Sonntagsleserin Oktober 2014

Am Ende des Monats mal wieder ein Blick zurück – auf die Beiträge der letzten Wochen in den verschiedenen Literatur- und Fotoblogs.

Dies und das

Zur Einstimmung Fotos, die interessante Fragen zu unserem Umgang mit Natur aufwerfen: Die Silberdistels waren auf Rügen, und zwar im Naturerbe Zentrum. Muss Natur nun zum Event gemacht, als Kunstwerk gestaltet werden, um überhaupt noch wahrgenommen zu werden?

Die Resonanz auf Petras Beitrag Athen: Free Thinking Zone zeigt sicherlich auch, wie sehr wir solche Orte schätzen, an denen sich Kultur, Kommunikation und Denken vereinen. Und wie sehr wir sie uns wünschen.

Nein, ich war nicht auf der Buchmesse, hatte aber viel Spaß mit der Anleitung des BÜCHER Magazins zur Buchmesse im eigenen Wohnzimmer.

Sehr  befremdlich finde ich die sich wie eine Grippe verbreitenden Oktoberfeste mit Dirndl und Lederhosen in Gegenden, die Hunderte von Kilometern von Bayern entfernt sind. Aber natürlich nicht nur deshalb ist Birgits Vorstellung der jüdischen Schriftstellerin Carry Brachvogel lesenswert.

World Music erinnert an Majesty von Madrugada.

Glück gehabt

Diese Bücher stehen im Regal, andernfalls hätte ich den folgenden Besprechungen nicht widerstehen können:

brasch & buch macht sich stark für Stoner, den liebenswürdigen Puristen. Buechermaniac hatte dem Autoren sogar einen Brief geschrieben, weil sie so begeistert war. Da der Autor bereits 1994 gestorben ist, spricht das ja für sich.

Binge Reading & More erinnert an Giovanni’s Room von James Baldwin.

Für die Wunschliste

Fangen wir an mit einer Besprechung zu Michael Köhlers Zwei Herren am Strand, der ich zwar keinen Buchkauf folgen lasse, die ich aber mit großem Vergnügen gelesen habe, gefunden auf Kai’s Skyaboveoldblueplace.

Seitengang las einen Kriminalroman von Ricarda Huch und bescheinigt ihm ein “historisch feinsinniges Gesellschaftsbild mit thematisch aktueller Brisanz” zu sein.

Und noch ein Krimi wurde sehr ansprechend auf My Crime Time vorgestellt: Ein beschissenes Sortiment an Schwierigkeiten von Markku Ropponen.

54books gefiel Meine Geschichte der deutschen Literatur von Marcel Reich-Ranicki.

Wenn jetzt sogar der Kaffeehaussitzer meint, das Buch sei gut, dann muss man da wohl auch mal ran: Petra Hartlieb: Meine wundervolle Buchhandlung – auch wenn mich der Titel dauernd an den Film Mein wunderbarer Waschsalon erinnert… Und wenn ihr schon im Kaffeehaus sitzt, dann lest auch gleich einen von Uwes Textbausteinen, diesmal von Max Frisch.

Auch der englischsprachige Tales from the Reading Room stellt ein Buch vor, in dem es um Bücher und die Arbeit in einem Buchladen geht: The Yellow-Lighted Bookshop.

Bleiben wir beim Thema: DruckSchrift las Die Saga von den kostbaren Büchern.

Ist das überhaupt möglich? Sich der deutschen Seele zu nähern? Das Schiller-Projekt ist jedenfalls angetan von Thea Dorn und Richard Wagners Versuch.

Mal wieder Zeit für einen Klassiker bei Muromez: Er bespricht Tote Seelen von Gogol.

Das Graue Sofa empfiehlt Die strengen Frauen von Rosa Silva von Matthias Zschokke. Wer könnte einer solchen Besprechung widerstehen:

Leider kann ich in der nächsten Woche nicht zur Arbeit kommen. Sobald ich aufstehe und mich von meinem Lesesessel entferne, überkommt mich eine unglaubliche Mattigkeit, ein Zittern und Klappern, manchmal verbunden mit Ausbrüchen von kaltem Schweiß, es ist kaum zum Aushalten. Mein Arzt meint, nachdem ich ihm die Symptome beschrieben habe, dass es sich wohl um den gerade neu entdeckten Zschokke-Virus handele. Dagegen helfen keine Tabletten, ich solle ruhig abwarten, nach sechs bis sieben Tagen, wenn ich mir den Autor beim Lesen zweier oder dreier seiner Bücher leidgelesen habe, gingen alle Symptome wieder weg. Dann könne ich meine Arbeitskraft wieder ganz meinem Unternehmen und seinen Zielen zur Verfügung stellen. Bis dahin hat er mich aber krankgeschrieben, das Attest übersende ich Ihnen per Post.

Auf den englischsprachigen Blogs klang diesmal die Besprechung zu The Tortoise and the Hare auf Heavenali (1954) besonders reizvoll.

Zum Staunen und Schauen

Also, diese Deckengewölbe, die Echoes of the Past immer wieder entdeckt, finde ich faszinierend. Bleiben wir in Großbritannien, auf  The World according to Dina wurden Herdwick Sheep unwiderstehlich in Szene gesetzt.

Und hier für alle Männer, die gerade überlegen, was sie ihrer Frau, Verlobten oder Freundin schenken könnten, eine empfehlenswerte Idee, fotografiert von Heike Farbenfroh, ursprünglich entdeckt bei Sätze&Schätze.

Zum Abschluss einen wunderbaren Flecken Erde, gefunden von Through my Lens.

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Robert Seethaler: Ein ganzes Leben (2014)

An einem Februarmorgen des Jahres neunzehnhundertdreiunddreißig hob Andreas Egger den sterbenden Ziegenhirten Johannes Kalischka, der von den Talbewohnern nur der Hörnerhannes gerufen wurde, von seinem stark durchfeuchteten und etwas säuerlich riechenden Strohsack, um ihn über den drei Kilometer langen und unter einer dicken Schneeschicht begrabenen Bergpfad ins Dorf hinunterzutragen.

So beginnt der fünfte Roman des 1966 geborenen österreichischen Schriftstellers

Robert Seethaler: Ein ganzes Leben (2014)

Kurz zum Inhalt

Die Geschichte des einfachen Seilbahnarbeiters Andreas Egger, der ca. 1898 geboren wurde, bei einem brutalen Ziehvater aufwächst, seine große Liebe Marie findet und wieder verliert und nach dem Krieg als Fremdenführer ein karges Auskommen findet, begeisterte Kritiker und Leser gleichermaßen.

Er war stark, aber langsam. Er dachte langsam, sprach langsam und ging langsam, doch jeder Gedanke, jedes Wort und jeder Schritt hinterließen ihre Spuren, und zwar genau da, wo solche Spuren seiner Meinung nach hingehörten. (S. 28)

Fazit

Nur ich tue mich ein bisschen schwer mit dem Buch.

Das liegt nun weder an der Sprache noch der Erzählweise, die mag ich sehr, sondern wohl vor allem an der Hauptfigur, der viel Schlimmes passiert und die am Ende doch versöhnt und im Einklang mit sich und der Welt in ihrer Hütte sterben kann.

Andreas Egger: Vom Ziehvater vernachlässigt, ungebildet, immer hart arbeiten müssend, viel zu früh Witwer, wortkarg, der Natur und den geliebten Bergen sich näher fühlend als den Menschen.

Das vermittelt Seethaler beeindruckend und keineswegs ohne Witz. Genauso wie den langsamen, unaufhaltsamen Aufstieg des Fremdenverkehrs, der mit seinen Vorzügen und Nachteilen wunderbar anschaulich gemacht wird.

Immer ging er (Egger) voran, mögliche Gefahren im Blick und das Keuchen der Touristen im Rücken. Er mochte diese Leute, auch wenn manche von ihnen versuchten, ihm die Welt zu erklären, oder sich sonst irgendwie idiotisch aufführten. Er wusste, dass spätestens während eines zweistündigen Aufstiegs ihre Arroganz mit dem Schweiß auf ihren heißen Köpfen verdunsten würde, bis nichts mehr blieb als die Dankbarkeit, es geschafft zu haben, und eine knochentiefe Müdigkeit. (S. 117)

Dennoch:

Zwar mögen die Ruhe und die entspannte Zufriedenheit des Andreas Egger, der sich letztlich in sein Schicksal schickt, attraktiv sein. Er braucht weder Fernsehgerät, massenhaft Geld noch anderweitige Unterhaltung und in Zeiten, in denen wir ständig das Wachstumsgeplärre in den Ohren haben, täte uns derlei Sich-bescheiden-Können sicherlich gut.

Manchmal war es etwas einsam hier oben, aber er betrachtete seine Einsamkeit nicht als Makel. Er hatte niemanden, aber er hatte alles, was er brauchte, und das war genug. Der Blick aus dem Fenster war weit, der Ofen war warm… (S. 139)

Allerdings sah ich in ihm keineswegs nur das “einfache Herz” (Ursula März), sondern auch einen manchmal dumpfen Menschen, z. B. als er ohne nachzudenken, für Vaterland und Hitler in den Krieg zieht. Nie ist die Rede von Traumata oder Alpträumen, die aus Kindheit oder Kriegsgefangenschaft zurückbleiben. Und die Jahre, die er braucht, um den Tod seiner Frau zu verwinden, werden eben einfach per Zeitraffer in ein paar Sätzen abgehandelt.

Und was macht er die vielen langen Stunden, in denen er allein in seiner Hütte hockt? Bücher liest er nicht. Ein Fernsehgerät kam ihm nie ins Haus. Im Grunde bleiben Arbeit, Schmutz, Nahrungsaufnahme und die Berge.

Woher rührt also seine Zufriedenheit? Wo kommt sie her? Ist es die Reduktion aufs Überlebensnotwendige? Darüber hätte ich mehr erfahren wollen. Im Grunde wird mir sein Innenleben verschwiegen, dadurch wirkt Egger archaisch, ein bisschen märchenhaft.

Vermutlich ist mir ein Mensch unheimlich, der so sehr bei sich ist, dass er gar kein Interesse daran hat, die Welt außerhalb seines Tals kennenzulernen oder gar zu begreifen. Und wenn er unsicher ist, wie er sich zu verhalten hat, ahmt er einfach die anderen nach.

Spiegelt also der Erfolg des Buches nicht nur die (verdiente) Anerkennung für ein sprachlich gelungenes Buch, sondern möglicherweise auch die Sehnsucht seiner LeserInnen nach dem vermeintlich “einfachen” Leben? So wie die Touristen, die Egger durch die Berge führt, auch dauernd etwas suchen, das sie selbst kaum benennen können?

Anmerkungen

Besprechungen gibt es u. a. bei der Gedankenlabyrintherin, auf Binge Reading & More und auf Literaturen.

Hier, im Audio-Beitrag zum Blauen Sofa, gibt es ein Gespräch mit dem Autor.

Weitere Besprechungen gibt es hier:

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Fundstück

So kann es auch nicht die Aufgabe des Schriftstellers sein, den Schmerz zu leugnen, seine Spuren zu verwischen, über ihn hinwegzutäuschen. Er muß ihn, im Gegenteil wahr haben und noch einmal, damit wir sehen können, wahr machen. Denn wir wollen alle sehend werden. Und jener geheime Schmerz macht uns erst für die Erfahrung empfindlich und insbesondere für die der Wahrheit.
Wir sagen sehr einfach und richtig, wenn wir in diesen Zustand kommen, den hellen, wehen, in dem der Schmerz fruchtbar wird: Mir sind die Augen aufgegangen. Wir sagen das nicht, weil wir eine Sache oder einen Vorfall äußerlich wahrgenommen haben, sondern weil wir begreifen, was wir doch nicht sehen können. Und das sollte die Kunst zuwege bringen, daß uns, in diesem Sinne, die Augen aufgehen. (…)

Wie der Schriftsteller die anderen zur Wahrheit zu ermutigen versucht durch Darstellung, so ermutigen ihn die andren, wenn sie ihm, durch Lob und Tadel, zu verstehen geben, dass sie die Wahrheit von ihm fordern und in den Stand kommen wollen, wo ihnen die Augen aufgehen. Die Wahrheit nämlich ist dem Menschen zumutbar.

Ingeborg Bachmann in ihrer Dankesrede anlässlich der Verleihung des Hörspielpreises der Kriegsblinden am 17. März 1959

Quelle:  schorschkamerun.de

Entdeckt auf dem Blog Seelen-Snack.

 

Bartholomäus Grill: Um uns die Toten (2014)

Es sei ein kalter, sonniger Februartag gewesen, Tante Afra erinnert sich noch genau. Mir fällt niemand ein, den ich sonst noch fragen könnte, und es leben auch nicht mehr viele, die eine Antwort wüssten. Ich habe den Tag ganz anders im Gedächtnis: grau und frostig. Ein scharfer Westwind wehte durch den Halmberger Hof, als der Leichenwagen von Kirchreit her kommend in die Durchfahrt zwischen Getreidestadel und Bauernhof einbog, ein Gespann mit zwei kastanienbraunen Gäulen, auf dem Kutschbock saß ein Mann mit kantigem Gesicht. Kurz bevor das Gefährt vor der Haustür zum Stehen kam, riss eine Bö die Kappe von seinem Kopf.

Mit dieser Kindheitserinnerung an die Beerdigung des Großvaters beginnt das unglaubliche Buch des 1954 geborenen Autors und Journalisten

Bartholomäus Grill: Um uns die Toten – Meine Begegnungen mit dem Sterben (2014)
– veröffentlicht im Siedler Verlag

Zum Inhalt

Grill versucht in diesem Buch nichts weniger, als der Tatsache ins Auge zu schauen, dass unser Leben endlich ist. Dabei herausgekommen ist eine bewegende Mischung aus Autobiografie und Reportage, die sich streng auf das im Untertitel genannte Thema beschränkt.

Im Zentrum steht der Freitod meines Bruders Urban, sein langer Kampf gegen den Krebs, schließlich sein unwiderruflicher Entschluss, das Leiden und den endlos sich hinziehenden Prozess des Sterbens zu beenden. (S. 12)

Doch das stimmt nur bedingt. Hier wird das ganz Persönliche verwoben mit dem Weltpolitischen.

Am Beginn steht der Rückblick auf eine als idyllisch empfundene, gleichwohl streng katholisch geprägte Kindheit auf einem bayrischen Bauernhof. Dieser umfasst sowohl Erinnerungen an das kleine Schwesterchen, das mit schwersten Conterganschäden auf die Welt kam und ein Jahr lang starb, als auch an die Traditionen, Feste und Wallfahrten und an den Tod der Großeltern. Außerdem lesen wir von den verschwiegenen Selbstmorden in der Nachbarschaft. Dabei war der Selbstmord für die gläubigen Katholiken schändlicher als die Tatsache, dass da ein ehemaliger SS-Obersturmbannführer in den Freitod gegangen war.

Die Loslösung vom Elternhaus geht einher mit Drogenexperimenten, die – wenn auch ungewollt – beinahe tödlich enden und mit immer tieferen Rissen im katholischen Weltbild. Seinen Zivildienst absolviert Grill zunächst in einem Alterskrankenhaus, bevor er in ein Zentrum für behinderte Kinder wechselt. Diese Zeit ist geprägt durch die völlig irrationale Annahme, dass der wirkliche Tod ein lächerlicher Geselle sei, mit dem man ganz unbefangen kokettieren könne.

Zum Beispiel durch waghalsige Ski-Abfahrten auf lawinengefährdeten Hängen, durch Autorasereien ohne Fahrerlaubnis oder andere hirnrissige Mutproben, mit denen wir den Mädels imponieren wollen. [...] Was würde ich schon verlieren? Nur das Leben, so what? Aber das konnte mir ohnehin nicht passieren. Ich fühlte mich bei solchen Torheiten so sicher wie ein afrikanischer Buschkrieger, der sich für unverwundbar hält, nachdem er sich mit Zauberelixieren immunisiert hat: Die Kugeln des Feindes prallen an ihm ab wie Wassertropfen. Nach neueren medizinischen Erkenntnissen ist das irrationale Verhalten männlicher Jugendlicher auf das hormonelle Chaos in ihrer Reifezeit zurückzuführen, da fallen Sicherheitsschaltungen im Gehirn manchmal einfach aus. (S. 58)

Nach einem Zeitsprung geht es schließlich weiter mit den Erfahrungen, die Grill in seiner Zeit als Auslandskorrespondent gemacht hat.

Die ersten Einsätze in den achtziger Jahren führten mich nach Osteuropa, nach Polen, wo Geheimagenten der wankenden Jaruzelski-Diktatur regimekritische Priester entführten und umbrachten. Dann, Weihnachten 1989, nach Rumänien, als der Despot Nicolae Ceaucescu gestürzt und hingerichtet wurde und mir beim Anblick vermeintlicher Folteropfer des Geheimdienstes Securitate der Tod erstmals als furchtbarer Menschenschinder erschien. Drei Jahre später wurde ich von der ZEIT nach Afrika entsandt. Seither habe ich regelmäßig über Kriege, Staatsstreiche, Hungersnöte, Seuchen und Katastrophen berichtet. Den ersten Aids-Toten sah ich in einem Fischerdörfchen am Victoria-See in Uganda, ich ahnte damals nicht, dass mich diese Pandemie von schier unvorstellbaren Ausmaßen in zahlreichen Reportagen immer wieder beschäftigen würde. Kein Ereignis hat mich indes so erschüttert wie der Genozid und dessen Nachwehen in Ruanda. (S. 13/14)

Grill nimmt uns mit seinen Reportagen und Texten mit in die Gebiete der Welt, die uns sonst doch oft sehr weit weg zu sein scheinen und wo Folter, Hunger, unvorstellbares Leid, Grausamkeiten und der von Menschen verschuldete Tod Grill nicht nur an der Menschlichkeit, sondern auch an der Existenz Gottes zweifeln lassen. Doch genauso schildert er die ausgelassenen afrikanischen Feierrituale, die dort eine Beerdigung zu einem Fest des Lebens machen.

Und gegen Ende führt der Bogen wieder nach Hause zurück. Zum Sterben seines Bruders Urban, der unheilbar an Zungenkrebs erkrankt ist, und dessen Entschluss, die Hilfe der Schweizer Organisation Dignitas in Anspruch zu nehmen, um freiwillig aus dem Leben zu gehen. Grill schildert die Verzweiflung der Familie, die Vorbehalte der katholischen Mutter und schließlich die Fahrt in die Schweiz, den Ablauf, die letzten Stunden des Bruders in einem schäbigen Zimmer.

Dabei wird Grill nie sentimental, nie gefühlig, immer versucht er zu begreifen, zu verstehen, das überzeugende Argument zu finden. So wird auch ein Streitgespräch zwischen ihm und dem katholischen Denker Robert Spaemann abgedruckt, der sich gegen jede Institutionalisierung der Sterbehilfe ausspricht.

Dass Grill dabei seine eigenen (verlorengegangenen) religiösen Ansichten auf den Prüfstand stellt und versuchen muss, nun auch selbst mit dem Tod und der Endlichkeit unseres Lebens zurande zu kommen, versteht sich von selbst.

Letztlich spiegelt auch das vorliegende Buch das kollektive Bedürfnis, den verdrängten, verbannten und scheinbar gezähmten Tod wieder näher ans wirkliche Leben heranzuholen. Weil es aus einer sehr persönlichen Perspektive geschrieben ist, nimmt es in weiten Teilen autobiografische Züge an. […] Peter Weiss […] nannte das Schreiben den Versuch, “mit all unseren Toten in uns, mit unserer Totenklage, unseren eigenen Tod vor Augen, zwischen den Lebenden dahin zu balancieren.” Kein Satz könnte meine Beweggründe trefflicher ausdrücken.” (S. 17)

Fazit

Klingt das trostlos? Ist es aber eigenartigerweise nicht, denn Grill schreibt reflektiert, oftmals gelassen, manchmal fast heiter. Ehrlich auch da, wo er über eigene Schuld spricht.

Zum anderen hat er etwas zu erzählen.

Interessant zum Beispiel sein Exkurs zu einigen Berufskollegen, den Mitgliedern des legendären Bang-Bang Clubs, preisgekrönten Katastrophenfotografen, die nahezu zwangsläufig ihrer derformation professionelle erliegen: Greg Marinovich, Kevin Carter, Joao Silva und Ken Oosterbroek.

Die Bang-Bang-Fotografen trieb eine Art Soldatenlust aufs Schlachtfeld, die prickelnde Erfahrung von Gewalt, gemischt mit Abenteurertum und ein bisschen Aufklärungsdrang – der Rest der Welt sollte die Grausamkeiten in den Ghettos der Schwarzen sehen. Aber viel wichtiger noch war den Fotografen, zu beweisen, was für harte, furchtlose Kerle sie waren und welche Mutproben sie bestanden. Stand-ups gehörten zu ihren obligatorischen Übungen: Sie gingen bei Feuergefechten aus der Deckung, richten sich auf und schossen ihre Bilder. Natürlich war es verpönt, dabei Splitterschutzwesten zu tragen, das war etwas für Hasenfüße. (S. 94)

Grills Erzählungen über die diversen Kriegs- und Katastrophengebiete sind informativ, anschaulich, fürchterlich und manchmal nur schwer auszuhalten. Wenn man in dieser geballten Form, quasi von Kapitel zu Kapitel, dem Autor auf seinen Reisen folgt und dabei sieht, was Menschen zu tun imstande sind, dann müssen einem Fragen kommen, Fragen nach dem eigenen Lebensstil, Menschenbild und Glauben und nach den eigenen Werten. Wobei man übrigens nicht zwangsläufig zu dem Schluss kommen muss, dass es angesichts des Irrsinns wohl keinen Gott geben könne.

Eine Aussage hielt ich allerdings für groben Unfug, dass nämlich die Heilserwartung des gottesfürchtigen Christen sich nicht von der des islamistischen Selbstmordattentäters unterscheide.

Angenehm ist, dass Grill meist darauf verzichtet, fertige Antworten anzubieten, es ist eher eine große Einladung an den Leser, mal aus dem Kreiseln auszusteigen, zur Ruhe zu kommen und auszuhalten, was der Autor schreibt.

Ich habe alle wichtigen Studien über die Ursachen des Völkermords (in Ruanda) gelesen, und dennoch kann ich bis heute nicht begreifen, wie Menschen zu Mordmaschinen mutieren. Wie kommt es, dass ein Arzt seine Patienten im Krankenhaus umbringt? Dass Lehrer ihre Schüler zerstückeln? Dass Pfarrer ihre Gläubigen mit Benzin übergießen und anzünden? (S. 104)

Kurz gesagt: Mit diesem Buch haut er alle unsere Versuche, mit Entertainment, Esoterikgesäusel oder pausenloser Beschäftigung vor der Tatsache der Endlichkeit wegzulaufen, in die Tonne.

Jeder von uns hat seine eigene Methode entwickelt, die Unausweichlichkeit des Todes zu verdrängen. Gemeinsam ist uns dabei die kognitive Dissonanz, die die Wahrnehmung der Wirklichkeit den Wünschen anpasst: Es mag andere erwischen, mich aber nicht. (S. 202)

Anmerkungen

Hier geht es lang zum Wikipedia-Artikel über den Autor.

Dem Blog der Kulturbuchhandlung Jastram habe ich es zu verdanken, dass ich überhaupt erst aufmerksam auf das Buch wurde.

P1060979Bergfriedhof Heidelberg

Jedediah Berry: The Manual of Detection (2009)

Lest details be mistaken for clues, note that Mr. Charles Unwin, lifetime resident of this city, rode his bicycle to work every day, even when it was raining. He had contrived a method to keep his umbrella open while pedaling, by hooking the umbrella’s handle around the bicycle’s handlebar. This method made the bicycle less maneuverable and reduced the scope of Unwin’s vision, but if his daily schedule was to accommodate an unofficial trip to Central Terminal for unofficial reasons, then certain risks were to be expected.

So beginnt der unglaublich gute Debütroman des 1977 geborenen amerikanischen Schriftstellers

Jedediah Berry: The Manual of Detection (2009)

Handbuch für Detektive wurde von Judith Schwaab ins Deutsche übersetzt.

Zum Inhalt

Mr. Charles Unwin, der sich da so mühsam durch den Regen zum Bahnhof kämpft, ist ein kleiner Angestellter einer großen Detektei, die nur The Agency genannt wird. Seine Aufgabe ist es, wie die seiner unzähligen Kollegen auch, die Berichte des Detektivs, für den er zuständig ist, ins Reine zu tippen, sie zu strukturieren und von Unwesentlichem zu befreien. Danach werden die Protokolle im Archiv eingelagert.
Unwin ist richtig gut in seinem Job, er macht ihn gern, sein Privatleben scheint kaum eine Rolle zu spielen. Als Schreiber, als „clerk“, ist Unwin gewissenhaft und ein bisschen pedantisch.

Unwin had sharpened pencils to steady himself, and sorted according to size all the paper clips and rubber bands in his desk drawer. Then he filled his pen with ink and emptied the whole punch of its little paper moons. (S. 15)

Doch an diesem Morgen kurz vor halb acht gerät sein Leben gründlich aus den Fugen: Wie die Morgende davor beobachtet er eine hübsche junge Frau am Bahnsteig, die auf jemanden zu warten scheint.

Her eyes – he had never seen them so close – were the clouded silver of old mirrors. (S. 5)

Er spricht sie nicht etwa an, sondern kauft sich einen Kaffee, um nicht weiter aufzufallen. Doch bevor er zurück zu seiner Arbeitsstelle radeln kann, spricht ihn Pith, ein Detektiv der Agency, an und informiert ihn darüber, dass er in den Rang eines Detektivs, befördert worden sei. Er solle sich in Raum 2919 melden. Zum Abschluss drückt ihm Pith noch das „Manual for Detection, standard issue“ in die Hand.

Unwin ist sich sicher, dass es sich dabei nur um ein entsetzliches Missverständnis handeln kann, denn zum einen will er weiter als Schreiber arbeiten, zum anderen fehlt ihm jegliche Ausbildung für eine solch verantwortungsvolle Tätigkeit. Er wüsste nicht einmal, womit man bei einer Ermittlung beginnen würde. Doch seine Versuche, den Fehler zu berichtigen, enden nur damit, dass er erkennen muss, dass Travis Sivart, der Detektiv, für den er bisher als Schreiber zuständig war, verschwunden ist. Und als Unwin den sogenannten Watcher Lamech, den Urheber seiner Beförderung, aufsucht, findet er in dessen Büro nur Lamechs Leiche.

Unwin will nur eines: seinen Job zurück, dafür muss er also Sivart finden, und so schlittert er in die haarsträubendste und gefährlichste Geschichte, die er, wäre sie je auf seinem Schreibtisch gelandet, als Ausgeburt einer kranken Fantasie abgetan hätte.

Fazit

Ein wilder literarischer Ritt über den Kampf zwischen Gut und Böse, Ordnung und Chaos, Traum und Wachsein, Bürokratie und Lebenslust, bei dem Kafkas Schloss, Dornröschen, Stephen King, Chandler, Bradbury, Schnitzlers Traumnovelle und Chesterton Pate gestanden haben.
Das Buch ist verwirrend, die Handlung schlägt dauernd neue Haken, die – wenn ich nicht völlig den Faden verloren habe – am Ende alle logisch herzuleiten sind.

Das Buch ist spannend, überaus spannend, diesem Helden wider Willen muss man einfach folgen, so ein bisschen wie bei einem Bruce Willis-Film oder bei den eigenen Träumen, bei denen man ja auch wissen will, wie sie ausgehen – nur ganz am Ende hätten es auch zwei Umdrehungen weniger getan …
Die Sprache ist so anschaulich, dass einem die Spelunken, das heruntergekommene Herrenhaus, der unheimliche Jahrmarkt oder das Museum oder der Ball der Schlafwandler noch nach der Lektüre im Kopf herumgeistern.

Aber auch düster und unheimlich, nicht nur, weil es im Buch so viel regnet und kaum jemand das ist, was er zu sein vorgibt.
Und intelligent, weil das Buch das Wesen und die Auswirkungen einer außer Rand und Band geratenen Bürokratie unglaublich gut in Szene setzt. Und weil Berry mal eben die Frage aufwirft, wie weit Überwachung gehen darf.

Berry selbst hat übrigens Kafka und Calvino als seine literarischen Paten genannt.

Und zum Abschluss noch ein Hinweis für alle Schreibtischarbeiter aus dem Manual for Detection:

Imagine a desk covered with papers. That is everything you are thinking about. Now imagine a stack of file drawers behind it. That is everything you know. The trick is to keep the desk and the file drawers as close to one another as possible, and the papers stacked neatly. (S. 49)

Anmerkungen

Für den Roman wurde Berry 2009 mit dem Hammett-Preis ausgezeichnet.

Der Independent on Sunday schrieb: “Jedediah Berry’s first novel is a firecracker of an old-fashioned detective story, done steampunk style.”

In Bookslut gibt es ein Interview mit dem Autor.