Stefan Zweig: Buchmendel/Die Unsichtbare Sammlung (2016)

2016 hat  der Topalian & Milani Verlag zwei Novellen des österreichischen Schriftstellers Stefan Zweig neu herausgegeben.

Die Geschichte Buchmendel beginnt mit den folgenden Worten:

Wieder einmal in Wien und heimkehrend von einem Besuch in den äußeren Bezirken, geriet ich unvermutet in einen Regenguß, der mit nasser Peitsche die Menschen hurtig in Haustore und Unterstände jagte, und auch ich selbst suchte eilends nach einem schützenden Obdach. Glücklicherweise wartet nun in Wien an jeder Ecke ein Kaffeehaus und so flüchtete ich in das gerade gegenüberliegende, mit schon tropfendem Hut und arg durchnässten Schultern.

Die Novelle, die ursprünglich 1929 veröffentlicht wurde, handelt von Jakob Mendel, einem unansehnlichen galizischen Hausierer, der – obwohl ungebildet – so sehr in der Welt der Bücher lebt (weniger als Leser, sondern eher als phänomenaler geistiger Archivar von Autorennamen und sämtlichen bibliografischen Daten), dass er vom Ausbruch des Krieges völlig überrascht wird, was ihn teuer zu stehen kommt.

Einmal war eine glühende Kohle aus dem Ofen gefallen, schon brenzelte und qualmte zwei Schritte von ihm das Parkett, da erst, am infernalischen Gestank, bemerkte ein Gast die Gefahr und stürzte zu, hastig das Qualmen zu löschen: Er selbst aber, Jakob Mendel, nur zwei Zoll entfernt und schon angebeizt vom Rauch, er hatte nichts wahrgenommen. Denn er las, wie andere beten, wie Spieler spielen und Trunkene betäubt ins Leere starren: Er las mit einer so rührenden Versunkenheit, daß alles Lesen von anderen Menschen mir seither immer profan erschien. (S. 77)

Erschreckend hellsichtig, wie hier das Schicksal eines geistig tätigen Menschen vorweggenommen wird, der in der Gesellschaft keinen Raum mehr hat, die Umwandlung der Werte nicht rechtzeitig bemerkt und der Brutalität einer neuen Zeit hilflos ausgeliefert ist.

Gleichzeitig fragt man sich, was Stefan Zweig wohl heute sagen würde, wenn er schon damals schreiben konnte:

Jetzt erst, älter geworden, verstand ich, wieviel mit jedem solchen Menschen verschwindet – weil alles Einmalige von Tag zu Tag kostbarer wird in unserer rettungslos einförmiger werdenden Welt. (S. 96)

Der Text wurde von Joachim Brandenberg illustriert. Unglaublich, da werden die Lampen des Wiener Kaffeehauses unversehens zu Quallen, die im Text erwähnt wurden, und ich höre und sehe den Regen, der den Ich-Erzähler überhaupt erst ins Kaffeehaus getrieben hat, wo er sich dann an die zwanzig Jahre zurückliegende Begegnung mit Mendel erinnert und sich schließlich fragt, was wohl aus diesem seltsamen Menschen geworden ist.

Hier kann man schon mal ein wenig in den Illustrationen schwelgen, siehe zum Beispiel das Bild auf S. 77.

Die Novelle Die unsichtbare Sammlung beginnt mit den Worten:

Zwei Stationen hinter Dresden stieg ein älterer Herr in unser Abteil, grüßte höflich und nickte mir dann, aufblickend, noch einmal ausdrücklich zu, wie einem guten Bekannten. Ich vermochte mich seiner im ersten Augenblick nicht zu entsinnen; kaum nannte er aber dann mit einem leichten Lächeln seinen Namen, erinnerte ich mich sofort: Es war einer der angesehensten Kunstantiquare Berlins, bei dem ich in Friedenszeiten öfters alte Bücher und Autographen besehen und gekauft hatte. Wir plauderten zunächst von gleichgültigen Dingen. Plötzlich sagte er unvermittelt: ‚Ich muß Ihnen doch erzählen, woher ich gerade komme. Denn diese Episode ist so ziemlich das Sonderbarste, was mir altem Kunstkrämer in den siebenunddreißig Jahren meiner Tätigkeit begegnet ist….

Die Geschichte wurde ursprünglich 1927 veröffentlicht.

Die überraschende Wendung möchte ich gar nicht verraten, nur so viel: Der Kunstantiquar Herr R. benötigt dringend neue Ware und kommt deshalb in den zwanziger Jahren des letzten Jahrhunderts auf die Idee, seinen ältesten Kunden aufzusuchen, der seine ersten Ankäufe schon vor ca. 60 Jahren, damals noch bei Vater und Großvater des jetzigen Inhabers, getätigt hatte.

… dennoch konnte ich mich nicht entsinnen, daß er in den siebenundreißig Jahren meiner persönlichen Tätigkeit jemals unser Geschäft betreten hätte. Alles deutete darauf hin, daß er ein sonderbarer, altväterischer, skurriler Mensch gewesen sein mußte […] Als Veteran aus dem siebziger Jahr mußte er also, wenn er noch lebte, zumindest seine guten achtzig Jahre auf dem Rücken haben. Aber dieser skurrile, lächerliche Sparmensch zeigte als Sammler alter Graphiken eine ganz ungewöhnliche Klugheit, vorzügliche Kenntnis und feinsten Geschmack … (S. 15/16)

Eine Versteigerung oder ein Verkauf der „herrlichsten Blätter Rembrandts neben Stichen Dürers und Mantegnas in tadelloser Vollständigkeit“ wäre dem Händler zu Ohren gekommen.

So mußte dieser sonderbare Mann wohl noch am Leben oder die Sammlung in den Händen seiner Erben sein. (S. 17)

Also macht sich unser Kunsthändler auf „in eine der unmöglichsten Provinzstädte, die es in Sachsen gibt“, und tatsächlich, der alte Herr lebt noch und ist auch bereit, den Händler zu empfangen. Doch dieser Nachmittag verläuft dann in einer Weise, die er nicht hat voraussehen können.

Der Ich-Erzähler, der doch nur „als schäbiger Krämer gekommen war, um ihm ein paar kostbare Stücke abzujagen“, nimmt von seinem Besuch etwas anderes, viel Wesentlicheres mit.

Ich hatte wieder einmal reine Begeisterung lebendig spüren dürfen in dumpfer, freudloser Zeit, eine Art geistig durchleuchteter, ganz auf die Kunst gewandter Ekstase, wie sie unsere Menchen längt verlernt zu haben scheinen. (S. 54)

Und ich mußte wieder an das alte, wahre Wort denken – ich glaube, Goethe hat es gesagt: ‚Sammler sind glückliche Menschen.‘ (S. 55)

Fazit

Statt ständig neuen, sensationsheischenden, immer abgefahreneren oder schlicht banalen Texten hinterherzuhecheln, hat hier ein Verlag die feine Entscheidung getroffen, zwei alte Geschichten neu zu veröffentlichen. Besonders Die unsichtbare Sammlung bleibt so wunderbar in der Schwebe.

Schon die Sprache, wie schafft es Zweig, dass man innerhalb weniger Sätze so völlig in der Geschichte ist?

Und dann der alte, weltfremde Sammler, der nichts von den schwierigen und teuren Zeiten versteht und vermutlich auch seiner Familie früher alle Annehmlichkeiten versagt hat, nur um seine Sammlung vervollständigen zu können.

Doch Ehefrau und Tochter tragen ihm seine Leidenschaft nicht nach und denken – wenn auch vielleicht arg idealisiert – nur an das Glück des alten Mannes. Ist es richtig, ihn in seinem Wahn, seinen Illusionen zu belassen? Hätte man ihn nicht viel früher mit der sogenannten Realität konfrontieren müssen? Und doch: Er ist ein Sammler, ein Kenner, jemand, dem Kunst tatsächlich etwas bedeutet, und der gern und leicht auf vieles verzichten kann, aber nicht auf seine Mappen.

Gleichzeitig schwingt die Geschichte weiter: Was sind unsere Illusionen, was macht uns glücklich und was würden wir sehen, wenn wir die Dinge sähen, wie sie sind?

Zu diesem Eindruck trägt die Illustrierung von Florian L. Arnold ungemein bei. Absurde, groteske, höchst filigrane Zeichnungen, die ebenfalls dazu einladen, sich auf eine andere (alp-)traumhafte, innere Wirklichkeit einzulassen.

Abgeschlossen wird das Buch mit kurzen, aber erhellenden Hinweisen zu Stefan Zweig, der sich 1942 zusammen mit seiner Frau im brasilianischen Exil das Leben nahm.

Kurzum, ein Buch, das in Inhalt und in seiner aufwendigen Gestaltung daran erinnert, dass Inhalte ursprünglich etwas waren, das verdiente, würdig in Szene gesetzt zu werden.

Da bleibt mir am Ende nur noch, dem Verlag für die freundliche Zusendung eines Leseexemplars zu danken. Und außerdem weckt das Buch Neugier auf die nächsten Projekte des Verlages und macht Lust, wieder mehr von Stefan Zweig zu lesen.

Anmerkungen

Weitere Besprechungen gibt es auf

 

7 thoughts on “Stefan Zweig: Buchmendel/Die Unsichtbare Sammlung (2016)

  1. Hello. Fantastic reviews of two wonderful Zweig novellas. He is a firm favourite of mine. As November is German Literature Month, would you consider linking your review over on the #germanlitmonth index at germanlitmonth.blogspot.co.uk?

    • Thank you very much. The book’s design and illustrations also highlight the quality of the novellas. I love your idea of linking my review if it is no problem that the review is in German.

  2. Na, ich hab’s genossen… also vielen Dank! Two of my favourite novellas by Zweig. I remember reading in Austrian press in my childhood that Zweig and his wife had chosen ‚Freitod‘ and it too me a long time to realise it was suicide rather than euthanasia.

    • It is interesting that you mention that. There has been a very very long discussion about the appropriate German word for suicide. „Selbstmord“ is the oldest and original word, but nowadays it is considered to be too judgemental. „Freitod“ implies the voluntariness of the action. So now a lot of newspapers use the word „Suizid“, although in colloquial language and conversations the use of the word „Selbstmord“ is quite common. – But anyway, these two novellas made me realize I should definitely read more by Zweig🙂

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