Ethel Lina White: The Lady Vanishes (1936)

The day before the disaster, Iris Carr had her first premonition of danger. She was used to the protection of a crowd, whom – with unconscious flattery – she called ‘her friends”. An attractive orphan of independent means, she had been surrounded always with clumps of people. They thought for her – or rather, she accepted their opinions, and they shouted for her – since her voice was rather too low in register for mass social intercourse.

So beginnt ein lesenswerter kleiner Roman (218 Seiten), der mit dem Etikett “Kriminalroman” nur unzureichend beschrieben wäre:

Ethel Lina White: The Lady Vanishes (1936), ursprünglich unter dem Titel The Wheel Spins veröffentlicht

Das Buch weist einige Parallelen mit Rebecca von Daphne du Maurier auf. Nicht nur sind die beiden Bücher in den dreißiger Jahren erschienen und von Hitchcock verfilmt worden (deshalb der neue Titel), beide weisen auch auf interessante und durchaus beunruhigende Fragestellungen hin.

Iris Carr ist zu Beginn keineswegs eine Protagonistin, die sofort das Herz des Lesers gewinnt. Sie ist Mitläuferin in einer unbekümmerten und finanziell sorglosen Horde junger Briten, die irgendwo auf dem Kontinent in Osteuropa ihren Urlaub verbringen und allen anderen Gästen durch ihre Arroganz und Rücksichtslosigkeit gehörig auf die Nerven fallen. Ein Gruppen-Phänomen, das man bis heute beobachten kann:

The crowd had gloried in its unpopularity, which seemed to it a sign of superiority. It frequently remarked in complacent voices, ‘We’re not popular with these people,’ or ‘They don’t really like us.’ Under the influence of its mass-hypnotism, Iris wanted no other label. (S. 22 der Taschenbuchausgabe)

Nach einem Streit mit einigen ihrer ‘Freunde’ beschließt Iris, die Heimreise erst zwei Tage später als die anderen anzutreten. An ihrem letzten Tag jedoch verläuft sie sich in den Bergen und ist das erste Mal auf sich allein gestellt, eine ganz ungewohnte Erfahrung für sie.

Doch das ist nur ein kleiner Vorgeschmack auf das, was sie auf der ersten Etappe der Heimreise, der langen Zugfahrt bis Triest, durchmachen muss. Geschwächt durch einen Hitzschlag schafft sie es erst in der letzten Minute, überhaupt noch in ein Abteil zu gelangen. Dort herrscht eine frostige Stimmung, nur eine britischen Gouvernante in mittlerem Alter kümmert sich ein bisschen um die junge Frau und gemeinsam gehen sie zum Tee ins Zugrestaurant. Zwar redet Winifred Froy zu viel, doch ist sie dabei hilfsbereit und aufmerksam. Sie gibt Iris ein paar Aspirin gegen ihre Kopfschmerzen und Iris ist froh, ein wenig schlafen zu können.

Doch als Iris aufwacht, sind Miss Froy und ihr Gepäck wie vom Erdboden verschwunden. Iris, das haben die ersten Kapitel ja deutlich gemacht, ist eigentlich niemand, der sich allzu viele Gedanken um andere Menschen macht, doch ihre zunächst nachlässige Suche nach Miss Froy steigert sich allmählich zu ernstlicher Besorgnis, Panik, ja fast Hysterie, und zwar vor allem deshalb, weil außer ihr angeblich niemand die kleine unauffällige Dame im Tweedkostüm gesehen hat. Und so wird die Sorge um das Verschwinden der Frau eng mit der Frage verknüpft, ob Iris auf ihrer eigenen Wahrnehmung beharrt. Oder soll sie nachgeben und den Einflüsterungen Glauben schenken, die ihr einreden wollen, dass sie durch den Sonnenstich ein bisschen durcheinander sei und phantasiert habe. Hätte sie sich Miss Froy nur eingebildet, könnte sie ihrer eigenen Wahrnehmung nie wieder trauen und müsste Angst haben, verrückt zu werden. (Man denke an die Konformitätsstudien von Solomon Asch.)

Gleichzeitig erfahren wir auch, warum einige der anderen Mitreisenden verneinen, je Miss Froy gesehen zu haben. Was steht uns näher, das Wohl einer völlig Unbekannten oder unsere eigenen Sorgen und die potentiellen Unannehmlichkeiten, wenn man sich in fremde Angelegenheiten mischt?

Hier haben wir es nicht mehr ausschließlich mit einem netten kleinen cozy mystery zu tun, zwar sind die Schurken noch arg holzschnittartig, doch die Untertöne sind zu dunkel, zu ernsthaft und der Leser spürt, es hätte wirklich alles auch ganz böse ausgehen können. Das Happy End ist nur noch Zufall.

Von meiner Seite eine klare Empfehlung für eine Autorin, die laut Wikipedia in den dreißiger und vierziger Jahren zu den bekanntesten Crime Writers in Großbritannien und Amerika gehörte. Und wer Interesse an der Hitchcock-Verfilmung hat, bitte hier entlang.

Schmöker

Der Duden definiert Schmöker als die umgangssprachliche Bezeichnung für ein “dickeres, inhaltlich weniger anspruchsvolles Buch, das die Lesenden oft in besonderer Weise fesselt.” Der Begriff stamme aus der Studentensprache: Man schmökte sein Pfeife und dazu riss man übermütig aus einem alten oder schlechten Buch Seiten heraus, um daraus seine Fidibusse zum Anzünden zu drehen.

Natürlich muss ein Schmöker spannend sein, uns eine kleine Alltagsflucht ermöglichen – deswegen spielt er vorzugsweise an geografisch von uns entfernten Orten und vielleicht auch in einer anderen Zeit. Außerdem muss er viele, viele Seiten haben. Das aktuelle Weltgeschehen bleibt mal einige Stunden außen vor. Man entspannt wie an einem gelungenen Kinoabend und ist gefesselt von der Geschichte, der vorwärtseilenden Handlung, man begleitet die Sympathieträger und will unbedingt wissen, wie es weitergeht, und ist enttäuscht, wenn das Buch zu Ende ist und man sich wieder im Alltag einfinden muss.

Dabei darf es keinesfalls trivial, eindimensional oder verkitscht sein. Man möchte sich ja nicht für dumm verkauft fühlen. Aber sicherlich wird man wird als Leser auch nicht so gefordert wie bei einem anspruchsvolleren Roman. Man wird mit seinen Ansichten und seinem Stückwerk an Erkenntnissen nicht in Frage gestellt. Das zeigt, dass der Begriff Schmöker ein höchst subjektiver ist: Was für den einen ein Schmöker ist, ist für den anderen schon Trivial- oder einfach Unterhaltungsliteratur.

Die schönste Erklärung, der wirklich nichts mehr hinzugefügt werden muss, stammt von e. o. plauen (eigentlich Erich Ohser), der 1944 Suizid beging. Seine reizende Bildergeschichte trägt den Titel Der Schmöker (auch bekannt unter dem Titel Das interessante Weihnachtsbuch). Der Südverlag war sogar so nett und erteilte mir eine Abdruckerlaubnis, wenn ich mit vaterundsohn.de verlinke und die “Unterdrückung der Download-Möglichkeit über die rechte Maustaste” sicherstelle. Falls jemand weiß, was damit gemeint ist, let me know.

Was aber ist für euch ein wunderbarer und empfehlenswerter Schmöker?

Immer weitere Kommentare von euch trudeln ein, deshalb hier eine gern zu ergänzende Liste der genannten Titel (in Klammern Mehrfachnennungen):

  • Jane Austen: Pride and Prejudice (2)
  • Jean-Luc Bannalec
  • Emily Bronte: Wuthering Heights
  • Raymond Chandler
  • Dostojewski: Die Brüder Karamasow
  • Alexandre Dumas: Der Graf von Monte Christo
  • Daphne du Maurier: Rebecca (2)
  • Umberto Eco: Der Name der Rose
  • Ildefonso Falcones: Die Kathedrale des Meeres
  • Ken Follett: Die Säulen der Erde/Die Tore der Welt (2)
  • Jonathan Franzen: Freiheit
  • Lee Harper: Wer die Nachtigall stört
  • Elisabeth Kostova: Der Historiker
  • Margaret Mitchell: Vom Winde verweht (2)
  • Gregory David Roberts: Shantaram
  • Dorothy Sayers
  • Diane Setterfield: Die dreizehnte Geschichte (2)
  • John Steinbeck: Jenseits von Eden (2)
  • Leo Tolstoi: Anna Karenina (2)
  • Martin Walker
  • Edith Wharton: Ein altes Haus am Hudson River

Daphne du Maurier: Rebecca (1938)

Last night I dreamt I went to Manderley again. It seemed to me I stood by the iron gate leading to the drive, and for a while I could not enter, for the way was barred to me. There was a padlock and a chain upon the gate. I called in my dream to the lodge-keeper, and had no answer, and peering closer through the rusted spokes of the gate I saw that the lodge was uninhabited.

Mit diesen poetischen Sätzen beginnt ein wunderbarer Schmöker, der seit seinem Erscheinen 1938 nie vergriffen war.

Daphne du Maurier: Rebecca (1938)

Kein Wunder, dass dieser schauerlich-schöne Liebesroman mit seinen unerwarteten Wendungen und dem geschickten Spannungsaufbau 1940 von Hitchcock verfilmt wurde. In der Ankündigung an ihren Verleger beschrieb sie ihre Romanidee folgendermaßen: “very roughly the book will be about the influence of a first wife on a second … she is dead before the book opens. Little by little I want to build up the character of the first in the mind of the second … until wife 2 is haunted day and night … a tragedy is looming very close and crash! bang! something happens … it is not a ghost story.” (zitiert nach Margaret Forster: Daphne du Maurier, arrow books 1993, S. 132)

Die Ich-Erzählerin, die inzwischen mit ihrem Mann Maxim irgendwo in einem südeuropäischen Hotel in einem selbstauferlegten Exil lebt, blickt voller Wehmut auf die ersten Monate ihrer Ehe zurück.

I am glad it cannot happen twice, the fever of first love. For it is a fever, and a burden, too, whatever the poets say. They are not brave, the days when we are twenty-one. They are full of little cowardices, little fears without foundation, and one is so easily bruised, so swiftly wounded, one falls to the first barbed word. (S. 37 der schönen Hardcover-Ausgabe von Virago Modern Classics)

Wir erfahren, wie sie als junge mittellose Frau, die ihren Lebensunterhalt als Gesellschafterin einer reichen, aber dümmlich-snobistischen Amerikanerin verdient, den attraktiven Witwer Maximilian de Winter kennenlernt. Maxim ist über 20 Jahre älter, wohlhabend und Besitzer des herrlichen Herrenhauses Manderley irgendwo an der Küste in England. Er scheint Gefallen an der jungen, unerfahrenen und nicht besonders attraktiven Frau zu finden, die zudem überaus schüchtern ist und immer an ihren Fingernägeln kaut, wenn sie nervös und unsicher ist. Als sie mit ihrer Arbeitgeberin nach Amerika aufbrechen soll, macht de Winter ihr kurzerhand einen Heiratsantrag, den sie – völlig bezaubert und betört – annimmt. Nach wunderbaren Flitterwochen in Südeuropa kehrt de Winter mit seiner jungen Braut, deren Namen wir nicht erfahren, nach Manderley zurück.

Doch mit ihrer neuen Rolle als Herrin eines herrschaftlichen Anwesens ist sie von Anfang an überfordert. Sie weiß nicht, wie sich kleiden, wie mit den Dienstboten umgehen, wie mit ihrem Mann auf Augenhöhe kommunizieren. Alle häuslichen Angelegenheiten werden von der Dienerschaft und der unheimlichen Haushälterin Mrs Danvers mit dem totenkopfähnlichen Schädel geregelt, und zwar im Sinne der verstorbenen Hausherrin Rebecca, die vor knapp einem Jahr bei einem Segelunfall ums Leben gekommen ist. Mrs Danvers hält das Zimmer und die Kleidung Rebeccas wie einen Schrein in perfekter Ordnung. So bleibt der jungen Frau nur ein bisschen zu zeichnen, zu lesen und sich mit dem Cockerspaniel Jasper auf ausgedehnte Spaziergänge zu begeben und sich den afternoon tea unter der großen Kastanie servieren zu lassen.

Anscheinend war Rebecca die Verkörperung aller weiblichen Tugenden: wunderschön, klug, eine charmante Gastgeberin, eine tollkühne Reiterin und erfahrene Seglerin, kurz jemand, der jeden bezauberte, der ihr begegnete. So verstrickt sich die neue Mrs de Winter immer tiefer in Angstfantasien, Eifersucht auf die Tote und die Überzeugung, dass Maxim es bestimmt bereue, sie so überstürzt geheiratet zu haben. Sie spürt genau, dass ihre Ehe nicht auf Ebenbürtigkeit beruht, verhält sich aber genau wie das Kind, als das sie nicht behandelt werden möchte.

I wished he would not always treat me as a child, rather spoilt, rather irresponsible, someone to be petted from time to time when the mood came upon him but more often forgotten, more often patted on the shoulder and told to run away and play. I wished something would happen to make me look wiser, more mature. Was it always going to be like this? He away ahead of me, with his own moods that I did not share, his secret troubles that I did not know? Would we never be together, he a man and I a woman, standing shoulder to shoulder, hand in hand, with no gulf between us? (S. 219 – 220)

Ihre von du Maurier psychologisch feinfühlig gezeichnete Unsicherheit und ihre Ängstlichkeit, auch ihrem Mann gegenüber, verhindern ein offenes Ansprechen ihrer Sorgen, bis es bei einem Maskenball zum Eklat kommt. Naiverweise hat sie den Rat Mrs Danvers befolgt und will Maxim mit einem Kleid überraschen, das einem der Familienporträts nachempfunden ist. Sie ahnt allerdings nicht, dass Rebecca genau in einem solchen Kleid das letzte Mal öffentlich gesehen wurde.

Und dann nimmt die Handlung weiter an Fahrt auf und an (Melo-)Dramatik zu und ich konnte das Buch erst zur Seite legen, als ich wusste, wie es ausgeht.

Du Maurier ist eine überzeugende Balance zwischen der Charakterstudie einer jungen Frau, die erst in der Ehe erwachsen wird, und einer romantisch-spannenden “gothic romance” gelungen, die an einigen dezent-passenden Stellen sogar witzig ist. Als Beatrice, ihre herzensgute, aber lärmige Schwägerin, ihr von dem Maskenball vorschwärmt, den sie jährlich bei sich zu Hause veranstalten, wird die junge Mrs de Winter leicht nervös:

I had an uneasy feeling we might be asked to spend the approaching Christmas with Beatrice. Perhaps I could have influenza. (S. 201)

Der Ehemann streckenweise ein düsterer und tragischer Held, die böse Haushälterin, der stoische und loyale Butler. Fast schon Archetypen. Gleichzeitig bleiben Dissonanzen, so dass ich nie das Gefühl hatte, einen eindimensionalen Trivialroman zu lesen. Das liegt vor allem daran, dass die Hauptperson eine Entwicklung durchmacht, die stimmig und glaubwürdig ist.

It seemed incredible to me now that I had never understood. I wondered how many people there were in the world who suffered, and continued to suffer, because they could not break out from their own web of shyness and reserve, and in their blindness and folly built up a great distorted wall in front of them that hid the truth. This was what I had done. I had built up false pictures in my mind and sat before them. I had never had the courage to demand the truth. (S. 309)

Der Leser soll die Perspektive der jungen Frau übernehmen, und es ist verblüffend, wie gut das gelingt, bis ich mir die Augen reibe und sage: Das ist doch unerhört, da schimpfen die beiden auf die Presse und die Journalisten, die die schmutzige Wäsche der de Winters aufdecken und damit den guten Namen Manderley in den Schmutz ziehen, haben aber keinerlei Probleme oder gar Gewissensbisse, wenn sie ganz andere Sachen, wie z. B. Mord, unter den Teppich kehren.

Fazit

Kurzum: ein höchst befriedigendes Buch, wenn man gut und spannend unterhalten werden will, auch wenn Sally Beauman in ihrem lesenswerten Nachwort in der Virago Modern Classics-Ausgabe zugibt, dass der Roman von den Kritikern bedauerlicherweise – und zwar zu Unrecht – immer unterschätzt worden sei: “One thing is certain: Rebecca is a deeply subversive work, one that undermines the very genre to which critics consigned it.” Beauman hat übrigens Rebecca’s Tale (2001), eine Fortsetzung zu du Mauriers Buch,  geschrieben.

Jetzt müsste man eigentlich gleich im Anschluss mal wieder Jane Eyre von Charlotte Bronte lesen. Und wer den Film sehen möchte, hier geht’s lang.

Zur Biografie

Margaret Forster, selbst eine großartige Autorin, hat Daphne du Maurier (1993) geschrieben, eine von der Kritik zu Recht sehr positiv besprochene Biografie. Diese beleuchtet intelligent und einfühlsam das Wechselspiel zwischen dem Leben der Schriftstellerin und ihren Werken.  Interessant beispielsweise die Jugendzeit der Autorin, die in einem sehr begüterten Umfeld aufwuchs. Ihre Familie war u. a. mit Barrie, dem Schöpfer von Peter Pan, und der Familie von Edgar Wallace gut befreundet. Auch du Maurier hat ihren Mann nach nur drei (!) Monaten des Kennenlernens geheiratet, und war dann – surprise, surprise – verwundert und auch befremdet, dass der Mann einige Seiten hatte, wie z. B. schreckliche Alpträume als Nachwirkungen seiner Zeit als Soldat im Ersten Weltkrieg, von denen sie gar nichts geahnt hatte und die sie auch nicht sonderlich attraktiv fand.

In ihre Werke flossen immer autobiografische Anteile und jeweilige Stimmungen und Fragestellungen ein. In ihrem erfolgreichsten Roman Rebecca beispielsweise hat sie einige ihrer eigenen Eigenschaften auf die zwei weiblichen Hauptfiguren aufgeteilt. Sie war wie Rebecca eine begeisterte Seglerin und sexuellen Erfahrungen gegenüber sehr aufgeschlossen, doch auf der anderen Seite war sie eine so hoffnungslose Hausfrau wie die namenlose Protagonistin. Du Maurier war noch nicht einmal in der Lage, ihrem Baby die Flasche zu geben, als das Kindermädchen Ausgang hatte, und war am Boden zerstört, als sie zum zweiten Mal schwanger wurde. Am liebsten hat sie ihre Kinder bei einem Kindermädchen deponiert. Als ihre Töchter ca. sechs bzw. zwei Jahre alt waren, schrieb sie: “I am not one of those mothers who live for having their brats with them all the time and I sincerely look forward to the time when Flavia and Tessa will be of a decent companionable age.” (zitiert nach Margaret Forster, S. 145) Erst bei ihrem Sohn, dem dritten Kind, empfand sie anders und konnte sich von dem kleinen Kerl kaum trennen. Auch die Repräsentationspflichten, die sie später als Gattin eines hochrangigen Offiziers hatte, haben Daphne mit ähnlichem Abscheu erfüllt wie die zweite Mrs de Winter. Doch gleichzeitig war sie willensstark und vom Luxus verwöhnt wie Rebecca.

Zeitlebens hat du Maurier ihre Bisexualität vor ihrer Familie verschwiegen, an einer immer problematischeren Ehe festgehalten und im Alter unendlich darunter gelitten, dass ihre Kreativität versiegte, da das Schreiben immer auch ein Weg gewesen war, verheimlichte und ungezügelte persönliche Anteile auszuleben.

Der Herrensitz Manderley wurde dem Anwesen Menabilly in Cornwall nachempfunden, den du Maurier aus ihrer Jugend kannte und in dem sie von 1943 bis 1969 lebte. Als sich die Gelegenheit ergab, das Haus Menabilly für zwanzig Jahre zu mieten, und zwar unter der Bedingung, dass sie auch für Reparaturen und die komplette Instandhaltung des riesigen Hauses aufzukommen hatte, hat sie nicht gezögert und sich geradezu wahnwitzig in dieses Projekt gestürzt. Dabei hat sie dann immer verdrängt, dass das Haus ihr gar nicht gehört und die eigentlichen Erben immer in den Startlöchern standen.

Vielleicht sind die fast schon hypnotisierenden Schilderungen Manderleys und der Natur auch der Tatsache geschuldet, dass der Roman zu einem Viertel in Ägypten verfasst wurde, wo ihr Mann für einige Zeit stationiert war. Sie hat sich die ganze Zeit nach England und dem Wetter dort zurückgesehnt und das Leben in Ägypten gehasst und – man kann es nicht anders sagen – sich mit ausgesprochenem Dünkel über die Einheimischen mokiert.

Während ihr Mann im Krieg war, war das Familienleben auf Menabilly gelinde gesagt chaotisch. Ratten liefen nachts durchs Haus, was die Kinder zwar ängstigte, aber Daphne völlig kalt ließ. Genauso wie die Kälte, die Fledermäuse im Zimmer oder die unzureichende Erziehung ihrer Kinder. Das Kindermädchen war immer häufiger krank, die Mahlzeiten oft improvisiert. “Daphne [...] very successfully ignored the chaos around her. She was entirely relaxed about any kind of mishap, and also about the state of the house, just so long as she could go on writing. Tessa’s two goats, Freddie and Doris, were allowed to wander wherever they liked, on condition they didn’t actually  sleep on the beds, and the rabbits and bantams, though meant to be outside, were not unwelcome either. On fine days the children roamed the woods and on wet days explored the shut-off north wing which their mother worried about, because it was unsafe, though she did not make much effort to stop them.” (Margaret Forster, S. 193)

Matthew Green: memoirs of an imaginary friend (2012)

Here is what I know: My name is Budo. I have been alive for five years. Five years is very long for someone like me to be alive. Max gave me my name. Max is the only human person who can see me. Max’s parents call me an imaginary friend. I love Max’s teacher, Mrs Gosk. I do not like Max’s other teacher, Mrs Patterson. I am not imaginary.

So fängt einer der größten Leseflops der letzten Monate an. Eigentlich heißt der Autor Matthew Dicks, aber vermutlich aufgrund der möglichen Konnotationen werden seine Bücher in Großbritannien unter Green vermarktet.

Matthew Green: memoirs of an imaginary friend (2012); auf Deutsch: Matthew Dicks: Der beste Freund, den man sich denken kann (2013)

Ich war auf der Suche nach “leichtem” Lesestoff. Es ist gerade keine gute Zeit für Klassiker oder große Romane, die der Ruhe und Konzentration bedürfen. Aber ein Buch musste sein, was also tun? So schien mir die Idee von Green zunächst sehr reizvoll:

Budo ist der imaginäre Freund des ca. zehnjährigen Max. Er ist nur so lange existent, wie Max an ihn glaubt und ihn sieht. Er hat auch nur die Eigenschaften und verfügt auch nur über die Fähigkeiten, mit denen ihn sein menschlicher “Schöpfer” ausgestattet hat. Und dieser Budo nun veröffentlicht seine Memoiren, immer in der Angst, dass er irgendwann – wie alle imaginären Freunde – verschwindet, wenn Max erwachsen(er) wird und seiner nicht mehr bedarf.

Aber noch braucht Max seinen Freund, zumal er autistisch veranlagt ist, am liebsten mit seinem Kriegsspielzeug und unzähligen Soldaten irgendwelche Schlachten nachspielt und menschliche Gesellschaft vermeidet, wo immer es geht. Den Gute-Nacht-Kuss gibt ihm seine Mutter immer erst dann, wenn er schon schläft, da er keine Berührungen mag.

He likes people, but it’s a different kind of liking. He likes people from far away. The farther you stay away from Max, the more he will like you. (S. 10)

Max’ Eltern gehen ganz unterschiedlich mit seiner Krankheit um. Sein Vater versucht zu verdrängen, dass sein Sohn anders ist, so kommt es öfter zu Auseinandersetzungen und der geneigte Leser erhält dann gleich ein paar Ehetipps.

Sometimes I wish I could tell Max’s mom to be nicer to Max’s dad. She is the boss of the house, but she’s also the boss of Max’s dad, and I don’t think it’s good for him. It makes him feel small and silly. Like when he wants to play poker with friends on a Wednesday night, but he can’t just tell his friends that he will play. He has to ask Max’s mom if it’s okay for him to play, and he has to ask at the right time, when she is in a good mood, or he might not be able to play. (S. 23)

Eher widerwillig geht Max in die Schule, hat Probleme mit einem fiesen Mitschüler und liebt, wie alle anderen auch, die Stunden bei Mrs Gosk, die so ist, wie eine Lehrerin sein sollte.

It’s strange how teachers can go off to college for all those years to learn to become teachers, but some of them never learn the easy stuff. Like making kids laugh. And making sure they know that you love them. (S. 10)

Doch dann wird ein dunklerer Ton angeschlagen: Die unheimliche Aushilfslehrerin Mrs Patterson schafft es, das Vertrauen des Jungen zu erschleichen, und versucht durch ihn, ihren eigenen Dämonen zu entkommen, dafür würde sie über Leichen gehen. Und nun ist Budo gefragt: Wird er – mit Hilfe anderer imaginary friends – es schaffen, seinen menschlichen Freund zu retten? Und wird Max, als es darauf ankommt, es schaffen, eigenständig zu handeln?

Man verrühre eine charmante Grundidee mit ein bisschen Spannung, banalem Geplänkel über den Tod, einer ordentlichen Portion Grusel, garniere das Ganze mit einer Spur Autismus und einer extrem schlichten Sprache, und fertig ist das Machwerk, das mir für ein Kinderbuch viel zu bedrohlich wäre und für ein Erwachsenenbuch entschieden zu platt.

Mit Freude zitiere ich Jane Housman. Sie schrieb im Guardian: “The trend for unworldly child narrators (Room, Pigeon English, Extremely Loud and Incredibly Close) is becoming tiresome. The Curious Incident of the Dog in the Night Time kicked off this particular iteration of the trope and felt fresh and engaging. Now one begins to suspect that a narrator on the autistic spectrum is little more than an excuse for artless prose.” (20. März 2012)

Josef Bierbichler: Mittelreich (2011)

Nu lass du den doch auch mal ran, murmelt der alte Mann und schlägt mit seiner Linken nach dem flatterhaften Vogel. Is nich alles für dich! Hier kriegt jeder was ab, nich nur die Großen. Auf dem Rücken seiner rechten Hand wippt fett ein Spatz und sticht mit seinem Schnabel nach dem Krümel Brot in seiner linken.

So beginnt das Romandebüt des 1948 am Starnberger See geborenen Schauspielers und Schriftstellers

Josef Bierbichler: Mittelreich (2011)

Das Buch, das vom Spiegel als ein “Ereignis” bezeichnet wurde, ist so etwas wie ein Gegenroman zu Blasmusikpop von Vea Kaiser. Hier ist der Blick auf Heimat, auf Provinz, genauer auf einen Hof und eine Gaststätte an einem See in Bayern nicht mehr liebevoll-ironisch, sondern ernüchtert und zutiefst pessimistisch.

Den Rahmen des Romans bildet die Geschichte Viktors, des Knechts, den es nach dem Zweiten Weltkrieg nach Bayern verschlagen hat und der nun die Geschicke der Seewirtsfamilie aus nächster Nähe beobachten kann. Zu Beginn des Romans füttert Viktor die Spatzen und zu dieser Szene kehren wir am Ende des Buches zurück. Zwischen diesen beiden Punkten begleiten wir über ca. 100 Jahre die Familien des jeweiligen Seewirts vom Vorabend des Ersten Weltkrieges bis 1984.

Mit den allmählich zahlreicher werdenden Sommergästen wird zunächst der Grundstock zu einem bescheidenen Wohlstand gelegt.

Mit den Gästen kam ein wenig Weitblick. Sie kamen in den kleinwinkligen Häusern so nahe heran, dass man ihnen nicht mehr auskommen konnte. Man machte ihnen Platz, wo es ging. Wo es nicht ging, saß man mit ihnen zusammen und hörte zu. Und langsam sickerte die Welt hinein, wo vorher Dunst und Erde war. (S. 15)

Im Zentrum steht vor allem die Familie der zweiten Generation: Pankraz, der seinen Traum auf eine Opernkarriere aufgeben muss, um die elterliche Seewirtschaft zu übernehmen, da sein Bruder nach einer Schussverletzung im Ersten Weltkrieg verrückt geworden ist. Der junge Seewirt heiratet seine Jugendliebe Agnes, doch seine Frau ist seinen ekelhaft rechthaberischen Schwestern ein ewiger Dorn im Auge, daran ändert auch die Geburt von drei Kindern nichts. Von diesen wiederum erfahren wir nur Näheres über Semi.

Immer wieder richtet sich der Blick des Erzählers auf die Scheinfrömmigkeit, die Fassade der Wohlanständigkeit, den Biedersinn, hinter dem sich Abgründe auftun. Weil gar nicht sein kann, was nicht sein darf, erklären die Eltern kurzerhand, dass der junge Semi sich den sexuellen Missbrauch im katholischen Internat nur einbildet. Er möge bitte nicht mehr davon reden. Und nach den großen Ferien muss das traumatisierte Kind wieder zurück in die Hölle. Nach seiner Schulzeit ist er ein gebrochener Mensch, auf immer verwundet und zu Empathie wohl nie wieder fähig.

Aber auch die Knechte, Mägde, die Sommergäste und die Flüchtlinge, die nach 1945 in die Gegend kamen, haben ihre Auftritte. Dabei entstehen aber keine vollständigen Charakterbilder, sondern eher Schnappschüsse von Typen oder wie Iris Radisch in ihrem Lesetipp sagt, von vormodernen Menschen, die ihr Leben lang am selben Ort bleiben und sich noch nicht als Individuum mit einem eigenen Lebensentwurf verstehen.

Wir erfahren, wie die Dorfbevölkerung auf die Flüchtlinge nach dem Zweiten Weltkrieg reagiert, wie die ersten Fernsehgeräte Einzug ins Dorf halten und wie die Einheimischen ihre Ressentiments gegen die Flüchtlinge irgendwann auf die wachsende Zahl der “Gastarbeiter” übertragen. Die Gesellschaft wandelt sich: Im Wirtschaftswunderland bricht die junge Generation mit altehrwürdigen Traditionen. Und die Sommergäste von einst sind zu Touristen geworden, die das ganze Jahr anreisen und deren Verhalten immer freizügiger wird. Als die ersten Touristen “oben ohne” oder ganz nackt die Liegewiese belagern, weiß sich ein Bauer zunächst noch zu helfen und gießt kurzerhand Gülle um die ausgebreiteten Handtücher. Doch nach und nach setzt sich der Kapitalismus durch und man erkennt, wie viel Geld mit dem zunehmenden Gästestrom zu machen ist, dafür enteignet man auch schon mal die Besitzer attraktiver Seewiesengrundstücke.

Bierbichler schafft es, eine ganz eigene und unverbrauchte Sprache für seinen Anti-Heimatroman zu finden. Manchmal allerdings störte mich die Allwissenheit des Erzählers, uns wird genau gesagt, wie die Menschen zu sehen und zu beurteilen sind, ohne dass das immer so den Menschen abzuspüren ist. Das kann auch manchmal ins Holzschnittartige abgleiten. Oft werden wesentliche Dinge oder längere Zeitabschnitte nur kurz rekapituliert, dann wieder stehen die Protagonisten quasi im Scheinwerferlicht auf der Bühne und haben ihren Auftritt. Dabei ist Bierbichler nicht zimperlich, es gibt eine Passage, bei der man sich kurzzeitig in einen Splatterfilm versetzt sieht: Man findet die Leiche des Paters, der die Jungen im Internat missbraucht hat, auf äußerst unschöne Weise auf, man könnte auch sagen, fachmännisch zugerichtet. Semi, der Seewirtssohn, hatte kurz vorher noch bei einer Hausschlachtung assistieren müssen. Realität oder eine surreale Rachephantasie des Opfers?

“Im Mittelreich zwischen Gut und Böse, Diesseits und Jenseits – auch so lässt sich der Titel lesen – geschehen Dinge, die in ihrer Grausamkeit keiner klassischen Sage nachstehen. Es wird gemordet, geschlachtet, geliebt, es treten Hermaphroditen, tragische Helden und Chöre auf. Doch geordnet nach klassischem Maßstab ist hier nichts. Auch wenn chronologisch einigermaßen stringent 80 Jahre Deutschland erzählt werden: Die Handlung erinnert an die braun getönten Wimmelgemälde von Bosch und Breughel, denn die Szenen stehen um kein Zentrum, sondern spielen auf vielen kleinen Bühnen ihre Tragödien durch.” (Kathrin Schumacher, Deutschlandradio)

Der eigentliche rote Faden ist Bierbichlers Blick auf die Natur des Menschen. Da gibt er sich keinen Illusionen hin: Anhand von scheinbar belanglosen Gesprächen und gedankenlosem Stammtischgerede macht er die politische Einstellung der Bewohner, ihre Verdrängung der Geschichte und ihre tief sitzenden Vorurteile, ihre Unbelehrbarkeit deutlich. Nach dem Zweiten Weltkrieg heißt es vom Seewirt lapidar, er könne sich an Details des Krieges nicht weiter erinnern und “wünsche nicht länger danach gefragt zu werden. Ende.” (S. 67/68)

Nur wenn beim Wirt alle Vorhänge schon zugezogen waren und kein Fremder mehr in der Gaststube saß, wenn genug Bier und ein paar Schnäpse die weichen Birnen noch weicher hatten werden lassen und die Sehnsucht nach Rechtfertigung des Gewesenen noch sehnsüchtiger geworden war – dann war auch in den letzten Jahren schon hie und da etwas von der trotzigen Aufsässigkeit zu spüren, die dem aufgepfropften Schuldgefühl mannhaft Paroli zu bieten bereit war, das alle haben sollten, wenn es nach den Besatzern gegangen wäre, aber keiner so richtig spüren konnte und wollte, der trotz allem unverbogen und standhaft geblieben war. Wenn alles passte und die richtigen Leute beieinandersaßen, dann war es ein Leichtes, den verlorenen Krieg noch einmal genau durchzugehen und nachträglich zu gewinnen. Und auch, wen der Führer und seine Mannen vergessen hatten damals, als die Zeit drängte und nicht mehr alles erledigt werden konnte, was noch zu erledigen gewesen wäre – das alles kam an solchen verschwiegenen Abenden zur Sprache und beschäftigte die Köpfe auch dann noch, wenn sie schon wieder nüchtern waren. (S. 150/151)

Nur Tucek, der tschechische Tagelöhner, wehrt sich nach dem Krieg gegen dämliche Nazisprüche und formuliert so etwas wie einen Appell, der immer und überall gilt:

Früher ihr immer habt gesagt: Nix wissen! Alle Deitsche. Und dann habt ihr doch was gewusst. Und jetzt ihr redet wieder, ohne was zu wissen. Also was? Hast du gewusst was, oder hast du nix gewusst. Wenn du nix hast gewusst, dann frage. Geh und frage! Aber rede nicht Quatsch. (S. 182)

Doch der Seewirt will sich von einem einfachen Knecht keine Vorwürfe machen lassen. Eventuell begangenes Unrecht sei längst wieder gutgemacht, das könne man in jeder Zeitung lesen. Unverschämtheiten werde er an seinem Tisch nicht länger dulden.

Auch die anderen nicken murmelnd zu des Seewirts klarer Sprache und zeigen damit an, dass der Teppich, der das unter ihn Gekehrte bisher deckte, noch immer tadellos den Heimatboden ziert. (S. 184)

Welcher Leser denkt da nicht an den NSU-Prozess des Jahres 2013?

Am Ende bin ich zwiegespalten, 392 Seiten, und keine einzige sympathische Hauptperson, alle verstrickt in ihre Schwächen, Bosheiten und blinden Flecken. Das sorgt für eine betrübliche Lektüre. Doch auf der anderen Seite ist diese fast ein Jahrhundert überspannende Chronik faszinierend. Die Geschichte sichtbar gemacht an einer allmählich zerbröckelnden Familie. Sperrig, wuchtig und von einem Menschenkenner erzählt, der für die menschliche Natur nur noch Spott und wenig Hoffnung hat. Der vorletzte Satz des Romans lautet:

Die Erde ist keine Heimat.

Hier findet man ein Interview aus dem Spiegel mit Bierbichler.

Gerbrand Bakker: Der Umweg (2010)

scotland-b 025An einem frühen Morgen sah sie die Dachse. Sie liefen an dem Steinkreis herum, den sie vor ein paar Tagen entdeckt hatte und gern einmal bei Tagesanbruch sehen wollte. Dachse hatte sie sich immer als friedliche, ein wenig träge und scheue Wesen vorgestellt, aber hier wurde gekämpft und gefaucht. Als die Tiere sie bemerkten, verschwanden sie ohne Hast zwischen den blühenden Stechginstersträuchern.

So beginnt der dritte Roman des Niederländers mit dem wunderschönen Cover, auf dem ein Gänsekopf abgebildet ist:

Gerbrand Bakker: Der Umweg (2010) – ins Deutsche übersetzt von Andreas Ecke (2012)

So beeindruckt ich von seinem ersten Roman Oben ist es still war, so enttäuscht war ich von seinem zweiten Roman Juni und so irritiert bin ich von seinem dritten Werk.

“Sie”, deren Namen wir erst auf den letzten Seiten erfahren, hat ihre Stelle als Literaturdozentin an der Amsterdamer Universität verloren, vermutlich war eine kurze Affäre mit einem Studenten dafür der Anlass. Kurz danach fährt sie ziellos von zu Hause fort, landet eher zufällig in Großbritannien und mietet ein Haus mitten in der walisischen Pampa. Ein paar Kühe und zehn Gänse sind ihre Nachbarn. Dort will sie ihre Ruhe haben und vielleicht an ihrer Dissertation zu der Dichterin Emily Dickinson arbeiten. Ihr Handy hat sie absichtlich auf der Fähre liegenlassen, damit man ihr nicht auf die Spur kommen kann. Wir ahnen rasch, dass es ihr gesundheitlich nicht gut geht. Die Menge der Schmerztabletten, die sie einnimmt, steigt allmählich an.

Irgendwann kommt ein junger Hiker an ihrem Haus vorbei, er will eigentlich die Route eines Wanderweges ausarbeiten, doch er quartiert sich bei der eigenbrötlerischen Frau ein. Er kümmert sich um sie, kocht, kauft ein, erledigt Gartenarbeiten, ja, und man kommt sich auch sonst näher. “Es ist schon rührend, wie die beiden, die nichts von sich erzählen, sich aneinander klammern, als kennten sie sich lange – aber glaubhaft ist diese Beziehung nicht. Denn der Junge ist unwirklich wie eine Einbildung, schleicht auf seinen Sportsocken wie ein herbei gewünschter Engel durch die Räume, und auch Agnes bleibt für ihn eher ein Gespenst. Statt zu sprechen, seufzt sie „Ach!“, außerdem verschweigt sie ihren wirklichen Namen und nennt sich Emily, nach der Dichterin Emily Dickinson, über die sie promoviert.” (Andreas Schäfer, in Der Tagesspiegel vom 25. März 2012)

Parallel dazu gibt es einen zweiten Handlungsstrang: Ihr Mann, der ihr Fortgehen zunächst so hingenommen hatte, erfährt etwas, das ihn dazu bewegt, doch einen Privatdetektiv zu beauftragen, der ihren Aufenthaltsort ermitteln soll, so dass er ihr folgen kann.

Es gibt Gemeinsamkeiten im Bakkerschen Literaturkosmos: Alle Romane spielen auf dem Land und die Protagonisten sind wie immer bei ihm nicht fähig oder willens, sich über die sie existenziell betreffenden Fragen zu äußern. Agnes ist ausgesprochen spröde, will niemanden mehr an sich heranlassen, und auch zu ihren Gedanken erhalten erhalten wir nur sehr spärlichen Zugang. Die Leserin, der Leser muss sich anhand der äußeren Handlung überlegen, was wohl in der Frau vorgeht und was sie antreibt. Eine Literaturdozentin, die nicht kommunizieren will oder kann und dem Mann und den Eltern – Freunde werden erst gar nicht erwähnt – nicht mitteilt, wo sie ist. Einfach abhaut, ein nettes Haus mietet, Geld anscheinend kein Problem. Das war für mich von vornherein nicht stimmig bzw. nicht nachvollziehbar.

Hier wird eine Einsamkeit zelebriert, die einen frösteln macht. Letztlich negiert das Buch – zumindest für die Hauptperson – jede Möglichkeit auf Gemeinschaft. Auch die Beziehung zu dem jungen Bradwen funktioniert ja nicht auf Augenhöhe. Ihre Begegnungen mit den Dorfbewohnern, dem Arzt, der sie nach einem Dachsbiss behandelt und ihr Schlaftabletten verschreiben soll, muten immer bedrohlicher an. “… und weil die Hauptfigur klärende Erinnerung verweigert, wird die Umwelt im Zustand der Verdrängung ein unheimlicher Projektionsraum, in dem sich Sehnsüchte und Ängste spiegeln.” (Andreas Schäfer)

Ich kann mir einfach eine Frau nicht vorstellen, die sich gerade noch auf ihre Fruchtbarkeit hat untersuchen lassen, um dann kurze Zeit später dem Ehemann nicht einmal mitzuteilen, was sie bedrängt, und einfach “weggeht”. Der Erzähler gibt uns außerdem den fast aufdringlichen Hinweis auf eine Katze, die auch einfach weggehe, wenn sie spürt, dass ihre Zeit gekommen sei.

Allerdings macht die Frau durchaus eine Entwicklung durch. Schließlich verschwindet sogar das Heimweh bzw. die Wehmut, wenn sie an ihre Vergangenheit denkt. Sie wird sich immer klarer darüber, was sie eigentlich will, und wird es auch in die Tat umsetzen.

Sie ging noch ein Stück weiter, der Hohlweg stieg leicht an. Nach vielleicht zehn Minuten kam sie zu einer T-Gabelung, und dort sah sie zum ersten Mal den Berg. In diesem Moment wurde ihr klar, wie weit die Landschaft hinter ihrem Haus war und wie klein sie ihren Raum gehalten hatte. (S. 19)

Der Der Umweg und ich sind keine Freunde geworden. Auch die Art, in der das Ende der Handlung gestaltet ist, fand ich mehr als befremdlich. Gekünstelt. Bakkers Sprache hingegen läuft ab und zu zu wahrer Meisterschaft auf:

Das zähe Fließen des Bachs trug sie fort, ihr Denken dehnte sich, jeden Moment würde sie einschlafen. Sie hatte gerade noch genug Zeit für den Gedanken, wie angenehm es war zu schlafen. So von allem gelöst. So frei von den Dingen, über die der wache Mensch sich den Kopf zerbricht, vor denen er Angst hat, denen er mit Schrecken entgegensieht. (S. 159)

Wer sich die ersten drei Seiten vorlesen lassen möchte, klicke hier den Kanal von “Drei Erste Seiten” an.

Lesemond und Syn-ästhetisch konnten dem Buch jedoch wesentlich mehr abgewinnen. Auch im Guardian wurde der Roman sehr positiv besprochen und die englische Übersetzung steht auf der Shortlist für den Independent Foreign Fiction Prize 2013. Und sehr gern weise ich auf eine einfühlsame Besprechung auf dem Grauen Sofa hin.

Peter Braun: Von Blechtrommlern und Nestbeschmutzern (2010)

Randbemerkung in einem Schulbuch, eingetragen im Sommer 1934: ‘Leck mich am Arsch, Faschisten-Häuptling.’ Der Schüler ist sechzehn, der das schreibt. ‘Tod den Braunen.’ Sein Schulweg ist längst nicht mehr sicher. Jungnazis schlägern in den Straßen von Köln. Sie verprügeln gleichaltrige ‘Gesinnungslumpen’, besonders gern die kirchennahen, zu denen der Schüler gehört.

So beginnt das erste Kapitel – zu Heinrich Böll – in der lesenswerten Einführung in die deutschsprachige Nachkriegsliteratur, die wohl vor allem für junge Leser gedacht ist:

Peter Braun: Von Blechtrommlern und Nestbeschmutzern: Deutsche Literaturgeschichte(n) nach 1945 (2010)

Peter Braun stellt sich auf seiner Homepage folgendermaßen vor: “gelernter Kfz-Mechaniker, arbeitet nach seinem Studium der Zahnmedizin als Publizist und freier Journalist.” Kennt jemand einen kürzeren Lebenslauf?  Und diese knappe, sofort auf den Punkt kommende Sprache zeichnet auch seine Einladung zum Entdecken der deutschsprachigen Literatur nach dem Zweiten Weltkrieg aus.

Insgesamt fünfzehn Schriftstellerinnen und Schriftsteller werden näher beleuchtet, und zwar in enger Verzahnung von Biografie, ihren wichtigsten Werken und der gesellschaftlich-politischen Großwetterlage. Das liest sich flott, durchaus zum Widerspruch anregend. Ich vermisste z. B. Elias Canetti, der immerhin 1981 den Nobelpreis für Literatur erhielt. Die Lyrik wird nur gestreift und Nelly Sachs gar nicht erwähnt (Nobelpreis 1966). Erich Kästner wird nur als Autor von Kinderbüchern und Lyriker vorgestellt. Kein Wort über seine Romane für Erwachsene. Leider werden auch keine Quellen angegeben.

Aber der herrlich unakademische, d. h. überaus lesbare Stil und die Fülle an Informationen machen das wett und vor allem eins: Lust, sofort mindestens zehn der genannten Romane zu lesen oder wiederzulesen.

Mein Neffe ist vier, also doch noch ein wenig zu jung für das Buch, aber egal, ich habe Brauns Band Von Taugenichts bis Steppenwolf schon neben mir liegen.

… viele Bücher der Weltliteratur wurden irgendwo, irgendwann von irgendwem untersagt. Das wohl erstaunlichste Buchverbot: 1998, Kalifornien. Zwei Schulen verwehrten ihren Schülern das Märchen Little Red Riding Hood, das Rotkäppchen der Gebrüder Grimm. Begründung: Im Korb mit Geschenken, den Rotkäppchen zur Großmutter trägt, liegt eine Flasche Wein. Dies würde die Schüler zum Trinken verleiten. (S. 53)

Und noch eine völlig irrelevante Fußnote meinerseits: Im Kapitel über Thomas Bernhard wird Hedwig Stavianicek nicht erwähnt, die der Dichter als seinen “Lebensmenschen” bezeichnete, dem er buchstäblich alles verdanke. Dieser Begriff geht angeblich auf Goethe zurück, dort noch in der Bedeutung “Mensch des Lebensgenusses”. 2008 dann wurde “Lebensmensch” in Österreich zum Wort des Jahres. “Dies war eine Folge seines hohen Verbreitungsgrades im Oktober 2008, als Stefan Petzner den kurz zuvor tödlich verunglückten Jörg Haider in den Medien unter Tränen als seinen „Lebensmenschen“ bezeichnet hatte.” (Wikipedia) Das hat Bernhard nicht verdient …

Peter Braun hat sich in Von Schatzinseln und weißen Walen (2011) auch der klassischen Abenteuerliteratur angenommen.