Alan Bradley: The Sweetness at the Bottom of the Pie (2009)

Wie bei meinem letzten Blogbummel schon angedeutet, steht mir der Sinn zurzeit nicht nach „gehobenerer“ Lektüre. Die Korrekturenstapel häuften sich bedenklich und dann die Blogs, auf denen in rasanter Folge neue bummeltaugliche Beiträge erscheinen … Da bleibt also nur der Griff ins Cosy Crime Regal, da das so herrlich entspannt.

Und genau darum geht es heute, um den ersten Band einer Serie, der mir beim Wiederlesen richtig Spaß gemacht hat und den ich deshalb, wenn auch reichlich verspätet, heute vorstellen möchte.

Die Handlung beginnt mitten in einer der zahlreichen Auseinandersetzungen dreier Schwestern:

It was as black in the closet as old blood. They had shoved me in and locked the door. I breathed heavily through my nose, fighting desperately to remain calm. I tried counting to ten on every intake of breath, and to eight as I released each one slowly into the darkness. Luckily for me, they had pulled the gag so tightly into my open mouth that my nostrils were left unobstructed, and I was able to draw in one slow lungful after another of the stale, musty air.

Die elfjährige Flavia, die Ich-Erzählerin, hat bei dem Streit den kürzeren gezogen und wurde im Schrank eingesperrt, doch ihre Rache wird nicht lange auf sich warten lassen.

Der Kanadier Alan Bradley (*1938) hat seine Romane um Flavia im England der fünfziger Jahre angesiedelt. Dort lebt sie mit ihren Schwestern Daphne (Daffy, 13) und Ophelia (Feely, 17) und ihrem Vater Colonel Haviland de Luce in dem großen alten Herrenhaus Buckshaw, das praktischerweise auch ein fantastisch ausgestattetes Chemielabor – eingerichtet von einem der Vorfahren – enthält, denn Flavia ist mit ganzem Herzen Chemikerin. Die Fehden zwischen ihr und den Schwestern enden schon mal damit, dass sie Ophelia ein bisschen Gift des Kletternden Giftsumachs in ihren Lippenstift schmuggelt und sie die allergischen Beschwerden fein säuberlich protokolliert.

Vervollständigt wird die Truppe von Arthur Dogger, einem mal mehr, mal weniger unter seinen Kriegstraumata, dem Zittern und den Gedächtnisaussetzern leidenden Butler, Gärtner, Chauffeur und Mädchen für alles. Im Krieg hat er Flavias Vater das Leben gerettet und ist der Familie der de Luces treu ergeben. Außerdem kommt täglich Mrs Mullet aus dem Dorf, Haushälterin und Klatschbase in einem, deren Kochkünste wohl als unterirdisch zu bezeichnen sind.

Harriet, die Mutter der Mädchen, starb, als Flavia ein Jahr alt war, und der Vater nimmt seine Töchter kaum wahr und kümmert sich stattdessen um seine große Leidenschaft, die Welt der Briefmarken, was wiederum der finanziellen Lage der de Luces nicht unbedingt zuträglich ist.

Im ersten Band der inzwischen auf zehn Bände angewachsenen Reihe gerät Flavias Vater unter Mordverdacht, als einer seiner ehemaligen Mitschüler, Horace Bonepenny, tot im Gurkenbeet der de Luces aufgefunden wird. Zunächst schweigt sich der Vater aus, da er befürchtet, dass Dogger für den Mord verantwortlich sein könnte, denn der hatte, zusammen mit Flavia, heimlich gelauscht, als Bonepenny versucht hatte, Flavias Vater zu erpressen.

So liegt es nun an Flavia, ihren Vater von diesem schrecklichen Verdacht reinzuwaschen und herauszufinden, was wirklich passiert ist.

Dass sie bei der Auflösung des Falles dem sympathischen Inspector Hewitt immer einen Schritt voraus ist und sich auch noch in Lebensgefahr begibt, erfreut den Kommissar nur bedingt.

Das Buch wimmelt von gelehrten Anspielungen, bei denen man sogar das ein oder andere nachschlagen kann, sei es zu Naturwissenschaften oder Büchern. Das zeigt sich schon am englischen Originaltitel, einem Zitat von William King „Unless some sweetness at the bottom lie, who cares for all the crinkling of the pie“ (The Art of Cookery, 1708).

Manchmal wird die Geduld des Lesers schon strapaziert, denn wie glaubwürdig sind die folgenden Sätze aus dem Mund einer Elfjährigen?

As I expected, Father’s room war in near-darkness as I stepped inside. […] From inside, it possessed all the gloom of a museum after hours. The strong scent of Father’s colognes and shaving lotions suggested open sarcophagi and canopic jars that had once been packed with ancient spices. The finely curved legs of a Queen Anne washstand seemed almost indecent beside the gloomy Gothic bed in the corner, as if some sour old chamberlain were looking on dyspeptically as his mistress unfurled silk stockings over her long, youthful legs. (S. 146 – 147)

Zudem weist auch die Handlung selbst, gerade was die Motive des Bösewichts angeht, einige logische Löcher auf.

Allerdings schafft es Bradley, für seine jugendliche Ich-Erzählerin einen ganz eigenen Ton zu finden, frech, altklug und vorlaut, ihren Schwestern in inniger Hassliebe verbunden, aber letztlich mit dem Herz am richtigen Fleck.

Flavias Schwestern verbünden sich ständig gegen sie, bringen sie zum Weinen mit der Geschichte, dass sie adoptiert und so wenig liebenswert sei, dass sie quasi schuld am Tod der Mutter sei.

Dabei scheint immer wieder Flavias Verletzlichkeit, ihre Einsamkeit und den Wunsch nach familiärer Geborgenheit hinter der altklugen und ruppigen Fassade durch.

Here we were, Father and I, shut up in a plain little room, and for the first time in my life having something that might pass for a conversation. We were talking to one another almost like adults; almost like one human being to another; almost like father and daughter. And even though I couldn’t think of anything to say, I felt myself wanting it to go on and on until the last star blinked out. I wished I could hug him, but I couldn’t. For some time now I had been aware that there was something in the de Luce character which discouraged any outward show of affection towards one another; any  spoken statement of love. […] And so we sat, Father and I, primly, like two old women at a parish tea. It was not a perfect way to live one’s life, but it would have to do. (S. 191)

Ganz unverstellt erscheint uns Flavia, wenn sie Dogger in einem seiner schlimmen Momente antrifft. Sie tut und sagt und unternimmt sofort etwas, um ihm behutsam und mit viel Einfühlungsvermögen dabei zu helfen, sich wieder in der Gegenwart verankern zu können.

Wie schrieb Laura Wilson im Guardian so nett:

The Sweetness at the Bottom of the Pie reads like a cross between Dodie Smith’s I Capture the Castle (posh family fallen on hard times, dead mother, disengaged father, crumbling pile) and the Addams family (Flavia has a well-appointed laboratory where she makes poisons to test on her spiteful elder sisters). A strong plot, involving philately, ornithology and prestidigitation, and a wonderful supporting cast make this Canadian novelist’s debut delightfully entertaining.

Fazit: Preisgekrönte Krimi-Unterhaltung, skurril, frech und spannend, ansprechend, wie gemacht für dunkle Novembertage.

Der zweite Band The Weed that Strings the Hangman’s Bag um den Tod eines Puppenspielers hat mir ebenfalls gefallen.

Die Bücher erscheinen auch auf Deutsch.

Mick Herron: Slow Horses (2010)

Da ich normalerweise einen Bogen um neuere Krimis oder gar Thriller mache, da ich befürchte, dass sie mir mit ihrer Schilderung von Grausamkeiten zu brutal, ja fast schon voyeuristisch sind, wäre mir beinahe der fulminante Auftakt zu einer Reihe entgangen, von der ich UNBEDINGT auch die nächsten Bände lesen möchte, und das, obwohl einige Szenen tatsächlich jenseits meiner Schmerzgrenze lagen.

Ehemalige Topleute des britischen Inlandsgeheimdienstes (auch bekannt als MI5) sind wegen diverser Verfehlungen  (Einsatz verpatzt, Alkoholprobleme, fehlender Kompatibilität mit Menschen, Geheimdienstunterlagen im Zug liegengelassen) ausgemustert und ins schäbige Slough House, das weit genug entfernt von der Zentrale am Regent’s Park liegt, abkommandiert worden.

Dort sollen sie unter der Leitung des schmierigen Unsympathen Jackson Lamb Akten schreddern, Telefonmitschnitte oder alte Unterlagen nach belanglosen Details durchwühlen. So hofft man, dass River Cartwright und seine LeidensgenossInnen freiwillig den Dienst quittieren. Das käme dem Geheimdienst gelegener als langwierige Streitereien vor Gericht, die bei einer Kündigung wohl zu erwarten wären.

Kollegiales Miteinander: Fehlanzeige. Jeder hasst seinen Arbeitsplatz im Slough House, da man nicht zum Müllsortieren und Aktenschreddern Agent geworden ist. Und jeder weiß, dass er von den Agenten im aktiven Dienst als Slow Horse beschimpft und verachtet wird. Man weiß noch nicht einmal, wo die Kollegen wohnen.

Diese bleierne, feindselige Atmosphäre wird zunächst auch durch die Nachricht nicht verändert, dass auf dem Blog der BBC ein Video veröffentlicht wurde, das einen entführten Jugendlichen zeigt, der in 48 Stunden vor laufender Kamera geköpft werden soll. Ein Fall, der die Kompetenzen der Slow Horses buchstäblich in mehr als einer Hinsicht überschreiten würde.

Doch warum beauftragt die stellvertretende Chefin des Geheimdienstes plötzlich eines der Slow Horses, nämlich Sidonie Baker, die Unterlagen eines dubiosen Journalisten zu stehlen? Und warum muss River Cartwright dessen Müll auf verdächtige Hinweise durchwühlen?

Und dann geht die Action richtig los. Selten so gespannt gewesen, wie die Geschichte weitergeht.

Dazu die Wechsel im Erzähltempus. Das erste Kapitel zunächst sehr aufregend. Wir erleben den Einsatz mit, dem River Cartwright seine Degradierung zu den Slow Horses verdankt. Dann kommt die Geschichte scheinbar zum Stillstand, da erst einmal Einblick in verschiedene Biografien einzelner Slow Horses gegeben wird. Manche Leser stört das, ich fand es gelungen, da so die Ermittler als eigenständige Charaktere mit je ganz eigenen wunden Punkten und Traumata erlebbar werden.

Und ob sie wollen oder nicht, irgendwann müssen auch Slow Horses miteinander kooperieren.

Später wird sich ohnehin kein Leser mehr über mangelndes Tempo beklagen können. Ständig schlägt die Handlung neue Haken, fügen sich neue Bausteine ins Mosaik des Ganzen ein. Und Cliffhanger gibt es hier gleich innerhalb mehrerer Erzählstränge.

Dazu wird das Ganze eingebettet in die aktuelle politische Großwetterlage. Außerdem wird das Opfer der Entführung ebenfalls als Charakter ernstgenommen und überaus glaubwürdig, ja liebevoll porträtiert.

Doch was mich darüber hinaus an Herrons Buch begeistert hat, ist die Sprache (mal abgesehen von der ganzen Flucherei, die mir an einigen Stellen ziemlich auf die Nerven ging), die Dialoge voller Schlagfertigkeit, dieses knallfreche, manchmal auch witzige Formulieren auf den Punkt.

Lamb turned to study him through half-open eyes, causing River to remember about the hippo being among the world’s most dangerous beasts. It was barrel-shaped and clumsy, but if you wanted to piss one off, do it from a helicopter. Not while sharing a car. (S. 178).

Mit meiner Begeisterung bin ich wohl nicht allein:  Im August erschien die deutsche Übersetzung unter dem Titel Slow Horses: Ein Fall für Jackson Lamb im Diogenes Verlag, übersetzt von Stefanie Schäfer.

Im Englischen umfasst die  Reihe bereits fünf Bände und zwei kürzere Erzählungen. Alle Bände schafften es auf eine oder mehrere Shortlists für diverse Krimi-Auszeichnungen.

Auf dem Blog von Ethan Jones gibt es ein kurzes Interview mit Mick Herron.

Und hier ist eine Besprechung von der Querleserin, die mich überhaupt erst aufmerksam auf diesen Agententhriller gemacht hat.

Fundstück von J. Jefferson Farjeon

Der Krimi Seven Dead von Joseph Jefferson Farjeon, erschienen 1939 und 2017 in der Reihe der British Library Crime Classics neu aufgelegt, macht einfach Spaß.  Schon mit den ersten Sätzen hatte mich der Autor am Haken:

This is not Ted Lyte’s story. He merely had the excessive misfortune to come into it, and to remain in it longer than he wanted. Had he adopted Cardinal Wolsey’s advice and flung away ambition, continuing his illegal acts to the petty pilfering and pickpocketing at which he was fairly expert, he would have spared himself on this historic Saturday morning the most horrible moment of his life. The moment was so horrible that it deprived him temporarily of his senses. But he was not a prophet; all he could predict of the future was the next instant, and that often wrongly; and the open gate, with the glimpse beyond of the shuttered window tempted him.

Leider hat die Logik des Plots fußballfeldgroße Löcher, doch da der Autor schreiben konnte, die Dialoge vergnüglich und die Charaktere nett ausgearbeitet sind, bleibt man als Leser dabei, ohne sich allzu sehr zu grämen, wie abgrundtief hanebüchen die Auflösung ist.

 

Elizabeth Daly: Unexpected Night (1940)

Nun ist es auf dem Blog schon länger ruhig und das wird zeitbedingt auch noch eine Weile so bleiben, dabei ist es nicht so, dass ich gar nicht zum Lesen komme. Aber wenn’s hektisch wird, lese ich gern Cozy Crime und ganz verhängnisvoll ist’s, wenn man sich dann – als zwanghafte Immer-von-vorn-anfangen-Leserin – wieder Band 1 einer älteren Reihe aus dem Regal fischt.

Es macht nach wie vor Spaß, Henry Gamadge bei seinen unfreiwilligen Ausflügen in die kriminellen Irrungen und Wirrungen in und um  New York zu folgen. Die Geschichten spielen in den vierziger Jahren des letzten Jahrhunderts, vorzugsweise im familiären Umfeld, vor allem wenn bei Erbschaften viel Geld zu erwarten ist.

Mein momentaner Lieblingssatz aus Band 3 (insgesamt gibt es 16 Bände) fällt, als Henry zum zweiten Mal eine junge Frau trifft, in die er sich schon beim ersten Mal verliebt hat:

They exchanged a long, friendly gaze.

Doch jetzt noch mal ganz langsam von vorn; der erste Band Unexpected Night (1940) von Elizabeth Daly beginnt mit den Worten:

Pine trunks in a double row started out of the mist as the headlights caught them, opened to receive the car, passed like an endless screen, and vanished. The girl on the back seat withdrew her head from the open window. „We’ll never get there at this rate,“ she said. „We’re crawling.“

The older woman sat far back in her corner, a figure of exhausted elegance. She said, keeping her voice low: „In this fog, I don’t think it would be safe to hurry.“

Zum Inhalt

Gamadge, Experte für alte Handschriften und Bücher, besucht im Sommer 1939 eine befreundete Familie im Sommerurlaub in Maine, Colonel Barclay, dessen Ehefrau Lulu und ihren Sohn. Und während man sich den Abend mit Kartenspielen vertreibt und auf die Ankunft von Lulus Schwägerin und deren zwei Mündeln wartet, erzählen die Barclays, was es mit Schwägerin Eleanor und ihren zwei Schützlingen auf sich hat.

Alma und Amberley sind Geschwister und Amberley wird einen Tag später volljährig, das bedeutet, er wird ein Vermögen von einer Million Dollar erben. Doch Amberley ist todkrank und alle Anverwandten haben Angst, dass er seinen Geburtstag nicht mehr erlebt, dann würde nämlich das gesamte Vermögen irgendwelchen fremden Verwandten in Frankreich zufallen.

Am nächsten Morgen findet man Amberleys Leiche am Fuße der Klippen, ganz in der Nähe des Hotels, vermutlich eines natürlichen Todes gestorben, doch was wollte Amberley mitten in der Nacht an den Klippen?

Gamadge wird von dem zuständigen Kommisar Mitchell gebeten, ihn bei den Untersuchungen zu unterstützen. Und so kommt Gamadge eher unfreiwillig zu seinem ersten Fall. Er ist Anfang dreißig, finanziell unabhängig und äußerlich eher unauffällig und unscheinbar.

Mr. Henry Gamadge […] wore clothes of excellent material and cut; but he contrived, by sitting and walking in a careless and lopsided manner, to look presentable in nothing. He screwed his grey tweeds out of shape before he had worn them a week. […] People as a rule considered him a well-mannered, restful kind of young man; but if somebody happened to say something unusually outrageous or inane, he was wont to gaze upon the speaker in a wondering and somewhat disconcerting manner. (S. 6)

Gamadge hat ein Faible für Literatur, alte Handschriften und Bücher und ist – wie könnte es anders sein – ein intelligenter und aufmerksamer Zuhörer.

He did not object to his own society. (Deadly Nightshade, S. 2)

Fazit

Eine Krimi-Entdeckung mit Spannung, verwickelten Plots, Charakteren, denen man in den Folgebänden gern wiederbegegnet und einer feindosierten Portion Humor.

Die Schauplätze, eine Straße im Nebel, ein Hotel, ein Dorf, das eine Schauspielertruppe beherbergt, sind hier nicht bloße Staffage. Die Handlungsfäden fließen am Ende alle natürlich zusammen und es gibt kein weißes Kaninchen, das am Ende aus dem Hut gezaubert wird. Ich habe – erfolglos – fröhlich mitgerätselt. Und in einem der letzten Kapitel, als dem bis dahin ahnungslosen Familienanwalt erzählt wird, was sich zugetragen hat, läuft Daly sogar zu echtem Screwball Comedy-Format auf.

Das Buch war spannend und unterhaltsam. Ich finde es unerhört, dass es von dieser Krimireihe keine hübschen Schwarzweiß-Verfilmungen gibt.

Elizabeth Daly lebte übrigens von 1878 bis 1967. Es heißt, sie sei die Lieblings-Krimischriftstellerin Agatha Christies gewesen.

John Bude: The Cornish Coast Murder (1935)

The Reverend Dodd, Vicar of St. Michael’s-on-the-Cliff, stood at the window of his comfortable bachelor study looking out into the night. It was raining fitfully, and gusts of wind from off the Atlantic rattled the window-frames and soughed dismally among the the sprinkling of gaunt pines which surrounded the Vicarage. It was a threatening night. No moon. But a lowering bank of cloud rested far away on the horizon of the sea, dark against the departing daylight.

Noch einen alten Cozy Crime gelesen. Unter dem Pseudonym John Bude veröffentliche Ernest Carpenter Elmore 1935 seinen ersten Krimi The Cornish Coast Murder.

Und wir haben all die Ingredienzien, die zu einem guten Cozy Crime gehören. Eine stürmische Gewitternacht, in der unter dem Schutz des Donnergrollens ein unsympathischer Landbesitzer erschossen wird, einen Detektiv, der immer, wenn er meint, den Mörder zweifelsfrei identifiziert zu haben, von neuen Indizien gezwungen wird, seine Ermittlungen von vorn zu beginnen. Und den freundlichen, dem guten Essen zugeneigten Reverend Dodd, der letztlich dem überforderten Detektiv zur Seite springt.

Die Handlungsstränge sind nett, nicht zu überdreht und werden gemächlich entwirrt. Ein Pluspunkt war, da weist auch Martin Edwards in seinem Vorwort der Neuauflage in der Reihe der British Library Crime Classics hin, der sorgfältig ausgearbeitete Schauplatz an der Küste.

Mein einziger Kritikpunkt ist, dass Bude im Verlauf der Handlung leider über weite Strecken den sympathischen Reverend Dodd und seinen Freund Dr. Pendrill etwas aus den Augen verliert, die er uns doch im ersten Kapitel so reizend vorstellt. Sie haben nämlich ein festes Montagabendritual. Jede Woche bestellt einer der beiden einige Kriminalromane von einer Leihbücherei, die sie dann während der Woche lesen. Der Karton mit den Büchern wird nach einem guten Abendessen im Arbeitszimmer des Reverend feierlich geöffnet.

With a leisurely hand, as if wishing to prolong the pleasures of anticipation, the Vicar cut the string with which the crate was tied and prised up the lid. Nestling deep in a padding of brown paper were two neat piles of vividly coloured books. One by one the Vicar drew them out, inspected the titles, made a comment and placed the books on the table beside his chair.

‚A very catholic choice,‘ he concluded. ‚Let’s see now – an Edgar Wallace – quite right, Pendrill, I hadn’t read that one. What a memory, my dear chap! The new J. S. Fletcher. Excellent. A Farjeon, a Dorothy L. Sayers and a Freeman Wills-Croft. And my old friend, my very dear old friend, Mrs. Agatha Christie. New adventures of that illimitable chap Poirot, I hope. I must congratulate you, Pendrill. You’ve run the whole gamut of crime, mystery, thrills and detection in six volumes!‘ (S. 15)

Stattdessen folgen wir viele Kapitel lang einem eher uninteressanten Inspector. Erst am Ende hat Reverend Dodd dann seinen großen Auftritt.

Und im letzten Kapitel – eine Woche nach dem Mord – sehen wir Dodd und seinen Freund, Doktor Pendrill, wieder. Nach einem guten Essen fachsimpeln sie im Pfarrhaus über den Fall. Vor sich – wie seit vielen Jahren – die neue Kiste mit den nächsten Krimis.

Doch diesmal ist die Begeisterung des Reverend getrübt.

‚Really, Pendrill. Somehow … dear me … I feel that I never want to read another crime story as long as I live. I seem to have lost my zest for a good mystery. It’s strange how contact with reality kills one’s appreciation of the imaginary. No, my dear fellow, I’ll never get back my enthusiasm for thrillers. I’ve decided to devote my energies for worthier problems.‘ (S. 285)

Alles in allem kann ich mich der Einschätzung von Martin Edwards nur anschließen:

Bude’s aims were not as lofty as Sayer’s; his focus was on producing light entertainment, and although his work does not rank with Sayers’s for literary style or with Agatha Christie’s for complexity of plot, it certainly does not deserve the neglect into which it has fallen. (S. 9)

 

 

 

Molly Thynne: The Draycott Murder Mystery (1928)

The wind swept down the crooked main street of the little village of Keys with a shriek that made those fortunate inhabitants who had nothing to tempt them from their warm firesides draw their chairs closer and speculate as to the number of trees that would be found blown down on the morrow.

Nach den letzten eher schwergewichtigen Büchern war mir nach Cosy Crime zumute und der neu aufgelegte erste von insgesamt sechs Krimis der britischen Autorin Mary „Molly“ Thynne (1881 – 1950) war da ein richtig guter Griff.

Der junge John Leslie kommt abends im Sturm zu seinem Farmhaus zurück, nur um dort zu seinem Entsetzen eine schöne Unbekannte im Wohnzimmer zu finden, offensichtlich erschossen. Da die Polizei die in seinem Schlafzimmer gefundene Waffe für die Tatwaffe hält und er kein Alibi vorweisen kann, muss er damit rechnen, als Täter zum Tode verurteilt zu werden.

Doch seine Verlobte, die patente Cynthia, und alle Freunde des jungen Paares, wie der kürzlich aus Indien zurückgekehrte Fayre, der väterliche Freund Cynthias, sind von der Unschuld Johns überzeugt.  Fayre betätigt sich also notgedrungen als Hobby-Detektiv und stolpert dabei schon rasch über die ersten Ungereimtheiten. Alle sind froh, den eminenten Strafverteidiger Edward Kean und dessen schwerkranke Frau zu den Freunden zählen zu können, die nichts unversucht lassen werden, die Unschuld des jungen Mannes zu beweisen. Doch welches Urteil wird die Jury beim Prozess fällen?

Ein ganz reizendes Exemplar des Cosy Crime, und das, obwohl ich – zum ersten Mal – schon nach dem ersten Viertel den Täter zweifelsfrei identifiziert hatte. Doch die Handlung schlägt noch diverse Haken, es gibt dezenten Humor und die Charaktere sind durchaus als eigenständige Personen gezeichnet.

Eine Verfilmung wäre nett.

a-Scotland0157

Margaret Millar: Ask for me tomorrow (1976)

It was late afternoon. As Marco dozed in his wheelchair the long lazy rays of the sun touched the top of his head and stroked the sparse grey hairs of his good arm and fell among the folds of his lap robe. Gilly stood in the doorway and watched her husband, waiting for some sign that he was aware of her presence.

So beginnt der erste von drei Kriminalromanen um den spanischstämmigen Anwalt Tom Aragon von

Margaret Millar: Ask for me tomorrow (1976)

Im Deutschen erschien das Buch unter dem Titel Fragt morgen nach mir.

Gilda Decker, in zweiter Ehe verheiratet mit dem todkranken Invaliden Marco, heuert den jungen Anwalt Tom Aragon an. Er soll ihren ersten Ehemann B. J. Lockwood finden. Der war klein, dick, freundlich, harmlos, reich – und ihre große Liebe. Doch nachdem er dummerweise vor acht Jahren ein 15-jähriges mexikanisches Hausmädchen geschwängert hatte, ist er mit diesem nach Mexiko gezogen.

Das letzte Lebenszeichen von B. J. ist ein Brief, in dem er Gilda um eine größere Summe Geld bat, um damit in Mexiko in Immobilien zu investieren. Darauf hat Gilda aber nie reagiert.

Nun gestaltet sich die Suche nach B. J. Lockwood allerdings schwieriger als gedacht und es kommt zu merkwürdigen Todesfällen, je näher Aragon der Erfüllung seines Auftrages zu kommen scheint.

Fazit

Was für ein feiner kleiner Kriminalroman von einer Schriftstellerin, die mir bisher völlig entgangen war.

Hier verbinden sich glaubhafte Charaktere (und zwar bis in die Nebenfiguren hinein), hinreißend bissige Dialoge mit Spannung und der Fähigkeit, so anschaulich zu schreiben, dass man sich direkt in einen Schwarzweißfilm mit Humphrey Bogart versetzt sieht. Selbst dass mich die Auflösung nicht  mehr wirklich überrascht hat, konnte da noch stören.

Ich werde mich unverzüglich auf die Suche nach weiteren Büchern von Millar (1915 – 1994) begeben, die 1956 den Edgar Allan Poe Award und 1983 von der Mystery Writers of America den Grand Master Award für ihr Lebenswerk erhielt.