Max Frisch: Stiller (1954)

Ich bin nicht Stiller! – Tag für Tag, seit meiner Einlieferung in dieses Gefängnis, das noch zu beschreiben sein wird, sage ich es, schwöre ich es und fordere Whisky, ansonst ich jede weitere Aussage verweigere. Denn ohne Whisky, ich hab’s ja erfahren, bin ich nicht ich selbst, sondern neige dazu, allen möglichen guten Einflüssen zu erliegen und eine Rolle zu spielen, die ihnen so passen möchte, aber nichts mit mir zu tun hat, und da es jetzt in meiner unsinnigen Lage (sie halten mich für einen verschollenen Bürger ihres Städtchens!) einzig und allein darum geht, mich nicht beschwatzen zu lassen und auf der Hut zu sein gegenüber allen ihren freundlichen Versuchen, mich in eine fremde Haut zu stecken, unbestechlich zu sein bis zur Grobheit, ich sage: da es jetzt einzig und allein darum geht, niemand anders zu sein als der Mensch, der ich in Wahrheit leider bin, so werde ich nicht aufhören, nach Whisky zu schreien, sooft sich jemand meiner Zelle nähert.

So beginnt

Max Frisch: Stiller (1954)

Zum Inhalt

Heute geht es also um den Roman,

der den Weltruhm des Schweizer Schriftstellers begründen sollte und der sich bis heute allein als deutsches Taschenbuch mehr als zwei Millionen Mal verkauft hat. Er wurde die Grundlage des großen finanziellen Erfolges von Max Frisch und auch seines Verlages. (Volker Weidermann: Max Frisch: Sein Leben, seine Bücher, Kiepenheuer & Witsch, Köln 2010, S. 178)

Schon im ersten Absatz klingen die wesentlichen Handlungsstränge an: Bei der Einreise in die Schweiz wird ein Mr White verhaftet, da er einem Zollbeamten bei der Überprüfung seines Passes eine Ohrfeige versetzt hat. Er kommt in Untersuchungshaft und man beschuldigt ihn, in Wirklichkeit der seit sechs Jahren verschollene Schweizer Bildhauer Anatol Stiller zu sein. Das wird von ihm vehement bestritten, und das obwohl eine reizende Julika sogar aus Paris anreist und behauptet, seine Frau zu sein, und auch alte Freunde und Verwandte ihn zweifelsfrei wiederzuerkennen meinen. Er wird umstellt

von Beweisen, von Menschen, die ihn aus seinem früheren Leben kennen, ihn wiedererkennen und ihn mit Geschichten umzingeln, die beweisen sollen, dass er der Vermisste ist, dass er sich nicht verändert hat, dass man ihn hier kennt, hier, im Land seines früheren Lebens, und dass eine Flucht aus seinem Leben leider nicht möglich ist. (Weidermann, S. 179)

Fazit

Das war Frischs großes Lebensthema, wie kann man leben und sich gegen die Festlegungen, die fremden und die eigenen, zur Wehr setzen? Wie kann man wissen, wer man ist? Wie kann man sich alle Entwicklungsmöglichkeiten offenhalten, wie kommt man damit zurecht, dass bestimmte Entscheidungen andere Möglichkeiten von vornherein ausschließen? Und letztlich: Wie kommt man damit zurecht, dass man seine Vergangenheit immer mitnimmt und nicht mehr rückgängig machen kann? Unabhängig davon, dass auch diese Vergangenheit von den Beteiligten unterschiedlich erlebt und gedeutet worden ist. Wie kann man sich selbst annehmen? Und dadurch zu völliger Unabhängigkeit von den Festschreibungen der anderen gelangen?

Beim Lesen überkommt mich streckenweise massive Langeweile ob dieser Luxusjammerei und immerwährenden Selbstbespiegelung – dann würde ich das Buch am liebsten massiv kürzen -, und dann wieder freue ich mich an schönen, intelligenten und anregenden Passagen.

Man kann alles erzählen, nur nicht sein wirkliches Leben; – diese Unmöglichkeit ist es, was uns verurteilt zu bleiben, wie unsere Gefährten uns sehen und spiegeln, sie, die vorgeben, mich zu kennen, sie, die sich als meine Freunde bezeichnen und nimmer gestatten, daß ich mich wandle, und jedes Wunder (was ich nicht erzählen kann, das Unaussprechliche, was ich nicht beweisen kann) zuschanden machen – nur um sagen zu können: „Ich kenne dich.“ (S. 64)

„Meine Angst: die Wiederholung -!“ (S. 68) und wenige Zeilen später heißt es:

Wiederholung! Dabei weiß ich: alles hängt davon ab, ob es gelingt, sein Leben nicht außerhalb der Wiederholung zu erwarten, sondern die Wiederholung, die ausweglose, aus freiem Willen (trotz Zwang) zu seinem Leben zu machen, indem man anerkennt: Das bin ich…

Aber je länger ich lese, umso unbefriedigender finde ich die Struktur: Eher theatralisch denn realistisch. Es wirkt doch sehr künstlich, wie „Mr White“ referiert, was sein Staatsanwalt – der Ehemann der ehemaligen Geliebten von Stiller -, was Julika, die Ehefrau Stillers, und andere über ihn erzählen, bis hinein in die feinsten Handlungs- und Motivverästelungen, die natürlich nur Anatol Stiller selbst wissen kann.

Alles in allem, eine etwas zwanghafte Versuchsbeschreibung, die manchmal regelrecht in Sprache explodiert, mit vielen interessanten Gedanken: Stiller will das Unmögliche, dass jeden Tag alles wieder ganz offen sich darstellt, die vollkommene Freiheit, die bedingungslose Liebe, die sich eben kein Bildnis vom anderen macht.

Aber dann wieder bin ich hingerissen davon; wie beängstigend genau Frisch den Schrecken beschreibt, wenn einen die anderen schon gar nicht mehr wahrnehmen, weil sie nur noch das Bild sehen können, das sie sich von einem gemacht haben:

Sturzenegger [ein alter Freund] schüttelt sich vor Lachen, ich weiß nicht wieso. Er kennt den Witz, den sein verschollener Freund jetzt nicht würde unterlassen können, und ich brauche diesen Witz gar nicht zu machen, nicht einmal zu kennen. Herr Sturzenegger schüttelt sich schon vor Lachen. Dann erscheint er wie ein Hampelmann an den unsichtbaren Fäden der Gewöhnung, kein Mensch. […] Sein Zuspruch, ich solle doch den Mut nicht verlieren, überhaupt seine ganze Freundschaft ist eine Summe von Reflexen auf eine abwesende Person, die mich nicht interessiert. Einmal versuche ich, es zu sagen; vergeblich. Denn für alles andere, was ich sozusagen auf meiner eigenen Wellenlänge sende, hat er einfach keine Antenne, scheint es, oder er stellt sie nicht ein; jedenfalls kommt es zu keinem Empfang, nur zu Störungen, die ihn nervös machen… (S. 243)

Gern verweise ich auf die Beiträge auf allesmitlinks und bei pagophilia.

Allgäu0019

15 thoughts on “Max Frisch: Stiller (1954)

    • Danke für den Hinweis, ich bin erst jetzt dazu gekommen, meinen Reader noch mal in Ruhe durchzublättern und freue mich deinen Beitrag gleich zu verlinken. Ich finde das immer ganz spannend, wenn verschiedene Sichtweisen zum selben Buch sich ergänzen können, oder? Die Tagebücher liegen hier auch, aber ach die Zeit … LG Anna

      • Jeder lebt in ’seiner‘ Zeit und so hat man natürlich einen eigenen Blick auf die Dinge. Spannend ist das in jedem Fall.
        Danke für das Verlinken und liebe Grüße, mick.

  1. Witzig, eine aktuelle Rezension eines Buches zu lesen, das ich vor Jahren als Schullektüre kennengelernt hatte. Das gibt eine neue Perspektive auf 20 Jahre lang konservierte Eindrücke (obwohl ich vieles an Deinem Urteil nachempfinden kann). Übrigens stammt (nur nebenbei) einer der sich mir am tiefsten eingeprägten Sätze aus Literatur aus dem Stiller: „… zwei braune Ackergäule, die dampfen, ziehen den Pflug über gelassene Hügel, in schwarzen Schollen klafft die Erde nach Licht“ (S. 350 in meiner Ausgabe). Toll. Da könnte ich schreien, wenn ich den Satz lese. Und jetzt rüber zu allesmitlinks. P.S. Wahnsinnsfoto.

  2. Allein den ersten Satz „Ich bin nicht Stiller“ finde ich so zielsicher. Das fasziniert mich an Max Frisch Sprache , dass sie so klar und treffend ist. Nach deiner Buchbesprechung habe ich mir vorgenommen „Stiller“ bald noch einmal zu lesen.

    • Ja, die Sprache Frischs finde ich auch unglaublich, präzise und wie du schreibst „klar und treffend“. Bei vielen Passagen finde ich sie geradezu traumwandlerisch sicher, so als hätte man dies und jenes tatsächlich nur genau so ausdrücken können. Dann bin ich gespannt, ob wir bald etwas über deine Leseeindrücke erfahren. LG Anna

  3. Liebe Anna,
    ich habe mich für das 1. Staatsexamen durch Max Frischs Werk gelesen – und seitdem außer dem unvermeidlichen „Homo faber“ nichts mehr. Deshalb ist Deine Besprechung so schön, um, wie hier schon mehrfach erzählt wurde, die konservierten Erinnerungen wieder zu beleben. Und da beschreibst Du nun mit vielen Belegen genau das, was ich, eher gefühlsmäßig, vom „Stiller“ noch in Erinnerung habe: toll erzählte Passagen mit tollen Themen, vor allem auch eine ganz wunderbare Sprache – aber auch diese larmoyante Haltung, die im Spätwerk – aber auch das nur eine Erinnerung, deshalb nur mit Vorsicht zu trauen – noch stärker hervortritt. In meinem damals so jugendlichen Leichtsinn wollte ich „nie mehr“ Bücher von alternden Männern lesen😉. So ist Deine Besprechung ja doch noch einmal ein Wink, den „Stiller“ mal wieder in die Hand zu nehmen…
    Viele Grüße, Claudia

    • Hallo Claudia, danke für deinen Kommentar und deine erinnerten Eindrücke. Da wäre es ja spannend, falls du Stiller wirklich noch einmal zur Hand nimmst … Eure Kommentare erinnern mich auch daran, wie vielen Büchern ich gern mal wieder einen Besuch abstatten würde, z. B. auch Frischs Tagebüchern. Und die Wunschlisten und ganz realen Stapel wachsen. Die zur Verfügung stehende Zeit leider nicht😦 LG Anna

      • Mit der fehlenden Zeit sprichst Du ein großes Thema an🙂. Schade, dass man vom Bücherlesen nicht leben kann… Aber Max Frischs „Tagebücher“ habe ich sehr gut in Erinnerung und weil es ja kürzere Texte sind, blättere und lese ich darin tatsächlich immer mal wieder.
        Viele Grüße, Claudia

  4. Ich habe noch nie von Max Frisch gehört, aber ich kann sehen, dass er jemand, den ich brauche, um zu lesen. Glücklicherweise Amazon UK haben mehrere seiner Bücher in deutscher Übersetzung
    (translated from English by Google)

    • The Swiss author Max Frisch is indeed very important for literature in the German language. One of his main topics, for example in „Stiller“ is „identity“ and the importance of not limiting ourselves and others to preconceived stereotypes. His novel „Homo Faber“ is often read at schools and deals with the differences between male and female ways of seeing and interpreting the world.

  5. Es ist Jahrzehnte her, als ich „Stiller“ gelesen habe und mag mich, ehrlich gesagt, nicht mehr an die Handlung erinnern. Ob ich das Buch nochmals lesen werde, ist nach deinem Bericht eher fraglich.

    Liebe Grüsse
    buechermaniac

    • Hallo Büchermaniac,
      da es so viele lesenswerte Bücher gibt, ist das ja gar nicht schlimm. Schön wäre, wir würden nur selten oder gar nicht mehr zu den Büchern greifen, deren Lektüre wir im Nachhinein bedauern. Auch dir liebe Grüße und Freude am nächsten Buch, Anna

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