Margaret Millar: Ask for me tomorrow (1976)

It was late afternoon. As Marco dozed in his wheelchair the long lazy rays of the sun touched the top of his head and stroked the sparse grey hairs of his good arm and fell among the folds of his lap robe. Gilly stood in the doorway and watched her husband, waiting for some sign that he was aware of her presence.

So beginnt der erste von drei Kriminalromanen um den spanischstämmigen Anwalt Tom Aragon von

Margaret Millar: Ask for me tomorrow (1976)

Im Deutschen erschien das Buch unter dem Titel Fragt morgen nach mir.

Gilda Decker, in zweiter Ehe verheiratet mit dem todkranken Invaliden Marco, heuert den jungen Anwalt Tom Aragon an. Er soll ihren ersten Ehemann B. J. Lockwood finden. Der war klein, dick, freundlich, harmlos, reich – und ihre große Liebe. Doch nachdem er dummerweise vor acht Jahren ein 15-jähriges mexikanisches Hausmädchen geschwängert hatte, ist er mit diesem nach Mexiko gezogen.

Das letzte Lebenszeichen von B. J. ist ein Brief, in dem er Gilda um eine größere Summe Geld bat, um damit in Mexiko in Immobilien zu investieren. Darauf hat Gilda aber nie reagiert.

Nun gestaltet sich die Suche nach B. J. Lockwood allerdings schwieriger als gedacht und es kommt zu merkwürdigen Todesfällen, je näher Aragon der Erfüllung seines Auftrages zu kommen scheint.

Fazit

Was für ein feiner kleiner Kriminalroman von einer Schriftstellerin, die mir bisher völlig entgangen war.

Hier verbinden sich glaubhafte Charaktere (und zwar bis in die Nebenfiguren hinein), hinreißend bissige Dialoge mit Spannung und der Fähigkeit, so anschaulich zu schreiben, dass man sich direkt in einen Schwarzweißfilm mit Humphrey Bogart versetzt sieht. Selbst dass mich die Auflösung nicht  mehr wirklich überrascht hat, konnte da noch stören.

Ich werde mich unverzüglich auf die Suche nach weiteren Büchern von Millar (1915 – 1994) begeben, die 1956 den Edgar Allan Poe Award und 1983 von der Mystery Writers of America den Grand Master Award für ihr Lebenswerk erhielt.

 

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Friedrich Ani: Der namenlose Tag (2015)

Andauernd rief eine Frau meinen Namen, aber ich war nicht gemeint. So gemein. Ich hab sie nicht mal gesehen, zu viele Leute überall; alle schrien durcheinander, mir wurde schon ganz schwindlig. Wegschauen konnt ich nicht; jedes Mal, wenn ich den Kopf drehte, lag da meine Mutter; alles war still. Sogar der Willy hat keinen Ton von sich gegeben; der hockte auf seinem Käfig, aufgeplustert und starr wie ausgestopft.

So beginnt der Kriminalroman um den seit zwei Monaten pensionierten Kriminalhauptkommissar Jakob Franck von:

Friedrich Ani: Der namenlose Tag (2015)

Zum Inhalt

Die Grundidee fand ich zunächst reizvoll: Der pensionierte Ermittler Franck wird nicht nur von den Geistern Ermordeter besucht, denen er dann Kekse anbietet, sondern auch vom inzwischen ziemlich auf den Hund gekommenen Vater einer jungen Frau, die sich vor zwanzig Jahren im Park erhängt hat. Fremdverschulden wurde ausgeschlossen. Franck war damals derjenige, der der Mutter die Todesnachricht überbracht hatte. Ein Jahr später nahm sich die Mutter auf die gleiche Weise das Leben.

Nun, Jahrzehnte später, plagen den Vater die Geister der Vergangenheit und er hat sich in die Idee hineingesteigert, dass seine Tochter in Wahrheit einem Mörder zum Opfer gefallen ist. Den Täter meint er in einem ehemaligen Nachbarn ausgemacht zu haben, der bekannt dafür war, Affären mit Minderjährigen zu unterhalten.

Auch Franck hat dieser Fall nie losgelassen. Er ist fassungslos, wie schlampig damals ermittelt wurde, wie wenig man den Eltern, den Mitschülern, den Nachbarn auf die Pelle gerückt ist, dabei gab es sogar Gerüchte um einen Missbrauch durch den eigenen Vater. Und so marschiert Franck los, befragt die Überlebenden von damals, und schwuppdiwupp, erfährt er Dinge, die damals niemand wissen wollte.

Fazit

Ich habe eine ganze Reihe der Tabor Süden-Romane von Ani sehr gern gelesen, fand es großartig, die Suche nach Vermissten und den Unsichtbaren unserer Gesellschaft in das Zentrum zu rücken, ganz ohne Thrill und Gemetzel. Das Ganze mit einer dazu passenden, manchmal sogar poetischen Sprache. Doch jetzt?

Diesmal kam die Sprache an manchen Stellen dem Kitsch gefährlich nahe:

… einen Moment lang erinnerte in ihr Blick an Adriana Waldt, deren Suche nach einem Anker im eisigen Gedankenmeer sie immer wieder erfrieren ließ. (S. 181)

In diesem Roman scheinen mir nur noch einzelne Bestandteile eines ehemals gelungenen Rezepts verrührt: Gescheiterte Existenzen, die mich diesmal nicht interessieren, großstädtische Anonymität, familiäre Sprachlosigkeit, wohin man schaut, und Unwahrscheinlichkeiten – plötzlich erinnern sich die Zeugen von damals an Dinge, die sie vor zwanzig Jahren nicht zu Protokoll gegeben haben.

Die melodramatischen Elemente waren arg dick aufgetragen: Franck hatte bei der Übermittlung der Todesnachricht die Mutter des toten Mädchens sieben Stunden im Arm gehalten, was ihn noch lange später umtreibt. Auch wenn Ani in Interviews darauf hinweist, dass er diese Geschichte von einer Polizistin gehört habe, die das genau so erlebt habe.

Ach, und dass er im Flughafencafé eine Frau trifft, die am ersten Todestag ihrer Schwester vermutlich plant, sich umzubringen, doch Franck sie zum Reden bringt – geschenkt.

Dass der Kommissar mit seinen Fragen und seiner Art des Zuhörens jeden zum Reden bringt, fand ich in diesem Roman nicht immer glaubwürdig. Der wundersame Effekt seiner Kommunikation wird eher beschworen als anschaulich nachvollziehbar gemacht. Natürlich ist auch dieser Ermittler melancholisch bis ins Mark, doch auch dies wird einfach behauptet, ohne dass es für mich zu leben beginnt:

… während Jakob um seinen vierzigsten Geburtstag herum die Freude am Frühjahr verloren hatte. Wenn er nicht arbeitete, versank er in Büchern; wenn Freunde zu Besuch kamen, überließ er seiner Frau die Unterhaltung; Frank hatte begonnen, abseits der Jahreszeiten und der einfachen Dinge zu leben… (S. 65)

Und dann der existenzielle Schauder, der ihn bei dem Glockengeläut einer Kirche überkommt:

Franck erschrak; er konnte sich nicht erinnern, wann er zum letzten Mal erschrocken war; er zitterte fast; ihn überfiel ein Schauder wie seit seiner Kindheit nicht mehr; sein Herz schlug über ihn hinaus; die Gedanken wirbelten durch seinen Kopf wie sprechende Schneeflocken; in seinem Bauch hockte ein brennender Trommler; die Luft, die er atmete, schmeckte würziger als frisches Brot. (S. 93)

Er gehörte nicht mehr dazu, dachte er ständig, er verbummelte die Zeit, die ihm noch blieb, und ernährte sich von trockenen Erinnerungen, die er schon viel zu lange wiederkäute; ihm war das Verlangen abhandengekommen, hungrig zu sein. (S. 112)

Und – vielleicht das Ärgerlichste für mich – die Auflösung, die mich nicht überzeugen konnte.

Sollte Herr Franck also weiterhin in seinem Ruhestand ermitteln, wird er das leider ohne mich tun.

Zum Abschluss noch ein interessantes Zitat von Ani, das die Grundtristesse in seinen Romanen, die mir in den Süden-Romanen durchaus noch schlüssig erschien, vielleicht ein wenig erhellt:

Ohne Scheitern ist ja ein reales Leben gar nicht möglich. Das Leben an sich ist ja ein Scheitern. In dem Moment, in dem wir begreifen, dass wir irgendwann sterben werden, wissen wir, dass wir scheitern am Leben. Wir versuchen halt uns was einzureden. Wir versuchen uns einzureden, dass wir überleben können, dass wir weiterkommen. Aber wir sind natürlich im großen Ganzen schon dazu verurteilt mit unserem Leben zu scheitern.

Hier geht es lang zu meiner Besprechung seines Romans Süden von 2011.

Anmerkungen

Hier einige weitere Besprechungen:

Und hier ein Interview mit dem Autor aus der Abendzeitung. Anis Vater kam aus Syrien und Ani selbst bezieht immer wieder Stellung in der Flüchtlingsfrage. Sein Fazit: Unsere demokratische Lebensform braucht Empathie.

Nicolas Freeling: Liebe in Amsterdam (OA 1963; deutsche Erstausgabe 1983)

Er ging in der Zelle auf und ab. Es war eine geräumige und gute Zelle, dachte er, sauber und hell. Immer wieder betrachtete er das Mobiliar mit Sorgfalt und Interesse, ohne dabei recht zu wissen, was ihn daran interessierte. Es kommt daher, daß ich nichts zu tun habe, dachte er; und dann: Nein, das ist es nicht … Er interessierte sich immer für solche Dinge, wo er auch war. „Vernachlässige nichts“, sagte er laut; dann wiederholte er es noch einmal – in Gedanken. Es war nicht gut, wenn man laut vor sich hin sprach. Nicht, daß sich die Wärter darüber geärgert hätten; er hätte den ganzen Tag auf dem Kopf stehen können, ohne daß es sie im geringsten störte, aber so ein verfluchter Psychiater konnte ihnen den Auftrag gegeben haben, alles aufzuschreiben, was er tat, um dann blöde Schlußfolgerungen daraus zu ziehen.

So beginnt der erste Band um den niederländischen Kriminalinspektor Piet van der Valk:

Nicolas Freeling: Liebe in Amsterdam (OA 1963)

Die Übersetzung aus dem Englischen stammt von Hertha Balling und wurde 1983 veröffentlicht.

Zum Inhalt

Martin, seit mehreren Jahren glücklich mit Sophia verheiratet, steht unter dem dringenden Verdacht, seine ehemalige langjährige Geliebte Elsa in deren Amsterdamer Wohnung erschossen zu haben. Alle Indizien sprechen gegen ihn. Er wurde am Tatort gesehen und bei der Tatwaffe handelt es sich um ein Geschenk von ihm.

Doch Inspektor van der Valk, wenig an Autoritäten und Indizienketten interessiert, vertraut lieber seinem Bauchgefühl und schlägt Martin einen Deal vor.

… nehmen wir mal an, Sie seien schuldig. Es gibt bestimmt allerlei mildernde Umstände und so weiter. Wenn Sie erst einmal unter Anklage stehen, können Sie die Sache mit Hilfe Ihres Anwalts ausfechten und sich weigern, mir zu antworten. … Sie haben die Wahl. Entweder Sie erzählen mir alles so freimütig, wie Sie es eben taten, so, als ob ich einer von diesen albernen Psychoanalytikern wäre, dann komme ich mit einiger Wahrscheinlichkeit hinter die ganze Geschichte und kann Sie entlasten. Oder Sie sagen nichts mehr, und ich erhebe Anklage. Bis es zur Verhandlung kommt, vergehen sechs Monate, und selbst wenn Sie freigesprochen werden, werden die Leute sagen, daß Sie das nur einem geschickten Anwalt zu verdanken haben. Überlegen Sie sich’s gut. Hier, rauchen Sie. (S. 23)

Überhaupt wird in diesen Krimis noch geraucht wie bei Chandler, Zigaretten und Zigarren ohne Ende.

Ja, und so nimmt eine spannende und gut konstruierte Handlung ihren Lauf, bei der es auch nicht stört, dass sich Martin in einem längeren Exkurs an die gemeinsame Vergangenheit mit Elsa erinnert, die er nach Kriegsende in Holland kennengelernt hatte. So gewinnt der Krimi auch gleich an Zeitkolorit.

Fazit

Gern gelesen. Nicht alle der Figuren sind psychologisch feingemeißelte Charakterstudien, aber es gibt einen rundherum soliden Plot, der bis zum Ende spannend bleibt. Keine überflüssigen Brutalitäten. Die 200 Seiten lasen sich flott und unterhaltsam weg.

Auch der zweite Band Van der Valk und die Katzen – als Milieustudie düsterer angelegt – war überzeugend.

Der dritte Band jedoch Van der Valk und der Schmuggler hantierte mir zu heftig mit einer Reihe wild gewordener Zufälle.

Insgesamt gibt es elf Romane um Van der Valk und noch zwei weitere, bei denen seine Witwe die Ermittlungen führt. Anscheinend haben Kommissare irgendetwas an sich, dass bei ihren Schöpfern Mordgelüste weckt…

Der Autor Nicolas Freeling lebte übrigens von 1927 bis 2003 und soll angeblich mit dem Schreiben begonnen haben, nachdem er selbst eine dreiwöchige Haftstrafe wegen Diebstahls zu verbüßen hatte.

Obwohl Freelings Bücher sogar verfilmt wurden und der Autor diverse Preise und Auszeichnungen für seine Bücher bekommen hat, u. a. erhielt er 1967 den Edgar Allen Poe Award für The King of the Rainy Country und den Grand Prix de Littérature Policière für Gun Before Butter, sind seine Werke heute nur noch antiquarisch zu bekommen.

Hier geht’s lang zum Nachruf auf den kosmopolitischen Schriftsteller im Guardian.

Dorothy B. Hughes: In a Lonely Place (1947)

It was good standing there on the promontory overlooking the evening sea, the fog lifting itself like gauzy veils to touch his face. There was something in it akin to flying; the sense of being lifted high above crawling earth, of being a part of the wildness of air. Something too of being closed within an unknown and strange world of mist and cloud and wind. He’d liked flying at night; he’d missed it after the war had crashed to a finish and dribbled to an end.

So, doch eigentlich ganz ansprechend, beginnt der Kriminalroman von

Dorothy B. Hughes: In a Lonely Place (1947)

Das wird die kürzeste Besprechung, die es vermutlich je auf meinem Blog geben wird: Nicht wirklich überraschend, denn ich habe das Buch ja auch auf S. 14 abgebrochen.

Also: Der Stil ist klasse – kein Wunder, Hughes gab als literarische Vorbilder u. a. Faulkner und Greene an und war damals sehr erfolgreich mit ihren Krimis. Trotzdem hätte ich gern mein Geld zurück: Der Klappentext, der einen chandlermäßigen Noir Crime – also  bestens geeignet für fiebrige Erkältungstage – vermuten lässt, führt in die Irre. Ich hätte jedenfalls Abstand vom Kauf  genommen, wenn ich gewusst hätte, dass man spätestens (!) auf S. 14 weiß, wer der psychopathische Mörder ist (die Hinweise beginnen aber bereits auf S. 2) und der Rest vermutlich nur noch das Katz- und Maus-Spiel zwischen Polizei und Täter darstellt.

Die personale Erzählperspektive räumt überdies gerade dem Mörder und Frauenhasser sehr viel Raum ein, und das, wo ich doch viel lieber einen klassischen Whodunit gelesen hätte.

Das Buch wurde zwar mit Humphrey Bogart verfilmt, hält sich allerdings in wesentlichen Elementen nicht an die Romanvorlage. Das kann dem Film nur gut getan haben.

Aber etwas Positives gibt es doch: Die dem Buch vorangestellten Verse des irischen Dramatikers John Millington Synge:

It’s in a lonesome place you do
have to be talking with someone,
and looking for someone, in the
evening of the day.

Die Verse stammen aus Synges Theaterstück In the Shadow of The Glen (1903).

Jedediah Berry: The Manual of Detection (2009)

Lest details be mistaken for clues, note that Mr. Charles Unwin, lifetime resident of this city, rode his bicycle to work every day, even when it was raining. He had contrived a method to keep his umbrella open while pedaling, by hooking the umbrella’s handle around the bicycle’s handlebar. This method made the bicycle less maneuverable and reduced the scope of Unwin’s vision, but if his daily schedule was to accommodate an unofficial trip to Central Terminal for unofficial reasons, then certain risks were to be expected.

So beginnt der unglaublich gute Debütroman des 1977 geborenen amerikanischen Schriftstellers

Jedediah Berry: The Manual of Detection (2009)

Handbuch für Detektive wurde von Judith Schwaab ins Deutsche übersetzt.

Zum Inhalt

Mr. Charles Unwin, der sich da so mühsam durch den Regen zum Bahnhof kämpft, ist ein kleiner Angestellter einer großen Detektei, die nur The Agency genannt wird. Seine Aufgabe ist es, wie die seiner unzähligen Kollegen auch, die Berichte des Detektivs, für den er zuständig ist, ins Reine zu tippen, sie zu strukturieren und von Unwesentlichem zu befreien. Danach werden die Protokolle im Archiv eingelagert.

Unwin ist richtig gut in seinem Job, er macht ihn gern, sein Privatleben scheint kaum eine Rolle zu spielen. Als Schreiber, als „clerk“, ist Unwin gewissenhaft, ja, ein bisschen pedantisch.

Unwin had sharpened pencils to steady himself, and sorted according to size all the paper clips and rubber bands in his desk drawer. Then he filled his pen with ink and emptied the whole punch of its little paper moons. (S. 15)

Doch an diesem Morgen kurz vor halb acht gerät sein Leben gründlich aus den Fugen: Wie die Morgende davor beobachtet er eine hübsche junge Frau am Bahnsteig, die auf jemanden zu warten scheint.

Her eyes – he had never seen them so close – were the clouded silver of old mirrors. (S. 5)

Er spricht sie nicht etwa an, sondern kauft sich einen Kaffee, um nicht weiter aufzufallen. Doch bevor er zurück zu seiner Arbeitsstelle radeln kann, spricht ihn Pith, ein Detektiv der Agency, an und informiert ihn darüber, dass er in den Rang eines Detektivs befördert worden sei. Er solle sich in Raum 2919 melden. Zum Abschluss drückt ihm Pith noch das „Manual for Detection, standard issue“ in die Hand.

Unwin ist sich sicher, dass es sich dabei nur um ein entsetzliches Missverständnis handeln kann, denn zum einen will er weiter als Schreiber arbeiten, zum anderen fehlt ihm jegliche Ausbildung für eine solch verantwortungsvolle Tätigkeit. Er wüsste nicht einmal, womit man bei einer Ermittlung beginnen würde. Doch seine Versuche, den Fehler zu berichtigen, enden nur damit, dass er erkennen muss, dass Travis Sivart, der Detektiv, für den er bisher als Schreiber zuständig war, verschwunden ist. Und als Unwin den sogenannten Watcher Lamech, den Urheber seiner Beförderung, aufsucht, findet er in dessen Büro nur Lamechs Leiche.

Unwin will nur eines: seinen Job zurück, dafür muss er also Sivart finden, und so schlittert er in die haarsträubendste und gefährlichste Geschichte, die er, wäre sie je auf seinem Schreibtisch gelandet, als Ausgeburt einer kranken Fantasie abgetan hätte.

Fazit

Ein wilder literarischer Ritt über den Kampf zwischen Gut und Böse, Ordnung und Chaos, Traum und Wachsein, Bürokratie und Lebenslust, bei dem Kafkas Schloss, Dornröschen, Stephen King, Chandler, Bradbury, Schnitzlers Traumnovelle und Chesterton Pate gestanden haben. Das Buch ist verwirrend, die Handlung schlägt dauernd neue Haken, die – wenn ich nicht völlig den Faden verloren habe – am Ende alle logisch aufgedröselt werden.

Das Buch ist spannend, überaus spannend, diesem Helden wider Willen muss man einfach folgen, so ein bisschen wie bei einem Bruce Willis-Film oder bei den eigenen Träumen, bei denen man ja auch wissen will, wie sie ausgehen – nur ganz am Ende hätten es auch zwei Umdrehungen weniger getan …

Die Sprache ist so anschaulich, dass einem die Spelunken, das heruntergekommene Herrenhaus, der unheimliche Jahrmarkt oder das Museum oder der Ball der Schlafwandler noch lange nach der Lektüre im Kopf herumgeistern.

Aber auch düster und unheimlich, nicht nur, weil es im Buch so viel regnet und kaum jemand das ist, was er zu sein vorgibt.

Und intelligent ist das Buch auch, weil es das Wesen und die Auswirkungen einer außer Rand und Band geratenen Bürokratie unglaublich gut in Szene setzt. Und weil  der Autor mal eben die Frage aufwirft, wie weit Überwachung gehen darf.

Berry selbst hat übrigens Kafka und Calvino als seine literarischen Paten genannt.

Und zum Abschluss noch ein Hinweis für alle Schreibtischarbeiter aus dem Manual for Detection:

Imagine a desk covered with papers. That is everything you are thinking about. Now imagine a stack of file drawers behind it. That is everything you know. The trick is to keep the desk and the file drawers as close to one another as possible, and the papers stacked neatly. (S. 49)

Anmerkungen

Für den Roman wurde Berry 2009 mit dem Hammett-Preis ausgezeichnet.

Der Independent on Sunday schrieb: „Jedediah Berry’s first novel is a firecracker of an old-fashioned detective story, done steampunk style.“

In Bookslut gibt es ein Interview mit dem Autor.

Vera Caspary: Laura (1943)

The city that Sunday morning was quiet. Those millions of New Yorkers who, by need or preference, remain in town over a summer weekend had been crushed spiritless by humidity. Over the island hung a fog that smelled and felt like water in which too many sodawater glasses have been washed. Sitting at my desk, pen in hand, I treasured the sense that, among those millions, only I, Waldo Lydecker, was up and doing. The day just passed, devoted to shock and misery, had stripped me of sorrow. Now I had gathered strength for the writing of Laura’s epitaph.

So beginnt ein kleiner, nur 171 Seiten langer, aber vorzüglicher Kriminalroman von

Vera Caspara: Laura (1943)

Zum Inhalt

Laura, eine bezaubernde und erfolgreiche junge Werbetexterin, sagt ein für den Abend geplantes Treffen mit ihrem väterlichen Freund, dem Schriftsteller Waldo Lydecker, ab. Doch warum gaukelt sie ihrem Verlobten, dem Frauenschwarm Shelby Carpenter, vor, zu Lydecker zu fahren? Von dort aus wollte sie mit dem Zug zu ihrem Ferienhaus auf dem Land fahren, um sich von den Strapazen der letzten Arbeitswochen zu erholen.

Am nächsten Morgen wird Lauras Leiche von ihrer Hausangestellten Bessie gefunden. Sie hat New York also gar nicht verlassen. Mit den Ermittlungen wird Mark McPherson beauftragt, der in der Verstorbenen eine Frau zu erkennen meint, die seinem weiblichen Idealbild sehr, sehr nahekommt. Lydecker, der sich in den folgenden Tagen oft mit McPherson über alles Mögliche unterhält, beschreibt ihn als den klassisch-kantigen Detektiv, der das männliche Rollenstereotyp vorbildlich verkörpere:

There was no wax in Mark; he is hard coin metal who impresses his own definite stamp upon those who seek to mould him. He is definite but not simple. His complexities trouble him. Contemptuous of luxury, he is also charmed by it. He resents my collection of glass and porcelain, my Biedermeier and my library, but envies the culture which has developed appreciation of surface lusters.

Fazit

Grandios, wie hier verschiedene Erzähler mit jeweils eigener Stimme dafür sorgen, dass sich dem Leser immer wieder neue Einblicke in einen zunächst klar erscheinenden Fall eröffnen und die Auflösung Haken schlägt, bei der der Leser kaum schnell genug die Seiten umblättern kann. Jede der Figuren, sei es das Mordopfer Laura, ihr unattraktiver, aber kluger Freund Lydecker, ihr Verlobter Carpenter oder der Detektiv McPherson ist ein runder, interessanter und stimmiger Charakter. Spannend und toll konstruiert. Es stimmt, wenn M. J. Rose in der Huffington Post schreibt:

This groundbreaking suspense novel thrills in the way it playfully toys with the reader’s expectations and emotions.

Von manchen Kritikern wird der Roman als erster Psycho-Thriller bezeichnet.  So heißt es bei M. J. Rose:

Vera Caspary wrote thrillers — but not like any other author of her time, [..]. Her speciality was a specific type that she pioneered – the psycho thriller. Typically, thrillers focus on plot development as opposed to character development. They focus on an action arc as opposed to a psychological arc. But a successful psychological thriller does both more or less equally. The suspense comes from the human interaction between characters who prey on each other’s thoughts, trying either to confuse, destroy, or deceive. Laura is a superb example of a perfect melding of all those elements.

An einigen Stellen schimmert allerdings die Entstehungszeit durch: Carpenter hat durchaus seine Probleme damit, dass seine Verlobte beruflich aktiv war – und dies auch noch wesentlich erfolgreicher als er – und wenn es von einem Antiquitätenhändler heißt, er sehe eher wie ein Yankee denn wie ein Jude aus, dann durchzuckt es mich schon unangenehm. Gleichzeitig eröffnen sich so aber auch Fenster in eine Zeit, in der gesellschaftliche Heuchelei sich einfach anders äußerte als heute.

A gentleman cannot see a lady work like a nigger; a gentleman opens the door and pulls out a lady’s chair and brings a whore into her bedroom. (S. 139)

Birgit von Sätze&Schätze verdanke ich den Hinweis, dass es dazu auch eine gleichnamige Verfilmung gibt.

 

James Runcie: Sidney Chambers and The Shadow of Death (2012)

Canon Sidney Chambers had never intended to become a detective. Indeed, it came about quite by chance, after a funeral, when a handsome woman of indeterminate age voiced her suspicion that the recent death of a Cambridge solicitor was not suicide, as had been widely reported, but murder. It was a weekday morning in October 1953 and the pale rays of a low autumn sun were falling over the village of Grantchester.

So beginnt die auf sechs Bände angelegte Reihe um den liebenswerten Detektiv wider Willen, die im englischsprachigen Raum schon viele Leser und Kritiker überzeugen konnte:

James Runcie: Sidney Chambers and the Shadow of Death (2012)

Zum Inhalt

In diesem Band sind die sechs ersten Geschichten um den Pfarrer Sidney Chambers versammelt, der seinen Dienst an der Kirche St Andrew and St Mary im – real existierenden – Dorf Grantchester ganz in der Nähe zu Cambridge versieht. Im ersten Fall, dem das Buch auch seinen Titel verdankt, kommt nach der Beerdigung eines Anwalts dessen Geliebte zu Sidney und bittet ihn, sich einmal umzuhören. Sie ist sicher, dass ihr Geliebter keinen Selbstmord begangen haben kann, sondern ermordet wurde. Zur Polizei möchte sie nicht, da sie ihre Affäre vor ihrem Mann geheim halten möchte.

Und so löst Sidney, zusammen mit seinem guten Freund, Inspector Keating, mit dem er jeden Donnerstag ein paar Bierchen trinkt und Backgammon spielt, seinen ersten Fall, dem – sehr zu Sidneys Leidwesen – rasch weitere folgen sollen. Zum Leidwesen deshalb, weil Sidney den Anspruch hat, zunächst unvoreingenommen zu glauben, was ihm erzählt wird und das Beste von seinem Nächsten zu denken, doch als Detektiv muss er alles, was ihm gesagt wird, skeptisch durchleuchten.

Außerdem muss er seine Nase in Dinge hineinstecken, die ihn eigentlich gar nichts angehen, und mehr als einmal lenken ihn seine inoffiziellen Gespräche, die er im Laufe der Ermittlungen führen muss, auch über Gebühr von seinen eigentlichen Gemeindeaufgaben ab.

Hier noch ein paar Worte zur Hauptperson:

Sidney was a tall, slender man in his early thirties. A lover of warm beer and hot jazz, a keen cricketer and an avid reader, he was known for his understated clerical elegance. His high forehead, aqualine nose and longish chin were softened by nutbrown eyes and a gentle smile, one that suggested he was always prepared to think the best of people. He had had the priestly good fortune to be born on a Sabbath day and was ordained soon after the war. After a brief curacy in Coventry, and a short spell as domestic chaplain to the Bishop of Ely, he had been appointed to the church of St Andrew and St Mary in 1952.

Fazit

Zuerst war ich enttäuscht, dass das Buch gar kein ausgewachsener Kriminalroman war, sondern eine Sammlung von sechs Geschichten, die immer so um die 60 bis 70 Seiten umfassen. Aber diese bauen geschickt aufeinander auf und in den Folgegeschichten treffen wir immer wieder Personal, das wir schon kennen. So entsteht allmählich ein Kosmos, in dem man immer wieder gute alte Bekannte trifft, sich auskennt und doch stets auf Neue überrascht wird.

So kann es passieren, dass Sidney mit der Witwe aus der ersten Geschichte später einen regen Briefwechsel unterhält, seine Dauerfreundin Amanda in einem Fall kräftig zur Aufklärung beiträgt, um dann im nächsten selbst ins Visier des Täters zu rücken. Ebenfalls zum Stammpersonal gehört die rabiate Haushälterin Mrs Maguire, deren Herrschaftsanspruch später durch den Einzug eines Vikars und einen Labrador bittere Niederlagen erleidet.

Der Handlungsort ist ebenfalls geschickt gewählt. Da Sidney nur 20 Minuten mit dem Fahrrad nach Cambridge braucht und London nur eine Stunde Zugfahrt entfernt ist, können die Fälle sehr abwechslungsreich und mit liebevoll gezeichnetem Zeitkolorit gestaltet werden. Schön auch, wenn sich plötzlich literarische Spiegelungen ergeben. In einer Geschichte im zweiten Band wird Sidney als Laienschauspieler für die Verfilmung eines Dorothy Sayers-Krimis engagiert, in einer anderen nimmt er teil an der Trauerfeier von C. S. Lewis. Die Bandbreite der Themen reicht dabei vom Kunstraub, einem Mord in einem Londoner Jazz-Lokal über die Spionageaffäre in den Fünfzigern an der University of Cambridge bis hin zu der repressiven Haltung gegenüber Homosexuellen und einem plötzlich verschwundenen Verlobungsring. Manchmal kann sich der geerdete Kirchenmann nur wundern:

‚What a mess people make of their lives,‘ he thought. (S. 13)

Sidneys Beruf, seine Berufung als Pfarrer, ist dabei keine bloße Staffage. Manchmal erfahren wir sogar, zu welchen Predigtthemen ihn seine Detektivarbeit anregt oder welche Fragen er sich im Bezug auf seinen Glauben stellt. Gerade in diesen Fragen und scheinbar beiläufigen Gedanken liegt ein großer Reiz der Geschichten.

How does a man behave when he knows that his death is imminent? (S. 29)

Als er am 7. Mai 1954 im Radio vom Rekord Roger Bannisters hört, philosophiert er darüber, was alles in dieser kurzen Zeitspanne möglich ist. Man kann ein Ei kochen, einen Rekord aufstellen oder wie Sidney Bechet Summertime auf dem Saxofon spielen. Darüber hinaus ist Sidney belesen und kann in einem Gespräch mit seinem Vikar, in dem es darum geht, welche Schriftsteller auf eher seltsamem Weg den Tod fanden, locker mithalten.

And didn’t the Chinese poet Li Po drown while trying to kiss the reflection of the moon in water? (S. 119)

Dass das Ganze hin und wieder noch von dezentem Humor untermalt ist, muss man nicht mehr erwähnen, oder? Als sein Freund Inspector Keating ihn dazu bringen möchte, einem verlobten Paar etwas genauer auf den Zahn zu fühlen, entspinnt sich folgender Dialog.

‚When people come to you to be married, you tend to put the couple through their paces beforehand, don’t you?‘
‚I give them pastoral advice.‘
‚You tell them what marriage is all about; warn them that it’s not all lovey-dovey and that as soon as you have children it’s a different kettle of fish altogether… […] There’s the money worries, and the job worries and you start to grow old. Then you realise that you’ve married someone with whom you have nothing in common. You have nothing left to say to each other. That’s the kind of thing you tell them, isn’t it?’
‚I wouldn’t put it exactly like that …‘
‚But that’s the gist?‘
‚I do like it to make it a bit more optimistic, Geordie. How friendship sometimes matters more than passion. The importance of kindness…‘
‚Yes, yes, but you know what I’m getting at.‘ (S. 153)

Kurzum: Ideal für LeserInnen wie mich, die keinen Wert auf ausgedehnte Schilderungen von Brutalität, Folter oder Eingeweiden in ihren Krimis legen, die Krimis eher zur Entspannung lesen und dabei trotzdem nicht für blöd verkauft werden wollen.

Anmerkungen

Der Autor James Runcie scheint ein umtriebiger, kluger und kreativer Kopf zu sein. Hier lohnt ein Blick auf den Wikipedia-Eintrag. Auch die Rezensenten waren angetan. Hier geht’s lang zur Besprechung im Independent und Ausschnitte vieler anderer Besprechungen sammelt die Homepage zur Serie. Dort findet sich außerdem ein schöner Eintrag, der erklärt, nach wem Sidney benannt wurde, und hier gibt es ein paar Fotos von einigen Plätzen in und um Grantchester.