Leoni Hellmayr: Der Mann, der Troja erfand – Das abenteuerliche Leben des Heinrich Schliemann (2021)

2021 erschien die Biografie Der Mann, der Troja erfand von Leonie Hellmayr. Der Untertitel Das abenteuerliche Leben des Heinrich Schliemann ist wahrlich mehr als passend. Mir selbst waren die Stationen des späteren Troja-Entdeckers bis dahin unbekannt: Schliemann (1822-1890) stammte aus eher zerrütteten Verhältnissen; sein Vater, ein Pfarrer, verlor seine Stelle, da er mit Vorliebe Affären mit den Dienstbotinnen hatte, woraufhin nach dem Tod der Mutter der kleine Heinrich und seine Geschwister auf verschiedene Verwandte aufgeteilt wurden.

Es folgten Schulbesuch, Kaufmannsausbildung, Aufstieg zum märchenhaft reichen Kaufmann in Petersburg, erste Ehe mit einer Russin, zwei Kinder, Weltreisen, Vermehrung des Reichtums in Amerika, Vertiefung seiner Fremdsprachenkenntnisse, weitere Reisen, ergaunerte Scheidung und schließlich die Eheschließung mit ca. 47 Jahren mit der 17-jährigen schönen Griechin Sophia, die vermutlich von ihrer Familie gedrängt wurde, nach nur drei Wochen Bekanntschaft diesen steinreichen Mann zu ehelichen. Mit ihr zwei weitere Kinder, Agamemnon und Andromache. Auch alle Hausbediensteten bekamen von Schliemann Namen aus den Homerischen Epen verpasst.

Dann jahrzehntelange Arbeit als Archäologe und Ausgrabung von Troja (siehe  dazu den Artikel zur Troja-Debatte), bei der auch schon mal die ein oder andere alte Vase zu Bruch ging, feines und behutsames Arbeiten war zunächst nicht so seins. Arbeit als Autor. Die illegale Ausfuhr von antiken Kunstschätzen (der sogenannte Schatz des Priamos) 1873 an den osmanischen Behörden vorbei, Grabungen in Mykene, Auseinandersetzungen mit Kollegen, Anfeindungen und Verehrung gleichermaßen, schließlich seine Jahre in Griechenland als geiziger und herrschsüchtiger Ehemann. Seine Eitelkeit und Größenwahn, als er – da ist er schon eine Berühmtheit – in Ankershagen, dem Dorf seiner Kindheit, einen Monat lang ausspannen will. Er sorgt im Vorfeld dafür, dass in den regionalen Zeitungen folgende Notiz erscheint:

Herr Dr. H. Schliemann-Athen gedenkt am 20. Juni in Ankershagen einzutreffen und im dortigen Pfarrhause einen vierwöchentlichen Aufenthalt zu nehmen, um in stiller ländlicher Zurückgezogenheit von angestrengter Arbeit auszuruhen und Erholung zu suchen. Verwandte, Freunde und Bekannte werden dringend gebeten, auf allen und jeglichen Besuch verzichten zu wollen. (S. 244)

Keine Frage, das ist ein spannendes Leben, das Hellmayr hier auf nur 283 Seiten ausbreitet, das sich stellenweise eher wie ein Roman liest.

An einigen Stellen störte allerdings, dass die Autorin sich zurechtlegt, wie es gewesen sein könnte, was er gedacht oder gesagt haben mag. Doch vor allem hätte mir die Biografie kritischer sein dürfen. Was dachten seine Frau, seine Kinder, seine Freunde und Kollegen über ihn, der sich sogar mit langjährigen Freunden überwarf, nur weil die Tischordnung bei einem offiziellen Essen nicht so war, wie sie angeblich seiner Bedeutung zukam? Wie stümperhaft waren seine Grabungsmethoden? Wie sah er die Einheimischen?

Das schimmert nur sehr dezent ab und an durch, doch der Selbsteinschätzung Schliemanns wird – auch perspektivisch – der größte Raum eingeräumt. Diese zwei Schwachstellen kann man beispielsweise an folgendem Zitat sehen, in dem es um Schliemanns Sicht auf seine Frau Sophia geht. Kein Wort davon, ob ihr „Kränkeln“ vielleicht psychosomatische Gründe hatte, und das Wort „Unfolgsamkeit“ lässt mich auch eher an einen Dackel denken:

Aber in vermutlich ebenso vielen Momenten hat er sich über ihre anderen Wesensmerkmale – ihr Kränkeln, ihre Trägheit, vor allem aber ihre Unfolgsamkeit – in höchstem Maße geärgert. (S. 270)

Autor: buchpost

- mein buchregal: schon lange ein gegengewicht zu beruf und engstirnigkeit - ziele: horizont weiten, mich vergnügen und das wichtige behalten

5 Kommentare zu „Leoni Hellmayr: Der Mann, der Troja erfand – Das abenteuerliche Leben des Heinrich Schliemann (2021)“

  1. Liebe Anna,
    eine Biographie über Schliemann zu lesen, wäre sicher spannend, aber diese hört sich zu sehr nach Lobhudelei an. Ich kann mich nicht mehr genau erinnern, aber ist es nicht so, daß viele Experten jetzt davon ausgehen, daß es noch nicht mal Troja war, das da ausgegraben bzw. ausgebeutet wurde (wenn es überhaupt je existierte)?
    Ich habe wenig Respekt für Menschen, die sich vorstellen, selbst einer der griechischen Götter zu sein–oder zumindest so behandelt werden wollen.
    Danke für diesen Denkanstoß.
    Lieben Gruß,
    Tanja

  2. Vielen Dank für diese Buchvorstellung!
    Antikes Drama hat gerade auch der Bayerische Rundfunk:
    Am vergangenen Wochenende gastierte das Münchner Residenztheater in Griechenland. Beim Athens Epidaurus Festival feierte Ulrich Rasches Inszenierung von „Agamemnon“ Premiere. Christoph Leibold hat das Ensemble begleitet.
    https://www.br.de/radio/bayern2/sendungen/nahaufnahme/avantgarde-trifft-antike-das-muenchner-residenztheater-in-epidauros-100.html
    Herzlich Bernd

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