staatsreligion zu erheben. Zwei Jahrtausende Christentum haben den Menschen gelehrt, sein schlechtes Gewissen mit Anstand zu verbergen. Jetzt fordert man ihn auf, sich öffentlich dazu zu bekennen. Sei schlecht, sagt man ihm, koste den Rausch der Schlechtigkeit aus, der uns zu Brüdern macht. Wie? Man hat dich gelehrt, du sollst nicht töten? Töte! Hier ist das Messer. Wir zeigen dir, wie es gemacht wird. Wir sind eine große Horde. […] Wie? man hat dir gesagt, daß die Leiden der anderen auch deine Leiden sind? Hier ist ein Mensch. Er ist schwächer als du. Er kann sich nicht wehren. Schlage ihn. Du wirst sehen, daß es schön ist, einen Menschen zu schlagen, der sich nicht wehren kann. Wir haben den Mut, unseren geheimen Neigungen zu leben. Wir sagen: Hasse deinen Nächsten wie dich selbst und sei unbesorgt – wir stehen hinter dir, wir schützen dich. […] Hast du nie davon geträumt, grausam zu sein um der Grausamkeit willen, zu verhöhnen, was du gestern angebetet hast? Dies alles bieten wir dir. Schlag ein. Es lohnt sich. (S. 123)

Menschen brauchen ein Ideal, um mit gutem Gewissen morden zu können. (S. 85)

Es folgen die Etappen seiner Flucht: Prag, Amsterdam, Paris, die Internierung, der grauenhafte Marsch bis nach Marseille, wo er auf Varian Fry trifft und vom Emergency Rescue Committee unterstützt wird, schließlich die Flucht nach Lissabon und die Schifffahrt nach New York.

Dann wieder schildert Kobbe den Abschied von seiner alten Mutter, die in Berlin zurückbleibt:

Sie hatte sich damit abgefunden. Sie machte keine Szenen mehr. Sie war ausgesetzt in diese Zeit, der sie sich mit Anstand gewachsen zeigen mußte. Niemand half ihr dabei. Niemand sagte ihr, was sie zu tun hatte. Sie mußte es selber wissen. Sie mußte ganz allein damit fertig werden. Sie mußte wissen, warum jetzt Menschen mit Holzlatten aufeinander losschlugen, warum man Herren aus guter Familie, mit deren Eltern sie noch zur Schule gegangen war, aus dem Fenster warf, warum dieser oder jener verschwand und warum ich jetzt verschwinden mußte. Es ging alles so schnell. Man hatte keine Zeit, es ihr zu erklären. Man erwartete von ihr, daß sie es von selbst verstehen würde. Ja, wir hatten sie gut erzogen. Wir erlaubten ihr nicht, sich an jene Zeit zu erinnern, da sie sich mit Schuberts ‚Wanderer‘ das Herz meines Vaters erobert hatte. (S. 162)

Er streift das Schicksal vieler Weggefährten, hinter denen man – wenn auch unter anderen Namen – unschwer Dichter wie Brecht und Roth erkennen kann. Kobbe versucht, sich seiner selbst zu vergewissern und das Gefühl fortwährender Fremdheit zu ergründen, das ihn auch nach Jahren in der amerikanischen Großstadt nicht verlässt. Ja, er fühlt sich selbst eher wie eine Romanfigur, der der eigene Sinn abhanden gekommen ist.

Kobbe erinnert sich an den Hunger in Paris, als man endgültig kein Geld mehr und kaum noch Kraft hatte, Treppen zu steigen, und an die zahlreichen lebensbedrohlichen Situationen, denen man ausgesetzt war, obwohl man doch ein Mensch des zivilisierten zwanzigsten Jahrhunderts war, dem die Eltern beigebracht hatten, mit Gabel und Messer zu essen, vor älteren Damen aufzustehen und den anderen ausreden zu lassen.

Wir nehmen Anteil an seinen Gedanken nach dem Warum und Wohin, den Fragen nach der Natur des Menschen und nach dem Verhältnis zwischen Individuum und Gesellschaft und an seiner äußeren und inneren Heimatlosigkeit.

Fazit

Der Roman wird von diversen Kritikern als ein Hauptwerk der Exilliteratur angesehen. Zunächst ging es mir wie Mara, die kürzlich über ihr Problem, Lektüren abzubrechen, nachgedacht hat, und ich fand keinen Zugang zu dem Patchworkartigen, dem Hin- und Herspringen in der Chronologie, dem Wechsel der Perspektiven und Textsorten und der nüchternen Erzählweise.

Vielleicht ist es genau diese Gemengelage, die Sahl dazu bewog, seinem Buch den Untertitel Roman einer Zeit zu geben, denn gerade das Fragmentarische, das Unzusammenhängende und das Zersplitterte ist wohl das Zeittypische und das Charakteristikum dieser Biografie. Nur muss man sich als Leser auf diese Sprünge einlassen und Aufmerksamkeit mitbringen, damit man den heimlichen Faden nicht verliert. Ich brauchte einen zweiten Anlauf, bis mich das Buch am Wickel hatte, dann aber richtig. Wow, was für ein Buch!

Es ist ohne Frage literaturgeschichtlich wichtig, aber auch erhellend, interessant und spannend, schildert es doch beispielhaft, was das eigentlich bedeutet, seine Heimat unfreiwillig hinter sich zu lassen:

Ich war allein. Wahrscheinlich ging es jetzt jedem so. Deutschland war ein feindliches Land geworden. Man war aus Versehen hinter die feindlichen Linien geraten und mußte sehen, wie man wieder herauskam. Es war nichts Heroisches an diesem Unternehmen. Es war kein von langer Hand vorbereitetes Abschiednehmen von den ‚Stätten der Kindheit‘. Man nahm ganz einfach seinen Hut und ging hinaus und wußte nicht, wann man wiederkommen würde. Vielleicht in zwei Stunden, oder in zwei Jahren, oder nie mehr, die Hauptsache war, daß es einem gelang, unbemerkt das Haus zu verlassen, einen Zug zu besteigen und die Grenze zu überschreiten. Alles andere war Nebensache. (S. 156)

Oft ist die Erzählweise nüchtern, ja geradezu lakonisch, was Kobbe auf die Erfahrungen zurückführt, die die Emigranten gemacht haben. Als der Erzähler während seiner Spaziergänge durch New York zufällig einen Bekannten aus Deutschland trifft, heißt es:

‚Wann sind Sie angekommen?‘ fragte Kobbe.
‚Vor sechs Monaten.‘
Kobbe fragte nicht weiter. Man hatte längst aufgehört, sich nach Einzelheiten zu erkundigen. Der eine war über Martinique, der andere über Lissabon gekommen; sonst war alles so ziemlich dasselbe. Lager, Flucht, falsche Pässe, der schmale Gebirgspfad über die Grenze, der Kampf um den Schiffsplatz – man konnte die einzelnen Etappen schon wie einen Rosenkranz herunterbeten. Individuelle Abweichungen verloren bei dieser Massenflucht an Interesse. Selbst die Todesangst wurde zum abgenutzten Gesprächsthema, das keinen Zuhörer mehr fesselte. Man lebte, man war da – das genügte. Wer nicht da war, hatte Pech gehabt. Im übrigen fingen die Schwierigkeiten erst an, wenn man überlebt hatte. (S. 23)

Immer wieder gab es Stellen, die ich am liebsten seitenlang zitieren würde, und die ersten Seiten waren mit die beeindruckendsten, die ich je an einem Buchanfang gelesen habe, auch wenn dieses messerscharfe, auf den Punkt genaue Formulieren, dieses geradezu Unerbittliche nicht auf Dauer durchgehalten werden kann.

Dem Erzähler gelingt es, all die vielen Facetten des Grauens und des Unfasslichen, das Traurige und die Auflösung der Selbstverständlichkeiten mit seinen Worten zu fassen. Ich bin froh, bei diesem Buch einen zweiten Anlauf unternommen zu haben. Es hat sich gelohnt.

Abschließend noch ein Zitat, das überall da gilt, wo das Recht mit Füßen getreten wird:

… und schlug dem anderen mit einer Holzlatte über den Kopf. Der andere bettelte: ‚Laß mich gehen. Ich habe dir nichts getan.‘ Der Stärkere lachte. Im ganzen Land wurde jetzt der Stärkere gegen den Schwächeren ausgespielt. Dieser hier spürte seine neue Macht und kostete sie aus. Zuerst hatte er nur im Scherz nach der Holzlatte gegriffen. Aber dann war da etwas in dem Gesicht des andern, das ihn aufbrachte, ein leiser, menschlicher Zug um den Mund, etwas, das er kannte, das nach Angst aussah – und Angst – das war man selber – Angst mußte totgeschlagen werden. (S. 92)

Anmerkung

Hier geht’s lang zu weiteren Besprechungen:

IMG_0347Mater Dolorosa, Pietro Torrigiani zugeschrieben, Anfang des 16. Jahrhunderts (eigene Aufnahme)

Varian Fry: Auslieferung auf Verlangen (OA 1945; deutsche Ausgabe 1986)

Vor kurzem stellte ich hier Eveline Haslers Buch Mit dem letzten Schiff  (2013) vor, in dem es auf S. 215 heißt:

Fry begann die Ereignisse der Marseiller Zeit aufzuschreiben, um auf diese Weise mit den verstummten Freunden verbunden zu bleiben, doch eine Veröffentlichung war noch zu heikel für alle Beteiligten. Als dann nach Kriegsende 1945 Varian Frys ‚Surrender on Demand‘ erschien, wurde das Buch von der Presse gelobt, verkauft wurde es schlecht.

Ja, das stimmt: Die Erinnerungen Varian Frys an die 13 Monate, in denen er in Marseille die Arbeit des Emergency Rescue Committee koordinierte, das von den Nazis verfolgten Intellektuellen und Künstlern zur Flucht verhelfen sollte, erschienen bereits 1945 unter dem Titel Surrender on Demand.

Die deutsche Erstausgabe Auslieferung auf Verlangen wurde von Jan Hans und Anja Lazarowicz übersetzt und 1986 im Hanser Verlag veröffentlicht.

Eine Neuausgabe erschien 1995 im Fischer Taschenbuch Verlag. Diese ist unbedingt lesenswert, doch was ich bei der Lektüre herausfand, geht weit über das hinaus, was ich erwartet habe. Ich stelle dabei zunächst einmal unkommentiert einige Textstellen von Fry und Hasler einander gegenüber.

Varian Fry (zitiert nach der Ausgabe des Fischer Taschenbuch Verlages, S. 13):
Vor dem Bahnhof gab es keine Taxen, aber viele Gepäckträger. Einer nahm meinen Koffer.
„Welches Hotel?“ wollte er wissen.
„Splendide“, sagte ich.
„Haben Sie ein Zimmer bestellt?“
„Nein.“
„Dann werden Sie wohl auch keines bekommen“, sagte er. „Versuchen Sie es lieber im Hotel Suisse. Das ist das einzige Hotel in der Stadt, wo es noch Zimmer gibt. In Marseille ist alles von Flüchtlingen belegt.“

Eveline Hasler (S. 11)
Im Taxi nannte Fry das Hotel Splendide.
„Haben Sie dort reserviert?“, fragte der Chauffeur.
Fry verneinte.
„Marseille quillt über von Reisenden und Emigranten, in den großen Hotels finden Sie heute garantiert keinen Platz!“

——

Fry (S. 16)
Im Hotel tat man sehr geheimnisvoll, und ich mußte eine ganze Weile warten, bis man mir schließlich erlaubte, zu ihren Zimmern hinaufzugehen.

Hasler (S. 71)
Im vornehmen Hotel du Louvre et de la Paix, wo Fry an der Rezeption den Namen Werfel nannte, tat man geheimnisvoll. Erst nach längerer Diskussion bequemte man sich dazu, die Gäste in ihrer Suite zu benachrichtigen.

——

Fry (S. 16)
Werfel sah genau so aus wie auf den Fotos: groß, untersetzt und bleich – wie ein zur Hälfte gefüllter Mehlsack.

Hasler (S. 73)
… doch mit dieser Statur eines halbgefüllten Mehlsacks (gemeint ist Werfel)

——

Fry (S. 33)
… aber jeden Tag kamen waggonweise Soldaten, die entweder in Südfrankreich oder in Afrika demobilisiert werden sollten. Marseille war mit Soldaten ebenso überfüllt wie mit Flüchtlingen. Alle Waffengattungen der französischen Armee waren vertreten: Kolonialsoldaten mit leuchtend rotem Fes oder ‚Chechias‘ auf dem Kopf; Freiwillige der Fremdenlegion, die ihre ‚Kepis‘ in Staubschutzhüllen trugen; Zuaven in weiten türkischen Pluderhosen […]; Gebirgsjäger in olivgrünen Uniformen und mit gewaltigen Baskenmützen, die bis über das linke Ohr heruntergezogen wurden; staubige Schanzarbeiter aus den Tunneln der Maginot-Linie in grauen Pullovern; Kavallerieoffiziere in eleganten Khaki-Röcken, maronfarbenen Reithosen und, statt Kepi oder Stahlhelm, mit verwegenen, velourbraunen Mützen; schwarze Senegalesen mit Turbanen …

Hasler (S. 47)
Was für ein Ort, dachte Justus. […] Am auffälligsten die Militärs: Soldaten aus den Kolonien mit rotem Fes. Tiefschwarze Senegalesen mit Turbanen. Freiwillige der Fremdenlegion mit weißen Kepis in Staubhüllen. Zuaven mit türkischen Pluderhosen. Gebirgsjäger in olivgrünen Uniformen und mit gewaltigen Baskenmützen. Kavallerieoffiziere in eleganten Khakiröcken und mit verwegenen samtbraunen Mützen…

——

Fry (S. 36)
Noch bevor meine erste Woche in Marseille zuende ging, hatte es sich offenbar in der gesamten nicht besetzten Zone herumgesprochen, daß ein Amerikaner aus New York angekommen war, wie ein Engel vom Himmel gefallen sei, Taschen voller Geld und Pässe und einen direkten Draht zum State Department habe, so daß er jedes beliebige Visum im Handumdrehen besorgen konnte. Jemand erzählte sogar, daß es in Toulouse einen tüchtigen Geschäftsmann gab, der meinen Namen und meine Adresse für 50 Francs an Flüchtlinge verkaufte.

Hasler (S. 52)
[Hertha Pauli im Gespräch mit Walter Mehring]: „Ein Amerikaner ist vom Himmel gefallen! Mit Taschen voller Dollars und einer Namensliste, wer von den Künstler und Intellektuellen unbedingt zu retten sei. …“
[als Gedanke Miriam Davenports, S. 54]: In Toulouse, so erzählte man, verkaufe ein tüchtiger Geschäftsmann bereits Name und Adresse von Varian Fry für fünfzig Francs, der Amerikaner könne im Handumdrehen jedes beliebige Visum besorgen! Das kam ihr übertrieben vor.

——

Fry (S. 56)
Jedesmal, wenn ein Zug ankam und abfuhr, hörte man unten auf dem Pflaster das tausendfüßige Getrappel von Menschen, die die große Treppe hinaufliefen oder heruntereilten.

Hasler (S. 76)
In diesem Moment fuhr oben im Bahnhof rumpelnd ein Zug ein, für Minuten war nichts anderes zu hören als Zurufe und das Getrappel der Ankommenden auf den Marmorstufen.

——

Fry (S. 65)
Wir steckten Mehring im Splendide ins Bett. Der Arzt kam, sah ihn kurz an und schrieb dann ein sehr eindrucksvolles Attest. Es besagte nicht nur, daß Monsieur Mehring krank und somit unfähig war, wegen der Verlängerung seiner Aufenthaltserlaubnis auf der Präfektur vorzusprechen, es bestätigte auch noch, daß Mehring nicht vor Mitte November in der Lage sein würd, sein Zimmer zu verlassen.
Ich brachte Barellet das Attest, und er verlängerte Mehrings Aufenthaltsgenehmigung unverzüglich um zwei Monate. Für einen nicht-französischen Flüchtling war das äußerst ungewöhnlich, meistens wurde der Schein höchstens um zwei Wochen verlängert.

Hasler (S. 90)
Der Arzt kam und schrieb nach kurzer Visite ein eindrückliches Attest mit der Feststellung, Mehring sei nicht in der Lage, sein Bett vor Mitte November zu verlassen. Barallet wiederum verlängerte den Aufenthaltsschein gnädig um zwei Monate anstelle der üblichen zwei Wochen.

——

Fry (S. 73)
Harry Bingham [der amerikanische Vizekonsul] wohnte in einer Villa in der Rue du Commandant Rollin, einer Straße, die hinter der Corniche ein ganzes Stück vom Stadtzentrum entfernt liegt. Ich rief ihn an, nachdem ich vom Scheitern des Schiffsplans erfahren hatte. Er lud Bohn und mich zum Essen ein.
Es begann schon zu dämmern, als wir auf der Cannebiere in die Bahn zur Rue Paradis einstiegen, und es wurde dunkel, als wir das Gartentor aufstießen und den langen Weg zum Haus hinaufgingen. Auf der Kiesterrasse saß an einem kleinen Eisentisch Feuchtwanger – Harry [Bingham] hatte gerade sein Bad in einem seichten Fischteich etwas weiter unten beendet. […] Feuchtwanger war ein kleiner, verhutzelter Mann, aber er sprühte nur so vor Energie und Ideen.

Hasler (S. 93/S. 94)
Der Vizekonsul wohnte außerhalb der Stadt, an der Rue du Commandant Rollin, hinter der Corniche. Mit der Straßenbahn, von der Canebiere aus, war das Haus bequem zu erreichen. Als die beiden Besucher die Gartentür öffneten, begann es zu dämmern, […] Aus einem dieser Gewässer stieg nun etwas an Land, das einem Neptun glich, sich jedoch am Ufer in einen kleinwüchsigen Mann verwandelte, der in einen Bademantel schlüpfte und über eine Terrasse im Haus verschwand. ‚Es ist Feuchtwanger‘, flüsterte Bohn. […] Feuchtwanger […] zeigte sich an diesem Abend voller Energie und sprühte nur so vor Ideen.

——

Fry (S. 81)
[Einer der Helfer von Fry während der Rettungsaktion für Golo Mann, Heinrich und Nelly Mann und die Werfels: ‚Der Grenzbeamte meint], ihr solltet es trotzdem versuchen. Er sagt, man weiß nie, was passiert. Es könnte sein, daß morgen schon ein neuer Befehl aus Vichy kommt und er euch alle verhaften muß. Deshalb glaubt er, ihr solltet hier weg, solange ihr noch könnt. Er ging sogar mit mir nach draußen, um mir den besten Weg zu zeigen.‘
Ich sah mir den Berg an. Er war ziemlich hoch, und es war ziemlich heiß.
‚Mensch, Ball‘, sagte ich. ‚Ich glaube nicht, daß Werfel das jemals schafft. Er ist zu dick, und Heinrich Mann ist zu alt.‘

Hasler (S. 101)
‚Er hat uns aber geraten, es trotzdem zu versuchen. Es könne sein, dass morgen ein neuer Befehl aus Vichy komme und er uns alle verhaften muss. Er ging sogar mit mir vor den Bahnhof, um mir den besten Weg zu zeigen.‘
Fry schaute zum Berg hinauf. Er war ziemlich hoch, und der Tag drohte sehr heiß zu werden.
‚Mensch, Ball‘, murmelte Fry. ‚Ich glaube nicht, dass Werfel das schafft. Er ist zu dick, und Heinrich Mann ist zu alt.“

——

Fry (S. 260)
Ich war genau um elf Uhr in seinem Büro [dem Büro des Marseiller Polizeichefs], und er ließ mich eine dreiviertel Stunde warten – eine feinsinnige Form der Folter. Auf einen Summton hin wurde ich schließlich in ein großes Büro geführt. Am Ende des Raumes stand vor einem großen Fenster der Schreibtisch, hinter dem de Rodellec du Porzic saß. Das durch das Fenster einfallende Licht blendete mich aber so, daß es einige Minuten dauerte, bis ich sein Gesicht deutlich erkennen konnte. […] Schließlich sah er auf.
‚Sie haben meinem lieben Freund, dem Generalkonsul der Vereinigten Staaten, viel Verdruß bereitet‘, sagte er.
‚Ich denke, der Konsul kann seine Probleme selbst lösen‘, antwortete ich.
‚Mein Freund der Generalkonsul berichtete mir, daß Sie sowohl von Ihrer Regierung als auch von dem amerikanischen Komitee, das Sie hier vertreten, aufgefordert wurden, unverzüglich in die Vereinigten Staaten zurückzukehren‘, fuhr er fort.

Hasler (S. 196/197)
Fry erschien pünktlich bei Rodellec du Porzic [dem Polizeichef von Marseille]. Der Chefbeamte, wohl um seine Macht zu demonstrieren, ließ den Amerikaner eine Dreiviertelstunde warten, dann endlich wurde Fry in du Porzics Heiligtum eingelassen. In den durch das Fenster eindringenden Sonnenstrahlen war du Porzics Kopf ganz in sanftes Licht getaucht, Fry musste warten, bis seine geblendeten Augen die Gesichtszüge seines Gegenübers erfassen konnten. […] Schließlich blickte er [du Porzic] auf und begann: ‚Mister Fry, Sie haben meinem lieben Freund, dem Generalkonsul der Vereinigten Staaten, viel Verdruss bereitet!‘
‚Ich denke, der Konsul kann seine Probleme selbst lösen‘, antwortete Fry.
‚Es wird mir berichtet‘, fuhr du Porzic fort, ‚dass Sie von Ihrer Regierung und von dem Komitee, das Sie vertreten, aufgefordert werden, unverzüglich heimzureisen.‘

Und so könnte man diesen Textvergleich noch eine ganze Weile weiterführen. Muss man aber nicht.

Fazit

I am not amused und nehme mein positives Urteil zu Eveline Haslers Buch zurück.

Natürlich kann ein Buch wie das von Hasler nicht ohne Recherche entstehen, und einige wenige Male kennzeichnet sie wörtlich von Fry übernommene Stellen mit Hinweisen wie „wie Fry später sagen würde“. Aber was ist mit all den anderen unzähligen Stellen, die sie nicht als Zitat gekennzeichnet hat, bei denen sie dreist aus den Erinnerungen Frys zitiert oder Passagen nur unwesentlich umformuliert und hin und wieder dabei sogar Details verändert hat?

Und die Stellen, die ich zunächst bei Hasler für die gelungeneren hielt, sind just die, die direkt auf Frys Bericht zurückgehen.

Also: Wer sich für die Arbeit des Emergency Rescue Teams interessiert, der lese unbedingt das Buch Auslieferung auf Verlangen von Varian Fry und vergesse das Buch von Hasler. Fry erklärt ohnehin sowohl Details als auch Zusammenhänge wesentlich besser. Hasler war ja über die ganzen bürokratischen Feinheiten bei der Visa-, Pass-, Transit- und Ausreisegenehmigungsbeschaffung, in denen ein wesentlicher Bestandteil der Flüchtlingshilfe lag, sehr luftig-locker hinweggeglitten.

Auch Frys Mitarbeiter und Unterstützer, die sich nicht scheuten, Gangster und andere dubiose Gestalten in ihr Rettungswerk miteinzubeziehen, werden im Original wesentlich klarer konturiert. Der Leser erlebt, in welchen Gefahren das Team immer wieder schwebte, erfährt von gescheiterten Rettungsversuchen, von dem Entsetzen, als man Verräter und Spitzel in den eigenen Reihen entdeckt, und wie Fry schließlich – auf Betreiben des amerikanischen Konsuls in Marseille und des französischen Polizeichefs – aus Frankreich ausgewiesen wird.

Ich stand auf und wollte gehen. Dann drehte ich mich aber doch noch einmal um, um [dem Marseiller Polizeichef] eine letzte Frage zu stellen. ‚Sagen Sie mir offen, warum Sie mich so hartnäckig bekämpfen‘

‚Parce que vous avez trop protégé des juifs et des anti-Nazis‘, antwortete er. ‚Weil Sie Juden und Nazigegner geschützt haben.‘ (S. 262)

Fry schreibt präzise, informativ und spannend. Und einige Stellen sind auf einmal auch psychologisch wesentlich stimmiger, selbst wenn die Unterstützung durch weibliche Mitarbeiter in seinem Text wohl ein wenig zu kurz kommt. Sein Bericht umfasst 280 Seiten, dazu kommt in der Ausgabe des Fischer Taschenbuch Verlages ein 60-seitiger Anhang mit hilfreichen Erläuterungen, abgedruckten Briefen und einem ausführlichen Namensregister.

Dem Fazit aus dem Nachwort von Wolfgang D. Elfe kann ich nur zustimmen:

Die Geschichte der Rettungsaktionen des ERC, die Fry in seinem Buch geschrieben hat, ist ein Dokument der Geschichte des antifaschistischen Exils wie auch der intellektuellen Emigration in die USA. Doch hat Fry mit diesem Buch nicht nur ein historisches Dokument hinterlassen, sondern zugleich ein Werk von einiger literarischer Qualität. Fry erweist sich – ohne dadurch die Realitätstreue seines Berichts in Frage zu stellen – als spannender Erzähler. Das gilt insbesondere für die Schilderung seiner konspirativen Tätigkeit. Er verlebendigt viele Situationen durch dialogische Gestaltung und zeigt sich als Meister der Charakterisierung. Es gelingt ihm auch, viel Atmosphärisches einzufangen und die Jahre 1940-41 in Vichy-Frankreich lebendig vor dem Leser erstehen zu lassen. Ungeachtet des großen Ernstes der Situation, einer deprimierenden Weltlage und des Scheiterns verschiedener Rettungsaktionen […] erzählt Fry häufig mit Witz und Komik. Im übrigen erhöht an vielen Stellen typisches angelsächsisches Understatement die Lesbarkeit seines Berichtes. (S. 300)

Hasler dagegen entpuppt sich als eine Trittbrettfahrerin, die auf 219 Seiten ohne jeglichen Anhang Frys Bericht in vereinfachter und gekürzter Form nacherzählt – ohne das je kenntlich zu machen – und dabei das Ganze noch ein bisschen aufpeppt mit Personen, die mit Frys Geschichte gar nichts zu tun haben.

Anmerkung

Hier noch eine Würdigung von Fritz J. Raddatz zum „Engel von Marseille“ aus der ZEIT.

Eveline Hasler: Mit dem letzten Schiff (2013)

Zur Autorin

Die NZZ hat anlässlich des achtzigsten Geburtstages Evelines Haslers, der 1933 geborenen Autorin historischer Romane, einen Artikel gewidmet.

Vorbemerkung

Das amerikanische Emergency Rescue Committee schickte 1940 Varian Fry nach Frankreich. Vor Ort sollte er die Aufgabe koordinieren, bedrohte Künstler aus dem von den Nazis besiegten Frankreich zu retten.

Eveline Hasler: Mit dem letzten Schiff: Der gefährliche Auftrag von Varian Fry (2013)

Zum Inhalt

Varian Fry, Harvard-Absolvent und amerikanischer Auslandsjournalist, gewann schon bei einem seiner Deutschlandaufenthalte 1935 ein klares Bild dessen, was von den Nationalsozialisten zu erwarten war. Einer seiner Artikel, die die Schikanen gegenüber den Juden schilderte, erschien 1935 in der New York Times.

Im Juni 1940 wurde in New York – nach einem Aufruf Thomas Manns und unter dem Patronat Eleanor Roosevelts – das Emergency Rescue Committee gegründet, das versuchen sollte, den in Frankreich gestrandeten deutschen und österreichischen Künstlern und Intellektuellen zu einer Flucht in die USA zu verhelfen. Die Lage hatte sich für die Exilanten nach der Kapitulation Frankreichs gefährlich zugespitzt, hatte doch das Vichy-Regime zugesagt, jede namentlich von den Deutschen verlangte Person auch auszuliefern. Das galt auch für den noch unbesetzt gebliebenen Süden, in den sich die meisten der Verfolgten inzwischen geflüchtet hatten. Doch nun saßen sie in der Falle, denn die Exilanten bekamen keine Reisegenehmigungen; zudem vergab das amerikanische Konsulat kaum noch Visa.

Fry, selbst gebildet und künstlerisch interessiert, wurde als Vertreter des ERC nach Marseille gesandt, um die Hilfe für die Flüchtlinge zu koordinieren. Er hatte eine Liste mit Namen der bei den Nazis besonders unliebsamen Zeitgenossen, die er ausfindig machen und denen er, wenn möglich, zur Flucht verhelfen sollte. Zusammen mit einem zum Teil selbst unter Lebensgefahr schwebenden Mitarbeiterteam organisierte er Schiffskarten, besorgte Visa, unterstützte die Notleidenden mit Geld, Verstecken und gefälschten Pässen. Dabei wurden sie immer wieder auch unterstützt von Franzosen, Gegnern des Vichy-Regimes, die ihre Bauernhöfe als Unterschlupf anboten, ihnen noch unbewachte Schmugglerwege über die Grenze zeigten oder Kinder, die von der Deportation bedroht waren, kurzerhand versteckten.

Dabei überstieg die Zahl derjenigen, die ihn um Hilfe anflehten, bei weitem die Zahl der Namen auf seiner Liste. Er versuchte, so vielen wie möglich zu helfen, ob sie nun auf der Liste standen oder nicht, vor allem, nachdem die reiche Amerikanerin Mary Jayne Gold, die sich ebenfalls in Frankreich aufhielt, anfing, das Komitee nicht nur finanziell massiv zu unterstützen.

Zu den Helfern gehörten auch die österreichische Widerstandskämpferin Lisa Fittko und ihr Mann Hans, die als Fluchthelfer eine ganze Reihe von gefährdeten Menschen über einen alten Schmugglerpfad über die Grenze nach Spanien führten. Von dort reisten die Flüchtlinge ins neutrale Portugal. Von Lissabon aus gingen dann Schiffe nach Amerika. Auch Walter Benjamin gelang mit Hilfe Lisa Fittkos mit letzter Kraft die Flucht aus Frankreich. Als er jedoch auf spanischer Seite angekommen, damit rechnen musste, zurückgeschickt zu werden, brachte er sich um. Anderen verschaffte das Komitee Schiffspassagen von Marseille nach Martinique, einer französischen Kolonie, von wo aus dann die Reise in die USA möglich war.

Schätzungsweise 2000 Menschen, darunter die Werfels, Chagall, Golo Mann, Heinrich Mann und Nelly Kröger, Hans Sahl, Leon Feuchtwanger und Walter Mehring verdanken ihr Überleben der Arbeit von Fry und seinen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern.

Doch Fry war einigen amerikanischen Botschaftsangehörigen in Frankreich ein Dorn im Auge. Keineswegs alle unterstützen seine Arbeit. Es gab offene Sabotageakte, wie durch den amerikanischen Generalkonsul Hugh Fullerton, der Fry seines Postens entheben wollte, weil er dessen Arbeit als unnötig ansah. Auch die Bearbeitung der legalen Visa-Anträge dauerte oft unendlich lange, denn die eigene Regierung in Amerika wollte unbedingt eine Flut von unliebsamen jüdischen oder gar kommunistischen Immigranten vermeiden. So griff Fry dankbar auf die Hilfe Bill Freiers, eigentlich Wilhelm Spira, zurück.

Bill Freier, berühmter und berüchtigter Cartoonist, hatte in den letzten Jahren von Wien aus regelmäßig für die Londoner Zeitung ‚British Opinion‚ Karikaturen gezeichnet. Die Leser liebten seinen schnellen Stift, das Erfassen und witzige Eindampfen einer politischen Situation. Fabelhaft verstand er sich auf die Karikatur von Adolf Hitler. In Deutschland erregte das Zorn, noch vor der Annexion versuchte man in Wien die Verhaftung des talentierten Künstlers zu erwirken. (S. 77)

Freier gelang noch rechtzeitig die Flucht nach Frankreich und setzte dort für das Komitee seine Kunstfertigkeit für das Fälschen von Pässen, Stempeln und anderen Dokumenten ein, bis er verhaftet wurde.

Andere Flüchtlinge dagegen weniger heldenhaft. Besonders Walter Mehring, ein wichtiger Satiriker der Weimarer Republik, wurde von Angst zerfressen. Man nannte ihn nur das Baby. Nachdem man ihm, eher gegen seinen Willen, zur Flucht nach Amerika verholfen hatte, dachte Mehring gar nicht daran, seine Schulden beim Komitee zu begleichen, obwohl er von dessen finanzieller Notlage ja wusste.

Fry wurde schließlich im September 1941 von seinem Posten abberufen, da seinen Vorgesetzten sein humanitäres Engagement zu weit ging. Im Juni 1942 wurde das Komitee von der französischen Regierung aufgelöst. Fry selbst hat zu seinen Lebzeiten keine angemessene Würdigung seiner Lebensleistung mehr erfahren.

Im Kalten Krieg standen solche Hilfswerke, wie Fry eins geleitet hatte, im Verdacht, mit Spionage und kommunistischen Infiltrationen zu tun zu haben. Frys Korrespondenz war schon ab 1942 überwacht, und es war eine FBI-Akte über ihn eröffnet worden. (S. 215)

An diesem roten Faden hangelt sich das Buch entlang. Dabei erlaubt sich die Autorin jedoch  großzügige Exkurse, die mit Fry, wenn man ehrlich ist, nicht das Geringste zu tun haben. Wir lernen die Krankenschwester Elsbeth Kasser kennen, die im Internierungslager Gurs das Menschenmögliche versuchte, um Hoffnung an einen unmenschlichen Ort zu bringen. Das Lager stand übrigens ausschließlich unter französischer Verwaltung.

Einem wunderbaren alten Büchermenschen names Ryser, der die Landesbibliotheken in Baden-Württemberg geleitet hatte und der als Jude Stelle und Bücher verlor, flößte sie die Idee ein, mit den Büchern der Internierten einen kleinen Verleih zu führen. Ryser blühte auf. […] Die Menschen im Lager vertrauten ihm die wenigen von zu Hause mitgebrachten Bücher an. Ehrfürchtig nahm er einen Band von Eichendorffs Taugenichts entgegen. Auch einen arg mitgenommenen Leinenband mit Gedichten von Goethe, ein Heiligtum, das er nur selten auslieh. (S. 169)

Genauso beeindruckend ist Rösli Näf, eine Schweizer Krankenschwester, die für das Rote Kreuz die Kinderkolonie La Hille leitete und sich unter Einsatz aller Kräfte für ihre jüdischen Schutzbefohlenen einsetzte. Als die Deportationsbefehle auch vor La Hille nicht länger Halt machten, reiste sie bis nach Bern und bat den Leiter der Kinderhilfe des Schweizer Roten Kreuzes, Hugo Remund, verzweifelt um die legale Aufnahme der Jugendlichen in der Schweiz. Doch der wollte weder mit legalen noch illegalen Rettungsaktionen etwas zu tun haben.

‚Die jüdischen Kinder bangen um ihr Leben, Herr Oberst.‘
‚Ein Judenproblem ist in der Schweiz zu vermeiden‘, antwortet er. ‚Unser Boot ist voll.‘
‚Herr Oberst, es geht doch in den französischen Heimen nur um insgesamt hundertachtundsechzig gefährdete jüdische Jugendliche!‘ (S. 180)

Näf hält sich weiterhin an ihr Gewissen und nutzt danach auch illegale Wege, um Jugendliche außer Landes zu bringen oder sie unter falschem Namen auf Bauernhöfen zu verstecken.

Auch der amerikanische Vizekonsul in Frankreich, Hiram Bingham IV, ist eine interessante Person und sein Verhalten während seiner Zeit in Frankreich vorbildlich. Er scheute sich nicht, Gegner des Nazi-Regimes, wie z. B. Feuchtwanger,  in seinem Haus zu verstecken, bis diese außer Landes geschmuggelt werden konnten. Feuchtwanger gab dann, im sicheren Amerika, in Interviews gleich Details seiner abenteuerlichen Flucht preis, die dann in der New York Times nachzulesen waren und die Helfer in Frankreich in zusätzliche Gefahr brachten.

Fazit

Es ist ein aus vielen Szenen bestehendes, ja auch auseinanderfallendes Buch, das manchmal eher einem Steinbruch ähnelt. Es ist unmöglich, allen Menschen auf 218 Seiten den ihnen gebührenden Raum zu geben, und so ergibt sich an manchen Stellen geradezu zwangsläufig eine gewisse Oberflächlichkeit. Für mich, die ich vorher jedoch kaum etwas über die Arbeit des Emergency Rescue Team wusste, bot es zunächst trotzdem einen interessanten Überblick.

Manchmal ist das Werk auch sprachlich wenig überzeugend, vor allem in den Dialogen und den nachempfundenen Gefühlen. Sätze wie „Ein Lächeln umspielte Frys Lippen, und in seine Augen trat ein leises Funkeln.“ (S. 58) klingen schon ein wenig trivial.

Stark ist es eher in der knappen Wiedergabe des faktisch Geschehenen.

Und ich hätte es begrüßt, wenn ein oder zwei der Fluchten exemplarisch ausführlicher erzählt worden wären. Was aber wirklich ein Ärgernis ist: Es gibt keinerlei Hinweise zu den verwendeten Quellen. Zwar erwähnt sie kurz, dass Fry 1945 seine Erinnerungen unter dem Titel Surrender on Demand veröffentlicht hat. Beat Mazenauer weist jedoch darauf hin, dass sich Hasler aus dieser Quelle reichlich bedient habe, ohne das angemessen kenntlich zu machen.

Trotz der Kritikpunkte hielt ich es zunächst für ein lesenswertes Buch über einen bestimmten Aspekt des Nationalsozialismus, setzt es doch einer Reihe von mutigen Menschen ein Denkmal, die mit ihrer Menschlichkeit und Zivilcourage Großes geleistet haben. So viele bekannte und unbekannte Namen fallen, manche eher im Vorübergehen: So wird von Chagall erzählt, dass er erst gar nicht nach Amerika gewollt habe.

Als ich ihm sagte, er müsse sich in Sicherheit bringen, nach Amerika, gab er zur Antwort: ‚Ach, Monsieur Fry, gibt es denn in Amerika auch Gras und Kühe?‘ (S. 59)

Man rauft sich die Haare: Rudolf Breitscheid, ehemaliger preußischer Innenminister, und Rudolf Hilferding, ehemaliger Reichsfinanzminister, weigern sich im Marseiller Exil Frys Hilfe anzunehmen. Sie sind sicher, dass Hitler es nicht wagen werde, ihnen etwas zu tun. Kurz darauf wurden sie von der französischen Polizei verhaftet und an die Deutschen ausgeliefert.

Aber es erinnert uns auch; an das Böse, die Schuld, das Leiden, die Traurigkeit, die verursacht wurden durch die Nazis, und in Folge durch Mitläufer, Sadisten, Kollaborateure in Frankreich und Bürokraten auf allen Seiten.

Auf dem Weg zur nächsten Baracke [im Lager Gurs] stand eine gehbehinderte weinende Frau. Es regnete nicht mehr, aber ihre Stoffschuhe steckten bis zu den Knöcheln im Schlamm. Sie müsse ihre Notdurft verrichten, schaffe es aber nicht die hohe Leiter hinauf. Die Latrinen standen auf zwei Meter hohen Holzsäulen, die Stufen der Leiter steil, ohne Handgriff. (S. 152)

Doch nach meiner Lektüre von Frys eigenem Bericht über seine Arbeit in Marseille, den er 1945 unter dem Titel Surrender on Demand veröffentlichte, sehe ich Haslers Buch wesentlich kritischer. Sie hat sich – ohne das kenntlich zu machen – äußert großzügig bei Frys Bericht bedient und sich oft noch nicht einmal mehr die Mühe gemacht, eigene Formulierungen zu finden. Dabei kürzt und vereinfacht sie, sodass für den Leser doch einiges unklar und nebulös bleibt.

Fazit: Man lese gleich das Original: Auslieferung auf Verlangen (1995) von Varian Fry, erschienen im Fischer Taschenbuch Verlag.

Anmerkungen

Karen N. Gering ist, wie sie in der TagesWoche schreibt, nach der Lektüre ein wenig enttäuscht:

Viele gute Seelen und Kämpfer nimmt Hasler in ihr Buch auf, dazu auch noch einige Figuren, die der Rettung bedürfen. Die weltbekannten ebenso wie gänzlich unbekannte. Justus Rosenfeld beispielsweise, genannt Gussie, der bald Fry behilflich ist – und der Eveline Hasler auch hauptsächlich bei ihrer Recherche beistand. Oder Menschen, die später zu Berühmtheiten wurden wie der spätere Résistance-Kämpfer Stéphane Hessel. All das sind spannende Figuren, deren Lebensgeschichten man in eigene Bücher packen könnte. Doch Eveline Hasler hat sich für sie alle zusammen nur diese 219 Seiten Platz genommen. Und so bleibt sie notgedrungen an der Oberfläche der Charaktere hängen. Wollte sie nicht mehr, oder konnte sie nicht?

Weitere Besprechungen gibt es hier:

Thomas Medicus: Heimat (2014)

Es war lange her, dass ich da gewesen war. Zwischen meinen früheren, spärlichen Besuchen waren meist Jahre vergangen. Dieses eine Mal, es war kurz vor Ostern, hatte mich mein Sohn überredet. Er wollte sehen, wo sein Vater geboren und aufgewachsen war, wollte das Grab seines Großvaters besuchen, den er nur aus Erzählungen kannte. ‚Aber lange bleiben wir nicht‘, hatte ich unwirsch geantwortet, als er unvermutet seinen Wunsch äußerte, ’nur ein paar Stunden, dann fahren wir weiter. Über Nacht bleiben wir da auf keinen Fall.‘

So beginnt die Spurensuche des 1953 geborenen Journalisten und Autors

Thomas Medicus: Heimat – Eine Suche (2014)

Zum Inhalt

Gleich zu Beginn macht der Autor deutlich, wie wenig ihn in seine Heimatstadt Gunzenhausen zieht, wie radikal er sich von dem Städtchen in Mittelfranken distanziert hatte.

Außer einigen toten Seelen, die auf dem Friedhof, […] ihren ewigen Schlaf schliefen, kannte ich dort niemanden mehr. Nein, das stimmte nicht, es lebten noch Freunde meiner Eltern da, Klassenkameraden, Leute, von denen ich die meisten seit meinem letzten Schultag nicht mehr gesehen hatte und auch nicht wiedersehen wollte. (S. 10/11)

Und beim Betrachten einer alten Schwarzweiß-Fotografie sinniert er düster vor sich hin:

Die Ansicht besitzt eine seltsame Atmosphäre, anheimelnd, aber auch erfüllt von einer furchtbaren Leere. Kein Mensch ist zu sehen, nicht einmal eine Katze, die träumend über die Kreuzung schleicht, kein Hund, der in der Morgensonne kauert, kein Auto, kein Fuhrwerk, nichts. Als ob bald etwas geschehe oder bereits geschehen sei, das keines Bildes wert oder schlicht nicht abzubilden ist. (S. 15)

Dabei war die Kindheit in der Provinz ganz ohne größere Schrecken oder familiäre Katastrophen verlaufen. Sowohl der Vater als auch der Großvater waren Ärzte gewesen. Über die nationalsozialistische Vergangenheit wurde, wie vermutlich überall in Deutschland, eher geschwiegen.

Es gab Vergangenheiten, an die man sich erinnerte und solche, an die man sich nicht erinnerte. (S. 31)

Über den Krieg wurde später sowohl gesprochen als auch nicht gesprochen, er hielt für Anekdoten her, das Beste am Krieg war, dass er vorbei war. In Belgien habe er viel Kuchen gegessen, erzählte der Vater einmal. (S. 31)

Dann kommt ein gewaltiger Zeitsprung. Einige Jahre nach der Wende liest Medicus Die Ausgewanderten von W. G. Sebald.

… als mich auf drei fast aufeinanderfolgenden Seiten der Name meines Geburtsortes ansprang wie ein bissiger Hund. Jäh wurde ein Zeitfenster aufgerissen, das den Blick auf etwas freigab, das wenig gemein hatte mit dem Netzhautbild meines uranfänglichen kindlichen Blicks. (S. 38/39)

So erfährt Medicus von einem der ersten Judenpogrome in Deutschland nach der sogenannten „Machtergreifung“. In Gunzenhausen kam es am 25. März 1934 zu gewalttätigen Übergriffen des Mobs auf jüdische Mitbürger.

Der Übergriff brachte die Stadt weltweit negativ in die Presse: New York Times, Manchester Guardian und das Neue Wiener Journal berichteten über die von mehreren hundert Gunzenhausenern begleiteten Gewaltakte der SA, welche die Ansbacher Richter im folgenden Prozess als „reinigendes Gewitter“ verharmlosten. Zwei jüdische Bewohner, der 65-jährige Privatier Max Rosenau und der 30-jährige Kaufmann Jakob Rosenfelder, kamen unter bis heute nicht geklärten Umständen ums Leben. 24 SA-Mitglieder, die sich an den Ausschreitungen beteiligt hatten, wurden von der NS-Justiz freigesprochen und später von der Bundesrepublik amnestiert. Der Hauptinitiator des Pogroms, SA-Obersturmführer Kurt Bär, erschoss im selben Jahr, bereits einen Monat nach seiner Verurteilung, einen jüdischen Gastwirt und verletzte dessen Sohn schwer. Beide hatten vor dem Landgericht Ansbach gegen ihn ausgesagt. Bär wurde zu lebenslanger Haft verurteilt, jedoch bereits nach drei Jahren begnadigt. (Wikipedia-Eintrag, abgerufen am 3. September 2014)

Der zweite Anstoß für die Spurensuche in der Provinz ergibt sich, als der Autor aus einem seiner Bücher in der Gunzenhausener Stadtbibliothek liest. Er erfährt, dass sein Großvater als Gutachter in dem Prozess fungierte, der nach dem Pogrom stattfand. Zusammen mit einem Kollegen musste er die beiden jüdischen Männer obduzieren, die damals ums Leben gekommen waren. Man kann wohl davon ausgehen, dass den beiden Ärzten die „Diagnose“ Selbstmord nahegelegt worden war.

Doch der ausschlaggebende Impuls kommt 2009, als er erfährt, dass J. D. Salinger, der Autor von The Catcher in the Rye, als Soldat 1944 nach Europa gekommen ist. Er habe

an vorderster Front gekämpft, während der letzten Kriegsmonate auch in Bayern, sei dort an der Befreiung des Konzentrationslagers Dachau beteiligt gewesen und wenige Monate nach Kriegsende in einem Nürnberger Hospital aufgrund einer ‚Battle Fatigue‘, eines Nervenzusammenbruchs als Folge des Kriegs, ärztlich behandelt worden. Nach seiner Entlassung aus dem Hospital sei Salinger aus der Armee ausgeschieden, habe aber weiterhin für den sogenannten CIC [den Nachrichtendienst der US-Armee] als Zivilist gearbeitet. […] Als CIC-Agent sei er auch nach G. gekommen. Seine Aufgabe sei es gewesen, Entnazifizierungsmaßnahmen durchzuführen und untergetauchte Kriegsverbrecher aufzuspüren. (S. 85)

Das ist die Initialzündung: Medicus recherchiert zum einen die Kriegserlebnisse Salingers, seinen Aufenthalt in Gunzenhausen und seine kurze Ehe mit einer Deutschen und spekuliert darüber, inwieweit Salingers traumatische Erlebnisse während des Weltkrieges für seinen späteren Rückzug aus der Öffentlichkeit verantwortlich sein könnten.

Ohne ihn [gemeint ist Salinger], diesen vielfach gebrochenen Helden, hätte ich es nie gewagt, mich in das Labyrinth zu begeben, das mich noch Jahrzehnte, nachdem ich G. verlassen hatte, immer wieder im Traum heimsuchte. Salinger war meine Leitfigur, ich brauchte ihn, wie ein Sohn seinen Vater braucht. Unsere Kreise überschnitten sich, und der zeitliche Abstand betrug wenige Jahre. (S. 179)

Zum anderen widmet sich Medicus akribisch dem Verlauf der Enteignung, der Entrechtung und der Vernichtung der jüdischen Bürger in Gunzenhausen. Er zitiert aus Protokollen und Zeitungsberichten, Täter, Rädelsführer und Opfer bekommen ein Gesicht und einen Namen.

Fazit

In den Abschnitten, in denen Medicus über sich und seine Familie redet, fand ich die Sprache hölzern. Alles sehr distanziert, „die Großmutter“, „der Vater“, manchmal bis zur völligen Unverständlichkeit.

Eines Tages war der Vater verschwunden. Ein Jahr nachdem er tot zurückgekehrt war. (S. 38)

Der Selbstmord des Vaters – würde der nicht auch in eine Auseinandersetzung mit dem eigenen Heimatbegriff hineingehören?

Und die beklemmende Düsternis dieser Kindheitsprovinz wird behauptet, doch nie anschaulich gemacht.

… bedeutungslose Dinge besaßen hier eine Bedeutung, von der ich damals nichts ahnte. Der Gitterzaun um die Synagoge, der sich in meine Netzhaut eingebrannt hat, weil ich jahrelang daran vorbeigelaufen bin, war nicht bloß ein Gitterzaun, der im Laufe der Kindheits- und Jugendjahre immer rostiger wurde. Er war das heimliche Symbol einer infamen Lokalgeschichte, von der ich nichts wusste, schon gar nicht, dass meine Familie in Gestalt meines Großvaters darin verwickelt war. In G. gab es keine Unschuld, nur die Vortäuschung der Unschuld. Die Nachkriegskinder gingen tagein, tagaus ahnungslos über einen doppelten Boden.

Erst mit der Zeit wurde mir klar, dass die kleine Stadt über Jahrzehnte hinweg ein großes, furchtbares, dunkles kollektives Geheimnis  geborgen hatte. (S. 82)

Das finde ich erstaunlich, denn welche Stadt in Deutschland wäre frei von nationalsozialistischen Verbrechen geblieben? Und gerade über diesen doppelten Boden hätte ich gern mehr gelesen. Was macht der mit den Tätern, den Mitläufern, den Kindern, den Enkeln?

Trotz der akribischen Recherche – wobei leider offen bleibt, was genau davon er eigentlich selbst ans Licht befördert hat – habe ich mich über weite Strecken gelangweilt. Die Auseinandersetzung des Autors mit seiner Heimat fand ich banal und oberflächlich. Provinzielle Enge und das Verschweigen der nationalsozialistischen Vergangenheit waren für viele „normal“, doch zur literarischen Umsetzung hätte für mich mehr gehört, als die einfach zu konstatieren.

Ich fand es arg melodramatisch, dass Medicus erst nach seinem Besuch in Cornish, dem Rückzugsort Salingers, „den Mut aufbrachte“, das Haus seiner Kindheit

an das ich mich zuvor nur im Schutz der Dunkelheit herangewagt hatte, am helllichten Tag in Augenschein zu nehmen. (S. 180)

Mein Haupteinwand: Ich konnte die Verbindungslinien zwischen Progrom, Salinger und der Familie des Autors nicht nachvollziehen, sie schienen mir künstlich herbeigeschrieben. Denn auch wenn Salinger ein halbes Jahr in Gunzenhausen tätig war, es bleibt völlig offen, ob und was er dort herausgefunden hat. Und dass die Großvätergeneration involviert war, ist nun keine wirklich bahnbrechende Erkenntnis.

Lesenswert hingegen fand ich die Kapitel, die sich mit Gunzenhausen während des Nationalsozialismus beschäftigen. Zeitlos wichtig. Bedrückend, beklemmend. Ein Stück Aufklärung, bei dem Täter und Opfer wieder ein Gesicht bekommen.

Zumindest für Medicus hat sich die Spurensuche gelohnt, für mich als Leserin wohl weniger.

Ich war kein Heimatgefangener mehr, wenigstens hoffte ich das. Immerhin war meine Flucht beendet. Ich war stehen geblieben. Wie weit ich auch fortgegangen war, unbemerkt von mir selbst war ich viel fester verwurzelt geblieben, als ich es mir je eingestanden hatte. Wer besinnungs- und haltlos auf der Flucht ist, bleibt erst recht an das gebunden, wovor er flüchtet. (S. 160)

Und zu seiner großen Überraschung stellt er fest, dass Gunzenhausen gar keinen aktuellen Retter aus der  Geschichtsvergessenheit gebraucht hat. Die Aufklärung über und die Auseinandersetzung mit der Zeit des Nationalsozialismus hatten dort Mitte der achtziger Jahre begonnen, sodass Medicus von den hiesigen Rechercheergebnissen immens hat profitieren können. Die Provinz habe das Provinzielle – zumindest in diesem Fall – hinter sich gelassen.

Anmerkungen

Hier die Besprechung aus der TAZ und hier geht’s lang zur Würdigung in der ZEIT.

Astrid Rosenfeld: Adams Erbe (2011)

Fängt man an zu schreiben, weil es jemanden gibt, dem man alles erzählen will? Fängt man an zu erzählen, weil der Gedanke, dass alles einfach verschwinden soll, unerträglich ist?

So, eigentlich vielversprechend, beginnt das Romandebüt der 1977 in Köln geborenen Autorin:

Astrid Rosenfeld: Adams Erbe (2011)

Begeisterte Bloggerinnen allerorten, auch die FAZ und die Neue Zürcher Zeitung nahmen sich des Romans an, der es 2011 auf die Longlist des Deutschen Buchpreises schaffte. Meine Erwartungen waren also hoch.

Doch nach dem Lesen bin ich enttäuscht und ratlos, was hat die anderen dermaßen entzückt, was habe ich übersehen?

Zum Inhalt: erster Teil

Im ersten Teil erzählt uns der aus einer jüdischen Familie stammende Edward Cohen die Geschichte seiner ungewöhnlichen Kindheit und Jugend. Er wurde in den siebziger/achtziger Jahren des letzten Jahrhunderts geboren, lebt die ersten Jahre – zusammen mit seiner Mutter – bei seinen Großeltern in Berlin, verbringt die Jugend mit Mutter und halbkriminellem Stiefvater in wechselnden deutschen Städten, lässt sich schließlich durchs Leben treiben und nach oberflächlichen Versuchen, in Berlin ein bisschen zu studieren, ist er irgendwann als junger Mann Besitzer einer Boutique. Genau genommen erzählt er nicht uns diese Geschichte, sondern schreibt sie auf für Amy, mit der er eine Nacht verbracht hat und die dann zurück nach England gegangen ist. Das ist auch gut so, denn damit ist ihre Aufgabe im Buch bereits erledigt.

Zwischenfazit

Dieser Teil des Buches ist eine Art des Schelmenromans, mit der ich so gar nichts anfangen kann. Ich wünschte, das Buch wäre noch einmal kräftig überarbeitet worden. Die ständigen Perspektivwechsel zwischen dem kindlichen und dem erwachsenen Erzähler Edward schrammen unharmonisch gegeneinander.

Ich liebte meine Autos, ich hielt mich für einen Spezialisten und wollte später irgendwas mit Autos machen, wie wohl fast jeder sechsjährige Junge. Ich war wahrlich kein originelles Kind. Und als gerade der goldene Jaguar, das Juwel meiner Sammlung, den weißen Mustang rammte, hörte ich meinen Großvater schluchzen. Er saß hinter mir auf dem Boden. (S. 9 – 10)

Die Personen wirken manchmal witzig, skurril, ein wenig überzeichnet, was vielleicht der Kinderperspektive geschuldet sein soll. Oft aber auch zweidimensional, ja slapstickhaft: die gestrenge Oma, die betrunken-unglückliche Klavierlehrerin, der alberne Professor mit dem albernen Namen, die naiv-herzliche Mutter, der hübsche, aber halbkriminelle Jack Ross etc. Und wer käme auf die Idee, sein Herz jemandem auszuschütten, den er für dumm hält?

Magda (die Mutter des Erzählers Edward) hatte viele Freundinnen. Sie alle hielten meine Mutter für einfältig, trotzdem kamen sie ständig zu Besuch und schütteten ihr in unserem Wohnzimmer ihr Herz aus, denn Magda hatte Zeit und war eine gute Zuhörerin. (S. 14)

Jack Ross, der Stiefvater Edwards, wirkt wie eine Montage: Warum Jack, der so eine Ähnlichkeit mit Elvis haben soll und alle Frauen betört, sofort bereit ist, Magda zu heiraten, die bereits Ende 30 ist, bleibt schleierhaft. Seine Wutanfälle, in denen er Edward auch mal bewusstlos prügelt, bleiben unmotiviert und der Ich-Erzähler behauptet auch noch, dass seine Liebe zu seinem Stiefvater Jack nach einer solchen Prügelorgie noch nicht einmal einen Kratzer davonträgt. Da hilft auch die künstliche Verklärung Jacks als „Gott der Elefanten“ nicht weiter (Edward hatte Jack im Zoo vor dem Elefantengehege kennengelernt).

Zum Inhalt: zweiter Teil

Nach dem Tod der Großmutter findet Edward auf dem Dachboden seiner Großeltern ein noch ungeöffnetes Päckchen mit Aufzeichnungen seines Großonkels Adam, dem er so unwahrscheinlich ähnlich sehen soll. Dass jene Aufzeichnungen noch nie zuvor gelesen wurden, ist schon merkwürdig, denn Edwards Großvater hat auf dem Dachboden quasi seine letzten Jahre verbracht und Edward und seine Mutter haben in dieser Wohnung ja auch jahrelang gelebt.

Diese Aufzeichnungen bilden nun den zweiten Teil der Geschichte. Wir erfahren, dass Großonkel Adam, dem eine gewisse Naivität nicht abgesprochen werden kann, als junger Mann während der Zeit des Nationalsozialismus alles, buchstäblich alles aufs Spiel gesetzt hat, um seine große Liebe Anna vor dem Irrsinn der Barbarei zu retten. Ein verwegenes Unterfangen, für das er – ohne es zu ahnen – das Leben seiner Mutter und Großmutter zerstört.

Ein merkwürdiger Tauschhandel sorgt dafür, dass Adam schließlich sogar bis ins Warschauer Ghetto kommt, wo er Anna vermutet.

Fazit

Der Erzählerton ist jetzt ein ganz anderer, viel ernsthafter, aber ob das Ghetto der richtige Handlungsort ist, um den Versuch zu unternehmen, einem Unterhaltungs- und Liebesroman ein bisschen Spannung und Grusel zu verleihen, scheint mir persönlich mehr als fraglich. Für mich geht das alles nicht richtig zusammen.

Judith Leister hat in der FAZ  vermutet, dass eine ‚derart konventionelle Abhandlung eines so schwieriges Themas wie der Judenverfolgung‘ „dem unbefangeneren Zugang einer neuen Autorengeneration geschuldet“ sein könnte.

Die symmetrische Anordnung der wesentlichen Handlungslinien in Vergangenheit und Gegenwart kann man als künstlich empfinden oder als hilfreich:

Das Strukturprinzip der Spiegelung verbindet die beiden ungleich langen Teile. Nicht nur sehen sich die beiden Protagonisten Adam und Edward verblüffend ähnlich; auch ihre Mütter gleichen sich in ihrer Unscheinbarkeit und die Väter in ihrer Lebensuntauglichkeit, während die Grossmütter Edda und Lara als resolute Damen auftreten. Diese Muster mögen konstruiert erscheinen, aber sie erweisen sich auch als hilfreich für den Leser, der sich in diesem ausufernden Stoff erst einmal zurechtfinden muss.

Keine Ahnung, wieso Beatrice Eichmann-Leutenegger (NZZ vom 12. Juli 2011) diese Muster zur Orientierung gebraucht hat. So kompliziert war das nun wirklich nicht. Außerdem hätte sie noch erwähnen können, dass beide Vaterfiguren frühzeitig das Zeitliche segnen und dass beide Romanteile an eine Frau – einmal an Amy und einmal an Anna – adressiert sind, die beide für den Absender unerreichbar sind und deren Namen sich auch noch ähneln. Seufz.

Und ganz enttäuschend flach fand ich das Ende des Romans, in dem sich die beiden Handlungsstränge kurzzeitig begegnen.

Das Buch wirkt streckenweise wie aus Versatzstücken zusammengehauen, aber das Buch wäre vielleicht eine geeignete Filmvorlage. Und Rosenfeld hat ja als Casterin gearbeitet.

Wer wirklich etwas über Liebe in der Zeit des Nationalsozialismus lesen möchte, der könnte unter diesem Blickwinkel die Lebensgeschichte von Marcel Reich-Ranicki oder die Tagebücher von Viktor Klemperer lesen. Und wer wissen möchte, wie man die Nazi-Gräuel in Literatur übersetzt, dem sei beispielsweise Falladas Jeder stirbt für sich allein empfohlen.

Die TAZ hat in ihrem Montagsinterview vom 9. September 2011 die Autorin gefragt, was genau sie denn mit ihrem Buch, ihrem Erzählen habe festhalten wollen. Rosenfelds Antwort:

Das waren zwei Dinge. Zum einen die Frage, ob eine einzelne persönliche Begegnung für einen Menschen wirklich alles ändern kann. Und dann dieser völlig unoriginelle Gedanke über den Holocaust: Wie konnte das nur passieren? Das Erstaunen darüber, wozu Menschen fähig sind.

Vielleicht habe ich mich genau an dieser Mischung gestört. Auch wenn Rosenfeld selbstkritisch anmerkt:

Es tauchte schon auch die Frage auf, ob man das denn darf: als 34-jährige Deutsche aus der Ich-Perspektive über das Warschauer Ghetto schreiben. Aber der Konsens war, dass es geht. Gleich bei meiner ersten Lesung – bei den Literaturtagen in Rauris – saß im Publikum Aharon Appelfeld. Ein Holocaust-Überlebender, der seine eigenen Lebensgeschichte aufgeschrieben hat. Ich hatte Angst, dass er aufsteht und sagt: „Alles Quatsch!“ Aber er war wahnsinnig nett und hat mich nach Israel eingeladen. Ab da hatte ich keine Angst mehr.

In einem Beitrag des Deutschlandfunk äußert sich Rosenfeld auch zu dem Humor im Buch, den sie zum einen damit begründet, dass das eben ihre Stimme sei, und außerdem glaube sie daran:

… dass vor allem je schwerer das Thema ist, über das man spricht, desto mehr Sinn macht es, darin irgendeine Leichtigkeit zu finden, damit man wirklich die Geschichte bis zum Ende ertragen kann, einfach.

Und schließlich:

Also ich lache wahnsinnig gerne und natürlich gibt es auch die Momente im zweiten Teil, wo es nicht mehr komisch wird. Es ist ja auch fern ab von irgendwie Slapstick oder so was, aber, ja, ich finde das Leben teilweise, es ist halt so was eher nicht Witziges, sondern Groteskes und manchmal steht man da und denkt sich, jetzt muss ich aber lachen, weil es ist absurd.

Der zweite Grund gefällt mir so gar nicht: Warum sollte man das Unerträgliche für den Leser erträglich machen? Ist das nicht doch – wenn auch ungewollt – verharmlosend? Das Grauen wird bekömmlich.

Ein Interview mit der Autorin findet man in der Interview Lounge, in dem sie auch nach ihrer letzten Lektüre gefragt wird. Voller Begeisterung nennt sie Des Menschen Hörigkeit von Somerset Maugham (im englischen Original Of Human Bondage),  das Buch sei „spannend wie ein Krimi, obwohl es überhaupt nichts mit einem Krimi zu tun hat.“

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Paul Briscoe: My friend the Enemy (2007)

Kristallnacht 9 – 10 November 1938

At first, I thought I was dreaming, but then the rhythmic, rumbling roar that had been growing inside my head became too loud to be contained by sleep. I sat up to break its hold, but the noise got louder still. There was something monstrous outside my bedroom window. I was eight years old, and I was afraid.

So beginnen die Kindheitserinnerungen von Paul Briscoe, die 2007 erschienen.

Der Vater von Paul Briscoe stirbt, als Paul erst drei Jahre alt ist, und seine Mutter, die ihm keine Liebe zeigen kann und ihn eher als Last ansieht, versucht sich mit Sekretärinnenjobs und kleinen Zeitungsartikeln über Wasser zu halten.

Eher zufällig machen Mutter und Sohn 1934 Urlaub in Deutschland. Norah Briscoe verliebt sich in dieses „reizende“ und ordentliche Land und beschließt auf der Stelle, dass all die unschönen Dinge, die in den englischen Zeitungen über Nazi-Deutschland zu lesen sind, nichts als übelste Propaganda sind.

Und selbst ein Verhör bei der Gestapo aufgrund einer Namensverwechslung kommentiert sie später mit den Worten, dass ein Unschuldiger nie etwas von diesen Herren zu befürchten habe. 1935 reist sie mit ihrem Sohn wochenlang durch Deutschland, um Material für ihre Artikel zu finden, und in den Zeiten, in denen sie nach England muss, um Abnehmer für ihre Texte zu suchen, lässt sie ihren kleinen Sohn in der Obhut einer deutschen Familie in Miltenberg/Bayern zurück. Dort findet der kleine Paul zum ersten Mal familiäre Geborgenheit und Liebe.

1936 geht Pauls Traum in Erfüllung. Er soll, weil er ins schulpflichtige Alter kommt, nun dauerhaft in Miltenberg bleiben, während seine Mutter nur alle paar Wochen oder Monate zu Besuch kommt. Er verlernt allmählich seine Muttersprache und nimmt ganz selbstverständlich die Werte seiner Umgebung und seiner Ersatzfamilie an. Und die Kristallnacht, die am Beginn dieser Erinnerungen steht, hat er nicht etwa als Opfer miterlebt, sondern – nach ein bisschen Ermutigung durch die Erwachsenen – als aktiver Täter, der sich, wenn auch nach kurzem Zögern, ob denn nicht etwa ein Erwachsener diesem bösen Treiben ein Ende setzen werde, ebenfalls voller Begeisterung an der Zerstörung der Miltenberger Synagoge beteiligt.

Als der Krieg ausbricht, kann ihn die Mutter nicht mehr rechtzeitig nach Großbritannien holen. Seine deutsche Ersatzfamilie adoptiert ihn, um ihm Ausweisung oder Gefangenschaft zu ersparen. Aus dem kleinen „Paulchen“ wird ein überzeugter Englandhasser und ein glühender Hitlerverehrer. Über seinen Eintritt in die Hitlerjugend schreibt er:

I was the proudest boy alive when I first put on my uniform: black shorts, brown shirt, and a scarf fastened round my neck with a leather knot. I made a solemn oath that dedicated the rest of my life to the Führer: In the presence of this blood banner which represents our Führer, I swear to devote all my energies and my strength to the saviour of our country, Adolf Hitler. I am willing and ready to give up my life for him, so help me God.

I meant it. I would have carved those words in my heart if they had asked me. (S. 106)

Und während Paul sich in Miltenberg pudelwohl fühlt und wohl auch – von einem Lehrertyrannen abgesehen – akzeptiert wird, orientiert sich seine Mutter in England als glühende Hitler-Verehrerin im politischen Spektrum immer weiter rechts, verkehrt in faschistischen und antisemitischen Kreisen und versucht sich sogar als Spionin für Deutschland. Dabei gerät sie ins Visier der britischen Spionageabwehr. Sie wird überwacht und dabei ertappt, wie sie versucht, vertrauliche Unterlagen aus dem Versorgungsministerium nach Deutschland zu schmuggeln. Sie und ihre Freundin entgehen nur knapp dem Todesurteil und sie wird zu fünfjähriger Haft verurteilt, die sie allerdings nicht komplett verbüßen muss.

Paul geht derweil 1939 zum Kommunionsunterricht, um anschließend zum ersten Mal zu beichten und die Erstkommunion zu empfangen:

We were taught about mortal sins, which were so bad that they meant death to our souls and eternal damnation if we died without confessing them. I don’t suppose any of us eight-year-olds had committed any, but just to learn of their existence put the fear of God in us. We were taught about venial sins, which were not deadly in themselves, but which could put us in a state of mind in which committing mortal sins became more likely. We were told about ‚occasions of sin‘ – and how to avoid them. We were told about encouraging others to sin – and how that was a sin, too. We were taught how to make an examination of conscience and made to write out lists of the sins that our eight-year-old consciences informed us that we had committed – and then we had to learn those lists by heart so that we wouldn’t forget anything when the time came to make our first confession. […] When we were not learning what to feel guilty about in our R.E. lessons, we were learning about things to be proud of in the newsreels we watched on Saturday mornings. (S. 90)

Über seine erste Beichte schreibt Briscoe:

God only knows what sins I had committed or confessed to; I certainly can’t remember any of them now. But I do know that there was one thing that I didn’t confess, because nothing I had been taught suggested to me that it might have been sinful. I made no mention of my part in wrecking the Miltenberg synagogue. It didn’t occur to me for a moment that what I had done there was a matter a personal morality. (S. 91)

Das Interessante an dieser Autobiografie ist – neben den Einblicken in die damalige Faschistenszene in England -, wie Briscoe selbst seine Indoktrination erlebt hat. Damit gewinnen seine Kindheitserinnerungen eine gewisse Repräsentativität, obwohl sie von einem Briten stammen. Seine Ersatzfamilie schien eher zu den Mitläufern zu gehören.

I didn’t know I was being indoctrinated. I was ten years old. I wasn’t outraged to discover that the English were robbers and land-grabbers; I just accepted it as a historical fact. My real interest was in getting hold of the pictures I needed to complete my collection. I would have taken almost as much pleasure in cards of film stars. The fact that the Raubstaat England cards showed thrilling scenes of barbarity was a bonus. (S. 108)

Und wie so oft, sind es gerade die „Kleinigkeiten“, die so viel über die Denkweise der Nazis verraten. Bei einem Bombenangriff wird er an der Hand verletzt und bekommt vom Gruppenführer eine HJ-Bronzemedaille verliehen:

He gave a little speech that made it sound as if I had done something heroic, pointing out that if the arm had been amputated, I would have won a silver medal. (S. 158)

Nach Kriegsende lässt ihn seine Mutter gegen seinen Willen und gegen den Willen seiner deutschen Ersatzfamilie zurück nach England holen. Dort muss der junge Mann erst mühsam lernen, sich zu orientieren. Er hat nicht nur seine Muttersprache verlernt und leidet schrecklich an Heimweh, sondern muss auch das, was er nun über den Nationalsozialismus und die Judenvernichtung lernt, mühsam in sein Weltbild integrieren. So erzählt er bei einem Treffen von Exildeutschen in London noch ganz naiv von seiner Bronzemedaille der Hitlerjugend, bis ihn jemand eher mitleidig fragt, ob ihm klar sei, dass alle Anwesenden Juden seien.

Doch Paul geht seinen Weg. Er wird später Lehrer für Holzverarbeitung und Deutsch, gründet eine Familie und hält den Kontakt zu seinen deutschen Freunden. 2010 stirbt er im Alter von 80 Jahren.

Anmerkungen

Aufmerksam auf dieses lesenswerte Buch wurde ich durch die Rezension von Tom Cunliffe zu The Perfect Nazi von Martin Davidson auf seinem interessanten Blog A Common Reader. Dort hatte er zu Recht gestöhnt, dass der Leser keinen wesentlichen Erkenntnisgewinn habe und stattdessen lieber Briscoes Buch oder „Bomber County“ von Daniel Swift lesen solle.

Tom Cunliffe schreibt: „It is a relief to read that Paul was able to build a good life for himself in England despite his extremely bizarre childhood. This is an excellent book, recounting as it does a unique story, but with the compassion and understanding years of reflection have brought to it. Apart from Paul’s remarkable story and his unique perspective on the Nazi movement, anyone who wishes to understand more about the way “ordinary” German people thought during the war years will find this book a rich source of material.“

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Martin Davidson: The Perfect Nazi (2010)

For thirty-five years of my life, my sister and I lived in the shadow of an unanswered question: What had Bruno Langbehn, our German grandfather, done during the war? When we were young, we didn’t know how to ask it. But even as we grew older, and understood better, we still couldn’t broach it. We knew it was there, but like the rest of the family, tiptoed round it. It became a taboo.

So beginnt die Spurensuche des schottischen Enkels Martin Davidson.

Zum Hintergrund

Als der deutsche Großvater von Martin Davidson 1992 stirbt, ist die Mutter des Autors zum ersten Mal bereit, das bisher totgeschwiegene Familiengeheimnis zu lüften: Bruno Langbehn war während der Nazi-Zeit Mitglied der SS.

Der Enkel – ein Mitarbeiter der BBC – macht sich nun nach dem Tode Langbehns auf, dessen Geheimnis zu lüften. Er findet noch einige wenige Dokumente, die die Zeit in Archiven überdauert haben, z. B. den Antrag auf Aufnahme in die SS einschließlich handgeschriebenem Lebenslauf, und rekonstruiert so weit wie möglich die Nazi-Laufbahn seines Großvaters, der von Anfang an ein überzeugter und militanter Nazi war.

Zum Inhalt

In seiner „Normalität“ – Bruno Langbehn (*1906) arbeitete als Zahnarzt in Berlin – und seiner unerschütterlichen Loyalität zu Hitler steht er repräsentativ für die Machtbasis Hitlers. Er arbeitete sich „hoch“ vom einfachen Straßenkämpfer, trat bereits als Neunzehnjähriger 1926 in die SA ein und schließlich erfüllte sich sein Traum: Seinem Antrag auf Mitgliedschaft in der berüchtigten SS wurde stattgegeben. Er war der „perfekte Nazi“, der schließlich sogar das goldene Parteiabzeichen erhielt, das denjenigen verliehen wurde, die eine besonders niedrige NSDAP-Mitgliedsnummer (bis 100.000) aufwiesen und sich infolgedessen auch mit dem „Ehrentitel“ ‚Alte Kämpfer‘ schmücken durften.

Bis zu Langbehns Tod im Jahr 1992 gibt es keine Anzeichen, dass er einen Gesinnungswandel durchgemacht hat. Er war ein brutaler und aggressiver Vater, nach dem Krieg dem Alkohol zugeneigt und bei den wenigen Treffen mit seinen schottischen Enkelkindern gefiel er sich in der Rolle des Unberechenbaren, schenkte seinem Enkel In Stahlgewittern von Ernst Jünger und machte nie ein Geheimnis daraus, wie wichtig ihm die Stammtisch-Treffen mit seinen „Kriegskameraden“ waren.

Fazit

Da der Großvater aber kein Tagebuch oder andere nennenswerten persönlichen Aufzeichnungen hinterlassen hat, gerät das Buch in weiten Strecken zu einer Art allgemeiner Geschichts-Nachhilfestunde, beispielsweise über die Folgen des verlorenen Ersten Weltkrieges und den Versailler Vertrag und schließlich besonders über die Organisationen der SA und SS.

Das ist genau das Problem des Buches, so gründlich recherchiert es auch ist: dass es keinen wirklichen Einblick in die Weltsicht des überzeugten Nazis bieten kann. Mehr als einmal müssen wilde Vermutungen und Spekulationen des Autors herhalten, um die möglichen Motive des Großvaters herzuleiten.

Auch die Rolle der Erziehung mit der Betonung auf blindem Gehorsam und unbedingter Autoritätsgläubigkeit, auf die sich die Nazis stützten, wird in dem Buch nicht in den Blick genommen.

Der Protagonist des Buches ist längst tot. Er kann nicht mehr befragt werden und aus der Familie hat nie jemand mit ihm darüber gesprochen. Die Versuche Davidsons, seine Mutter gegen diesbezügliche Vorwürfe zu schützen – sie habe schließlich gewusst, was ihr Vater für ein Mensch sei, die lieblose Erziehung hätte das mehr als verdeutlicht, weitere Fragen seien unnötig gewesen – wirken hilflos.

Treffender ist wohl, dass das Verschweigen in den Familien aus vielerlei Gründen ganz typisch war. Die Väter hatten auch nach dem Krieg zumindest in den Familien noch die Machtposition, die nicht hinterfragt wurde, und die Kinder hatten wohl zu wenige Informationen. Und solche Gespräche dürften auch nicht unproblematisch gewesen sein, wenn sie denn überhaupt stattfanden. Es braucht ja eine gewisse Reife, die weder mit (Groß-)Elternglorifizierung noch mit Selbstgerechtigkeit einhergehen darf, um derlei Gespräche überhaupt sinnvoll stellen zu können.

Ich bezweifle, dass der Autor sein Ziel wirklich erreicht hat, denn letztlich muss offenbleiben, was der Großvater nun wirklich getan oder nicht getan hat:

Most important of all, Bruno was no longer the only member of the family who knew what he had done. It had been our deliberately encouraged ignorance that had allowed him to relish the notoriety of his Nazi career, safe in the assumption that he could never be called to account for it – and he exploited it fully. I was glad that was no longer the case, even if it had not been possible to confront him while he was still alive. (S. 326)

Bruno Langbehn jedenfalls hat sich nach dem Krieg, nachdem er keine Angst mehr hatte, als alter SS-Kämpfer enttarnt zu werden, wie so viele ganz prächtig mit dem Wirtschaftswunder arrangiert und von Alpträumen wurde er – soweit bekannt – auch nicht geplagt.

Weitere Besprechungen

Die wilde Herumvermuterei des Autors ist auch der Hauptkritikpunkt des entnervten Lesers und Bloggers Tom Cunliffe:

Really, this isn’t history at all.  It’s mere surmise and I wonder what the point is of writing it, when there are so many first hand accounts of the events of the night which do not rely on assuming that someone participated in it. Heck, for all we know Bruno was out of action on Kristallnacht attending an SS officer’s dental emergency.  It may be a good exercise in creative writing to imagine what Bruno got up to on that night but it doesn’t shed any new light on the real events that took place. […]  I see very little merit in rehashing the history of Nazism in Germany and inserting the name of a relative at all the key points. No doubt this is fascinating history for Martin Davidson and his relatives but I can’t see that it would have much interest beyond the confines of his family.  I agree with Martin Davidson that his grandfather probably took part in many of the events described but I would prefer to read the many genuine, first hand accounts. And for a history of the times, there are so many better books it’s hard to see what the point is in this one.

Eine andere Kritik aus Großbritannien legt den Tenor auf einen ganz anderen Punkt: Hester Vaizey schreibt im Independent am 10. September  2010:

In family histories of this period, it is quite common for grandchildren to have a good understanding of what the Nazis did (as any German school child would tell you, there is never any danger of this subject being neglected in the classroom) and yet simultaneously profess „Grandpa wasn’t a Nazi“. Quite understandably, nobody wants their family to be mixed up with the bad guys. Davidson is no apologist for his grandfather, however. His condemnation of Bruno is loud and clear. Davidson will have wanted to avoid accusations of white-washing his family’s past. In merging the personal with the historical, he both helps us to understand what motivated Langbehn, while simultaneously casting judgement upon his grandfather.

Dabei finde ich es wiederum verblüffend, dass ein Rezensent des Independent (!) es erstaunlich findet, dass der Autor nicht automatisch der Versuchung erliege, „white-washing“ zu betreiben.

Hans Fallada: Jeder stirbt für sich allein (1947, ungekürzte Neuausgabe 2011)

Die Briefträgerin Eva Kluge steigt langsam die Stufen im Treppenhaus Jablonskistraße 55 hoch. Sie ist nicht etwa deshalb so langsam, weil sie ihr Bestellgang so sehr ermüdet hat, sondern weil einer jener Briefe in ihrer Tasche steckt, die abzugeben sie hasst, und jetzt gleich, zwei Treppen höher, muss sie ihn bei Quangels abgeben. Die Frau lauert sicher schon auf sie, seit über zwei Wochen schon lauert sie der Bestellerin auf, ob denn kein Feldpostbrief für sie dabei sei.

So beginnt

Hans Fallada: Jeder stirbt für sich allein (1947; ungekürzte Neuausgabe 2011)

Vorbemerkung

Fallada hieß eigentlich Rudolf Wilhelm Friedrich Ditzen und lebte von 1893 bis 1947. Was würde er wohl sagen, wenn er wüsste, dass dieser Roman erst 2009 ins Englische übersetzt und dann im englischsprachigen Raum zu einem phänomenalen Erfolg wurde? Dabei hatte schon Primo Levi das Buch als „the greatest book ever written about the German resistance to the Nazis“ bezeichnet.

Daraufhin kramte der Aufbau-Verlag mal etwas genauer in seinen Archiven und entdeckte das ursprüngliche Manuskript. So kam es 2011 zu einer Neuausgabe, diesmal ohne all die Veränderungen, die Falladas damaliger DDR-Lektor für angemessen hielt und gegen die der Autor ja nicht mehr hatte vorgehen können.

Zum Inhalt

Erzählt wird die Geschichte des Arbeiterehepaares Anna und Otto Quangel. Nachdem die beiden die Nachricht vom „Heldentod“ ihres Sohnes erhalten haben, kommen sie zu der Überzeugung, etwas gegen das herrschende Hitler-Regime tun zu müssen. Sie beschließen, Postkarten zu schreiben, in denen sie in einfachen Worten zum Protest aufrufen und die sie heimlich in öffentlich zugänglichen Geschäfts- und Wohnhäusern verteilen. Um sie herum gruppiert Fallada noch die Geschichten vieler anderer; von Mitläufern, Spitzeln, überzeugten Gestapo-Halunken, Kommissaren, Aufrechten, Gaunern, Opfern, Kommunisten oder Mitgliedern der Hitlerjugend.

Zur Entstehungsgeschichte

Das Buch ist oft genug bedrückend, wie Fallada selbst geradezu warnend in seinem Vorwort betont:

Mancher Leser wird finden, dass in diesem Buche reichlich viel gequält und gestorben wird. Der Verfasser gestattet sich, darauf aufmerksam zu machen, dass in diesem Buche fast ausschließlich von Menschen die Rede ist, die gegen das Hitlerregime ankämpften, von ihnen und ihren Verfolgern. In diesen Kreisen wurde in den Jahren 1940 bis 1942 und vorher und nachher ziemlich viel gestorben. […] Es hat dem Verfasser auch oft nicht gefallen, ein so düsteres Gemälde zu entwerfen, aber mehr Helligkeit hätte Lüge bedeutet.

Ja, Fallada war wirklich nicht begeistert, als Johannes R. Becher, Mitbegründer des „Kulturbunds zur demokratischen Erneuerung Deutschlands“ und späterer Kulturminister der DDR, ihm vorschlug, die Geschichte des Berliner Ehepaares Hampel als Grundlage für einen Roman zu verwenden. Der Kulturbund hatte nämlich Prozessakten von Widerstandskämpfern erhalten und suchte nun Autoren, die darüber schreiben konnten. Hampels hatten von 1940 bis 1942 auf Karten und in Briefen gegen das Regime aufbegehrt. „Aber Fallada lehnte ab: Er selbst habe sich im großen Strom mittreiben lassen und wolle nicht besser erscheinen, als er gewesen war.“ (Nachwort von Almut Giesecke, S. 689 der Taschenbuchausgabe)

Jürgen Kaube schreibt am 18.03.2011 in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung: „Dann aber nimmt ihn ‚die völlige Trostlosigkeit des Stoffes‘, dem jede Aussicht auf die Zukunft fehle, doch gefangen: Soeben erst aus einer Entziehungskur und einem Nervenzusammenbruch wieder auftauchend, schreibt er gut achthundertfünfzig Manuskriptseiten in kaum vier Wochen, nach dem vorliegenden Druck sind das mehr als zwanzig Buchseiten pro Tag. Man fasst diese Leistung gar nicht, zumal der Roman gut erzählt ist. Keine drei Monate später stirbt Fallada, durch Morphium, Alkohol und Arbeit physisch ruiniert, an Herzversagen.“

Fazit

Das Buch ist in weiten Teilen sowohl bedrückend als auch schmerzhaft. Wenn mir schon als Leserin der fiktive Selbstmord einer zu Tode gehetzten Jüdin so nahegeht, dann bekommt man zumindest eine winzigkleine Ahnung von dem damals alltäglichen Leiden. Das finde ich für Literatur sehr, sehr viel. Das Buch lässt einen manchmal geradezu vergessen, dass es in großen Teilen eine literarische Fiktion ist.

Manchmal ist es aber sogar witzig, vor allem auch spannend, ein ganz kleines bisschen hoffnungsvoll und so unglaublich lebensnah. Man kann die Figuren sehen und förmlich mit Händen greifen. Es lässt einen vor allem auch besser verstehen und nachvollziehen, wie sich das ganz alltägliche Leben unter einer Terrorherrschaft verändert, wie übelste Triebe wie Machtgier, Grausamkeit und Habgier sich nun ungehindert austoben dürfen. Und wie das Denunziantentum wie ein Krebsgeschwür um sich greift, das daraus resultierende Misstrauen und das Emporheben und Ehren des Primitiven, des Brutalen und Dummen.

„Alle haben sie Angst!“, entschied das Braunhemd verächtlich. „Warum eigentlich? Es ist ihnen doch so leicht gemacht, sie brauchen nur zu tun, was wir ihnen sagen.“

„Das ist, weil die Leute das Denken nicht lassen können. Sie glauben immer, mit Denken kommen sie weiter.“

„Sie sollen bloß gehorchen. Das Denken besorgt der Führer.“ (S. 210)

Und so ist es kein Zufall, dass die Quangels auch folgende Karte schreiben:

Führer, befiehl, wir folgen! Ja, wir sind eine Herde Schafe geworden, die unser Führer auf jede Schlachtbank treiben darf. Wir haben das Denken aufgegeben… (S. 491)

Das Buch zeigt die Umwertung aller Werte, wenn unklar zu werden droht, was eigentlich falsch, was eigentlich richtig und recht ist:  Der Anwalt setzt noch ein Gnadengesuch auf, in dem er auf „Irrsinn“ plädieren will:

Das Gnadengesuch wurde aufgesetzt, Irrsinn war der Anlass, der den Führer zur Gnade bestimmen sollte, aber der Anwalt wusste gut, dass sein Mandant nicht irrsinnig war. (S. 631)

Und es geht auch um die Frage, ob und wem der kleine private Widerstand überhaupt nutzt. Letztlich geht es um die Frage des Gewissens. Woher wissen wir, was gut und recht ist, und sind wir bereit, danach zu leben?

Helen Dunmore schreibt im Guardian am 7. Januar 2011: „Alone in Berlin, with its emphasis on the solitude in which moral choices are made, and the human loneliness of those who are persecuted, forces the reader back on very difficult questions. What, inside such a solitude and in such a society, would we do ourselves? Would we resemble the Quangels, or would we resemble those who type out their interrogation records? Fallada shows very clearly how terror, used as a matter of routine, rapidly corrupts individuals, neighbourhoods, cities and a whole nation.“

Ruth Andreas-Friedrich: Der Schattenmann – Tagebuchaufzeichnungen 1938 – 1945 (1947)

Die Menschen sehen heute anders aus als gewöhnlich. Irgendwie riecht es in der Luft beunruhigend nach Sensationen.

So beginnen am 27. September 1938 die Tagebuchaufzeichnungen

Ruth Andreas-Friedrich: Der Schattenmann – Tagebuchaufzeichnungen 1938 – 1945 (1947)

Warum haben meine Geschichtslehrer nicht mit solchen Büchern gearbeitet? Geschichte schmerzhaft nachzuvollziehen. Die Entscheidungen, die jeder treffen muss. Die überzeugten Nazis allesamt Sadisten, die das nun ganz „legal“ ausleben durften und wollten. Die menschliche Erbärmlichkeit der Schurken, Bonzen und Denunzianten, dieser Verbohrten bis zum Schluss.

Ruth Andreas-Friedrich, die 1901 in Berlin geboren wurde, war zusammen mit ihrem Lebensgefährten wichtiges Mitglied der Widerstandszelle „Onkel Emil“ in Berlin, die vor allem Untergetauchten mit gefälschten Papieren, Übernachtungsmöglichkeiten und Lebensmitteln half. Sie wurde später zu einem der Gerechten der Völker erklärt, leider erst nach ihrem Selbstmord 1977.

Wie kann es heute noch Nazis und Rechtsextreme hier geben? Wie hirn- und herzamputiert kann man denn sein?

Am 24. Dezember 1941 schreibt sie über eine Freundin:

Ins Getto bei Landshut haben sie sie geschafft. Zusammen mit 900 Leidensgefährten. Heute, am Weihnachtsabend, kam ihr erster Brief. ‚Schickt uns zu essen, wir verhungern‘, steht in ihm. ‚Vergeßt mich nicht‘, steht in ihm. ‚Ich weine den ganzen Tag.‘ Es dürfte keine Weihnachtsbäume geben, solange Menschen auf der Welt sind, die den ganzen Tag weinen müssen. In acht Tagen beginnt das vierte Kriegsjahr. Das zehnte Jahr unseres staatlichen Antisemitismus.

John Boyne: The Boy in Striped Pyjamas (2006)

One afternoon, when Bruno came home from school, he was surprised to find Maria, the family’s maid – who always kept her head bowed and never looked up from the carpet – standing in his bedroom, pulling all his belongings out of the wardrobe and packing them in four wooden crates, even the things he’d hidden at the back that belonged to him and were nobody else’s business.

So beginnt

John Boyne: The Boy in Striped Pyjamas (2006); auf Deutsch: Der Junge im gestreiften Pyjama

Ich war erst skeptisch, ob das funktionieren kann: die Gräuel der Konzentrationslager aus Sicht eines neunjährigen deutschen Jungen zu schildern, der als Sohn des Lagerkommandanten gar nicht begreift, wo er da gelandet ist. Ja, es funktioniert: Auf schlichte und ergreifende Weise wird klar, der Nationalsozialismus, Auschwitz ist so absurd, so dämlich doof, so unvorstellbar blöde, dass jedes Kind es hätte erkennen können. Selbst wenn man den Schluss dann ahnt, nimmt das dem Buch überhaupt nichts.

In der FAZ hieß es am 21. Juli 2007: „John Boyne ist mit „Der Junge im gestreiften Pyjama“ eine Art minimalistischer Geniestreich gelungen.“

Martin Doerry: Mein verwundetes Herz. Das Leben der Lilli Jahn 1900 – 1944 (2002)

Martin Doerry: Mein verwundetes Herz. Das Leben der Lilli Jahn 1900 – 1944 (2002)

Martin Doerry – Chefredakteur des Spiegel – erkannte die historische Bedeutung des bewegenden Briefwechsels zwischen seiner Großmutter, der jüdischen Ärztin Lilli Jahn, und ihren Kindern, der 1998 im Nachlass seines Onkels, des ehemaligen Bundesjustizministers Gerhard Jahn, entdeckt wurde.  Er stammt vor allem aus der Zeit, als Lilli Jahn in dem Arbeitserziehungslager Breitenau nahe Kassel interniert war und ihre fünf Kinder nahezu auf sich alleine gestellt waren. Doerry veröffentlichte 2002 eine Auswahl der 250 Briefe als Buch unter dem Titel „Mein verwundetes Herz – das Leben der Lilli Jahn“. Von der Wochenzeitung Die Zeit wird dieses Buch in eine Reihe gestellt mit dem Tagebuch der Anne Frank und den Aufzeichnungen Victor Klemperers. Es wurde in 19 Sprachen übersetzt. (nach Wikipedia)

Zu Recht.

Der Mann Lillis war „Arier“ und trennte sich ganz opportunistisch von seiner jüdischen Frau und versagte ihr damit den einzigen denkbaren Schutz vor der Verfolgung. Diese Briefe machen aus einer Nummer von nicht zu zählenden Ermordeten eine Person, einen einzelnen und unverwechselbaren Menschen. Es ist ungeheuerlich.

Am 25. November 1943 schreibt die älteste Tochter Ilse an ihre inhaftierte Mutter das Aufsatzthema, das sie in der Schule zu bearbeiten hatte: „Was bedeuten dir die Umgangsformen.“

Was kann man da noch zu sagen?