A. J. Jacobs: Britannica & ich (2006)

Ich weiß, wie die führende türkische Avantgarde-Zeitschrift heißt. Ich weiß, dass John Quincy Adams seine Frau allein des Geldes wegen ehelichte. Ich weiß, dass Bud Abbott ein Lügner und Betrüger war, dass die Briefwahl in Irland äußerst populär ist und dass Zwerge einen kugelrunden Hintern haben.

So beginnt die Geschichte „von einem, der auszog, der klügste Mensch der Welt zu werden“:

Arnold Stephen Jacobs: Britannica & ich (2006)

Das englische Original erschien unter dem Titel: The Know-It-All (2004) und wurde von Thomas Mohr ins Deutsche übersetzt.

Zum Autor

Jacobs ist ein Fan solcher Großprojekte. 2007 erschien sein Werk The Year of Living Biblically, in dem er beschreibt, wie er ein Jahr lang versucht, nach allen Regeln der Bibel zu leben. Sein neuestes Werk heißt: Drop Dead Healthy: One Man’s Humble Quest for Bodily Perfection (2012).

Zum Inhalt

Der amerikanische Journalist Jacobs (geb. 1968) beschließt, etwas gegen seine drohende Verblödung zu unternehmen und deshalb die komplette Ausgabe der Encyclopaedia Britannica (32 Bände, also insgesamt 33.000 Seiten) zu lesen. Bei diesem Selbstversuch begleiten wir ihn nun.

Ich liebäugele schon seit Jahren mit dem Gedanken, die Britannica zu lesen. Da ich – außer meiner beeindruckenden Kotztütensammlung aus Kindertagen – bislang eigentlich nichts Nennenswertes zustande gebracht habe, schien mir das ein geeigneter Prüfstein zu sein. Der höchste Berg der Erkenntnis. Mein Everest. Bei dessen Besteigung mir zum Glück weder die Ohren abfrieren werden noch der Sauerstoff ausgehen wird… Ein enzyklopädischer Crashkurs. Mit dessen Hilfe ich all meine Bildungslücken schließen werde. In diesem unserem Zeitalter extremer Spezialisierung werde ich der letzte universalgelehrte Amerikaner sein. Wenn nicht gar der klügste Mensch der Welt. (S. 9)

Fazit

1. Immer schön locker-flockig

Zwischendurch ging mir der penetrant „witzige“ Kolumnenton auf die Nerven und dann schien mir der Autor nur ein Parasit zu sein, der sein Buch ohne allzu viel Mühe aus den für ihn interessantesten Fundstücken zusammengebastelt hat.

Dance (Tanz)

Bei einem Stamm auf Santa Maria hielten die alten Männer mit Pfeil und Bogen Wache und erschossen jeden Tänzer, der einen Fehler machte. Davon sollten sich die Castingshows mal eine Scheibe abschneiden. (S. 66)

Im Original lautet die Passage:

In a tribe on the island of Santa Maria, old men used to stand by with bows and arrows and shoot every dancer who made a mistake. The perfect way to raise the stakes on American Idol.

Das zeigt, dass manchmal leider auch die Übersetzung an dem nervtötend-heiteren Ton schuld ist.

2. Die Übersetzung

Dass dem Übersetzer auch richtig dicke Fehler unterlaufen, ist ebenfalls nicht hübsch: Im amerikanischen Original heißt es, dass Binet seinen Intelligenztest „in the early 1900s“ entwickelte. Das ist korrekt. In der Übersetzung wird daraus „Anfang des neunzehnten Jahrhunderts“. Binet wurde leider erst 1857 geboren.

3. Informationsfülle im Überfluss

Aber dennoch ist das Buch an vielen Stellen auf charmante Weise informativ. Alphabetisch geordnet beschreibt er seine Leseeindrücke und garniert sie mit Geschichten aus seinem Alltag (seine Frau und er wünschen sich dringend Nachwuchs) und seiner Umwelt, die seine Besserwisserei nun ertragen muss. Und das ein oder andere Stichwort habe ich dann selbst in einem Lexikon nachgeschlagen, weil er mich neugierig gemacht hat. Ganz offensichtlich scheint die Britannica, das älteste noch erscheinende Nachschlagewerk – seine bescheidenen Anfänge lassen sich bis zum Jahr 1768 in Schottland zurückverfolgen – auch eine Fundgrube bizarrer „human interest“ Anekdoten zu sein.

4. Ein böser Verriss – zu Recht?

Einen richtig wütenden Verriss gab es von Joe Quennan in der New York Times am 3. Oktober 2004:

The Know-It-All: One Man’s Humble Quest to Become the Smartest Person in the World is mesmerizingly uninformative. […] Facts absorbed without context merely magnify the intellectual deficiencies of the autodidact, because a poorly educated person does not know which facts are important.

A case in point: Jacobs refers to Absalom as a “biblical hero“ (wrong!), and reports that he was killed by his enemy Joab after his hair (yuk! yuk!) got caught in a tree branch. Absalom, as anyone who has read the Scriptures knows, was a son of David; the story of the son who raises his hand against his father is one of the most famous, heart-rending episodes in the Bible. A generation ago, everyone knew this tale; William Faulkner even wrote a book called “Absalom, Absalom!“ (Faulkner, for the uninformed, won the Nobel Prize in Literature.) With similar lack of sophistication, Jacobs brays on about the Aztecs, apparently unaware that the people known as the Aztecs actually called themselves the Mexica. And even after allegedly reading the encyclopedia, Jacobs still doesn’t know who Samuel Beckett is, an admission that is almost criminally stupid, even for someone who has written for Entertainment Weekly.

A graduate of the prestigious Dalton School in Manhattan and Brown University, Jacobs is a prime example of that curiously modern innovation: the pedigreed simpleton. […] Jacobs’s biggest problem isn’t that he doesn’t know much; it’s that he doesn’t realize how much educated people do know. There’s just no two ways about it — people who read Marcel Proust and Bertrand Russell instead of Entertainment Weekly actually do learn stuff. Deluded into believing that his enterprise has made him smarter, Jacobs constantly seeks to bedazzle the reader with his latest shocking discoveries, unaware that things he perceives as riveting arcana are common knowledge in many quarters.“

Das finde ich dann doch arg arrogant, denn Quennan scheint ein Problem damit zu haben, wenn Menschen, die nicht so gebildet sind wie er, ein Werk wie die Britannica zur Hand nehmen. Soll er sich doch freuen, dass der Autor einen deutlichen Informationszuwachs zu verzeichnen und vielleicht sogar ein bisschen Werbung für gewichtige Lektüre gemacht hat. Im Übrigen schreibt Jacobs am Ende seines Projekts selbst:

Ich weiß um die geradezu ozeanischen Ausmaße des Menschheitswissens. Ich weiß, dass ich von diesem Ozean sehr wenig weiß. (S. 398)

5. Ein merkwürdiges Menschenbild

Wenn Jacobson ausgerechnet ein paar Sätze von Robert Ardrey, einem Anthropologen und Dramatiker, als Sätze bezeichnet, „bei denen ich in Ohnmacht sinken könnte wie die Frau bei der Lektüre von Montaignes Essays“ (S. 271), dann stimmt mich das schon ein bisschen trübsinnig. Ardrey war als Anhänger der ‚hunting hypothesis‘ und der ‚killer ape theory‘ der Meinung, dass der Mensch vor allem seiner Aggression und Gewaltbereitschaft seinen evolutionären Erfolg verdanke. Eine These, die von diversen Forschern heute angezweifelt wird. Das Zitat, für das Jacobs glatt seine vier Jahre Studium der Philosophie eintauschen würde, lautet:

Doch nicht von gefallenen Engeln wurden wir geboren, sondern von emporgestiegenen Affen, die noch dazu bewaffnete Mörder waren. Worüber also sollen wir uns wundern? Über unser Morden, unsere Bomben und Raketen und unsere kriegslüsternen Truppen? […] Das Wunder der Menschheit ist nicht, wie tief sie gesunken, sondern wie hoch sie emporgestiegen ist. Unsere Gedichte, nicht unsere Toten machen uns unsterblich. (S. 271)

Der letzte Satz lautet im Original: „We are known among the stars by our poems, not our corpses.

Unzählige Opfer von Kriegen und Gräueln einfach als unvermeidliche Begleitschäden der Evolution abzutun, das muss man auch erst mal schaffen.

Ja, wir sind zu schrecklichen Dingen imstande. Wir haben Armut, Krieg und Sommerzeit erfunden. Aber alles in allem […] haben wir uns durch unsere Leistungen und Errungenschaften rehabilitiert. Immerhin gehen auch die Fontana die Trevi, Blinden-Scrabble, Dr. DeBakeys Kunstherz und das Frequenzwahltelefon auf unser Konto. (S. 390)

Die Geschichte sei auch „eine Ansammlung derart verblüffender Meisterleistungen und Heldentaten, dass ich es als Ehre empfinde, die DNA-Struktur der übrigen Menschheit zu teilen. (S. 398)

Ardrey lässt grüßen.

6.  Der Taiping- Aufstand in China oder wie Lesen den Horizont erweitert

Vor seinem Britannica-Projekt hatte Jacobs vermutlich noch nie von dem Taiping-Aufstand gehört. Doch dieser Lexikoneintrag zeigt ihm, wie sehr das, was wir wissen, von unserem Umfeld abhängt und der Kultur, in der wir uns bewegen:

This was a Chinese upheaval in the mid-nineteenth century that “took an estimated 20,000,000 lives.” I read that sentence again. And again. It took 20 million lives. Holy shit. I try to process that enormous number. That’s four hundred stadiums full of human beings. That’s more than ten times the population of Manhattan. The Taiping Rebellion occurred about the same time as our own Civil War, which was horrible and bloody – and took less than seven hundred thousand lives. About 4 percent of the Taiping total. And I’ve barely even heard of this rebellion.
I feel like an ignorant Westerner. Even with my liberal education, I learned next to nothing about the other side of the world, so that doesn’t feel good. But I also have another, stranger reaction. I feel angry at the Britannica. The Britannica just states that 20 million died in its typical deadpan tone. Shouldn’t there be three exclamation points after it? Shouldn’t it say, “took an infuckingsane 20 million lives”? There’s a disconnect. The Britannica is completely dispassionate, which I’ve always thought was one of its strengths. But how can you be dispassionate with crazy information like this? How can you try to deal with the horrors of human behavior as if you’re talking about tectonic plates? The Britannica’s tone lulls you into thinking that the world is rational, but entries like this one just stop you cold.

7. Zum Abschluss

Britannica & I hängt für mich ein wenig in der Luft, da kein existenzielles Bedürfnis hinter dem Projekt steht. Die Grundidee, die ich durchaus reizvoll finde, wird eher als launiger Gag behandelt und dadurch verschenkt der Autor  die Gelegenheit, auch mal tiefer zu schürfen und zu überlegen, was wir überhaupt unter Wissen verstehen, ob und wie es uns nützt, was uns antreibt, es zu erwerben und welche Rolle Enzyklopädien oder Wikipedia überhaupt dabei spielen. Und wie hängen Informationen und Wissen überhaupt zusammen?

Manchmal fehlt dem Autor einfach das Vertrauen in sein Buch und er meint, den Leser mit albernen Späßchen und Schwänken aus seinem eigenen Leben bei Laune halten zu müssen. Und das ist das wirklich Ärgerliche an dem Buch, dass die schöne Grundidee an vielen Stellen gnadenlos auf bloßes Entertainment eingedampft wird. Nichts ist mehr wichtig genug, um auch als wichtig oder ernsthaft behandelt zu werden. Info-Häppchen als Pausenfüller. Garniert mit Einblicken ins Jacobsche Familienleben. Am besten, das Ganze würde noch mit einem launigen Jingle unterlegt.

Nur hin und wieder schimmert auch eine andere Ebene durch, z. B. als ihm sein Bekannter Bob folgende Geschichte erzählt:

Kennen Sie die Geschichte von dem Herrscher aus dem Morgenland? Besagter Herrscher zitierte alle Gelehrten in sein Reich und sagte: ‚Ich möchte, dass ihr das gesamte Menschheitswissen an einem Ort zusammentragt, damit meine Söhne es lesen und lernen können.‘ Die Gelehrten gingen davon und kehrten nach einem Jahr mit 25 Bänden voller Wissen zurück. Der Herrscher sah sie sich an und sagte: ‚Nein. Das ist zu lang. Fasst euch kürzer.‘ Und so gingen die Gelehrten davon und kehrten nach einem weiteren Jahr mit einem einzigen Band zurück. Der Herrscher sah ihn sich an und sagte: ‚Nein. Immer noch zu lang.‘ Wieder gingen die Gelehrten davon. Als sie nach einem weiteren Jahr zurückkehrten, reichten sie dem Herrscher ein Stück Papier, auf dem ein Satz geschrieben stand. Ein einziger Satz. Wissen Sie, wie der Satz lautete?‘ Bob sieht mich an. Ich schüttele den Kopf. ‚Der Satz lautete: Alles geht vorüber.‘ (S. 110)

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