Jörg Magenau: Christa Wolf – Eine Biografie (2013)

Diese Biografie von Magenau zu Christa Wolf ist ganz großartig, und zwar unabhängig davon, wie gut man sich im Gesamtwerk der Schriftstellerin auskennt. Manche Biografien und Autobiografien verdanken ihren Reiz zumindest u. a. den Anekdoten, den Kleinigkeiten, dem Ausleuchten der Beziehungen, die die Hauptperson mit anderen Menschen hat.

Doch Magenau hat hier einen anderen Ansatz gewählt und Wolfs Leben (1929 – 2011) konsequent im Hinblick auf ihre politische und schriftstellerische Entwicklung in der DDR und später nach dem Mauerfall beleuchtet. Es ist gleichermaßen spannend und aufschlussreich, diesen Weg zu verfolgen, der von der geradezu verblendet-unkritischen Anhängerin des Sozialismus und kurzzeitigen Tätigkeit als IM bis hin zu ihrer politischen Ernüchterung führt, dem Selbst-Bespitzelt- und Zensiertwerden und letztlich ihrer enttäuschten Hoffnung, nach dem Fall der Mauer doch noch einen menschenfreundlichen Sozialismus auf dem Boden der DDR aufzubauen.

Man erfährt nicht nur viel über die Funktionsweise der DDR, die komplizierten Zensurregelungen und das geradezu familiäre Ausloten dessen, was gerade noch öffentlich gesagt und geschrieben werden durfte, sondern auch bezüglich der sich allmählich verändernden poetischen Haltung der Autorin. Genauso wird das Geflecht an Freundschaften zu anderen Künstlern und SchriftstellerInnen aufgedröselt. Und natürlich ihre vielen, vielen Auslandsreisen, ein Privileg, das die Wolfs weidlich genutzt haben.

‘Prosa schafft Menschen, im doppelten Sinn. Sie baut tödliche Vereinfachungen ab, indem sie die Möglichkeiten vorführt, auf menschliche Weise zu existieren. (…) Prosa kann die Grenzen unseres Wissens über uns selbst weiter hinausschieben. Sie hält die Erinnerung an eine Zukunft in uns wach, von der wir uns bei Strafe unseres Untergangs nicht lossagen dürfen. Sie unterstützt die Subjektwerdung des Menschen….‘

Aus: Christa Wolf: Lesen und Schreiben, 1968; zitiert nach: Jörg Magenau: Christa Wolf: Eine Biografie, Rowohlt, überarbeitete und erweiterte Neuausgabe 2013, S. 220

Der Wandel in der Rezeption der Autorin, die zunächst im Westen umjubelt wurde und sich nach der Wende plötzlich als angepasster DDR-Schreiberling beschimpfen lassen musste, wird ebenfalls gründlich und mit vielerlei Quellenmaterial untersucht und belegt. Mir gefiel, dass Magenau dabei auch zu eigenen Einschätzungen gekommen ist und sich nicht hinter einer Pseudo-Objektivität versteckt.

Das einzige, was ich vielleicht doch ein ganz klein wenig vermisst habe, war das Ausleuchten der jahrzehntelangen Ehe der Wolfs, das Familienleben, dessen nicht zu unterschätzende Bedeutung zwar konstatiert wird, dem aber nicht näher nachgegangen wird. Da bleibt die Biografie diskret.

Ende vom Lied: Ich habe mir – Magenaus Biografie ist schuld – vier weitere Bücher von und zu Christa Wolf bestellt.

‚… Die reine Werkkritik ist oft eine Fehlentwicklung: die Kritiker nehmen ein Buch her wie ein Objekt – so wie die Naturwissenschaftler irgendein zu untersuchendes Objekt. Aber gerade dieser Wissenschaftsbegriff ist auf Literatur ganz sicher nicht anzuwenden. Wenn also die Kritiker sich nicht entschließen können, die Subjektivität, die in dem Buch sich ausdrückt, mit in ihre Betrachtungen einzubeziehen, und sich selbst dazu in irgendein Verhältnis setzen, und zwar offen, dann wird das immer eine verklemmte Sache sein.‘

Aus: Ein Gespräch mit Christa und Gerhard Wolf, 1983, Gesammelte Werke VIII, S. 307 ff; zitiert nach: Jörg Magenau: Christa Wolf: Eine Biografie, Rowohlt, überarbeitete und erweiterte Neuausgabe 2013, S. 70

Autor: buchpost

- mein buchregal: schon lange ein gegengewicht zu beruf und engstirnigkeit - ziele: horizont weiten, mich vergnügen und das wichtige behalten

5 Kommentare zu „Jörg Magenau: Christa Wolf – Eine Biografie (2013)“

  1. Danke für den Tipp – ich lese Christa Wolf immer gern, und eine Kontinuität in ihrem Schaffen ist Freundlichkeit, niemals Häme, niemals Engstirnigkeit, sondern fröhliches Weltvagabundentum. So lese ich sie zumindest. Ich lese mal in diese Biographie hinein. Welche Bücher hast du dir gekauft?

    1. Nachdenken über Christa T. und Ein Tag im Jahr stehen schon hier, neu dazugekommen sind jetzt:
      – Kein Ort. Nirgends
      – Erzählungen 1960 – 1980
      – Kindheitsmuster
      – Sei dennoch unverzagt. Gespräche mit meinen Großeltern Christa und Gerhard Wolf

  2. „Gespräche mit meinen Großeltern“ kannte ich gar nicht. Wie interessant. Aber wo ist „Kassandra“? Ich bin gespannt auf die weiteren Leseeindrücke – auch „Stadt der Engel“ hat mich sehr ergriffen. Ich hänge gerade bei ihren Poetikvorlesungen.

  3. Die Biografie hört sich sehr interessant an, liebe Anna, danke für die Besprechung. Ich denke mir, daß vielleicht beim Leser etwas Mitleid aufkommt, wenn klar wird, daß Frau Wolfs idealistische Vorstellungen am Ende nicht in die Realität umgesetzt werden konnten.

    Und noch ein Nebengedanke–kein Wunder, daß unsere Leseliste nie kürzer wird je mehr wir lesen, sondern länger. 😊

    Liebe Grüße,
    Tanja

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