Barbara Reynolds: Dorothy L. Sayers – Her Life and Soul (1993) – 3. Teil

Hier nun also der dritte und letzte Teil meiner Reihe zu Reynolds Biografie. Die Ausführlichkeit ist der Tatsache geschuldet, dass ich diesen Beitrag auch als Gedächtnisstütze für mich selbst nutzen möchte, da ich die wenigsten Biografien ein zweites Mal lese.

Wer einfach wissen möchte, wie mir die Biografie gefallen hat, wird im ersten Teil der Reihe fündig. Dort steht mein Fazit gleich am Anfang. Hier gibt es den zweiten Teil.

Privatleben

Wo waren wir stehengeblieben? Dorothy Leigh Sayers (auf ‚Leigh‘, den Nachnamen der Mutter, legte sie immer besonderen Wert, da er ihrer Meinung nach dazu beitrug, dass die Leute Sayers richtig aussprachen) war zweimal verliebt in einen Mann, der sich mit ihr keine Zukunft vorstellen konnte, und hat einen unehelichen Sohn mit einem Mann, mit dem nie eine feste Beziehung geplant war. Sie arbeitet immer noch in einer Werbeagentur und schreibt ihre Peter Wimsey-Krimis, als sie 1925 Captain Oswald Atherton „Mac“ Fleming kennenlernt. Fleming ist 12 Jahre älter als Dorothy, attraktiv, Kriegsveteran (zwei seiner Brüder sind im Krieg gefallen, ein dritter kehrt schwer verletzt nach Hause zurück), Schotte, Journalist, geschieden und Vater zweier Töchter.

In 1919 he had published an excellent little book, How to See the Battlefields, containing  a vivid account of the conditions under which the R.A.S.C. had to function in the field. He had a number of talents apart from writing: he painted well, he was a photographer […] and he was an expert cook. He was an amusing raconteur and fun to be with … (S. 154)

Die beiden heiraten im April 1926. Er akzeptiert, dass Dorothy einen Sohn hat. Später adoptieren sie ihn ganz offiziell, doch John Anthony wird nie bei ihnen leben, da beide weiterhin arbeiten wollen und davon ausgehen, dass der Junge bei Ivy am besten aufgehoben ist. Dorothy hat ihm gegenüber wohl auch nie zugegeben, seine Mutter zu sein, obwohl er das schon sehr früh geahnt hat. Die erhaltenen Briefe zeigen, dass sie ihren Sohn zwar mochte, vor allem, als er älter wird und sie stolz auf seine schulischen und universitären Erfolge sein kann, doch von Mutterliebe ist da wenig zu spüren, genauso wie ihr „family ties“ nichts bedeuten. Als Ivy ihr Fotos von John Anthony schickt, als er vier Jahre alt ist, schreibt sie: He

looks quite a credit to us! I must really try to feel thrilled about him – but I don’t believe I ever should about any child under whatever circumstances […] He seems to be turning out a good sort of kid, and I’m disposed to like him – but for no other reason. (S. 199)

Ihren Eltern schreibt sie erst kurz wenige Tage vor dem Termin, dass eine Heirat ins Haus steht, ist ihr zukünftiger Mann doch geschieden und damit eine kirchliche Hochzeit ausgeschlossen. Man erinnert sich, ihr Vater war Pfarrer. Doch da ihre Eltern keinerlei Einwände erheben, ihre Mutter ihr sofort brieflich Glückwünsche übermittelt und ihr Vater ein Geldgeschenk sendet, scheint eher Dorothys Furcht vor ungebetener Einmischung ein ausschlaggebender Faktor gewesen zu sein. Sie lässt sich ungern in ihre eigenen Angelegenheiten hineinreden, egal wie offen die Briefe sind, die sie ihren Eltern schreibt.

Zunächst ist die Ehe durchaus glücklich. Sie arbeiten und genießen das Leben. Neben ihrer Arbeit als Werbetexterin veröffentlicht Sayers allein zwischen 1923 und 1928 vier Romane und 12 Geschichten und sie gibt den ersten Band der Anthologie „Great Short Stories of Detection, Mystery and Horror“ heraus.

Außerdem beginnt sie eine (nie fertiggestelle) Biografie zu Wilkie Collins, deren Roman The Moonstone sie bewundert. In diesem Entwurf findet sich die folgende Passage, die Sayers auch für ihr Schreiben als grundlegend ansieht:

In order … to gain the reader’s attention in the first place, and in order to secure his belief in far more astonishing parts of the narrative, the writer, if he knows his business, will strive for the utmost and most exact realism in the details of everything that happens ‚within the reader’s own experience‘. (S. 169)

Darüber hinaus sollte der Kriminalschriftsteller immer die „fair play rule“ berücksichtigen, d. h. dem Leser müssen alle Informationen zur Verfügung gestellt werden, aus denen dann auch der Detektiv seine Schlussfolgerungen zieht.

1928 stirbt ihr Vater, woraufhin Dorothy und ihr Mann ein Haus in Witham kaufen, sodass dort ihre Mutter und ihre Tante mietfrei leben können. Dorothy schreibt gänzlich unsentimental:

He bored her to death for forty years, and she always grumbled that he was no companion for her – and now she misses him dreadfully. (S. 210)

Doch schon zehn Monate später stirbt auch ihre Mutter, woraufhin Dorothy und Mac nun selbst nach Witham ziehen, sodass Tante Maud dort weiterhin wohnen kann. Mac ist oft krank und sie reisen, weil ihm das Klima gut tut, oft nach Schottland, ihr Sohn ist jedoch nie dabei.

1929 kündigt sie ihre Stelle als Werbetexterin, um endlich mehr Zeit für ihr eigenes Schreiben zu haben. Dabei ist die finanzielle Lage immer wieder angespannt, nicht nur trägt Mac kaum noch etwas zum Familieneinkommen bei, sie haben ihre Wohnung in London durch Zukauf einer darüberliegenden Wohnung vergrößert, das Haus in Witham gekauft und vor allem wird John Anthony’s Schulbildung mit zunehmendem Alter teurer.

1934 erscheint ihr neunter Wimsey-Roman The Nine Tailors, das Buch wird ein Bestseller, mit dem ihr der endgültige Durchbruch gelingt. Sie schreibt für die Bühne und wird für Vorträge eingeladen, in Oxford referiert sie zu Aristotle and the Art of Detective Fiction.

Sayers und Fragen des Glaubens

1936 beginnen die Proben für ihr erstes Theaterstück Busman’s Honeymoon, das später ebenfalls ein Wimsey-Roman werden sollte. Sayers liebt die Atmosphäre des Theaters und geht in den Proben und den Vorbereitungen völlig auf. Das ist auch das Jahr, in dem Sayers aufgrund persönlicher Empfehlungen die ungewöhnliche Anfrage erhält, ob sie sich vorstellen könne, für 1937 ein Stück für das Canterbury Festival zu schreiben. Also ein religiöses Stück.

By then the name of Dorothy L. Sayers was renowned, certainly, but only as a writer of detective fiction. At that point, she had neither written articles nor given talks on religious subjects: that phase of her work was all in the future. Though the theatre had long been one of her enthusiasms, she had made no public pronouncement of her views on drama, religious or secular. Few people were aware that she had written a play: Busman’s Honeymoon had not even gone into rehearsal … (S. 273)

Sie nimmt die Herausforderung an und die Uraufführung von The Zeal of Thy House findet am 12. Juni 1937 statt. Damit ändert sich noch einmal alles. Sayers wird zu einer öffentlichen Person, einer Autorität, deren Meinung nun nicht nur zum Thema Kriminalliteratur gefragt ist. Sie bezieht mehr und mehr Stellung zu Glaubensfragen und den Glaubenssätzen der Anglican Church, ihre Artikel erscheinen in der Sunday Times und eine Flut an Leserbriefen setzt ein. Sie ist verblüfft, wie wenig die Menschen eigentlich über ihr eigenes Glaubensbekenntnis wissen und wie wenig sie es durchdacht haben.

The dogma of the Incarnation is the most dramatic thing about Christianity, and indeed, the most dramatic thing that ever entered into the mind of man; but if you tell people so, they stare at you in bewilderment…  (S. 287)

But if God has really been through the grim business Himself, then He’s fairly won the right and one must give in – and that’s why it’s so exciting and dramatic, and why anybody should think that sort of doctrine DULL passes my comprehension. You may call it a fairy-tale, but it’s ridiculous to call it dull. (S. 288)

Es folgt eine Einladung der BBC, ein Weihnachtsstück für das Kinderprogramm zu schreiben. In dem Stück He That Should Come wagt sie es, die Alltagssprache zu verwenden, was für die Hörer tatsächlich unerhört war.

His Manhood was a real manhood, subject to the common realities of daily life; that the men and women surrounding Him were living beings, not just characters in a story; that, in short, He was born, not into ‚The Bible‘, but into the world. (S. 290)

1939 schreibt sie ein kleines Buch Begin here, in dem sie sich mit der Frage beschäftigt, wie ihrer Meinung nach eine (christliche) Gesellschaft strukturiert sein müsse, die dem Feind standhalten könne. Zunächst müsse sich die Gesellschaft die Frage nach dem ihr zugrunde liegenden Menschenbild stellen. Da Sayers davon überzeugt ist, dass Gott den Menschen nach seinem Bild geschaffen hat, folgt für sie daraus, dass nur der schöpferisch tätige Mensch zu seiner eigentlichen Bestimmung finden könne. Das war zwar nicht neu, doch sie führt das Bild weiter und sieht in schöpferischer Tätigkeit eine Analogie für die Dreifaltigkeit Gottes. Später formuliert sie das folgendermaßen:

If man’s fulfilment of his nature is to be found in the full expression of his divine creativeness, then we urgently need a Christian doctrine of work, which shall provide, not only proper conditions of employment, but also that the work shall be such as a man may do with his whole heart, and that he shall do it for the very work’s sake. (S. 335)

Sayers arbeitet unermüdlich:

Her own sense of responsibility was titanic. She took part in conferences, she gave talks to the Forces, she broadcast, she wrote letters to the press, she wrote articles, she formed a group for knitting socks and sweaters for trawlermen (and took the Government to task for their inefficient distribution of the right kind of knitting wool), she became an air-raid warden and took her share of fire-watching. From November 1939 to January 1940 she wrote eleven letters for the Spectator, in which members of the Wimsey family and their friends discussed the black-out, food rationing, the housing shortage evacuation and other war-time conditions. (S. 297/298)

1941 erscheint The Mind of the Maker, in dem sie den Zusammenhang zwischen Trinität und schöpferischem Tätigsein weiter vertieft.

Ab Dezember desselben Jahres erscheint dann ihr bekanntestes religiöses Werk, das schon vor dem ersten Sendetermin für landesweite Diskussionen sorgte, nämlich The Man Born to be King, eine zwölfteilige Hörspielreihe, die den Lebensweg Jesu Christi bis zur Auferstehung nacherzählt. Genüsslich wurde die Aufregung in den Zeitungen zelebriert. Die einen hielten die Dramen für Blasphemie, weil auch die Rolle des Jesus von einem menschlichen Sprecher besetzt wurde und weil die Sprecher eben nicht die gepflegte Diktion der King James Bibel sprachen, sondern die gebräuchliche Umgangssprache. Man schickte Petitionen an den Premierminister und an den Erzbischof von Canterbury, um dem ungebührlichen Treiben ein Ende zu bereiten.

Andere witterten christliche Propaganda, die dringend verboten gehöre. Die Zeitungen, die BBC und auch Sayers selbst wurden mit Leserbriefen überflutet, doch allmählich änderte sich der Tenor und mehr und mehr Menschen waren dankbar und überwältigt, weil ihnen zum ersten Mal die Lebensgeschichte Jesu so nahe kam. Die Stücke wurden von vielen als ein wichtiger Meilenstein in der Geschichte der BBC angesehen und Sayers wurde sogar ein Doktortitel der Theologie angeboten, den sie jedoch höflich ablehnte.

Danach war kein Halten mehr und viele Organisationen baten Sayers um Stellungnahmen, Artikel und Vorträge. So erbat man auch ihre Mitarbeit bei einem Projekt, das sich das Ziel gesetzt hatte, antichristlichen Ansichten in den Zeitungen Paroli zu bieten. Ganz wohl war ihr nicht dabei, da sie kaum mehr zu anderer Arbeit kam und sie das auch gar nicht als ihre eigentliche Aufgabe ansah.

I’ve got wound up accidentally into this theological business, and I feel more and more ridiculous as it goes rollicking along. I only started by writing a play and trying to make its theology coherent and orthodox, and look what’s happened to me. (S. 333)

Sie sieht ihren Erfolg als Apologetin in der unzureichenden Lehre und Predigt der Kirche begründet, die die Menschen im Stich lasse und in ein Durcheinander stürze, ja

in a nightmare of muddle out of which [they] have to be hauled by a passing detective novelist in a hurry and with no proper tackle. (S. 333)

Dante

1943 liest sie The Figure of Beatrice von Charles Williams. Damit ist klar, dass sie die Göttliche Komödie von Dante lesen muss. 1944 kommt sie endlich dazu und damit ist es um sie geschehen.

I can remember nothing like it since I first read ‚The Three Musketeers‘ at the age of thirteen… However foolish it may sound, the plain fact is that I bolted my meals, neglected my sleep, work and correspondence, drove my friends crazy, and paid only a distracted attention to the doodle-bugs which happened to be infesting the neighbourhood at the time, until I had panted my way through the Three Realms of the dead from top to bottom to top.

Und so beginnt ihre letzte große schriftstellerische Arbeit, die sie selbst als ihre beste und wichtigste angesehen hat: Sie übersetzt das Werk ins Englische, da sie der Überzeugung ist, dass Dante den Menschen etwas zu sagen hat und den Menschen einfacher und preisgünstiger zugänglich gemacht werden müsse. 1949 erscheint Hell. 1955 folgt Purgatory. 

Sieben Jahre nach dem Tod ihres Mannes stirbt auch Dorothy L. Sayers, die im Laufe der Jahrzehnte stark übergewichtig geworden war und immer viel geraucht hat, im Dezember 1957 an einem Herzinfarkt, bevor sie den dritten Teil der Übersetzung beenden kann. Reynolds – die Biografin – wird sich der Aufgabe annehmen und 1962 erscheint der dritte, von Reynolds fertiggestellte Teil Paradise. 

1984 stirbt ihr Sohn John Anthony Fleming im Alter von 60 Jahren.

Schlussbemerkung

Jetzt, so am Ende meiner Inhaltszusammenfassung, hat sich mein Eindruck verstärkt, dass Reynolds vielleicht ein bisschen zu sehr mit dem Weichzeichner gearbeitet hat, manchmal sehr diskret war. Andere, negative Stimmen kommen nicht vor. Einige Fragen bleiben offen:

  • Was genau hat denn nun ihr Sohn, den sie Freunden gegenüber als Neffen bezeichnete, von seiner Mutter gedacht?
  • Gibt es einen Artikel von ihr mit eindeutig antisemitischen Thesen, der allerdings nie veröffentlicht wurde, wie eine seriöse Internetquelle behauptet?
  • Warum sind Dorothy und ihr Mann nicht am selben Ort begraben?

Aber vermutlich kann es nie die perfekte, alle Bereiche abdeckende Biografie geben. Reynolds selbst zitiert am Anfang ihres Vorworts Ralph E. Hone mit den Worten: „Every biographical study is an interim report“ und lohnenswert fand ich die Lektüre allemal.

Wer noch mehr erfahren möchte, kann hier ein wenig weiterstöbern.

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