Sonntagsleserin – September 2014 (2. Teil)

Auch heute ein kleiner Rückblick auf die Beiträge diverser Literatur- und Fotoblogs in den letzten Wochen.

Zunächst die musikalische Einstimmung mit der Sammlung Almost like the Blues von Stefan auf Freiraum.

Unter anderem lag mal wieder die Frage in der Luft, was denn nun als ‘große Literatur’ anzusehen sei. Beiträge gab es sowohl beim Kaffeehaussitzer, bei Literaturen, Brasch und Buch als auch auf Buchpost.

Sehr gefreut habe ich mich, dass ich bei der schönen Serie Die liebsten Liebesgeschichten bei Dandelion mittun durfte. Die Reihe hat allerdings den Nachteil, dass ich da auch schon mehrere Titel entdeckt habe, die auf meine Liste wanderten.

Und wer lächelt nicht verständnisvollversonnen nach dem Artikel von Sophie über ungeordnete Bücherregale, in denen man ganz ungeplante Entdeckungen machen kann, und ihre zehn Buchempfehlungen für den Herbst?

Für die Wunschliste

Hier käme das Buch Die Obdachlosigkeit der Fische von Genazino in Frage. Birgit warnt auf Sätze&Schätze zwar vor “Melancholieansteckungsgefahr… Und dennoch: Sprachlich schön-eigenwilliger lässt sich Beobachtung von erdrückenden Alltagsnebensächlichkeiten kaum festhalten.”

Sabine von Binge Reading & More hat die Camus-Biografie von Radisch gelesen.

Das Friedrich-Schiller-Projekt macht nicht nur Lust, die Kulturgeschichte der Neuzeit von Friedell endlich zu lesen, sondern außerdem neugierig auf den Autoren.

Leseschatz schätzt Ein gutes Leben ist die beste Antwort von Friedrich Dönhoff, während Lesewelle Sie dreht sich um von Angelika Overath gelesen hat.

LiteraturZeit lenkte meinen Blick auf das Buch Der Besuch von Hila Blum.

Gazelleblockt verdanke ich den Hinweis auf die Tagebücher von Mihail Sebastian mit dem Titel Voller Entsetzen, aber nicht verzweifelt.

Für die Wunschliste auf Englisch

Booker Talk stellt uns Eric Faye und seinen Roman Nagasaki vor, in dem er die wahre Geschichte einer japanischen Obdachlosen verarbeitet, die nahezu ein Jahr lang unbemerkt ihr Quartier im Kleiderschrank eines alleinstehenden Mannes bezogen hatte.

Silver Threads hingegen empfiehlt Fidelity von Susan Glaspell, das 1915 veröffentlicht wurde. Auch die Beschäftigung mit der Autorin selbst dürfte interessant sein.

Zum Schauen und Staunen

Ein See, schön wie ein Gemälde, gefunden bei Lady Fi.

Muss man ja eigentlich gar nicht mehr erwähnen, weil ihr bestimmt schon jede/jeder folgt, dennoch: Die Zusammenstellung von Text und Bild zum Thema Hirschbrunft auf Von Orten und Menschen war mal wieder eine besondere Freude.

Und es gibt Neues von Steve McCurry: Diesmal trägt seine Fotoreihe den Titel Language of Hands.

Euch allen einen schönen Sonntag(abend), z. B. unter der Laterne von Stefan und einen klaren Blick aufs Wesentliche, z. B. bei MEERblick.

P1060578

Thomas Medicus: Heimat (2014)

Es war lange her, dass ich da gewesen war. Zwischen meinen früheren, spärlichen Besuchen waren meist Jahre vergangen. Dieses eine Mal, es war kurz vor Ostern, hatte mich mein Sohn überredet. Er wollte sehen, wo sein Vater geboren und aufgewachsen war, wollte das Grab seines Großvaters besuchen, den er nur aus Erzählungen kannte. ‘Aber lange bleiben wir nicht’, hatte ich unwirsch geantwortet, als er unvermutet seinen Wunsch äußerte, ‘nur ein paar Stunden, dann fahren wir weiter. Über Nacht bleiben wir da auf keinen Fall.’

So beginnt die Spurensuche des 1953 geborenen Journalisten und Autors

Thomas Medicus: Heimat – Eine Suche (2014)

Zum Inhalt

Gleich zu Beginn macht der Autor deutlich, wie wenig ihn in seine Heimatstadt Gunzenhausen zieht, wie radikal er sich von dem Städtchen in Mittelfranken distanziert hatte.

Außer einigen toten Seelen, die auf dem Friedhof, [...] ihren ewigen Schlaf schliefen, kannte ich dort niemanden mehr. Nein, das stimmte nicht, es lebten noch Freunde meiner Eltern da, Klassenkameraden, Leute, von denen ich die meisten seit meinem letzten Schultag nicht mehr gesehen hatte und auch nicht wiedersehen wollte. (S. 10/11)

Und beim Betrachten einer alten Schwarzweiß-Fotografie sinniert er düster vor sich hin:

Die Ansicht besitzt eine seltsame Atmosphäre, anheimelnd, aber auch erfüllt von einer furchtbaren Leere. Kein Mensch ist zu sehen, nicht einmal eine Katze, die träumend über die Kreuzung schleicht, kein Hund, der in der Morgensonne kauert, kein Auto, kein Fuhrwerk, nichts. Als ob bald etwas geschehe oder bereits geschehen sei, das keines Bildes wert oder schlicht nicht abzubilden ist. (S. 15)

Dabei war die Kindheit in der Provinz ganz ohne größere Schrecken oder familiäre Katastrophen verlaufen. Sowohl der Vater als auch der Großvater waren Ärzte gewesen. Über die nationalsozialistische Vergangenheit wurde, wie vermutlich überall in Deutschland, eher geschwiegen.

Es gab Vergangenheiten, an die man sich erinnerte und solche, an die man sich nicht erinnerte. (S. 31)

Über den Krieg wurde später sowohl gesprochen als auch nicht gesprochen, er hielt für Anekdoten her, das Beste am Krieg war, dass er vorbei war. In Belgien habe er viel Kuchen gegessen, erzählte der Vater einmal. (S. 31)

Dann kommt ein gewaltiger Zeitsprung. Einige Jahre nach der Wende liest Medicus Die Ausgewanderten von W. G. Sebald.

… als mich auf drei fast aufeinanderfolgenden Seiten der Name meines Geburtsortes ansprang wie ein bissiger Hund. Jäh wurde ein Zeitfenster aufgerissen, das den Blick auf etwas freigab, das wenig gemein hatte mit dem Netzhautbild meines uranfänglichen kindlichen Blicks. (S. 38/39)

So erfährt Medicus von einem der ersten Judenpogrome in Deutschland nach der sogenannten “Machtergreifung”. In Gunzenhausen kam es am 25. März 1934 zu gewalttätigen Übergriffen des Mobs auf jüdische Mitbürger.

Der Übergriff brachte die Stadt weltweit negativ in die Presse: New York Times, Manchester Guardian und das Neue Wiener Journal berichteten über die von mehreren hundert Gunzenhausenern begleiteten Gewaltakte der SA, welche die Ansbacher Richter im folgenden Prozess als „reinigendes Gewitter“ verharmlosten. Zwei jüdische Bewohner, der 65-jährige Privatier Max Rosenau und der 30-jährige Kaufmann Jakob Rosenfelder, kamen unter bis heute nicht geklärten Umständen ums Leben. 24 SA-Mitglieder, die sich an den Ausschreitungen beteiligt hatten, wurden von der NS-Justiz freigesprochen und später von der Bundesrepublik amnestiert. Der Hauptinitiator des Pogroms, SA-Obersturmführer Kurt Bär, erschoss im selben Jahr, bereits einen Monat nach seiner Verurteilung, einen jüdischen Gastwirt und verletzte dessen Sohn schwer. Beide hatten vor dem Landgericht Ansbach gegen ihn ausgesagt. Bär wurde zu lebenslanger Haft verurteilt, jedoch bereits nach drei Jahren begnadigt. (Wikipedia-Eintrag, abgerufen am 3. September 2014)

Der zweite Anstoß für die Spurensuche in der Provinz ergibt sich, als der Autor aus einem seiner Bücher in der Gunzenhausener Stadtbibliothek liest. Er erfährt, dass sein Großvater als Gutachter in dem Prozess fungierte, der nach dem Pogrom stattfand. Zusammen mit einem Kollegen musste er die beiden jüdischen Männer obduzieren, die damals ums Leben gekommen waren. Man kann wohl davon ausgehen, dass den beiden Ärzten die “Diagnose” Selbstmord nahegelegt worden war.

Doch der ausschlaggebende Impuls kommt 2009, als er erfährt, dass J. D. Salinger, der Autor von The Catcher in the Rye, als Soldat 1944 nach Europa gekommen ist. Er habe

an vorderster Front gekämpft, während der letzten Kriegsmonate auch in Bayern, sei dort an der Befreiung des Konzentrationslagers Dachau beteiligt gewesen und wenige Monate nach Kriegsende in einem Nürnberger Hospital aufgrund einer ‘Battle Fatigue’, eines Nervenzusammenbruchs als Folge des Kriegs, ärztlich behandelt worden. Nach seiner Entlassung aus dem Hospital sei Salinger aus der Armee ausgeschieden, habe aber weiterhin für den sogenannten CIC [den Nachrichtendienst der US-Armee] als Zivilist gearbeitet. [...] Als CIC-Agent sei er auch nach G. gekommen. Seine Aufgabe sei es gewesen, Entnazifizierungsmaßnahmen durchzuführen und untergetauchte Kriegsverbrecher aufzuspüren. (S. 85)

Das ist die Initialzündung: Medicus recherchiert zum einen die Kriegserlebnisse Salingers, seinen Aufenthalt in Gunzenhausen und seine kurze Ehe mit einer Deutschen und spekuliert darüber, inwieweit Salingers traumatische Erlebnisse während des Weltkrieges für seinen späteren Rückzug aus der Öffentlichkeit verantwortlich sein könnten.

Ohne ihn [gemeint ist Salinger], diesen vielfach gebrochenen Helden, hätte ich es nie gewagt, mich in das Labyrinth zu begeben, das mich noch Jahrzehnte, nachdem ich G. verlassen hatte, immer wieder im Traum heimsuchte. Salinger war meine Leitfigur, ich brauchte ihn, wie ein Sohn seinen Vater braucht. Unsere Kreise überschnitten sich, und der zeitliche Abstand betrug wenige Jahre. (S. 179)

Zum anderen widmet sich Medicus akribisch dem Verlauf der Enteignung, der Entrechtung und der Vernichtung der jüdischen Bürger in Gunzenhausen. Er zitiert aus Protokollen und Zeitungsberichten, Täter, Rädelsführer und Opfer bekommen ein Gesicht und einen Namen.

Fazit

In den Abschnitten, in denen Medicus über sich und seine Familie redet, fand ich die Sprache hölzern. Alles sehr distanziert, “die Großmutter”, “der Vater”, manchmal bis zur völligen Unverständlichkeit.

Eines Tages war der Vater verschwunden. Ein Jahr nachdem er tot zurückgekehrt war. (S. 38)

Der Selbstmord des Vaters – würde der nicht auch in eine Auseinandersetzung mit dem eigenen Heimatbegriff hineingehören?

Und die beklemmende Düsternis dieser Kindheitsprovinz wird behauptet, doch nie anschaulich gemacht.

… bedeutungslose Dinge besaßen hier eine Bedeutung, von der ich damals nichts ahnte. Der Gitterzaun um die Synagoge, der sich in meine Netzhaut eingebrannt hat, weil ich jahrelang daran vorbeigelaufen bin, war nicht bloß ein Gitterzaun, der im Laufe der Kindheits- und Jugendjahre immer rostiger wurde. Er war das heimliche Symbol einer infamen Lokalgeschichte, von der ich nichts wusste, schon gar nicht, dass meine Familie in Gestalt meines Großvaters darin verwickelt war. In G. gab es keine Unschuld, nur die Vortäuschung der Unschuld. Die Nachkriegskinder gingen tagein, tagaus ahnungslos über einen doppelten Boden.

Erst mit der Zeit wurde mir klar, dass die kleine Stadt über Jahrzehnte hinweg ein großes, furchtbares, dunkles kollektives Geheimnis  geborgen hatte. (S. 82)

Das finde ich erstaunlich, denn welche Stadt in Deutschland wäre frei von nationalsozialistischen Verbrechen geblieben? Und gerade über diesen doppelten Boden hätte ich gern mehr gelesen. Was macht der mit den Tätern, den Mitläufern, den Kindern, den Enkeln?

Trotz der akribischen Recherche – wobei leider offen bleibt, was genau davon er eigentlich selbst ans Licht befördert hat – habe ich mich über weite Strecken gelangweilt. Die Auseinandersetzung des Autors mit seiner Heimat fand ich banal und oberflächlich. Provinzielle Enge und das Verschweigen der nationalsozialistischen Vergangenheit waren für viele “normal”, doch zur literarischen Umsetzung hätte für mich mehr gehört, als die einfach zu konstatieren.

Ich fand es arg melodramatisch, dass Medicus erst nach seinem Besuch in Cornish, dem Rückzugsort Salingers, “den Mut aufbrachte”, das Haus seiner Kindheit

an das ich mich zuvor nur im Schutz der Dunkelheit herangewagt hatte, am helllichten Tag in Augenschein zu nehmen. (S. 180)

Mein Haupteinwand: Ich konnte die Verbindungslinien zwischen Progrom, Salinger und der Familie des Autors nicht nachvollziehen, sie schienen mir künstlich herbeigeschrieben. Denn auch wenn Salinger ein halbes Jahr in Gunzenhausen tätig war, es bleibt völlig offen, ob und was er dort herausgefunden hat. Und dass die Großvätergeneration involviert war, ist nun keine wirklich bahnbrechende Erkenntnis.

Lesenswert hingegen fand ich die Kapitel, die sich mit Gunzenhausen während des Nationalsozialismus beschäftigen. Zeitlos wichtig. Bedrückend, beklemmend. Ein Stück Aufklärung, bei dem Täter und Opfer wieder ein Gesicht bekommen.

Zumindest für Medicus hat sich die Spurensuche gelohnt, für mich als Leserin wohl weniger.

Ich war kein Heimatgefangener mehr, wenigstens hoffte ich das. Immerhin war meine Flucht beendet. Ich war stehen geblieben. Wie weit ich auch fortgegangen war, unbemerkt von mir selbst war ich viel fester verwurzelt geblieben, als ich es mir je eingestanden hatte. Wer besinnungs- und haltlos auf der Flucht ist, bleibt erst recht an das gebunden, wovor er flüchtet. (S. 160)

Und zu seiner großen Überraschung stellt er fest, dass Gunzenhausen gar keinen aktuellen Retter aus der  Geschichtsvergessenheit gebraucht hat. Die Aufklärung über und die Auseinandersetzung mit der Zeit des Nationalsozialismus hatten dort Mitte der achtziger Jahre begonnen, sodass Medicus von den hiesigen Rechercheergebnissen immens hat profitieren können. Die Provinz habe das Provinzielle – zumindest in diesem Fall – hinter sich gelassen.

Anmerkungen

Hier die Besprechung aus der TAZ und hier geht’s lang zur Würdigung in der ZEIT.

Arthur Schnitzler: Später Ruhm (1894)

Herr Eduard Saxberger kam vom Spaziergang nach Hause und schritt langsam die Stiege zu seiner Wohnung hinauf. Es war ein schöner Wintertag gewesen, und gleich nach Schluss der Amtsstunden hatte sich der alte Herr, wie er es gerne zu tun pflegte, auf den Weg gemacht und war in der frischen Luft herumgebummelt, recht weit über die Vororte hinaus zu den letzten Häusern. Er war müde geworden und freute sich auf sein freundliches, warmes Zimmer.

So beginnt die erst posthum veröffentlichte Novelle des österreichischen Dramatikers und Schriftstellers

Arthur Schnitzler: Später Ruhm (1894)

- veröffentlicht im Zsolnay Verlag

Zum Inhalt

Herr Saxberger, ein älterer, noch im Arbeitsleben stehender Beamter um die 70 Jahre, bekommt eines Tages Besuch von einem jungen Mann. Dieser stellt sich vor als der Schriftsteller Wolfgang Meier. Er sei der Gesandte des literarischen Zirkels Begeisterung.

‘Es ist ein Kreis junger Schriftsteller, die sich seitab von der großen Heerstraße halten. Wenn ich Ihnen die Namen derselben sagte, würde Ihnen nicht viel geholfen sein. Man kennt diese Namen heute noch nicht. Wir sind einfach Künstler, nichts weiter als das, und unsre Zeit wird kommen.’ Herr Meier sprach diese Worte ruhig, aber entschieden aus. (S. 10)

Die Mitglieder dieses Kreises würden sich glücklich und geehrt schätzen, wenn sie denn einmal die Bekanntschaft des von ihnen so verehrten Meisters Saxberger machen dürften.

‘Das junge Wien bittet Sie, durch mich seine ehrfurchtsvollen Grüße und seinen Dank entgegenzunehmen. (S. 11)

Saxberger hatte vor mehreren Jahrzehnten eine Gedichtsammlung, die Wanderungen, veröffentlicht und ist nun verwirrt, gerührt und geschmeichelt, dass seine Texte tatsächlich noch gelesen werden, die er selbst schon fast vergessen  hatte. Denn berühmt war er nie und geschrieben hat er schon Jahrzehnte lang nichts mehr.

Im Grunde war er bis zu dem Erscheinen Meiers mit seinem Leben als rüstiger Junggeselle und seinen Abenden im Gasthaus, die er mit alten und künstlerisch desinteressierten Freunden verbringt, völlig zufrieden gewesen, doch dieser unerwartete Besuch bringt ihn ganz durcheinander.

Noch nie hatte er so tief empfunden, dass er ein alter Mann war, dass nicht nur die Hoffnungen, sondern auch schon die Enttäuschungen weit hinter ihm lagen. Ein dumpfes Weh stieg in ihm auf. Er legte das Buch weg, er konnte nicht weiterlesen. Er spürte, dass er schon lange auf sich selbst vergessen hatte. (S. 19)

Doch nun lässt er sich überreden, die jungen und allesamt unbekannten hoffnungsvollen Kaffeehaus-Schriftsteller aufzusuchen. Sie schmeicheln ihm und bald schon fühlt sich der alte Herr bei ihnen, denen die Kunst so wichtig zu sein scheint, wohler als mit seinen prosaischen Freunden. Über Arroganz, Dünkel und Eifersüchteleien, die ihn hellhörig machen müssten, geht er hinweg. Zu sehr gefällt ihm die Rolle des Meisters, des unerkannten Genies, die ihm die anderen quasi auf den Leib schneidern.

Ein Lesungsabend wird geplant, um den Zirkel bekannter zu machen. Auch Saxberger wird gebeten, ein neues Werk beizusteuern, das dann von einer Schauspielerin gelesen werden soll.

Der alte Mann muss sich eingestehen, dass seine dichterische Ader versiegt ist, nichts, aber auch gar nichts fällt ihm ein. Also vereinbart man, dass eines seiner alten Gedichte vorgetragen wird. Der Abend der Lesung wird in mancherlei Hinsicht anders für Saxberger verlaufen als geplant und gehofft.

Fazit

Das mit “Novelle” bezeichnete Werk umfasst nur 135 Seiten. Es entstand 1894 und wurde 40 Jahre später ins Reine geschrieben und doch erst 2014 veröffentlicht. Wie schön, dass es jetzt doch noch seinen Weg zum Leser gefunden hat. Manche Happy Ends sind billig, das Happy End im Späten Ruhm jedoch nicht. Ich habe dem alten Mann, der noch einmal ungeschoren davongekommen ist, das herzhafte Lachen am Schluss gegönnt.

Es geht hier keineswegs nur um die Probleme, als junger Künstler wahrgenommen zu werden, oder um die egoistische und berechnende Speichelleckerei der jungen Möchtegerndichter, sondern auch um die grundsätzliche Verführbarkeit des Menschen, der gern manches übersieht, was nicht stimmig und echt ist, wenn man nur seiner Eitelkeit schmeichelt, seinem Bedürfnis, zu den “Erwählten”, den Besonderen, zu gehören.

Die Warnung in den Worten Meiers, die in ihrer Überheblichkeit jeden Gruppendünkel entlarven, gilt heute wie damals.

Talentlos [...] nennen wir im Allgemeinen diejenigen, welche an einem andern Tische sitzen als wir. (S. 39)

Geschrieben in einer zarten, altmodisch eleganten Sprache. Alles in allem: Gern gelesen.

Anmerkungen

In diesem Fall lohnt sich ein Blick in den Wikipedia-Artikel, der einen guten Einstieg in die umstrittene Veröffentlichungsgeschichte und Rezeption des Werkes ermöglicht. Keineswegs handele es sich bei der Novelle um einen Sensationsfund, die Geschichte war seit Jahrzehnten in der Nachlassforschung zu Schnitzler bekannt (siehe dazu das Interview mit Konstanze Fliedl).

Daniela Strigl legt in der Welt dar, dass der Zolnay Verlag die Werbetrommel womöglich ein wenig unlauter gerührt habe, was nichts daran ändert, dass das Werk selbst durchaus lesenswert sei.

Das meint Hans-Jost Weyandt im Spiegel und das sagt Judith von Sternburg in der Frankfurter Rundschau.

Hier stellt Iris Radisch das Buch in ihrer Video-Reihe vor.

Sonntagsleserin – September 2014

Mal wieder Zeit, einen Blick auf die Blog-Beiträge  der letzten Wochen zu werfen.

Der Deutsche Buchpreis

Mara von Buzzaldrins Bücher las April von Klüssendorfer und Zwei Herren am Strand von Köhlmeier.

Claudia vom Grauen Sofa las Panischer Frühling von Leutenegger.

Masuko13 empfiehlt Kruso von Seiler, ebenso der Leseschatz.

Birgit von Sätze&Schätze las Koala von Bärfuss.

Dazu die Hinweise auf die Shortlist des Man Booker Prizes, z. B. auf popkulturschock, und auf die Hotlist 2014 zu den zehn besten Büchern unabhängiger Verlage, z. B. auf dem Blog Seitengang.

Wem das noch nicht reicht, hier geht’s lang zur Shortlist des Victorian Premier’s Literary Awards for Indigeneous Writing.

Für die Wunschliste

Inspiriert von Peggys kurzweiliger Reise durch die schottische Geschichte auf ihrem Blog Entdecke England (hier der erste Beitrag aus der Reihe) setze ich mir A History of Scotland – A look behind the mist and myth of Scottish history von Neil Oliver auf die Liste.

Bücherrezension weckt Neugier auf Ein letzter Sommer von Steve Tesich.

Sätze&Schätze legt mit Es muss nicht immer Kaviar sein von Simmel einen Gang ans elterliche Bücherregal nahe.

Die Leserin hat den letzten Brenner-Roman Brennerova von Wolf Haas gelesen.

Glitzernde Wörter mochte Ende der Sommerzeit von Jens Sparschuh.

Wolfgang Schiffer setzt mir die Romane des Isländers Pétur Gunnarsson auf die Liste.

Tony’s Book World erwischt mich bei einer schwachen Stelle, nämlich alten Kriminalromanen. Er stellt Vera Caspary und ihren bekanntesten Roman Laura von 1943 vor.

Mehrere englischsprachige Blogs empfehlen The Paying Guests von Sarah Waters, z. B. Shelf Love.

Und eine größere Leseherausforderung scheint das Werk Lanark von Alasdair Gray darzustellen, vorgestellt auf Kaggsy’s Bookish Ramblings.

Fotos

Auf Freiraum gibt’s Dockland at Night und Places Unknown hat sich Notre Dame von außen beschaut.

Seerosen sind aber auch schön, z. B. bei Through my Lens.

Echoes of the Past lädt mit ihrem Foto einer verlassenen Herrenhausruine ein, mal innezuhalten.

Rule Britannia macht auf einen kleinen, feinen Film aufmerksam, der zeigt, wie London im 17. Jahrhundert ausgesehen haben könnte.

Von Orten und Menschen lockt uns ans Meer, während Lady Fi mich mit ihren traumhaften Mohnblumen begeistert. Hinreißend wie immer die wilde Heide bei Walking with a smacked Pentax. Hier will ich hin, sofort.

Ob man sich auf diesen von der Literatur inspirierten Bänken wohl auch gemütlich hinsetzen kann?

Norwegen, auch so eine Sehnsuchtslandschaft, diesmal mit Rentieren bei Bente Haarstad.

Mein Lieblingsbild stammt diesmal wohl von Michael Lewis Glover. Unbedingt auch die größere Ansicht anklicken.

P1050524