Julie Otsuka: The Buddha in the Attic (2011)

On the boat we were mostly virgins. We had long black hair and flat wide feet and we were not very tall. Some of us had eaten nothing but rice gruel as young girls and had slightly bowed legs, and some of us were only fourteen years old and were still young girls ourselves. Some of us came from the city, and wore stylish city clothes, but many more of us came from the country and on the boat we wore the same old kimonos we’d been wearing for years – faded hand-me-downs from our sisters that had been patched and redyed many times.

So beginnt ein höchst erstaunlicher Roman der amerikanischen Schriftstellerin mit japanischen Wurzeln. Katja Scholtz übersetzte Wovon wir träumten ins Deutsche. Noch nie habe ich ein Buch aus dieser Perspektive gelesen, und in einer Rezension im Observer stand, dass ein solches Vorhaben eigentlich nicht gelingen könne, und uns die Autorin zeigt, dass es eben doch funkioniere, doch dazu später mehr.

Zum Inhalt

In den zwanziger und dreißiger Jahren des 20. Jahrhunderts begeben sich viele junge Japanerinnen als sogenannte picture brides auf die beschwerliche Schiffsreise nach Kalifornien, um dort japanische Einwanderer zu heiraten, die sie nur von den Fotos der Heiratsvermittler kennen. Dort angekommen, müssen viele von ihnen feststellen, dass die Fotos zum Teil schon Jahrzehnte alt sind, dass nicht das große oder kleine Liebesglück mit Häuschen und Tulpen im Vorgarten auf sie wartet, sondern Knochenarbeit auf den Feldern, Armut und schweigsame oder trinkende Männer. Sie lernen die Sprache nur unzureichend. Und nur sehr sehr allmählich stabilisieren sich die Verhältnisse.

Manchmal können von den geringen Ersparnissen die ersten eigenen Lokale und Wäschereien eröffnet werden. Manch eine findet eine Anstellung in einem weißen Haushalt (samt der Nachstellungen des Hausherrn). Nachwuchs stellt sich ein, der bald eher amerikanisch als japanisch redet und sich oft genug seiner Herkunft schämt. Die Frauen bleiben – wenn auch als zuverlässige, billige und arbeitsame Arbeitskräfte geschätzt – immer geduldete Außenseiter. Das ändert sich im Zweiten Weltkrieg. Nach dem japanischen Angriff auf Pearl Harbour beginnt eine hysterische Kampagne. Alle Japaner im weiteren Westküstenbereich werden der Kollaboration mit dem Feind verdächtigt und interniert oder umgesiedelt. Die Nachbarn schauen zu und nehmen’s hin.

Fazit

Das Ungewöhnliche an diesem Buch ist die Perspektive. Konsequent wird aus der „Wir-Perspektive“ geschrieben und so verschmelzen unzählige Stimmen zu einem gewaltigen Chor, in dem das einzelne, individuelle Schicksal eingebettet wird in einen nicht abreißenden Strom, und zwar, ohne dass es dadurch unpersönlich oder langweilig würde. Die Traumata solcher Lebensgeschichten werden in den Träumen und dem Heimweh spürbar:

And when we’d saved up enough money to help our parents live a more comfortable life we would pack up our things and go back home to Japan. It would be autumn, and our fathers would be out threshing in the fields. We would walk through the mulberry groves, past the big loquat tree and the old lotus pond, where we used to catch tadpoles in spring. Our dogs would come running up to us. Our neighbours would wave. Our mothers would be sitting by the well with their sleeves tied up, washing the evening’s rice. And when they saw us they would just stand up and stare: „Little girl,“ they would say to us, „where in the world have you been?“ (S. 53)

Nachgetragen sei hier noch das Gedicht von Mizuta Masahide (1657 – 1723), das die Autorin ganz an den Anfang ihres Romans stellt:

Barn’s burnt down —
now
I can see the moon.

Hätte ich vorher gewusst, welche Erzählperspektive Otsuka gewählt hat, ich wäre skeptisch gewesen. Doch das Vorhaben ist ihr gelungen. Elizabeth Day schreibt im Observer am 8. April 2012:

Instead of a single, named protagonist, Otsuka writes in the first personal plural through a series of thematic chapters. Such a device shouldn’t work but does. Although there are no dominant characters, Otsuka’s brilliance is that she is able to make us care about the crowd precisely because we can glimpse individual stories through the delicate layering of collective experience.

Zu Recht ist sie für dieses Buch nicht nur unter die fünf Finalisten des National Book Award 2011 gekommen, sie hat auch den PEN/Faulkner Award for Fiction und den David J. Langum Sr. Prize verliehen bekommen, einen amerikanischen Literaturpreis für Werke, die sich mit geschichtlichen Themen befassen. Johan Dehoust schreibt am 13. August 2012 im Spiegel:

Julie Otsuka stützt sich auf echte Schicksale, im Nachwort des Romans listet sie akribisch die historischen Quellen auf, auf die sie zurückgegriffen hat. Und nach ihrer Recherche scheint sie entgegen aller Erzählprinzipien beschlossen zu haben, so viele Figuren auftauchen zu lassen wie möglich. Dass man ihr Buch deshalb nicht völlig verwirrt über die Bettkante wirft, liegt neben Otsukas einzigartiger Sprache vor allem an der Perspektive: Die jungen Frauen sprechen in der Wir-Form, wie ein mächtiger, orakelhafter Chor, der einen in seinen Bann schlägt und nicht mehr loslässt.

Auch ihr erster Roman When the Emperor was Divine (2002) befasst sich mit der Geschichte japanischer Einwanderer in Amerika, diesmal zur Zeit des Zweiten Weltkrieges. Sie verarbeitet darin Erfahrungen ihrer eigenen Familie: „… her grandfather was arrested by the FBI as a suspected spy for Japan the day after Pearl Harbor was bombed, and her mother, uncle and grandmother spent three years in an internment camp in Topaz, Utah“ (siehe die Homepage der Autorin).

Wer mehr  zum geschichtlichen Hintergrund wissen möchte, sei noch auf den Wikipedia-Artikel hingewiesen: Internierung japanischstämmiger Amerikaner.

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Niroz Malek: Der Spaziergänger von Aleppo (2017)

Niroz Malek (1946 in Aleppo geboren) hat bisher mehrere Bände mit Erzählungen und sechs Romane veröffentlicht.

Schon auf den ersten Seiten dieses Werks erklärt der Erzähler, weshalb er selbst, im Gegensatz zu Millionen anderen Syrerinnen und Syrern, sein Land und seine Stadt Aleppo nicht verlassen will.

‚Wie kann ich meine Wohnung verlassen, aus meinem Zimmer fortgehen?‘ […] ‚Warum? Um meinen Körper zu retten? Du solltest wissen daß das, was ich in diesem Raum zurücklasse, nicht nur Bücher und Antiquitäten und Photographien sind. Nein, ich lasse meine Seele zurück.‘ […] ‚Kann ein Körper ohne Seele leben? Aus diesem Grund werde ich meine Wohnung nicht verlassen: Weil ich meine Seele nicht in einen noch so großen Koffer stopfen kann. Meine Seele ist all das, was du in meinem Zimmer siehst … Tausende Bücher. Hunderte Schallplatten, Zeichnungen, Gemälde und Photographien.‘ (S. 6/7)

Malek konstatiert den Irrsinn, dass sich Liebespaare immer noch küssen, dass Frauen vergeblich auf die Rückkehr ihres Mannes warten, dass irgendwo Hochzeit gefeiert wird, während gleichzeitig ein kleiner Junge betrauert wird, der einem Scharfschützen zum Opfer gefallen ist.

Er trifft sich mit seinen verbliebenen Freunden im Café, flüchtet in Bücher und Gemälde von van Gogh und vermisst seine über die Welt verstreute Familie, seine Enkelkinder.

Ich weiß, daß meine Briefe Dich nicht erreichen. Dennoch schreibe ich Dir jeden Abend, um Dir zu sagen, wie sehr Du mir fehlst. Am nächsten Morgen lege ich den Brief wie ein wertvolles Pfand in die Hände des Briefträgers. (S. 8)

Gleichzeitig ist er erschüttert, dass die Kinder in Aleppo, die überhaupt noch in der Lage sind, etwas malen zu können, nur noch verkohlte Bäume und Leichenteile malen.

Und so enthält Der Spaziergänger von Aleppo 57 kurze Texte; Einblicke, Impressionen, surreale Geschichten und Reflexionen, in denen sich der Autor, der nach wie vor in Aleppo lebt, an früher erinnert und an geflohene Freunde, an Zurückgekehrte, an Ermordete und Trauernde.

Wir lesen seine Alpträume, in denen sich die Grenzen zwischen Lebenden und Toten vermischen, denn der Tod kann jede Minute in Form von Raketen, Heckenschützen oder verrohten Soldaten an den unzähligen Checkpoints zuschlagen. Nichts ist mehr sicher, geordnet oder verlässlich. Er schaut fern, sieht die Leichen im Mittelmeer.

Der Anblick war schrecklich. Ertrinkende Frauen und Kinder, mit denen die Wellen des Meers spielten. Eine Welle spülte sie ans Ufer, eine andere trieb sie aufs Meer, als lägen sie auf einem Wasserbett. (S. 27)

Das erzählt Malek in einer einfachen, ganz zurückgenommenen Sprache. Wenn alles implodiert, dann wird die Sprache schlicht, fast dokumentarisch.

Dass diese Texte nie länger als anderhalb Seiten sind, ergibt sich zwingend aus ihrem Inhalt. Im Irrsinn und Widersinn des Krieges gibt es keinen roten Faden mehr, nur noch Zersplitterung.

Ein Buch, das dennoch nicht leicht zu lesen ist, denn wir können jederzeit das Büchlein aus der Hand legen, den Opfern gewaltsamer Auseinandersetzungen, den Zivilisten jedoch steht keine Fluchtmöglichkeit offen und keine Atempause zu.

Anmerkungen

Dieser schmale Band von nur 139 Seiten wurde von Larissa Bender aus dem Arabischen übersetzt und im Weidle Verlag veröffentlicht. Die französische Ausgabe erschien bereits 2015.

Weitere Besprechungen gibt es bei:

Hisham Matar: The Return (2016)

Early morning, March 2012. My mother, my wife Diana and I were sitting in a row of seats that were bolted to the tiled floor of a lounge in Cairo International airport. Flight 835 for Benghazi, a voice announced, was due to depart on time. Every now and then, my mother glanced anxiously at me. Diana too seemed concerned. She placed a hand on my arm and smiled. I should get up and walk around, I told myself. But my body remained rigid. I had never felt more capable of stillness.

So beginnt das dritte Buch des libyschen Autors, das mich in einer Weise beschäftigt, wie das nur sehr wenigen Büchern gelingt.

Fathers, sons and the land in between, so lautet der Untertitel und Ende Februar 2017 erschien das Buch auch in Deutsch im Luchterhand Verlag unter dem Titel Die Rückkehr.

Vielleicht zunächst etwas zum Hintergrund: Hisham Matar wurde 1970 in New York geboren, dann ging die Familie zurück nach Libyen, doch als sein Vater – im aktiven Widerstand gegen das Gaddafi-Regime – immer mehr um seine Sicherheit und um die seiner Familie fürchten musste, emigrierte die Familie zunächst nach Kenia, dann nach Ägypten. Da war Hisham gerade einmal sieben Jahre alt. Hisham und sein Bruder Ziad absolvierten ihre schulische Ausbildung in Großbritannien und Hisham studierte anschließend in London. 1990 wurde der Vater durch den Verrat des ägyptischen Geheimdienstes an Libyen ausgeliefert. Ein paar Jahre später verliert sich in dem berüchtigten Folterknast Abu Salim seine Spur endgültig. Weitere Verwandte des Autors, Onkel und Cousins, saßen ebenfalls zum Teil über 20 Jahre in diesem  Gefängnis.

Schon sein zweiter Roman Anatomy of a Disappearance (2011), in Deutsch unter dem Titel Geschichte eines Verschwindens erschienen, beinhaltete die Entführung des Vaters des Ich-Erzählers aus der Schweiz. Doch dort bleibt dieses familiäre Trauma, das Matar in eine durchaus spannende Geschichte mit diversen familiären Wirrungen einbettet, noch seltsam blass.

Ganz anders in seinem dritten Werk The Return; hier gelingt Matar ein autobiografisches Meisterwerk, das ihm 2017 sogar den Pulitzer-Preis für Biografie oder Autobiografie eingebracht hat.

Die erstmalige Rückkehr Hisham Matars in sein Heimatland nach 33 Jahren im Exil im Jahr 2012 bildet die Rahmenhandlung oder eher die Handlung des Romans, mit der unzählige andere Geschichten, Rückblenden, Betrachtungen und Exkurse verwoben sind.

Hier schreibt einer, der geradezu traumwandlerisch weiß, was er tut. Herausgekommen ist so viel mehr als eine biografische Nabelschau. Es geht um die richtig großen Themen: Heimat, Entwurzelung, um den Mut, in einer Diktatur Widerstand zu leisten, das Wüten der italienischen Kolonialmacht in Libyen nach dem Ersten Weltkrieg, um die Liebe eines Sohnes und seine Erinnerungen an seinen Vater, die Liebe einer Familie zueinander, um Trauer und um das Gesicht des abgrundtief Bösen, das immer auch so unglaublich zynisch ist. Wie ähnlich sich doch die Diktatoren sind. Und wie rasch westliche Demokratien den Diktatoren die Hand reichen. Und es geht um den Kampf Matars, durch Öffentlichkeitsarbeit Informationen zum Verbleib seines Vaters zu bekommen. Selbst ein Treffen mit einem der Söhne Gaddafis mutet er sich und seinem Bruder Ziad zu.

Und es geht um Kunst, um Bilder, um Literatur, die einem dabei helfen kann, nicht den Verstand zu verlieren.

Ein Beispiel, wie Matar arbeitet: Er schildert eine Tizian-Ausstellung in Rom und vor allem das Gemälde Martyrium des heiligen Laurentius zieht ihn völlig in seinen Bann. Als jemand, dessen Verwandte gefoltert und dessen Vater im Nichts einer Diktatur verschwunden ist, hat Matar einen ganz anderen Zugang zu diesem Bild als irgendein beliebiger Kunstflaneur. Doch von dem Gedanken ausgehend, dass sich die Folterknechte, die man im Gemälde sehen kann, richtig Mühe geben, ihre Arbeit „gut“ zu machen, geht Matar über zu der Frage, wie das Foltergefängnis Abu Salim architektonisch geplant worden ist.

Ich habe selbst schon auf diesem Blog die Wendung benutzt, dass ein Autor, eine Autorin für mich Fenster in andere Bereiche aufgestoßen habe. Doch Matar macht etwas anderes: Er macht mir klar, dass das, was er erzählt, in der Welt passiert, in der ich, in der wir gemeinsam leben. Libyen ist gar nicht mehr weit weg.

Was ebenfalls frappiert: Kein Hass, keine Bitterkeit, stattdessen eine große Weite, eine große Klarheit und Anschaulichkeit, die keiner pathetischen Worte bedarf.

Natürlich habe ich auch in diesem Buch Stellen angestrichen, die ich normalerweise hier zitiere. Doch diesmal sind es zu viele, die ich nicht aus ihrem Zusammenhang herauslösen möchte, zu dicht verschränkt sind die Ebenen, die Themenbereiche. Die Struktur des Buches ähnelt dem Haus seines Großvaters:

For a young boy it was as mysterious and magical as a maze. And I cannot separate its various surprising turns, its seeming endlessness, its modest and somewhat austere aesthetic, from my grandfather’s life and character. I often lost my way in its endless rooms, corridors and courtyards. Some windows looked out on the street, some on to one of the courtyards, yet others, strangely, looked into other rooms. It was never clear whether you were indoors or outdoors. Some of its halls and corridors were roofless or had an opening through which a shaft of light leant in and turned with the hours. Some of its staircases took you outside, under the open sky, before winding back in. (S. 147)

Kurz: Ganz große Literatur.

Hier geht’s lang zu Besprechungen auf letteratura und LiteraturReich.

Das sagt die Neue Zürcher Zeitung.

Yasmina Khadra: Die Sirenen von Bagdad (OA 2006)

Beirut versinkt in der Nacht und verhüllt das Gesicht. Die blutigen Krawalle vom Vortag haben die Stadt keineswegs wachgerüttelt, was beweist, dass sie selbst im Gehen noch schläft. Und nach alter Väter Sitte stört man keinen Schlafwandler, auch dann nicht, wenn er ins eigene Verderben rennt. Ich hatte mir Beirut anders vorgestellt, arabisch, und stolz darauf. Ich hatte mich geirrt.

So beginnt Die Sirenen von Bagdad des 1955 geborenen algerischen Autors Mohammed Moulessehoul, der um Probleme mit der Zensur zu umgehen, seine Bücher unter dem Namen seiner Frau veröffentlichte. Nach der Übersiedlung nach Frankreich hat er diesen Namen beibehalten.

Die Übersetzung aus dem Französischen stammt von Regina Keil-Sagawe.

Zum Inhalt

Zu Beginn der Geschichte befindet sich der ca. 20-jährige Ich-Erzähler, ein Beduine aus dem Irak, in Beirut (Libanon). Er scheint auf etwas zu warten, doch bevor wir Genaueres erfahren, wird zunächst in einer großen Rückblende die Geschichte des jungen Mannes ausgebreitet.

Er hat nach dem Einmarsch der Amerikaner in Bagdad sein Studium abgebrochen und ist zu seiner Familie in sein Heimatdorf Kafr Karam zurückgekehrt, wo er mit den anderen jungen Männern des Dorfes notgedrungen in den Tag hineinlebt.

Sicher, wir hatten unsre kleinen Eigenarten, aber unsere Streitigkeiten arteten nie aus. Wenn es zu heftig zu werden drohte, schritten die Alten ein. Falls die gegnerischen Parteien die erlittene Kränkung als unverzeihlich ansahen, sprachen sie fortan nicht mehr miteinander, und der Fall war erledigt. Im Übrigen gehörte es zu unseren Lieblingsbeschäftigungen, uns mit Freunden auf dem Marktplatz oder in der Moschee zu treffen, durch die staubigen Straßen zu schlendern oder uns, an die Mauern gelehnt […] in der Sonne zu räkeln. Das Paradies war es nun nicht gerade, doch wir glichen die geistige Enge durch umso mehr Herzenswärme aus. Wir konnten uns über jeden witzigen Spruch ausschütten vor Lachen und fanden in unseren Blicken die Kraft, den Gemeinheiten des Lebens die Stirn zu bieten. (S. 30)

Zunächst kann man den Terror, der woanders im Land und besonders in der Hauptstadt tobt, noch halbwegs ignorieren, auch wenn die Diskussionen im Dorf hitziger werden und jeder allmählich das Gefühl hat, sich zwischen den verschiedenen politisch-militärischen Gruppen positionieren zu müssen. Und schließlich verlassen die ersten jungen Männer das Dorf, um sich den Kämpfern im Widerstand anzuschließen.

Doch dann wird der junge Ich-Erzähler zum ersten Mal Zeuge einer undenkbaren, ja unvorstellbaren Tat. Noch während er versucht, sich von diesem Schock zu erholen, bricht sein altes Leben endgültig zusammen.  Die Welt hört auf, ein geordneter und sinnvoller Ort zu sein.

Fazit

Manchmal habe ich mich an der Übersetzung gestoßen, deren Qualität ich gar nicht beurteilen kann; aber Redewendungen wie „treulose Tomate“; „etwas intus haben“ oder „auf dem falschen Dampfer sein“ klangen in meinen Ohren zu deutsch, als dass ich sie als die Sprache irakischer junger Männer empfunden hätte.

Sowohl das pamphletartige Herunterspulen von Klischees in manchen Dialogen – aus denen ich meinte, den Autor herauszuhören – als auch eine Wendung am Ende haben mich gestört bzw. nicht überzeugt.

Doch trotzdem fand ich das Buch lesenswert. Nicht nur, weil Khadra über weite Strecken so anschaulich schreibt, dass man nur wenige Zeilen braucht, um sofort in der Geschichte zu sein:

Jeden Morgen brachte Bahia, meine Zwillingsschwester, mir das Frühstück ans Bett. ‚Aufstehen da drinnen!‘, rief sie, während sie die Tür aufstieß, ‚du gehst noch mal auf wie ein Hefeteig!‘ Sie stellte das Tablett auf einem niedrigen Tischchen am Fußende ab, riss das Fenster weit auf und zwickte mich in die Zehen. Ihre Gesten waren herrisch, was in einem seltsamen Gegensatz zur Sanftheit ihrer Stimme stand. (S. 21)

Vor allem aber wird hier der Versuch unternommen, aus der Innensicht zu zeigen, wie sich das für einfache Menschen anfühlt, wenn westliche Soldaten zur Befreiung anrücken, man bald nicht mehr weiß, wer Freund und wer Feind ist, und sich die „Überlegenheit“ des Westens vor allem in sogenannten Kollateralschäden – überhaupt, was für ein Wort – und noch größerem Chaos und Blutvergießen zeigt.

Dabei gibt es keine Schwarzweißmalerei; auch der junge Beduine hat seine Glaubenssätze, die er nicht hinterfragt und reflektiert.

In Kafr Karam kostete man nicht von der verbotenen Frucht. Eher wäre man krepiert, als zu stehlen oder sich dem Laster zu ergeben. Der Gesang der Sirenen mochte noch so laut tönen, der Mahnruf der Alten hat ihn noch stets überdeckt – Anstand und Ehre sind uns angeboren. (S. 24)

Letztlich geht es um die Fragen, was passiert, wenn man die Würde des Menschen antastet, wie die Spirale des Hasses entsteht und wie der Hass den Einzelnen und dann die Gesellschaft korrumpiert.

Würde ist nichts, worüber sich feilschen lässt. Wer sie verliert, dem reichen alle Leichentücher der Erde nicht, um sein Haupt zu verhüllen, und kein Grab nimmt freiwillig seine Reste auf. (S. 141)

Und das Buch erinnert daran, dass das, was wir eher flüchtig, eher nebenbei in den Zeitungen lesen oder in den Nachrichten hören, von anderen Menschen konkret durchlitten werden muss.