Sonntagsleserin – September 2014

Mal wieder Zeit, einen Blick auf die Blog-Beiträge  der letzten Wochen zu werfen.

Der Deutsche Buchpreis

Mara von Buzzaldrins Bücher las April von Klüssendorfer und Zwei Herren am Strand von Köhlmeier.

Claudia vom Grauen Sofa las Panischer Frühling von Leutenegger.

Masuko13 empfiehlt Kruso von Seiler, ebenso der Leseschatz.

Birgit von Sätze&Schätze las Koala von Bärfuss.

Dazu die Hinweise auf die Shortlist des Man Booker Prizes, z. B. auf popkulturschock, und auf die Hotlist 2014 zu den zehn besten Büchern unabhängiger Verlage, z. B. auf dem Blog Seitengang.

Wem das noch nicht reicht, hier geht’s lang zur Shortlist des Victorian Premier’s Literary Awards for Indigeneous Writing.

Für die Wunschliste

Inspiriert von Peggys kurzweiliger Reise durch die schottische Geschichte auf ihrem Blog Entdecke England (hier der erste Beitrag aus der Reihe) setze ich mir A History of Scotland – A look behind the mist and myth of Scottish history von Neil Oliver auf die Liste.

Bücherrezension weckt Neugier auf Ein letzter Sommer von Steve Tesich.

Sätze&Schätze legt mit Es muss nicht immer Kaviar sein von Simmel einen Gang ans elterliche Bücherregal nahe.

Die Leserin hat den letzten Brenner-Roman Brennerova von Wolf Haas gelesen.

Glitzernde Wörter mochte Ende der Sommerzeit von Jens Sparschuh.

Wolfgang Schiffer setzt mir die Romane des Isländers Pétur Gunnarsson auf die Liste.

Tony’s Book World erwischt mich bei einer schwachen Stelle, nämlich alten Kriminalromanen. Er stellt Vera Caspary und ihren bekanntesten Roman Laura von 1943 vor.

Mehrere englischsprachige Blogs empfehlen The Paying Guests von Sarah Waters, z. B. Shelf Love.

Und eine größere Leseherausforderung scheint das Werk Lanark von Alasdair Gray darzustellen, vorgestellt auf Kaggsy’s Bookish Ramblings.

Fotos

Auf Freiraum gibt’s Dockland at Night und Places Unknown hat sich Notre Dame von außen beschaut.

Seerosen sind aber auch schön, z. B. bei Through my Lens.

Echoes of the Past lädt mit ihrem Foto einer verlassenen Herrenhausruine ein, mal innezuhalten.

Rule Britannia macht auf einen kleinen, feinen Film aufmerksam, der zeigt, wie London im 17. Jahrhundert ausgesehen haben könnte.

Von Orten und Menschen lockt uns ans Meer, während Lady Fi mich mit ihren traumhaften Mohnblumen begeistert. Hinreißend wie immer die wilde Heide bei Walking with a smacked Pentax. Hier will ich hin, sofort.

Ob man sich auf diesen von der Literatur inspirierten Bänken wohl auch gemütlich hinsetzen kann?

Norwegen, auch so eine Sehnsuchtslandschaft, diesmal mit Rentieren bei Bente Haarstad.

Mein Lieblingsbild stammt diesmal wohl von Michael Lewis Glover. Unbedingt auch die größere Ansicht anklicken.

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Lukas Bärfuss: Koala (2014)

Man hatte mich in meine Heimatstadt geladen, damit ich einen Vortrag über einen deutschen Dichter halte, der zweihundert Jahre früher, an einem Tag im November, am Wannsee in Berlin eine Mulde gesucht und danach seiner Freundin Henriette Vogel ins Herz und schließlich sich selbst eine Kugel in den Rachen geschossen hatte.

So beginnt das Buch des bekannten Schweizer Dramatikers, das 2014 auf der Longlist zum Deutschen Buchpreis stand.

Ein großes Dankeschön an Claudia vom Grauen Sofa und an den Verlag, die mir ein Exemplar zur Verfügung stellten.

Lukas Bärfuss: Koala (2014)

- erschienen im Wallstein Verlag

Zum Inhalt

Der Inhalt ist rasch umrissen: Ungefähr sechs Monate nach der Lesung in seiner Heimatstadt erhält der Ich-Erzähler die Nachricht, dass sich sein Halbbruder umgebracht habe. Zu Lebzeiten des Bruders war der Kontakt zwischen den Brüdern – beide längst erwachsene Männer – bestenfalls sporadisch.

Wir hatten selten Gelegenheit, uns zu sehen; mein Bruder bewegte sich kaum aus jener Stadt heraus, die ich dreiundzwanzig Jahre früher nicht ganz freiwillig verlassen und seither gemieden hatte. Wir führten verschiedene Leben, außer der Mutter und einigen nicht ausschließlich angenehmen Kindheits- und Jugenderinnerungen teilten wir wenig, und gewöhnlich reichten uns zwei Stunden, um der still empfundenen Verpflichtung, sich als Brüder nicht ganz aus den Augen zu verlieren, Genüge zu tun. (S. 6)

Durch den Selbstmord – mit einer Überdosis Heroin – wird der Bruder auf einmal zum Thema im Leben des Erzählers, wie er es vorher wohl nie gewesen war. Das ist zunächst auch ein Ärgernis.

Man wurde mit einem Selbstmörder nicht fertig, niemals. Daran entzündete sich mein Zorn, ich war wütend, dass ich mich nicht mit den Kindern an den Gämsen erfreuen konnte, die hoch oben von Fels zu Fels sprangen, sondern stets von neuem in den Mahlgang der Gedanken gezwungen wurde. (S. 25)

Der Ich-Erzähler hofft, mit anderen ins Gespräch zu kommen, die auf ähnliche Weise einen Menschen verloren haben, doch er trifft eher auf betretenes Schweigen. Auch der Blick in die Literatur hilft ihm bei der Suche nach den Gründen nicht weiter. Er kann im Suizid seines Bruders keinen heroischen Akt erkennen, in dem sich der freie Wille ausdrücke, sondern sieht darin zunächst eine Niederlage, ein Scheitern auf ganzer Linie.

Also begibt er sich selbst auf eine Art Spurensuche, die führt jedoch nicht, wie man vielleicht zunächst vermuten könnte, über Gespräche mit Freunden oder Familienmitgliedern des Verstorbenen oder über dessen frühere Heroinsucht, sondern über die Annäherung an den Spitznamen des Bruders, sein Totem, das ihm als Kind während einer – zumindest imaginiert der Ich-Erzähler das so – Angst einflößenden Initiationszeremonie bei den Pfadfindern zugesprochen wurde, dem Koala.

Und so spielen über 70 der insgesamt 182 Seiten gar nicht in der Schweiz. Stattdessen erleben wir im Zeitraffer die Unabhängigkeitsbestrebungen Amerikas, die Kolonialisierung Australiens und seine brutalen und energischen Anfänge als Sträflingskolonie mit, bis der Koala von den Weißen entdeckt und schließlich fast ausgerottet wird.

Fazit

Ich mochte die klare, präzise Sprache, allerdings weniger den Manierismus, Orte und Menschen nicht zu benennen. Der Bruder bleibt namenlos, genauso wie Thun, die Heimatstadt der Brüder, der Dichter Kleist oder die Band, deren Lied bei der Trauerfeier gespielt wird.

Nicht nur inhaltlich, auch sprachlich zerfällt das Buch. Der erste Teil, der sich mit den nur spärlich erläuterten Lebensumständen des Bruders und den Reaktionen, Erinnerungen und Deutungsversuchen des Erzählers beschäftigt, wirkt unterkühlt, fast teilnahmslos, berichtartig. Zwar heißt es, dass schon der Besuch in der alten Heimat dazu führe, dass die Sätze verklumpen und man alles vermeide, “was geschmeidig, anmutig oder gebildet erscheinen könnte.” (S. 18) Doch warum muss der Leser das ausbaden?

Der rasante Ritt durch die bitteren Anfänge der Besiedlung Australiens durch die Engländer, bei dem wir in vielerlei Schicksale kurz, aber intensiv hineinblicken, hingegen war mitreißend prägnant formuliert. Selbst kurze Szenen wirkten lebendiger als die in der Gegenwart angesiedelte Handlungs- bzw. Reflexionsebene. Bärfuss hat für diesen geschichtlichen Part gründlich recherchiert und z. B. Tagebuchaufzeichnungen des Ralph Clark verwendet.

Doch die inhaltlichen Fäden, die diese beiden Teile miteinander verband, die fand ich zu dünn, nicht belastbar genug. Der Ich-Erzähler bleibt für mich den Nachweis schuldig, dass der Selbstmord seines Bruders sich mit der Metapher des Beuteltieres erklären lässt. Trotz der Parallelen, die er meint gefunden zu haben, z. B. in der Provokation, die die Verkörperung der Faulheit und die Abwesenheit jeglichen Ehrgeizes für den normalen Menschen darstelle.

Es leuchtet ein, wie wenig dieses Tier sich bewegen kann und dass es seinem Baum verbunden bleiben muss, weil das Material, mit dem es seinen Organismus in Gang zu halten versucht, Dreck ist. Mit dieser Nahrung lassen sich keine großen Sprünge machen, das Tier muss sesshaft und ruhig bleiben, den Metabolismus bis an die Grenzen des Stupors drosseln. (S. 158)

Der Tod des Halbbruders wird mit einer Bedeutung aufgeladen, die er vielleicht gar nicht hatte. Sie wird einfach behauptet. Kein Wort dazu, warum der Bruder früher heroinabhängig war oder seit wann er clean war. Die Brüder-Beziehung war problematisch. Die Schuld daran gibt der Erzähler vor allem seinem Bruder, der eben schwierig gewesen sei. Letztlich konnte er dessen Lebensentwurf – so denn von einem gesprochen werden kann – nie akzeptieren und regt sich noch nach dessen Tod auf, dass er von ihm einen wertlosen Haufen alter Comics geerbt hat.

Seinen Geschmack hielt er für unfehlbar, er gab vor, sich stets für das Beste zu entscheiden, was lächerlich und peinlich war, weil er sich nicht einmal das Zweit- oder Drittbeste leisten konnte. Seine Comics pflegte er mit einer Sorgfalt, als wären es nicht Billighefte vom Bahnhofskiosk, sondern Inkunabeln. [...] Ausgerechnet die hatte er mir vermacht, eine schwere Kiste alberner Bildergeschichten, die einen höchstens schlichten Geschmack bewiesen. (S. 40)

Ich fand es unbefriedigend, dass der Erzähler die Möglichkeit, andere dem Bruder nahestehenden Menschen zuzuhören, so rasch verworfen hat. Da hat er sich die Spurensuche vielleicht doch ein bisschen einfach gemacht.

Natürlich hätte ich mich an seine Freunde, seine Familie wenden können, aber warum sollten sie sich nicht auch in den Anekdoten verlieren und beschönigende Erinnerungen kolportieren [...] Ich hielt es nicht für möglich, dass jemand ehrlich mit sich war, aber ich machte niemandem einen Vorwurf. Jeder versuchte, sich von der Schuld zu entlasten, um weiterleben zu können. (S. 54)

War der Erzähler zunächst der Meinung, dass keine Moral aus dem Selbstmord des Bruders zu ziehen sei, so ändert sich das im Laufe der Geschichte. Ein bisschen verquast heißt es dann:

Ich fand einen Begriff für jenes Gefühl, das mich seit dem Tod des Bruders gefangen hielt, und ich nannte das Gefühl Einsamkeit. Ich fand sie bald in allem, nicht nur im Leben des Bruders, in jedem Leben, in meinem eigenen, in den Leben, die ich teilte und betrachtete. Ich erkannte in der Einsamkeit den Preis und die Strafe, ich sah, wie diese Einsamkeit zunahm unter meinen Freunden. Ich erkannte darin die Krankheit meiner Zeit, die Ursache des Unglücks, das jeder, der ein offenes Herz hatte, empfinden musste. Am Ende war jeder allein, das spürte ich, und ein Ende gab es alle Tage. (S. 37)

Später betrachtet der Erzähler den Selbstmord von einer gesellschaftskritischen Warte:

Die gängigen Tugenden, nach denen auch ich lebte, Fleiß, Strebsamkeit, Ehrgeiz, bewahrten jedenfalls nicht vor dem Unausweichlichen. [...] wenn ich mir die Welt ansah, die durch diese Taten geformt war, dann fand ich nicht viele Argumente, die für den Ehrgeiz und den Fleiß sprachen, und ich konnte nicht ausschließen, dass diese Welt friedlicher gewesen wäre, wenn sich mehr Menschen an die Prinzipien meines Bruders gehalten hätten. Wenn sie sich berauscht und ohne Ambition ihre Tage hätten verstreichen lassen, für sich nur das Nötigste in Anspruch genommen hätten, einen Besitz, dessen Auflistung auf anderthalb Seiten Platz fand und in einer guten Stunde unter den Freunden verteilt war. (S. 55)

Ja, am Schluss wächst sich das Buch zu einer Deutung dessen aus, weshalb Arbeit in unserer Gesellschaft einen so hohen Stellenwert genießt. Doch am Ende weiß ich immer noch zu wenig über den namenlosen Bruder, der hier weniger als eigenständige Person wichtig ist, sondern eher als Grund herhalten muss, über den gesellschaftlichen Zusammenhang von Angst, Arbeit, Fleiß und Faulheit nachzudenken. Und allen Selbstmördern wird die Aufgabe der Gesellschaftskritik quasi im Nachhinein auferlegt.

Die Medizin gegen die Angst war der Fleiß. [...] Die Arbeit war keine Strafe mehr, sie war zur einzigen Tätigkeit geworden. Die Faulheit wurde ausgelöscht und vergessen, ihre Geschichten, ihre Segnungen, ihre Blüten, ihre Verse und Lieder. [...] Der Mensch hatte die Welt zu einem Arbeitsplatz gemacht. (S. 168)

Der Erzähler hingegen hat seine Antwort auf die Frage gefunden, “weshalb man es scheute, über den Selbstmord zu reden.” Aber auch diese Antwort wird einfach behauptet, geglaubt habe ich ihr nicht.

Anmerkungen

Hier geht’s lang zur Besprechung von Sophie auf ihrem Blog Literaturen und das sagt Birgit von Sätze&Schätze.

Roman Bucheli formulierte in seiner Besprechung in der NZZ einen eher zwiespältigen Eindruck, während Ina Hartwig ihrem Unmut in der ZEIT freien Lauf ließ: “Zwischendrin verliert der englische König den Verstand – und der Leser den Überblick.”

Jens Bisky bemängelt in der Süddeutschen Zeitung vom 24. April besonders den dritten Teil des Werks, das er ohnehin nicht als Roman anerkennt. “Eine kulturkritische Sonntagspredigt zerstört das schöne Schweben zwischen Natur- und Zivilisationsgeschichte, bietet ein paar verrostete Schlüssel, um den Sinn der Episoden zu erschließen, obwohl der Autor doch weiß, dass all die Augenblicke keinen Sinn, keine Moral bereithalten.”

Lake District 2014 – Teil 5

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There was no place in the world for open country like this stretch of ground in Northern England and Scotland, for it was man’s country: it was neither desert nor icy waste; it had been on terms with man for centuries and was friendly to man. The hills were not so high that they despised you; their rains and clouds and becks and heather and bracken, gold at a season, green at a season, dun at a season, were yours, the air was fresh with kindliness, the running water sharp with friendship, and when the mist came down it was as though the hill put an arm around you and held you even though it killed you. For kill you it might. There was no sentimentality here. It had its own life to lead and, as in true friendship, kept its personality. It had its own tempers with the universe and, when in a rolling rage, was not like to stop and inquire whether you chanced to be about or not. (Hugh Walpole: Rogue Herries)

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‘I appeal to you, sir [...] this is a handsome country, but it rains unduly.’
‘It would not be so handsome a country,’ said Harcourt, ‘ did it not rain so frequently.’ (Hugh Walpole: Rogue Herries)

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Gertrud Leutenegger: Panischer Frühling (2014)

An jenem Morgen im April, als auf einmal vollkommene Stille im Luftraum über London herrschte, lief ich zum Trafalgar Square. Der Platz lag noch im Schatten, nur hoch oben auf seiner Säule, in unerreichbarer Einsamkeit stand Lord Nelson schon im Sonnenlicht. Sein Dreispitz wirkte schwarz vor dem Himmel, der von solcher Bläue war, daß es unglaublich erschien, wie eine Aschewolke dieses isländischen Vulkans den europäischen Luftverkehr lahmgelegt hatte.

So beginnt der Roman der 1948 geborenen Schweizer Schriftstellerin

Gertrud Leutenegger: Panischer Frühling (2014)

- erschienen im Suhrkamp Verlag

Herzlich bedanke ich mich bei Claudia vom Grauen Sofa und beim Verlag für die Bereitstellung des Buches, das dieses Jahr auf der Longlist für den Deutschen Buchpreis steht.

Zum Inhalt

Eine ältere Frau hält sich auf unbestimmte Zeit in London auf. Auf ihren Streifzügen durch die frühlingshafte Stadt und ihre Parks und an der Themse entlang trifft sie eines Tages einen jungen Mann mit einer fürchterlich entstellten Gesichtshälfte, der auf der London Bridge die Obdachlosen-Zeitung verkauft. Sie kommen ins Gespräch und erzählen einander bei den folgenden Begegnungen aus ihrer Kindheit.

Für ihn war das Haus seiner Großmutter in Penzance in Cornwall ein behüteter Hafen, wo ihm die Quälereien der anderen Kinder nichts anhaben konnten. Sie hingegen erinnert sich immer wieder an das große alte Pfarrhaus, in dem sie jedes Jahr mit ihrer Familie die Sommerferien bei ihrem Onkel und den zwei unverheirateten Tante verbrachte.

Dabei verweben sich für die Ich-Erzählerin ihre London-Impressionen, die Geschichten des jungen Mannes und ihre eigenen Erinnerungen und Träume zu einem Teppich der schwebenden Gleichzeitigkeit.

Nicht mehr die Eicheninseln kreisten auf dem Fluß, sondern jenes lindengrüne Waldzimmer, und mit ihm der ganze Pfarrhof, der rote Saal, das blaue Kabinett, die Laube, Julihitze und helle Nächte. Allein in einer der am dichtesten bevölkerten Städte der Welt, war mir mit einem Mal, als sei ich vielleicht in jenem stets nur für einen Sommer geliehenen Haus, gerade wie kein anderes von der unerbittlich ablaufenden Zeit bedroht, am geborgensten gewesen. (S. 12)

Auch das London der Vergangenheit ist für die Frau gegenwärtig oder sollte man lieber sagen, sie ist empfänglich und durchlässig für die entsprechenden Schwingungen?

Ich versuchte, die Menschen am Südende der London Bridge zu erkennen, aber sie wirkten wie Scherenschnitte im Gegenlicht. Ihre Umrisse kippten ins Wasser und vermengten sich mit den Schatten derjenigen, die in früheren Jahrhunderten hier vorübergeeilt waren, betäubt vom Gestank des fauligen Flusses, in den alle Abwässer Londons gepumpt wurden, und bis zur Übelkeit erregt vom penetranten Fischgeruch, selbst die seidenen Taschentücher, welche sich die Parlamentsmitglieder auf ihrem Weg nach Westminster an die Nase preßten, waren nutzlos. (S. 24)

Der junge Mann wird für die Frau immer wichtiger, scheint er doch in London der einzige zu sein, mit dem sie so vertraute Gespräche führt.

Sein verschwenderisches Erzählen hatte eine solche Weite des Vertrauens geschaffen, in der ich mich nicht nur zugelassen, sondern sogar aufgenommen fühlte. Nie wie in solchen Augenblicken werden, wenigstens für kurze Zeit, die Gespenster der Welt beschwichtigt. (S. 46)

Allerdings bleibt dabei unklar, ob der junge Mann ihre Sicht der Dinge teilt. Wesentliches behält er für sich.

Fazit

Mein Leseeindruck ist zwiespältig. Eine ruhige und schön fließende Prosa mit Sinn für Details, die allerdings manchmal ein bisschen gekünstelt daherkommt. Wie soll man sich das vorstellen, wenn die Tochter der Frau sich aus dem Regenwald am Amazonas meldet? Brieftauben, Morsezeichen oder doch eine E-Mail? Und warum sollte die Tochter keine Regenjacke im Gepäck haben?

Regen floß jetzt wohl auch über Gesicht und Arme des Mädchens, das nun eine junge Frau war, verborgen in den Wäldern des Amazonas, gestern hatten mich ein paar Signale erreicht. (S. 58)

Es gibt unaufdringliche Querverweise zwischen dem Wogen der Themse, den Erinnerungen der Protagonisten und den Menschenströmen der Großstadt. Dabei bleibt die Erzählerin seltsam unberührt vom Gewusel und der Hektik der Stadt, als ob sie ein eigenes Zeitmaß gefunden hätte, langsamer, dem Menschen gemäßer. Entschleunigt. So nimmt sie sich die Zeit, ihren Kindheitserinnerungen nachzuspüren und ihre Beobachtungen während ihrer ausgedehnten Spaziergänge aufmerksam zu registrieren. Dazu die Erkenntnis, wie unerbittlich die Zeit vergeht. Und das alles in scheinbarer oder tatsächlicher Distanz von alltäglichen Pflichten und Zwängen.

Das mag die Leserin oder den Leser anregen, sich einmal zu überlegen, welche Momente der Geborgenheit einen selbst begleiten und was man so an inneren Ablagerungen mit sich trägt. Und teilweise taugt der Kontakt zu Jonathan – zumindest von Seiten der Erzählerin – sicherlich als Modell, wie Kommunikation gelingen kann. Vorsichtig, tastend, respektvoll, hörend, schweigend oder redend, immer im Bewusstsein, dass schon das Einfachste einem anderen kaum mitzuteilen ist. Als er eher nebenbei seinen Namen erwähnt, ist sie außer sich vor Freude.

Und ich lief durch das nächtliche East End, ohne jeden Gedanken an Schlaf. Ich trug seinen Namen mit mir fort! Jonathan. Königliche Beute. (S. 80)

Nur unbedingte Offenheit konnte das dargebrachte Vertrauen erwidern. Es war wie ein Gehen über Wasser. Solange wir redeten, ertranken wir nicht. (93)

Oder geht es ihr doch eher um sich selbst und die Geschichten, auf die sie voller Neugier wartet, und weniger um den jungen Mann, dessen soziale und berufliche Stellung ja äußerst prekär sein dürfte?

Daß uns ein Fremder in sein Inneres einläßt, ist erregend, von solcher Wärme und ebenso unbegreiflich, wie von ihm umgebracht zu werden. (S. 63)

Die Gespräche mit ihm, ja, sie waren mir zu einem Glück geworden! Ein Glück, auf das ich völlig unvorbereitet war, das mich aber bald sicher über den Abgrund jeden Augenblicks gehen ließ. Redete ich mit Jonathan, waren auch die in der Ferne mir lieben Menschen nahe. (S. 109)

Die unaufdringlichen Parallelen zwischen den beiden doch so unterschiedlichen Hauptpersonen zeigen sicherlich etwas von dem, was Menschen eint.

Doch trotz der Freude an diesem Erzählton war mir die “Handlung” – soweit man überhaupt von einer Handlung sprechen mag – zu konstruiert. Und das Ende? Ist es vielleicht nur deshalb offen gehalten, weil sonst der Eindruck des Schwebenden zerstört worden wäre? Mir allerdings hätte etwas mehr Erdung gut gefallen.

Jonathan fragte mich nie nach meiner Arbeit in dieser Stadt. Was hätte ich schon antworten können? Allem fern sein, um allem nah zu sein. Und beides, Ferne und Nähe, noch lange nicht durchdringend genug. (S. 111)

Anmerkungen

Hier geht’s lang zu einigen Rezensionen.

  • Ursula März in der ZEIT
  • Rainer Moritz in der NZZ

Angelika Klüssendorf: April (2014)

Die junge Frau klingelt an der Wohnungstür im Erdgeschoss. Auf dem Schild steht in verschnörkelter Schrift: Frl. Jungnickel. Ein Vogel zwitschert, zwei kurze Triller, dann ist es wieder still. Der Mann neben ihr räuspert sich, auch er drückt den Klingelknopf, ungeduldig und länger anhaltend. Diesmal sind Schritte zu hören, das vergitterte Türfenster wird geöffnet, eine Alte schaut heraus, regungslos, nur ihr eines Lid zittert.

So beginnt der Roman der 1958 geborenen Schriftstellerin, der momentan auf der Longlist für den Deutschen Buchpreis steht:

Angelika Klüssendorf: April (2014)

- erschienen im Verlag Kiepenheuer & Witsch

Zum Inhalt

2011 erschien Das Mädchen und April lässt sich als Nachfolgeerzählung lesen, ist aber auch unabhängig davon zu verstehen.

Die gerade 18 Jahre alt gewordene April, den Namen hat sie sich selbst gegeben, wird aus der staatlichen Obhut der DDR-Kinderheime entlassen. Ihr wird ein Arbeitsplatz als Bürohilfskraft im Starkstromanlagenbau in Leipzig und ein Zimmer bei der ca. 70-jährigen Fräulein Jungnickel zugewiesen.

Und so kämpft April gegen einen langweiligen Arbeitsplatz, den sie nicht lange behält, gegen ihre Vermieterin und vor allem gegen ihre eigenen Dämonen. Der Vater war ein Trinker und die Mutter eine prügelnde Sadistin, die ihre Kinder tagelang, auch im Keller, eingesperrt hat. Ihre Kindheit hat April zum Großteil in Heimen verbracht.

Sie mag ihren Spitznamen, Rippchen klingt tröstlich; früher hatten die Jungs noch ganz andere Namen für sie: Gerippe, Speiche, Hungerhaken. (S. 15)

April fällt es schwer, sich an Regeln und Verbote zu halten. Als ihre Abteilungsleiterin sie nach Hause schickt, weil sie in Levis und einem Nicki-Pullover zur Arbeit erschienen ist, weigert sie sich, sich umzuziehen und geht stattdessen in den Zoo und vertrödelt die Zeit.

Sie klaut, stromert nächtelang durch die Stadt, fühlt sich einsam und möchte so gern irgendwo dazugehören. Dabei kann sie sich nur schlecht auf Gefühle und Beziehungen einlassen und ist gleichzeitig ein leichtes Opfer für allerlei seltsame und kriminelle Gestalten. Einmal lernt sie ein Pärchen in einer Kneipe kennen, die beiden quartieren sich bei ihr ein und bestehlen die alte Vermieterin. Das ist ihr zwar nicht recht, aber sie ist zu feige, die beiden rauszuwerfen. Da sie Fräulein Jungnickel aber nicht mag, hat sie auch kein wirklich schlechtes Gewissen, noch nicht einmal, als sie aus Unachtsamkeit fast die Wohnung abfackelt.

Sie lernt weitere Männer kennen, doch nichts hilft gegen die Haltlosigkeit. Sie versucht sich umzubringen. Der anschließende Psychiatrie-Aufenthalt hat den Vorteil, dass sie einen anderen Arbeitsplatz im Museum bekommt, wo sie mit kunst- und literaturinteressierten Menschen in Berührung kommt. Doch ihre Probleme bleiben, ihre Wutanfälle, ihr dringendes Bedürfnis, alles kaputt zu machen, gerade dann, wenn alles in ein ruhigeres Fahrwasser zu kommen scheint. Vertrauen ist ihre Sache nicht. Und sollte sie als stabil genug angesehen werden, wäre wieder Schluss mit dem Arbeitsplatz im Museum.

Es beunruhigt sie, dass sich jemand für ihre Gedanken oder Gefühle interessiert. Warum soll sich sich daran erinnern, was ihr in ihrer Kindheit wichtig war? Ja, sie mochte Tiere, mag sie noch immer, doch was sagt das schon aus? Sie fühlt sich dem Arzt überlegen, versucht sogar, die eine oder andere Frage ins Lächerliche zu ziehen. Trotzdem kommen ihr die Tränen, wenn sie daran denkt, wie sie tage- und nächtelang eingesperrt im Keller Brehms Tierleben gelesen hat, sämtliche Bände. Und nur der Glaube, dass, wenn sie erst erwachsen wäre, alles anders sei, hat sie durchhalten lassen.

Sie erzählt dem Arzt nichts von ihrem Trick, der darin besteht, ihr Gegenüber in Gedanken zu sezieren, mit einem schnellen, sauberen Schnitt den Körper in zwei Hälften zu teilen, die Organe freizulegen, das Herz herauszuschneiden, die Lunge. Ihr Gegenüber ist längst tot, von ihr in Stücke zerlegt, ohne es zu wissen. Diese Vorstellung bewahrt sie davor, losheulen zu müssen. (S. 45)

Sie fängt an zu schreiben, lernt einen Mann kennen und bekommt ein Kind mit ihm. Sie ist mit dem Muttersein überfordert und schließlich stellen sie einen Ausreiseantrag.

Fazit

Eigentlich ein unglaublich trostloser Inhalt. Die kaputte Kindheit mit kaputten Eltern wirft noch immer ihre bösen Schatten in die Gegenwart. Ihre Brüder müssen weiterhin in dieser Angsthölle ausharren. Der Staat nimmt seine Bürger nicht ernst, schüchtert sie ein, bespitzelt sie und sperrt sie ein. Eine Protagonistin, die versucht, etwas Halt zu finden und dabei manchmal ungefähr so erfolgreich ist wie ein Korken auf dem Wasser.

Doch gleichzeitig ist da eine ungeheure Energie, wenn auch manchmal destruktiv und gewalttätig. Eine Lebenswut. Und eine lakonische Sprache, immer im Präsens und mit kurzen Hauptsätzen, die genau diese Energie vermittelt. April wird nicht gedeutet, nicht psychologisch ausgeleuchtet, genau das passt zu ihr, denn sie versteht sich selbst oft nicht, genauso wie sie ihren eigenen Gefühlen und Motiven nicht traut. Gänzlich unsentimental wird ihr Weg, ihr Stolpern ins Erwachsenenleben geschildert.

Selbstredend, dass das Buch autobiografische Elemente enthält. Ein großer Erkenntnisgewinn war jetzt für mich mit dem Lesen nicht verbunden, außer dass ich mir mal wieder wünschte, dass alle Eltern wirklich Eltern sein könnten. Aber ich bin beeindruckt von der Wucht der Sprache, der Fähigkeit der Autorin, mir ein Leben ganz nahe zu rücken. Am Ende wünsche ich dem ehemaligen “Rippchen”, dass sie Boden unter die Füße bekommt, die schlimmsten Wunden heilen und sie ihrem Kind nicht all das antun muss, was ihr angetan wurde.

Anmerkungen

Für den Roman hat Klüssendorfer den Herman-Hesse-Literaturpreis verliehen bekommen.

Hier liest die Autorin den Anfang des Buches vor und hier geht’s lang zu einigen Blog-Besprechungen:

Das sagt das Feuilleton:

Der Standard druckt ein Interview mit Klüssendorf ab.