Elizabeth Daly: Unexpected Night (1940)

Nun ist es auf dem Blog schon länger ruhig und das wird zeitbedingt auch noch eine Weile so bleiben, dabei ist es nicht so, dass ich gar nicht zum Lesen komme. Aber wenn’s hektisch wird, lese ich gern Cozy Crime und ganz verhängnisvoll ist’s, wenn man sich dann – als zwanghafte Immer-von-vorn-anfangen-Leserin – wieder Band 1 einer älteren Reihe aus dem Regal fischt.

Es macht nach wie vor Spaß, Henry Gamadge bei seinen unfreiwilligen Ausflügen in die kriminellen Irrungen und Wirrungen in und um  New York zu folgen. Die Geschichten spielen in den vierziger Jahren des letzten Jahrhunderts, vorzugsweise im familiären Umfeld, vor allem wenn bei Erbschaften viel Geld zu erwarten ist.

Mein momentaner Lieblingssatz aus Band 3 (insgesamt gibt es 16 Bände) fällt, als Henry zum zweiten Mal eine junge Frau trifft, in die er sich schon beim ersten Mal verliebt hat:

They exchanged a long, friendly gaze.

Doch jetzt noch mal ganz langsam von vorn; der erste Band Unexpected Night (1940) von Elizabeth Daly beginnt mit den Worten:

Pine trunks in a double row started out of the mist as the headlights caught them, opened to receive the car, passed like an endless screen, and vanished. The girl on the back seat withdrew her head from the open window. „We’ll never get there at this rate,“ she said. „We’re crawling.“

The older woman sat far back in her corner, a figure of exhausted elegance. She said, keeping her voice low: „In this fog, I don’t think it would be safe to hurry.“

Zum Inhalt

Gamadge, Experte für alte Handschriften und Bücher, besucht im Sommer 1939 eine befreundete Familie im Sommerurlaub in Maine, Colonel Barclay, dessen Ehefrau Lulu und ihren Sohn. Und während man sich den Abend mit Kartenspielen vertreibt und auf die Ankunft von Lulus Schwägerin und deren zwei Mündeln wartet, erzählen die Barclays, was es mit Schwägerin Eleanor und ihren zwei Schützlingen auf sich hat.

Alma und Amberley sind Geschwister und Amberley wird einen Tag später volljährig, das bedeutet, er wird ein Vermögen von einer Million Dollar erben. Doch Amberley ist todkrank und alle Anverwandten haben Angst, dass er seinen Geburtstag nicht mehr erlebt, dann würde nämlich das gesamte Vermögen irgendwelchen fremden Verwandten in Frankreich zufallen.

Am nächsten Morgen findet man Amberleys Leiche am Fuße der Klippen, ganz in der Nähe des Hotels, vermutlich eines natürlichen Todes gestorben, doch was wollte Amberley mitten in der Nacht an den Klippen?

Gamadge wird von dem zuständigen Kommisar Mitchell gebeten, ihn bei den Untersuchungen zu unterstützen. Und so kommt Gamadge eher unfreiwillig zu seinem ersten Fall. Er ist Anfang dreißig, finanziell unabhängig und äußerlich eher unauffällig und unscheinbar.

Mr. Henry Gamadge […] wore clothes of excellent material and cut; but he contrived, by sitting and walking in a careless and lopsided manner, to look presentable in nothing. He screwed his grey tweeds out of shape before he had worn them a week. […] People as a rule considered him a well-mannered, restful kind of young man; but if somebody happened to say something unusually outrageous or inane, he was wont to gaze upon the speaker in a wondering and somewhat disconcerting manner. (S. 6)

Gamadge hat ein Faible für Literatur, alte Handschriften und Bücher und ist – wie könnte es anders sein – ein intelligenter und aufmerksamer Zuhörer.

He did not object to his own society. (Deadly Nightshade, S. 2)


Eine Krimi-Entdeckung mit Spannung, verwickelten Plots, Charakteren, denen man in den Folgebänden gern wiederbegegnet und einer feindosierten Portion Humor.

Die Schauplätze, eine Straße im Nebel, ein Hotel, ein Dorf, das eine Schauspielertruppe beherbergt, sind hier nicht bloße Staffage. Die Handlungsfäden fließen am Ende alle natürlich zusammen und es gibt kein weißes Kaninchen, das am Ende aus dem Hut gezaubert wird. Ich habe – erfolglos – fröhlich mitgerätselt. Und in einem der letzten Kapitel, als dem bis dahin ahnungslosen Familienanwalt erzählt wird, was sich zugetragen hat, läuft Daly sogar zu echtem Screwball Comedy-Format auf.

Das Buch war spannend und unterhaltsam. Ich finde es unerhört, dass es von dieser Krimireihe keine hübschen Schwarzweiß-Verfilmungen gibt.

Elizabeth Daly lebte übrigens von 1878 bis 1967. Es heißt, sie sei die Lieblings-Krimischriftstellerin Agatha Christies gewesen.


John Bude: The Cornish Coast Murder (1935)

The Reverend Dodd, Vicar of St. Michael’s-on-the-Cliff, stood at the window of his comfortable bachelor study looking out into the night. It was raining fitfully, and gusts of wind from off the Atlantic rattled the window-frames and soughed dismally among the the sprinkling of gaunt pines which surrounded the Vicarage. It was a threatening night. No moon. But a lowering bank of cloud rested far away on the horizon of the sea, dark against the departing daylight.

Noch einen alten Cozy Crime gelesen. Unter dem Pseudonym John Bude veröffentliche Ernest Carpenter Elmore 1935 seinen ersten Krimi The Cornish Coast Murder.

Und wir haben all die Ingredienzien, die zu einem guten Cozy Crime gehören. Eine stürmische Gewitternacht, in der unter dem Schutz des Donnergrollens ein unsympathischer Landbesitzer erschossen wird, einen Detektiv, der immer, wenn er meint, den Mörder zweifelsfrei identifiziert zu haben, von neuen Indizien gezwungen wird, seine Ermittlungen von vorn zu beginnen. Und den freundlichen, dem guten Essen zugeneigten Reverend Dodd, der letztlich dem überforderten Detektiv zur Seite springt.

Die Handlungsstränge sind nett, nicht zu überdreht und werden gemächlich entwirrt. Ein Pluspunkt war, da weist auch Martin Edwards in seinem Vorwort der Neuauflage in der Reihe der British Library Crime Classics hin, der sorgfältig ausgearbeitete Schauplatz an der Küste.

Mein einziger Kritikpunkt ist, dass Bude im Verlauf der Handlung leider über weite Strecken den sympathischen Reverend Dodd und seinen Freund Dr. Pendrill etwas aus den Augen verliert, die er uns doch im ersten Kapitel so reizend vorstellt. Sie haben nämlich ein festes Montagabendritual. Jede Woche bestellt einer der beiden einige Kriminalromane von einer Leihbücherei, die sie dann während der Woche lesen. Der Karton mit den Büchern wird nach einem guten Abendessen im Arbeitszimmer des Reverend feierlich geöffnet.

With a leisurely hand, as if wishing to prolong the pleasures of anticipation, the Vicar cut the string with which the crate was tied and prised up the lid. Nestling deep in a padding of brown paper were two neat piles of vividly coloured books. One by one the Vicar drew them out, inspected the titles, made a comment and placed the books on the table beside his chair.

‚A very catholic choice,‘ he concluded. ‚Let’s see now – an Edgar Wallace – quite right, Pendrill, I hadn’t read that one. What a memory, my dear chap! The new J. S. Fletcher. Excellent. A Farjeon, a Dorothy L. Sayers and a Freeman Wills-Croft. And my old friend, my very dear old friend, Mrs. Agatha Christie. New adventures of that illimitable chap Poirot, I hope. I must congratulate you, Pendrill. You’ve run the whole gamut of crime, mystery, thrills and detection in six volumes!‘ (S. 15)

Stattdessen folgen wir viele Kapitel lang einem eher uninteressanten Inspector. Erst am Ende hat Reverend Dodd dann seinen großen Auftritt.

Und im letzten Kapitel – eine Woche nach dem Mord – sehen wir Dodd und seinen Freund, Doktor Pendrill, wieder. Nach einem guten Essen fachsimpeln sie im Pfarrhaus über den Fall. Vor sich – wie seit vielen Jahren – die neue Kiste mit den nächsten Krimis.

Doch diesmal ist die Begeisterung des Reverend getrübt.

‚Really, Pendrill. Somehow … dear me … I feel that I never want to read another crime story as long as I live. I seem to have lost my zest for a good mystery. It’s strange how contact with reality kills one’s appreciation of the imaginary. No, my dear fellow, I’ll never get back my enthusiasm for thrillers. I’ve decided to devote my energies for worthier problems.‘ (S. 285)

Alles in allem kann ich mich der Einschätzung von Martin Edwards nur anschließen:

Bude’s aims were not as lofty as Sayer’s; his focus was on producing light entertainment, and although his work does not rank with Sayers’s for literary style or with Agatha Christie’s for complexity of plot, it certainly does not deserve the neglect into which it has fallen. (S. 9)




Molly Thynne: The Draycott Murder Mystery (1928)

The wind swept down the crooked main street of the little village of Keys with a shriek that made those fortunate inhabitants who had nothing to tempt them from their warm firesides draw their chairs closer and speculate as to the number of trees that would be found blown down on the morrow.

Nach den letzten eher schwergewichtigen Büchern war mir nach Cosy Crime zumute und der neu aufgelegte erste von insgesamt sechs Krimis der britischen Autorin Mary „Molly“ Thynne (1881 – 1950) war da ein richtig guter Griff.

Der junge John Leslie kommt abends im Sturm zu seinem Farmhaus zurück, nur um dort zu seinem Entsetzen eine schöne Unbekannte im Wohnzimmer zu finden, offensichtlich erschossen. Da die Polizei die in seinem Schlafzimmer gefundene Waffe für die Tatwaffe hält und er kein Alibi vorweisen kann, muss er damit rechnen, als Täter zum Tode verurteilt zu werden.

Doch seine Verlobte, die patente Cynthia, und alle Freunde des jungen Paares, wie der kürzlich aus Indien zurückgekehrte Fayre, der väterliche Freund Cynthias, sind von der Unschuld Johns überzeugt.  Fayre betätigt sich also notgedrungen als Hobby-Detektiv und stolpert dabei schon rasch über die ersten Ungereimtheiten. Alle sind froh, den eminenten Strafverteidiger Edward Kean und dessen schwerkranke Frau zu den Freunden zählen zu können, die nichts unversucht lassen werden, die Unschuld des jungen Mannes zu beweisen. Doch welches Urteil wird die Jury beim Prozess fällen?

Ein ganz reizendes Exemplar des Cosy Crime, und das, obwohl ich – zum ersten Mal – schon nach dem ersten Viertel den Täter zweifelsfrei identifiziert hatte. Doch die Handlung schlägt noch diverse Haken, es gibt dezenten Humor und die Charaktere sind durchaus als eigenständige Personen gezeichnet.

Eine Verfilmung wäre nett.


Margaret Millar: Ask for me tomorrow (1976)

It was late afternoon. As Marco dozed in his wheelchair the long lazy rays of the sun touched the top of his head and stroked the sparse grey hairs of his good arm and fell among the folds of his lap robe. Gilly stood in the doorway and watched her husband, waiting for some sign that he was aware of her presence.

So beginnt der erste von drei Kriminalromanen um den spanischstämmigen Anwalt Tom Aragon von

Margaret Millar: Ask for me tomorrow (1976)

Im Deutschen erschien das Buch unter dem Titel Fragt morgen nach mir.

Gilda Decker, in zweiter Ehe verheiratet mit dem todkranken Invaliden Marco, heuert den jungen Anwalt Tom Aragon an. Er soll ihren ersten Ehemann B. J. Lockwood finden. Der war klein, dick, freundlich, harmlos, reich – und ihre große Liebe. Doch nachdem er dummerweise vor acht Jahren ein 15-jähriges mexikanisches Hausmädchen geschwängert hatte, ist er mit diesem nach Mexiko gezogen.

Das letzte Lebenszeichen von B. J. ist ein Brief, in dem er Gilda um eine größere Summe Geld bat, um damit in Mexiko in Immobilien zu investieren. Darauf hat Gilda aber nie reagiert.

Nun gestaltet sich die Suche nach B. J. Lockwood allerdings schwieriger als gedacht und es kommt zu merkwürdigen Todesfällen, je näher Aragon der Erfüllung seines Auftrages zu kommen scheint.


Was für ein feiner kleiner Kriminalroman von einer Schriftstellerin, die mir bisher völlig entgangen war.

Hier verbinden sich glaubhafte Charaktere (und zwar bis in die Nebenfiguren hinein), hinreißend bissige Dialoge mit Spannung und der Fähigkeit, so anschaulich zu schreiben, dass man sich direkt in einen Schwarzweißfilm mit Humphrey Bogart versetzt sieht. Selbst dass mich die Auflösung nicht  mehr wirklich überrascht hat, konnte da noch stören.

Ich werde mich unverzüglich auf die Suche nach weiteren Büchern von Millar (1915 – 1994) begeben, die 1956 den Edgar Allan Poe Award und 1983 von der Mystery Writers of America den Grand Master Award für ihr Lebenswerk erhielt.


Friedrich Ani: Der namenlose Tag (2015)

Andauernd rief eine Frau meinen Namen, aber ich war nicht gemeint. So gemein. Ich hab sie nicht mal gesehen, zu viele Leute überall; alle schrien durcheinander, mir wurde schon ganz schwindlig. Wegschauen konnt ich nicht; jedes Mal, wenn ich den Kopf drehte, lag da meine Mutter; alles war still. Sogar der Willy hat keinen Ton von sich gegeben; der hockte auf seinem Käfig, aufgeplustert und starr wie ausgestopft.

So beginnt der Kriminalroman um den seit zwei Monaten pensionierten Kriminalhauptkommissar Jakob Franck von:

Friedrich Ani: Der namenlose Tag (2015)

Zum Inhalt

Die Grundidee fand ich zunächst reizvoll: Der pensionierte Ermittler Franck wird nicht nur von den Geistern Ermordeter besucht, denen er dann Kekse anbietet, sondern auch vom inzwischen ziemlich auf den Hund gekommenen Vater einer jungen Frau, die sich vor zwanzig Jahren im Park erhängt hat. Fremdverschulden wurde ausgeschlossen. Franck war damals derjenige, der der Mutter die Todesnachricht überbracht hatte. Ein Jahr später nahm sich die Mutter auf die gleiche Weise das Leben.

Nun, Jahrzehnte später, plagen den Vater die Geister der Vergangenheit und er hat sich in die Idee hineingesteigert, dass seine Tochter in Wahrheit einem Mörder zum Opfer gefallen ist. Den Täter meint er in einem ehemaligen Nachbarn ausgemacht zu haben, der bekannt dafür war, Affären mit Minderjährigen zu unterhalten.

Auch Franck hat dieser Fall nie losgelassen. Er ist fassungslos, wie schlampig damals ermittelt wurde, wie wenig man den Eltern, den Mitschülern, den Nachbarn auf die Pelle gerückt ist, dabei gab es sogar Gerüchte um einen Missbrauch durch den eigenen Vater. Und so marschiert Franck los, befragt die Überlebenden von damals, und schwuppdiwupp, erfährt er Dinge, die damals niemand wissen wollte.


Ich habe eine ganze Reihe der Tabor Süden-Romane von Ani sehr gern gelesen, fand es großartig, die Suche nach Vermissten und den Unsichtbaren unserer Gesellschaft in das Zentrum zu rücken, ganz ohne Thrill und Gemetzel. Das Ganze mit einer dazu passenden, manchmal sogar poetischen Sprache. Doch jetzt?

Diesmal kam die Sprache an manchen Stellen dem Kitsch gefährlich nahe:

… einen Moment lang erinnerte in ihr Blick an Adriana Waldt, deren Suche nach einem Anker im eisigen Gedankenmeer sie immer wieder erfrieren ließ. (S. 181)

In diesem Roman scheinen mir nur noch einzelne Bestandteile eines ehemals gelungenen Rezepts verrührt: Gescheiterte Existenzen, die mich diesmal nicht interessieren, großstädtische Anonymität, familiäre Sprachlosigkeit, wohin man schaut, und Unwahrscheinlichkeiten – plötzlich erinnern sich die Zeugen von damals an Dinge, die sie vor zwanzig Jahren nicht zu Protokoll gegeben haben.

Die melodramatischen Elemente waren arg dick aufgetragen: Franck hatte bei der Übermittlung der Todesnachricht die Mutter des toten Mädchens sieben Stunden im Arm gehalten, was ihn noch lange später umtreibt. Auch wenn Ani in Interviews darauf hinweist, dass er diese Geschichte von einer Polizistin gehört habe, die das genau so erlebt habe.

Ach, und dass er im Flughafencafé eine Frau trifft, die am ersten Todestag ihrer Schwester vermutlich plant, sich umzubringen, doch Franck sie zum Reden bringt – geschenkt.

Dass der Kommissar mit seinen Fragen und seiner Art des Zuhörens jeden zum Reden bringt, fand ich in diesem Roman nicht immer glaubwürdig. Der wundersame Effekt seiner Kommunikation wird eher beschworen als anschaulich nachvollziehbar gemacht. Natürlich ist auch dieser Ermittler melancholisch bis ins Mark, doch auch dies wird einfach behauptet, ohne dass es für mich zu leben beginnt:

… während Jakob um seinen vierzigsten Geburtstag herum die Freude am Frühjahr verloren hatte. Wenn er nicht arbeitete, versank er in Büchern; wenn Freunde zu Besuch kamen, überließ er seiner Frau die Unterhaltung; Frank hatte begonnen, abseits der Jahreszeiten und der einfachen Dinge zu leben… (S. 65)

Und dann der existenzielle Schauder, der ihn bei dem Glockengeläut einer Kirche überkommt:

Franck erschrak; er konnte sich nicht erinnern, wann er zum letzten Mal erschrocken war; er zitterte fast; ihn überfiel ein Schauder wie seit seiner Kindheit nicht mehr; sein Herz schlug über ihn hinaus; die Gedanken wirbelten durch seinen Kopf wie sprechende Schneeflocken; in seinem Bauch hockte ein brennender Trommler; die Luft, die er atmete, schmeckte würziger als frisches Brot. (S. 93)

Er gehörte nicht mehr dazu, dachte er ständig, er verbummelte die Zeit, die ihm noch blieb, und ernährte sich von trockenen Erinnerungen, die er schon viel zu lange wiederkäute; ihm war das Verlangen abhandengekommen, hungrig zu sein. (S. 112)

Und – vielleicht das Ärgerlichste für mich – die Auflösung, die mich nicht überzeugen konnte.

Sollte Herr Franck also weiterhin in seinem Ruhestand ermitteln, wird er das leider ohne mich tun.

Zum Abschluss noch ein interessantes Zitat von Ani, das die Grundtristesse in seinen Romanen, die mir in den Süden-Romanen durchaus noch schlüssig erschien, vielleicht ein wenig erhellt:

Ohne Scheitern ist ja ein reales Leben gar nicht möglich. Das Leben an sich ist ja ein Scheitern. In dem Moment, in dem wir begreifen, dass wir irgendwann sterben werden, wissen wir, dass wir scheitern am Leben. Wir versuchen halt uns was einzureden. Wir versuchen uns einzureden, dass wir überleben können, dass wir weiterkommen. Aber wir sind natürlich im großen Ganzen schon dazu verurteilt mit unserem Leben zu scheitern.

Hier geht es lang zu meiner Besprechung seines Romans Süden von 2011.


Hier einige weitere Besprechungen:

Und hier ein Interview mit dem Autor aus der Abendzeitung. Anis Vater kam aus Syrien und Ani selbst bezieht immer wieder Stellung in der Flüchtlingsfrage. Sein Fazit: Unsere demokratische Lebensform braucht Empathie.

Nicolas Freeling: Liebe in Amsterdam (OA 1963; deutsche Erstausgabe 1983)

Er ging in der Zelle auf und ab. Es war eine geräumige und gute Zelle, dachte er, sauber und hell. Immer wieder betrachtete er das Mobiliar mit Sorgfalt und Interesse, ohne dabei recht zu wissen, was ihn daran interessierte. Es kommt daher, daß ich nichts zu tun habe, dachte er; und dann: Nein, das ist es nicht … Er interessierte sich immer für solche Dinge, wo er auch war. „Vernachlässige nichts“, sagte er laut; dann wiederholte er es noch einmal – in Gedanken. Es war nicht gut, wenn man laut vor sich hin sprach. Nicht, daß sich die Wärter darüber geärgert hätten; er hätte den ganzen Tag auf dem Kopf stehen können, ohne daß es sie im geringsten störte, aber so ein verfluchter Psychiater konnte ihnen den Auftrag gegeben haben, alles aufzuschreiben, was er tat, um dann blöde Schlußfolgerungen daraus zu ziehen.

So beginnt der erste Band um den niederländischen Kriminalinspektor Piet van der Valk:

Nicolas Freeling: Liebe in Amsterdam (OA 1963)

Die Übersetzung aus dem Englischen stammt von Hertha Balling und wurde 1983 veröffentlicht.

Zum Inhalt

Martin, seit mehreren Jahren glücklich mit Sophia verheiratet, steht unter dem dringenden Verdacht, seine ehemalige langjährige Geliebte Elsa in deren Amsterdamer Wohnung erschossen zu haben. Alle Indizien sprechen gegen ihn. Er wurde am Tatort gesehen und bei der Tatwaffe handelt es sich um ein Geschenk von ihm.

Doch Inspektor van der Valk, wenig an Autoritäten und Indizienketten interessiert, vertraut lieber seinem Bauchgefühl und schlägt Martin einen Deal vor.

… nehmen wir mal an, Sie seien schuldig. Es gibt bestimmt allerlei mildernde Umstände und so weiter. Wenn Sie erst einmal unter Anklage stehen, können Sie die Sache mit Hilfe Ihres Anwalts ausfechten und sich weigern, mir zu antworten. … Sie haben die Wahl. Entweder Sie erzählen mir alles so freimütig, wie Sie es eben taten, so, als ob ich einer von diesen albernen Psychoanalytikern wäre, dann komme ich mit einiger Wahrscheinlichkeit hinter die ganze Geschichte und kann Sie entlasten. Oder Sie sagen nichts mehr, und ich erhebe Anklage. Bis es zur Verhandlung kommt, vergehen sechs Monate, und selbst wenn Sie freigesprochen werden, werden die Leute sagen, daß Sie das nur einem geschickten Anwalt zu verdanken haben. Überlegen Sie sich’s gut. Hier, rauchen Sie. (S. 23)

Überhaupt wird in diesen Krimis noch geraucht wie bei Chandler, Zigaretten und Zigarren ohne Ende.

Ja, und so nimmt eine spannende und gut konstruierte Handlung ihren Lauf, bei der es auch nicht stört, dass sich Martin in einem längeren Exkurs an die gemeinsame Vergangenheit mit Elsa erinnert, die er nach Kriegsende in Holland kennengelernt hatte. So gewinnt der Krimi auch gleich an Zeitkolorit.


Gern gelesen. Nicht alle der Figuren sind psychologisch feingemeißelte Charakterstudien, aber es gibt einen rundherum soliden Plot, der bis zum Ende spannend bleibt. Keine überflüssigen Brutalitäten. Die 200 Seiten lasen sich flott und unterhaltsam weg.

Auch der zweite Band Van der Valk und die Katzen – als Milieustudie düsterer angelegt – war überzeugend.

Der dritte Band jedoch Van der Valk und der Schmuggler hantierte mir zu heftig mit einer Reihe wild gewordener Zufälle.

Insgesamt gibt es elf Romane um Van der Valk und noch zwei weitere, bei denen seine Witwe die Ermittlungen führt. Anscheinend haben Kommissare irgendetwas an sich, dass bei ihren Schöpfern Mordgelüste weckt…

Der Autor Nicolas Freeling lebte übrigens von 1927 bis 2003 und soll angeblich mit dem Schreiben begonnen haben, nachdem er selbst eine dreiwöchige Haftstrafe wegen Diebstahls zu verbüßen hatte.

Obwohl Freelings Bücher sogar verfilmt wurden und der Autor diverse Preise und Auszeichnungen für seine Bücher bekommen hat, u. a. erhielt er 1967 den Edgar Allen Poe Award für The King of the Rainy Country und den Grand Prix de Littérature Policière für Gun Before Butter, sind seine Werke heute nur noch antiquarisch zu bekommen.

Hier geht’s lang zum Nachruf auf den kosmopolitischen Schriftsteller im Guardian.

Dorothy B. Hughes: In a Lonely Place (1947)

It was good standing there on the promontory overlooking the evening sea, the fog lifting itself like gauzy veils to touch his face. There was something in it akin to flying; the sense of being lifted high above crawling earth, of being a part of the wildness of air. Something too of being closed within an unknown and strange world of mist and cloud and wind. He’d liked flying at night; he’d missed it after the war had crashed to a finish and dribbled to an end.

So, doch eigentlich ganz ansprechend, beginnt der Kriminalroman von

Dorothy B. Hughes: In a Lonely Place (1947)

Das wird die kürzeste Besprechung, die es vermutlich je auf meinem Blog geben wird: Nicht wirklich überraschend, denn ich habe das Buch ja auch auf S. 14 abgebrochen.

Also: Der Stil ist klasse – kein Wunder, Hughes gab als literarische Vorbilder u. a. Faulkner und Greene an und war damals sehr erfolgreich mit ihren Krimis. Trotzdem hätte ich gern mein Geld zurück: Der Klappentext, der einen chandlermäßigen Noir Crime – also  bestens geeignet für fiebrige Erkältungstage – vermuten lässt, führt in die Irre. Ich hätte jedenfalls Abstand vom Kauf  genommen, wenn ich gewusst hätte, dass man spätestens (!) auf S. 14 weiß, wer der psychopathische Mörder ist (die Hinweise beginnen aber bereits auf S. 2) und der Rest vermutlich nur noch das Katz- und Maus-Spiel zwischen Polizei und Täter darstellt.

Die personale Erzählperspektive räumt überdies gerade dem Mörder und Frauenhasser sehr viel Raum ein, und das, wo ich doch viel lieber einen klassischen Whodunit gelesen hätte.

Das Buch wurde zwar mit Humphrey Bogart verfilmt, hält sich allerdings in wesentlichen Elementen nicht an die Romanvorlage. Das kann dem Film nur gut getan haben.

Aber etwas Positives gibt es doch: Die dem Buch vorangestellten Verse des irischen Dramatikers John Millington Synge:

It’s in a lonesome place you do
have to be talking with someone,
and looking for someone, in the
evening of the day.

Die Verse stammen aus Synges Theaterstück In the Shadow of The Glen (1903).