Karl Philipp Moritz: Anton Reiser (1785-1790)

Heute mal ein literarischer Ausflug ins 18. Jahrhundert. Es geht um den Entwicklungsroman Anton Reiser (1785-1790) von Karl Philipp Moritz.

Zehn Jahre lang gab Moritz das Magazin zur Erfahrungsseelenkunde heraus, das sich zum Ziel gesetzt hatte, psychologische Ansätze zu etablieren. In dieser Zeitschrift sollte die Geschichte um Anton Reiser ursprünglich veröffentlicht werden. Anton Reiser wird tatsächlich häufig als erster psychologischer Roman der deutschen Literatur bezeichnet. Schon in der Vorbemerkung des Autors heißt es:

Dieser psychologische Roman könnte auch allenfalls eine Biographie genannt werden, weil die Beobachtungen größtenteils aus dem wirklichen Leben genommen sind. Wer den Lauf der menschlichen Dinge kennt, und weiß, wie dasjenige oft im Fortgange des Lebens sehr wichtig werden kann, was anfänglich klein und unbedeutend schien, der wird sich an die anscheinende Geringfügigkeit mancher Umstände, die hier erzählt werden, nicht stoßen. Auch wird man in einem Buche, welches vorzüglich die innere Geschichte des Menschen schildern soll, keine große Mannigfaltigkeit der Charaktere erwarten; denn es soll die vorstellende Kraft nicht vertheilen, sondern sie zusammendrängen, und den Blick der Seele in sich selber schärfen.-

Es überrascht daher nicht, dass die fiktive Geschichte, in der es um die ersten 20 Jahre des Anton Reiser geht, der des Autors in vielerlei Hinsicht ähnelt. Auch Moritz (1756 – 1793) kam aus ärmlichen und stark vom Pietismus geprägten Verhältnissen. Da kein Geld für Schulbildung da war, wurde Moritz – wie seine Hauptfigur – in eine Hutmacherlehre in Braunschweig gegeben, in der er entsetzlich litt, nicht zuletzt, weil die Arbeit körperlich oft über seine Kräfte ging, er den religiös verblendeten Schikanen seines Chefs ausgesetzt war und er es als demütigend empfand, mit Waren beladen wie ein Tragtier durch die Stadt laufen zu müssen.  

Nicht nur auf Karl Philipp Moritz, sondern auch auf die Romanfigur Anton Reiser wird ein Pfarrer aufmerksam. So wird Anton der Besuch des Gymnasiums ermöglicht, doch selbst der so dringlich ersehnte Schulbesuch ist für ihn eine Qual, da er von den Söhnen aus wohlhabenderem Elternhaus nicht akzeptiert und zum Teil gemobbt wird. Ständig wird er von Gefühlen der Unterlegenheit, der Scham und Wut geplagt, vor allem wenn ihm an den täglich wechselnden Freitischen signalisiert wird, dass er für diese Brosamen dankbar zu sein habe und er der Familie, bei der er seine Unterkunft hat, eigentlich doch sehr zur Last falle.

Nur in der Welt der Bücher kann Anton von Kindheit an an dem Leben teilhaben, das ihm vorschwebt, nur dort kann er alle Gefühle ausagieren.

Durch das Lesen war ihm nun auf einmal eine neue Welt eröffnet, in deren Genuß er sich für alle das Unangenehme in seiner wirklichen Welt einigermaßen entschädigen konnte. Wenn nun rund um ihn her nichts als Lärmen und Schelten und häusliche Zwietracht herrschte, oder er sich vergeblich nach einem Gespielen umsah, so eilte er hin zu seinem Buche. So ward er schon früh aus der natürlichen Kinderwelt in eine unnatürliche idealische Welt verdrängt, wo sein Geist für tausend Freuden des Lebens verstimmt wurde, die andre mit voller Seele genießen können. (S. 17)

Und so kommt es, dass er sich Jahre später als Gymnasiast immer stärker verschuldet, nur um sich Bücher ausleihen zu können. Er beginnt den Unterricht zu schwänzen und lange Wanderungen zu unternehmen, um wenigstens für ein paar Stunden in seiner idealen Welt zu sein. Schließlich entdeckt er – wie auch der Schriftsteller Moritz – seine Leidenschaft für das Theater. Er ist sich sicher, zum Schauspieler berufen zu sein, doch der allwissende Erzähler lässt schon hundert Seiten vor dem Ende der Geschichte keinen Zweifel daran, dass das eine Illusion ist. Die vermeintliche Berufung ist nichts anderes als eine Folge fehlender Selbsterkenntnis. Nur weil man in der Fantasiewelt der Bücher, des Theaters glücklich sei und mit ihnen der „realen“ Welt entfliehen könne, kurz, weil das Theater die ungestillten Sehnsüchte des Melancholikers nach wirklichen Gefühlen, nach Drama und nach Leben kurzzeitig erfülle, heiße das nicht, dass man das Zeug zum Schauspieler hat.

– das Theater als die eigentliche Phantasiewelt sollte ihm also Zufluchtsort gegen alle diese Widerwärtigkeiten und Bedrückungen sein.- Hier allein glaubte er freier zu atmen und sich gleichsam in seinem Elemente zu befinden. (S. 351)

Es ist meist lohnend, solche literarischen Ausflüge in die Vergangenheit zu unternehmen, zu den oft genug lieblosen religiösen Gruppierungen, den Gebräuchen (siehe die Einrichtung der Freitische) oder den katastrophalen Arbeitsbedingungen während einer Lehre. Und die beißende Kritik an empathielosen, nur mit sich selbst beschäftigen Eltern sowie an einem miserablen Schulsystem und ignoranten und gleichgültigen Lehrern ist tief empfunden und teilweise immer noch gültig. Deutlich zeigt sich, dass ein derlei vernachlässigtes Kind später schlechter mit Problemen und Beschämungen zurechtkommt.

Antons Herz zerfloß in Wehmut, wenn er einem von seinen Eltern Unrecht geben sollte [d. h. wenn er nach einem Streit die Partei des einen gegen den anderen ergreifen sollte], und doch schien es ihm sehr oft, als wenn sein Vater, den er bloß fürchtete, mehr Recht habe als seine Mutter, die er liebte. So schwankte seine junge Seele beständig zwischen Haß und Liebe, zwischen Furcht und Zutrauen, zu seinen Eltern hin und her.

Da er noch nicht acht Jahr alt war, gebar seine Mutter einen zweiten Sohn, auf den nun vollends die wenigen Überreste väterlicher und mütterlicher Liebe fielen, so daß er nun fast ganz vernachlässigt wurde und sich, so oft man von ihm sprach, mit einer Art von Geringschätzung und Verachtung  nennen hörte, die ihm durch die Seele ging. […]

Am Ende freilich ward dies Gefühl ziemlich bei ihm abgestumpft; es war ihm beinahe, als müsse es beständig gescholten sein, und ein freundlicher Blick, den er einmal erhielt, war ihm ganz etwas Sonderbares, das nicht recht zu seinen übrigen Vorstellungen passen wollte. (S. 14/15)

Aber let‘s face it: Zwischendurch zog sich die Geschichte in ihrem Auf und Ab entsetzlich in die Länge. Manche Szenen aus der Kindheit sind zwar ergreifend und den psychologischen Einsichten des allwissenden Erzählers zur menschlichen Natur kann man nur zustimmen.

Es deuchte Reisern nun viel leichter, mit schönen und angenehmen Aussichten in die weite Welt zu wandern, als [schon] an Ort und Stelle selbst zu sein und diese Aussichten wahr zu machen. (S. 372)

Dennoch ist der Gesamteindruck oft genug der eines steifen, belehrenden und pedantischen Vor-sich-hin-Erzählens. Das ein oder andere Motiv wiederholte sich bis zur Ermüdung. Die erwachsene Hauptfigur ging mir mit ihrem Schuldenmachen, ihrem übersteigerten Selbstwertgefühl, ihrer Stilisierung als einsamer und verkannter Held samt ihrer völligen Planlosigkeit irgendwann auch auf die Nerven. Daran konnten feine Momente, in denen sich der Protagonist seiner selbst bewusst wird, wenig ändern. Erst der letzte Teil, in dem Anton aufgrund  unbezahlter Schulden aus der Stadt flüchtet und versucht in der Fremde sein Glück als Schauspieler zu machen, wurde wieder interessanter.

Er fühlte ungewöhnliche Kraft in seiner Seele, sich über alles  das hinwegzusetzen, was ihn darnieder drückte – denn wie klein war der Umfang, der alle das Gewirre umschloß, in welches seine Besorgnisse und Bekümmernisse verflochten waren, und vor ihm lag die große Welt. […] Alles, was ihn gekränkt hatte, schien ihm klein, unbedeutend und nicht der Mühe des Nachdenkens wert.- Aber nun stiegen andre Zweifel, andre Besorgnisse in seiner Seele auf  […] über den in undurchdringliches Dunkel gehüllten Ursprung und Zweck, Anfang und Ende seines Daseins – über das Woher und Wohin bei seiner Pilgrimschaft durchs Leben – die ihm so schwer gemacht wurde, ohne daß er wußte, warum?  – Und was nun endlich aus dem allem kommen sollte.- (S. 252 und 254)

Hier noch ein schöner Beitrag zu dem Roman von Ludger Menke.

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Autor: buchpost

- mein buchregal: schon lange ein gegengewicht zu beruf und engstirnigkeit - ziele: horizont weiten, mich vergnügen und das wichtige behalten

2 Kommentare zu „Karl Philipp Moritz: Anton Reiser (1785-1790)“

  1. Hallo liebe Anna,
    Respekt, wie Du Dir den „psychologischen Roman … allenfalls eine Biographie“, – „Anton Reiser“ – vornimmst und Deiner Lesegemeinde mit ausgewählten Zitaten kritisch vorstellst.
    Zu Moritz‘ Zeit wird der Freitisch unter jenen Umständen beklemmend gewesen sein. Uwe Timms „Freitisch“ hatte wieder andere Beklemmungen.
    Peter Laemmle schreibt:
    „Nein, wir brauchen uns keine Sorgen um Anton Reiser zu machen. Es rettet ihn, was Karl Philipp Moritz gerettet hat, was uns retten wird (wenn wir uns nicht davor drücken): die Erkenntnis des Schmerzes.“
    Zeit Bibliothek der 100 Bücher, suhrkamp Frankfurt 1980, S. 123
    Guten Wahlsonntag, schönen Herbstbeginn
    und herzliche Grüße
    Bernd

  2. Hallo Bernd,
    vielen Dank für das Zitat von Laemmle. Das finde ich großartig. Wobei ich gerade überlege, ob Anton diesen Schmerz erkennt oder eher die LeserIn.
    Ebenfalls einen schönen Herbstsonntag.
    Anna

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