Daniela Strigl: Berühmt sein ist nichts – Marie von Ebner-Eschenbach (2016)

Die erste deutschsprachige Biografie zu Marie von Ebner-Eschenbach seit 1920 ist ein sorgfältig recherchierter Brummer von über 400 Seiten.

Daniela Strigl, eine ausgewiesene Kennerin des Ebner-Eschenbach’schen Werkes und Mitherausgeberin der vierbändigen Marie von Ebner-Eschenbach-Leseausgabe im Residenz Verlag, führt die LeserInnen durch das lange Leben der mährisch-österreichischen Autorin, die von 1830 bis 1916 lebte.

Die chronologisch angelegte Biografie las sich für mich zwischenzeitlich, das ist dann aber meist dem Gegenstand geschuldet, ein wenig langatmig, da Strigl uns ausführlich auch durch jene Jahrzehnte führt, in denen Ebner-Eschenbach der Meinung war, Dramen schreiben zu müssen. Erst als sie auf Erzählungen, Aphorismen und Romane umstieg, kam der Erfolg. Da wurde es auch für mich als Leserin interessanter, sich mit den Inhalten ihrer Geschichten zu beschäftigen. Die Schriftstellerin selbst habe

ihren Weg vom Drama zur Erzählung als Abstieg betrachtet und ihre großen und kleinen Erfolge auf dem Gebiet der Prosa als eine Form des Scheiterns. […] Und in einem abschließenden Superlativ des Understatements spricht die längst als bedeutendste Erzählerin deutscher Zunge anerkannte Marie Ebner sich sogar den Status einer Dichterin ab. ‚In meiner Jugend war ich überzeugt, ich müsse eine große Dichterin werden, und jetzt ist mein Herz von Glück und Dank erfüllt, wenn es mir gelingt, eine lesbare Geschichte niederzuschreiben.‘ (S. 187)

Davon abgesehen ist es aufschlussreich zu lesen, in welch adlig-wohlhabenden Kreisen die Autorin zu Hause war. Ihr Vater hatte sieben Kinder von drei seiner insgesamt vier Ehefrauen – die er alle überlebte – und man gehörte später zur Wiener High Society.

Die Autorin pflegte zahlreiche (Brief-)Freundschaften, die zum Teil Jahrzehnte überdauerten, stand in Kontakt mit literarischen Größen ihrer Zeit. Wir erfahren, wer ihre literarischen Vorbilder waren und welches karikative Engagement aus ihrer sozialen Grundhaltung resultierte.

Darüber hinaus kommt ihre Einstellung, z. B. zur Frauenbewegung, zur Sprache. Aber auch ihre Reitbegeisterung, ihr Vorliebe für Zigarren und ihre späte Liebe zu Rom werden ausführlich gewürdigt. Ebenso geht es um ihre Ehe mit ihrem 15 Jahre älteren Cousin, die kinderlos blieb, und nicht zuletzt um einen umfassenden Einblick in ihr Werk, das oft genug der (adligen) Gesellschaft einen kritischen Spiegel vorhält. Auch ihr späteres öffentliches Auftreten gegen antisemitische Umtriebe war für „eine katholisch sozialisierte österreichische Aristokratin bemerkenswert genug“. (S. 275)

Insgesamt eine Schriftstellerinnenkarriere, die nach diversen erfolglosen Theaterstücken schon zu Ende schien, bevor sie richtig begonnen hatte, und die dann doch bis zu den höchsten Stufen des Erfolgs führte. Sie erhielt als erste Frau das Ehrendoktorat der philosophischen Fakultät der Universität Wien. Sogar für den Nobelpreis wurde später ihr Name ins Spiel gebracht.

Wenig überzeugend fand ich allerdings die zahlreichen psychoanalytischen Deutungsversuche: Wie hilfreich ist es denn, wenn sich Strigl bei der Frage nach der tiefenpsychologischen „Ursache für Maries fundamentale Verunsicherung“ in ihrer Kindheit auf Georg Groddeck bezieht?

‚Der Säugling, der von der Amme gestillt wird, ist in den Zweifel hineingestellt und wird den Zweifel nie verlieren. Seine Glaubensfähigkeit ist im Fundament erschüttert und das Wählen zwischen zwei Möglichkeiten ist für ihn schwerer als für Andere.“ (S.45)

Auch Kinderlosigkeit wird von Groddeck ratzfatz als eine unbewusste Ablehnung der Schwangerschaft gedeutet, ein Ansatz, den selbst Strigl als „einigermaßen provokant“ (S. 110) empfindet.

Wesentlich lohnender erscheint mir die Biografie unter dem Gesichtspunkt, wie Ebner-Eschenbach damit umging, nahezu ein Leben lang gegen den Wunsch ihrer Familie schriftstellerisch tätig gewesen zu sein.

Schon die Großmutter schickt sie grob hinaus, als die kleine Marie ihren Wunsch verkündet, später Dichterin werden zu wollen.

Marie ist nun von der ‚Sündhaftigkeit‘ ihrer Passion überzeugt, sie weint mit ihrer Schwester, die auch nicht mehr weiterweiß: ‚Sprich nicht davon; dann vergeht’s vielleicht.‘ […] Was wie eine komische Grille anmutet, erlebt das Kind als schreckliche Gewissensnot, als ein Verdammtsein zum Ungehorsam. Ganz ernsthaft wünscht Marie sich den Tod. Das Urteil der erwachsenen Frau beschönigt nichts: ‚Gut bei diesem Verfahren der Meinen war bloß die Absicht. Gewollt haben sie mein Bestes und, ohne es zu wissen was sie taten, mir das peinvoll demütigende Gefühl eines angeborenen, geheimen Makels aufgebürdet.‘ (S. 57)

Selbst von der Mode waren schreibende Frauen eigentlich nicht vorgesehen. Die Kopfschmerzen, von denen viele Frauen im 19. Jahrhundert berichten, werden von Evelyne Polt-Heinzl mit der Krinoline erklärt, mit der man nicht am Schreibtisch sitzen konnte, stattdessen mussten die Frauen

in vorgebeugter Haltung mit einem Schreibbrett auf dem Schoß vorlieb nehmen. Der Schmerz der malträtierten Halswirbelsäule habe in den Kopf ausgestrahlt. (S. 93)

Groddeck hat auch hier eine andere Deutung im Angebot:

Die bei Frauen oft mit der Menstruation einhergehende Migräne habe die Funktion, die in dieser Zeit gesteigerte, aber nach der Konvention nicht zu befriedigende Libido abzutöten. (S. 93)

Nicht nur der Ehemann sah das Schreiben seiner Gattin kritisch. Auch bei den Brüdern waren große Widerstände zu überwinden. Die Haltung ihres Ehemanns ist dabei zumindest ambivalent: Ist Marie von Ebner-Eschenbach erfolgreich, freut er sich mit ihr; zerreißt die Kritik das Werk, will er ihr prompt verbieten, weiterhin schriftstellerisch tätig zu sein. Er werde schließlich nicht erlauben, dass sie seinen guten Namen verunglimpfe. Und sie, ganz Ehefrau ihrer Zeit:

‚Er hat das Recht so zu sprechen, ich sehe es ein.‘ (S. 161)

Gleichzeitig habe er sich damit abgefunden, dass sie wohl machtlos gegen den Schreibdrang sei. Seinem Testament liegt ein liebevoller Brief bei, in dem er bekennt, sie nicht gefördert zu haben, sie allerdings auch nie absichtlich behindert zu haben. All ihren Erfolg habe sie ausschließlich der eigenen Kraft zu verdanken. (Vielleicht war dies ja das Hauptproblem, das die männliche Eitelkeit zu verkraften hatte?)

Aufschlussreich wird es immer dann, wenn zeitgenössische Kritiker die vorgeblichen Mängel oder Stärken ihrer Stücke und Erzählungen auf das Geschlecht der Autorin zurückführen. Und so erfuhren die LeserInnen der Presse:

‚Der souveräne Humor ist ein männliches Vorrecht.‘ (S. 174)

Ebner-Eschenbach hat ihr Leben lang erfahren, dass es keineswegs allgemein anerkannt war, dass Frauen menschliche Wesen sind, die die gleichen Bedürfnisse nach Bildung und Selbstverwirklichung haben wie Männer. An einer Stelle schreibt sie:

‚Wie aber, wenn die Frau in erster Reihe ein menschliches, und erst in zweiter ein weibliches Wesen wäre? wenn sie eben so viel individuelles Leben besässe wie der Mann und der Ergänzung durch ihn nicht mehr bedürfte, als er der Ergänzung durch sie; und wenn es doch möglich wäre, dass ein wirkliches, ein grosses und der Expansion fähiges Talent auch in einer deutschen Frau zur Erscheinung käme?‘ (S. 306)

Selbst die Genderdebatte hat Ebner-Eschenbach bereits vorweggenommen:

‚Wenn eine Frau sagt ‚Jeder‘ meint sie: jedermann. Wenn ein Mann sagt ‚Jeder‘, meint er: Jeder Mann.‘

Seien wir ehrlich: Vielen von uns ist die Autorin vermutlich nur noch bekannt durch verschwommene Erinnerungen an Schullektüre; und der ein oder die andere assoziert dabei möglicherweise eine behäbige Frau, die für Mitleid, Treue und weitere vielleicht auch zu Unrecht aus der Mode gekommene Begriffe steht. Dabei sollte man sich laut Strigl keinesfalls von dem betulich wirkenden Altdamen-Image der Milde und ausgleichenden Güte, das die Schriftstellerin später selbst aktiv pflegte, abschrecken lassen. 

Es könnte also lohnen, sich einige ihrer Erzählungen und Romane erneut oder zum ersten Mal überhaupt vorzunehmen. Zugegeben: Man wird bei der Lektüre dann das ein oder andere pathetische Adjektiv ertragen müssen. Die liebliche blonde Frau, das stahlharte Herz, die schaudernden Blicke, die eiskalte Hand, die heißen Lippen, die Frau, die Tausenden zum Heil gewirkt habe, das liest sich heute doch, freundlich gesagt, ein wenig ermüdend und klischeehaft. Oder wie Tilman Spreckelsen es in seiner Besprechung vom 12. März 2016 in der FAZ ausdrückte:

Tatsächlich ist es leicht, den Texten Ebner-Eschenbachs […] auf den Leim zu gehen, schließlich enthalten sie genug an nicht selten süßlichen Floskeln und auch an stereotyp gezeichneten Figuren, um darüber die Abgründe der Handlung zu übersehen, die so gar nicht zu dieser konventionellen Prosa passen wollen und die angesichts der auffälligen Parallelen mancher Konstellationen zum Leben der Autorin die Frage aufwerfen, wer da eigentlich schreibt, aus welcher Warte und mit welchen Erfahrungen hier mit erkennbar realistischem Anspruch von den sozialen Verhältnissen in der Habsburgermonarchie berichtet wird.

In diesem Zusammenhang zitiert Strigl den Beginn der psychologisch feinen Erzählung Das tägliche Leben. Dieser Paukenschlag weckte sofort mein Interesse. Und so wird Das tägliche Leben sicherlich nicht die letzte Geschichte sein, die ich von Ebner-Eschenbach lese.

Am Vorabend der silbernen Hochzeit eines allverehrten Ehepaares, die von einem großen Familien- und Freundeskreise feierlich begangen werden sollte, erschoß sich die Frau.

Wer noch Genaueres wissen möchte, bitte hier entlang:

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Autor: buchpost

- mein buchregal: schon lange ein gegengewicht zu beruf und engstirnigkeit - ziele: horizont weiten, mich vergnügen und das wichtige behalten

7 Kommentare zu „Daniela Strigl: Berühmt sein ist nichts – Marie von Ebner-Eschenbach (2016)“

  1. Nun, um das Berühmtsein ging es Ebner-Eschenbach ja auch nicht vorrangig (auch wenn sie natürlich gelesen und anerkannt werden wollte), sondern darum, ihr Talent, ihre Leidenschaft leben und ausdrücken zu dürfen.

  2. Liebe Anna,
    Danke für diese faszinierende Vorstellung. Ich kenne eigentlich den Namen der Autorin nur durch einige Aphorismen, obwohl ich keine aus dem Stegreif zitieren könnte. Ich frage mich, wie anders ihre Selbsteinschätzung gewesen wäre, wenn sie hundert Jahre später gelebt hätte. Ich finde es traurig, daß sie so wenig Unterstützung in ihrer eigenen Familie fand und deshalb von Komplexen geplagt war.
    Deine Besprechung macht mich so richtig neugierig, und ich hoffe, bald mal etwas von ihr lesen zu können.
    Lieben Gruß,
    Tanja

    1. Hallo Tanja, das freut mich natürlich, wenn ich dich ein wenig neugierig machen konnte. Die Aphorismen stehen bei mir auch noch auf der Wunschliste. Liebe Grüße Anna

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