Manchmal muss ein Bild (fast) genügen

Meist schreibe ich nur dann etwas zu einem Buch, wenn die Lektüre noch nicht zu lange zurückliegt. Doch wenn das aus Zeitgründen nicht möglich war, taucht ein Werk hier gar nicht auf, das ich aber unbedingt erwähnenswert finde. Was also tun? Ein Foto musste her und ein paar kurze Informationen.

Hier also drei Titel, die unterschiedlicher kaum sein können, und alle lesenswert!

Richard Hull: The Murder of My Aunt (1934)

Edward Powell, ein empathieloses Ekel, beschließt, Tante Mildred umzubringen, mit der er auf dem Lande, irgendwo in Wales, lebt. Er hasst das Landleben zwar wie die Pest, doch solange er bei ihr wohnt, muss er zumindest nicht für seinen Lebensunterhalt arbeiten. Nach Tante Mildreds Tod winken Geld und Unabhängigkeit. So jedenfalls stellt er sich das vor. Doch das Unterfangen erweist sich als schwieriger als gedacht.

Das Besondere: Der Snob Edward erzählt uns seine Version der Geschichte in der Ich-Form und als Leser wird einem immer kälter, wenn man seine Sicht der Dinge erfährt, da für Edward alles so einfach ist, er als der Mittelpunkt der Welt, dem sich alles und alle anderen unterzuordnen haben. Am Ende fragt man sich tatsächlich, inwieweit eine völlig verquere Erziehung zu dieser Entwicklung beigetragen haben könnte.

Außerdem formuliert Hull hier so klasse auf den Punkt, dass der boshafte Ton einem durchaus auch Spaß macht, bis einem das Schmunzeln bei dieser Charakterstudie dann endgültig abhanden kommt.

As I look back at what I have written in order to relieve my mind of what I feel of this awful place, I see I spoke of ’sodden woods‘. That was the right adjective. Never, never does it stop raining here, except in the winter when it snows. They say that is why we grow such wonderful trees here which provided the oaks from which Rodney’s and Nelson’s fleet were built. Well, no one makes ships out of wood nowadays, so that is no longer useful, and it seems to me that one tree is much like another. I’d rather see less rain, less trees and more men and women. ‚Oh, Solitude, where are the charms?‘ Exactly so. (S. 17)

Marjorie Hillis: Live Alone and Like it (1936)

Ein großer Spaß und – wenn man das Jahr der Erstveröffentlichung anschaut – sehr moderner Ratgeber mit vielen Beispielen, der allen freiwillig oder unfreiwillig ledigen Frauen Mut machen soll, ihr Leben, ihr Erscheinungsbild, ihren Beruf, ihre Finanzen und kulturelle Entwicklung selbst in die Hand zu nehmen, anstatt zu hoffen, dass es ein anderer für sie tun wird.

Und auch wenn sich vieles seitdem verändert hat, ist Hillis freches und fröhliches Plädoyer gegen Selbstmitleid und ihr Aufruf zur Übernahme der Verantwortung für das eigene Leben an vielen Stellen zeitlos, oft auch klug und ein echtes Lesevergnügen.

It’s a good idea, first of all, to get over the notion (if you have it) that your particular situation is a little bit worse than anyone else’s.  This point of view has been experienced by every individual the world over at one time or another, except perhaps those who will experience it next year. (S. 13)

Die Autorin Marjorie Hillis (1889–1971) arbeitete über 20 Jahre für die VOGUE und schrieb mehrere erfolgreiche Ratgeber für Frauen und Live Alone and Like It war eines der erfolgreichsten Bücher der dreißiger Jahre.

2005 erschien die deutsche Übersetzung von Sabine Hübner unter dem Titel Live alone and like it: Benimmregeln für die vergnügte Singlefrau.

David Park: Travelling in a Strange Land (2018)

Dieses Buch des nordirisches Autors (*1953) hat nur einen Nachteil, nämlich dass ich jetzt auch alles andere von ihm lesen möchte. Idealerweise sollte man es im Winter lesen. Ein Vater macht sich nach heftigen Schneefällen und dementsprechend unangenehmen Straßenverhältnissen auf, um seinen kranken Sohn mit dem Auto aus Sunderland zu holen, wo der Junge studiert, sodass die Familie zusammen Weihnachten feiern kann. Aufgrund des Wetters sind bereits alle Flüge gestrichen.

Während der langen Fahrt von Belfast nach Sunderland trifft Tom natürlich auch auf andere Menschen und hilft einer verunglückten Autofahrerin, obwohl ihn das wertvolle Zeit kostet. Zudem erinnert sich Tom, ein Fotograf, an die Vergangenheit, an Szenen aus seinem Familienleben und immer deutlicher wird, dass es noch einen zweiten Sohn gibt, zu dem es nur noch eine gedankliche Verbindung gibt.

Bewundernswert, wie Park es schafft, diesen eher billigen Effekt zum Spannungsaufbau – wir wollen wissen, was damals passiert ist – in den Hintergrund treten zu lassen. Nur allmählich kann Tom sich der Katastrophe, auch sprachlich, annähern. Dieser durchschnittliche Vater, der immer nur das Beste für seine drei Kinder wollte, wächst uns mit seiner Frau Lorna ans Herz und am Ende verstehen wir, warum er und Lorna so überfürsorglich darauf aus sind, dass ihr Sohn auf keinem Fall diese Weihnachten allein in seiner Studentenbude verbringen soll.

Travelling in a Strange Land – der Titel passt, der Vater macht sich auf den langen Weg zum Sohn, er reist in die Vergangenheit und hat dabei seinen ganz eigenen Blick. So werden wir an einer Stelle an das Foto von Denis Thorpe Mr Lowry’s Hat and Coat erinnert.

taken  the day after the painter’s death – shows two coats and hats hanging on pegs in a shadowed hallway, vaguely flowered wallpaper, a dado rail. On one of the coats the lining is facing outward and catching something of the light. The photograph’s about absence, an opened space and a stillness flowing into it, homing in on the relics of someone who once was but is no more.

Sometimes when I go into my children’s rooms I have a strong sense of how closely our lives and the places we live in bear each other’s print. So it’s as if their breathing is still present even in the empty room and all their memories and dreams are somehow seamlessly fused with the folds of a fabric or the grain of a surface. (S. 54)

Außerdem geht es um das schwierige Gelände zwischen Eltern und Kindern und die unüberwindbare Sprachlosigkeit, die oft zwischen beiden herrscht. Gleichzeitig ist nicht nur die Trauer, sondern auch das Erwachsenwerden eine Reise durch unbekanntes Gebiet, die nicht jeder meistert. Ein leises, sehr feines Buch. Kein Happy End, aber am Ende so etwas wie eine vorsichtige Hoffnung.

Hier noch ein Interview mit dem Autor, der Jahrzehnte als Lehrer gearbeitet hat, über sein Buch in der Irish News und hier ein älterer Artikel zu Park aus dem Guardian von 2012.

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Krimilesen bildet: Colorstruck

Nachdem mich der erste Kriminalroman Blanche on the Lam (1992) von Barbara Neely um Blanche White, die schwarze Haushaltshilfe, so begeistert hat, hier ein paar nachgetragene Gedanken zu den Folgebänden.

Der zweite Band Blanche among the Talented Tenth krankte für mich zunächst daran, dass Neely viel zu lange braucht, bis sie anfängt, ihre Geschichte zu erzählen. Allerdings habe ich keinen Moment daran gedacht, das Buch zur Seite zu legen, dafür waren Setting und Hintergrund viel zu interessant, geht es doch um die „feinen Unterschiede“ innerhalb der Gäste einer noblen Ferienanlage für Schwarze, die sich nur die Wohlbetuchten und Erfolgreichen leisten können. Blanche kann sich den Aufenthalt auch nur deshalb leisten, weil sie zugesagt hat, sich einige Tage um die reichen Schulfreunde ihrer Pflegekinder zu kümmern.

So kann Blanche aus nächster Nähe die Fiesheiten und die rassistischen Verhaltensweisen innerhalb der black community beobachten. Glauben doch die hellhäutigeren Gäste sich abgrenzen zu müssen und wertvoller zu sein als die dunkelhäutigeren, ein quasi gegen sich selbst gerichtetes Erbe der Sklaverei, was mit dem Begriff „colorstruck“ beschrieben wird. Einige versuchen mit Make-up und entsprechender Haarbehandlung alles zu tun, um weißer auszusehen. Die Ursprünge dieser traurigen Unlogik gehen auf die Zeit der Sklaverei zurück und werden hier unter dem Abschnitt „United States, History“ näher erklärt.

Diese Unterschiede wirken sich nicht nur bis auf die Tischordnung aus, sondern auch auf die Frage, wer als angemessene Schwiegertochter für den eigenen Sohn gilt.

Ich vermute, dass der Begriff Color Struck selbst auf das Theaterstück Color Struck von Zora Neale Hurston zurückgeht, das erstmals 1926 veröffentlicht wurde.

Die Talented Tenth des Titels wiederum beziehen sich auf die Theorie einer Elite der schwarzen Amerikaner am Anfang des 20. Jahrhunderts, von denen man sich eine Vorreiterrolle bei der gesellschaftlichen Teilhabe aller Schwarzen erhoffte.

Der Begriff wurde von Philanthropen aus der WASP-Oberschicht der Nordstaaten geprägt. W. E. B. Du Bois, ein schwarzer Autor veröffentlichte 1903 einen Essay selben Namens. Dieser erschien im von Booker T. Washington herausgegebenen Sammelband The Negro Problem. (Wikipedia)

Man sieht, auch Krimilesen bildet, und irgendwann kam auch die Geschichte in Fahrt.

Im dritten Band Blanche cleans up hat Neely ihre Geschichte von Anfang an besser im Griff . Es geht u. a. um das Leben in einer Schwarzensiedlung, um Nachbarn, kriminelle Jugendliche, korrupte Politiker, Homosexualität und schmierige Geistliche. Und ich staune und bewundere, wie viele Bälle die Autorin wunderbar jongliert, ohne dass da einer zu Boden fällt.

Auf die Schilderung einer Selbstmordszene hätte ich verzichten können, ansonsten ist dieser schnoddrig-kluge Tonfall der Protagonistin wieder wunderbar. So heißt es über das Wohnzimmer ihrer momentanen Arbeitgeber:

The house was furnished in what Blanche called undeclared rich: gleaming wood chests and tables with the kind of detail that said handmade, sofas and chairs that looked like they’d grown up in the rooms, Oriental carpets older than her grandmama, and pictures so ugly they had to be expensive originals. (S. 4)

Ich bedauere jetzt schon, dass ich nun nur noch einen Band vor mir habe. Reizen andere Schriftsteller ihre Serienhelden manchmal bis zur Erschöpfung des Lesers – und darüber hinaus – aus, wäre ich hier sehr dafür, dass Neely uns noch viele Geschichten von und um Blanche erzählt hätte, die mir – soweit Literatur das überhaupt leisten kann – Zugang zu einer anderen Lebenswirklichkeit ermöglichen.

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Barbara Neely: Blanche on the Lam (1992)

Durch einen Hinweis auf die englische Neuveröffentlichung von 2014 geriet mir dieser mehrfach preisgekrönte Kriminalroman auf den Schirm. Und was soll ich sagen, Barbara Neely (*1941) hat mich mit ihrem ersten Roman um die schwarze Hausangestellte Blanche White so dermaßen überzeugt, dass ich es kaum abwarten kann, den nächsten Band in die Hände zu bekommen.

Auf Deutsch erschien Blanche on the Lam im Fischer Verlag 2016 unter dem Titel Night Girl.

Das Buch funktioniert auf allen Ebenen. Eine Protagonistin, die einen mit ihrer Bodenständigkeit, ihrer Stärke, ihrer Verletzlichkeit und Familienliebe sofort in ihren Bann zieht.

Doch zunächst zur Handlung, die Anfang der neunziger Jahre spielt.

Blanche, Hausangestellte in Farleigh, North Carolina, steht wegen ungedeckter Schecks vor Gericht und wird zu vier Wochen Gefängnis verurteilt. Doch als sich wegen eines Tumults im Gericht die Gelegenheit zur Flucht ergibt, haut sie ab und irrt durch die Straßen. Schließlich steht sie vor dem Haus, zu dem sie ihre Agentur an diesem Morgen eigentlich für einen einwöchigen Job hätte schicken wollen. Sie hat Glück; Grace, die Dame des Hauses, ist zwar ob Blanches Verspätung verärgert, doch letztendlich froh, dass sie noch rechtzeitig gekommen ist, denn am Nachmittag wollen sie, ihr Gatte Everett und der leicht behinderte Cousin Mumsfield zum Landsitz der reichen Erbtante Emmeline fahren und dort ein paar Tage verbringen.

Blanche soll die Familie begleiten und derweil kochen, putzen, bügeln und eben alle anstehenden Arbeiten erledigen.

Doch die Hoffnung, nun einfach einige Tage untertauchen zu können, wenigstens hin und wieder mit ihrer meinungsstarken Mama und ihrer Nichte und ihrem Neffen telefonieren zu können, bis sie finanziell in der Lage ist, nach New York zu flüchten und sich dort ein neues Zuhause aufzubauen, trügt. Irgendetwas stimmt mit dieser Familie nicht. Und das bezahlen schließlich einige mit dem Leben.

Tante Emmeline ist eine grobe Trinkerin, die arrogante Grace ihrem hübschen Gatten hörig und nur Mumsfield und der alte Gärtner Nate, ein Schwarzer, nehmen Blanche ernst und nur diesen beiden vertraut sie.

Blanche leaned back in her chair and adopted a listening pose. Nate had already proved to her that he was a storytelling man. She knew enough storytelling folks – like her Aunt Maeleen, who could bring tears to Blanche’s eyes by telling her about the tragic death and/or funeral of someone neither of them knew – to know that a storytelling person couldn’t be rushed. Their rhythm, the silences between their words, and their intonation were as important to the telling of the tale as the words they spoke. The story might sound like common gossip when told by another person, but in the mouth of a storyteller, gossip was art. (S. 83)

Neely nimmt sich wunderbar Zeit, um uns mit den Figuren, dem Haus und seiner Atmosphäre bekannt zu machen. Wer also schnelle Action und große Detektivarbeit sucht, wäre mit diesem Krimi falsch beraten.

Das hängt auch mit der Perspektive zusammen, die die politisch engagierte Autorin gewählt hat, denn hier wird konsequent aus der Sicht einer schwarzen Frau geschrieben, die ihre einschlägigen Erfahrungen mit Rassismus, Alltagsdiskriminierung und Herablassung in den Haushalten der wohlhabenderen Weißen gemacht hat und die uns ihre Überlebensstrategien ausplaudert. So habe es sich bewährt, sich immer ein bisschen dümmer und gefühliger zu stellen, damit einem die Arbeitgeber vertrauen.

Blanche was reminded of old lady Ivy, out on Long Island. She couldn’t stand to see the help in regular clothes, either. Might mistake them for human beings. (S. 11)

Und ganz ärgerlich wird sie, wenn sie bei sich oder anderen das Ausbrechen der „Darkies‘ Disease“ – der Krankheit der Schwarzen – befürchtet, die Vermutung, dass man tatsächlich von seinen weißen ArbeitgeberInnen anerkannt, ja als gleichwertiger Mensch auf Augenhöhe respekiert und gemocht werde.

There was a woman among the regular riders on the bus she often rode home from work who had a serious dose of the disease. Blanche actually cringed when the woman began talking in her bus-inclusive voice about old Mr. Stanley, who said she was more like a daughter to him than his own child, and how little Edna often slipped and called her Mama. That woman and everyone else on the bus knew what would happen to all that close family feeling if she told Mr. Stanley, or little Edna’s mama, that instead of scrubbing the kitchen floor she was going to sit down with a cup of coffee and make some phone calls. (S. 43)

Deswegen ist Blanche zunächst keineswegs begeistert, als sie merkt, dass Mumsfield und sie fast buchstäblich auf einer Wellenlänge sind.

Selbst die Art und Weise, wie sie an Informationen herankommt, ist von ihrer Hautfarbe geprägt, haben die Schwarzen in Farleigh doch ein starkes Zusammengehörigkeitsgefühl und es gibt immer jemanden, der jemanden kennt, der etwas weiß oder gehört hat. Außerdem gibt es so etwas wie ein kollektives Gedächtnis, z. B. an die Morde des Ku-Klux-Klan, und das immer präsente Bewusstsein, Schikanen weißer Gesetzeshüter relativ ungeschützt ausgesetzt zu sein.

So wird man als „weiße“ Leserin immer wieder daran erinnert, wie die Welt von einem anderen Standpunkt aus aussieht und wie sich das anfühlt.

Von wenigen Ausnahmen abgesehen fügt sich das organisch in die Handlung und die Charakterisierung dieser tollen Frau ein. Und das Ganze liest sich dabei kein bisschen trostlos, im Gegenteil: Blanche springt einem von den Seiten quasi lebensgroß entgegen. In ihrer Traurigkeit, ihrer Widerborstigkeit, ihrem Stolz und bissigen Humor, ihrer Würde. Mit ihrer ganz eigenen Stimme.

Die Titel der drei weiteren Bände lauten:

  • Blanche among the Talented Tenth (1994)
  • Blanche Cleans Up (1998)
  • Blanche Passes Go (2000)

 

 

Christopher Huang: A Gentleman’s Murder (2018)

1924 in London: Im Britannia, einem dieser gediegenen Herrenclubs, in den nur Gentlemen aufgenommen werden können, die irgendwann ihrem Land als Soldat gedient haben, passiert ein Mord. Interessanterweise ist das Opfer, ein junger Mann namens Benson, erst kurz zuvor überhaupt Mitglied geworden. Etwas widerstrebend hatte er sich auf eine Wette eingelassen, dass es nämlich Woolfe, einem arroganten Schnösel, nicht bis zum nächsten Mittag gelingen werde, einige Wertsachen aus Bensons Schließfach im Tresorraum des Clubs zu entwenden. Leutnant Eric Peterkin wird gebeten, als Schiedsrichter zu fungieren.

Peterkin lässt sich, um den Gewinner unparteiisch ermitteln zu können, vorsichtshalber von Benson die im Schließfach befindlichen Gegenstände zeigen. Dabei handelt es sich wider Erwarten gar nicht um wertvolle oder seltene Dinge, allerdings um Gegenstände, die laut Benson dazu dienen sollen, ein großes Unrecht zu sühnen. Doch am nächsten Morgen liegt Benson erstochen vor dem geöffneten Schließfach.

Peterkin bezweifelt, dass die Angelegenheit in den Händen von Scotland Yard gut aufgehoben ist, hatte er doch zufällig beobachtet, wie der zuständige Kommissar Parker etwas aus dem Zimmer des Ermordeten verschwinden lässt. Und warum wollen alle, dass Peterkin der Sache nicht weiter nachgeht? Doch stur und ehrenhaft wie er nun einmal ist, möchte er nicht nur den Mörder Bensons überführen, sondern am besten noch das große Unrecht ans Licht holen, von dem Benson gesprochen hatte und von dem er nicht im Geringsten weiß, um was es sich dabei handeln könnte. Und so nehmen über 300 spannende Krimiseiten ihren Lauf.

Es ist tatsächlich beeindruckend, wie Christopher Huang hier mehreres miteinander ausbalanciert, ohne dass das eine auf Kosten des anderen gehen würde. Da ist zum einen die Hauptperson, Leutnant Peterkin, der zwar einen britischen Vater hatte, aber eine chinesische Mutter. Das sieht man ihm auch an. Und wie er mal subtil, mal eklig mit Ressentiments konfrontiert wird, das spiegelt zeitlose Gegebenheiten, mit denen sich Menschen auseinandersetzen müssen, die aufgrund ihres Äußeren zunächst einmal als „anders“ wahrgenommen werden.

The only thing Eric missed about the War was that one had slightly more pressing things to worry about than blood heritage. The respect he’d received from his comrades had not been immediate, but after enough shells and sorties and gas attacks, no one cared anymore who your grandparents were – as long as you did your job well and kept your men alive. (S. 15)

In den ersten Entwürfen war Peterkin noch ein durch und durch weißer Brite, doch Huang, ein chinesischer Architekt, der inzwischen in Kanada lebt, fand es schließlich spannender, seiner Hauptperson Anteile von sich selbst mitzugeben, die ihm gleichzeitig ermöglichten, gängige Klischees zu beleuchten, wie sie gegenüber Chinesen in den zwanziger Jahren gang und gäbe waren. Huang sagt in einem Interview der Washington Post:

I soon came to realize that Eric’s half-and-half heritage said more about me than any direct representation of myself could. He’s not so much me as he is my cultural experience, this combination of Asian blood and European culture.

Dazu kommt ein dezent eingesetzter Humor, der uns dann wieder an die leichten Cosy Crimes erinnert, und Peterkins Freund Avery, der sehr dem Esoterischen zugeneigt ist, hat hier klar die Aufgabe, für ein bisschen Erheiterung in den durchaus auch gefährlichen Ermittlungen zu sorgen.

Doch was diesen Krimi vor allem von gut gemachter Unterhaltungsliteratur unterscheidet und ihn in einer anderen Liga spielen lässt, ist die sorgfältige und immer respektvolle Einbettung in einen bestimmten geschichtlichen Kontext. Dieser taucht in den Krimis, die tatsächlich in den zwanziger oder dreißiger Jahres des letzten Jahrhunderts  geschrieben wurden, meist nur als Randbemerkung auf, nämlich die Situation der ehemaligen Soldaten, die in den Schützengräben des Ersten Weltkrieges gekämpft und gelitten haben. Die, so sie denn überhaupt überlebt hatten, nicht nur Gliedmaßen verloren haben, sondern auch Traumata, Alpträume und Schwierigkeiten bei der Rückkehr in ein ziviles Leben immer mit im Gepäck haben. Auch sechs Jahre nach Kriegsende.

In dem feinen Austarieren dieser verschiedenen Elemente mit einer wirklich spannenden und immer wieder Haken schlagenden Krimi-Handlung hat mich das Debüt Huangs an die besten Bücher Dorothy Sayers erinnert.

Hier gibt es ein Interview mit dem Autor auf der Homepage der Los Angeles Public Library.

Interessant ist vielleicht auch, dass Huangs Krimi bei Inkshares veröffentlicht wurde. Dieser Verlag lässt quasi die Leser entscheiden, was gedruckt wird. Hat ein Buch die erforderliche Anzahl an verbindlichen Vorbestellungen – normalerweise 750 -, dann wird das Buch verlegt.

Doch noch viel besser ist, dass Huang uns Anlass zur Hoffnung gibt, dass wir Eric Peterkin irgendwann wiedertreffen.

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Alan Bradley: The Sweetness at the Bottom of the Pie (2009)

Wie bei meinem letzten Blogbummel schon angedeutet, steht mir der Sinn zurzeit nicht nach „gehobenerer“ Lektüre. Die Korrekturenstapel häuften sich bedenklich und dann die Blogs, auf denen in rasanter Folge neue bummeltaugliche Beiträge erscheinen … Da bleibt also nur der Griff ins Cosy Crime Regal, da das so herrlich entspannt.

Und genau darum geht es heute, um den ersten Band einer Serie, der mir beim Wiederlesen richtig Spaß gemacht hat und den ich deshalb, wenn auch reichlich verspätet, heute vorstellen möchte.

Die Handlung beginnt mitten in einer der zahlreichen Auseinandersetzungen dreier Schwestern:

It was as black in the closet as old blood. They had shoved me in and locked the door. I breathed heavily through my nose, fighting desperately to remain calm. I tried counting to ten on every intake of breath, and to eight as I released each one slowly into the darkness. Luckily for me, they had pulled the gag so tightly into my open mouth that my nostrils were left unobstructed, and I was able to draw in one slow lungful after another of the stale, musty air.

Die elfjährige Flavia, die Ich-Erzählerin, hat bei dem Streit den kürzeren gezogen und wurde im Schrank eingesperrt, doch ihre Rache wird nicht lange auf sich warten lassen.

Der Kanadier Alan Bradley (*1938) hat seine Romane um Flavia im England der fünfziger Jahre angesiedelt. Dort lebt sie mit ihren Schwestern Daphne (Daffy, 13) und Ophelia (Feely, 17) und ihrem Vater Colonel Haviland de Luce in dem großen alten Herrenhaus Buckshaw, das praktischerweise auch ein fantastisch ausgestattetes Chemielabor – eingerichtet von einem der Vorfahren – enthält, denn Flavia ist mit ganzem Herzen Chemikerin. Die Fehden zwischen ihr und den Schwestern enden schon mal damit, dass sie Ophelia ein bisschen Gift des Kletternden Giftsumachs in ihren Lippenstift schmuggelt und sie die allergischen Beschwerden fein säuberlich protokolliert.

Vervollständigt wird die Truppe von Arthur Dogger, einem mal mehr, mal weniger unter seinen Kriegstraumata, dem Zittern und den Gedächtnisaussetzern leidenden Butler, Gärtner, Chauffeur und Mädchen für alles. Im Krieg hat er Flavias Vater das Leben gerettet und ist der Familie der de Luces treu ergeben. Außerdem kommt täglich Mrs Mullet aus dem Dorf, Haushälterin und Klatschbase in einem, deren Kochkünste wohl als unterirdisch zu bezeichnen sind.

Harriet, die Mutter der Mädchen, starb, als Flavia ein Jahr alt war, und der Vater nimmt seine Töchter kaum wahr und kümmert sich stattdessen um seine große Leidenschaft, die Welt der Briefmarken, was wiederum der finanziellen Lage der de Luces nicht unbedingt zuträglich ist.

Im ersten Band der inzwischen auf zehn Bände angewachsenen Reihe gerät Flavias Vater unter Mordverdacht, als einer seiner ehemaligen Mitschüler, Horace Bonepenny, tot im Gurkenbeet der de Luces aufgefunden wird. Zunächst schweigt sich der Vater aus, da er befürchtet, dass Dogger für den Mord verantwortlich sein könnte, denn der hatte, zusammen mit Flavia, heimlich gelauscht, als Bonepenny versucht hatte, Flavias Vater zu erpressen.

So liegt es nun an Flavia, ihren Vater von diesem schrecklichen Verdacht reinzuwaschen und herauszufinden, was wirklich passiert ist.

Dass sie bei der Auflösung des Falles dem sympathischen Inspector Hewitt immer einen Schritt voraus ist und sich auch noch in Lebensgefahr begibt, erfreut den Kommissar nur bedingt.

Das Buch wimmelt von gelehrten Anspielungen, bei denen man sogar das ein oder andere nachschlagen kann, sei es zu Naturwissenschaften oder Büchern. Das zeigt sich schon am englischen Originaltitel, einem Zitat von William King „Unless some sweetness at the bottom lie, who cares for all the crinkling of the pie“ (The Art of Cookery, 1708).

Manchmal wird die Geduld des Lesers schon strapaziert, denn wie glaubwürdig sind die folgenden Sätze aus dem Mund einer Elfjährigen?

As I expected, Father’s room war in near-darkness as I stepped inside. […] From inside, it possessed all the gloom of a museum after hours. The strong scent of Father’s colognes and shaving lotions suggested open sarcophagi and canopic jars that had once been packed with ancient spices. The finely curved legs of a Queen Anne washstand seemed almost indecent beside the gloomy Gothic bed in the corner, as if some sour old chamberlain were looking on dyspeptically as his mistress unfurled silk stockings over her long, youthful legs. (S. 146 – 147)

Zudem weist auch die Handlung selbst, gerade was die Motive des Bösewichts angeht, einige logische Löcher auf.

Allerdings schafft es Bradley, für seine jugendliche Ich-Erzählerin einen ganz eigenen Ton zu finden, frech, altklug und vorlaut, ihren Schwestern in inniger Hassliebe verbunden, aber letztlich mit dem Herz am richtigen Fleck.

Flavias Schwestern verbünden sich ständig gegen sie, bringen sie zum Weinen mit der Geschichte, dass sie adoptiert und so wenig liebenswert sei, dass sie quasi schuld am Tod der Mutter sei.

Dabei scheint immer wieder Flavias Verletzlichkeit, ihre Einsamkeit und den Wunsch nach familiärer Geborgenheit hinter der altklugen und ruppigen Fassade durch.

Here we were, Father and I, shut up in a plain little room, and for the first time in my life having something that might pass for a conversation. We were talking to one another almost like adults; almost like one human being to another; almost like father and daughter. And even though I couldn’t think of anything to say, I felt myself wanting it to go on and on until the last star blinked out. I wished I could hug him, but I couldn’t. For some time now I had been aware that there was something in the de Luce character which discouraged any outward show of affection towards one another; any  spoken statement of love. […] And so we sat, Father and I, primly, like two old women at a parish tea. It was not a perfect way to live one’s life, but it would have to do. (S. 191)

Ganz unverstellt erscheint uns Flavia, wenn sie Dogger in einem seiner schlimmen Momente antrifft. Sie tut und sagt und unternimmt sofort etwas, um ihm behutsam und mit viel Einfühlungsvermögen dabei zu helfen, sich wieder in der Gegenwart verankern zu können.

Wie schrieb Laura Wilson im Guardian so nett:

The Sweetness at the Bottom of the Pie reads like a cross between Dodie Smith’s I Capture the Castle (posh family fallen on hard times, dead mother, disengaged father, crumbling pile) and the Addams family (Flavia has a well-appointed laboratory where she makes poisons to test on her spiteful elder sisters). A strong plot, involving philately, ornithology and prestidigitation, and a wonderful supporting cast make this Canadian novelist’s debut delightfully entertaining.

Fazit: Preisgekrönte Krimi-Unterhaltung, skurril, frech und spannend, ansprechend, wie gemacht für dunkle Novembertage.

Der zweite Band The Weed that Strings the Hangman’s Bag um den Tod eines Puppenspielers hat mir ebenfalls gefallen.

Die Bücher erscheinen auch auf Deutsch.

Mick Herron: Slow Horses (2010)

Da ich normalerweise einen Bogen um neuere Krimis oder gar Thriller mache, da ich befürchte, dass sie mir mit ihrer Schilderung von Grausamkeiten zu brutal, ja fast schon voyeuristisch sind, wäre mir beinahe der fulminante Auftakt zu dieser Reihe entgangen.

Ehemalige Topleute des britischen Inlandsgeheimdienstes (auch bekannt als MI5) sind wegen diverser Verfehlungen  (Einsatz verpatzt, Alkoholprobleme, fehlender Kompatibilität mit Menschen, Geheimdienstunterlagen im Zug liegengelassen) ausgemustert und ins schäbige Slough House, das weit genug entfernt von der Zentrale am Regent’s Park liegt, abkommandiert worden.

Dort sollen sie unter der Leitung des schmierigen Unsympathen Jackson Lamb Akten schreddern, Telefonmitschnitte oder alte Unterlagen nach belanglosen Details durchwühlen. So hofft man, dass River Cartwright und seine LeidensgenossInnen freiwillig den Dienst quittieren. Das käme dem Geheimdienst gelegener als langwierige Streitereien vor Gericht, die bei einer Kündigung wohl zu erwarten wären.

Kollegiales Miteinander: Fehlanzeige. Jeder hasst seinen Arbeitsplatz im Slough House, da man nicht zum Müllsortieren und Aktenschreddern Agent geworden ist. Und jeder weiß, dass er von den Agenten im aktiven Dienst als Slow Horse beschimpft und verachtet wird. Man weiß noch nicht einmal, wo die Kollegen wohnen.

Diese bleierne, feindselige Atmosphäre wird zunächst auch durch die Nachricht nicht verändert, dass auf dem Blog der BBC ein Video veröffentlicht wurde, das einen entführten Jugendlichen zeigt, der in 48 Stunden vor laufender Kamera geköpft werden soll. Ein Fall, der die Kompetenzen der Slow Horses buchstäblich in mehr als einer Hinsicht überschreiten würde.

Doch warum beauftragt die stellvertretende Chefin des Geheimdienstes plötzlich eines der Slow Horses, nämlich Sidonie Baker, die Unterlagen eines dubiosen Journalisten zu stehlen? Und warum muss River Cartwright dessen Müll auf verdächtige Hinweise durchwühlen?

Und dann geht die Action richtig los. Selten so gespannt gewesen, wie die Geschichte weitergeht.

Dazu die Wechsel im Erzähltempus. Das erste Kapitel zunächst sehr aufregend. Wir erleben den Einsatz mit, dem River Cartwright seine Degradierung zu den Slow Horses verdankt. Dann kommt die Geschichte scheinbar zum Stillstand, da erst einmal Einblick in verschiedene Biografien einzelner Slow Horses gegeben wird. Manche Leser stört das, ich fand es gelungen, da so die Ermittler als eigenständige Charaktere mit je ganz eigenen wunden Punkten und Traumata erlebbar werden.

Und ob sie wollen oder nicht, irgendwann müssen auch Slow Horses miteinander kooperieren.

Später wird sich ohnehin kein Leser mehr über mangelndes Tempo beklagen können. Ständig schlägt die Handlung neue Haken, fügen sich neue Bausteine ins Mosaik des Ganzen ein. Und Cliffhanger gibt es hier gleich innerhalb mehrerer Erzählstränge.

Dazu wird das Ganze eingebettet in die aktuelle politische Großwetterlage. Außerdem wird das Opfer der Entführung ebenfalls als Charakter ernstgenommen und überaus glaubwürdig, ja liebevoll porträtiert.

Doch was mich darüber hinaus an Herrons Buch begeistert hat, ist die Sprache (mal abgesehen von der ganzen Flucherei, die mir an einigen Stellen ziemlich auf die Nerven ging), die Dialoge voller Schlagfertigkeit, dieses knallfreche, manchmal auch witzige Formulieren auf den Punkt.

Lamb turned to study him through half-open eyes, causing River to remember about the hippo being among the world’s most dangerous beasts. It was barrel-shaped and clumsy, but if you wanted to piss one off, do it from a helicopter. Not while sharing a car. (S. 178).

Mit meiner Begeisterung bin ich wohl nicht allein:  Im August erschien die deutsche Übersetzung unter dem Titel Slow Horses: Ein Fall für Jackson Lamb im Diogenes Verlag, übersetzt von Stefanie Schäfer.

Im Englischen umfasst die Reihe bereits fünf Bände und zwei kürzere Erzählungen. Alle Bände schafften es auf eine oder mehrere Shortlists für diverse Krimi-Auszeichnungen.

Auf dem Blog von Ethan Jones gibt es ein kurzes Interview mit Mick Herron.

Und hier ist eine Besprechung von der Querleserin, die mich überhaupt erst aufmerksam auf diesen Agententhriller gemacht hat.

Fundstück von J. Jefferson Farjeon

Der Krimi Seven Dead von Joseph Jefferson Farjeon, erschienen 1939 und 2017 in der Reihe der British Library Crime Classics neu aufgelegt, macht einfach Spaß.  Schon mit den ersten Sätzen hatte mich der Autor am Haken:

This is not Ted Lyte’s story. He merely had the excessive misfortune to come into it, and to remain in it longer than he wanted. Had he adopted Cardinal Wolsey’s advice and flung away ambition, continuing his illegal acts to the petty pilfering and pickpocketing at which he was fairly expert, he would have spared himself on this historic Saturday morning the most horrible moment of his life. The moment was so horrible that it deprived him temporarily of his senses. But he was not a prophet; all he could predict of the future was the next instant, and that often wrongly; and the open gate, with the glimpse beyond of the shuttered window tempted him.

Leider hat die Logik des Plots fußballfeldgroße Löcher, doch da der Autor schreiben konnte, die Dialoge vergnüglich und die Charaktere nett ausgearbeitet sind, bleibt man als Leser dabei, ohne sich allzu sehr zu grämen, wie abgrundtief hanebüchen die Auflösung ist.